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  • Chef-Pandemiker in der Klemme

    Was nun, Jens? Weiterhin macht der Corona-„Killerkeim“ keinerlei Anstalten, wenigstens ein kleines bisschen tödlicher zu sein als eine hundsgewöhnliche Grippe. Dafür crasht die Wirtschaft, das öffentliche Leben erstarrt. Entrechtete Bürger harren in Isolationshaft aus, verängstigte mobben zweifelnde. Einsame Alte werden vor jeglichen Sozialkontakten „geschützt“, ob sie wollen oder nicht. Düsseldorfs OB beklagt eine „signifikante Zunahme häuslicher Gewalt“. Draußen patroulliert Polizei. Noch ertönen kritische Stimmen von Wissenschaftlern und Ärzten, Ökonomen und Verfassungsrechtlern spärlich – aber allmählich werden sie zahlreicher und lauter. Hinter den Kulissen machen Gewerkschaften, Arbeitgeberverbände, Banken, Industrie und Handwerk Druck. Der Städte- und Gemeindebund fordert eine „Ausstiegs-Strategie“. Unionsfraktionsvize Carsten Linnemann will „spätestens nach Ostern die Wirtschaft wieder schrittweise hochfahren“. Selbst bei den Leitmedien, die bisher stramm auf Linie lagen, beginnt die Einheitsfront zu bröckeln. Und das Volk? Brav stillhalten dürfte es nicht mehr lange. DAS BLÖDE IST NUR: Der alleinige Grund, auf Teufel komm raus Massenpanik zu schüren und in einen absurden Überbietungswettbewerb einzusteigen („Wer schützt sein Volk am gnadenlosesten?“), besteht ja unvermindert fort: eine von der WHO ausgerufene „Pandemie“, die sich darin erschöpft, dass es weltweit immer mehr Infizierte gibt. Und deren Zahl wächst auch in Deutschland weiterhin – „rasant“, wie das Robert-Koch-Institut (RKI) soeben erneut feststellte. „Wir stehen erst am Anfang dieser Epidemie“, ernüchterte uns am 25. März 2020 RKI-Präsident Lothar Wieler. Einen Tag später vermeldete das RKI den bislang stärksten Anstieg von Neuinfektionen: plus 4995 binnen eines Tages. Mit bis zu zehn Millionen Infizierten in den nächsten 2 bis 3 Monaten rechnet es. Womöglich müssen wir „gesellschaftlich ein Jahr im Ausnahmezustand verbringen“, orakelt des Ministers Lieblingsvirologe, Christian Drosten. Hat uns Jens ́ Parteifreund, NRW-Ministerpräsident und Möchtegern-Kanzler Armin Laschet (CDU), nicht kürzlich eingeschärft, es gehe um nichts Geringeres als um „Leben und Tod“? Ist die Gefahrenlage in ein paar Wochen nicht „eher noch schwieriger als heute“, wie Weltärztepräsident Montgomery mahnt? Hat die Weltgesundheitsorganisation nicht am 26. März nochmals eindringlich davor gewarnt, die strikten Maßnahmen zur Eindämmung des neuartigen Coronavirus aufzuheben? Müsste unsere Regierung ihr Krisenmanagement also nicht eher noch weiter VERSCHÄRFEN? Benötigt diese virenverseuchte Republik, deren Generation 65plus gerade von Covid-19 dahingerafft wird, nicht eher noch MEHR Schutzhaft? Versicherte uns Spahn nicht am 26. März bei der Bundespressekonferenz, die „vielen Infizierten und vielen Toten“ seien „noch die Ruhe vor dem Sturm“? Doch Karriere geht vor Logik. Unserem Ungesundheitsminister ist klar: Konsequent hartnäckig zu bleiben, könnte ihn alsbald den Kopf kosten. Also beginnt er nun zaghaft zurückzurudern, inspiriert von einen SARS-Cov-2-frei dahingeschiedenen Adenauer: „Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern?“. Das führt zu ersten grotesken Verrenkungen wie jenen in der jüngsten Ausgabe der Wochenzeitung Die Zeit. Man müsse „den Krisenmodus neu denken“, schwafelt Spahn schlagartig. Bis Ostern wolle er der Nation „neue Ideen“ vorstellen, „wie das öffentliche Leben zumindest teilweise wieder möglich werden kann“. Wozu eigentlich diese Mühe, solange die angebliche Gefahr nicht nur dieselbe bleibt, sondern weiter wächst? Plötzlich scheinen Jens „neue Konzepte“ nötig, wie Ältere und chronisch Kranke geschützt werden können. Hätte er nicht besser schon im Januar/Februar darüber nachgedacht, ob das Volk dies womöglich von Anfang an ganz alleine hingekriegt hätte, ohne obrigkeitsstaatliche Notstands-knute, mittels Vorsicht, Rücksicht und Hygiene – wie bei früheren Grippewellen? Auf „Einsicht“ will er nun setzen – als ob dies erst jetzt eine tolle Idee wäre. Wichtig erscheint es Jens plötzlich, eine „Balance zwischen Eigenverantwortung und staatlicher Kontrolle“ hinzukriegen. Denn „Vorschriften alleine reichen nicht. Allein mit Zwang halten wir diese Einschränkungen nicht durch.“ Deren „Verhältnismäßigkeit“ müsse immer wieder neu bewertet werden. Waren sie dies bisher denn im entferntesten: VERHÄLTNISMÄßIG? Hätte sich unsere Regierung um die angestrebte „Balance“ nicht anderthalb Monate früher kümmern sollen? Plötzlich „irritiert“ Spahn „der dezidierte Ruf mancher nach immer härteren Maßnahmen“. Hat er nicht anderthalb Monate lang irritierend laut mitgerufen? Halbwegs glaubwürdig zurückrudern könnte Jens nur noch, falls die Ansteckungsrate in Kürze merklich sinkt. Doch dagegen sprechen – siehe oben - die düsteren Prognosen des Robert-Koch-Instituts, wie auch des Weltärztepräsidenten: Demnach müsste der Albtraum bis Jahresende weitergehen, vielleicht sogar bis weit ins Jahr 2021 hinein. Was wäre Jens nun zu raten? Ansteckungsraten sind Messgrößen, in denen sich diagnostische Aktivität niederschlägt. Sie sinken, sobald weniger eifrig getestet wird. Dann fallen weniger Infizierte auf, die Kurve verflacht. Wäre das Spahns Rettung? Eher nein. Zum einen widerspräche es dem offiziellen Credo, es könne gar nicht genug getestet werden – im Idealfall jedermann, am besten wiederholt. Zum anderen würde der Winkelzug ahnen lassen: Die Notlage war immer schon relativ. Ohne Tests hätte sich niemand um den Ernst der Lage ärger gesorgt als um die neuesten Influenza-Viren der Saison. Was sich pandemisch verbreitete, war kein „Killerkeim“, sondern die Hyperaktivität von testenden Virologen und sensationslüsternen Journalisten, wie sich jetzt herausstellt. Auch Jens dämmert das allmählich. Und so beginnt er nun, um seinen Ministerstuhl, seine politische Zukunft zu kämpfen. Dabei dürfte er sich um Kopf und Kragen reden. Denn jede Rolle rückwärts könnte mit Genickbruch enden. Spahns verunglückter Auftritt als tatkräftiger Retter der Nation, in dessen Großhirnrinde eine haarsträubende fachliche Inkompetenz, emotionale Ansteckung, Expertenhörigkeit und Profilierungssucht auf fatalste Weise interagiert haben, wird Tag für Tag offenkundiger, wie das Totalversagen des gesamten Kabinetts. Angelas Panikorchester ist dabei, Geschichte zu schreiben – für ein Buch, in dem niemand stehen will, ein Äquivalent zu Hollywoods Schmähpreis der „Goldenen Himbeere“. Schon jetzt gäbe es ausreichend Gründe für eine gesundheitspolitische Vollbremsung, für Rücktritte, für Institutsschließungen, fürs Aufkündigen der WHO-Mitgliedschaft, für Schadensersatz- und Verfassungsklagen, für einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss, für Ermittlungen der Staatsanwaltschaft – und fürs Auswandern. Bloß: wohin? (Harald Wiesendanger) Titelbild: PublicDomainPictures/Pixabay

  • Wir werden getäuscht.

    Auch die jüngsten Zahlen aus dem Hause Robert Koch machen wenig Hoffnung, dass es endlich spannend wird: dass der apokalyptischen Weisssagung jetzt aber wirklich die reale Seuchenkatastrophe folgt, die zweite Pest, die grauenvolle „Jahrhundert-Pandemie“. Ganz im Gegenteil: Auch für die 14. Kalenderwoche 2020 signalisieren alle relevanten Kennzahlen „Entwarnung“. „Warten auf Godot“ heißt eines der ereignisärmsten Bühnenstücke der Theatergeschichte. Von Anfang bis Ende harren darin Estragon und Wladimir, die beiden Hauptfiguren, in gespannter Erwartung eines Irgendwer, der einfach nicht kommt. Gibt es ihn überhaupt? Fast scheint es so, als hätten sich Lothar Wieler und Christian Drosten dazu verabredet, Samuel Becketts berühmte Vorlage von zweieinhalb Stunden auf mindestens ein Vierteljahr auszudehnen. Ihr „Godot“ ist „die Welle“ – wo bleibt sie nur? Zwischendurch kommen die Schaulustigen Angela, Jens, Markus und Horst vorbei: „Ja, wann isses denn nun endlich so weit?“, drängeln sie. Doch weiterhin können Lothar und Christian bloß ratlos mit den Achseln zucken. Auch die allerneuesten Zahlen aus dem Robert-Koch-Institut machen wenig Hoffnung, dass es endlich spannend wird: dass der apokalyptischen Weisssagung jetzt aber wirklich die reale Seuchenkatastrophe folgt, die zweite Pest, die grauenvolle „Jahrhundert-Pandemie“. Ganz im Gegenteil: Auch für die 14. Kalenderwoche 2020, vom 28. März bis 3. April, signalisieren ALLE relevanten Statistiken „Entwarnung“, noch deutlicher als in der Vorwoche. Dies kann man höflich kommentieren - oder derb. Die derbe Version lautet: Leute, wir werden verarscht. Aber sind sie weiterhin nicht ganz arg schlimm, die offiziellen Pandemie-Zahlen? Kommt noch viel Schlimmeres auf uns zu? Für den 12. April 0:00 Uhr meldet das Robert-Koch-Institut 120.479 sogenannte „Covid-19-Fälle“: ein Plus von 2821 gegenüber dem Vortag, eine Steigerung um entsetzliche 236.000 Prozent (!) seit dem 1. März – da waren es nämlich erst 51 gewesen. Und 2673 Corona-Tote - oh mein Gott! Übereinandergestapelt ergäben 2673 Särge, bei Standardmaßen von 200 x 70 x 65 cm (LxBxH), einen Wolkenkratzer von 1737 Meter: fast sechs Mal so hoch wie der Eiffelturm. ARD und ZDF wären beim Auftürmen bestimmt live dabei, und Jens Spahn würde mit dem Zollstock nachmessen, ob alle beteiligten Bauarbeiter den gebotenen Sicherheitsabstand einhalten. Lasst uns der dreisten Gaukelei mit Horrorzahlen nicht auf den Leim gehen. Wer sie, mit oder ohne Professorentitel, in die Welt hinausbläst, will uns emotionalisieren, um uns vom Denken abzuhalten. Denken wir logisch: Bei Covid-19 handelt es sich, auf Medizinerdeutsch, um eine akute respiratorische Erkrankung (ARE), am häufigsten begleitet von trockenem Husten, manchmal auch von Hals- und Gliederschmerzen, Kopfweh, Müdigkeit und Kurzatmigkeit; tritt zusätzlich Fieber auf, liegt eine grippeähnliche Erkrankung vor (ILI, influenza-like illness). WÜRDEN Covid-19-Fälle sprunghaft zunehmen, insbesondere solche mit schwerem Verlauf, und auch nur annähernd so gefährlich sein, wie Regierende, Behörden und Medien uns eintrichtern, dann müsste unser Gesundheitswesen – ein knappes Vierteljahr, nachdem das RKI am 27. Januar die erste bestätigte SARS-CoV-2 Infektion in Deutschland zu vermelden hatte – bereits von vier Entwicklungen überrollt werden: 1. Weil sprunghaft mehr Menschen über starke Atemnot, Husten, Fieber klagen, müsste längst ein beispielloser Run auf Arztpraxen eingesetzt haben. 2. Niedergelassene Ärzte müssten längst dramatisch mehr schwere Atemwegserkrankungen diagnostizieren. 3. Die pneumologischen und Intensivstationen unserer Krankenhäuser müssten bereits überfüllt sein. 4. Die Sterberate bei ARE/ILI-Betroffenen müsste rapide in die Höhe geschnellt sein. Selbst wenn uns die ominöse „große Welle“ erst noch bevorstünde, wie uns das RKI-Chef Lothar Wieler im Tagesrhythmus an die desinfizierte Wand malt: Zumindest ein klitzekleines Bisschen müsste sich doch jetzt schon in den Fallstatistiken niederschlagen, dass der Monster-Tsunami Anstalten macht, sich aufzubauen. Hat er inzwischen damit begonnen? Dies sollten uns am ehesten die laufend aktualisierten Zahlen anzeigen, welche das Robert-Koch-Institut regelmäßig in seinem „Epidemiologischen Bulletin“ sowie im „Wochenbericht“ veröffentlicht. Innerhalb des RKI trägt diese Zahlen die „Arbeitsgemeinschaft Influenza“ (AGI) zusammen, für Deutschland insgesamt, aber auch für jedes Bundesland. Wichtigste Datenquelle sind dabei über 600 „primärversorgende“ Hausarztpraxen: Allgemeinmediziner, Pädiater, Internisten. Seit 1994 melden sie festgestellte Fälle von akuten Atemwegserkrankungen (ARE) in allen Altersgruppen. Müssten sich daraus nicht Diagramme mit Horrorkurven ergeben, die neuerdings steil himmelwärts schießen? Doch davon kann weiterhin keine Rede sein – nicht im geringsten. Ganz im Gegenteil. 1.) Wie steht es mit dem „Konsultationsindex“, der verrät, wie häufig Atemwegserkrankte einen Arzt aufsuchen? Dessen Werte, so räumt das RKI ein, „sind in der 14. KW 2020 im Vergleich zur Vorwoche STARK GESUNKEN“, „insgesamt und in allen Altersgruppen“. (Wochenbericht 14/2020, S. 3, s. Grafik) 2.) Wie verhält es sich mit ärztlich festgestellten Atemwegserkrankungen? Deren Häufigkeit zeigt der „Praxis-Index“ des RKI an. Und was verrät er uns? Das steht schon groß und fett in der Überschrift des „Epidemiologischen Bulletin“ Nr. 16, Seite 3: „Abrupter Rückgang der Raten an Atemwegserkrankungen in der deutschen Bevölkerung“. Dies unterstreicht der jüngste Wochenbericht Nr. 14, Seite 2 (s. Grafik): „Die Rate von Personen mit einer neu aufgetretenen akuten Atemwegserkrankung (ARE, mit Fieber oder ohne Fieber) ist in der 14. Kalenderwoche (30.03. – 05.04.2020) im Vergleich zur Vorwoche WEITER STARK GESUNKEN (1,7 %, Vorwoche: 3,0 %). Die Rate der grippeähnlichen Erkrankungen (ILI, definiert als ARE mit Fieber) ist im Vergleich zur Vorwoche ebenfalls GESUNKEN (0,2 %; Vorwoche: 0,4 %) und liegt jetzt auf einem DEUTLICH NIEDRIGEREN Niveau als in den Vorsaisons zur gleichen Zeit“, wie das RKI einräumen muss. Diese Trends setzten schon deutlich VOR BEGINN staatlicher Maßnahmen ein. Ganz unten auf dieser Seite, nach dem Anmerkungsteil, folgen die Praxis-Indices einzelner Bundesländer. 3.) Wie geht es in Deutschlands Krankenhäusern zu? Müssten dort stationär behandelte Fälle von SCHWEREN Atemwegserkrankungen (SARI) nicht schon sprunghaft zugenommen haben, mit weiter steigender Tendenz? Im Gegenteil: Wie das Robert-Koch-Institut ausgehend von Meldungen aus 73 Kliniken auch im allerneuesten Wochenbericht einräumt, „ist die Gesamtzahl WEITER GESUNKEN“. (Wochenbericht KW 14, S. 6) Aber die Senioren? „In der Altersgruppe 60 bis 79 Jahre sowie 80 Jahre und älter sind die SARI-Fallzahlen STABIL GEBLIEBEN“. In der Vorwoche (KW 13) hatten sie sich im Vergleich zu KW 12 sogar „fast HALBIERT.“ Müssten bei SARI-Fällen nicht besonders häufig Covid-19-Diagnosen vorkommen? Auch davon kann keine Rede sein. Nicht einmal bei jedem vierten Klinikpatienten mit Atemwegserkrankung liegt Covid-19 vor. Bei den über 80-Jährigen sind sogar nur 14 Prozent (!) betroffen, bei Kindern und Jugendlichen bis 14 Jahren NULL Prozent. Aber wie sieht es in den Intensivabteilungen aus? Müssten überall dort erschöpfte Ärzte und tränenüberströmte Krankenschwestern, alle am Rande des Nervenzusammenbruchs, nicht schon vor der Flut von Covid-19-Intensivpatienten kapitulieren – oder kurz davor stehen? Ja, es trifft zu, dass vereinzelte deutschen Kliniken keine Patienten mehr aufnehmen – aber nicht etwa, weil es zuviele Patienten oder zuwenig Betten gäbe, sondern weil das Pflegepersonal positiv getestet wurde – so seit Ende März in Wolfsburg. Das führt automatisch zum Arbeitsverbot, obwohl meistens gar keine oder kaum Symptome auftreten. Und über Wolfsburg hinaus? Halten wir uns auch hier besser an harte Fakten als an suggestive Bilder. DIVI, das Register der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin, zeigt entgegen Medienberichten weiterhin durchweg KEINE ERHÖHTE BELEGUNG an. Deutschlands Intensivstationen befinden sie nach wie vor größtenteils im „low care“-Status. Wie ein Mitarbeiter einer Münchner Klinik erklärt, „warten wir seit Wochen auf die Welle“, aber es gebe „keine Steigerung der Patientenzahlen“. Die Aussagen der Politiker würden sich nicht mit den eigenen Erfahrungen decken, der „Mythos des Killervirus“ könne „nicht bestätigt“ werden. In Wahrheit dürfte das deutsche Volk längst millionenfach SARS-CoV-2-durchseucht sein – ebenso wie beispielsweise das britische. Eine Studie der Universität Oxford kommt zum Ergebnis, dass Covid-19 vermutlich bereits seit Januar 2020 in Großbritannien existierte. Inzwischen dürfte weit mehr als die Hälfte der Bevölkerung infiziert und somit immunisiert sein, wobei die meisten Menschen keine oder nur sehr milde Symptome erlebten. Dies bedeute: Höchstens eine von tausend Personen müsse wegen Covid19 hospitalisiert werden. Sehen so Katastrophenwerte aus? 4.) Und wie steht es mit den Todeszahlen? Bis 12. April starben 2673 Deutsche, im Schnitt 80 Jahre alt und mehrfach vorerkrankt, MIT festgestellter SARS-Cov-2-Infektion – aber wie oft WEGEN ihr, ausschließlich oder hauptsächlich? Wie hoch ist die Sterberate tatsächlich? Über die Letalität von Covid-19 „gibt es keine zuverlässigen Zahlen“, stellt das „Deutsche Netzwerk für Evidenzbasierte Medizin“ klar. „Sicher ist, dass die simple Division der Anzahl der Todesfälle durch die Anzahl der nachgewiesenen Erkrankungen zu einer substantiellen Überschätzung der sogenannten ‚Case Fatality Rate‘ (CFR) führt.“ Ziehen wir die Dunkelziffer von 80 bis 95 % heran, so hätten wir mit Stand vom 1. April 2020 über die registrierten 120.000 Fälle hinaus von mindestens einer Million UNERKANNT Infizierten auszugehen, möglicherweise sogar mehreren Millionen. Um die wahre Gefährlichkeit des neuen Corona-Virus realistisch einzuschätzen, müssten sich RKI, Politik und Medien vornehmlich an DIESER Größe orientieren. Täten sie es, so bräuchten sie auf dem Taschenrechner lediglich ein paar Tasten zu drücken, um herauszufinden: Die (angeblichen) Covid-19-Opfer machen womöglich bloß 0,05 bis 0,1 Prozent aller Infizierten aus. Wütet so ein „Killerkeim“? Wer besichtigen will, wie so einer zuschlägt, guckt besser Hollywood-Schocker wie „Contagion“ oder „Outbreak“ als Tagesschau, heute-Nachrichten oder Wielers Pressekonferenzen. Zusammengefasst: Der Kontrast zwischen den öffentlichen Auftritten des RKI-Chefs Lothar Wieler und den statistischen Daten aus seinem eigenen Hause ist an absurder Peinlichkeit kaum zu überbieten. Wie schon in den Vorwochen, so führen jedem, der sehen will und lesen kann, auch die allerneuesten RKI-Zahlen zweifelsfrei vor Augen, was einsame Mahner wie die übelst verleumdeten Ärzte Wolfgang Wodarg, Bodo Schiffmann und Marc Fiddeke seit Krisenbeginn der breiten Öffentlichkeit vergeblich zu bedenken geben: Weder die Zahl der Arztbesuche, noch ARE-bedingte Hospitalisierungen, noch ARE-bedingte Todesfälle, noch die allgemeine Sterberate haben neuerdings ungewöhnlich zugenommen, weit über die Vergleichszahlen früherer Jahre hinaus. Im Gegenteil: Still ruht weiterhin der See, von Hamburg bis München, von Düsseldorf bis Berlin –wie in der Bundesrepublik insgesamt. Durchweg zeigt der Trend sogar nach unten: Die gemeldeten ARE-Fallzahlen sind zuletzt gesunken – ja, GESUNKEN! Deutschlandweit! In jedem einzelnen Bundesland! Einschließlich Söders bajuwarischem Mega-Gefängnis! An die Fallzahlen von 2017/18 beispielsweise, die von einer etwas heftigeren Influenza-Welle geprägt waren, reicht diese pseudo-apokalyptische „Pandemie“-Saison weiterhin nicht annähernd heran. „Na also, da beginnen sich unsere konsequenten Infektionsschutzmaßnahmen auszuzahlen!“, so werden uns Angela, Jens, Markus & Co. weismachen. Was denn sonst? Doch diese rhetorische Rolle rückwärts erspart ihnen nicht die immer unangenehmere Zwickmühle, in der sie stecken. Alle erwähnten Positivtrends setzten nämlich schon deutlich VOR der staatsterroristischen Freiheitsberaubung namens „Shutdown“ ein! Ausgerechnet Zahlen des Robert-Koch-Instituts belegen diesen Sachverhalt Woche für Woche aufs Neue – wie peinlich, wie absurd. Übrigens erfasste das RKI bis Ende März 2020 rund 182.000 nachgewiesene Influenza-Vergrippte, von denen 377 starben. Kräht in Berlin und sonstwo momentan irgendein Hahn nach ihnen? Und TÄGLICH erliegen im Schnitt 190 Menschen respiratorischen Erkrankungen aller Art – über 68.000 pro Jahr. Weltweit sterben 2,6 Millionen Menschen jedes Jahr an Atemwegsinfekten; wie schwer wiegen demgegenüber die 110.000 Toten bis zum 10. April, in deren Körper auch SARS-CoV-2 festgestellt wurde, neben vielerlei sonstigen Viren und Bakterien? Welchen Anteil an den Covid-19-Toten hatten die gutgemeinten, teilweise aber hochaggressiven Behandlungsmethoden, die immer mehr Infizierten zum Einsatz kommen: insbesondere Steroide, Antibiotika und antivirale Medikamente, einzeln oder kombiniert? Wie sich schon bei SARS-1-Patienten gezeigt hatte, ging es den meisten mit einer solchen Therapie schlechter als ohne, und sie starben häufiger als Unbehandelte. Wie sieht es europaweit aus? Geht den Friedhöfen allmählich der Platz aus? „EuroMOMO“, das wöchentlich aktualisierte Monitoring von Todesfällen in 24 europäischen Ländern, zeigt auch für die 14. Kalenderwoche 2020, wie schon vorher, für Deutschland NICHT DIE GERINGSTE Auffälligkeit, die Anlass zur Besorgnis gäbe – im Gegenteil, die Kurve kippt längst nach unten, sie begann damit bereits vor irgendwelchen Infektionsschutzmaßnahmen. (1) Warum wollen die Statistiken, auf die es ankommt, partout keinen Stoff für „Pandemie“-Thriller hergeben, wo das Virus doch gerade den ganzen Planeten befällt? Weil es kein „Killerkeim“ ist. Studien aus mehreren Ländern belegen mittlerweile: 50 bis 80 % aller testpositiven Personen zeigen „keinerlei Symptome“, die anderen 20 bis 50% ZUMEIST nur „sehr moderate, erkältungsähnliche“. Die Sterblichkeit bei Covid-19 liegt in Wahrheit IM UNTEREN PROMILLEBEREICH, d.h. im Bereich der Grippe, wenn nicht gar darunter. (2) Und all das bedeutet? Für Massenhysterie, für Notstandsschikanen, für die Beseitigung von Grundrechten, für die mutwillige Zerstörung von Wirtschaft und öffentlichem Leben fehlen weiterhin zwingende Argumente – zumindest jene, auf die es ankäme. Und dies ist ein zwingendes Argument dafür, die Verantwortlichen zur Verantwortung zu ziehen. Wer zieht endlich die Notbremse in diesem absurden Theaterstück, das uns alle zu zwangsweisen Statisten macht? Wem liegt daran, dass die Aufführung weiterläuft und keiner den Saal verlässt? Und wo ist eigentlich Ihr Hut, Herr Wieler? Es wird Zeit, ihn zu nehmen. (Harald Wiesendanger) Anmerkungen (1) https://www.euromomo.eu/outputs/number.html; https://www.euromomo.eu/outputs/zscore_country_total.html (Siehe Bildergalerie.) (2) Für Südkorea: https://www.businessinsider.com/south-korea-coronavirus-testing-death-rate-2020-3?r=DE&IR=T; für Island: https://www.covid.is/data; für Deutschland (Heinsberg): https://www.tagesschau.de/regional/nordrheinwestfalen/corona-studie-heinsberg-101.html; für Dänemark: https://www.dr.dk/nyheder/indland/doedelighed-skal-formentlig-taelles-i-promiller-danske-blodproever-kaster-nyt-lys.

  • Aufklärer vom Panikvirus infiziert

    Verblüffend: Selbst der TV-Oberlehrer der Nation streut jetzt Fake News. Das „exponentielle Wachstum“, mit dem er sein Millionenpublikum das Gruseln lehrt, kennzeichnet am ehesten die Panikviren, mit denen er sich selbst infiziert hat. Viral geht seit dem 20. März 2020 eine 9-Minuten-Ansprache, in welcher der TV-Aufklärer der Nation, der Astrophysiker und Moderator Harald Lesch, uns klarzumachen versucht, weshalb allergrößte Corona-Sorgen angebracht und die staatlichen „Schutz“maßnahmen vollauf berechtigt sind. Innerhalb von zwei Tagen wurde der Videoclip über 2 Millionen Mal abgerufen – leider, denn offenbar befindet sich auch Lesch mittlerweile voll im Griff des Panikvirus. Entsprechend dürftig kommen seine fünf Argumente daher: 1) Italiens Todesstatistik. Bei 60 Millionen Einwohnern sterben dort täglich im Durchschnitt 2000. „Am 18. März waren es aber 475 mehr – eine Steigerung von deutlich mehr als 20 %!“, referiert Lesch entsetzt. Dass unter 365 Tagen jeder einzelne und viele hintereinander vom statistischen Mittelwert abweichen, ihn mehr oder minder deutlich übertreffen können, zumal in einer Grippesaison: Ist das etwa sensationell und zutiefst besorgniserregend? Im Ernst? 2) Das Massensterben in Bergamo. Bei 120.000 Einwohnern, so berichtet Lesch, sterben im Schnitt 10 pro Tag. Gegenwärtig seien es aber 20, also doppelt so viele. Ist das etwa nicht ganz arg schlimm? Doch, natürlich – aber statistisch vorerst erwartbar, insofern belanglos, siehe Punkt 1.) Hat Lesch Bergamos tägliche Todeszahlen aus frühen Grippewintern zum Vergleich herangezogen? Erwägt er weitere mögliche Faktoren? Wenn ja, schweigt er sich im Clip darüber beharrlich aus. 3) Das Amok-Argument. Auch niedrige Opferzahlen rechtfertigen sofortige, einschneidende Gegenmaßnahmen, meint Lesch. Dazu bemüht er einen haarsträubenden Vergleich, der bloß deshalb nicht mehr hinken kann, weil ihm mehr als ein Bein fehlt: „Wenn ein Amokläufer 10 Leute abknallt, dann unternehmen wir ja auch etwas, obwohl die Erschossenen in der Statistik verschwinden.“ Ja, natürlich sollte man dagegen vorgehen. Aber verhältnismäßig muss es sein. Verhängt man etwa über alle potentiellen Amok-Zielscheiben vorsorglich eine Ausgangssperre? 4) Das Argument der drohenden „Überforderung des Gesundheitswesens“. Eine „totale Mangelsituation“ würde ein sogenanntes „Triagieren“ erzwingen: ein grausames Aussortieren, wer beatmet wird und wer nicht – „und das wäre das Ende der Zivilgesellschaft“. Dann „kommen in den Krankenhäusern viel mehr Patienten an, als dort überhaupt noch behandelt werden können.“ In Deutschland stehen 28.000 Intensivbetten zur Verfügung, von denen momentan die Hälfte, also 14.000 noch zur Beatmung von Corona-Infizierten genutzt werden könnten. Beatmet werden muss im Schnitt etwa eine Woche lang – also könnten pro Tag 2000 neue Patienten auf diese Weise versorgt werden. Die Neuinfektionsrate, weiß Lesch, steige täglich um ein Viertel bis ein Drittel an. Aus 4000 Neuinfizierten heute werden also, bei einem 1/3-Zuwachs, morgen etwa 5300, übermorgen 7000. „Und in 8 Tagen hätten wir 39.000 Neuinfizierte – ohne Gegenmaßnahmen, bei ungebremstem exponentiellen Wachstum.“ Und bei einem ¼-Anstieg wäre das Gesundheitswesen „nach 11 Tagen an seine Grenzen gekommen.“ Nach Lesch wäre dann ein Punkt erreicht, an dem „acht Mal mehr Intensivbetten benötigt würden, als vorhanden sind“. Hier bringt Lesch peinlicherweise „Infektion“ und „Erkrankung“ durcheinander. Unter jenen, die sich SARS-Cov-2-Viren eingefangen haben, entwickelt bloß ein Teil überhaupt Symptome, und diese fallen häufig milde aus; intensiv therapiebedürftig, in lebensbedrohlichem Zustand, sind fast nur Senioren, Vorerkrankte und Immunschwache. Dass „5 % der Covid-19-ERKRANKTEN beatmungspflichtig sind“, ist eine Horrorspekukation, die Lesch an allen verfügbaren Kopf-, Brust- und Schamhaaren herbeizieht. Und schon gar nicht belegen irgendwelche Studien, dass womöglich sogar jeder 20. INFIZIERTE (5%) aufs Intensivbett gehört. Von dieser haarsträubenden Verwechslung ausgehend, füllt Lesch sich und uns die Sorgenfalten mit Angstschweißperlen. Mit demselben Verwirrspiel versuchen uns Regierung, Behörden, WHO, Institute, Mainstream-Medien seit Krisenbeginn zu beeindrucken. Ja, SARS-Cov-2 verbreitet sich in Windeseile - wie es „Grippe“erreger alljährlich zu tun pflegen. Und wie immer infizieren sich Millionen – na und? Entscheidend ist doch: Produziert diese angebliche „Jahrhundert-Pandemie“ weitaus mehr schwer Atemwegserkrankte und Tote als gewöhnliche Grippewellen früherer Jahre? Dafür liefert auch Lesch nicht den Hauch eines Beweises; sollten ihm empirische Studien vorliegen, die seinen Alarmismus stützen, so versteckt er sie neun Minuten lang erfolgreich. Und auch Lesch versucht uns zu einem Denkfehler zu verleiten, den Studenten schon im ersten Semester vermeiden lernen: zum Kurzschluss von Korrelation auf Kausalität. Man kann MIT einem Virus sterben, ohne AN ihm zu sterben. Ein positiver SARS-Cov2-Test allein ist klinisch irrelevant. In wie vielen Fällen konnten Mediziner denn plausibel feststellen, dass der SARS-Cov2-Virus alleinverantwortlich dafür war, dass ein Infizierter starb? Mir ist bisher kein einziger zu Ohren gekommen. Diesem Coronavirus die Alleinschuld zuzuschieben, ist nicht nur falsch – weil es von anderen, nicht minder wichtigen Todesursachen ablenkt -, sondern gefährlich irreführend. Wieso? Weil es zu übereilten, törichten, weitgehend nutzlosen Gegenmaßnahmen verleitet, die uns allen, der gesamten Welt einen irrwitzigen sozialen und wirtschaftlichen Schaden zufügen. Im übrigen: Überall, wo ein Bedarf nicht (mehr) befriedigt werden kann, trifft eine zu hohe Nachfrage auf ein zu geringes Angebot. Je mehr Betten, je mehr Beatmungstechnik, je mehr Personal, desto kleiner der Behandlungsengpass. Wer ein Gesundheitssystem hemmungslos privatisiert, der Profitmaximierung unterwirft und einspart, wo es geht, der braucht sich hinterher nicht zu wundern, wenn es rasch an Grenzen stößt. 5) Die gruselige Hochrechnung des Imperial College in London. Ohne jegliche staatlichen Gegenmaßnahmen, so macht es uns soeben weis, würde Covid-19 allein in Großbritannien zu 500.000 Todesopfern führen, in den USA zu 2,2 Millionen. Selbst MIT schärfsten Einschnitten ließe sich die Sterberate bestenfalls noch halbieren. Hier, wie auch mit Argument 4), beschwören Zahlenjongleure Panikstimmung herauf und stiften zu Maßnahmen an, die von den gegenwärtig verfügbaren epidemiologischen Daten in keiner Weise gedeckt sind. In Wahrheit weiß bisher NIEMAND, wie viele Menschen bereits infiziert sind; wie rasch sich die Infektion in der Allgemeinbevölkerung verbreitet; wie hoch der Anteil der schwer Erkrankten ist; wie viele davon tatsächlich intensivmedizinisch zu versorgen wären. Dazu müsste eine repräsentative Stichprobe der Allgemeinbevölkerung wiederholt getestet und laufend beobachtet werden. Nirgendwo, auch nicht in Deutschland, Großbritannien und den USA, hat ein solches Monitoring bisher stattgefunden. Stattdessen konzentriert man sich auf Personen, die schon durch Symptome auffällig geworden sind, und deren Kontaktpersonen; man checkt Kranke, Schwerstkranke und Tote. Dieser Selection Bias sorgt für eine enorme Unsicherheit bezüglich des wahren Risikos, an Covid-19 zu sterben. Und so könnte Leschs klügster Satz sein allererster gewesen sein: „Möglicherweise reden wir heute über etwas, worüber wir in einem Monat nur milde lächeln können.“ (Harald Wiesendanger)

  • Das Blaue vom Himmel

    Wann immer ein Spitzenpolitiker als Wahrsager auftritt, ist Skepsis angebracht – erst recht, wenn es sich dabei um einen gelernten Bankkaufmann handelt, der die Zukunft der Medizin zu kennen vorgibt. Krebs könne „in 10 bis 20 Jahren besiegt“ sein, verkündete soeben Bundes­gesundheitsminister Jens Spahn (CDU). Wer ihm das einflüsterte? Seriöse Ärzte und Wissenschaftler wohl kaum. Die hätten ihm umgehend klargemacht, wie blamabel er danebenliegt. Zwar ist die Diagnostik treffsicherer geworden, die Früherkennung effektiver; zumindest bei der Behandlung von Leukämien, Brust- und Hodenkrebs gab es Fortschritte. Der besteht aber häufig darin, dass sich zwar Geschwülste verkleinern, nicht aber das Leid. Laborwerte bessern sich, das Befinden eher nicht. Oft verlängert sich mit den paar zusätzlichen Wochen und Monaten, die ein Patient angeblich „gewinnt“, lediglich seine Qual. Er lebt nicht besser, er stirbt bloß langsamer. Weiterhin sind die Nebenwirkungen der Therapien, die der Erkrankung beikommen sollen, vielfach schrecklicher als die Erkrankung selbst. Von den tausend Gesichtern dieses „Königs aller Krankheiten“, wie der Harvard-Onkologe Mukherjee den Krebs nannte, sind nach wie vor nur wenige ergründet, die meisten noch unverstanden. Um zu erahnen, was Jens Spahn da geritten hat, sollte man die Karrierestationen dieses Berliner Senkrechtstarters bedenken – und die lange politische Tradition von haltlosen Ankündigungen, die er vollmundig fortsetzt. Im Jahre 2003 prophezeite ein industrienaher Ärztefunktionär vor dem US-Senat, bis 2015 werde alles krebsbedingte Leiden und Sterben ein Ende haben; um dieses Ziel schon 2010 zu erreichen, bedürfe es bloß 600 Millionen Dollar Forschungsmittel jährlich. Und mittlerweile ein knappes halbes Jahrhundert liegt jene berühmte Fernsehansprache zurück, in welcher US-Präsident Richard Nixon einen Tag vor Heiligabend 1971 der freudig erregten Nation ein vorgezogenes Weihnachtspräsent unter den Christbaum legte: Er erklärte den „Krieg gegen den Krebs“, wofür er „die Bereitstellung von zusätzlichen 100 Millionen US-Dollar“ vorschlug, „um eine intensive Kampagne zur Suche nach einer Heilung innerhalb der nächsten 25 Jahre zu starten“. Über 200 Milliarden Dollar haben allein die USA seither für die Krebsforschung ausgegeben. Spahn hat nun, gemeinsam mit Bundesforschungs­ministerin Anja Karliczek, soeben eine „Nationale Dekade gegen Krebs“ ausgerufen, für die in einem ersten Schritt 62 Millionen Euro lockergemacht wird. Von Onkologie versteht Jens Spahn vermutlich nicht viel mehr als seinerzeit Nixon – wohl aber die Pharma-Lobbyisten, die Regierende dauerbearbeiten. Denn zumindest eines kriegen solche Kampagnen zuverlässig hin: Konjunkturspritzen für Arzneimittelhersteller. Wie stand es um die Krebsmedizin vor Nixons Rede? Seit den sechziger Jahren war die Medikamentenbranche zunehmend in die Defensive geraten, sie sah ihre Felle davonschwimmen. Immer offenkundiger wurde, dass der chemotherapeutische Ansatz in Sackgassen führte. Zugleich sorgten alternative Ärzte für Aufsehen, die mit unkonventionellen Mitteln Krebskranke offenkundig erfolgreich behandelten: in den USA unter anderem Max Gerson, Royal Raymond Rife, William Coley, Harry Hoxsey und Emanuel Revici, in Deutschland Koryphäen wie Paul Gerhard Seeger, Otto Warburg, Johanna Budwig, Joachim Kuhl und Josef Issels. Einfach als Spinner und Scharlatane ließen sie sich schwerlich abtun. Pharmamanager sahen die wachsende Gefahr, dass solche Ärzte eine weltweite Bewegung auslösten, mit dem Ergebnis, dass sich die Bevölkerung in Scharen von den hochlukrativen Chemotherapien abwandte. Und so galt es für die Industrie damals, Vertrauen zurückzugewinnen – wie auch heute. Bewährtes Marketingrezept hierfür seit eh und je: Angst schüren und zugleich Hoffnung wecken, das Blaue vom Himmel versprechen. Die Betroffenenzahlen explodieren, schon heute erkranken allein in Deutschland jährlich 500.000 Menschen neu an Krebs, bis zur Jahrhundertmitte könnten es 600.000 sein, weltweit über 15 Millionen. Doch keinerlei Mühen scheuend, arbeiten Konzerne gottlob an revolutionär neuen Ansätzen, die der Menschheit den baldigen Durchbruch bescheren werden; zu Nixons Zeiten war es Genmanipulation, heute ist es Genmanipulation plus Immunmodulation. Die klassische Chemotherapie rentiert sich immer weniger, seit Patentfristen abliefen; dank Nachahmerpräparaten, „Generika“, kostet ein Behandlungszyklus inzwischen oft bloß noch ein paar hundert Euro. Und nicht immer funktioniert der Trick, für alte Substanzen mit geringfügig veränderter chemischer Struktur ein erneutes Patent zu ergattern. Da tut noch mehr „Innovation“ not, und als solche gelten Medikamente, die der körpereigenen Abwehr mit labortechnisch maßgeschneiderten T-Zellen, Antikörpern und Antigenen auf die Sprünge helfen sollen. Der Preis solcher Präparate kann 300.000 Euro übersteigen, bei den „Innovationen“ seit 2017 liegt er im Schnitt bei 135.000 Euro – pro Patient. (1) Da winken traumhafte Renditen: Bis 2022, sagte das IQVIA Institut im Dezember 2017 voraus, werde der globale Umsatz mit Onkologika von derzeit 120 auf 200 Milliarden US-Dollar ansteigen, mit jährlichen Wachtumsraten von 10 bis 13 Prozent. (2) Vorläufiger Wermutstropfen der „neuen“ Arzneigeneration: ein hohes Risiko extremer Nebenwirkungen, von Entzündungen im ganzen Körper („Zytokinsturm“) bis hin zum zügigen Exitus. Die Erlösung ist also wieder mal nahe, es muss halt bloß noch etwas intensiver geforscht werden. Dafür sind staatliche Mittel hochwill­kommen. Sobald sie fließen, kehrt in Big Pharmas Chefetagen Champagnerlaune ein. Der Steuerzahler finanziert Studien, deren Ergebnisse die Industrie abgreift, um sie zu Mondpreisen zu vermarkten, für die der Steuerzahler dann ein zweites Mal blecht – über die Beiträge zu seiner Krankenversicherung. Wie sähe die Agenda einer Regierung aus, wenn sie den „Kampf gegen den Krebs“ ernst nähme? In erster Linie wäre sie darauf aus, dass er erst gar nicht entsteht. 62 Millionen Euro: Damit ließe sich eine Initiative anschieben, die Gesundheitsunterricht bundesweit zum Hauptfach macht; für vollwertige Ernährung wirbt und sie in allen Schulen, Mensen und Kantinen vorschreibt; die Bedeutung von regelmäßiger körperlicher Aktivität betont; ungesunde Nahrungsmittel unübersehbar kennzeichnet und drastisch verteuert, etwa über Sondersteuern; Menschen vor Kanzerogenen in Atemluft und Trinkwasser, Gebrauchsgegenständen und künstlicher Strahlung schützt; mit Anreizen und Sanktionen, etwa über Beitragssätze zur Krankenversicherung, Verbrauchergewohnheiten steuert; natur- und erfahrungsheilkundliche Ansätze erforscht und fördert, die seit je her erfolgreich darauf aus sind, das Immunsystem im Kampf gegen entartete Zellen zu stärken. Dass alternativer Medizin aus Spahns Fördertopf kein Cent zufließen soll, macht aus Lobbyistensicht Sinn: Wo keine gesundheitswirtschaftlich unergiebige Forschung, da auch keine geschäftsschädigende Evidenz. Aber vielleicht kam Spahn diesmal ja ganz ohne Einflüsterer aus. Denn Lobbying konnte er vorher schon. Schließlich war er an einer Beratungsagentur namens „Politas“ beteiligt, die Kunden aus der Pharmaindustrie beste Kontakte zum Bundestag versprach: „Ganz gleich, ob es um eine Anhörung, ein Hintergrundgespräch oder um eine Plenardebatte geht. Wir sind für Sie dabei." Bei einem Hannoveraner Pharmaunternehmen saß er im Aufsichtsrat. (3) Gute Arbeit, Jens. (Harald Wiesendanger) Anmerkungen 1 https://www.process.vogel.de/das-sind-die-globalen-trends-in-der-onkologie-a-728297/ 2 https://www.process.vogel.de/index.cfm?pid=7513&pk=728297&fk=0&type=article#4 3 Siehe Auswege Infos Nr. 55, April 2018, S. 3-4.

  • Hinter den Kulissen: WHO-Experten räumen Impfrisiken ein

    Bei einer Fachtagung der Weltgesundheits­organisa­tion haben Ärzte und Wissenschaftler beträchtliche Risiken von Impfungen ein­geräumt und Verständnis für zunehmende Impfskepsis geäußert – entgegen dem offiziellen Mantra der WHO, Impfungen seien „wirksam und sicher“, Impfkritiker ahnungs- und verantwortungslos. Wie reagieren unsere Leitmedien darauf? Sie schweigen. Am 28. November 2019 veröffentlichte die WHO ein Werbevideo für Impfungen – wieder einmal voller uneingeschränkter Zusicherungen, dass Impfstoffe zuverlässig schützen, Bedenken seien unangebracht. Zu Wort kam dabei unter anderem die Kinderärztin Dr. Soumya Swaminathan (Foto u.), „Chief Scientist“ der WHO und seit 2017 stellvertretende General­direktorin für WHO-Programme. „Impfstoffe sind sehr sicher“, sagte sie wörtlich. „Wenn jemand nach einer Impfung erkrankt, ist das gewöhnlich reiner Zufall, oder es liegt an einer fehlerhaften Anwendung. Nur sehr selten gibt es ein Problem mit dem Impfstoff selbst. Deshalb haben wir zuverlässige Vakzinsicherheitssysteme, die es Gesundheitspersonal und Experten ermöglichen, auf jedes erdenkliche Problem unverzüglich zu reagieren. Sie können das Problem rigoros untersuchen, einen wissenschaftlichen Blick auf die Daten werfen und das Problem dann prompt angehen. Die WHO arbeitet eng mit Ländern zusammen, um sicherzu­stellen, dass Impfstoffe leisten, was sie am besten können: Krankheiten verhindern, ohne jegliche Risiken. Jeder neue Impfstoff wird mit Unterstützung der WHO sorgfältig überwacht. Impfstoffe zählen zu den sichersten Werkzeugen, über die wir verfügen, um Krankheit vorzubeugen und für alle Kinder eine gesunde Zukunft sicherzustellen.“ Nur wenige Tage später, am 2. und 3. Dezember 2019, nahm dieselbe Dr. Swaminathan an dem „Global Vaccine Safety Summit“ in Genf teil: einer nichtöffentlichen Konferenz, bei der die WHO einen Entwurf ihrer „Vakzinsicherheitsstrategie 2021 bis 2030“ vorstellte. Dazu eingeladen waren ausschließlich sogenannte key stakeholders: Mitglieder des „Globalen Beraterkomitees für Impfstoffsicherheit“ (GACVS) der WHO, Leiter von Impfprogrammen, Behördenvertreter von Mitgliedsstaaten, akademische Einrichtungen, Vertreter von Krankenversicherungen, von Pharmaunternehmen und deren Dachorganisationen. Und hier, in dieser trauten Runde, schlug die WHO-„Chefwissenschaftlerin“ plötzlich ganz andere Töne an: „Wir können die Tatsache gar nicht überbetonen, dass wir in Wirklichkeit in vielen Ländern keine besonders guten Systeme zur Überwachung der Vakzinsicherheit haben“, so räumte sie ein. „Wenn Leute uns nach Todesfällen fragen, zu denen es durch einen bestimmten Impfstoff kam, sind wir unfähig, darauf klare Antworten zu geben. Man sollte doch imstande sein, eine sachliche Erklärung zu geben, was genau geschehen ist und was die Ursache von Todes­fällen sind. In den meisten Fällen findet hier eine gewisse Verschleierung statt (obfuscation), weshalb das Vertrauen in das System mehr und mehr schwindet. (…) Nach Einführung eines neuen Impfstoffs können unerwartete Dinge geschehen. Die Geschichte vieler Impfstoffe lehrt, dass schädliche Nebenwirkungen erst auffallen, nachdem sie zugelassen und der Bevölkerung verabreicht werden. Und so denke ich, dass stets ein Risiko besteht (risk is always there) und die Öffentlichkeit dies verstehen muss.“ Ließ sich die Dame im WHO-Werbevideo durch eine Doppel­gängerin vertreten? Leidet sie an fortgeschrittener Amnesie oder an multipler Persönlichkeit? Weitere prominente Tagungsteilnehmer teilten und verschärften Swaminathans Bedenken, wie Videomit­schnitte von Vorträgen und Diskussonsrunden belegen: Dr. Stephen Evans, Professor für Pharmakoepidemiologie: „Mir scheint, dass Adjuvantien – den Impfstoffen beigemengte Wirkverstärker, um eine erhöhte Antikörperbildung und eine verstärkte Immunantwort zu erreichen – in vielen Fällen die Häufigkeit von Nebenwirkungen vervielfachen.“ Prof. Dr. Heidi Larson, Anthropologin, Leiterin des „Vaccine Confidence Project“: Auch immer mehr Ärzte „beginnen die Sicherheit von Impfstoffen in Frage zu stellen. Sie haben das Gefühl, dass sie nicht genug Vertrauen in die Sicherheit haben, um Personen standzuhalten, die sie danach fragen.“ Larson verweist auf „die meisten Lehrpläne von medizinischen Fakultäten und Krankenpflegeschulen“: „Sie können von Glück sagen, wenn sie dort auch nur einen halben Tag lang etwas über Impfungen erfahren. Egal, ob Sie auf dem Laufenden sind oder nicht. (…) Wir brauchen viel mehr Investitionen in die Sicherheitsforschung.“ Dr. Marion Gruber, Direktorin des Büros für Impfstoffforschung (OVRR) und des Zentrums zur Bewertung und Erfor­schung von Biologika der US-Aufsichts­behörde FDA: „Klinische Studien vor der Zulassung von Impfstoffen sind möglicherweise nicht leistungsfähig genug. Dabei geht es unter anderem um die Probandenpopulation, der das Adjuvans verabreicht wird. Dass es bei älteren Personen nichts bewirkt, heißt nicht, dass es für Kinder harmlos ist.“ Dr. Martin Howell Friede, Koordinator der WHO-Initiative für Impfstoffforschung: „Ohne Adjuvantien wird es keine Impfstoffe der nächsten Generation geben. Und viele der Impfstoffe, die wir haben, von Tetanus bis HPV, benötigen Adjuvantien, damit sie wirken. Wir fügen Impfstoffen nicht Adjuvantien hinzu, weil wir das wollen.“ Hinter verschlossenen Türen geben führende WHO-Experten demnach Impfskeptikern recht: Vakzine sind gefährlich, sie können töten. Weder die WHO noch sonstwer ist bislang imstande, für Sicherheit zu sorgen. Niemand weiß genau, warum und in welchem Ausmaß Vakzine schaden. Risiken werden vertuscht. Auf Zulassungsstudien ist kein Verlass. (Harald Wiesendanger) Anmerkungen Mitschnitt von Dr. Swaminathans Statement beim WHO-Konferenz hier https://assets.infowarsmedia.com/videos/66da24d8-3f7a-42e6-a8b7-943f0b25d4fc.mp4 https://www.youtube.com/watch?v=2DudhNvr1AU (mit UNO-Werbevideo) Weitere Eingeständnisse von Konferenzteilnehmern hier: https://www.brighteon.com/3dec332d-fd96-4654-a72f-55b702bd9262 https://www.youtube.com/watch?v=s2IujhTdCLE&feature=youtu.be Zum Nachlesen: https://thehighwire.com/ignored-warnings-an-unauthorized-history-of-the-who/ https://myemail.constantcontact.com/-Call-to-Action--WHO-questions-vaccine-safety--.html?aid=98ky8uZr3ms&soid=1101800214009 https://bbsradio.com/tnt/shocking-footage-inside-who-global-vaccine-safety-summit-dec-23-2019-explodes-vaccines-are-safe https://thebl.com/world-news/leaked-video-exposes-chief-scientist-contradicting-herself-on-safety-issues-at-who-vaccine-summit.html https://www.legitim.ch/post/stv-generaldirektorin-der-who-l%C3%A4sst-bombe-platzen-impfungen-t%C3%B6ten-ursachen-werden-vertuscht

  • Grippeimpfung gegen Coronavirus?

    Die grassierende Angst vor einer Coronavirus-Epidemie bietet Bundesgesundheitsminister Jens Spahn eine weitere Gelegenheit, seinem Ruf als Pharmalobbyist gerecht zu werden. Während nach einhelliger Expertenmeinung ein geeigneter Impfstoff frühestens in der zweiten Jahreshälfte entwickelt sein wird, weiß zumindest der gelernte Bankkaufmann schon seit Mitte Februar, wie wir uns schützen können: Über „Händewaschen und Desinfizieren“ hinaus „kann ich alle nur ermuntern, die Grippeimpfung zu machen“, so verkündete der Chef-Immunologe der Nation allen Ernstes. (1) Dabei fehlt bislang jeglicher wissenschaftliche Beleg dafür, dass sich Sars-Cov-2 durch einen handelsüblichen Influenza-Impfstoff im geringsten beeindrucken lässt. Zumindest nütze eine Grippeimpfung aber indirekt, so lässt sich Tropenmediziner Emil Reisinger, Dekan der Universitätsmedizin Rostock, vom „Redaktionsnetzwerk Deutschland“ zitieren: Die Symptome einer Grippe und einer Coronaviruserkrankung ähneln sich stark. Wer über einen „ausreichenden Grippeschutz“ verfüge, könne somit für sich selbst, Ärzte und Behörden ausschließen, wegen einer Grippe zu einem Verdachtsfall zu werden und so allen Beteiligten Arbeit und Sorge ersparen. „Die ähnlichen Symptome beider Infektionskrankheiten könnten dazu führen, dass ein mit Influenzaviren infizierter Patient irrtümlicherweise in einer Isolationsstation aufgenommen wird“, so Reisinger. Diese Art der notwendigen Vorsichtsmaßnahme sei teuer. Die Kosten könnten durch eine Grippeschutzimpfung eingespart werden. (2) Reisingers Empfehlung teilt Jeremy Farrar, Chef des britischen Wellcome Trust, der mit 27 Milliarden britischen Pfund (3) weltweit reichsten Stiftung zur Förderung medizinischer Forschung. Schon Ende Januar 2020, als der Corona-Hype gerade erst eingesetzt hatte, twitterte er flugs: "Eine Sache, die helfen würde, ist, sich gegen Grippe impfen zu lassen." (4) „Grippeimpfung schützt“: regierungsamtliche Fake News Doch schon bei gewöhnlichen saisonalen Grippewellen ist der Nutzen von Influenza-Vakzinen in Wahrheit äußerst fraglich. Im Jahr 1997 waren erst 7 zugelassene Grippe-Impfstoffe auf dem Markt; bis 2004 verdoppelte sich ihre Zahl auf 14. Während des Winters 1992/1993 wurden noch 2,5 Millionen Dosen verimpft, im Winter 2003/2004 waren es 14,9 Millionen Dosen, also fast sechs Mal so viele. Gingen im selben Zeitraum die Erkrankungs- und Todesfälle bei Influenza zurück? Das statistische Bundesamt liefert für laborbestätigte Influenza-Todesfälle die Zahlen erst ab 1998. In jenem Jahr waren es 11, dann 34 (1999), 22 (2000), 9 (2001) und 2002 waren es 10 erfasste Fälle. Meldezahlen über Influenzaerkrankungen liegen ab 2001 vor, nachdem das Infektionsschutzgesetz (IfSG) in Kraft getreten war. Im Jahr 2001 waren es 2487; 2002 wurden 2574 Fälle gemeldet, 2003 sogar 8473. Herstellerunabhängige Statistiken liefern demnach keinerlei Hinweis, dass die wachsende Anzahl von Impfstoffen und verimpften Dosen tatsächlich die jährlichen Influenza-Epidemien verringert. (5) Ausgerechnet das Robert-Koch-Institut (RKI), Deutschlands oberste Gesundheitsbehörde für die Bekämpfung von Infektionskrankheiten, musste Ende 2004, nachdem in einem Seniorenwohnheim eine Virusgrippe ausgebrochen war, kleinlaut einräumen: „Bewohner mit einer zeitgerechten Grippeschutzimpfung hatten die gleiche Wahrscheinlichkeit zu erkranken wie ungeimpfte Bewohner." (6) Im September 2003 veröffentlichte die renommierte medizinische Fachzeitschrift JAMA eine Studie zur Frage, ob die Grippeimpfung bei Kindern einen zusätzlichen Schutz gegen Mittelohrentzündung bietet. Das Ergebnis erbrachte nicht nur den Nachweis, dass dies nicht der Fall ist, sondern auch, dass die geimpften Kinder insgesamt häufiger und länger krank waren als die ungeimpfte Kontrollgruppe. (7) Die WDR-Sendung "rundum gesund" zitierte am 20. September 2004 das Ergebnis einer weiteren Studie, die den Gesundheitszustand von Grippegeimpften und nur mit einem Placebo geimpften Belegschaftsmitglieder der Ford-Werke miteinander verglich: "Dabei zeigte sich, dass der tatsächlich gegen Grippe geimpfte Teil der Belegschaft im folgenden Winter deutlich öfter zum Arzt ging, mehr Tage an Erkältungsbeschwerden litt und sich häufiger krank melden musste, als der nur mit Placebo geimpfte Teil der Belegschaft." (8) Auch Cochrane, ein weltweites Netz von Wissenschaftlern und Ärzten, muss Impfbefürworter enttäuschen: In mehreren Metaanalysen, die Hunderte von Impfstudien systematisch einbezogen, fand es keine Anhaltspunkte dafür, dass Grippeimpfungen für weniger Todesfälle und Einweisungen ins Krankenhaus sorgen. (9) Fragwürdigem "Nutzen" stehen Impfkomplikationen mit unbekannter Dunkelziffer gegenüber. Entsprechende Bedenken scheinen gerade unter medizinischem und pflegendem Personal weit verbreitet zu sein: Warum wohl liegt in diesen Berufsgruppen die Grippe-Durchimpfungsrate mit geschätzten 10 bis 15 Prozent besonders niedrig? (10) Das Problem beginnt bereits bei den Zulassungsstudien. Ob Impfstoffe nützen, misst die zuständige Zulassungsbehörde, das Paul-Ehrlich-Institut (PEI), nicht etwa an ihrer tatsächlichen Fähigkeit, den Ausbruch einer Krankheit zu verhindern, sondern daran, ob sie die Menge der spezifischen Antikörper im Blut erhöhen. Eine systematische Nachkontrolle nach der Zulassung, die den tatsächlichen Wirkungsgrad erfasst, hält man für überflüssig, was auch bei vielen Ärzten Kopfschütteln auslöst. (11) Wir wissen also nicht mit letzter Sicherheit, ob der bei der Zulassung festgestellte erhöhte Antikörpertiter auch tatsächlich immun gegen eine spezifische Krankheit macht. Wie das RKI selbst einräumt, handelt es sich bei der Titerhöhe bloß um eine Ersatzmessgröße; nicht sie allein entscheidet über den Grad der Immunität. (12) Tatsächlich schwankt der Wirkungsgrad selbst nach offiziellen Schätzungen zwischen 30 und 90 Prozent. (13) Fragwürdige Experten Zitierter Emil Reisinger versichert in Publikationen übrigens regelmäßig, bei ihm lägen „keine Interessenkonflikte“ vor. Mit etwas Recherche hätte das „Redaktionsnetzwerk Deutschland“ allerdings darauf stoßen können, dass etliche Pharmariesen mehrere Lehrstühle der Rostocker Universitätsmedizin mitfinanzieren, der Reisinger vorsteht; dortige „Stiftungsprofessuren“ sind Pascoe, Shire, Bayer, CSL Behring, Roche und Octapharma zu verdanken – sowie zweien der weltweit umsatzstärksten Impfstoffhersteller: GlaxoSmithKline und Sanofi-Aventis. (14) Und was ist von Impfempfehlungen des Wellcome Trust zu halten? 1936 aus dem Nachlass des Pharma-Magnaten Sir Henry Wellcome in die Welt gesetzt, ging aus ihm 1995 GlaxoWellcome hervor, das fünf Jahre später mit SmithKlineBeecham zum größten Impfstoffhersteller der Welt verschmolz: GlaxoSmithKline. (15) Laut Financial Times (16) ist diese Stiftung Großbritanniens größter nichtstaatlicher Geldgeber für wissenschaftliche Forschung. Welche Art von „Wissenschaft“ erscheint einem solchen Sponsor wohl förderungswürdig? Wozu überhaupt all die Corona-Panik, die an die schrillste Hochphase der unsäglichen Vogel- und Schweinegrippenhysterie erinnert? „Was wir gerade mit dem Coronavirus erleben, erleben wir jedes Jahr mit der Grippe“, beruhigt der Würzburger Tropenmediziner Professor August Stich dem Evangelischen Pressedienst (epd). Das Grippevirus sei nach derzeitiger Faktenlage viel gefährlicher. (17) Und ausgerechnet aus dem rheinländischen Heinsberg, wo der erste deutsche Corona-Infizierte auffiel, meldet sich ein Apotheker zu Wort, der Spahns PR-wirksame Epidemiewarnungen als „unverantwortliche“ Bangemache einstuft: Der betreffende Patient sei durch eine Lungenerkrankung vorbelastet gewesen. "In so einem gesundheitlichen Zustand ist jeder Infekt gefährlich, egal ob Coronavirus oder nicht." Wer allerdings nicht unter einem geschwächten Immunsystem leide, müsse sich zunächst keine größeren Sorgen machen, so Apotheker Lutz Steinfurth. (18) Dass die Apokalypse wohl auch diesmal ausbleiben wird, lehren Zahlenvergleiche mit der „echten“ Grippe. Nach WHO-Schätzungen sorgen Influenzaviren pro Jahr für bis zu 650.000 Tote – wo bleibt da die Panik? Wieso verwandelt sich die Republik nicht ab jedem Herbst für ein paar Monate in einen gesundheitsbehördlich überwachten Hochsicherheitstrakt? Laut Robert-Koch-Institut stecken sich alljährlich 2 bis 14 Millionen Bundesdeutsche mit Influenza an; demgegenüber stehen bislang unter 100.000 Corona-Infizierte, von denen ein Großteil schon wieder gesund ist. Bei den unter 40-Jährigen liegt die Sterberate weit unter 1 Prozent, in Ländern mit guter medizinischer Versorgung weitaus niedriger als in China oder Nordkorea. Doch solche Hinweise dringen momentan kaum durch, Besonnenheit ist kaum gefragt. Wer will sich von gelassenen Beruhigern schon die schauerlich-schöne Angstlust verderben lassen? Wer will schon hören, dass das Coronavirus, wie alle sogenannten Erreger, überhaupt erst gefährlich werden kann, wenn andere Faktoren vorliegen: etwa eine Immunschwäche, Vorerkrankungen, Stress? Warum gibt es bei ausnahmslos jeder Infektionskrankheit Menschen, die sie völlig beschwerdefrei durchmachen, beispielsweise bei den Masern als "stille Feiung"? Bei Polio verlaufen 90 Prozent der Infektionen symptomlos, bei HPV 99 Prozent, selbst bei Ebola bis zu 20 Prozent. Auch unter HIV-Infizierten kommen symptomlose Langzeitüberlebende vor. Stets ist es ein Zusammenspiel mehrerer ungünstiger Faktoren, das schließlich zur Krankheit führt - kaum je eine einzige, klar eingrenzbare Ursache. Statt bloß auf Virusbekämpfung aus zu sein, täte ein ganzheitlicher Ansatz not; auf ihn würde ein weiser Bevölkerungsschutz vorrangig setzen. Angst ansteckender als das Virus - Wem nützt die Panikmache? Wem, wenn nicht der Volksgesundheit, nutzen so drastische Maßnahmen wie Einreiseverbote, Polizeikontrollen in Zügen, an Flughäfen und Grenzübergängen, Sperrzonen, Quarantänelager, Zwangsinternierungen, Isolierstationen, Krisenstäbe, Kontaktsperren, Hausarreste, abgeriegelte Hotels, geschlossene Schulen und Betriebe, Verbote von Großveranstaltungen, überall Atemschutzmaskierte? „Bis zu 70 Prozent der deutschen Bevölkerung könnten sich infizieren“ (19), schwant einem Virologen der Berliner Charité, von dem der NDR versichert, er habe „SARS-CoV-2 so gut erforscht wie kaum ein anderer, alle Welt fragt jetzt um seinen Rat“. (20) Siebzig! Prozent! Weiß! Der! Experte! Massenmedien bietet eine derartige Entwicklung ein gefundenes Fressen, denn sie sorgt für die fabelhaft telegene Dramaturgie einer sich schrittweise zuspitzenden Katastrophe – endlich mal wieder haarsträubender Stoff für Sondersendungen auf allen Kanälen, für minütlich aktualisierte Newsblogs und Live-Ticker mit jüngsten Schreckensmeldungen, für alarmistisches Palaver in Talkrunden. Zudem fördert der Horror die weiteren Karrierepläne eines von Ehrgeiz strotzenden Gesundheitsministers, der sich einmal mehr als tatkräftig zupackender Kümmerer profilieren kann. Und er erhöht die Impfbereitschaft der verunsicherten Bevölkerung: Je ärger das Gruseln, desto schwächer die Widerstände. Ein solches Szenario folgt einer Marketingstrategie, mit der sich Vakzinproduzenten immer schon Goldgruben zu erschließen wussten. Im Jahr 2018 bescherte ihnen das Impfstoffbusiness einen Umsatz von 49 Milliarden US-Dollar weltweit; bis 2024 soll er auf 60 Milliarden ansteigen. Würden die Impfempfehlungen der berüchtigt industrienahen STIKO auf alle Bewohner dieses Planeten angewandt, so brächte allein diese Produktsparte über eine Billion Dollar ein – annähernd so viel, wie die Branche inzwischen insgesamt umsetzt. Erst dann wäre der Markt wahrlich „gesättigt“, vorher gibt Big Pharma schwerlich Ruhe. Und erst dann ließe sich nicht mehr herausfinden, ob Ungeimpfte womöglich gesünder sind – diese lästige Kontrollgruppe wäre erfolgreich weggespritzt. (Harald Wiesendanger) Anmerkungen 1 https://www.bild.de/politik/inland/politik-inland/coronavirus-wollen-sie-die-deutschen-china-rueckkehrer-einsperren-herr-spahn-67654220.bild.html 2 RND: „Ärzte raten wegen Coronavirus zu Grippeschutzimpfung“, https://www.rnd.de/gesundheit/arzte-raten-wegen-coronavirus-zu-grippeschutzimpfung-6YRHUB73YFAATATC72GVU3HOEE.html 3 https://wellcome.ac.uk/about-us; https://wellcome.ac.uk/about-us/history-wellcome 4 www.zeit.de/wissen/gesundheit/2020-01/impfungen-grippe-coronavirus-gesundheit-praevention-infektion 5 https://www.impfkritik.de/grippe/index.html 6 Robert-Koch-Institut: Epidemiologisches Bulletin Bull Nr. 12/2005 7 Journal of the American Medical Association (JAMA) 290 (12) 2003 8 https://www.impfkritik.de/grippe/index.html 9 Joseph Mercola: „Cochrane Founder Warns Flu Vaccine Research Is Corrupted“, 25.2.2020, mercola.com. (Inzwischen gelöscht.) https://articles.mercola.com/sites/articles/archive/2020/02/25/cochrane-collaboration-flu-vaccine.aspx?cid_source=dnl&cid_medium=email&cid_content=art1HL&cid=20200225Z1&et_cid=DM466572&et_rid=817607529 10 RKI/PEI-Presseerklärung vom 22. September 2003 11 "impf-report" Newsletter Nr. 14/2005 12 Email der RKI-Pressestelle vom 2.2.2005 an Tolzin 13 Focus 47/2004, S. 12 14 https://fragdenstaat.de/files/foi/122058/Anfrage34841_geschwaerzt.pdf?download 15 https://wellcome.ac.uk/about-us/history-wellcome 16 "Wellcome Trust extends Seeding Drug Discovery initiative", AngelNews, 14.5.2010, https://web.archive.org/web/20150114231852/http://www.angelnews.co.uk/article.jsf?articleId=9796# 17 Frankfurter Rundschau: „Grippe ist ‚nach derzeitiger Faktenlage‘ gefährlicher als Coronavirus - Tropenmediziner warnt vor Panik“, 5.2.2020, www.fr.de/ratgeber/gesundheit/grippewelle-grippe-grippeimpfung-krankheit-impfen-impfung-influenza-krank-13053034.html 18 Zit. nach www.watson.de/deutschland/coronavirus/609024276-heinsberger-apotheker-zu-coronavirus-was-spahn-gesagt-hat-ist-unverantwortlich 19 www.t-online.de/nachrichten/panorama/id_87426310/coronavirus-ausbruch-virologe-rechnet-mit-bis-zu-70-prozent-infizierten.html 20 www.ndr.de/nachrichten/info/podcast4684.html Titelfoto: DoroT Schenk/Pixabay

  • Lästige Kurve – Echte Autismusforschung stört Geschäftsinteressen

    Immer mehr Kinder erkranken in den westlichen Industrie­ländern an Autismus – seit den siebziger Jahren explodieren die Fallzahlen regelrecht. Was staatliche Stellen zur Erklärung anbieten, vernebelt eher die mutmaßlichen Haupt­ursachen, statt sie zu erhellen. Denn auf dem Spiel stehen Image und Business von Schlüsselindustrien, allen voran Big Pharma, der Chemiesektor, Agrarwirtschaft und Nahrungsmittelindustrie. Besonders in den Vereinigten Staaten nehmen Autismusfälle unter Minderjährigen inzwischen Ausmaße einer Epidemie an. War Mitte der siebziger Jahre noch eines von 5000 Kindern betroffen, so war es 20 Jahre später schon eines von 500, um die Jahrtausendwende eines von 250. Im Jahre 2009 wurde Autismus bereits bei einem von 110 US-amerikanischen Kindern diagnostiziert, 2016 bei einem von 48. (In Deutschland ist, laut Umweltbundesamt, jedes hundertste Kind betroffen.) Die niederschmetternde Prognose: Falls sich der Trend fortsetzt, wäre im Jahr 2025 zumindest in den USA schon jedes zweite Kind Autist. Neue Diagnosekriterien und gestiegenes Krankheitsbewusstsein erklären den Anstieg nur teilweise. Unabhängige Mediziner haben Chemikalien im Verdacht – doch ihre Warnungen dringen kaum durch, ihre Forschungsmittel reichen nicht aus. Eine Spur führt zu Pestiziden. Ungeborene reagieren besonders empfindlich auf sie. Werden sie schon im Mutterleib größeren Mengen an Pflanzenschutzmitteln ausgesetzt, so wächst ihr Autismusrisiko. Zu diesem Ergebnis kommt eine kalifornische Studie, in der Wissenschaftler ermittelten, wo sich rund 1000 Müttern während ihrer Schwangerschaft aufgehalten hatten; diese Orte setzten sie in Beziehung zum Einsatz von Pestiziden. In Kalifornien müssen Bauern in sogenannten „Pesticide Use Reports“ schriftlich festhalten, was sie wann und wo auf ihre Felder sprühen. Mütter, die während der Schwangerschaft in einem Umkreis von 1,25 bis 1,7 Kilometer von behandelten Feldern wohnten, trugen ein um zwei Drittel erhöhtes Risiko, ein Kind mit Autismus oder einer anderen geistigen Entwicklungsstörung. Im August 2018 erschien im American Journal of Psychiatry eine Studie, die ebenfalls auf einen Zusammenhang zwischen Autismusrisiko und Pestizidbelastung hindeutet. Dabei kooperierten Forscher der Columbia University's Mailman School of Public Health in New York City und Wissenschaftlern von der finnischen University of Turku und dem National Institute of Health and Welfare, Finnland. Im Fokus der Forscher stand dabei DDT (Dichlordiphenyltrichlorethan). DDT gilt als krebserregender Stoff und als sog. endokriner Disruptor, es ist somit ein Stoff, der den Hormonhaushalt beeinträchtigt und die Entwicklung von Embryonen und Kindern stören kann. Da DDT die Plazenta überwinden kann, strömt das Gift direkt zum ungeborenen Kind und kann dessen Entwicklung beeinträchtigen. Auch die Muttermilch ist nach wie vor DDT-belastet. Für die oben genannte Studie analysierten die Forscher Daten und Blutproben von mehr als 750 autistischen Kindern und einer passenden Zahl gesunder Kinder sowie deren Mütter. (Die Daten stammten aus der Finnish Prenatal Study of Autism.) Es zeigte sich, dass die Gefahr, mit Autismus geboren zu werden, durchschnittlich um ein Drittel höher war, wenn die Mutter erhöhte DDE-Werte im Blut hatte. DDE ist ein Abbauprodukt von DDT. Bei sehr hohen Werten war das Autismusrisiko gar doppelt so hoch. Aber auch Arzneimittel stehen in begründetem Verdacht. Wenn werdende Mütter Asthma-Medikamente, Antidepressiva oder frei verkäufliche Schmerzmittel wie Paracetamol schlucken, erhöhen sie das Autismusrisiko ihres Kindes drastisch. Eine Studie der Universität Montreal analysierte die Daten von über 145.000 Schwangeren, die Antidepressiva eingenommen hatten. Damit erhöhten sie das Autismusrisiko um erschrecken­de 87 Prozent; am stärksten fiel der Effekt bei den sog. Serotonin-Wiederaufnahmehemmern (SSRI) aus. (6 bis 10 Prozent aller Schwangeren bekommen von ihren Ärzten Antidepressiva verordnet.) Schätzungen zufolge nehmen 65 Prozent aller schwangeren Frauen während der Schwanger­schaft das frei verkäufliche Schmerz- und Fiebermittel Paracetamol (Acetaminophen) ein. Eine norwegische Studie wertete Daten von 48.000 norwegischen Kindern aus, deren Mütter an einer Umfrage über ihre Medikamenten­gewohnheiten in der 17. und der 30. Woche ihrer Schwangerschaft teilgenommen hatten. Zudem wurden weitere Daten sechs Monate nach der Entbindung erhoben. Mit Beginn des dritten Lebensjahres wurde die geistige Entwicklung der Kinder untersucht. Die so erhaltenen Ergebnisse konnten jetzt in Zusammenhang mit der Medikamenteinnahme in der späten Schwangerschaftsphase gebracht werden. Dabei fanden die Forscher heraus, dass ungefähr 4 Prozent der Frauen während der Schwangerschaft für mindestens 28 Tage Paracetamol eingenommen hatten. Die Kinder dieser statistischen Untergruppe wiesen gleichzeitig überdurchschnittlich häufiger Entwicklungs- und Verhaltens­störungen auf als Kinder, deren Mütter seltener bzw. gar kein Paracetamol zu sich nahmen. "Unsere Ergebnisse deuten an, dass Paracetamol nicht so harmlos ist, wie wir immer angenommen haben", erklärte Ragnhild Brandlistuen, die Studienleiterin an der Universität Oslo. "Der längerfristige Gebrauch von Acetaminophen erhöhte in unserer Studie das Risiko auf Verhaltensstörungen um bemerkenswerte 70 Prozent." Asthma-Medikamente scheinen ebenfalls das Risiko für Autismus zu erhöhen, wenn sie von der werdenden Mutter während der Schwangerschaft eingenommen werden. Dänische Forscher hatten über neun Jahre hinweg diese Zusammenhänge untersucht; dazu nutzten sie Daten zu über 57.000 Kindern, die zwischen 1996 und 2006 zur Welt kamen; darunter waren 52.000 ohne u d 5200 mit einer Autismus-Diagnose. Es zeigte sich, dass Kinder um 30 Prozent häufiger eine Autismus-Diagnose erhalten, wenn ihre Mütter bestimmte Asthma-Medikamente eingenommen hatten, die sog. Beta-2-Agonisten, Sie wirken bronchienerweiternd, entzündungshemmend und erleichtern das Abhusten von Schleim. Über die Plazenta gelangen die Medikamente zum Embryo und beeinflussen dort die sich entwickelnden Nervenzellen. Zu den Beta-2-Agonisten gehören Wirkstoffe wie Salbutamol, Fenoterol und Reproterol. Auch Zusatzstoffe in Impfseren, insbesondere Aluminium, könnten die Autismus-Epidemie anheizen. Bereits im Jahr 2011 hatte die Fachzeitschrift Journal of Inorganic Biochemistry festgestellt: Kinder aus Ländern mit der höchsten Autismus-Rate weisen die höchste Belastung mit Aluminium aus Impfstoffen auf. - Das Fachmagazin Entropy veröffentlichte 2012 eine Studie, derzufolge die Zahl der Autismus-Neuerkrankungen stetig anstieg, nachdem der Aluminiumanteil in Impfstoffen erhöht worden war. Eine Rolle spielen wohl alle Chemikalien, die sich auf das sich entwickelnde Gehirn des Kindes auswirken, aber auch solche, die das hormonelle oder das Immunsystem beeinflussen. Zu nennen sind hier Schwermetalle wie Blei und Quecksilber, Flammschutzmittel, polychlorierte Biphenyle und Phthalate sowie einige flüchtige organische Verbindungen (VOC) wie Trichlorethylen und Styrol. (Harald Wiesendanger) Quellen Janie F. Shelton u.a.: „Neurodevelopmental Disorders and Prenatal Residential Proximity to Agricultural Pesticides: The CHARGE Study“, Environmental Health Perspectives 122, 23.6.2014, S. 1103-1109, http://dx.doi.org/10.1289/ehp.1307044. Alan S. Brown u.a.: „Association of Maternal Insecticide Levels With Autism in Offspring From a National Birth Cohort“, 16. August 2018, American Journal of Psychiatry Takoua Boukhris u.a.: „Antidepressant Use During Pregnancy and the Risk of Autism Spectrum Disorder in Children“, JAMA Pediatrics 1/2015, DOI: 10.1001/jamapediatrics.2015.3356 R. E. Brandlistuen u.a.: „Prenatal paracetamol exposure and child neurodevelopment: a sibling-controlled cohort study”, Dezember 2013, International Journal of Epidemiology, B. Gidaya u.a.: „In utero Exposure to β-2-Adrenergic Receptor Agonist Drugs and Risk for Autism Spectrum Disorders”, PEDIATRICS, 2016. L. Tomljeniovic u.a.: "Do aluminum vaccine adjuvants contribute to the rising prevalence of autism?", Journal Inorg Biochem, November 2011 S. Seneff u.a.: "Empirical Data Confirm Autism Symptoms Related to Aluminum and Acetaminophen Exposure", Entropy 2012. Grafik: K. Weintraub: „Autism counts“, Nature 479/2011, S. 22-24. Statistik ab 2010: CDC, www.cdc.gov/ncbddd/autism/data.html

  • Wie geschmiert

    An Gesunden gibt es nichts zu verdienen. An Toten ebensowenig. Lukrativ sind die dazwischen: die chronisch Kranken. Was ist das für ein System, dem es umso besser geht, je schlechter es uns geht? Dieser Frage gehe ich in meinem Buch Das Gesundheitsunwesen nach. Einen Sachverhalt nicht bloß zur Kenntnis zu nehmen, sondern zu verstehen bedeutet: den Zusammenhang zu erfassen, in dem er steht. Insofern gibt der Zeitgeist Anlass zu größter Sorge. Läge er beim Psychiater auf der Couch, so käme er um die Diagnose „Demenz“ schwerlich herum. Denn bestürzend gestört ist sein Langzeitgedächtnis. Zwar treiben ihn mancherlei Skandale, Missstände und Horrorstatistiken um, die ihm Medien gestern und heute zugetragen haben. Doch erinnert er sich kaum noch bis überhaupt nicht mehr an ganz ähnliche Nachrichten aus früheren Jahren, geschweige denn an Jahrzehnte zurückliegende. Fallen sie ihm ausnahmsweise ein, tut er sich schwer damit, Einst und Jetzt miteinander in Beziehung zu bringen. Er erkennt sie nicht als Erscheinungsformen ein und desselben anhaltenden Zustands oder Vorgangs. Anscheinend vermag er nicht abschätzen, wie sie einander bedingen und worauf sie hinauslaufen. Er macht sich nicht klar, was das alles mit ihm zu tun hat – und warum es auch deswegen geschieht, weil er es geschehen lässt. Aber gerade auf diese kognitiven Fähigkeiten kommt es an, um die Tatsachen einzuordnen, um die es in meinem Buch Das Gesundheitsunwesen geht, und die Schlüsse daraus nachzuvollziehen. Es enthüllt so gut wie nichts, was nicht längst bekannt wäre. Vielmehr puzzelt es gleichsam: Es zeigt, welches Gesamtbild sich aus einer Fülle einzelner Elemente ergibt, die auf den ersten Blick wenig bis nichts miteinander zu tun haben. Das Bild, das Kapitel für Kapitel immer klarer zum Vorschein kommen wird, ist das einer monströsen, weltumspannenden Maschine, die umso besser funktioniert, je schlechter wir es tun – je mehr wir verlieren, was wir für unser höchstes Gut erachten. Nichts geht Menschen über ihre Gesundheit. Von Meinungsforschern befragt, was ihnen am wichtigsten ist, belegt sie zuverlässig den Spitzenplatz, vor Werten wie Freiheit und Erfolg, Partnerschaft und Familie, Arbeit und Wohlstand, Freunden und Freizeit. Und erst recht zählt Gesundheit am allermeisten für jene Abermillionen, die sie verloren haben. Also ist ein Gesundheitssystem dazu da, eine humanitäre Aufgabe von überragender Bedeutung zu erfüllen: In möglichst vielen Fällen soll es Krankheiten und Gebrechen möglichst rasch und dauerhaft beseitigen oder zumindest lindern, besser noch vorbeugen, damit sie erst gar nicht auftreten. Freie Marktwirtschaft, so versichert man uns, bringt uns diesem Ziel näher: Im Wettbewerb unterschiedlicher Waren und Dienstleistungen setzen sich über kurz oder lang zwangsläufig die besten durch. Denn unter Verbrauchern finden sie naturgemäß die größte Nachfrage. Bei medizinischen Angeboten sei das im Prinzip nicht anders als bei Staubsaugern und Autos, Waschmitteln und Fernsehern. Also bringt die Medizin mit ökonomischer Notwendigkeit zunehmend heilsamere Mittel hervor, die körperliches und psychisches Leid immer umfassender, immer rascher, immer nachhaltiger lindern und schließlich beseitigen. Diese Verheißung beruhigt uns aber nur unter vier Voraussetzungen: 1. Der Verbraucher wählt und entscheidet vollständig informiert: Er kennt alle verfügbaren Behandlungsmöglichkeiten, ihre Vorzüge und Nachteile, ihre kurz- und langfristigen Wirkungen und Nebenwirkungen. 2. Die Informationsquellen, aus denen der Verbraucher schöpft, sind sauber - unbeeinflusst von Leuten, die an Therapien verdienen, weshalb sie verständlicherweise darauf aus sind, den Nutzen ihrer Angebote überzubetonen, Grenzen und Risiken herunterzuspielen oder zu verschweigen, Wettbewerber abzuwerten. 3. Der Wettbewerb findet tatsächlich statt: Die Anbieter stellen sich der Konkurrenz; Nutzen/Risiko-Vergleiche sind möglich, werden laufend gezogen und publik. 4. Anbieterunabhängige Instanzen stellen sicher, dass diese drei Bedingungen erfüllt bleiben: der Gesetzgeber, Zulassungs- und Aufsichtsbehörden, Gerichte und Medien. Wem schleierhaft ist, weshalb die sogenannte moderne Medizin mit immer größerem technischem und finanziellem Aufwand immer mehr chronisch Kranke produziert, findet hier die Antwort: Unser Gesundheitswesen versagt, weil in Wahrheit keine dieser vier Voraussetzungen erfüllt ist. Und so beleuchtet das vorliegende Buch einen Markt, der längst außer Rand und Band geraten ist. Auf ihm fällt wenigen Anbietern, weil sie über irrwitzige finanzielle Mittel verfügen, eine schier grenzenlose Macht zu, Verbraucher über Nutzen und Schaden ihrer Produkte umfassend zu täuschen, missliebige Wettbewerber zu diskreditieren, Regulierungen zu verhindern, Gesetze zu umgehen, wirksamen Kontrollen auszuweichen, sämtliche Informationsquellen zu vergiften, Kritiker kaltzustellen, sich alle wichtigen Player gefügig zu machen – zu einem einzigen Zweck: um Gewinne zu maximieren. Unser Gesundheitswesen, man muss es so deutlich sagen, ist weitgehend zu einem Spielball organisierter Kriminalität verkommen – einer wie geschmiert laufenden Versorgungsmaschine, die sich der mit Abstand profitabelste Wirtschaftszweig dieses Planeten, auch zum Entsetzen vieler Ärzte, längst mafiös zurechtgebaut hat. Das zu ändern, erfordert mehr als bloß ein paar zaghafte, letztlich doch lobbygesteuerte Reförmchen. Das Versagen des Systems schreit nach Revolution. Und diese Revolution wird ausbleiben, solange wir sie nicht beharrlich einfordern und mittragen. Warum mir dieser Sachverhalt wichtig genug ist, ihm ein dickes Buch zu widmen, hat drei recht persönliche Gründe. Da ist tiefe Betroffenheit über die haarsträubenden Schicksale hunderter Patienten, denen ich in den vergangenen drei Jahrzehnten begegnete – Menschen, die sich gutgläubig einer Medizin anvertraut hatten, die sie krank und kränker machte, statt ihr Leid zu lindern. Da ist Fassungslosigkeit darüber, welch dürftige Resonanz Initiativen wie jene finden, die ich 2005 mit der Stiftung Auswege2 für chronisch Kranke ins Leben gerufen habe: eine karitative Einrichtung, auf die ein Hilfesuchender eher zufällig stößt, weil die Marktmacht derer, denen sie in die Quere kommt, dafür sorgt, dass sie öffentlich kaum wahrgenommen wird, gleichgültig wie viel sie erreicht. Und da ist vor allem die Sorge um meine eigenen Kinder und Enkel: Mich schaudert, wenn ich mir ausmale, was all die unentrinnbaren Pathogene, denen skrupellose Industrien und ein untätiger Staat sie aussetzen, eher früher als später in ihnen anrichten werden. Und mir graut davor, was ihnen widerfahren könnte, wenn sie sich daraufhin unbedarft einem kranken Gesundheitssystem ausliefern, dessen Hauptakteuren es umso besser geht, je schlechter es uns geht. Dieses Buch soll erhellen, warum das so ist; wie es dazu kommen konnte; wie viel geschehen müsste, um wirksam gegenzusteuern; warum es dabei auch auf dich und mich ankommt. Blieben meine Kinder die einzigen, die dieses Buch jemals zur Hand nehmen und daraus auch nur einen einzigen Anstoß mitnehmen, weniger blauäugig weiterzumachen wie bisher, so hätte sich für mich die Mühe schon gelohnt. „Die Wahrheit ist einfach“, lehrte Buddha. An das westliche Gesundheitswesen dachte er dabei wohl kaum, läge aber auch hier goldrichtig. Die simple Wahrheit lautet: An Gesunden gibt es nichts zu verdienen. An Toten ebensowenig. Lukrativ sind die dazwischen: die chronisch Kranken. Was folgt daraus logisch über das wahre, oberste Ziel der Medizinindustrie? Über Ärzte, die ihr Beihilfe leisten? Über Politiker, die daran nichts ändern? Über Wähler, die solchen Politikern ihre Stimme geben? Über Medien, die schweigen? Und über Patienten, die mitspielen? Die moderne Medizin kümmert sich um deine Krankheit. Davon lebt sie. Um deine Gesundheit musst du dich selbst kümmern. Davon lebst du. Bei diesem Beitrag handelt es sich um das Vorwort von Harald Wiesendangers Buch Das GesundheitsUNwesen – Wie wir es durchschauen, überleben und verwandeln (2019).

  • Vorsicht, Giftzwerge!

    Künstlich erzeugte Minipartikel häufen sich seit wenigen Jahrzehnten in der menschlichen Lebenswelt dramatisch an. Mikroplastik, Ultrafeinstaub, Nanoteilchen machen krank, chronisch und unheilbar, wenn wir sie über längere Zeit in uns aufnehmen und anreichern. Sie töten uns. Sie gefährden den Fortbestand unserer Spezies. Warum nehmen wir sie nicht ernst genug? So grundlegend sind manche Erfahrungen, dass sie sich tief ins kollektive Gedächtnis graben/einbrennen. Jede nächste Generation muss sie sich nicht erst von neuem aneignen, durch Versuch und Irrtum. Als Verhaltensprogramme bekommt man sie buchstäblich in die Wiege gelegt: über das Genom, über vorverschaltete Neuronennetze im Gehirn. Häufig erwuchsen solche Urerfahrungen aus immer wiederkehrenden Situationen, in denen es um Leben oder Tod ging. Plötzlich tauchte eine Bedrohung auf – und es blieb keine Zeit, vor einer Reaktion erst noch anspruchsvolle kognitive Prozesse des Überprüfens, Bewertens und Entscheidens zu durchlaufen. In Sekundenbruchteilen musste klar sein: Fliehen? Kämpfen? Oder nichts tun? Aus derartigen Urerfahrungen erwuchs beispielsweise die Faustregel „Je größer, desto gefährlicher“, wie auch ihr Gegenstück „Je kleiner, desto harmloser“. Vor großen Mammuts, vor ausgewachsenen Säbelzahntigern nahmen unsere fernsten Ahnen, wenn sie alleine und unbewaffnet waren, zurecht reißaus – nicht aber vor deren neugeborenem Nachwuchs. Rollte ein Felsbrocken auf sie zu, wichen sie ihm aus – nicht aber einem heranfliegenden Sandkorn. Bis in die Moderne wirken die Überlebensmaximen der Steinzeit verhaltensbiologisch nach. Überall auf der Welt, unabhängig von Rasse, Geschlecht und Kultur, reagieren Babies unwillkürlich gleich, wenn vor ihnen unvermittelt etwas Großes auftaucht oder im Nu riesenhaft anschwillt: Sie zeigen nicht Neugier und freudige Erwartung, sondern erschrecken, beginnen zu weinen, wenden den Kopf ab, suchen Schutz, versuchen sich wegzubewegen. Nur weil die Verknüpfung, die hinter diesen Reaktionen steckt, in den Köpfen unserer Spezies so tiefverwurzelt ist, war ein Blockbuster wie „King Kong“ möglich: Von der Bedrohlichkeit des Riesenhaften geht unser Unterbewusstsein so selbstverständlich aus, dass die blödsinnige Idee eines turmhohen Gorillas, der zärtliche Gefühle für ein feingliedriges Blondinenmenschlein entwickelt, Kinobesucher rund um den Globus fasziniert. Hätten sich die Israeliten hinter dem tollkühnen David mit seiner Steinschleuder versteckt, wenn ihnen Goliath gerade mal bis ans Knie gewachsen wäre? Faustregeln haben es an sich, bloß im großen und ganzen zuzutreffen; sie lassen Ausnahmen zu. Somit wiegen sie uns stets in einer trügerischen Sicherheit, die brandgefährlich werden kann, wenn sie uns sorglos machen – sobald sie uns dazu verleiten, Bedrohungen zu übersehen, ihr Ausmaß fatal zu unterschätzen. Nicht der Wolf ist in unseren Breitengraden das gefährlichste Tier, sondern die Zecke. Zu unseren schlimmsten Feinden zählen solche, vor denen uns kein Sinn warnt – wir sehen und hören, schmecken, riechen und spüren nichts, wenn sie uns angreifen. Bakterien und Viren, die kein Infizierter je wahrgenommen hat, sorgten für millionenfach mehr Tote als alle jemals stattgefundenen Kriege zusammengenommen. Dem menschlichen Organismus blieben aber immerhin Hunderttausende von Jahren Zeit, sich an eine Umwelt voller mikroskopisch winziger Krankheitserreger anzupassen. Er entwickelte ein filigranes Abwehrsystem, das einen Großteil davon unschädlich macht. Um dem Rest beizukommen, entstanden vielerlei wirkungsvolle Medikamente. Dieser Schutz, der immunologische wie auch der pharmazeutische, fehlt uns, um weitaus monströsere Bedrohungen abzuwehren: künstlich erzeugte Minipartikel, manche kaum größer als ein paar Atome. Seit wenigen Jahrzehnten häufen sie sich in der menschlichen Lebenswelt dramatisch an. Mikroplastik, Ultrafeinstaub, Nanoteilchen machen krank, chronisch und unheilbar, wenn wir sie über längere Zeit in uns aufnehmen und anreichern. Sie töten uns. Sie gefährden den Fortbestand unserer Spezies. Was können, was müssen wir gegen diese Giftzwerge unternehmen? Wie bändigen wir sie? Zuallererst sollten wir: aufwachen. Falls Außerirdische seit längerem die Erde beobachten, kämen sie vermutlich zu dem Schluss: In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts begann auf diesem sonderbaren Planeten ein globales Experiment, mit allen Bewohnern, vom Säugling bis zum Greis, als unfreiwilligen Versuchskaninchen. Es widmet sich offenbar drei Fragen: Wie viele Schadstoffe aus den unterschiedlichsten Quellen – einschließlich Nahrung, Trinkwasser, Atemluft, Kleidung, Reinigungsmittel, Medikamente und Impfstoffe, tausenderlei alltäglicher Gebrauchsgegenstände - lassen sich dem menschlichen Organismus zuführen, bis auch der widerstandsfähigste chronisch erkrankt? Wie viel Profit lässt sich daraus gesundheitswirtschaftlich ziehen? Welcher Aufwand an Marketing, Lobbyarbeit und Korruption ist nötig, um Regierungen die schleichende Massenvergiftung geschehen zu lassen - und die Bevölkerungsmehrheit davon abzuhalten, dagegen aufzubegehren? Nichts wird sich ändern, solange wir nicht damit beginnen. Das sollten wir bald, denn die Zeit wird knapp. (Harald Wiesendanger) Titelbild: kasiaczernik/Pixabay

  • Austherapiert? Vielleicht gibt ja es doch Auswege …

    Die Herausgeberin des Online-Magazins FRIEDA, Beate Wiemers, im Gespräch mit Dr. Harald Wiesendanger. Das Interview erschien online im Juni 2018. „30.000 Krankheiten kennt die Schulmedizin. Doch bloß ein Drittel davon kann sie vollständig heilen oder zumindest deutlich lindern, und dies oft nur mit Nebenwirkungen, mit seelischen Belastungen, mit erheblichen Kosten. Zu den Leidtragenden zählen Millionen chronisch Kranker – sei es mit Herz-/Kreislauferkrankungen, Diabetes, Rheuma, Krebs, Asthma, Neurodermitis, Allergien, Epilepsie oder psychischen Störungen. Bestürzend viele gelten als ‚therapieresistent‘, wenn nicht gar als ‚unheilbar‘.“ So steht es auf der Website der Stiftung AUSWEGE. Wer selbst von einer chronischen Krankheit betroffen ist oder im näheren Umfeld jemanden in einer solchen Situation kennt, hat womöglich schon erlebt, welche Odysseen Menschen mitunter auf sich nehmen müssen, um Linderung ihrer Symptome oder gar Heilung erfahren zu können. Immer häufiger handelt es sich dabei auch um sehr junge Menschen, um Kinder wie vielleicht der an Enuresis, unwillkürlichem Einnässen, leidende Chris oder wie Nick, bei dem das Asperger Syndrom diagnostiziert wurde. Beiden Jugendlichen konnte nach einem langen Leidensweg im Therapiecamp der Stiftung AUSWEGE geholfen werden. Und vielen anderen Menschen ebenso. Die im Jahre 2005 von Dr. Harald Wiesendanger gegründete Stiftung AUSWEGE hat sich zum Ziel gesetzt, chronisch kranken Kindern und Erwachsenen auf ganzheitliche Weise zu helfen." FRIEDA: Sie studierten Psychologie, Philosophie und Soziologie, promovierten schließlich in Philosophie. Als Wissenschaftsjournalist publizierten Sie mehr als 50 Bücher und Tausende Artikel in Zeitungen, Zeitschriften und Internetportalen. Wie kamen Sie als Nicht-Therapeut dazu, eine Stiftung ins Leben zu rufen, die chronisch kranken Kindern und Erwachsenen Zugang zu komplementärmedizinischen Therapien verschaffen soll? WIESENDANGER: Glück verpflichtet, und davon hatte ich eine Menge. Das Schicksal hat mir drei kerngesunde Kinder geschenkt, die Kliniken nur von außen kennen, und ich selbst bin nun schon sechs Jahrzehnte lang von schweren Krankheiten verschont geblieben. Es erfüllt mich, von diesem Glück etwas zurückzugeben. Mittels der sogenannten Anderen Medizin kann ich es. FRIEDA: Stets dann, wenn die Massen mittels der Fußball-WM sediert werden, verabschiedet die Regierung Gesetze, die sich auf die eine oder andere Weise in der Regel nachteilig auf die Bevölkerung auswirken. So wurde während der diesjährigen Fußball-WM – besonders auf Drängen der SPD - unter anderem im Eilverfahren beschlossen, die Parteienfinanzierung von bisher 165 Millionen jährlich auf 190 Millionen anzuheben. Gleichzeitig werden die Daumenschrauben für beispielsweise Heilpraktiker immer enger gedreht und das, obwohl vielfach belegt ist, dass ganzheitliche Behandlungskonzepte, insbesondere bei chronisch Kranken, sehr effektiv sein können. Die Stiftung AUSWEGE gibt es seit nunmehr 13 Jahren. Wie haben Sie die Entwicklung in unserem Gesundheitssystem seitdem wahrgenommen? WIESENDANGER: Mit wachsendem Entsetzen. Die Ökonomisierung dieses kranken Systems schreitet ungebremst voran. Daraus erklärt sich sein Grundzug: Mit immer gewaltigerem Aufwand – allein in Deutschland eine Milliarde Euro pro Tag – produziert es immer weniger Gesundheit. Allmählich begriff ich: Insofern versagt es nicht etwa; genau dazu ist es vielmehr da, zumindest in den Augen der übermächtigen Interessengruppen, die in ihm die Fäden ziehen. Als Wirtschaftszweig betrachtet, geht es der Gesundheitsbranche nämlich umso besser, je schlechter es uns geht. Florieren und wachsen kann sie nur, wenn immer mehr Menschen immer früher zu Patienten werden und es immer länger bleiben. An Gesunden gibt es nichts zu verdienen, an Toten ebensowenig. Lukrativ sind die dazwischen: die chronisch Kranken. Nichts gefährdet Geschäfte in der Medizin mehr als Gesunde, die es bleiben; als Kranke, die wieder gesund werden; als Ansätze, die ihnen dazu verhelfen. Sobald uns dieser Grundzug des Systems einleuchtet, fällt es uns wie Schuppen von den Augen. Schlagartig durchschauen wir all seine Besonderheiten: von Überdiagnostik und Übertherapie, der chemie- und technologielastigen Karikatur von wahrer Heilkunst über Preiswucher, Lobbyismus und Korruption, die Instrumentalisierung von Wissenschaft und Ärzteschaft bis hin zum Rufmord an Kritikern und alternativen Heilkundigen. All das stellt eine monströse Manipulationsmaschine mit schier unbegrenzten Werbe-, Druck- und Schmiermitteln sicher. Allein die Pharmaindustrie schöpft dazu aus einem Marketingtopf von mehreren hundert Milliarden Euro – pro Jahr. Vor diesem Hintergrund ist systemgefährdend, was in bisher 28 Therapiecamps der Stiftung Auswege seit 2007 herauskam: Von rund 500 vermeintlich behandlungsresistenten chronisch Kranken machten über 80 Prozent binnen neun Tagen gesundheitliche Fortschritte wie zuvor seit Jahren, teilweise Jahrzehnten nicht – im Fall von sogenannten „psychischen Störungen“ sogar über 95 Prozent. So etwas darf sich keinesfalls herumsprechen, größere Nachfrage schaffen, Zweifel an der Schulmedizin schüren und verstärken, Alternativen aufwerten. FRIEDA: Welche Menschen kommen überwiegend zu Ihnen? WIESENDANGER: Das Diagnosespektrum ist denkbar breit. Zu „Auswege“ findet so gut wie jeder Typ von Patient, dem es seit längerem gesundheitlich schlecht geht, ohne dass die Schulmedizin ihm Linderung verschafft hat, geschweige denn Heilung. FRIEDA: Gibt es bei diesen Menschen, die ja meistens eine längere Ärzteodyssee hinter sich haben dürften, eine Art gemeinsamen Nenner mit Blick auf ihre Erfahrungen im Gesundheitssystem? WIESENDANGER: Sie bekamen nicht, was sie am dringendsten bräuchten: Hinweise auf tieferliegende Krankheitsursachen hinter dem manifesten Symptom, der gestörten Funktion, dem geschädigten Organ. Aufklärung über pharmaziefreie Behandlungsalternativen, die sich aus Erfahrung bewährt haben. Aufmerksamkeit, Zuwendung, Empathie. Und Impulse, endlich Verantwortung für die eigene Gesundheit zu übernehmen – zum Selbstheiler zu werden. FRIEDA: Auf Ihrer Website stellen Sie einige Fallbeispiele vor, bei denen große Erfolge durch Ihr Therapiekonzept zu verzeichnen waren. Eigentlich wäre es aus menschlich-empathischer Sicht doch wünschenswert, dass solche Erfolgsstories viel mehr öffentlich gemacht würden, denn uns allen, als Menschen und als Steuerzahler, sollte doch daran gelegen sein, bestmögliche Rahmenbedingungen für ein vitales Leben mitzugestalten. Sie selbst sind Journalist. Worauf führen Sie zurück, dass die meisten Medien komplementärmedizinische Verfahren nach wie vor eher stiefmütterlich behandeln, teilweise sogar diffamieren? WIESENDANGER: Da versagt die vermeintliche Vierte Gewalt im Staat erbärmlich. Viele Redakteure, die meisten freien Journalisten und erst recht die inflationär zunehmenden Blogger werden beschämend mies entlohnt. Neben der Tastatur liegt allzu oft ein durchgenagtes Hungertuch. Das macht anfällig dafür, sich als Schreibknecht zu prostituieren. Medienschaffende pauschal als korrumpiert zu beargwöhnen, wäre freilich absurd. Das ist die Minderheit, zumal bei überregionalen Tages- und Wochenzeitungen, bei hochauflagigen Zeitschriften, bei großen TV-Sendern. Zu Dienern des Systems werden sie, in bester Absicht, auf einem Umweg, den sie ihre eigene Standesethik einschlagen lässt. Als Journalisten haben sie gelernt, Informationen gegenzuchecken, mittels seriöser Quellen. Und welche Quelle scheint verlässlicher als die heilige Kuh der Neuzeit, die Naturwissenschaft? Dass deren Maßstäbe für Evidenz und Wahrheit dem Subjekt Mensch womöglich unangemessen sind, kümmert so gut wie keinen. Dass der Forscher X, der Lehrstuhlinhaber Y, der Gutachter Z, den sie zu Rate ziehen und zitieren, auf der Honorarliste von Konzernen steht, erkundet kaum einer. Erst recht unter Zeitdruck. Lieber schreibt man dann von Wikipedia ab – ohne damit zu rechnen, dass deren Administratoren ebenfalls gekauft sein könnten, nicht bei Artikeln über Brunnenkresse, die Waldameise und den Titicacasee, wohl aber, wenn es um Themen geht, die kommerziell bedeutsam sind. Und dazu zählen Einträge über Krankheiten, deren Diagnose und Behandlung, über Anbieter von medizinischen Leistungen in besonderem Maße. FRIEDA: Sie machen sich für einen stärkeren Dialog zwischen Schulmedizin und komplementärmedizinischen Verfahren stark und wünschen sich mehr Miteinander statt Nebeneinander beider Disziplinen. Wie sind Ihre Erfahrungen in dieser Hinsicht mit jenen Ärzten, bei denen Ihre Patienten in Behandlung waren, bevor sie zu Ihnen gekommen sind? Gibt es dort Interesse an Kooperation mit Ihnen oder reagiert man eher mit Abwehr oder Desinteresse? WIESENDANGER: Teils, teils. Ärzte, die ihren Hippokratischen Eid ernstnehmen, öffnen sich zunehmend für unkonventionelle Heilweisen, ihren Patienten zuliebe. Der eine oder andere schaut sogar in unseren Camps vorbei, wirkt anschließend ehrenamtlich mit. (Näheres in meinem Buch „Geistiges Heilen in der ärztlichen Praxis“.) Doch weiterhin überwiegen betonköpfige Schulmediziner, die vollziehen, wofür das System sie zurechtbiegt: während ihres pharma- und techniklastigen Studiums, in der industriegesponserten Fortbildung, durch gekaufte Meinungsführer ihres Fachs, durch eloquente Pharmareferenten, durch PR-missbrauchte Fachjournale. FRIEDA: Natürlich ist jede Krankengeschichte so individuell wie der dazugehörige Mensch. Gibt es trotzdem Fälle, die Sie persönlich besonders berührt haben während der Jahre Ihrer Tätigkeit und wenn ja, könnten sie ein paar davon näher beschreiben? WIESENDANGER: Als Vater aus Leidenschaft sind mir Kinderschicksale besonders nahegegangen. Unvergesslich ist mir die fünfjährige Mira geblieben, eine schwere Epileptikerin, die seit ihrem zweiten Lebensjahr heftig krampfte, mit bis zu 20 Anfällen pro Tag. Seither stand ihre geistige Entwicklung still. Weil Medikamente nicht halfen, setzte die Mutter ihre letzte Hoffnung auf ein „Auswege“-Therapiecamp. Ich erinnere mich an den späten Vormittag des vierten Camptags: Da spielte Mira zunächst im Garten ausgelassen Fußball mit mir, eine Viertelstunde später saß sie neben mir am Mittagstisch. Plötzlich begann sie zu zucken, verdrehte die Augen, sackte in sich zusammen – und krampfte minutenlang in meinen Armen. Als ihr Hirngewitter endlich vorbei war, blieb sie eine knappe Stunde lang apathisch, nicht ansprechbar. Mir blutete schier das Herz. Dieses Kind könnte mein eigenes sein – was würde das für mich bedeuten? Nach Campende wurde Mira von einem Heiler sowie einem homöopathischen Arzt aus unserem Netzwerk weiterbetreut. Nach einem Monat war die Kleine erstmals eine ganze Nacht anfallsfrei, nach sechs Wochen zwei aufeinanderfolgende Tage. Nach knapp einem Vierteljahr geschah das Unfassbare: Die Epilepsie verschwand. Das war 2008. Zehn Jahre später kommt es nur noch zwei-, dreimal pro Jahr zu kurzen, leichten Attacken. Ihren Entwicklungsrückstand hat Mira seither in Riesenschritten verkürzt. Auch Daniel, 11, fällt mir ein: extrem unruhig und unaufmerksam, ständig in Bewegung, ein klassischer Fall von „ADHS“. Am Abend des vierten Camptags, nach einem Dutzend Heilsitzungen, spielte er knapp zwei Stunden lang mit mir Mühle – hochkonzentriert, durch nichts und niemanden abzulenken. Wie er, so sind 37 von 39 „ADHS“-Diagnostizierten in unseren Camps vollständig symptomfrei geworden, unter ärztlicher Kontrolle. Ritalin, Medikinet? Überflüssig. Fast immer erwies sich das Elternhaus als Schlüssel zur Heilung: In Verhaltensauffälligkeiten - bei ADHS ebenso wie bei einer vermeintlich pathologischen „Depression“, einer „autistischen“, „Anpassungs-“ oder „Angststörung“ - spiegeln Kinder fast immer ein unheiles Umfeld, überforderte Eltern, schwerwiegende Erziehungsfehler. Deshalb setzen wir systemisch an, laden möglichst viele nächste Angehörige mit ein. Besonders betroffen machen mich immer wieder haarsträubende Schicksale von Menschen, die in die Mühlen der modernen Psychiatrie geraten sind, nachdem ihnen Diagnose-Etiketten für „psychische Störungen“ verpasst wurden. Die Eltern einer 17-jährigen angeblich Schizophrenen konnte ich während eines Camps dazu bewegen, ihr Kind nach vierjähriger psychiatrischer Internierung, mit fortgesetzter pharmazeutischer Körperverletzung, endlich heimzuholen. Bei einer 44-jährigen mit derselben Diagnose konnten wir bloß noch Begleitsymptome lindern – ihre Persönlichkeit war bereits unumkehrbar deformiert, ihr Leben verpfuscht, nach zwei Jahrzehnten Dauermedikation in psychiatrischen Einrichtungen. Wie war sie dorthin geraten? Ein Arzt wies sie kurzerhand ein, nachdem sie „durchdrehte“, weil sie unentwegt gemobbt wurde und bei der Abiprüfung durchgefallen war. Für eine menschlichere Psychiatrie, die sich endlich aus dem Klammergriff von Big Pharma befreit, wirbt die Stiftung Auswege zur Zeit mit einer Petition. Besonders eindrucksvolle Behandlungserfolge bei seelisch Belasteten stellt mein neues Buch „Der Psychofalle entkommen“ vor FRIEDA: Ihr Behandlungskonzept, das eine breite Palette an alternativmedizinischen Verfahren beinhaltet, die Sie also anbieten oder zumindest empfehlen, spannt auch den Bogen zum Geistigen Heilen. In England hat bereits jeder Krankenhauspatient das Recht darauf, einen Geistheiler hinzuzuziehen. In britischen Krankenhäusern arbeiten geistige Heiler schon längst als feste oder freie Mitarbeiter, sofern sie entsprechende Qualifikationen nachweisen können. Deutschland hinkt auch in diesem Bereich hinterher. In der Stiftung AUSWEGE spielt die Geistheilung eine gleichwertige Rolle neben anderen Methoden. Wie ist die Akzeptanz darauf bei Ihren Patienten und welche Erfahrungen werden damit gemacht? WIESENDANGER: Aus tiefer Überzeugung, schon als esoterisch Bekehrte, lassen sich die Wenigsten die Hand auflegen. Zurecht überwiegt Pragmatismus: Hauptsache, es nützt. Und das tut es verblüffend oft. In den „Auswege“-Camps zählt Geistiges Heilen – zumindest wenn Könner es praktizieren – zu jenen Heilweisen, die auch bei hartnäckigen Leiden besonders rasch und tiefgreifend wirken. FRIEDA: Im Rahmen von jährlich stattfindenden Therapiecamps können sich chronisch kranke Kinder und Erwachsene bei Ihnen durch sehr erfahrene Therapeuten behandeln lassen. Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, um an einem solchen Therapiecamp teilnehmen zu können und welche Kosten entstehen für die Teilnehmenden? WIESENDANGER: Herzlich willkommen ist so gut wie jeder, bei dem die Schulmedizin seit längerem an ihre Grenzen stößt. Beratung und Behandlung bieten wir Minderjährigen kostenlos, Erwachsene zahlen eine Tagespauschale von 40 Euro. Hinzu kommen Unterkunft und Verpflegung. Von einer Teilnahme abraten würde ich allerdings bei genetischen Defekten, schweren körperlichen und geistigen Behinderungen. Zwar sind Symptomlinderungen erfahrungsgemäß selbst in solchen Fällen möglich – aber eher in der langfristigen Obhut eines wohnortnahen Therapeuten aus unserem Netzwerk als binnen einer Campwoche. FRIEDA: Das, was es zur Gesundheit braucht, ist ja eigentlich recht einfach. Neben einer nährstoffreichen und wenig durch Toxine belasteten Ernährung, spielen das soziale Umfeld eine wichtige Rolle, die Qualität des Wassers, die Möglichkeit, sich selbst kreativ und mitgestaltend auszudrücken, Bewegung und frische Luft, der möglichst komplette oder weitgehende Verzicht auf Medikamente. Doch all das ist heute nicht mehr selbstverständlich. Sie bieten kranken Menschen nicht nur Hilfe an, wenn die Symptome die Lebensqualität bereits schwer beeinträchtigen, sondern sind auch engagiert im Bereich Prävention. Was machen Sie in dem Bereich konkret? WIESENDANGER: Eine Menge. Wir bemühen uns um Aufklärung über unsere umfangreiche Website, unseren Gratis-Newsletter „Auswege Infos“ (), über Präsenzen bei Social Media wie Facebook und Telegram, mit Dutzenden von Büchern und Broschüren, durch Infoveranstaltungen. Nicht nur über Behandlungsoptionen, auch über intelligente Vorsorge beraten wir Hilfesuchende in unseren Camps sowie über unseren telefonischen Infodienst, an dem rund 30 Ärzte, Psychotherapeuten, Heilpraktiker ehrenamtlich mitwirken. FRIEDA: Zu Ihrem Netzwerk gehören derzeit etwa 200 ausgewählte Therapeuten aus 35 Ländern, vorwiegend jedoch aus dem deutschsprachigen Raum. Interessierte können mittels der Postleitzahl auf Ihrer Website herausfinden, ob sich in der Nähe einer der von Ihnen empfohlenen Ärzte oder Heiler befindet. Welche wesentlichen Kriterien müssen Therapeuten erfüllen, um bei Ihnen gelistet zu werden? WIESENDANGER: Erstens: Sie sollten ethisch tadellos arbeiten. Dazu verpflichten wir sie auf einen achtteiligen Verhaltenskodex. Er verlangt von ihnen unter anderem, nichts zu versprechen, keinerlei Druck auszuüben, keine unüberprüfbaren Diagnosen zu stellen, vorab klare Honorarvereinbarungen zu treffen. Zweitens: Sie sollten therapeutisch außergewöhnlich fähig sein. Das versuchen wir anhand eines zehnteiligen Kriterienkatalogs abzuschätzen. Unter anderem werten wir Erfahrungsberichte von Patienten aus, nachdem wir sie vermittelt haben. Wir lassen sogenannte „Meldebögen“ ausfüllen, mit denen wir zwei Dutzend wichtige Details von Behandlungsverläufen erfassen. Rund 20 „Screener“ suchen in unserem Auftrag Praxen auf, um dort nach dem Rechten zu sehen – verdeckt, vorgeblich als gewöhnliche Hilfesuchende. Auch Erfahrung zählt: Wir empfehlen niemanden, der nicht seit längerem praktiziert. Außerdem wir verschaffen uns möglichst einen persönlichen Eindruck; dazu laden wir Kandidaten zu Infonachmittagen ein, zu „Schnupper“besuchen in unseren Camps, zu Begegnungen unter vier Augen. All das liefert keine Qualitätsgarantie, zugegeben. Zumindest aber verringert es erheblich das Risiko für Hilfesuchende, mit vermeintlichen „Wunderheilern“ ihr blaues Wunder zu erleben. FRIEDA: Die Stiftung AUSWEGE trägt sich durch Spenden und viel ehrenamtliche Mitarbeit. Interessierte können auch vor Ort Veranstaltungen organisieren. Was es dazu braucht und inwieweit Sie dabei Unterstützung anbieten, ist unter dem Punkt „Helfen Sie mit!“ auf Ihrer Website zu finden. Welche Erfahrungen haben Sie dazu bisher gemacht? Steigt das Interesse, Ihre Arbeit und Ihr Wissen auf diese Weise bekannter zu machen? WIESENDANGER: Leider nein. Für „Auswege“ einen erfolgreichen, vielbeachteten Benefizabend hinzukriegen, der die Mühe lohnt, erfordert reichlich Zeit, Organisationstalent und ein gutes Beziehungsnetz vor Ort. Unter unseren Sympathisanten bringen das die Wenigsten mit. Allerdings unterstützen wir jeden Interessenten nach Kräften bei der monatelangen Vorarbeit. FRIEDA: Ich führte für FRIEDA-online im Jahre 2017 eine Parteienumfrage zum Gesundheitssystem durch, deren Ergebnisse mich insgesamt nicht gerade fröhlich stimmten. Wären Sie Gesundheitsminister, welche Reformen hätten für Sie absolute Priorität? WIESENDANGER: Wie viele Gigabyte Webspace hat „Frieda“? Im Ernst: Nach vielen verlorenen Jahrzehnten gäbe so bedrückend viel nachzuholen, gegenzusteuern, um- und aufzubauen, dass ich kaum wüsste, wo ich anfangen soll. Achtzehn sogenannte „Gesundheitsreformen“ sind den drängendsten Fragen, die unsere überteuerte, ineffiziente Medizin aufwirft, beharrlich ausgewichen. Die eine oder andere Gesetzesänderung tat dem medizinisch-industriellen Komplex zwar ein bisschen weh – an entscheidende Strukturen, Zielsetzungen und Weichenstellungen traute sich indes keine einzige heran, nicht einmal ansatzweise. Durchweg handelte es sich um Notwehrreaktionen auf äußerste monetäre Engpässe: leere öffentliche Kassen, malade gesetzliche Krankenversicherungen, überforderte Beitragszahler. Soweit Bundesregierungen in Versorgung und Regulierung eingriffen, ging es ausnahmslos darum, Kosten zu dämpfen und finanzielle Lasten umzuverteilen – um Themen wie Beitragshöhe, Arbeitgeberzuschüsse, Einschränkung von Leistungen, Vergütung der Leistungserbringer, Praxisgebühren, Zuzahlungen zu Arzneimitteln, Selbstbeteiligung, Ausgabenbudgets, Preisgestaltung, Festbeträge, Rationalisierung. Niemals nahm der Staat echte, dringend notwendige Reformvorhaben in Angriff: Wann endlich entzieht er sich der Dauerbelagerung durch Lobbyisten? Wann endlich gewährt er Patienten die gleiche Chance, Gehör zu finden, wie der Pharma- und Versicherungswirtschaft, Vertretern von Ärzten und Apothekern? Warum schiebt er der routinemäßigen Studientrickserei von Industrieseite nicht einen Riegel vor, legt Forschung und Entwicklung neuer Arzneimittel nicht ganz in die öffentliche Hand oder unterwirft sie zumindest strikter Aufsicht? Wann überarbeitet er endlich das Patentrecht, um dessen dreistem Missbrauch durch pharmazeutische Scheininnovationen einzudämmen, die einen einzigen Zweck verfolgen: Vermarktungsmonopole aufrechtzuerhalten? Weshalb setzt er dreister Preistreiberei nicht ein rigoroses Ende? Wo bleibt die seit Jahrzehnten angekündigte „Positivliste“, die Ärzten und Verbrauchern vorgibt, welche Arzneimittel wirklich hilfreich, nötig und preiswert sind? Wo bleibt eine unabhängige „Stiftung Warentest“ für den Arznei- und Nahrungsmittelsektor? Wann endlich verpflichtet der Staat die gesetzlichen Kassen dazu, nicht mehr für teure Originale aufzukommen, wenn mindestens ebenso wirksame, längst bewährte ältere Mittel oder Nachahmerpräparate, Generika, zu einem Bruchteil des Preises erhältlich wären? Wieso verschärft er Antikorruptions- und Transparenzgesetze nicht drastisch? Wann endlich zieht er Manager persönlich zur Verantwortung, wenn ihre Produkte schwere, bleibende Gesundheitsschäden anrichten? Wieso baut er kein unabhängiges öffentliches Informationssystem auf, finanziert aus möglichen Milliardeneinsparungen im Arzneimittelsektor und dem prallgefüllten Marketingtopf der Konzerne? Weshalb fördert er so gut wie gar nicht die Erforschung chemiefreier Behandlungsansätze, hilfreicher psychosozialer Projekte sowie selbstverantwortlicher Gesundheitsfürsorge? Wo bleibt dringend notwendiger, intensiver Gesundheitsunterricht, vom Kindergarten bis zum Schulabschluss – sollten Kinder nicht eher über industrielle Fertignahrung, über ein Übermaß an tierischem Eiweiß, verstecktem Zucker und Salz Bescheid wissen als über die Keilerei 333 bei Issos, die 8848 Höhenmeter des Mount Everest, über Integral- und Vektorrechnung? Wann endlich sorgt der Staat dafür, dass die ärztliche Aus- und Weiterbildung pharmafrei wird? Wann endlich wird Ärzten verboten, Zuwendungen jeglicher Art von der Industrie anzunehmen? Wann endlich wird Inhabern politischer Ämter untersagt, in die Industrie zu wechseln? Wann bläst Berlin endlich das kläglich gescheiterte Experiment der „Selbstverwaltung“ im Gesundheitswesen ab, die seit Jahr und Tag auf die gemeinschaftliche Selbstbereicherung der beteiligten Interessengruppen hinausläuft? Wenn Pharmazie ein Multimilliardengeschäft ist, für das staatliche Institute ohnehin einen Großteil der Grundlagenforschung leisten – weshalb macht er dieses Geschäft nicht besser gleich selbst, statt bei den Selbstbereicherungsorgien von Managern, Investoren und Aktionären tatenlos zuzusehen? Und niemals ging es bisher um brennende Grundsatzfragen wie: Worin besteht Gesundheit eigentlich? Was bedeutet Heilung? Was erhöht und sichert Wohlbefinden und Lebensqualität? Was motiviert Patienten über finanzielle Anreize hinaus, Verantwortung für das eigene Wohlergehen zu übernehmen, zu ihrer Genesung aktiv beizutragen? Welche präventiven Ansätze können dafür sorgen, dass Krankheiten erst gar nicht entstehen? Vertragen Helfen, Heilen und Pflegen überhaupt Kommerz, dürfen sie betriebswirtschaftlichem Kalkül unterworfen werden? Gibt es zu Pharmazeutika preiswertere, nebenwirkungsärmere, patientenfreundlichere Alternativen? Wie fördern und gestalten wir eine integrative Medizin, die das Beste aus unterschiedlichen Heiltraditionen und Therapierichtungen verbindet? Wie wird Humanmedizin humaner, wie befriedigt sie grundlegende menschliche Bedürfnisse? FRIEDA: Wie zuversichtlich sind Sie denn, dass unser Gesundheitswesen insofern die Kurve kriegt? Wie sieht Ihres Erachtens die Medizin der Zukunft aus? WIESENDANGER: Einerseits stimmen manche Entwicklungen hoffnungsfroh. Immer mehr Menschen nehmen übliche medizinische Maßnahmen nicht mehr brav hin, sondern hinterfragen sie. Die Nachfrage nach Behandlungsalternativen ist ungebrochen und wächst weiter. Es wächst die Zahl der Stiftungen, Vereine, Akademien und Institute, die sich mit viel Herzblut und Esprit für ein anderes Gesundheitswesen einsetzen. Immer mehr Menschen ernähren sich vollwertig, verhalten sich auch sonst gesundheitsbewusster. Manchen systemkritischen Webseiten und Facebook-Accounts folgen Zehntausende. Jene „Enteignung der Gesundheit“, die der Philosoph Ivan Illich schon in den siebziger Jahren anprangerte, bricht ja nicht als unabwend­bares Schicksal über uns herein. Sie kann nur stattfinden, weil und solange wir sie zulassen: durch Experten­gläubigkeit, durch Gedankenlosigkeit, Gleichgültigkeit und Bequemlichkeit, durch die falschen Wahl­entscheidungen, durch einen Mangel an politischem Engagement. Ein Milliardengeschäft sind synthetische Arzneien nur, solange wir sie uns arglos verschreiben lassen und brav schlucken. FRIEDA: Aber andererseits? WIESENDANGER: Eine humanere, patienten- statt profitorientierte Medizin fordern weiterhin zuwenige, sie bewegen zuwenig, sie sind zu unorganisiert und finanziell impotent, die Gegenkräfte des Systems sind übermächtig. Und so stelle ich in meinem Bekanntenkreis bei vielen klugen, sensiblen Leuten zunehmende Weltflucht fest: Die Nachrichtenlage ist niederschmetternd – also kündigt man das Zeitungsabo, guckt keine Tagesschau mehr. Zwar setzt man eifrig „Likes“ und „Shares“ in sozialen Medien, man sendet „geistige Energien“, „das Licht der Liebe“ irgendwohin, meint aber, damit schon genug zu tun. Man harrt eines New Age, das bestimmt von ganz alleine kommt, wie für einen Zeugen Jehovas die Tausend-Jahre-Herrschaft des Allmächtigen. Man arrangiert sich neobuddhistisch mit dem Lauf der Dinge: Alle Übel dieser Welt ergeben sich bloß aus glücksverhindernder Wahrnehmung und emotionaler Anhaftung. Man bevorzugt Selbsterlösung. FRIEDA: Belegen die Erfolge der Friedens-, Öko-, Antikernkraft-Bewegung, auch die Nachwirkungen der ´68er-Proteste nicht, dass Sie da allzu schwarz sehen? WIESENDANGER: Atompilze und tote Bäume verbreiten Angst und Schrecken durch starke Bilder, die mobilisieren, indem sie Gefahren anschaulich machen. Chronische Krankheit hingegen bedroht schleichend. Wirklich greifbar wird sie erst, wenn sie eintritt – also zu spät. Sie vorher vollauf zu erfassen, setzt Neugier und Flexibilität, Intelligenz und Bildung voraus; ein gewisses Maß an Respektlosigkeit gegenüber Akademikern, insbesondere gegenüber den Halbgöttern in Weiß; und ausreichend Zeit, sich schlau zu machen. Wenn ich in Wartezimmern von Arztpraxen, in Fußgängerzonen, in Gasthäusern, auf Volksfesten in die Gesichter meiner Mitmenschen schaue: Wie vielen traue ich zu, das Not-Wendige zu begreifen? Wie viele würden mir auch nur ein paar Minuten lang aufgeschlossen zuhören, innehalten und ins Grübeln kommen, ein Buch zur Hand nehmen, geschweige denn grundlegende Einstellungen, Denkmuster und Gewohnheiten aufgeben? Wie viele würden ihre Smartphones und VR-Brillen beiseite legen, ihren PC und TV ausschalten, um hinzuzulernen und zu handeln? Uns umgeben fünf Millionen funktionale Analphabeten, die nur einzelne, kurze Sätze lesen und schreiben können; weitere zwei Millionen kommen über einzelne Wörter nicht hinaus, rund 300 000 Menschen scheitern selbst daran. Anderthalb Millionen gelten laut Statistischem Bundesamt als geistig schwerbehindert. Beim Rest reicht die Aufmerksamkeitsspanne oft nicht weiter als eine Minute, der Interessenhorizont nicht weiter als die Sonderangebote beim Discounter, die neue VW-Generation und das nächste Reiseziel. Moderne Freizeitgestaltung tendiert dazu, Neil Postmans Buchtitel „Wir amüsieren uns zu Tode“ zum Lebensmotto zu machen. Ein Fußballspiel, bei der 22 Multimillionäre anderthalb Stunden lang einem Ball hinterherjagen, um ihn zwischen zwei Pfosten zu treten, lockt bis zu 30 Millionen Bundesbürger vor die Glotze, manchmal mit 70 Prozent Marktanteil und mehr; die meisten kennen die Namen jedes einzelnen Kickers auswendig. Sollten sie nicht besser 22 Toxine kennen, die sie ihren Babies mit jeder Impfung in die Blutbahn spritzen lassen? 22 Chemikalien, die ihnen auf die Dauer Allergien, Krebs, MS, Demenz und Alzheimer bescheren können? Die 22 nährstoffreichsten Lebensmittel? FRIEDA: Manchmal folgt die Masse, wenn Pioniere voranschreiten … WIESENDANGER: Selbst wenn unermüdliche Aktivisten im Gesundheitsbereich irgendwann eine kraftvolle soziale Bewegung in Gang brächten: Sie dürfte zu spät kommen. Um redlicherweise bei mir selbst zu beginnen: Obwohl ich mich für weder überdurchschnittlich ungebildet noch desinteressiert noch unreflektiert noch verantwortungslos halte, dauerte es Jahrzehnte, bis mir endlich ein Licht aufging, bis ich endlich in meiner eigenen Lebensweise Entscheidendes änderte. Wie viele weitere Jahrzehnte dauert es wohl, bis bestens begründete Warnungen in unserem Land zu einem politischem Kurswechsel führen – unter bestürzend visionslosen Regierungen und fachlich inkompetenten Gesundheitsministern, umlagert von einem Lobbyistenheer, beraten von gekauften Sachverständigen? Wie viele Jahrzehnte, bis ein globales Umsteuern stattfindet? Zum Vergleich: Von den ersten triftigen Hinweisen, dass Asbest schwere Lungenerkrankungen verursacht, bis zu einem gesetzlichen Verbot, diesen teuflischen Baustoff herzustellen und zu verwenden, dauerte es über 90 Jahre. FRIEDA: Immerhin: Irgendwann tat sich doch etwas. WIESENDANGER: Wie beim Klimawandel, so haben wir auch im Gesundheitswesen aber nicht mehr Jahrzehnte Zeit, befürchte ich. Längst hat sich ein neoliberaler Turbokapitalismus dem bändigenden Sozialstaat entzogen. Von ethischen Skrupeln unbelastet, agiert er weltweit, und weltweit schafft er längst vollendete Tatsachen, ob im Energie- oder Rüstungssektor, im Ernährungsbereich oder der Medizin. Genmanipulierte Organismen, Mikroplastik, künstliche Nanopartikel sind längst in unserer Umwelt, unserer Nahrungskette, unseren Körpern. Die Massenvergiftung durch Industrienahrung, verseuchtes Trinkwasser, Ultrafeinstaub, Medikamente und Impfstoffe tut ein übriges. Sie wird sich fortsetzen. Denn, wie gesagt: Es ist Teil eines billionenschweren Geschäftsmodells, dass immer mehr Menschen immer früher, immer länger krank werden. Aus Furcht davor werden die meisten eine digital revolutio­nierte Hi-Tech-Medizin begrüßen, die von der Wiege bis zur Bahre konstant Vitalfunktionen, aber auch psychische Befindlichkeiten überwacht, um möglichst früh einzugreifen, vorgeblich präventiv: durch Pharmazeutika, durch Hautsensoren und Implantate, durch Manipulationen im Gehirn und am Erbgut. Ob Homo sapiens dadurch nicht nur kontrollierbarer, sondern auch gesünder wird, bezweifle ich. Aus der Erde könnte noch in diesem Jahrhundert ein Planet werden, auf dem am ehesten eine nichtmenschliche Intelligenz überlebt – die Evolution könnte über unsere Spezies hinweggehen, sie braucht uns nicht. Was Stephen Hawking in Bezug auf KI orakelte, gilt nicht minder für andere gefeierte Schlüsseltechnologien, die „next Big Things“: Robotik, Bio- und Nanotechnologie. Jede „könnte die großartigste Errungenschaft der Menschheit werden, aber auch ihre letzte“. Bei solchen apokalyptischen Aussichten halte ich es bezüglich meiner Stiftung Auswege mit Hoimar von Ditfurth: „Selbst wenn ich wüsste, dass morgen die Welt untergeht, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen“. Allerdings keine weiteren Kinder mehr zeugen.

  • Die Blitzheilung - Was eine Schwerstdepressive bei Psycho-Profis erlebte

    Wenn einer jungen Frau eine „Depression höchsten Schweregrades“ diagnostiziert wird, ist das ein glasklarer Fall für die moderne Psychiatrie, nicht wahr? Ihr eigener Vater erlebte fassungslos mit, was dabei herauskam. Anfang Januar 2015 wandte sich der 60jährige Martin* an mich, in heller Aufregung: Soeben sei bei seiner 18jährigen ­Tochter Nora*, nach einem miss­glückten Selbstmordversuch kurz vor Silvester, in einer psychiatrischen Klinik eine „De­pression höchsten Schwe­regrades“ diagnostiziert ­worden. Eine ambulante Behand­lung wurde ihr strikt verweigert, das sei viel zu riskant. Stattdessen wurde ihr dringend geraten, sich mindestens einen Monat lang stationär therapieren zu lassen. „Ich bezweifle so­wohl die Diagnose als auch die Notwendigkeit, sie in die Psychiatrie einzuweisen“, sagte der Vater. „Viel lieber hätte ich sie für ein ‘Auswege’-Camp angemeldet. Aber Nora besteht darauf: Nur in der Klinik könne ihr geholfen werden, meint sie. Was soll ich tun? Könnten Sie nicht mal mit ihr reden?“ Weil der Mann nicht allzu weit von mir entfernt wohnte, bot ich ihm ein sofortiges Treffen an. Am darauf­folgenden Tag schilderte er mir ­weitgehend ge­fasst und doch ­zwischendurch sichtlich bewegt, mit Trä­nen in den Augen, bebender Stimme und leicht zitternden Hän­den, ein bezeichnendes Geschehen, an dem sich wie un­ter einer Lupe studieren lässt, wie die Psychiatrie eine akute Lebenskrise, die offenkundig bedrückende äußere Umstände auslösten, in eine be­handlungsbedürftige „Krank­heit“ umdeutet und entsprechend mit ihr verfährt, mit gutgläubigem Einverständnis der Betroffenen. „Was haben Sie denn gegen die moderne Psychiatrie?“, wollte ich zunächst von Martin wissen. „Weil ich ihre Segnungen aus Erfahrung kenne“, erklärte er. Schon im Sommer 2010 hatte seine Tochter zwei Monate in der geschlossenen Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie einer Universitätsklinik zugebracht. Ihre Einweisung betrieben hatte die Mut­ter, eine Grundschullehrerin, die seit Ende der neunziger Jahre an schweren Depressionen litt, mit heftigen Panikattacken und massiven körperlichen Begleiterscheinungen, die sie immer wieder arbeitsunfähig machten - was sie Nora verheimlichte. Bei Nora liege eine ausgeprägte „Anpassungsstörung“ vor, wie Klinikärzte im Nu herausfanden, mittels mehrerer psychodiagnostischer Testverfahren, bei denen Noras Werte „im klinisch hoch auffälligen Bereich“ lagen. Woran vermochte sich das Mädchen nicht „anzupassen“? Vor kurzem war, wie aus heiterem Himmel, die Scheidung der Eltern über sie hereingebrochen. Noch weitaus schlimmer als der Um­stand, dass die geliebte Mama nach zwanzig Beziehungsjah­ren den geliebten Papa verließ, war für sie, dass Mama sie und ihre zwei Jahre ältere Schwester Sandra* fortan ­unablässig ge­gen Papa aufwiegelte. Dazu griff sie zu ab­strusen Lügen: ‘Immer hat er mich furchtbar unterdrückt, ­manipuliert und kontrolliert’, ‚‘Kinder gehören gesetzlich zur Mutter’, ‚‘Er hat dich, als du noch klein warst, in der Bade­wan­ne ganz oft sexuell ­miss­braucht, in deinen Zeichnun­gen haben Ärzte und Psycholo­gen eindeutige Hinweise darauf entdeckt’, ‚‘Er ist ein Betrü­ger und hat Mil­lionen Schwarz­geld in der Schweiz’, ‚‘Er hatte heimlich Geliebte, mit denen er mich betrogen hat’. Permanent setzte sie die Kinder unter Erwartungsdruck, sich mit ihr gegen den bösen Papa zu verbünden und ausschließlich bei ihr zu wohnen. Sandra ging der mütter­li­chen Propaganda auf den Leim; für diesen Papa, mit dem sie zuvor 14 Jahre lang ein ebenso inniges, liebevolles Ver­hältnis verband wie Nora, hatte sie fortan nur noch Verachtung und Hass übrig. Nora hingegen hing weiterhin an mir. Tapfer setzte sie sich gegen die Entfremdungsbemü­hun­gen zur Wehr. Dafür nahm sie in Kauf, von ihrer Mama un­entwegt mit Vorwürfen und Lie­besentzug bestraft zu werden. Deren düstere Prophe­zeiung, in meiner Obhut werde sie ‘zugrundegehen’, ignorierte Nora.“ Dieses verhängnisvolle Spannungsfeld fiel den Klinikpsychiatern durchaus auf. Ihr Befundbericht erwähnt ein „angespanntes, disharmonisches Familiensystem. Die Patientin erscheint durch die schwierige Trennung der Eltern sehr belastet. Sie beginnt zu weinen, wenn das Gespräch darauf kommt.“ Immer wieder „the­ma­tisiert sie das angespannte Verhältnis zwischen und zu ihren Eltern, worunter sie stark leidet“. Doch anstatt dieses Verhältnis anzugehen, um die äußeren Ursachen von Noras desolatem Zustand zu beseitigen – was erfordert hätte, die zerstrittenen Eltern „systemisch“ in die Therapie einzubeziehen -, ging es während der gesamten Klinikzeit vorrangig um Noras Unvermögen, damit klar­zukommen. Kein Wunder, dass die­ses Manko trotz siebenwöchiger Internierung fortbestand, nicht bloß unvermindert, sondern eher noch verschärft. Dazu trugen geradezu surreale Schreckenserlebnisse bei, die sich tief in Noras Gedächtnis einbrannten: etwa demütigende Bloßstellungen wegen einer angeblichen „Sexualisierung“. Einziger diagnostischer Anhaltspunkt hierfür: Das Mädchen, eine ebenso leidenschaftliche wie hochbegabte Zeichnerin, bildete am liebsten nackte menschliche Körper ab, deren Anatomie sie faszinierte - Körper, die nicht etwa obszön posierten oder gar sexuell aktiv waren, sondern schlicht unbekleidet. (Fünf Jahre später begann das Mädchen eine Ausbildung zur Designerin.) Schon mit Zwölf hatte Nora, dank einer Sondererlaubnis der Schulleitung, einen VHS-Kurs im Aktzeichnen besuchen dürfen, an dem ansonsten nur ältere Erwachsene teilnahmen. Um sich die quälend lange Wartezeit zwischen den spärlichen Klinikterminen zu vertreiben, malte sie auch auf ihrem Zimmer in beinahe jeder freien Minute. Als das auffiel, veranstaltete der Chefarzt bei der nächsten Visite, umgeben von Assistenzärzten, Psychologen und Pflegern, ein regelrechtes Tribunal: Noras „unanständige“ Bilder wurden an die Wand gepinnt und minutiös auf pathologische Sexualmotive hin analysiert - wieviele nackte Hintern, wieviele entblößte Brüste? -, während das Mädchen vor Scham schier im Erdboden versank. („Ich kam mir vor wie eine Schweinkram produzierende Triebtäterin.“) Im Anschluss daran erhielt sie ein striktes Malverbot; Zeichnungen, Block und Stifte wurden ihr weggenommen. Viele weitere traumatische Erinnerungen sind ihr bis heute ebenso lebhaft präsent. Einem netten Pfleger – dem „einzigen Menschen auf der ganzen Station, der wirklich auf mich einging“ – hatte sie beiläufig anvertraut, dass sie gerne singt. Ein paar Tage später tauchte eine Frau in ihrem Zimmer auf, führte sie in den Keller, wies ihr einen fensterlosen Raum zu und meinte dann: „Ich hab‘ gehört, dass du gerne singst. Das kannst du jetzt gerne eine halbe Stunde lang machen.“ Dann ließ sie Nora stehen, sperrte die Tür zu und hielt davor auf einem Hocker genau dreißig Minuten lang Wache. Drinnen wimmerte unterdessen das verängstigte Kind. Im Nebenzimmer war ein zwölfjähriges Mädchen untergebracht, das mehrmals täglich von „hypochondrischen Asthmaanfällen“ gepeinigt wurde. „Als ich sie wieder einmal grauenvoll husten hörte, lief ich vor ihr Zimmer, und durch die halb geöffnete Tür sah ich sie zusammengekauert auf ihrem Bett liegen, die Hände auf ihren Brustkorb gepresst. In Todesangst rang sie keuchend nach Luft. Irgendwann tauchte kurz ein Pfleger auf, baute sich im Türrahmen auf, die Hände in den Hüften, und brüllte sie an: „Nun hab´ dich mal nicht so, Lisa! Man kann´s auch übertreiben!“ Dann verzog er sich wieder. Kurz darauf erlebte Nora mit, wie eine Mitgefangene auszubüchsen versuchte: ein dort seit Monaten interniertes Mädchen, das sich nicht bloß oberflächlich „ritzte“ - ihre Arme und Beine richtete sie mit Messern und Scheren derart zu, dass sie mit tiefen, blutroten Schnittwunden übersät waren, „manche zentimetertief bis auf die Knochen; an manchen Stellen fehlte die Haut großflächig“. Therapieerfolg: null - die Selbstverstümmelungen hatten eher noch zugenommen. Der verzweifelte Fluchtversuch scheiterte nach wenigen Metern: „Zwei Pfleger packten sie brutal, schrien sie an, zerrten sie zurück in ihr Zimmer, fesselten sie ans Bett, ließen sie dort einfach liegen.“ Niemand beruhigte, niemand tröstete, niemand kümmerte sich um das Kind. Hatten die Kinder auf der Station Hunger, weil die Mahlzeiten spärlich portioniert waren, so mussten sie sich mit lauwarmem Tee begnügen. Kurzum: moderne Psychiatrie vom Feinsten, „leitlinienorientiert und evidenzbasiert“, wie die Klinik auf ihrer Homepage versichert. Am Ende verließ Nora die Psychiatrie eher noch belasteter, als sie eingeliefert worden war, weshalb der Kli­nikbericht abschließend dringend eine „mindestens teilstationäre“ Weiterbehandlung empfahl, „um eine weitere Chronifizierung der Symptomatik zu verhindern“. Die umgehende Verlegung in eine weitere Klinik, dies­mal für mindestens ein Jahr, versuchte die Mutter, unterstützt vom Ju­gendamt, daraufhin juristisch durchzusetzen, denn Martin stell­te sich quer, während die demoralisierte Nora zunächst hin- und hergerissen war. Weil eine wei­se Familienrichterin dafür war, erst noch eine Weile abzuwarten, holte er Nora zu sich, suchte eine neue Schule für sie, brachte sie jede Woche zu einer Bekannten, die in langen, einfühlsamen Gesprächen ihr erschüttertes Selbstbewusstsein stärkte. Ein halbes Jahr später war das Kind klinisch völlig symptomfrei. „Nora zog zu mir, der Kontakt zu Mutter und Schwester riss weitgehend ab, in einer neuen Schule war sie rasch integriert, sie fand Freun­de und ­Bekannte, ihr Verhältnis zu mir war zutiefst vertrauensvoll. So blühte sie von Woche zu Woche auf. Ab Anfang 2011 hatte sie sich restlos gefangen, sie war psychisch vollauf stabil.“ „Bis Mitte 2014“, so berichtete mir Martin weiter, „war aus Nora eine fröh­liche, selbstbewusste, un­be­schwerte junge Frau geworden, mit einem großen Bekanntenkreis, mehreren leidenschaftlich ­ge­pflegten Talenten – sie kann phan­tastisch zeichnen und foto­grafieren – und voller Stolz auf ihre erste ­eigene Wohnung in einer aufregenden Groß­stadt, die ich ein Jahr zuvor für sie angemietet hatte. Von dort aus erreichte sie eine Akademie für ­Modedesign, in der sie ihre Lieblingshobbies zum Traum­be­ruf ­machen wollte. Zuvor bestand sie eine ­Aufnahmeprüfung eben­so mühelos, wie sie zuvor die Real­schule ab­geschlossen hatte. In der Aka­de­mie begegnete sie nach wenigen Wochen ihrer ‘großen ­Lie­be’, einem Klassenkameraden. Mit ihm verbrachte sie fortan, auf Wolke Sie­ben schwebend, beinahe je­de freie ­Minute. Ihre gelegent­lichen Stim­mungs­tiefs waren nicht tiefer und länger als bei mir oder sonstwem, der als psychisch vollauf gesund gilt.“ Was änderte sich denn daran vom Sommer 2014 an? „Bei unseren regelmäßigen Treffen“, so ­erzählte mir der Vater, „wirkte Nora auf mich immer öfter niedergeschlagen, grüblerisch, antriebslos, ge­reizt. Sie klagte mir, dass sie sich an manchen Tagen ‘über nichts mehr richtig freuen’ und oft erst weit nach Mitternacht einschlafen könne. Ab Herbst hat­te sie dreimal einen ‘Zusam­men­bruch’, wie sie es nannte: Ihr wurde schwindlig, dann ver­lor sie kurz­zeitig das Be­wusstsein. Seit Ende 2014 be­rich­tete sie von ‘Essstörungen’ – ‚‘ich habe fünf Kilo zugenommen’ – und einem Gefühl, ‚‘nichts wert’ und ‚schuld’ zu sein.“ Was steckte dahinter? „Da kamen kurz hintereinander ­mehrere Belastungsfakto­ren zu­sammen“, erläuterte mir der Vater. „Zum einen ernüchterte sie ihre Ausbildung. Da­von versprochen hatte sie sich, vor allem noch besser zeichnen und fotografieren zu lernen. ‘Dem Lehrplan nach’, klagte sie mir, ‚‘ist Medientechnik nur ein Fach neben vielen anderen. In Wahrheit aber ist beim Mode­de­sign alles Medientechnik! Selbst das sogenannte „Freie Zeichnen“ bedeutet nicht mehr ­Gestalten von Hand auf Papier, ­sondern elektronisches ‘Malen’ mit einem Ein­gabestift am Gra­fik­tablet oder mit der Maus am Computer, und dazu muss man komplizierte Software perfekt beherrschen’.“ Das hatte sich No­ra ganz anders vor­gestellt. Und so verlor sie jegliche Lern­motiva­tion, schwänzte, erledigte Haus­aufgaben nicht mehr, be­rei­tete sich nicht auf Tests vor. Entsprechend mies waren ihre Noten, das jüngste Halb­jahres­zeugnis fiel katastrophal aus. „Im Herbst“, so erinnerte sich ihr Vater, „äußerte sie mir ge­gen­­über erstmals, dass sie die Ausbildung ­abbrechen möchte. Doch ich bedrängte sie, weiterzumachen, weil ich fand, so schnell dürfe man nicht die Flinte ins Korn werfen, wenn etwas unangenehm und mühsam wird. Erst gestern gab ich ihr grünes Licht, nach einer Alternative zu ­suchen.“ Ab Au­gust 2014 – jenem Monat, von dem an dem Vater eine deutliche Veränderung in Noras ­psychischer Verfassung auffiel - rückte das neue Akademie-Schuljahr näher, und damit wuchs das Grauen vor tägli­chen neuen Erfahrungen der ei­genen Unzulänglichkeit. („All meine Mitschüler kommen mit ­Computern klar – bloß ich nicht.“) Damit einher ging die Angst, ihren Dad zu enttäuschen, gerade vor ihm, ­ihrem groß­zügigen Sponsor, als Ver­sa­gerin dazustehen. Das nährte Schuldgefühle. Beides zusammengenommen vermit­tel­­te Nora das Gefühl, ausweglos in der Falle zu setzen: Setzt sie die Ausbildung fort, dann trotz allergrößten Wider­willens und ohne Zukunftsper­spektive. Bricht sie ab, steht sie vor ihrem Vater und sich selbst da als je­mand, der lustlos aufgibt, et­was nicht zu Ende bringt. Das weckte Existenz­äng­ste: Was sollte ohne Ausbil­dung, ohne Job bloß aus ihr werden, falls ihr Vater enttäuscht seine Un­terstützung ein­stellt, wenn sie die Schule ver­lässt? Wovon sollte sie leben? Würde sie ihre Woh­nung verlieren? Hinzu kam, dass Nora die Tren­nung von ihrer „großen Liebe“ verkraften musste. Ihr angehimmelter Märchenprinz hatte die Beziehung brutalstmöglich beendet, wobei er No­ra zu verstehen gab, sie sei zu blöd für ihn. Nachträglich kam heraus, dass er sie schon seit Monaten mit einer Klassenkameradin betrog. Über diese De­mü­­ti­­gung kam sie nicht hinweg, weiterhin war sie ­zutiefst verletzt und voller Hass. In ihrer Klasse fühlte sich Nora außerdem mehr und mehr ausgegrenzt – prompt lebten traumatische Erinnerungen an frühere Schulmobbings wieder auf. „Damit nicht genug“, fuhr ihr Va­ter fort: „Just in jenem ­Au­gust, in dem Nora zunehmend aus dem Gleichgewicht geriet, war es zu einer Aussprache und Versöhnung mit ihrer Mut­ter und Schwester gekommen. Die Wiederannäherung an beide befriedigte einerseits ihre Sehnsucht nach deren Liebe – andererseits geriet sie wieder in den Bannkreis zweier Perso­nen, von denen sie sich nicht re­spektiert fühlte und die ihrem Selbstwertgefühl nicht gut ta­ten. Denn weiterhin ließ die Mutter kaum ein gutes Haar an ihr. Weiterhin hielt sie ihr vor, zu ‘diesem Schwein zu halten, den du Vater nennst’. Weiterhin wartete Nora vergeb­lich auf eine ­Entschuldigung. Wei­terhin, wie schon früher, gab die große ­Schwester ihr bei jeder Gelegenheit zu ­verstehen, wieviel intelligenter, ­grandioser, erfolgreicher sie doch ist“. Hinzu kamen wie­derholte ­Misserfolgserlebnisse auch außerhalb der Akademie, bei der vergeblichen Suche nach einem Nebenjob, der Nora auch deshalb so wichtig war, weil sie ihren Vater finanziell ent­lasten wollte. Nur zweimal war sie angenommen wor­den: Als Bedienung in einem Bistro musste sie gehen, nachdem dieser im Frühjahr dichtmachte; als Aushilfskraft in einer Im­biss­bude nahm sie nach zwei Tagen reißaus, weil der Inhaber sie sexuell belästigte. Minde­stens ein Dutzend weiterer Vor­stellungs­- ­gespräche, oft mit stun­denlangem ­unbezahlten ‘Pro­be­arbeiten’, endeten in Absa­gen, zumeist mit faden­scheinigen Begründungen.“ All dies zu­sammengenommen hatte offenbar ausgereicht, um Noras Selbst­bewusstsein schwer zu erschüttern. Sie fühlte sich minderwertig. Drei Tage vor Silvester 2014 spitzte sich Noras Krise dramatisch zu: „Überwältigt von ih­rem multiplen Elend, versuchte sie sich umzubringen - mit ‚‘Nikotintee’. Dazu löste sie den Tabak aus zwei Zigarettenschachteln heraus, kochte ihn in Wasser auf und trank den Sud. Als heftige Ver­giftungs­symptome einsetzten und sie sich ­unentwegt übergeben musste, bekam sie es mit der Angst zu tun. Sie rief einen Notarzt, der sie für eine Nacht ins Krankenhaus brachte. Dar­aufhin beschloss sie, professionelle Hilfe zu suchen. Bei der ­Ambulanz einer psychiatrischen ­Klinik besorgte sie sich einen Termin. Innerhalb von knapp zwei Stunden wurde dort von einer klinischen Psychologin mittels ­Standardinterview eine ‚‘schwerste depressive Episode’ festgestellt – und von einer hinzugezogenen Psychia­­t­e­rin nach nur zehn­minütigem Gespräch bestätigt. Das könne un­mög­lich bloß ambulant behandelt werden, ‘weil du dann vorsichtshalber sehr starke Psychopharmaka nehmen müsstest’, wie meine Tochter zu hören bekam. ‘Dringendst’ wurde ihr zu einer‚‘mindestens einmonatigen’ stationären Un­terbringung geraten. Einge­schüchtert und verängstigt willigte Nora sofort ein.“ Demnach war die Entschei­dung bereits gefallen. Welchen Sinn machte es da noch, dass ich Martins Wunsch nachkam und mit seiner Tochter sprach? Nach drei Stunden verabschiedete ich mich von ihm, bat ihn aber, mich auf dem laufenden zu ­halten. Eine Woche später saßen wir erneut zusammen. Was, so frag­te ich Martin, hatte er denn dagegen einzuwenden, dass sich seine geliebte Tochter in ihrer offensichtlich desolaten Verfas­sung psychiatrisch versorgen lässt? Nahm er ihren alarmie­ren­den Suizid­ver­such etwa nicht ernst genug? Wollte er riskieren, sein Kind zu ­verlieren? „Um Himmels willen!“, fuhr er mich aufgebracht an. „Wie können Sie so etwas fragen? Allerdings bezweifle ich, dass sie sich ernsthaft umbringen wollte, so planlos, aus einem Augen­blicks­affekt heraus und wider besseres Wissen. Denn schon vorher, so gestand sie mir nachträglich, sei ihr klargewesen, dass dazu der Tabak­inhalt von zwei Zigarettenschachteln un­möglich ausreichen konn­te; mindestens vier wären nötig gewesen. Mir das eher wie ein verzweifelter Hilfeschrei vor: ‚‘Schaut her, wie furchtbar schlecht es mir geht!’ Nehmt ihr meine Not jetzt endlich ernst?’“ Auf all das, was sie monatelang belastete, reagierte sie keineswegs krankhaft, sondern absolut angemessen, nach­­­vollziehbar und ­rational. Was ist denn neurotisch daran, sich von objektiv bestehendem Druck bedrücken zu lassen?“ Andererseits: Tot ist tot, egal ob ­sorgfältig und mit Bedacht vor­bereitet oder im Affekt herbeigeführt. Kennt der Vater denn nicht Statistiken, denen zufolge zwei Drittel aller Selbstmörder depressiv sind? „Selbstverständlich ist mir das ­bewusst“, erwiderte Mar­tin. „Und natürlich ist mir klar, dass meine Tochter dringendst Hilfe benötigt – aber nicht, weil sie ‘psychisch krank’ ist. Denn ich bezweifle sowohl die ­ge­stellte Diagnose als auch die ­Not­­wendigkeit, sie stationär zu versorgen.“ Was maßt sich dieser Laie an? Wie kommt er dazu? „Natürlich interessierte mich ­brennend, wie der Befund einer ‘schwersten Depression’ zu­stan­de kam.“ Den Ausschlag gab der „QIDS-C 16“-Test - QIDS steht für „Quick Inventory of Depressive Sympto­ma­to­logy“ -, ein 2003 entwickelter Fragebo­gen, dessen 16 Items die Haupt­­symptome einer De­pres­sion ab­decken sollen: von Traurigkeit über vermindertes Selbstwert­gefühl, Kon­zentrations- und Entschei­dungsschwäche, Ener­gie- und In­teresselosigkeit bis hin zu Schlaf- und Essstörun­gen, innerer Unruhe und Selbstmord­­gedanken – „innerhalb der letzten sieben Tage“. Dabei hat sich der Pati­ent jeweils für eine von vier Ant­wort­mög­lichkeiten zu entscheiden. Erreicht er auf einer Werte­skala von 0 bis 27 einen Score von 21 oder höher, muss er als „sehr schwer“ depressiv gelten. Wie könnte ein noch so ausgeprägtes seelisches Tief innerhalb der zurückliegenden Wo­che auf eine psychische Er­kran­kung „schwersten“ Aus­prä­gungs­grads hindeuten? Noras Vater berichtete: „Interessehal­ber habe ich diesen QIDS-16 für mich selbst ausgefüllt. Mein Punktwert lag bei 20, also nur knapp unterhalb der Schwelle zur allerdringendsten Behand­lungsbedürftigkeit. Demnach hätte ich mich am besten gleich ­gemeinsam mit meiner Tochter in die Psychiatrie einweisen las­sen sollen. Ich halte mich al­ler­dings für seelisch überaus sta­bil, und derselben Ansicht sind meine neue Lebensgefährtin, meine Ver­wand­ten, Freunde und Kolle­gen. Was mein ­Befinden in jüngster Zeit massiv ­beeinträchtigt hat, ist schlicht die tiefe Sorge um ein Kind, das ich über alles liebe. Sobald ich sehe, dass es sich wieder fängt und seinen Weg findet, punkte ich im QIDS prompt deutlich unter 5, jede Wette.“ Worauf Martin stieß, verdeutlicht ein Grundproblem jeglicher psy­-cholo­gischer Diagnostik. Bei der Unter­suchung einer Gesteinsprobe, eines Fos­sils, einer Flüssigkeit ist gleich­gültig, wer sie wann unter welchen Umständen vornimmt. Wer hingegen die Psyche einer Person erkundet, widmet sich Eigenschaften, die hochgradig situationsabhängig sind. Vier Tage vor dem Kliniktest war No­ra ihr Handy gestohlen worden. Nachdem der Dieb darin mehrere Nacktfotos von ihr entdeckt hatte, postete er sie, mit geknacktem Passwort, auf ihrer Facebook-Seite und verschickte sie, mit obszönen Kom­mentaren versehen, an alle ihre Verwandten, Freunde, Klassenkameraden und Lehrer, deren Adressen er im Handy gespeichert fand. Diese Bloß­stellung in ihrem engsten sozialen Umfeld hatte Nora zutiefst erschüttert, voller Scham dachte sie aber­mals an Selbstmord. Psychisch belastet war sie schon vorher gewesen; doch dieser Vorfall vergrößerte ihr Elend dramatisch. Dass eine Neurosenmessung, die inmitten einer derartigen Krise stattfindet, Spitzenwerte ergibt, liegt auf der Hand. Übersieht oder verharmlost der Vater, dass bei Nora tatsächlich etliche ­klinische Merkmale einer Depression vorliegen? Wie kann er die Schlüsse be­zweifeln, die Psychiater daraus ­ziehen? „Gegenfrage“, erwi­der­te mir Martin: „Wie kann ein noch so erfahrener Experte meine Tochter besser kennen als ihr Vater, der sie all ihre bisherigen achtzehn Lebensjahre lang nicht nur fürsorglich begleitet, sondern auch aufmerksam beobachtet hat? Seit Noras Elternhaus kaputtging, führe ich Tagebuch über ihre weitere Entwick­- lung. Würden Sie es lesen, so fänden Sie zu beinahe jedem der über 2000 Tage, die seither ­vergangen sind, einen Eintrag über sie. Dieses Kind kenne ich besser als irgendwer sonst, keiner kann mir das ausreden. Und die klinischen Kriterien einer Depression“, fährt Martin fort, „sehe ich bei ihr definitiv nicht erfüllt. Keineswegs ist sie durchgängig niedergeschlagen und traurig ­gestimmt, unabhängig von Umständen und Situatio­nen. Jegliche Freude und Interesse hat sie nicht im entferntesten verloren. Sie ist durchaus nicht ohne jeglichen Antrieb. Weiterhin sucht und genießt sie ­aus­giebig Kontakte zu Freun­den, Verwandten und Bekann­ten, liebt Pubs und Parties, Shoppen und fein essen gehen. Sie verabredet sich gerne, empfängt gerne Besucher. Sie ist stolz auf ihr neues, riesiges ­Rü­cken-Tattoo und darauf, dass es in Kürze bei einer großen Fachmesse auf der Bühne prä­sentieren darf, wobei sie für ein Magazin fotografiert wird. Daheim hält sie eher viel besser Ordnung als noch vor einem halben Jahr. Sie streicht ihre Woh­nung neu und freut sich über das Er­gebnis. Weiter­hin zeichnet und fotografiert sie mit Leidenschaft, und gelegentliche bezahlte Aufträge aus ihrem Bekanntenkreis, die sie zügig und gewissenhaft ­erledigt, machen sie stolz. Vor zwei Wochen genoss sie, fröhlich und ­aus­-geglichen, einen dreitägigen Ausflug mit mir nach Düsseldorf und Köln. Sie sucht und genießt Sex­kontakte. Sie sehnt sich nach einem Freund, hält Ausschau und ‚‘testet’ ­etliche Kandidaten. Zwischendurch ist sie immer wieder mal verliebt, ­zuletzt in ihren charmanten Tätowierer. Sie bastelt, gemeinsam mit einem Bekann­ten, an einer eigenen Homepa­ge, auf der sie ihre Werke präsentieren kann. Sie freut sich auf einen bezahlten Hairsty­ling-Termin, bei dem ihr ein Top­coiffeur eine neue Frisur ver­passen will, für einen ­Wer­be­­ka­ta­log. Sie nimmt interessiert Anteil daran, was ihre Freunde und Verwandten tun, denken und fühlen. Arbeiten, die ihr Spaß machen, ­erledigt sie stundenlang hochkonzentriert. Undsoweiter.“ „Kurzum“, schlussfolgert Martin: „Die psychiatrischen Haupt­kriterien einer ‘depressiven Episode’ sind in keiner Weise erfüllt. Allenfalls, das gebe ich zu, bestehen ein paar Begleitsymptome. Innere Un­ru­he. Mangelndes Selbstwertbewusstsein. Schuldgefüh­le, vor allem gegenüber ihrem Vater. Pessimistische Zukunfts­­per­spekti­ven. Schlafstörungen - monatelang konnte sie nachts nicht ein­schlafen, wohingegen sie neuerdings ständig müde ist. Zeitweilige Gefühllosigkeit (‘Kann nichts mehr richtig empfinden’). Mal zu großer Appe­tit, mal gar keiner. All das recht­fertigt die Diagno­se aber nicht im entferntesten. Dazu verführen ließen sich Ärzte, weil sich No­ra in der Anamnese-Situation offenbar weitaus kranker und hilfsbedürftiger darstellte, als ich sie tatsächlich erlebe.“ Aber warum liegt Nora so viel daran, als dringendst behandlungsbedürftig dazustehen? „Wo­möglich, weil sie sich da­durch entlastet“, vermutet ihr Vater. „Ihr subjektiver Krank­heits­gewinn könnte da­rin be­stehen, ihre Schuld- und Versa­gensgefühle zu mildern: ‚‘Je schwerer ich krank bin, desto weniger kann mich mein Dad – und ich mich selbst – da­für verantwortlich machen, was ich in den ­vergangenen anderthalb Jahren aus meinem Leben gemacht habe: Ich war stinkfaul, habe nie richtig ge­lernt, habe unentwegt die Schu­le ­geschwänzt. Mein erstes Schul­halbjahr habe ich dadurch verbockt, dass ich in jeder frei­en Minute meine ‚‘große Lie­be’ genossen habe; das zweite Halbjahr, weil ich dieser Liebe un­- ent­wegt hinterherschmachtete, nachdem sie in die Brüche gegangen war; und das soeben zu Ende gegangene dritte, weil ich null Bock hatte, mich in Computerprogramme ein­zuarbeiten. Ich habe auf ganzer Li­nie versagt. Aber als Fall für die Psychiatrie kann ich daran nicht schuld sein, ich brauche kein schlechtes Gewissen zu haben, und Dad kann mir keine Vorwürfe machen.’ Der kläglich gescheiterte Nikotinsuizid passt dazu: ‘Wenn die Welt sieht, dass ich sogar zu so et­was fähig bin, muss sie mir end­lich glauben, wie furchtbar schlecht es mir geht.’ Könnte der ­gewaltige Leidensdruck, den vermeintliche Experten wahrzunehmen meinen, nicht Teil eines Rollen­spiels mit dem Titel ‘Ich, das Opfer’ sein, in das Nora sich hineinsteigert, wenn sie interviewt und getestet wird?“ Andererseits räumt der Vater durchaus ein, dass sein Kind schleunigst Hilfe braucht. Wenn nicht aufgrund einer „höchstgradigen depressiven Episode“ – weshalb dann? Auf diese Frage hin imponiert mir Nichtpsychiater Martin aufs Neue mit einer mustergültig differenzierten Einschätzung. „Zum einen belasten Nora weiterhin Erinnerungen daran, wie oft und grausam sie im Kindergarten und drei Schulen gemobbt wurde. Wann immer sie sich irgendwo unverstanden, abgewertet, unbeachtet, abgelehnt fühlt, leben diese Erinnerungen wieder auf.“ Zudem sei sie „hypersensibel, deshalb besonders leicht zu verletzen. Es mangelt ihr Selbstbewusst­sein, ­mitbedingt durch eine nör­gelnde, herrische, verbitterte, rachsüchtige Mutter, eine überhebliche Schwester, schikanöse Klassen­kameraden. Ihre Fru­strations­toleranz ist gering: Kritik nimmt sie grundsätzlich persönlich und empfindet sie als be­leidigend. Sie neigt dazu, vor ­Herausforderun­-gen davonzulaufen, statt sich ihnen zu stellen. (‘Das ist zu schwer für mich’, ‘Das schaffe ich ja doch nicht’.) Obendrein macht ihr zu schaffen, was Psychologen ‘Desorganisation’ und ‘Selbst­regulati­ons­schwäche’ nennen würden, nahe am ­sogenannten ‘Messie-Syn­drom’ – „und dies“, räumt Martin zerknirscht ein, „ruht zu einem ­Großteil von Erzie­hungsfehlern her. Meine Frau und ich hatten ihr ein ­extrem un­strukturiertes Elternhaus ge­boten. Es brachte Nora leider nicht bei, Dinge selber auf die Reihe zu bringen, planmäßig und zügig, statt der Aufschieberitis zu fröhnen. Auch mangelt es ihr an Ehrgeiz; für sie geht nichts über Ge­nießen, und was nicht unmit­tel­bar angenehm ist, wird eher gemieden, ‚‘darauf habe ich keinen Bock’.“ „All dies“, so glaubt der Vater felsenfest, „wäre mit einer einfühl­samen Wegbegleitung durch echte Freunde, auch durch mich selbst durchaus in den Griff zu bekommen. Eine Inter­nie­rung in Form eines statio­nären Klinikaufenthalts ist da doch eher kontraproduktiv. Denn sie verstärkt Noras fatales Grund­gefühl, sie selbst sei zu schwach, mit dem Leben klarzukommen, weshalb sie sich von ­Fachleuten, die sie vorgeblich besser kennen als sie selbst, an die Hand nehmen lassen muss.“ Zur Stressreduktion hat Martin ­inzwischen schon seinen Teil bei­getragen: „Seit ein paar Ta­gen weiß Nora von mir: Mit meinem Einverständnis kann sie die Akademie ­verlassen, in ihre belastende Klasse braucht sie nicht mehr zurückzu­kehren. Sie darf sich eine andere ­Be­rufsausbildung suchen, die ihr eher zusagt. Auch künftig unterstütze ich sie finanziell. Ih­re Woh­nung darf sie be­hal­ten. Und vor allem habe ich ihr überdeutlich klargemacht: Weiterhin liebe ich sie über alles. Ich bin ihr keineswegs böse und maßlos enttäuscht. Vielmehr verstehe ich jetzt, warum sie die Lust aufs Lernen verlor und verzweifelt war.“ Somit sind nach Martins plausib­- ler Einschätzung „mittlerweile mehrere der schwerwiegendsten Belastungsfak­to­ren entfallen. Nora hat ab sofort viele gute Grün­de, auf­zuatmen. Das wird sie in nächster Zeit realisieren - und sich bestimmt wie erlöst fühlen. Falls eine Diagnostik erst in ein, zwei Monaten stattfände, würde sie mit Sicher­heit zu ganz ­anderen Ergebnis­sen, einerlei ob mit professioneller Psycho­therapie oder ohne sie.“ Trotzdem zog es Nora in die Kli­nik, von der zweiten Febru­ar­woche 2015 an war sie stationär untergebracht. Ging es ihr dort etwa nicht gut? „Doch, durchaus“, räumt Mar­tin ein. „Wann immer ich sie be­suchte, wirkte sie ausgeglichen, zufrieden, zuversichtlich, zumeist vergnügt und zu jedem Späß­chen aufgelegt. Ihre Stim­mungs­tiefs wurden seltener, Schlaf- und Essverhalten be­gannen sich zu normalisieren. Die spannende Frage lautet für mich aber, weshalb. Ich meine, aus zwei Gründen: ­Erstens profitiert Nora schlicht von der sich selbst erfüllenden Prophe­zeiung, ausschließlich hier fän­de sie Hilfe. Zweitens atmet sie auf, weil sie meinen Erwar­tungs­druck und die Angst, mei­ne Liebe und Unter­stüt­­zung zu verlieren, losgeworden ist. Bietet eine psychiatrische Klinik meiner Toch­ter denn über synthetische Drogen hinaus irgend­etwas, was sie nicht auch von einem ‘Auswege’-Camp ha­ben könnte? So gut wie alles, was dort mit ihr stattfindet, kenne ich vom Konzept Ihrer The­rapiecamps her: Tapetenwechsel. Ständig greifbare, zugewandte Ansprechpartner. Enger Kontakt mit Leidensgenossen. Ein klar strukturierter Tagesablauf. Ab und zu ein sinnvoller Zeitvertreib. Kein Internetzugang. All das“, lobt der Vater, „ist prima und sinnvoll, meiner Tochter tut es bestimmt gut. Aber hätten ihr das nicht ebensogut Ihre Camps bieten können?“ „Haben Sie diese Frage Ihrer Tochter gestellt?“, erkundige ich mich. „Natürlich. Die Camps Ihrer Stiftung kennt sie inzwischen aus dem Internet. Doch sie bevorzugt ‘Fachleu­te’, sagt sie. In den Camps hingegen trifft man keine Psychiater und Psychologen an, wie sie herausgefunden hat. Und ‘du als Vater stehst mir zu nahe, du hängst zu arg an mir. Ich traue dir nicht zu, dass du mich objektiv beurteilen kannst’, so erklärte sie mir“. Da dürfte sie sich täuschen. Nicht bieten würden wir Nora hin­gegen eine medikamentöse Versorgung: Wir hätten ihr kein Neuro­­leptikum wie Quetiapin verabreicht, von dem sie gleich nach ihrer Ein­weisung täglich 50 mg schlucken musste. „Mir helfen diese Pillen enorm“, schwärmte Nora anfangs – „sie schieben negative Gedanken nach hinten, wenn sie in mir hochkommen“. Von einer indikations­spezifischen Therapie kann hierbei allerdings keine Rede sein: Quetiapin zählt zu jenen chemischen Breitband­-Ruhig­stellern, die in den Gehir­nen vieler, die aus unterschiedlichsten Gründen psychisch down sind, entspannende und angstlösende Wir­kungen entfalten. Nach unseren zwei langen Begegnungen stand für mich fest, dass Noras Vater mitnichten übertrieb: Niemand kennt sein Kind besser als er. Niemand sieht klarer, was ihm fehlt und woran das liegt. Niemand weiß besser, wie ihm zu helfen wäre. „Hat denn irgendein Arzt oder ­Psychologe, der in der Klinik mit ihrer Tochter befasst war, Sie zu einem Ge­spräch eingeladen?“, ­erkundigte ich mich. Daraufhin ­lächelte er gequält: „Kein einziges Mal - obwohl ich das mehrfach anbot.“ Keine zwei Wochen befand sich Nora in der Klinik, als mir ihr Vater erstaun­liche Neuigkeiten zu berichten hatte. Sie unterstrichen, wie treffend er sein Kind eingeschätzt hatte: „Schon nach fünf Tagen wurde ihr eine ‘weiße Karte’ ausgehändigt, mit der sie die Station jederzeit ohne Begleitung ­verlassen durfte. Drei Tage später bekam sie die Erlaubnis, wieder in ihrer Wohnung zu übernachten.“ So viel Freiheit für eine angeblich Schwerstdepressive, die akut selbstmordgefährdet sein soll? „Nora ­berichtete mir von einem weiteren Diagnose­test. Der habe bessere Werte ­ergeben. Außerdem habe der Ober­arzt eingesehen, dass ‘die The­rapien hier offenbar nicht ganz das Richtige für dich sind’. Daraufhin gab sie schlagfertig zurück­: ‘Welche ­Therapien denn? Es haben doch gar keine stattgefunden. Ich bekam bloß Tabletten. Ganze drei Mal sprach ein Psycho­lo­ge kurz mit mir, nie länger als 45 Minuten. Und Sie haben zweimal pro Woche bei mir zur ‘Visite’ vorbeigeschaut, nach ein paar Minuten waren Sie schon wieder weg. Die sogenannte ­Ergotherapie bestand darin, dass ich Tag für Tag eine Stunde lang mit den übrigen Sta­tionsinsassen in einem größeren Raum zusammensitzen und auf Kommando irgendetwas zeich­nen sollte. Das Essen war ein Fraß. Und schlafen konnte ich schlechter als vorher, nachdem man mir eine nach ranzigem Kü­chen­fett stinkende Türkin um die Sechzig ins Zimmer gelegt hat, die unentwegt schnarch­te, bei eingeschaltetem Licht und lautem Radio.’“ Noras Ver­trau­­en in die ­Psychiatrie blieb al­lerdings intakt: „Ich lasse mich jetzt ambulant weiterbehandeln“, mit Gesprächs- und ­Ver­hal­tenstherapie. Was brachten ihr die zweieinhalb Klinik­wo­chen? „Eine neue Freundin. Mehr Selbstdisziplin beim Es­sen und meinen Schlafens­zei­ten. Und mehrere Kilos zusätzlich, wegen dieser blöden Tab­letten. Die setze ich sofort ab.“ Ist sie vorab denn nicht über die Neben­wirkun­gen von Quetiapin aufgeklärt ­wor­den? „Mit keinem Wort.“ Was brachte die ambulante Weiter­betreuung? Sie bestand aus einer einzigen Sitzung - danach brach Nora eigenmächtig ab. „Das brauche ich jetzt nicht mehr“, entschied sie. Denn unverhofft taten sich zwei Lichtblicke auf: eine neue, schönere Wohnung, dank welcher sie ihr bisheriges Zuhause voller schlechter Erinnerungen hinter sich lassen konnte. Obendrein ein Job in einem Eiscafé, in dem sie eine perfekte Umgebung vorfand, mit netten Kollegen und einer Chefin, die sie sofort ins Herz schloss und beinahe wie eine eigene Tochter ­behandelte. Dort verdiente sie prächtig, so viel, dass sie davon zum ersten Mal in ihrem jungen Leben ihren gesamten Unterhalt ganz alleine bestreiten könnte, unabhängig von elterlichen Zuschüssen. Darauf war sie mächtig stolz. Seit sich Nora eigenmächtig von der modernen Psychiatrie verabschiedete, sind bis Redaktionsschluss dieses Buches zwei Jahre vergangen. Weiterhin geht es der jungen Frau prächtig - ohne eine einzige weitere Therapiesitzung, ohne irgendein Psychopharmakon. „Wenn ich sie gelegentlich auf ihre Krisenzeit anspreche“, so der Vater, „dann lächelt sie nur: ‘Ach Dad, wie kann denn irgendwer ernsthaft glauben, dass ich jemals ‘psychisch gestört’ war?’“ (Harald Wiesendanger) Dieser Beitrag stammt aus der 10-bändigen Schriftenreihe Psycholügen von Harald Wiesendanger, Bd. 10: Der Psychofalle entkommen (2018)

  • Dem Druck standhalten

    Impfen – ja oder nein? Kaum ein anderes Gesundheitsthema wird so kontrovers diskutiert wie das Impfen. Eine übermächtige Allianz von Schulmedizinern, Pharmaindustrie, Zulassungs- und Aufsichtsbehörden, Politikern und Journalisten tut so, als bedürften Skeptiker dringend der „wissenschaftlichen Aufklärung“, seien dumm und verantwortungslos. Zwischen den Fronten ringen verunsicherte Eltern mit der Gewissensfrage, womit sie sich und ihr Kind größeren Risiken aussetzen: durchs Impfen oder den Verzicht darauf? Verhält es sich mit dem Impfen denn nicht wie mit dem Stillen, Wickeln oder Taufen? Als es uns widerfuhr, konnte uns keiner fragen, ob wir es überhaupt wollen. Das entschieden unsere Eltern für uns, denn es schien ihnen zu unserem Besten. Aber wussten sie es? Dass Muttermilch, Windeln und Weihwasser der Gesundheit abträglich sind, kommt freilich eher selten vor. Das unterscheidet sie gewaltig von Impfungen. Ohne informierte Zustimmung eines Betroffenen oder seiner gesetzlichen Vertreter wird das Injizieren eines Serums, wie jeder medizinische Eingriff, zum Straftatbestand der Körperverletzung. Ihr Einverständnis geben Eltern im Vertrauen auf den Kinderarzt. Der versichert ihnen, Impfen schüt­ze und sei unbedenklich. Aber woher weiß er das? Er verlässt sich auf die Meinungsführer seines Fachs, auf Lehrbücher, auf veröffentlichte Studien in Fachzeitschriften, auf Vorträge bei Kongressen und Fortbildungsveranstaltungen, auf Verlautbarungen von Zu­lassungs- und Aufsichtsbehörden, auf Empfehlungen von Kom­­missionen, auf Leitlinien seiner Fachgesellschaft. Presse, Funk und Fernsehen machen, belämmernd recherchefrei, diesen Expertenkonsens zur öffentlichen Meinung. Willfährige Regierungen und Parlamente gießen ihn in Auflagen zur Beratungspflicht oder gar in Gesetze zum Impfzwang, vermeintlich zum Wohle der Volksgesundheit. Weil all diese Institutionen einmütig das „Sicher-wirksam-gut-verträglich“-Mantra anstimmen, mutet Impfskepsis abwegig an, medizinisch ahnungslos, geradezu dumm, obendrein verantwor­- tungs­los. Wer Bedenken äußert oder auch nur naheliegende Fragen stellt, erscheint aufklärungsbedürftig. Beharrt er, statt sich umstimmen zu lassen, so wird ihm mächtig bange gemacht: „Falls du dein Kind ungeimpft lässt, riskierst du, dass es schlimm erkranken wird, womöglich unheilbar!“ Und er steht als fahrlässiger Verräter am Gemeinwohl da: „Ungeimpfte stecken Andere an!“ Diesem immensen Druck aus allen Richtungen geben die meisten Eltern kleinlaut nach. Und falls ihre Kinder die Impfungen schadlos überstehen, sehen sie sich im Gefühl bestätigt, richtig entschieden zu haben. In Wahrheit haben sie mit ihrem Nachwuchs Russisches Roulette gespielt. Die Augen geöffnet haben mir schreckliche Schicksale, mit denen ich in den Therapiecamps meiner Stiftung Auswege reihenweise konfrontiert worden bin. In beinahe jedem von mittlerweile rund 30 Camps begegnete ich Kindern, die von Geburt an kerngesund gewesen waren und sich prächtig entwickelt hatten – bis man sie impfte. Danach verwandelten sie sich in körperlich Schwerstbehinderte. Sie entwickelten Neurodermitis und Asthma, Enzephalopathien und andere Hirnschäden, Lähmungen und Spastiken, Immunschwächen und Autoimmunerkrankungen. Sie wurden apathisch und unruhig. Sie schrien unstillbar. Sie erlitten anaphylaktische Schocks, schwere Unverträglichkeitsreaktionen auf körperfremdes Eiweiß, mit dem die Impfstoffe verunreinigt waren. Ihr Wesen veränderte sich. Ihre geistige Entwicklung blieb stehen. Sie wurden zu Epileptikern und Autisten, zu Diabetikern, Allergikern und Rheumatikern. Allein im September 2013, im 12. „Auswege“-Camp in Lützensömmern 30 km nördlich von Erfurt, bekam unser Helferteam mit drei Fällen von offenkundigen Impfschäden zu tun. (1) - Bei der 20 Monate alten Miriam* wurde im April 2012, vier Monate nach ihrer Geburt, kurz nach einer Impfung ein West-Syndrom festgestellt: eine seltene, besonders schwer zu behandelnde Form von Epilepsie. Typischerweise führt sie zu „BNS-Anfällen“ („Blitz-Nick-Salaam“), die drei Besonderheiten aufweisen: blitzartig auftretende Myoklonien – rasche, unwillkürliche Muskelzuckungen - mit gebeugten Extremitäten, insbesondere der Beine (Blitz-Anfall); krampfartige Beugung des Kopfes (Nick-Anfall); Hochwerfen und Beugen der Arme, wobei die Hände vor der Brust zusammengeführt werden und der Rumpf gebeugt wird (Salaam-Anfall). Stationäre Behandlung mit mehrerlei Antiepileptika machten das Mädchen kurzzeitig anfallsfrei, bald traten jedoch wieder mehrere Anfälle pro Tag auf. Erfreulicherweise verschwanden sie im April 2013, nach homöopathischer Behandlung und Akupunktur, so dass die Kleine bereits anfallsfrei ins Camp kam. Jedoch brachte sie eine deutliche Entwicklungsverzögerung mit, wie sie bei Kindern mit dem Einsetzen einer Epilepsie typischerweise einhergeht: Mit ihren knapp zwei Jahren konnte Miriam noch immer nicht sitzen, nicht einmal krabbeln. - Noch mit drei Monaten war Ella*, jetzt Drei, ein gesundes, völlig normal entwickeltes Baby gewesen – bis sie siebenfach geimpft wurde, trotz vorliegender Pilzinfektion. „Kurz nach der Impfung“, erinnert sich ihre Oma, „begann Ella heftig und langanhaltend zu schreien. Ein Fuß schwoll an“, am ganzen Körper traten Hauteinblutungen auf. „Ellas Sprachvermögen entwickelte sich sehr langsam, auch heute ist es auf wenige Worte beschränkt. Sie hört und versteht aber alles.“ Im Kindergarten „fügt sie sich gut ein, kann jedoch viele Beschäftigungen nicht mitmachen, da sie nicht sprechen kann. Zusätzlich zu den wenigen einfachen Wörtern, die sie spricht, hat sie eine ‚eigene Sprache’ entwickelt und versucht sich so zu verständigen.“ Nach und nach entwickelte sie „Verhaltensauffälligkeiten, die ihr Umfeld sehr belasten, wie lange Schreiattacken, Aggressionen, Trotz, Wut, Treten, Beißen, Kratzen, Spucken“. Kürzlich stellte ein Heilpraktiker, der den Verdacht eines Impfschadens bestätigte, „autistische Verhaltensweisen“ fest; im Laufe seiner homöopathischen Behandlung „hat sich Ellas Verhalten etwas normalisiert“. Allerdings könne sie weiterhin „kaum Empathie empfinden“. - Wegen einer tiefgreifenden Entwicklungsstörung mit „cerebellarer Ataxie“ - einer Störung der Bewegungskoordination, die durch krankhafte Veränderungen im Kleinhirn (Cerebellum) ausgelöst wird – ist Thomas* (11) seit seinem fünften Lebensmonat bei einer Kinderärztin in Behandlung. Obwohl die ersten Anzeichen auftraten, kurz nachdem der Kleine geimpft worden waren, sprechen Mediziner von „unklarer Genese“. „Der Junge“, so attestierte die Kinderärztin im Mai 2013, „zeigt erhebliche fein- und grobmotorische Störungen.“ Bei Erregung trete „ein erheblicher Intensionstremor“ auf – die Gliedmaßen zittern bei einer zielgerichteten Bewegung -, „so dass einfache Handfunktionen fast nicht möglich sind. Die Kommunikation mit Fremdpersonen ist erheblich gestört, in der Familie gibt es interne Verständigungsmöglichkeiten. Sprachliche Elemente sind nur ansatzweise vorhanden.“ Die Eltern müssen Thomas „durch den Alltag begleiten: aus- und ankleiden, waschen, windeln, ersatzweise füttern“. Immer noch ist Thomas inkontinent. Zwei weiteren Fällen von offenkundigen Impfschäden, die mir unvergesslich geblieben sind, begegnete ich im 16. „Auswege“-Camp, das im August 2014 in Oberkirch/Schwarzwald stattfand. (2) - Bis zu ihrem fünften Lebensjahr war Svenja* (* Pseudonym), nunmehr Elf, „ein kerngesundes Kind“, wie die Eltern versichern. Umso entsetzter waren sie im Sommer 2008 über eine fatale Dia­gnose: „zerebrale Vaskulitis“, eine Entzündung der Hirngefäßwände, mit begleitenden Beschwerden wie Kopfschmerzen, Erbrechen, Müdigkeit, Gewichtsabnahme, Konzentrationsstörungen, neurologischen Ausfällen und Wesensänderungen. Bei Svenja führte sie zu einer „deutlichen Teillähmung der linken Körperhälfte“, wie es in einem Befundbericht vom Mai 2013 heißt: „Die linke Hand kann aufgrund der Kraftminderung und eingeschränkten Feinkoordination in Arm und Hand nur eingeschränkt zu Haltezwecken eingesetzt werden. Beidhändige Tätigkeiten können nicht selbständig ohne fremde Hilfe durchgeführt werden. Auch bei einhändigen Tätigkeiten, z.B. Schreiben, hat Svenja Probleme, da das Fixieren des Blatts mit der linken Hand nur eingeschränkt gelingt. Aufgrund der Kraftminderung des linken Beines besteht eine deutliche Störung der Bewegungsabläufe und des Gleichgewichts.“ Erste Symptome beobachteten die Eltern „drei Monate nach einer Masernimpfung“, die erfolgte, obwohl das Mädchen zeitgleich an einer Borrelien-Infektion litt. „Danach begann eine Odyssee für uns: Zuerst hieß es ‚psychische Ursachen’, dann ‘Borreliose’, schließlich ‘zerebrale Vaskulitis’. Als die Dia­gnose stand, bekam Svenja sehr hochdosiert Kortison, was für uns alle ein regelrechter Horrortrip war, ihr sehr geschadet hat und letztlich keinen Nutzen brachte.“ - Mit vier Wochen hatte Katja*, inzwischen 15, eine Mehrfachimpfung erhalten. Kurz darauf fiel den Eltern auf, dass ihre geistige und körperliche Entwicklung verzögert verlief. Bis heute fand kein Arzt eine organische Ursache dafür, weshalb „keine wirkliche Therapie stattfand, sondern bloß Symptome behandelt wurden“. Vor allem Katjas sprachlicher Rückstand ist groß: Sie versteht recht viel, spricht aber nicht. Häufig zeigt sie autoaggressives Verhalten. Das Mädchen trägt noch Windeln. Katjas Feinmotorik funktioniert schlecht, die Bewegungsabläufe sind spastisch beeinträchtigt, der rechte Fuß dreht beim Gehen stark nach innen. Zudem liegt eine Seh- und Hörschwäche vor. In jedem Fall erreichte das „Auswege“-Therapeutenteam während der Campwoche mit unkonventionellen Heilweisen immerhin leichte Veränderungen: Die Motorik besserte sich, die Kinder griffen und liefen sicherer, wirkten etwas aufmerksamer und wacher, sprachen ein wenig mehr. Aber wie viel wiegen solche Minifortschritte, gemessen an dem unumkehrbaren Verlust ihrer Gesundheit, ihrer Zukunft? „Das Tragische an jeder Erfahrung ist, dass man sie erst macht, nachdem man sie gebraucht hätte“, wusste Nietzsche. Solche haarsträubenden Schicksale waren es, die den Anstoß gaben, das Buch Die Impflüge herauszubringen – und zum Selbstkostenpreis abzugeben, um möglichst viele zu erreichen, die seine Orientierungshilfen gut gebrauchen könnten. Hervorgegangen ist es aus einer Artikelserie im Informationsjournal Aegis Impuls, welche die deutsche Sozialpädagogin Anita Petek-Dimmer verfasste, Mutter zweier Kinder und eine der bekanntesten und aktivsten Impfkritikerinnen im deutschsprachigen Raum. (Dazu wurde sie nach einer heftigen Auseinandersetzung mit einem Arzt über das Thema Impfen; daraufhin beschloss sie, sich so gründlich mit dem Thema zu befassen, wie alle Eltern es tun sollten.) Punkt für Punkt setzt sich die Autorin in den folgenden Kapiteln mit den angeblich zwingenden Beweisen von Impfbefürwortern auseinander – und stellt ihnen bedenkenswerte Argumente gegenüber. Nach der Lektüre kommt man schwerlich um den Schluss herum: Kein Vater, keine Mutter stimmt jemals einer Impfung wahrhaft informiert zu. Sie werden getäuscht. Vom ganzen Ausmaß der Risiken und Gefahren, von begründeten Zweifeln am behaupteten Nutzen, von alarmierenden Forschungsergebnissen, von triftigen wissenschaftlichen Einwänden erfahren sie ebensowenig wie davon, dass zu den Skeptikern immer mehr Ärzte zählen; allein im 2006 gegründeten Verein „Ärzte für individuelle Impfentscheidung“ (3) haben sich mittlerweile mehrere hundert von ihnen zusammengeschlossen. Impfkritischen Ärzten ist klar: Offiziellen Zahlen über „vernachlässigbar seltene“ Impfschäden im statistischen Promillebe­reich ist nicht zu trauen. Nur jeder 20. Fall wird überhaupt gemeldet, wie Experten einräumen4, unter ihnen ein ehemaliger PEI-Mitarbeiter (5). Entwarnungen stützen sich weitgehend auf Studien der Hersteller - und diese treiben naheliegende Motive um, Gefahren herunterzuspielen, geschäftsschädigende Erkenntnisse unter den Teppich zu kehren. Kaum je dauern diese Studien länger als ein paar Wochen und Monate; Impfschäden hingegen können erst Jahre später auftreten: etwa Allergien, ein Diabetes mellitus, Entwicklungsstörungen, neurologische Erkrankungen wie MS. Der „wissenschaftliche Nachweis eines ursächlichen Zusammenhangs“ ist dann schwerlich zu erbringen, die Forderung danach ein durchsichtiges Ablenkungsmanöver. Wären Impfungen unbedenklich: Wieso bekommen Eltern den Beipackzettel kaum je zu sehen? Ihnen würden die Haare zu Berge stehen. Was in „modernen“ Impfstoffen steckt, kann schwerlich „gut verträglich sein“: von jeder Menge chemischer Stabilisatoren, Neutralisatoren, Konservierungsmittel, Trägersubstanzen und Farbstoffen über Verunreinigungen aus Nähr­­böden bis hin zu schlimmsten Nervengiften wie Queck­silber und Aluminiumverbindungen. Dass blindwütige Impferei kleine Kinder noch weitaus stärker gefährdet als Erwachsene, liegt für jeden, der im Biologieunterricht aufgepasst hat, auf der Hand. Die lebenswichtige „Blut-Hirn-Schranke“, die das Eindringen von Giften und anderen Fremdstoffen verhindert, ist bei ihnen noch nicht fertig ausgebildet. Auch werden sie ohne die erst entstehenden Myelinhüllen geboren, welche die Nervenstränge ummanteln und schützen. Warum warnen selbst viele Impfbefürworter davor, Kinder vor dem dritten Lebensjahr impfen zu lassen? Wieso dringen solche Sachverhalte nicht durch? Warum wird jede Sachdiskussion im Keim erstickt? Im aggressiven Umgang mit Impfskepsis, im rigorosen Unterdrücken abweichender Meinungen verrät sich die Natur eines Gesundheitssystems, das umso kranker wird, je bereitwilliger es die Interessen seiner Profiteure bedient. Aus einem Marketingtopf von mehreren hundert Milliarden Dollar pro Jahr schöpft die Arzneimittelindustrie mühelos die nötigen Werbe-, Druck- und Schmiermittel, um sich alle wichtigen Akteure gefügig zu machen – und geschäftsschädigende Kritiker als „Verschwörungstheoretiker“ zu verhöhnen, mit Rufmord zu überziehen, der Lächerlichkeit preiszugeben, notfalls beruflich zu vernichten. Von der Tumortherapie über die Psychiatrie bis zur Infektionsbekämpfung: Auf jedem Fachgebiet der Medizin stehen astronomische Gewinnspannen auf dem Spiel, die Big Pharma nach allen Regeln der freien Marktwirtschaft, und oftmals jenseits davon, mit Klauen und Zähnen zu verteidigen weiß. Allein Impfstoffe sorgten im Jahr 2016 weltweit für einen Umsatz von 27,5 Milliarden US-Dollar. (6) Auch Anita Petek-Dimmer (1957-2010) entkam nicht der Hexenjagd auf Abweichler. Zeitlebens, und über ihren Tod hinaus, wurde sie als „Medizinlaiin mit offenkundig fehlender Kompetenz“ (7) verunglimpft – als eine „durchgedrehte, hysterische Hausfrau“, die sich „einen besseren Zeitvertreib suchen könnte, als traurigen Weltverschwörungen anzuhängen, die auch noch unnütz tote Kinder zur Folge haben“. (8) „Mit ihrer Weltbild-Kapsel“, so ätzt ein Blogger, habe sie sich „völlig vom Mutterschiff der Realität abgekoppelt und schwebt nun ohne Sicherungsleine durch den freien Raum der Fantasie“. (9) Den Systemkritiker der Lächerlichkeit preiszugeben, indem man ihn zum wirren „Verschwörungstheoretiker“ stempelt, zählt zu den beliebtesten Totschlag-Argumenten von Pharmalobbyisten, um Sachdiskussionen abzuwürgen. Dadurch gerät er in eine Schub­­lade mit Zeitgenossen, die tatsächlich nicht ganz bei Trost scheinen: Unbeirrbar halten sie die Mondlandung für eine Hollywood-Inszenierung, die Evolutionstheorie für eine Erfindung von Gottlosen, Elvis für untot und Angela Merkel für ein außerirdisches Reptil. Ein Verschwörungstheoretiker mutmaßt fakten­resistent über dunkle Mächte als Schuldige, deren Machenschaften er allein durchschaut, wäh­rend dem verblendeten Rest der Mensch­heit der Durchblick fehlt. Wer sich nicht dagegen wehren kann, dem Lager solchermaßen Bescheuerter zugerechnet zu werden, scheint selber einer. Und damit ist sein Ruf ruiniert. Seine naheliegenden Fragen gelten nicht mehr als Ausdruck berechtigter Sorge, sondern als Symptom geistiger Verwirrung – er wird zum Fall für den Psychiater. Dafür sorgen Internetportale wie Hoaxilla.com, die Facebook-Gruppe „Nothing but the truth“, der berüchtigte Online-Pranger Psiram und der mit ihm verbandelte Verein „Der goldene Aluhut“, der alljährlich „die dümmste Verschwörungstheorie“ kürt. Zu den Hintermännern von Hoaxilla zählen Sebastian Bartoschek und Bernd Harder, rührige Mitglieder der „Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften“ (GWUP), die ein Vierteljahrhundert nach ihrer Gründung noch immer daran scheitert, gesunde Skepsis und blind­wütigen Skeptizismus auseinanderzuhalten. Mit einem aufklärerischen Sendungsbewusstsein ohnegleichen würdigt diese Rufmordtruppe ebenso pauschal wie aggressiv herab, was ihnen „unwissenschaftlich“ vorkommt. „Man muss den Leuten klipp und klar sagen, dass sie bekloppt sind“, giftet Harder. Denen dürfe man „keinen Zentimeter nachgeben, das wird dir sofort als Schwäche ausgelegt“. Genauso sieht das Rayk Anders, gefeierter YouTube-Star der Anti-Verschwörer und Verfasser der Schmähschrift Eure Dummheit kotzt mich an – Wie Bullshit unser Land vergiftet (2016). „Irgendwann“, so „kotzt“ er zurück, „wirst du wahnsinnig, weil der Markt überschwemmt wird mit diesem Mist.“ (10) In Wahrheit sind es verbohrte Eiferer wie Anders, die es sich in einer zurechtgedachten Parallelwelt gemütlich machen. Es ist eine, in der die Mächtigen aus Politik und Wirtschaft immerzu mit offenen Karten spielen, keine insgeheimen Interessen verfolgen, nur lautere Ab­sich­ten hegen, sich dem Gemeinwohl verpflichtet fühlen, grundsätzlich zu unserem Besten handeln, nichts verschleiern und ver­schweigen, was uns angeht. In dieser besten aller möglichen Welten ist alles so, wie es scheint. Eine Pharma-Mafia gibt es darin ebensowenig wie Watergate, die Korruptionsexzesse der Waffenlobby und Rüstungsindustrie, die globale Datenschnüffelei von Geheimdiensten oder ein Autokartell, in dem sich die fünf Großen von Deutschlands wichtigster Industriebranche insgeheim in mehr als 1000 Treffen von über 60 Arbeitskreisen abstimmten. (11) In unserem kranken Gesundheitswesen besorgt jeder eifernde „Anti-Verschwörer“ letztlich das Geschäft von Big Phar­ma: Seine Dreck­schleu­der erspart ihr, sich selber die Hände schmutzig zu machen. Falls es sich bei der „Verschwörungstheorie“ von Pharma­kritikern um bloße Hirngespinste handelt: Weshalb geben sich alle mächtigen Player des Medizinsystems dann größte Mühe, sie unentwegt zu bestätigen? Wäre das Gesundheitswesen kein Spielball organisierter Kriminalität – warum sieht es dann ganz danach aus? Den schönen Schein entlarven Verschwörungsempiriker: mutige Aussteiger aus Management und Forschung von Pharmakonzernen, aus Zulassungs- und Aufsichtsbe­hör­den, die kriminelle Machenschaften aus nächster Nähe miterlebten. Ihr „Whistleblowing“ kostete sie ihre berufliche Existenz, lässt sie zumindest aber wieder ruhig schlafen. Anita Petek-Dimmer durchschaute das Spiel, und sie ließ sich nicht beirren. Auch insofern bleibt sie ein Vorbild für Eltern. Anstatt der geballten Meinungsmache zu erliegen, dürfen sie nicht aufhören, lästige Fragen zu stellen: Was genau soll meinem Kind da eigentlich gespritzt werden? Schützt es wirklich, wie gut und wie lange tut es das? Sind die Risiken tatsächlich vernachlässigbar gering, Impfschäden die allerseltenste Ausnahme? Sind Geimpfte gesünder? Welche Alternativen zum Impfen gibt es? Solche Fragen in investigativer Wallraff-Manier anzugehen, wäre Sache unabhängiger Medien, der vielbeschworenen Vierten Gewalt im Staat. Doch gerade sie geben bei der Impfthematik ein erbärmliches Bild ab, vorneweg die vermeintlich besonders „seriösen“. Einhellig feuern sie Breitseiten gegen Impfkritiker – gegen „pseudomedizinische Kreuzzügler“, die an „irrationaler Wissenschaftsfeindlichkeit“ leiden, wie das Nachrichtenmagazin Focus weiß. (12) „Dummdreiste, unverantwortliche Ignoranz“, „unwissenschaftlichen Unfug“ wirft ihnen die Süddeutsche vor, Deutschlands auflagenstärkste Tageszeitung. „Ungeimpfte Kinder werden in Gefahr bracht“, warnt das Magazin Eltern alle Mamis und Papis. (13) Das „irrationale und ideologische Verhalten“ der Impfgegner habe „null Toleranz“ verdient, steht für die Frankfurter Allgemeine fest; da helfe „nur noch Zwang“. (14) Oh ja, denn Zwang sei „heilsam“, pflichtet die Welt bei, um Eltern ihre „anti-modernen Reflexe“ auszutreiben, weil „Mahnungen und Zureden auf taube Ohren treffen“. (15) In der Schweiz wütet Ex-Tagesanzeiger-Redakteur Hugo Stamm, vielbeachteter „Sekten“schreck, gegen Impfkritiker als „unheilige Allianz des Irrationalen mit dem Aberglauben“, zu der „primär radikale Esoteriker“ zählen, wie er herausgefunden haben will. (16) Was sind das für Leute, die presseethikfrei blindwütige Kom­­mentare als Ergebnis gründlicher Recherche ausgeben, sich als Aufklärer der Nation aufspielen? Woher beziehen sie ihre Kennt­­nisse, worin besteht ihre Fachkompetenz? SZ-Redakteur Kim Björn Becker, Produzent des „dummdreisten Ignoranz“-Vorwurfs: ein studierter Politologe und Kunstgeschichtler Ende Dreißig, seit 2015 Redakteur im SZ-Ressort Innenpolitik. Seine junge Kollegin, die „Unfug“-Anprangerin Kathrin Zinkant: studierte Biochemikerin, die nach eigenen Angaben über allerlei „schöne Dinge geschrieben hat – von der Versorgung eines Kratzers bis hin zum Krötentunnel“. „Eltern“-Autorin Christine Brasch: freie Journalistin aus Hamburg, nebenbei Projektmanagerin für Printmedien und Internetauftritte. FAZ-Kommentator Rainer Hank: neoliberaler Wirtschaftsjournalist, studierter Litera­- tur­wissen­schaftler, Philosoph, katholischer Theologe. Focus-Redakteur Christian Weber: studierte Politik, Wirtschaft, Soziologie und International Relations. Welt-Scharfschütze Michael Stürmer: Historiker, lehrte als Professor für Mittlere und Neuere Geschichte an der Universität Erlangen-Nürnberg. Hugo Stamm: Lehrerseminarist, abgebrochener Philosophiestudent. Von höchstem medizinischen Sachverstand zeugt keiner dieser Lebensläufe. Ob die Betreffenden selber impfgeschädigte Kinder haben, ist unbekannt. Woher wissen sie eigentlich so präzise und felsenfest, was sie über die grandiosen Vorzüge und vernachlässigbaren Gefahren des Impfens verbreiten? Von Informanten, die ihnen glaubwürdig vorkommen. Für Journalisten, die zu Gesundheitsthemen recherchieren, sind das: die Meinungsführer des medizinischen Establish­ments, das nahezu vollzählig auf den Honorarlisten von Phar­makonzer­nen steht; die Internet-Enzyklopädie Wikipedia, die im Gesundheitsbereich von industrienahen, über Marketingagenturen phar­mafinanzierten Administratoren längst unterwandert ist; pharmanahe Sachbuchautoren; staatliche Institute, Aufsichtsbehörden und Kommissionen, in denen sich niemand hält, der begründeten Befürchtungen nachzugehen wagt; und andere Jour­nalisten, die aus den gleichen Quellen schöpfen. Haben Becker, Stamm & Co. jemals einem warnenden Arzt zugehört, ein impfkritisches Sachbuch auf sich wirken lassen? Begegneten sie jemals einem impfgeschädigten Kind und seinen verzweifelten Eltern? Ließen sie sich von Whistleblowern berich­ten? Ist ihnen klar, wie unbedarft sie je­dem Populisten in die Karten spielen, der die Vierte Gewalt in unserer Demo­kratie kurzerhand als „Lügenpresse“ verunglimpft? Unter solchen Verhältnissen tun Gegengewichte not: Organisationen, die aufklären. In ihrer Wahlheimat Schweiz hatte Anita Petek-Dimmer am Aufbau des impfkritischen Netzwerks AEGIS – ein Kürzel für „Aktives Eigenes Gesundes Immunsystem“ – mitgewirkt. In drei Aus­gaben von dessen (inzwischen eingestellter) Zeitschrift Aegis Impuls (17) setzte sie sich mit dürftigen Bemühungen zweier deutscher Gesundheitsbehörden auseinander, die 20 häufigsten Einwände von Impfskeptikern zu entkräften: des Robert-Koch-Insti­tuts (RKI), der zentralen Überwachungs- und For­- schungs­­­einrichtung der Bundesrepublik Deutschland für Infektionskrankheiten, und des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI) für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel; beide sind direkt dem Bundesgesundheitsministerium unterstellt. Von ihrer Berechtigung, ihrer Brisanz haben Frau Petek-Dim­mers Argumente nichts verloren; jüngste alarmierende Forschungsergebnisse, die sie nicht mehr berücksichtigen konnte, untermauern ihre Skepsis. "Es gibt keine Entscheidung für das Impfen. Denn Entscheidungen setzen Wissen voraus. Und wer weiß, impft nicht!", stand für den 2011 verstorbenen Alternativmediziner Dr. Fritz Roithinger fest. Noch drastischer hatte sich der Arzt Dr. Franz Hartmann, neben Rudolf Steiner einer der Hauptgründer der Theosophischen Bewegung in Mitteleuropa, bereits Anfang des 20. Jahrhunderts geäußert: "Das Impfen ist, wenn man dessen Gefahren nicht kennt, eine Dummheit; wenn man sie kennt, ein Verbrechen." Wer kommt Ihnen glaubwürdiger vor: ein Impfkritiker, dem seine Aufklärungsarbeit keinerlei persönlichen Nutzen, aber jede Menge Hohn und Verleumdungen einbringt - oder eine Industrielobby, der das Impfen ein Multimilliardenbusiness beschert? Bis zum Beweis des Gegenteils besteht der sicherste „Impfschutz“ im Schutz vor Impfern. Anmerkungen * Pseudonyme 1 Auswege Infos Nr. 32, April 2014, http://newsletter.stiftung-auswege.de/ infos32/html/12__auswege-camp_in_thuringen.html. 2 Siehe Auswege Infos Nr. 36, Oktober 2014, http://newsletter.stiftung-auswege.de/infos36. 3 www.individuelle-impfentscheidung.de 4 R. Lasek/B. Mathias/J.D. Tiaden: „Erfassung unerwünschter Arzneimittelwirkungen“, Deutsches Ärzteblatt 88/1991, S. 173-176. 5 Dr. med. Klaus Hartmann: Erfassung und Bewertung unerwünschter Arzneimittelwirkungen nach Anwendung von Impfstoffen - Diskussion der Spontanerfassungsdaten des Paul-Ehrlich-Instituts 1987 bis 1995, Dissertation 1997, S. 15. 6 Nach Statista: „Weltweiter Arzneimittelumsatz im Therapiegebiet Impfstoffe in den Jahren 2013 bis 2016 (in Milliarden US-Dollar)", https://de.statista.com/ statistik/daten/studie/734115/umfrage/weltweiter-arzneimittelumsatz-im-therapiegebiet-impfstoffe, aufgerufen am 2.10.2017. 7 Siehe den Eintrag zu Anita Petek-Dimmer bei der berüchtigten Online-Dreckschleuder Psiram, https://www.psiram.com/de/index.php/Anita_ Petek-Dimmer, aufgerufen am 2.10.2017. 8 Psiram-Blog: „Wenn Hausfrauen durchdrehen“, 24.11.2008, https://blog. psiram.com/tag/anita-petek-dimmer/, abgerufen am 3.10.2017. 9 Michael Hohner: „Die 140 Sünden der Anita Petek-Dimmer“, RatioBlog, 18.12.2009, https://www.ratioblog.de/entry/die-140-suenden-der-anita-petek-dimmer, abgerufen am 3.10.2017. 10 Zit. nach Hannes Vollmuth: „Fight Club“, Süddeutsche Zeitung Nr. 286, 10.12.2016, S. 3. 11 Der Spiegel 30/22.7.2017: „Das Kartell“ 12 Christian Weber: „Die seltsame Welt der Impfgegner“, Focus.de, 1.10.2017. 13 Christine Brasch: „Masernwelle in Deutschland bringt ungeimpfte Kinder in Gefahr“, Eltern.de, 2017. 14 Rainer Hank: „Null Toleranz für die Impfgegner“, FAZ.net, 5.6.2017. 15 Michael Stürmer: „Bei manchen Eltern braucht es den heilsamen Zwang“, Welt.de, 22.2.2015. 16 Hugo Stamm bei www.watson.ch/!479444359, abgerufen am 3.10.2017. 17 Aegis Impuls 32/2007, S. 20-38; 33/2008, S. 18-31; 34/2008, S. 20-34. 18 Siehe www.impfentscheid.ch. 19 Siehe http://www.stiftung-auswege.de/images/downloads/auswege-newsl51.pdf Bei diesem Text handelt es sich um Harald Wiesendangers Vorwort zu dem Buch Die Impflüge – Fragwürdiger Nutzen, verharmloste Gefahren (2017), das eine Artikelserie der Impfskeptikerin Anita Petek-Dimmer präsentiert.

  • Wähler ohne Wahl

    Ein gesundheitspolitischer Programmcheck zur Bundestagswahl 2017. Nichts geht den Deutschen über ihre Gesundheit. Von Meinungsforschern befragt, was ihnen am wichtigsten ist, belegt sie zuverlässig den Spitzenplatz, vor Werten wie Freiheit und Erfolg (1), Partnerschaft und Familie, Arbeit und Wohlstand, Freunden und Frei­zeit. Und erst recht zählt Gesundheit am aller­meisten für jene Abermillionen, die sie verloren haben. Müsste Gesundheitspolitik folglich nicht im Mittelpunkt aller Wahlprogramme stehen, mit denen 48 zugelassene Parteien, so viele wie noch nie seit der Wiedervereinigung, derzeit kostspielig und phrasenhaft wie immer um unsere Stimmen bei der Bundestagswahl am 24. September 2017 werben, dafür 92 Millionen Euro verpulvernd? Wer sich die Mühe macht, sie alle zu sichten, muss ernüchtert feststellen: Tatsächlich tauchen Medizinthemen in nahezu sämtlichen Wahlprogrammen bloß auf hinteren Seiten auf. Um die drängendsten Probleme unseres kranken Gesundheitswesens machen vor allem jene Parteien, die sicher oder wahrscheinlich im Bundestag vertreten sein werden, einen weiten Bogen. Im Wahlkampf streiten sie darüber, an welchen Stellschräubchen der großen Maschine um wieviel Grad gedreht werden darf – anstatt sich an deren überfälligen Umbau zu machen, im Bewusstsein, was sie leisten könnte und sollte. Verzagter, konzeptloser, visionsfreier geht es kaum. Es ist wie immer: Wir dürfen wählen, doch im Grunde haben wir keine Wahl. Ginge es allein um die besten gesundheitspolitischen Absichten, müssten wir das Törichte oder das Aussichtslose tun: nämlich die unsägliche „Alternative für Deutschland“ oder die zwergwüchsige „Deutsche Mitte“ wählen. KLARTEXT ist überparteilich, aber nicht unparteiisch. Wir wünschen uns eine Regierung, eine Parlamentsmehrheit, die nicht Lobbyisten auf den Leim geht, an den Fäden der mächtigen Player in unserem Gesundheitssystem tanzt und deren ökonomische Interessen bedient, sondern verantwortungsbewusst auf eine humanere, effektivere Medizin hinarbeitet, die wahrhaft hilft und heilt, patienten- statt profitorientiert. Und so bedrückt uns die Aussicht, dass die Bundesrepublik insofern auch in der nächsten Legislaturperiode auf der Stelle tritt, egal wer sie regieren wird. Schließen Sie daraus nicht: „Wählen macht keinen Sinn.“ Nichtwählen erst recht nicht. Dann schenken Sie Ihr Kreuzchen halt der separatistischen Bayernpartei, den spirituellen Violetten oder den „Urbanen“, für die alles gut wird, sofern sich Hip-Hop als „globale emanzipatorische Bewegung“ durchsetzt … CDU/CSU. Dass Angela Merkels Union überhaupt zur Wahl steht, sorgt landauf, landab für Verblüffung, denn bekanntlich ist sie alternativlos. Bereitet ihre Devise „Mut zu Deutschland“ einer Ausbürgerungsinitative den Weg: Das Leben in diesem Land ist nix für Zaudernde, Angsthasen und Jammerlappen? Schwerpunkte des Wahlprogramms: 76 Seiten mutloses „Weiter so“. Arbeit für alle, bis 2025 Vollbeschäftigung. Steuerentlastungen um gut 15 Milliarden Euro, schrittweiser Abbau des Solidaritätszuschlags ab 2020. 1,5 Millionen neue Wohnungen in den nächsten vier Jahren. Grunderwerbssteuer beim Kauf des ersten Eigenheims abschaffen. Höhere Kinderfreibeträge; Kindergeld auf 393 Euro pro Monat erhöhen, den Kinderzuschlag für ärmere Familien um 31 Euro. Rechtsanspruch auf Ganztagesbetreuung für Grundschüler. Schulen bekommen 5 Milliarden Euro für Computer und Wlan. 15.000 zusätzliche Polizisten in Bund und Ländern. Den Verteidigungsetat auf zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts erhöhen. Internet überall. Doppelte Staatsbürgerschaft begrenzen. Gleichstellung von Frauen in Führungspositionen „entschlossen vorantreiben“, bis 2025 „abschließen“. Ministerium für Digitalisierung. Gesundheitsfragen tauchen unter den „10 wichtigsten Punkten“ (2) mit keinem Wort auf. Anliegen: keine staatliche Einheitsversicherung, keine aktive Sterbehilfe. Neue Pflege-Bürgerversicherung, mehr Lohn für Pflegekräfte, der Beitrag zur Pflegeversicherung soll „moderat“ steigen. Mehr Steuergelder für Krankenversicherungen; Kassen sollen Prämien rückerstatten müssen, wenn ihre Rücklagen die Mindestreserve um ein Vielfaches übersteigen. Patientenrechte stärken, durch das Angebot „unabhängiger“ und verständlicher Informationen über Versicherungs- und Behandlungsmöglichkeiten, etwa über Internet-Portale. (Auf deren „Unabhängigkeit“ darf man gespannt sein.) Drei Milliarden Euro Forschungsgelder für Behandlungsmöglichkeiten von Krebs, Demenz, Alzheimer sollen fließen. SPD. Im beharrlichen Bestreben, sich der Fünf-Prozent-Hürde von oben anzunähern, tritt die schrumpfsüchtige Splitterpartei mit einem Merkelverhinderungskandidaten an, der für eine weitere Merkel­koalition grundsätzlich offen ist. Schwerpunkte des Wahlprogramms: „Eher legt ein Hund einen Wurstvorrat an als ein Sozi einen ausgeglichenen Haushalt vor“ – Franz-Josef Strauß´ bösen Satz zu bewahrheiten, gibt sich die SPD auch diesmal alle Mühe. Punkten will sie mit dem „Chancenkonto“, einem Guthaben für jeden Bürger zur Weiterbildung und Existenzgründung – als gäbe es nicht schon genügend Förderinstrumente für jeden, der konkret Hilfe benötigt, um auf dem Arbeitsmarkt Land zu sehen. Hätte jeder von uns lediglich 5000 Euro auf seinem „Chancenkonto“ – für Existenzgründer ein Witz - und griffe nur jeder fünfte Bundesbürger darauf zu, so wären allein dafür 80 Milliarden Euro fällig. Darüber hinaus möchte die SPD: Kita-Gebühren abschaffen. 300 Euro „Familiengeld“. Ein Rentenniveau von 48 Prozent des Durchschnittslohns erhalten. Gleicher Lohn für Männer und Frauen. Den Zuzug ausländischer Fachkräfte fördern. Mehr Vollzeitarbeitsplätze, zurückhaltendere Abschiebung von Asylanten in Konfliktregionen. Mehr Polizisten. Mittlere und untere Einkommen steuerlich entlasten, große Erbschaften höher besteuern, höhere Reichensteuer ab einem Jahreseinkommen von 250.000 Euro. Kein Soli-Zuschlag mehr ab 2020. Wahlrecht ab 16. Verbesserte Mietpreisbremse. Zu Gesundheitsfragen: „Zwei-Klassen-Versorgung“ beenden, Bürgerversicherung für alle. Höhe der Krankenkassenbeiträge soll sich nicht bloß nach dem Erwerbseinkommen richten, sondern auch Kapitaleinkünfte, Mieteinnahmen und andere Einkünfte berücksichtigen. Einheitliche Honorarregelungen für Ärzte. Höhere Ausgaben für Prävention. Bessere Versorgung in strukturschwachen Gegenden. Ein Patientenrechtegesetz einführen, mit Anspruch auf Zweitmeinung vor bestimmten Behandlungen. Mehr Unterstützung für pflegende Angehörige: Recht auf Job-Rückkehr, Lohnersatzleistungen. BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN. Unbestätigten Gerüchten zufolge wurden die Grünen zur Wahl nur unter der Auflage zugelassen, sämtliche Plakate mit der hirnrissigen Phrase „Zukunft wird aus Mut gemacht“ unverzüglich abzuhängen und sich dafür beim Wahlvolk zu entschuldigen. Schwerpunkte des Wahlprogramms: 248 Seiten „Mut zur Zukunft“, und die braucht anscheinend am allerdringendsten Natur-, Tier- und Klimaschutz. Kohle- und Atomausstieg vervollständigen; erneuerbare „grüne“ Energien fördern – einschließlich der katastrophalen Umweltverschandler und Infraschallschleudern „Windkraftanlagen“; Nachtflugverbote verschärfen; Fracking-Bohrtechnik verbieten. Ab 2030 nur noch abgasfreie Autos zulassen. Industrielle Massentierhaltung binnen zwei Jahrzehnten beenden. Tierschutz soll fester Bestandteil der Lehrpläne und Lehrerausbildung werden. Ferner: Wahlfreiheit zwischen acht- und neunjährigem Weg zum Abitur; Studiengebühren abschaffen. Neues Feiertagsgesetz. Die Fahrgastzahlen im Personennahverkehr um 50 Prozent steigern. Zu Gesundheitsfragen: Nichts läge für Grüne näher als der Einsatz für die „grüne“ Naturheilkunde. Mag aber keiner. Hauptanliegen: die Zwei-Klassen-Medizin mit ihren privaten Krankenversicherungen abschaffen, denn „ärztliche Versorgung und Pflege sind ein Grundrecht jedes Menschen“. Den Begriff der Pflegebedürftigkeit erweitern, damit Demenzkranke besser versorgt werden. Kontrollierte legale Abgabe von Cannabis. Wer mag den Grünen widersprechen?: „Umwelt ist nicht alles. Aber ohne Umwelt ist alles nichts.“ Und ohne Gesundheit noch viel weniger. FDP. Woran liegt den Freiesten aller Demokaten, über die subtile Botschaft ihrer Christian-Lindner-Selbstdarstellungsorgien auf Litfasssäulen und Plakattafeln hinaus: den Vorrang der Schwarz-Weiß-Fotografie grundgesetzlich zu verankern? Schwerpunkte des Wahlprogramms: Lindner. Ferner Lindner. Und drittens Lindner. Außerdem auf 95 Seiten: Steuerentlastungen von mindestens 30 Milliarden Euro bis 2021. Soli-Zuschlag abschaffen, Mindestlohn weg. Keine Vermögens- und Finanztransaktionssteuer. Bürokratieabbau, Privatisierungen und Deregulierung. Weitere Investitionen in die digitale Infrastruktur. „Weltbeste Bildung für jeden“. Gegen neue und schärfere Sicherheitsgesetze, keine Vorratsdatenspeicherung. Für Volksabstimmungen auf Bundesebene. Gesamteuropäisches Asylrecht mit Quotensystem. Klare Regeln für Zuwanderung: Topforscher ja, "Desperados aus dem Maghreb" nein. Forschungsfeindliche Gesetze und Verordnungen ändern oder abschaffen. Mix aus Kernkraft, Kohle, Öl und Gas sowie Erneuerbaren Energien. Ein Digitalministerium einrichten. Flächendeckendes Glasfasernetz. Abrüstung. Menschenrechte entschiedener durchsetzen. EU-Aufnahmegespräche mit der Türkei beenden. Zu Gesundheitsfragen: Freie Arzt-, Krankenhaus-, Therapie- und Krankenkassenwahl. „Wohnortnahe und qualitativ hochwertige medizinische Versorgung“ für alle sichern. Detaillierte Arztrechnungen für alle Patienten, dadurch mehr Transparenz und Kostenbewusstsein. Keine als „Bürgerversicherung“ getarnte Zwangskasse. Wechsel zwischen gesetzlicher und privater Krankenversicherung vereinfachen. Mehr Wettbewerb zwischen den Kassen. „Die Chancen des medizinischen und digitalen Fortschritts nutzen und das Gesundheitssystem an die demografische Entwicklung anpassen.“ Bürokratie und Dokumentationspflichten für Heil- und Pflegeberufe abbauen. Ökonomische Fehlanreize im System der Fallpauschalen beseitigen, Ergebnisqualität besser vergüten. Die Gesundheitsversorgung im ländlichen Raum verbessern. Palliativ- und Hospizmedizin ausbauen. Cannabis legalisieren. DIE LINKE. Ihr gelingt es ein weiteres Mal, ihre Mitregierungsbereitschaft mit einem Programm zu unterstreichen, das ihr künftiges Mitregieren zuverlässig erspart. Schwerpunkte des Wahlprogramms: 136 Seiten „100 Prozent sozial“, zu 100 minus x Prozent unfinanzierbar. Steuerfreibetrag anheben, Reichensteuer bis zu 75 Prozent des Einkommens, Millionenvermögen und üppige Erbschaften hoch besteuern. Mindestlohn auf 12 Euro pro Stunde anheben, Arbeitslosengeld verlängern; Arbeitszeit auf 30 Stunden verkürzen, bei vollem Lohnausgleich; Mindestsicherung, einschließlich Mindestrente, von 1050 Euro statt Hartz IV; Rentenniveau auf 53 Prozent anheben; Rente ab 65 wieder abschlagsfrei. Kindergeld anheben; Kindergrundsicherung von 573 Euro für alle; gebührenfreie Bildung, von der Kita bis zur Uni; für alle Kinder freie Fahrt in Bus und Bahn, kostenloses Essen in allen Kitas und Schulen. Flächendeckende Mietpreisbindung. Über 120 Milliarden Euro in sozialen Wohnungsbau, Bildungseinrichtungen, Krankenhäuser, Straßen und Schienen investieren. Uneingeschränktes Grundrecht auf Asyl. NATO, Verfassungsschutz und alle Geheimdienste abschaffen. Alle Auslandseinsätze der Bundeswehr beenden. EU-Sanktionen gegen Russland aufheben; keine Aufrüstung der NATO an ihrer Ostgrenze. Zu Gesundheitsfragen: „solidarische“ Gesundheitsversicherung, in die Arbeitnehmer und Arbeitgeber den gleichen Anteil einzahlen. Der Beitragssatz soll dadurch auf unter zwölf Prozent absinken. Die Zuzahlungen für Medikamente, Zahnersatz und Brillen sollen gestrichen werden. Mehr Personal in der Pflege. 160.000 neue Stellen in Krankenhäusern. Private Krankenhäuser in öffentliche Trägerschaften überführen. Fallpauschalen abschaffen. Preisgrenze für Medikamente. Versandapotheken verbieten. Aktionsprogramm? Das Wichtigste unerledigt liegenlassen. Das Bemerkenswerteste an all diesen Wahlprogrammen ist all das, was ihre Verfasser ausklammern – Bereiche, auf denen sie anscheinend keinen Handlungsbedarf sehen. Mit unserem Gesundheitswesen scheint demnach alles bestens; bloß mehr Geld, Technik, Personal fehlen hie und da. Wer das allen Ernstes glaubt, lebt auf einem fernen Planeten. Dort trifft er auf keine real existierenden chronisch Kranken, lernt keine Arztpraxis, kein Krankenhaus, keine psychiatrische Klinik von innen kennen, stattet keinen „alternativen“ Heilkundigen Besuche ab, kommt mit keinem Systemkritiker ins Gespräch. Seine Sozialkontakte beschränken sich, von seinesgleichen, Vorgesetzten und Untergebenen abgesehen, im wesentlichen auf Begegnungen mit rhetorisch beschlagenen Vertretern jener mächtigen Interessengruppen, die am Medizinsystem, wie es ist, lediglich stört, dass es nicht noch mehr Profite abwirft. Was sie von diesem System wissen, lernen sie aus den Powerpoint-Präsentationen und Hochglanzbroschüren jener Gruppen, aus Vorträgen und Gutachten ihrer angeheuerten „Mietmäuler“, aus Einflüsterungen ihrer Lobbyisten, die in Parlamenten und Ministerien mit Hausausweisen ein und aus gehen. AfD. Kommt die Alternative von einer Partei, die schon im eigenen Namen eine sein will? Was will die Alternative für deutschtümelnde Dumpfbacken, kurz AfD, über das originelle Müllkonzept hinaus, die türkischstämmige Integrationsbeauftragte der Bundes­regierung zügig in Anatolien zu „entsorgen“? Schwerpunkte des Wahlprogramms: der Hauptgefahr für die Demokratie entgegenwirken - „heimlicher Souverän ist eine kleine, machtvolle politische Oligarchie, die sich in den bestehenden politischen Parteien ausgebildet hat“. Die Macht der Parteien beschränken, Lobbyismus eindämmen. Volksabstimmungen nach Schweizer Vorbild. Germany first, Deutschland den Deutschen: „ungeregelte Massenimmigration sofort beenden“, kein Familiennachzug für Flüchtlinge, Immigranten müssen sich „anpassen“; jährliche Mindestabschiebequote. Deutsche Leitkultur statt „Multikulturalismus“. Kopftuch im öffentlichen Dienst verbieten, Burka generell in der Öffentlichkeit. Ausländerkriminalität wirksamer bekämpfen. Staatliche Anreize für Deutsche, mehr Kinder in die Welt zu setzen. Meldepflicht für Abtreibungen. Vater/Mutter/Kind als Leitbild der Familienpolitik. Den Euro-Raum verlassen, zurück zur D-Mark. Umsatzsteuer um sieben Prozent senken. Renteneintritt nach Lebensarbeitszeit, nicht nach Alter. Zu Gesundheitsfragen: Ärztliche Versorgung auf dem Land sicherstellen. Die wirtschaftliche Lage der Krankenhäuser „durch Abbau von Investitionsstaus verbessern“. Dem „Pflegenotstand“ entgegenwirken. Darüber hinaus findet sich das wolkige Ansinnen, „alternative Medizin als Ergänzung traditioneller Medizin“ zu begreifen: „‘Alternative‘ Behandlungen (…) können bei Einhaltung von zu definierenden Qualitätsstandards eine sinnvolle Ergänzung zur herkömmlichen Medizin darstellen.“ Und wer, liebe AfD-Funktionäre, definiert diese Standards? Die Meinungsführer der Schulmedizin, die als Forscher, Berater, Autoren und Redner mehrheitlich auf den Honorarlisten von Big Pharma stehen. Von ihnen wird die AfD zu hören bekommen, dass es so einen „Standard“ gottlob längst gibt: die randomisierte Mehrfachblindstudie, welche die allerbesten „Evidenzen“ liefere – und die Alternativmedizin als unwissenschaftlichen Unfug entlarve, der höchstens Placebowirkungen entfalte. (3) „In jedem Fall ist eine ganzheitliche Betrachtung und Behandlung des Patienten notwendig, um der Zunahme von chronischen Erkrankungen und von Therapieresistenzen entgegenzuwirken.“ Solchem Betrachten und Behandeln mangelt es an „Evidenzbasierung“, wie AfD-lern von unserer akademischen Elite zügig beigebracht werden würde, falls die Alternativler jemals mitregieren würden. In dem Befund, dass „die Finanzierung unseres Gesundheitssystems in Gefahr“ ist, wird der AfD kaum jemand widersprechen. Karnevalistischen Unterhaltungswert hat freilich ihre Begründung: Als Gefahrenquellen benennt sie „die von den Kassen zu tragenden Kosten für Migranten, Flüchtlinge und Asylbewerber“, die „aus dem Ruder laufen“; außerdem „die verfehlte Zinspolitik der europäischen Zentralbank“, die schuld daran sei, dass „die kapitalgedeckten privaten Krankenversicherungen keine ausreichenden Rücklagen mehr bilden können“ (AfD-Wahlprogramm S. 59). Explodierende Preise für Arzneimittel und Medizintechnik? Die Kostentreiberei der Gesundheitslobby von Ärzten, Apothekern, Krankenhausbetreibern? Anscheinend nicht der Rede wert. Wie wäre es stattdessen mit DEUTSCHE MITTE ? Schwerpunkte des Wahlprogramms: Haben es in sich. Das „globale Finanzkartell“ müsse „unter öffentliche Kontrolle“, Banken zu „ehrlichen Dienstleistern“ gemacht werden – „Zockerei, Zins und Zinseszins werden abgeschafft“. Euro-Ausstieg. Internationale Gewerkschaftspolitik fördern. Weg mit Handelsverträgen wie TTIP, CETA, TISA. „Ungerechte und sinnlose Sanktionen“ beenden, nicht „in die inneren Angelegenheiten anderer Länder einmischen“. Mehr und besser bezahlte Polizisten. Neues Ausländergesetz mit „klaren Einwanderungsregeln und niedrigen Obergrenzen“. Mehr Volksinitiativen und Volksentscheide. Unternehmen fördern, die „sozial, ökologisch, menschenfreundlich und flexibel arbeiten“, von „lokaler Wirtschaft und handwerklicher Eigenproduktion“. Unzensiertes, freies Internet. Atom-Ausstieg, Förderung Erneuerbarer Energien. „Geheimdokumente offenlegen, z.B. über Spionage, neue Technologien und außerirdisches Leben“. Damit „jeder arbeitsfähige Mensch einer Beschäftigung nachgeht“, soll es – nur für deutsche Staatsbürger - ein „Solidarisches Grundeinkommen (SGE)“ geben: „alle Beschäftigungslosen erhalten eine Liste der in ihrer Umgebung tätigen gemeinnützigen Organisatio­nen. Wer Grundeinkommen erhalten will, wählt den künftigen Wirkungskreis aus und nimmt seine Tätigkeit auf – oder setzt mit amtlicher Zustimmung eigene Ideen um.“ Eine „neue Verteidigungs­strategie“ – „Full Spectrum Defense“ soll „sicherstellen, Deutschland auf jedem Gebiet – entweder eigenständig oder im Verbund mit anderen Nationen – abschreckend verteidigungsfähig wird. Die Bundeswehr erhält insgesamt eine strukturelle Nichtangriffsfähigkeit.“ – „Große Investitionen“ in Bildung und Forschung. Familien mit Kindern „großzügig fördern“. Zu Gesundheitsfragen: Grundrecht auf „natürliche, gesunde Lebensmittel“. „Schrittweise Umstellung auf ökologische, pestizid- und gentechnikfreie Landwirtschaft“. „Die Deutsche Mitte strebt schrittweise eine kostenlose medizinische Grundversorgung für alle an. Wir stehen für ursachenbezogene ganzheitliche Heilkunde und natürliche Medizin, die sich am Menschen orientiert – bei deutlich gestärkter individueller Betreuung. Überteuerte Kartellmedizin wird durch wirkungsvollere, höherwertige und preisgünstigere natürliche Methoden ersetzt – wissenschaftlich untermauert. Aufbau ganzheitlicher Gesundheitszentren und Förderung von Solidargemeinschaften und alternativer Absicherungen im Krankheitsfall mit dem Recht auf freie Therapiewahl. Das ungerechte Abrechnungsverfahren wird stark vereinfacht. Die Zulassungsbedingungen für neue Impfstoffe, (nicht natürliche) Medikamente und Therapien werden verschärft, für zugelassene gilt eine Übergangsfrist. Die Haftungsbefreiung der Impfstoffhersteller sowie das Impf-Mobbing werden beendet. Die wahren Krankheitsursachen wie z. B. Pestizide, Umwelt- und Medikamentengifte, Elektrosmog, Junk-Food oder Luftverschmutzung werden identifiziert und Schritt für Schritt beseitigt. Profitorientierung hat im Gesundheitswesen nichts verloren. Krankenhäuser, Pflegeheime und Psychiatrien werden personell aufgestockt, die Bezahlung verbessert und menschliche Zuwendung aufgewertet. Selbstverwaltung wird allgemein gefördert. Strengere Grenzwerte für Elektrosmog und Radioaktivität.“ In weitem Bogen um Grundlegendes herum Wieso umkurven ausnahmslos alle größeren Parteien in weitem Bogen die wirklich grundlegenden Fragen, die unser überteuertes, ineffizientes Medizinsystem aufwirft? Achtzehn sogenannte „Gesundheitsreformen“ wichen ihnen beharrlich aus. Die eine oder andere Gesetzesänderung tat dem medizinisch-industriellen Komplex zwar ein bisschen weh – an entscheidende Strukturen, Weichenstellungen und Werte traute sich indes keine einzige heran, nicht einmal ansatzweise. Durchweg handelte es sich um Notwehrreaktionen auf äußerste monetäre Engpässe: leere öffentliche Kassen, malade gesetzliche Krankenversicherungen, überforderte Beitragszahler. Soweit Bundesregierungen in Versorgung und Regulierung eingriffen, ging es ausnahmslos darum, Kosten zu dämpfen und finanzielle Lasten umzuverteilen – um Themen wie Beitragshöhe, Arbeitgeberzuschüsse, Einschränkung von Leistungen, Vergütung der Leistungserbringer, Praxisgebühren, Zuzahlungen zu Arzneimitteln, Selbstbeteiligung, Ausgabenbudgets, Preisgestaltung, Festbeträge, Rationalisierung. Niemals nahm der Staat echte, dringend notwendige Reformvorhaben in Angriff: · Wann endlich entzieht er sich der Dauerbelagerung durch Lobbyisten? Wann endlich gewährt er Patienten die gleiche Chance, Gehör zu finden, wie der Pharma- und Versicherungswirtschaft, Vertretern von Ärzten und Apothekern? · Warum schiebt er der routinemäßigen Studientrickserei von Industrieseite nicht einen Riegel vor, legt Forschung und Entwicklung neuer Arzneimittel nicht ganz in die öffentliche Hand oder unterwirft sie zumindest strikter Aufsicht? · Wann überarbeitet er endlich das Patentrecht, um dessen dreistem Missbrauch durch pharmazeutische Scheininnovationen einzudämmen, die einen einzigen Zweck verfolgen: Vermarktungsmonopole aufrechtzuerhalten? · Weshalb setzt er dreister Preistreiberei nicht mit Obergrenzen ein rigoroses Ende? · Wo bleibt die seit Jahrzehnten angekündigte „Positivliste“, die Ärzten und Verbrauchern vorgibt, welche Arzneimittel wirklich hilfreich, nötig und preiswert sind? · Wo bleibt eine unabhängige „Stiftung Warentest“ für den Arznei- und Nahrungsmittelsektor? · Wann endlich verpflichtet der Staat die gesetzlichen Kassen dazu, nicht mehr für teure Originale aufzukommen, wenn mindestens ebenso wirksame, längst bewährte ältere Mittel oder Nachahmerpräparate, Generika, zu einem Bruchteil des Preises erhältlich wären? · Wieso verschärft er Antikorruptions- und Transparenzgesetze nicht drastisch? · Wann endlich zieht er Manager persönlich zur Verantwortung, wenn ihre Produkte schwere, bleibende Gesundheitsschäden anrichten? · Wieso baut er kein unabhängiges öffentliches Informationssystem auf, finanziert aus möglichen Milliardeneinsparungen im Arzneimittelsektor und dem prallgefüllten Marketingtopf der Konzerne? · Weshalb fördert er so gut wie gar nicht die Erforschung chemiefreier Behandlungsansätze, hilfreicher psychosozialer Projekte sowie selbstverantwortlicher Gesundheitsfürsorge? · Wann endlich sorgt er dafür, dass die ärztliche Aus- und Weiterbildung pharmafrei wird? · Wann endlich wird Ärzten verboten, Zuwendungen jeglicher Art von der Industrie anzunehmen? · Wann endlich wird Inhabern politischer Ämter untersagt, in die Industrie zu wechseln? · Wann bläst Berlin endlich das kläglich gescheiterte Experiment der „Selbstverwaltung“ im Gesundheitswesen ab, die seit Jahr und Tag auf die gemeinschaftliche Selbstbereicherung der beteiligten Interessengruppen hinausläuft? · Wenn Pharmazie ein Multimilliardengeschäft ist, für das staatliche Institute ohnehin einen Großteil der Grundlagenforschung leisten – weshalb macht er dieses Geschäft nicht besser gleich selbst, statt bei den Selbstbereicherungsorgien von Managern, Investoren und Aktionären tatenlos zuzusehen? Und niemals ging es bislang um brennende Grundsatzfragen wie: Worin besteht Gesundheit eigentlich? Was bedeutet Heilung? Was erhöht und sichert Wohlbefinden und Lebensqualität? Was motiviert Patienten über finanzielle Anreize hinaus, Verantwortung für das eigene Wohl-ergehen zu übernehmen, zu ihrer Genesung aktiv beizutragen? Welche präventiven Ansätze können dafür sorgen, dass Krankheiten erst gar nicht entstehen? Gibt es zu Pharmazeutika preiswertere, nebenwirkungsärmere, patientenfreundlichere Alternativen? Wie fördern und gestalten wir eine integrative Medizin, die das Beste aus unterschiedlichen Heiltraditionen und Therapierichtungen verbindet? Wie wird Humanmedizin humaner, wie befriedigt sie grundlegende menschliche Bedürfnisse? Keine Antwort ist auch eine. Mündige Bürger lernen daraus. Wie eine echte Gesundheitsreform aussähe, hat schon Mitte der neunziger Jahre Ellis Huber skizziert, damals noch Präsident der Berliner Ärztekammer: in seinem fabelhaften Buch „Liebe statt Valium“. (4) Zu Kanzlerzeiten Gerhard Schröders wäre er um ein Haar Bundesgesundheitsminister geworden, ehe Seilschaften und Klüngelrunden, die ihm fehlten, die unsägliche Andrea Fischer favorisierten - eine weitere tragische Verirrung der Berliner Ministermacher. Haben wir am 24. September "die Qual der Wahl"? Eher die Wahl der Qual. (Harald Wiesendanger) Anmerkungen 1 Nach dem „Werte-Index 2016“ des Marktforschungsinstituts TNS Infratest, http://www.wiwo.de/erfolg/coach/optimierung/werte-index-2016-was-den-deutschen-wirklich-wichtig-ist/12661298.html 2 https://www.cdu.de/sites/default/files/media/dokumente/regierungsprogramm-in-leichter-sprache-btw13.pdf 3 Mehr über die heilige Kuh der modernen Medizinforschung, die „kontrollierte Studie“, in unserer Schrift Außer Kontrolle. Warum die Stiftung Auswege „unwissenschaftlich“ verfährt – und dazu steht (2016). 4 Ellis Huber: Liebe statt Valium. Konzepte für eine neue Gesundheitsreform, München 1995.

  • Schluss mit der Pillenpsychiatrie

    Für eine echte Psychiatrie-Reform startete ich über meine Stiftung Auswege im Herbst 2017 eine Petition, die an einem 10. Oktober, dem „Welttag der psychischen Gesundheit“, im Bundeskanzleramt in Berlin überreicht werden. Dazu kam es leider nie, weil knapp über 1000 Unterstützer zuwenig waren. Den folgenden Text ließ ich sie mitunterzeichnen. Wir, die Unterzeichner, fordern die Bundeskanzlerin, die Bundesregierung, alle im Bundestag vertretenen Parteien, zuständige Bundesministerien und Ausschüsse auf: Sorgen Sie endlich für eine Psychiatrie-Reform, die ihren Namen verdient. Machen Sie Schluss mit der vorherrschenden Pillenpsychiatrie. Bewahren Sie Millionen seelisch Belastete, unter ihnen Hunderttausende von Kindern, vor bleibenden Arzneimittelschäden. Das Grundgesetz verpflichtet Sie dazu. Lassen Sie den Staat seine umfassende Schutzpflicht erfüllen – auch für die Gesundheit seiner Bevölkerung. Hindern Sie nachlässige, irregeführte oder korrumpierte Ärzte daran, weiterhin Grund­rechte zu verletzen: auf körperliche, seelische und geistige Unversehrtheit, auf das Selbstbestimmungs­recht, auf Menschenwürde. Unter­binden Sie den routinemäßigen Einsatz von Psychophar­maka, die bei minimalem Nutzen maximalen Schaden anrichten. Wir fordern ein Psychiatrie-Gesetz, das - Ärzte dazu verpflichtet, psychisch Belastete immer zuerst der erwiesenermaßen wirkungs­­vollsten Behandlungsweise zuzuführen - sozialer Unterstützung, psychologischer Beratung und Psychotherapie - und Psychopharmaka nur ausnahmsweise, kurzfristig und möglichst niedrig dosiert einzusetzen; - Ärzte und Pharma-Manager für unvollständige, verfälschte oder verschwiegene Informa­tio­nen über Risiken und Nebenwirkungen persönlich haften lässt; - Ärzten verbietet, jegliche Zuwendungen von der Pharmaindustrie anzunehmen; - Patientenrechte stärkt; - menschenunwürdigen Zwangsunterbringungen und -behandlungen ein Ende setzt; - Laien- und Selbsthilfe fördert, statt einseitig auf professionelle Angebote zu setzen; - die willkürliche psychiatrische Diagnostik beseitigt; - die ärztliche Aus- und Fortbildung von Industrieeinflüssen befreit. Wir fordern, im Gesetzgebungsverfahren auf unabhängige Experten zu setzen – und Personen davon auszuschließen, die finanzielle Verbindungen zur Pharmaindustrie einge­gan­gen sind. Wir fordern verschärfte Antikorruptions- und Transparenzgesetze für alle an der Erforschung, Begutachtung, Zulassung und Anwendung von Arzneimitteln Beteiligten. Wir fordern einschneidende Korrekturen am politischen System, um den allgegenwärtigen Lobbyismus zurück­zudrängen, der den Psychiatrienotstand mitverschuldet. Das Grundgesetz (Art. 2 Abs. 2) garantiert jedem Bürger „das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit“. Wie das Bundesverfassungsgericht 1981 befand, gilt dies auch für die psychische Gesundheit. Daraus erwächst dem Staat eine umfassende Schutz­ver­pflich­tung. Auch im psychiatrischen Bereich unseres Gesundheitswesens sollte er sie endlich wahrnehmen. Im Einzelnen Die bisherige „Psychiatrie-Reform“ greift viel zu kurz. Der Reformprozess, den die Psychiatrie-Enquête von 1975 einleitete, hat die Lage psychisch belasteter Menschen in Deutschland durchaus verbessert. Er führte zu mehr Personal in psy­chia­­trischen Kliniken, modernisierten und verkleinerten Anstalten, mehr psychiatrischen Ab­tei­lungen in Allgemeinkrankenhäusern; zu kürzerer Verweildauer; zu mehr psychologischer Hilfe, mehr Tageskliniken, Ambulanzen und Beratungsstellen, mehr sozialpsychiatrischen Diensten, mehr betreuten Wohnformen, Heimen und Werkstätten. Aber besser als katastrophal ist nicht gleich gut und ausreichend. Nicht nur finden immer noch menschenunwürdige Zwangseinweisungen und -behandlungen statt. Auch andere grund­legen­de Probleme bestehen fort. Inzwischen sperrt die Psychiatrie zwar seltener und kürzer weg – doch weiterhin vergiftet sie, außerhalb ihrer Einrichtungen noch ausgiebiger als drinnen. Die chemi­sche Zwangsjacke ist gang und gäbe. Immer mehr psychisch Belastete geraten in die Mühlen eines Medizinbetriebs, der ihnen immer früher und immer länger hochtoxische Substanzen einflößt. Dafür sorgen: eine Über­diagnostik, die bloßes Anderssein und zeitweilige Befindlichkeitstiefs zu Krankheiten, Auf­fällige zu Patien­ten stem­pelt; das Vorherrschen einer Behandlungsweise, die auf synthetische Drogen setzt; mangelnde Aufklä­rung über wirksamere, risikoärmere, kosten­günstigere und humanere Alter­nativen. Verant­wortlich dafür ist in erster Linie die innige Verflechtung der Psychiatrie mit der Pharma­indu­strie. Sie macht Ärzte zu Erfüllungs­gehilfen von Profitinter­essen: mög­lichst viele Menschen für krank zu erklären und ihnen Arzneimittel­ zu verabrei­chen, die sie kaum je brauchen; an Gesunden gibt es schließlich nichts zu verdienen. Diese Praxis breitet sich seit längerem wie ein Krebsgeschwür in unserer Gesellschaft aus. Die Folgen sind: schwere, oft unumkehr­bare Schäden an Körper, Geist und Seele bei medika­mentös Behandel­ten; mensch­liche Tragö­dien zuhauf; immer mehr frühverrentete Psycho­invalide; ein immenser volks­­wirt­schaftlicher Scha­den. Nach wie vor gilt jener lapidare Satz, mit dem vor 43 Jahren die Psy­chiatrie-Enquete begann: „Die Versorgung psychisch Kranker und Behinderter in Deutsch­­land ist dringend verbesse­rungs­bedürftig.“ Die Reform ist in halbherzigen Ansätzen stecken­geblie­ben. Es ist an der Zeit, die wahren Miss­stände zu benen­nen und auszuräumen. Wir brauchen radikale Ver­ände­rungen. Das Versagen des Systems schreit nach Revolution. Ihnen wird vorgemacht: - Psychische Störungen greifen neuerdings geradezu epidemisch um sich. - Ihre Behandlung erfordert Arzneimittel. - Psychopharmaka sind wirksam, sicher und gut verträglich. - Um Patienten mit immer besseren Medikamenten zu versorgen, investieren Arzneimit­tel­hersteller Milliardensummen in Forschung und Entwicklung – daher die hohen Preise. Nichts davon stimmt. Bitte nehmen Sie zur Kenntnis: - Psychiatrie ist keine evidenzbasierte Medizin. Solide Forschung widerlegt ihre grund­legenden Studien, Hypothesen und Vorstellungen. - Seit den fünfziger Jahren haben psychische Störungen mitnichten zugenommen, wie Metaanalysen hunderter von Studien belegen. Was hingegen explosionsartig anstieg, ist die Anzahl der gestellten Diagnosen, von ADHS über Autismus, Depression, bipo­lare, Angst- und Anpassungsstörung bis hin zu Schizophrenie. Mittlerweile erklären Fachleute bereits jeden dritten Deutschen für „psychisch gestört“ und therapie­bedürf­tig; mehrere Millionen werden ambulant versorgt, 1,2 Millionen stationär. 10 bis 15 Prozent der Bevölkerung schlucken Antidepressiva, Neuroleptika, chemische Angst­löser, An­re­ger oder Beruhi­ger. Schon jedes zehnte Kind erhält Psychopharmaka, über 50.000 befinden sich in psychiatri­schen Einrichtungen. - Für die vermeintliche Psycho-Epidemie sorgen die weltweit verbindlichen Diagnose-Handbücher DSM und ICD. Mit jeder Neuauflage führten sie weitere „Krankheiten“ ein­, senkten die Schwellenwerte für bekannte ab – nicht aufgrund von objekti­ven Befunden, sondern per Mehrheitsbeschluss. In den dafür verantwortlichen Kom­mis­sionen überwiegen Fachleute, die sich von Pharmaherstellern bezahlen lassen. Je verwäs­ser­ter die Diagnostik, desto mehr Menschen erfüllen ihre Kriterien – desto mehr lassen sich zu Arzneimittelkonsumenten machen. Darauf abzielend, erweisen sich ICD und DSM als willkürliche, schädliche und überflüssige Industrie­produkte. Sie stigmatisieren und grenzen aus. Es ist aber normal, von der Norm abzuweichen. Anderssein ist keine Krankheit. - Die herkömmliche Psychiatrie hängt einem reduktionistischen Menschenbild an, das Patienten zu defekten Biomaschinen mit „Stoffwechselstörungen im Gehirn“ herabwürdigt. Aber psychische Krisen haben Gründe, nicht bloß Ursachen; sie sind subjektiv sinnhafte Lebens­phasen, die aus der einmaligen Geschichte der Betroffenen, ihrer besonderen Situati­on, ihren Ein­schrän­kun­gen und Ressourcen heraus verständ­lich und behandelbar sind – natürliche, zumeist angemessene Reaktionen auf äußeren oder inneren Stress, unter dem nicht zu leiden geradezu „gestört“ wäre. - In der Medikalisierung psychischen Andersseins, wie auch in der Professionalisierung des Helfens, spiegelt sich ein expertengläubiger Zeitgeist, der es Betroffenen erschwert, eine Grund­­vor­aus­set­zung fürs Heilwerden zu schaffen: Eigenverantwor­tung zu überneh­men. „Ande­re müssen mich gesund machen. Ich und meinesgleichen können das nicht.“ - Eine Fülle von Studien belegt mittlerweile: Bei allen Arten von psychischen Störun­gen, in nahezu jedem Stadium, sind Psychotherapie, soziale Unterstützung, Selbsthilfe und empathischer Laienbeistand Medikamenten mindestens ebenbürtig, wenn nicht überlegen. Ohne Psychopharmaka genesen Patienten im allgemeinen rascher, kommen Rückfälle seltener vor. - Der Schlüssel zum Behandlungserfolg sind sogenannte „unspezifische Wirkfaktoren“, unabhängig von den eingesetzten Methoden. Laienhelfer wie Fachkräfte sind erfolg­reich, wenn sie dem Hilfesuchenden respektvoll als Person begegnen, seine Würde achten; mit ihm einen authentischen, offenen Dialog eingehen; seine Bedürfnisse und Inter­essen, seine ausgeprägte Sensibilität und andere wertvolle Fähigkeiten berücksichti­gen; sein Denken und Empfinden vor dem Hintergrund seiner Erfahrungen, sei­ner einmaligen Geschichte, seinen besonderen Lebensumständen verstehen; die Kränkung hinter der Krankheit begreifen; sich an seiner „Störung“ nicht stören; ihn nicht auf vorhandene Symptome und Defizite reduzieren; ihn stärken und anleiten, auf vorhandene Ressour­cen aufbauend, statt aufs Reparieren aus zu sein; sich für all das die nötige Zeit nehmen. - Weil Pharmakonzerne Forschungsergebnisse in großem Stil manipulieren oder verschwei­gen, wird der Nut­zen von Psychopharmaka bei weitem überschätzt, Gefah­ren verharmlost. Tatsäch­lich erhöhen Psychopillen bei längerem Gebrauch das Risiko drastisch, schwe­ren körperlichen, geistigen und seelischen Schaden zu nehmen: von Überge­wicht, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes über Hirnschwund und damit einher­gehenden kognitiven Einschränkungen bis hin zu unumkehrbaren motori­schen Schä­den. Sie machen müde, lustlos, antriebslos, desinteressiert. Sie stumpfen emotional ab, verändern die Persönlichkeit tiefgreifend, senken die Lebenserwartung. „Para­doxe Reaktionen“ wie erhöhte Depression, verstärkte Ängste, innere Unruhe und un­be­zähmbarer Bewegungsdrang („Akathisie“), zunehmende Gewalttätig­keit, Amokläufe, Suizid­versu­che und Selbstmorde kommen viel häufiger vor als offiziell behaup­tet. Von Psycho­phar­maka loszukom­men, fällt mitnichten leichter als ein Entzug von „harten“ Drogen, „Absetz­psychosen“ keine Ausnahme, ein Rückfall in die Medikamen­ten­sucht häufig. - „Antipsychotika“ hießen besser „Antipsychika“ – auf die Dauer deformieren sie die Psyche. Oder „Anti­sexualia“ – sie ruinieren das Sexualleben. Oder „Antihumanika“ – sie beein­träch­tigen spezifisch menschliche Fähigkeiten wie Urteilsvermögen und Krea­­ti­vi­tät. - Psychopharmaka erschweren, ja vereiteln Heilung. Sie übertünchen Symptome, statt deren Gründe zu beheben. Sie behindern auf­deckende Psychothera­pie, vernebeln Einsichtsfähigkeit, schwächen Motivation und Eigenverantwortung, unter­drücken Selbsthei­lungs­kräfte, chronifizie­ren vorübergehende Tiefs, hindern psycho­ti­sche Prozesse an der Rückbildung. - Gegen die ärztliche Informationspflicht wird in der Psychiatrie routinemäßig verstoßen. So gut wie nie werden Patienten und Angehörige umfassend über bekannte Risiken, Nebenwirkungen und Behandlungsalternativen aufgeklärt. Wären sie im Bilde: Keiner würde bei klarem Verstand einem langfristigen Einsatz von Psychophar­ma­­ka zustimmen. - Nach Krebs und Herzinfarkten sind Arzneimittel in der westlichen Welt die dritthäufigste Todesursache. Medikamentös ausgelösten Selbstmord eingerechnet, brach­ten allein Psychopharmaka dort seit der Jahrtausendwende 8,8 Millionen Menschen um, wie Experten schätzen. - Alle Psychopharmaka wurden aufgrund von Studien zugelassen, die im Auftrag der Hersteller stattfanden. Deren Motive, verkaufsschädigende Fakten zu verschweigen, liegen auf der Hand. Die Liste der Firmen, die bereits wegen irreführender Marketingpraktiken rechtskräftig verurteilt wurden, liest sich wie das Who Is Who der Branche. Deshalb ist ihr nicht zu trauen. - Zulassungsstudien enden nach wenigen Wochen und Monaten. Über langfristige Folgen geben sie keinen Aufschluss. Deren ganzes Ausmaß zeigt sich oft erst nach Jahrzehnten. - Statistiken belegen: Je mehr seelisch Belastete psychopharmazeutisch behandelt werden, desto mehr Langzeitpatienten gibt es unter ihnen; desto länger werden Phasen zeitweiliger Arbeitsunfähigkeit, desto häufiger sind Frühverrentungen – mit volkswirtschaftlichem Multimilliarden­schaden. Parallel zu sprunghaft ansteigenden Psycho­phar­ma­ka-Verordnungen hat sich seit den fünfziger Jahren die Zahl krankheitsbeding­ter Fehltage wegen psychischer Nöte verfünffacht, ihr Anteil an sämtlichen Fällen vorübergehender Arbeitsunfähigkeit versiebenfacht, die durchschnittliche Dauer auf 38 Tage erhöht. Der Anteil der Personen, die bei angeblich immer besserer psychiatri­scher Versorgung wegen eines seelischen Leidens vorzeitig aus dem Erwerbsleben ausscheiden, stieg seit Anfang der neunziger Jahre von 14,5 auf 41,9 Prozent. - Auf Forschung und Entwicklung entfallen in Wahrheit lediglich 10 bis 15 Prozent der horrenden Profite, die Pharmakonzerne erzielen. Der Löwenanteil landet in einem gigantisch gefüllten Marke­tingtopf, dank Jahresumsätzen jenseits der Billio­nengrenze und traumhaften Gewinnspannen bis zu 40 Prozent. Aus ihm werden prak­ti­zierende Ärzte, Medizinprofessoren, Klinikleiter, Kom­missions­mitglieder, Veranstal­ter, Fachgesellschaften, die Opinion Leaders des Fachs ebenso großzügig bedacht wie PR- und Werbeagenturen, Redakteure, freie Journalisten und Buchauto­ren, Betreiber von Inter­net­portalen, Foren und Blogs, Administratoren von Online-Enzy­klopädien, Patientenorganisatio­nen, ein Heer von Lobbyisten und Pharmareferen­ten. All diese Erfüllungsgehilfen sorgen in der Öffentlichkeit, unter Hilfe­suchenden und ihren Angehörigen, innerhalb der Medizin, aber auch bei politisch Verantwort­lichen für ein grotesk verzerrtes Bild der wahren Verhältnisse. Sie tragen dazu bei, Kritiker und Anbieter alternativer Ansätze zu diskreditieren. - Keine polemische Zuspitzung, sondern ein nüchterner juristischer Befund: Das psychiatrische Versorgungssystem, wie weitere Bereiche unseres Gesundheitswesens, erfüllt die Hauptkriterien organisierter Kriminalität. Dagegen muss ein Rechtsstaat entschlossen vorgehen, statt auf die Selbstheilungskräfte des freien Marktes zu bauen. Verschaffen Sie sich ein eigenes Bild vom psychiatrischen Versorgungsnotstand. Vertrauen Sie keinem Gesprächspartner, ohne seine Interessenkonflikte zu berücksichtigen. Lassen Sie sich nicht länger von Lobbyisten beeindrucken, die Sie unablässig umlagern und bedrängen. Seien Sie skeptisch gegenüber den Meinungsführern der Ärzteschaft - als Berater, Sprecher, Autoren, Forscher stehen sie nahezu ausnahmslos auf den Honorarlisten von Arznei­­­mittel­unter­nehmen. Ein Großteil der Organisationen und Initiativen, die Patienten „aufzu­klären“ und deren Inter­essen zu vertreten vorgeben, hängt am Tropf der Pharma­indu­strie. Lassen Sie unabhängige Einrichtungen Stellung nehmen, die Ihnen ein unverzerrtes Bild vom aktuellen Forschungsstand, von den tatsächlichen Möglichkeiten, Grenzen und Gefahren der Psychiatrie, von verfügbaren Alternativen verschaffen - wie etwa die Cochrane Collaborati­on, die Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie (DGSP), das Institut für Sozialpsy­chia­trie der Universität Greifs­wald, die Stiftung Auswege. Lassen Sie erfahrene Mediziner zu Wort kommen, die sich entsetzt vom psychiatrischen Main­stream abgewandt haben, wie etwa Dr. med. Volker Aderhold, Dr. med. Marcia Angell, Dr. med. Peter Breggin, Dr. med. Peter Gøtzsche, Dr. med. David Healy, Dr. med. Irving Kirsch, Dr. med. Joanna Moncrieff, Dr. med. Marc Rufer, Dr. med. Josef Zehentbauer. Verschaffen Sie sich, am besten incognito, einen persönlichen Eindruck davon, wie in übli­chen psychiatrischen Praxen, Kliniken und Ambulanzen tatsächlich mit Menschen verfahren wird, die aus dem inneren Gleichgewicht geraten sind. Sie würden Zeuge einer weitgehend sprach- und herzlosen „Fünf-Minuten-Medizin“, die Checklisten abarbeitet, um Diagnose-Etiketten zu verteilen und Bezugs­scheine für synthetische Drogen auszustellen. Im stationären Rahmen zählt individuelle psycho­logische Betreuung, zumeist höchstens 45 bis 90 Minuten pro Woche, zum bloßen Beiwerk einer überwachten Pillenverfütterung; die Verwahr- ist zur Vergiftungs­psychiatrie geworden. Besuchen Sie Kliniken, Einrichtungen und Modellprojekte, die psychisch Angeschlagenen erfolgreich mit Zuwendung und Empathie, sozialer Unterstützung und der Stärkung innerer Ressourcen helfen statt mit Pillen – beispielsweise die Median-Klinik in Bad Gottleuba, die sysTelios-Klinik in Wald-Michelbach, die Habichts­wald-Klinik in Kassel. Lassen Sie sich direkt von ehemaligen Psychiatrie-Patienten berichten, hören Sie Vertreter ihrer Betroffe­nen­organisationen an, z.B. des Bundesverbands Psychiatrie-Erfahrener (BPE). „Willst du etwas wissen, so frage einen Erfahrenen, keinen Gelehrten“, sagt ein chinesisches Sprichwort. Verschaffen Sie sich einen Überblick über den tatsächlichen Forschungsstand, die verhängnis­volle Industriebindung der herkömmlichen Psychiatrie, die verheerenden Schäden, die sie bei Betroffenen anrichtet. Dazu eignen sich zusammenfassende Bücher wie Dr. med. Marcia Angell: Der Pharma-Bluff (2005); Dr. med. Peter R. Breggin: Giftige Psychiatrie, 2 Bände (1996/97); DGSP (Hrsg.): Eine Generation wird krankgeschrieben (2013); Dr. med. Peter Gøtzsche: Tödliche Medizin und organisierte Kriminalität (2014), Tödliche Psychopharmaka (2016); Dr. med. David Healy: Let Them Eat Prozac (2004); Irving Kirsch: The Emperor's New Drugs: Exploding the Antidepressant Myth (2009); Peter Lehmann: Schöne neue Psychiatrie, 2 Bände (1996); ders. mit Peter Stastny (Hrsg.): Statt Psychiatrie, 2 Bände (1993, 2007); Dr. med. Joanna Moncrieff: The Myth of the Chemical Cure: A Critique of Psychiatric Drug Treatment (2007), The Bitterest Pills (2013); Marc Rufer: Irrsinn Psychiatrie (1988, 4. Aufl. 2009); Robert Whitaker: Mad in America (2001), Anatomy of an Epidemic (2010); Dr. Harald Wiesen­­danger: Das Märchen von der Psycho-Seuche (2017), Seelentief: ein Fall für Profis? (2017), Unheilkunde. Die 12 Märchen der Psychiatrie – Wie eine Pseudo­medizin Hilfe­­­suchende täuscht (2017), Die Krankmacher (2018); Josef Zehentbauer: Chemie für die Seele (1986, 11. Aufl. 2010). Lesen Sie, was frühere Pharma-Manager über die üblichen Machenschaften der Branche und ihre Instrumentalisierung der Psychiatrie enthüllten, z.B. John Virapen: Nebenwirkung Tod (4. Aufl. 2008) und Peter Rost: The Whistleblower: Confessions of a Healthcare Hitman (2006). Stellen Sie die entscheidenden Fragen: Warum nehmen psychische Störungen zu, je mehr Psychiater es gibt? Wäre eine psychische Störung nichts weiter als ein „biochemisches Ungleichgewicht im Gehirn“: Wieso hat kein Psychiater jemals irgendeine Diagnose aufgrund eines neurologi­schen Befunds erstellt? Gibt es irgendein anderes Fachgebiet der Medizin, in dem Ärzte eine langfristige symptoma­tische Behandlung befürworten würden, ohne zu wissen, was die Symptome hervorruft? Warum werden „psychische Störungen“ immer langwieriger und gravierender, wo doch die eingesetzten Arznei­mittel nicht bloß ständig teurer, sondern angeblich immer besser gewor­den sind? Warum dauern sie umso hartnäckiger an, je früher, je höher dosiert, je länger sie mit Psycho­pharmaka behandelt werden? Warum verkürzen Psychopharmaka nicht die durchschnittliche Aufenthaltsdauer in psychia­tri­schen Einrichtungen? Wieso kommt man im allgemeinen schneller heraus, wenn man auf sie verzichtet? Wieso verlaufen Psychosen in Entwicklungs- und Schwellenländern, mit dürftiger bis keiner psychiatrischen und psychopharmazeutischen Versorgung, im allgemeinen glimpflicher und kürzer? Weshalb kommen Rückfälle dort seltener vor? Warum wirkt kein einziges Psychopharmakon indikationsspezifisch, d.h. gezielt bei jener Art von „Störung“, gegen die es verordnet wird? Wirklich „selektiv“ ist keines. Bei den unter­schied­lichsten Krankheitsbildern lösen sie Anspannung und Angst, hellen die Stimmung auf, steigern den Antrieb, dämpfen oder beruhigen. Die Phar­ma­­psychiatrie verkauft demnach Schrot­flinten als Hochpräzisionsgewehre. Was hielten Sie von einem Schlüs­sel­dienst, der mit Brecheisen und Vorschlag­hammer an­rücken muss, weil er über keinen einzigen passenden Schlüssel verfügt? Warum geht es medikamentös Behandelten auf lange Sicht schlechter als anderen? Warum kommen Rückfälle unter ihnen häufiger vor – im Durchschnitt aller vorliegenden Studien in 60 Prozent aller Fälle, gegenüber 30 Prozent bei Psychotherapie? Warum sind Betroffene, denen Psychopharmaka erspart bleiben oder die frühzeitig darauf verzichten, auf lange Sicht besser dran? Warum haben parallel zu sprunghaft steigenden Verordnungszahlen von Antidepressiva, Neu­ro­leptika und anderen Psychopharmaka schwere, chronische Verläufe bei psy­chisch Belaste­ten dramatisch zugenommen? Warum bringen Psychopharmaka überhaupt schlimme Nebenwirkungen und Langzeitschäden mit sich, wo sie angeblich doch „gezielt“ jenes „biochemische Ungleichgewicht“, jene „Stoff­wechsel­störung im Gehirn“ beheben, die der psychischen Störung zugrunde liegt? Wenn Psychopharmaka der „neuen Generation“ angeblich nicht süchtig machen: Weshalb führen Versuche, von ihnen loszukommen, dann zu schwersten Entzugserscheinungen und „Absetzpsychosen“? Warum verkürzt langfristige Psychopharmaka-Behandlung die durchschnittliche Lebenserwar­tung um 25 Jahre? Warum starben in Deutschlands psychiatrischen Kliniken, unter ständiger fachärztlicher Auf­sicht und medikamentös „optimal“ versorgt, in den vergangenen 20 Jahren über 57.000 Pati­en­ten, deren Krankheiten unbehandelt nur selten tödlich enden? Warum werden Zwangsbehandelte in Deutschland durchschnittlich 10 Stunden fixiert, in England hingegen bloß 20 Minuten? Warum setzen fast alle Psychiater auf synthetische Chemie, obwohl die Therapieforschung seit langem belegt, dass andere Behandlungsansätze im allgemeinen hilfreicher sind, zudem weitaus risiko­ärmer? Warum machen Psychiatriepatienten mit Psychopharmaka überwiegend Erfahrungen, die den behaupteten Wirkungen in industriefinanzierten Zulassungsstudien, Expertengutachten und der Fachliteratur krass zuwiderlaufen? Warum erklärt nur jeder Zehnte, ihm sei in der Psy­chia­trie geholfen worden? Wieviele psychisch Belastete würden bei klarem Verstand jemals einer längerfristigen Phar­makotherapie zustimmen, wenn sie vollständig über alle mittlerweile bekannten Risiken und Nebenwirkungen, über die Erfolgsaussichten aller verfügbaren Behandlungsalter­nati­ven aufge­klärt würden? Würde ein Psychiater selber die Chemikalien schlucken oder seinem eigenen Kind ein­flößen, die er seinen Patienten verschreibt? Welches Interesse an möglichst häufigen, möglichst raschen Genesungen sollte ein Industrie­zweig haben, der davon lebt, dass möglichst viele Menschen krank sind und es möglichst lange bleiben? Warum verhält es sich mit dem psychopharmazeutischen Heilerfolg wie mit dem Yeti? Manche glauben, es gebe ihn, aber keiner hat ihn je gesehen. Sorgen Sie für notwendige Gesetze und Verordnungen – im psychiatrischen Bereich … - Anstelle chemischer Keulen benötigen psychisch Belastete offene Ohren, mitfühlende Herzen und helfende Hände. Inner- wie außerhalb psychiatrischer Ein­rich­tungen dür­fen Psychopharmaka nur noch notfalls, bloß kurzfristig und möglichst niedrig dosiert zum Einsatz kommen, nachdem chemiefreie Ansätze geschei­tert sind. Was das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizin­produkte (BfArM) im Herbst 2009 auf Druck der Europäischen Kommission zur Risikobewer­tung für den Sonderfall von Stimulan­zien wie Methylphenidat (Ritalin) umsetzte und den Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) zu einer geänderten Arzneimittelricht­linie veranlasste, muss für Psychophar­ma­ka allgemein gelten: Die Behandlung hat ohne Medikamente zu beginnen; verord­net werden dürfen sie nur noch in Ausnahme­fällen. - Verbieten Sie inbesondere, Kindern Psychopharmaka zu verabreichen, mit sehr seltenen Aus­nahmen. Ihr noch unausgereiftes Gehirn mit Chemikalien zu schädigen, ist nicht weni­ger verwerflich und folgenschwer, als sie zu misshandeln oder sexuell zu missbrau­chen. Statt Anti­depres­si­va, Neuroleptika und Stimulanzien benötigen sie ein heiles Um­­­­feld in Familie und Schule, aufmerksame Begleitung und Anleitung, ein­fühl­samen Beistand bei Trau­ma­ta und Krisen. - In Alten- und Pflegeheimen werden, meist ohne medizinische Indikation, Psycho­pharmaka einge­setzt, um anstrengende Senioren ruhigzustellen. Jeder fünfte Insasse erhält Neuroleptika, jeder dritte Antidepressiva; unter Dementen sind es sogar 40 Prozent. Das ist unverantwortlich – und ohne informierte Zustimmung der Betrof­fe­nen bzw. ihrer Angehörigen kriminell. Schieben Sie dieser gängigen Praxis einen Riegel vor. - Fördern Sie psychologischen Beistand durch mobile Krisendienste, ambulante und teilstationäre Einrichtungen, Beratung und Unterstüt­zung von überforderten Angehörigen; Daueraufenthalte in psychiatrischen Kliniken erübrigen sich dadurch zumeist. - Sorgen Sie dafür, dass Ärzte gesetzlich verpflichtet werden, psychisch Belastete zuallererst der nachweislich wirkungsvollsten und weitaus unschädlicheren Behandlungs­­weise zuzuführen: einer Psychotherapie. Und stellen Sie sicher, dass diese aus­reichend angeboten wird. Was nützt ein Rechtsanspruch auf Psycho­­therapie, auf einen Termin innerhalb von vier Wochen nach Anfrage, solange zu­wenige Anbieter hoffnungs­los überfordert sind? - Das soziale Umfeld von psychisch Belasteten muss über seine maßgebliche Rolle aufgeklärt, an der Behandlung beteiligt und ausreichend unterstützt werden. - Selbsthilfe ist oftmals möglich, wirksam und kostengünstiger als professionelle Beratung und Behandlung, wie die Erfolge von Einrichtungen wie der Telefonseel­sorge oder den Anonymen Alkoholikern belegen. Sie verdient erheblich größere staatliche Förderung. - Psychiatrie-Erfahrene müssen in die Beratung, Behandlung und Betreuung von Patienten einbezogen, an der Entwicklung von Qualitätskriterien für psychiatrische Maßnah­men und deren Qualitätskontrolle beteiligt werden. - Laienhilfe muss aufgewertet und gefördert werden, sie kann Fachkräftemangel ausgleichen. Was vergleichende Therapie­forschung seit langem belegt, bestätigt sich seit 2007 in den Therapiecamps der Stif­tung Auswege: Bei psychischen Störungen aller Art erreichen empathische, lebens­erfah­re­ne, kommunikativ geschickte, weise Psychoamateu­re binnen einer Woche in der Regel mehr als professionelle Psycholo­gen, Psy­cho­­the­ra­­­peu­ten und Psychiater zuvor. Die Verberuflichung des Helfens bei seelischen Nöten ist nicht die Lösung, sondern Teil des Problems. Sie missachtet und entwertet ein gewaltiges therapeutisches Potenzial. So bedeutet „ambulante Ver­sor­gung mit Psy­cho­therapie“ fak­tisch: wöchentlich ein 50-minütiger Termin bei einem Profi. Doch was ist mit den übri­gen 10.000 Minuten pro Woche? - Gesetzliche Krankenkassen vergeuden Unsummen für Medikamente, ohne die es den Versicherten besser ginge. Für die Pharmakotherapie „psychischer Störungen“ sollten sie nur noch aufkommen, nachdem sich andere Hilfsangebote als unwirksam erwiesen haben – Einsparungen in Milliardenhöhe wären dadurch möglich. - Menschenunwürdige Zwangsbehandlungen und zwangsweise Unterbringungen müssen ein Ende haben. Sie traumatisieren; sie erschweren Heilung; und sie verletzen Grund­rechte, wie der Europäische Gerichtshof bereits 2005 urteilte. - Die „Prinzipien für den Schutz von Personen mit geistigen Krankheiten“, welche die UN-Generalversammlung 1991 verabschiedete, müssen endlich vollständig umgesetzt werden. - Im Interesse von Hilfesuchenden sollten Vorsorgevollmachten und Patientenverfügungen Pflicht werden, Behandlungsvereinbarungen zu rechtswirksa­men Verträgen. Sie sind nicht unwichtiger als eine gesetzliche Kranken- und Pflegeversicherung. - Therapeutische Partnerschaft setzt Gleichberechtigung voraus. Die Rechte von Psychia­­­trie­­betroffenen müssen auf allen Entscheidungsebenen gestärkt, Machtgefälle abgebaut werden. - Wir brauchen ein Gesetz, nach dem Ärzte persönlich haften müssen, wenn sie ihrer umfassenden Aufklärungspflicht nicht nachkommen; das ganze Ausmaß von Psychophar­ma­ka-Risiken und verfügbare Behandlungsalternativen verschweigen; wenn ihre langfristige Verordnung von psycho­tropen Substanzen zu bleibenden Schä­den an Leib und Seele führt. - Auch in psychiatrischen Fällen dürfen Ärzte Befundberichte, Patientenblätter und sonstige Akten nicht unter Verschluss halten. Was sie warum mit welchem Ergebnis veranlassten, müssen Betroffene, zumindest aber ihre Angehörigen nachvollzie­hen können. Allzuoft wird die Herausgabe von Unterlagen nicht verweigert, um den Pati­enten zu schüt­zen, sondern um sich Diskussionen zu ersparen, um Kunstfehler zu vertuschen und Prozessrisiken vorzu­beugen. - Sorgen Sie dafür, dass Ärzte von der Pflicht zur Diagnoseverschlüsselung psychischer Belastungen nach ICD befreit werden, ändern Sie das Sozial­gesetzbuch entsprechend (SGB V, §295 und 301). Betroffene dürfen nicht länger voreilig patholo­gisiert, mit fragwürdigen Diagnose-Etiketten versehen, zu „Patienten“ gestempelt und einer brandgefährlichen Pillenmedizin zugeführt werden. - Verhindern Sie, dass die zunehmende Digitalisierung der Medizin daraus einen Automa­tismus macht: mit aufgerüsteten Smartphones als Taschen-Ärzten, deren Algorithmen einer Sofortdiagnose – mittels Checklisten und Sensoren – eine psychiatrische Therapie­­empfeh­lung folgen lassen. - Verweigern Sie Massen-Screenings auf vermeintliche „Vorzeichen“ und „Früh­stadi­en“ psychischer Erkrankungen die Zustimmung. Ihnen mangelt es an wissenschaft­licher Absicherung. Ihren vehementesten Fürsprechern liegt vornehmlich daran, den Absatzmarkt für Psycho­pharmaka zu erweitern. - Hilfesuchende vertrauen in hohem Maße Patientenorganisationen, die sich zu einem Groß­teil von der Arzneimittelindustrie sponsern lassen; dafür zeigen sie sich durch pharma­freundliche Informationen und Empfehlungen erkenntlich. Sorgen Sie dafür, dass solche Einrichtungen in Internetauftritten, in Drucksachen, bei Veranstaltungen unübersehbar offenlegen müssen, von wem sie wofür wieviel Geld erhalten. … wie im Gesundheitswesen allgemein: - Zerstreuen Sie den Eindruck, Arzneimittelbehörden seien ein verlängerter Arm der Pharmaindustrie. Lassen Sie das Zulassungsverfahren ändern. Veran­lassen Sie, dass die Anforderungen an Beweise für Nützlichkeit und Unbedenklichkeit von Medika­menten verschärft werden, gefährliche Produkte mit fragwürdigem Mehr­wert aus den Apotheken ver­schwin­den, neue erst gar nicht dorthin gelangen. Ehe sie auf den Markt kommen, müssen sie mit den besten verfügbaren Alternativen verglichen werden, nicht bloß mit weiteren Chemikalien oder Placebos. Die überzeu­gendste Evidenz da­für, was sie bringen und anrichten, liefern im übrigen nicht praxis­ferne, fehler­anfäl­li­ge, leicht manipulierbare „kontrollierte Studien“, sondern die übereinstimmenden Erfah­­run­gen derer, die sie über längere Zeit einnehmen. - Nicht die Hersteller, sondern Arzneimittelbehörden sollten entscheiden, welche Institute Medikamente prüfen dürfen. Klinische Studien sind eine öffentliche Aufgabe, sie haben dem Gemeinwohl zu dienen. Deshalb gehören sie in die Hände unabhängi­ger akademischer Einrichtungen. - Alle klinischen Daten über Arzneimittel müssen öffentlich zugänglich sein. Betriebsgeheimnisse dürfen nicht schwerer wiegen als die Volksgesundheit. - Jeder Beipackzettel sollte den Hinweis enthalten: „Es ist nicht nachgewiesen, dass dieses neue Medikament besser ist als schon verfügbare. Über seine unerwünschten Neben­wirkungen, einschließlich der tödlichen, wissen wir viel weniger als bei jahre­lang erprobten. Es fehlen Beweise dafür, dass erhebliche therapeutische Vorteile sei­nen erheblich höheren Preis rechtfertigen. Im allgemeinen ist es ratsam, schon länger eingesetzte Arzneimittel zu bevorzugen, weil viele neue nachträglich wegen Sicherheitspro­ble­men vom Markt genommen werden.“ - Um der Medikalisierung der Heilens entgegenzuwirken, muss die Aus- und Weiterbildung von Ärzten frei von Pharmaeinflüssen erfolgen. - Die herkömmliche Medizin baut weitgehend auf industriegeförderter Medikamentenforschung. Verantwortliche Forschungspolitik muss ausreichende Mittel bereit­stellen, die Potenziale von vielversprechenden anderen Therapieformen zu ergründen. - Die Anwendung von offenkundig hilfreichen chemiefreien, eindeutig gefahrloseren Behandlungs- und Betreuungs­ansätzen muss finan­ziell gefördert werden. - Humanmedizin muss zuallererst eines sein: human. Das erfordert Ärzte, die sich Zeit nehmen, zuhören, sprechen, verstehen und mitfühlen – ihre Patienten als ganze Personen achten und behandeln, statt sie als reparaturbedürftige Biomaschinen abzufertigen. Die Gebühren­ordnung muss Anreize dazu schaffen. Wozu verleiten wir einen Zimmer­­mann, wenn wir ihn nicht fürs Dach entlohnen, sondern für die Anzahl der Hammerschläge? - Ärzten muss es strikt untersagt sein, Zuwendungen seitens der Pharmaindustrie anzunehmen. Denn jede Zuwendung verpflichtet – sonst fände sie nicht statt. Verbreitete Formen legaler Korruption, wie „Seeding Trials“ und die wissenschaftlich weitgehend wertlosen „An­wen­­dungs­beobachtungen“, muss der Gesetzgeber endlich unterbinden. - Arzneimittel-Marketing sollte verboten werden. Es gibt weder ein medizinisches Erforder­­nis noch einen öffentlichen Bedarf für Medikamentenwerbung, für Pharmareferen­ten, für industriefinanzierte „Fortbildung“, für verkappte Bestechung durch Pseudostudien in Arztpraxen. - Die Preistreiberei der Pharmakonzerne muss endlich juristisch und per Gesetz eingedämmt werden. Die straf- und zivilrechtlichen Tatbestände von Wucher und Sittenwidrigkeit sind erfüllt. - Es bedarf offener Karten im Gesundheitswesen, nach dem Vorbild des US-amerikanischen „Sunshine Act“. Einer öffentlich zugänglichen Datenbank müssen Patienten entnehmen können, von wem ihr Arzt wofür wieviel Geld bekommt. Frei­willige An­ga­ben genügen nicht, nur jeder Vierte macht mit. Was haben die Übrigen zu verbergen? - Personen mit finanziellen Verbindungen zu Pharmaunternehmen dürfen in maßgeblichen Ausschüssen und Beratungsgremien, in Aufsichtsbehörden, in Arzneimittel- und Leitlinienkom­mis­sio­nen, in Facharztverbänden nicht län­ger vertreten sein. Dem Gesundheitswesen bekommt akademische Prostitution nicht, ohne sie wäre es heiler. - Manager von Pharmakonzernen, die Studienergebnisse über gefährliche Neben­wirkungen und Langzeitschäden durch Psychopharmaka verzerren oder verschweigen, oder Ärzte durch falsche oder unvollständige Angaben zu nicht zugelassenen Anwendun­gen verleiten („off-label“), müssen persönlich zur Rechenschaft gezogen werden können. - Patienten und ihre Angehörigen, aber auch Ärzte benötigen unabhängige Informations­quellen, um aus verfügbaren Behandlungsoptionen sachkundig wählen zu können. Herstellerangaben zur Wirksamkeit und Verträglichkeit von Psychophar­ma­ka ist nicht zu trauen. Nach dem Vorbild der „Stiftung Warentest“ tut eine „Stif­tung Arzneimittel­test“ not. - Soweit eine Psychiatrie-Reform Mehrkosten verursacht, sollten und können sie durch überfälli­ge, wiederholt gescheiterte Maßnahmen wie eine „Positivliste“ und rigorose Preisober­grenzen für Arzneimittel finanziert werden, wie auch aus Milliarden-Einsparungen durch weniger Psychopharmaka-Einsatz. - Soweit die Selbstverwaltung im Gesundheitswesen den Reformprozess behindert, muss der Staat sie einschränken, zum Wohl seiner Bürger. - Geschädigte Patienten müssen Pharmakonzerne mit Sammelklagen zur Rechenschaft ziehen können, nach US-amerikanischem Vorbild. … und darüber hinaus im politischen System: - Demokratie lebt von Vertrauen, Vertrauen erfordert vollständige Transparenz. Bürger müssen wissen, welche Industriebezie­hun­gen ihre gewählten Vertreter daran hindern könnten, sich für nötige Veränderungen einzusetzen. Regierungsmit­glieder und Abgeord­­ne­te, aber auch leitende Ministerialbeamte sollten Art, Höhe und Quelle ihrer Neben­­­­einkünfte vollständig offenlegen müssen, ebenso wie An­zahl, Dauer und Anlass ihrer Kontakte mit Indu­strie­vertretern. - Eben noch Politiker, jetzt schon Lobbyist, manchmal auch umgekehrt: Wie durch eine Drehtür wechseln immer wieder Volksvertreter in Unternehmen und Verbände. Dadurch erkaufen sich mächtige Interessengruppen, auch im Gesundheitswesen, einen direkten Draht zur Gesetzgebung. Die Drehtür zum Seitenwechsel muss blockiert werden: Wir fordern eine mehrjährige Katenzzeit für Regierungsmitglieder, Staatsminister, Staatssekretäre und Abteilungsleiter in Ministerien. - Um verdeckte Einflussnahmen zu erschweren und Verflechtungen kenntlich zu machen, tut ein verpflichtendes Lobbyregister not, wie es in den Vereinigten Staaten bereits seit 1995 existiert. Darin müssen alle Lobbyisten angeben, mit wel­chem Budget, in wessen Auftrag und zu welchem Thema sie Einfluss auf die Politik nehmen. - Ausschusssitzungen des Bundestages sollten grundsätzlich öffentlich stattfinden. - Gesetze zu erarbeiten, ist ausschließlich Aufgabe des Parlaments und der Ministerien. Dies an private Beratungsunternehmen und Kanzleien auszulagern, die in der Regel Wirtschafts­interessen vertreten, ist ein demokratisches Unding. Ist es ausnahmsweise gerechtfertigt, müssen Art und Umfang der Beteiligung vollständig offengelegt werden. - Bundesministerien und Bundesbehörden dürfen nicht länger Unternehmens- und Verbandsvertreter beschäftigen. Indem solche Mitarbeiter Einblick in interne Abläufe und vertrauli­che Themen bekommen, persönliche Kontakte knüpfen und pflegen können, verschaf­fen sie den Entsendern weitreichende Einflussmöglichkeiten, die im Kon­flikt­fall eher wirt­schaft­lichen als Bürgerinteressen dienen. Wir fordern die Bundesregierung auf, zügig eine neue Psychiatrie-Enquête erarbeiten zu lassen, die fortbestehenden Missständen und neuen Erkenntnissen Rechnung trägt. Die Enquê­­­te-­Kommission darf nicht von jenen Interessengruppen dominiert werden, die eine Mitverantwortung am psychiatrischen Versorgungsnotstand tragen. Die Unterzeichner dieser Petition erwarten ein Mitspracherecht; ihre Vertreter sind bereit, die Federführung zu über­nehmen. Um Stillstand und halbherzige Lösungen zu verhindern, fordern wir die Bundesregierung auf, dem Parlament regelmäßig, mindestens einmal in jeder Legislaturperiode, einen Bericht zur Lage der Psychiatrie in Deutschland vorzulegen. Mit weiterer Untätigkeit entzieht sich die Bundesregierung nicht nur ihrer Pflicht, Schaden vom deutschen Volk abzuwenden. Sie schürt die ohnehin wachsende Demokratieverdrossen­heit; sie gießt Wasser auf die Mühlen von Popu­li­sten, die den Staat der Übermacht korrupter Eliten, multi­natio­naler Konzerne und ihrer Lobbyisten ausgeliefert wähnen. Notfalls fordern wir die Einsetzung eines Untersuchungsausschusses, um zu klären, weshalb die Bundesregierung seit Jahrzehnten die psychiatrische Verletzung von Grundrechten weit­gehend tatenlos hinnimmt: des Rechts auf Leben und Unversehrtheit, auf Achtung und Schutz menschlicher Würde, auf Selbstbestimmung. Damit verletzt sie Amtspflichten. Warum wenden wir uns nicht zuständigkeitshalber an den Petitionsausschuss des Deutschen Bundestags? Die Missstände, die wir aufzeigen, sind dramatisch, verletzen fundamentale Menschenrechte, betreffen Millionen Bürger, bedürfen breiter öffentlicher Aufmerksamkeit und Diskussion, müssen rasch behoben werden. Jedes weitere verlorene Jahr bedeutet: weitere Tausende von iatrogenen Todesfällen, weitere Hunderttausende von körperlich, geistig und psy­chisch Geschädigten, von verspielten therapeutischen Chancen. Es wäre fahrlässig, die Bewer­­tung unserer Anliegen einem Gremium zu überlassen, das für lange Bearbeitungszeiten berüchtigt ist (kein Wunder, bei über 60 Eingaben pro Tag); dessen Tätigkeit kaum wahrge­nom­men wird; das nach Parteienproporz entscheidet und im Ruf steht, unliebsame Themen vom Parlament fernzuhalten. (H.W.) ________________________________________ Eine Initiative der Stiftung Auswege, mitgetragen von: Dr. phil. Thomas Deutschbein, psychologischer Psychotherapeut, Gesprächs-, kognitive Verhaltenstherapie; Autor von „Freiheit von der Eifersucht – Wege zu einer neuen Partnerschaft“ (2010) Andreas Diemer, Arzt für Allgemeinmedizin/Naturheilverfahren, Diplom-Physiker, Ärztlicher Leiter der Akademie Lebenskunst & Gesundheit, Sprecher der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für unabhängige Impfaufklärung (DAGIA), Autor von „Die fünf Dimensionen der Quantenheilung: Für eine erweiterte und menschliche Medizin“ (2012) Dr. med. Dorothea Fuckert, Fachärztin für Allgemeinmedizin und Psychotherapie, Leiterin des Wilhelm-Reich-Instituts, Mitherausgeberin der Zeitschrift „Lebensenergie“, Autorin des Buches „Seelenreise in das Leben zwischen den Leben“ (2013) Dr. med. Milan J. Meder, Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie, -psychotherapie, Sozialmedizin Petra & Jacqueline Schneider, Angehörige eines toten Psychiatrie-Opfers Liz. Phil. Maria de Lourdes Stiegeler, Logotherapeutin, Existenzanalytikerin, langjähriges Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats der Deutschen Gesellschaft für Logotherapie und Existenzanalyse (DGLE) Prof. Dr. Dr. Harald Walach, klinischer Psychologe, Philosoph und Wissenschaftshistoriker, derzeit Gastprofessor an der Universität Witten-Herdecke, bis 2016 Professor für Forschungsmethodik an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder; Autor bzw. Herausgeber von 24 Sachbüchern. Dr. med. Fela-Maria Winkler, Allgemeinmedizinerin und Ärztin für Naturheilkunde

  • Des Kaisers neue Kleider

    Das Psycho-Profitum, das die moderne Seelenheilkunde in der westlichen Welt installiert hat, beruht auf fünf Grundvoraussetzungen. Jede sollten seelisch Belastete hinterfragen, anstatt sich blind vertrauend vermeintlichen Experten ausliefern. Angeblich gestützt auf wissenschaftlich gesicherte Erkenntnisse, können Experten geistig-seelische Erkrankungen 1. zuverlässig erkennen, 2. wirksam behandeln, 3. plausibel erklären und 4. ziemlich präzise vorhersagen - 5. jedenfalls weitaus besser als Laien, denn diese hängen einer minderwertigen „Küchenpsychologie“ an. Dass all dies stimmt, nehmen Öffentlichkeit, Medien und staatliche Stellen, Krankenkassen und andere Einrichtungen unseres Gesundheitswesens inzwischen wie selbstverständlich an. Diese breite Einverständnis beschert Psychologen, Psychotherapeuten, Psychiatern eine Führungsrolle, die Laien kaum je hinterfragen. Sie sollten es aber. Ausgehend von Erfahrungen aus den Therapiecamps meiner Stiftung Auswege erklärt die vorliegende Schriftenreihe alle fünf Annahmen zu Mythen. „Das Volk“, so sah es Kurt Tucholsky, „versteht das meiste falsch, aber es fühlt das meiste richtig.“ Dass in den Psychofächern etwas oberfaul ist, ahnen viele: Studenten spüren es am erschreckenden Mangel an Praxisbezogenheit und Nutzwert ihrer Ausbildung, Ratsuchende an Merkwürdigkeiten psychologischer Beratungsgespräche, Patienten an haarsträubenden Therapieverläufen in psychiatrischen Einrichtungen und psychotherapeutischen Praxen. Trotzdem traut sich die Mehrheit nicht, aufzubegehren. Unzählige Leidtragende und Zeugen eines anmaßenden Psycho-Expertentums müssten sich längst zu benehmen trauen wie jener Knirps in Hans Christian Andersens Märchen „Des Kaisers neue Kleider“, der vor versammelter Festgesellschaft ausruft: „Der hat ja gar nichts an!“ Warum geschieht das nicht? Es scheint so, als müsste man uns gar nicht mehr belügen - das erledigen wir inzwischen selber. Denn die Illusion ist Teil unserer Weltorientierung und dient dazu, sie aufrechtzuerhalten. Darin ähnelt sie durchaus dem Wahn jener Abermillionen unbedarfter Bürger, die sich von Experten einst dazu hinreißen ließen, Hexen bei der Inquisition zu verpfeifen, für den besessenen Angehörigen einen Exorzisten einzubestellen, sich vor einer „Verschwörung des Weltjudentums“ oder Saddam Husseins ABC-Waffen zu fürchten. Warum schwant uns nicht, dass wir einer Selbsttäuschung erliegen, die der nobelpreisgeehrte US-Psychologe Daniel Kahneman „Kompetenzillusion“ nannte? Die „stärkste psychologische Ursache“ für diesen allgegenwärtigen Irrtum scheint ihm: Der Laie bewundert Experten dafür, dass sie ganz ohne Frage „hohe kognitive Leistungen erbringen“. Mit technisch hochkomplizierten Methoden sammeln, sichten und analysieren sie Berge von Daten, lassen modernste Computer dafür rechnen, verpacken die Ergebnisse mathematisch, bewerten diese nach kniffligen Maßstäben, ziehen überaus feinsinnige Schlüsse daraus, und das in Ehrfurcht gebietendem Fachkauderwelsch. „All dies ist anspruchsvolle Arbeit“, die zweifellos „eine umfassende Ausbildung erfordert“, so Kahneman. (1) Es ist dieser offenkundig riesige Aufwand, der bei Laien gewaltig Eindruck schindet – und sie davon abhält, ihn an seinen Früchten zu messen. Obendrein, betont Kahneman, stützt eine mächtige Berufskultur die Kompetenzillusion. Sie bestärkt nicht nur unsereins, sondern auch die Experten selbst darin, dass sie tatsächlich welche sind. Von einer Überzeugung, und sei sie noch so abwegig, können Menschen unerschütterlich erfüllt sein, wenn eine Gruppe Gleichgesinnter sie fortwährend darin bestärkt. Dieser allseitige Zuspruch ermutigt dazu, „sich zu den wenigen Auserwählten zu zählen, die ihres Erachtens etwas können, was Andere nicht können.“ (2) Mit Sachverständigen können freilich auch Ufo-Gläubige, Kornkreis-Bewegte, Apokalyptiker aufwarten. Warum schweben Psychoexperten im öffentlichen Ansehen himmelhoch über ihnen? Was sie uns auftischen, scheint sich zwingend aus Erkenntnissen zu ergeben, die eine der heiligsten Institutionen der Neuzeit angehäuft hat: die empirische Wissenschaft. Ihr gegenüber kapituliert die Mehrheit. Allzu viele verneigen sich in übermäßigem Respekt vor akademischen Titeln. Beeindruckt bewundern sie offenkundige Gelehrsamkeit, lassen sich von Massenmedien zu Expertenkult verführen. Andächtig erschaudern sie beim Anblick von Fassaden und Innenausstattungen der Wissenschaftskathedralen, ohnmächtig ergeben sie sich einer geschliffenen Rhetorik, deren Winkelzügen sie nur ein paar Schritte folgen können. Doch fügen sie sich dabei nicht der Macht des besseren Arguments, wie dieses Buch hoffentlich verdeutlicht. Sie nehmen ein zeitgeschichtliches Drama hin, das die akademische Psychologie in ihren Lehranstalten, Forschungsinstituten und Hilfseinrichtungen seit über einem Jahrhundert unter dem Titel aufführt: „Wie ich mich verloren habe“, ihre hervorstechendste Begabung ausspielend: eine „Inkompetenzkompensationskompetenz“. (3) Psychologie heute ist gewis­ser­maßen die Maultasche des Wissenschaftsbetriebs: ein „Bscheißerle“, wie die Schwaben ihr Nationalgericht nennen, weil es ursprünglich dazu diente, auch während der Fastenzeit ein bisschen Fleisch auf den Teller zu schmuggeln. Im Laufe ihrer selbstauferlegten Dauerabstinenz im naturwissenschaftlichen Exil kam ihr die Fleischfüllung allerdings gänzlich abhanden. Davon übrig blieb eine alte Begrifflichkeit, die so tut, als ginge es noch um Geist und Seele, Subjekt und Bewusstsein. Seither passt auf die Psychologie ein Ausspruch des berühmten deutschen Chemikers Justus von Liebig (1803-1873): „Die Wissenschaft fängt eigentlich erst da an, interessant zu werden, wo sie aufhört.“ (4) Was Psychologie und Psychiatrie in ihrer gegenwärtigen Form scheinbar unerschütterlich am Leben hält, ist ihre feste Verankerung im universitären Lehr- und Forschungsbetrieb. Im erlauchten Kreis anerkannter Wissenschaften untergekommen, färbt deren Prestige auf sie ab. Insofern gleicht sie der gelehrten Astrologie in deren Blütezeit, von der Renaissance bis ins späte 17. Jahrhundert. Gepflegt wurde die Sterndeuterei in allen Machtzentren Europas. Universitäten richteten Lehrstühle für sie ein, manche gaben alljährliche iudicia heraus, astrologische Weissagungen. In der abendländischen Hochschullandschaft hatte die Sterndeuterei ihren festen Platz, mit der Astronomie ebenso eng verknüpft wie das heutige Psycho-Expertentum mit Medizin, Neurobiologie und Informatik. Die meisten Natur- und Geisteswissenschaftler hingen ihr an, viele betrieben sie aktiv, allen voran Galilei und Kepler. Päpste förderten sie. Königshäuser hielten sich Hofastrologen von Amts wegen. Staatsmänner vertrauten ihr. Auch einfache Leute nahmen ihre Dienste in Anspruch, so selbstverständlich, wie ihre Nachfahren zum Psychoprofi gehen. Sogar in Töpfen und Pfannen gerührt wurde nach den Sternen – getreu dem kulinarischen Vordenker aller Lafers, Lichters, Mälzers und Schubecks, dem antiken Meisterkoch Sikon: Der wahre Könner müsse um den Lauf der Gestirne wissen und berücksichtigen, „wie alle Speisen, je nach den Bewegungen des Weltalls, ihre Würze empfangen“. (5) Das Horoskop entschied, zu welchem Zeitpunkt die Sterne besonders günstig standen, um ein wichtiges Vorhaben umzusetzen, sei es eine weite Reise, eine Hochzeit, eine Konferenz oder ein Feldzug. Ihre selbstgewissen, hochgebildeten Geistesgrößen schienen unantastbar, nicht weniger als die imposanten Lehrstuhlinhaber an unseren medizinischen und psychologischen Fakultäten. Widerlegt wurde die Astrologie nie (6), weder durch die Abkehr von ihrem geozentrischen Weltbild noch durch den Ansehensverlust ihrer Deutungsschemata. Und so hält sie sich bis heute – allerdings im akademischen Abseits, belächelt von neuzeitlich „Aufgeklärten“. Den heutigen Psychodisziplinen könnte das gleiche Schicksal blühen – es sei denn, sie erfinden sich auf eine Weise neu, die sie zu ihrem verlorenen Gegenstand zurückführt: dem menschlichen Subjekt. Statt sich im ausgehenden 19. Jahrhundert zu vernaturwissenschaftlichen, hätte der wahre Fortschritt der Psychologie darin bestanden, sich dem Allwissenheitsanspruch von Naturforschern selbstbewusst zu entziehen, auf der Einmaligkeit ihres Gegenstands zu beharren, eine Begrifflichkeit und Methodik zu entwickeln, die ihm gerecht werden. Dass sie sich stattdessen für Anbiederung und Nachahmung entschied, war intellektuell rückschrittlich, psycholo­gisch ein Fall von Selbstverblindung und institutionell selbstmörderisch. Die Leitbilder, von denen sie sich seither beherrschen ließ – vom Behaviorismus bis zum Neurokognitivismus – setzten Meilensteine auf einem Irrweg, der zielstrebig auf Selbsterübrigung hinausläuft. Wer sich vornimmt, vom Menschen nur übrig zu lassen, was es objektiv an und in ihm festzustellen gibt, wird früher oder später das Feld für andere, „härtere“ Disziplinen räumen müssen, die an Objektivität schwerlich zu überbieten sind. Der Neuro-Hype, der seit Ende des 20. Jahrhunderts fächerübergreifende Erregungsschwellen schlägt, vermittelt eine Vorahnung davon. Die Therapie­camps der Stiftung Auswege hingegen geben Subjekten Raum, helfenden wie hilfesuchenden. Und darin liegt ein Hauptgrund ihres erstaunlichen Erfolgs, den zuallerletzt ihre Wissenschaftsferne gefährdet. In meinen schlimmsten Alpträumen kommt eine lehrbuchbewaffnete Horde von besserwissenden Behavioristen, Psychoanalytikern, psychophysischen Materialisten und Neurokognitivisten vor, die unser Camp entert, die laienhaften Helfer in die Abstellkammer ihrer Küchenpsychologie wegsperrt - und das Beraten und Behandeln unserer Teilnehmer dann ersatzweise so erledigt, wie sich das „evidenzbasiert“ gehört. Wer lügt, verdreht die Wahrheit, bewusst und meist zweckdienlich. Nicht nur einzelne Beteiligte, sondern einen ganzen Wissenschaftszweig der Lüge zu bezichtigen, ist harter Tobak, in diesem besonderen Fall aber mehr als Billigstpolemik. Hier geht es nicht um vereinzelte Datenfälschungen; in der Psychologie kommen sie vermutlich nicht häufiger vor als anderswo. Es geht ums große Ganze: Gemeint sind Unwahrheiten, was den Gegenstandsbereich dieses Fachs, seinen Stellenwert als Naturwissenschaft, seine Leistungsfähigkeit, seine Bedeutsamkeit betrifft - Unwahrheiten, die wider besseres Wissen verbreitet werden, um das eigene Revier zu hüten, sich Einfluss, Pfründe und Prestige zu sichern. Seit es die „wissenschaftliche“ Psychologie gibt, begleiten sie Zweifel an ihren Ansprüchen, vorgetragen nicht nur von Außenstehenden im Verdacht ahnungsloser Gehässigkeit, sondern von unbeliebten Nestbeschmutzern aus den eigenen Reihen. Zu ihnen zählt ausgerechnet jener Fachmann, der im Auftrag der mächtigen American Psychological Association eine der bedeutendsten enzyklopädischen Bestandsaufnahmen des erreichten Erkenntnisstands in sechs Bänden (7) herausgab: „Seit mehr als hundert Jahren“, so befand der 1996 verstorbene Sigmund Koch, einst Professor für Psychologie an der Duke-Universität in Durham, North Carolina, sowie an der Uni Boston, „haben wir mit gewaltigen Anstrengungen eine Disziplin auf einem Fundament begründet, das in der akademischen Geschichte einzigartig ist. Die Merkmale dieser Disziplin sind: statt Fortschritt leere Versprechungen und lautstarke Bekundungen, statt Wahrheit Trivialisierung, statt wissenschaflicher Strenge Rollenspiel. Will man dies eine Wissenschaft nennen, so ist es eine Disziplin der Täuschungen. Ihre wissenschaftliche Literatur besteht aus einer endlosen Reklame für die leersten Konzepte, die hochtrabendsten und aufgeblasensten Theorien und die belanglosesten Befunde in der Geschichte der Wissenschaften.“ (8) „Leer, aufgeblasen, belanglos“: Übertreibt der streitbare Professor da nicht gehörig? Von Belang wäre eine Psychologie, die dazu beiträgt, dass wir einander wie auch uns selbst besser verstehen, und uns hilft, wieder ins seelische Gleichgewicht zu kommen, wenn wir es verloren haben - besser hilft, als wir das ohne sie hinkriegen könnten. Doch dabei versagt sie größtenteils. Noch befremdlicher als dieser Befund ist die Herkunft der schwerwiegendsten Argumente, die ihn stützen. Die Munition, derer sich Abweichler wie Koch bedienen, stammt nicht etwa von ahnungslosen, böswilligen Nichtpsychologen, sondern kurioserweise aus den Datenbeständen der eigenen Disziplin: Hunderte von weithin unbekannten Studien aus der psychotherapeutischen und psychiatrischen Wirkungsforschung, die Fachkreise tunlichst übergehen, herunterspielen oder verschweigen. Das wäre ungefähr so, als würde die Bundeswehrhochschule militärwissenschaftliche Hinweise darauf hüten, dass sich Zivilisten zur Landesverteidigung mindestens gleich gut eignen wie ausgebildete Soldaten; oder als hätte die Lateran-Universität des Vatikan Belege dafür angehäuft, dass theologische Laien die besseren Priester wären. Die Erfahrungen, die ich in den Therapiecamps der Stiftung Auswege machen durfte, bestärken mich in dem Eindruck: Koch hatte recht, es wird Zeit für ein Umdenken. Psychologie im ursprünglichen Wortsinn eines vernünftigen Zugangs zu den seelischen Eigenschaften, die Menschen kennzeichnen, erfordert Abstand zu dem, was das akademische Establishment aus ihr ge­macht hat. Es ist an der Zeit, dass aus eingeschüchterten Kopfnickern, braven Mitläufern und willigen Vollzugsobjekten der Seelenheilindustrie, die an ihnen gesundheitsökonomisch optimierte Maßnahmen nach Lehrbuchschema F verrichtet, beharr­liche Systemkritiker, aufmüpfige Kon­- sum­verweigerer und selbstbewusste Widerstandskämpfer werden. An Wissenschaftsskepsis sei ein Mangel an Bildung schuld, heißt es. Das Gegenteil stimmt, zumindest in Bezug auf die moderne Seelenkunde. Den Erkenntnisansprüchen von Psychoprofis beugen sich am bereitwilligsten Denkfaule und Gutgläubige, die nicht näher Bescheid wissen wollen. Sie ersparen sich Mühsal und Abenteuer wahrer Bildung, die immer Selbstaufklärung einschließt; ausgebildet wird man, doch man bildet sich. (9) Dazu gehört eine mitunter anstrengende Bereitschaft, sich mit grundsätzlichen Fragen auseinanderzusetzen wie: „Was weiß ich über mich?“, „Wie verstehe ich Andere, wann gelingt es mir, wann scheitere ich dabei?“, „Was können Andere über mich überhaupt besser wissen als ich selbst?“, „Worauf stütze ich meine Meinungen dar­über?“, „Wie verlässlich sind meine Informationsquellen wirklich?“, „Habe ich begriffen, oder überlasse ich das Anderen?“ Ebenso gehört dazu, sich grundsätzliche Fragen an Andere nicht zu verkneifen: „Was genau heißt das?“, „Woher weißt du, dass es so ist?“ All das erfordert einen bedachten Umgang mit den Worten, die in solchen Fragen und den Antworten darauf auftauchen: „Was meine ich mit ‘Ich’ und ‘Bewusstsein’, ‚‘Handeln’ und ‘Grund’? Was bedeuten Begriffe wie ‘Geist’ und ‘Seele’?“ Nur wer in diesem Sinne hellwach ist, kann Distanz wahren, statt nachzuplappern und mitzulaufen. So sorgt Bildung für innere Freiheit und psychohygienischen Selbstschutz. Sie bewahrt vor blinden Denkgewohnheiten, sie stärkt die Widerstandskraft gegen rhetorische Überrumpelung, kurzschlüssige Argumente und trügerische Spitzfindigkeiten, gegen überzogene Versprechungen und dreiste Anmaßungen. Der Gebildete kann irren; doch wenn er das einräumt, dann aus Einsicht und nicht, weil er sich dem Zeitgeist, Denkmoden und vermeintlichen Autoritäten fügt. Um für die nötige Klarheit zu sorgen, bedarf es keiner Sonderforschungsbereiche, Exzellenz- und Flaggschiff-Initiativen – nur Nachdenklichkeit, Stille, Konzentration und Zeit. Ein „wahrhafter Philosoph“, so befand einst Platon (427-347 v. Chr.), könne man frühestens ab Fünfzig sein. Erst dann verfüge man nämlich über die nötige Lebenserfahrung und eine gewisse Weisheit. (10) Die Psychologie, die damals noch längst kein eigenes Zuhause hatte, sondern unter dem Dach der Philosophie wohnte, hätte der große Denker darin einbezogen. Lag er völlig daneben? Ich bin Sechzig. Schon lange vor meinem Abi stand für mich fest, dass ich Psychologie studieren will. Ganz bestimmt hätte ich mich weder drei Jahrzehnte geduldet, um mich erst an einer Senioren-Uni dafür einzuschreiben, noch ein Studium begonnen, das frühestens nach sechzig Semestern zum Diplom führt. Aber erst heute ist mir richtig klar, woran es liegt, dass ich einen Großteil meiner Mitmenschen verstehen und ihnen mitunter helfen kann, wenn sie in seelische Nöte geraten sind: aus demselbem Grund, aus dem Laien akademisch geschulten Psychoprofis häufig überlegen sind. Wir verdanken es einem langen Dasein in Gesellschaft, in dem wir Empathie entwickeln, reichlich Erfahrung mit ihrer Anwendung sammeln und sie besonnen einsetzen, wenn es darauf ankommt. Der Schule des Lebens dabei mehr zu vertrauen als den Lektionen der Hochschule, ist überaus weise. Manche müssen mindestens Fünfzig werden, um das zu begreifen. Liefern sie sich vorher in allzu blindem Vertrauen einem Psychoprofi aus, blüht ihnen, wovor Nietzsche warnte: „Das Tragische an jeder Erfahrung ist, dass man sie erst macht, nachdem man sie gebraucht hätte.“ Dieser Text stammt aus der 10-bändigen Schriftenreihe von Harald Wiesendanger: Psycholügen, Band 1: Neue Heimat Psycholand – Woher unser Vertrauen in Seelenprofis rührt (2017). Anmerkungen (1) Daniel Kahneman: Schnelles Denken, langsames Denken, München 2012, Abschnitt „Kompetenz und Gültigkeit“. (2) Kahneman, a.a.O. (3) Eine begriffliche Kreation des gewitzten Meisters der Wortspitzenklöppelei, des 2015 verstorbenen Philosophen Odo Marquard. (4) Aus Justus von Liebig: Chemische Briefe, Leipzig/Heidelberg, 3. Aufl. 1851. (5) Jacob Burckhardt: Werke. Kritische Gesamtausgabe, Band 21: Griechische Culturgeschichte III, München/ Basel 2002, S. 309. (6) Thomas S. Kuhn: „Logik der Forschung oder Psychologie der wissenschaftlichen Arbeit?“, in Imre Lakatos/Alan Musgrave (Hrsg.): Kritik und Erkenntnisfortschritt, Braunschweig 1974, S. 1-24, dort S. 8 f. (7) Sigmund Koch: Psychology: A Study of a Science, New York 1959-1963. (8) Sigmund Koch: “Psychology as Science”, in S. C. Brown (Hrsg.): Philosophy of Psychology, London 1974, S. 3-40, dort S. 27. (9) Peter Bieri: „Wie wäre es, gebildet zu sein?“, Festrede an der Pädagogischen Hochschule Bern, 4.11.2005. (10) Platon: Der Staat. Politeia, Düsseldorf/Zürich 2000, 535a-541b.

  • Big Pharma: Wegbereiter der Psychokultur

    Der bedeutendste Wegbereiter der psychologischen Gesellschaft, die treibende Kraft hinter dem Zeitgeistphänomen, seelisches Unwohlsein in eine therapiebedürftige Krankheit zu verwandeln, ist: die pharmazeutische Industrie. Mit einem Jahresumsatz von über einer Billion US-Dollar (1) wächst der Arzneimittelbranche weltbewegende Macht zu, die sie zu ihrem Vorteil zu nutzen versucht – was denn sonst? Nur Träumer können allen Ernstes meinen, diese Branche sei die einzige, die sich aus Gewissensgründen dagegen sträubt, sich den Regeln der freien Marktwirtschaft zu unterwerfen, weil ihr vollauf bewusst sei, dass sie mit unserem höchsten Gut zu tun hat: unserer Gesundheit. Ebensowenig sind moralische Skrupel in der Rüstungsindustrie besonders ausgeprägt, weil ihre Produkte töten können. Im entfesselten Kapitalismus regiert, soweit er nicht staatlich im Zaum gehalten wird, unersättliche Gier; ethische Bedenken lässt sie nur in dem Maße zu, wie sie zu einem verkaufsförderlichen Image beitragen, ohne Profite zu schmälern. Ist es Zufall, dass das Zeitalter der psychologischen Gesellschaft einsetzte, als in den fünfziger Jahren die ersten Psychopharmaka auf den Markt kamen: synthetische Werk­- zeuge, auf Geist und Seele Einfluss zu nehmen, indem die Biochemie des Gehirns verändert wird? Haben Chlorpromazin, Imipramin und Haloperidol diese neue Ära letztlich nicht stärker geprägt als Freud, Jung und Adler? Anfangs beschränkte sich ihr Einsatzbereich auf „Nervenheilanstalten“. Dort bewährten sie sich prächtig, weshalb sie neurochirurgische und Elektroschockfolter allmählich verdrängten: Zwar heilten sie nicht, aber sie stellten zuverlässig ruhig, entlasteten Personal, und obendrein muteten sie sanft an. Doch die Zielgruppe der „Irren“ war auf Dauer viel zu klein fürs große Geschäft. Wie war sie zu erweitern, wie werden möglichst große Teile der Bevölkerung zu Abnehmern? Darum geht es bei jedem neu eingeführten Produkt: Wie gewinnt man eine maximale Anzahl von Käufern dafür? Stets besteht die Lösung in Überzeugungsarbeit, der hohen Kunst der Überredung: „Dir fehlt etwas, wovon du bisher nichts ahntest. Von uns kriegst du es.“ Das neue Waschmittel wird so beworben („Bisher bist du mit sauberen Hemden zufrieden – aber sie sind nicht rein“), die neue Milchspeise („Du isst gerne Joghurt – aber du ahnst nicht, wieviel besser er dir schmecken würde, wenn du unseren nimmst“), das neue Parfum („Du willst gut riechen – aber erst mit unserer Duftnote wirst du betören“) – und ebenso das neue Medikament: „Du hast ein Problem. Wir haben die Lösung dafür: eine Pille.“ Gesunde schlucken keine Arzneimittel. Also muss bei ihnen zuallererst das nötige Problembewusstsein geweckt und geschärft werden. Welches Problem könnte größer sein als eine Krankheit, von der man bisher nichts ahnte? Je mehr unerwünschte, abweichende Verhaltensweisen und belastende Gemütslagen als krankhaft gelten – Trauer als Depression, Besorgnis und Furcht als Angststörung, Erschütterung als posttraumatische Belastungsstörung, Erschöpfung als CFS, Unaufmerksamkeit und Zappeligkeit als ADHS, launische Unausgeglichenheit, die sprichwörtlich „himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt“ macht, zur bipolaren Störung -, desto häufiger können sie diagnostiziert werden, und desto mehr Abnehmer finden sich. Wie erreicht ein cleverer Verkäufer, dass der Konsument mitspielt? Indem er Hoffnungen weckt: Vorzüge hervorhebt und überbetont; Nachteile herunterspielt und verschweigt. Solange Direktwerbung verboten oder stark eingeschränkt, das Produkt nur auf Rezept erhältlich ist, muss derjenige Personenkreis umgarnt und gewonnen werden, der die Bezugsscheine ausstellt: die Ärzteschaft. Wie gewinnt man sie? Durch notfalls frisierte Forschungsergebnisse, die sie beeindrucken; durch Handlungsvorgaben in Nachschlagewerken, Klassifikationssystemen und Leitlinien, an denen sie sich orientieren; durch vorteilhafte Informationen aus Quellen, denen sie am ehesten vertrauen: den Meinungsführern ihrer Zunft, ihren Fachzeitschriften, ihren Fachgesellschaften, ihren Aus- und Fortbildern. Die Marketingbudgets der Pharmariesen sind groß genug, all dies mit schwindelerregenden Geldflüssen sicherzustellen. Vor diesem Hintergrund entwickelte unser Gesundheitswesen mafiöse, von umfassender Korruption geprägte Strukturen. Und deren Entwicklung wird weitergehen. Die nächsten gewaltigen Umsatzsprünge, welche die Aktienkurse von Pfizer, Merck, Lilly & Co. durch die Decke treiben werden, verspricht eine weitere Verschärfung des öffentlichen Risikobewusstseins: „Zwar hast du noch kein Problem. Aber du könntest bald eines bekommen.“ Aus Herstellersicht ist der optimale Absatzmarkt immer der größtmögliche, im Idealfall wir alle. Dazu muss es gelingen, uns nicht bloß vor unterlassener oder Unterbehandlung einer schon bestehenden „Störung“ das Fürchten zu lehren. Nein, darüber hinaus gilt es, uns für das allgegenwärtige Risiko einer Erkrankung zu sensibilisieren, uns über ihre unterschätzten Vorboten, ihre leicht zu übersehenden Alarmsignale aufzuklären. Supertanker Big Pharma Gefährdet zu sein, beunruhigt uns. Wer will nicht verhindern, krank zu werden? Ist nicht Vorbeugen besser als Heilen, wie der Volksmund sagt? Wem treibt die Aussicht, das eigene Kind könnte sich etwas antun oder man selbst dem Wahnsinn verfallen, nicht Angstschweiß auf die Stirn? Wer möchte nicht vorsorglich das Richtige tun, um Schlimmes abzuwenden? Und was könnte richtiger sein als der Griff zur innovativen Pille, die der Doktor verschreibt, das „Wirksam-sicher-und-gut-verträglich“-Mantra anstimmend? Deshalb muss der Pharmaindustrie daran gelegen sein, in Fragen der gesundheitlichen Prävention ein gewichtiges Wort mitzureden, auf Massenmedien und politische Entscheidungsträger größtmöglichen Einfluss zu nehmen. Am Ziel ihrer Träume wäre sie, wenn im Gewand mildtätiger Fürsorge kostenlose Screenings von ganzen Bevölkerungsgruppen, noch besser von sämtlichen Bürgern stattfänden – nach dem Vorbild des „TeenScreens“ bei US-amerikanischen Schülern, um eine vermeintliche Selbstmordgefährdung frühzeitig zu erkennen; der schon routinemäßigen Psychochecks bei Pflegekindern, im Militärdienst und weiten Teilen der Arbeitswelt. Am besten, neue Gesetze stellen sicher, dass Psychopharmaka flächendeckend verabreicht werden können, ja müssen, zum Wohle der Volksgesundheit. Entsprechende Bestrebungen gibt es längst, und zumindest in den USA finden sie unter pharmanahen Ärzten und Wissenschaftlern zunehmend Fürsprecher, unter Politikern bestürzenden Anklang. Erst wenn wir alle dazu gebracht würden, unsere Gesundheit, die psychische nicht minder wie die physische, von Kindesbeinen an bis zum letzten Atemzug medikamentös zu sichern und zu optimieren, wäre der Markt wahrlich gesättigt. Eher werden die Krankheitserfinder und Pillendreher keine Ruhe geben. Im Kielwasser des Supertankers Big Pharma schwimmt die Zunft der beratenden Psychologen und Psychotherapeuten. Sie fahren gut damit, den Denkweisen und Werbestrategien der Arzneimittelhersteller nachzueifern. Lediglich auf die Frage, wie mit „psychischen Erkrankungen“ umgegangen werden soll, geben sie, im eigenen Interesse, eine andere, nichtpharmazeutische Antwort. Ansonsten geht es hier wie dort ums Verkaufen, sind Gesundheit und Selbsthilfe geschäftsschädigend. Kurzum: Die psychologische Gesellschaft ist weitgehend ein Industrieprodukt. Ihre Auswüchse kommen Herstellern und Dienstleistern fabelhaft zupass. Der verführte Patient spielt mit. Dieser Text stammt aus der 10-bändigen Schriftenreihe von Harald Wiesendanger: Psycholügen, Band 1: Neue Heimat Psycholand – Woher unser Vertrauen in Seelenprofis rührt (2017). Anmerkung (1) 954 Milliarden US-Dollar waren es im Jahr 2015. Nach http://de.statista.com/statistik/daten/studie/72992/umfrage/umsatz-auf-dem-weltweiten-pharamamarkt-seit-2004

  • Psycholügen – Woher rührt unser Vertrauen in Seelenprofis?

    Weshalb trauen wir berufsmäßigen Seelenhelfern weitaus mehr zu als unsereinem? Warum gehen wir wie selbstverständlich davon aus, dass Psychologen, Psychotherapeuten und Psychiater viel mehr wissen und können als wir, wenn es um unser Innenleben geht? Unsere Expertengläubigkeit hat drei Hauptgründe: ein unbefriedigtes Bedürfnis nach Orientierung, nachdem Traditionen an Bedeutung verloren; die Hypersensibilität von materiell Sorgenfreien in einer Wohlstandsgesellschaft, das „Prinzessin-auf-der-Erbse“-Syndrom; und vor allem die weltbewegende Macht der pharmazeutischen Industrie: ihren Marketingstrategen ist es gelungen, einen erweiterten Krankheitsbegriff durchzusetzen - und uns vor immer neuen „Störungen“ das Fürchten zu lehren. Was wissen und können professionelle Seelenhelfer besser als unsereins? Wieviel trauen wir Psychologen, Psychotherapeuten und Psychiatern zu? In Meinungsumfragen würden wohl die meisten von uns, und erst recht die Profis selbst, den folgenden Ansichten beipflichten: „Es gibt psychische Krankheiten, genauso wie körperliche. Immer mehr Menschen sind davon betroffen.“ „Psychoprofis können solche Störungen zuverlässig erkennen, wirksam behandeln, plausibel erklären und recht genau voraussehen.“ „Ein Hochschulstudium vermittelt die nötigen Fähigkeiten dazu.“ „Laien hängen einer naiven Küchenpsychologie an. Der wissenschaftliche Erkenntnisfortschritt wird über sie hinweggehen.“ Die ersten Semester meines Psychologiestudiums verliefen unbelastet von Zweifeln an alledem. Zwar ächzte ich, wie die meisten meiner Kommilitonen, unter den Vertracktheiten von Statistik und Methodenlehre. Aber war die Tortur nicht der angemessene Preis, den ich dafür zahlen musste, mich endlich aus den Denkfallen der Laienpsychologie zu befreien, indem ich die Rätsel von Geist und Seele wissenschaftlich angehen lernte? Tat ich in meiner persönlichen Entwicklung dabei nicht einen gewaltigen Entwicklungsschritt, mit dem auf höherem intellektuellem Niveau Phase Zwei meines Lebens begann, ein Zeitalter der Aufklärung innerhalb meiner Biografie? War es nicht großartig, dass ich mich beim Erklären und Vorhersagen, wie Menschen sich verhalten, von nun an auf systematisches Beobachten objektiver Sachverhalte, auf hochwertige Erkenntnismethoden wie Tests und Experimente, auf daraus gewonnene Theorien stützen konnte? War es nicht redlich und für einen akademisch Gebildeten alternativlos, dass ich mich künftig darauf beschränkte? So hörte ich es von meinen Professoren, so las ich es in Lehrbüchern. Und es leuchtete mir ein, zumal ich nun eine Vielzahl von spannenden, aufschlussreichen Untersuchungen kennenlernte, die darauf beruhten, wissenschaftliche Forschungsregeln konsequent anzuwenden. Zwar ergaben sie kaum je psychologische Gesetzmäßigkeiten, sondern bloß mehr oder minder ausgeprägte Wahrscheinlichkeiten. Doch immerhin widerlegten sie verbreitete Vorurteile. Sie machten auf Überraschungen gefasst, die dem keineswegs gesunden Menschenverstand zuwiderliefen. Und sie begründeten Erwartungen, wie eine Vielzahl von Menschen, oder einzelne Gruppen von Menschen mit bestimmten Merkmalen, unter bestimmten Umständen wahrnehmen und fühlen, denken und handeln. Sollte das für einen Psychologen nicht genügen, um stolz auf sich und sein Fach zu sein – und selbstbewusst davon auszugehen, dass er weitaus mehr weiß und kann als ein hochschulferner Amateur? „Allerdings!“, hätte ich nach fünf Studienjahren auf solche Fragen mit Nachdruck geantwortet. Zum Umdenken haben mich erst die vier anschließenden Jahrzehnte bewegt - ganz besonders Erfahrungen, die ich einer Stiftung namens „Auswege“ für chronisch Kranke verdanke, welche ich 2005 ins Leben rief. Bis Ende 2021 lernte ich in 34 Therapiecamps dieser Einrichtung Hunderte von psychisch Belasteten kennen, deren Vertrauen in eine wissenschaftlich begründete Psychotherapie und Psychiatrie bitter enttäuscht wurde – jahrelang, vereinzelt seit Jahrzehnten. Jeder vierte Hilfesuchende brachte in die „Auswege“-Camps die Diagnose einer psychischen Erkrankung mit: von Autismus, ADHS und anderen Verhaltensstörungen über Depressionen und Phobien bis hin zu Zwängen. Es fanden Angstgeplagte, Ausgebrannte und Traumatisierte dorthin, gelegentlich sogar mutmaßlich Schizophrene. Und wenngleich bei den übrigen Teilnehmern körperliche Beschwerden im Vordergrund standen, kamen auch sie zumeist seelisch schwer angeschlagen an. In den bis zu 20-köpfigen Helferteams, die sich ehrenamtlich um diese Menschen kümmerten, begegnete ich bemerkenswerten Persönlichkeiten, die in solchen Fällen verblüffend erfolgreich arbeiteten: Nach siebeneinhalb Behandlungstagen ging es über 90 Prozent der Patienten psychisch besser als je zuvor in der Obhut von ausgebildeten Seelenheilkundigen. Keinerlei Psychopharmaka kamen zum Einsatz. Erstaunlich oft hielten die erzielten Besserungen an. Ist es abwegig zu vermuten, dass sogar noch deutlich mehr zu erreichen gewesen wäre - und Erreichtes noch stabiler fortbestanden hätte -, wenn die Campteilnehmer nicht nach gut einer Woche hätten heimgeschickt werden müssen? Dabei handelte es sich bei den Helfern fast ausnahmslos um Amateure, ohne medizinisch-psychologische Ausbildung, mit erlernten Berufen wie Dreher, Steuerfachgehilfin, Arzthelferin, Deutschlehrer, Finanzberater oder Wirtschaftsingenieur. Trotzdem bewirkten sie offenkundig mehr als jeder Psycho-Profi vor ihnen. Wie ist das möglich? Was lehren die Therapiecamps der Stiftung Auswege darüber, wie wertvoll und unverzichtbar professionelle Seelenkunde ist, wie überlegen deren akademisch graduierten Anwender? Heute würde ich darauf antworten: Im Bestreben, objektive Wissenschaft zu sein, haben Psychologie und Psychiatrie Subjekte aus den Augen verloren - Personen mit Bewusstsein, einer einmaligen Erlebnisperspektive und einer einzigartigen Geschichte, in immer besonderen Lebensumständen. Die Verhaltenswahrscheinlichkeiten, mit denen Fachzeitschriften, Lehrbücher und Ratgeber voll sind, bringen uns bestenfalls den Menschen im allgemeinen ein wenig näher – aber sie tragen wenig bis nichts dazu bei, diesen Menschen zu verstehen und ihm zu helfen. Wann immer es um ein einzelnes Ich geht, erweist sich Wissenschaft als weitgehend nutzlos: sei es für Eltern und Lehrer; für Freunde, Lebensgefährten und Arbeitgeber; für Sachbearbeiter in Jugend- und Sozialämtern; für Strafverfolger und Richter, Vollzugsbeamte und Bewährungshelfer; für Sozialarbeiter und Pflegekräfte; für Seelsorger, Lebensberater - und nicht zuletzt für Psychotherapeuten. Wer von ihr mehr erwartet, überfordert sie. Wenn sie mehr verspricht, lügt sie. Denn Wissenschaft ist eine Lebensform, die für den Einzelfall blind macht - und stolz darauf, ihn zu verachten. Wo Individuen einander begegnen, versagt ihre Zugangsweise, kläglich und unvermeidlich. Es gibt angemessenere und ergiebigere, und über diese verfügen Laien oftmals in höherem Maße: Lebenserfahrung, Bildung, kommunikative Kompetenz, Achtsamkeit, Intuition, vor allem die Fähigkeit, sich in ein Gegenüber hineinzuversetzen. Insofern könnten Amateure es sich leisten, dem Psychoprofi mit einem Selbstbewusstsein entgegenzutreten, das gegenüber einem Physiker, einem Chemiker oder Biologen mehr als vermessen wäre. Sie wissen nämlich nicht nichts oder zuwenig. Sie wissen zuviel - wenngleich im allgemeinen auf ziemlich ungeordnete und selten bedachte Weise –, jedenfalls weitaus mehr, als naturwissenschaftlich ausgerichtete Psychoforscher jemals über sie herausfinden können. Soweit Wissenschaft ist, was Wissen schafft, könnten sie mithalten. Denn Sachverständige sind Schwachverständige, sobald die Sache kein bloßes Ding ist. Der verstehende Laie und die fliegende Hummel haben eines gemeinsam: Der Experte beweist eindrucksvoll, dass sie unmöglich können, was sie trotzdem tun. Und so werben etliche KLARTEXT-Beiträge, ausgehend von Einzelschicksalen aus den Therapiecamps meiner Stiftung Auswege, für einen respektlosen, geradezu ketzerischen Standpunkt: Es wird Zeit, die Expertokratie akademischer Seelenkundler, die unser Gesundheitswesen wie naturnotwendig durchdringt, zu beenden. Ihr fragwürdiger Nutzen erweist sich an der belämmernden Unergiebigkeit moderner Psychotherapie und Psychiatrie, soweit diese sich auf sie stützen. Setzen wir ihren Lügen ein Ende. Stärken wir unsere Widerstandskraft gegen Versuchungen, ihnen auf den Leim zu gehen. Dieser Text stammt aus der 10-bändigen Schriftenreihe von Harald Wiesendanger: Psycholügen, Band 1: Neue Heimat Psycholand – Woher unser Vertrauen in Seelenprofis rührt (2017).

  • Gröhes lächerliches „Gesamtkunstwerk“: Preisbremse vom Tisch

    Wie gehabt: Was Reformen im Gesundheitswesen zuverlässig verbessern, ist allenfalls das Wohlbefinden seiner Profiteure – zu Lasten von Patienten. Mit reichlich Trara hatte die Bundesregierung im Herbst 2016 eine längst überfällige „Preisbremse“ für neue Arzneimittel angekündigt. Aus dem soeben verabschiedeten Pharma-Gesetz wurde sie nun kurzerhand gestrichen. Drei Wochen vor dem 1.4. feierte Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe diese neuerliche Missgeburt allen Ernstes als „Gesamtkunstwerk“. Die Vorgeschich­te des verfrühten Aprilscherzes lehrt, warum Einrichtungen wie meine Stiftung Auswege gegen Windmühlen kämpfen, wenn sie für eine Medizin eintreten, die alle bewährten Mittel und Maßnahmen nutzt, um unsere Gesundheit zu erhalten und wiederherzustellen. Warum Gesundheitsminister einen gewissen Shkreli kennenlernen sollten Falls Gummibärchen ab morgen 750 Euro pro Stück kosten, könnte selbst die fruchtgummi­süchtigste Naschkatze einen Konsumverzicht verschmerzen, während sich der Verkäufer umgehend ruinieren würde. Da zeigt sich der freie Markt von seiner besten Seite: Wettbewerb verhindert Preistreiberei. Abzocker bleiben auf ihren Produkten sitzen. Wer allen Ernstes meint, so ähnlich reguliere sich der Arzneimittelmarkt von ganz alleine, weshalb der Staat ihn getrost sich selbst überlassen könne, sollte einen gewissen Martin Shkreli kennen­lernen: einen ehemaligen Hedgefonds-Spekulanten, der branchenintern dafür gepriesen wird, das Geschäft mit Medikamenten „revolutioniert“ zu haben. Sein unschlagbar schlichtes Erfolgsrezept: auf Forschung weitestgehend verzichten, Preise höchstmöglich anziehen. Dieses Businessmodell hat sich in der Pharmaindustrie mittlerweile epidemisch verbreitet wie ein ansteckendes Virus. Wie man es kaltschnäuzig umsetzt, führte Shkreli Anfang 2015 vor: Damals gründete er ein eigenes Pharmaunter­nehmen namens Turing, wobei er großspurig ankündigte, „bahnbrechende“ neue Medikamente zu entwickeln. Stattdessen erwarb er die Rechte an einem 62 Jahre alten Mittel namens Daraprim – und erhöhte dessen Preis buchstäblich über Nacht um obszöne 5500 Prozent, von 13,50 auf 750 Dollar pro Pille. Damit wurde der pfiffige Spross albanisch-kroatischer Einwanderer, aufgewachsen in einem Arbeiterviertel von Brooklyn, mit 32 Jahren zum Herrn über Leben und Tod. Denn Daraprim bekämpft wirksam Toxoplasmose, eine Infektions­krankheit, die bei Menschen mit geschwächtem Immunsystem wie etwa bei HIV-Infizierten, aber auch bei Ungeborenen im Mutterleib zu schwersten Komplikationen führen kann, schlimmstenfalls zum Tod. Shkrelis Preistreiberei führte dazu, dass die Behandlungskosten pro Patient auf bis zu 635.000 Dollar jährlich hochschnellten. Proteste lassen ihn kalt: „Wir leben im Kapitalismus, meine Investoren erwarten, dass ich den Profit maximiere“, erklärt er. Arthur Caplan, Medizinethiker an der Universität New York, wundert sich überhaupt nicht darüber: „Die Empörung über Shkreli lenkt davon ab, dass es längst alle machen.“ Ritter von der traurigen Gestalt Damit das aufhört, ist der Staat gefordert. Doch wann immer Gesundheitspolitiker mit der Preis­entwicklung auf dem Arzneimittelmarkt befasst sind, geben sie ein Bild des Jammers ab. An vorderster Front werkeln, über jeden Kompetenzverdacht erhaben und allzeit zum Rückzug bereit, verdiente Partei-Ritter von der traurigen Gestalt, bestens vernetzte Polit-Karrieristen – momentan ein gelernter Jurist, der Ende 2013 zu seinem Amt kam wie die Jungfrau zum Kinde, nachdem der heißesten Anwärterin dafür, der CDU-„Kronprinzessin“ und allseits berüchtigten Militärexpertin Ursula von der Leyen, zur allgemeinen Verblüffung das Verteidigungsressort zugeschustert wurde. Als Gesundheitsminister liegt Gröhe arg daran, „Wege zur Stärkung des Pharma-Standortes Deutschland“ zu finden, wozu er Branchenvertreter zu trauten „Dialogrunden“ einlädt. Auch ihm müsste glasklar sein: Längst sind die Medikamentenpreise aus dem Ruder laufen, ihre Explosion bedroht die Solidargemeinschaft, bringt die Gesundheitssysteme an den Rand des Kollaps, überfordert Krankenkassen und Beitragszahler heillos, verschlingt Mittel, die dringend anderweitig benötigt würden. Wichtige, mitunter lebensrettende Arzneien sind so horrend teuer, dass sie nur Wenigen zur Verfügung stehen. Etliche Medikamente gegen Krebs, Multiple Sklerose oder Hepatitis kosten bis zu 100.000 Euro pro Patient und Behandlungszyklus. Da schlägt entfesselter Kapitalismus zu: Man nimmt halt, was der Markt hergibt. Damit die Profitmaximierung nicht ungezügelt weitergeht, helfen einzig und allein: rigorose Preisobergrenzen. Wo bleiben sie? Wieso dürfen die Hersteller nach eigenem Gutdünken bestimmen, wie teuer ihre Mittel sind? Wieso gewährt ihnen der Staat einen Freibrief für Mondpreise? Sechzehn sogenannte „Gesundheitsreformen“ zwischen 1976 und 2007 hatten dieses Privileg unangetastet gelassen. Um eine gehätschelte Schlüsselindustrie zu schonen, zielten sie allesamt darauf ab, anderweitig zu sparen: Für immer höhere Beiträge, Zuzahlungen und Selbstbeteiligungen erhielten gesetzlich Kranken­versi­cherte immer weniger Leistungen. Jeder solche Anlauf scheiterte kläglich: Zunächst flachte die Kostenkurve kurzfristig ab, um bald darauf erneut steil anzusteigen – jedesmal fanden Anbieter neue Wege, die kostendämpfen­den Regelungen zum eigenen Vorteil zu umgehen. Mitschuld haben alle, die in unserem Gesundheitswesen einen Selbstbereicherungsautomaten sehen, der ihnen die Taschen füllen soll: seien es niedergelassene und Klinikärzte, Apotheker und Großhändler, nicht zu vergessen Finanzminister, die sich nicht zieren, üppige Mehrwertsteuern einzustreichen. Hauptursache der Kostenexplosion jedoch, darin sind sich Gesundheitsexperten einig, ist nicht die alternde, bewegungsfaule, ungesund essende Gesellschaft, sondern: die Preispolitik der Pharmaindustrie – vor allem bei patentgeschützten Arzneimitteln -, die fehlende gesetzliche Preisbremse und die unverantwortliche Verordnungspraxis vieler Ärzte, die sich von einer monströsen Marketingmaschine blenden oder korrumpieren lassen. Eine Missgeburt namens AMNOG Erst im 17. Anlauf, mit dem „Gesetz zur Neuordnung des Arzneimittelmarkts“ (AMNOG) 2011, traute sich der Staat – zaghaft, aber immerhin - endlich an die tiefste Wurzel des Übels: den schamlosen Wucher mit Arzneimitteln. Seither dürfen Pharmaunternehmen den Preis eines neuen Arzneimittels nur noch im ersten Jahr nach Zulassung gestalten, wie ihnen beliebt. Das Gesetz verpflichtete sie dazu, innerhalb dieses Zeitraums mit den Krankenkassen auszuhandeln, wieviel es anschließend kosten soll. Als Entscheidungsgrundlage sollte ein Vergleich dienen: Nützt das neue Mittel wirklich mehr als jene, die schon auf dem Markt sind? Nur wenn es dem Patienten tatsächlich mehr bringt als bisherige, darf es auch ab dem zweiten Jahr so teuer bleiben wie zuvor. Und wenn keine Einigung zustande kommt? Dann entscheidet eine zentrale Schiedsstelle. Sie kann zwei unabhängige Instanzen damit beauftragen, den mutmaßlichen Zusatznutzen abzu­schätzen: das 2004 eingerichtete Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) in Berlin, das den aktuellen medizinischen Wissensstand bewerten soll; und den Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA), das oberste Beschlussgremium der gemeinsamen Selbstverwaltung der Ärzte, Zahnärzte, Psychotherapeuten, Krankenhäuser und Krankenkassen in Deutschland, das sicherstellen soll, dass Leistungen der Gesetzlichen Krankenversicherung „ausreichend, zweckmäßig und wirtschaftlich“ sind. Misslingt der Nachweis eines Zusatznutzens, so ordnet der G-BA das Medikament einer Festbetragsgruppe zu, für die bundesweit verbindliche Höchstgrenzen gelten. Die sichern Pharmakonzernen zwar immer noch stattliche Gewinne, aber nicht mehr ganz so üppige. Dass mit AMNOG eine neuerliche Fehlkonstruktion in die Welt kam, war von vornherein absehbar und erwies sich alsbald. Indem das Gesetz das Preisdiktat der Pharma­branche erst vom zweiten Jahr an einschränkte, lud es sie förmlich dazu ein, in den ersten zwölf Monaten brutalst­möglich zuzuschlagen – und Ärzte durch intensives Marketing dazu zu verleiten, das neue Mittel anstelle von bewährten und billigeren bisherigen zu verschreiben, unabhängig davon, ob es wirklich besser hilft. Von diesem Freibrief machte sie weidlich Gebrauch, insbesondere bei Medikamenten gegen Krebs, gegen Autoimmunerkran­kungen wie Rheuma und Multiple Sklerose, gegen Hepatitis C und Alzheimer. Für eine Packung des Krebsmittels Taxol etwa, ausreichend für eine einzige Infusion, sind 676,70 Euro zu berappen – für ein Wirkstoffportiönchen, dessen Produktion den Hersteller rund einen Euro kostet. In einem einzigen Infusionsbeutel für die zweiwöchentliche Immuntherapie eines 80 Kilo schweren Tumorpatienten mit 240 Milligramm „Opdivo“ (Nivolumab) sind über 4000 Euro gelöst – die wohl teuerste Flüssigkeit der Welt, die ein Behandlungsjahr mit rund 100.000 Euro zu Buche schlagen lässt. 180 Milligramm des im Juli 2015 auf den Markt gekommenen „Keytruda“ (Pembrolizumab), gegen bestimmte Arten von Bronchialkarzinomen und Hautkrebs, bekommen Patienten per Tropf alle drei Wochen; eine einzige Dosis kostet 8000 Euro. Hepatitis-C-Infizierte schlucken eine „Sovaldi“-Pille (Sofosbuvir) pro Tag, zwölf Wochen lang; eine einzige verschlingt 637 Euro – macht knapp 54.000 pro Behandlung. Für eine halbfingergroße Ampulle des Gentherapeutikums „Glybera“, eingesetzt bei einer ererbten Stoffwechselerkrankung, wird der sagenhafte Stückpreis von 54.000 Euro fällig. Bis 2014 verlangte der französische Pharmahersteller Sanofi für ein Milligramm des Wirkstoffs Alemtuzumab 21 Euro – dann, mit neuer Verpackung, neuem Anwendungsbereich und neuem Namen, „Lemtrada“ statt „MabCampath“, vervierzigfachte sich der Preis auf 888 Euro. Damit verteuerte sich die durchschnittliche Therapie eines MS-Patienten von rund 2150 auf über 85.000 Euro. Im Jahr 2005 kostete eine Zweierpackung der Adrenalinspritze Epipen, die für Allergiker im Notfall lebensrettend sein kann, noch 93 Euro, 2011 schon 153 – und seit 2016 bereits 558 Euro. Nicht nur, aber vor allem an solchen Wahnsinnssummen lag es, dass die Arzneimittelkosten trotz AMNOG weiter anstiegen: 2012, im ersten Geltungsjahr des neuen Gesetzes, auf 29,4 Milliarden Euro, 2013 auf 30,3 Milliarden, 2014 auf 33,4 Milliarden, 2015 auf 34,8 Milliarden. Damit blieben Medikamente, gleichauf mit ärztlicher Behandlung (2015: 34,9 Milliarden), weiterhin der zweit­höchste Ausgabenposten im Gesundheitswesen, hinter dem Spitzenreiter Krankenhausbehand­lung (70,3 Milliarden). (1) Zwar half AMNOG im Jahr 2015 den gesetzlichen Kassen, immerhin rund 925 Millionen Euro einzusparen (2) – aber das entsprach gerade mal 2,7 Prozent der Gesamtaus­gaben. Vom Ein- und Ausbau eines Bremschens Was tun? Um Abhilfe zu schaffen, bediente sich Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe im September 2015 eines altbekannten Rituals: Er berief ein neuerliches Hinterzimmergemauschel namens „Pharmadialog“ über die Zukunft der Arzneimittelversorgung ein. Zu diesen vertraulichen Gesprächsrunden lud er weder andere Abgeordnete noch unabhängige Gesundheitsökonomen noch Krankenkassen noch Patientenvertreter ein. Mit am Tisch sitzen durften: mehrere Pharma­verbände, die seit eh und je hochkooperativ jede mutige Reform begrüßen und mittragen, solange sie den Profit ihrer Mitgliedsunternehmen unangetastet lässt, unter ihnen der mächtige Verband deutscher Arzneimittelhersteller (vfa); die IG Bergbau-Chemie-Energie (IG BGE), für deren Mitglieder Arbeitsplätze, Lohn- und Gehaltssteigerungen umso sicherer sind, je besser Konzerne verdienen; sowie „Vertreter der Wissenschaft“, deren Pharmadistanz teilweise eher im Nano­meter­­bereich liegt. Angesichts von Gröhes Gästeliste war jene Karikatur eines Reförmchens absehbar, die der Minister ein knappes Jahr später, im August 2016, vollmundig anzukündigen hatte: Bald werde es eine Preis­bremse von Anfang an geben. Schlagzeilen wie „Pharmaindustrie drohen Umsatzgrenzen“ sorgten für Aufsehen. (3) Oha, Berlin tut was, so schien es. Endlich. Schonungslos. Nun ja, zumindest ein kleines bisschen. Ein erster Gesetzesentwurf, vom Kabinett im Oktober 2016 verabschiedet, sah eine Umsatzschwelle von 250 Millionen Euro vor. Verdient ein Unternehmen an einem neuen Medika­ment innerhalb des ersten Jahres mehr als diesen Betrag, erhält es anschließend nur noch den mit den Kassen ausgehandelten günstigeren Preis. Wieso eigentlich erst ab einer Viertelmilliarde? Weshalb nicht schon ab 100 Millionen, oder 25? Und warum nicht schon vom allerersten Verkaufs­tag an? Dass die dadurch zu erzielenden Einsparungen weniger als ein Tropfen auf den heißen Stein wären, rechnete dem Minister der namhafte Pharmakologe Ulrich Schwabe vor, Hauptautor des in Branchenkreisen gefürchteten Arzneiverordnungsreports der gesetzlichen Krankenkassen, der seit 1984 eine multimilliardenfache Verschwendung anprangert. Nach Inkrafttreten von AMNOG 2011 waren 95 neue Medikamente auf den deutschen Markt gekommen. Mit ihnen erzielten die Pharmaunternehmen einen Umsatz von 3,5 Milliarden Euro. Die vorgesehene 250-Millionen-Euro-Hürde nahmen freilich bloß drei dieser Mittel: das MS-Medikament Tecfidera und die beiden Hepatitis-C-Mittel Sovaldi und Harvoni. Hätten die Kassen von diesem Moment an nur noch die ausgehandelten Preise erstattet, so hätten sie gerade mal 141 Millionen Euro eingespart – kaum mehr als drei Prozent des Gesamtaufwands. Und so sprach sich Schwabe, als er im Juli 2016 als Sachverständiger im Bundestag geladen war, für eine härtere Lösung aus: Die mit den Kassen ausgehandelten Preise sollten rückwirkend gelten, für das gesamte erste Jahr: Was die Unter­nehmen zuviel einstrichen, müssten sie zurückerstatten. Allein im Jahr 2011 wären das immerhin über 737 Millionen Euro gewesen. Schwabes Appell, die eindringlichen Mahnungen der Krankenkassen - sie verhallten ungehört. Schlimmer noch: das Rad wurde zurückgedreht. Am 9. März verabschiedete der Bundestag ein neues „GKV-Arzneimittel-Versorgungsstärkungsgesetz“ (AMVSG), aus dem die geplante Preisbremse vollständig verschwunden war. Einen Tag zuvor hatte der Gesundheitsausschuss sie in einem Last-Minute-Manöver aus dem Entwurfstext entfernt, nur die Vertreter der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen stimmten dagegen. Welchen Schutz vor Mondpreisen bringt das Gesetz denn nun eigentlich? Nun ja, räumte Gröhe ein, eigentlich keinen. Man müsse es aber als „Gesamtkunstwerk“ betrachten: Immerhin sei es „innovationsfreundlich“ und sichere Arbeitsplätze. Zudem sei es im Gegenzug gelungen, der Pharmaindustrie ein anderes Herzensanliegen zu versagen: dass die für Deutschland ausgehandelten Rabatte strikt vertraulich behandelt werden, um Preisverhandlungen in anderen Ländern nicht zu beeinträchtigen. Zudem enthalte es neue Anreize, Medikamente gegen seltene Krankheiten, Kinderarzneimittel und Antibiotika zu entwickeln – an denen dann ebenfalls ungebremst weiterverdient werden darf. Außerdem bringe es ein „Informationssystem“ auf den Weg, das Ärzte schneller und genauer über den Nutzen neuer Medikamente ins Bild setze – „damit innovative Präparate rascher beim Patienten ankommen“. Und woher, bitteschön, stammen die Daten, mit denen die Praxissoftware gefüttert wird? Vornehmlich aus pharmafinanzierten Studien, mit denen die Hersteller den Nutzen schön­rechnen, aber gewiss nicht aus jenen, die sie wegen missliebiger Ergebnisse stillschweigend unter den Teppich kehren. Wo die Schampuskorken knallen Und so wird Deutschlands Arzneimittelherstellern auch künftig freie Hand gelassen, wie teuer sie ihre vorgebli­chen Produktneuheiten vermarkten. Der Verzicht auf die Rückwirkung der ausgehandelten Preise bedeute, dass „Arzneimittelhersteller für ein neues Medikament im ersten Jahr weiterhin astronomische Phantasiepreise von den Kassen verlangen können, unabhängig vom Nutzen ihres Produktes für die Patienten“, kommentierte der Vorsitzen­de der Kaufmännischen Krankenkasse, Ingo Kailuweit, Gröhes Machwerk. „Bei der Pharma-Lobby dürften jetzt die Champagner-Korken knallen.“4 Und die paar lästigen Kritiker, die nicht daran denken, die Klappe zu halten? Wäre einer wie Shkreli beim Entkorken dabei gewesen, hätte er die feucht-fröhliche Runde mit ein paar deftigen Anregungen erheitern können, die er selbst schon vergnügt umgesetzt hat: Wer an seinem Preisdiktat herummeckert, den kanzelt er unverblümt als „Trottel“ („moron“) ab und twittert ihm ein Stinkefinger-Zitat aus einem Song des US-Rappers Eminem entgegen, zeitökonomisch auch ein abschätziges „lol“, die beliebte Internet-Abkürzung für „laughing out loud“. (5) Aber wäre mit der „Preisbremse“, hätte es sie gegeben, alles gut geworden? Wäre es vorbei gewesen mit der Kostenexplosion im Arzneimittelsektor, wenn sich Schwabe mit seiner „härteren“ Lösung Gehör verschafft hätte? Mitnichten. Gut war lediglich der Grundgedanke: Auf den Markt kommen sollten bloß Heilmittel, die mehr nützen als andere, schon vorhandene. Aber wieso beschränken sich solche Vergleiche bloß auf neue Medikamente – weshalb kommen nicht alle auf den Prüfstand, der gesamte Bestand? Wozu muss der deutsche Arzneimittelmarkt 86.000 Artikel umfassen, aber bloß 2750 Wirksubstanzen? (6) Wie unabhängig sind eine „Schiedsstelle“, ein IQWiG und ein G-BA, deren Nutzenbewertungen nicht auf eigenen Untersuchungen beruht, sondern auf Dossiers, welche der Hersteller ihnen einreicht – und damit auf pharmafinanzierten, notorisch fälschungsanfälligen Studien, über welche hinaus er ihnen vermutlich etliche weitere verschweigt, die er mangels Erfolgsnachweis gar nicht erst publik werden ließ? Und wieso werden neue Chemikalien lediglich mit alten verglichen – anstatt mit allen verfügbaren Mitteln, Leiden zu lindern und zu beseitigen? Würden Antidepressiva oder Neuroleptika („Antipsychotika“) nicht bloß aneinander gemessen, sondern an Psychotherapie, sozialer Unterstützung und Selbsthilfe, so ergäbe sich aus Hunderten vorliegender Vergleichsstudien: Von wenigen Ausnahmen abgesehen, würden psychisch schwer Belastete besser und unsere Kassen billiger fahren, wenn alle pillenverschreibenden Psychiater beurlaubt und sämtliche Psychopharmaka ins Meer gekippt würden. Nur den Fischen ginge es voraussichtlich schlechter. Grundfragen links liegengelassen Und was ist mit den grundlegenden Fragen, die unser krankes Gesundheitswesen aufwirft? Im 18. Reformanlauf wurden sie ebenso beharrlich umgangen, wie sie bei allen bisherigen unter den Tisch gefallen waren. Die eine oder andere Gesetzesänderung tat den Herstellern zwar ein bisschen weh – an entscheidende Strukturen, Weichen­stellungen und Werte traute sich indes keine einzige heran, nicht einmal ansatzweise. Durchweg handelte es sich um Notwehrreaktionen auf äußerste monetäre Engpässe: leere öffentliche Kassen, malade gesetzliche Krankenversiche­rungen, überforderte Beitragszahler. Soweit Bundesregierungen in Versorgung und Regulierung eingriffen, ging es ausnahmslos darum, Kosten zu dämpfen und finanzielle Lasten umzuverteilen – um Themen wie Beitragshöhe, Arbeitgeberzuschüsse, Einschränkung von Leistungen, Vergü­tung der Leistungserbringer, Praxisgebühren, Zuzahlungen zu Arzneimitteln, Selbstbeteiligung, Ausgabenbudgets, Preisgestaltung, Festbeträge, Rationalisierung. Niemals nahm der Staat echte, dringend notwendige Reformvorhaben in Angriff: · Warum schiebt er der routinemäßigen Studientrickserei von Industrieseite nicht einen Riegel vor, legt Forschung und Entwicklung nicht ganz in die öffentliche Hand oder unterwirft sie zumindest strikter Aufsicht? · Wann überarbeitet er nicht endlich das Patentrecht, um seinem dreisten Missbrauch durch pharmazeutische Scheininnovationen einzudämmen, die einen einzigen Zweck verfolgen: Vermarktungsmonopole aufrechtzuerhalten? · Weshalb setzt er dreister Preistreiberei nicht mit Obergrenzen ein rigoroses Ende? · Wo bleibt die seit Jahrzehnten angekündigte „Positivliste“, die Ärzten und Verbrauchern vorgibt, welche Arzneimittel wirklich hilfreich, nötig und preiswert sind? · Wann endlich verpflichtet der Staat die gesetzlichen Kassen dazu, nicht mehr für teure Originale aufzukommen, wenn mindestens ebenso wirksame, längst bewährte ältere Mittel oder Nachahmerpräparate, Generika, zu einem Bruchteil des Preises erhältlich wären? · Wieso verschärft er Haftungsrecht, Antikorruptions- und Transparenzgesetze nicht drastisch? · Wieso baut er kein unabhängiges öffentliches Informationssystem auf, finanziert aus möglichen Milliardeneinsparungen im Arzneimittelsektor und dem prallgefüllten Marketingtopf der Konzerne? · Weshalb fördert er so gut wie gar nicht die Erforschung chemiefreier Behandlungsansätze, hilfreicher psychosozialer Projekte sowie selbstverantwortlicher Gesundheitsfürsorge? · Wann bläst er endlich das kläglich gescheiterte Experiment der „Selbstverwaltung“ im Gesundheitswesen ab, die seit Jahr und Tag auf die gemeinschaftliche Selbstbereicherung der beteiligten Interessengruppen hinausläuft? · Wenn Pharmazie ein Multimilliardengeschäft ist, für das staatliche Institute ohnehin einen Großteil der Grundlagenforschung leisten – weshalb macht er dieses Geschäft nicht besser gleich selbst, statt bei den Selbstbereicherungsorgien von Managern, Investoren und Aktionären tatenlos zuzusehen? Und niemals ging es bislang um brennende Grundsatzfragen wie: Worin besteht Gesundheit eigentlich? Was bedeutet Heilung? Was erhöht und sichert Wohlbefinden und Lebensqualität? Was motiviert Patienten über finanzielle Anreize hinaus, Verantwortung für das eigene Wohl­ergehen zu übernehmen, zu ihrer Genesung aktiv beizutragen? Welche präventiven Ansätze können dafür sorgen, dass Krankheiten erst gar nicht entstehen? Gibt es zu Pharmazeutika preiswertere, nebenwirkungsärmere, patientenfreundlichere Alternativen? Wie fördern und gestalten wir eine integrative Medizin, die das Beste aus unterschiedlichen Heiltraditionen und Therapierichtungen verbindet? Wie wird Humanmedizin humaner, wie befriedigt sie grundlegende menschliche Bedürfnisse? Beeindruckt von der 2,9-Milliarden-Lüge Den Dauereinflüsterungen von Lobbyarbeitern ausgesetzt, beeindruckt zaudernde Politiker die übliche Leier aus der Pharmabranche: Horrende Gewinne seien nötig, um die gewaltigen Ausgaben für Forschung und Entwicklung „innovativer“ Heilmittel zu schultern. Weshalb traut sich da keiner zu widersprechen, gestützt auf allseits zugängliche Studien? Im Auftrag der Techniker Krankenkasse (TK) untersuchten Wissenschaftler der Universität Bremen die 23 Medikamente, die 2013 neu auf den Markt kamen. (7) Ein einziges Präparat – Pertuzumab („Perjeta“) gegen HER2-positiven Brustkrebs – erwies sich als wirklich „innovativ“, neun waren dies nur „begrenzt“, zehn überhaupt nicht. Unzweifelhaft nützlich waren die Scheininnovationen hingegen für die Bilanzen der Hersteller: Im Vergleich zum Vorjahr verdoppelte sich der durchschnittliche Preis der neuen Medikamente von 670 auf 1418 Euro. Nicht von ungefähr handelte es sich bei neun der 23 angeblichen „Neuheiten“ um Onkologika: In der Krebsmedizin lässt sich mit Pharmazie besonders viel verdienen. Dabei bedeutet „neu“ selten „innovativ“: So preisen Hersteller nicht nur Arzneistoffe mit tatsächlich neuartiger chemischer Struktur oder Wirkweise an, sondern auch geringfügige Änderungen der Molekülstruktur, Analog- oder „me too“-Präparate („ich auch“) genannt. 20 bis 30 Prozent aller Krankenkassenausgaben entfallen auf sie. (8) Für solche Pseudoneuheiten, die kaum bis gar keinen therapeutischen Zusatznutzen bringen, sollten Kassen keinen Cent zahlen müssen. Sie sind entbehrlich. Dass Ärzte sie überhaupt verordnen, ist skandalös. Bei einem Jahresumsatz von über einer Billion US-Dollar weltweit liegt der durchschnittliche Gewinn branchenweit bei 20 bis 30 Prozent, bei einzelnen Giganten sogar über 40 Prozent. Kein anderer Industriezweig erzielt stattlichere Überschüsse. Dass er im Schnitt über 800 Millionen, neuerdings sogar 2,9 Milliarden Euro aufwendet, um ein neues Medikament auf den Markt zu bringen, ist ein hanebüchenes Märchen, in die Welt gesetzt von einem berüchtigten Pharmalobbyisten an einer pharmafinanzierten amerikanischen Privatuniversität. (9) Die Wahrheit ist: In Forschung und Entwicklung investieren Pharmakonzerne im Schnitt maximal 15 Prozent des Umsatzes - abzüglich der verkappten Werbemittel „Anwendungsbeobachtung“ und „therapeu­tischer Zirkel“, legaler Formen der Korruption, vermutlich weniger als ein Zehntel. Marketing lassen sie sich hingegen mehr als das Dreifache kosten, 50 bis 55 Prozent; dazu zählen Bestechungsgelder an die gebauchpinselten „Meinungsführer“ der Ärzteschaft in Form von Vortrags-, Autoren- und „Berater“honoraren, Hunderte von Millionen für emsige Lobbyarbeiter im und ums Parlament und Ministerien, saftige Provisionen an rund 20.000 Pharmavertreter, die Arztpraxen und Kliniken beharrlich die Türen einrennen. Sänken die Preise, stünde es den Konzernen frei, an Werbung zu sparen, an den irrwitzigen Gehältern, Boni und Abfindungen ihrer Manager, an Ausschüttungen für ihre Aktionäre, an Schmiermitteln für die Hauptakteure des medizinischen Versorgungssystems. Der frühere Pharma-Geschäftsführer John Virapen, ein geläuterter Whistleblower, geißelt die wahren Verhältnisse: Im wesentlichen „bestehen Arznei­mittelfirmen aus zwei Abteilungen: Juristen und Marketingleuten; Forscher und Forschungsergeb­nisse werden nach Bedarf zugekauft. Das Marketing aber muss immer laufen, ganz unten die Vertreter. Für Gesetzesübertretungen, für zerbrochenes Porzellan und unangenehme Blutspuren hecheln die Juristen ihnen mit dem Spitzfindigkeitsbesen hinterher und machen sauber.“ Nichts zwänge die Konzerne, künftig weniger zu forschen – warum schichten sie Budgets nicht einfach um? Oder sie könnten sich mit weniger üppigem, aber immer noch prächtigem Reibach begnügen. Wann, Herr Gröhe, gedenken Sie ein „Kunstwerk“ in Angriff zu nehmen, das diesen Fakten Rechnung trägt? Welches Gesundheitssystem möchten Sie Ihren vier Kindern hinterlassen? „Der Glaube an Jesus Christus“, erklärte der bekennende Protestant, 13 Jahre lang Ratsmitglied der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD), „gibt mir Halt im Leben“. Heilte Jesus nicht pharmaziefrei? Unwort der Nachkriegszeit Bei der seit Anfang der Neunziger stattfindenden Kür des „Unworts des Jahres“ hatte der bis zur Kotzgrenze überstrapazierte Begriff „Gesundheitsreform“ 1996 auf der Kandidatenliste weit oben gestanden. Es wird Zeit, dass er endlich als „Unwort der Nachkriegszeit“ zu bleibenden Ehren kommt. Was eine unfähige politische Elite, weitgehend im Griff eines der mächtigsten Industrie­zweige auf unserem Planeten, unter diesem absurden Schwindeletikett seit Jahrzehnten „reformiert“, ist fürwahr nicht das Gesundheitswesen, sondern unsere Gesundheit: Wir haben sie als einen stets gefährdeten Zustand aufzufassen, den wir nur begreifen, bewahren und wieder­erlangen können, wenn wir uneingeschränkt ergeben, „kompliant“, hinnehmen und schlucken, was die Pillenmedizin uns vorsetzt. Welch maximalen Schaden bei minimalem Nutzen beispiels­weise Psychopharmaka anrichten, führen der Stiftung Auswege in jedem Therapiecamp unfassbare Patienten­schicksale vor Augen. Was ihnen dort weiterhilft als jede Hirnpille zuvor, sind Empathie, Geduld und Wertschätzung, eingehende Gespräche und liebevolle Zuwendung, die ihnen unsere Helferteams schenken. Eine Tüte Haribo zwischen den Heilsitzungen, zum Stückpreis von unter einem Cent pro Gummibärchen, bekäme ihnen garantiert besser als jede Schachtel voller synthetischer Chemie, an der „wirksam, sicher und gut verträglich“ nur die Hersteller genesen. Zu den unveräußerlichen Aufgaben des Staates gehört es, Leib und Leben seiner Bürger zu schützen. Wie haarsträubend er diese Funktion im Gesundheitswesen seit jeher vernachlässigt, wäre längst ein Fall fürs Bundesverfassungsgericht und den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. 80 Millionen Krankenversicherte einer inhumanen, technophilen und chemielastigen Verkümmerung wahrer Heilkunst auszuliefern, die chronische Erkrankungen eher erzeugt und verstetigt als lindert und heilt, ist nämlich nichts geringeres als: ein Verbrechen. (Harald Wiesendanger) Anmerkungen 1 Zahlen nach www.gkv-spitzenverband.de, „Zahlen und Grafiken“/“Kennzahlen“. 2 Nach Handelsblatt, 27.9.2016: „Arzneikosten in Deutschland steigen auf Rekordniveau“. 3 Deutsche Apotheker Zeitung, 8.4.2016. 4 Zit. nach Handelsblatt, 7.3.2017. 5 Nach Manager-Magazin, 23.9.2015: „Wie dieser Pharma-CEO zum meistgehassten Mann der USA wurde“; Welt/N24, 9.1.2017: „Twitter wirft den ‚meistgehassten Mann des Internets‘ raus“. 6 Nach InsightHealth, vfa, www.vfa.de/download/kap2-arzneimittelzahl.pdf, abgerufen am 22.10.2016. 7 „Innovationsreport 2016“, s. www.aerztezeitung.de/politik_gesellschaft/arzneimittelpolitik/article/918799/tk-innovationsreport-neue-arzneimittel-oft-einfach-nur-teuer.html. 8 Rolf-Ulrich Schlenker, Vizechef der Barmer GEK, zit. nach Der Tagesspiegel, 29.5.2014: „Wie Scheininnovationen die Preise nach oben treiben“. 9 Siehe Marcia Angell: Der Pharma-Bluff – Wie innovativ die Pillenindustrie wirklich ist, Bonn 2005, S. 59 ff.; Washington Post, 18.11.2014: „Does it really cost $ 2.6 billion to develop a new drug?“; New York Times, 18.11.2014: „$ 2.6 Billion to Develop a Drug? New Estimate Makes Questionable Assumptions“; Jerry Avorn: „The $2.6 Billion Pill – Methodologic and Policy Considerations“, New England Journal of Medicine 372/2015, S. 1877-1879.

  • Fake Hunting: die jüngste Bedrohung der Anderen Medizin

    Im Zeitalter der „Fake News“ wächst die öffent­liche Sehnsucht nach einer Einrichtung, die gezielte Unwahrheiten zuverlässig entlarvt. Die Wenigsten rechnen damit, dass sie sich dabei ein Zensur­monster einhandeln können, das miss­liebige, vom akademischen Mainstream abweichende Stand­punkte verunglimpft, vorgeblich im Namen der Wahrheit – beispiels­weise unkonventionelle Heilweisen und Kritik an der vorherrschenden Medizin. Gelogen wird, seit der Mensch Behauptungen aufstellt. Das tut er, seit er sprechen kann, also vermutlich seit 60.000 bis 100.000 Jahren. Insofern sind Fake News ein uralter Hut. Doch erst das Internetzeitalter hat ihre angestamm­ten Resonanzräume radikal entgrenzt. Was einst bloß auf Wochenmärkten, in geselligen Runden, Friseursalons und Tante-Emma-Läden, in der Kantine oder am Stammtisch die Runde machte, verbreiten soziale Medien über Klicks, Likes und Links in Windeseile nunmehr innerhalb ganzer Gesellschaften. Gezielte Unwahrheiten sind allgegenwärtig. Und wer überall mit ihnen rechnen muss, glaubt am Ende nicht alles, sondern gar nichts mehr. Wem kann man überhaupt noch trauen? Umso sehnlicher wünschen sich verunsicherte Bürger neutrale Instanzen herbei, die Fakes entlarven und ausmerzen, möglichst viele, möglichst rasch. Sie hoffen auf verlässliche Einrichtungen, die Gerüchten systematisch nach­gehen, sie mit allen verfügbaren Quellen abgleichen, ihre Substanzlosigkeit enthüllen, sie unerbittlich anprangern und eindringlich davor warnen, ihnen auf den Leim zu gehen. Doch den Wenigsten ist klar: Dabei droht ihnen ein Zensurapparat, der dem „Wahrheitsministerium“ in George Orwells düsterer Utopie „1984“ kaum nachsteht. Diese Gefahr sieht zumindest ein junger französischer Journalist der Tageszeitung Le Monde, der als „Fake Hunter“ Pionierarbeit geleistet hat: 2010 richtete Samuel Laurent, damals gerade 30, einen kleinen Aufklärungsblog „Les Décodeurs“ ein, der nüchtern, unparteiisch, frei von Polemik Gerüchte auf ihre Glaubwürdigkeit hin durch­leuchtet; inzwischen gliederte Le Monde ihn in ihren Internetauftritt ein. Im Februar 2017 stellte sie ergänzend ein Tool namens „Le Décodéx“ ins Netz: Gibt man in eine Suchmaske eine Internetadresse ein, so leuchtet ein roter, oranger oder grüner Button auf. Grün steht für vertrauenswürdig, Orange für verdächtig, Rot für unglaubwürdig. Eine ähnliche digitale Rechercheredaktion mit dem treffenden Namen „Desintox“ – Entzug, Entgiftung – unterhält neuerdings auch die linksliberale französische Tageszeitung Libération. Was geschieht, wenn man Le Monde seinerseits mittels „Décodéx“ checkt? Die Zeitung, die mehreren Großindustriellen gehört, gilt als tendenziöses Sprachrohr der Befürworter von Martktliberalismus, Freihandel und Globalisierung. Aber natürlich verpasst ihm das Tool ein grünes Gütesiegel. Sein Ampelsystem ahmt jenes nach, dessen sich das obskure Web of Trust (WOT, „Netz des Vertrauens“) bedient. (1) Über 26 Millionen Websites will es bereits bewertet haben, davon 24 Millionen negativ. Die WOT-Software für „sicheres Surfen“ (Safe Browsing) haben sich weltweit schon 140 Millionen Menschen arglos auf ihre PCs und Notebooks, Smartphones und Tablets heruntergeladen. Zu ihrem Schutz legt sich ein „Warning!“-Popup über „gefährliche“ Webseiten, sobald sie im Browser aufgerufen werden, und macht sie unkenntlich. Wie das weltgrößte Internet-Lexikon Wikipedia, so baut WOT dabei auf die „Schwarmintelligenz“ der weltweiten Internet-Community. Die Ratings beruhen auf Bewertungen durch angemeldete User, die anonym bleiben dürfen; dabei haben die Noten einer Minderheit, die besonders eifrig votiert, ein bis zu tausendfach höheres Gewicht als die Stimmen von einmaligen oder seltenen Juroren. Weil zu den fleißigsten Schnüfflern hyper­aggressive Skeptiker zählen, warnt WOT die Web-Community beispielsweise vor den Fakes meiner Stiftung Auswege: Obwohl vier Fünftel der abgegebenen Einschätzungen positiv ausfielen, lag unsere „Vertrauenswürdigkeit“ (trustworthiness) Mitte März 2017 bei gerade mal 42 Prozent (Orange), die „Kindersicherheit“ (child safety) sogar bloß bei 12 Prozent (Rot). Vermutlich schneiden nur islamistische Fanatiker, Neonazis und Anbieter von Hardcore-Pornos noch katastrophaler ab. In Deutschland beließ es der Gesetzgeber knapp zwei Jahre lang bei runden Tischen, Arbeits­gruppen, Expertenanhörungen und Selbstverpflichtungen. Dann schaltete Bundesjustizminister Heiko Maas in den Zupackmodus. Alarmiert vom Siegeszug des Populismus, russischen Troll-Armeen und einem US-Präsidenten, der mit „alternativen Fakten“ regiert, stellte er im März 2017 den Entwurf eines „Gesetzes zur Verbesserung der Rechtsdurchsetzung in sozialen Netzwerken“ (2) vor. Betreiber von Social Media wie Facebook, von Suchmaschinen wie Google soll es zwingen, gegen Lügen und Hassbotschaften vorzugehen. Vollautomatisch, bloß mit raffinierteren Algorithmen, ist das schwerlich hinzukriegen, bei Fakes noch weniger als bei Hetze. Denn es geht um Inhalte, nicht bloß um formale Textmerkmale. Doch weit und breit ist kein „Content-Filter“ in Sicht, der sie massenhaft aussieben könnte wie Hate Speech anhand des bevorzugten Wortschatzes von Schmähern, Beschimpfern und Pöblern. Da ist mühselige Hand- und Kopfarbeit gefragt. Google lässt dies seine weltweit 10.000 Prüfteams erledigen, welche die „Qualität“ von Suchergebnissen beurteilen. An sie alle versandte er soeben rund 200 Seiten umfassende „Richtlinien“, nach denen sie „verstörende“ (upsetting), beleidigende und rassistische Inhalte zu identifizieren haben. In den Google-Suchalgorithmus eingespeist, führen ihre Bewertungen dazu, dass nicht „vertrauenswürdige“ Inhalte in den Suchergebnissen weiter nach hinten geschoben werden. (3) Zum selben Zweck schaltete Facebook in den USA die Webseiten Politifact und Snopes ein. In Deutschland beauftragte es das 2014 gegründete Pressebüro „Correctiv“ in Essen und Berlin, dessen 20-köpfiges Team „investigativen, aufklärenden Journalismus“ verspricht – in einer „Wächterfunktion“. (3) Senken „Wächter“ über eine Geschichte den Daumen, so will Facebook sie künftig zwar nicht löschen, aber mit einem Warnhin­weis versehen, der sie als „disputed“, umstritten, brandmarkt: Die betreffende Nachricht werde „von unabhängiger Seite angezweifelt“, belegt mit einem Link zu einem Text, der „dem verfälschenden Beitrag die Fakten gegenüber­stellen“ soll. „Das Posting an sich verschwindet nicht auf der Plattform, wir verstecken es nicht, Leute können es weiterhin teilen“, erläutert ein zuständiger Facebook-Manager. Der Warnhinweis bleibe aber bei der Weiterverbreitung angeheftet. "Es kann auch sein, dass wir bei unglaubwürdi­gen Artikeln die Sichtbarkeit reduzieren." (5) Wer soll uns da vor Lug und Trug bewahren, vor „verstörenden“, „umstrittenen“, „unglaubwürdigen“ Meinungen? Geleitet wird „Correctiv“ von dem Journalisten David Schraven als Geschäftsführer. Eben dieser Schraven begründete 2007, gemeinsam mit dem Bochumer Berufskollegen Stefan Laurin, die „Ruhrbarone“ (6), dessen linkslastigem Autorenteam er weiterhin angehört: eines von über 200.000 aktiven Webjournalen („Blogs“) allein in Deutschland (7). Vordergründig berichtet es über Politik, Wirtschaft, Kultur, Wissen und Sport in Nordrhein-Westfalen, lässt tatsächlich aber keine Gelegenheit aus, über querdenken­de Wissenschaftler und unkonventionelle Mediziner herzufallen. Laurin, mittlerweile alleinverant­wortlich, tut sich als Spezialist für Antisemitismusvorwürfe und Nazivergleiche hervor; eine Gesundheitsministerin bezeichnet er als „Volkserzieherin“, das Umweltbundesamt als „Reichsumweltkammer“. (8) Um imageförderlich unter das hochgelobte „Correctiv“-Dach zu schlüpfen, benannten sich die „Ruhrbarone“ kürzlich um in „Correctiv.Ruhr“. Bei Wikipedia scheinen sie insgeheim auf oberster „Administratoren“-Ebene mitzuwerkeln: Mehrere hundert Male linkt es auf die „Ruhrbarone“, womit es seine eigene Relevanzregel für Quellenangaben krass verletzt. Zu den unadligen „Ruhrbaronen“, die mit dem legendären Geschichtenerzähler Münchhausen mehr als nur den Titel teilen, zählt der Psychologe Sebastian Bartoschek, rühriges Mitglied einer unsäglichen atheistisch-naturalistischen Sekte namens „Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften“ (GWUP), der es seit drei Jahrzehnten gelingt, blind­wütigen Skeptizismus mit gesunder Skepsis zu verwechseln. (9) Wie Laurin gelten Bartoschek und weitere GWUP-Mitglieder als Chefdenunzianten beim berüchtigten Internetpranger „Psiram“, vormals „Esowatch“. (10) Dessen anonyme Verfasser hetzen ungestraft gegen jeder­mann, dessen Auffassungen ihrem kastrierten Wissenschaftsbegriff zuwiderlaufen. Über tausend Menschen, unter ihnen Hochschulprofessoren und ganzheitlich arbeitende Ärzte, sind bereits Opfer von „Psirams“ infamen Verleumdungen und üblen Nachreden geworden. Als Scharlatane, Betrüger, Pseudogelehrte werden sie dort verun­glimpft. Juristische Gegenwehr ist aussichtslos: Das gesetzlich vorgeschriebene Impressum fehlt, der Server steht im Ausland. Deutschlands aktivste Online-Dreckschleuder, deren Finanziers im Dunkeln bleiben, geht buchstäblich über Leichen: Von Psiram-Eiferern übelst gemobbt, nahm sich der Journalist Claus Fritzsche im Frühjahr 2014 das Leben. (11) Das Problem war wohl, dass er schon volljährig war: Denn die „Kindersicherheit“ von „Psiram.com“, so bescheinigt ihm das „Web of Trust“ (WOT) mit dem grünsten aller Grüns, liegt bei grandiosen 93 Prozent. Exakt genauso hoch veranschlagt es Psirams „Vertrauenswürdig­keit“.Lediglich einen Prozentpunkt niedriger performt GWUP.org. (12) Daneben mischt Bartoschek beim „skeptischen“ Podcast Hoaxilla (13) mit, der jegliche Impfgegner und Pharmakritiker als bekloppte Verschwörungstheoretiker verhöhnt, auf einer Stufe mit Verwirrten, die Elvis für quicklebendig, die Mondlandung für einen Hollywood-Inszenierung und Angela Merkel für ein außerirdisches Reptil halten. Sind uns selbsternannte „Wächter“ aus diesem Ideologensumpf wirklich als oberste Fakten­checker der Nation recht? Wollen wir zulassen, dass sie Aussagen wie „Pharmakonzerne korrumpieren Ärzte“, „Wer sein Kind impfen lässt, riskiert irreparable körperliche und geistige Schäden“, „Neuroleptika führen zu Hirnschwund“ , „Glyphosat könnte Krebs erregen“ oder „Der Infraschall von Windkraftanlagen belastet die Gesundheit von Anwohnern“ zu Fakes erklären, mit Alarmrot einfärben oder gar löschen? Da rückt Orwells Dystopie näher: Lügner werden autorisiert, das Volk im Gewand von Tatsachen­prüfern darüber „aufzuklären“, was Lüge und was Wahrheit ist. Maas´ Gesetz befördert private Netzwerke „zu Ermittlern, Richtern und Henkern über die Meinungs­freiheit“, warnt netzpolitik.org, eine Online-Plattform für digitale Freiheitsrechte. Eine staatliche Lizenz, missliebige Inhalte zu unterdrücken, oder gar ein gesetzlicher Auftrag dazu: das käme den Betonköpfen der „evidenz­basierten“ Schulmedizin, den Marketingprofis von Big Pharma und ihren Erfüllungsgehilfen gerade recht. Solcher Meinungsmache Tür und Tor öffnet der gefährlichste aller Fakes in der aufgeregten Debatte um ihre dringendst gebotene Enttarnung: die schwarz-weiße Vorstellung, sämtliche Tatsachenbehauptungen ließen sich fein säuberlich in wahre oder falsche sortieren. „Fake News“ ist ein verschwommener Sammelbegriff, dem es an der nötigen Trennschärfe mangelt. „Echte“, eindeutig widerlegbare Falschmeldungen wie „Den Holocaust gab es nicht“, „Obama ist ein Moslem aus Kenia“ oder „Hillary Clinton betreibt von einer New Yorker Pizzeria aus einen Kinderpornoring“ machen sich rar. Viel häufiger sind sie Ansichtssache, gestützt auf diskutable Gründe, gedeckt durch das Grundrecht auf Meinungs- und Glaubensfreiheit. Oder müssen Bibelzitate als Fake News aus dem digitalen Verkehr gezogen werden? Selbst die seriösesten Medien berichten nicht nur zweifelsfrei „Bewiesenes“. Oft bleibt ihnen vorerst nichts anderes übrig, als widersprüchliche Anhaltspunkte zu gewichten, aus Indizien zu schließen, Gerüchte aufzu­greifen, sich auf anonyme Informanten und Leaks zu verlassen. Verzichteten sie darauf, bis sich mutmaßliche Wahrheiten zweifelsfrei erwiesen haben, so flögen die wenigsten politischen Skandale und Wirtschaftsverbrechen jemals auf. „Verstörende“ Whistleblower wie Edward Snowden würden von Wahrheitswächtern mundtot gemacht. Wollen wir das? (Harald Wiesendanger) Anmerkungen 1 https://www.mywot.com/en/community. 2 Nachzulesen bei www.zeit.de/digital/internet/2017-03/netzdg.pdf. 3 http://searchengineland.com/google-flag-upsetting-offensive-content-271119. 4 https://correctiv.org/correctiv. 5 Nach www.spiegel.de/netzwelt/web/facebook-correctiv-soll-fake-news-richtigstellen-a-1130014-druck.html. 6 www.ruhrbarone.de 7 Statistik nach https://buggisch.files.wordpress.com/2016/02/infografik-wie-viele-blogs-gibt-es-in-deutschland.png. 8 http://de.pluspedia.org/wiki/Stefan_Laurin 9 http://de.pluspedia.org/wiki/GWUP 10 http://de.pluspedia.org/wiki/Psiram; http://de.wikimannia.org/Psiram. 11 http://de.pluspedia.org/wiki/Claus_Fritzsche. 12 https://www.mywot.com/en/scorecard/www.psiram.com, abgerufen am 18.3.2017. 13 https://www.hoaxilla.com.

  • Teufelszeug

    Seelischen Erkrankungen lässt sich am besten mit synthetischer Chemie beikommen, versichern uns Psychiater. Dass Psychopharmaka „wirksam, sicher und gut verträglich“ sind, sei wissenschaftlich bewiesen. Dieses Märchen entspringt den Marketingabteilungen von Arzneimittelherstellern: Sie sorgen dafür, dass der Nutzen ihrer hochgiftigen Drogen übertrieben, Nebenwirkungen und Gefahren heruntergespielt und verschwiegen werden. Warum Helga niemals Traci kennenlernen kann Traci Johnson? „Nie gehört, ken­ne ich nicht“, hätte Helga* wohl gesagt, wenn ich sie darauf angesprochen hätte, während sie Anfang Mai 2014 an einem Therapiecamp der Stiftung Auswege teilnahm. Dass die beiden einander jemals begegnen, ist ausgeschlossen. Denn die 52-jährige Wirtschaftskauffrau aus Magdeburg trennen von der 19-jährigen Studentin aus Indianapolis nicht nur 7000 Kilometer Luftlinie – sondern der Umstand, dass die eine noch lebt, die andere nicht mehr. Was hatte Helga ins „Auswege“-Camp geführt? Seit Mitte der achtziger Jahre litt sie an Depressionen, begleitet von rätselhaften Dauerschmerzen am ganzen Körper. Wegen „erheblicher Minderung der Erwerbsfähigkeit“ wurde sie 2004 frühberentet. Große Hoffnung hatte sie auf Cymbalta gesetzt, ein neues Psychopharmakon mit dem Wirkstoff Duloxetin. Trotzdem ging es Helga nicht besser, im Gegenteil: Weil ihr zusätzlich ein unentwegter Schwindel, Bewegungsstörungen, Gangunsicherheit und ständi­ges Kopfweh zu schaffen machten, suchte sie im Juli 2005 einen Facharzt für Allgemeinmedizin auf. Dessen Befundbericht unterstrich, wie dringend sie einer weiteren medikamentösen Therapie bedürfe: „In ihrer Alltags­taug­lichkeit“, so heißt es darin, sei die Frau „erheblich eingeschränkt. Das Verlassen der Wohnung ist ihr nicht alleine möglich. Bei allen Verrichtungen im Alltag ist sie auf die Hilfe ihres Ehemannes angewiesen. Am öffentlichen Leben kann sie nicht mehr teilnehmen. Eine Besserung ist nicht zu erwarten.“ Doch hin und wieder geschieht auch das Unerwartete. Am Anreisetag erlebte Helga „eine wunderbare Kennenlernrunde, ich habe mich gleich wohlgefühlt“, schrieb sie in ihr Tagebuch – und das, obwohl ihr vermeintlich unentbehrlicher Ehemann nicht hatte mitkommen können. Trotzdem nahm sie am „öffentlichen Le­ben“ im und ums Camphaus unein­geschränkt alltagstauglich teil. „Sehr angenehme“ Heilsitzungen vermittel­ten ihr „ein wunderbar leichtes Gefühl“. Unter den zwanzig Campteilnehmern machte niemand deutlichere Fortschritte als Helga: Sämtliche gesundheitli­chen Belastungen ließen bis Campende erheblich nach, zeitweilig schienen sie wie weggeblasen; und endlich schlief sie wieder lang und tief. Während der Heilwoche blühte sie auf, wirkte gelöst und voller Energie. „Mein Körpergefühl ist besser geworden, ich bin fröhlicher“, notierte sie abschließend. „Alles ist möglich! Bin hap­py!!!“ (Drei Ausrufezeichen.) In der zweiten Camphälfte wirkte Helga wie ausgewechselt: Aufgeschlossen suchte sie Kontakt zu anderen Teilnehmern, immer öfter sah man sie vergnügt lächeln, ja hörte sie lauthals lachen. Als „bereichernd“ empfand sie „die gemischte Teilnehmergruppe“: So „konnte ich lernen, was für Schicksale Andere tragen, und meine eigenen Ängste abbauen. Wenn ich ihr Elend sehe, leide ich mit“. Gemessen an deren Belastungen wurde ihr klar, „was ich schon wieder alles kann“. Ein „Gefühl der Sicherheit“ vermittelte ihr, dass „ich jederzeit die Therapeuten erreichen und fragen konnte“. In den alltäglichen „Morgenkreisen“, mit denen jeder Behandlungstag nach dem gemeinsamen Frühstück beginnt, amüsierte sie die versammelte Runde mit köstlichen Gedich­ten Marke Eigenbau. Einmal streifte sie sich ein knallgelbes „Auswege“-T-Shirt über, schnappte sich Verkaufsartikel von einem Infotisch der Stiftung und bot sie wortgewandt feil, „denn hier muss endlich mal richtig gute Werbung gemacht werden“. Schmerzen, Schwindel, Depressionen? Keine Spur mehr. In ihrem Tagebuch tauchte 21-mal das Wort „Danke“ auf. Einen Gruppentanz am Abschiedstag empfand sie als „Tanz in mein neues Leben“. Wie war diese enorme Verwandlung möglich, innerhalb von nur siebeneinhalb Behandlungstagen? Im Mittelpunkt von Helgas Heilsitzungen standen eingehende Gespräche über die seelischen Hintergründe ihrer ausgeprägten Beschwerden: „Sie war eine verunsicherte, frustrierte Frau“, notierte der leitende Camparzt abschließend, „vermutlich mit Schwierigkeiten im Beruf und privat. Die verschiedenen Diagnosen waren gute Ausreden für ihre Welt-Enttäuschung, ihre Hilflosigkeit und wohl auch ihre Wut. Aufklärende Gespräche über den tieferen Sinn ihrer Leiden und deren Bearbeitungsmög­lich­- kei­ten scheinen ihr Denken sehr rasch verändert zu haben. Offenkundig führten sie zu neuer Zuversicht, ja Lebensfreude.“ Womöglich wäre Helga viel erspart geblieben, wenn ihr neun Jahre zuvor, am 12. Februar 2004, die New York Times in die Hände gefallen wäre. (1) Darin wäre sie auf einen Artikel gestoßen, in dessen Mittelpunkt eben jene Traci Johnson stand, der sie nie begegnen wird. Am 7. Februar 2004 erhängte sich die Collegestudentin mit einem Schal an der Stange eines Duschvorhangs – in einem von dem Pharmakonzern Eli Lilly betriebenen Labor. Dort hatte sie als Versuchsperson an einem klinischen Test über Duloxetin teilgenommen, um damit ihre Studiengebühren zu finanzieren. Zuvor hatten beteiligte Ärzte sie gründlich untersucht, um Depressionen oder Suizidneigungen auszuschließen. Vor Studienbeginn war Traci allem Anschein nach eine psychisch kerngesunde, ausgeglichene, ehrgeizige junge Frau gewesen, mit klaren Berufszielen und Lebensträumen. Hatte Duloxetin den Selbstmord ausgelöst? Oder handelte es sich bei Tracis Tod im Februar 2004 um eine „isolierte Tra­gödie“, wie Eli Lilly abwiegelte? Fünf Monate zuvor hatte die Firma in über 30 Ländern die Zulassung für das Präparat Yentreve erreicht, das eben jenen Wirkstoff Duloxetin enthielt: einen „Selektiven Serotonin-Noradrenalinhemmer“ (SSNRI). Er soll verhindern, dass Rezeptoren von Nerven­zellen im Gehirn und Rückenmark die bei­den Botenstoffe Serotonin und Noradrenalin aufnehmen, die vorgeschaltete Nervenzellen ausschütten. So blockiert er die elektrochemische Signalübertragung „selek­tiv“. Die Zulassung von Yentreve blieb allerdings auf ein einziges Anwendungsgebiet beschränkt: stress­bedingte Harninkontinenz. Aber warum bloß 50 bis 200 Millionen Blasenschwache auf unserem Planeten ins Visier nehmen? Da geht mehr. Ja, es muss. Denn Eli Lilly stand unter gehörigem Druck: Im August 2001 war das Patent für seinen Kassenschlager Prozac (Fluoxetin) abgelaufen, ein Antidepressivum, das weltweit 40 Millionen Menschen schluck­ten (2); noch im Vorjahr hatte es ein Viertel zu den zehn Milliarden Dollar Jahresumsatz des Pharmariesen beigetragen. Innerhalb eines einzigen Tages brach sein Börsenkurs daraufhin um ein Drittel ein. (3) Es musste schleunigst Ersatz her. Also versuchte Eli Lilly fieberhaft, klinische Belege dafür beizubringen, dass der Wirkstoff Duloxetin auch Depressionen beikommt. Und damit war der Konzern erfolgreich: Im August 2004, ein halbes Jahr nach Tracis Tod, erlaubte die oberste amerikanische Arzneimittelbehörde, die FDA (Food and Drug Administration), diesen erweiterten Einsatz; es bestehe „kein ursächlicher Zusammenhang“ zwischen dem Selbstmord und Duloxetin. (4) Und so kam die Substanz unter neuem Han­dels­­namen als Antidepressivum auf den Markt: „Cymbalta“. Bald darauf genehmigte die FDA auch den Einsatz bei Angstzuständen und Schmerzen, die von Diabetes oder einer Fibromyalgie herrührten, einer tückischen Erkrankung, die sich in allgemeinen Muskel- und Bindegewebsschmerzen so­wie in Druckschmerz über bestimmten Schmerzpunkten („Tender Points") äußert. (5) Im Dezember 2004 gab Europas oberste Arzneimittelbehörde EMA grünes Licht für die EU-weite Anwendung gegen depressive Episoden, 2008 gegen „generalisierte Angststörungen“, 2009 auch gegen chronisch verlaufende Depressionen. Bis Jahresende 2004 erzielte der Pharmakonzern mit Cymbalta bereits einen Umsatz von 61,3 Millionen Dollar. Im ersten Quartal 2005 stieg er auf 106,8 Millionen Dollar an, dann explodierte er regelrecht: 2012 lag er bei 5,7 Milliarden Dollar, 2013 bei 5,1 Milliarden, 2014 immerhin noch bei 1,6 Milliarden, 2014 bei 1,02 Milliar­den. Zeitweilig lag Cymbalta auf Platz Neun der weltweit meistverkauften Arzneimittel. (6) Doch warum zog Eli Lilly im Januar 2005 merkwürdigerweise das inhaltsgleiche Yentreve vom Markt zurück? Weil die Firma neue Erkenntnisse über unerwünschte Nebenwirkungen hatte? Wenn ja, was bedeutete das für die angebliche Unbedenklichkeit des wirkstoffidentischen Cymbalta? Die Medizinjournalistin Jeanne Lenzer, bei Big Pharma seit längerem als investigative Nervensäge verhasst, wurde stutzig. Unter Berufung auf den Freedom of Information Act – ein in den USA 1967 in Kraft getretenes Gesetz zur Informationsfreiheit, das jedermann das Recht einräumt, Zugang zu Dokumenten von staatlichen Behörden zu erhalten - beantragte sie im Mai 2005 bei der FDA, alle sicherheitsrelevanten Daten zu Cymbalta und Yentreve einsehen zu dürfen. Daraufhin erhielt Lenzer einen hochbrisanten Datensatz. Er enthielt Angaben zu 13 Selbstmorden und 41 weiteren Todesfällen unter Patienten, die Cymbalta eingenommen hatten. Allerdings fehlte darin jeglicher Hinweis auf Traci Johnson und vier weitere Testpersonen, die sich umgebracht hatten, kurz nachdem ihnen Cymbalta verabreicht worden war. Als die Journalistin deswegen nachfragte, verweigerte die FDA weitere Auskünfte. Die Begründung der Behörde war an Absurdität kaum zu überbieten: Bundesgesetze verböten ihr, Studienergebnisse über ein nicht zugelassenes Arzneimittel zu herauszurücken. Sie sei gezwungen, Geschäftsgeheimnisse der Firma zu wahren. In der Tat: Grünes Licht hatte sie nur für Cymbalta gegeben, nicht aber für Yentreve als Antidepressivum. Aber bestanden beide Präparate nicht aus ein und demselben Molekül? Abgesehen davon, dass die Stellungnahme der FDA ein bezeichnendes Licht auf ihre wahren Prioritäten wirft: Das Gesetz, auf das sie sich berief, existierte gar nicht. (7) Eli Lilly gestand nun, mindestens zwei der Todesfälle verschwie­gen zu haben. Von anonymen Informanten erfuhr Lenzer, dass Duloxetin Selbstmordneigungen auch bei nichtdepressiven Patienten auslöst, die das Mittel gegen Harninkontinenz einnehmen. Jetzt erst räumte die FDA ein, ihr vorliegende Studiendaten hätten gezeigt, dass sich bei Frauen mittleren Alters, die Duloxetin einge­nommen hatten, die Suizidversuchsquote mehr als verdoppelte. (8) Und erst 2012 gab sie zu: Seit längerem häuften sich bei ihr Berichte, denen zufolge es nach Absetzen von Duloxetin bei fast je­dem zweiten Patienten zu schwereren, länger anhaltenden Ent­zugs­erscheinungen kommt als bei jedem anderen von ihr überwachten Präparat (9): von Schwindel, Übelkeit, Erbrechen und Durch­­fall über Kopfschmerzen und Schweißausbrüche bis hin zu Wahrnehmungsstörungen, Reizbarkeit und Angst. Trotzdem ist Cymbalta weiterhin auf dem Markt, auch in Deutschland. Den Segen dazu gab im August 2009 das staatliche „Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen“ (IQWiG) in Köln, gestützt auf den 930-seitigen Bericht dreier psychiatrischer Sachverständiger: Für Duloxetin läge „kein Beleg für einen Schaden“ vor. (10) Hin­gegen gebe es überzeugende Hinweise darauf, dass die Substanz nicht nur die Symptome einer Depression hervorragend lindere, sondern auch vor Rückfällen schützen könne. Diese Hinweise stammten woher? Aus herstellerfinanzierten Studien. Wie faustdick bei dieser Auftragsforschung gelogen und vertuscht wurde, deckte ein Jahr später ein zehnköpfiges IQWiG-Medizinerteam um Yvonne Schüler auf, nachdem es unter anderem 16 Duloxetin-Studien mit insgesamt über 5400 Versuchspersonen sichtete. Ein Großteil dieser Studien hatte bereits vorgelegen, als IQWiG grünes Licht gab. Alles in allem, schlossen die Forscher, „weist Duloxetin keinerlei Vorteile gegenüber anderen Antidepressiva auf, wird aber schlechter vertragen“, ablesbar an deutlich höheren Abbruchraten wegen unerträglicher Nebenwirkungen. (11) War Helga von ihrem Arzt über die Gefährlichkeit von Cymbalta aufgeklärt worden? Hatte er sie auf das erhöhte Suizidrisiko hingewiesen, auf den drohenden Verlust ihrer Sexualität, auf die Gefahr stark erhöhten Blutdrucks, von Herzbeschwerden und Leber­- schäden? Nicht im entferntesten. Hatte er jemals erwogen, ob Helgas Symptome von eben jenem Psychopharmakon, das er gegen sie ver­schrieb, überhaupt erst erzeugt wurden, zumindest teilweise? Niemals. Dabei hätte er bloß den Beipackzettel lesen müssen. Dank ihrer Campwoche entkam die glückliche Helga mit knapper Not dem Zugriff unseres seltsam pharmalastigen Gesundheitswesens. Und nicht nur sie: Ein Großteil der seelisch belasteten Teilnehmer, die seit über einem Jahrzehnt an den Therapiecamps der Stiftung Auswege teilnehmen, hatte zuvor routinemäßig Psychopharmaka bekommen. Doch dort verzichtet man darauf, ­vollstän­dig und aus­nahmslos – und das erwies sich bislang in ­keinem einzigen Fall als fahrlässige Unterlassungssünde. Im Gegenteil: Ohne pharmazeutische Krücken ging es den meisten Campbesuchern nach acht Behandlungstagen besser als all die Monate und Jahre zuvor, in denen sie verordnete Pillen gutgläubig schluckten. Was lehrt diese Bilanz darüber, wie wertvoll und unverzichtbar die vielgepriesenen Drogen der Psychiatrie sind? Anmerkungen 1 Gardiner Harris: „Student, 19, in Trial of New Antidepressant Commits Suicide“, New York Times 12.2.2004; s. auch Jeanne Lenzer/Nicholas Pyke: „Was Traci Johnston driven to suicide by anti-depressants? That´s a trade secret, say US officials“, Independent, 19.6.2005; online: http://ahrp.org/was-traci-johnson-driven-to-suicide-by-anti-depressants-thats-a-trade-secret-say-us-officials; J. Lenzer: „Drug Secrets – What the FDA isn´t telling“, Slate 27.9.2005, www.slate.­com/articles/news_ and_politics/ slate_fare/2006/08/about_us.html; abgerufen am 7.1.2017. 2 The Guardian, 27.2.2008: „The creation of the Prozac myth“. 3 Nach Jeanne Lenzer: „Was Traci Johnston driven ...“, a.a.O. 4 New York Times, 13.8.2004: „Company News; U.S. finds no link between a suicide and a Lilly drug“. 5 New York Times, 28.11.2008: „Drug Company Withdraws Application“. 6 Apotheke Adhoc: „Die 20 meistverkauften Arzneimittel der Welt“, 6.1.2017, www.apotheke-adhoc.de; Statista: „Umsatz der wichtigsten Arzneimittel des Pharmaunternehmens Eli Lilly in den Jahren 2013 bis 2015“, https://de.statista.com; abgerufen am 7.1.2017. 7 Sarah Corriher: „The Pharmaceutical Tragedy of Kurt Danish“, Health Wyze Report, 19.6.2008, http://healthwyze.org/reports/163-kurt-danysh, abgerufen am 7.1.2017. 8 FDA: „Historical information on duloxetine hydrochlorode (marketed as Cymbalta“, www.fda.gov/ Drugs/DrugSafety/PostmarketDrugSafetyInformationforPatientsandProviders/ucm114970.htm, 6/2005, abgerufen am 7.1.2017. 9 D. G. Perahia u.a.: „Symptoms following abrupt discontinuation of duloxetine treatment in patients with major depressive disorder“, Journal of Affective Disorders 89/2005, S. 207-212; T. J. Moore u.a.: „Why reports of serious adverse drug events continue to grow“, FDA MedWatch Reports, Quarter Watch Monitoring, 3.10.2012. 10 www.iqwig.de/download/A05-20A_Abschlussbericht_SNRI_bei_Patienten_mit_Depressionen_V1-1.pdf. 11 Yvonne-B. Schüler u.a.: „A systematic review of duloxetine and venlafaxine in major depression, including unpublished data“, Acta Psychiatrica Scandinavica 123 (4) 2011, S. 247-265. Bei diesem Text handelt es sich um den ersten Abschnitt des Buchs von Harald Wiesendanger: Teufelszeug - Warum wir von Psychopharmaka fast immer die Finger lassen sollten (2017). Zwölf Marketing-Märchen der pharmalastigen Psychiatrie widme ich das Buch Unheilkunde (2017).

  • Auf der Suche nach Sinn

    Schwere Krankheiten oder Behinderungen werfen Sinnfragen auf - bei den Betroffenen ebenso wie bei ihren Angehörigen. Ärzte schweigen darüber. Hat meine Stiftung AUSWEGE Antworten? Wie helfen wir Patienten, die am Wozu ihres Leidens verzweifeln? „Um Himmels wil­len, geben Sie mir einen Therapie­platz!“, fleht die Anruferin, nachdem ich ihr klargemacht habe, dass unser nächstes „Auswege“-Camp restlos ausgebucht ist. Warum so dringend? Die junge Frau, Ende Zwanzig, hat Brustkrebs – im End­stadium. Überall wuchern Metasta­sen. Hoffnungslos, befanden ihre Ärzte. „Was soll bloß aus meinen Kindern werden, wenn ich nicht mehr da bin?“, schluchzt sie. „Meine Tochter ist Fünf, mein Junge noch nicht mal Zwei. Und ich bin alleinerziehend.“ Betroffen sage ich ihr zu. Aber sie kommt nicht. Acht Tage vor Campbeginn stirbt sie. Hätte sie teilgenommen, dann be­stimmt aus mehr als einem Grund. Natürlich hoffte sie bis zuletzt auf einen therapeutischen Ausweg – dass sich das bösartige Zellwachstum mit unserer Hilfe irgendwie zum Still­stand bringen, zumindest verlangsamen lässt, damit sie Zeit gewinnt. Aber ebenso dringlich dürfte sie auf Antworten aus gewesen sein: Wozu diese schreckliche Erkran­kung, in so jungen Jahren, unter solchen Um­stän­den, mit derartigen Folgen? „Angst vor dem Tod habe ich nicht“, sagte sie – „aber entsetzliche Angst um meine beiden Kleinen. Was soll bloß aus ihnen werden, ohne mich?“ Mit ähnlich tragischen Schicksalen werden wir im Beratungsalltag der Stiftungsarbeit unentwegt konfrontiert; keines lässt uns kalt, fassungslos fühlen wir mit. Je gravierender, je lebensbedrohlicher die Er­kran­kung, desto häufiger geht es Hilfe­suchenden um mehr als Sym­ptomlinderung. Sie sind zu­tiefst erschüttert, sie geraten in eine existentielle Krise. Denn schwere Krankheit durchkreuzt Lebenspläne, wirft aus der Bahn, rückt Ziele in unerreichbare Ferne, beeinträchtigt Be­zie­hungen, macht arbeitsunfähig, erzwingt den Abschied von eingefleischten Gewohn­hei­­ten, stellt bisherige Perspek­tiven radikal in Frage. Sie kann einsam machen, mit ständigen Schmerzen verbunden sein, mit quälenden Ängsten, mit tiefer Verzweiflung. Sie zerstört nicht nur Lebensqualität, sondern auch Lebenssinn. Lebenssinn? Ende 2013 gaben in einer Umfrage nur 37 Pro­zent der Bundesbürger an, sich schon „oft“ danach gefragt zu haben. (Vier Jahre zuvor waren es noch acht Prozent mehr ge­we­sen.) Besonders wenig kümmert sie Jugendliche und junge Erwachsene: 74 Pro­zent haben sich nach eigenen Angaben noch nie damit be­schäftigt. Mit zunehmendem Alter steigt das Gewicht der Sinnsuche: Von den über 70jährigen hat sich fast jeder Zweite schon häufig damit befasst. (1) Bei chronischer Krankheit allerdings wächst dieser Anteil sprunghaft – erst recht, wenn sie das eigene Leben einschneidend verändert und bedroht. Wie uns die „Wozu“-Frage herausfordert Von derart Betroffenen melden sich die wenigsten zu einem „Aus­wege“-Camp an; manche sind nicht mehr reisefähig, an­dere scheuen die Groß­gruppe. Häufiger lassen sie sich von uns einen Thera­peu­ten in der Nähe ihres Wohnorts empfehlen. Oder sie bitten uns, in un­se­rem Newsletter einen Hilfe­ruf zu veröffentlichen, in der Hoffnung, unter den Lesern fände sich irgendein Heilkun­di­ger, der noch weiterweiß. So war es bei Davido* (Pseudo­nym), einem 61jährigen Psy­chotherapeuten, der noch so vielen Patienten helfen will – von einer Parkinson-Erkran­kung jedoch zunehmend da­ran gehindert wird. „Es fällt mir immer schwerer, mich klar und deutlich auszudrücken, oft fehlen mir die Worte, ich spreche leiser und undeutlicher“, schrieb er uns im Som­mer 2014. „Stressige Situatio­nen machen mir Angst und ver­stärken das Zittern. Ich merke, dass ich geistige Prä­senz und Empathiefähig­keit verliere.“ Die Wozu-Frage be­schäftigt ihn ebenso wie eine verzweifelte Ehefrau, die sich im Herbst desselben Jahres an uns wandte: „Gibt es noch einen Ausweg für meinen Mann“ – trotz eines besonders bösartigen, rasch wachsenden Hirntumors, einem Gliobla­stom, das sich im MRT in mehreren Bereichen seiner linken Hirnhälfte zeigte und bereits in die Hirnhäute aussäte? „Er ist doch erst 55.“ Eine erste Ge­schwulst war in seinem Kopf bereits 1995 entdeckt und operiert worden, eine zweite 2002. Warum musste er das durchmachen? Weshalb verlor seine Familie am Ende – im Novem­ber 2014 - einen hingebungsvollen Vater und Ehemann? Hätten diese beiden den Weg in unsere Camps gefunden und uns mit Sinnfragen konfrontiert: Wie wären wir damit um­gegangen? Wie tun wir es bei jenen, die zu uns kommen? Was sagen wir ihren Angehörigen? Wie erklären wir jemandem, warum sein Kind, sein Lebens­ge­fährte aufs Schwerste er­krankt oder behindert ist? Un­aus­löschlich ins Gedächtnis ein­gebrannt hat sich mir, unter so vielen anderen bestürzenden Fällen, beispielsweise die dreijährige Laura aus unserem aller­ersten Camp im Sommer 2007 nahe der Nordsee: Warum muss das Frühchen, in der 24. Schwangerschaftswoche zur Welt gekommen, mit einer spastischen Tetraparese leben, mit Lähmungen in allen vier Glied­maßen, die ruckartig zucken, weil die Muskelspannung krank­haft erhöht ist? Mir fällt die achtjährige Lisa ein, die zwischen heftigen Hustenan­fällen quicklebendig und ausgelassen im Juli 2012 um unser Camphaus im Schwarzwald tollte – nichtsahnend, dass die Mukoviszidose, die sie vor unseren Augen immer wieder zähen Schleim abhusten ließ, sie bald umbringen könnte. Mich berühren die Schicksale Dutzender von Kindern, die kerngesunde, putzmuntere Ba­bies waren und sich in den ersten Lebenswochen prächtig entwickelten – bis sie mit einer Mehrfachimpfung zu geistig schwerstbehinderten Epilepti­kern gespritzt wurden. Ich erinnere mich an die fünfjährige Mira, die im Sommer 2008 erstmals an einem „Auswege“-Camp teilnahm, damals als schwere Epileptikerin mit bis zu 20 Anfällen pro Tag: Eben noch hatte sie mit mir im Garten des Camphauses vergnügt Ball gespielt – wenige Minuten später, neben mir beim Mittagessen, zuckte sie plötzlich, sackte in sich zusammen, war eine Dreiviertelstun­de lang apathisch und nicht mehr ansprechbar. Ich denke an Oliver, den seine Mama im Sommer 2011 zum dritten Mal zu uns brachte: Von Geburt an litt der aufgeweckte Junge, inzwischen Zehn, an einer Tetraspastik, die alle Glied­maßen betraf, seine Muskeln ständig unwillkürlich kontrahieren ließ und koordinierte Bewegungsabläufe unmöglich machte. Seinen defekten Kör­per akzeptierte er mit einer unfassbar heiteren Selbstver­ständ­lichkeit. Stolz führte er mir vor, welche Fortschritte er nach Behandlungen gemacht hatte: dass er einen Fußball treffsicher ins Tor schießen, zum ersten Mal mit der spastisch beeinträchtigten Zunge ein Eis schlotzen, mit zittrigen Fingern ein Dutzend Teile eines Schweizer Taschenmessers herausziehen und wieder zurück­klappen konnte. Die kleine Paula fällt mir ein, ebenso alt wie Mira und der leuchtende Sonnenschein unseres 13. Camps im November 2013, den jeder im Team „unser blondes Engelchen“ nannte. Von Geburt an war das Mäd­chen von einer Cerebralparese betroffen (von lat. cerebrum: „Ge­hirn“, griech. parese: „Läh­mung“): Bewegungsstörungen, die von einer frühkindlichen Hirnschädigung herrühren. (In Paulas Fall lag eine „periventrikuläre Leukomalazie/PVL“ vor: eine durch erheblichen Sauerstoffmangel verursachte Schädigung der weißen Hirn­substanz.) Mit der dadurch hervorgerufenen Behinderung ge­hen Störungen des Nerven­systems und der Muskulatur im Bereich der willkürlichen Motorik einher. Bei Paula lag eine beinbetonte Spastik vor. Geistig hellwach, waren ihr diese massiven körperlichen Ein­schränkung vollauf be­wusst. Trotzdem lächelte sie umwerfend offen, zutraulich, glücklich mit jedem von uns um die Wette, plapperte, trieb Schabernack. Wie tapfer, geradezu selbstverständlich sie mit ihrem schweren Handicap um­ging, war Vorbild für so manche erwachsenen Teilneh­mer, die über unentwegtes Hadern mit schwerem, unverdientem Los ihre Lebensfreude verloren haben. Mit ihrer ansteckenden Fröh­lichkeit, ihrer Lebendigkeit, ihrer Herzlichkeit wurde die Kleine gewissermaßen Teil unseres Therapeutenteams. Nie vergessen werde ich jenen „Mor­genkreis“, in dem sie strahlend auf mich zutorkelte – bis einen Meter entfernt von mir plötzlich ihre wackligen Beinchen nachgaben; sie fiel vornüber, schlug mit dem Ge­sicht auf den harten Boden, eine Lippe platzte auf, mit blutüberströmtem Gesicht lag sie schreiend vor mir. Ebenso un­vergesslich bleibt mir eine Szene aus einem Gesprächs­kreis ein halbes Jahr später, im Mai 2014: Der Sitzreihe der Anwesenden entlang tastete sich der siebenjährige Peter – auf beiden Augen blind, aufgrund einer ausgeprägten Op­ti­cushypoplasie („DeMorsier-Syndrom“), einer Fehlent­wicklung des Sehnervs - langsam zu mir vor, kletterte auf meinen Schoß, schlang seine Arme um mich, schmiegte sich an mich und verharrte minutenlang still in dieser Position. Jedes dieser Kinder, darüber war ich mir immer im klaren, hätte meines sein können. Und jedes hätte mich als Vater womöglich an der Frage verzweifeln lassen: Wozu müssen sie derart leiden? Ähnlich war mir angesichts vieler erwachsener Teilnehmer zumute. Ich denke an Kristin, die im Oktober 2014 zum zweiten Mal zu uns kam, begleitet von ihren Eltern; erst Dreißig geworden, hat eine rasch fortschreitende Multiple Sklerose sie längst an den Rollstuhl gefesselt – in einem Alter, in dem andere junge Frauen gerade im Berufsleben Fuß gefasst haben, ihren ersten eigenen Haushalt führen, dem Mann fürs Leben begegnen, die Kin­derplanung angehen, eine Fa­milie gründen. Wie können wir nicht nur sie, sondern auch ihre Mutter aufrichten, die an schweren Depressionen, Angst­­zu­ständen und Schlaf­stö­run­gen, ständiger Müdig­keit und Antriebslosigkeit leidet, weil sie dem körperlichen Verfall ihres geliebten Kinds hilflos zusehen muss? Ich erinnere mich an Joachim*, einen knapp 50jährigen Versiche­rungs­kauf­mann, dem 2011 eine Motoneu­ronenerkrankung diagnostiziert worden war: ein un­erbitt­lich fortschreitender Ab­bau von Nervenzellen, der zu immer stärkeren Muskel­läh­mungen führt – Anfang 2012 erlag er ihr, als sie auf sein Herz übergriff. Was können wir seiner Witwe Hilfreiches mitgeben, die be­reits in sieben „Auswege“-Camps Trost suchte, seit Joa­chim in ihren Armen starb, und bei uns zwar zeitweilige Ablen­kung, bisher aber keine Erlö­sung aus ihrem tiefen Tal der Tränen fand? Von beteiligten Ärzten hörte keiner von ihnen Hilfreiches – aus Prinzip, jedenfalls seit anderthalb Jahrhunderten. Von den vorchristlichen Priester­ärzten bis zur mittelalterlichen Klostermedizin: Jahrtausende­lang waren Heilkunde und Seelsorge eins gewesen. Doch als sich die westliche Medizin ab dem 19. Jahrhundert naturwissenschaftlichen Leitbildern unterwarf, zerbrach diese Ver­bindung, und Humanismus wurde obsolet: Ihr „aufgeklärtes“ Menschenbild, in dem nur objektiv Messbares Platz finden sollte, zeichnete Patienten als biochemisch-physikalische Me­cha­nis­men; deren Psyche wur­de auf Hirnvorgänge reduziert oder in die Zuständigkeit von Psychologen und Seelsor­gern ausgelagert. In ihren Sprech­stun­den empfangen neu­zeit­liche Ärzte seither vorzugsweise zweibeinige Bioma­schi­nen, die sich damit zufriedengeben, defekte Körperfunk­tio­nen reparieren zu lassen, statt impertinenterweise seelische Regungen oder gar spirituelle Be­dürfnisse zu bekunden. Sinn­fragen erhielten das Prädikat „unwissenschaftlich“. Ist die Sinnfrage sinnlos? Schlimmer noch: Sie gerieten in den Ruf, sinnlos zu sein. Und sind sie das etwa nicht? Wozu etwas geschieht, lässt sich nur innerhalb von Kontexten beantworten, in denen Akteure zweck­orientiert Absichten verfolgen. Wozu ich meinen Turm auf das Feld a8 stelle, ergibt sich aus den Regeln des Schachs. Wozu ich einen Ball ins Tor kicke, erklärt sich daraus, dass ich Fußball spiele. Wo Sinn ist, muss Geist am Werk sein. Weht eine Sturmböe den Ball ins Tor, grübeln wir nicht dar­über, wozu sie das macht – oder jemand durch sie. Wieso nicht? Weil wir es absurd fänden, Wetterphänomenen Intentio­nen zu unterstellen. Der Ein­druck des Absurden entsteht, sobald Kausalzu­sam­menhänge geklärt sind: Wer Ursachen kennt, hört auf, nach Gründen zu fragen. Ihn be­schäftigt nicht mehr, wozu es schneit, wozu Wasser abwärts fließt, wozu der Mond um die Erde kreist, wozu sich Eisenfeil­späne zu einem Magneten hinbewegen; denn er weiß, warum. Liegt nicht eben darin das Verdienst neuzeitlicher Wis­senschaft: Warum-Fragen zu beantworten, wobei Glaube durch Wissen ersetzt wird – und dadurch Wozu-Fragen zu erübrigen? Je stärker eine solche Be­trachtungsweise den Zeitgeist prägt, desto schwerer fällt es, sich überhaupt noch öffentlich zur persönlichen Sinnsuche zu bekennen – als ob man sich dabei mit einer Peinlichkeit wie Fußpilz, Hämorrhoiden oder Tripper outen würde, derer man sich schämen muss. Wenn Demoskopen Menschen auf ihren Lebenssinn ansprechen, stellen sie zunehmend fest, dass viele nur ironisch-distanziert und witzelnd darauf eingehen. Einzeln interviewt, reagieren sie hingegen überaus emotional und verheddern sich in gewundenen Erklärungen. Neuerdings fällt es anscheinend leichter, über intimste Details des eigenen Se­xuallebens zu sprechen als über den Sinn des eigenen Lebens. Dazu konnte es kommen, weil Sinnsuche mittlerweile überholt, primitiv und infantil an­mutet. Jahrtausendelang wa­ren die Weltbilder der Mensch­heit teleologisch geprägt: Im­mer und überall schienen Zwecke am Werk. Wozu gibt es Sterne? Gott hat sie am Him­melszelt befestigt, um die Nacht zu erleuchten. Wozu blitzt es? Zeus schleudert Don­nerkeile, um zu warnen und, falls sie einschlagen, olym­pische Strafurteile zu vollstrecken. Wozu treten Flut­wellen auf? Der erzürnte Mee­resgott rächt sich. Wieso bebt die Erde? Mutter Gaia ist wü­tend, der Monsterwels Namazu bewegt sich. Sobald wissenschaftliche Erklärungen vorliegen, scheint Religion auf dem Rückzug. Bis heute halten sich unter Ethnien in entlegenen Gegenden Afri­kas, Asiens und Südamerikas Glaubenssyste­me, in denen Sinnzusam­menhänge allgegenwärtig sind – doch darin vermuten wir eher Bildungslücken als höhere Ein­sichten. Jeder von uns hat im Laufe seiner geistigen Reifung eine teleologische Phase durchlaufen; „Artifizia­lis­mus“ nannte sie der französische Ent­wicklungspsychologe Jean Pia­get. Bei Kleinkindern bis zum sechsten, siebten Le­bensjahr beobachtete er, dass sie sich die Welt als Kreation vorstellen: Alles und jegliches ist künstlich geschaffen worden, sei es von Menschenhand – wobei die eigenen Eltern als (all)mächtige Mitgestalter emp­fun­­den werden – oder von Gott. Diesen Entwicklungsab­schnitt lassen sie allerdings hinter sich, sobald sie zur Schule gehen. Doch werden solche Argumen­te den Anliegen sinnsuchender Patienten wirklich gerecht? Was sie wollen und brauchen, ist im allgemeinen kein philosophisch-religiös letztbegründeter „höherer“ Sinn; ihnen geht es um Halt und Orientie­rung, um übergeordnete Ziele in ihrer ganz individuellen, einmaligen Situation – um einen „partikularen“ Sinn, wie ihn der Vater der Lo­go­therapie, Viktor Frankl nannte. Was ihnen weiterhelfen könnte, sind tröstende, auf­mun­ternde Worte, die ihnen klarmachen, dass ihr Leiden ne­ben Belastungen auch Chan­cen birgt, und Anregun­gen, die ihnen helfen, sich persönliche Ziele zu setzen, an denen sie ihr Leben neu ausrichten können. Ein solcher Ansatz gibt keinen Sinn vor; er setzt an bei dem, was die Betroffenen selber für wichtig und erstrebenswert erachten – sei es eine glückliche Part­nerschaft, Reichtum, ein schönes Zuhause, Erfolg im Beruf, Selbstentfaltung, Kinder ha­ben, oder bestimmten Inter­essen und Hobbies nachgehen -, um ihnen aufzuzeigen, wie sie trotz ihrer gesundheitlichen Einschränkungen ihr Leben auf diese persönlichen Priori­täten ausrichten können, und dafür Mut zu machen. Ob die­se Prioritäten es „letztlich“ wert sind, verfolgt zu werden, bleibt unbewertet – Logothera­peuten sind keine Fundamen­tal­ethiker. Wir Normaldenker sind es gewöhnlich erst recht nicht, und den meisten von uns will nicht einleuchten, worum es jenen überhaupt geht. Tag für Tag tun wir nicht nur eine Men­ge – im allgemeinen wissen wir auch stets, wozu. Wir kaufen ein, weil der Kühl­schrank leer ist. Wir machen Urlaub, um uns zu erholen. Wir gehen zum Friseur, um uns einen neuen Haarschnitt ver­passen zu lassen. Wir fa­sten, um abzunehmen. Wir ar­beiten, um ein Einkommen zu erzielen, mit dem wir uns und unsere Nächsten ernähren kön­nen. Wir treiben Sport, um fit zu bleiben. Wir gehen zu Bett, weil wir müde sind. Wir treffen Freunde oder hören Mu­sik, weil wir Lust dazu haben. Wir lesen ein Buch, weil uns sein Thema oder der Autor interessiert. Wir gehen eine Beziehung ein, um glücklich zu sein. Wir zeugen Kinder, um in ihnen weiterzuleben. Wo ist also das Problem? Es besteht darin, dass wir innerhalb unseres individuellen Le­bens zwar reichlich Begrün­dungen und Rechtfertigungen für unser Handeln finden – aber keine davon er­schließt uns dessen Sinn als Ganzes. Für ge­wöhnlich bewegen wir uns klag­los in unserem persönli­chen Käfig, in den uns die be­son­deren Koordinaten von Raum und Zeit, der Spezies, des Kulturkrei­ses, des Landes, der Or­ganisationen, Gruppen und Bezie­hun­gen sper­ren, die unser Dasein kennzeichnen. Weder scheren wir uns darum, dass wir da drinnen sind, noch beklagen wir es, noch sinnen wir darüber nach, wie wir ihm entfliehen könnten, noch malen wir uns aus, wie es draußen wohl sein mag, noch sehnen wir uns dorthin – normalerweise. Unter welchen Umständen be­ginnen wir überhaupt, ge­wöhn­­lichen, „partikularen“ Sinn zu hinterfragen? Danach drängt uns, wenn er seine Selbstverständlichkeit verliert. Das geschieht, - wenn uns sein Inhalt abhanden kommt – etwa wenn wir unsere Arbeit verlieren, unser Kind stirbt, eine Ehe zerbricht, unser bester Freund uns tief ent­täuscht; - wenn er aufhört, uns zu erfüllen – etwa wenn die bisherige Arbeit uns nicht länger befriedigt, eine Liebe in Routinen erstickt; - wenn uns eine veränderte Situation daran hindert, ihn weiterzuverfolgen – etwa bei schwerer Krankheit oder Behinderung; - wenn uns der Eindruck beschleicht, keine Kontrolle über unser Leben zu haben, und Opfer eines schicksalhaften, unberechenbaren und zu­fälligen Weltenlaufs zu sein – dann sehnen wir uns nach etwas, das uns ein Grundgefühl von Vertrauen und Sicherheit wiedergibt. (Religionssoziolo­gen sprechen von „Kontingenz­bewältigung“.) - Manchmal überkommt es uns aber auch „einfach so“, wenn uns danach ist – zu solchen An­wandlungen neigen melancholische, introvertierte, sensible, nachdenkliche Charaktere, Pu­ber­tierende und Senioren stärker als andere. Dann beginnen wir, unser bisheriges Tun, unser gesamtes Leben von außen zu betrachten; wir gehen auf Abstand zu uns selbst, um zu sehen, wie sinnvoll es von dort aus er­scheint. Enttäuscht uns, was uns diese objektive Perspektive vermittelt, können wir in Ori­en­tierungslosigkeit, Melan­cho­lie und Depression verfallen. Schlimmstenfalls den­ken wir an Selbstmord. In solchen Lebensphasen leuchtet uns ein, warum vielen Philosophen ein „partikularer“ Daseinszweck besorgniserregend defizitär vorkommt – weshalb sie es für ein schwerwiegendes Manko halten, wenn man sich „bloß“ an einem solchen orientiert. Denn egal welchem persönlichen Lebenssinn je­mand folgt: Er wirkt konstruiert, erfunden, irgendwie willkürlich, bodenlos. Und jeder lässt sich erbarmungslos hinterfragen. Wozu am Arbeitsplatz als unersetzlich gelten? Unsere Friedhöfe sind voll von lauter unentbehrlichen Leuten. Wozu irgendetwas besitzen wollen? Nichts davon werden wir am Ende mit­nehmen können. Wozu Kinder in die Welt setzen? In spätestens hundert Jahren werden sie tot sein, sofern sie nicht schon vorher einer schlimmen Krankheit, einem schweren Unfall zum Opfer fallen. Wozu Patienten helfen und heilen, wozu gesund werden? Ob man seine Krankheit loswird oder nicht: Irgendwann erliegt man unausweichlich einer anderen oder segnet aus sonstigen Gründen das Zeitliche. Wozu der Nachwelt im Gedächtnis bleiben wollen? Auch diese wird vergehen, und mit ihr jegliche Erinnerung an uns. Wozu sich für Dinge einsetzen, die der Menschheit nützen – für Um­weltschutz und Frieden, gegen Hunger, Folter, Unter­drückung, Krieg? Vernichtet wird sie ohnehin früher oder später. In fünf Milliarden Jah­ren wird sich unsere Sonne zu einem Roten Riesen aufblähen, auf der Erde Berge wie Butter schmelzen lassen und eine öde, mondähnliche Wüstenland­schaft zurücklassen. Selbst wenn die Mensch­heit bis dahin zu anderen Sonnen­systemen umsiedeln könnte, würde es ihr letztlich nichts nützen: Das Universum wird dereinst im Nichts verschwinden. Dem­nach ist nichts groß genug, um nicht winzig zu erscheinen. Der Abstand ent­scheidet. Die Qual des fortgesetzten Hinterfragens, das nicht enden will, weckt die Sehnsucht nach einem „letzten“, „höchsten“, „ab­soluten“, zeitlos und für jedermann gültigen Sinn, mit dem sich die Leere des Nihi­lismus ab­wen­den lässt. An eben dieser Denk­auf­gabe versuchen sich Phi­losophen seit Jahrtausen­den, ohne eines un­strittig „Letz­ten“, außerhalb der menschlichen Existenz zeitlos Vorgegebenem jemals habhaft geworden zu sein. Wie bei Aladin, als er die Wunder­lampe entpfropfte, so wird ein Geist freigesetzt, der nie mehr zu zähmen ist, sobald wir ins Philosophieren geraten und darangehen, die Antwor­ten, die wir innerhalb unseres Lebens auf Sinnfragen finden, mit „höheren“ Zwecken letztbegründen wollen. Wir unterwerfen uns dabei Erkenntnis­ansprüchen, die nicht befriedigt werden können – nicht aus einem Mangel an Wissen, sondern aus logischer Notwen­digkeit. Denn unser Leben als Ganzes könnte etwas „Höhe­res“ nur dann sinnvoll ma­chen, wenn dieses einen Sinn hätte – und eben das lässt sich ebenfalls stets in Zweifel ziehen. Wozu ist das „Höhere“ da? Entweder gibt es eine Ant­wort darauf – dann stellt sich die Frage erneut. Oder es gibt sie nicht – dann sind wir bei unserer Sinnsuche am Ende bei etwas angelangt, das keinen Sinn mehr hat. Wenn wir bereit sind, dieses Manko bei jenem „Höheren“ zu akzeptieren – wa­rum sollten wir an die gewöhnlichen, „partikularen“ Zwecke unseres Lebens strengere Maßstäbe anlegen? Transzendente Sinngebung hat einer säkularen insofern nichts voraus, sie führt nicht entscheidend weiter. Wenn Theo­lo­gen mir versichern, zumindest mit Gott als letztbegründender In­stanz, als endgültigem Erklä­rungsgrund verhalte es sich ganz anders, so bin ich wenig zuversichtlich, ob ich je verstehen werde, was sie damit eigentlich meinen – und ob sie selbst es wirklich verstanden haben. Erhält mein Leben seinen „letzten“ Zweck, indem es Gott wohlgefällig ist und seinen Plan erfüllt, in einer Weise, die keinen weiteren, übergeordneten Zweck mehr erfordert oder erlaubt? Kann es etwas geben, das einerseits allem anderen dadurch Sinn gibt, dass es dieses umfasst, seinerseits aber einen Zweck weder haben kann noch muss? Etwas, dessen Zweck nicht von außen erfragt werden kann, weil es hier kein Außen mehr gibt? Ein Innen ohne Außen macht nicht mehr Sinn als ein Unten ohne Oben, ein Links ohne ein Rechts, ein Vorne ohne ein Hin­ten, ein Unten ohne ein Oben. Sollten wir von grundlegenden, tiefsten Einsichten nicht erwarten dürfen, dass sie sich auf eine Weise darstellen lassen, die grundlegende Sprachlogik nicht zutiefst verletzt? Ein Le­benssinn, den ich nicht begreifen kann, bereitet mir schwachen Trost: Er ersetzt das Unbe­ha­gen an einer hinterfragbaren Antwort durch das Un­behagen an einer, bei der jedes Hinter­fragen daran scheitert, dass fraglich ist, ob es sich überhaupt um eine sinnvolle Aus­sage handelt. Wenn Gottes­glaube die Überzeugung einschließt, mein Dasein sei verstehbar, bloß nicht für mich, dann tausche ich offenbar ein Vakuum gegen ein anderes. Macht das denn Sinn? Ein „letzter“, „höchster“, „ab­soluter“ Sinn ist daher nicht zu haben. Ein weiterer Grund da­für wurde oben schon erwähnt: Außerhalb von Kontexten, de­ren Beteiligte vorab festgelegten Zwecken und Normen folgen, macht Sinnsuche so viel Sinn wie die Frage, ob es jenseits des Fußballs, unabhängig von seinem Regelwerk, ein Erkenntnisziel gibt, aus dem letztinstanzlich folgt, wozu Eck­bälle, Freistöße und Elf­meter „eigentlich“ ausgeführt werden. Die philosophische Sinnfrage lässt sich nicht lösen, nur auflösen – mit einem Dasein, das so be­friedigt und erfüllt, dass man es leid ist, sie weiterzuverfolgen. Dann verflüchtigt sie sich, wie eine schlechte Laune. Falls mir alles, was ich in meinem Leben wichtig, wertvoll und erstrebenswert finde, aus einer höheren Warte unscheinbar und nichtig vorkommt – was will ich überhaupt da oben? Nichts und niemand zwingt mich dazu. Wenn mein Dasein von dort aus unbedeutend er­scheint – muss das für mich be­deutend sein? Wer Ja zum Leben sagt, darf sich die Frei­heit herausnehmen, intellektuelle Aufforderungen zum Tiefstschürfen zu ignorieren, die Lebensqualität ohne Not und Ausweg beeinträchtigen. Folgt daraus, dass wir uns ab­gewöhnen sollten, die Außen­perspektive einzunehmen? Mü­s­­sen wir sie einfach ab­schaffen? Das können wir nicht. Denn die Möglichkeit, uns selbst, unser ganzes Leben wie von oben zu betrachten, ergibt sich daraus, dass wir selbstbewusste Wesen sind. Die Einsicht in die Absurdität unseres Daseins aus höherer Warte ist der Preis, den wir für die Fähigkeit zur Selbstdistan­zie­rung zahlen müssen. Auch wenn wir die Sinnfrage nicht unentwegt, sondern im allgemeinen nur unter be­sonderen Umständen stellen, werden wir sie nicht los, sie umlauert uns unentwegt. Und insofern versagt die Aladin-Analogie: Der Geist, den wir weder bändigen noch bannen können, ist keiner, den wir je hätten einsperren und in dauerhafter Gefan­gen­schaft halten können. Er führt ein aufsässiges Eigenleben, er um­schwebt uns unablässig, er gehört zu uns wie ein zweites Selbst, und jederzeit kann unser waches Ich beschließen, zu ihm überzuwechseln. Sich von dieser Möglichkeit nicht irritieren zu lassen, zählt zu den wichtigsten Vorausset­zungen für ein Leben, das als erfüllt empfunden wird. Vor diesem Hintergrund wird klar, warum die Säkularisierungsthese notwendig scheitert: Auch wenn in modernen Gesellschaften die Be­deutung traditioneller Kirchen und Reli­gionen schwindet, endet damit nicht das Bedürfnis nach Spiritua­lität. Es ergibt sich zwangsläufig aus der Fähigkeit zur Re-Flexion, die zu­gleich sicherstellt, dass es ungestillt bleiben muss – es sei denn, wir brechen an irgendeinem Punkt das Weiterreflektieren ab, weil uns be­friedigt, was wir bis dahin gefunden haben. Sinnsuchende Patienten in der Medizin Was einen Großteil der Ärzteschaft daran hindert, das Bedürfnis nach Sinn ernstzunehmen und darauf einzugehen, ist im übrigen weniger philosophischer Tiefgang als schlicht ein Mangel an Zeit, kommunikativer Kompetenz und Empathie. Ausbil­dung und Praxisalltag begünstigen einen Typus von Arzt, dem einerlei ist, ob er Hilfesuchenden unsensibel, kaltherzig und emotional verkrüppelt vorkommt – er versteht sich als Experte für das, was nach Subtrak­tion alles Psychischen vom ganzen Menschen übrigbleibt, und be­schränkt sich darauf. Immer stärkerer Gegenwind kommt längst nicht mehr bloß aus „alternativen“ Ecken, sondern sogar aus den eigenen Reihen: vornehmlich aus der Psychosomatik, die sich in den dreißiger Jahren als eigenständiges Fachgebiet etablierte, sowie aus der Medizinethik. Eine „zunehmende Entfremdung zwischen Medizin und krankem Menschen“ beklagt Gio­van­ni Maio, Professor für Medizin­ethik an der Universität Freiburg im Breisgau. „Denn während der Kran­ke selbst dazu neigt, die Krankheit zu deuten, ihr einen Sinn zuzuschreiben, sie einzubauen in einen größeren Sinnhorizont, tritt die moderne Medizin mit ihren verabsolutierten naturwissenschaftlichen Erklärun­gen auf und vermittelt dem Pati­en­ten, dass seine Bedeutungszuschrei­bun­gen irrational seien, weil diese oder jene Krankheit Resultat eines Ursache-Wirkungs-Mechanismus sei. (…) Der Arzt reagiert nicht mit Antworten, sondern mit Verordnun­gen, mit Schemata, mit evidenzbasierter Medizin – und lässt den Pati­enten letztlich mit seiner Not alleine. (…) Genau das empfindet der mo­der­ne Mensch als Ausgeliefertsein, als Entmachtung, als Alleinsein in der modernen Medizin. (…) Wenn diese „nicht sprach- und hilflos sein möchte, wird sie sich unweigerlich der Sinnfrage stellen müssen.“ (2) Eben darum bemühen sich etliche Ärzte, die dem Therapeuten-Netzwerk der Stiftung Auswege angehören: Sie verbinden symptombezogene Be­handlung mit ganzheitlicher Wegbe­gleitung, was nicht nur den Pati­enten zugutekommt, sondern letztlich auch ihre eigene Berufszu­friedenheit deutlich erhöht. Dr. Dorothea Fuckert etwa, Fachärztin für Psychotherapie und spirituelle Heilerin, liegt vor allem an einer „kontinuierlichen Balancierung und Harmonisierung in Körper, Geist und Seele“ – sie „sind der Maßstab für die langfristige Heilwirkung einer Methode“, weshalb sie ineins „grundlegende körperliche Gesun­dung, befreiende emotionale Hei­lung und erhellende spirituelle Er­fahrungen“ vermitteln will, auf der „Basis des Bewusstseins einer höheren intelligenten Ordnung, einer sinnvollen Einheit allen Seins, einer alles verbindenden göttlichen Quelle von Schöpferkraft, Weisheit und Liebe.“ Der Radiologe und Ganz­heits­mediziner Dr. Horst Schöll, ärztlicher Leiter zahlreicher „Auswege“-Camps seit 2010, will Patienten näherbringen, was er aus einem eigenen existentiellen Drama lernte: „dass alles, was mir begegnet, nicht Glück, Pech oder Zufall ist, sondern dass dahinter eine große Weisheit, eine tiefe Information, eine wichtige Aufforde­rung steckt, die es zu entdecken gilt. Da dies auch für jedes andere Leben gilt, machte ich es zu meiner Lebens­aufgabe, Hilfesuchende dabei zu unterstützen, diese verlorenen Bot­schaf­ten sehen zu lernen, zu ent­schlüs­seln und zur Bewältigung von Krankheiten, Lebenskrisen oder so­genannten Schicksalsschlägen zu nutzen. Ohne dieses tiefe Verstehen der Zusammen­hän­ge von seelisch-energetischer Ursache und dem aktuellen emotionalen Leid werden sich die Probleme nicht auflösen lassen.“ Derart vorzugehen, ist mitnichten eine schöngeistige, therapeutisch unerhebliche Luxus­veranstaltung, die Ärzte getrost abwälzen können. Denn ein Grundgefühl von Verbit­terung, Verzweiflung, Hoffnungs- und Sinnlosigkeit, ein unentwegtes Hadern und Grübeln lähmen die Fähigkeit und Bereitschaft, ein Leiden positiv zu bewältigen (3), was wiederum fatal rückwirkt nicht nur auf das subjektive Krankheitserle­ben, sondern auch – mit Appa­ra­te­medi­zin mühelos verifizierbar – auf die Symptomatik selbst. Nie­mand, der die immer zahlreicheren Forschungser­geb­­nisse über enge Zusammen­hänge zwischen Psyche, Ge­hirn, Ner­ven-, Hormon- und Immunsy­stem zur Kenntnis nimmt, kann weiterhin ernstlich in Abrede stellen, dass tiefempfundene Sinnleere drastische, medizinisch hochrelevante körperliche Auswirkungen haben kann. „Spirituelle Wende“ in der Psychotherapie Und was haben Patienten in existentiellen Krisen von der Psychotherapie zu erwarten? Solange sie von Freuds Psy­choanalyse dominiert wurde, standen die Chancen für Sinn­frager miserabel, ernstgenommen zu werden. „Im Moment, da man nach Sinn und Wert des Lebens fragt“, so hatte Sig­mund Freud befunden, „ist man krank, denn beides gibt es ja in objektiver Weise nicht; man hat nur eingestanden, dass man einen Vorrat an unbefriedigter Libido hat.“ (4) Noch radikaler wischte die Verhaltens­the­rapie sie beiseite: Ihr Be­gründer John B. Watson (1878–1958) bevorzugte entgegen tiefenpsychologischer Verfahren ein „Black-Box-Modell“, demzufolge innere Vorgänge für Außenstehende undurchschaubar bleiben und daher nicht ana­lysiert werden sollten; phi­losophische Behavioristen gingen so weit, die Box für leer zu erklären: Beschreibungen in­ner­psychischer Vorgänge, so leiteten sie aus Sprachanalysen ab, meinen nichts weiter als Dispositionen zu bestimmten Verhaltensweisen. (5) Eine zunehmend einflussreichere Gegenbewegung entstand in den sechziger Jahren mit der Humanistischen Psy­chologie, angeregt von Abra­ham Maslow, in dessen „Hie­rarchie menschlicher Grund­bedürfnisse“ Glück, Erfüllung und Persönlichkeitsentfaltung ganz oben stehen. (6) Auch die Gestalttherapie des Ehepaars Perls, Ken Wilbers Transperso­nale Psychologie und buddhistische Achtsamkeitstherapien trugen zur Neuorientierung bei. Ganz in den Mittelpunkt rückten Sinnfragen bei Viktor Frankls Logotherapie. All dies hat in der Psychotherapie seit Ende der sechziger Jahre zu einer regelrechten „spirituelle Wende“ geführt. (7) Inzwischen erklären zwei von drei deutschen Psychotherapeuten, Spi­ri­tualität und Religiosität habe für sie eine „mittlere“ (27 %), „ziemliche“ (22 %) oder „sehr hohe“ Bedeutsamkeit (16 %). Und über die Hälfte bestätigt, dies wirke sich auf ihre therapeutische Arbeit aus. (8) An solche Ansätze knüpfen wir in den „Auswege“-Camps an. Medizinische Ursachen schwerer Erkrankungen lassen wir dabei nie außer acht – darüber hinaus tragen wir aber dem Bedürfnis von Betroffenen Rechnung, Gründe zu kennen. Denn einer wie der andere fragt uns: Wozu? Warum ich? Wa­rum dieser wunderbare Mensch, den ich über alles lie­be? Weshalb gerade diese Er­krankung? Wieso ausgerechnet jetzt? Haben wir tatsächlich befriedigende Antworten darauf? Wel­che denn? Sinnfindung in „Auswege“-Camps Fänden unsere Therapiecamps hundert Jahre früher statt, so verbände Hilfesuchende wie Helfer noch jener Deutungs­kon­sens, den das Christentum bis weit ins 20. Jahrhundert hinein im Abendland sicherstellte. Krankheit und Leid galten teils als Gottes Strafe für sündiges Handeln; teils als „Prüfung“ auf Glaubensfestig­keit unter erschwerten Um­ständen, wie sie der ans Kreuz genagelte Jesus vorbildlich be­standen hatte; teils als „dunkle Nacht der Seele“, ein läuterndes Durchgangsstadium zur Begegnung mit Gott, wie in der christlichen Mystik. Camp­teil­nehmer, deren Denken derart religiös durchdrungen ist, martert keine Sinnfrage – sie wäre schon beantwortet, und wo Zweifel aufkeimten, wäre ein Geistlicher im Team der alleinzuständige, allseits ge­ach­tete Ansprechpartner. Doch diese Zeiten sind vorbei. Die wenigsten Patienten, die in unsere Camps kommen, haben sich das andächtige, inbrünstige Christsein ihrer Kindertage bewahrt. Durch ihr Leiden sind manche darin mittlerweile eher erschüttert als bestärkt worden; „Ich verachte und hasse Gott für das, was er mir angetan hat“, bekennt die 49jährige Pa­mela*, der ihr über alles geliebter Joachim „genommen“ wur­de. In den Äußerungen der mei­sten Teilnehmer spiegelt sich der rapide Auto­ritätsver­fall der Amts­kirchen, der die westliche Welt inzwischen in einen neuheidnischen Kultur­raum mit christlichen Restbe­ständen verwandelt hat. Es über­wiegen drei Gruppen: Die einen glauben, mehr oder minder unsicher, noch einiges Weni­­ge von dem, was ihnen ein christliches Elternhaus, der Ge­meindepfarrer, der Religions­leh­rer mitzugeben versucht hat­ten; andere erweisen sich als be­kennende Atheisten; wieder andere hängen einem individuell zusammengestellten Welt­­­anschauungsmix an, in dem christliche Glaubenssätze, fernöstliche und esoterische Weis­heitslehren eigenwillige Ver­bindungen eingehen. Was haben wir diesen Men­schen anzubieten? Worin finden sie Trost und neue Hoff­nung – endlich wieder Sinn? Verfügen wir über ein seelsorgerisches Patentrezept? In un­se­ren Camps treffen Hilfesu­chende auf 15 bis 25 Helfer, die von einem gemeinsamen weltanschaulichen Nenner nicht min­der weit entfernt sind wie sie (ohne dass dieses Manko dem Teamgeist abträglich wä­re). Wann immer es um Sinn­fragen geht – bei Heilsit­zun­gen, in Lebensberatungen, bei Vor­trägen, Seminaren und Dis­kus­sionsrunden -, treten allerdings Teammitglieder in den Vor­dergrund, die Hilfe­suchenden aus eigener tiefer Überzeugung erbauliche, tröstende Weltan­schauungen an­zubieten haben. Ausgebilde­te Psychotherapeu­ten sind selten darunter; es überwiegen le­bens­erfahrene, weise Laien­psy­chologen – mit einem Durch­schnittsalter deutlich über Sechzig -, von denen sich die allermeisten Camp­teilneh­mer aufmerksamer, liebevoller, einfühlsamer angenommen und begleitet fühlen als von Profis, denen sie sich zuvor jahrelang anvertraut hatten. Man­che deuten den Schmerz als „Signal“, das Sym­ptom als Äußerungsform einer „Organ­spra­che“, die Krankheit als „Lehr­meister“ (Nietzsche), als „Botschaft“ und „Lektion“, entsandt von einem „Höheren Selbst“, das besser weiß, wozu dieses Leid gut ist: als schick­salhafte Chan­ce zu Selbstbesin­nung und innerem Wachstum; sie erläutern „geistige Ge­setzmäßig­keiten“, die den Wel­ten­lauf und jedes Einzel­schicksal ihres Erachtens nicht minder bestimmen wie physikalische – und dafür sorgen, dass nichts um­sonst und rein zufällig ge­schieht. Eher selten bringen sie den himmlischen Herrgott ins Spiel, dafür aber mitunter Geistführer, Engel und andere jenseitige Wesen­heiten. Soweit sie Wiederge­burtslehren an­hängen, führen sie aktuelles Elend auf „karmische“ Zusam­menhänge zurück, die bis in „frühere Leben“ zurückreichen können; sie lassen spiritualistische Bekennt­nisse einfließen, die auf gesicherten quantenmechanischen und pa­ra­psycholo­gischen Er­kenntnis­sen beruhen, wie sie ver­sichern. Sie (wieder)erwe­cken in Teilneh­mern ein Grund­­gefühl der Dankbarkeit für das Leben als „Geschenk“. Sie helfen bei der Selbst­erkenntnis. Sie ermutigen, alten Ballast abzuwerfen und neue Wege zu beschreiten. Aus wissenschaftstheoretischer Sicht werden da „Leer­formeln“ angeboten, in der Tat. Denn unter keinen Umständen können sie an der Erfahrung scheitern, und eben diese grund­­­sätzliche Nichtfalsifi­zier­­barkeit zählt zu den Haupt­merk­malen von Aussa­gen ohne empirischen Gehalt. (9) Mit „geistigen Prinzipien“, „Gottes Wille“, „Karma“ und dergleichen lassen sich alle und jegliche Ereignisse, Vor­gänge, Zustände begründen - ebenso wie ihr Gegenteil. Weil jeder Irrtumsnachweis ausgeschlossen ist, bleiben sie im­mu­­nisiert gegen jegliche Kri­tik. Unter diesem Manko leiden freilich weder wir selbst noch jene, die sich uns anvertrauen. Unsere Camps sind weder naturwissenschaftliche Forschungsein­richtungen noch erkenntnisphilosophische Symposien, sondern karitative Veran­stal­tungen, deren Wert sich daran bemisst, ob sie erreichen, wozu sie stattfinden: zu helfen, wie auch immer. Und das gelingt ihnen. Dass wir bewusst darauf verzichten, die vielfältigen Deu­tungsmuster der verschiedenen Camptherapeuten vorweg aufeinander abzustimmen und ein kohärentes Ganzes daraus zu machen, ist kein Nachteil, sondern für Ratsuchende eher hilfreich. So lassen wir ih­nen die Freiheit der Entschei­dung, welchen Ansatz sie sich zu eigen machen wollen; ihre Wahl wird beeinflusst von mitgebrachten Überzeugungen und Einstel­lun­gen, aber auch von Sympa­thie, Wertschätzung und Ver­trauen, die sie einzelnen Team­mitgliedern entgegenbringen. Und falls sie nichts davon eher überzeugt als das, was sie an Sinn bereits für sich gefunden haben: Auch das ist für uns völlig okay. Aber stiftet diese Deu­tungs­vielf­alt nicht eher Verwirrung als Klarheit? Erwächst das Sinnvakuum, in dem Frankl das spirituelle Hauptübel unserer Zeit sah, nicht gerade aus einem Überfluss an konkurrierenden Sinnkonzepten, dem der Einzelne ratlos und ver­wirrt gegenübersteht? (10) Spie­gelt sich diese „Neue Un­übersichtlichkeit“ nicht fatal in unseren Campangeboten? Was, bitteschön, wäre denn die Alternative? Ein Indoktrina­tions­lager zu Ehren einer Ein­heitsideologie, die ein paar Patienten verlockend, die übrigen eher abstoßend fänden? Dass unser heterogenes Ange­bot so gut wie alle sinnsuchenden Campteilnehmer zufriedenstellt, legen ihre Tagebü­cher, ihre Angaben in abschließenden Fragebögen einhellig nahe. Über 90 Prozent erklären bei Campende, ihre psychische Verfassung, ihr Allgemeinbe­fin­den habe sich wesentlich verbessert; sie sähen endlich „Licht am Ende des Tunnels“, hätten einen Ausweg gefunden, schöpften neuen Lebens­mut. Ihre abschließenden Stellung­nahmen, die wir nach jedem Camp detailliert auf unseren Internetseiten wiedergeben, las­sen keinen Zweifel da­ran. Sie be­stätigen eine eigenartige Dia­lektik: Krankheiten können einen tiefen Sinnverlust hervorrufen - aber auch entscheidend zur Sinnfindung beitragen. Wie ist solcher Überschwang möglich? Wie kann es sein, dass Schwerkranke mit quälendsten Sinnfragen zu uns kommen – und uns neun Tage später erleichtert, geradezu erlöst verlassen? Wir überreden nicht, und wir können nicht überzeugen – aber anregen und nahelegen. Wir bieten Deutungen an, die Krankheit und Leid in einen Kontext stellen, in dem sie aufhören, rätselhaft zu sein. Mit anderen Worten: Wir erschaffen Mythen, und deren Wert beruht auf ihrem Nutzen, keineswegs auf einlösbaren Wahr­heitsan­sprüchen. Solcher Prag­matis­mus bewahrt davor, mit mis­sionarischem Sen­dungs­eifer aufzutreten. Kein Patient, kein An­gehöriger be­kommt von uns zu hören: „Das musst du glauben, sofern dir unsere zwingenden Argumen­te einleuchten.“ Die Botschaft lautet vielmehr: „Falls du das glauben kannst, wird es dich erleichtern, zu innerer Ru­he finden las­sen und glückli­cher ma­chen.“ Und eben dies ge­schieht offenkundig. Anmerkungen 1 Nach einer Repräsentativ­um­frage des Marktforschungsinstituts GfK Nürnberg unter 1952 Männern und Frauen ab 14 Jahren. 2 G. Maio: „Ökonomisierte Spiri­tualität? Über das Ersticken der Sinnfrage in der modernen Medi­zin“, in: Erwin Möde (Hrsg.): Christ­liche Spiritualität und Psycho­therapie. Regensburg 2013, S. 28-35. 3 Vehement vertritt diese Auf­fas­sung der Arzt Lawrence LeShan: Diagnose Krebs – Wendepunkt und Neu­­beginn, Stuttgart 1993. 4 zit. bei Viktor Frankl: Die Sinn­frage in der Psychotherapie, München 1981, S. 27. 5 Vgl. dazu das Manifest des philosophischen Behaviorismus, Gilbert Ryles The Concept of Mind, Chicago 1949; dt. Der Begriff des Geistes. 6 “A Theory of Human Motiva­ti­on”, Psychological Review 50 (4) 1943, S. 370–396; ders.: Motivation und Persönlichkeit, 12. Aufl. Reinbek 1981. 7 D. Houtman/S. Aupers, “The spiritual turn and the decline of tra­dition: The spread of post-Chri­stian spirituality in 14 western countries, 1981-2000”, Journal of the Scientific Study of Religion 46/2007, S. 305-320. 8 L. Hofmann/H. Walach, “Spiri­tuality and religiosity in psychotherapy – A representative survey among German psychotherapists”, Psychotherapy Research 21 (2) 2011, S. 179-192. Befragt wurden dabei über 900 Psychotherapeuten. 9 Karl R. Popper: Logik der For­schung, 1934, 11. Aufl. 2005; Ernst Topitsch, „Über Leerformeln“, in ders. (Hrsg.): Probleme der Wissen­schafts­theorie, Wien 1960. 10 Heiko Ernst: Psychotrends - Das Ich im 21. Jahrhundert, München/ Zürich 1996, S. 189. (Harald Wiesendanger) Dieser Betrag enthält Auszüge aus dem Buch von Harald Wiesendanger: Auswege – Kranken anders helfen (2015)

  • Papa fehlt – Wenn familiäres Unheil auf Blase und Bauch drückt

    Wie kann ein Zwölfjähriger im Schlaf immer noch ins Bett pinkeln, Nacht für Nacht? So war es bei Christoph (Pseudonym), als er im Au­gust 2010 zum 4. Therapiecamp meiner Stiftung Auswege ins Kleinwalsertal nahe Oberstdorf kam, be­gleitet von seiner 50-jährigen Mutter, einer kaufmännischen Angestellten aus Hessen. „Nachts war er noch nie trocken“, vermerkte sie im Anmeldebogen. Dem Hausarzt hatte die Inkontinenz ebenso Rätsel aufgegeben wie immer wiederkehrende Bauchschmerzen, über die der Junge seit Jahren klagte. Organische Ur­sachen waren nicht auffindbar. Müsste ein Arzt nicht wissen, dass bei „sekundärer“, nicht körperlich bedingter Enuresis traumatische Erfahrungen von Trennung und Verlust zu den Hauptrisiko­faktoren zählen, zumal bei Minderjährigen? Nachdem er festgestellt hat, dass die Hypo­physe das Antidiuretische Hormon Vaso­pres­sin ausreichend produziert, weder eine Verengung der Harnröhre noch eine Funk­ti­onsstörung der Blase vorliegt und auch sonst mit den im Bauchraum liegenden und angrenzenden Organen alles in Ordnung ist: Hätte er nicht in Erwägung ziehen sollen, dass da eine psychische Belastung „drückt“? Wie konnte er versäumen, den Jungen und seine Mama danach zu fragen? Außerdem, und scheinbar ohne Zusam­men­hang mit diesen Symptomen, weigerte sich Christoph beharrlich, zur Schule zu gehen; tat er es, dann immer nur mit größtem Widerwillen. Irgendwann entschied die Mutter, ihren Jungen einem Psychotherapeuten anzuvertrauen. Doch monatelange Sitzungen brach­ten nichts. „Also“, schloss die Mama, „kann es auch nichts Psychisches sein.“ Was könnten wir in einem derart hartnäckigen, mysteriösen Fall ausrichten, innerhalb von bloß acht Behandlungstagen? Im Eingangsgespräch erlebte unser leitender Camparzt den Jungen als aufgeweck­ten, „intelligenten Schüler“, wie er protokollierte; dass Christoph in der Schule nicht klar kam, lag bestimmt nicht daran, dass er zu blöd war. In den ersten Tagen sei der Junge „sehr ruhig, fast schüchtern“ gewesen, und nicht anders erlebten ihn die übrigen Teammitglieder: Mit großen Augen ver­folgte er unsicher, zurückhaltend und verstockt, geradezu ängstlich das Campge­schehen. Bis Dienstag, dem dritten Camp­tag, quengelte er unentwegt, er wolle wieder nach Hause. Doch nach und nach taute er auf, wurde immer offener, fröhlicher, gelassener. Das hartnäckige Bauchweh klang ab, die Enuresis verschwand vollständig. „Chri­stoph hat die ganze Woche kein einziges Mal eingenässt“, wie der Camparzt am En­de schriftlich festhielt. Psychische Verfas­sung und Sozialverhalten hätten sich radikal gewandelt: Nach bloß acht Behand­lungs­tagen sei der Junge „viel selbstsicherer, er wurde immer aufgeschlossener, ging auf die anderen Kinder immer mehr zu“. Seine Therapeuten suchte er sich selber aus. Verwundert bestätigte die Mutter abschließend: „Ausgelassen, wie befreit, spielte er mit anderen Kindern. Gegen Ende besorgte er sich selbstständig Termine bei den Thera­peuten und dem leitenden Arzt. In den in­tensiven Gesprächen mit ihnen war er sehr aufmerksam. Er wirkt entspannter, regelrecht ‚gelöst’.“ Ob er wieder zur Schule gehen wird, bleibt abzuwarten, denn „noch sind Ferien“. Er tat es, wie eine Nachbe­fra­gung ergab. Wie waren diese Durchbrüche möglich? Wenn Christophs Psychotherapeut nichts ausrichten konnte, so vermutlich deshalb, weil er keinen Zugang zu dem Jungen fand. Uns gelang es offenbar. Im Vordergrund von über einem Dutzend Heilsitzungen mit Christoph stand weder sein vollgepinkeltes Bett noch sein Bauch, sondern seine psychischen Belastungen. Dabei kam zum Vor­schein: „Der Junge hängt sehr an seinem 15-jährigen Bruder, den die Eltern wegen Gewalttätigkeiten aus dem Haus gewiesen haben“, notierte der Campmediziner. „Sein leiblicher Vater verließ die Familie kurz nach seiner Geburt, um seine Kinder kümmert er sich nicht. Als ich den Jungen auf seine Trennungsängste und Verluste an­sprach, brach er in Tränen aus.“ Welch hohem Erkrankungsrisiko Eltern, die sich trennen, ihren gemeinsamen Nach­wuchs aussetzen, ist ihnen selten hinlänglich bewusst. Für sie mag die Trennung ein Akt der Selbstbefreiung sein; doch für ihre Kinder bricht eine Welt zusammen – in jedem Alter. Zwischen 1998 und 2008 wurde in Deutschland jede dritte Ehe geschieden – 2,2 Millionen -, wodurch 1,7 Millionen Minderjährige den Zerfall ihrer Familie erlebten. (1) Kein Kind bleibt davon unberührt, viele entwickeln Verhaltensstö­run­gen und maskieren ihre Verunsiche­rung, Verzweiflung und Wut durch körperliche Symptome. Sie werden hyperaggressiv, beginnen wieder am Daumen zu lutschen, können sich kaum konzentrieren, schlafen schlecht, entwickeln Essstörungen, chronische Schmerzen und Allergien. Aber wie soll­te ein Junge seinen Papa vermissen können, wenn er diesen nie bewusst erlebte, sich keinerlei Erinnerungen an ihn bewahren konnte? Zumindest weiß er, dass es Papa gibt und dass er fortgegangen ist. Könn­te es nicht sein, dass er mit seiner Schulverweigerung an beide Elternteile Signale aussendet? „Wenn Papa da wäre, dann würde er sich darum kümmern“. Oder: „Wenn Mama sich Mühe geben würde, käme er zurück.“ Oder: „Mama ist schuld, dass Papa weg ist. Indem ich mich ihr widersetze, bestrafe ich sie dafür.“ Oder: „Papa hat nicht gemacht, was Mama will, und bestimmt hatte er seine Gründe dafür. Warum soll ich ihr dann gehorchen?“ Oder: „In der Schule kriege ich doch nur schlechte Noten. Deshalb könnte Papa nicht stolz auf mich sein. Also gehe ich da gar nicht erst hin.“ Zehn Jahre lang war der verlorene Vater in Christophs Rumpffamilie ein Tabuthema gewesen: Mama wollte nie über ihn reden, Fragen wich sie aus. Die Heilsitzungen brachen mit diesem Tabu. Sie brachten zur Sprache, was den Jungen insgeheim bedrückte, gaben ihm Gelegenheit, seinen Gefühlen freien Lauf zu lassen, boten ihm Erklärungen für das Geschehene an und befreiten ihn von quälenden Vermutungen, warum Papa wegging und nicht mehr heimkommt. Prompt klangen die vermeintlich „therapieresistenten“ Symptome ab. Damit die im Camp erzielten Erfolge nachhaltig bleiben, müsse „das gestörte Familien­leben besser geordnet und Christoph dabei eingebunden“ werden, empfahl unser Camp­arzt abschließend. Könnte sich die Mutter nicht überwinden, Christoph zuliebe Kontakt zum Vater herzustellen, ihm klarzumachen, wie sehr sein Kind ihn vermisst, und darauf hoffen, dass er zehn Jahre nach der Trennung eher bereit ist, Verantwortung zu übernehmen? Mehr als nachdrücklich ans Herz legen konnten wir ihr diese Empfehlungen nicht. Ob sie gefruchtet haben? Wenn nicht: Haben dann die Camptherapeuten versagt – oder das soziale Umfeld? Anmerkung 1 Michael G. Möhnle: „Familien in Gefahr – Kinder in Not“, www.moehnle.net/themen/ familie.htm, 2008, abgerufen am 15.11.2015. (Harald Wiesendanger) Dieser Beitrag erschien zuerst im Buch von Harald Wiesendanger: Auswege – Kranken anders helfen (2015, Nachträge). Siehe auch den Text "Rein somatisch ist gar nichts".

  • „Rein somatisch ist gar nichts“

    An Grenzen stößt die Schulmedizin, solange sie Patienten als Körper ohne Seelen betrachtet und behandelt: als biochemische Maschinen, die es zu reparieren gilt. Die Psychosomatik fristet in ihr das Schattendasein eines randständigen Fachgebiets. Es hätte nicht viel gefehlt, und er hätte mit meiner Stiftung Auswege 2008, im zweiten „Aus­wege“-Camp in einer Burg nahe Bad Honnef, seinen hundertsten Geburtstag feiern können. Bestimmt hätte sich der bekennende Anti-Asketiker wohlgefühlt in unserem Kreis, und das nicht bloß, weil wir ihm jenes „gute Essen in vielfältigen Varia­tionen“ hätten bieten können, das er zeitlebens ohne Reue genoss (1), sondern weil er in unserem Therapeutenteam lauter Brüder und Schwestern im Geiste angetroffen hätte: Thure von Uexküll (1908-2004), der als Begründer der psychosomatischen Medizin gilt, zusammen mit Georg Groddeck, Viktor von Weizsäcker und anderen. Gemeinsam mit uns hätte er beklagt, wozu der Medizinbetrieb sein Geisteskind verkümmern ließ: zu einem randständigen Fachgebiet – und keiner Grundlagendisziplin, als die er sie verstand. Psychosomatik, wie er sie lehrte (von griech. psyche: Atem, Hauch, Seele; soma: Körper, Leib), untersucht die seelischen Hintergründe körperlicher Erkrankungen, um sie in die Behandlung einzubeziehen – und findet sie nicht bloß bei einem kleinen Ausschnitt des Diagnose­spektrums, sondern in jedem Fall. „Rein somatisch ist gar nichts“, sagte Uexküll einmal. „Es gibt nur psychosomatische Krankheiten.“ Das gelte beispielsweise für Asth­ma, Magengeschwüre und Ekzeme, ja sogar für Kno­chen­brüche oder Sehnenrisse, denn auch da sei „das Psychische am Werk“, was sich daran zeige, dass manche Menschen merkwürdig anfällig für Unfälle seien. Psychosomatik versteht die Kränkung hinter der Krankheit - nicht nur den Defekt hinter der Funktionsstörung. Dies deckt sich weitgehend mit den Erfahrungen, die wir in „Auswege“-Camps inzwischen bei Hunderten von kleinen und großen Patienten gemacht haben: In ihrer Vorgeschichte, ihrem Umfeld, ihren Beziehungen, ihrer seelischen Verfassung, ihren Denk- und Verhaltens­mustern entdecken wir fast immer Faktoren, die ihre Erkrankung mitbedingt haben könnten – und die mitberücksichtigt und mitbehandelt werden müssen, um Genesungsprozesse in Gang zu setzen und nachhaltig zu heilen. Psyche und Physis sind eins. Deshalb muss ein guter Arzt immer beides im Blick haben, das Ganze sehen. Mit anderen Worten: Er muss holistisch denken und handeln. Das verpflichtet ihn zum Widerstand gegen den in der Medizin „vorherrschenden Gesund­heitsbegriff“, der „das gute Funktionieren einer Maschi­ne beschreibt – einer sehr komplizierten Maschine, die man aber zerlegen kann in Teilmaschin­chen“, wie von Ueküll beklagte. „Es fehlt der Medizin eine Definition des er­lebenden Körpers. Eine Definition der Seele hat sie auch nicht, wenn beides getrennt formuliert wird. Das Menschenbild der Medi­zin ist technokratisch. Der biotechnisch nicht fassbare Inhalt geht verloren, um den kümmern sich die meisten Mediziner nicht“, und mit dieser Betriebsblindheit verspielen sie Heilungschancen: „Schließlich machen die Krankheiten, die mit dem engen Konzept der Schulmedizin erfasst werden können, nur ungefähr fünf Prozent aus. Nur auf diese trifft das medizinische Modell zu, nur für diese ist es hilfreich.“ Wie Verunsicherung schwindlig macht Wieviel selbst in hartnäckigsten, jahrzehntelang „behandlungsresistenten“ Fällen therapeutisch erreicht werden kann, wenn die unselige Spaltung der Medizin in „eine für Körper ohne Seelen und eine für Seelen ohne Körper“ (Uexküll) überwunden wird, ist in jedem unserer Camps deutlich geworden. Zum Beispiel bei Helga*, 52: Die frühberentete Kauffrau litt seit Mitte der achtziger Jahre an chronischen Schmerzen am ganzen Körper. Um das Jahr 2000 setzte obendrein ein ständiger Schwin­del ein, der sie beim Gehen erheblich beeinträchtigte. Unter den Teilnehmern unseres 14. Camps im nordhessischen Schwarzenborn im Mai 2014 machte kaum jemand deutlichere Fortschritte als Helga: Schmerzen und Dauerschwindel ließen bis Campende nach, zeitweilig schienen sie wie weggeblasen. Im Mittelpunkt unserer Bemühungen standen die „depressiven Verstimmungen“, die Helga auf ihrem Anmeldebogen angegeben hatte. Hinter den manifesten Symptomen waren offenkundig psychische Faktoren am Werk: „Sie war eine verunsicherte, frustrierte Frau“, wie unser Camp­arzt feststellte, „vermutlich mit Schwierigkeiten im Beruf und privat. Die verschiedenen Diagnosen waren gute Ausreden für ihre Welt-Enttäuschung, ihre Hilflosigkeit und wohl auch ihre Wut. Aufklärende Gespräche über den Sinn ihrer Diagnosen und deren Bearbeitungsmöglichkeiten scheinen ihr Denken sehr rasch verändert und zu neuer Zuversicht, ja Lebens­freude geführt zu haben.“ Während der Heilwoche blüh­te sie regelrecht auf, wirkte gelöst und voller Ener­gie. Ausgiebig scherzte sie mit anderen Teilnehmern; beim Abschlussfest unterhielt sie, mit strahlendem Lächeln, die ganze Runde mit humorvollen Gedichten, neckisch rührte sie die Werbetrommel für unsere Stiftung. „Mein Körpergefühl ist besser geworden, ich bin fröhlicher“, notierte sie abschließend. In ihrem Camptagebuch steht 21 mal das Wort „Danke“. Einen Gruppentanz am Abschiedstag empfand sie als „Tanz in mein neues Leben“. Schmerzen am ganzen Körper - aus den Tiefen einer gequälten Seele Seit langem quälten Ludwig*, einen 55jährigen Ingeni­eur, schwere Ängste und Depressionen, begleitet von chronischen Schmerzen, deren Ursprung trotz etlicher ärztlicher Untersuchungen im Dunkeln geblieben war: in Gelenken „seit 5 bis 7 Jahren“, im Rücken „seit ein bis zwei Jahren“; auch die Brust tat ihm weh, ständig spürte er einen beklemmenden Druck darauf. Zudem klagte er über Herzrhythmusstörungen. Was hatte er sich so sehr zu Herzen genommen, was brach ihm das Herz? Im Gegensatz zu den Schulmedizinern, denen er sich vergeblich anvertraut hatte, ahnte er bereits, woher seine rätselhaften Beschwerden letztlich rühren konnten: „In meinem jetzigen Leben habe ich viel Tragisches erlebt. Meine physischen Probleme könnten eine Folge meiner Angstzustände und Depressionen sein.“ In über einem Dutzend Heilsitzungen während eines „Auswege“-Camps im Juli 2013 kam zum Vorschein: Als junger Mann hatte Ludwig mitansehen müssen, wie Vater und Mutter erschossen wurden. Kaum hatten wir dieses Trauma mit ihm aufzuarbeiten begonnen, da lebte er regelrecht auf. Verschiedene Formen von Geistigem Heilen, von Handauflegen bis Chakratherapie, in Verbindung mit Yoga, energetischer Massage und Ge­sprächstherapie, lösten bei ihm „intensive Empfindun­gen“ aus, wie er abschließend in einem Patienten-Fragebogen notierte. „Danach fühlte ich eine so tiefe Erlösung, dass ich minutenlang wie ein Kind geweint habe. Endlich war ich frei von dem Angstgefühl, das mich jahrelang gequält hatte. Was ich in diesem Moment empfand, kann ich mit Worten nicht beschreiben.“ Seine mysteriösen Schmerzen verschwanden, sein Herzschlag fand in den normalen Rhythmus zurück. Was nimmt Dorothea die Luft? In den Jahren 2013 und 2014 vertraute sich Dorothea*, 54, uns dreimal an, jedesmal begleitet von ihrem Ehe­mann: wegen einer chronisch-obstruktiven Lungen­erkrankung (engl. chronic obstructive pulmonary disease, Abkürzung: COPD), die mit Husten, vermehrtem Aus­wurf und Atemnot bei Belastung einhergeht. Ständig war sie auf ein Beatmungsgerät angewiesen – so glaubte sie jedenfalls. Die Angst, ersticken zu müssen, war ihr ständiger Begleiter. Während jeder Campteilnahme ließen die Symptome erheblich nach: Sie sei „längere Zeit ohne Sauerstoff­zufuhr ausgekommen“ und habe „besser geschlafen. Panikattacken hatte ich wesentlich seltener“, so berichtete sie hinterher. Auch nach Einschätzung unseres Camparztes ließen die COPD-Symptome deutlich nach; zeitweilig kam Dorothea ganz ohne Beatmungsgerät aus, bezeichnenderweise vor allem, während sie abgelenkt war oder sich unbeobachtet wähnte. Nach Hause zurückgekehrt, sei es ihr anfänglich jedesmal „wesentlich besser gegangen“. Dies habe „im Laufe der Zeit aber wieder nachgelassen. Warum geht es mir nicht besser, wo ich doch jeden Tag meditiere und an mir arbeite?“, so fragte Dorothea. „Dann kommt die Angst, und mit der Angst kommt die Atemnot.“ Therapiehindernisse vermutet unser Camparzt in ihrer Psyche: „Seelisch sieht sie sich auf einem aufsteigenden Weg“, fasste er nach Dorotheas drittem Aufenthalt bei uns zusammen, „aber sie traut sich nicht, diesem Weg zu folgen. Immer noch plagen sie zu viele Ängste, dass es ihr schlecht gehen könnte. In manchen Situationen habe ich den Eindruck, dass sie diese Krankheit braucht, um eine Leere in ihrer Seele zu überdecken: Wäre sie gesund, dann müsste sie wieder für sich selbst sorgen – und ihr Mann bräuchte sie nicht mehr zu verwöhnen. Aber das will sie nicht.“ Die beiden Schläuche in ihrer Nase, über die sie sich künstlich beatmen lässt, hält unser Camp­arzt für „bloße Placebos; sie wären überflüssig, wenn Dorothea lernen würde, normal zu atmen“ - was sie jedesmal tat, „sobald sie sich auf etwas anderes konzentrierte“. Ihr zwanghafter Eindruck, auf das Gerät angewiesen sind, könnte nach Einschätzung mehrerer Teammitglieder von subjektiven Krankheitsgewinnen herrühren: Sie hat Angst vor Verlusten, die ihre Genesung mit sich bringen könnte – womöglich sogar ihres pflichtbewussten Gatten, der es nicht übers Herz brächte, eine Schwer­kranke im Stich zu lassen -, und „Angst, eigenverantwortlich ins Leben zu treten“, wie unser leitender Camparzt abschließend konstatierte. Migräne nach Missbrauchstrauma Seit Jahrzehnten war Magda*, eine 62jährige Lehrerin, von schier unerträglichen Migräneanfällen gequält worden, die oft mehrere Tage andauerten. Vielerlei Schmerzmittel linderten sie nicht. Hätten behandelnde Ärzte annähernd so gründlich nach­gefragt, wie es bei Magdas erstem von zwei Camp­aufenthalten im Juli 2013 geschah, wäre rasch zutage getreten, dass sie eine Fülle von psychischen Problemen belastete, die sich offenbar auch körperlich auswirkten. Als „auffälligste Symptome“ zählte sie auf: „sexuelle Empfindungsstörungen; Kontaktstörungen, Schwierig­kei­ten beim Aufbau tragfähiger Beziehungen; Tendenz zu Schwermut und Resignation, Unfähigkeit, mir ‚die Fülle des Lebens zu nehmen’; Ablehnung der weiblichen Rolle; Handlungsunfähigkeit und Erstarrung in Situa­tio­nen, die Handeln erfordern; latent vorhandene Todes­sehn­sucht; teilweise Gedächtnis­störungen, Erinnerungs­lücken“. Was steckte dahinter? Ein Leben lang litt Magda unter dem Trauma, in früher Kindheit von ihrem Vater sexuell missbraucht worden zu sein. Diese innere Verletzung arbeitete sie bei uns in täglichen Heilsitzungen auf. Gerade­zu euphorisch fühlte sie sich nach wenigen Camp­­tagen „wie befreit, wie neugeboren. Ich habe schon so viele Psychotherapien hinter mir, die nix gebracht haben; was ihr hier mit mir gemacht habt, ist unglaublich. So intensiv! Mich hat dieses Camp auf den Weg gebracht. Ich bin mir – mit Hilfe eurer Therapien – selber auf die Spur gekommen! ‚Erkenne dich selbst’ hat gut funktioniert. Ich blicke mit größerem Vertrauen in die Zukunft. Mir wurden ‚Auswege’ aufgezeigt. Danke dafür!“ Der Camparzt bestätigte: „Sie ist ihrem Gefäng­nis entflohen. Die Erleichterung bei ihr war so offensichtlich, dass man die ‚Steine’ förmlich purzeln sah und hörte, die ihr vom Herzen fielen.“ Allein Deutschlands acht Millionen Migräne-Patienten verursachen Krankheitskosten von rund 4,3 Milliarden Euro pro Jahr. Davon entfallen rund 100 Millionen auf ambulante und stationäre Behandlung, ca. 520 Millionen auf verordnete oder freiverkäufliche Analgetika, eine Viertelmilliarde auf Folgen von Arzneimittelmiss­brauch. Hinzu kommen geschätzte 1,9 Milliarden durch Arbeits­unfähigkeit bzw. verringerte Produktivität. (2) Wäre es nicht ein beachtlicher Beitrag zur Eindämmung der Kosten­explosion im Gesundheitswesen, mit Betrof­fe­nen wie Magda so umzugehen, wie es in unseren Camps geschieht? Anmerkungen 1 Nach Werner Bartens: „Der Menschenarzt“, Süddeutsche Zeitung, 15. März 2008. 2 Hans-Christoph Diener: Migräne. 2. überarbeitete und erweiterte Aufl., Stuttgart 2006 (Erstaufl. 2002), S. 7 * Pseudonyme (Harald Wiesendanger) Dieser Betrag stammt aus dem Buch von Harald Wiesendanger: Auswege – Kranken anders helfen (2015).

  • Psi-Diagnostik - Wenn Schweigen Gold ist

    Die meisten Heiler behandeln nicht nur - sie konfrontieren Hilfesuchende mit vermeintlich außersinnlichen Diagnosen, im Vertrauen auf ihre Fähigkeit, mutmaßliche Ursachen eines gesundheitlichen Problems, die schulmedizinisch nicht feststellbar sind, zuverlässig zu identifizieren. Solche “Enthüllungen” sind meist gut gemeint - und fast immer unbedacht, verantwortungslos und kontraproduktiv, getragen von Selbstüberschätzung und ohne Rücksicht darauf, wieviel Unheil sie beim Patienten anrichten können. Wer zu wissen meint, jemand schwebe in Gefahr – hat er nicht das Recht, den mutmaßlich Bedrohten unverzüglich zu warnen? Ist er nicht sogar moralisch verpflichtet dazu? Das hängt davon ab, wie sicher er sich sein darf. Nach allem, was wir über die physikalischen Kräfte wissen, die eine abgehende Lawine, ein heranbrausendes Auto entfalten kann, sollten wir lauthals „Achtung!“ brüllen, wenn wir eins von beiden auf einen Ahnungslosen hinterrücks zurollen sehen. Andernfalls machen wir uns unterlassener Hilfeleistung schuldig. Doch was ist, wenn die vermeintliche Gefahrenquelle unsichtbar in einem Anderen steckt? Ein Blutgerinnsel etwa, eine Entzündung, ein Virenbefall oder ein bösartiger Tumor, von denen der Betroffene nichts ahnt, weil sie noch keinerlei Beschwerden verursachen? Dann geht es um Warnungen, die sich medizinisch abklären lassen, mittels bewährter Diagnostik. Also sollte er dem vermeintlich Gefährdeten nahelegen, einen Arzt aufzusuchen – möglichst behutsam, ohne ihn zu verängstigen; denn in der Blut- oder Stuhlanalyse, im Röntgenbild, im CT oder MRT könnte sich erweisen, dass der Warner falschen Alarm gab. Aber wenn sich der mutmaßliche Krankheitsherd jeglicher unabhängigen, objektiven Überprüfung entzieht? Psi-Diagnostiker verblüffen Ärzte Was sich vom 4. bis 30. Juni 1990 im Militärkrankenhaus der bulgarischen Donaustadt Rousse zutrug, lässt Mediziner, die daran beteiligt waren, bis heute ins Schwärmen geraten. Unter ständiger Aufsicht einer vierköpfigen Ärztekommission sollte die bulgarische Geistheilerin Krassimira Dimowa zeigen, was sie kann. Dabei hatte sie nicht nur mehreren Dutzend chronisch Kranken die Hände aufzulegen - geprüft wurden auch ihre angeblichen diagnostischen Fähigkeiten. Dazu wurden ihr fünf Patienten vorgeführt, denen nicht im geringsten anzusehen war, woran sie litten. Die ärztlichen Diagnosen, die der Heilerin natürlich verschwiegen wurden, lauteten: Tumor an beiden Eierstöcken; Spondylitis tuberculosa, die häufigste Form der Skelett-Tuberkulose, bei der Entzündungen in allen Abschnitten der Wirbelsäule auftreten können; ein retriperitonealer, d.h. hinter dem Bauchfell gelegener Tumor; eine bösartige Geschwulst am Blinddarm, mit Metastasen an der Leber; knotige Verhärtungen in der linken Brust. Bei jedem Patienten glitten Dimowas Hände zunächst wie suchend um den ganzen Körper herum; die Bewegungen stockten, sobald die Heilerin fündig geworden schien. In allen fünf Fällen verblüffte sie die Ärztekommission: Was sie erspürte, deckte sich ausnahmslos mit dem pathologischen Befund. Auch wenn "die Heilerin ihre Diagnosen nicht präzise formulierte", so "lokalisierte sie doch die betroffenen Bereiche, gab deren Grenzen und Größen an, beschrieb den Grad der Bös- oder Gutartigkeit", wie die Klinik in ihrem Abschlussbericht hervorhebt. Auch war Frau Dimowa imstande, zwischen "lokalen (örtlich eingrenzbaren) Erkrankungen und allgemeinen Erkrankungen mit lokalem Ausdruck zu unterscheiden." (1) Für eine ähnlich verblüffende Treffsicherheit ihrer intuitiven Diagnosen hochgelobt wurden ärztlicherseits auch schon andere Heiler. Der US-Neurochirurg Norman Shealy bescheinigte der amerikanischen Heilerin Carolyn Myss, die heute in Chicago lebt, in 93 Prozent aller Fälle habe sie „präzise“ angeben können, was einem Patienten fehlte – allein anhand von deren Namen und Geburtsdatum. (2) Dem Heiler Henry Rucker, der in den siebziger Jahren als Pastoralberater am St. Francis Hospital in LaCrosse, Wisconsin, tätig war – er starb 82-jährig im Jahr 2003 -, bescheinigte er eine Diagnosegenauigkeit von 70 Prozent, „ohne den Patienten zu sehen“. (3) Im deutschsprachigen Raum sorgte die Heilerin Alena Jöstl für Schlagzeilen, die ab 1998 neun Jahre lang am Kantonsspital Glarus in St. Gallen, Schweiz, tätig war, bis ihr Fürsprecher und Förderer, der dortigen Chefarzts Prof. Kaspar Rhyner, 2007 in Pension ging. Jöstl behauptete, sie könne „die Energiebahnen im Körper zu sehen“, die sie mit Farbstiften auf Papier malte, und daran Störungen, Mängel und Blockaden zu erkennen. „Nach den ersten Monaten mit ihr“, sagt Dr. Jakob Brunner, damaliger Leitender Arzt auf der Medizinischen Abteilung, „mussten wir uns eingestehen: Diese Frau hat ganz klar seherische Fähigkeiten. Die kann einen Menschen lesen.“ (4) Vom „Röntgenblick“ bis zu Eingebungen aus dem Jenseits: die Vielfalt intuitiver Diagnostik Wie die genannten Vier, so "behandeln" die meisten Geistheiler nicht nur - sie meinen auch außersinnlich zu erkennen, was Hilfesuchenden fehlt. Parapsychologen sprechen von Psi-Diagnostik: einem anscheinend intuitiven Wissen über Krankheiten - sei es über ihre Art, ihre Ursache oder ihren Verlauf -, das offenbar paranormalen Ursprungs ist, weil es weder aus unmittelbaren Beobachtungen von körperlichen Merkmalen, Verhaltensweisen und Äußerungen eines Patienten gewonnen noch aus Vorkenntnissen über ihn und bekannte medizinische Gesetzmäßigkeiten erschlossen worden sein kann. Am verbreitetsten sind dabei (5) - Aurafühlen, das Erspüren eines oder mehrerer "Energiekörper", die den physischen Leib durchdringen und erhalten. Mit bloßen Händen werden deren Unregelmäßigkeiten erspürt - z.B. abnorme Wärme oder "Dichte" in bestimmten Bereichen - und daraus auf Krankheiten geschlossen; - Aurasehen, visuelle Eindrücke eines oder mehrerer leuchtender Hüllen um den Körper, mit bedeutsamen Unterschieden in der Farbe, Ausdehnung und Geschlossenheit; - "Röntgenblick", das hellsichtige "Durchleuchten" des Körpers wie mit Röntgenaugen, das einzelne Organe, ihre Strukturen und Funktionsweisen erkennbar machen soll; - Empathie ("Mitfühlen"): Manche Heiler spüren die Beschwerden ihrer Klienten buchstäblich am eigenen Leib; - Symbolische Visionen: Vorstellungsbilder tauchen auf, die ein Leiden symbolisch darstellen, z.B. ein Nervenleiden als zerrissene Drähte; - Mediumismus: Jenseitige "Geistwesen" benutzen den Heiler anscheinend als Werkzeug, um durch ihn ihre überlegenen medizinischen Kenntnisse und Fähigkeiten in den Dienst an Kranken zu stellen; - Psychometrie: In Abwesenheit von Hilfesuchenden genügt manchen Heilern irgendein persönlicher Gegenstand (z.B. ein Foto, eine Haarlocke, eine Handschrift), aus dem sie "lesen". Psi-Diagnosen: Grenzen und Gefahren Nahezu jeder Geistheiler lässt irgendwann im Laufe der Behandlung durchblicken, dass er auf die eine oder andere Weise außersinnlich erfasst, was dem Patienten fehlt. Das lässt viele Patienten hoffen, deren Leidensursachen von Ärzten entweder gar nicht, widersprüchlich oder offenbar falsch diagnostiziert worden sind, worauf therapeutische Fehlschläge hindeuten. Und je stärker Verzweifelte hoffen, desto leichter verlieren sie die nötige kritische Distanz. Um so größer ist die Enttäuschung, wenn die hohen Erwartungen nicht erfüllt werden - um so größer auch die Gefahr, durch diese Erwartungen irregeleitet zu werden. Wer als Patient Psi-Diagnosen sucht - oder von Geistheilern unaufgefordert damit konfrontiert wird -, muss sich über deren Grenzen im klaren sein, um keinen Schaden zu nehmen (6): 1. Zwischen Psi-Diagnostikern bestehen beträchtliche Qualitätsunterschiede. In wissenschaftlichen Tests erzielten einzelne herausragende Könner zwar atemberaubende Trefferquoten; doch die meisten blieben im Bereich der Zufallswahrscheinlichkeit richtigen Ratens. 2. Selbst die Allerbesten können irren - und liegen in Einzelfällen haarsträubend daneben. 3. Wie jedes außersinnliche Wahrnehmungsvermögen, so unterliegt auch die Psi-Diagnostik einem unberechenbaren Auf und Ab. Publik werden immer nur Leistungen, die in optimaler seelischer und geistiger Verfassung unter günstigen äußeren Bedingungen erzielt worden sind; aber auch Hellseher haben, wie alle Berufsgruppen, gute und schlechte Tage. 4. Psi-Diagnosen fallen fast immer zu allgemein, vage und mehrdeutig aus, um brauchbar zu sein, d. h. eine gezielte Suche nach Krankheitsursachen und darauf abgestimmte therapeutische Maßnahmen zu ermöglichen. Dies rührt zum Teil daher, dass die erhaltenen Eindrücke selbst verschwommen oder symbolisch verschlüsselt sind, zum Teil auch daher, dass es Hellsichtigen im allgemeinen an dem nötigen medizinischen Wissen mangelt, sie richtig zu interpretieren. 5. Oft nennen Psi-Diagnostiker eine derartige Vielzahl von angeblich vorliegenden Krankheiten, dass irgendeine daraus mit großer Wahrscheinlichkeit zutreffen wird. 6. Die Übereinstimmung verschiedener Psi-Diagnostiker bezüglich ein und desselben Patienten ist weit davon entfernt, hundertprozentig zu sein. (Dass dies auch für Vertreter anerkannter Heilberufe gilt, ist für Hilfesuchende ein schwacher Trost.) 7. Oft irren sich Psi-Diagnostiker in der Zeit. Wie kann ein Seher Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verwechseln, während er im übrigen recht behält? Außersinnliche Eindrücke, wie alle geistigen Bilder, sind "zeitneutral": Ein und derselbe Bewusstseinsinhalt kann eine Erinnerung, eine Wahrnehmung oder eine Erwartung sein. Dies auseinanderzuhalten, fällt Sensitiven selbst dann schwer, wenn ihre Angaben im übrigen zutreffen. Dadurch sorgen sie bei Klienten oftmals für erhebliche Verwirrung. Auch über- oder unterschätzen sie Zeiträume häufig. 8. Oft scheinen Psi-Diagnostiker telepathisch aufzunehmen, was ihre Klienten oder deren Bezugspersonen an Ahnungen, Befürchtungen und Vorstellungen mitbringen, und verwechseln sie mit eigenen hellsichtigen Erkenntnissen. Auch daraus können gravierende Diagnosefehler entstehen. 9. Anders als Diagnosegeräte sind Heiler nie frei von subjektiven Empfindungen, Eindrücken, Assoziationen, Erinnerungen und Emotionen. Sie beeinflussen diagnostische Intuitionen zwangsläufig. Aber bietet die unkonventionelle Medizin nicht reichlich Verfahren, subjektive Eindrücke zu „objektivieren“: beispielsweise der Muskeltest in der Angewandten Kinesiologie, Pendel und Rute in der medizinischen Radiästhesie? Längst hat sich in Tests erwiesen, dass selbst erfahrene Anwender nicht dagegen gefeit sind, unbewussten Vorannahmen folgend einen ausgestreckten Arm mal stärker, mal leichter zu drücken – und ihr radiästhetisches Gerät entsprechend zu bewegen. Hilft apparative Messtechnik weiter? Doch ob nun die Kirlan-Fotografie (7) - und erst recht die populären „Aura-Kameras“ auf Esoterikmessen –, die GDV-Technik des St. Petersburger Biophysikers Prof. Konstantin Korotkov (8), die „Energetische Terminalpunkt-Diagnostik“ (ETD) des Heilpraktikers Peter Mandel (9) oder die „Energetische Meridianmessung mit Prognos A(R)“ (10): sie alle sind weit davon entfernt, zuverlässig und objektiv zu sein. Kurzum, außerhalb der konventionellen Medizin existiert bislang kein einziges Verfahren, das verborgene Krankheitsursachen im Körperinneren, oder gar „unkörperlich“-„feinstoffliche“, zuverlässig und intersubjektiv nachprüfbar identifizieren kann. Schon gar nicht liegt bisher irgendeines vor, das prognostisch relevant wäre, d.h. verlässliche Voraussagen darüber erlaubt, welche physische oder psychische Erkrankung demnächst oder jemals ausbrechen könnte. Für Psi-Diagnostiker, wie subjektiv überzeugt auch immer, kann der Schluss daraus nur lauten: Schweigen ist Gold. Warnungen an Hilfesuchende Und welche Schlüsse hat ein Patient daraus zu ziehen? Sollte er, angesichts der zahlreichen Fehlerquellen und Gefahren, lieber gar nicht erst danach fragen, worauf ein Heiler sein Leiden zurückführt - oder weghören, nicht weiter ernst nehmen, was ihm darüber vorgetragen wird? Aber auch der Heiler selbst gerät in eine Zwickmühle: Soll er seine Klienten darüber aufklären, was er über ihr Leiden außersinnlich zu erkennen meint - und sie dadurch vielleicht unnötig ängstigen? Oder soll er verschweigen, was er sicher zu wissen glaubt - und somit eine frühzeitige, möglicherweise sogar lebenswichtige Warnung unterlassen, zu der er moralisch verpflichtet wäre? Auch wenn Psi-Diagnosen von Unfehlbarkeit weit entfernt sind, Richtiges und Falsches meist unentwirrbar vermischt sind: Könnten sie nicht doch zumindest wichtige Fingerzeige, erste Anhaltspunkte liefern? Statt sie ohne weiteres für bare Münze zu nehmen, sollte sie der Patient schleunigst ärztlich überprüfen lassen. Nur so lässt sich ihr Gefahrenpotential entschärfen. Aber wie verhält man sich bei Psi-Diagnosen, deren Überprüfung unmöglich ist? Das hängt von der Art des Befundes ab. Die meisten Geistheiler beschränken sich auf den Bereich des "Energetischen": Sie treffen Aussagen über den Zustand Ihrer Aura ("Im Magenbereich ist sie dunkler und schwächer") oder über Ströme und Gleichgewichte Ihrer Lebensenergie ("Der X-Meridian ist blockiert", "Ihr Y-Chakra arbeitet nicht richtig"). Diese angeblichen energetischen Störungen haben sich entweder bereits körperlich ausgedrückt - dann müssten sie, sofern sie keine Hirngespinste sind, über kurz oder lang auch von einem gewissenhaften Schulmediziner feststellbar sein. Oder sie beschränken sich bisher nur aufs Unkörperliche - dann disponieren sie allenfalls zu entsprechenden Erkrankungen, müssen aber nicht und niemals manifest werden. Denn zu den zentralen Annahmen der energetischen Medizin gehört es, dass jene inneren Prozesse, die über Gesundheit oder Krankheit entscheiden, nicht autonom ablaufen, sondern durch eine geeignete Geisteshaltung, psychische Verfassung und Lebensführung nahezu grenzenlos steuerbar sind: etwa durch größere innere Ruhe und Gelassenheit, durch bewussteres, tieferes und ruhigeres Atmen, durch freiere, unverkrampftere Körperhaltung und Bewegung, durch den Abbau von Ängsten, Aggressionen und Konflikten, durch positives Denken und bestärkende Autosuggestionen – und eben auch durch „geistig-energetische“ Einwirkungen von außen, durch einen sogenannten „Heiler“. Sich darum zu bemühen, ist in jedem Fall empfehlenswert - gleichgültig, ob die energetische Diagnose zutrifft oder nicht. Was ist Hilfesuchenden zu raten, denen ein Psi-Diagnostiker, vorgeblich "außersinnlich", eine lebensbedrohliche Erkrankung "ansieht" und den nahen Tod prophezeit? Von ihm sollten sie sich unverzüglich verabschieden. Denn er verstößt verantwortungslos gegen eine ethische Grundforderung an seriöse Heilbemühungen: Patienten darf keine Angst gemacht werden - denn diese Angst kann jene Katastrophe, auf die sich bezieht, überhaupt erst herbeiführen. Wer hypochondrisch einen Tumor in seinem Körper vermutet, wird ihn mit großer Wahrscheinlichkeit irgendwann auch einmal bekommen - vermittelt über neuroimmunologische Prozesse, die seine Psyche unter anhaltendem Angststress in Gang setzt und chronisch aufrechterhält. Viele Psi-Diagnosen wirken als self-fulfilling prophecies, als Prophezeiungen, die sich selbst erfüllen. Konfrontiert mit vermeintlichen "Enthüllungen" über versteckte Leiden oder die wahren Ursachen offensichtlicher Beschwerden, achten Patienten anschließend in der Regel besonders aufmerksam auf entsprechende Anzeichen; viele beginnen sie geradezu ängstlich zu erwarten. So kann eine übersinnlich festgestellte "Magenschwäche" dann leicht zu passenden Symptomen führen, auch wenn zum Zeitpunkt der Diagnose noch keine Rede von derlei Beschwerden sein konnte. Warum der Verhaltenskodex der Stiftung Auswege/IVH Psi-Diagnosen strikt untersagt Aus all diesen Gründen verlangt der Verhaltenskodex der Stiftung Auswege/IVH von geistig Heilenden kurz und bündig, „keine Diagnosen zu stellen“ (§ 3). Im Teamkodex für alle Mitwirkenden an „Auswege“-Therapiecamps heißt es ausführlicher (§ 5): „Gegenüber Patienten und ihren Angehörigen stellen wir keine Diagnosen – und dies im weitesten Sinne. Wir äußern wir nichts, was entsprechend missverstanden werden könnte: seien es außersinnlich wahrgenommene Eigenschaften der Aura, vermutete Ereignisse in früheren Inkarnationen, mediale Eingebungen von Engeln und Geistführern; kinesiologisch, radiästhetisch oder sonstwie festgestellte Defizite; energetische Blockaden von Chakren und Meridianen, Belastungen durch Fremdenergien usw. Diagnostische Eindrücke können Behandlungen leiten, ohne mitgeteilt werden zu müssen.“ Die erwähnten Vorbehalte gelten für alle genannten Arten von Psi-Diagnostik gleichermaßen. Denn bisher fehlen jegliche wissenschaftlichen Anhaltspunkte dafür, dass irgendeine dieser Methoden den übrigen überlegen ist. In jedem Bereich lassen sich eine Handvoll herausragende Könner, eine Menge Mittelmaß und allzu viele Versager finden. Nicht die Methode entscheidet - sondern die paranormale Begabung, die kritische Selbstkontrolle und das Verantwortungsbewusstsein derer, die sie anwenden. Von daher ist es zweitrangig, ob Sie sich von einem "wandelnden Röntgengerät" durchleuchten, von einem Aura-Fühligen abgreifen oder ein Pendel ihren Körper entlangschwingen lassen. Wertvolle Hinweise können Sie von jeder Vorgehensweise erwarten, ebenso wie Sie bei jeder auf Enttäuschungen gefasst sein müssen. Und sollten Sie je in Versuchung geraten, außersinnliche Enthüllungen allzu schnell für bare Münze zu nehmen: Denken Sie an ein elfjähriges Mädchen namens Emily Rosa - und bewahren Sie sich etwas von deren kindlicher Neugier. Die kleine Amerikanerin aus Loveland, Colorado, dachte sich Anfang 1998 eine simple Versuchsanordnung aus, um die "Aurafühligkeit" von Heilern zu testen. In ein Tuch, das als Sichtblende diente, schnitt sie zwei Löcher, durch die ein Heiler seine Arme streckte. Ein Münzwurf entschied, über welche ausgestreckte Hand Emily jeweils eine eigene hielt. Bei 280 Versuchen war auf den Spürsinn von 21 getesteten Heilern im Schnitt lediglich zu 44 Prozent Verlass - noch unterhalb der Wahrscheinlichkeit, durch bloßes Raten richtig zu liegen. (11) (Harald Wiesendanger) Dieser Artikel enthält Auszüge aus Harald Wiesendanger: Wenn Schweigen Gold ist - Grenzen und Gefahren der Psi-Diagnostik (2016). Anmerkungen 1 Zitiert nach Krassimira Dimowa, "Mein Weg zur Heilerin", Grenzgebiete der Wissenschaft 4/1991, S. 311-333. 2 Norman Shealy: “The Role of Psychics in Medical Diagnosis”, in Rick Carlson (Hrsg.): Frontiers of Science and Medicine, New York 1975. 3 Norman Shealy: „Medical and Counselling Intuition“, Artikel auf dessen Website https://normshealy.com 4 Zit. nach St. Galler Tagblatt vom 17. Juli 2007, online nachzulesen bei www.tagblatt.ch/altdaten/tagblatt-alt/tagblattheute/hb/ostschweiz/tb-os/art778,113897 5 Die folgenden und weitere Methoden der Psi-Diagnostik werden ausführlich vorgestellt in Harald Wiesendanger: Das Große Buch vom geistigen Heilen - Möglichkeiten, Grenzen, Gefahren, Lea-Verlag: Schönbrunn 2000, S. 200 ff. 6 Die folgenden Einschränkungen begründe ich eingehend in meinem Großen Buch vom Geistigen Heilen, a.a.O., S. 228ff. 7 H. Treugut u.a.: „Kirlian photography: accidental or person-specific pattern?“ Forschende Komplementarmedizin 7/2000, S. 12-16 8 Beverly Rubik: „Measurement of the Human Biofield and Other Energetic Instruments“, in Lyn Freeman (Hrsg.): Mosby´s Compementary and Alternaive Medicine: A Research-Based Approach, Elsevier: Oxford 3. Aufl. 2008, Kap. 20. 9 H. Treugut u.a.: „Reliabilität der Energetischen Terminalpunktdiagnose (ETD) nach Mandel bei Kranken“, Forschende Komplementarmedizin 2/1998; S. 224-229 10 H. Treugut u.a.: „Reliabilität der energetischen Meridianmessung mit Prognos A(R)“, Forschende Komplementarmedizin 5/1998, S. 284-289 11 Der Spiegel 16/1998, taz 4./5.7.1998

  • Außer Kontrolle

    Ein unernster Blick in die Zukunft: Nach hundert Therapiecamps, deren verdächtig glänzende Erfolgsbilanz von der Schulmedizin weiterhin hartnäckig ignoriert wird, scheint es meiner Stiftung Auswege im Jahr 2035 endlich an der Zeit, die Ergebnisse ihrer legendären Heilwochen wissenschaftlich zu untermauern. Ein großzügiger Mäzen, Freiherr Hans H. von Hansen, will dazu ein Forschungsstipendium spendieren, mit dessen Hilfe ein fleißiger Medizinstudent, Gottlieb Servilius, eine längst überfällige empirische Studie über die „Auswege“-Camps durchführen will, die höchsten Ansprüchen genügen soll. Begleitet von seinem Doktorvater Prof. Dr. med. Dr. h.c. Utz Schütz, einem namhaften Lehrstuhlinhaber an einer renommierten deutschen Universität, folgt er einer Einladung des Stiftungsvorsitzenden Gerald. Der empfängt sie gemeinsam mit Karin, der Leiterin der Geschäftsstelle, die seit ­längerem die Camps organisiert. Ferner anwesend sind der ärztliche Leiter der Camps, der Radiologe und Ganzheitsmediziner Dr. Holger Pröll, sowie ein Mitglied des Camp-Therapeutenteams, der christliche Handaufleger und Gebetsheiler Alfred Wemmerl. Doch das Treffen verläuft desaströs – nachzulesen in einem prophetischen Gesprächsprotokoll. Unter dem Titel Außer Kontrolle erschien es im Jahr 2016. Gerald: Zunächst darf ich Sie alle herzlich willkommen ­heißen und Ihnen danken, dass Sie sich die Zeit n .... Prof. Schütz (unterbricht ­un­gehalten): Sparen wir uns weitschweifige Begrüßungsfloskeln, spätestens in 1,75 Stunden muss ich weg, zu einem Symposium. Alfred: Also, ich bin dafür, dass wir uns zunächst ­meditativ einstimmen und ein Gebet sprechen. Dazu könnte ich meine Klangschalen anschlagen ... Prof. Schütz (verächtlich): ... und anschließend ein Räucherstäbchen abbrennen lassen, ´ne schwarze Katze schlachten und 77mal „Om“ singen? ­(Kichert, dann erstarrt seine Miene abrupt.) Schlagen Sie an, wen oder was Sie wollen, aber ohne mich. Sonst wird das Symposium ohne meinen ­Eröffnungsvortrag beginnen. Alfred (murmelt beleidigt): Wär´ ja womöglich gar kein Verlust. Karin rempelt ihn an und legt vielsagend den Zeigefinger auf ihre Lippen. Gerald: Kommen wir also ohne Umschweife gleich zur Sache. Uns geht es darum, ­wissenschaftlich einwandfrei zu belegen, dass unsere Therapiecamps chronisch kranken, vermeintlich „behandlungs­resistenten“ Patienten tatsächlich helfen, und zwar in jenem hohen Maße, das wir seit fast drei Jahrzehnten beobachten. Prof. Schütz: Wurde auch höchste Zeit. Denn bisher haben Sie, mit Verlaub, einen esoterischen Zirkus veran­staltet, ohne Prüfplan, ohne Studiendesign, ohne klar ­definierte Zielkriterien, ohne systematische Auswertung, ohne jegliche Kontrolle, die diese Bezeichnung verdient hätte - für Außenstehende ­absolut unglaubwürdig, aus wissenschaftlicher Sicht haarsträubend dilettantisch. Karin: Da muss ich wider­sprechen. Bei jedem Camp haben wir alle teilnehmenden Patienten, gegebenenfalls auch ihre Angehörigen, Tagebuch führen und einen detaillierten Fragebogen ausfüllen lassen. Deren Auswertung ... Prof. Schütz (unterbricht): Wer wertete denn aus? Karin: Na, wir. Kreuzchen ­zusammenzählen können wir nämlich schon seit der Grundschule, erste Klasse. Prof. Schütz: Können ja, aber wollen? Womöglich schummeln Sie seit drei Jahrzehnten. Gerald: Nichts für ungut, ­lieber Professor, aber wären wir tatsächlich mit krimineller Energie ausgestattet, würden wir sie auf gewinnbringen­deren ­Betätigungsfeldern als ­karitativer Stiftungsarbeit ­ausleben, glauben Sie mir. Hansen: Der Professor hat recht. Lassen Sie das doch künftig durch einen Hiwi von der Uni erledigen, am Honorar soll´s meinetwegen nicht scheitern. Karin: Also, um dort fortzu­fahren, wo ich unterbrochen worden bin: Die Auswertung der Teilnehmerunterlagen ­bestätigte in über 80 Prozent aller Fälle deutliche gesundheitliche Verbesserungen. ­Darüber hinaus ... Prof. Schütz (unterbricht schon wieder): Können Sie alles in die Tonne treten. Nicht wahr, Gottlieb? Gottlieb: Muss man so sehen. Da weder Tagebücher noch Fragebögen anonym ausgefüllt worden sind, könnten sich die Teilnehmer unter Erwartungsdruck gefühlt haben, die offenkundig hochengagierten, supernetten Stiftungsvertreter nicht zu enttäuschen, sich als dankbar zu erweisen und ihre Wertschätzung kundzutun, dass die Auswegler sich ehrenamtlich ganz viel Mühe gegeben haben. Vielleicht machten sich die Patienten, unter Ihrem suggestivem Einfluss, auch ­selber etwas vor, was ihre ­gesundheitliche Verfassung ­betrifft. Dr. Pröll: Aber zusätzlich führte ich als Arzt bei allen Teilnehmern Vor- und Nachkontrollen durch, zu Beginn und am Ende. Prof. Schütz: Und wie, ­bitteschön? Dr. Pröll: Nun ja, ein Labor und apparative Diagnostik ­stehen in unseren Camps nicht zur Verfügung. Deshalb konnte ich nur vorliegende Befund­berichte sichten, eingehende Gespräche führen und nach Augenschein urteilen, aus ­ärztlicher Erfahrung. Prof. Schütz (die Mundwinkel verächtlich nach unten ziehend): Aha. Die vorab eingereichten Befundberichte waren aktuell? Und gleich nach Campende wurden die Patienten nochmals gründlichst durch­gecheckt, nicht von Ihnen, sondern in einer bestens ­ausgestatteten Praxis oder ­Klinik? Dr. Pröll: Leider nur ausnahmsweise. Manche medi­zinischen Unterlagen waren schon mehrere Monate alt, ­vereinzelt sogar Jahre, weil die Patienten nicht ein weiteres Mal zu Ärzten wollten, die sie ja schon als „therapieresistent“ verabschiedet hatten. Prof. Schütz: Sie aber wollen mir allen Ernstes weismachen: „Macht nix, ich merke auch so, wie es einem Patienten geht“? Dr. Pröll: In den meisten ­Fällen: ja, durchaus! Natürlich habe ich kein außersinnliches Sensorium dafür, ob sich Blutzuckerspiegel, Kreatinin-, ­Hämatokrit- und PSA-Werte, Gefäßverengungen und ­Metastasen verändert haben – in solchen Fällen fordere ich Campteilnehmer auf, das baldmöglichst abklären zu lassen. Dazu zwingen kann ich sie ­allerdings nicht. Aber um festzustellen, ob Symptome eines Asthma bronchiale, einer ­Phobie, einer depressiven ­Störung, einer Bewegungs­einschränkung, von Autoaggressivität oder ADHS nachgelassen haben, brauche ich kein Labor. Prof. Schütz: Nichts für ungut, aber die Güte Ihrer Feststellungen scheint mir auf dem ­Niveau eines Alkoholikers zu liegen, der beurteilen soll, ob Schnaps gut tut. Dr. Pröll (pikiert um Fassung ringend): Sie ziehen meine ­Objektivität in Zweifel? Prof. Schütz: In der Tat. Dass Sie längst mit Alternativ­medizin sympathisieren, ­entnehme ich Ihrem Lebenslauf. Demnach haben Sie ­reichlich Motive, Verlauf und Ergebnisse der „Auswege“-Camps zu beschönigen. Dr. Pröll: Welche Motive ich aus Ihrem Lebenslauf erschließe, behalte ich lieber für mich. Gerald: Um das Bisherige ­zusammenzufassen: Um ­unsere Camperfolge wissenschaftlich zu untermauern, müssen wir beim Punkt Null beginnen, weil wir im Grunde noch nie darüber hinaus­gekommen sind? Prof. Schütz: Sie sagen es. An den Grenzen des Beobachtens Gerald: Wie wäre es mit einer sauberen Beobachtungsstudie? Wir ersetzen unseren angeblich befangenen Camparzt durch unabhängige Mediziner, gerne von Ihrer Uniklinik. Dort wird auch ausgewertet. Alle Campteilnehmer schicken wir vor dem ersten und gleich nach dem letzten Camptag zu Ihnen, für eingehende ­Dia­gnostik, unter Einsatz ­modernster Technik. Wie sich ihr Befinden während eines Camps verändert, erfassen wir mit validiertem, klinisch bewährtem Frageinventar ... Prof. Schütz: Sie scherzen. Gerald: Nein, danach ist mir nicht zumute. Worauf wollen sie hinaus? Prof. Schütz: Was sich wissenschaftlich beobachten lässt, egal mit welchem Instrumen­tarium, ist bestenfalls, ob und in welchem Maße es Ihren Campteilnehmern nach acht bis neun Tagen besser geht, ­objektiv und subjektiv. Das ­bezweifelt freilich keiner, nicht mal ich. (Grinst.) Der springende Punkt ist doch: Warum geht es ihnen besser? Sie ­behaupten: wegen der fabelhaft segensreichen Therapien, die zum Einsatz gekommen sind. Gegenfrage: Könnten die zu beobachtenden Fortschritte nicht schlicht daher rühren, dass die Camptage erholsam, die Landschaft idyllisch, Ihr Entertainment gelungen, Ihre Streicheleinheiten zahlreich, Ihre Umarmungen innig waren? Wie schließen Sie aus, dass Sie die festgestellten ­Effekte nicht ebensogut hätten zustande bringen können, indem Sie Ihren Patienten eine Ferienwoche auf den Kanaren oder in der Karibik spendieren? Dr. Pröll: Dass auf Teneriffa binnen einer Woche eine jahrelange, medikamentös nicht ­einzudämmende Epilepsie ­verschwindet, wäre mir neu ... Prof. Schütz: ... aber nicht mit absoluter Sicherheit aus­zuschließen. Endlich kontrolliert studieren Gerald: Was schlagen Sie ­stattdessen vor? Prof. Schütz: RCT! Placebokontrolliert! Mindestens ­doppelblind! Alfred: Hä? Prof. Schütz: Servilius, was haben Sie im ersten Semester über RCTs gelernt? Gottlieb (eifrig): „RCT“ steht für „randomized controlled trial“, eine randomisierte kontrollierte Studie. Dieses Design gilt als „Goldstandard“ medizinischer Forschung, ihr „Königsweg“, einer evidenzbasierten Medizin liefert sie die hochwertigsten Daten ... Prof. Schütz (fällt ihm ins Wort): ... und nur so findet Ihre Campheilerei jemals ­Beachtung bei Hochschulen, Unterstützung durch Krankenversicherungen, Anerkennung und Förderung bei Ministerien und sonstigen staatlichen ­Einrichtungen, Publikationsmöglichkeiten in der medi­zinischen Fachpresse. Ist Ihnen nicht klar, dass wir europaweit auf ein Gesundheitssystem zusteuern, in dem Therapie­formen entweder RCT-fundiert oder aussortiert werden? (Kramt in seinen Unterlagen, zückt ein EU-Amtsblatt und liest vor.) Längst hat die Europäische Kommission lobens­werterweise klargestellt: „Die Wirksamkeit einer Heilbehandlung wird in randomisierten Doppelblindversuchen nach­gewiesen, die zeigen, dass das Heilmittel besser wirkt als ein Placebo. Diese Methode wird zur Beurteilung der medi­zinischen Behandlung ­verwendet.“ Fahren Sie fort, Servilius. Gottlieb: Also, bei einer RCT-Studie werden Patienten ­mindestens zwei Gruppen ­zugeordnet: Die eine – die ­Studiengruppe, auch Prüf-, ­Experimental-, Interventions- oder Verumgruppe genannt - erhält die Therapie, deren Wirksamkeit auf dem Prüfstand steht. Der anderen – der Kontrollgruppe, auch ­Vergleichsgruppe genannt – wird sie vorenthalten; sie wird gar nicht, bloß zum Schein – mit einem „Placebo“ - oder standardmäßig behandelt. Um Glaubenseffekte aus­zuschließen, werden alle ­Patienten „verblindet“, das heißt, im Ungewissen gelassen, ob sie behandelt werden oder nicht. Damit die beteiligten Prüfärzte nicht aufgrund von Voreingenommenheiten mit den beiden Gruppen unterschiedlich umgehen, bleibt auch ihnen die Gruppen­zuteilung verborgen – so wird die Studie „doppelblind“. Die Zuteilung erfolgt „randomisiert“, nach dem Zufallsprinzip - das englische Wort random ­bedeutet „zufällig“ -, um sie der Einflussnahme durch einen möglicherweise befangenen Untersucher zu entziehen. In diesem Augenblick huscht die schwarze Katze des Hausherrn am Tisch vorbei. Alfred: Au weia, von links nach rechts! Das kann ja heiter werden! Dieser Text enthält die ersten Abschnitte des Buchs von Harald Wiesendanger: Außer Kontrolle - Warum die Stiftung Auswege "unwissenschaftlich" vorgeht - und dazu steht (2016)

  • Wozu philosophieren?

    Philosophie habe ich im Hauptfach studiert. „Wie konntest du nur?“, fragte mich meine jüngste Tochter. „Wäre das auch etwas für mich?“ Daraus entstand der folgende Erklärungsversuch. „Du solltest sophipholieren!“ Falls jemand mir so etwas ernsthaft vorschlägt, wäre ich höflich. Denn es gibt ja fast nichts, was es nicht gibt. Zuallererst würde ich ihm vier Fragen stellen: Was ist das überhaupt? Worum geht es dabei? Wie macht man es? Was hätte ich davon? Was ist Sophipholieren? Ein Nichts, das Wort ist frei erfunden. Quatsch also. Aber wenn ich darin Vokale und Konsonanten umstelle, komme ich zu einer Tätigkeit, von der es heißt, sie sei alles andere als Humbug, sondern besonders wichtig und wertvoll: Philosophieren. Und da stelle ich dieselben vier Fragen. Was Philosophieren ist, ahnt jeder, zumindest ein bisschen: Man denkt dabei nach – nicht über alles Mögliche, sondern über besonders allgemeine Fragen. Man kann darin besser werden, sonst wäre es kein Schulfach. Das Erlernen ist besonders schwierig, sonst wäre es nicht etwas, was man erst an einer Uni studieren muss, bevor man es richtig drauf hat. Es ist etwas, womit man sich ein ganzes Leben lang beschäftigen kann, sonst gäbe es nicht den Beruf des Philosophen. Würde ich es gerne studieren? Das hängt zum Teil davon ab, worum es dabei geht. Wenn ich „Philosophie“ google und ein paar der angebotenen Links anklicke, stoße ich auf Themen­listen, die sich ziemlich gleichen: Was ist Wahrheit? Was kann ich wissen? Was darf, soll, muss ich tun? Was ist Gerechtigkeit? Gibt es eine Seele? Hat unser Leben Sinn? Was ist nach dem Tod? Ist unser Wille frei? Gibt es Gott? Wer bin ich? Was unterscheidet Menschen von Dingen? Interessieren mich diese Fragen? Ja, die einen mehr, die anderen weniger. Manche haben mich schon beschäftigt, bevor es im Schulunterricht um sie ging. Denn sie begegneten mir nicht erst in Lehrbüchern, sondern im Alltag. Da streiten Menschen, weil sie unter­schied­licher Meinung sind – wie findet man heraus, welche Meinung wahr ist? Wie wird aus dem, was sie glauben, Erkenntnis? Was ich tue, finde ich meistens moralisch gut – aber wie begründe ich das gegenüber jemandem, der das anders sieht? Ich rege mich über Ungerechtig­keiten auf – welche Maßstäbe lege ich dabei an, und sind die bloß meine, oder gelten sie für jeden? Zu mir gehört ein Körper – bin ich bloß einer, oder habe ich ihn und außerdem noch etwas, das von ihm unabhängig ist? Ich weiß, dass ich sterben muss – kommt nach dem Tod noch etwas? Ich habe ein Gehirn - wenn alles, was ich denke, will und tue, davon abhängt, was darin vor sich geht, wie kann ich da noch frei sein? Ich bin religiös erzogen worden, ich glaube an Gott - bete ich zu etwas, was es vielleicht gar nicht gibt? Das alles lässt mich nicht kalt. Aber zu keiner einzigen Frage ist mir bisher etwas eingefallen, von dem ich sagen konnte: „Das ist die Antwort. Problem gelöst. Abgehakt.“ Das könnte daran liegen, dass ich mich nicht richtig damit befasst habe, nicht so, wie ein Philosoph es tun würde. Aber was tut er, was kann er besser als ich? In gewisser Weise kann er nichts anderes tun als ich: nachdenken. Denn offenbar geht er mit seinen Fragen anders um, als es ein Naturwissenschaftler tun würde. Um Antworten zu finden, beobachtet er nicht, er führt keine Befragungen durch, er experimentiert nicht, er macht keine Tests. Also weiß er nichts aus Erfahrung. Kann er dann überhaupt etwas wissen? Wissen Philosophen irgendetwas? Haben sie gesicherte Erkenntnisse, wenigstens eine? Auch darauf suchte ich eine Antwort in den Homepages, die Google mir zum Stichwort „Philosophie“ vorschlug. Irgendwann brach ich frustriert ab. Mein Eindruck war: In der Philosophie ist nichts gewiss. Nichts ist so klar, dass darüber nicht weiter diskutiert werden könnte. Zu jeder Frage fand ich mindestens zwei gegensätzliche Standpunkte, oft sogar fünf, zehn und mehr. Für jeden gab es gute Argumente. Aber auch die Gegenargumente waren nicht schlecht. Keines war zwingend. Wie kann das sein? Wird nicht seit Jahrtausenden philosophiert? Taten das nicht einige der klügsten Köpfe der Menschheitsgeschichte? Tun es heute weltweit nicht viele Tausend professionell? Wenn anscheinend keiner bisher irgendeine endgültige Lösung fand, wie kann ich da erwarten, dass es mir jemals gelingt? Und wozu sollte ich mich mit unlösbaren Fragen auseinandersetzen? Will ich einen Berg hochklettern, wenn ich nie oben ankommen kann? Andererseits: Ist eine Frage nur dann gut, wenn es eine sichere Antwort auf sie gibt, und nicht viele unsichere? Nicht nur im Fach Philosophie, auch in anderen Schulfächern beschäftigen wir uns manchmal mit Fragen, die am Ende offen bleiben: Was wäre, wenn Hitler den Zweiten Weltkrieg gewonnen hätte? Was hat der Dichter mit seinen Zeilen wirklich gemeint? Wieviele Flüchtlinge sind zuviele? Könnte Umweltverschmutzung dazu führen, dass die Erde irgendwann unbewohnbar wird? Hätten wir eine bessere Gesellschaft, wenn es kein Geld gäbe? Was würde geschehen, wenn wir Kontakt zu außerirdischen Wesen bekämen? Wie wäre es für uns gewesen, zu Zeiten Jesu zu leben, oder im Mittelalter? Es stimmt nicht, dass mir Unterrichtsstunden darüber nichts gebracht haben. Ich habe Möglichkeiten bedacht, auf die ich vorher nie gekommen wäre. Ich habe unterschiedliche Standpunkte kennengelernt und miteinander verglichen. Dabei habe ich mehr über das Thema gelernt, über Andere und auch über mich selbst. Könnte es nicht genauso sein, wenn ich mich mit philosophischen Fragen beschäftige, ein Buch darüber lese oder einfach nur im Stillen über sie nachdenke? Ist es nicht wichtig zu erfahren, dass es unterschiedliche Standpunkte gibt? Wie sie begründet werden können? Herauszufinden, wie gut diese Gründe sind? Dabei vielleicht zu merken, dass es für manche Standpunkte bessere Argumente gibt als für meinen eigenen? Außerdem hilft mir Philosophieren, klarer zu denken. Denn dabei tauchen Begriffe auf, die ich im Alltag wie selbstverständlich verwende – fast so wie ich atme, ohne auf Luftsauerstoff und Lungenfunktion zu achten. Oft merke ich erst beim Nachdenken über einen Begriff, dass ich bisher gar nicht genau wusste, was ich damit eigentlich meine. Was bedeutet das Wort „Sinn“? Was meine ich mit „ich“? Worauf beziehe ich mich, wenn ich von „Geist“ und „Seele“ spreche? Worin besteht „Freiheit“ überhaupt? Was heißt es, „gut“ zu sein? Das sollte mir nicht egal sein, denn wie kann ich eine Meinung haben, ohne zu wissen, worüber? Und oft hatte ich den Eindruck: Sobald Begriffe klar sind, müssen Fragen anders gestellt werden, manche werden sinnlos, und manche Antworten zweifelhaft. Es ist, als hätte sich grauer Dunst aufgelöst. Nun kommt manches deutlich zum Vorschein, anderes erweist sich als Nebelschwade. Ist Philosophieren langweilig? Nein, es kann spannend sein, denn auch dabei gibt es oft etwas zu entdecken: keine neue Tierart, keinen neuen Planeten, kein neues Elementarteilchen, sondern Aspekte und Argumente, auf die ich bisher nicht gekommen bin. Und immer habe ich dabei das Gefühl: Hier geht es um etwas, das mir mehr gibt, als darüber zu labern, wer die meisten Facebook-„Freunde“ hat, welches Parfum gerade angesagt ist, ob Kim Kardashian cool ist oder Slipknot heißere Musik macht als Linkin´Park. Macht Philosophieren einsam? Im Gegenteil. Philosophische Fragen diskutiere ich am liebsten mit Freunden. Mir bringt das mehr, als alleine vor mich hinzugrübeln. Solche Gespräche sind anregend und lehrreich, sofern jeder sich ernsthaft darauf einlässt. Sie führen mir Gegensätze und Widersprüche vor Augen. Sie helfen mir, Dinge aus anderen Perspektiven zu sehen. Sie regen meine Phantasie an. Sie trainieren mich darin, mich klarer auszudrücken und logisch zu begründen, was ich glaube. Sie schützen mich davor, Vorurteile zu übernehmen und mich manipulieren zu lassen. Sie machen mich offener, toleranter und selbstkritischer. Sie erziehen alle, die mitmachen, zu Demokratie: Nur wer immer Recht haben will und die Macht, uns seine Meinung aufzuzwingen, der mag sie uns nicht zur Diskussion stellen, gleichberechtigt und gewaltlos – ihm passt es nicht, wenn wir den eigenen Verstand gebrauchen. Macht Philosophieren ernst? Nicht unbedingt. Es kann Spaß machen, Argumente auszutauschen, man kann daraus sogar Rollenspiele und Wettbewerbe machen: Hanna tut so, als sei sie Materialistin – schafft es jemand, sie zu davon abzubringen? Philipp spielt Papst, Matthias den Gottlosen – wer wird das letzte Wort haben? Oder wir bilden zwei Teams, jedes bekommt ein Blatt Papier, eine Viertelstunde Zeit und dasselbe philosophische Thema: „Überleben wir den Tod unseres Körpers? Was spricht dafür, was dagegen?“ Welches Team findet mehr Argumente, die Pro- oder die Kontra-Seite? Während ich das schreibe, hat es sich auf meinem Schoß Eve gemütlich gemacht, meine schwarze Katze. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie ebenso Schmerzen empfinden kann wie ich. Dass sie nicht bloß Hunger hat, sondern ihn spürt, wenn sie zu ihrem Fressnapf läuft. Dass sie traurig ist, wenn sie bemerkt, dass ich das Haus verlasse. Dass sie sich wohlfühlt, wenn ich sie streichle. Aber genauso sicher bin ich mir, dass sie sich niemals fragt, wozu sie lebt. Nie ist ihr bewusst, dass sie in spätestens fünfzehn Jahren nicht mehr existieren wird, und bestimmt denkt sie nie darüber nach, ob es für Katzen ein Leben nach dem Tode gibt. Ja, sie weiß nicht einmal, dass sie eine Katze ist. Nie wird für sie zum Problem, ob ihre Gefühle rein körperlich sind oder etwas ganz anderes, etwas Seelisches. Ja, sie fragt sich überhaupt nichts. Nie wird sie sich dessen bewusst sein, dass sie mein Weggehen bemerkt, und überlegen, was Bewusstsein überhaupt ist. Nie wird sie beschäftigen, ob ich sie liebe, wenn ich sie streichle, und was Liebe bedeutet. Niemals philosophiert sie. Aber ich kann es, über sie, über mich, über die Welt. Ist es nicht faszinierend, etwas zu tun, was Menschen allen übrigen Lebewesen voraus haben? Und noch etwas habe ich beim Philosophieren gelernt: Man muss nicht hundert Bücher gelesen haben, ehe man damit beginnen kann. Ich brauche dazu keine Bibliothek, sondern bloß eines: meinen Verstand. Philosophieren ist eigenes Nachdenken, kein Nach-Denken von etwas, was Andere vor-gedacht haben. Zwar weiß ich dann noch nicht, was Platon, Descartes und Kant gedacht haben. Aber immerhin ahne ich nun, dass mich ihre Gedanken etwas angehen. Wenn das alles ist, was mir Philosophieren bringt, ist es dann genug? Sollte ich mir Zeit dafür nehmen? Wieviel? Ich kann mir nicht vorstellen, mich ein ganzes Leben lang beruflich mit philosophischen Fragen zu befassen, nicht nur, weil ich keine Ahnung habe, wie man davon leben könnte. Ich stelle mir Fragen dann gerne, wenn sie mich berühren. Was einen Menschen von einem Objekt unterscheidet, frage ich mich in Situationen, in denen Menschen wie Objekte behandelt werden: benutzt, zur Schau gestellt, missbraucht. Ob es ein Leben nach dem Tod gibt, wird für mir wichtig, wenn jemand stirbt, den ich liebe, oder wenn mir klar wird, dass mein eigenes Ende nahe ist. Ob mein Leben Sinn hat, frage ich mich, wenn ich etwas verloren habe, das ihm bisher einen Sinn gegeben hat: beispielsweise meine Arbeit, meine Heimat, meine beste Freundin, meine Gesundheit. Ob ich wirklich frei bin, beschäftigt mich dann, wenn ich das Gefühl habe, dass meine Freiheit bedroht ist. Aber könnte ich ständig zweifeln, ob mein Leben Sinn macht? Könnte ich ständig hinterfragen, ob ich überhaupt etwas weiß? Könnte ich mir ständig meines sicheren Todes bewusst sein? Mir tagaus, tagein solche Fragen zu stellen, würde mich unglücklich machen. Ihnen manchmal nachzugehen, finde ich weise, ich liebe es. Ach ja, „Philosophie“ kommt aus dem Griechischen, wörtlich bedeutet es „Liebe zur Weisheit“. (Harald Wiesendanger) Illustrationen: Titelbild: Gerd Altmann/Pixabay

  • Lob des unprofessionellen Verstehens

    Verstehen uns Psycho-Profis wirklich besser? Die blamable Qualität psychologischer Gutachten deutet darauf hin, dass der Einzelfall Experten grundsätzlich überfordert – und Freud richtig lag, als er in einem seiner seltenen selbstkritischen Momente argwöhnte, Seelenexperten wie er begingen „jämmerliche Pfuschereien“. Sie versagen nicht wegen vorläufiger Wissenslücken, die wissenschaftlicher Erkenntnisfortschritt irgendwann schließen könnte. Sie scheitern aus Prinzip: Ihr naturwissenschaftlicher Ansatz verfehlt zwangsläufig, was uns ausmacht. Denn Menschen sind keine gewöhnlichen Forschungsobjekte, sondern bewusste Subjekte - Wesen mit einer jeweils einmaligen Geschichte, besonderen Lebensumständen und einer einzigartigen Erlebnisperspektive. Was sie bewegt, erschließt erst Empathie: eine fabelhafte Kulturtechnik, die Laien von Kindesbeinen an erwerben, vor und unabhängig von einem Hochschulstudium. Ein Ereignis wissenschaftlich zu erklären heißt, es aus empirisch bestätigten Gesetzmäßigkeiten herzuleiten – wobei zur Bestätigung ausschließlich wissenschaftlich anerkannte Methoden zulässig sind: im Fall der akademischen Psychologie systematische Beobachtung von objektiven, messbaren Tatsachen, außerdem Befragungen, Tests und Experimente mit quantifizierbaren Ergebnissen. Die meisten Handlungen, die ich als Laie verstehe, versteht mein Psychologe ebenfalls, wenn auch manchmal anders als ich. Darüber hinaus versteht er vermutlich weitere, deren Beweggründe unsereinem schleierhaft sind. Bloß: Wie versteht er sie? Beschränkt er sich dabei auf reine Wissenschaft, mit der er während seiner akademischen Ausbildung vertraut gemacht wurde? Oder schöpft er, ob er dies nun zugibt oder nicht, aus denselben anrüchigen Erkenntnisquellen, derentwegen er uns als stümperhafte „Küchenpsychologen“ zu belächeln gelernt hat: Lebenserfahrung, Intuition und Empathie? Es geschah aus Liebe Um das herauszufinden, würde ich ihm drei Fragen stellen: „Warum bewahrt jemand einen Zigarettenstummel jahrzehntelang in einem Glasbehälter auf seinem Nachttisch auf?“, „Warum verbrennt jemand kistenweise all seine Lieblingsbücher?“ und „Warum äußert jemand: ’Die werden heute abend knapp reichen?’“ Das erste tut ein Freund von mir. Das zweite hat im Jahre 1547 eine berühmte historische Persönlichkeit getan: ein französischer Apotheker und Arzt, der als visionärer „Nostradamus“ Weltruhm erlangte. Das dritte trug sich kürzlich in einer Konditorei zu. In jedem Fall lautet die Begründung: Es geschah aus Liebe. Mein Freund tut es, weil die Kippe die letzte war, die seine Frau ausdrückte, ehe sie starb; am Filter kleben noch Reste ihres Lippenstifts. Nostradamus tat es, weil die Bücher allesamt als „ketzerisch“ verboten waren; er befürchtete, die Inquisition könnte deren Versteck entdecken, ihn deswegen hinrichten – und damit seine zweite Frau ins Unglück stürzen, die er gerade erst geheiratet hatte. „Die werden heute abend knapp reichen“: Das hörte ich neulich eine ältere Dame sagen, die vor mir an der Verkaufstheke einer Konditorei stand; sie ließ sich 40 hausgemachte Trüffelpralinen in ein Plastiktütchen stecken. Während die Verkäuferin eine Kugel nach der anderen mit einer Zange eintütete, entfuhr ihr ein „Oha!“, was die Kundin ebenso laienpsychologisch wie blitzschnell verstand: Sie erfasste, dass sich die Verkäuferin über die unüblich große Anzahl Pralinen wunderte, und fühlte sich dazu aufgefordert, sich zu rechtfertigen. Die Verkäuferin wiederum verstand in Sekundenbruchteilen, dass die Süßigkeiten offenbar als Präsent für mindestens eine Person gedacht gedacht waren, die der Kundin besonders viel bedeuteten, sonst gäbe sie wohl kaum 25 Euro dafür aus. Und so bot sie an: „Soll ich sie Ihnen als Geschenk verpacken?“ Darüber hinaus erspürte sie intuitiv, dass die Kundin gerne mit ihr über den Anlass des Geschenks geplaudert hätte – warum sonst wies sie ungefragt, und scheinbar überflüssigerweise, auf heute abend und eine mutmaßliche Pralinenknappheit hin? Und möglicherweise gingen der Verkäuferin mehrere laienpsychologische Hypothesen durch den Kopf, die zwar alles andere als evidenzbasiert, vermutlich aber trotzdem nahe an der Wahrheit waren: Trifft die Dame heute abend jemandem, der Trüffelpralinen über alles liebt und gar nicht aufhören kann, sie zu futtern, sobald er welche vor sich liegen hat? Ihren neuen Freund? Eines ihrer Kinder samt Enkelkindern? Käme ein professioneller Psychologe darauf? Wenn ja, auf welchem Weg? „So allgemein kann ich das unmöglich sagen“, würde er voraussichtlich einräumen. „Die Psychologie kennt in der Regel nur statistische Wahrscheinlichkeiten.“ „Nun gut, dann stützen Sie sich meinetwegen auf diese“, würde ich einwilligen. „Aber bitte ausschließlich darauf.“ Er versteht – bloß wie? Nun hätte er ein Problem. Denn weltweit dürfte bislang keine einzige wissenschaftliche Studie über empirische Zusammenhänge von Bücherverbrennungen, Kippenkonservierungen und Trüffelpralinenkäufen mit bestimmten Motiven stattgefunden haben. Aber selbst wenn bereits Hunderte vorlägen - sie wären meinem Psychologen keinerlei Hilfe, nicht bloß, weil die Studienergebnisse ziemlich sicher im Widerspruch zueinander stünden, weshalb „die Faktenlage ambivalent“ wäre, wie er zugeben müsste. Das größere Problem ist: Selbst wenn bei einer bestimmten Art von Handlung mit hoher statistischer Wahrscheinlichkeit ein bestimmtes Motiv vorliegt, folgt daraus nicht, dass jeder von uns, oder zumindest dieser bestimmte Mensch hier und jetzt, höchstwahrscheinlich deswegen so handelt – und morgen am selben Ort oder anderswo genauso handeln würde, falls das gleiche Motiv fortbesteht. In seinem speziellen Fall – und Individuen liefern, zum Ärgernis von Generalisten, grundsätzlich nur Einzelfälle - ist es vielmehr äußerst unwahrscheinlich, wenn nicht gar ausgeschlossen. Was auch immer er tut, es geschieht vor dem Hintergrund eines jeweils ganz individuellen Systems von Überzeugungen, Wünschen, Neigungen, Absichten, früheren Erfahrungen, Erinnerungen und Erwartungen; vor dem Hintergrund seiner einmaligen Lebensgeschichte, bestimmter historischer Gegebenheiten und der jeweiligen Situation, an der übrigens im Alltag häufig ein bis mehrere weitere Individuen beteiligt sind, auf deren unberechenbares Mitwirken er ebenso unberechenbar reagiert. So kommt es, dass Menschen Menschenwissenschaftler penetrant ärgern, indem sie mit allergrößter Wahrscheinlichkeit etwas statistisch äußerst Unwahrscheinliches tun. Mittels Erfahrung, Intuition und Empathie gelingt es unsereinem häufig, diese Hintergründe zu erfassen und zu berücksichtigen, wenn wir das Tun eines anderen Menschen zu begreifen versuchen. Sofern der Profi es ebenfalls begreift, so deshalb, weil er sich unserer Mittel bedient – was bleibt ihm anderes übrig? In der Praxis des Beratens und Behandelns begegnet er nicht fleischgewordenem statistischem Durchschnitt, sondern immer nur einzigartigen Subjekten. Wer dort tätig ist, fernab des akademischen Hochschulbetriebs, für den erweisen sich vier bis sechs Studienjahre im nachhinein weitgehend als eine schweißtreibende Zeitvergeudung. Denn die Praxis­relevanz psychologischer Forschung ist erbärmlich, ihr Anspruch und Ansehen stehen in geradezu kafkaeskem Missverhältnis zu ihrer Brauchbarkeit. Noch vertrackter wird das Problem für einen wissenschaftlichen Psychologen dadurch, dass seine sonderbaren Objekte Bewusstsein haben. Stellen wir uns eine umfassendst aufgeklärte Gesellschaft vor, die ihr gesamtes Bildungswesen, ihre Medienlandschaft, ihre Freizeitangebote rigoros dem Ideal unterworfen hat, all ihre Mitglieder laufend auf den neuesten Stand psychologischer Forschung zu bringen. Mindestens neunzig Prozent seiner freien Zeit würde der Durchschnittsbürger damit zubringen, psychologische Studien zur Kenntnis zu nehmen. (Falls er weniger Zeit dafür aufwendet, muss er zur Strafe als Proband unbezahlt bei einem psychologischen Experiment mitmachen.) Wäre dies eine Gesellschaft, in der Menschen einander weitaus besser verstehen und viel zuverlässiger voraussagen könnten, was sie tun? Wäre es eine, in der die Wissenschaft das Helfen und Heilen revolutioniert? Nur dann, wenn ihre Mitglieder bestrebt wären, sich möglichst immer so zu verhalten, wie wissenschaftliche Studien über sie nahelegen. Doch wenn sie das nicht tun wollen? Wenn es ihnen zutiefst zuwider wäre? Wenn eine außerparlamentarische Protestbewegung die große Mehrheit der Bevölkerung dazu anstiften würde, die sanfte Diktatur der Psychoexperten beharrlich zu sabotieren? Im Gegensatz zu Dingen, wie auch zu jedem Tier, sind menschliche Subjekte imstande, sich anders zu verhalten, als ein Anderer erwartet, bloß weil sie dessen Erwartungen kennen - und keine Lust zu haben, diesen zu entsprechen. Wie malt sich ein wissenschaftlicher Psychologe das Paradies aus? Die Nachfahren von Adam und Eva kämen jedenfalls nicht darin vor. Eher schon Reiz-Reaktions-Automaten. (Harald Wiesendanger) P.S.: Warum wissenschaftlich ausgebildete Psycho-Experten im allgemeinen uns Laienpsychologen keineswegs überlegen sind - weder beim Erkennen und Verstehen von psychischen Belastungen, noch bei ihrem Behandeln -, erläutere ich in meiner zehnbändigen Schriftenreihe Psycholügen.

  • Was hat die Schulmedizin gegen Heiler?

    In der modernen, wissenschaftlich begründeten Schulmedizin sei kein Platz für esoterischen Firlefanz wie Geistiges Heilen, so polemisieren Kritiker. Der interessierten Öffentlichkeit schulden sie eine Begriffsklärung: Was ist unter „der“ Schulmedizin denn zu verstehen? Schon beim Definieren geraten sie in Verlegenheit. „Die“ Schulmedizin: Der unbedarfte Otto Normalversteher vermutet dahinter zuallererst eine geschlossene Einheitsfront der rund 365'000 deutschen Ärzte, im entschlossenen Aufklärungskampf gegen esoterische Pseudokuren. Gehen sie nicht allesamt mit dem früheren Präsidenten der Bundesärztekammer, Professor Jörg Hoppe einig: Bei Geistigem Heilen handelt es sich um „Scharlatanerie“, eine „rational nicht nachvollziehbare Methode, die in einer künftigen Diskussion keine Rolle spielen wird“. (1) So kann man sich täuschen. Die Studie einer Arbeitsgruppe der Abteilung für Theoretische Medizin der Universität Osnabrück belegt: Unter hausärztlich tätigen Medizinern steht jeder Vierte Geistigem Heilen „positiv“ gegenüber (25,8 Prozent), bei Ärztinnen sind es sogar 59 Prozent. Fast jeder Zweite kann sich Geistiges Heilen als „sinnvolle Therapie bei chronischen Erkrankungen“ vorstellen (49,2 Prozent), speziell bei psychischen Leiden sogar 77 Prozent. Knapp zwei Drittel hätten sich gewünscht, während ihrer Ausbildung mehr darüber zu erfahren. (2) Den Worten folgen Taten: Immer mehr Ärzte empfehlen, am Ende ihres Lateins, anscheinend „behandlungsresistente“ Patienten an Heiler weiter; gehen selber zu einem Heiler, wenn ihnen mit konventioneller Medizin zuwenig bis gar nicht mehr zu helfen ist; schicken schwerkranke Angehörige dorthin; beziehen Heiler in ihre Praxis ein; werden ihrerseits zu Heilern, nachdem sie entsprechende Fähigkeiten bei sich entdeckt haben. (3) Diese erstaunliche Offenheit unter Deutschlands Ärzten geht einher mit zunehmender Distanz zum vorherrschenden Medizinbetrieb. Nicht einmal jeder Zweite mag sich noch als „reinen Schulmediziner“ bezeichnen (41 Prozent). Mehr als die Hälfte hält Kritik an der Schulmedizin für notwendig. Drei von vier Ärzten beklagen, ihre Ausbildung sei „einseitig naturwisenschaftlich ausgerichtet“. 83 Prozent findet, dass „bei unserer Fortbildung alternative Heilverfahren zu kurz kommen“. Diese werden von einer Dreiviertelmehrheit „befürwortet“ (73 Prozent) – und von weit über hunderttausend Ärzten bereits in ihrer Praxis eingesetzt, allein Akupunktur von 20'000 bis 50'000. (4) „Die“ Schulmedizin, so folgt daraus, gibt es nicht. Was dafür gehalten wird, ist ein ideologisches Konstrukt, hinter dem bei näherem Hinsehen eine mächtige Fünfer-Allianz von Betonköpfen zum Vorschein kommt. Sie besetzen Lehrstühle von medizinischen Fakultäten; sie dominieren die Vorstände der ärztlichen Standesorganisationen; sie haben das letzte Wort in staatlichen Einrichtungen wie Instituten, Kommissionen und Ämtern; in Kliniken sitzen sie auf Chefsesseln; in den medizinischen Fachzeitschriften, den meinungsbildenden Organen, halten sie Redaktionen stramm auf Kurs. Wohlwollend begleitet werden sie dabei von den Lobbyisten, Öffentlichkeitsarbeitern und Marketingstrategen der Pharmabranche, der verständlicherweise vor jeglicher Heilweise graut, die ganz ohne Medikamente auskommt. Zu den Beweggründen, aus denen immer mehr Ärzte auf Distanz zu dieser Konstellation gehen, zählt unter anderem: wachsende Reflektion auf das eigene Berufsbild. Medizin ist kein Vollzugsorgan des etablierten Wissenschaftsbetriebs, sondern eine Dienstleistung: Sie soll Menschen helfen, die ihre Gesundheit verloren haben. Wenn ein Arzt zu Beginn seiner Tätigkeit den Hippokratischen Eid ablegt, so gelobt er feierlich, „mein Leben in den Dienst der Menschlichkeit zu stellen“; keineswegs schwört er, erst ein Dutzend randomisierte, placebo-kontrollierte Doppelblindstudien abzuwarten, ehe er diesen Dienst antritt. Er gelobt: „Die Gesundheit meines Patienten soll oberstes Gebot meines Handelns sein“ – aber nicht, dabei auf gewisse Mittel und Maßnahmen, wenngleich sie sich bewährt haben, von vornherein zu verzichten. Er gelobt: „Ärztliche Verordnungen werde ich treffen zum Nutzen der Kranken“ – und dass Geistiges Heilen nützt, wie auch immer, bestreitet auch unter den hartgesottensten Skeptikern mittlerweile kaum noch einer. Der Hippokratische Eid verpflichtet den Arzt zu konsequentem Pragmatismus: Was heilt, ist gut; wer heilt, hat recht. Denselben Pragmatismus legen wir Hilfesuchenden ans Herz. Nicht aufzugeben, sondern nach Auswegen zu suchen, wenn die konventionelle Medizin an ihre Grenzen stößt, ist nicht irrational, sondern über alle Maßen vernünftig. Das scheint, drei Jahre nach seinem Berliner Rundumschlag gegen geistheilende „Scharlatane“, selbst Professor Hoppe, ausgerechnet ihm, geschwant zu haben. Im Sommer 2002 war ein Fernsehteam der ARD, das ich für einen Dokumentarfilm über Geistiges Heilen beriet, nach Bonn unterwegs, zu einem Drehtermin bei dem damaligen Präsidenten der Bundesärztekammer. Was ich ihn denn gerne fragen würde, wollte der Produktionsleiter via Autotelefon von mir wissen. Mein Vorschlag: Angenommen, Herr Hoppe hätte eines Tages eine Krankheit, die aus schulmedizinischer Sicht unheilbar ist - und dann käme ein erfahrener Heiler auf ihn zu, mit dem Angebot: "Versprechen kann ich Ihnen nichts, aber ich versuche Ihnen zu helfen". Würde er so eine Offerte ausschlagen? Wie der Ärztekammerpräsident darauf reagierte, war kurz darauf im Dritten ARD-Programm S3 zu besichtigen. Er zögerte einen Moment, dann antwortete er: “Also, wenn ich zu der Überzeugung gelangt wäre, dass meine Situation ausweglos ist, dann würde ich nicht ausschließen, dass ich mich darauf einlasse.“ (5) Wenn jeder Patient mit Geistigem Heilen ebenso verfahren würde, wäre schon viel gewonnen. Ihn dazu zu ermutigen, und ihm darüber hinaus therapeutische Auswege auch in anderen unkonventionellen Heilweisen aufzuzeigen, bemüht sich die Stiftung Auswege seit nunmehr einem Jahrzehnt, übrigens gemeinsam mit zahlreichen Ärzten: Am 2. Dezember 2015 feiert sie ihren 10. Geburtstag. (Harald Wiesendanger) Anmerkungen 1 So Hoppe 1999 auf einer einer Tagung in Berlin zum Thema „Alternative zur Medizin? Der Streit um die Alternativmedizin“. Siehe H. Wiesendanger (Hrsg.): Geistiges Heilen in der ärztlichen Praxis, 5. Aufl. 2005, S. 32. 2 a.a.O., S. 13. 3 a.a.O., S. 16-30. 4 Nach Schätzungen zit. bei Wolfgang Weidenhammer: „Forschung zu Naturheilverfahren und Komplementärmedizin: Luxus oder Notwendigkeit?“, Deutsches Ärzteblatt 103 (44) 2006, A-2929 / B-2551 / C-2453. 5 Geistiges Heilen in der ärztlichen Praxis, a.a.O, S. 35.

  • Hat mein Leben Sinn?

    Von all ihren Schulfächern liebte meine jüngste Tochter Philosophie am meisten. Irgendwann kündigte der Lehrer an, in der nächsten Stunde werde es um die besonders spannende Frage gehen: „Hat mein Leben Sinn?“ Darauf bereitete ich mein Kind mit folgendem Essay vor, in dem ich ihre Perspektive einzunehmen versuchte. Was ist ein Experte? Jemand, der sich auf einem bestimmten Gebiet weitaus besser auskennt als die meisten Anderen. Wenn dort etwas unklar ist, fragt man ihn. Aus dem Fernsehen kenne ich Experten für die Börse, für das Wetter, für Terrorismus, für Erziehungsfragen, für Verbraucherrecht und so weiter. „Den“ Experten gibt es nicht, man ist es immer nur in Bezug auf eine bestimmte Gruppe. Für uns ist jeder Wissenschaftler ein Experte auf seinem Fachgebiet: zum Beispiel der Biologe für Lebensformen, der Historiker für Geschichte, der Mathematiker für Zahlen und geometrische Figuren. Unter seinen Kollegen würde ihn allerdings keiner so nennen, denn alle wissen ungefähr gleich viel über ihr Fachgebiet. Umgekehrt gibt es bestimmt in jeder Gruppe Experten für dieses und jenes. Zum Beispiel in meiner Schulklasse: Da ist Marvin der Experte für Blondinenwitze, Anja für Miley Cyrus, Alex dafür, wie man Lehrer auf die Palme bringt. Und ich fürs Trösten. In meiner Familie ist Mama die Expertin fürs Kochen - mein Vater kann höchstens Wasser erhitzen. (Smiley.) Dafür ist er der Experte für Fußball und Schach. Von beidem haben seine Frau und Kinder keine Ahnung – sagt er jedenfalls -, und darauf sind sie auch noch stolz. (Noch ein Smiley.) Gibt es Gebiete, auf denen jeder von uns sozusagen Experte ist? Bei denen es also strenggenommen Quatsch wäre, überhaupt von „Experten“ zu reden? Na klar. Von Babies abgesehen, weiß jeder von uns, wie man mit Messer und Gabel umgeht. Jeder von uns kann Sätze bilden. Jeder von uns weiß, wie man sich Kleider anzieht, eine Tür öffnet und gekochte Eier schält. Und ist nicht jeder von uns Experte, wenn es um Sinnfragen geht? Beweisen wir nicht Tag für Tag, dass wir bestens wissen, wozu etwas getan wird, welchen Zweck etwas hat? Ein Kamm ist dazu da, sich die Haare zu kämmen. Der Sinn von Zebrastreifen ist es, Fußgänger zu schützen, wenn sie die Straße überqueren. Unterrichtspausen sind zum Erholen da (falls Alex nicht gerade nervt). Und gilt das nicht auch, wenn es um mich selbst geht? Wozu ist das schwarze Ding auf meinem Nachttisch gut? Das ist ein Wecker. Zu welchem Zweck stelle ich ihn auf 5:30 Uhr? Damit ich eine halbe Stunde später startklar bin. Wozu breche ich um 6 Uhr auf? Damit ich den ersten Zug nach Heidelberg erreiche. Und wozu das? Damit ich pünktlich zur ersten Unterrichtsstunde in meiner Schule eintreffe, und so weiter. Bestimmt könnte man mir jeden Tag tausend Sinnfragen stellen, in Bezug auf beliebige Dinge um mich herum, oder auf das, was ich und Andere tun. Und tausend Mal wüsste ich die Antwort. Wieso wird die Sinnfrage plötzlich schwierig, wenn sie mich betrifft – nicht bloß all das, was in meinem Leben passiert, sondern mein Leben an sich? Wozu bin ich da? Dass das ein Riesenproblem ist, ist mir nicht erst klar, seit ich in meiner Schule einen Philosophiekurs belegt habe. Ich weiß es, seit ich weiterfrage. Wozu gehe ich überhaupt zur Schule? Um später einen guten Beruf zu haben. Wozu arbeiten? Um meinen Lebensunterhalt zu sichern – und vielleicht auch den meiner Kinder, falls ich welche haben werde -, für mein Alter vorzusorgen, der Gesellschaft nützlich zu sein, meine besonderen Talente zu entfalten, dafür Anerkennung zu erhalten. Aber wozu das? Es ist nicht so, dass keiner mir darauf antworten kann. Das Problem ist, dass mir nichts genügt, was ich zu hören bekomme. Denn was sind das für Antworten? Die einen erinnern mich an Werte und Normen: also an etwas, das als erstrebenswert oder moralisch gut gilt, an gewisse Vorschriften, wie man handeln sollte. Man sollte etwas aus sich machen. Man sollte etwas tun, von dem auch Andere etwas haben. Es sollte einem wichtig sein, dass Andere gut finden, was man macht. Man sollte Verantwortung für Andere übernehmen. Man sollte gerne leben. Keinesfalls darf man sich hängen lassen. Und schon gar nicht sollte man sich umbringen. Und wenn ich diese Werte und Normen nun ihrerseits anzweifle? Warum müssen es meine sein? Welchen Sinn haben sie? Manche sagen mir daraufhin: „Jede Gesellschaft braucht Werte und Normen, um zu funktionieren. Sie gelten deshalb, weil sie sich im großen und ganzen bewährt haben.“ Aber was geht mich die Gesellschaft an? Wozu soll ich tun, was gut für sie ist? „Auch du bist doch Teil dieser Gesellschaft!“, heißt es dann. Und wenn ich das nicht sein will? Wenn mir das wurscht ist? Andere kommen mir religiös: „Was man tun sollte, ergibt sich letztlich aus dem Willen Gottes.“ Aber wenn ich nicht an Gott glaube? Etwas bloß deshalb zu tun, weil jemand es will, ist mir zuwider. Warum sollte ich mich einem Willen beugen, bloß weil er kein menschlicher ist, sondern der Wille eines Wesens, das viele Menschen anbeten? Ich jedenfalls tue es nicht. Wieder andere versuchen es psychologisch: „Solche Fragen stellst du bloß, weil du schlecht drauf bist.“ Also sollte ich zum Psychotherapeuten, um sie loszuwerden? Da ist schon etwas dran. Es hat bestimmt seinen Grund, warum jemand nach dem Sinn des eigenen Lebens gerade jetzt fragt, nicht schon vor einem Jahr, obwohl er damals wohl kaum blöder war. Auslöser ist meistens eine besonders schwierige, belastende Situation: - Ein Lebensinhalt geht verloren: Man verliert seine Arbeit, das eigene Kind stirbt, eine Ehe zerbricht, die besten Freunde verraten einen. - Was bisher Lebensinhalt war, hört auf zu erfüllen: Die Arbeit befriedigt nicht mehr, eine Liebe erstickt in Routinen. - Ein Unglück hindert daran, weiterzuleben wie bisher: zum Beispiel, wenn man schwer erkrankt oder plötzlich behindert ist. - Man gewinnt den Eindruck, keine Kontrolle über das eigene Leben zu haben und Opfer eines blinden Schicksals zu sein, oder von erdrückenden Umständen, vor denen man nicht davonlaufen kann. - Manchmal überkommt es uns aber auch „einfach so“, wenn uns danach ist. Melancholische, sensible, besonders nachdenkliche Menschen sind anfälliger dafür als Leute, die immer gut drauf in den Tag hineinleben. Und es gibt die Pubertätskrise, die „Midlife“-Krise, den „Rentner-Blues“. Dann beginnen wir, unser bisheriges Tun, unser gesamtes Leben von außen zu betrachten. Wir gehen auf Abstand zu uns selbst, um zu sehen, wie sinnvoll es von dort aus erscheint. Enttäuscht uns, was uns diese objektive Perspektive vermittelt, können wir depressiv werden. Schlimmstenfalls denken wir an Selbstmord. Aber warum soll eine Frage nicht gut sein, bloß weil sie sich meistens nur unter bestimmten Umständen stellt? Verhält es nicht andersherum: Eine besondere Situation macht mir eine gute Frage bewusst, die ich mir längst hätte stellen müssen? Fällt es mir nicht endlich wie Schuppen von den Augen? Lief ich bisher nicht blind durchs Leben, ohne mir bewusst zu machen, wozu ich letztlich all die Dinge tue, die mein Leben ausmachen? Auch das gehört ja zur Suche nach Sinn: das Gefühl, der einzig Sehende unter Blinden zu sein – der einzige, der begreift, wie absurd das alles ist, was die übrigen tun. Sie kaufen ein, weil der Kühlschrank leer ist. Sie machen Urlaub, um sich zu erholen. Sie gehen zum Friseur, um sich einen neuen Haarschnitt verpassen zu lassen. Sie machen eine Diät, um abzunehmen. Sie arbeiten, um ein Einkommen zu erzielen. Sie treiben Sport, um fit zu bleiben. Sie treffen Freunde oder hören Musik, weil sie Lust dazu haben. Sie lesen ein Buch, weil sie sein Thema oder der Autor interessiert. Sie gehen eine Beziehung ein, um glücklich zu sein. Sie zeugen Kinder, um in ihnen weiterzuleben. „Wo, bitteschön, ist das Problem?“, fragen sie. Es besteht darin, dass wir innerhalb unseres individuellen Lebens zwar reichlich Begründungen und Rechtfertigungen für unser Handeln finden – aber keine davon erschließt uns dessen Sinn als Ganzes. Für gewöhnlich bewegen wir uns klaglos in unserem persönlichen Käfig, in den uns die besonderen Koordinaten von Raum und Zeit, der Spezies, des Kulturkreises, des Landes, der Organisationen, Gruppen und Beziehungen sperren, die unser Dasein bestimmen. Weder scheren wir uns darum, dass wir da drinnen sind, noch beklagen wir es, noch grübeln wir darüber, wie wir ihm entfliehen könnten, noch malen wir uns aus, wie es draußen wohl sein mag, noch sehnen wir uns dorthin – normalerweise. Doch egal, welchem persönlichen Lebenssinn man folgt: Sobald man sich auf ihn besinnt, wirkt plötzlich konstruiert, erfunden, irgendwie willkürlich, bodenlos. Und jeder lässt sich erbarmungslos hinterfragen. Wozu am Arbeitsplatz als unersetzlich gelten? Unsere Friedhöfe sind voll von lauter unentbehrlichen Leuten. Wozu irgendetwas besitzen wollen? Nichts davon werden wir am Ende mitnehmen können. Wozu Kinder in die Welt setzen? In spätestens hundert Jahren werden sie tot sein, sofern sie nicht schon vorher einer schlimmen Krankheit oder einem schweren Unfall zum Opfer fallen. Wozu Patienten helfen und heilen, wozu gesund werden? Ob man seine Krankheit los wird oder nicht: Irgendwann erliegt man unausweichlich einer anderen oder segnet aus sonstigen Gründen das Zeitliche. Wozu der Nachwelt im Gedächtnis bleiben wollen? Auch diese wird vergehen, und mit ihr jegliche Erinnerung an uns. Wozu sich für Dinge einsetzen, die der Menschheit nützen – für Umweltschutz und Frieden, gegen Hunger, Folter, Unterdrückung, Krieg? Vernichtet wird sie ohnehin früher oder später. In ein paar Milliarden Jahren wird sich unsere Sonne zu einem Roten Riesen aufblähen, der auf unserem Planeten Berge wie Butter schmelzen lassen und eine öde, mondähnliche Wüstenlandschaft zurücklassen wird. Selbst wenn die Menschheit bis dahin zu anderen Sonnensystemen umsiedeln könnte, würde es ihr letztlich nichts nützen: Das Universum wird dereinst im Nichts verschwinden. Demnach ist nichts groß genug, um nicht winzig zu erscheinen. Der Abstand entscheidet. Spätestens jetzt fühle ich mich alleingelassen mit meiner quälenden Sinnfrage. Einerseits komme ich selber nicht mehr weiter, und das macht mich wütend und leer zugleich. Andererseits gibt es anscheinend niemanden, der mir jetzt noch weiterhelfen kann. Woran könnte das liegen? Ein Grund könnte sein, dass es keine Antwort gibt. Oder dass die Wahrheit so ausfällt, wie ich befürchte: Mein Leben ist letztlich sinnlos. Oder dass mit meiner Frage etwas nicht stimmt. Wann sind Sinnfragen sinnlos? Tatsächlich fallen mir dazu Beispiele ein. Während mein Vater mal wieder Fußball guckt, frage ich ihn: „Wozu nimmt der Spieler den Ball in die Hand?“ Er erklärt: „Das ist ein Einwurf.“ Kurz darauf will ich wissen: „Wozu legt der Spieler den Ball auf den Kreidepunkt da?“ Er sagt: „Es gibt Elfmeter!“ Ein paar Sekunden später tritt der Typ den Ball kräftig nach vorne. Zwischen zwei Pfosten, die eine Querlatte halten, fliegt der Ball in ein Netz. Im selben Augenblick springt mein Vater wie von Taranteln gestochen aus dem Sessel. Falls ich jetzt zu fragen wage: „Was soll das?“, würde er mich bestimmt entgeistert anschauen: „Das war ein Tor, du Mondlicht!“ Und wenn ich nun weiterfragen würde: Wozu ein Einwurf? Wozu ein Elfmeter? Wozu Tore? Was ich damit beweisen würde, wäre vor allem eines: Von Fußball habe ich keinen blassen Schimmer. Das heißt: Ich kenne die Regeln dieses Spiels nicht. Genauso ist es, wenn ich mit ihm Schach spiele. Was machen wir da eigentlich? Wie würde es ein Außenstehender beschreiben, der uns zusieht und von Schach keine Ahnung hat? Er würde sagen: Zwischen meinem Vater und mir liegt ein quadratisches Brett, regelmäßig unterteilt in 64 Felder. Darauf stehen 32 kleine Figuren, 16 schwarze und 16 weiße. Die einen berührt nur er, die anderen nur ich. Die Figuren haben sechs verschiedene Formen, und jede hat einen Namen: Turm, Pferd, Läufer, Dame, König, Bauer. Abwechselnd schieben wir unsere Figuren auf dem Brett hin und her, manche nur ein Feld weiter, manche zwei oder mehrere; manche nur vorwärts, manche auch rückwärts, nach links oder rechts; manche geradeaus, manche schräg. Ab und zu kommt es vor, dass einzelne Figuren vom Brett entfernt werden. Wir hören auf zu spielen, wenn einer von uns „Schachmatt!“ sagt und der andere zustimmt, wieso auch immer. Anschließend könnte uns der Beobachter eine Unmenge Sinnfragen stellen. „Wozu spielt ihr mit 32 Figuren, nicht mit 16? Wozu haben die bloß zwei Farben, nicht drei oder vier? Wozu so viele Felder, warum nicht bloß 48? Wozu bewegt ihr einen Läufer bloß diagonal? Wozu verwendet ihr bloß sechs Arten von Figuren, und wozu ausgerechnet diese? Warum nicht zusätzlich eine Pyramide, eine Kuh, einen Arbeiter?“ und so weiter. Da wären mein Vater und ich uns ausnahmsweise völlig einig: So kann nur einer fragen, der nicht weiß, nach welchen Regeln man Schach spielt. Und wenn nun jemand das Spiel selbst von außen betrachtet und als ganzes in Frage stellt? Wenn ihm unklar ist, wozu überhaupt Fußball und Schach gespielt werden? Wozu es ihre Regeln gibt, wozu man sich an sie hält? Dann hinterfragt er das Spielen auf ähnliche Weise, wie ich es mit meinem Leben tue, wenn ich wissen will, ob es letztlich einen Sinn hat. Darauf könnten wir antworten: „Das hängt vom Spiel ab. Beispielsweise kann man dabei lernen, sich entspannen, Langeweile vertreiben, Sorgen vergessen, Spaß haben, Kontakte knüpfen, sich mit Anderen messen, sein Glück versuchen, sich bewegen, gemeinsam mit Anderen etwas tun, eine Fähigkeit trainieren und unter Beweis stellen usw.“ Und wenn der Beobachter jetzt noch immer nicht zufrieden ist? Wenn er weiterfragt: „Aber wozu Spaß haben, Kontakte zu Anderen suchen, mit ihnen einen Wettbewerb austragen? Wozu üben und beweisen, was man kann? Wozu all das?“ Was genau will er nun eigentlich wissen? Welche Art von Antwort würde ihn zufrieden­stellen? Jedes einzelne Spiel, und auch das Spielen überhaupt, hat keinen anderen Sinn als den, den Menschen ihm gaben, als sie es erfanden, und wir darin finden, wenn wir uns darauf einlassen. Wozu spielen wir überhaupt? Weil es im allgemeinen seinen Zweck erfüllt: Meistens macht es uns ja tatsächlich Spaß, wir langweilen uns dabei nicht usw. Wenn uns eine andere Tätigkeit mehr gibt, ziehen wir sie dem Spielen vor; vielleicht surfen wir dann lieber im Internet, hören Musik, lesen, chillen mit Freunden, gehen spazieren, treiben Sport oder tanzen, was auch immer. Wonach sucht jemand, wenn ihm kein Zweck genügt, solange Menschen ihn festgelegt haben? Offenbar geht es ihm um einen „höheren“ Zweck: einen, den es unabhängig von menschlichen Absichten, Bewertungen und Entscheidungen gibt. Macht das Sinn? Wo Sinn ist, muss ein Geist am Werk sein – wenn nicht ein menschlicher, welcher sonst? Weht eine Sturmböe den Ball ins Tor, grüble ich nicht darüber, wozu sie das macht – oder jemand durch sie. Wieso nicht? Weil ich es absurd fände, einem Wetterphänomen Motive zu unterstellen. Ich kenne Ursachen, also höre ich auf, nach Gründen zu fragen. Mich beschäftigt nicht mehr, wozu es schneit, wozu Wasser abwärts fließt, wozu der Mond um die Erde kreist, wozu sich Eisenfeilspäne auf einen Magneten ausrichten. Denn ich weiß, warum. Ist es nicht genau das, was mir Naturwissenschaften in der Schule bringen? Sie beantworten meine Warum-Fragen. Dabei ersetzen sie Glaube durch Wissen. So machen sie Wozu-Fragen überflüssig, oder nicht? Wie dachten Menschen, ehe sich die modernen Naturwissenschaften entwickelten? Wozu gibt es Sterne? Gott hat sie am Himmelszelt befestigt, um die Nacht zu erleuchten. Wozu blitzt es? Zeus schleudert Donnerkeile. Wozu treten Flutwellen auf? Der Meeresgott zürnt. Wozu die Pest? Gott straft. Wozu eine Fata Morgana? Wüstengeister treiben Schabernack. Wozu Erdbeben? Mutter Gaia ist wütend. Und wie denken kleine Kinder? Benjamin, mein süßes Bruderherz, ist vier. In seiner Welt wimmelt es nur so von Dingen, die künstlich geschaffen sind – gemacht von seinen Eltern, von anderen Menschen, von Gott, von Märchenfiguren und anderen unsichtbaren Wesen. Hinter allem und jeglichem sieht er einen Sinn. Wird er damit nicht aufhören, wenn er zur Schule geht? Müsste er das eines Tages bedauern? Vielleicht – falls auch er sich eines Tages zu fragen beginnt, wozu er lebt. Nichts von alledem, was er bis dahin in der Schule gelernt hat, wird ihm dabei zum ersehnten Ziel führen, genausowenig wie mich. Sollte er deshalb Philosophie studieren? Könnte er dort einen „objektiven“, „letzten“, „höchsten“ Sinn finden, der für uns alle notwendig gilt, jederzeit und überall? Ich glaube nicht. Zwar kenne ich bestimmt nicht einmal einen Bruchteil der Antworten, die Philosophen im Laufe von über zweitausend Jahren auf die Sinnfrage gegeben haben. Aber ich befürchte, dass Benjamin mit jeder Antwort am Ende dasselbe Problem hätte wie ich: Egal mit welchem „höheren“ Sinn ich den subjektiven begründen will, den mein Leben bisher hatte – es geht nicht, weil nichts zu „hoch“ ist, als dass man es nicht seinerseits „von oben“ betrachten könnte. Es ist wie bei Aladin, als er die Wunderlampe entpfropfte: Ein Geist wird freigesetzt, der sich nie mehr einfangen lässt, sobald wir ins Philosophieren geraten und darangehen, die üblichen Antworten, die wir innerhalb unseres Lebens auf Sinnfragen finden, mit „höheren“ Zwecken letztbegründen wollen. Wir unterwerfen uns dabei Erkenntnisansprüchen, die nicht befriedigt werden können – nicht aus einem Mangel an Wissen, sondern aus logischer Notwendigkeit. Denn unser Leben als Ganzes könnte etwas „Höheres“ nur dann sinnvoll machen, wenn dieses einen Sinn hätte – und eben das lässt sich ebenfalls stets in Zweifel ziehen. Wozu ist das „Höhere“ da? Entweder gibt es eine Antwort darauf – dann stellt sich die Frage erneut. Oder es gibt sie nicht – dann sind wir bei unserer Sinnsuche am Ende bei etwas angelangt, das selber keinen Sinn mehr hat. Wenn wir bereit sind, diesen Makel bei jenem „Höheren“ zu akzeptieren – warum sollten wir an die gewöhnlichen, ganz persönlichen Zwecke unseres Lebens strengere Maßstäbe anlegen? Religiöse Sinngebung führt da nicht weiter, zumindest nicht mich. Wenn Theologen mir versichern, zumindest mit Gott als „höchster“ Instanz, als „letztem“ Grund verhalte es sich ganz anders, so bin ich wenig zuversichtlich, ob ich je verstehen werde, was sie damit eigentlich meinen – und ob sie selbst es wirklich verstanden haben. Erhält mein Leben seinen „letzten“ Zweck, indem es Gott wohlgefällig ist und seinen Plan erfüllt, in einer Weise, die keinen weiteren, übergeordneten Zweck mehr erfordert und zulässt? Kann es etwas geben, das einerseits allem anderen dadurch Sinn gibt, dass es dieses umfasst, seinerseits aber einen Zweck weder haben kann noch haben muss? Etwas, dessen Zweck nicht von außen erfragt werden kann, weil es hier kein Außen mehr gibt? Ein Innen ohne Außen macht nicht mehr Sinn als ein Unten ohne Oben, ein Links ohne ein Rechts, ein Vorne ohne ein Hinten, ein Unten ohne ein Oben. Sollten wir von grundlegenden, tiefsten Einsichten nicht erwarten dürfen, dass sie sich auf eine Weise darlegen lassen, die grundlegende Sprachlogik nicht zutiefst verletzt? Ein Lebenssinn, den ich nicht begreifen kann, bereitet mir schwachen Trost: Er ersetzt das Unbehagen an einer fragwürdigen Antwort durch das Unbehagen an einer, bei der jedes Hinterfragen daran scheitert, dass fraglich ist, ob es sich überhaupt um eine sinnvolle Aussage handelt. Wenn Gottesglaube die Überzeugung einschließt, mein Dasein sei verstehbar, bloß nicht für mich, dann tausche ich offenbar ein Vakuum gegen ein anderes. Macht das denn Sinn? Ein „letzter“, „höchster“, „absoluter“ Sinn ist daher wohl nicht zu haben. Jenseits von Zusammenhängen, deren Beteiligte vorab festgelegten Zwecken und Normen folgen, macht Sinnsuche so viel Sinn wie die Frage, ob es jenseits des Fußballs, unabhängig von seinem Regelwerk, ein Erkenntnisziel gibt, aus dem in letzter Instanz folgt, wozu Eckbälle, Freistöße und Elfmeter „eigentlich“ ausgeführt werden. Die philosophische Sinnfrage lässt sich nicht lösen, nur auflösen – in einem Dasein, das so befriedigt und erfüllt, dass man es leid ist, sie weiterzuverfolgen. Dann verflüchtigt sie sich, wie eine schlechte Laune. Falls mir alles, was ich in meinem Leben wichtig, wertvoll und erstrebenswert finde, aus einer höheren Warte unscheinbar und nichtig vorkommt: Was will ich überhaupt da oben? Nichts und niemand zwingt mich dazu. Wenn mein Dasein von dort aus unbedeutend erscheint: Muss das für mich von Bedeutung sein? Wenn ich Ja zum Leben sage: Darf ich mir dann nicht die Freiheit herausnehmen, Aufforderungen zum Tiefstschürfen zu ignorieren, die meine Lebensqualität ohne Not und Ausweg beeinträchtigen? Was folgt daraus? Muss ich mir abgewöhnen, die Außenperspektive einzunehmen, sollte ich sie einfach abschaffen? Das kann ich nicht. Keinem Menschen gelingt das. Denn dass ich mich selbst, mein ganzes Leben wie von oben betrachten kann, ergibt sich daraus, dass ich ein Wesen mit Selbstbewusstsein bin. Die Einsicht, dass mein Dasein aus höherer Warte absurd erscheint, ist der Preis, den ich dafür zahlen muss, dass ich fähig bin, zu mir selbst auf Distanz zu gehen. Auch wenn ich die Sinnfrage nicht pausenlos stelle, sondern nur unter besonderen Umständen, werde ich sie nie ganz los, sie hört nicht auf, mich zu umlauern. Insofern hinkt der Vergleich mit Aladins Wunderlampe: Der Geist, den ich weder bändigen noch bannen kann, ist keiner, der sich je hätte einsperren und in dauerhafter Gefangenschaft halten lassen. Er führt ein aufsässiges Eigenleben, er umschwebt mich ständig, er gehört zu mir wie ein zweites Selbst, und jederzeit kann mein waches Ich beschließen, zu ihm überzuwechseln. Wer sich von dieser Möglichkeit nicht verunsichern lässt, verbessert seine Chancen auf ein glückliches, erfülltes Leben. Damit mache ich jetzt gleich weiter. Bin nämlich mit Marvin, Anja und Alex verabredet. Wozu, weiß ich. (Harald Wiesendanger)

  • Was ist Wahrheit?

    Unter allen Nebenfächern liebte meine jüngste Tochter, als sie noch zur Schule ging, Philosophie am allermeisten. Irgendwann stand Erkenntnistheorie auf dem Stundenplan, und sie führte zur Wahrheitsfrage. Worum geht es dabei? Dazu schrieb ich meinem Kind den folgenden Text. Was ist Wahrheit? Jedenfalls ein Wort, das zu 32,3 Millionen Ergebnissen führt, wenn ich bei Google danach suche. Findet man irgendwo eine Antwort? Ich habe sie bei 0,00005 Prozent der Websites gesucht, die Google auflistet, das sind ungefähr 15. Wieviele Antworten fand ich? Mindestens 15. Das zeigt, wie schwierig es ist, den Begriff Wahrheit zu definieren – wie sehr die Meinungen darüber auseinandergehen. Und deshalb suche ich nach einer Antwort lieber nicht im Internet, sondern in mir selber. Was geht mich diese Frage überhaupt an? Wann wird sie wichtig für mich? Sie wird es, wenn es um den Unterschied zwischen Glauben und Wissen geht. Bestimmt habe ich mindestens genauso viele Überzeugungen, wie es Wahrheitsdefinitionen im Internet gibt. Alle halte ich für wahr, sonst hätte ich sie nicht. Aber sind sie es? Wenn ich Zweifel habe, wie kann ich sichergehen, dass sie stimmen? Mit anderen Worten, wann wird eine Überzeugung zu Wissen? Eine Antwort könnte lauten: Sie ist wahr, wenn viele Andere dasselbe glauben, oder besser alle. Aber könnten nicht alle irren? Es gab Zeiten, zu denen alle Menschen glaubten, Sterne seien an einem Himmelszelt befestigt. Alle glaubten, dass die Erde eine Scheibe ist. Alle glaubten, die Erde sei der Mittelpunkt der Schöpfung. Alle glaubten, dass die ersten Menschen Adam und Eva hießen und von Gott aus dem Paradies auf die Erde verbannt wurden. Alle hatten unrecht. Was sonst könnte Wahrheit bedeuten? Ich glaube: Die Quadratwurzel aus 16 ist 4. Wie kann ich das wissen? Ich habe Mathematik gelernt, ich kenne ihre Rechenregeln, und wenn ich sie richtig anwende, kann ich nicht auf 5 oder 3 kommen, sondern nur auf 4. Ich glaube: Wenn Heidelberger Baden-Württemberger sind und alle Baden-Württemberger Deutsch sprechen, dann sprechen auch alle Heidelberger Deutsch. Das ergibt sich aus den Gesetzen der Logik. In beiden Fällen kann ich über die Wahrheit eines Glaubens entscheiden, indem ich einfach nachdenke. Und ähnlich ist es zum Beispiel auch mit dem Glauben, dass ich nicht zu Hause bin, wenn ich verreise. Denn es gehört zur Bedeutung des Begriffs Verreisen, an einem anderen Ort zu sein als dem, wo man normalerweise wohnt. Ebenso weiß ich: Wo Lärm ist, kann es nicht still sein – das muss ich nicht erst nachprüfen. Wenn ein Kreis gemalt wird, muss ich nicht dabei zusehen, um zu wissen, dass er keine Ecken hat. Wenn es morgen stark regnet, wird es draußen nass sein – um das zu wissen, muss ich nicht erst den nächsten Tag abwarten. Das heißt, es gibt eine Art von Wissen, das ich habe, indem ich Sprache beherrsche. Aber nicht immer kann ich eine Wahrheit herausfinden, indem ich einfach nachdenke. Wenn ich zum Beispiel glaube, dass alle Schwäne weiß sind, behaupte ich etwas, das sich als falsch herausstellen kann – durch Tatsachen, die meine Meinung widerlegen. Auch wenn alle Schwäne weiß waren, denen ich bisher begegnet bin, könnte es irgendwo andersfarbige geben. Und tatsächlich sind im 17. Jahrhundert in Australien schwarze Schwäne entdeckt worden. Was bedeutet Wahrheit in so einem Fall? Es bedeutet, dass meine Überzeugung mit den Tatsachen übereinstimmt. Einen schwarzen Schwan kann ich sehen. Ich kann das zwar nicht von hier aus. Aber ich könnte es, wenn ich nach Australien fliege. Doch wie ist das mit Überzeugungen über etwas, das weder ich noch sonst jemand wahrnehmen kann? Ich glaube, dass mein ganzer Körper aus Zellen besteht, obwohl ich noch nie eine gesehen habe. Aber ich könnte auf andere Weise herausfinden, dass ich recht habe: Ich lege ein Haar oder einen Hautfetzen unter ein Mikroskop. Aber nicht alles, was unsichtbar ist, kann sichtbar gemacht werden. Ich glaube, dass mein Klassenkamerad Schmerzen hat, wenn ich ihm ein Buch auf den Kopf haue. Aber ist das wahr? Woher weiß ich das? Seinen Schmerz kann ich nicht beobachten, und niemand sonst kann es. Wenn ich eine Chirurgin wäre, dann könnte ich seinen Schädel öffnen – dort fände ich ein Gehirn, aber keinen Schmerz. Wenn ich trotzdem sicher bin, dann deshalb, weil ich es aus seinem Verhalten erschließe. Er verzieht das Gesicht, er hält sich den Kopf, er schreit, er jammert, er weint, er sagt: „Das tut weh.“ Und all das gibt mir genügend Gründe. Aber könnte er nicht bloß so tun, als ob er Schmerzen hätte? Könnte er wie ein guter Schauspieler eine Empfindung vortäuschen, die er gar nicht hat? Fühlen sich Schmerzen für ihn genauso an wie für mich? Das weiß ich nicht. Und ebensowenig weiß ich, wie ich das herausfinden könnte. Also gibt es Überzeugungen, von denen man nicht feststellen kann, ob sie wahr sind. Überzeugungen sind wahr, wenn sie mit Tatsachen übereinstimmen. Aber worin besteht diese „Übereinstimmung“ eigentlich? Ich sitze im Café, bestelle ein Eis, probiere es und kann bestätigen: Es schmeckt nach Schokolade. Wie kann diese Tatsache „übereinstimmen“ mit dem Satz „Das Eis schmeckt nach Schokolade“, den ich ausspreche, schreibe oder denke? Ich verstehe, dass zwei Fingerabdrücke übereinstimmen, wenn sie von derselben Person stammen. Ich verstehe, dass ein Schlüssel mit dem Zweitschlüssel übereinstimmen kann, den ich anfertigen ließ; oder ein kopiertes Blatt mit dem Original. Beide sind gleich. Aber ähnelt ein Schokoladeneis im geringsten den Linien, die ich produziere, wenn ich auf einen Zettel „Das Eis schmeckt nach Schokolade“ schreibe? Oder den Lauten, die ich bilde, wenn ich diesen Satz ausspreche? Oder meinem Gedanken an Schokoladeneis? In meinem Kopf wird es dabei weder kalt, noch würde jemand darin auf Schokogeschmack stoßen, falls er ihn öffnet. Wie soll die geheimnisvolle Verbindung zwischen Glauben und Wirklichkeit denn zustande kommen? Wie kann man überhaupt eine Tatsache meinen? Das zeigt mir zur Zeit Lukas, ein süßer Nachbarsjunge. Knapp ein Jahr alt ist er nun, er lernt gerade seine ersten Wörter. Wie schafft ein Baby das? Bestimmt nicht durch Hellsehen – indem es beispielsweise einen unsichtbaren Pfeil entdeckt, der von einer „Mama“-Schallwelle ausgeht und auf etwas zeigt, das einen bestimmten Sinneseindruck auslöst, wie das nur die Frau kann, die ihn geboren hat. Selbst wenn es so einen „Bedeutungspfeil“ gäbe und Lukas ihn „sehen“ würde, könnte er nichts damit anfangen, denn er hat noch keine Ahnung, was ein Pfeil ist, eine Richtung, eine Spitze, ein Zeigen. Es ist doch eher so: Oft, wenn vor ihm ein Ball ist, hört er das Wort „Ball“; ist keiner da, hört er es nicht. Ahmt er das Wort in bestimmten Situationen nach, erfährt er zustimmende oder ablehnende Reaktionen. Ist da tatsächlich ein Ball, wird er angelächelt oder übers Köpfchen gestreichelt; er hört „Ja!“, „Gut!“, „Prima!“, „Stimmt!“, „Super!“ in einem bestimmten Tonfall, und diese Worte klingen anders als Verneinungen. (Positive und negative Reaktionen können Säuglinge schon ab der dritten Lebenswoche unterscheiden, las ich irgendwo.) Das wiederholt sich mit anderen Bällen, und dabei lernt Lukas allmählich nicht nur, die typischen Laute des Wortes „Ball“ so zu bilden wie wir, sondern auch, es richtig anzuwenden – nämlich nur auf Bälle, nicht auf Papa, Milchflaschen, Schnuller und Katzen. Ähnlich lernt das Baby die Bedeutung von Adjektiven wie „rot“ und von Verben wie „hüpfen“. Es lernt Verknüpfungen von Wörtern („rot“/“Ball“, „Ball“/hüpft“) und das Bilden von Sätzen daraus („Der Ball ist rot“, „Der Ball hüpft“). Und langsam begreift Lukas: Ob etwas ein Ball ist, hängt nicht davon ab, wie groß es ist, wie es sich anfühlt, welche Farbe es hat, wie schwer es ist - sondern bloß davon, ob es rollen und hüpfen kann und seine Form verändert, wenn man es drückt, das heißt, wenn es elastisch und regelmäßig rund ist. Ist es bloß rund, aber nicht elastisch, dann heißt es „Kugel“. So entdeckt es rollende Bälle und und andere Tatsachen: Mit dem richtigen Gebrauch von Wörtern lernt es Begriffe, mit Begriffen ordnet es seine Erfahrungen. So lernt es zu denken. Aber Tatsachen bestehen doch unabhängig davon, wie wir sie beschreiben. Sie bestünden auch dann, wenn es im ganzen Universum kein einziges intelligentes Lebewesen gäbe, das sie in Worte fassen könnte. Selbst wenn die Erde menschenleer wäre, bliebe es doch eine Tatsache, dass sie vom Mond umkreist wird – oder etwa nicht? Richtig, aber das ist nicht der Punkt. Sprache und Wirklichkeit hängen insofern zusammen, als wir Wörtern völlig andere Bedeutungen geben könnten – dann würden wir auch andere Tatsachen feststellen. Angenommen, es gäbe eine Sprache, in der das Wort „Ball“ nur für rote Bälle verwendet wird; für deren Sprecher wäre es dann eine Tatsache, dass Tennis und Golf nicht mit Bällen gespielt werden. Oder angenommen, das Wort „Ball“ würde bedeuten: „alles, was rollen kann“. Dann würden wir es beispielsweise korrekt anwenden auf Autoreifen, Klopapier­rollen, Luftballons, Flugzeuge, Orangen, Nudelhölzer, Panzer, Deosticks, Busse, Münzen, Trinkgläser, Züge und Kugelgürteltiere. Und dann wäre es eine Tatsache, dass man mit Bällen zur Schule fahren, Einkäufe bezahlen, fliegen, Orangensaft machen, Krieg führen, sich den Hintern abwischen kann. Aber ist das alles nicht viel zu unterschiedlich, als dass man es mit ein und demselben Wort bezeichnet könnte? Täte man der Wirklichkeit dabei nicht Gewalt an, würde sie der Sprache nicht gleichsam Widerstand leisten? Andererseits: Welches Aussehen, welches Verhalten verbindet eine Amöbe, eine Spinne, eine Eule, eine Giraffe und eine Qualle? Trotzdem bezeichnen wir sie alle als „Tier“. Wie sehr unterscheiden sich gefrorenes, flüssiges und verdampftes Wasser! Und doch nennen wir es „Wasser“. Was haben Brettspiele, Kampfspiele, Kartenspiele und Ballspiele gemeinsam – Tarot mit Eishockey, Mühle mit Flippern, Bowling mit Blinde Kuh? Trotzdem heißen sie „Spiele“ - nicht ihrer Natur wegen, aufgrund eines „objektiv“ gemeinsamen Wesensmerkmals, sondern infolge von sprachlichen Regeln. Insofern werden Tatsachen durch Sprache „konstruiert“. Heißt das: Indem wir eine Sprache teilen, sind auch alle Tatsachen für uns dieselben? Natürlich nicht. Über Tatsachen können Menschen sehr unterschiedliche Meinungen haben. Wenn eine Freundschaft kaputt geht, kann sie sagen: „Das liegt daran, dass er langweilig war.“ Er sieht das vielleicht ganz anders: „Es liegt daran, dass sie immer Action wollte.“ Vielleicht haben beide recht, aus ihrer Sicht – beide sind im Besitz einer subjektiven Wahrheit. Gibt es darüber hinaus auch objektive Wahrheiten? Oder ist letztlich alles bloß Ansichtssache, und keiner hat jemals Recht? Das wäre nicht nur besorgniserregend, sondern unlogisch. Dass meine Meinung „nur subjektiv wahr“ sei, „aber nicht objektiv“, kann jemand nur dann sinnvoll behaupten, wenn zumindest er selber Zugang zu objektiven Sachverhalten hat. Woher wüsste er sonst, dass das eine das andere verfehlt? In einem indischen Märchen versuchen sechs Blinde zu beschreiben, wie ein Elefant aussieht. Dabei berührt jeder ein anderes Körperteil des Tiers. Anschließend geben sie sechs verschiedene Antworten. „Ein Elefant ist wie eine Säule“, behauptet derjenige, der das Bein befühlt hat. „Nein, wie ein Seil, das am Ende ausgefranst ist“, widerspricht ein Zweiter, nachdem er den Schwanz abgetastet hat. „Nein, wie eine feuchte Hand, die sich immerzu schließen will und sich doch gleich wieder öffnet!“, meint jener, der sich mit dem Rüssel befasst hat. „Wie ein Handfächer!“, befindet einer, der das Ohr untersuchte. „Wie eine spitz zulaufende Röhre!“, glaubt jener, der mit dem Stoßzahn zu tun hatte. Und für den Sechsten fühlt sich der Bauch „wie eine Wand“ an. Recht haben irgendwie alle. Aber wie könnte uns das Märchen lehren, was es zu zeigen versucht, wenn es neben den vielen Blinden nicht wenigstens einen Sehenden gäbe? Wenn Gegensätze zwischen subjektiven Wahrheiten scheinbar nicht aufzulösen sind, liegt das oft daran, dass beide fälschlicherweise den Anschein erwecken, als gälten sie objektiven Tatsachen. In Wahrheit beschreiben sie aber, was in den beteiligten Subjekten vor sich geht. Tina schwärmt: „Dieses Parfum duftet betörend“. Max winkt ab: „Es stinkt widerlich“. Bernd meckert: „Die Suppe ist versalzen.“ Klara widerspricht: „Quatsch, die hat eher zuwenig Salz.“ Es scheint so, als werde dabei über ein Merkmal des Parfums, der Suppe gestritten: den Duft, den Geschmack. Tatsächlich geben die Streithähne bloß wieder, welche Empfindungen in ihnen ausgelöst worden sind. Gleichermaßen Recht haben können sie deshalb, weil zwei Subjekte von ein und derselben Sache zweierlei Eindrücke gewinnen können. In anderen Fällen lässt sich durchaus objektiv feststellen, ob eine subjektive Meinung zutrifft oder danebenliegt. Da sagt jemand: „Hitler war ein skrupelloser Massenmörder.“ Der Neonazi ist ganz anderer Meinung: „Hitler war ein guter Mensch, der wollte keinen umbringen, es sei denn aus Notwehr.“ Müssen wir das so stehen lassen, weil letztlich „jeder aus seiner Perspektive recht hat“? „Skrupel“, „Massenmord“, „Notwehr“, „jemanden umbringen wollen“: Zur Bedeutung dieser Begriffe gehören gewisse Anwendungsbedingungen, von denen wir sehr wohl feststellen können, ob sie vorliegen oder fehlen: etwa indem wir Zeitzeugen befragen, Filmaufnahmen auswerten, Redetexte, Tagebücher und andere Schriften von Hitler lesen. Wer sie ignoriert oder leugnet, hat nicht bloß eine „subjektive Perspektive“, sondern eine verkehrte. Aber kann es überhaupt eine objektive Wahrheit geben? Tatsachen hat niemand von uns jemals direkt wahrnehmen können. Im Physik- und Biologieunterricht habe ich gelernt: Wie die Welt ist, vermitteln mir die Sinnesorgane. Augen, Ohren, Nase, Haut empfangen Reize, Nerven leiten diese in mein Gehirn, dort entstehen Wahrnehmungen. Ist es wahr, dass vor mir ein Tisch steht? Sind hier Menschen um mich herum? Oder etwas ganz anderes? Bloß Wolken von Atomen, deren Kerne von Elektronen umschwirrt werden? Der Tisch, mein Sitznachbar, der Lehrer da vorne kommen mir fest vor. Doch im Grunde, so lerne ich im Physikunterricht, ist da, wo sie sich befinden, fast nur Leere: Könnte ich eines der Atome, aus denen sie bestehen, tausend Billionen Mal vergrößern, dann sähe ich einen Kern mit knapp zwei Metern Durchmesser, um den 0,1 Millimeter große Elektronen kreisen – in fünfzig Kilometern Entfernung. Was mein Auge reizt, sind Lichtwellen, die von solchen Gebilden reflektiert werden. Aus Sinneseindrücken macht mein Gehirn dreidimensionale geistige Bilder, die mir eine Außenwelt voller Gegenstände und Personen zeigen, anscheinend unabhängig von meinem Bewusstsein. Aber stimmt die Außenwelt mit diesen Bildern überein? Das kann ich unmöglich wissen. Um es herauszufinden, müsste ich meine Bilder mit dem vergleichen, was sie abbilden. Aber egal wie ich das versuche, ich bekäme doch nur weitere geistige Bilder. Ist Wahrheit also immer subjektiv? Insofern ja. Aber wenn dir deine subjektive Wahrheit deine Mitschüler und deinen Tisch lässt, kannst du gut damit leben, nicht wahr? (Harald Wiesendanger) Titelbild: OpenClipart-Vectors/Pixabay

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© 2021 by Harald Wiesendanger

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