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  • Grippeimpfung gegen Coronavirus?

    Die grassierende Angst vor einer Coronavirus-Epidemie bietet Bundesgesundheitsminister Jens Spahn eine weitere Gelegenheit, seinem Ruf als Pharmalobbyist gerecht zu werden. Während nach einhelliger Expertenmeinung ein geeigneter Impfstoff frühestens in der zweiten Jahreshälfte entwickelt sein wird, weiß zumindest der gelernte Bankkaufmann schon seit Mitte Februar, wie wir uns schützen können: Über „Händewaschen und Desinfizieren“ hinaus „kann ich alle nur ermuntern, die Grippeimpfung zu machen“, so verkündete der Chef-Immunologe der Nation allen Ernstes. (1) Dabei fehlt bislang jeglicher wissenschaftliche Beleg dafür, dass sich Sars-Cov-2 durch einen handelsüblichen Influenza-Impfstoff im geringsten beeindrucken lässt. Zumindest nütze eine Grippeimpfung aber indirekt, so lässt sich Tropenmediziner Emil Reisinger, Dekan der Universitätsmedizin Rostock, vom „Redaktionsnetzwerk Deutschland“ zitieren: Die Symptome einer Grippe und einer Coronaviruserkrankung ähneln sich stark. Wer über einen „ausreichenden Grippeschutz“ verfüge, könne somit für sich selbst, Ärzte und Behörden ausschließen, wegen einer Grippe zu einem Verdachtsfall zu werden und so allen Beteiligten Arbeit und Sorge ersparen. „Die ähnlichen Symptome beider Infektionskrankheiten könnten dazu führen, dass ein mit Influenzaviren infizierter Patient irrtümlicherweise in einer Isolationsstation aufgenommen wird“, so Reisinger. Diese Art der notwendigen Vorsichtsmaßnahme sei teuer. Die Kosten könnten durch eine Grippeschutzimpfung eingespart werden. (2) Reisingers Empfehlung teilt Jeremy Farrar, Chef des britischen Wellcome Trust, der mit 27 Milliarden britischen Pfund (3) weltweit reichsten Stiftung zur Förderung medizinischer Forschung. Schon Ende Januar 2020, als der Corona-Hype gerade erst eingesetzt hatte, twitterte er flugs: "Eine Sache, die helfen würde, ist, sich gegen Grippe impfen zu lassen." (4) „Grippeimpfung schützt“: regierungsamtliche Fake News Doch schon bei gewöhnlichen saisonalen Grippewellen ist der Nutzen von Influenza-Vakzinen in Wahrheit äußerst fraglich. Im Jahr 1997 waren erst 7 zugelassene Grippe-Impfstoffe auf dem Markt; bis 2004 verdoppelte sich ihre Zahl auf 14. Während des Winters 1992/1993 wurden noch 2,5 Millionen Dosen verimpft, im Winter 2003/2004 waren es 14,9 Millionen Dosen, also fast sechs Mal so viele. Gingen im selben Zeitraum die Erkrankungs- und Todesfälle bei Influenza zurück? Das statistische Bundesamt liefert für laborbestätigte Influenza-Todesfälle die Zahlen erst ab 1998. In jenem Jahr waren es 11, dann 34 (1999), 22 (2000), 9 (2001) und 2002 waren es 10 erfasste Fälle. Meldezahlen über Influenzaerkrankungen liegen ab 2001 vor, nachdem das Infektionsschutzgesetz (IfSG) in Kraft getreten war. Im Jahr 2001 waren es 2487; 2002 wurden 2574 Fälle gemeldet, 2003 sogar 8473. Herstellerunabhängige Statistiken liefern demnach keinerlei Hinweis, dass die wachsende Anzahl von Impfstoffen und verimpften Dosen tatsächlich die jährlichen Influenza-Epidemien verringert. (5) Ausgerechnet das Robert-Koch-Institut (RKI), Deutschlands oberste Gesundheitsbehörde für die Bekämpfung von Infektionskrankheiten, musste Ende 2004, nachdem in einem Seniorenwohnheim eine Virusgrippe ausgebrochen war, kleinlaut einräumen: „Bewohner mit einer zeitgerechten Grippeschutzimpfung hatten die gleiche Wahrscheinlichkeit zu erkranken wie ungeimpfte Bewohner." (6) Im September 2003 veröffentlichte die renommierte medizinische Fachzeitschrift JAMA eine Studie zur Frage, ob die Grippeimpfung bei Kindern einen zusätzlichen Schutz gegen Mittelohrentzündung bietet. Das Ergebnis erbrachte nicht nur den Nachweis, dass dies nicht der Fall ist, sondern auch, dass die geimpften Kinder insgesamt häufiger und länger krank waren als die ungeimpfte Kontrollgruppe. (7) Die WDR-Sendung "rundum gesund" zitierte am 20. September 2004 das Ergebnis einer weiteren Studie, die den Gesundheitszustand von Grippegeimpften und nur mit einem Placebo geimpften Belegschaftsmitglieder der Ford-Werke miteinander verglich: "Dabei zeigte sich, dass der tatsächlich gegen Grippe geimpfte Teil der Belegschaft im folgenden Winter deutlich öfter zum Arzt ging, mehr Tage an Erkältungsbeschwerden litt und sich häufiger krank melden musste, als der nur mit Placebo geimpfte Teil der Belegschaft." (8) Auch Cochrane, ein weltweites Netz von Wissenschaftlern und Ärzten, muss Impfbefürworter enttäuschen: In mehreren Metaanalysen, die Hunderte von Impfstudien systematisch einbezogen, fand es keine Anhaltspunkte dafür, dass Grippeimpfungen für weniger Todesfälle und Einweisungen ins Krankenhaus sorgen. (9) Fragwürdigem "Nutzen" stehen Impfkomplikationen mit unbekannter Dunkelziffer gegenüber. Entsprechende Bedenken scheinen gerade unter medizinischem und pflegendem Personal weit verbreitet zu sein: Warum wohl liegt in diesen Berufsgruppen die Grippe-Durchimpfungsrate mit geschätzten 10 bis 15 Prozent besonders niedrig? (10) Das Problem beginnt bereits bei den Zulassungsstudien. Ob Impfstoffe nützen, misst die zuständige Zulassungsbehörde, das Paul-Ehrlich-Institut (PEI), nicht etwa an ihrer tatsächlichen Fähigkeit, den Ausbruch einer Krankheit zu verhindern, sondern daran, ob sie die Menge der spezifischen Antikörper im Blut erhöhen. Eine systematische Nachkontrolle nach der Zulassung, die den tatsächlichen Wirkungsgrad erfasst, hält man für überflüssig, was auch bei vielen Ärzten Kopfschütteln auslöst. (11) Wir wissen also nicht mit letzter Sicherheit, ob der bei der Zulassung festgestellte erhöhte Antikörpertiter auch tatsächlich immun gegen eine spezifische Krankheit macht. Wie das RKI selbst einräumt, handelt es sich bei der Titerhöhe bloß um eine Ersatzmessgröße; nicht sie allein entscheidet über den Grad der Immunität. (12) Tatsächlich schwankt der Wirkungsgrad selbst nach offiziellen Schätzungen zwischen 30 und 90 Prozent. (13) Fragwürdige Experten Zitierter Emil Reisinger versichert in Publikationen übrigens regelmäßig, bei ihm lägen „keine Interessenkonflikte“ vor. Mit etwas Recherche hätte das „Redaktionsnetzwerk Deutschland“ allerdings darauf stoßen können, dass etliche Pharmariesen mehrere Lehrstühle der Rostocker Universitätsmedizin mitfinanzieren, der Reisinger vorsteht; dortige „Stiftungsprofessuren“ sind Pascoe, Shire, Bayer, CSL Behring, Roche und Octapharma zu verdanken – sowie zweien der weltweit umsatzstärksten Impfstoffhersteller: GlaxoSmithKline und Sanofi-Aventis. (14) Und was ist von Impfempfehlungen des Wellcome Trust zu halten? 1936 aus dem Nachlass des Pharma-Magnaten Sir Henry Wellcome in die Welt gesetzt, ging aus ihm 1995 GlaxoWellcome hervor, das fünf Jahre später mit SmithKlineBeecham zum größten Impfstoffhersteller der Welt verschmolz: GlaxoSmithKline. (15) Laut Financial Times (16) ist diese Stiftung Großbritanniens größter nichtstaatlicher Geldgeber für wissenschaftliche Forschung. Welche Art von „Wissenschaft“ erscheint einem solchen Sponsor wohl förderungswürdig? Wozu überhaupt all die Corona-Panik, die an die schrillste Hochphase der unsäglichen Vogel- und Schweinegrippenhysterie erinnert? „Was wir gerade mit dem Coronavirus erleben, erleben wir jedes Jahr mit der Grippe“, beruhigt der Würzburger Tropenmediziner Professor August Stich dem Evangelischen Pressedienst (epd). Das Grippevirus sei nach derzeitiger Faktenlage viel gefährlicher. (17) Und ausgerechnet aus dem rheinländischen Heinsberg, wo der erste deutsche Corona-Infizierte auffiel, meldet sich ein Apotheker zu Wort, der Spahns PR-wirksame Epidemiewarnungen als „unverantwortliche“ Bangemache einstuft: Der betreffende Patient sei durch eine Lungenerkrankung vorbelastet gewesen. "In so einem gesundheitlichen Zustand ist jeder Infekt gefährlich, egal ob Coronavirus oder nicht." Wer allerdings nicht unter einem geschwächten Immunsystem leide, müsse sich zunächst keine größeren Sorgen machen, so Apotheker Lutz Steinfurth. (18) Dass die Apokalypse wohl auch diesmal ausbleiben wird, lehren Zahlenvergleiche mit der „echten“ Grippe. Nach WHO-Schätzungen sorgen Influenzaviren pro Jahr für bis zu 650.000 Tote – wo bleibt da die Panik? Wieso verwandelt sich die Republik nicht ab jedem Herbst für ein paar Monate in einen gesundheitsbehördlich überwachten Hochsicherheitstrakt? Laut Robert-Koch-Institut stecken sich alljährlich 2 bis 14 Millionen Bundesdeutsche mit Influenza an; demgegenüber stehen bislang unter 100.000 Corona-Infizierte, von denen ein Großteil schon wieder gesund ist. Bei den unter 40-Jährigen liegt die Sterberate weit unter 1 Prozent, in Ländern mit guter medizinischer Versorgung weitaus niedriger als in China oder Nordkorea. Doch solche Hinweise dringen momentan kaum durch, Besonnenheit ist kaum gefragt. Wer will sich von gelassenen Beruhigern schon die schauerlich-schöne Angstlust verderben lassen? Wer will schon hören, dass das Coronavirus, wie alle sogenannten Erreger, überhaupt erst gefährlich werden kann, wenn andere Faktoren vorliegen: etwa eine Immunschwäche, Vorerkrankungen, Stress? Warum gibt es bei ausnahmslos jeder Infektionskrankheit Menschen, die sie völlig beschwerdefrei durchmachen, beispielsweise bei den Masern als "stille Feiung"? Bei Polio verlaufen 90 Prozent der Infektionen symptomlos, bei HPV 99 Prozent, selbst bei Ebola bis zu 20 Prozent. Auch unter HIV-Infizierten kommen symptomlose Langzeitüberlebende vor. Stets ist es ein Zusammenspiel mehrerer ungünstiger Faktoren, das schließlich zur Krankheit führt - kaum je eine einzige, klar eingrenzbare Ursache. Statt bloß auf Virusbekämpfung aus zu sein, täte ein ganzheitlicher Ansatz not; auf ihn würde ein weiser Bevölkerungsschutz vorrangig setzen. Angst ansteckender als das Virus - Wem nützt die Panikmache? Wem, wenn nicht der Volksgesundheit, nutzen so drastische Maßnahmen wie Einreiseverbote, Polizeikontrollen in Zügen, an Flughäfen und Grenzübergängen, Sperrzonen, Quarantänelager, Zwangsinternierungen, Isolierstationen, Krisenstäbe, Kontaktsperren, Hausarreste, abgeriegelte Hotels, geschlossene Schulen und Betriebe, Verbote von Großveranstaltungen, überall Atemschutzmaskierte? „Bis zu 70 Prozent der deutschen Bevölkerung könnten sich infizieren“ (19), schwant einem Virologen der Berliner Charité, von dem der NDR versichert, er habe „SARS-CoV-2 so gut erforscht wie kaum ein anderer, alle Welt fragt jetzt um seinen Rat“. (20) Siebzig! Prozent! Weiß! Der! Experte! Massenmedien bietet eine derartige Entwicklung ein gefundenes Fressen, denn sie sorgt für die fabelhaft telegene Dramaturgie einer sich schrittweise zuspitzenden Katastrophe – endlich mal wieder haarsträubender Stoff für Sondersendungen auf allen Kanälen, für minütlich aktualisierte Newsblogs und Live-Ticker mit jüngsten Schreckensmeldungen, für alarmistisches Palaver in Talkrunden. Zudem fördert der Horror die weiteren Karrierepläne eines von Ehrgeiz strotzenden Gesundheitsministers, der sich einmal mehr als tatkräftig zupackender Kümmerer profilieren kann. Und er erhöht die Impfbereitschaft der verunsicherten Bevölkerung: Je ärger das Gruseln, desto schwächer die Widerstände. Ein solches Szenario folgt einer Marketingstrategie, mit der sich Vakzinproduzenten immer schon Goldgruben zu erschließen wussten. Im Jahr 2018 bescherte ihnen das Impfstoffbusiness einen Umsatz von 49 Milliarden US-Dollar weltweit; bis 2024 soll er auf 60 Milliarden ansteigen. Würden die Impfempfehlungen der berüchtigt industrienahen STIKO auf alle Bewohner dieses Planeten angewandt, so brächte allein diese Produktsparte über eine Billion Dollar ein – annähernd so viel, wie die Branche inzwischen insgesamt umsetzt. Erst dann wäre der Markt wahrlich „gesättigt“, vorher gibt Big Pharma schwerlich Ruhe. Und erst dann ließe sich nicht mehr herausfinden, ob Ungeimpfte womöglich gesünder sind – diese lästige Kontrollgruppe wäre erfolgreich weggespritzt. (Harald Wiesendanger) Anmerkungen 1 https://www.bild.de/politik/inland/politik-inland/coronavirus-wollen-sie-die-deutschen-china-rueckkehrer-einsperren-herr-spahn-67654220.bild.html 2 RND: „Ärzte raten wegen Coronavirus zu Grippeschutzimpfung“, https://www.rnd.de/gesundheit/arzte-raten-wegen-coronavirus-zu-grippeschutzimpfung-6YRHUB73YFAATATC72GVU3HOEE.html 3 https://wellcome.ac.uk/about-us; https://wellcome.ac.uk/about-us/history-wellcome 4 www.zeit.de/wissen/gesundheit/2020-01/impfungen-grippe-coronavirus-gesundheit-praevention-infektion 5 https://www.impfkritik.de/grippe/index.html 6 Robert-Koch-Institut: Epidemiologisches Bulletin Bull Nr. 12/2005 7 Journal of the American Medical Association (JAMA) 290 (12) 2003 8 https://www.impfkritik.de/grippe/index.html 9 Joseph Mercola: „Cochrane Founder Warns Flu Vaccine Research Is Corrupted“, 25.2.2020, mercola.com. (Inzwischen gelöscht.) https://articles.mercola.com/sites/articles/archive/2020/02/25/cochrane-collaboration-flu-vaccine.aspx?cid_source=dnl&cid_medium=email&cid_content=art1HL&cid=20200225Z1&et_cid=DM466572&et_rid=817607529 10 RKI/PEI-Presseerklärung vom 22. September 2003 11 "impf-report" Newsletter Nr. 14/2005 12 Email der RKI-Pressestelle vom 2.2.2005 an Tolzin 13 Focus 47/2004, S. 12 14 https://fragdenstaat.de/files/foi/122058/Anfrage34841_geschwaerzt.pdf?download 15 https://wellcome.ac.uk/about-us/history-wellcome 16 "Wellcome Trust extends Seeding Drug Discovery initiative", AngelNews, 14.5.2010, https://web.archive.org/web/20150114231852/http://www.angelnews.co.uk/article.jsf?articleId=9796# 17 Frankfurter Rundschau: „Grippe ist ‚nach derzeitiger Faktenlage‘ gefährlicher als Coronavirus - Tropenmediziner warnt vor Panik“, 5.2.2020, www.fr.de/ratgeber/gesundheit/grippewelle-grippe-grippeimpfung-krankheit-impfen-impfung-influenza-krank-13053034.html 18 Zit. nach www.watson.de/deutschland/coronavirus/609024276-heinsberger-apotheker-zu-coronavirus-was-spahn-gesagt-hat-ist-unverantwortlich 19 www.t-online.de/nachrichten/panorama/id_87426310/coronavirus-ausbruch-virologe-rechnet-mit-bis-zu-70-prozent-infizierten.html 20 www.ndr.de/nachrichten/info/podcast4684.html Titelfoto: DoroT Schenk/Pixabay

  • Lästige Kurve – Echte Autismusforschung stört Geschäftsinteressen

    Immer mehr Kinder erkranken in den westlichen Industrie­ländern an Autismus – seit den siebziger Jahren explodieren die Fallzahlen regelrecht. Was staatliche Stellen zur Erklärung anbieten, vernebelt eher die mutmaßlichen Haupt­ursachen, statt sie zu erhellen. Denn auf dem Spiel stehen Image und Business von Schlüsselindustrien, allen voran Big Pharma, der Chemiesektor, Agrarwirtschaft und Nahrungsmittelindustrie. Besonders in den Vereinigten Staaten nehmen Autismusfälle unter Minderjährigen inzwischen Ausmaße einer Epidemie an. War Mitte der siebziger Jahre noch eines von 5000 Kindern betroffen, so war es 20 Jahre später schon eines von 500, um die Jahrtausendwende eines von 250. Im Jahre 2009 wurde Autismus bereits bei einem von 110 US-amerikanischen Kindern diagnostiziert, 2016 bei einem von 48. (In Deutschland ist, laut Umweltbundesamt, jedes hundertste Kind betroffen.) Die niederschmetternde Prognose: Falls sich der Trend fortsetzt, wäre im Jahr 2025 zumindest in den USA schon jedes zweite Kind Autist. Neue Diagnosekriterien und gestiegenes Krankheitsbewusstsein erklären den Anstieg nur teilweise. Unabhängige Mediziner haben Chemikalien im Verdacht – doch ihre Warnungen dringen kaum durch, ihre Forschungsmittel reichen nicht aus. Eine Spur führt zu Pestiziden. Ungeborene reagieren besonders empfindlich auf sie. Werden sie schon im Mutterleib größeren Mengen an Pflanzenschutzmitteln ausgesetzt, so wächst ihr Autismusrisiko. Zu diesem Ergebnis kommt eine kalifornische Studie, in der Wissenschaftler ermittelten, wo sich rund 1000 Müttern während ihrer Schwangerschaft aufgehalten hatten; diese Orte setzten sie in Beziehung zum Einsatz von Pestiziden. In Kalifornien müssen Bauern in sogenannten „Pesticide Use Reports“ schriftlich festhalten, was sie wann und wo auf ihre Felder sprühen. Mütter, die während der Schwangerschaft in einem Umkreis von 1,25 bis 1,7 Kilometer von behandelten Feldern wohnten, trugen ein um zwei Drittel erhöhtes Risiko, ein Kind mit Autismus oder einer anderen geistigen Entwicklungsstörung. Im August 2018 erschien im American Journal of Psychiatry eine Studie, die ebenfalls auf einen Zusammenhang zwischen Autismusrisiko und Pestizidbelastung hindeutet. Dabei kooperierten Forscher der Columbia University's Mailman School of Public Health in New York City und Wissenschaftlern von der finnischen University of Turku und dem National Institute of Health and Welfare, Finnland. Im Fokus der Forscher stand dabei DDT (Dichlordiphenyltrichlorethan). DDT gilt als krebserregender Stoff und als sog. endokriner Disruptor, es ist somit ein Stoff, der den Hormonhaushalt beeinträchtigt und die Entwicklung von Embryonen und Kindern stören kann. Da DDT die Plazenta überwinden kann, strömt das Gift direkt zum ungeborenen Kind und kann dessen Entwicklung beeinträchtigen. Auch die Muttermilch ist nach wie vor DDT-belastet. Für die oben genannte Studie analysierten die Forscher Daten und Blutproben von mehr als 750 autistischen Kindern und einer passenden Zahl gesunder Kinder sowie deren Mütter. (Die Daten stammten aus der Finnish Prenatal Study of Autism.) Es zeigte sich, dass die Gefahr, mit Autismus geboren zu werden, durchschnittlich um ein Drittel höher war, wenn die Mutter erhöhte DDE-Werte im Blut hatte. DDE ist ein Abbauprodukt von DDT. Bei sehr hohen Werten war das Autismusrisiko gar doppelt so hoch. Aber auch Arzneimittel stehen in begründetem Verdacht. Wenn werdende Mütter Asthma-Medikamente, Antidepressiva oder frei verkäufliche Schmerzmittel wie Paracetamol schlucken, erhöhen sie das Autismusrisiko ihres Kindes drastisch. Eine Studie der Universität Montreal analysierte die Daten von über 145.000 Schwangeren, die Antidepressiva eingenommen hatten. Damit erhöhten sie das Autismusrisiko um erschrecken­de 87 Prozent; am stärksten fiel der Effekt bei den sog. Serotonin-Wiederaufnahmehemmern (SSRI) aus. (6 bis 10 Prozent aller Schwangeren bekommen von ihren Ärzten Antidepressiva verordnet.) Schätzungen zufolge nehmen 65 Prozent aller schwangeren Frauen während der Schwanger­schaft das frei verkäufliche Schmerz- und Fiebermittel Paracetamol (Acetaminophen) ein. Eine norwegische Studie wertete Daten von 48.000 norwegischen Kindern aus, deren Mütter an einer Umfrage über ihre Medikamenten­gewohnheiten in der 17. und der 30. Woche ihrer Schwangerschaft teilgenommen hatten. Zudem wurden weitere Daten sechs Monate nach der Entbindung erhoben. Mit Beginn des dritten Lebensjahres wurde die geistige Entwicklung der Kinder untersucht. Die so erhaltenen Ergebnisse konnten jetzt in Zusammenhang mit der Medikamenteinnahme in der späten Schwangerschaftsphase gebracht werden. Dabei fanden die Forscher heraus, dass ungefähr 4 Prozent der Frauen während der Schwangerschaft für mindestens 28 Tage Paracetamol eingenommen hatten. Die Kinder dieser statistischen Untergruppe wiesen gleichzeitig überdurchschnittlich häufiger Entwicklungs- und Verhaltens­störungen auf als Kinder, deren Mütter seltener bzw. gar kein Paracetamol zu sich nahmen. "Unsere Ergebnisse deuten an, dass Paracetamol nicht so harmlos ist, wie wir immer angenommen haben", erklärte Ragnhild Brandlistuen, die Studienleiterin an der Universität Oslo. "Der längerfristige Gebrauch von Acetaminophen erhöhte in unserer Studie das Risiko auf Verhaltensstörungen um bemerkenswerte 70 Prozent." Asthma-Medikamente scheinen ebenfalls das Risiko für Autismus zu erhöhen, wenn sie von der werdenden Mutter während der Schwangerschaft eingenommen werden. Dänische Forscher hatten über neun Jahre hinweg diese Zusammenhänge untersucht; dazu nutzten sie Daten zu über 57.000 Kindern, die zwischen 1996 und 2006 zur Welt kamen; darunter waren 52.000 ohne u d 5200 mit einer Autismus-Diagnose. Es zeigte sich, dass Kinder um 30 Prozent häufiger eine Autismus-Diagnose erhalten, wenn ihre Mütter bestimmte Asthma-Medikamente eingenommen hatten, die sog. Beta-2-Agonisten, Sie wirken bronchienerweiternd, entzündungshemmend und erleichtern das Abhusten von Schleim. Über die Plazenta gelangen die Medikamente zum Embryo und beeinflussen dort die sich entwickelnden Nervenzellen. Zu den Beta-2-Agonisten gehören Wirkstoffe wie Salbutamol, Fenoterol und Reproterol. Auch Zusatzstoffe in Impfseren, insbesondere Aluminium, könnten die Autismus-Epidemie anheizen. Bereits im Jahr 2011 hatte die Fachzeitschrift Journal of Inorganic Biochemistry festgestellt: Kinder aus Ländern mit der höchsten Autismus-Rate weisen die höchste Belastung mit Aluminium aus Impfstoffen auf. - Das Fachmagazin Entropy veröffentlichte 2012 eine Studie, derzufolge die Zahl der Autismus-Neuerkrankungen stetig anstieg, nachdem der Aluminiumanteil in Impfstoffen erhöht worden war. Eine Rolle spielen wohl alle Chemikalien, die sich auf das sich entwickelnde Gehirn des Kindes auswirken, aber auch solche, die das hormonelle oder das Immunsystem beeinflussen. Zu nennen sind hier Schwermetalle wie Blei und Quecksilber, Flammschutzmittel, polychlorierte Biphenyle und Phthalate sowie einige flüchtige organische Verbindungen (VOC) wie Trichlorethylen und Styrol. (Harald Wiesendanger) Quellen Janie F. Shelton u.a.: „Neurodevelopmental Disorders and Prenatal Residential Proximity to Agricultural Pesticides: The CHARGE Study“, Environmental Health Perspectives 122, 23.6.2014, S. 1103-1109, http://dx.doi.org/10.1289/ehp.1307044. Alan S. Brown u.a.: „Association of Maternal Insecticide Levels With Autism in Offspring From a National Birth Cohort“, 16. August 2018, American Journal of Psychiatry Takoua Boukhris u.a.: „Antidepressant Use During Pregnancy and the Risk of Autism Spectrum Disorder in Children“, JAMA Pediatrics 1/2015, DOI: 10.1001/jamapediatrics.2015.3356 R. E. Brandlistuen u.a.: „Prenatal paracetamol exposure and child neurodevelopment: a sibling-controlled cohort study”, Dezember 2013, International Journal of Epidemiology, B. Gidaya u.a.: „In utero Exposure to β-2-Adrenergic Receptor Agonist Drugs and Risk for Autism Spectrum Disorders”, PEDIATRICS, 2016. L. Tomljeniovic u.a.: "Do aluminum vaccine adjuvants contribute to the rising prevalence of autism?", Journal Inorg Biochem, November 2011 S. Seneff u.a.: "Empirical Data Confirm Autism Symptoms Related to Aluminum and Acetaminophen Exposure", Entropy 2012. Grafik: K. Weintraub: „Autism counts“, Nature 479/2011, S. 22-24. Statistik ab 2010: CDC, www.cdc.gov/ncbddd/autism/data.html

  • Wie geschmiert

    An Gesunden gibt es nichts zu verdienen. An Toten ebensowenig. Lukrativ sind die dazwischen: die chronisch Kranken. Was ist das für ein System, dem es umso besser geht, je schlechter es uns geht? Dieser Frage gehe ich in meinem Buch Das Gesundheitsunwesen nach. Einen Sachverhalt nicht bloß zur Kenntnis zu nehmen, sondern zu verstehen bedeutet: den Zusammenhang zu erfassen, in dem er steht. Insofern gibt der Zeitgeist Anlass zu größter Sorge. Läge er beim Psychiater auf der Couch, so käme er um die Diagnose „Demenz“ schwerlich herum. Denn bestürzend gestört ist sein Langzeitgedächtnis. Zwar treiben ihn mancherlei Skandale, Missstände und Horrorstatistiken um, die ihm Medien gestern und heute zugetragen haben. Doch erinnert er sich kaum noch bis überhaupt nicht mehr an ganz ähnliche Nachrichten aus früheren Jahren, geschweige denn an Jahrzehnte zurückliegende. Fallen sie ihm ausnahmsweise ein, tut er sich schwer damit, Einst und Jetzt miteinander in Beziehung zu bringen. Er erkennt sie nicht als Erscheinungsformen ein und desselben anhaltenden Zustands oder Vorgangs. Anscheinend vermag er nicht abschätzen, wie sie einander bedingen und worauf sie hinauslaufen. Er macht sich nicht klar, was das alles mit ihm zu tun hat – und warum es auch deswegen geschieht, weil er es geschehen lässt. Aber gerade auf diese kognitiven Fähigkeiten kommt es an, um die Tatsachen einzuordnen, um die es in meinem Buch Das Gesundheitsunwesen geht, und die Schlüsse daraus nachzuvollziehen. Es enthüllt so gut wie nichts, was nicht längst bekannt wäre. Vielmehr puzzelt es gleichsam: Es zeigt, welches Gesamtbild sich aus einer Fülle einzelner Elemente ergibt, die auf den ersten Blick wenig bis nichts miteinander zu tun haben. Das Bild, das Kapitel für Kapitel immer klarer zum Vorschein kommen wird, ist das einer monströsen, weltumspannenden Maschine, die umso besser funktioniert, je schlechter wir es tun – je mehr wir verlieren, was wir für unser höchstes Gut erachten. Nichts geht Menschen über ihre Gesundheit. Von Meinungsforschern befragt, was ihnen am wichtigsten ist, belegt sie zuverlässig den Spitzenplatz, vor Werten wie Freiheit und Erfolg, Partnerschaft und Familie, Arbeit und Wohlstand, Freunden und Freizeit. Und erst recht zählt Gesundheit am allermeisten für jene Abermillionen, die sie verloren haben. Also ist ein Gesundheitssystem dazu da, eine humanitäre Aufgabe von überragender Bedeutung zu erfüllen: In möglichst vielen Fällen soll es Krankheiten und Gebrechen möglichst rasch und dauerhaft beseitigen oder zumindest lindern, besser noch vorbeugen, damit sie erst gar nicht auftreten. Freie Marktwirtschaft, so versichert man uns, bringt uns diesem Ziel näher: Im Wettbewerb unterschiedlicher Waren und Dienstleistungen setzen sich über kurz oder lang zwangsläufig die besten durch. Denn unter Verbrauchern finden sie naturgemäß die größte Nachfrage. Bei medizinischen Angeboten sei das im Prinzip nicht anders als bei Staubsaugern und Autos, Waschmitteln und Fernsehern. Also bringt die Medizin mit ökonomischer Notwendigkeit zunehmend heilsamere Mittel hervor, die körperliches und psychisches Leid immer umfassender, immer rascher, immer nachhaltiger lindern und schließlich beseitigen. Diese Verheißung beruhigt uns aber nur unter vier Voraussetzungen: 1. Der Verbraucher wählt und entscheidet vollständig informiert: Er kennt alle verfügbaren Behandlungsmöglichkeiten, ihre Vorzüge und Nachteile, ihre kurz- und langfristigen Wirkungen und Nebenwirkungen. 2. Die Informationsquellen, aus denen der Verbraucher schöpft, sind sauber - unbeeinflusst von Leuten, die an Therapien verdienen, weshalb sie verständlicherweise darauf aus sind, den Nutzen ihrer Angebote überzubetonen, Grenzen und Risiken herunterzuspielen oder zu verschweigen, Wettbewerber abzuwerten. 3. Der Wettbewerb findet tatsächlich statt: Die Anbieter stellen sich der Konkurrenz; Nutzen/Risiko-Vergleiche sind möglich, werden laufend gezogen und publik. 4. Anbieterunabhängige Instanzen stellen sicher, dass diese drei Bedingungen erfüllt bleiben: der Gesetzgeber, Zulassungs- und Aufsichtsbehörden, Gerichte und Medien. Wem schleierhaft ist, weshalb die sogenannte moderne Medizin mit immer größerem technischem und finanziellem Aufwand immer mehr chronisch Kranke produziert, findet hier die Antwort: Unser Gesundheitswesen versagt, weil in Wahrheit keine dieser vier Voraussetzungen erfüllt ist. Und so beleuchtet das vorliegende Buch einen Markt, der längst außer Rand und Band geraten ist. Auf ihm fällt wenigen Anbietern, weil sie über irrwitzige finanzielle Mittel verfügen, eine schier grenzenlose Macht zu, Verbraucher über Nutzen und Schaden ihrer Produkte umfassend zu täuschen, missliebige Wettbewerber zu diskreditieren, Regulierungen zu verhindern, Gesetze zu umgehen, wirksamen Kontrollen auszuweichen, sämtliche Informationsquellen zu vergiften, Kritiker kaltzustellen, sich alle wichtigen Player gefügig zu machen – zu einem einzigen Zweck: um Gewinne zu maximieren. Unser Gesundheitswesen, man muss es so deutlich sagen, ist weitgehend zu einem Spielball organisierter Kriminalität verkommen – einer wie geschmiert laufenden Versorgungsmaschine, die sich der mit Abstand profitabelste Wirtschaftszweig dieses Planeten, auch zum Entsetzen vieler Ärzte, längst mafiös zurechtgebaut hat. Das zu ändern, erfordert mehr als bloß ein paar zaghafte, letztlich doch lobbygesteuerte Reförmchen. Das Versagen des Systems schreit nach Revolution. Und diese Revolution wird ausbleiben, solange wir sie nicht beharrlich einfordern und mittragen. Warum mir dieser Sachverhalt wichtig genug ist, ihm ein dickes Buch zu widmen, hat drei recht persönliche Gründe. Da ist tiefe Betroffenheit über die haarsträubenden Schicksale hunderter Patienten, denen ich in den vergangenen drei Jahrzehnten begegnete – Menschen, die sich gutgläubig einer Medizin anvertraut hatten, die sie krank und kränker machte, statt ihr Leid zu lindern. Da ist Fassungslosigkeit darüber, welch dürftige Resonanz Initiativen wie jene finden, die ich 2005 mit der Stiftung Auswege2 für chronisch Kranke ins Leben gerufen habe: eine karitative Einrichtung, auf die ein Hilfesuchender eher zufällig stößt, weil die Marktmacht derer, denen sie in die Quere kommt, dafür sorgt, dass sie öffentlich kaum wahrgenommen wird, gleichgültig wie viel sie erreicht. Und da ist vor allem die Sorge um meine eigenen Kinder und Enkel: Mich schaudert, wenn ich mir ausmale, was all die unentrinnbaren Pathogene, denen skrupellose Industrien und ein untätiger Staat sie aussetzen, eher früher als später in ihnen anrichten werden. Und mir graut davor, was ihnen widerfahren könnte, wenn sie sich daraufhin unbedarft einem kranken Gesundheitssystem ausliefern, dessen Hauptakteuren es umso besser geht, je schlechter es uns geht. Dieses Buch soll erhellen, warum das so ist; wie es dazu kommen konnte; wie viel geschehen müsste, um wirksam gegenzusteuern; warum es dabei auch auf dich und mich ankommt. Blieben meine Kinder die einzigen, die dieses Buch jemals zur Hand nehmen und daraus auch nur einen einzigen Anstoß mitnehmen, weniger blauäugig weiterzumachen wie bisher, so hätte sich für mich die Mühe schon gelohnt. „Die Wahrheit ist einfach“, lehrte Buddha. An das westliche Gesundheitswesen dachte er dabei wohl kaum, läge aber auch hier goldrichtig. Die simple Wahrheit lautet: An Gesunden gibt es nichts zu verdienen. An Toten ebensowenig. Lukrativ sind die dazwischen: die chronisch Kranken. Was folgt daraus logisch über das wahre, oberste Ziel der Medizinindustrie? Über Ärzte, die ihr Beihilfe leisten? Über Politiker, die daran nichts ändern? Über Wähler, die solchen Politikern ihre Stimme geben? Über Medien, die schweigen? Und über Patienten, die mitspielen? Die moderne Medizin kümmert sich um deine Krankheit. Davon lebt sie. Um deine Gesundheit musst du dich selbst kümmern. Davon lebst du. Bei diesem Beitrag handelt es sich um das Vorwort von Harald Wiesendangers Buch Das GesundheitsUNwesen – Wie wir es durchschauen, überleben und verwandeln (2019).

  • Vorsicht, Giftzwerge!

    Künstlich erzeugte Minipartikel häufen sich seit wenigen Jahrzehnten in der menschlichen Lebenswelt dramatisch an. Mikroplastik, Ultrafeinstaub, Nanoteilchen machen krank, chronisch und unheilbar, wenn wir sie über längere Zeit in uns aufnehmen und anreichern. Sie töten uns. Sie gefährden den Fortbestand unserer Spezies. Warum nehmen wir sie nicht ernst genug? So grundlegend sind manche Erfahrungen, dass sie sich tief ins kollektive Gedächtnis graben/einbrennen. Jede nächste Generation muss sie sich nicht erst von neuem aneignen, durch Versuch und Irrtum. Als Verhaltensprogramme bekommt man sie buchstäblich in die Wiege gelegt: über das Genom, über vorverschaltete Neuronennetze im Gehirn. Häufig erwuchsen solche Urerfahrungen aus immer wiederkehrenden Situationen, in denen es um Leben oder Tod ging. Plötzlich tauchte eine Bedrohung auf – und es blieb keine Zeit, vor einer Reaktion erst noch anspruchsvolle kognitive Prozesse des Überprüfens, Bewertens und Entscheidens zu durchlaufen. In Sekundenbruchteilen musste klar sein: Fliehen? Kämpfen? Oder nichts tun? Aus derartigen Urerfahrungen erwuchs beispielsweise die Faustregel „Je größer, desto gefährlicher“, wie auch ihr Gegenstück „Je kleiner, desto harmloser“. Vor großen Mammuts, vor ausgewachsenen Säbelzahntigern nahmen unsere fernsten Ahnen, wenn sie alleine und unbewaffnet waren, zurecht reißaus – nicht aber vor deren neugeborenem Nachwuchs. Rollte ein Felsbrocken auf sie zu, wichen sie ihm aus – nicht aber einem heranfliegenden Sandkorn. Bis in die Moderne wirken die Überlebensmaximen der Steinzeit verhaltensbiologisch nach. Überall auf der Welt, unabhängig von Rasse, Geschlecht und Kultur, reagieren Babies unwillkürlich gleich, wenn vor ihnen unvermittelt etwas Großes auftaucht oder im Nu riesenhaft anschwillt: Sie zeigen nicht Neugier und freudige Erwartung, sondern erschrecken, beginnen zu weinen, wenden den Kopf ab, suchen Schutz, versuchen sich wegzubewegen. Nur weil die Verknüpfung, die hinter diesen Reaktionen steckt, in den Köpfen unserer Spezies so tiefverwurzelt ist, war ein Blockbuster wie „King Kong“ möglich: Von der Bedrohlichkeit des Riesenhaften geht unser Unterbewusstsein so selbstverständlich aus, dass die blödsinnige Idee eines turmhohen Gorillas, der zärtliche Gefühle für ein feingliedriges Blondinenmenschlein entwickelt, Kinobesucher rund um den Globus fasziniert. Hätten sich die Israeliten hinter dem tollkühnen David mit seiner Steinschleuder versteckt, wenn ihnen Goliath gerade mal bis ans Knie gewachsen wäre? Faustregeln haben es an sich, bloß im großen und ganzen zuzutreffen; sie lassen Ausnahmen zu. Somit wiegen sie uns stets in einer trügerischen Sicherheit, die brandgefährlich werden kann, wenn sie uns sorglos machen – sobald sie uns dazu verleiten, Bedrohungen zu übersehen, ihr Ausmaß fatal zu unterschätzen. Nicht der Wolf ist in unseren Breitengraden das gefährlichste Tier, sondern die Zecke. Zu unseren schlimmsten Feinden zählen solche, vor denen uns kein Sinn warnt – wir sehen und hören, schmecken, riechen und spüren nichts, wenn sie uns angreifen. Bakterien und Viren, die kein Infizierter je wahrgenommen hat, sorgten für millionenfach mehr Tote als alle jemals stattgefundenen Kriege zusammengenommen. Dem menschlichen Organismus blieben aber immerhin Hunderttausende von Jahren Zeit, sich an eine Umwelt voller mikroskopisch winziger Krankheitserreger anzupassen. Er entwickelte ein filigranes Abwehrsystem, das einen Großteil davon unschädlich macht. Um dem Rest beizukommen, entstanden vielerlei wirkungsvolle Medikamente. Dieser Schutz, der immunologische wie auch der pharmazeutische, fehlt uns, um weitaus monströsere Bedrohungen abzuwehren: künstlich erzeugte Minipartikel, manche kaum größer als ein paar Atome. Seit wenigen Jahrzehnten häufen sie sich in der menschlichen Lebenswelt dramatisch an. Mikroplastik, Ultrafeinstaub, Nanoteilchen machen krank, chronisch und unheilbar, wenn wir sie über längere Zeit in uns aufnehmen und anreichern. Sie töten uns. Sie gefährden den Fortbestand unserer Spezies. Was können, was müssen wir gegen diese Giftzwerge unternehmen? Wie bändigen wir sie? Zuallererst sollten wir: aufwachen. Falls Außerirdische seit längerem die Erde beobachten, kämen sie vermutlich zu dem Schluss: In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts begann auf diesem sonderbaren Planeten ein globales Experiment, mit allen Bewohnern, vom Säugling bis zum Greis, als unfreiwilligen Versuchskaninchen. Es widmet sich offenbar drei Fragen: Wie viele Schadstoffe aus den unterschiedlichsten Quellen – einschließlich Nahrung, Trinkwasser, Atemluft, Kleidung, Reinigungsmittel, Medikamente und Impfstoffe, tausenderlei alltäglicher Gebrauchsgegenstände - lassen sich dem menschlichen Organismus zuführen, bis auch der widerstandsfähigste chronisch erkrankt? Wie viel Profit lässt sich daraus gesundheitswirtschaftlich ziehen? Welcher Aufwand an Marketing, Lobbyarbeit und Korruption ist nötig, um Regierungen die schleichende Massenvergiftung geschehen zu lassen - und die Bevölkerungsmehrheit davon abzuhalten, dagegen aufzubegehren? Nichts wird sich ändern, solange wir nicht damit beginnen. Das sollten wir bald, denn die Zeit wird knapp. (Harald Wiesendanger) Titelbild: kasiaczernik/Pixabay

  • Austherapiert? Vielleicht gibt ja es doch Auswege …

    Die Herausgeberin des Online-Magazins FRIEDA, Beate Wiemers, im Gespräch mit Dr. Harald Wiesendanger. Das Interview erschien online im Juni 2018. „30.000 Krankheiten kennt die Schulmedizin. Doch bloß ein Drittel davon kann sie vollständig heilen oder zumindest deutlich lindern, und dies oft nur mit Nebenwirkungen, mit seelischen Belastungen, mit erheblichen Kosten. Zu den Leidtragenden zählen Millionen chronisch Kranker – sei es mit Herz-/Kreislauferkrankungen, Diabetes, Rheuma, Krebs, Asthma, Neurodermitis, Allergien, Epilepsie oder psychischen Störungen. Bestürzend viele gelten als ‚therapieresistent‘, wenn nicht gar als ‚unheilbar‘.“ So steht es auf der Website der Stiftung AUSWEGE. Wer selbst von einer chronischen Krankheit betroffen ist oder im näheren Umfeld jemanden in einer solchen Situation kennt, hat womöglich schon erlebt, welche Odysseen Menschen mitunter auf sich nehmen müssen, um Linderung ihrer Symptome oder gar Heilung erfahren zu können. Immer häufiger handelt es sich dabei auch um sehr junge Menschen, um Kinder wie vielleicht der an Enuresis, unwillkürlichem Einnässen, leidende Chris oder wie Nick, bei dem das Asperger Syndrom diagnostiziert wurde. Beiden Jugendlichen konnte nach einem langen Leidensweg im Therapiecamp der Stiftung AUSWEGE geholfen werden. Und vielen anderen Menschen ebenso. Die im Jahre 2005 von Dr. Harald Wiesendanger gegründete Stiftung AUSWEGE hat sich zum Ziel gesetzt, chronisch kranken Kindern und Erwachsenen auf ganzheitliche Weise zu helfen." FRIEDA: Sie studierten Psychologie, Philosophie und Soziologie, promovierten schließlich in Philosophie. Als Wissenschaftsjournalist publizierten Sie mehr als 50 Bücher und Tausende Artikel in Zeitungen, Zeitschriften und Internetportalen. Wie kamen Sie als Nicht-Therapeut dazu, eine Stiftung ins Leben zu rufen, die chronisch kranken Kindern und Erwachsenen Zugang zu komplementärmedizinischen Therapien verschaffen soll? WIESENDANGER: Glück verpflichtet, und davon hatte ich eine Menge. Das Schicksal hat mir drei kerngesunde Kinder geschenkt, die Kliniken nur von außen kennen, und ich selbst bin nun schon sechs Jahrzehnte lang von schweren Krankheiten verschont geblieben. Es erfüllt mich, von diesem Glück etwas zurückzugeben. Mittels der sogenannten Anderen Medizin kann ich es. FRIEDA: Stets dann, wenn die Massen mittels der Fußball-WM sediert werden, verabschiedet die Regierung Gesetze, die sich auf die eine oder andere Weise in der Regel nachteilig auf die Bevölkerung auswirken. So wurde während der diesjährigen Fußball-WM – besonders auf Drängen der SPD - unter anderem im Eilverfahren beschlossen, die Parteienfinanzierung von bisher 165 Millionen jährlich auf 190 Millionen anzuheben. Gleichzeitig werden die Daumenschrauben für beispielsweise Heilpraktiker immer enger gedreht und das, obwohl vielfach belegt ist, dass ganzheitliche Behandlungskonzepte, insbesondere bei chronisch Kranken, sehr effektiv sein können. Die Stiftung AUSWEGE gibt es seit nunmehr 13 Jahren. Wie haben Sie die Entwicklung in unserem Gesundheitssystem seitdem wahrgenommen? WIESENDANGER: Mit wachsendem Entsetzen. Die Ökonomisierung dieses kranken Systems schreitet ungebremst voran. Daraus erklärt sich sein Grundzug: Mit immer gewaltigerem Aufwand – allein in Deutschland eine Milliarde Euro pro Tag – produziert es immer weniger Gesundheit. Allmählich begriff ich: Insofern versagt es nicht etwa; genau dazu ist es vielmehr da, zumindest in den Augen der übermächtigen Interessengruppen, die in ihm die Fäden ziehen. Als Wirtschaftszweig betrachtet, geht es der Gesundheitsbranche nämlich umso besser, je schlechter es uns geht. Florieren und wachsen kann sie nur, wenn immer mehr Menschen immer früher zu Patienten werden und es immer länger bleiben. An Gesunden gibt es nichts zu verdienen, an Toten ebensowenig. Lukrativ sind die dazwischen: die chronisch Kranken. Nichts gefährdet Geschäfte in der Medizin mehr als Gesunde, die es bleiben; als Kranke, die wieder gesund werden; als Ansätze, die ihnen dazu verhelfen. Sobald uns dieser Grundzug des Systems einleuchtet, fällt es uns wie Schuppen von den Augen. Schlagartig durchschauen wir all seine Besonderheiten: von Überdiagnostik und Übertherapie, der chemie- und technologielastigen Karikatur von wahrer Heilkunst über Preiswucher, Lobbyismus und Korruption, die Instrumentalisierung von Wissenschaft und Ärzteschaft bis hin zum Rufmord an Kritikern und alternativen Heilkundigen. All das stellt eine monströse Manipulationsmaschine mit schier unbegrenzten Werbe-, Druck- und Schmiermitteln sicher. Allein die Pharmaindustrie schöpft dazu aus einem Marketingtopf von mehreren hundert Milliarden Euro – pro Jahr. Vor diesem Hintergrund ist systemgefährdend, was in bisher 28 Therapiecamps der Stiftung Auswege seit 2007 herauskam: Von rund 500 vermeintlich behandlungsresistenten chronisch Kranken machten über 80 Prozent binnen neun Tagen gesundheitliche Fortschritte wie zuvor seit Jahren, teilweise Jahrzehnten nicht – im Fall von sogenannten „psychischen Störungen“ sogar über 95 Prozent. So etwas darf sich keinesfalls herumsprechen, größere Nachfrage schaffen, Zweifel an der Schulmedizin schüren und verstärken, Alternativen aufwerten. FRIEDA: Welche Menschen kommen überwiegend zu Ihnen? WIESENDANGER: Das Diagnosespektrum ist denkbar breit. Zu „Auswege“ findet so gut wie jeder Typ von Patient, dem es seit längerem gesundheitlich schlecht geht, ohne dass die Schulmedizin ihm Linderung verschafft hat, geschweige denn Heilung. FRIEDA: Gibt es bei diesen Menschen, die ja meistens eine längere Ärzteodyssee hinter sich haben dürften, eine Art gemeinsamen Nenner mit Blick auf ihre Erfahrungen im Gesundheitssystem? WIESENDANGER: Sie bekamen nicht, was sie am dringendsten bräuchten: Hinweise auf tieferliegende Krankheitsursachen hinter dem manifesten Symptom, der gestörten Funktion, dem geschädigten Organ. Aufklärung über pharmaziefreie Behandlungsalternativen, die sich aus Erfahrung bewährt haben. Aufmerksamkeit, Zuwendung, Empathie. Und Impulse, endlich Verantwortung für die eigene Gesundheit zu übernehmen – zum Selbstheiler zu werden. FRIEDA: Auf Ihrer Website stellen Sie einige Fallbeispiele vor, bei denen große Erfolge durch Ihr Therapiekonzept zu verzeichnen waren. Eigentlich wäre es aus menschlich-empathischer Sicht doch wünschenswert, dass solche Erfolgsstories viel mehr öffentlich gemacht würden, denn uns allen, als Menschen und als Steuerzahler, sollte doch daran gelegen sein, bestmögliche Rahmenbedingungen für ein vitales Leben mitzugestalten. Sie selbst sind Journalist. Worauf führen Sie zurück, dass die meisten Medien komplementärmedizinische Verfahren nach wie vor eher stiefmütterlich behandeln, teilweise sogar diffamieren? WIESENDANGER: Da versagt die vermeintliche Vierte Gewalt im Staat erbärmlich. Viele Redakteure, die meisten freien Journalisten und erst recht die inflationär zunehmenden Blogger werden beschämend mies entlohnt. Neben der Tastatur liegt allzu oft ein durchgenagtes Hungertuch. Das macht anfällig dafür, sich als Schreibknecht zu prostituieren. Medienschaffende pauschal als korrumpiert zu beargwöhnen, wäre freilich absurd. Das ist die Minderheit, zumal bei überregionalen Tages- und Wochenzeitungen, bei hochauflagigen Zeitschriften, bei großen TV-Sendern. Zu Dienern des Systems werden sie, in bester Absicht, auf einem Umweg, den sie ihre eigene Standesethik einschlagen lässt. Als Journalisten haben sie gelernt, Informationen gegenzuchecken, mittels seriöser Quellen. Und welche Quelle scheint verlässlicher als die heilige Kuh der Neuzeit, die Naturwissenschaft? Dass deren Maßstäbe für Evidenz und Wahrheit dem Subjekt Mensch womöglich unangemessen sind, kümmert so gut wie keinen. Dass der Forscher X, der Lehrstuhlinhaber Y, der Gutachter Z, den sie zu Rate ziehen und zitieren, auf der Honorarliste von Konzernen steht, erkundet kaum einer. Erst recht unter Zeitdruck. Lieber schreibt man dann von Wikipedia ab – ohne damit zu rechnen, dass deren Administratoren ebenfalls gekauft sein könnten, nicht bei Artikeln über Brunnenkresse, die Waldameise und den Titicacasee, wohl aber, wenn es um Themen geht, die kommerziell bedeutsam sind. Und dazu zählen Einträge über Krankheiten, deren Diagnose und Behandlung, über Anbieter von medizinischen Leistungen in besonderem Maße. FRIEDA: Sie machen sich für einen stärkeren Dialog zwischen Schulmedizin und komplementärmedizinischen Verfahren stark und wünschen sich mehr Miteinander statt Nebeneinander beider Disziplinen. Wie sind Ihre Erfahrungen in dieser Hinsicht mit jenen Ärzten, bei denen Ihre Patienten in Behandlung waren, bevor sie zu Ihnen gekommen sind? Gibt es dort Interesse an Kooperation mit Ihnen oder reagiert man eher mit Abwehr oder Desinteresse? WIESENDANGER: Teils, teils. Ärzte, die ihren Hippokratischen Eid ernstnehmen, öffnen sich zunehmend für unkonventionelle Heilweisen, ihren Patienten zuliebe. Der eine oder andere schaut sogar in unseren Camps vorbei, wirkt anschließend ehrenamtlich mit. (Näheres in meinem Buch „Geistiges Heilen in der ärztlichen Praxis“.) Doch weiterhin überwiegen betonköpfige Schulmediziner, die vollziehen, wofür das System sie zurechtbiegt: während ihres pharma- und techniklastigen Studiums, in der industriegesponserten Fortbildung, durch gekaufte Meinungsführer ihres Fachs, durch eloquente Pharmareferenten, durch PR-missbrauchte Fachjournale. FRIEDA: Natürlich ist jede Krankengeschichte so individuell wie der dazugehörige Mensch. Gibt es trotzdem Fälle, die Sie persönlich besonders berührt haben während der Jahre Ihrer Tätigkeit und wenn ja, könnten sie ein paar davon näher beschreiben? WIESENDANGER: Als Vater aus Leidenschaft sind mir Kinderschicksale besonders nahegegangen. Unvergesslich ist mir die fünfjährige Mira geblieben, eine schwere Epileptikerin, die seit ihrem zweiten Lebensjahr heftig krampfte, mit bis zu 20 Anfällen pro Tag. Seither stand ihre geistige Entwicklung still. Weil Medikamente nicht halfen, setzte die Mutter ihre letzte Hoffnung auf ein „Auswege“-Therapiecamp. Ich erinnere mich an den späten Vormittag des vierten Camptags: Da spielte Mira zunächst im Garten ausgelassen Fußball mit mir, eine Viertelstunde später saß sie neben mir am Mittagstisch. Plötzlich begann sie zu zucken, verdrehte die Augen, sackte in sich zusammen – und krampfte minutenlang in meinen Armen. Als ihr Hirngewitter endlich vorbei war, blieb sie eine knappe Stunde lang apathisch, nicht ansprechbar. Mir blutete schier das Herz. Dieses Kind könnte mein eigenes sein – was würde das für mich bedeuten? Nach Campende wurde Mira von einem Heiler sowie einem homöopathischen Arzt aus unserem Netzwerk weiterbetreut. Nach einem Monat war die Kleine erstmals eine ganze Nacht anfallsfrei, nach sechs Wochen zwei aufeinanderfolgende Tage. Nach knapp einem Vierteljahr geschah das Unfassbare: Die Epilepsie verschwand. Das war 2008. Zehn Jahre später kommt es nur noch zwei-, dreimal pro Jahr zu kurzen, leichten Attacken. Ihren Entwicklungsrückstand hat Mira seither in Riesenschritten verkürzt. Auch Daniel, 11, fällt mir ein: extrem unruhig und unaufmerksam, ständig in Bewegung, ein klassischer Fall von „ADHS“. Am Abend des vierten Camptags, nach einem Dutzend Heilsitzungen, spielte er knapp zwei Stunden lang mit mir Mühle – hochkonzentriert, durch nichts und niemanden abzulenken. Wie er, so sind 37 von 39 „ADHS“-Diagnostizierten in unseren Camps vollständig symptomfrei geworden, unter ärztlicher Kontrolle. Ritalin, Medikinet? Überflüssig. Fast immer erwies sich das Elternhaus als Schlüssel zur Heilung: In Verhaltensauffälligkeiten - bei ADHS ebenso wie bei einer vermeintlich pathologischen „Depression“, einer „autistischen“, „Anpassungs-“ oder „Angststörung“ - spiegeln Kinder fast immer ein unheiles Umfeld, überforderte Eltern, schwerwiegende Erziehungsfehler. Deshalb setzen wir systemisch an, laden möglichst viele nächste Angehörige mit ein. Besonders betroffen machen mich immer wieder haarsträubende Schicksale von Menschen, die in die Mühlen der modernen Psychiatrie geraten sind, nachdem ihnen Diagnose-Etiketten für „psychische Störungen“ verpasst wurden. Die Eltern einer 17-jährigen angeblich Schizophrenen konnte ich während eines Camps dazu bewegen, ihr Kind nach vierjähriger psychiatrischer Internierung, mit fortgesetzter pharmazeutischer Körperverletzung, endlich heimzuholen. Bei einer 44-jährigen mit derselben Diagnose konnten wir bloß noch Begleitsymptome lindern – ihre Persönlichkeit war bereits unumkehrbar deformiert, ihr Leben verpfuscht, nach zwei Jahrzehnten Dauermedikation in psychiatrischen Einrichtungen. Wie war sie dorthin geraten? Ein Arzt wies sie kurzerhand ein, nachdem sie „durchdrehte“, weil sie unentwegt gemobbt wurde und bei der Abiprüfung durchgefallen war. Für eine menschlichere Psychiatrie, die sich endlich aus dem Klammergriff von Big Pharma befreit, wirbt die Stiftung Auswege zur Zeit mit einer Petition. Besonders eindrucksvolle Behandlungserfolge bei seelisch Belasteten stellt mein neues Buch „Der Psychofalle entkommen“ vor FRIEDA: Ihr Behandlungskonzept, das eine breite Palette an alternativmedizinischen Verfahren beinhaltet, die Sie also anbieten oder zumindest empfehlen, spannt auch den Bogen zum Geistigen Heilen. In England hat bereits jeder Krankenhauspatient das Recht darauf, einen Geistheiler hinzuzuziehen. In britischen Krankenhäusern arbeiten geistige Heiler schon längst als feste oder freie Mitarbeiter, sofern sie entsprechende Qualifikationen nachweisen können. Deutschland hinkt auch in diesem Bereich hinterher. In der Stiftung AUSWEGE spielt die Geistheilung eine gleichwertige Rolle neben anderen Methoden. Wie ist die Akzeptanz darauf bei Ihren Patienten und welche Erfahrungen werden damit gemacht? WIESENDANGER: Aus tiefer Überzeugung, schon als esoterisch Bekehrte, lassen sich die Wenigsten die Hand auflegen. Zurecht überwiegt Pragmatismus: Hauptsache, es nützt. Und das tut es verblüffend oft. In den „Auswege“-Camps zählt Geistiges Heilen – zumindest wenn Könner es praktizieren – zu jenen Heilweisen, die auch bei hartnäckigen Leiden besonders rasch und tiefgreifend wirken. FRIEDA: Im Rahmen von jährlich stattfindenden Therapiecamps können sich chronisch kranke Kinder und Erwachsene bei Ihnen durch sehr erfahrene Therapeuten behandeln lassen. Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, um an einem solchen Therapiecamp teilnehmen zu können und welche Kosten entstehen für die Teilnehmenden? WIESENDANGER: Herzlich willkommen ist so gut wie jeder, bei dem die Schulmedizin seit längerem an ihre Grenzen stößt. Beratung und Behandlung bieten wir Minderjährigen kostenlos, Erwachsene zahlen eine Tagespauschale von 40 Euro. Hinzu kommen Unterkunft und Verpflegung. Von einer Teilnahme abraten würde ich allerdings bei genetischen Defekten, schweren körperlichen und geistigen Behinderungen. Zwar sind Symptomlinderungen erfahrungsgemäß selbst in solchen Fällen möglich – aber eher in der langfristigen Obhut eines wohnortnahen Therapeuten aus unserem Netzwerk als binnen einer Campwoche. FRIEDA: Das, was es zur Gesundheit braucht, ist ja eigentlich recht einfach. Neben einer nährstoffreichen und wenig durch Toxine belasteten Ernährung, spielen das soziale Umfeld eine wichtige Rolle, die Qualität des Wassers, die Möglichkeit, sich selbst kreativ und mitgestaltend auszudrücken, Bewegung und frische Luft, der möglichst komplette oder weitgehende Verzicht auf Medikamente. Doch all das ist heute nicht mehr selbstverständlich. Sie bieten kranken Menschen nicht nur Hilfe an, wenn die Symptome die Lebensqualität bereits schwer beeinträchtigen, sondern sind auch engagiert im Bereich Prävention. Was machen Sie in dem Bereich konkret? WIESENDANGER: Eine Menge. Wir bemühen uns um Aufklärung über unsere umfangreiche Website, unseren Gratis-Newsletter „Auswege Infos“ (), über Präsenzen bei Social Media wie Facebook und Telegram, mit Dutzenden von Büchern und Broschüren, durch Infoveranstaltungen. Nicht nur über Behandlungsoptionen, auch über intelligente Vorsorge beraten wir Hilfesuchende in unseren Camps sowie über unseren telefonischen Infodienst, an dem rund 30 Ärzte, Psychotherapeuten, Heilpraktiker ehrenamtlich mitwirken. FRIEDA: Zu Ihrem Netzwerk gehören derzeit etwa 200 ausgewählte Therapeuten aus 35 Ländern, vorwiegend jedoch aus dem deutschsprachigen Raum. Interessierte können mittels der Postleitzahl auf Ihrer Website herausfinden, ob sich in der Nähe einer der von Ihnen empfohlenen Ärzte oder Heiler befindet. Welche wesentlichen Kriterien müssen Therapeuten erfüllen, um bei Ihnen gelistet zu werden? WIESENDANGER: Erstens: Sie sollten ethisch tadellos arbeiten. Dazu verpflichten wir sie auf einen achtteiligen Verhaltenskodex. Er verlangt von ihnen unter anderem, nichts zu versprechen, keinerlei Druck auszuüben, keine unüberprüfbaren Diagnosen zu stellen, vorab klare Honorarvereinbarungen zu treffen. Zweitens: Sie sollten therapeutisch außergewöhnlich fähig sein. Das versuchen wir anhand eines zehnteiligen Kriterienkatalogs abzuschätzen. Unter anderem werten wir Erfahrungsberichte von Patienten aus, nachdem wir sie vermittelt haben. Wir lassen sogenannte „Meldebögen“ ausfüllen, mit denen wir zwei Dutzend wichtige Details von Behandlungsverläufen erfassen. Rund 20 „Screener“ suchen in unserem Auftrag Praxen auf, um dort nach dem Rechten zu sehen – verdeckt, vorgeblich als gewöhnliche Hilfesuchende. Auch Erfahrung zählt: Wir empfehlen niemanden, der nicht seit längerem praktiziert. Außerdem wir verschaffen uns möglichst einen persönlichen Eindruck; dazu laden wir Kandidaten zu Infonachmittagen ein, zu „Schnupper“besuchen in unseren Camps, zu Begegnungen unter vier Augen. All das liefert keine Qualitätsgarantie, zugegeben. Zumindest aber verringert es erheblich das Risiko für Hilfesuchende, mit vermeintlichen „Wunderheilern“ ihr blaues Wunder zu erleben. FRIEDA: Die Stiftung AUSWEGE trägt sich durch Spenden und viel ehrenamtliche Mitarbeit. Interessierte können auch vor Ort Veranstaltungen organisieren. Was es dazu braucht und inwieweit Sie dabei Unterstützung anbieten, ist unter dem Punkt „Helfen Sie mit!“ auf Ihrer Website zu finden. Welche Erfahrungen haben Sie dazu bisher gemacht? Steigt das Interesse, Ihre Arbeit und Ihr Wissen auf diese Weise bekannter zu machen? WIESENDANGER: Leider nein. Für „Auswege“ einen erfolgreichen, vielbeachteten Benefizabend hinzukriegen, der die Mühe lohnt, erfordert reichlich Zeit, Organisationstalent und ein gutes Beziehungsnetz vor Ort. Unter unseren Sympathisanten bringen das die Wenigsten mit. Allerdings unterstützen wir jeden Interessenten nach Kräften bei der monatelangen Vorarbeit. FRIEDA: Ich führte für FRIEDA-online im Jahre 2017 eine Parteienumfrage zum Gesundheitssystem durch, deren Ergebnisse mich insgesamt nicht gerade fröhlich stimmten. Wären Sie Gesundheitsminister, welche Reformen hätten für Sie absolute Priorität? WIESENDANGER: Wie viele Gigabyte Webspace hat „Frieda“? Im Ernst: Nach vielen verlorenen Jahrzehnten gäbe so bedrückend viel nachzuholen, gegenzusteuern, um- und aufzubauen, dass ich kaum wüsste, wo ich anfangen soll. Achtzehn sogenannte „Gesundheitsreformen“ sind den drängendsten Fragen, die unsere überteuerte, ineffiziente Medizin aufwirft, beharrlich ausgewichen. Die eine oder andere Gesetzesänderung tat dem medizinisch-industriellen Komplex zwar ein bisschen weh – an entscheidende Strukturen, Zielsetzungen und Weichenstellungen traute sich indes keine einzige heran, nicht einmal ansatzweise. Durchweg handelte es sich um Notwehrreaktionen auf äußerste monetäre Engpässe: leere öffentliche Kassen, malade gesetzliche Krankenversicherungen, überforderte Beitragszahler. Soweit Bundesregierungen in Versorgung und Regulierung eingriffen, ging es ausnahmslos darum, Kosten zu dämpfen und finanzielle Lasten umzuverteilen – um Themen wie Beitragshöhe, Arbeitgeberzuschüsse, Einschränkung von Leistungen, Vergütung der Leistungserbringer, Praxisgebühren, Zuzahlungen zu Arzneimitteln, Selbstbeteiligung, Ausgabenbudgets, Preisgestaltung, Festbeträge, Rationalisierung. Niemals nahm der Staat echte, dringend notwendige Reformvorhaben in Angriff: Wann endlich entzieht er sich der Dauerbelagerung durch Lobbyisten? Wann endlich gewährt er Patienten die gleiche Chance, Gehör zu finden, wie der Pharma- und Versicherungswirtschaft, Vertretern von Ärzten und Apothekern? Warum schiebt er der routinemäßigen Studientrickserei von Industrieseite nicht einen Riegel vor, legt Forschung und Entwicklung neuer Arzneimittel nicht ganz in die öffentliche Hand oder unterwirft sie zumindest strikter Aufsicht? Wann überarbeitet er endlich das Patentrecht, um dessen dreistem Missbrauch durch pharmazeutische Scheininnovationen einzudämmen, die einen einzigen Zweck verfolgen: Vermarktungsmonopole aufrechtzuerhalten? Weshalb setzt er dreister Preistreiberei nicht ein rigoroses Ende? Wo bleibt die seit Jahrzehnten angekündigte „Positivliste“, die Ärzten und Verbrauchern vorgibt, welche Arzneimittel wirklich hilfreich, nötig und preiswert sind? Wo bleibt eine unabhängige „Stiftung Warentest“ für den Arznei- und Nahrungsmittelsektor? Wann endlich verpflichtet der Staat die gesetzlichen Kassen dazu, nicht mehr für teure Originale aufzukommen, wenn mindestens ebenso wirksame, längst bewährte ältere Mittel oder Nachahmerpräparate, Generika, zu einem Bruchteil des Preises erhältlich wären? Wieso verschärft er Antikorruptions- und Transparenzgesetze nicht drastisch? Wann endlich zieht er Manager persönlich zur Verantwortung, wenn ihre Produkte schwere, bleibende Gesundheitsschäden anrichten? Wieso baut er kein unabhängiges öffentliches Informationssystem auf, finanziert aus möglichen Milliardeneinsparungen im Arzneimittelsektor und dem prallgefüllten Marketingtopf der Konzerne? Weshalb fördert er so gut wie gar nicht die Erforschung chemiefreier Behandlungsansätze, hilfreicher psychosozialer Projekte sowie selbstverantwortlicher Gesundheitsfürsorge? Wo bleibt dringend notwendiger, intensiver Gesundheitsunterricht, vom Kindergarten bis zum Schulabschluss – sollten Kinder nicht eher über industrielle Fertignahrung, über ein Übermaß an tierischem Eiweiß, verstecktem Zucker und Salz Bescheid wissen als über die Keilerei 333 bei Issos, die 8848 Höhenmeter des Mount Everest, über Integral- und Vektorrechnung? Wann endlich sorgt der Staat dafür, dass die ärztliche Aus- und Weiterbildung pharmafrei wird? Wann endlich wird Ärzten verboten, Zuwendungen jeglicher Art von der Industrie anzunehmen? Wann endlich wird Inhabern politischer Ämter untersagt, in die Industrie zu wechseln? Wann bläst Berlin endlich das kläglich gescheiterte Experiment der „Selbstverwaltung“ im Gesundheitswesen ab, die seit Jahr und Tag auf die gemeinschaftliche Selbstbereicherung der beteiligten Interessengruppen hinausläuft? Wenn Pharmazie ein Multimilliardengeschäft ist, für das staatliche Institute ohnehin einen Großteil der Grundlagenforschung leisten – weshalb macht er dieses Geschäft nicht besser gleich selbst, statt bei den Selbstbereicherungsorgien von Managern, Investoren und Aktionären tatenlos zuzusehen? Und niemals ging es bisher um brennende Grundsatzfragen wie: Worin besteht Gesundheit eigentlich? Was bedeutet Heilung? Was erhöht und sichert Wohlbefinden und Lebensqualität? Was motiviert Patienten über finanzielle Anreize hinaus, Verantwortung für das eigene Wohlergehen zu übernehmen, zu ihrer Genesung aktiv beizutragen? Welche präventiven Ansätze können dafür sorgen, dass Krankheiten erst gar nicht entstehen? Vertragen Helfen, Heilen und Pflegen überhaupt Kommerz, dürfen sie betriebswirtschaftlichem Kalkül unterworfen werden? Gibt es zu Pharmazeutika preiswertere, nebenwirkungsärmere, patientenfreundlichere Alternativen? Wie fördern und gestalten wir eine integrative Medizin, die das Beste aus unterschiedlichen Heiltraditionen und Therapierichtungen verbindet? Wie wird Humanmedizin humaner, wie befriedigt sie grundlegende menschliche Bedürfnisse? FRIEDA: Wie zuversichtlich sind Sie denn, dass unser Gesundheitswesen insofern die Kurve kriegt? Wie sieht Ihres Erachtens die Medizin der Zukunft aus? WIESENDANGER: Einerseits stimmen manche Entwicklungen hoffnungsfroh. Immer mehr Menschen nehmen übliche medizinische Maßnahmen nicht mehr brav hin, sondern hinterfragen sie. Die Nachfrage nach Behandlungsalternativen ist ungebrochen und wächst weiter. Es wächst die Zahl der Stiftungen, Vereine, Akademien und Institute, die sich mit viel Herzblut und Esprit für ein anderes Gesundheitswesen einsetzen. Immer mehr Menschen ernähren sich vollwertig, verhalten sich auch sonst gesundheitsbewusster. Manchen systemkritischen Webseiten und Facebook-Accounts folgen Zehntausende. Jene „Enteignung der Gesundheit“, die der Philosoph Ivan Illich schon in den siebziger Jahren anprangerte, bricht ja nicht als unabwend­bares Schicksal über uns herein. Sie kann nur stattfinden, weil und solange wir sie zulassen: durch Experten­gläubigkeit, durch Gedankenlosigkeit, Gleichgültigkeit und Bequemlichkeit, durch die falschen Wahl­entscheidungen, durch einen Mangel an politischem Engagement. Ein Milliardengeschäft sind synthetische Arzneien nur, solange wir sie uns arglos verschreiben lassen und brav schlucken. FRIEDA: Aber andererseits? WIESENDANGER: Eine humanere, patienten- statt profitorientierte Medizin fordern weiterhin zuwenige, sie bewegen zuwenig, sie sind zu unorganisiert und finanziell impotent, die Gegenkräfte des Systems sind übermächtig. Und so stelle ich in meinem Bekanntenkreis bei vielen klugen, sensiblen Leuten zunehmende Weltflucht fest: Die Nachrichtenlage ist niederschmetternd – also kündigt man das Zeitungsabo, guckt keine Tagesschau mehr. Zwar setzt man eifrig „Likes“ und „Shares“ in sozialen Medien, man sendet „geistige Energien“, „das Licht der Liebe“ irgendwohin, meint aber, damit schon genug zu tun. Man harrt eines New Age, das bestimmt von ganz alleine kommt, wie für einen Zeugen Jehovas die Tausend-Jahre-Herrschaft des Allmächtigen. Man arrangiert sich neobuddhistisch mit dem Lauf der Dinge: Alle Übel dieser Welt ergeben sich bloß aus glücksverhindernder Wahrnehmung und emotionaler Anhaftung. Man bevorzugt Selbsterlösung. FRIEDA: Belegen die Erfolge der Friedens-, Öko-, Antikernkraft-Bewegung, auch die Nachwirkungen der ´68er-Proteste nicht, dass Sie da allzu schwarz sehen? WIESENDANGER: Atompilze und tote Bäume verbreiten Angst und Schrecken durch starke Bilder, die mobilisieren, indem sie Gefahren anschaulich machen. Chronische Krankheit hingegen bedroht schleichend. Wirklich greifbar wird sie erst, wenn sie eintritt – also zu spät. Sie vorher vollauf zu erfassen, setzt Neugier und Flexibilität, Intelligenz und Bildung voraus; ein gewisses Maß an Respektlosigkeit gegenüber Akademikern, insbesondere gegenüber den Halbgöttern in Weiß; und ausreichend Zeit, sich schlau zu machen. Wenn ich in Wartezimmern von Arztpraxen, in Fußgängerzonen, in Gasthäusern, auf Volksfesten in die Gesichter meiner Mitmenschen schaue: Wie vielen traue ich zu, das Not-Wendige zu begreifen? Wie viele würden mir auch nur ein paar Minuten lang aufgeschlossen zuhören, innehalten und ins Grübeln kommen, ein Buch zur Hand nehmen, geschweige denn grundlegende Einstellungen, Denkmuster und Gewohnheiten aufgeben? Wie viele würden ihre Smartphones und VR-Brillen beiseite legen, ihren PC und TV ausschalten, um hinzuzulernen und zu handeln? Uns umgeben fünf Millionen funktionale Analphabeten, die nur einzelne, kurze Sätze lesen und schreiben können; weitere zwei Millionen kommen über einzelne Wörter nicht hinaus, rund 300 000 Menschen scheitern selbst daran. Anderthalb Millionen gelten laut Statistischem Bundesamt als geistig schwerbehindert. Beim Rest reicht die Aufmerksamkeitsspanne oft nicht weiter als eine Minute, der Interessenhorizont nicht weiter als die Sonderangebote beim Discounter, die neue VW-Generation und das nächste Reiseziel. Moderne Freizeitgestaltung tendiert dazu, Neil Postmans Buchtitel „Wir amüsieren uns zu Tode“ zum Lebensmotto zu machen. Ein Fußballspiel, bei der 22 Multimillionäre anderthalb Stunden lang einem Ball hinterherjagen, um ihn zwischen zwei Pfosten zu treten, lockt bis zu 30 Millionen Bundesbürger vor die Glotze, manchmal mit 70 Prozent Marktanteil und mehr; die meisten kennen die Namen jedes einzelnen Kickers auswendig. Sollten sie nicht besser 22 Toxine kennen, die sie ihren Babies mit jeder Impfung in die Blutbahn spritzen lassen? 22 Chemikalien, die ihnen auf die Dauer Allergien, Krebs, MS, Demenz und Alzheimer bescheren können? Die 22 nährstoffreichsten Lebensmittel? FRIEDA: Manchmal folgt die Masse, wenn Pioniere voranschreiten … WIESENDANGER: Selbst wenn unermüdliche Aktivisten im Gesundheitsbereich irgendwann eine kraftvolle soziale Bewegung in Gang brächten: Sie dürfte zu spät kommen. Um redlicherweise bei mir selbst zu beginnen: Obwohl ich mich für weder überdurchschnittlich ungebildet noch desinteressiert noch unreflektiert noch verantwortungslos halte, dauerte es Jahrzehnte, bis mir endlich ein Licht aufging, bis ich endlich in meiner eigenen Lebensweise Entscheidendes änderte. Wie viele weitere Jahrzehnte dauert es wohl, bis bestens begründete Warnungen in unserem Land zu einem politischem Kurswechsel führen – unter bestürzend visionslosen Regierungen und fachlich inkompetenten Gesundheitsministern, umlagert von einem Lobbyistenheer, beraten von gekauften Sachverständigen? Wie viele Jahrzehnte, bis ein globales Umsteuern stattfindet? Zum Vergleich: Von den ersten triftigen Hinweisen, dass Asbest schwere Lungenerkrankungen verursacht, bis zu einem gesetzlichen Verbot, diesen teuflischen Baustoff herzustellen und zu verwenden, dauerte es über 90 Jahre. FRIEDA: Immerhin: Irgendwann tat sich doch etwas. WIESENDANGER: Wie beim Klimawandel, so haben wir auch im Gesundheitswesen aber nicht mehr Jahrzehnte Zeit, befürchte ich. Längst hat sich ein neoliberaler Turbokapitalismus dem bändigenden Sozialstaat entzogen. Von ethischen Skrupeln unbelastet, agiert er weltweit, und weltweit schafft er längst vollendete Tatsachen, ob im Energie- oder Rüstungssektor, im Ernährungsbereich oder der Medizin. Genmanipulierte Organismen, Mikroplastik, künstliche Nanopartikel sind längst in unserer Umwelt, unserer Nahrungskette, unseren Körpern. Die Massenvergiftung durch Industrienahrung, verseuchtes Trinkwasser, Ultrafeinstaub, Medikamente und Impfstoffe tut ein übriges. Sie wird sich fortsetzen. Denn, wie gesagt: Es ist Teil eines billionenschweren Geschäftsmodells, dass immer mehr Menschen immer früher, immer länger krank werden. Aus Furcht davor werden die meisten eine digital revolutio­nierte Hi-Tech-Medizin begrüßen, die von der Wiege bis zur Bahre konstant Vitalfunktionen, aber auch psychische Befindlichkeiten überwacht, um möglichst früh einzugreifen, vorgeblich präventiv: durch Pharmazeutika, durch Hautsensoren und Implantate, durch Manipulationen im Gehirn und am Erbgut. Ob Homo sapiens dadurch nicht nur kontrollierbarer, sondern auch gesünder wird, bezweifle ich. Aus der Erde könnte noch in diesem Jahrhundert ein Planet werden, auf dem am ehesten eine nichtmenschliche Intelligenz überlebt – die Evolution könnte über unsere Spezies hinweggehen, sie braucht uns nicht. Was Stephen Hawking in Bezug auf KI orakelte, gilt nicht minder für andere gefeierte Schlüsseltechnologien, die „next Big Things“: Robotik, Bio- und Nanotechnologie. Jede „könnte die großartigste Errungenschaft der Menschheit werden, aber auch ihre letzte“. Bei solchen apokalyptischen Aussichten halte ich es bezüglich meiner Stiftung Auswege mit Hoimar von Ditfurth: „Selbst wenn ich wüsste, dass morgen die Welt untergeht, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen“. Allerdings keine weiteren Kinder mehr zeugen.

  • Die Blitzheilung - Was eine Schwerstdepressive bei Psycho-Profis erlebte

    Wenn einer jungen Frau eine „Depression höchsten Schweregrades“ diagnostiziert wird, ist das ein glasklarer Fall für die moderne Psychiatrie, nicht wahr? Ihr eigener Vater erlebte fassungslos mit, was dabei herauskam. Anfang Januar 2015 wandte sich der 60jährige Martin* an mich, in heller Aufregung: Soeben sei bei seiner 18jährigen ­Tochter Nora*, nach einem miss­glückten Selbstmordversuch kurz vor Silvester, in einer psychiatrischen Klinik eine „De­pression höchsten Schwe­regrades“ diagnostiziert ­worden. Eine ambulante Behand­lung wurde ihr strikt verweigert, das sei viel zu riskant. Stattdessen wurde ihr dringend geraten, sich mindestens einen Monat lang stationär therapieren zu lassen. „Ich bezweifle so­wohl die Diagnose als auch die Notwendigkeit, sie in die Psychiatrie einzuweisen“, sagte der Vater. „Viel lieber hätte ich sie für ein ‘Auswege’-Camp angemeldet. Aber Nora besteht darauf: Nur in der Klinik könne ihr geholfen werden, meint sie. Was soll ich tun? Könnten Sie nicht mal mit ihr reden?“ Weil der Mann nicht allzu weit von mir entfernt wohnte, bot ich ihm ein sofortiges Treffen an. Am darauf­folgenden Tag schilderte er mir ­weitgehend ge­fasst und doch ­zwischendurch sichtlich bewegt, mit Trä­nen in den Augen, bebender Stimme und leicht zitternden Hän­den, ein bezeichnendes Geschehen, an dem sich wie un­ter einer Lupe studieren lässt, wie die Psychiatrie eine akute Lebenskrise, die offenkundig bedrückende äußere Umstände auslösten, in eine be­handlungsbedürftige „Krank­heit“ umdeutet und entsprechend mit ihr verfährt, mit gutgläubigem Einverständnis der Betroffenen. „Was haben Sie denn gegen die moderne Psychiatrie?“, wollte ich zunächst von Martin wissen. „Weil ich ihre Segnungen aus Erfahrung kenne“, erklärte er. Schon im Sommer 2010 hatte seine Tochter zwei Monate in der geschlossenen Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie einer Universitätsklinik zugebracht. Ihre Einweisung betrieben hatte die Mut­ter, eine Grundschullehrerin, die seit Ende der neunziger Jahre an schweren Depressionen litt, mit heftigen Panikattacken und massiven körperlichen Begleiterscheinungen, die sie immer wieder arbeitsunfähig machten - was sie Nora verheimlichte. Bei Nora liege eine ausgeprägte „Anpassungsstörung“ vor, wie Klinikärzte im Nu herausfanden, mittels mehrerer psychodiagnostischer Testverfahren, bei denen Noras Werte „im klinisch hoch auffälligen Bereich“ lagen. Woran vermochte sich das Mädchen nicht „anzupassen“? Vor kurzem war, wie aus heiterem Himmel, die Scheidung der Eltern über sie hereingebrochen. Noch weitaus schlimmer als der Um­stand, dass die geliebte Mama nach zwanzig Beziehungsjah­ren den geliebten Papa verließ, war für sie, dass Mama sie und ihre zwei Jahre ältere Schwester Sandra* fortan ­unablässig ge­gen Papa aufwiegelte. Dazu griff sie zu ab­strusen Lügen: ‘Immer hat er mich furchtbar unterdrückt, ­manipuliert und kontrolliert’, ‚‘Kinder gehören gesetzlich zur Mutter’, ‚‘Er hat dich, als du noch klein warst, in der Bade­wan­ne ganz oft sexuell ­miss­braucht, in deinen Zeichnun­gen haben Ärzte und Psycholo­gen eindeutige Hinweise darauf entdeckt’, ‚‘Er ist ein Betrü­ger und hat Mil­lionen Schwarz­geld in der Schweiz’, ‚‘Er hatte heimlich Geliebte, mit denen er mich betrogen hat’. Permanent setzte sie die Kinder unter Erwartungsdruck, sich mit ihr gegen den bösen Papa zu verbünden und ausschließlich bei ihr zu wohnen. Sandra ging der mütter­li­chen Propaganda auf den Leim; für diesen Papa, mit dem sie zuvor 14 Jahre lang ein ebenso inniges, liebevolles Ver­hältnis verband wie Nora, hatte sie fortan nur noch Verachtung und Hass übrig. Nora hingegen hing weiterhin an mir. Tapfer setzte sie sich gegen die Entfremdungsbemü­hun­gen zur Wehr. Dafür nahm sie in Kauf, von ihrer Mama un­entwegt mit Vorwürfen und Lie­besentzug bestraft zu werden. Deren düstere Prophe­zeiung, in meiner Obhut werde sie ‘zugrundegehen’, ignorierte Nora.“ Dieses verhängnisvolle Spannungsfeld fiel den Klinikpsychiatern durchaus auf. Ihr Befundbericht erwähnt ein „angespanntes, disharmonisches Familiensystem. Die Patientin erscheint durch die schwierige Trennung der Eltern sehr belastet. Sie beginnt zu weinen, wenn das Gespräch darauf kommt.“ Immer wieder „the­ma­tisiert sie das angespannte Verhältnis zwischen und zu ihren Eltern, worunter sie stark leidet“. Doch anstatt dieses Verhältnis anzugehen, um die äußeren Ursachen von Noras desolatem Zustand zu beseitigen – was erfordert hätte, die zerstrittenen Eltern „systemisch“ in die Therapie einzubeziehen -, ging es während der gesamten Klinikzeit vorrangig um Noras Unvermögen, damit klar­zukommen. Kein Wunder, dass die­ses Manko trotz siebenwöchiger Internierung fortbestand, nicht bloß unvermindert, sondern eher noch verschärft. Dazu trugen geradezu surreale Schreckenserlebnisse bei, die sich tief in Noras Gedächtnis einbrannten: etwa demütigende Bloßstellungen wegen einer angeblichen „Sexualisierung“. Einziger diagnostischer Anhaltspunkt hierfür: Das Mädchen, eine ebenso leidenschaftliche wie hochbegabte Zeichnerin, bildete am liebsten nackte menschliche Körper ab, deren Anatomie sie faszinierte - Körper, die nicht etwa obszön posierten oder gar sexuell aktiv waren, sondern schlicht unbekleidet. (Fünf Jahre später begann das Mädchen eine Ausbildung zur Designerin.) Schon mit Zwölf hatte Nora, dank einer Sondererlaubnis der Schulleitung, einen VHS-Kurs im Aktzeichnen besuchen dürfen, an dem ansonsten nur ältere Erwachsene teilnahmen. Um sich die quälend lange Wartezeit zwischen den spärlichen Klinikterminen zu vertreiben, malte sie auch auf ihrem Zimmer in beinahe jeder freien Minute. Als das auffiel, veranstaltete der Chefarzt bei der nächsten Visite, umgeben von Assistenzärzten, Psychologen und Pflegern, ein regelrechtes Tribunal: Noras „unanständige“ Bilder wurden an die Wand gepinnt und minutiös auf pathologische Sexualmotive hin analysiert - wieviele nackte Hintern, wieviele entblößte Brüste? -, während das Mädchen vor Scham schier im Erdboden versank. („Ich kam mir vor wie eine Schweinkram produzierende Triebtäterin.“) Im Anschluss daran erhielt sie ein striktes Malverbot; Zeichnungen, Block und Stifte wurden ihr weggenommen. Viele weitere traumatische Erinnerungen sind ihr bis heute ebenso lebhaft präsent. Einem netten Pfleger – dem „einzigen Menschen auf der ganzen Station, der wirklich auf mich einging“ – hatte sie beiläufig anvertraut, dass sie gerne singt. Ein paar Tage später tauchte eine Frau in ihrem Zimmer auf, führte sie in den Keller, wies ihr einen fensterlosen Raum zu und meinte dann: „Ich hab‘ gehört, dass du gerne singst. Das kannst du jetzt gerne eine halbe Stunde lang machen.“ Dann ließ sie Nora stehen, sperrte die Tür zu und hielt davor auf einem Hocker genau dreißig Minuten lang Wache. Drinnen wimmerte unterdessen das verängstigte Kind. Im Nebenzimmer war ein zwölfjähriges Mädchen untergebracht, das mehrmals täglich von „hypochondrischen Asthmaanfällen“ gepeinigt wurde. „Als ich sie wieder einmal grauenvoll husten hörte, lief ich vor ihr Zimmer, und durch die halb geöffnete Tür sah ich sie zusammengekauert auf ihrem Bett liegen, die Hände auf ihren Brustkorb gepresst. In Todesangst rang sie keuchend nach Luft. Irgendwann tauchte kurz ein Pfleger auf, baute sich im Türrahmen auf, die Hände in den Hüften, und brüllte sie an: „Nun hab´ dich mal nicht so, Lisa! Man kann´s auch übertreiben!“ Dann verzog er sich wieder. Kurz darauf erlebte Nora mit, wie eine Mitgefangene auszubüchsen versuchte: ein dort seit Monaten interniertes Mädchen, das sich nicht bloß oberflächlich „ritzte“ - ihre Arme und Beine richtete sie mit Messern und Scheren derart zu, dass sie mit tiefen, blutroten Schnittwunden übersät waren, „manche zentimetertief bis auf die Knochen; an manchen Stellen fehlte die Haut großflächig“. Therapieerfolg: null - die Selbstverstümmelungen hatten eher noch zugenommen. Der verzweifelte Fluchtversuch scheiterte nach wenigen Metern: „Zwei Pfleger packten sie brutal, schrien sie an, zerrten sie zurück in ihr Zimmer, fesselten sie ans Bett, ließen sie dort einfach liegen.“ Niemand beruhigte, niemand tröstete, niemand kümmerte sich um das Kind. Hatten die Kinder auf der Station Hunger, weil die Mahlzeiten spärlich portioniert waren, so mussten sie sich mit lauwarmem Tee begnügen. Kurzum: moderne Psychiatrie vom Feinsten, „leitlinienorientiert und evidenzbasiert“, wie die Klinik auf ihrer Homepage versichert. Am Ende verließ Nora die Psychiatrie eher noch belasteter, als sie eingeliefert worden war, weshalb der Kli­nikbericht abschließend dringend eine „mindestens teilstationäre“ Weiterbehandlung empfahl, „um eine weitere Chronifizierung der Symptomatik zu verhindern“. Die umgehende Verlegung in eine weitere Klinik, dies­mal für mindestens ein Jahr, versuchte die Mutter, unterstützt vom Ju­gendamt, daraufhin juristisch durchzusetzen, denn Martin stell­te sich quer, während die demoralisierte Nora zunächst hin- und hergerissen war. Weil eine wei­se Familienrichterin dafür war, erst noch eine Weile abzuwarten, holte er Nora zu sich, suchte eine neue Schule für sie, brachte sie jede Woche zu einer Bekannten, die in langen, einfühlsamen Gesprächen ihr erschüttertes Selbstbewusstsein stärkte. Ein halbes Jahr später war das Kind klinisch völlig symptomfrei. „Nora zog zu mir, der Kontakt zu Mutter und Schwester riss weitgehend ab, in einer neuen Schule war sie rasch integriert, sie fand Freun­de und ­Bekannte, ihr Verhältnis zu mir war zutiefst vertrauensvoll. So blühte sie von Woche zu Woche auf. Ab Anfang 2011 hatte sie sich restlos gefangen, sie war psychisch vollauf stabil.“ „Bis Mitte 2014“, so berichtete mir Martin weiter, „war aus Nora eine fröh­liche, selbstbewusste, un­be­schwerte junge Frau geworden, mit einem großen Bekanntenkreis, mehreren leidenschaftlich ­ge­pflegten Talenten – sie kann phan­tastisch zeichnen und foto­grafieren – und voller Stolz auf ihre erste ­eigene Wohnung in einer aufregenden Groß­stadt, die ich ein Jahr zuvor für sie angemietet hatte. Von dort aus erreichte sie eine Akademie für ­Modedesign, in der sie ihre Lieblingshobbies zum Traum­be­ruf ­machen wollte. Zuvor bestand sie eine ­Aufnahmeprüfung eben­so mühelos, wie sie zuvor die Real­schule ab­geschlossen hatte. In der Aka­de­mie begegnete sie nach wenigen Wochen ihrer ‘großen ­Lie­be’, einem Klassenkameraden. Mit ihm verbrachte sie fortan, auf Wolke Sie­ben schwebend, beinahe je­de freie ­Minute. Ihre gelegent­lichen Stim­mungs­tiefs waren nicht tiefer und länger als bei mir oder sonstwem, der als psychisch vollauf gesund gilt.“ Was änderte sich denn daran vom Sommer 2014 an? „Bei unseren regelmäßigen Treffen“, so ­erzählte mir der Vater, „wirkte Nora auf mich immer öfter niedergeschlagen, grüblerisch, antriebslos, ge­reizt. Sie klagte mir, dass sie sich an manchen Tagen ‘über nichts mehr richtig freuen’ und oft erst weit nach Mitternacht einschlafen könne. Ab Herbst hat­te sie dreimal einen ‘Zusam­men­bruch’, wie sie es nannte: Ihr wurde schwindlig, dann ver­lor sie kurz­zeitig das Be­wusstsein. Seit Ende 2014 be­rich­tete sie von ‘Essstörungen’ – ‚‘ich habe fünf Kilo zugenommen’ – und einem Gefühl, ‚‘nichts wert’ und ‚schuld’ zu sein.“ Was steckte dahinter? „Da kamen kurz hintereinander ­mehrere Belastungsfakto­ren zu­sammen“, erläuterte mir der Vater. „Zum einen ernüchterte sie ihre Ausbildung. Da­von versprochen hatte sie sich, vor allem noch besser zeichnen und fotografieren zu lernen. ‘Dem Lehrplan nach’, klagte sie mir, ‚‘ist Medientechnik nur ein Fach neben vielen anderen. In Wahrheit aber ist beim Mode­de­sign alles Medientechnik! Selbst das sogenannte „Freie Zeichnen“ bedeutet nicht mehr ­Gestalten von Hand auf Papier, ­sondern elektronisches ‘Malen’ mit einem Ein­gabestift am Gra­fik­tablet oder mit der Maus am Computer, und dazu muss man komplizierte Software perfekt beherrschen’.“ Das hatte sich No­ra ganz anders vor­gestellt. Und so verlor sie jegliche Lern­motiva­tion, schwänzte, erledigte Haus­aufgaben nicht mehr, be­rei­tete sich nicht auf Tests vor. Entsprechend mies waren ihre Noten, das jüngste Halb­jahres­zeugnis fiel katastrophal aus. „Im Herbst“, so erinnerte sich ihr Vater, „äußerte sie mir ge­gen­­über erstmals, dass sie die Ausbildung ­abbrechen möchte. Doch ich bedrängte sie, weiterzumachen, weil ich fand, so schnell dürfe man nicht die Flinte ins Korn werfen, wenn etwas unangenehm und mühsam wird. Erst gestern gab ich ihr grünes Licht, nach einer Alternative zu ­suchen.“ Ab Au­gust 2014 – jenem Monat, von dem an dem Vater eine deutliche Veränderung in Noras ­psychischer Verfassung auffiel - rückte das neue Akademie-Schuljahr näher, und damit wuchs das Grauen vor tägli­chen neuen Erfahrungen der ei­genen Unzulänglichkeit. („All meine Mitschüler kommen mit ­Computern klar – bloß ich nicht.“) Damit einher ging die Angst, ihren Dad zu enttäuschen, gerade vor ihm, ­ihrem groß­zügigen Sponsor, als Ver­sa­gerin dazustehen. Das nährte Schuldgefühle. Beides zusammengenommen vermit­tel­­te Nora das Gefühl, ausweglos in der Falle zu setzen: Setzt sie die Ausbildung fort, dann trotz allergrößten Wider­willens und ohne Zukunftsper­spektive. Bricht sie ab, steht sie vor ihrem Vater und sich selbst da als je­mand, der lustlos aufgibt, et­was nicht zu Ende bringt. Das weckte Existenz­äng­ste: Was sollte ohne Ausbil­dung, ohne Job bloß aus ihr werden, falls ihr Vater enttäuscht seine Un­terstützung ein­stellt, wenn sie die Schule ver­lässt? Wovon sollte sie leben? Würde sie ihre Woh­nung verlieren? Hinzu kam, dass Nora die Tren­nung von ihrer „großen Liebe“ verkraften musste. Ihr angehimmelter Märchenprinz hatte die Beziehung brutalstmöglich beendet, wobei er No­ra zu verstehen gab, sie sei zu blöd für ihn. Nachträglich kam heraus, dass er sie schon seit Monaten mit einer Klassenkameradin betrog. Über diese De­mü­­ti­­gung kam sie nicht hinweg, weiterhin war sie ­zutiefst verletzt und voller Hass. In ihrer Klasse fühlte sich Nora außerdem mehr und mehr ausgegrenzt – prompt lebten traumatische Erinnerungen an frühere Schulmobbings wieder auf. „Damit nicht genug“, fuhr ihr Va­ter fort: „Just in jenem ­Au­gust, in dem Nora zunehmend aus dem Gleichgewicht geriet, war es zu einer Aussprache und Versöhnung mit ihrer Mut­ter und Schwester gekommen. Die Wiederannäherung an beide befriedigte einerseits ihre Sehnsucht nach deren Liebe – andererseits geriet sie wieder in den Bannkreis zweier Perso­nen, von denen sie sich nicht re­spektiert fühlte und die ihrem Selbstwertgefühl nicht gut ta­ten. Denn weiterhin ließ die Mutter kaum ein gutes Haar an ihr. Weiterhin hielt sie ihr vor, zu ‘diesem Schwein zu halten, den du Vater nennst’. Weiterhin wartete Nora vergeb­lich auf eine ­Entschuldigung. Wei­terhin, wie schon früher, gab die große ­Schwester ihr bei jeder Gelegenheit zu ­verstehen, wieviel intelligenter, ­grandioser, erfolgreicher sie doch ist“. Hinzu kamen wie­derholte ­Misserfolgserlebnisse auch außerhalb der Akademie, bei der vergeblichen Suche nach einem Nebenjob, der Nora auch deshalb so wichtig war, weil sie ihren Vater finanziell ent­lasten wollte. Nur zweimal war sie angenommen wor­den: Als Bedienung in einem Bistro musste sie gehen, nachdem dieser im Frühjahr dichtmachte; als Aushilfskraft in einer Im­biss­bude nahm sie nach zwei Tagen reißaus, weil der Inhaber sie sexuell belästigte. Minde­stens ein Dutzend weiterer Vor­stellungs­- ­gespräche, oft mit stun­denlangem ­unbezahlten ‘Pro­be­arbeiten’, endeten in Absa­gen, zumeist mit faden­scheinigen Begründungen.“ All dies zu­sammengenommen hatte offenbar ausgereicht, um Noras Selbst­bewusstsein schwer zu erschüttern. Sie fühlte sich minderwertig. Drei Tage vor Silvester 2014 spitzte sich Noras Krise dramatisch zu: „Überwältigt von ih­rem multiplen Elend, versuchte sie sich umzubringen - mit ‚‘Nikotintee’. Dazu löste sie den Tabak aus zwei Zigarettenschachteln heraus, kochte ihn in Wasser auf und trank den Sud. Als heftige Ver­giftungs­symptome einsetzten und sie sich ­unentwegt übergeben musste, bekam sie es mit der Angst zu tun. Sie rief einen Notarzt, der sie für eine Nacht ins Krankenhaus brachte. Dar­aufhin beschloss sie, professionelle Hilfe zu suchen. Bei der ­Ambulanz einer psychiatrischen ­Klinik besorgte sie sich einen Termin. Innerhalb von knapp zwei Stunden wurde dort von einer klinischen Psychologin mittels ­Standardinterview eine ‚‘schwerste depressive Episode’ festgestellt – und von einer hinzugezogenen Psychia­­t­e­rin nach nur zehn­minütigem Gespräch bestätigt. Das könne un­mög­lich bloß ambulant behandelt werden, ‘weil du dann vorsichtshalber sehr starke Psychopharmaka nehmen müsstest’, wie meine Tochter zu hören bekam. ‘Dringendst’ wurde ihr zu einer‚‘mindestens einmonatigen’ stationären Un­terbringung geraten. Einge­schüchtert und verängstigt willigte Nora sofort ein.“ Demnach war die Entschei­dung bereits gefallen. Welchen Sinn machte es da noch, dass ich Martins Wunsch nachkam und mit seiner Tochter sprach? Nach drei Stunden verabschiedete ich mich von ihm, bat ihn aber, mich auf dem laufenden zu ­halten. Eine Woche später saßen wir erneut zusammen. Was, so frag­te ich Martin, hatte er denn dagegen einzuwenden, dass sich seine geliebte Tochter in ihrer offensichtlich desolaten Verfas­sung psychiatrisch versorgen lässt? Nahm er ihren alarmie­ren­den Suizid­ver­such etwa nicht ernst genug? Wollte er riskieren, sein Kind zu ­verlieren? „Um Himmels willen!“, fuhr er mich aufgebracht an. „Wie können Sie so etwas fragen? Allerdings bezweifle ich, dass sie sich ernsthaft umbringen wollte, so planlos, aus einem Augen­blicks­affekt heraus und wider besseres Wissen. Denn schon vorher, so gestand sie mir nachträglich, sei ihr klargewesen, dass dazu der Tabak­inhalt von zwei Zigarettenschachteln un­möglich ausreichen konn­te; mindestens vier wären nötig gewesen. Mir das eher wie ein verzweifelter Hilfeschrei vor: ‚‘Schaut her, wie furchtbar schlecht es mir geht!’ Nehmt ihr meine Not jetzt endlich ernst?’“ Auf all das, was sie monatelang belastete, reagierte sie keineswegs krankhaft, sondern absolut angemessen, nach­­­vollziehbar und ­rational. Was ist denn neurotisch daran, sich von objektiv bestehendem Druck bedrücken zu lassen?“ Andererseits: Tot ist tot, egal ob ­sorgfältig und mit Bedacht vor­bereitet oder im Affekt herbeigeführt. Kennt der Vater denn nicht Statistiken, denen zufolge zwei Drittel aller Selbstmörder depressiv sind? „Selbstverständlich ist mir das ­bewusst“, erwiderte Mar­tin. „Und natürlich ist mir klar, dass meine Tochter dringendst Hilfe benötigt – aber nicht, weil sie ‘psychisch krank’ ist. Denn ich bezweifle sowohl die ­ge­stellte Diagnose als auch die ­Not­­wendigkeit, sie stationär zu versorgen.“ Was maßt sich dieser Laie an? Wie kommt er dazu? „Natürlich interessierte mich ­brennend, wie der Befund einer ‘schwersten Depression’ zu­stan­de kam.“ Den Ausschlag gab der „QIDS-C 16“-Test - QIDS steht für „Quick Inventory of Depressive Sympto­ma­to­logy“ -, ein 2003 entwickelter Fragebo­gen, dessen 16 Items die Haupt­­symptome einer De­pres­sion ab­decken sollen: von Traurigkeit über vermindertes Selbstwert­gefühl, Kon­zentrations- und Entschei­dungsschwäche, Ener­gie- und In­teresselosigkeit bis hin zu Schlaf- und Essstörun­gen, innerer Unruhe und Selbstmord­­gedanken – „innerhalb der letzten sieben Tage“. Dabei hat sich der Pati­ent jeweils für eine von vier Ant­wort­mög­lichkeiten zu entscheiden. Erreicht er auf einer Werte­skala von 0 bis 27 einen Score von 21 oder höher, muss er als „sehr schwer“ depressiv gelten. Wie könnte ein noch so ausgeprägtes seelisches Tief innerhalb der zurückliegenden Wo­che auf eine psychische Er­kran­kung „schwersten“ Aus­prä­gungs­grads hindeuten? Noras Vater berichtete: „Interessehal­ber habe ich diesen QIDS-16 für mich selbst ausgefüllt. Mein Punktwert lag bei 20, also nur knapp unterhalb der Schwelle zur allerdringendsten Behand­lungsbedürftigkeit. Demnach hätte ich mich am besten gleich ­gemeinsam mit meiner Tochter in die Psychiatrie einweisen las­sen sollen. Ich halte mich al­ler­dings für seelisch überaus sta­bil, und derselben Ansicht sind meine neue Lebensgefährtin, meine Ver­wand­ten, Freunde und Kolle­gen. Was mein ­Befinden in jüngster Zeit massiv ­beeinträchtigt hat, ist schlicht die tiefe Sorge um ein Kind, das ich über alles liebe. Sobald ich sehe, dass es sich wieder fängt und seinen Weg findet, punkte ich im QIDS prompt deutlich unter 5, jede Wette.“ Worauf Martin stieß, verdeutlicht ein Grundproblem jeglicher psy­-cholo­gischer Diagnostik. Bei der Unter­suchung einer Gesteinsprobe, eines Fos­sils, einer Flüssigkeit ist gleich­gültig, wer sie wann unter welchen Umständen vornimmt. Wer hingegen die Psyche einer Person erkundet, widmet sich Eigenschaften, die hochgradig situationsabhängig sind. Vier Tage vor dem Kliniktest war No­ra ihr Handy gestohlen worden. Nachdem der Dieb darin mehrere Nacktfotos von ihr entdeckt hatte, postete er sie, mit geknacktem Passwort, auf ihrer Facebook-Seite und verschickte sie, mit obszönen Kom­mentaren versehen, an alle ihre Verwandten, Freunde, Klassenkameraden und Lehrer, deren Adressen er im Handy gespeichert fand. Diese Bloß­stellung in ihrem engsten sozialen Umfeld hatte Nora zutiefst erschüttert, voller Scham dachte sie aber­mals an Selbstmord. Psychisch belastet war sie schon vorher gewesen; doch dieser Vorfall vergrößerte ihr Elend dramatisch. Dass eine Neurosenmessung, die inmitten einer derartigen Krise stattfindet, Spitzenwerte ergibt, liegt auf der Hand. Übersieht oder verharmlost der Vater, dass bei Nora tatsächlich etliche ­klinische Merkmale einer Depression vorliegen? Wie kann er die Schlüsse be­zweifeln, die Psychiater daraus ­ziehen? „Gegenfrage“, erwi­der­te mir Martin: „Wie kann ein noch so erfahrener Experte meine Tochter besser kennen als ihr Vater, der sie all ihre bisherigen achtzehn Lebensjahre lang nicht nur fürsorglich begleitet, sondern auch aufmerksam beobachtet hat? Seit Noras Elternhaus kaputtging, führe ich Tagebuch über ihre weitere Entwick­- lung. Würden Sie es lesen, so fänden Sie zu beinahe jedem der über 2000 Tage, die seither ­vergangen sind, einen Eintrag über sie. Dieses Kind kenne ich besser als irgendwer sonst, keiner kann mir das ausreden. Und die klinischen Kriterien einer Depression“, fährt Martin fort, „sehe ich bei ihr definitiv nicht erfüllt. Keineswegs ist sie durchgängig niedergeschlagen und traurig ­gestimmt, unabhängig von Umständen und Situatio­nen. Jegliche Freude und Interesse hat sie nicht im entferntesten verloren. Sie ist durchaus nicht ohne jeglichen Antrieb. Weiterhin sucht und genießt sie ­aus­giebig Kontakte zu Freun­den, Verwandten und Bekann­ten, liebt Pubs und Parties, Shoppen und fein essen gehen. Sie verabredet sich gerne, empfängt gerne Besucher. Sie ist stolz auf ihr neues, riesiges ­Rü­cken-Tattoo und darauf, dass es in Kürze bei einer großen Fachmesse auf der Bühne prä­sentieren darf, wobei sie für ein Magazin fotografiert wird. Daheim hält sie eher viel besser Ordnung als noch vor einem halben Jahr. Sie streicht ihre Woh­nung neu und freut sich über das Er­gebnis. Weiter­hin zeichnet und fotografiert sie mit Leidenschaft, und gelegentliche bezahlte Aufträge aus ihrem Bekanntenkreis, die sie zügig und gewissenhaft ­erledigt, machen sie stolz. Vor zwei Wochen genoss sie, fröhlich und ­aus­-geglichen, einen dreitägigen Ausflug mit mir nach Düsseldorf und Köln. Sie sucht und genießt Sex­kontakte. Sie sehnt sich nach einem Freund, hält Ausschau und ‚‘testet’ ­etliche Kandidaten. Zwischendurch ist sie immer wieder mal verliebt, ­zuletzt in ihren charmanten Tätowierer. Sie bastelt, gemeinsam mit einem Bekann­ten, an einer eigenen Homepa­ge, auf der sie ihre Werke präsentieren kann. Sie freut sich auf einen bezahlten Hairsty­ling-Termin, bei dem ihr ein Top­coiffeur eine neue Frisur ver­passen will, für einen ­Wer­be­­ka­ta­log. Sie nimmt interessiert Anteil daran, was ihre Freunde und Verwandten tun, denken und fühlen. Arbeiten, die ihr Spaß machen, ­erledigt sie stundenlang hochkonzentriert. Undsoweiter.“ „Kurzum“, schlussfolgert Martin: „Die psychiatrischen Haupt­kriterien einer ‘depressiven Episode’ sind in keiner Weise erfüllt. Allenfalls, das gebe ich zu, bestehen ein paar Begleitsymptome. Innere Un­ru­he. Mangelndes Selbstwertbewusstsein. Schuldgefüh­le, vor allem gegenüber ihrem Vater. Pessimistische Zukunfts­­per­spekti­ven. Schlafstörungen - monatelang konnte sie nachts nicht ein­schlafen, wohingegen sie neuerdings ständig müde ist. Zeitweilige Gefühllosigkeit (‘Kann nichts mehr richtig empfinden’). Mal zu großer Appe­tit, mal gar keiner. All das recht­fertigt die Diagno­se aber nicht im entferntesten. Dazu verführen ließen sich Ärzte, weil sich No­ra in der Anamnese-Situation offenbar weitaus kranker und hilfsbedürftiger darstellte, als ich sie tatsächlich erlebe.“ Aber warum liegt Nora so viel daran, als dringendst behandlungsbedürftig dazustehen? „Wo­möglich, weil sie sich da­durch entlastet“, vermutet ihr Vater. „Ihr subjektiver Krank­heits­gewinn könnte da­rin be­stehen, ihre Schuld- und Versa­gensgefühle zu mildern: ‚‘Je schwerer ich krank bin, desto weniger kann mich mein Dad – und ich mich selbst – da­für verantwortlich machen, was ich in den ­vergangenen anderthalb Jahren aus meinem Leben gemacht habe: Ich war stinkfaul, habe nie richtig ge­lernt, habe unentwegt die Schu­le ­geschwänzt. Mein erstes Schul­halbjahr habe ich dadurch verbockt, dass ich in jeder frei­en Minute meine ‚‘große Lie­be’ genossen habe; das zweite Halbjahr, weil ich dieser Liebe un­- ent­wegt hinterherschmachtete, nachdem sie in die Brüche gegangen war; und das soeben zu Ende gegangene dritte, weil ich null Bock hatte, mich in Computerprogramme ein­zuarbeiten. Ich habe auf ganzer Li­nie versagt. Aber als Fall für die Psychiatrie kann ich daran nicht schuld sein, ich brauche kein schlechtes Gewissen zu haben, und Dad kann mir keine Vorwürfe machen.’ Der kläglich gescheiterte Nikotinsuizid passt dazu: ‘Wenn die Welt sieht, dass ich sogar zu so et­was fähig bin, muss sie mir end­lich glauben, wie furchtbar schlecht es mir geht.’ Könnte der ­gewaltige Leidensdruck, den vermeintliche Experten wahrzunehmen meinen, nicht Teil eines Rollen­spiels mit dem Titel ‘Ich, das Opfer’ sein, in das Nora sich hineinsteigert, wenn sie interviewt und getestet wird?“ Andererseits räumt der Vater durchaus ein, dass sein Kind schleunigst Hilfe braucht. Wenn nicht aufgrund einer „höchstgradigen depressiven Episode“ – weshalb dann? Auf diese Frage hin imponiert mir Nichtpsychiater Martin aufs Neue mit einer mustergültig differenzierten Einschätzung. „Zum einen belasten Nora weiterhin Erinnerungen daran, wie oft und grausam sie im Kindergarten und drei Schulen gemobbt wurde. Wann immer sie sich irgendwo unverstanden, abgewertet, unbeachtet, abgelehnt fühlt, leben diese Erinnerungen wieder auf.“ Zudem sei sie „hypersensibel, deshalb besonders leicht zu verletzen. Es mangelt ihr Selbstbewusst­sein, ­mitbedingt durch eine nör­gelnde, herrische, verbitterte, rachsüchtige Mutter, eine überhebliche Schwester, schikanöse Klassen­kameraden. Ihre Fru­strations­toleranz ist gering: Kritik nimmt sie grundsätzlich persönlich und empfindet sie als be­leidigend. Sie neigt dazu, vor ­Herausforderun­-gen davonzulaufen, statt sich ihnen zu stellen. (‘Das ist zu schwer für mich’, ‘Das schaffe ich ja doch nicht’.) Obendrein macht ihr zu schaffen, was Psychologen ‘Desorganisation’ und ‘Selbst­regulati­ons­schwäche’ nennen würden, nahe am ­sogenannten ‘Messie-Syn­drom’ – „und dies“, räumt Martin zerknirscht ein, „ruht zu einem ­Großteil von Erzie­hungsfehlern her. Meine Frau und ich hatten ihr ein ­extrem un­strukturiertes Elternhaus ge­boten. Es brachte Nora leider nicht bei, Dinge selber auf die Reihe zu bringen, planmäßig und zügig, statt der Aufschieberitis zu fröhnen. Auch mangelt es ihr an Ehrgeiz; für sie geht nichts über Ge­nießen, und was nicht unmit­tel­bar angenehm ist, wird eher gemieden, ‚‘darauf habe ich keinen Bock’.“ „All dies“, so glaubt der Vater felsenfest, „wäre mit einer einfühl­samen Wegbegleitung durch echte Freunde, auch durch mich selbst durchaus in den Griff zu bekommen. Eine Inter­nie­rung in Form eines statio­nären Klinikaufenthalts ist da doch eher kontraproduktiv. Denn sie verstärkt Noras fatales Grund­gefühl, sie selbst sei zu schwach, mit dem Leben klarzukommen, weshalb sie sich von ­Fachleuten, die sie vorgeblich besser kennen als sie selbst, an die Hand nehmen lassen muss.“ Zur Stressreduktion hat Martin ­inzwischen schon seinen Teil bei­getragen: „Seit ein paar Ta­gen weiß Nora von mir: Mit meinem Einverständnis kann sie die Akademie ­verlassen, in ihre belastende Klasse braucht sie nicht mehr zurückzu­kehren. Sie darf sich eine andere ­Be­rufsausbildung suchen, die ihr eher zusagt. Auch künftig unterstütze ich sie finanziell. Ih­re Woh­nung darf sie be­hal­ten. Und vor allem habe ich ihr überdeutlich klargemacht: Weiterhin liebe ich sie über alles. Ich bin ihr keineswegs böse und maßlos enttäuscht. Vielmehr verstehe ich jetzt, warum sie die Lust aufs Lernen verlor und verzweifelt war.“ Somit sind nach Martins plausib­- ler Einschätzung „mittlerweile mehrere der schwerwiegendsten Belastungsfak­to­ren entfallen. Nora hat ab sofort viele gute Grün­de, auf­zuatmen. Das wird sie in nächster Zeit realisieren - und sich bestimmt wie erlöst fühlen. Falls eine Diagnostik erst in ein, zwei Monaten stattfände, würde sie mit Sicher­heit zu ganz ­anderen Ergebnis­sen, einerlei ob mit professioneller Psycho­therapie oder ohne sie.“ Trotzdem zog es Nora in die Kli­nik, von der zweiten Febru­ar­woche 2015 an war sie stationär untergebracht. Ging es ihr dort etwa nicht gut? „Doch, durchaus“, räumt Mar­tin ein. „Wann immer ich sie be­suchte, wirkte sie ausgeglichen, zufrieden, zuversichtlich, zumeist vergnügt und zu jedem Späß­chen aufgelegt. Ihre Stim­mungs­tiefs wurden seltener, Schlaf- und Essverhalten be­gannen sich zu normalisieren. Die spannende Frage lautet für mich aber, weshalb. Ich meine, aus zwei Gründen: ­Erstens profitiert Nora schlicht von der sich selbst erfüllenden Prophe­zeiung, ausschließlich hier fän­de sie Hilfe. Zweitens atmet sie auf, weil sie meinen Erwar­tungs­druck und die Angst, mei­ne Liebe und Unter­stüt­­zung zu verlieren, losgeworden ist. Bietet eine psychiatrische Klinik meiner Toch­ter denn über synthetische Drogen hinaus irgend­etwas, was sie nicht auch von einem ‘Auswege’-Camp ha­ben könnte? So gut wie alles, was dort mit ihr stattfindet, kenne ich vom Konzept Ihrer The­rapiecamps her: Tapetenwechsel. Ständig greifbare, zugewandte Ansprechpartner. Enger Kontakt mit Leidensgenossen. Ein klar strukturierter Tagesablauf. Ab und zu ein sinnvoller Zeitvertreib. Kein Internetzugang. All das“, lobt der Vater, „ist prima und sinnvoll, meiner Tochter tut es bestimmt gut. Aber hätten ihr das nicht ebensogut Ihre Camps bieten können?“ „Haben Sie diese Frage Ihrer Tochter gestellt?“, erkundige ich mich. „Natürlich. Die Camps Ihrer Stiftung kennt sie inzwischen aus dem Internet. Doch sie bevorzugt ‘Fachleu­te’, sagt sie. In den Camps hingegen trifft man keine Psychiater und Psychologen an, wie sie herausgefunden hat. Und ‘du als Vater stehst mir zu nahe, du hängst zu arg an mir. Ich traue dir nicht zu, dass du mich objektiv beurteilen kannst’, so erklärte sie mir“. Da dürfte sie sich täuschen. Nicht bieten würden wir Nora hin­gegen eine medikamentöse Versorgung: Wir hätten ihr kein Neuro­­leptikum wie Quetiapin verabreicht, von dem sie gleich nach ihrer Ein­weisung täglich 50 mg schlucken musste. „Mir helfen diese Pillen enorm“, schwärmte Nora anfangs – „sie schieben negative Gedanken nach hinten, wenn sie in mir hochkommen“. Von einer indikations­spezifischen Therapie kann hierbei allerdings keine Rede sein: Quetiapin zählt zu jenen chemischen Breitband­-Ruhig­stellern, die in den Gehir­nen vieler, die aus unterschiedlichsten Gründen psychisch down sind, entspannende und angstlösende Wir­kungen entfalten. Nach unseren zwei langen Begegnungen stand für mich fest, dass Noras Vater mitnichten übertrieb: Niemand kennt sein Kind besser als er. Niemand sieht klarer, was ihm fehlt und woran das liegt. Niemand weiß besser, wie ihm zu helfen wäre. „Hat denn irgendein Arzt oder ­Psychologe, der in der Klinik mit ihrer Tochter befasst war, Sie zu einem Ge­spräch eingeladen?“, ­erkundigte ich mich. Daraufhin ­lächelte er gequält: „Kein einziges Mal - obwohl ich das mehrfach anbot.“ Keine zwei Wochen befand sich Nora in der Klinik, als mir ihr Vater erstaun­liche Neuigkeiten zu berichten hatte. Sie unterstrichen, wie treffend er sein Kind eingeschätzt hatte: „Schon nach fünf Tagen wurde ihr eine ‘weiße Karte’ ausgehändigt, mit der sie die Station jederzeit ohne Begleitung ­verlassen durfte. Drei Tage später bekam sie die Erlaubnis, wieder in ihrer Wohnung zu übernachten.“ So viel Freiheit für eine angeblich Schwerstdepressive, die akut selbstmordgefährdet sein soll? „Nora ­berichtete mir von einem weiteren Diagnose­test. Der habe bessere Werte ­ergeben. Außerdem habe der Ober­arzt eingesehen, dass ‘die The­rapien hier offenbar nicht ganz das Richtige für dich sind’. Daraufhin gab sie schlagfertig zurück­: ‘Welche ­Therapien denn? Es haben doch gar keine stattgefunden. Ich bekam bloß Tabletten. Ganze drei Mal sprach ein Psycho­lo­ge kurz mit mir, nie länger als 45 Minuten. Und Sie haben zweimal pro Woche bei mir zur ‘Visite’ vorbeigeschaut, nach ein paar Minuten waren Sie schon wieder weg. Die sogenannte ­Ergotherapie bestand darin, dass ich Tag für Tag eine Stunde lang mit den übrigen Sta­tionsinsassen in einem größeren Raum zusammensitzen und auf Kommando irgendetwas zeich­nen sollte. Das Essen war ein Fraß. Und schlafen konnte ich schlechter als vorher, nachdem man mir eine nach ranzigem Kü­chen­fett stinkende Türkin um die Sechzig ins Zimmer gelegt hat, die unentwegt schnarch­te, bei eingeschaltetem Licht und lautem Radio.’“ Noras Ver­trau­­en in die ­Psychiatrie blieb al­lerdings intakt: „Ich lasse mich jetzt ambulant weiterbehandeln“, mit Gesprächs- und ­Ver­hal­tenstherapie. Was brachten ihr die zweieinhalb Klinik­wo­chen? „Eine neue Freundin. Mehr Selbstdisziplin beim Es­sen und meinen Schlafens­zei­ten. Und mehrere Kilos zusätzlich, wegen dieser blöden Tab­letten. Die setze ich sofort ab.“ Ist sie vorab denn nicht über die Neben­wirkun­gen von Quetiapin aufgeklärt ­wor­den? „Mit keinem Wort.“ Was brachte die ambulante Weiter­betreuung? Sie bestand aus einer einzigen Sitzung - danach brach Nora eigenmächtig ab. „Das brauche ich jetzt nicht mehr“, entschied sie. Denn unverhofft taten sich zwei Lichtblicke auf: eine neue, schönere Wohnung, dank welcher sie ihr bisheriges Zuhause voller schlechter Erinnerungen hinter sich lassen konnte. Obendrein ein Job in einem Eiscafé, in dem sie eine perfekte Umgebung vorfand, mit netten Kollegen und einer Chefin, die sie sofort ins Herz schloss und beinahe wie eine eigene Tochter ­behandelte. Dort verdiente sie prächtig, so viel, dass sie davon zum ersten Mal in ihrem jungen Leben ihren gesamten Unterhalt ganz alleine bestreiten könnte, unabhängig von elterlichen Zuschüssen. Darauf war sie mächtig stolz. Seit sich Nora eigenmächtig von der modernen Psychiatrie verabschiedete, sind bis Redaktionsschluss dieses Buches zwei Jahre vergangen. Weiterhin geht es der jungen Frau prächtig - ohne eine einzige weitere Therapiesitzung, ohne irgendein Psychopharmakon. „Wenn ich sie gelegentlich auf ihre Krisenzeit anspreche“, so der Vater, „dann lächelt sie nur: ‘Ach Dad, wie kann denn irgendwer ernsthaft glauben, dass ich jemals ‘psychisch gestört’ war?’“ (Harald Wiesendanger) Dieser Beitrag stammt aus der 10-bändigen Schriftenreihe Psycholügen von Harald Wiesendanger, Bd. 10: Der Psychofalle entkommen (2018)

  • Dem Druck standhalten

    Impfen – ja oder nein? Kaum ein anderes Gesundheitsthema wird so kontrovers diskutiert wie das Impfen. Eine übermächtige Allianz von Schulmedizinern, Pharmaindustrie, Zulassungs- und Aufsichtsbehörden, Politikern und Journalisten tut so, als bedürften Skeptiker dringend der „wissenschaftlichen Aufklärung“, seien dumm und verantwortungslos. Zwischen den Fronten ringen verunsicherte Eltern mit der Gewissensfrage, womit sie sich und ihr Kind größeren Risiken aussetzen: durchs Impfen oder den Verzicht darauf? Verhält es sich mit dem Impfen denn nicht wie mit dem Stillen, Wickeln oder Taufen? Als es uns widerfuhr, konnte uns keiner fragen, ob wir es überhaupt wollen. Das entschieden unsere Eltern für uns, denn es schien ihnen zu unserem Besten. Aber wussten sie es? Dass Muttermilch, Windeln und Weihwasser der Gesundheit abträglich sind, kommt freilich eher selten vor. Das unterscheidet sie gewaltig von Impfungen. Ohne informierte Zustimmung eines Betroffenen oder seiner gesetzlichen Vertreter wird das Injizieren eines Serums, wie jeder medizinische Eingriff, zum Straftatbestand der Körperverletzung. Ihr Einverständnis geben Eltern im Vertrauen auf den Kinderarzt. Der versichert ihnen, Impfen schüt­ze und sei unbedenklich. Aber woher weiß er das? Er verlässt sich auf die Meinungsführer seines Fachs, auf Lehrbücher, auf veröffentlichte Studien in Fachzeitschriften, auf Vorträge bei Kongressen und Fortbildungsveranstaltungen, auf Verlautbarungen von Zu­lassungs- und Aufsichtsbehörden, auf Empfehlungen von Kom­­missionen, auf Leitlinien seiner Fachgesellschaft. Presse, Funk und Fernsehen machen, belämmernd recherchefrei, diesen Expertenkonsens zur öffentlichen Meinung. Willfährige Regierungen und Parlamente gießen ihn in Auflagen zur Beratungspflicht oder gar in Gesetze zum Impfzwang, vermeintlich zum Wohle der Volksgesundheit. Weil all diese Institutionen einmütig das „Sicher-wirksam-gut-verträglich“-Mantra anstimmen, mutet Impfskepsis abwegig an, medizinisch ahnungslos, geradezu dumm, obendrein verantwor­- tungs­los. Wer Bedenken äußert oder auch nur naheliegende Fragen stellt, erscheint aufklärungsbedürftig. Beharrt er, statt sich umstimmen zu lassen, so wird ihm mächtig bange gemacht: „Falls du dein Kind ungeimpft lässt, riskierst du, dass es schlimm erkranken wird, womöglich unheilbar!“ Und er steht als fahrlässiger Verräter am Gemeinwohl da: „Ungeimpfte stecken Andere an!“ Diesem immensen Druck aus allen Richtungen geben die meisten Eltern kleinlaut nach. Und falls ihre Kinder die Impfungen schadlos überstehen, sehen sie sich im Gefühl bestätigt, richtig entschieden zu haben. In Wahrheit haben sie mit ihrem Nachwuchs Russisches Roulette gespielt. Die Augen geöffnet haben mir schreckliche Schicksale, mit denen ich in den Therapiecamps meiner Stiftung Auswege reihenweise konfrontiert worden bin. In beinahe jedem von mittlerweile rund 30 Camps begegnete ich Kindern, die von Geburt an kerngesund gewesen waren und sich prächtig entwickelt hatten – bis man sie impfte. Danach verwandelten sie sich in körperlich Schwerstbehinderte. Sie entwickelten Neurodermitis und Asthma, Enzephalopathien und andere Hirnschäden, Lähmungen und Spastiken, Immunschwächen und Autoimmunerkrankungen. Sie wurden apathisch und unruhig. Sie schrien unstillbar. Sie erlitten anaphylaktische Schocks, schwere Unverträglichkeitsreaktionen auf körperfremdes Eiweiß, mit dem die Impfstoffe verunreinigt waren. Ihr Wesen veränderte sich. Ihre geistige Entwicklung blieb stehen. Sie wurden zu Epileptikern und Autisten, zu Diabetikern, Allergikern und Rheumatikern. Allein im September 2013, im 12. „Auswege“-Camp in Lützensömmern 30 km nördlich von Erfurt, bekam unser Helferteam mit drei Fällen von offenkundigen Impfschäden zu tun. (1) - Bei der 20 Monate alten Miriam* wurde im April 2012, vier Monate nach ihrer Geburt, kurz nach einer Impfung ein West-Syndrom festgestellt: eine seltene, besonders schwer zu behandelnde Form von Epilepsie. Typischerweise führt sie zu „BNS-Anfällen“ („Blitz-Nick-Salaam“), die drei Besonderheiten aufweisen: blitzartig auftretende Myoklonien – rasche, unwillkürliche Muskelzuckungen - mit gebeugten Extremitäten, insbesondere der Beine (Blitz-Anfall); krampfartige Beugung des Kopfes (Nick-Anfall); Hochwerfen und Beugen der Arme, wobei die Hände vor der Brust zusammengeführt werden und der Rumpf gebeugt wird (Salaam-Anfall). Stationäre Behandlung mit mehrerlei Antiepileptika machten das Mädchen kurzzeitig anfallsfrei, bald traten jedoch wieder mehrere Anfälle pro Tag auf. Erfreulicherweise verschwanden sie im April 2013, nach homöopathischer Behandlung und Akupunktur, so dass die Kleine bereits anfallsfrei ins Camp kam. Jedoch brachte sie eine deutliche Entwicklungsverzögerung mit, wie sie bei Kindern mit dem Einsetzen einer Epilepsie typischerweise einhergeht: Mit ihren knapp zwei Jahren konnte Miriam noch immer nicht sitzen, nicht einmal krabbeln. - Noch mit drei Monaten war Ella*, jetzt Drei, ein gesundes, völlig normal entwickeltes Baby gewesen – bis sie siebenfach geimpft wurde, trotz vorliegender Pilzinfektion. „Kurz nach der Impfung“, erinnert sich ihre Oma, „begann Ella heftig und langanhaltend zu schreien. Ein Fuß schwoll an“, am ganzen Körper traten Hauteinblutungen auf. „Ellas Sprachvermögen entwickelte sich sehr langsam, auch heute ist es auf wenige Worte beschränkt. Sie hört und versteht aber alles.“ Im Kindergarten „fügt sie sich gut ein, kann jedoch viele Beschäftigungen nicht mitmachen, da sie nicht sprechen kann. Zusätzlich zu den wenigen einfachen Wörtern, die sie spricht, hat sie eine ‚eigene Sprache’ entwickelt und versucht sich so zu verständigen.“ Nach und nach entwickelte sie „Verhaltensauffälligkeiten, die ihr Umfeld sehr belasten, wie lange Schreiattacken, Aggressionen, Trotz, Wut, Treten, Beißen, Kratzen, Spucken“. Kürzlich stellte ein Heilpraktiker, der den Verdacht eines Impfschadens bestätigte, „autistische Verhaltensweisen“ fest; im Laufe seiner homöopathischen Behandlung „hat sich Ellas Verhalten etwas normalisiert“. Allerdings könne sie weiterhin „kaum Empathie empfinden“. - Wegen einer tiefgreifenden Entwicklungsstörung mit „cerebellarer Ataxie“ - einer Störung der Bewegungskoordination, die durch krankhafte Veränderungen im Kleinhirn (Cerebellum) ausgelöst wird – ist Thomas* (11) seit seinem fünften Lebensmonat bei einer Kinderärztin in Behandlung. Obwohl die ersten Anzeichen auftraten, kurz nachdem der Kleine geimpft worden waren, sprechen Mediziner von „unklarer Genese“. „Der Junge“, so attestierte die Kinderärztin im Mai 2013, „zeigt erhebliche fein- und grobmotorische Störungen.“ Bei Erregung trete „ein erheblicher Intensionstremor“ auf – die Gliedmaßen zittern bei einer zielgerichteten Bewegung -, „so dass einfache Handfunktionen fast nicht möglich sind. Die Kommunikation mit Fremdpersonen ist erheblich gestört, in der Familie gibt es interne Verständigungsmöglichkeiten. Sprachliche Elemente sind nur ansatzweise vorhanden.“ Die Eltern müssen Thomas „durch den Alltag begleiten: aus- und ankleiden, waschen, windeln, ersatzweise füttern“. Immer noch ist Thomas inkontinent. Zwei weiteren Fällen von offenkundigen Impfschäden, die mir unvergesslich geblieben sind, begegnete ich im 16. „Auswege“-Camp, das im August 2014 in Oberkirch/Schwarzwald stattfand. (2) - Bis zu ihrem fünften Lebensjahr war Svenja* (* Pseudonym), nunmehr Elf, „ein kerngesundes Kind“, wie die Eltern versichern. Umso entsetzter waren sie im Sommer 2008 über eine fatale Dia­gnose: „zerebrale Vaskulitis“, eine Entzündung der Hirngefäßwände, mit begleitenden Beschwerden wie Kopfschmerzen, Erbrechen, Müdigkeit, Gewichtsabnahme, Konzentrationsstörungen, neurologischen Ausfällen und Wesensänderungen. Bei Svenja führte sie zu einer „deutlichen Teillähmung der linken Körperhälfte“, wie es in einem Befundbericht vom Mai 2013 heißt: „Die linke Hand kann aufgrund der Kraftminderung und eingeschränkten Feinkoordination in Arm und Hand nur eingeschränkt zu Haltezwecken eingesetzt werden. Beidhändige Tätigkeiten können nicht selbständig ohne fremde Hilfe durchgeführt werden. Auch bei einhändigen Tätigkeiten, z.B. Schreiben, hat Svenja Probleme, da das Fixieren des Blatts mit der linken Hand nur eingeschränkt gelingt. Aufgrund der Kraftminderung des linken Beines besteht eine deutliche Störung der Bewegungsabläufe und des Gleichgewichts.“ Erste Symptome beobachteten die Eltern „drei Monate nach einer Masernimpfung“, die erfolgte, obwohl das Mädchen zeitgleich an einer Borrelien-Infektion litt. „Danach begann eine Odyssee für uns: Zuerst hieß es ‚psychische Ursachen’, dann ‘Borreliose’, schließlich ‘zerebrale Vaskulitis’. Als die Dia­gnose stand, bekam Svenja sehr hochdosiert Kortison, was für uns alle ein regelrechter Horrortrip war, ihr sehr geschadet hat und letztlich keinen Nutzen brachte.“ - Mit vier Wochen hatte Katja*, inzwischen 15, eine Mehrfachimpfung erhalten. Kurz darauf fiel den Eltern auf, dass ihre geistige und körperliche Entwicklung verzögert verlief. Bis heute fand kein Arzt eine organische Ursache dafür, weshalb „keine wirkliche Therapie stattfand, sondern bloß Symptome behandelt wurden“. Vor allem Katjas sprachlicher Rückstand ist groß: Sie versteht recht viel, spricht aber nicht. Häufig zeigt sie autoaggressives Verhalten. Das Mädchen trägt noch Windeln. Katjas Feinmotorik funktioniert schlecht, die Bewegungsabläufe sind spastisch beeinträchtigt, der rechte Fuß dreht beim Gehen stark nach innen. Zudem liegt eine Seh- und Hörschwäche vor. In jedem Fall erreichte das „Auswege“-Therapeutenteam während der Campwoche mit unkonventionellen Heilweisen immerhin leichte Veränderungen: Die Motorik besserte sich, die Kinder griffen und liefen sicherer, wirkten etwas aufmerksamer und wacher, sprachen ein wenig mehr. Aber wie viel wiegen solche Minifortschritte, gemessen an dem unumkehrbaren Verlust ihrer Gesundheit, ihrer Zukunft? „Das Tragische an jeder Erfahrung ist, dass man sie erst macht, nachdem man sie gebraucht hätte“, wusste Nietzsche. Solche haarsträubenden Schicksale waren es, die den Anstoß gaben, das Buch Die Impflüge herauszubringen – und zum Selbstkostenpreis abzugeben, um möglichst viele zu erreichen, die seine Orientierungshilfen gut gebrauchen könnten. Hervorgegangen ist es aus einer Artikelserie im Informationsjournal Aegis Impuls, welche die deutsche Sozialpädagogin Anita Petek-Dimmer verfasste, Mutter zweier Kinder und eine der bekanntesten und aktivsten Impfkritikerinnen im deutschsprachigen Raum. (Dazu wurde sie nach einer heftigen Auseinandersetzung mit einem Arzt über das Thema Impfen; daraufhin beschloss sie, sich so gründlich mit dem Thema zu befassen, wie alle Eltern es tun sollten.) Punkt für Punkt setzt sich die Autorin in den folgenden Kapiteln mit den angeblich zwingenden Beweisen von Impfbefürwortern auseinander – und stellt ihnen bedenkenswerte Argumente gegenüber. Nach der Lektüre kommt man schwerlich um den Schluss herum: Kein Vater, keine Mutter stimmt jemals einer Impfung wahrhaft informiert zu. Sie werden getäuscht. Vom ganzen Ausmaß der Risiken und Gefahren, von begründeten Zweifeln am behaupteten Nutzen, von alarmierenden Forschungsergebnissen, von triftigen wissenschaftlichen Einwänden erfahren sie ebensowenig wie davon, dass zu den Skeptikern immer mehr Ärzte zählen; allein im 2006 gegründeten Verein „Ärzte für individuelle Impfentscheidung“ (3) haben sich mittlerweile mehrere hundert von ihnen zusammengeschlossen. Impfkritischen Ärzten ist klar: Offiziellen Zahlen über „vernachlässigbar seltene“ Impfschäden im statistischen Promillebe­reich ist nicht zu trauen. Nur jeder 20. Fall wird überhaupt gemeldet, wie Experten einräumen4, unter ihnen ein ehemaliger PEI-Mitarbeiter (5). Entwarnungen stützen sich weitgehend auf Studien der Hersteller - und diese treiben naheliegende Motive um, Gefahren herunterzuspielen, geschäftsschädigende Erkenntnisse unter den Teppich zu kehren. Kaum je dauern diese Studien länger als ein paar Wochen und Monate; Impfschäden hingegen können erst Jahre später auftreten: etwa Allergien, ein Diabetes mellitus, Entwicklungsstörungen, neurologische Erkrankungen wie MS. Der „wissenschaftliche Nachweis eines ursächlichen Zusammenhangs“ ist dann schwerlich zu erbringen, die Forderung danach ein durchsichtiges Ablenkungsmanöver. Wären Impfungen unbedenklich: Wieso bekommen Eltern den Beipackzettel kaum je zu sehen? Ihnen würden die Haare zu Berge stehen. Was in „modernen“ Impfstoffen steckt, kann schwerlich „gut verträglich sein“: von jeder Menge chemischer Stabilisatoren, Neutralisatoren, Konservierungsmittel, Trägersubstanzen und Farbstoffen über Verunreinigungen aus Nähr­­böden bis hin zu schlimmsten Nervengiften wie Queck­silber und Aluminiumverbindungen. Dass blindwütige Impferei kleine Kinder noch weitaus stärker gefährdet als Erwachsene, liegt für jeden, der im Biologieunterricht aufgepasst hat, auf der Hand. Die lebenswichtige „Blut-Hirn-Schranke“, die das Eindringen von Giften und anderen Fremdstoffen verhindert, ist bei ihnen noch nicht fertig ausgebildet. Auch werden sie ohne die erst entstehenden Myelinhüllen geboren, welche die Nervenstränge ummanteln und schützen. Warum warnen selbst viele Impfbefürworter davor, Kinder vor dem dritten Lebensjahr impfen zu lassen? Wieso dringen solche Sachverhalte nicht durch? Warum wird jede Sachdiskussion im Keim erstickt? Im aggressiven Umgang mit Impfskepsis, im rigorosen Unterdrücken abweichender Meinungen verrät sich die Natur eines Gesundheitssystems, das umso kranker wird, je bereitwilliger es die Interessen seiner Profiteure bedient. Aus einem Marketingtopf von mehreren hundert Milliarden Dollar pro Jahr schöpft die Arzneimittelindustrie mühelos die nötigen Werbe-, Druck- und Schmiermittel, um sich alle wichtigen Akteure gefügig zu machen – und geschäftsschädigende Kritiker als „Verschwörungstheoretiker“ zu verhöhnen, mit Rufmord zu überziehen, der Lächerlichkeit preiszugeben, notfalls beruflich zu vernichten. Von der Tumortherapie über die Psychiatrie bis zur Infektionsbekämpfung: Auf jedem Fachgebiet der Medizin stehen astronomische Gewinnspannen auf dem Spiel, die Big Pharma nach allen Regeln der freien Marktwirtschaft, und oftmals jenseits davon, mit Klauen und Zähnen zu verteidigen weiß. Allein Impfstoffe sorgten im Jahr 2016 weltweit für einen Umsatz von 27,5 Milliarden US-Dollar. (6) Auch Anita Petek-Dimmer (1957-2010) entkam nicht der Hexenjagd auf Abweichler. Zeitlebens, und über ihren Tod hinaus, wurde sie als „Medizinlaiin mit offenkundig fehlender Kompetenz“ (7) verunglimpft – als eine „durchgedrehte, hysterische Hausfrau“, die sich „einen besseren Zeitvertreib suchen könnte, als traurigen Weltverschwörungen anzuhängen, die auch noch unnütz tote Kinder zur Folge haben“. (8) „Mit ihrer Weltbild-Kapsel“, so ätzt ein Blogger, habe sie sich „völlig vom Mutterschiff der Realität abgekoppelt und schwebt nun ohne Sicherungsleine durch den freien Raum der Fantasie“. (9) Den Systemkritiker der Lächerlichkeit preiszugeben, indem man ihn zum wirren „Verschwörungstheoretiker“ stempelt, zählt zu den beliebtesten Totschlag-Argumenten von Pharmalobbyisten, um Sachdiskussionen abzuwürgen. Dadurch gerät er in eine Schub­­lade mit Zeitgenossen, die tatsächlich nicht ganz bei Trost scheinen: Unbeirrbar halten sie die Mondlandung für eine Hollywood-Inszenierung, die Evolutionstheorie für eine Erfindung von Gottlosen, Elvis für untot und Angela Merkel für ein außerirdisches Reptil. Ein Verschwörungstheoretiker mutmaßt fakten­resistent über dunkle Mächte als Schuldige, deren Machenschaften er allein durchschaut, wäh­rend dem verblendeten Rest der Mensch­heit der Durchblick fehlt. Wer sich nicht dagegen wehren kann, dem Lager solchermaßen Bescheuerter zugerechnet zu werden, scheint selber einer. Und damit ist sein Ruf ruiniert. Seine naheliegenden Fragen gelten nicht mehr als Ausdruck berechtigter Sorge, sondern als Symptom geistiger Verwirrung – er wird zum Fall für den Psychiater. Dafür sorgen Internetportale wie Hoaxilla.com, die Facebook-Gruppe „Nothing but the truth“, der berüchtigte Online-Pranger Psiram und der mit ihm verbandelte Verein „Der goldene Aluhut“, der alljährlich „die dümmste Verschwörungstheorie“ kürt. Zu den Hintermännern von Hoaxilla zählen Sebastian Bartoschek und Bernd Harder, rührige Mitglieder der „Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften“ (GWUP), die ein Vierteljahrhundert nach ihrer Gründung noch immer daran scheitert, gesunde Skepsis und blind­wütigen Skeptizismus auseinanderzuhalten. Mit einem aufklärerischen Sendungsbewusstsein ohnegleichen würdigt diese Rufmordtruppe ebenso pauschal wie aggressiv herab, was ihnen „unwissenschaftlich“ vorkommt. „Man muss den Leuten klipp und klar sagen, dass sie bekloppt sind“, giftet Harder. Denen dürfe man „keinen Zentimeter nachgeben, das wird dir sofort als Schwäche ausgelegt“. Genauso sieht das Rayk Anders, gefeierter YouTube-Star der Anti-Verschwörer und Verfasser der Schmähschrift Eure Dummheit kotzt mich an – Wie Bullshit unser Land vergiftet (2016). „Irgendwann“, so „kotzt“ er zurück, „wirst du wahnsinnig, weil der Markt überschwemmt wird mit diesem Mist.“ (10) In Wahrheit sind es verbohrte Eiferer wie Anders, die es sich in einer zurechtgedachten Parallelwelt gemütlich machen. Es ist eine, in der die Mächtigen aus Politik und Wirtschaft immerzu mit offenen Karten spielen, keine insgeheimen Interessen verfolgen, nur lautere Ab­sich­ten hegen, sich dem Gemeinwohl verpflichtet fühlen, grundsätzlich zu unserem Besten handeln, nichts verschleiern und ver­schweigen, was uns angeht. In dieser besten aller möglichen Welten ist alles so, wie es scheint. Eine Pharma-Mafia gibt es darin ebensowenig wie Watergate, die Korruptionsexzesse der Waffenlobby und Rüstungsindustrie, die globale Datenschnüffelei von Geheimdiensten oder ein Autokartell, in dem sich die fünf Großen von Deutschlands wichtigster Industriebranche insgeheim in mehr als 1000 Treffen von über 60 Arbeitskreisen abstimmten. (11) In unserem kranken Gesundheitswesen besorgt jeder eifernde „Anti-Verschwörer“ letztlich das Geschäft von Big Phar­ma: Seine Dreck­schleu­der erspart ihr, sich selber die Hände schmutzig zu machen. Falls es sich bei der „Verschwörungstheorie“ von Pharma­kritikern um bloße Hirngespinste handelt: Weshalb geben sich alle mächtigen Player des Medizinsystems dann größte Mühe, sie unentwegt zu bestätigen? Wäre das Gesundheitswesen kein Spielball organisierter Kriminalität – warum sieht es dann ganz danach aus? Den schönen Schein entlarven Verschwörungsempiriker: mutige Aussteiger aus Management und Forschung von Pharmakonzernen, aus Zulassungs- und Aufsichtsbe­hör­den, die kriminelle Machenschaften aus nächster Nähe miterlebten. Ihr „Whistleblowing“ kostete sie ihre berufliche Existenz, lässt sie zumindest aber wieder ruhig schlafen. Anita Petek-Dimmer durchschaute das Spiel, und sie ließ sich nicht beirren. Auch insofern bleibt sie ein Vorbild für Eltern. Anstatt der geballten Meinungsmache zu erliegen, dürfen sie nicht aufhören, lästige Fragen zu stellen: Was genau soll meinem Kind da eigentlich gespritzt werden? Schützt es wirklich, wie gut und wie lange tut es das? Sind die Risiken tatsächlich vernachlässigbar gering, Impfschäden die allerseltenste Ausnahme? Sind Geimpfte gesünder? Welche Alternativen zum Impfen gibt es? Solche Fragen in investigativer Wallraff-Manier anzugehen, wäre Sache unabhängiger Medien, der vielbeschworenen Vierten Gewalt im Staat. Doch gerade sie geben bei der Impfthematik ein erbärmliches Bild ab, vorneweg die vermeintlich besonders „seriösen“. Einhellig feuern sie Breitseiten gegen Impfkritiker – gegen „pseudomedizinische Kreuzzügler“, die an „irrationaler Wissenschaftsfeindlichkeit“ leiden, wie das Nachrichtenmagazin Focus weiß. (12) „Dummdreiste, unverantwortliche Ignoranz“, „unwissenschaftlichen Unfug“ wirft ihnen die Süddeutsche vor, Deutschlands auflagenstärkste Tageszeitung. „Ungeimpfte Kinder werden in Gefahr bracht“, warnt das Magazin Eltern alle Mamis und Papis. (13) Das „irrationale und ideologische Verhalten“ der Impfgegner habe „null Toleranz“ verdient, steht für die Frankfurter Allgemeine fest; da helfe „nur noch Zwang“. (14) Oh ja, denn Zwang sei „heilsam“, pflichtet die Welt bei, um Eltern ihre „anti-modernen Reflexe“ auszutreiben, weil „Mahnungen und Zureden auf taube Ohren treffen“. (15) In der Schweiz wütet Ex-Tagesanzeiger-Redakteur Hugo Stamm, vielbeachteter „Sekten“schreck, gegen Impfkritiker als „unheilige Allianz des Irrationalen mit dem Aberglauben“, zu der „primär radikale Esoteriker“ zählen, wie er herausgefunden haben will. (16) Was sind das für Leute, die presseethikfrei blindwütige Kom­­mentare als Ergebnis gründlicher Recherche ausgeben, sich als Aufklärer der Nation aufspielen? Woher beziehen sie ihre Kennt­­nisse, worin besteht ihre Fachkompetenz? SZ-Redakteur Kim Björn Becker, Produzent des „dummdreisten Ignoranz“-Vorwurfs: ein studierter Politologe und Kunstgeschichtler Ende Dreißig, seit 2015 Redakteur im SZ-Ressort Innenpolitik. Seine junge Kollegin, die „Unfug“-Anprangerin Kathrin Zinkant: studierte Biochemikerin, die nach eigenen Angaben über allerlei „schöne Dinge geschrieben hat – von der Versorgung eines Kratzers bis hin zum Krötentunnel“. „Eltern“-Autorin Christine Brasch: freie Journalistin aus Hamburg, nebenbei Projektmanagerin für Printmedien und Internetauftritte. FAZ-Kommentator Rainer Hank: neoliberaler Wirtschaftsjournalist, studierter Litera­- tur­wissen­schaftler, Philosoph, katholischer Theologe. Focus-Redakteur Christian Weber: studierte Politik, Wirtschaft, Soziologie und International Relations. Welt-Scharfschütze Michael Stürmer: Historiker, lehrte als Professor für Mittlere und Neuere Geschichte an der Universität Erlangen-Nürnberg. Hugo Stamm: Lehrerseminarist, abgebrochener Philosophiestudent. Von höchstem medizinischen Sachverstand zeugt keiner dieser Lebensläufe. Ob die Betreffenden selber impfgeschädigte Kinder haben, ist unbekannt. Woher wissen sie eigentlich so präzise und felsenfest, was sie über die grandiosen Vorzüge und vernachlässigbaren Gefahren des Impfens verbreiten? Von Informanten, die ihnen glaubwürdig vorkommen. Für Journalisten, die zu Gesundheitsthemen recherchieren, sind das: die Meinungsführer des medizinischen Establish­ments, das nahezu vollzählig auf den Honorarlisten von Phar­makonzer­nen steht; die Internet-Enzyklopädie Wikipedia, die im Gesundheitsbereich von industrienahen, über Marketingagenturen phar­mafinanzierten Administratoren längst unterwandert ist; pharmanahe Sachbuchautoren; staatliche Institute, Aufsichtsbehörden und Kommissionen, in denen sich niemand hält, der begründeten Befürchtungen nachzugehen wagt; und andere Jour­nalisten, die aus den gleichen Quellen schöpfen. Haben Becker, Stamm & Co. jemals einem warnenden Arzt zugehört, ein impfkritisches Sachbuch auf sich wirken lassen? Begegneten sie jemals einem impfgeschädigten Kind und seinen verzweifelten Eltern? Ließen sie sich von Whistleblowern berich­ten? Ist ihnen klar, wie unbedarft sie je­dem Populisten in die Karten spielen, der die Vierte Gewalt in unserer Demo­kratie kurzerhand als „Lügenpresse“ verunglimpft? Unter solchen Verhältnissen tun Gegengewichte not: Organisationen, die aufklären. In ihrer Wahlheimat Schweiz hatte Anita Petek-Dimmer am Aufbau des impfkritischen Netzwerks AEGIS – ein Kürzel für „Aktives Eigenes Gesundes Immunsystem“ – mitgewirkt. In drei Aus­gaben von dessen (inzwischen eingestellter) Zeitschrift Aegis Impuls (17) setzte sie sich mit dürftigen Bemühungen zweier deutscher Gesundheitsbehörden auseinander, die 20 häufigsten Einwände von Impfskeptikern zu entkräften: des Robert-Koch-Insti­tuts (RKI), der zentralen Überwachungs- und For­- schungs­­­einrichtung der Bundesrepublik Deutschland für Infektionskrankheiten, und des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI) für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel; beide sind direkt dem Bundesgesundheitsministerium unterstellt. Von ihrer Berechtigung, ihrer Brisanz haben Frau Petek-Dim­mers Argumente nichts verloren; jüngste alarmierende Forschungsergebnisse, die sie nicht mehr berücksichtigen konnte, untermauern ihre Skepsis. "Es gibt keine Entscheidung für das Impfen. Denn Entscheidungen setzen Wissen voraus. Und wer weiß, impft nicht!", stand für den 2011 verstorbenen Alternativmediziner Dr. Fritz Roithinger fest. Noch drastischer hatte sich der Arzt Dr. Franz Hartmann, neben Rudolf Steiner einer der Hauptgründer der Theosophischen Bewegung in Mitteleuropa, bereits Anfang des 20. Jahrhunderts geäußert: "Das Impfen ist, wenn man dessen Gefahren nicht kennt, eine Dummheit; wenn man sie kennt, ein Verbrechen." Wer kommt Ihnen glaubwürdiger vor: ein Impfkritiker, dem seine Aufklärungsarbeit keinerlei persönlichen Nutzen, aber jede Menge Hohn und Verleumdungen einbringt - oder eine Industrielobby, der das Impfen ein Multimilliardenbusiness beschert? Bis zum Beweis des Gegenteils besteht der sicherste „Impfschutz“ im Schutz vor Impfern. Anmerkungen * Pseudonyme 1 Auswege Infos Nr. 32, April 2014, http://newsletter.stiftung-auswege.de/ infos32/html/12__auswege-camp_in_thuringen.html. 2 Siehe Auswege Infos Nr. 36, Oktober 2014, http://newsletter.stiftung-auswege.de/infos36. 3 www.individuelle-impfentscheidung.de 4 R. Lasek/B. Mathias/J.D. Tiaden: „Erfassung unerwünschter Arzneimittelwirkungen“, Deutsches Ärzteblatt 88/1991, S. 173-176. 5 Dr. med. Klaus Hartmann: Erfassung und Bewertung unerwünschter Arzneimittelwirkungen nach Anwendung von Impfstoffen - Diskussion der Spontanerfassungsdaten des Paul-Ehrlich-Instituts 1987 bis 1995, Dissertation 1997, S. 15. 6 Nach Statista: „Weltweiter Arzneimittelumsatz im Therapiegebiet Impfstoffe in den Jahren 2013 bis 2016 (in Milliarden US-Dollar)", https://de.statista.com/ statistik/daten/studie/734115/umfrage/weltweiter-arzneimittelumsatz-im-therapiegebiet-impfstoffe, aufgerufen am 2.10.2017. 7 Siehe den Eintrag zu Anita Petek-Dimmer bei der berüchtigten Online-Dreckschleuder Psiram, https://www.psiram.com/de/index.php/Anita_ Petek-Dimmer, aufgerufen am 2.10.2017. 8 Psiram-Blog: „Wenn Hausfrauen durchdrehen“, 24.11.2008, https://blog. psiram.com/tag/anita-petek-dimmer/, abgerufen am 3.10.2017. 9 Michael Hohner: „Die 140 Sünden der Anita Petek-Dimmer“, RatioBlog, 18.12.2009, https://www.ratioblog.de/entry/die-140-suenden-der-anita-petek-dimmer, abgerufen am 3.10.2017. 10 Zit. nach Hannes Vollmuth: „Fight Club“, Süddeutsche Zeitung Nr. 286, 10.12.2016, S. 3. 11 Der Spiegel 30/22.7.2017: „Das Kartell“ 12 Christian Weber: „Die seltsame Welt der Impfgegner“, Focus.de, 1.10.2017. 13 Christine Brasch: „Masernwelle in Deutschland bringt ungeimpfte Kinder in Gefahr“, Eltern.de, 2017. 14 Rainer Hank: „Null Toleranz für die Impfgegner“, FAZ.net, 5.6.2017. 15 Michael Stürmer: „Bei manchen Eltern braucht es den heilsamen Zwang“, Welt.de, 22.2.2015. 16 Hugo Stamm bei www.watson.ch/!479444359, abgerufen am 3.10.2017. 17 Aegis Impuls 32/2007, S. 20-38; 33/2008, S. 18-31; 34/2008, S. 20-34. 18 Siehe www.impfentscheid.ch. 19 Siehe http://www.stiftung-auswege.de/images/downloads/auswege-newsl51.pdf Bei diesem Text handelt es sich um Harald Wiesendangers Vorwort zu dem Buch Die Impflüge – Fragwürdiger Nutzen, verharmloste Gefahren (2017), das eine Artikelserie der Impfskeptikerin Anita Petek-Dimmer präsentiert.

  • Wähler ohne Wahl

    Ein gesundheitspolitischer Programmcheck zur Bundestagswahl 2017. Nichts geht den Deutschen über ihre Gesundheit. Von Meinungsforschern befragt, was ihnen am wichtigsten ist, belegt sie zuverlässig den Spitzenplatz, vor Werten wie Freiheit und Erfolg (1), Partnerschaft und Familie, Arbeit und Wohlstand, Freunden und Frei­zeit. Und erst recht zählt Gesundheit am aller­meisten für jene Abermillionen, die sie verloren haben. Müsste Gesundheitspolitik folglich nicht im Mittelpunkt aller Wahlprogramme stehen, mit denen 48 zugelassene Parteien, so viele wie noch nie seit der Wiedervereinigung, derzeit kostspielig und phrasenhaft wie immer um unsere Stimmen bei der Bundestagswahl am 24. September 2017 werben, dafür 92 Millionen Euro verpulvernd? Wer sich die Mühe macht, sie alle zu sichten, muss ernüchtert feststellen: Tatsächlich tauchen Medizinthemen in nahezu sämtlichen Wahlprogrammen bloß auf hinteren Seiten auf. Um die drängendsten Probleme unseres kranken Gesundheitswesens machen vor allem jene Parteien, die sicher oder wahrscheinlich im Bundestag vertreten sein werden, einen weiten Bogen. Im Wahlkampf streiten sie darüber, an welchen Stellschräubchen der großen Maschine um wieviel Grad gedreht werden darf – anstatt sich an deren überfälligen Umbau zu machen, im Bewusstsein, was sie leisten könnte und sollte. Verzagter, konzeptloser, visionsfreier geht es kaum. Es ist wie immer: Wir dürfen wählen, doch im Grunde haben wir keine Wahl. Ginge es allein um die besten gesundheitspolitischen Absichten, müssten wir das Törichte oder das Aussichtslose tun: nämlich die unsägliche „Alternative für Deutschland“ oder die zwergwüchsige „Deutsche Mitte“ wählen. KLARTEXT ist überparteilich, aber nicht unparteiisch. Wir wünschen uns eine Regierung, eine Parlamentsmehrheit, die nicht Lobbyisten auf den Leim geht, an den Fäden der mächtigen Player in unserem Gesundheitssystem tanzt und deren ökonomische Interessen bedient, sondern verantwortungsbewusst auf eine humanere, effektivere Medizin hinarbeitet, die wahrhaft hilft und heilt, patienten- statt profitorientiert. Und so bedrückt uns die Aussicht, dass die Bundesrepublik insofern auch in der nächsten Legislaturperiode auf der Stelle tritt, egal wer sie regieren wird. Schließen Sie daraus nicht: „Wählen macht keinen Sinn.“ Nichtwählen erst recht nicht. Dann schenken Sie Ihr Kreuzchen halt der separatistischen Bayernpartei, den spirituellen Violetten oder den „Urbanen“, für die alles gut wird, sofern sich Hip-Hop als „globale emanzipatorische Bewegung“ durchsetzt … CDU/CSU. Dass Angela Merkels Union überhaupt zur Wahl steht, sorgt landauf, landab für Verblüffung, denn bekanntlich ist sie alternativlos. Bereitet ihre Devise „Mut zu Deutschland“ einer Ausbürgerungsinitative den Weg: Das Leben in diesem Land ist nix für Zaudernde, Angsthasen und Jammerlappen? Schwerpunkte des Wahlprogramms: 76 Seiten mutloses „Weiter so“. Arbeit für alle, bis 2025 Vollbeschäftigung. Steuerentlastungen um gut 15 Milliarden Euro, schrittweiser Abbau des Solidaritätszuschlags ab 2020. 1,5 Millionen neue Wohnungen in den nächsten vier Jahren. Grunderwerbssteuer beim Kauf des ersten Eigenheims abschaffen. Höhere Kinderfreibeträge; Kindergeld auf 393 Euro pro Monat erhöhen, den Kinderzuschlag für ärmere Familien um 31 Euro. Rechtsanspruch auf Ganztagesbetreuung für Grundschüler. Schulen bekommen 5 Milliarden Euro für Computer und Wlan. 15.000 zusätzliche Polizisten in Bund und Ländern. Den Verteidigungsetat auf zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts erhöhen. Internet überall. Doppelte Staatsbürgerschaft begrenzen. Gleichstellung von Frauen in Führungspositionen „entschlossen vorantreiben“, bis 2025 „abschließen“. Ministerium für Digitalisierung. Gesundheitsfragen tauchen unter den „10 wichtigsten Punkten“ (2) mit keinem Wort auf. Anliegen: keine staatliche Einheitsversicherung, keine aktive Sterbehilfe. Neue Pflege-Bürgerversicherung, mehr Lohn für Pflegekräfte, der Beitrag zur Pflegeversicherung soll „moderat“ steigen. Mehr Steuergelder für Krankenversicherungen; Kassen sollen Prämien rückerstatten müssen, wenn ihre Rücklagen die Mindestreserve um ein Vielfaches übersteigen. Patientenrechte stärken, durch das Angebot „unabhängiger“ und verständlicher Informationen über Versicherungs- und Behandlungsmöglichkeiten, etwa über Internet-Portale. (Auf deren „Unabhängigkeit“ darf man gespannt sein.) Drei Milliarden Euro Forschungsgelder für Behandlungsmöglichkeiten von Krebs, Demenz, Alzheimer sollen fließen. SPD. Im beharrlichen Bestreben, sich der Fünf-Prozent-Hürde von oben anzunähern, tritt die schrumpfsüchtige Splitterpartei mit einem Merkelverhinderungskandidaten an, der für eine weitere Merkel­koalition grundsätzlich offen ist. Schwerpunkte des Wahlprogramms: „Eher legt ein Hund einen Wurstvorrat an als ein Sozi einen ausgeglichenen Haushalt vor“ – Franz-Josef Strauß´ bösen Satz zu bewahrheiten, gibt sich die SPD auch diesmal alle Mühe. Punkten will sie mit dem „Chancenkonto“, einem Guthaben für jeden Bürger zur Weiterbildung und Existenzgründung – als gäbe es nicht schon genügend Förderinstrumente für jeden, der konkret Hilfe benötigt, um auf dem Arbeitsmarkt Land zu sehen. Hätte jeder von uns lediglich 5000 Euro auf seinem „Chancenkonto“ – für Existenzgründer ein Witz - und griffe nur jeder fünfte Bundesbürger darauf zu, so wären allein dafür 80 Milliarden Euro fällig. Darüber hinaus möchte die SPD: Kita-Gebühren abschaffen. 300 Euro „Familiengeld“. Ein Rentenniveau von 48 Prozent des Durchschnittslohns erhalten. Gleicher Lohn für Männer und Frauen. Den Zuzug ausländischer Fachkräfte fördern. Mehr Vollzeitarbeitsplätze, zurückhaltendere Abschiebung von Asylanten in Konfliktregionen. Mehr Polizisten. Mittlere und untere Einkommen steuerlich entlasten, große Erbschaften höher besteuern, höhere Reichensteuer ab einem Jahreseinkommen von 250.000 Euro. Kein Soli-Zuschlag mehr ab 2020. Wahlrecht ab 16. Verbesserte Mietpreisbremse. Zu Gesundheitsfragen: „Zwei-Klassen-Versorgung“ beenden, Bürgerversicherung für alle. Höhe der Krankenkassenbeiträge soll sich nicht bloß nach dem Erwerbseinkommen richten, sondern auch Kapitaleinkünfte, Mieteinnahmen und andere Einkünfte berücksichtigen. Einheitliche Honorarregelungen für Ärzte. Höhere Ausgaben für Prävention. Bessere Versorgung in strukturschwachen Gegenden. Ein Patientenrechtegesetz einführen, mit Anspruch auf Zweitmeinung vor bestimmten Behandlungen. Mehr Unterstützung für pflegende Angehörige: Recht auf Job-Rückkehr, Lohnersatzleistungen. BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN. Unbestätigten Gerüchten zufolge wurden die Grünen zur Wahl nur unter der Auflage zugelassen, sämtliche Plakate mit der hirnrissigen Phrase „Zukunft wird aus Mut gemacht“ unverzüglich abzuhängen und sich dafür beim Wahlvolk zu entschuldigen. Schwerpunkte des Wahlprogramms: 248 Seiten „Mut zur Zukunft“, und die braucht anscheinend am allerdringendsten Natur-, Tier- und Klimaschutz. Kohle- und Atomausstieg vervollständigen; erneuerbare „grüne“ Energien fördern – einschließlich der katastrophalen Umweltverschandler und Infraschallschleudern „Windkraftanlagen“; Nachtflugverbote verschärfen; Fracking-Bohrtechnik verbieten. Ab 2030 nur noch abgasfreie Autos zulassen. Industrielle Massentierhaltung binnen zwei Jahrzehnten beenden. Tierschutz soll fester Bestandteil der Lehrpläne und Lehrerausbildung werden. Ferner: Wahlfreiheit zwischen acht- und neunjährigem Weg zum Abitur; Studiengebühren abschaffen. Neues Feiertagsgesetz. Die Fahrgastzahlen im Personennahverkehr um 50 Prozent steigern. Zu Gesundheitsfragen: Nichts läge für Grüne näher als der Einsatz für die „grüne“ Naturheilkunde. Mag aber keiner. Hauptanliegen: die Zwei-Klassen-Medizin mit ihren privaten Krankenversicherungen abschaffen, denn „ärztliche Versorgung und Pflege sind ein Grundrecht jedes Menschen“. Den Begriff der Pflegebedürftigkeit erweitern, damit Demenzkranke besser versorgt werden. Kontrollierte legale Abgabe von Cannabis. Wer mag den Grünen widersprechen?: „Umwelt ist nicht alles. Aber ohne Umwelt ist alles nichts.“ Und ohne Gesundheit noch viel weniger. FDP. Woran liegt den Freiesten aller Demokaten, über die subtile Botschaft ihrer Christian-Lindner-Selbstdarstellungsorgien auf Litfasssäulen und Plakattafeln hinaus: den Vorrang der Schwarz-Weiß-Fotografie grundgesetzlich zu verankern? Schwerpunkte des Wahlprogramms: Lindner. Ferner Lindner. Und drittens Lindner. Außerdem auf 95 Seiten: Steuerentlastungen von mindestens 30 Milliarden Euro bis 2021. Soli-Zuschlag abschaffen, Mindestlohn weg. Keine Vermögens- und Finanztransaktionssteuer. Bürokratieabbau, Privatisierungen und Deregulierung. Weitere Investitionen in die digitale Infrastruktur. „Weltbeste Bildung für jeden“. Gegen neue und schärfere Sicherheitsgesetze, keine Vorratsdatenspeicherung. Für Volksabstimmungen auf Bundesebene. Gesamteuropäisches Asylrecht mit Quotensystem. Klare Regeln für Zuwanderung: Topforscher ja, "Desperados aus dem Maghreb" nein. Forschungsfeindliche Gesetze und Verordnungen ändern oder abschaffen. Mix aus Kernkraft, Kohle, Öl und Gas sowie Erneuerbaren Energien. Ein Digitalministerium einrichten. Flächendeckendes Glasfasernetz. Abrüstung. Menschenrechte entschiedener durchsetzen. EU-Aufnahmegespräche mit der Türkei beenden. Zu Gesundheitsfragen: Freie Arzt-, Krankenhaus-, Therapie- und Krankenkassenwahl. „Wohnortnahe und qualitativ hochwertige medizinische Versorgung“ für alle sichern. Detaillierte Arztrechnungen für alle Patienten, dadurch mehr Transparenz und Kostenbewusstsein. Keine als „Bürgerversicherung“ getarnte Zwangskasse. Wechsel zwischen gesetzlicher und privater Krankenversicherung vereinfachen. Mehr Wettbewerb zwischen den Kassen. „Die Chancen des medizinischen und digitalen Fortschritts nutzen und das Gesundheitssystem an die demografische Entwicklung anpassen.“ Bürokratie und Dokumentationspflichten für Heil- und Pflegeberufe abbauen. Ökonomische Fehlanreize im System der Fallpauschalen beseitigen, Ergebnisqualität besser vergüten. Die Gesundheitsversorgung im ländlichen Raum verbessern. Palliativ- und Hospizmedizin ausbauen. Cannabis legalisieren. DIE LINKE. Ihr gelingt es ein weiteres Mal, ihre Mitregierungsbereitschaft mit einem Programm zu unterstreichen, das ihr künftiges Mitregieren zuverlässig erspart. Schwerpunkte des Wahlprogramms: 136 Seiten „100 Prozent sozial“, zu 100 minus x Prozent unfinanzierbar. Steuerfreibetrag anheben, Reichensteuer bis zu 75 Prozent des Einkommens, Millionenvermögen und üppige Erbschaften hoch besteuern. Mindestlohn auf 12 Euro pro Stunde anheben, Arbeitslosengeld verlängern; Arbeitszeit auf 30 Stunden verkürzen, bei vollem Lohnausgleich; Mindestsicherung, einschließlich Mindestrente, von 1050 Euro statt Hartz IV; Rentenniveau auf 53 Prozent anheben; Rente ab 65 wieder abschlagsfrei. Kindergeld anheben; Kindergrundsicherung von 573 Euro für alle; gebührenfreie Bildung, von der Kita bis zur Uni; für alle Kinder freie Fahrt in Bus und Bahn, kostenloses Essen in allen Kitas und Schulen. Flächendeckende Mietpreisbindung. Über 120 Milliarden Euro in sozialen Wohnungsbau, Bildungseinrichtungen, Krankenhäuser, Straßen und Schienen investieren. Uneingeschränktes Grundrecht auf Asyl. NATO, Verfassungsschutz und alle Geheimdienste abschaffen. Alle Auslandseinsätze der Bundeswehr beenden. EU-Sanktionen gegen Russland aufheben; keine Aufrüstung der NATO an ihrer Ostgrenze. Zu Gesundheitsfragen: „solidarische“ Gesundheitsversicherung, in die Arbeitnehmer und Arbeitgeber den gleichen Anteil einzahlen. Der Beitragssatz soll dadurch auf unter zwölf Prozent absinken. Die Zuzahlungen für Medikamente, Zahnersatz und Brillen sollen gestrichen werden. Mehr Personal in der Pflege. 160.000 neue Stellen in Krankenhäusern. Private Krankenhäuser in öffentliche Trägerschaften überführen. Fallpauschalen abschaffen. Preisgrenze für Medikamente. Versandapotheken verbieten. Aktionsprogramm? Das Wichtigste unerledigt liegenlassen. Das Bemerkenswerteste an all diesen Wahlprogrammen ist all das, was ihre Verfasser ausklammern – Bereiche, auf denen sie anscheinend keinen Handlungsbedarf sehen. Mit unserem Gesundheitswesen scheint demnach alles bestens; bloß mehr Geld, Technik, Personal fehlen hie und da. Wer das allen Ernstes glaubt, lebt auf einem fernen Planeten. Dort trifft er auf keine real existierenden chronisch Kranken, lernt keine Arztpraxis, kein Krankenhaus, keine psychiatrische Klinik von innen kennen, stattet keinen „alternativen“ Heilkundigen Besuche ab, kommt mit keinem Systemkritiker ins Gespräch. Seine Sozialkontakte beschränken sich, von seinesgleichen, Vorgesetzten und Untergebenen abgesehen, im wesentlichen auf Begegnungen mit rhetorisch beschlagenen Vertretern jener mächtigen Interessengruppen, die am Medizinsystem, wie es ist, lediglich stört, dass es nicht noch mehr Profite abwirft. Was sie von diesem System wissen, lernen sie aus den Powerpoint-Präsentationen und Hochglanzbroschüren jener Gruppen, aus Vorträgen und Gutachten ihrer angeheuerten „Mietmäuler“, aus Einflüsterungen ihrer Lobbyisten, die in Parlamenten und Ministerien mit Hausausweisen ein und aus gehen. AfD. Kommt die Alternative von einer Partei, die schon im eigenen Namen eine sein will? Was will die Alternative für deutschtümelnde Dumpfbacken, kurz AfD, über das originelle Müllkonzept hinaus, die türkischstämmige Integrationsbeauftragte der Bundes­regierung zügig in Anatolien zu „entsorgen“? Schwerpunkte des Wahlprogramms: der Hauptgefahr für die Demokratie entgegenwirken - „heimlicher Souverän ist eine kleine, machtvolle politische Oligarchie, die sich in den bestehenden politischen Parteien ausgebildet hat“. Die Macht der Parteien beschränken, Lobbyismus eindämmen. Volksabstimmungen nach Schweizer Vorbild. Germany first, Deutschland den Deutschen: „ungeregelte Massenimmigration sofort beenden“, kein Familiennachzug für Flüchtlinge, Immigranten müssen sich „anpassen“; jährliche Mindestabschiebequote. Deutsche Leitkultur statt „Multikulturalismus“. Kopftuch im öffentlichen Dienst verbieten, Burka generell in der Öffentlichkeit. Ausländerkriminalität wirksamer bekämpfen. Staatliche Anreize für Deutsche, mehr Kinder in die Welt zu setzen. Meldepflicht für Abtreibungen. Vater/Mutter/Kind als Leitbild der Familienpolitik. Den Euro-Raum verlassen, zurück zur D-Mark. Umsatzsteuer um sieben Prozent senken. Renteneintritt nach Lebensarbeitszeit, nicht nach Alter. Zu Gesundheitsfragen: Ärztliche Versorgung auf dem Land sicherstellen. Die wirtschaftliche Lage der Krankenhäuser „durch Abbau von Investitionsstaus verbessern“. Dem „Pflegenotstand“ entgegenwirken. Darüber hinaus findet sich das wolkige Ansinnen, „alternative Medizin als Ergänzung traditioneller Medizin“ zu begreifen: „‘Alternative‘ Behandlungen (…) können bei Einhaltung von zu definierenden Qualitätsstandards eine sinnvolle Ergänzung zur herkömmlichen Medizin darstellen.“ Und wer, liebe AfD-Funktionäre, definiert diese Standards? Die Meinungsführer der Schulmedizin, die als Forscher, Berater, Autoren und Redner mehrheitlich auf den Honorarlisten von Big Pharma stehen. Von ihnen wird die AfD zu hören bekommen, dass es so einen „Standard“ gottlob längst gibt: die randomisierte Mehrfachblindstudie, welche die allerbesten „Evidenzen“ liefere – und die Alternativmedizin als unwissenschaftlichen Unfug entlarve, der höchstens Placebowirkungen entfalte. (3) „In jedem Fall ist eine ganzheitliche Betrachtung und Behandlung des Patienten notwendig, um der Zunahme von chronischen Erkrankungen und von Therapieresistenzen entgegenzuwirken.“ Solchem Betrachten und Behandeln mangelt es an „Evidenzbasierung“, wie AfD-lern von unserer akademischen Elite zügig beigebracht werden würde, falls die Alternativler jemals mitregieren würden. In dem Befund, dass „die Finanzierung unseres Gesundheitssystems in Gefahr“ ist, wird der AfD kaum jemand widersprechen. Karnevalistischen Unterhaltungswert hat freilich ihre Begründung: Als Gefahrenquellen benennt sie „die von den Kassen zu tragenden Kosten für Migranten, Flüchtlinge und Asylbewerber“, die „aus dem Ruder laufen“; außerdem „die verfehlte Zinspolitik der europäischen Zentralbank“, die schuld daran sei, dass „die kapitalgedeckten privaten Krankenversicherungen keine ausreichenden Rücklagen mehr bilden können“ (AfD-Wahlprogramm S. 59). Explodierende Preise für Arzneimittel und Medizintechnik? Die Kostentreiberei der Gesundheitslobby von Ärzten, Apothekern, Krankenhausbetreibern? Anscheinend nicht der Rede wert. Wie wäre es stattdessen mit DEUTSCHE MITTE ? Schwerpunkte des Wahlprogramms: Haben es in sich. Das „globale Finanzkartell“ müsse „unter öffentliche Kontrolle“, Banken zu „ehrlichen Dienstleistern“ gemacht werden – „Zockerei, Zins und Zinseszins werden abgeschafft“. Euro-Ausstieg. Internationale Gewerkschaftspolitik fördern. Weg mit Handelsverträgen wie TTIP, CETA, TISA. „Ungerechte und sinnlose Sanktionen“ beenden, nicht „in die inneren Angelegenheiten anderer Länder einmischen“. Mehr und besser bezahlte Polizisten. Neues Ausländergesetz mit „klaren Einwanderungsregeln und niedrigen Obergrenzen“. Mehr Volksinitiativen und Volksentscheide. Unternehmen fördern, die „sozial, ökologisch, menschenfreundlich und flexibel arbeiten“, von „lokaler Wirtschaft und handwerklicher Eigenproduktion“. Unzensiertes, freies Internet. Atom-Ausstieg, Förderung Erneuerbarer Energien. „Geheimdokumente offenlegen, z.B. über Spionage, neue Technologien und außerirdisches Leben“. Damit „jeder arbeitsfähige Mensch einer Beschäftigung nachgeht“, soll es – nur für deutsche Staatsbürger - ein „Solidarisches Grundeinkommen (SGE)“ geben: „alle Beschäftigungslosen erhalten eine Liste der in ihrer Umgebung tätigen gemeinnützigen Organisatio­nen. Wer Grundeinkommen erhalten will, wählt den künftigen Wirkungskreis aus und nimmt seine Tätigkeit auf – oder setzt mit amtlicher Zustimmung eigene Ideen um.“ Eine „neue Verteidigungs­strategie“ – „Full Spectrum Defense“ soll „sicherstellen, Deutschland auf jedem Gebiet – entweder eigenständig oder im Verbund mit anderen Nationen – abschreckend verteidigungsfähig wird. Die Bundeswehr erhält insgesamt eine strukturelle Nichtangriffsfähigkeit.“ – „Große Investitionen“ in Bildung und Forschung. Familien mit Kindern „großzügig fördern“. Zu Gesundheitsfragen: Grundrecht auf „natürliche, gesunde Lebensmittel“. „Schrittweise Umstellung auf ökologische, pestizid- und gentechnikfreie Landwirtschaft“. „Die Deutsche Mitte strebt schrittweise eine kostenlose medizinische Grundversorgung für alle an. Wir stehen für ursachenbezogene ganzheitliche Heilkunde und natürliche Medizin, die sich am Menschen orientiert – bei deutlich gestärkter individueller Betreuung. Überteuerte Kartellmedizin wird durch wirkungsvollere, höherwertige und preisgünstigere natürliche Methoden ersetzt – wissenschaftlich untermauert. Aufbau ganzheitlicher Gesundheitszentren und Förderung von Solidargemeinschaften und alternativer Absicherungen im Krankheitsfall mit dem Recht auf freie Therapiewahl. Das ungerechte Abrechnungsverfahren wird stark vereinfacht. Die Zulassungsbedingungen für neue Impfstoffe, (nicht natürliche) Medikamente und Therapien werden verschärft, für zugelassene gilt eine Übergangsfrist. Die Haftungsbefreiung der Impfstoffhersteller sowie das Impf-Mobbing werden beendet. Die wahren Krankheitsursachen wie z. B. Pestizide, Umwelt- und Medikamentengifte, Elektrosmog, Junk-Food oder Luftverschmutzung werden identifiziert und Schritt für Schritt beseitigt. Profitorientierung hat im Gesundheitswesen nichts verloren. Krankenhäuser, Pflegeheime und Psychiatrien werden personell aufgestockt, die Bezahlung verbessert und menschliche Zuwendung aufgewertet. Selbstverwaltung wird allgemein gefördert. Strengere Grenzwerte für Elektrosmog und Radioaktivität.“ In weitem Bogen um Grundlegendes herum Wieso umkurven ausnahmslos alle größeren Parteien in weitem Bogen die wirklich grundlegenden Fragen, die unser überteuertes, ineffizientes Medizinsystem aufwirft? Achtzehn sogenannte „Gesundheitsreformen“ wichen ihnen beharrlich aus. Die eine oder andere Gesetzesänderung tat dem medizinisch-industriellen Komplex zwar ein bisschen weh – an entscheidende Strukturen, Weichenstellungen und Werte traute sich indes keine einzige heran, nicht einmal ansatzweise. Durchweg handelte es sich um Notwehrreaktionen auf äußerste monetäre Engpässe: leere öffentliche Kassen, malade gesetzliche Krankenversicherungen, überforderte Beitragszahler. Soweit Bundesregierungen in Versorgung und Regulierung eingriffen, ging es ausnahmslos darum, Kosten zu dämpfen und finanzielle Lasten umzuverteilen – um Themen wie Beitragshöhe, Arbeitgeberzuschüsse, Einschränkung von Leistungen, Vergütung der Leistungserbringer, Praxisgebühren, Zuzahlungen zu Arzneimitteln, Selbstbeteiligung, Ausgabenbudgets, Preisgestaltung, Festbeträge, Rationalisierung. Niemals nahm der Staat echte, dringend notwendige Reformvorhaben in Angriff: · Wann endlich entzieht er sich der Dauerbelagerung durch Lobbyisten? Wann endlich gewährt er Patienten die gleiche Chance, Gehör zu finden, wie der Pharma- und Versicherungswirtschaft, Vertretern von Ärzten und Apothekern? · Warum schiebt er der routinemäßigen Studientrickserei von Industrieseite nicht einen Riegel vor, legt Forschung und Entwicklung neuer Arzneimittel nicht ganz in die öffentliche Hand oder unterwirft sie zumindest strikter Aufsicht? · Wann überarbeitet er endlich das Patentrecht, um dessen dreistem Missbrauch durch pharmazeutische Scheininnovationen einzudämmen, die einen einzigen Zweck verfolgen: Vermarktungsmonopole aufrechtzuerhalten? · Weshalb setzt er dreister Preistreiberei nicht mit Obergrenzen ein rigoroses Ende? · Wo bleibt die seit Jahrzehnten angekündigte „Positivliste“, die Ärzten und Verbrauchern vorgibt, welche Arzneimittel wirklich hilfreich, nötig und preiswert sind? · Wo bleibt eine unabhängige „Stiftung Warentest“ für den Arznei- und Nahrungsmittelsektor? · Wann endlich verpflichtet der Staat die gesetzlichen Kassen dazu, nicht mehr für teure Originale aufzukommen, wenn mindestens ebenso wirksame, längst bewährte ältere Mittel oder Nachahmerpräparate, Generika, zu einem Bruchteil des Preises erhältlich wären? · Wieso verschärft er Antikorruptions- und Transparenzgesetze nicht drastisch? · Wann endlich zieht er Manager persönlich zur Verantwortung, wenn ihre Produkte schwere, bleibende Gesundheitsschäden anrichten? · Wieso baut er kein unabhängiges öffentliches Informationssystem auf, finanziert aus möglichen Milliardeneinsparungen im Arzneimittelsektor und dem prallgefüllten Marketingtopf der Konzerne? · Weshalb fördert er so gut wie gar nicht die Erforschung chemiefreier Behandlungsansätze, hilfreicher psychosozialer Projekte sowie selbstverantwortlicher Gesundheitsfürsorge? · Wann endlich sorgt er dafür, dass die ärztliche Aus- und Weiterbildung pharmafrei wird? · Wann endlich wird Ärzten verboten, Zuwendungen jeglicher Art von der Industrie anzunehmen? · Wann endlich wird Inhabern politischer Ämter untersagt, in die Industrie zu wechseln? · Wann bläst Berlin endlich das kläglich gescheiterte Experiment der „Selbstverwaltung“ im Gesundheitswesen ab, die seit Jahr und Tag auf die gemeinschaftliche Selbstbereicherung der beteiligten Interessengruppen hinausläuft? · Wenn Pharmazie ein Multimilliardengeschäft ist, für das staatliche Institute ohnehin einen Großteil der Grundlagenforschung leisten – weshalb macht er dieses Geschäft nicht besser gleich selbst, statt bei den Selbstbereicherungsorgien von Managern, Investoren und Aktionären tatenlos zuzusehen? Und niemals ging es bislang um brennende Grundsatzfragen wie: Worin besteht Gesundheit eigentlich? Was bedeutet Heilung? Was erhöht und sichert Wohlbefinden und Lebensqualität? Was motiviert Patienten über finanzielle Anreize hinaus, Verantwortung für das eigene Wohl-ergehen zu übernehmen, zu ihrer Genesung aktiv beizutragen? Welche präventiven Ansätze können dafür sorgen, dass Krankheiten erst gar nicht entstehen? Gibt es zu Pharmazeutika preiswertere, nebenwirkungsärmere, patientenfreundlichere Alternativen? Wie fördern und gestalten wir eine integrative Medizin, die das Beste aus unterschiedlichen Heiltraditionen und Therapierichtungen verbindet? Wie wird Humanmedizin humaner, wie befriedigt sie grundlegende menschliche Bedürfnisse? Keine Antwort ist auch eine. Mündige Bürger lernen daraus. Wie eine echte Gesundheitsreform aussähe, hat schon Mitte der neunziger Jahre Ellis Huber skizziert, damals noch Präsident der Berliner Ärztekammer: in seinem fabelhaften Buch „Liebe statt Valium“. (4) Zu Kanzlerzeiten Gerhard Schröders wäre er um ein Haar Bundesgesundheitsminister geworden, ehe Seilschaften und Klüngelrunden, die ihm fehlten, die unsägliche Andrea Fischer favorisierten - eine weitere tragische Verirrung der Berliner Ministermacher. Haben wir am 24. September "die Qual der Wahl"? Eher die Wahl der Qual. (Harald Wiesendanger) Anmerkungen 1 Nach dem „Werte-Index 2016“ des Marktforschungsinstituts TNS Infratest, http://www.wiwo.de/erfolg/coach/optimierung/werte-index-2016-was-den-deutschen-wirklich-wichtig-ist/12661298.html 2 https://www.cdu.de/sites/default/files/media/dokumente/regierungsprogramm-in-leichter-sprache-btw13.pdf 3 Mehr über die heilige Kuh der modernen Medizinforschung, die „kontrollierte Studie“, in unserer Schrift Außer Kontrolle. Warum die Stiftung Auswege „unwissenschaftlich“ verfährt – und dazu steht (2016). 4 Ellis Huber: Liebe statt Valium. Konzepte für eine neue Gesundheitsreform, München 1995.

  • Schluss mit der Pillenpsychiatrie

    Für eine echte Psychiatrie-Reform startete ich über meine Stiftung Auswege im Herbst 2017 eine Petition, die an einem 10. Oktober, dem „Welttag der psychischen Gesundheit“, im Bundeskanzleramt in Berlin überreicht werden. Dazu kam es leider nie, weil knapp über 1000 Unterstützer zuwenig waren. Den folgenden Text ließ ich sie mitunterzeichnen. Wir, die Unterzeichner, fordern die Bundeskanzlerin, die Bundesregierung, alle im Bundestag vertretenen Parteien, zuständige Bundesministerien und Ausschüsse auf: Sorgen Sie endlich für eine Psychiatrie-Reform, die ihren Namen verdient. Machen Sie Schluss mit der vorherrschenden Pillenpsychiatrie. Bewahren Sie Millionen seelisch Belastete, unter ihnen Hunderttausende von Kindern, vor bleibenden Arzneimittelschäden. Das Grundgesetz verpflichtet Sie dazu. Lassen Sie den Staat seine umfassende Schutzpflicht erfüllen – auch für die Gesundheit seiner Bevölkerung. Hindern Sie nachlässige, irregeführte oder korrumpierte Ärzte daran, weiterhin Grund­rechte zu verletzen: auf körperliche, seelische und geistige Unversehrtheit, auf das Selbstbestimmungs­recht, auf Menschenwürde. Unter­binden Sie den routinemäßigen Einsatz von Psychophar­maka, die bei minimalem Nutzen maximalen Schaden anrichten. Wir fordern ein Psychiatrie-Gesetz, das - Ärzte dazu verpflichtet, psychisch Belastete immer zuerst der erwiesenermaßen wirkungs­­vollsten Behandlungsweise zuzuführen - sozialer Unterstützung, psychologischer Beratung und Psychotherapie - und Psychopharmaka nur ausnahmsweise, kurzfristig und möglichst niedrig dosiert einzusetzen; - Ärzte und Pharma-Manager für unvollständige, verfälschte oder verschwiegene Informa­tio­nen über Risiken und Nebenwirkungen persönlich haften lässt; - Ärzten verbietet, jegliche Zuwendungen von der Pharmaindustrie anzunehmen; - Patientenrechte stärkt; - menschenunwürdigen Zwangsunterbringungen und -behandlungen ein Ende setzt; - Laien- und Selbsthilfe fördert, statt einseitig auf professionelle Angebote zu setzen; - die willkürliche psychiatrische Diagnostik beseitigt; - die ärztliche Aus- und Fortbildung von Industrieeinflüssen befreit. Wir fordern, im Gesetzgebungsverfahren auf unabhängige Experten zu setzen – und Personen davon auszuschließen, die finanzielle Verbindungen zur Pharmaindustrie einge­gan­gen sind. Wir fordern verschärfte Antikorruptions- und Transparenzgesetze für alle an der Erforschung, Begutachtung, Zulassung und Anwendung von Arzneimitteln Beteiligten. Wir fordern einschneidende Korrekturen am politischen System, um den allgegenwärtigen Lobbyismus zurück­zudrängen, der den Psychiatrienotstand mitverschuldet. Das Grundgesetz (Art. 2 Abs. 2) garantiert jedem Bürger „das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit“. Wie das Bundesverfassungsgericht 1981 befand, gilt dies auch für die psychische Gesundheit. Daraus erwächst dem Staat eine umfassende Schutz­ver­pflich­tung. Auch im psychiatrischen Bereich unseres Gesundheitswesens sollte er sie endlich wahrnehmen. Im Einzelnen Die bisherige „Psychiatrie-Reform“ greift viel zu kurz. Der Reformprozess, den die Psychiatrie-Enquête von 1975 einleitete, hat die Lage psychisch belasteter Menschen in Deutschland durchaus verbessert. Er führte zu mehr Personal in psy­chia­­trischen Kliniken, modernisierten und verkleinerten Anstalten, mehr psychiatrischen Ab­tei­lungen in Allgemeinkrankenhäusern; zu kürzerer Verweildauer; zu mehr psychologischer Hilfe, mehr Tageskliniken, Ambulanzen und Beratungsstellen, mehr sozialpsychiatrischen Diensten, mehr betreuten Wohnformen, Heimen und Werkstätten. Aber besser als katastrophal ist nicht gleich gut und ausreichend. Nicht nur finden immer noch menschenunwürdige Zwangseinweisungen und -behandlungen statt. Auch andere grund­legen­de Probleme bestehen fort. Inzwischen sperrt die Psychiatrie zwar seltener und kürzer weg – doch weiterhin vergiftet sie, außerhalb ihrer Einrichtungen noch ausgiebiger als drinnen. Die chemi­sche Zwangsjacke ist gang und gäbe. Immer mehr psychisch Belastete geraten in die Mühlen eines Medizinbetriebs, der ihnen immer früher und immer länger hochtoxische Substanzen einflößt. Dafür sorgen: eine Über­diagnostik, die bloßes Anderssein und zeitweilige Befindlichkeitstiefs zu Krankheiten, Auf­fällige zu Patien­ten stem­pelt; das Vorherrschen einer Behandlungsweise, die auf synthetische Drogen setzt; mangelnde Aufklä­rung über wirksamere, risikoärmere, kosten­günstigere und humanere Alter­nativen. Verant­wortlich dafür ist in erster Linie die innige Verflechtung der Psychiatrie mit der Pharma­indu­strie. Sie macht Ärzte zu Erfüllungs­gehilfen von Profitinter­essen: mög­lichst viele Menschen für krank zu erklären und ihnen Arzneimittel­ zu verabrei­chen, die sie kaum je brauchen; an Gesunden gibt es schließlich nichts zu verdienen. Diese Praxis breitet sich seit längerem wie ein Krebsgeschwür in unserer Gesellschaft aus. Die Folgen sind: schwere, oft unumkehr­bare Schäden an Körper, Geist und Seele bei medika­mentös Behandel­ten; mensch­liche Tragö­dien zuhauf; immer mehr frühverrentete Psycho­invalide; ein immenser volks­­wirt­schaftlicher Scha­den. Nach wie vor gilt jener lapidare Satz, mit dem vor 43 Jahren die Psy­chiatrie-Enquete begann: „Die Versorgung psychisch Kranker und Behinderter in Deutsch­­land ist dringend verbesse­rungs­bedürftig.“ Die Reform ist in halbherzigen Ansätzen stecken­geblie­ben. Es ist an der Zeit, die wahren Miss­stände zu benen­nen und auszuräumen. Wir brauchen radikale Ver­ände­rungen. Das Versagen des Systems schreit nach Revolution. Ihnen wird vorgemacht: - Psychische Störungen greifen neuerdings geradezu epidemisch um sich. - Ihre Behandlung erfordert Arzneimittel. - Psychopharmaka sind wirksam, sicher und gut verträglich. - Um Patienten mit immer besseren Medikamenten zu versorgen, investieren Arzneimit­tel­hersteller Milliardensummen in Forschung und Entwicklung – daher die hohen Preise. Nichts davon stimmt. Bitte nehmen Sie zur Kenntnis: - Psychiatrie ist keine evidenzbasierte Medizin. Solide Forschung widerlegt ihre grund­legenden Studien, Hypothesen und Vorstellungen. - Seit den fünfziger Jahren haben psychische Störungen mitnichten zugenommen, wie Metaanalysen hunderter von Studien belegen. Was hingegen explosionsartig anstieg, ist die Anzahl der gestellten Diagnosen, von ADHS über Autismus, Depression, bipo­lare, Angst- und Anpassungsstörung bis hin zu Schizophrenie. Mittlerweile erklären Fachleute bereits jeden dritten Deutschen für „psychisch gestört“ und therapie­bedürf­tig; mehrere Millionen werden ambulant versorgt, 1,2 Millionen stationär. 10 bis 15 Prozent der Bevölkerung schlucken Antidepressiva, Neuroleptika, chemische Angst­löser, An­re­ger oder Beruhi­ger. Schon jedes zehnte Kind erhält Psychopharmaka, über 50.000 befinden sich in psychiatri­schen Einrichtungen. - Für die vermeintliche Psycho-Epidemie sorgen die weltweit verbindlichen Diagnose-Handbücher DSM und ICD. Mit jeder Neuauflage führten sie weitere „Krankheiten“ ein­, senkten die Schwellenwerte für bekannte ab – nicht aufgrund von objekti­ven Befunden, sondern per Mehrheitsbeschluss. In den dafür verantwortlichen Kom­mis­sionen überwiegen Fachleute, die sich von Pharmaherstellern bezahlen lassen. Je verwäs­ser­ter die Diagnostik, desto mehr Menschen erfüllen ihre Kriterien – desto mehr lassen sich zu Arzneimittelkonsumenten machen. Darauf abzielend, erweisen sich ICD und DSM als willkürliche, schädliche und überflüssige Industrie­produkte. Sie stigmatisieren und grenzen aus. Es ist aber normal, von der Norm abzuweichen. Anderssein ist keine Krankheit. - Die herkömmliche Psychiatrie hängt einem reduktionistischen Menschenbild an, das Patienten zu defekten Biomaschinen mit „Stoffwechselstörungen im Gehirn“ herabwürdigt. Aber psychische Krisen haben Gründe, nicht bloß Ursachen; sie sind subjektiv sinnhafte Lebens­phasen, die aus der einmaligen Geschichte der Betroffenen, ihrer besonderen Situati­on, ihren Ein­schrän­kun­gen und Ressourcen heraus verständ­lich und behandelbar sind – natürliche, zumeist angemessene Reaktionen auf äußeren oder inneren Stress, unter dem nicht zu leiden geradezu „gestört“ wäre. - In der Medikalisierung psychischen Andersseins, wie auch in der Professionalisierung des Helfens, spiegelt sich ein expertengläubiger Zeitgeist, der es Betroffenen erschwert, eine Grund­­vor­aus­set­zung fürs Heilwerden zu schaffen: Eigenverantwor­tung zu überneh­men. „Ande­re müssen mich gesund machen. Ich und meinesgleichen können das nicht.“ - Eine Fülle von Studien belegt mittlerweile: Bei allen Arten von psychischen Störun­gen, in nahezu jedem Stadium, sind Psychotherapie, soziale Unterstützung, Selbsthilfe und empathischer Laienbeistand Medikamenten mindestens ebenbürtig, wenn nicht überlegen. Ohne Psychopharmaka genesen Patienten im allgemeinen rascher, kommen Rückfälle seltener vor. - Der Schlüssel zum Behandlungserfolg sind sogenannte „unspezifische Wirkfaktoren“, unabhängig von den eingesetzten Methoden. Laienhelfer wie Fachkräfte sind erfolg­reich, wenn sie dem Hilfesuchenden respektvoll als Person begegnen, seine Würde achten; mit ihm einen authentischen, offenen Dialog eingehen; seine Bedürfnisse und Inter­essen, seine ausgeprägte Sensibilität und andere wertvolle Fähigkeiten berücksichti­gen; sein Denken und Empfinden vor dem Hintergrund seiner Erfahrungen, sei­ner einmaligen Geschichte, seinen besonderen Lebensumständen verstehen; die Kränkung hinter der Krankheit begreifen; sich an seiner „Störung“ nicht stören; ihn nicht auf vorhandene Symptome und Defizite reduzieren; ihn stärken und anleiten, auf vorhandene Ressour­cen aufbauend, statt aufs Reparieren aus zu sein; sich für all das die nötige Zeit nehmen. - Weil Pharmakonzerne Forschungsergebnisse in großem Stil manipulieren oder verschwei­gen, wird der Nut­zen von Psychopharmaka bei weitem überschätzt, Gefah­ren verharmlost. Tatsäch­lich erhöhen Psychopillen bei längerem Gebrauch das Risiko drastisch, schwe­ren körperlichen, geistigen und seelischen Schaden zu nehmen: von Überge­wicht, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes über Hirnschwund und damit einher­gehenden kognitiven Einschränkungen bis hin zu unumkehrbaren motori­schen Schä­den. Sie machen müde, lustlos, antriebslos, desinteressiert. Sie stumpfen emotional ab, verändern die Persönlichkeit tiefgreifend, senken die Lebenserwartung. „Para­doxe Reaktionen“ wie erhöhte Depression, verstärkte Ängste, innere Unruhe und un­be­zähmbarer Bewegungsdrang („Akathisie“), zunehmende Gewalttätig­keit, Amokläufe, Suizid­versu­che und Selbstmorde kommen viel häufiger vor als offiziell behaup­tet. Von Psycho­phar­maka loszukom­men, fällt mitnichten leichter als ein Entzug von „harten“ Drogen, „Absetz­psychosen“ keine Ausnahme, ein Rückfall in die Medikamen­ten­sucht häufig. - „Antipsychotika“ hießen besser „Antipsychika“ – auf die Dauer deformieren sie die Psyche. Oder „Anti­sexualia“ – sie ruinieren das Sexualleben. Oder „Antihumanika“ – sie beein­träch­tigen spezifisch menschliche Fähigkeiten wie Urteilsvermögen und Krea­­ti­vi­tät. - Psychopharmaka erschweren, ja vereiteln Heilung. Sie übertünchen Symptome, statt deren Gründe zu beheben. Sie behindern auf­deckende Psychothera­pie, vernebeln Einsichtsfähigkeit, schwächen Motivation und Eigenverantwortung, unter­drücken Selbsthei­lungs­kräfte, chronifizie­ren vorübergehende Tiefs, hindern psycho­ti­sche Prozesse an der Rückbildung. - Gegen die ärztliche Informationspflicht wird in der Psychiatrie routinemäßig verstoßen. So gut wie nie werden Patienten und Angehörige umfassend über bekannte Risiken, Nebenwirkungen und Behandlungsalternativen aufgeklärt. Wären sie im Bilde: Keiner würde bei klarem Verstand einem langfristigen Einsatz von Psychophar­ma­­ka zustimmen. - Nach Krebs und Herzinfarkten sind Arzneimittel in der westlichen Welt die dritthäufigste Todesursache. Medikamentös ausgelösten Selbstmord eingerechnet, brach­ten allein Psychopharmaka dort seit der Jahrtausendwende 8,8 Millionen Menschen um, wie Experten schätzen. - Alle Psychopharmaka wurden aufgrund von Studien zugelassen, die im Auftrag der Hersteller stattfanden. Deren Motive, verkaufsschädigende Fakten zu verschweigen, liegen auf der Hand. Die Liste der Firmen, die bereits wegen irreführender Marketingpraktiken rechtskräftig verurteilt wurden, liest sich wie das Who Is Who der Branche. Deshalb ist ihr nicht zu trauen. - Zulassungsstudien enden nach wenigen Wochen und Monaten. Über langfristige Folgen geben sie keinen Aufschluss. Deren ganzes Ausmaß zeigt sich oft erst nach Jahrzehnten. - Statistiken belegen: Je mehr seelisch Belastete psychopharmazeutisch behandelt werden, desto mehr Langzeitpatienten gibt es unter ihnen; desto länger werden Phasen zeitweiliger Arbeitsunfähigkeit, desto häufiger sind Frühverrentungen – mit volkswirtschaftlichem Multimilliarden­schaden. Parallel zu sprunghaft ansteigenden Psycho­phar­ma­ka-Verordnungen hat sich seit den fünfziger Jahren die Zahl krankheitsbeding­ter Fehltage wegen psychischer Nöte verfünffacht, ihr Anteil an sämtlichen Fällen vorübergehender Arbeitsunfähigkeit versiebenfacht, die durchschnittliche Dauer auf 38 Tage erhöht. Der Anteil der Personen, die bei angeblich immer besserer psychiatri­scher Versorgung wegen eines seelischen Leidens vorzeitig aus dem Erwerbsleben ausscheiden, stieg seit Anfang der neunziger Jahre von 14,5 auf 41,9 Prozent. - Auf Forschung und Entwicklung entfallen in Wahrheit lediglich 10 bis 15 Prozent der horrenden Profite, die Pharmakonzerne erzielen. Der Löwenanteil landet in einem gigantisch gefüllten Marke­tingtopf, dank Jahresumsätzen jenseits der Billio­nengrenze und traumhaften Gewinnspannen bis zu 40 Prozent. Aus ihm werden prak­ti­zierende Ärzte, Medizinprofessoren, Klinikleiter, Kom­missions­mitglieder, Veranstal­ter, Fachgesellschaften, die Opinion Leaders des Fachs ebenso großzügig bedacht wie PR- und Werbeagenturen, Redakteure, freie Journalisten und Buchauto­ren, Betreiber von Inter­net­portalen, Foren und Blogs, Administratoren von Online-Enzy­klopädien, Patientenorganisatio­nen, ein Heer von Lobbyisten und Pharmareferen­ten. All diese Erfüllungsgehilfen sorgen in der Öffentlichkeit, unter Hilfe­suchenden und ihren Angehörigen, innerhalb der Medizin, aber auch bei politisch Verantwort­lichen für ein grotesk verzerrtes Bild der wahren Verhältnisse. Sie tragen dazu bei, Kritiker und Anbieter alternativer Ansätze zu diskreditieren. - Keine polemische Zuspitzung, sondern ein nüchterner juristischer Befund: Das psychiatrische Versorgungssystem, wie weitere Bereiche unseres Gesundheitswesens, erfüllt die Hauptkriterien organisierter Kriminalität. Dagegen muss ein Rechtsstaat entschlossen vorgehen, statt auf die Selbstheilungskräfte des freien Marktes zu bauen. Verschaffen Sie sich ein eigenes Bild vom psychiatrischen Versorgungsnotstand. Vertrauen Sie keinem Gesprächspartner, ohne seine Interessenkonflikte zu berücksichtigen. Lassen Sie sich nicht länger von Lobbyisten beeindrucken, die Sie unablässig umlagern und bedrängen. Seien Sie skeptisch gegenüber den Meinungsführern der Ärzteschaft - als Berater, Sprecher, Autoren, Forscher stehen sie nahezu ausnahmslos auf den Honorarlisten von Arznei­­­mittel­unter­nehmen. Ein Großteil der Organisationen und Initiativen, die Patienten „aufzu­klären“ und deren Inter­essen zu vertreten vorgeben, hängt am Tropf der Pharma­indu­strie. Lassen Sie unabhängige Einrichtungen Stellung nehmen, die Ihnen ein unverzerrtes Bild vom aktuellen Forschungsstand, von den tatsächlichen Möglichkeiten, Grenzen und Gefahren der Psychiatrie, von verfügbaren Alternativen verschaffen - wie etwa die Cochrane Collaborati­on, die Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie (DGSP), das Institut für Sozialpsy­chia­trie der Universität Greifs­wald, die Stiftung Auswege. Lassen Sie erfahrene Mediziner zu Wort kommen, die sich entsetzt vom psychiatrischen Main­stream abgewandt haben, wie etwa Dr. med. Volker Aderhold, Dr. med. Marcia Angell, Dr. med. Peter Breggin, Dr. med. Peter Gøtzsche, Dr. med. David Healy, Dr. med. Irving Kirsch, Dr. med. Joanna Moncrieff, Dr. med. Marc Rufer, Dr. med. Josef Zehentbauer. Verschaffen Sie sich, am besten incognito, einen persönlichen Eindruck davon, wie in übli­chen psychiatrischen Praxen, Kliniken und Ambulanzen tatsächlich mit Menschen verfahren wird, die aus dem inneren Gleichgewicht geraten sind. Sie würden Zeuge einer weitgehend sprach- und herzlosen „Fünf-Minuten-Medizin“, die Checklisten abarbeitet, um Diagnose-Etiketten zu verteilen und Bezugs­scheine für synthetische Drogen auszustellen. Im stationären Rahmen zählt individuelle psycho­logische Betreuung, zumeist höchstens 45 bis 90 Minuten pro Woche, zum bloßen Beiwerk einer überwachten Pillenverfütterung; die Verwahr- ist zur Vergiftungs­psychiatrie geworden. Besuchen Sie Kliniken, Einrichtungen und Modellprojekte, die psychisch Angeschlagenen erfolgreich mit Zuwendung und Empathie, sozialer Unterstützung und der Stärkung innerer Ressourcen helfen statt mit Pillen – beispielsweise die Median-Klinik in Bad Gottleuba, die sysTelios-Klinik in Wald-Michelbach, die Habichts­wald-Klinik in Kassel. Lassen Sie sich direkt von ehemaligen Psychiatrie-Patienten berichten, hören Sie Vertreter ihrer Betroffe­nen­organisationen an, z.B. des Bundesverbands Psychiatrie-Erfahrener (BPE). „Willst du etwas wissen, so frage einen Erfahrenen, keinen Gelehrten“, sagt ein chinesisches Sprichwort. Verschaffen Sie sich einen Überblick über den tatsächlichen Forschungsstand, die verhängnis­volle Industriebindung der herkömmlichen Psychiatrie, die verheerenden Schäden, die sie bei Betroffenen anrichtet. Dazu eignen sich zusammenfassende Bücher wie Dr. med. Marcia Angell: Der Pharma-Bluff (2005); Dr. med. Peter R. Breggin: Giftige Psychiatrie, 2 Bände (1996/97); DGSP (Hrsg.): Eine Generation wird krankgeschrieben (2013); Dr. med. Peter Gøtzsche: Tödliche Medizin und organisierte Kriminalität (2014), Tödliche Psychopharmaka (2016); Dr. med. David Healy: Let Them Eat Prozac (2004); Irving Kirsch: The Emperor's New Drugs: Exploding the Antidepressant Myth (2009); Peter Lehmann: Schöne neue Psychiatrie, 2 Bände (1996); ders. mit Peter Stastny (Hrsg.): Statt Psychiatrie, 2 Bände (1993, 2007); Dr. med. Joanna Moncrieff: The Myth of the Chemical Cure: A Critique of Psychiatric Drug Treatment (2007), The Bitterest Pills (2013); Marc Rufer: Irrsinn Psychiatrie (1988, 4. Aufl. 2009); Robert Whitaker: Mad in America (2001), Anatomy of an Epidemic (2010); Dr. Harald Wiesen­­danger: Das Märchen von der Psycho-Seuche (2017), Seelentief: ein Fall für Profis? (2017), Unheilkunde. Die 12 Märchen der Psychiatrie – Wie eine Pseudo­medizin Hilfe­­­suchende täuscht (2017), Die Krankmacher (2018); Josef Zehentbauer: Chemie für die Seele (1986, 11. Aufl. 2010). Lesen Sie, was frühere Pharma-Manager über die üblichen Machenschaften der Branche und ihre Instrumentalisierung der Psychiatrie enthüllten, z.B. John Virapen: Nebenwirkung Tod (4. Aufl. 2008) und Peter Rost: The Whistleblower: Confessions of a Healthcare Hitman (2006). Stellen Sie die entscheidenden Fragen: Warum nehmen psychische Störungen zu, je mehr Psychiater es gibt? Wäre eine psychische Störung nichts weiter als ein „biochemisches Ungleichgewicht im Gehirn“: Wieso hat kein Psychiater jemals irgendeine Diagnose aufgrund eines neurologi­schen Befunds erstellt? Gibt es irgendein anderes Fachgebiet der Medizin, in dem Ärzte eine langfristige symptoma­tische Behandlung befürworten würden, ohne zu wissen, was die Symptome hervorruft? Warum werden „psychische Störungen“ immer langwieriger und gravierender, wo doch die eingesetzten Arznei­mittel nicht bloß ständig teurer, sondern angeblich immer besser gewor­den sind? Warum dauern sie umso hartnäckiger an, je früher, je höher dosiert, je länger sie mit Psycho­pharmaka behandelt werden? Warum verkürzen Psychopharmaka nicht die durchschnittliche Aufenthaltsdauer in psychia­tri­schen Einrichtungen? Wieso kommt man im allgemeinen schneller heraus, wenn man auf sie verzichtet? Wieso verlaufen Psychosen in Entwicklungs- und Schwellenländern, mit dürftiger bis keiner psychiatrischen und psychopharmazeutischen Versorgung, im allgemeinen glimpflicher und kürzer? Weshalb kommen Rückfälle dort seltener vor? Warum wirkt kein einziges Psychopharmakon indikationsspezifisch, d.h. gezielt bei jener Art von „Störung“, gegen die es verordnet wird? Wirklich „selektiv“ ist keines. Bei den unter­schied­lichsten Krankheitsbildern lösen sie Anspannung und Angst, hellen die Stimmung auf, steigern den Antrieb, dämpfen oder beruhigen. Die Phar­ma­­psychiatrie verkauft demnach Schrot­flinten als Hochpräzisionsgewehre. Was hielten Sie von einem Schlüs­sel­dienst, der mit Brecheisen und Vorschlag­hammer an­rücken muss, weil er über keinen einzigen passenden Schlüssel verfügt? Warum geht es medikamentös Behandelten auf lange Sicht schlechter als anderen? Warum kommen Rückfälle unter ihnen häufiger vor – im Durchschnitt aller vorliegenden Studien in 60 Prozent aller Fälle, gegenüber 30 Prozent bei Psychotherapie? Warum sind Betroffene, denen Psychopharmaka erspart bleiben oder die frühzeitig darauf verzichten, auf lange Sicht besser dran? Warum haben parallel zu sprunghaft steigenden Verordnungszahlen von Antidepressiva, Neu­ro­leptika und anderen Psychopharmaka schwere, chronische Verläufe bei psy­chisch Belaste­ten dramatisch zugenommen? Warum bringen Psychopharmaka überhaupt schlimme Nebenwirkungen und Langzeitschäden mit sich, wo sie angeblich doch „gezielt“ jenes „biochemische Ungleichgewicht“, jene „Stoff­wechsel­störung im Gehirn“ beheben, die der psychischen Störung zugrunde liegt? Wenn Psychopharmaka der „neuen Generation“ angeblich nicht süchtig machen: Weshalb führen Versuche, von ihnen loszukommen, dann zu schwersten Entzugserscheinungen und „Absetzpsychosen“? Warum verkürzt langfristige Psychopharmaka-Behandlung die durchschnittliche Lebenserwar­tung um 25 Jahre? Warum starben in Deutschlands psychiatrischen Kliniken, unter ständiger fachärztlicher Auf­sicht und medikamentös „optimal“ versorgt, in den vergangenen 20 Jahren über 57.000 Pati­en­ten, deren Krankheiten unbehandelt nur selten tödlich enden? Warum werden Zwangsbehandelte in Deutschland durchschnittlich 10 Stunden fixiert, in England hingegen bloß 20 Minuten? Warum setzen fast alle Psychiater auf synthetische Chemie, obwohl die Therapieforschung seit langem belegt, dass andere Behandlungsansätze im allgemeinen hilfreicher sind, zudem weitaus risiko­ärmer? Warum machen Psychiatriepatienten mit Psychopharmaka überwiegend Erfahrungen, die den behaupteten Wirkungen in industriefinanzierten Zulassungsstudien, Expertengutachten und der Fachliteratur krass zuwiderlaufen? Warum erklärt nur jeder Zehnte, ihm sei in der Psy­chia­trie geholfen worden? Wieviele psychisch Belastete würden bei klarem Verstand jemals einer längerfristigen Phar­makotherapie zustimmen, wenn sie vollständig über alle mittlerweile bekannten Risiken und Nebenwirkungen, über die Erfolgsaussichten aller verfügbaren Behandlungsalter­nati­ven aufge­klärt würden? Würde ein Psychiater selber die Chemikalien schlucken oder seinem eigenen Kind ein­flößen, die er seinen Patienten verschreibt? Welches Interesse an möglichst häufigen, möglichst raschen Genesungen sollte ein Industrie­zweig haben, der davon lebt, dass möglichst viele Menschen krank sind und es möglichst lange bleiben? Warum verhält es sich mit dem psychopharmazeutischen Heilerfolg wie mit dem Yeti? Manche glauben, es gebe ihn, aber keiner hat ihn je gesehen. Sorgen Sie für notwendige Gesetze und Verordnungen – im psychiatrischen Bereich … - Anstelle chemischer Keulen benötigen psychisch Belastete offene Ohren, mitfühlende Herzen und helfende Hände. Inner- wie außerhalb psychiatrischer Ein­rich­tungen dür­fen Psychopharmaka nur noch notfalls, bloß kurzfristig und möglichst niedrig dosiert zum Einsatz kommen, nachdem chemiefreie Ansätze geschei­tert sind. Was das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizin­produkte (BfArM) im Herbst 2009 auf Druck der Europäischen Kommission zur Risikobewer­tung für den Sonderfall von Stimulan­zien wie Methylphenidat (Ritalin) umsetzte und den Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) zu einer geänderten Arzneimittelricht­linie veranlasste, muss für Psychophar­ma­ka allgemein gelten: Die Behandlung hat ohne Medikamente zu beginnen; verord­net werden dürfen sie nur noch in Ausnahme­fällen. - Verbieten Sie inbesondere, Kindern Psychopharmaka zu verabreichen, mit sehr seltenen Aus­nahmen. Ihr noch unausgereiftes Gehirn mit Chemikalien zu schädigen, ist nicht weni­ger verwerflich und folgenschwer, als sie zu misshandeln oder sexuell zu missbrau­chen. Statt Anti­depres­si­va, Neuroleptika und Stimulanzien benötigen sie ein heiles Um­­­­feld in Familie und Schule, aufmerksame Begleitung und Anleitung, ein­fühl­samen Beistand bei Trau­ma­ta und Krisen. - In Alten- und Pflegeheimen werden, meist ohne medizinische Indikation, Psycho­pharmaka einge­setzt, um anstrengende Senioren ruhigzustellen. Jeder fünfte Insasse erhält Neuroleptika, jeder dritte Antidepressiva; unter Dementen sind es sogar 40 Prozent. Das ist unverantwortlich – und ohne informierte Zustimmung der Betrof­fe­nen bzw. ihrer Angehörigen kriminell. Schieben Sie dieser gängigen Praxis einen Riegel vor. - Fördern Sie psychologischen Beistand durch mobile Krisendienste, ambulante und teilstationäre Einrichtungen, Beratung und Unterstüt­zung von überforderten Angehörigen; Daueraufenthalte in psychiatrischen Kliniken erübrigen sich dadurch zumeist. - Sorgen Sie dafür, dass Ärzte gesetzlich verpflichtet werden, psychisch Belastete zuallererst der nachweislich wirkungsvollsten und weitaus unschädlicheren Behandlungs­­weise zuzuführen: einer Psychotherapie. Und stellen Sie sicher, dass diese aus­reichend angeboten wird. Was nützt ein Rechtsanspruch auf Psycho­­therapie, auf einen Termin innerhalb von vier Wochen nach Anfrage, solange zu­wenige Anbieter hoffnungs­los überfordert sind? - Das soziale Umfeld von psychisch Belasteten muss über seine maßgebliche Rolle aufgeklärt, an der Behandlung beteiligt und ausreichend unterstützt werden. - Selbsthilfe ist oftmals möglich, wirksam und kostengünstiger als professionelle Beratung und Behandlung, wie die Erfolge von Einrichtungen wie der Telefonseel­sorge oder den Anonymen Alkoholikern belegen. Sie verdient erheblich größere staatliche Förderung. - Psychiatrie-Erfahrene müssen in die Beratung, Behandlung und Betreuung von Patienten einbezogen, an der Entwicklung von Qualitätskriterien für psychiatrische Maßnah­men und deren Qualitätskontrolle beteiligt werden. - Laienhilfe muss aufgewertet und gefördert werden, sie kann Fachkräftemangel ausgleichen. Was vergleichende Therapie­forschung seit langem belegt, bestätigt sich seit 2007 in den Therapiecamps der Stif­tung Auswege: Bei psychischen Störungen aller Art erreichen empathische, lebens­erfah­re­ne, kommunikativ geschickte, weise Psychoamateu­re binnen einer Woche in der Regel mehr als professionelle Psycholo­gen, Psy­cho­­the­ra­­­peu­ten und Psychiater zuvor. Die Verberuflichung des Helfens bei seelischen Nöten ist nicht die Lösung, sondern Teil des Problems. Sie missachtet und entwertet ein gewaltiges therapeutisches Potenzial. So bedeutet „ambulante Ver­sor­gung mit Psy­cho­therapie“ fak­tisch: wöchentlich ein 50-minütiger Termin bei einem Profi. Doch was ist mit den übri­gen 10.000 Minuten pro Woche? - Gesetzliche Krankenkassen vergeuden Unsummen für Medikamente, ohne die es den Versicherten besser ginge. Für die Pharmakotherapie „psychischer Störungen“ sollten sie nur noch aufkommen, nachdem sich andere Hilfsangebote als unwirksam erwiesen haben – Einsparungen in Milliardenhöhe wären dadurch möglich. - Menschenunwürdige Zwangsbehandlungen und zwangsweise Unterbringungen müssen ein Ende haben. Sie traumatisieren; sie erschweren Heilung; und sie verletzen Grund­rechte, wie der Europäische Gerichtshof bereits 2005 urteilte. - Die „Prinzipien für den Schutz von Personen mit geistigen Krankheiten“, welche die UN-Generalversammlung 1991 verabschiedete, müssen endlich vollständig umgesetzt werden. - Im Interesse von Hilfesuchenden sollten Vorsorgevollmachten und Patientenverfügungen Pflicht werden, Behandlungsvereinbarungen zu rechtswirksa­men Verträgen. Sie sind nicht unwichtiger als eine gesetzliche Kranken- und Pflegeversicherung. - Therapeutische Partnerschaft setzt Gleichberechtigung voraus. Die Rechte von Psychia­­­trie­­betroffenen müssen auf allen Entscheidungsebenen gestärkt, Machtgefälle abgebaut werden. - Wir brauchen ein Gesetz, nach dem Ärzte persönlich haften müssen, wenn sie ihrer umfassenden Aufklärungspflicht nicht nachkommen; das ganze Ausmaß von Psychophar­ma­ka-Risiken und verfügbare Behandlungsalternativen verschweigen; wenn ihre langfristige Verordnung von psycho­tropen Substanzen zu bleibenden Schä­den an Leib und Seele führt. - Auch in psychiatrischen Fällen dürfen Ärzte Befundberichte, Patientenblätter und sonstige Akten nicht unter Verschluss halten. Was sie warum mit welchem Ergebnis veranlassten, müssen Betroffene, zumindest aber ihre Angehörigen nachvollzie­hen können. Allzuoft wird die Herausgabe von Unterlagen nicht verweigert, um den Pati­enten zu schüt­zen, sondern um sich Diskussionen zu ersparen, um Kunstfehler zu vertuschen und Prozessrisiken vorzu­beugen. - Sorgen Sie dafür, dass Ärzte von der Pflicht zur Diagnoseverschlüsselung psychischer Belastungen nach ICD befreit werden, ändern Sie das Sozial­gesetzbuch entsprechend (SGB V, §295 und 301). Betroffene dürfen nicht länger voreilig patholo­gisiert, mit fragwürdigen Diagnose-Etiketten versehen, zu „Patienten“ gestempelt und einer brandgefährlichen Pillenmedizin zugeführt werden. - Verhindern Sie, dass die zunehmende Digitalisierung der Medizin daraus einen Automa­tismus macht: mit aufgerüsteten Smartphones als Taschen-Ärzten, deren Algorithmen einer Sofortdiagnose – mittels Checklisten und Sensoren – eine psychiatrische Therapie­­empfeh­lung folgen lassen. - Verweigern Sie Massen-Screenings auf vermeintliche „Vorzeichen“ und „Früh­stadi­en“ psychischer Erkrankungen die Zustimmung. Ihnen mangelt es an wissenschaft­licher Absicherung. Ihren vehementesten Fürsprechern liegt vornehmlich daran, den Absatzmarkt für Psycho­pharmaka zu erweitern. - Hilfesuchende vertrauen in hohem Maße Patientenorganisationen, die sich zu einem Groß­teil von der Arzneimittelindustrie sponsern lassen; dafür zeigen sie sich durch pharma­freundliche Informationen und Empfehlungen erkenntlich. Sorgen Sie dafür, dass solche Einrichtungen in Internetauftritten, in Drucksachen, bei Veranstaltungen unübersehbar offenlegen müssen, von wem sie wofür wieviel Geld erhalten. … wie im Gesundheitswesen allgemein: - Zerstreuen Sie den Eindruck, Arzneimittelbehörden seien ein verlängerter Arm der Pharmaindustrie. Lassen Sie das Zulassungsverfahren ändern. Veran­lassen Sie, dass die Anforderungen an Beweise für Nützlichkeit und Unbedenklichkeit von Medika­menten verschärft werden, gefährliche Produkte mit fragwürdigem Mehr­wert aus den Apotheken ver­schwin­den, neue erst gar nicht dorthin gelangen. Ehe sie auf den Markt kommen, müssen sie mit den besten verfügbaren Alternativen verglichen werden, nicht bloß mit weiteren Chemikalien oder Placebos. Die überzeu­gendste Evidenz da­für, was sie bringen und anrichten, liefern im übrigen nicht praxis­ferne, fehler­anfäl­li­ge, leicht manipulierbare „kontrollierte Studien“, sondern die übereinstimmenden Erfah­­run­gen derer, die sie über längere Zeit einnehmen. - Nicht die Hersteller, sondern Arzneimittelbehörden sollten entscheiden, welche Institute Medikamente prüfen dürfen. Klinische Studien sind eine öffentliche Aufgabe, sie haben dem Gemeinwohl zu dienen. Deshalb gehören sie in die Hände unabhängi­ger akademischer Einrichtungen. - Alle klinischen Daten über Arzneimittel müssen öffentlich zugänglich sein. Betriebsgeheimnisse dürfen nicht schwerer wiegen als die Volksgesundheit. - Jeder Beipackzettel sollte den Hinweis enthalten: „Es ist nicht nachgewiesen, dass dieses neue Medikament besser ist als schon verfügbare. Über seine unerwünschten Neben­wirkungen, einschließlich der tödlichen, wissen wir viel weniger als bei jahre­lang erprobten. Es fehlen Beweise dafür, dass erhebliche therapeutische Vorteile sei­nen erheblich höheren Preis rechtfertigen. Im allgemeinen ist es ratsam, schon länger eingesetzte Arzneimittel zu bevorzugen, weil viele neue nachträglich wegen Sicherheitspro­ble­men vom Markt genommen werden.“ - Um der Medikalisierung der Heilens entgegenzuwirken, muss die Aus- und Weiterbildung von Ärzten frei von Pharmaeinflüssen erfolgen. - Die herkömmliche Medizin baut weitgehend auf industriegeförderter Medikamentenforschung. Verantwortliche Forschungspolitik muss ausreichende Mittel bereit­stellen, die Potenziale von vielversprechenden anderen Therapieformen zu ergründen. - Die Anwendung von offenkundig hilfreichen chemiefreien, eindeutig gefahrloseren Behandlungs- und Betreuungs­ansätzen muss finan­ziell gefördert werden. - Humanmedizin muss zuallererst eines sein: human. Das erfordert Ärzte, die sich Zeit nehmen, zuhören, sprechen, verstehen und mitfühlen – ihre Patienten als ganze Personen achten und behandeln, statt sie als reparaturbedürftige Biomaschinen abzufertigen. Die Gebühren­ordnung muss Anreize dazu schaffen. Wozu verleiten wir einen Zimmer­­mann, wenn wir ihn nicht fürs Dach entlohnen, sondern für die Anzahl der Hammerschläge? - Ärzten muss es strikt untersagt sein, Zuwendungen seitens der Pharmaindustrie anzunehmen. Denn jede Zuwendung verpflichtet – sonst fände sie nicht statt. Verbreitete Formen legaler Korruption, wie „Seeding Trials“ und die wissenschaftlich weitgehend wertlosen „An­wen­­dungs­beobachtungen“, muss der Gesetzgeber endlich unterbinden. - Arzneimittel-Marketing sollte verboten werden. Es gibt weder ein medizinisches Erforder­­nis noch einen öffentlichen Bedarf für Medikamentenwerbung, für Pharmareferen­ten, für industriefinanzierte „Fortbildung“, für verkappte Bestechung durch Pseudostudien in Arztpraxen. - Die Preistreiberei der Pharmakonzerne muss endlich juristisch und per Gesetz eingedämmt werden. Die straf- und zivilrechtlichen Tatbestände von Wucher und Sittenwidrigkeit sind erfüllt. - Es bedarf offener Karten im Gesundheitswesen, nach dem Vorbild des US-amerikanischen „Sunshine Act“. Einer öffentlich zugänglichen Datenbank müssen Patienten entnehmen können, von wem ihr Arzt wofür wieviel Geld bekommt. Frei­willige An­ga­ben genügen nicht, nur jeder Vierte macht mit. Was haben die Übrigen zu verbergen? - Personen mit finanziellen Verbindungen zu Pharmaunternehmen dürfen in maßgeblichen Ausschüssen und Beratungsgremien, in Aufsichtsbehörden, in Arzneimittel- und Leitlinienkom­mis­sio­nen, in Facharztverbänden nicht län­ger vertreten sein. Dem Gesundheitswesen bekommt akademische Prostitution nicht, ohne sie wäre es heiler. - Manager von Pharmakonzernen, die Studienergebnisse über gefährliche Neben­wirkungen und Langzeitschäden durch Psychopharmaka verzerren oder verschweigen, oder Ärzte durch falsche oder unvollständige Angaben zu nicht zugelassenen Anwendun­gen verleiten („off-label“), müssen persönlich zur Rechenschaft gezogen werden können. - Patienten und ihre Angehörigen, aber auch Ärzte benötigen unabhängige Informations­quellen, um aus verfügbaren Behandlungsoptionen sachkundig wählen zu können. Herstellerangaben zur Wirksamkeit und Verträglichkeit von Psychophar­ma­ka ist nicht zu trauen. Nach dem Vorbild der „Stiftung Warentest“ tut eine „Stif­tung Arzneimittel­test“ not. - Soweit eine Psychiatrie-Reform Mehrkosten verursacht, sollten und können sie durch überfälli­ge, wiederholt gescheiterte Maßnahmen wie eine „Positivliste“ und rigorose Preisober­grenzen für Arzneimittel finanziert werden, wie auch aus Milliarden-Einsparungen durch weniger Psychopharmaka-Einsatz. - Soweit die Selbstverwaltung im Gesundheitswesen den Reformprozess behindert, muss der Staat sie einschränken, zum Wohl seiner Bürger. - Geschädigte Patienten müssen Pharmakonzerne mit Sammelklagen zur Rechenschaft ziehen können, nach US-amerikanischem Vorbild. … und darüber hinaus im politischen System: - Demokratie lebt von Vertrauen, Vertrauen erfordert vollständige Transparenz. Bürger müssen wissen, welche Industriebezie­hun­gen ihre gewählten Vertreter daran hindern könnten, sich für nötige Veränderungen einzusetzen. Regierungsmit­glieder und Abgeord­­ne­te, aber auch leitende Ministerialbeamte sollten Art, Höhe und Quelle ihrer Neben­­­­einkünfte vollständig offenlegen müssen, ebenso wie An­zahl, Dauer und Anlass ihrer Kontakte mit Indu­strie­vertretern. - Eben noch Politiker, jetzt schon Lobbyist, manchmal auch umgekehrt: Wie durch eine Drehtür wechseln immer wieder Volksvertreter in Unternehmen und Verbände. Dadurch erkaufen sich mächtige Interessengruppen, auch im Gesundheitswesen, einen direkten Draht zur Gesetzgebung. Die Drehtür zum Seitenwechsel muss blockiert werden: Wir fordern eine mehrjährige Katenzzeit für Regierungsmitglieder, Staatsminister, Staatssekretäre und Abteilungsleiter in Ministerien. - Um verdeckte Einflussnahmen zu erschweren und Verflechtungen kenntlich zu machen, tut ein verpflichtendes Lobbyregister not, wie es in den Vereinigten Staaten bereits seit 1995 existiert. Darin müssen alle Lobbyisten angeben, mit wel­chem Budget, in wessen Auftrag und zu welchem Thema sie Einfluss auf die Politik nehmen. - Ausschusssitzungen des Bundestages sollten grundsätzlich öffentlich stattfinden. - Gesetze zu erarbeiten, ist ausschließlich Aufgabe des Parlaments und der Ministerien. Dies an private Beratungsunternehmen und Kanzleien auszulagern, die in der Regel Wirtschafts­interessen vertreten, ist ein demokratisches Unding. Ist es ausnahmsweise gerechtfertigt, müssen Art und Umfang der Beteiligung vollständig offengelegt werden. - Bundesministerien und Bundesbehörden dürfen nicht länger Unternehmens- und Verbandsvertreter beschäftigen. Indem solche Mitarbeiter Einblick in interne Abläufe und vertrauli­che Themen bekommen, persönliche Kontakte knüpfen und pflegen können, verschaf­fen sie den Entsendern weitreichende Einflussmöglichkeiten, die im Kon­flikt­fall eher wirt­schaft­lichen als Bürgerinteressen dienen. Wir fordern die Bundesregierung auf, zügig eine neue Psychiatrie-Enquête erarbeiten zu lassen, die fortbestehenden Missständen und neuen Erkenntnissen Rechnung trägt. Die Enquê­­­te-­Kommission darf nicht von jenen Interessengruppen dominiert werden, die eine Mitverantwortung am psychiatrischen Versorgungsnotstand tragen. Die Unterzeichner dieser Petition erwarten ein Mitspracherecht; ihre Vertreter sind bereit, die Federführung zu über­nehmen. Um Stillstand und halbherzige Lösungen zu verhindern, fordern wir die Bundesregierung auf, dem Parlament regelmäßig, mindestens einmal in jeder Legislaturperiode, einen Bericht zur Lage der Psychiatrie in Deutschland vorzulegen. Mit weiterer Untätigkeit entzieht sich die Bundesregierung nicht nur ihrer Pflicht, Schaden vom deutschen Volk abzuwenden. Sie schürt die ohnehin wachsende Demokratieverdrossen­heit; sie gießt Wasser auf die Mühlen von Popu­li­sten, die den Staat der Übermacht korrupter Eliten, multi­natio­naler Konzerne und ihrer Lobbyisten ausgeliefert wähnen. Notfalls fordern wir die Einsetzung eines Untersuchungsausschusses, um zu klären, weshalb die Bundesregierung seit Jahrzehnten die psychiatrische Verletzung von Grundrechten weit­gehend tatenlos hinnimmt: des Rechts auf Leben und Unversehrtheit, auf Achtung und Schutz menschlicher Würde, auf Selbstbestimmung. Damit verletzt sie Amtspflichten. Warum wenden wir uns nicht zuständigkeitshalber an den Petitionsausschuss des Deutschen Bundestags? Die Missstände, die wir aufzeigen, sind dramatisch, verletzen fundamentale Menschenrechte, betreffen Millionen Bürger, bedürfen breiter öffentlicher Aufmerksamkeit und Diskussion, müssen rasch behoben werden. Jedes weitere verlorene Jahr bedeutet: weitere Tausende von iatrogenen Todesfällen, weitere Hunderttausende von körperlich, geistig und psy­chisch Geschädigten, von verspielten therapeutischen Chancen. Es wäre fahrlässig, die Bewer­­tung unserer Anliegen einem Gremium zu überlassen, das für lange Bearbeitungszeiten berüchtigt ist (kein Wunder, bei über 60 Eingaben pro Tag); dessen Tätigkeit kaum wahrge­nom­men wird; das nach Parteienproporz entscheidet und im Ruf steht, unliebsame Themen vom Parlament fernzuhalten. (H.W.) ________________________________________ Eine Initiative der Stiftung Auswege, mitgetragen von: Dr. phil. Thomas Deutschbein, psychologischer Psychotherapeut, Gesprächs-, kognitive Verhaltenstherapie; Autor von „Freiheit von der Eifersucht – Wege zu einer neuen Partnerschaft“ (2010) Andreas Diemer, Arzt für Allgemeinmedizin/Naturheilverfahren, Diplom-Physiker, Ärztlicher Leiter der Akademie Lebenskunst & Gesundheit, Sprecher der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für unabhängige Impfaufklärung (DAGIA), Autor von „Die fünf Dimensionen der Quantenheilung: Für eine erweiterte und menschliche Medizin“ (2012) Dr. med. Dorothea Fuckert, Fachärztin für Allgemeinmedizin und Psychotherapie, Leiterin des Wilhelm-Reich-Instituts, Mitherausgeberin der Zeitschrift „Lebensenergie“, Autorin des Buches „Seelenreise in das Leben zwischen den Leben“ (2013) Dr. med. Milan J. Meder, Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie, -psychotherapie, Sozialmedizin Petra & Jacqueline Schneider, Angehörige eines toten Psychiatrie-Opfers Liz. Phil. Maria de Lourdes Stiegeler, Logotherapeutin, Existenzanalytikerin, langjähriges Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats der Deutschen Gesellschaft für Logotherapie und Existenzanalyse (DGLE) Prof. Dr. Dr. Harald Walach, klinischer Psychologe, Philosoph und Wissenschaftshistoriker, derzeit Gastprofessor an der Universität Witten-Herdecke, bis 2016 Professor für Forschungsmethodik an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder; Autor bzw. Herausgeber von 24 Sachbüchern. Dr. med. Fela-Maria Winkler, Allgemeinmedizinerin und Ärztin für Naturheilkunde

  • Des Kaisers neue Kleider

    Das Psycho-Profitum, das die moderne Seelenheilkunde in der westlichen Welt installiert hat, beruht auf fünf Grundvoraussetzungen. Jede sollten seelisch Belastete hinterfragen, anstatt sich blind vertrauend vermeintlichen Experten ausliefern. Angeblich gestützt auf wissenschaftlich gesicherte Erkenntnisse, können Experten geistig-seelische Erkrankungen 1. zuverlässig erkennen, 2. wirksam behandeln, 3. plausibel erklären und 4. ziemlich präzise vorhersagen - 5. jedenfalls weitaus besser als Laien, denn diese hängen einer minderwertigen „Küchenpsychologie“ an. Dass all dies stimmt, nehmen Öffentlichkeit, Medien und staatliche Stellen, Krankenkassen und andere Einrichtungen unseres Gesundheitswesens inzwischen wie selbstverständlich an. Diese breite Einverständnis beschert Psychologen, Psychotherapeuten, Psychiatern eine Führungsrolle, die Laien kaum je hinterfragen. Sie sollten es aber. Ausgehend von Erfahrungen aus den Therapiecamps meiner Stiftung Auswege erklärt die vorliegende Schriftenreihe alle fünf Annahmen zu Mythen. „Das Volk“, so sah es Kurt Tucholsky, „versteht das meiste falsch, aber es fühlt das meiste richtig.“ Dass in den Psychofächern etwas oberfaul ist, ahnen viele: Studenten spüren es am erschreckenden Mangel an Praxisbezogenheit und Nutzwert ihrer Ausbildung, Ratsuchende an Merkwürdigkeiten psychologischer Beratungsgespräche, Patienten an haarsträubenden Therapieverläufen in psychiatrischen Einrichtungen und psychotherapeutischen Praxen. Trotzdem traut sich die Mehrheit nicht, aufzubegehren. Unzählige Leidtragende und Zeugen eines anmaßenden Psycho-Expertentums müssten sich längst zu benehmen trauen wie jener Knirps in Hans Christian Andersens Märchen „Des Kaisers neue Kleider“, der vor versammelter Festgesellschaft ausruft: „Der hat ja gar nichts an!“ Warum geschieht das nicht? Es scheint so, als müsste man uns gar nicht mehr belügen - das erledigen wir inzwischen selber. Denn die Illusion ist Teil unserer Weltorientierung und dient dazu, sie aufrechtzuerhalten. Darin ähnelt sie durchaus dem Wahn jener Abermillionen unbedarfter Bürger, die sich von Experten einst dazu hinreißen ließen, Hexen bei der Inquisition zu verpfeifen, für den besessenen Angehörigen einen Exorzisten einzubestellen, sich vor einer „Verschwörung des Weltjudentums“ oder Saddam Husseins ABC-Waffen zu fürchten. Warum schwant uns nicht, dass wir einer Selbsttäuschung erliegen, die der nobelpreisgeehrte US-Psychologe Daniel Kahneman „Kompetenzillusion“ nannte? Die „stärkste psychologische Ursache“ für diesen allgegenwärtigen Irrtum scheint ihm: Der Laie bewundert Experten dafür, dass sie ganz ohne Frage „hohe kognitive Leistungen erbringen“. Mit technisch hochkomplizierten Methoden sammeln, sichten und analysieren sie Berge von Daten, lassen modernste Computer dafür rechnen, verpacken die Ergebnisse mathematisch, bewerten diese nach kniffligen Maßstäben, ziehen überaus feinsinnige Schlüsse daraus, und das in Ehrfurcht gebietendem Fachkauderwelsch. „All dies ist anspruchsvolle Arbeit“, die zweifellos „eine umfassende Ausbildung erfordert“, so Kahneman. (1) Es ist dieser offenkundig riesige Aufwand, der bei Laien gewaltig Eindruck schindet – und sie davon abhält, ihn an seinen Früchten zu messen. Obendrein, betont Kahneman, stützt eine mächtige Berufskultur die Kompetenzillusion. Sie bestärkt nicht nur unsereins, sondern auch die Experten selbst darin, dass sie tatsächlich welche sind. Von einer Überzeugung, und sei sie noch so abwegig, können Menschen unerschütterlich erfüllt sein, wenn eine Gruppe Gleichgesinnter sie fortwährend darin bestärkt. Dieser allseitige Zuspruch ermutigt dazu, „sich zu den wenigen Auserwählten zu zählen, die ihres Erachtens etwas können, was Andere nicht können.“ (2) Mit Sachverständigen können freilich auch Ufo-Gläubige, Kornkreis-Bewegte, Apokalyptiker aufwarten. Warum schweben Psychoexperten im öffentlichen Ansehen himmelhoch über ihnen? Was sie uns auftischen, scheint sich zwingend aus Erkenntnissen zu ergeben, die eine der heiligsten Institutionen der Neuzeit angehäuft hat: die empirische Wissenschaft. Ihr gegenüber kapituliert die Mehrheit. Allzu viele verneigen sich in übermäßigem Respekt vor akademischen Titeln. Beeindruckt bewundern sie offenkundige Gelehrsamkeit, lassen sich von Massenmedien zu Expertenkult verführen. Andächtig erschaudern sie beim Anblick von Fassaden und Innenausstattungen der Wissenschaftskathedralen, ohnmächtig ergeben sie sich einer geschliffenen Rhetorik, deren Winkelzügen sie nur ein paar Schritte folgen können. Doch fügen sie sich dabei nicht der Macht des besseren Arguments, wie dieses Buch hoffentlich verdeutlicht. Sie nehmen ein zeitgeschichtliches Drama hin, das die akademische Psychologie in ihren Lehranstalten, Forschungsinstituten und Hilfseinrichtungen seit über einem Jahrhundert unter dem Titel aufführt: „Wie ich mich verloren habe“, ihre hervorstechendste Begabung ausspielend: eine „Inkompetenzkompensationskompetenz“. (3) Psychologie heute ist gewis­ser­maßen die Maultasche des Wissenschaftsbetriebs: ein „Bscheißerle“, wie die Schwaben ihr Nationalgericht nennen, weil es ursprünglich dazu diente, auch während der Fastenzeit ein bisschen Fleisch auf den Teller zu schmuggeln. Im Laufe ihrer selbstauferlegten Dauerabstinenz im naturwissenschaftlichen Exil kam ihr die Fleischfüllung allerdings gänzlich abhanden. Davon übrig blieb eine alte Begrifflichkeit, die so tut, als ginge es noch um Geist und Seele, Subjekt und Bewusstsein. Seither passt auf die Psychologie ein Ausspruch des berühmten deutschen Chemikers Justus von Liebig (1803-1873): „Die Wissenschaft fängt eigentlich erst da an, interessant zu werden, wo sie aufhört.“ (4) Was Psychologie und Psychiatrie in ihrer gegenwärtigen Form scheinbar unerschütterlich am Leben hält, ist ihre feste Verankerung im universitären Lehr- und Forschungsbetrieb. Im erlauchten Kreis anerkannter Wissenschaften untergekommen, färbt deren Prestige auf sie ab. Insofern gleicht sie der gelehrten Astrologie in deren Blütezeit, von der Renaissance bis ins späte 17. Jahrhundert. Gepflegt wurde die Sterndeuterei in allen Machtzentren Europas. Universitäten richteten Lehrstühle für sie ein, manche gaben alljährliche iudicia heraus, astrologische Weissagungen. In der abendländischen Hochschullandschaft hatte die Sterndeuterei ihren festen Platz, mit der Astronomie ebenso eng verknüpft wie das heutige Psycho-Expertentum mit Medizin, Neurobiologie und Informatik. Die meisten Natur- und Geisteswissenschaftler hingen ihr an, viele betrieben sie aktiv, allen voran Galilei und Kepler. Päpste förderten sie. Königshäuser hielten sich Hofastrologen von Amts wegen. Staatsmänner vertrauten ihr. Auch einfache Leute nahmen ihre Dienste in Anspruch, so selbstverständlich, wie ihre Nachfahren zum Psychoprofi gehen. Sogar in Töpfen und Pfannen gerührt wurde nach den Sternen – getreu dem kulinarischen Vordenker aller Lafers, Lichters, Mälzers und Schubecks, dem antiken Meisterkoch Sikon: Der wahre Könner müsse um den Lauf der Gestirne wissen und berücksichtigen, „wie alle Speisen, je nach den Bewegungen des Weltalls, ihre Würze empfangen“. (5) Das Horoskop entschied, zu welchem Zeitpunkt die Sterne besonders günstig standen, um ein wichtiges Vorhaben umzusetzen, sei es eine weite Reise, eine Hochzeit, eine Konferenz oder ein Feldzug. Ihre selbstgewissen, hochgebildeten Geistesgrößen schienen unantastbar, nicht weniger als die imposanten Lehrstuhlinhaber an unseren medizinischen und psychologischen Fakultäten. Widerlegt wurde die Astrologie nie (6), weder durch die Abkehr von ihrem geozentrischen Weltbild noch durch den Ansehensverlust ihrer Deutungsschemata. Und so hält sie sich bis heute – allerdings im akademischen Abseits, belächelt von neuzeitlich „Aufgeklärten“. Den heutigen Psychodisziplinen könnte das gleiche Schicksal blühen – es sei denn, sie erfinden sich auf eine Weise neu, die sie zu ihrem verlorenen Gegenstand zurückführt: dem menschlichen Subjekt. Statt sich im ausgehenden 19. Jahrhundert zu vernaturwissenschaftlichen, hätte der wahre Fortschritt der Psychologie darin bestanden, sich dem Allwissenheitsanspruch von Naturforschern selbstbewusst zu entziehen, auf der Einmaligkeit ihres Gegenstands zu beharren, eine Begrifflichkeit und Methodik zu entwickeln, die ihm gerecht werden. Dass sie sich stattdessen für Anbiederung und Nachahmung entschied, war intellektuell rückschrittlich, psycholo­gisch ein Fall von Selbstverblindung und institutionell selbstmörderisch. Die Leitbilder, von denen sie sich seither beherrschen ließ – vom Behaviorismus bis zum Neurokognitivismus – setzten Meilensteine auf einem Irrweg, der zielstrebig auf Selbsterübrigung hinausläuft. Wer sich vornimmt, vom Menschen nur übrig zu lassen, was es objektiv an und in ihm festzustellen gibt, wird früher oder später das Feld für andere, „härtere“ Disziplinen räumen müssen, die an Objektivität schwerlich zu überbieten sind. Der Neuro-Hype, der seit Ende des 20. Jahrhunderts fächerübergreifende Erregungsschwellen schlägt, vermittelt eine Vorahnung davon. Die Therapie­camps der Stiftung Auswege hingegen geben Subjekten Raum, helfenden wie hilfesuchenden. Und darin liegt ein Hauptgrund ihres erstaunlichen Erfolgs, den zuallerletzt ihre Wissenschaftsferne gefährdet. In meinen schlimmsten Alpträumen kommt eine lehrbuchbewaffnete Horde von besserwissenden Behavioristen, Psychoanalytikern, psychophysischen Materialisten und Neurokognitivisten vor, die unser Camp entert, die laienhaften Helfer in die Abstellkammer ihrer Küchenpsychologie wegsperrt - und das Beraten und Behandeln unserer Teilnehmer dann ersatzweise so erledigt, wie sich das „evidenzbasiert“ gehört. Wer lügt, verdreht die Wahrheit, bewusst und meist zweckdienlich. Nicht nur einzelne Beteiligte, sondern einen ganzen Wissenschaftszweig der Lüge zu bezichtigen, ist harter Tobak, in diesem besonderen Fall aber mehr als Billigstpolemik. Hier geht es nicht um vereinzelte Datenfälschungen; in der Psychologie kommen sie vermutlich nicht häufiger vor als anderswo. Es geht ums große Ganze: Gemeint sind Unwahrheiten, was den Gegenstandsbereich dieses Fachs, seinen Stellenwert als Naturwissenschaft, seine Leistungsfähigkeit, seine Bedeutsamkeit betrifft - Unwahrheiten, die wider besseres Wissen verbreitet werden, um das eigene Revier zu hüten, sich Einfluss, Pfründe und Prestige zu sichern. Seit es die „wissenschaftliche“ Psychologie gibt, begleiten sie Zweifel an ihren Ansprüchen, vorgetragen nicht nur von Außenstehenden im Verdacht ahnungsloser Gehässigkeit, sondern von unbeliebten Nestbeschmutzern aus den eigenen Reihen. Zu ihnen zählt ausgerechnet jener Fachmann, der im Auftrag der mächtigen American Psychological Association eine der bedeutendsten enzyklopädischen Bestandsaufnahmen des erreichten Erkenntnisstands in sechs Bänden (7) herausgab: „Seit mehr als hundert Jahren“, so befand der 1996 verstorbene Sigmund Koch, einst Professor für Psychologie an der Duke-Universität in Durham, North Carolina, sowie an der Uni Boston, „haben wir mit gewaltigen Anstrengungen eine Disziplin auf einem Fundament begründet, das in der akademischen Geschichte einzigartig ist. Die Merkmale dieser Disziplin sind: statt Fortschritt leere Versprechungen und lautstarke Bekundungen, statt Wahrheit Trivialisierung, statt wissenschaflicher Strenge Rollenspiel. Will man dies eine Wissenschaft nennen, so ist es eine Disziplin der Täuschungen. Ihre wissenschaftliche Literatur besteht aus einer endlosen Reklame für die leersten Konzepte, die hochtrabendsten und aufgeblasensten Theorien und die belanglosesten Befunde in der Geschichte der Wissenschaften.“ (8) „Leer, aufgeblasen, belanglos“: Übertreibt der streitbare Professor da nicht gehörig? Von Belang wäre eine Psychologie, die dazu beiträgt, dass wir einander wie auch uns selbst besser verstehen, und uns hilft, wieder ins seelische Gleichgewicht zu kommen, wenn wir es verloren haben - besser hilft, als wir das ohne sie hinkriegen könnten. Doch dabei versagt sie größtenteils. Noch befremdlicher als dieser Befund ist die Herkunft der schwerwiegendsten Argumente, die ihn stützen. Die Munition, derer sich Abweichler wie Koch bedienen, stammt nicht etwa von ahnungslosen, böswilligen Nichtpsychologen, sondern kurioserweise aus den Datenbeständen der eigenen Disziplin: Hunderte von weithin unbekannten Studien aus der psychotherapeutischen und psychiatrischen Wirkungsforschung, die Fachkreise tunlichst übergehen, herunterspielen oder verschweigen. Das wäre ungefähr so, als würde die Bundeswehrhochschule militärwissenschaftliche Hinweise darauf hüten, dass sich Zivilisten zur Landesverteidigung mindestens gleich gut eignen wie ausgebildete Soldaten; oder als hätte die Lateran-Universität des Vatikan Belege dafür angehäuft, dass theologische Laien die besseren Priester wären. Die Erfahrungen, die ich in den Therapiecamps der Stiftung Auswege machen durfte, bestärken mich in dem Eindruck: Koch hatte recht, es wird Zeit für ein Umdenken. Psychologie im ursprünglichen Wortsinn eines vernünftigen Zugangs zu den seelischen Eigenschaften, die Menschen kennzeichnen, erfordert Abstand zu dem, was das akademische Establishment aus ihr ge­macht hat. Es ist an der Zeit, dass aus eingeschüchterten Kopfnickern, braven Mitläufern und willigen Vollzugsobjekten der Seelenheilindustrie, die an ihnen gesundheitsökonomisch optimierte Maßnahmen nach Lehrbuchschema F verrichtet, beharr­liche Systemkritiker, aufmüpfige Kon­- sum­verweigerer und selbstbewusste Widerstandskämpfer werden. An Wissenschaftsskepsis sei ein Mangel an Bildung schuld, heißt es. Das Gegenteil stimmt, zumindest in Bezug auf die moderne Seelenkunde. Den Erkenntnisansprüchen von Psychoprofis beugen sich am bereitwilligsten Denkfaule und Gutgläubige, die nicht näher Bescheid wissen wollen. Sie ersparen sich Mühsal und Abenteuer wahrer Bildung, die immer Selbstaufklärung einschließt; ausgebildet wird man, doch man bildet sich. (9) Dazu gehört eine mitunter anstrengende Bereitschaft, sich mit grundsätzlichen Fragen auseinanderzusetzen wie: „Was weiß ich über mich?“, „Wie verstehe ich Andere, wann gelingt es mir, wann scheitere ich dabei?“, „Was können Andere über mich überhaupt besser wissen als ich selbst?“, „Worauf stütze ich meine Meinungen dar­über?“, „Wie verlässlich sind meine Informationsquellen wirklich?“, „Habe ich begriffen, oder überlasse ich das Anderen?“ Ebenso gehört dazu, sich grundsätzliche Fragen an Andere nicht zu verkneifen: „Was genau heißt das?“, „Woher weißt du, dass es so ist?“ All das erfordert einen bedachten Umgang mit den Worten, die in solchen Fragen und den Antworten darauf auftauchen: „Was meine ich mit ‘Ich’ und ‘Bewusstsein’, ‚‘Handeln’ und ‘Grund’? Was bedeuten Begriffe wie ‘Geist’ und ‘Seele’?“ Nur wer in diesem Sinne hellwach ist, kann Distanz wahren, statt nachzuplappern und mitzulaufen. So sorgt Bildung für innere Freiheit und psychohygienischen Selbstschutz. Sie bewahrt vor blinden Denkgewohnheiten, sie stärkt die Widerstandskraft gegen rhetorische Überrumpelung, kurzschlüssige Argumente und trügerische Spitzfindigkeiten, gegen überzogene Versprechungen und dreiste Anmaßungen. Der Gebildete kann irren; doch wenn er das einräumt, dann aus Einsicht und nicht, weil er sich dem Zeitgeist, Denkmoden und vermeintlichen Autoritäten fügt. Um für die nötige Klarheit zu sorgen, bedarf es keiner Sonderforschungsbereiche, Exzellenz- und Flaggschiff-Initiativen – nur Nachdenklichkeit, Stille, Konzentration und Zeit. Ein „wahrhafter Philosoph“, so befand einst Platon (427-347 v. Chr.), könne man frühestens ab Fünfzig sein. Erst dann verfüge man nämlich über die nötige Lebenserfahrung und eine gewisse Weisheit. (10) Die Psychologie, die damals noch längst kein eigenes Zuhause hatte, sondern unter dem Dach der Philosophie wohnte, hätte der große Denker darin einbezogen. Lag er völlig daneben? Ich bin Sechzig. Schon lange vor meinem Abi stand für mich fest, dass ich Psychologie studieren will. Ganz bestimmt hätte ich mich weder drei Jahrzehnte geduldet, um mich erst an einer Senioren-Uni dafür einzuschreiben, noch ein Studium begonnen, das frühestens nach sechzig Semestern zum Diplom führt. Aber erst heute ist mir richtig klar, woran es liegt, dass ich einen Großteil meiner Mitmenschen verstehen und ihnen mitunter helfen kann, wenn sie in seelische Nöte geraten sind: aus demselbem Grund, aus dem Laien akademisch geschulten Psychoprofis häufig überlegen sind. Wir verdanken es einem langen Dasein in Gesellschaft, in dem wir Empathie entwickeln, reichlich Erfahrung mit ihrer Anwendung sammeln und sie besonnen einsetzen, wenn es darauf ankommt. Der Schule des Lebens dabei mehr zu vertrauen als den Lektionen der Hochschule, ist überaus weise. Manche müssen mindestens Fünfzig werden, um das zu begreifen. Liefern sie sich vorher in allzu blindem Vertrauen einem Psychoprofi aus, blüht ihnen, wovor Nietzsche warnte: „Das Tragische an jeder Erfahrung ist, dass man sie erst macht, nachdem man sie gebraucht hätte.“ Dieser Text stammt aus der 10-bändigen Schriftenreihe von Harald Wiesendanger: Psycholügen, Band 1: Neue Heimat Psycholand – Woher unser Vertrauen in Seelenprofis rührt (2017). Anmerkungen (1) Daniel Kahneman: Schnelles Denken, langsames Denken, München 2012, Abschnitt „Kompetenz und Gültigkeit“. (2) Kahneman, a.a.O. (3) Eine begriffliche Kreation des gewitzten Meisters der Wortspitzenklöppelei, des 2015 verstorbenen Philosophen Odo Marquard. (4) Aus Justus von Liebig: Chemische Briefe, Leipzig/Heidelberg, 3. Aufl. 1851. (5) Jacob Burckhardt: Werke. Kritische Gesamtausgabe, Band 21: Griechische Culturgeschichte III, München/ Basel 2002, S. 309. (6) Thomas S. Kuhn: „Logik der Forschung oder Psychologie der wissenschaftlichen Arbeit?“, in Imre Lakatos/Alan Musgrave (Hrsg.): Kritik und Erkenntnisfortschritt, Braunschweig 1974, S. 1-24, dort S. 8 f. (7) Sigmund Koch: Psychology: A Study of a Science, New York 1959-1963. (8) Sigmund Koch: “Psychology as Science”, in S. C. Brown (Hrsg.): Philosophy of Psychology, London 1974, S. 3-40, dort S. 27. (9) Peter Bieri: „Wie wäre es, gebildet zu sein?“, Festrede an der Pädagogischen Hochschule Bern, 4.11.2005. (10) Platon: Der Staat. Politeia, Düsseldorf/Zürich 2000, 535a-541b.

  • Big Pharma: Wegbereiter der Psychokultur

    Der bedeutendste Wegbereiter der psychologischen Gesellschaft, die treibende Kraft hinter dem Zeitgeistphänomen, seelisches Unwohlsein in eine therapiebedürftige Krankheit zu verwandeln, ist: die pharmazeutische Industrie. Mit einem Jahresumsatz von über einer Billion US-Dollar (1) wächst der Arzneimittelbranche weltbewegende Macht zu, die sie zu ihrem Vorteil zu nutzen versucht – was denn sonst? Nur Träumer können allen Ernstes meinen, diese Branche sei die einzige, die sich aus Gewissensgründen dagegen sträubt, sich den Regeln der freien Marktwirtschaft zu unterwerfen, weil ihr vollauf bewusst sei, dass sie mit unserem höchsten Gut zu tun hat: unserer Gesundheit. Ebensowenig sind moralische Skrupel in der Rüstungsindustrie besonders ausgeprägt, weil ihre Produkte töten können. Im entfesselten Kapitalismus regiert, soweit er nicht staatlich im Zaum gehalten wird, unersättliche Gier; ethische Bedenken lässt sie nur in dem Maße zu, wie sie zu einem verkaufsförderlichen Image beitragen, ohne Profite zu schmälern. Ist es Zufall, dass das Zeitalter der psychologischen Gesellschaft einsetzte, als in den fünfziger Jahren die ersten Psychopharmaka auf den Markt kamen: synthetische Werk­- zeuge, auf Geist und Seele Einfluss zu nehmen, indem die Biochemie des Gehirns verändert wird? Haben Chlorpromazin, Imipramin und Haloperidol diese neue Ära letztlich nicht stärker geprägt als Freud, Jung und Adler? Anfangs beschränkte sich ihr Einsatzbereich auf „Nervenheilanstalten“. Dort bewährten sie sich prächtig, weshalb sie neurochirurgische und Elektroschockfolter allmählich verdrängten: Zwar heilten sie nicht, aber sie stellten zuverlässig ruhig, entlasteten Personal, und obendrein muteten sie sanft an. Doch die Zielgruppe der „Irren“ war auf Dauer viel zu klein fürs große Geschäft. Wie war sie zu erweitern, wie werden möglichst große Teile der Bevölkerung zu Abnehmern? Darum geht es bei jedem neu eingeführten Produkt: Wie gewinnt man eine maximale Anzahl von Käufern dafür? Stets besteht die Lösung in Überzeugungsarbeit, der hohen Kunst der Überredung: „Dir fehlt etwas, wovon du bisher nichts ahntest. Von uns kriegst du es.“ Das neue Waschmittel wird so beworben („Bisher bist du mit sauberen Hemden zufrieden – aber sie sind nicht rein“), die neue Milchspeise („Du isst gerne Joghurt – aber du ahnst nicht, wieviel besser er dir schmecken würde, wenn du unseren nimmst“), das neue Parfum („Du willst gut riechen – aber erst mit unserer Duftnote wirst du betören“) – und ebenso das neue Medikament: „Du hast ein Problem. Wir haben die Lösung dafür: eine Pille.“ Gesunde schlucken keine Arzneimittel. Also muss bei ihnen zuallererst das nötige Problembewusstsein geweckt und geschärft werden. Welches Problem könnte größer sein als eine Krankheit, von der man bisher nichts ahnte? Je mehr unerwünschte, abweichende Verhaltensweisen und belastende Gemütslagen als krankhaft gelten – Trauer als Depression, Besorgnis und Furcht als Angststörung, Erschütterung als posttraumatische Belastungsstörung, Erschöpfung als CFS, Unaufmerksamkeit und Zappeligkeit als ADHS, launische Unausgeglichenheit, die sprichwörtlich „himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt“ macht, zur bipolaren Störung -, desto häufiger können sie diagnostiziert werden, und desto mehr Abnehmer finden sich. Wie erreicht ein cleverer Verkäufer, dass der Konsument mitspielt? Indem er Hoffnungen weckt: Vorzüge hervorhebt und überbetont; Nachteile herunterspielt und verschweigt. Solange Direktwerbung verboten oder stark eingeschränkt, das Produkt nur auf Rezept erhältlich ist, muss derjenige Personenkreis umgarnt und gewonnen werden, der die Bezugsscheine ausstellt: die Ärzteschaft. Wie gewinnt man sie? Durch notfalls frisierte Forschungsergebnisse, die sie beeindrucken; durch Handlungsvorgaben in Nachschlagewerken, Klassifikationssystemen und Leitlinien, an denen sie sich orientieren; durch vorteilhafte Informationen aus Quellen, denen sie am ehesten vertrauen: den Meinungsführern ihrer Zunft, ihren Fachzeitschriften, ihren Fachgesellschaften, ihren Aus- und Fortbildern. Die Marketingbudgets der Pharmariesen sind groß genug, all dies mit schwindelerregenden Geldflüssen sicherzustellen. Vor diesem Hintergrund entwickelte unser Gesundheitswesen mafiöse, von umfassender Korruption geprägte Strukturen. Und deren Entwicklung wird weitergehen. Die nächsten gewaltigen Umsatzsprünge, welche die Aktienkurse von Pfizer, Merck, Lilly & Co. durch die Decke treiben werden, verspricht eine weitere Verschärfung des öffentlichen Risikobewusstseins: „Zwar hast du noch kein Problem. Aber du könntest bald eines bekommen.“ Aus Herstellersicht ist der optimale Absatzmarkt immer der größtmögliche, im Idealfall wir alle. Dazu muss es gelingen, uns nicht bloß vor unterlassener oder Unterbehandlung einer schon bestehenden „Störung“ das Fürchten zu lehren. Nein, darüber hinaus gilt es, uns für das allgegenwärtige Risiko einer Erkrankung zu sensibilisieren, uns über ihre unterschätzten Vorboten, ihre leicht zu übersehenden Alarmsignale aufzuklären. Supertanker Big Pharma Gefährdet zu sein, beunruhigt uns. Wer will nicht verhindern, krank zu werden? Ist nicht Vorbeugen besser als Heilen, wie der Volksmund sagt? Wem treibt die Aussicht, das eigene Kind könnte sich etwas antun oder man selbst dem Wahnsinn verfallen, nicht Angstschweiß auf die Stirn? Wer möchte nicht vorsorglich das Richtige tun, um Schlimmes abzuwenden? Und was könnte richtiger sein als der Griff zur innovativen Pille, die der Doktor verschreibt, das „Wirksam-sicher-und-gut-verträglich“-Mantra anstimmend? Deshalb muss der Pharmaindustrie daran gelegen sein, in Fragen der gesundheitlichen Prävention ein gewichtiges Wort mitzureden, auf Massenmedien und politische Entscheidungsträger größtmöglichen Einfluss zu nehmen. Am Ziel ihrer Träume wäre sie, wenn im Gewand mildtätiger Fürsorge kostenlose Screenings von ganzen Bevölkerungsgruppen, noch besser von sämtlichen Bürgern stattfänden – nach dem Vorbild des „TeenScreens“ bei US-amerikanischen Schülern, um eine vermeintliche Selbstmordgefährdung frühzeitig zu erkennen; der schon routinemäßigen Psychochecks bei Pflegekindern, im Militärdienst und weiten Teilen der Arbeitswelt. Am besten, neue Gesetze stellen sicher, dass Psychopharmaka flächendeckend verabreicht werden können, ja müssen, zum Wohle der Volksgesundheit. Entsprechende Bestrebungen gibt es längst, und zumindest in den USA finden sie unter pharmanahen Ärzten und Wissenschaftlern zunehmend Fürsprecher, unter Politikern bestürzenden Anklang. Erst wenn wir alle dazu gebracht würden, unsere Gesundheit, die psychische nicht minder wie die physische, von Kindesbeinen an bis zum letzten Atemzug medikamentös zu sichern und zu optimieren, wäre der Markt wahrlich gesättigt. Eher werden die Krankheitserfinder und Pillendreher keine Ruhe geben. Im Kielwasser des Supertankers Big Pharma schwimmt die Zunft der beratenden Psychologen und Psychotherapeuten. Sie fahren gut damit, den Denkweisen und Werbestrategien der Arzneimittelhersteller nachzueifern. Lediglich auf die Frage, wie mit „psychischen Erkrankungen“ umgegangen werden soll, geben sie, im eigenen Interesse, eine andere, nichtpharmazeutische Antwort. Ansonsten geht es hier wie dort ums Verkaufen, sind Gesundheit und Selbsthilfe geschäftsschädigend. Kurzum: Die psychologische Gesellschaft ist weitgehend ein Industrieprodukt. Ihre Auswüchse kommen Herstellern und Dienstleistern fabelhaft zupass. Der verführte Patient spielt mit. Dieser Text stammt aus der 10-bändigen Schriftenreihe von Harald Wiesendanger: Psycholügen, Band 1: Neue Heimat Psycholand – Woher unser Vertrauen in Seelenprofis rührt (2017). Anmerkung (1) 954 Milliarden US-Dollar waren es im Jahr 2015. Nach http://de.statista.com/statistik/daten/studie/72992/umfrage/umsatz-auf-dem-weltweiten-pharamamarkt-seit-2004

  • Psycholügen – Woher rührt unser Vertrauen in Seelenprofis?

    Weshalb trauen wir berufsmäßigen Seelenhelfern weitaus mehr zu als unsereinem? Warum gehen wir wie selbstverständlich davon aus, dass Psychologen, Psychotherapeuten und Psychiater viel mehr wissen und können als wir, wenn es um unser Innenleben geht? Unsere Expertengläubigkeit hat drei Hauptgründe: ein unbefriedigtes Bedürfnis nach Orientierung, nachdem Traditionen an Bedeutung verloren; die Hypersensibilität von materiell Sorgenfreien in einer Wohlstandsgesellschaft, das „Prinzessin-auf-der-Erbse“-Syndrom; und vor allem die weltbewegende Macht der pharmazeutischen Industrie: ihren Marketingstrategen ist es gelungen, einen erweiterten Krankheitsbegriff durchzusetzen - und uns vor immer neuen „Störungen“ das Fürchten zu lehren. Was wissen und können professionelle Seelenhelfer besser als unsereins? Wieviel trauen wir Psychologen, Psychotherapeuten und Psychiatern zu? In Meinungsumfragen würden wohl die meisten von uns, und erst recht die Profis selbst, den folgenden Ansichten beipflichten: „Es gibt psychische Krankheiten, genauso wie körperliche. Immer mehr Menschen sind davon betroffen.“ „Psychoprofis können solche Störungen zuverlässig erkennen, wirksam behandeln, plausibel erklären und recht genau voraussehen.“ „Ein Hochschulstudium vermittelt die nötigen Fähigkeiten dazu.“ „Laien hängen einer naiven Küchenpsychologie an. Der wissenschaftliche Erkenntnisfortschritt wird über sie hinweggehen.“ Die ersten Semester meines Psychologiestudiums verliefen unbelastet von Zweifeln an alledem. Zwar ächzte ich, wie die meisten meiner Kommilitonen, unter den Vertracktheiten von Statistik und Methodenlehre. Aber war die Tortur nicht der angemessene Preis, den ich dafür zahlen musste, mich endlich aus den Denkfallen der Laienpsychologie zu befreien, indem ich die Rätsel von Geist und Seele wissenschaftlich angehen lernte? Tat ich in meiner persönlichen Entwicklung dabei nicht einen gewaltigen Entwicklungsschritt, mit dem auf höherem intellektuellem Niveau Phase Zwei meines Lebens begann, ein Zeitalter der Aufklärung innerhalb meiner Biografie? War es nicht großartig, dass ich mich beim Erklären und Vorhersagen, wie Menschen sich verhalten, von nun an auf systematisches Beobachten objektiver Sachverhalte, auf hochwertige Erkenntnismethoden wie Tests und Experimente, auf daraus gewonnene Theorien stützen konnte? War es nicht redlich und für einen akademisch Gebildeten alternativlos, dass ich mich künftig darauf beschränkte? So hörte ich es von meinen Professoren, so las ich es in Lehrbüchern. Und es leuchtete mir ein, zumal ich nun eine Vielzahl von spannenden, aufschlussreichen Untersuchungen kennenlernte, die darauf beruhten, wissenschaftliche Forschungsregeln konsequent anzuwenden. Zwar ergaben sie kaum je psychologische Gesetzmäßigkeiten, sondern bloß mehr oder minder ausgeprägte Wahrscheinlichkeiten. Doch immerhin widerlegten sie verbreitete Vorurteile. Sie machten auf Überraschungen gefasst, die dem keineswegs gesunden Menschenverstand zuwiderliefen. Und sie begründeten Erwartungen, wie eine Vielzahl von Menschen, oder einzelne Gruppen von Menschen mit bestimmten Merkmalen, unter bestimmten Umständen wahrnehmen und fühlen, denken und handeln. Sollte das für einen Psychologen nicht genügen, um stolz auf sich und sein Fach zu sein – und selbstbewusst davon auszugehen, dass er weitaus mehr weiß und kann als ein hochschulferner Amateur? „Allerdings!“, hätte ich nach fünf Studienjahren auf solche Fragen mit Nachdruck geantwortet. Zum Umdenken haben mich erst die vier anschließenden Jahrzehnte bewegt - ganz besonders Erfahrungen, die ich einer Stiftung namens „Auswege“ für chronisch Kranke verdanke, welche ich 2005 ins Leben rief. Bis Ende 2021 lernte ich in 34 Therapiecamps dieser Einrichtung Hunderte von psychisch Belasteten kennen, deren Vertrauen in eine wissenschaftlich begründete Psychotherapie und Psychiatrie bitter enttäuscht wurde – jahrelang, vereinzelt seit Jahrzehnten. Jeder vierte Hilfesuchende brachte in die „Auswege“-Camps die Diagnose einer psychischen Erkrankung mit: von Autismus, ADHS und anderen Verhaltensstörungen über Depressionen und Phobien bis hin zu Zwängen. Es fanden Angstgeplagte, Ausgebrannte und Traumatisierte dorthin, gelegentlich sogar mutmaßlich Schizophrene. Und wenngleich bei den übrigen Teilnehmern körperliche Beschwerden im Vordergrund standen, kamen auch sie zumeist seelisch schwer angeschlagen an. In den bis zu 20-köpfigen Helferteams, die sich ehrenamtlich um diese Menschen kümmerten, begegnete ich bemerkenswerten Persönlichkeiten, die in solchen Fällen verblüffend erfolgreich arbeiteten: Nach siebeneinhalb Behandlungstagen ging es über 90 Prozent der Patienten psychisch besser als je zuvor in der Obhut von ausgebildeten Seelenheilkundigen. Keinerlei Psychopharmaka kamen zum Einsatz. Erstaunlich oft hielten die erzielten Besserungen an. Ist es abwegig zu vermuten, dass sogar noch deutlich mehr zu erreichen gewesen wäre - und Erreichtes noch stabiler fortbestanden hätte -, wenn die Campteilnehmer nicht nach gut einer Woche hätten heimgeschickt werden müssen? Dabei handelte es sich bei den Helfern fast ausnahmslos um Amateure, ohne medizinisch-psychologische Ausbildung, mit erlernten Berufen wie Dreher, Steuerfachgehilfin, Arzthelferin, Deutschlehrer, Finanzberater oder Wirtschaftsingenieur. Trotzdem bewirkten sie offenkundig mehr als jeder Psycho-Profi vor ihnen. Wie ist das möglich? Was lehren die Therapiecamps der Stiftung Auswege darüber, wie wertvoll und unverzichtbar professionelle Seelenkunde ist, wie überlegen deren akademisch graduierten Anwender? Heute würde ich darauf antworten: Im Bestreben, objektive Wissenschaft zu sein, haben Psychologie und Psychiatrie Subjekte aus den Augen verloren - Personen mit Bewusstsein, einer einmaligen Erlebnisperspektive und einer einzigartigen Geschichte, in immer besonderen Lebensumständen. Die Verhaltenswahrscheinlichkeiten, mit denen Fachzeitschriften, Lehrbücher und Ratgeber voll sind, bringen uns bestenfalls den Menschen im allgemeinen ein wenig näher – aber sie tragen wenig bis nichts dazu bei, diesen Menschen zu verstehen und ihm zu helfen. Wann immer es um ein einzelnes Ich geht, erweist sich Wissenschaft als weitgehend nutzlos: sei es für Eltern und Lehrer; für Freunde, Lebensgefährten und Arbeitgeber; für Sachbearbeiter in Jugend- und Sozialämtern; für Strafverfolger und Richter, Vollzugsbeamte und Bewährungshelfer; für Sozialarbeiter und Pflegekräfte; für Seelsorger, Lebensberater - und nicht zuletzt für Psychotherapeuten. Wer von ihr mehr erwartet, überfordert sie. Wenn sie mehr verspricht, lügt sie. Denn Wissenschaft ist eine Lebensform, die für den Einzelfall blind macht - und stolz darauf, ihn zu verachten. Wo Individuen einander begegnen, versagt ihre Zugangsweise, kläglich und unvermeidlich. Es gibt angemessenere und ergiebigere, und über diese verfügen Laien oftmals in höherem Maße: Lebenserfahrung, Bildung, kommunikative Kompetenz, Achtsamkeit, Intuition, vor allem die Fähigkeit, sich in ein Gegenüber hineinzuversetzen. Insofern könnten Amateure es sich leisten, dem Psychoprofi mit einem Selbstbewusstsein entgegenzutreten, das gegenüber einem Physiker, einem Chemiker oder Biologen mehr als vermessen wäre. Sie wissen nämlich nicht nichts oder zuwenig. Sie wissen zuviel - wenngleich im allgemeinen auf ziemlich ungeordnete und selten bedachte Weise –, jedenfalls weitaus mehr, als naturwissenschaftlich ausgerichtete Psychoforscher jemals über sie herausfinden können. Soweit Wissenschaft ist, was Wissen schafft, könnten sie mithalten. Denn Sachverständige sind Schwachverständige, sobald die Sache kein bloßes Ding ist. Der verstehende Laie und die fliegende Hummel haben eines gemeinsam: Der Experte beweist eindrucksvoll, dass sie unmöglich können, was sie trotzdem tun. Und so werben etliche KLARTEXT-Beiträge, ausgehend von Einzelschicksalen aus den Therapiecamps meiner Stiftung Auswege, für einen respektlosen, geradezu ketzerischen Standpunkt: Es wird Zeit, die Expertokratie akademischer Seelenkundler, die unser Gesundheitswesen wie naturnotwendig durchdringt, zu beenden. Ihr fragwürdiger Nutzen erweist sich an der belämmernden Unergiebigkeit moderner Psychotherapie und Psychiatrie, soweit diese sich auf sie stützen. Setzen wir ihren Lügen ein Ende. Stärken wir unsere Widerstandskraft gegen Versuchungen, ihnen auf den Leim zu gehen. Dieser Text stammt aus der 10-bändigen Schriftenreihe von Harald Wiesendanger: Psycholügen, Band 1: Neue Heimat Psycholand – Woher unser Vertrauen in Seelenprofis rührt (2017).

  • Gröhes lächerliches „Gesamtkunstwerk“: Preisbremse vom Tisch

    Wie gehabt: Was Reformen im Gesundheitswesen zuverlässig verbessern, ist allenfalls das Wohlbefinden seiner Profiteure – zu Lasten von Patienten. Mit reichlich Trara hatte die Bundesregierung im Herbst 2016 eine längst überfällige „Preisbremse“ für neue Arzneimittel angekündigt. Aus dem soeben verabschiedeten Pharma-Gesetz wurde sie nun kurzerhand gestrichen. Drei Wochen vor dem 1.4. feierte Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe diese neuerliche Missgeburt allen Ernstes als „Gesamtkunstwerk“. Die Vorgeschich­te des verfrühten Aprilscherzes lehrt, warum Einrichtungen wie meine Stiftung Auswege gegen Windmühlen kämpfen, wenn sie für eine Medizin eintreten, die alle bewährten Mittel und Maßnahmen nutzt, um unsere Gesundheit zu erhalten und wiederherzustellen. Warum Gesundheitsminister einen gewissen Shkreli kennenlernen sollten Falls Gummibärchen ab morgen 750 Euro pro Stück kosten, könnte selbst die fruchtgummi­süchtigste Naschkatze einen Konsumverzicht verschmerzen, während sich der Verkäufer umgehend ruinieren würde. Da zeigt sich der freie Markt von seiner besten Seite: Wettbewerb verhindert Preistreiberei. Abzocker bleiben auf ihren Produkten sitzen. Wer allen Ernstes meint, so ähnlich reguliere sich der Arzneimittelmarkt von ganz alleine, weshalb der Staat ihn getrost sich selbst überlassen könne, sollte einen gewissen Martin Shkreli kennen­lernen: einen ehemaligen Hedgefonds-Spekulanten, der branchenintern dafür gepriesen wird, das Geschäft mit Medikamenten „revolutioniert“ zu haben. Sein unschlagbar schlichtes Erfolgsrezept: auf Forschung weitestgehend verzichten, Preise höchstmöglich anziehen. Dieses Businessmodell hat sich in der Pharmaindustrie mittlerweile epidemisch verbreitet wie ein ansteckendes Virus. Wie man es kaltschnäuzig umsetzt, führte Shkreli Anfang 2015 vor: Damals gründete er ein eigenes Pharmaunter­nehmen namens Turing, wobei er großspurig ankündigte, „bahnbrechende“ neue Medikamente zu entwickeln. Stattdessen erwarb er die Rechte an einem 62 Jahre alten Mittel namens Daraprim – und erhöhte dessen Preis buchstäblich über Nacht um obszöne 5500 Prozent, von 13,50 auf 750 Dollar pro Pille. Damit wurde der pfiffige Spross albanisch-kroatischer Einwanderer, aufgewachsen in einem Arbeiterviertel von Brooklyn, mit 32 Jahren zum Herrn über Leben und Tod. Denn Daraprim bekämpft wirksam Toxoplasmose, eine Infektions­krankheit, die bei Menschen mit geschwächtem Immunsystem wie etwa bei HIV-Infizierten, aber auch bei Ungeborenen im Mutterleib zu schwersten Komplikationen führen kann, schlimmstenfalls zum Tod. Shkrelis Preistreiberei führte dazu, dass die Behandlungskosten pro Patient auf bis zu 635.000 Dollar jährlich hochschnellten. Proteste lassen ihn kalt: „Wir leben im Kapitalismus, meine Investoren erwarten, dass ich den Profit maximiere“, erklärt er. Arthur Caplan, Medizinethiker an der Universität New York, wundert sich überhaupt nicht darüber: „Die Empörung über Shkreli lenkt davon ab, dass es längst alle machen.“ Ritter von der traurigen Gestalt Damit das aufhört, ist der Staat gefordert. Doch wann immer Gesundheitspolitiker mit der Preis­entwicklung auf dem Arzneimittelmarkt befasst sind, geben sie ein Bild des Jammers ab. An vorderster Front werkeln, über jeden Kompetenzverdacht erhaben und allzeit zum Rückzug bereit, verdiente Partei-Ritter von der traurigen Gestalt, bestens vernetzte Polit-Karrieristen – momentan ein gelernter Jurist, der Ende 2013 zu seinem Amt kam wie die Jungfrau zum Kinde, nachdem der heißesten Anwärterin dafür, der CDU-„Kronprinzessin“ und allseits berüchtigten Militärexpertin Ursula von der Leyen, zur allgemeinen Verblüffung das Verteidigungsressort zugeschustert wurde. Als Gesundheitsminister liegt Gröhe arg daran, „Wege zur Stärkung des Pharma-Standortes Deutschland“ zu finden, wozu er Branchenvertreter zu trauten „Dialogrunden“ einlädt. Auch ihm müsste glasklar sein: Längst sind die Medikamentenpreise aus dem Ruder laufen, ihre Explosion bedroht die Solidargemeinschaft, bringt die Gesundheitssysteme an den Rand des Kollaps, überfordert Krankenkassen und Beitragszahler heillos, verschlingt Mittel, die dringend anderweitig benötigt würden. Wichtige, mitunter lebensrettende Arzneien sind so horrend teuer, dass sie nur Wenigen zur Verfügung stehen. Etliche Medikamente gegen Krebs, Multiple Sklerose oder Hepatitis kosten bis zu 100.000 Euro pro Patient und Behandlungszyklus. Da schlägt entfesselter Kapitalismus zu: Man nimmt halt, was der Markt hergibt. Damit die Profitmaximierung nicht ungezügelt weitergeht, helfen einzig und allein: rigorose Preisobergrenzen. Wo bleiben sie? Wieso dürfen die Hersteller nach eigenem Gutdünken bestimmen, wie teuer ihre Mittel sind? Wieso gewährt ihnen der Staat einen Freibrief für Mondpreise? Sechzehn sogenannte „Gesundheitsreformen“ zwischen 1976 und 2007 hatten dieses Privileg unangetastet gelassen. Um eine gehätschelte Schlüsselindustrie zu schonen, zielten sie allesamt darauf ab, anderweitig zu sparen: Für immer höhere Beiträge, Zuzahlungen und Selbstbeteiligungen erhielten gesetzlich Kranken­versi­cherte immer weniger Leistungen. Jeder solche Anlauf scheiterte kläglich: Zunächst flachte die Kostenkurve kurzfristig ab, um bald darauf erneut steil anzusteigen – jedesmal fanden Anbieter neue Wege, die kostendämpfen­den Regelungen zum eigenen Vorteil zu umgehen. Mitschuld haben alle, die in unserem Gesundheitswesen einen Selbstbereicherungsautomaten sehen, der ihnen die Taschen füllen soll: seien es niedergelassene und Klinikärzte, Apotheker und Großhändler, nicht zu vergessen Finanzminister, die sich nicht zieren, üppige Mehrwertsteuern einzustreichen. Hauptursache der Kostenexplosion jedoch, darin sind sich Gesundheitsexperten einig, ist nicht die alternde, bewegungsfaule, ungesund essende Gesellschaft, sondern: die Preispolitik der Pharmaindustrie – vor allem bei patentgeschützten Arzneimitteln -, die fehlende gesetzliche Preisbremse und die unverantwortliche Verordnungspraxis vieler Ärzte, die sich von einer monströsen Marketingmaschine blenden oder korrumpieren lassen. Eine Missgeburt namens AMNOG Erst im 17. Anlauf, mit dem „Gesetz zur Neuordnung des Arzneimittelmarkts“ (AMNOG) 2011, traute sich der Staat – zaghaft, aber immerhin - endlich an die tiefste Wurzel des Übels: den schamlosen Wucher mit Arzneimitteln. Seither dürfen Pharmaunternehmen den Preis eines neuen Arzneimittels nur noch im ersten Jahr nach Zulassung gestalten, wie ihnen beliebt. Das Gesetz verpflichtete sie dazu, innerhalb dieses Zeitraums mit den Krankenkassen auszuhandeln, wieviel es anschließend kosten soll. Als Entscheidungsgrundlage sollte ein Vergleich dienen: Nützt das neue Mittel wirklich mehr als jene, die schon auf dem Markt sind? Nur wenn es dem Patienten tatsächlich mehr bringt als bisherige, darf es auch ab dem zweiten Jahr so teuer bleiben wie zuvor. Und wenn keine Einigung zustande kommt? Dann entscheidet eine zentrale Schiedsstelle. Sie kann zwei unabhängige Instanzen damit beauftragen, den mutmaßlichen Zusatznutzen abzu­schätzen: das 2004 eingerichtete Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) in Berlin, das den aktuellen medizinischen Wissensstand bewerten soll; und den Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA), das oberste Beschlussgremium der gemeinsamen Selbstverwaltung der Ärzte, Zahnärzte, Psychotherapeuten, Krankenhäuser und Krankenkassen in Deutschland, das sicherstellen soll, dass Leistungen der Gesetzlichen Krankenversicherung „ausreichend, zweckmäßig und wirtschaftlich“ sind. Misslingt der Nachweis eines Zusatznutzens, so ordnet der G-BA das Medikament einer Festbetragsgruppe zu, für die bundesweit verbindliche Höchstgrenzen gelten. Die sichern Pharmakonzernen zwar immer noch stattliche Gewinne, aber nicht mehr ganz so üppige. Dass mit AMNOG eine neuerliche Fehlkonstruktion in die Welt kam, war von vornherein absehbar und erwies sich alsbald. Indem das Gesetz das Preisdiktat der Pharma­branche erst vom zweiten Jahr an einschränkte, lud es sie förmlich dazu ein, in den ersten zwölf Monaten brutalst­möglich zuzuschlagen – und Ärzte durch intensives Marketing dazu zu verleiten, das neue Mittel anstelle von bewährten und billigeren bisherigen zu verschreiben, unabhängig davon, ob es wirklich besser hilft. Von diesem Freibrief machte sie weidlich Gebrauch, insbesondere bei Medikamenten gegen Krebs, gegen Autoimmunerkran­kungen wie Rheuma und Multiple Sklerose, gegen Hepatitis C und Alzheimer. Für eine Packung des Krebsmittels Taxol etwa, ausreichend für eine einzige Infusion, sind 676,70 Euro zu berappen – für ein Wirkstoffportiönchen, dessen Produktion den Hersteller rund einen Euro kostet. In einem einzigen Infusionsbeutel für die zweiwöchentliche Immuntherapie eines 80 Kilo schweren Tumorpatienten mit 240 Milligramm „Opdivo“ (Nivolumab) sind über 4000 Euro gelöst – die wohl teuerste Flüssigkeit der Welt, die ein Behandlungsjahr mit rund 100.000 Euro zu Buche schlagen lässt. 180 Milligramm des im Juli 2015 auf den Markt gekommenen „Keytruda“ (Pembrolizumab), gegen bestimmte Arten von Bronchialkarzinomen und Hautkrebs, bekommen Patienten per Tropf alle drei Wochen; eine einzige Dosis kostet 8000 Euro. Hepatitis-C-Infizierte schlucken eine „Sovaldi“-Pille (Sofosbuvir) pro Tag, zwölf Wochen lang; eine einzige verschlingt 637 Euro – macht knapp 54.000 pro Behandlung. Für eine halbfingergroße Ampulle des Gentherapeutikums „Glybera“, eingesetzt bei einer ererbten Stoffwechselerkrankung, wird der sagenhafte Stückpreis von 54.000 Euro fällig. Bis 2014 verlangte der französische Pharmahersteller Sanofi für ein Milligramm des Wirkstoffs Alemtuzumab 21 Euro – dann, mit neuer Verpackung, neuem Anwendungsbereich und neuem Namen, „Lemtrada“ statt „MabCampath“, vervierzigfachte sich der Preis auf 888 Euro. Damit verteuerte sich die durchschnittliche Therapie eines MS-Patienten von rund 2150 auf über 85.000 Euro. Im Jahr 2005 kostete eine Zweierpackung der Adrenalinspritze Epipen, die für Allergiker im Notfall lebensrettend sein kann, noch 93 Euro, 2011 schon 153 – und seit 2016 bereits 558 Euro. Nicht nur, aber vor allem an solchen Wahnsinnssummen lag es, dass die Arzneimittelkosten trotz AMNOG weiter anstiegen: 2012, im ersten Geltungsjahr des neuen Gesetzes, auf 29,4 Milliarden Euro, 2013 auf 30,3 Milliarden, 2014 auf 33,4 Milliarden, 2015 auf 34,8 Milliarden. Damit blieben Medikamente, gleichauf mit ärztlicher Behandlung (2015: 34,9 Milliarden), weiterhin der zweit­höchste Ausgabenposten im Gesundheitswesen, hinter dem Spitzenreiter Krankenhausbehand­lung (70,3 Milliarden). (1) Zwar half AMNOG im Jahr 2015 den gesetzlichen Kassen, immerhin rund 925 Millionen Euro einzusparen (2) – aber das entsprach gerade mal 2,7 Prozent der Gesamtaus­gaben. Vom Ein- und Ausbau eines Bremschens Was tun? Um Abhilfe zu schaffen, bediente sich Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe im September 2015 eines altbekannten Rituals: Er berief ein neuerliches Hinterzimmergemauschel namens „Pharmadialog“ über die Zukunft der Arzneimittelversorgung ein. Zu diesen vertraulichen Gesprächsrunden lud er weder andere Abgeordnete noch unabhängige Gesundheitsökonomen noch Krankenkassen noch Patientenvertreter ein. Mit am Tisch sitzen durften: mehrere Pharma­verbände, die seit eh und je hochkooperativ jede mutige Reform begrüßen und mittragen, solange sie den Profit ihrer Mitgliedsunternehmen unangetastet lässt, unter ihnen der mächtige Verband deutscher Arzneimittelhersteller (vfa); die IG Bergbau-Chemie-Energie (IG BGE), für deren Mitglieder Arbeitsplätze, Lohn- und Gehaltssteigerungen umso sicherer sind, je besser Konzerne verdienen; sowie „Vertreter der Wissenschaft“, deren Pharmadistanz teilweise eher im Nano­meter­­bereich liegt. Angesichts von Gröhes Gästeliste war jene Karikatur eines Reförmchens absehbar, die der Minister ein knappes Jahr später, im August 2016, vollmundig anzukündigen hatte: Bald werde es eine Preis­bremse von Anfang an geben. Schlagzeilen wie „Pharmaindustrie drohen Umsatzgrenzen“ sorgten für Aufsehen. (3) Oha, Berlin tut was, so schien es. Endlich. Schonungslos. Nun ja, zumindest ein kleines bisschen. Ein erster Gesetzesentwurf, vom Kabinett im Oktober 2016 verabschiedet, sah eine Umsatzschwelle von 250 Millionen Euro vor. Verdient ein Unternehmen an einem neuen Medika­ment innerhalb des ersten Jahres mehr als diesen Betrag, erhält es anschließend nur noch den mit den Kassen ausgehandelten günstigeren Preis. Wieso eigentlich erst ab einer Viertelmilliarde? Weshalb nicht schon ab 100 Millionen, oder 25? Und warum nicht schon vom allerersten Verkaufs­tag an? Dass die dadurch zu erzielenden Einsparungen weniger als ein Tropfen auf den heißen Stein wären, rechnete dem Minister der namhafte Pharmakologe Ulrich Schwabe vor, Hauptautor des in Branchenkreisen gefürchteten Arzneiverordnungsreports der gesetzlichen Krankenkassen, der seit 1984 eine multimilliardenfache Verschwendung anprangert. Nach Inkrafttreten von AMNOG 2011 waren 95 neue Medikamente auf den deutschen Markt gekommen. Mit ihnen erzielten die Pharmaunternehmen einen Umsatz von 3,5 Milliarden Euro. Die vorgesehene 250-Millionen-Euro-Hürde nahmen freilich bloß drei dieser Mittel: das MS-Medikament Tecfidera und die beiden Hepatitis-C-Mittel Sovaldi und Harvoni. Hätten die Kassen von diesem Moment an nur noch die ausgehandelten Preise erstattet, so hätten sie gerade mal 141 Millionen Euro eingespart – kaum mehr als drei Prozent des Gesamtaufwands. Und so sprach sich Schwabe, als er im Juli 2016 als Sachverständiger im Bundestag geladen war, für eine härtere Lösung aus: Die mit den Kassen ausgehandelten Preise sollten rückwirkend gelten, für das gesamte erste Jahr: Was die Unter­nehmen zuviel einstrichen, müssten sie zurückerstatten. Allein im Jahr 2011 wären das immerhin über 737 Millionen Euro gewesen. Schwabes Appell, die eindringlichen Mahnungen der Krankenkassen - sie verhallten ungehört. Schlimmer noch: das Rad wurde zurückgedreht. Am 9. März verabschiedete der Bundestag ein neues „GKV-Arzneimittel-Versorgungsstärkungsgesetz“ (AMVSG), aus dem die geplante Preisbremse vollständig verschwunden war. Einen Tag zuvor hatte der Gesundheitsausschuss sie in einem Last-Minute-Manöver aus dem Entwurfstext entfernt, nur die Vertreter der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen stimmten dagegen. Welchen Schutz vor Mondpreisen bringt das Gesetz denn nun eigentlich? Nun ja, räumte Gröhe ein, eigentlich keinen. Man müsse es aber als „Gesamtkunstwerk“ betrachten: Immerhin sei es „innovationsfreundlich“ und sichere Arbeitsplätze. Zudem sei es im Gegenzug gelungen, der Pharmaindustrie ein anderes Herzensanliegen zu versagen: dass die für Deutschland ausgehandelten Rabatte strikt vertraulich behandelt werden, um Preisverhandlungen in anderen Ländern nicht zu beeinträchtigen. Zudem enthalte es neue Anreize, Medikamente gegen seltene Krankheiten, Kinderarzneimittel und Antibiotika zu entwickeln – an denen dann ebenfalls ungebremst weiterverdient werden darf. Außerdem bringe es ein „Informationssystem“ auf den Weg, das Ärzte schneller und genauer über den Nutzen neuer Medikamente ins Bild setze – „damit innovative Präparate rascher beim Patienten ankommen“. Und woher, bitteschön, stammen die Daten, mit denen die Praxissoftware gefüttert wird? Vornehmlich aus pharmafinanzierten Studien, mit denen die Hersteller den Nutzen schön­rechnen, aber gewiss nicht aus jenen, die sie wegen missliebiger Ergebnisse stillschweigend unter den Teppich kehren. Wo die Schampuskorken knallen Und so wird Deutschlands Arzneimittelherstellern auch künftig freie Hand gelassen, wie teuer sie ihre vorgebli­chen Produktneuheiten vermarkten. Der Verzicht auf die Rückwirkung der ausgehandelten Preise bedeute, dass „Arzneimittelhersteller für ein neues Medikament im ersten Jahr weiterhin astronomische Phantasiepreise von den Kassen verlangen können, unabhängig vom Nutzen ihres Produktes für die Patienten“, kommentierte der Vorsitzen­de der Kaufmännischen Krankenkasse, Ingo Kailuweit, Gröhes Machwerk. „Bei der Pharma-Lobby dürften jetzt die Champagner-Korken knallen.“4 Und die paar lästigen Kritiker, die nicht daran denken, die Klappe zu halten? Wäre einer wie Shkreli beim Entkorken dabei gewesen, hätte er die feucht-fröhliche Runde mit ein paar deftigen Anregungen erheitern können, die er selbst schon vergnügt umgesetzt hat: Wer an seinem Preisdiktat herummeckert, den kanzelt er unverblümt als „Trottel“ („moron“) ab und twittert ihm ein Stinkefinger-Zitat aus einem Song des US-Rappers Eminem entgegen, zeitökonomisch auch ein abschätziges „lol“, die beliebte Internet-Abkürzung für „laughing out loud“. (5) Aber wäre mit der „Preisbremse“, hätte es sie gegeben, alles gut geworden? Wäre es vorbei gewesen mit der Kostenexplosion im Arzneimittelsektor, wenn sich Schwabe mit seiner „härteren“ Lösung Gehör verschafft hätte? Mitnichten. Gut war lediglich der Grundgedanke: Auf den Markt kommen sollten bloß Heilmittel, die mehr nützen als andere, schon vorhandene. Aber wieso beschränken sich solche Vergleiche bloß auf neue Medikamente – weshalb kommen nicht alle auf den Prüfstand, der gesamte Bestand? Wozu muss der deutsche Arzneimittelmarkt 86.000 Artikel umfassen, aber bloß 2750 Wirksubstanzen? (6) Wie unabhängig sind eine „Schiedsstelle“, ein IQWiG und ein G-BA, deren Nutzenbewertungen nicht auf eigenen Untersuchungen beruht, sondern auf Dossiers, welche der Hersteller ihnen einreicht – und damit auf pharmafinanzierten, notorisch fälschungsanfälligen Studien, über welche hinaus er ihnen vermutlich etliche weitere verschweigt, die er mangels Erfolgsnachweis gar nicht erst publik werden ließ? Und wieso werden neue Chemikalien lediglich mit alten verglichen – anstatt mit allen verfügbaren Mitteln, Leiden zu lindern und zu beseitigen? Würden Antidepressiva oder Neuroleptika („Antipsychotika“) nicht bloß aneinander gemessen, sondern an Psychotherapie, sozialer Unterstützung und Selbsthilfe, so ergäbe sich aus Hunderten vorliegender Vergleichsstudien: Von wenigen Ausnahmen abgesehen, würden psychisch schwer Belastete besser und unsere Kassen billiger fahren, wenn alle pillenverschreibenden Psychiater beurlaubt und sämtliche Psychopharmaka ins Meer gekippt würden. Nur den Fischen ginge es voraussichtlich schlechter. Grundfragen links liegengelassen Und was ist mit den grundlegenden Fragen, die unser krankes Gesundheitswesen aufwirft? Im 18. Reformanlauf wurden sie ebenso beharrlich umgangen, wie sie bei allen bisherigen unter den Tisch gefallen waren. Die eine oder andere Gesetzesänderung tat den Herstellern zwar ein bisschen weh – an entscheidende Strukturen, Weichen­stellungen und Werte traute sich indes keine einzige heran, nicht einmal ansatzweise. Durchweg handelte es sich um Notwehrreaktionen auf äußerste monetäre Engpässe: leere öffentliche Kassen, malade gesetzliche Krankenversiche­rungen, überforderte Beitragszahler. Soweit Bundesregierungen in Versorgung und Regulierung eingriffen, ging es ausnahmslos darum, Kosten zu dämpfen und finanzielle Lasten umzuverteilen – um Themen wie Beitragshöhe, Arbeitgeberzuschüsse, Einschränkung von Leistungen, Vergü­tung der Leistungserbringer, Praxisgebühren, Zuzahlungen zu Arzneimitteln, Selbstbeteiligung, Ausgabenbudgets, Preisgestaltung, Festbeträge, Rationalisierung. Niemals nahm der Staat echte, dringend notwendige Reformvorhaben in Angriff: · Warum schiebt er der routinemäßigen Studientrickserei von Industrieseite nicht einen Riegel vor, legt Forschung und Entwicklung nicht ganz in die öffentliche Hand oder unterwirft sie zumindest strikter Aufsicht? · Wann überarbeitet er nicht endlich das Patentrecht, um seinem dreisten Missbrauch durch pharmazeutische Scheininnovationen einzudämmen, die einen einzigen Zweck verfolgen: Vermarktungsmonopole aufrechtzuerhalten? · Weshalb setzt er dreister Preistreiberei nicht mit Obergrenzen ein rigoroses Ende? · Wo bleibt die seit Jahrzehnten angekündigte „Positivliste“, die Ärzten und Verbrauchern vorgibt, welche Arzneimittel wirklich hilfreich, nötig und preiswert sind? · Wann endlich verpflichtet der Staat die gesetzlichen Kassen dazu, nicht mehr für teure Originale aufzukommen, wenn mindestens ebenso wirksame, längst bewährte ältere Mittel oder Nachahmerpräparate, Generika, zu einem Bruchteil des Preises erhältlich wären? · Wieso verschärft er Haftungsrecht, Antikorruptions- und Transparenzgesetze nicht drastisch? · Wieso baut er kein unabhängiges öffentliches Informationssystem auf, finanziert aus möglichen Milliardeneinsparungen im Arzneimittelsektor und dem prallgefüllten Marketingtopf der Konzerne? · Weshalb fördert er so gut wie gar nicht die Erforschung chemiefreier Behandlungsansätze, hilfreicher psychosozialer Projekte sowie selbstverantwortlicher Gesundheitsfürsorge? · Wann bläst er endlich das kläglich gescheiterte Experiment der „Selbstverwaltung“ im Gesundheitswesen ab, die seit Jahr und Tag auf die gemeinschaftliche Selbstbereicherung der beteiligten Interessengruppen hinausläuft? · Wenn Pharmazie ein Multimilliardengeschäft ist, für das staatliche Institute ohnehin einen Großteil der Grundlagenforschung leisten – weshalb macht er dieses Geschäft nicht besser gleich selbst, statt bei den Selbstbereicherungsorgien von Managern, Investoren und Aktionären tatenlos zuzusehen? Und niemals ging es bislang um brennende Grundsatzfragen wie: Worin besteht Gesundheit eigentlich? Was bedeutet Heilung? Was erhöht und sichert Wohlbefinden und Lebensqualität? Was motiviert Patienten über finanzielle Anreize hinaus, Verantwortung für das eigene Wohl­ergehen zu übernehmen, zu ihrer Genesung aktiv beizutragen? Welche präventiven Ansätze können dafür sorgen, dass Krankheiten erst gar nicht entstehen? Gibt es zu Pharmazeutika preiswertere, nebenwirkungsärmere, patientenfreundlichere Alternativen? Wie fördern und gestalten wir eine integrative Medizin, die das Beste aus unterschiedlichen Heiltraditionen und Therapierichtungen verbindet? Wie wird Humanmedizin humaner, wie befriedigt sie grundlegende menschliche Bedürfnisse? Beeindruckt von der 2,9-Milliarden-Lüge Den Dauereinflüsterungen von Lobbyarbeitern ausgesetzt, beeindruckt zaudernde Politiker die übliche Leier aus der Pharmabranche: Horrende Gewinne seien nötig, um die gewaltigen Ausgaben für Forschung und Entwicklung „innovativer“ Heilmittel zu schultern. Weshalb traut sich da keiner zu widersprechen, gestützt auf allseits zugängliche Studien? Im Auftrag der Techniker Krankenkasse (TK) untersuchten Wissenschaftler der Universität Bremen die 23 Medikamente, die 2013 neu auf den Markt kamen. (7) Ein einziges Präparat – Pertuzumab („Perjeta“) gegen HER2-positiven Brustkrebs – erwies sich als wirklich „innovativ“, neun waren dies nur „begrenzt“, zehn überhaupt nicht. Unzweifelhaft nützlich waren die Scheininnovationen hingegen für die Bilanzen der Hersteller: Im Vergleich zum Vorjahr verdoppelte sich der durchschnittliche Preis der neuen Medikamente von 670 auf 1418 Euro. Nicht von ungefähr handelte es sich bei neun der 23 angeblichen „Neuheiten“ um Onkologika: In der Krebsmedizin lässt sich mit Pharmazie besonders viel verdienen. Dabei bedeutet „neu“ selten „innovativ“: So preisen Hersteller nicht nur Arzneistoffe mit tatsächlich neuartiger chemischer Struktur oder Wirkweise an, sondern auch geringfügige Änderungen der Molekülstruktur, Analog- oder „me too“-Präparate („ich auch“) genannt. 20 bis 30 Prozent aller Krankenkassenausgaben entfallen auf sie. (8) Für solche Pseudoneuheiten, die kaum bis gar keinen therapeutischen Zusatznutzen bringen, sollten Kassen keinen Cent zahlen müssen. Sie sind entbehrlich. Dass Ärzte sie überhaupt verordnen, ist skandalös. Bei einem Jahresumsatz von über einer Billion US-Dollar weltweit liegt der durchschnittliche Gewinn branchenweit bei 20 bis 30 Prozent, bei einzelnen Giganten sogar über 40 Prozent. Kein anderer Industriezweig erzielt stattlichere Überschüsse. Dass er im Schnitt über 800 Millionen, neuerdings sogar 2,9 Milliarden Euro aufwendet, um ein neues Medikament auf den Markt zu bringen, ist ein hanebüchenes Märchen, in die Welt gesetzt von einem berüchtigten Pharmalobbyisten an einer pharmafinanzierten amerikanischen Privatuniversität. (9) Die Wahrheit ist: In Forschung und Entwicklung investieren Pharmakonzerne im Schnitt maximal 15 Prozent des Umsatzes - abzüglich der verkappten Werbemittel „Anwendungsbeobachtung“ und „therapeu­tischer Zirkel“, legaler Formen der Korruption, vermutlich weniger als ein Zehntel. Marketing lassen sie sich hingegen mehr als das Dreifache kosten, 50 bis 55 Prozent; dazu zählen Bestechungsgelder an die gebauchpinselten „Meinungsführer“ der Ärzteschaft in Form von Vortrags-, Autoren- und „Berater“honoraren, Hunderte von Millionen für emsige Lobbyarbeiter im und ums Parlament und Ministerien, saftige Provisionen an rund 20.000 Pharmavertreter, die Arztpraxen und Kliniken beharrlich die Türen einrennen. Sänken die Preise, stünde es den Konzernen frei, an Werbung zu sparen, an den irrwitzigen Gehältern, Boni und Abfindungen ihrer Manager, an Ausschüttungen für ihre Aktionäre, an Schmiermitteln für die Hauptakteure des medizinischen Versorgungssystems. Der frühere Pharma-Geschäftsführer John Virapen, ein geläuterter Whistleblower, geißelt die wahren Verhältnisse: Im wesentlichen „bestehen Arznei­mittelfirmen aus zwei Abteilungen: Juristen und Marketingleuten; Forscher und Forschungsergeb­nisse werden nach Bedarf zugekauft. Das Marketing aber muss immer laufen, ganz unten die Vertreter. Für Gesetzesübertretungen, für zerbrochenes Porzellan und unangenehme Blutspuren hecheln die Juristen ihnen mit dem Spitzfindigkeitsbesen hinterher und machen sauber.“ Nichts zwänge die Konzerne, künftig weniger zu forschen – warum schichten sie Budgets nicht einfach um? Oder sie könnten sich mit weniger üppigem, aber immer noch prächtigem Reibach begnügen. Wann, Herr Gröhe, gedenken Sie ein „Kunstwerk“ in Angriff zu nehmen, das diesen Fakten Rechnung trägt? Welches Gesundheitssystem möchten Sie Ihren vier Kindern hinterlassen? „Der Glaube an Jesus Christus“, erklärte der bekennende Protestant, 13 Jahre lang Ratsmitglied der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD), „gibt mir Halt im Leben“. Heilte Jesus nicht pharmaziefrei? Unwort der Nachkriegszeit Bei der seit Anfang der Neunziger stattfindenden Kür des „Unworts des Jahres“ hatte der bis zur Kotzgrenze überstrapazierte Begriff „Gesundheitsreform“ 1996 auf der Kandidatenliste weit oben gestanden. Es wird Zeit, dass er endlich als „Unwort der Nachkriegszeit“ zu bleibenden Ehren kommt. Was eine unfähige politische Elite, weitgehend im Griff eines der mächtigsten Industrie­zweige auf unserem Planeten, unter diesem absurden Schwindeletikett seit Jahrzehnten „reformiert“, ist fürwahr nicht das Gesundheitswesen, sondern unsere Gesundheit: Wir haben sie als einen stets gefährdeten Zustand aufzufassen, den wir nur begreifen, bewahren und wieder­erlangen können, wenn wir uneingeschränkt ergeben, „kompliant“, hinnehmen und schlucken, was die Pillenmedizin uns vorsetzt. Welch maximalen Schaden bei minimalem Nutzen beispiels­weise Psychopharmaka anrichten, führen der Stiftung Auswege in jedem Therapiecamp unfassbare Patienten­schicksale vor Augen. Was ihnen dort weiterhilft als jede Hirnpille zuvor, sind Empathie, Geduld und Wertschätzung, eingehende Gespräche und liebevolle Zuwendung, die ihnen unsere Helferteams schenken. Eine Tüte Haribo zwischen den Heilsitzungen, zum Stückpreis von unter einem Cent pro Gummibärchen, bekäme ihnen garantiert besser als jede Schachtel voller synthetischer Chemie, an der „wirksam, sicher und gut verträglich“ nur die Hersteller genesen. Zu den unveräußerlichen Aufgaben des Staates gehört es, Leib und Leben seiner Bürger zu schützen. Wie haarsträubend er diese Funktion im Gesundheitswesen seit jeher vernachlässigt, wäre längst ein Fall fürs Bundesverfassungsgericht und den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. 80 Millionen Krankenversicherte einer inhumanen, technophilen und chemielastigen Verkümmerung wahrer Heilkunst auszuliefern, die chronische Erkrankungen eher erzeugt und verstetigt als lindert und heilt, ist nämlich nichts geringeres als: ein Verbrechen. (Harald Wiesendanger) Anmerkungen 1 Zahlen nach www.gkv-spitzenverband.de, „Zahlen und Grafiken“/“Kennzahlen“. 2 Nach Handelsblatt, 27.9.2016: „Arzneikosten in Deutschland steigen auf Rekordniveau“. 3 Deutsche Apotheker Zeitung, 8.4.2016. 4 Zit. nach Handelsblatt, 7.3.2017. 5 Nach Manager-Magazin, 23.9.2015: „Wie dieser Pharma-CEO zum meistgehassten Mann der USA wurde“; Welt/N24, 9.1.2017: „Twitter wirft den ‚meistgehassten Mann des Internets‘ raus“. 6 Nach InsightHealth, vfa, www.vfa.de/download/kap2-arzneimittelzahl.pdf, abgerufen am 22.10.2016. 7 „Innovationsreport 2016“, s. www.aerztezeitung.de/politik_gesellschaft/arzneimittelpolitik/article/918799/tk-innovationsreport-neue-arzneimittel-oft-einfach-nur-teuer.html. 8 Rolf-Ulrich Schlenker, Vizechef der Barmer GEK, zit. nach Der Tagesspiegel, 29.5.2014: „Wie Scheininnovationen die Preise nach oben treiben“. 9 Siehe Marcia Angell: Der Pharma-Bluff – Wie innovativ die Pillenindustrie wirklich ist, Bonn 2005, S. 59 ff.; Washington Post, 18.11.2014: „Does it really cost $ 2.6 billion to develop a new drug?“; New York Times, 18.11.2014: „$ 2.6 Billion to Develop a Drug? New Estimate Makes Questionable Assumptions“; Jerry Avorn: „The $2.6 Billion Pill – Methodologic and Policy Considerations“, New England Journal of Medicine 372/2015, S. 1877-1879.

  • Fake Hunting: die jüngste Bedrohung der Anderen Medizin

    Im Zeitalter der „Fake News“ wächst die öffent­liche Sehnsucht nach einer Einrichtung, die gezielte Unwahrheiten zuverlässig entlarvt. Die Wenigsten rechnen damit, dass sie sich dabei ein Zensur­monster einhandeln können, das miss­liebige, vom akademischen Mainstream abweichende Stand­punkte verunglimpft, vorgeblich im Namen der Wahrheit – beispiels­weise unkonventionelle Heilweisen und Kritik an der vorherrschenden Medizin. Gelogen wird, seit der Mensch Behauptungen aufstellt. Das tut er, seit er sprechen kann, also vermutlich seit 60.000 bis 100.000 Jahren. Insofern sind Fake News ein uralter Hut. Doch erst das Internetzeitalter hat ihre angestamm­ten Resonanzräume radikal entgrenzt. Was einst bloß auf Wochenmärkten, in geselligen Runden, Friseursalons und Tante-Emma-Läden, in der Kantine oder am Stammtisch die Runde machte, verbreiten soziale Medien über Klicks, Likes und Links in Windeseile nunmehr innerhalb ganzer Gesellschaften. Gezielte Unwahrheiten sind allgegenwärtig. Und wer überall mit ihnen rechnen muss, glaubt am Ende nicht alles, sondern gar nichts mehr. Wem kann man überhaupt noch trauen? Umso sehnlicher wünschen sich verunsicherte Bürger neutrale Instanzen herbei, die Fakes entlarven und ausmerzen, möglichst viele, möglichst rasch. Sie hoffen auf verlässliche Einrichtungen, die Gerüchten systematisch nach­gehen, sie mit allen verfügbaren Quellen abgleichen, ihre Substanzlosigkeit enthüllen, sie unerbittlich anprangern und eindringlich davor warnen, ihnen auf den Leim zu gehen. Doch den Wenigsten ist klar: Dabei droht ihnen ein Zensurapparat, der dem „Wahrheitsministerium“ in George Orwells düsterer Utopie „1984“ kaum nachsteht. Diese Gefahr sieht zumindest ein junger französischer Journalist der Tageszeitung Le Monde, der als „Fake Hunter“ Pionierarbeit geleistet hat: 2010 richtete Samuel Laurent, damals gerade 30, einen kleinen Aufklärungsblog „Les Décodeurs“ ein, der nüchtern, unparteiisch, frei von Polemik Gerüchte auf ihre Glaubwürdigkeit hin durch­leuchtet; inzwischen gliederte Le Monde ihn in ihren Internetauftritt ein. Im Februar 2017 stellte sie ergänzend ein Tool namens „Le Décodéx“ ins Netz: Gibt man in eine Suchmaske eine Internetadresse ein, so leuchtet ein roter, oranger oder grüner Button auf. Grün steht für vertrauenswürdig, Orange für verdächtig, Rot für unglaubwürdig. Eine ähnliche digitale Rechercheredaktion mit dem treffenden Namen „Desintox“ – Entzug, Entgiftung – unterhält neuerdings auch die linksliberale französische Tageszeitung Libération. Was geschieht, wenn man Le Monde seinerseits mittels „Décodéx“ checkt? Die Zeitung, die mehreren Großindustriellen gehört, gilt als tendenziöses Sprachrohr der Befürworter von Martktliberalismus, Freihandel und Globalisierung. Aber natürlich verpasst ihm das Tool ein grünes Gütesiegel. Sein Ampelsystem ahmt jenes nach, dessen sich das obskure Web of Trust (WOT, „Netz des Vertrauens“) bedient. (1) Über 26 Millionen Websites will es bereits bewertet haben, davon 24 Millionen negativ. Die WOT-Software für „sicheres Surfen“ (Safe Browsing) haben sich weltweit schon 140 Millionen Menschen arglos auf ihre PCs und Notebooks, Smartphones und Tablets heruntergeladen. Zu ihrem Schutz legt sich ein „Warning!“-Popup über „gefährliche“ Webseiten, sobald sie im Browser aufgerufen werden, und macht sie unkenntlich. Wie das weltgrößte Internet-Lexikon Wikipedia, so baut WOT dabei auf die „Schwarmintelligenz“ der weltweiten Internet-Community. Die Ratings beruhen auf Bewertungen durch angemeldete User, die anonym bleiben dürfen; dabei haben die Noten einer Minderheit, die besonders eifrig votiert, ein bis zu tausendfach höheres Gewicht als die Stimmen von einmaligen oder seltenen Juroren. Weil zu den fleißigsten Schnüfflern hyper­aggressive Skeptiker zählen, warnt WOT die Web-Community beispielsweise vor den Fakes meiner Stiftung Auswege: Obwohl vier Fünftel der abgegebenen Einschätzungen positiv ausfielen, lag unsere „Vertrauenswürdigkeit“ (trustworthiness) Mitte März 2017 bei gerade mal 42 Prozent (Orange), die „Kindersicherheit“ (child safety) sogar bloß bei 12 Prozent (Rot). Vermutlich schneiden nur islamistische Fanatiker, Neonazis und Anbieter von Hardcore-Pornos noch katastrophaler ab. In Deutschland beließ es der Gesetzgeber knapp zwei Jahre lang bei runden Tischen, Arbeits­gruppen, Expertenanhörungen und Selbstverpflichtungen. Dann schaltete Bundesjustizminister Heiko Maas in den Zupackmodus. Alarmiert vom Siegeszug des Populismus, russischen Troll-Armeen und einem US-Präsidenten, der mit „alternativen Fakten“ regiert, stellte er im März 2017 den Entwurf eines „Gesetzes zur Verbesserung der Rechtsdurchsetzung in sozialen Netzwerken“ (2) vor. Betreiber von Social Media wie Facebook, von Suchmaschinen wie Google soll es zwingen, gegen Lügen und Hassbotschaften vorzugehen. Vollautomatisch, bloß mit raffinierteren Algorithmen, ist das schwerlich hinzukriegen, bei Fakes noch weniger als bei Hetze. Denn es geht um Inhalte, nicht bloß um formale Textmerkmale. Doch weit und breit ist kein „Content-Filter“ in Sicht, der sie massenhaft aussieben könnte wie Hate Speech anhand des bevorzugten Wortschatzes von Schmähern, Beschimpfern und Pöblern. Da ist mühselige Hand- und Kopfarbeit gefragt. Google lässt dies seine weltweit 10.000 Prüfteams erledigen, welche die „Qualität“ von Suchergebnissen beurteilen. An sie alle versandte er soeben rund 200 Seiten umfassende „Richtlinien“, nach denen sie „verstörende“ (upsetting), beleidigende und rassistische Inhalte zu identifizieren haben. In den Google-Suchalgorithmus eingespeist, führen ihre Bewertungen dazu, dass nicht „vertrauenswürdige“ Inhalte in den Suchergebnissen weiter nach hinten geschoben werden. (3) Zum selben Zweck schaltete Facebook in den USA die Webseiten Politifact und Snopes ein. In Deutschland beauftragte es das 2014 gegründete Pressebüro „Correctiv“ in Essen und Berlin, dessen 20-köpfiges Team „investigativen, aufklärenden Journalismus“ verspricht – in einer „Wächterfunktion“. (3) Senken „Wächter“ über eine Geschichte den Daumen, so will Facebook sie künftig zwar nicht löschen, aber mit einem Warnhin­weis versehen, der sie als „disputed“, umstritten, brandmarkt: Die betreffende Nachricht werde „von unabhängiger Seite angezweifelt“, belegt mit einem Link zu einem Text, der „dem verfälschenden Beitrag die Fakten gegenüber­stellen“ soll. „Das Posting an sich verschwindet nicht auf der Plattform, wir verstecken es nicht, Leute können es weiterhin teilen“, erläutert ein zuständiger Facebook-Manager. Der Warnhinweis bleibe aber bei der Weiterverbreitung angeheftet. "Es kann auch sein, dass wir bei unglaubwürdi­gen Artikeln die Sichtbarkeit reduzieren." (5) Wer soll uns da vor Lug und Trug bewahren, vor „verstörenden“, „umstrittenen“, „unglaubwürdigen“ Meinungen? Geleitet wird „Correctiv“ von dem Journalisten David Schraven als Geschäftsführer. Eben dieser Schraven begründete 2007, gemeinsam mit dem Bochumer Berufskollegen Stefan Laurin, die „Ruhrbarone“ (6), dessen linkslastigem Autorenteam er weiterhin angehört: eines von über 200.000 aktiven Webjournalen („Blogs“) allein in Deutschland (7). Vordergründig berichtet es über Politik, Wirtschaft, Kultur, Wissen und Sport in Nordrhein-Westfalen, lässt tatsächlich aber keine Gelegenheit aus, über querdenken­de Wissenschaftler und unkonventionelle Mediziner herzufallen. Laurin, mittlerweile alleinverant­wortlich, tut sich als Spezialist für Antisemitismusvorwürfe und Nazivergleiche hervor; eine Gesundheitsministerin bezeichnet er als „Volkserzieherin“, das Umweltbundesamt als „Reichsumweltkammer“. (8) Um imageförderlich unter das hochgelobte „Correctiv“-Dach zu schlüpfen, benannten sich die „Ruhrbarone“ kürzlich um in „Correctiv.Ruhr“. Bei Wikipedia scheinen sie insgeheim auf oberster „Administratoren“-Ebene mitzuwerkeln: Mehrere hundert Male linkt es auf die „Ruhrbarone“, womit es seine eigene Relevanzregel für Quellenangaben krass verletzt. Zu den unadligen „Ruhrbaronen“, die mit dem legendären Geschichtenerzähler Münchhausen mehr als nur den Titel teilen, zählt der Psychologe Sebastian Bartoschek, rühriges Mitglied einer unsäglichen atheistisch-naturalistischen Sekte namens „Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften“ (GWUP), der es seit drei Jahrzehnten gelingt, blind­wütigen Skeptizismus mit gesunder Skepsis zu verwechseln. (9) Wie Laurin gelten Bartoschek und weitere GWUP-Mitglieder als Chefdenunzianten beim berüchtigten Internetpranger „Psiram“, vormals „Esowatch“. (10) Dessen anonyme Verfasser hetzen ungestraft gegen jeder­mann, dessen Auffassungen ihrem kastrierten Wissenschaftsbegriff zuwiderlaufen. Über tausend Menschen, unter ihnen Hochschulprofessoren und ganzheitlich arbeitende Ärzte, sind bereits Opfer von „Psirams“ infamen Verleumdungen und üblen Nachreden geworden. Als Scharlatane, Betrüger, Pseudogelehrte werden sie dort verun­glimpft. Juristische Gegenwehr ist aussichtslos: Das gesetzlich vorgeschriebene Impressum fehlt, der Server steht im Ausland. Deutschlands aktivste Online-Dreckschleuder, deren Finanziers im Dunkeln bleiben, geht buchstäblich über Leichen: Von Psiram-Eiferern übelst gemobbt, nahm sich der Journalist Claus Fritzsche im Frühjahr 2014 das Leben. (11) Das Problem war wohl, dass er schon volljährig war: Denn die „Kindersicherheit“ von „Psiram.com“, so bescheinigt ihm das „Web of Trust“ (WOT) mit dem grünsten aller Grüns, liegt bei grandiosen 93 Prozent. Exakt genauso hoch veranschlagt es Psirams „Vertrauenswürdig­keit“.Lediglich einen Prozentpunkt niedriger performt GWUP.org. (12) Daneben mischt Bartoschek beim „skeptischen“ Podcast Hoaxilla (13) mit, der jegliche Impfgegner und Pharmakritiker als bekloppte Verschwörungstheoretiker verhöhnt, auf einer Stufe mit Verwirrten, die Elvis für quicklebendig, die Mondlandung für einen Hollywood-Inszenierung und Angela Merkel für ein außerirdisches Reptil halten. Sind uns selbsternannte „Wächter“ aus diesem Ideologensumpf wirklich als oberste Fakten­checker der Nation recht? Wollen wir zulassen, dass sie Aussagen wie „Pharmakonzerne korrumpieren Ärzte“, „Wer sein Kind impfen lässt, riskiert irreparable körperliche und geistige Schäden“, „Neuroleptika führen zu Hirnschwund“ , „Glyphosat könnte Krebs erregen“ oder „Der Infraschall von Windkraftanlagen belastet die Gesundheit von Anwohnern“ zu Fakes erklären, mit Alarmrot einfärben oder gar löschen? Da rückt Orwells Dystopie näher: Lügner werden autorisiert, das Volk im Gewand von Tatsachen­prüfern darüber „aufzuklären“, was Lüge und was Wahrheit ist. Maas´ Gesetz befördert private Netzwerke „zu Ermittlern, Richtern und Henkern über die Meinungs­freiheit“, warnt netzpolitik.org, eine Online-Plattform für digitale Freiheitsrechte. Eine staatliche Lizenz, missliebige Inhalte zu unterdrücken, oder gar ein gesetzlicher Auftrag dazu: das käme den Betonköpfen der „evidenz­basierten“ Schulmedizin, den Marketingprofis von Big Pharma und ihren Erfüllungsgehilfen gerade recht. Solcher Meinungsmache Tür und Tor öffnet der gefährlichste aller Fakes in der aufgeregten Debatte um ihre dringendst gebotene Enttarnung: die schwarz-weiße Vorstellung, sämtliche Tatsachenbehauptungen ließen sich fein säuberlich in wahre oder falsche sortieren. „Fake News“ ist ein verschwommener Sammelbegriff, dem es an der nötigen Trennschärfe mangelt. „Echte“, eindeutig widerlegbare Falschmeldungen wie „Den Holocaust gab es nicht“, „Obama ist ein Moslem aus Kenia“ oder „Hillary Clinton betreibt von einer New Yorker Pizzeria aus einen Kinderpornoring“ machen sich rar. Viel häufiger sind sie Ansichtssache, gestützt auf diskutable Gründe, gedeckt durch das Grundrecht auf Meinungs- und Glaubensfreiheit. Oder müssen Bibelzitate als Fake News aus dem digitalen Verkehr gezogen werden? Selbst die seriösesten Medien berichten nicht nur zweifelsfrei „Bewiesenes“. Oft bleibt ihnen vorerst nichts anderes übrig, als widersprüchliche Anhaltspunkte zu gewichten, aus Indizien zu schließen, Gerüchte aufzu­greifen, sich auf anonyme Informanten und Leaks zu verlassen. Verzichteten sie darauf, bis sich mutmaßliche Wahrheiten zweifelsfrei erwiesen haben, so flögen die wenigsten politischen Skandale und Wirtschaftsverbrechen jemals auf. „Verstörende“ Whistleblower wie Edward Snowden würden von Wahrheitswächtern mundtot gemacht. Wollen wir das? (Harald Wiesendanger) Anmerkungen 1 https://www.mywot.com/en/community. 2 Nachzulesen bei www.zeit.de/digital/internet/2017-03/netzdg.pdf. 3 http://searchengineland.com/google-flag-upsetting-offensive-content-271119. 4 https://correctiv.org/correctiv. 5 Nach www.spiegel.de/netzwelt/web/facebook-correctiv-soll-fake-news-richtigstellen-a-1130014-druck.html. 6 www.ruhrbarone.de 7 Statistik nach https://buggisch.files.wordpress.com/2016/02/infografik-wie-viele-blogs-gibt-es-in-deutschland.png. 8 http://de.pluspedia.org/wiki/Stefan_Laurin 9 http://de.pluspedia.org/wiki/GWUP 10 http://de.pluspedia.org/wiki/Psiram; http://de.wikimannia.org/Psiram. 11 http://de.pluspedia.org/wiki/Claus_Fritzsche. 12 https://www.mywot.com/en/scorecard/www.psiram.com, abgerufen am 18.3.2017. 13 https://www.hoaxilla.com.

  • Teufelszeug

    Seelischen Erkrankungen lässt sich am besten mit synthetischer Chemie beikommen, versichern uns Psychiater. Dass Psychopharmaka „wirksam, sicher und gut verträglich“ sind, sei wissenschaftlich bewiesen. Dieses Märchen entspringt den Marketingabteilungen von Arzneimittelherstellern: Sie sorgen dafür, dass der Nutzen ihrer hochgiftigen Drogen übertrieben, Nebenwirkungen und Gefahren heruntergespielt und verschwiegen werden. Warum Helga niemals Traci kennenlernen kann Traci Johnson? „Nie gehört, ken­ne ich nicht“, hätte Helga* wohl gesagt, wenn ich sie darauf angesprochen hätte, während sie Anfang Mai 2014 an einem Therapiecamp der Stiftung Auswege teilnahm. Dass die beiden einander jemals begegnen, ist ausgeschlossen. Denn die 52-jährige Wirtschaftskauffrau aus Magdeburg trennen von der 19-jährigen Studentin aus Indianapolis nicht nur 7000 Kilometer Luftlinie – sondern der Umstand, dass die eine noch lebt, die andere nicht mehr. Was hatte Helga ins „Auswege“-Camp geführt? Seit Mitte der achtziger Jahre litt sie an Depressionen, begleitet von rätselhaften Dauerschmerzen am ganzen Körper. Wegen „erheblicher Minderung der Erwerbsfähigkeit“ wurde sie 2004 frühberentet. Große Hoffnung hatte sie auf Cymbalta gesetzt, ein neues Psychopharmakon mit dem Wirkstoff Duloxetin. Trotzdem ging es Helga nicht besser, im Gegenteil: Weil ihr zusätzlich ein unentwegter Schwindel, Bewegungsstörungen, Gangunsicherheit und ständi­ges Kopfweh zu schaffen machten, suchte sie im Juli 2005 einen Facharzt für Allgemeinmedizin auf. Dessen Befundbericht unterstrich, wie dringend sie einer weiteren medikamentösen Therapie bedürfe: „In ihrer Alltags­taug­lichkeit“, so heißt es darin, sei die Frau „erheblich eingeschränkt. Das Verlassen der Wohnung ist ihr nicht alleine möglich. Bei allen Verrichtungen im Alltag ist sie auf die Hilfe ihres Ehemannes angewiesen. Am öffentlichen Leben kann sie nicht mehr teilnehmen. Eine Besserung ist nicht zu erwarten.“ Doch hin und wieder geschieht auch das Unerwartete. Am Anreisetag erlebte Helga „eine wunderbare Kennenlernrunde, ich habe mich gleich wohlgefühlt“, schrieb sie in ihr Tagebuch – und das, obwohl ihr vermeintlich unentbehrlicher Ehemann nicht hatte mitkommen können. Trotzdem nahm sie am „öffentlichen Le­ben“ im und ums Camphaus unein­geschränkt alltagstauglich teil. „Sehr angenehme“ Heilsitzungen vermittel­ten ihr „ein wunderbar leichtes Gefühl“. Unter den zwanzig Campteilnehmern machte niemand deutlichere Fortschritte als Helga: Sämtliche gesundheitli­chen Belastungen ließen bis Campende erheblich nach, zeitweilig schienen sie wie weggeblasen; und endlich schlief sie wieder lang und tief. Während der Heilwoche blühte sie auf, wirkte gelöst und voller Energie. „Mein Körpergefühl ist besser geworden, ich bin fröhlicher“, notierte sie abschließend. „Alles ist möglich! Bin hap­py!!!“ (Drei Ausrufezeichen.) In der zweiten Camphälfte wirkte Helga wie ausgewechselt: Aufgeschlossen suchte sie Kontakt zu anderen Teilnehmern, immer öfter sah man sie vergnügt lächeln, ja hörte sie lauthals lachen. Als „bereichernd“ empfand sie „die gemischte Teilnehmergruppe“: So „konnte ich lernen, was für Schicksale Andere tragen, und meine eigenen Ängste abbauen. Wenn ich ihr Elend sehe, leide ich mit“. Gemessen an deren Belastungen wurde ihr klar, „was ich schon wieder alles kann“. Ein „Gefühl der Sicherheit“ vermittelte ihr, dass „ich jederzeit die Therapeuten erreichen und fragen konnte“. In den alltäglichen „Morgenkreisen“, mit denen jeder Behandlungstag nach dem gemeinsamen Frühstück beginnt, amüsierte sie die versammelte Runde mit köstlichen Gedich­ten Marke Eigenbau. Einmal streifte sie sich ein knallgelbes „Auswege“-T-Shirt über, schnappte sich Verkaufsartikel von einem Infotisch der Stiftung und bot sie wortgewandt feil, „denn hier muss endlich mal richtig gute Werbung gemacht werden“. Schmerzen, Schwindel, Depressionen? Keine Spur mehr. In ihrem Tagebuch tauchte 21-mal das Wort „Danke“ auf. Einen Gruppentanz am Abschiedstag empfand sie als „Tanz in mein neues Leben“. Wie war diese enorme Verwandlung möglich, innerhalb von nur siebeneinhalb Behandlungstagen? Im Mittelpunkt von Helgas Heilsitzungen standen eingehende Gespräche über die seelischen Hintergründe ihrer ausgeprägten Beschwerden: „Sie war eine verunsicherte, frustrierte Frau“, notierte der leitende Camparzt abschließend, „vermutlich mit Schwierigkeiten im Beruf und privat. Die verschiedenen Diagnosen waren gute Ausreden für ihre Welt-Enttäuschung, ihre Hilflosigkeit und wohl auch ihre Wut. Aufklärende Gespräche über den tieferen Sinn ihrer Leiden und deren Bearbeitungsmög­lich­- kei­ten scheinen ihr Denken sehr rasch verändert zu haben. Offenkundig führten sie zu neuer Zuversicht, ja Lebensfreude.“ Womöglich wäre Helga viel erspart geblieben, wenn ihr neun Jahre zuvor, am 12. Februar 2004, die New York Times in die Hände gefallen wäre. (1) Darin wäre sie auf einen Artikel gestoßen, in dessen Mittelpunkt eben jene Traci Johnson stand, der sie nie begegnen wird. Am 7. Februar 2004 erhängte sich die Collegestudentin mit einem Schal an der Stange eines Duschvorhangs – in einem von dem Pharmakonzern Eli Lilly betriebenen Labor. Dort hatte sie als Versuchsperson an einem klinischen Test über Duloxetin teilgenommen, um damit ihre Studiengebühren zu finanzieren. Zuvor hatten beteiligte Ärzte sie gründlich untersucht, um Depressionen oder Suizidneigungen auszuschließen. Vor Studienbeginn war Traci allem Anschein nach eine psychisch kerngesunde, ausgeglichene, ehrgeizige junge Frau gewesen, mit klaren Berufszielen und Lebensträumen. Hatte Duloxetin den Selbstmord ausgelöst? Oder handelte es sich bei Tracis Tod im Februar 2004 um eine „isolierte Tra­gödie“, wie Eli Lilly abwiegelte? Fünf Monate zuvor hatte die Firma in über 30 Ländern die Zulassung für das Präparat Yentreve erreicht, das eben jenen Wirkstoff Duloxetin enthielt: einen „Selektiven Serotonin-Noradrenalinhemmer“ (SSNRI). Er soll verhindern, dass Rezeptoren von Nerven­zellen im Gehirn und Rückenmark die bei­den Botenstoffe Serotonin und Noradrenalin aufnehmen, die vorgeschaltete Nervenzellen ausschütten. So blockiert er die elektrochemische Signalübertragung „selek­tiv“. Die Zulassung von Yentreve blieb allerdings auf ein einziges Anwendungsgebiet beschränkt: stress­bedingte Harninkontinenz. Aber warum bloß 50 bis 200 Millionen Blasenschwache auf unserem Planeten ins Visier nehmen? Da geht mehr. Ja, es muss. Denn Eli Lilly stand unter gehörigem Druck: Im August 2001 war das Patent für seinen Kassenschlager Prozac (Fluoxetin) abgelaufen, ein Antidepressivum, das weltweit 40 Millionen Menschen schluck­ten (2); noch im Vorjahr hatte es ein Viertel zu den zehn Milliarden Dollar Jahresumsatz des Pharmariesen beigetragen. Innerhalb eines einzigen Tages brach sein Börsenkurs daraufhin um ein Drittel ein. (3) Es musste schleunigst Ersatz her. Also versuchte Eli Lilly fieberhaft, klinische Belege dafür beizubringen, dass der Wirkstoff Duloxetin auch Depressionen beikommt. Und damit war der Konzern erfolgreich: Im August 2004, ein halbes Jahr nach Tracis Tod, erlaubte die oberste amerikanische Arzneimittelbehörde, die FDA (Food and Drug Administration), diesen erweiterten Einsatz; es bestehe „kein ursächlicher Zusammenhang“ zwischen dem Selbstmord und Duloxetin. (4) Und so kam die Substanz unter neuem Han­dels­­namen als Antidepressivum auf den Markt: „Cymbalta“. Bald darauf genehmigte die FDA auch den Einsatz bei Angstzuständen und Schmerzen, die von Diabetes oder einer Fibromyalgie herrührten, einer tückischen Erkrankung, die sich in allgemeinen Muskel- und Bindegewebsschmerzen so­wie in Druckschmerz über bestimmten Schmerzpunkten („Tender Points") äußert. (5) Im Dezember 2004 gab Europas oberste Arzneimittelbehörde EMA grünes Licht für die EU-weite Anwendung gegen depressive Episoden, 2008 gegen „generalisierte Angststörungen“, 2009 auch gegen chronisch verlaufende Depressionen. Bis Jahresende 2004 erzielte der Pharmakonzern mit Cymbalta bereits einen Umsatz von 61,3 Millionen Dollar. Im ersten Quartal 2005 stieg er auf 106,8 Millionen Dollar an, dann explodierte er regelrecht: 2012 lag er bei 5,7 Milliarden Dollar, 2013 bei 5,1 Milliarden, 2014 immerhin noch bei 1,6 Milliarden, 2014 bei 1,02 Milliar­den. Zeitweilig lag Cymbalta auf Platz Neun der weltweit meistverkauften Arzneimittel. (6) Doch warum zog Eli Lilly im Januar 2005 merkwürdigerweise das inhaltsgleiche Yentreve vom Markt zurück? Weil die Firma neue Erkenntnisse über unerwünschte Nebenwirkungen hatte? Wenn ja, was bedeutete das für die angebliche Unbedenklichkeit des wirkstoffidentischen Cymbalta? Die Medizinjournalistin Jeanne Lenzer, bei Big Pharma seit längerem als investigative Nervensäge verhasst, wurde stutzig. Unter Berufung auf den Freedom of Information Act – ein in den USA 1967 in Kraft getretenes Gesetz zur Informationsfreiheit, das jedermann das Recht einräumt, Zugang zu Dokumenten von staatlichen Behörden zu erhalten - beantragte sie im Mai 2005 bei der FDA, alle sicherheitsrelevanten Daten zu Cymbalta und Yentreve einsehen zu dürfen. Daraufhin erhielt Lenzer einen hochbrisanten Datensatz. Er enthielt Angaben zu 13 Selbstmorden und 41 weiteren Todesfällen unter Patienten, die Cymbalta eingenommen hatten. Allerdings fehlte darin jeglicher Hinweis auf Traci Johnson und vier weitere Testpersonen, die sich umgebracht hatten, kurz nachdem ihnen Cymbalta verabreicht worden war. Als die Journalistin deswegen nachfragte, verweigerte die FDA weitere Auskünfte. Die Begründung der Behörde war an Absurdität kaum zu überbieten: Bundesgesetze verböten ihr, Studienergebnisse über ein nicht zugelassenes Arzneimittel zu herauszurücken. Sie sei gezwungen, Geschäftsgeheimnisse der Firma zu wahren. In der Tat: Grünes Licht hatte sie nur für Cymbalta gegeben, nicht aber für Yentreve als Antidepressivum. Aber bestanden beide Präparate nicht aus ein und demselben Molekül? Abgesehen davon, dass die Stellungnahme der FDA ein bezeichnendes Licht auf ihre wahren Prioritäten wirft: Das Gesetz, auf das sie sich berief, existierte gar nicht. (7) Eli Lilly gestand nun, mindestens zwei der Todesfälle verschwie­gen zu haben. Von anonymen Informanten erfuhr Lenzer, dass Duloxetin Selbstmordneigungen auch bei nichtdepressiven Patienten auslöst, die das Mittel gegen Harninkontinenz einnehmen. Jetzt erst räumte die FDA ein, ihr vorliegende Studiendaten hätten gezeigt, dass sich bei Frauen mittleren Alters, die Duloxetin einge­nommen hatten, die Suizidversuchsquote mehr als verdoppelte. (8) Und erst 2012 gab sie zu: Seit längerem häuften sich bei ihr Berichte, denen zufolge es nach Absetzen von Duloxetin bei fast je­dem zweiten Patienten zu schwereren, länger anhaltenden Ent­zugs­erscheinungen kommt als bei jedem anderen von ihr überwachten Präparat (9): von Schwindel, Übelkeit, Erbrechen und Durch­­fall über Kopfschmerzen und Schweißausbrüche bis hin zu Wahrnehmungsstörungen, Reizbarkeit und Angst. Trotzdem ist Cymbalta weiterhin auf dem Markt, auch in Deutschland. Den Segen dazu gab im August 2009 das staatliche „Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen“ (IQWiG) in Köln, gestützt auf den 930-seitigen Bericht dreier psychiatrischer Sachverständiger: Für Duloxetin läge „kein Beleg für einen Schaden“ vor. (10) Hin­gegen gebe es überzeugende Hinweise darauf, dass die Substanz nicht nur die Symptome einer Depression hervorragend lindere, sondern auch vor Rückfällen schützen könne. Diese Hinweise stammten woher? Aus herstellerfinanzierten Studien. Wie faustdick bei dieser Auftragsforschung gelogen und vertuscht wurde, deckte ein Jahr später ein zehnköpfiges IQWiG-Medizinerteam um Yvonne Schüler auf, nachdem es unter anderem 16 Duloxetin-Studien mit insgesamt über 5400 Versuchspersonen sichtete. Ein Großteil dieser Studien hatte bereits vorgelegen, als IQWiG grünes Licht gab. Alles in allem, schlossen die Forscher, „weist Duloxetin keinerlei Vorteile gegenüber anderen Antidepressiva auf, wird aber schlechter vertragen“, ablesbar an deutlich höheren Abbruchraten wegen unerträglicher Nebenwirkungen. (11) War Helga von ihrem Arzt über die Gefährlichkeit von Cymbalta aufgeklärt worden? Hatte er sie auf das erhöhte Suizidrisiko hingewiesen, auf den drohenden Verlust ihrer Sexualität, auf die Gefahr stark erhöhten Blutdrucks, von Herzbeschwerden und Leber­- schäden? Nicht im entferntesten. Hatte er jemals erwogen, ob Helgas Symptome von eben jenem Psychopharmakon, das er gegen sie ver­schrieb, überhaupt erst erzeugt wurden, zumindest teilweise? Niemals. Dabei hätte er bloß den Beipackzettel lesen müssen. Dank ihrer Campwoche entkam die glückliche Helga mit knapper Not dem Zugriff unseres seltsam pharmalastigen Gesundheitswesens. Und nicht nur sie: Ein Großteil der seelisch belasteten Teilnehmer, die seit über einem Jahrzehnt an den Therapiecamps der Stiftung Auswege teilnehmen, hatte zuvor routinemäßig Psychopharmaka bekommen. Doch dort verzichtet man darauf, ­vollstän­dig und aus­nahmslos – und das erwies sich bislang in ­keinem einzigen Fall als fahrlässige Unterlassungssünde. Im Gegenteil: Ohne pharmazeutische Krücken ging es den meisten Campbesuchern nach acht Behandlungstagen besser als all die Monate und Jahre zuvor, in denen sie verordnete Pillen gutgläubig schluckten. Was lehrt diese Bilanz darüber, wie wertvoll und unverzichtbar die vielgepriesenen Drogen der Psychiatrie sind? Anmerkungen 1 Gardiner Harris: „Student, 19, in Trial of New Antidepressant Commits Suicide“, New York Times 12.2.2004; s. auch Jeanne Lenzer/Nicholas Pyke: „Was Traci Johnston driven to suicide by anti-depressants? That´s a trade secret, say US officials“, Independent, 19.6.2005; online: http://ahrp.org/was-traci-johnson-driven-to-suicide-by-anti-depressants-thats-a-trade-secret-say-us-officials; J. Lenzer: „Drug Secrets – What the FDA isn´t telling“, Slate 27.9.2005, www.slate.­com/articles/news_ and_politics/ slate_fare/2006/08/about_us.html; abgerufen am 7.1.2017. 2 The Guardian, 27.2.2008: „The creation of the Prozac myth“. 3 Nach Jeanne Lenzer: „Was Traci Johnston driven ...“, a.a.O. 4 New York Times, 13.8.2004: „Company News; U.S. finds no link between a suicide and a Lilly drug“. 5 New York Times, 28.11.2008: „Drug Company Withdraws Application“. 6 Apotheke Adhoc: „Die 20 meistverkauften Arzneimittel der Welt“, 6.1.2017, www.apotheke-adhoc.de; Statista: „Umsatz der wichtigsten Arzneimittel des Pharmaunternehmens Eli Lilly in den Jahren 2013 bis 2015“, https://de.statista.com; abgerufen am 7.1.2017. 7 Sarah Corriher: „The Pharmaceutical Tragedy of Kurt Danish“, Health Wyze Report, 19.6.2008, http://healthwyze.org/reports/163-kurt-danysh, abgerufen am 7.1.2017. 8 FDA: „Historical information on duloxetine hydrochlorode (marketed as Cymbalta“, www.fda.gov/ Drugs/DrugSafety/PostmarketDrugSafetyInformationforPatientsandProviders/ucm114970.htm, 6/2005, abgerufen am 7.1.2017. 9 D. G. Perahia u.a.: „Symptoms following abrupt discontinuation of duloxetine treatment in patients with major depressive disorder“, Journal of Affective Disorders 89/2005, S. 207-212; T. J. Moore u.a.: „Why reports of serious adverse drug events continue to grow“, FDA MedWatch Reports, Quarter Watch Monitoring, 3.10.2012. 10 www.iqwig.de/download/A05-20A_Abschlussbericht_SNRI_bei_Patienten_mit_Depressionen_V1-1.pdf. 11 Yvonne-B. Schüler u.a.: „A systematic review of duloxetine and venlafaxine in major depression, including unpublished data“, Acta Psychiatrica Scandinavica 123 (4) 2011, S. 247-265. Bei diesem Text handelt es sich um den ersten Abschnitt des Buchs von Harald Wiesendanger: Teufelszeug - Warum wir von Psychopharmaka fast immer die Finger lassen sollten (2017). Zwölf Marketing-Märchen der pharmalastigen Psychiatrie widme ich das Buch Unheilkunde (2017).

  • Psi-Diagnostik - Wenn Schweigen Gold ist

    Die meisten Heiler behandeln nicht nur - sie konfrontieren Hilfesuchende mit vermeintlich außersinnlichen Diagnosen, im Vertrauen auf ihre Fähigkeit, mutmaßliche Ursachen eines gesundheitlichen Problems, die schulmedizinisch nicht feststellbar sind, zuverlässig zu identifizieren. Solche “Enthüllungen” sind meist gut gemeint - und fast immer unbedacht, verantwortungslos und kontraproduktiv, getragen von Selbstüberschätzung und ohne Rücksicht darauf, wieviel Unheil sie beim Patienten anrichten können. Wer zu wissen meint, jemand schwebe in Gefahr – hat er nicht das Recht, den mutmaßlich Bedrohten unverzüglich zu warnen? Ist er nicht sogar moralisch verpflichtet dazu? Das hängt davon ab, wie sicher er sich sein darf. Nach allem, was wir über die physikalischen Kräfte wissen, die eine abgehende Lawine, ein heranbrausendes Auto entfalten kann, sollten wir lauthals „Achtung!“ brüllen, wenn wir eins von beiden auf einen Ahnungslosen hinterrücks zurollen sehen. Andernfalls machen wir uns unterlassener Hilfeleistung schuldig. Doch was ist, wenn die vermeintliche Gefahrenquelle unsichtbar in einem Anderen steckt? Ein Blutgerinnsel etwa, eine Entzündung, ein Virenbefall oder ein bösartiger Tumor, von denen der Betroffene nichts ahnt, weil sie noch keinerlei Beschwerden verursachen? Dann geht es um Warnungen, die sich medizinisch abklären lassen, mittels bewährter Diagnostik. Also sollte er dem vermeintlich Gefährdeten nahelegen, einen Arzt aufzusuchen – möglichst behutsam, ohne ihn zu verängstigen; denn in der Blut- oder Stuhlanalyse, im Röntgenbild, im CT oder MRT könnte sich erweisen, dass der Warner falschen Alarm gab. Aber wenn sich der mutmaßliche Krankheitsherd jeglicher unabhängigen, objektiven Überprüfung entzieht? Psi-Diagnostiker verblüffen Ärzte Was sich vom 4. bis 30. Juni 1990 im Militärkrankenhaus der bulgarischen Donaustadt Rousse zutrug, lässt Mediziner, die daran beteiligt waren, bis heute ins Schwärmen geraten. Unter ständiger Aufsicht einer vierköpfigen Ärztekommission sollte die bulgarische Geistheilerin Krassimira Dimowa zeigen, was sie kann. Dabei hatte sie nicht nur mehreren Dutzend chronisch Kranken die Hände aufzulegen - geprüft wurden auch ihre angeblichen diagnostischen Fähigkeiten. Dazu wurden ihr fünf Patienten vorgeführt, denen nicht im geringsten anzusehen war, woran sie litten. Die ärztlichen Diagnosen, die der Heilerin natürlich verschwiegen wurden, lauteten: Tumor an beiden Eierstöcken; Spondylitis tuberculosa, die häufigste Form der Skelett-Tuberkulose, bei der Entzündungen in allen Abschnitten der Wirbelsäule auftreten können; ein retriperitonealer, d.h. hinter dem Bauchfell gelegener Tumor; eine bösartige Geschwulst am Blinddarm, mit Metastasen an der Leber; knotige Verhärtungen in der linken Brust. Bei jedem Patienten glitten Dimowas Hände zunächst wie suchend um den ganzen Körper herum; die Bewegungen stockten, sobald die Heilerin fündig geworden schien. In allen fünf Fällen verblüffte sie die Ärztekommission: Was sie erspürte, deckte sich ausnahmslos mit dem pathologischen Befund. Auch wenn "die Heilerin ihre Diagnosen nicht präzise formulierte", so "lokalisierte sie doch die betroffenen Bereiche, gab deren Grenzen und Größen an, beschrieb den Grad der Bös- oder Gutartigkeit", wie die Klinik in ihrem Abschlussbericht hervorhebt. Auch war Frau Dimowa imstande, zwischen "lokalen (örtlich eingrenzbaren) Erkrankungen und allgemeinen Erkrankungen mit lokalem Ausdruck zu unterscheiden." (1) Für eine ähnlich verblüffende Treffsicherheit ihrer intuitiven Diagnosen hochgelobt wurden ärztlicherseits auch schon andere Heiler. Der US-Neurochirurg Norman Shealy bescheinigte der amerikanischen Heilerin Carolyn Myss, die heute in Chicago lebt, in 93 Prozent aller Fälle habe sie „präzise“ angeben können, was einem Patienten fehlte – allein anhand von deren Namen und Geburtsdatum. (2) Dem Heiler Henry Rucker, der in den siebziger Jahren als Pastoralberater am St. Francis Hospital in LaCrosse, Wisconsin, tätig war – er starb 82-jährig im Jahr 2003 -, bescheinigte er eine Diagnosegenauigkeit von 70 Prozent, „ohne den Patienten zu sehen“. (3) Im deutschsprachigen Raum sorgte die Heilerin Alena Jöstl für Schlagzeilen, die ab 1998 neun Jahre lang am Kantonsspital Glarus in St. Gallen, Schweiz, tätig war, bis ihr Fürsprecher und Förderer, der dortigen Chefarzts Prof. Kaspar Rhyner, 2007 in Pension ging. Jöstl behauptete, sie könne „die Energiebahnen im Körper zu sehen“, die sie mit Farbstiften auf Papier malte, und daran Störungen, Mängel und Blockaden zu erkennen. „Nach den ersten Monaten mit ihr“, sagt Dr. Jakob Brunner, damaliger Leitender Arzt auf der Medizinischen Abteilung, „mussten wir uns eingestehen: Diese Frau hat ganz klar seherische Fähigkeiten. Die kann einen Menschen lesen.“ (4) Vom „Röntgenblick“ bis zu Eingebungen aus dem Jenseits: die Vielfalt intuitiver Diagnostik Wie die genannten Vier, so "behandeln" die meisten Geistheiler nicht nur - sie meinen auch außersinnlich zu erkennen, was Hilfesuchenden fehlt. Parapsychologen sprechen von Psi-Diagnostik: einem anscheinend intuitiven Wissen über Krankheiten - sei es über ihre Art, ihre Ursache oder ihren Verlauf -, das offenbar paranormalen Ursprungs ist, weil es weder aus unmittelbaren Beobachtungen von körperlichen Merkmalen, Verhaltensweisen und Äußerungen eines Patienten gewonnen noch aus Vorkenntnissen über ihn und bekannte medizinische Gesetzmäßigkeiten erschlossen worden sein kann. Am verbreitetsten sind dabei (5) - Aurafühlen, das Erspüren eines oder mehrerer "Energiekörper", die den physischen Leib durchdringen und erhalten. Mit bloßen Händen werden deren Unregelmäßigkeiten erspürt - z.B. abnorme Wärme oder "Dichte" in bestimmten Bereichen - und daraus auf Krankheiten geschlossen; - Aurasehen, visuelle Eindrücke eines oder mehrerer leuchtender Hüllen um den Körper, mit bedeutsamen Unterschieden in der Farbe, Ausdehnung und Geschlossenheit; - "Röntgenblick", das hellsichtige "Durchleuchten" des Körpers wie mit Röntgenaugen, das einzelne Organe, ihre Strukturen und Funktionsweisen erkennbar machen soll; - Empathie ("Mitfühlen"): Manche Heiler spüren die Beschwerden ihrer Klienten buchstäblich am eigenen Leib; - Symbolische Visionen: Vorstellungsbilder tauchen auf, die ein Leiden symbolisch darstellen, z.B. ein Nervenleiden als zerrissene Drähte; - Mediumismus: Jenseitige "Geistwesen" benutzen den Heiler anscheinend als Werkzeug, um durch ihn ihre überlegenen medizinischen Kenntnisse und Fähigkeiten in den Dienst an Kranken zu stellen; - Psychometrie: In Abwesenheit von Hilfesuchenden genügt manchen Heilern irgendein persönlicher Gegenstand (z.B. ein Foto, eine Haarlocke, eine Handschrift), aus dem sie "lesen". Psi-Diagnosen: Grenzen und Gefahren Nahezu jeder Geistheiler lässt irgendwann im Laufe der Behandlung durchblicken, dass er auf die eine oder andere Weise außersinnlich erfasst, was dem Patienten fehlt. Das lässt viele Patienten hoffen, deren Leidensursachen von Ärzten entweder gar nicht, widersprüchlich oder offenbar falsch diagnostiziert worden sind, worauf therapeutische Fehlschläge hindeuten. Und je stärker Verzweifelte hoffen, desto leichter verlieren sie die nötige kritische Distanz. Um so größer ist die Enttäuschung, wenn die hohen Erwartungen nicht erfüllt werden - um so größer auch die Gefahr, durch diese Erwartungen irregeleitet zu werden. Wer als Patient Psi-Diagnosen sucht - oder von Geistheilern unaufgefordert damit konfrontiert wird -, muss sich über deren Grenzen im klaren sein, um keinen Schaden zu nehmen (6): 1. Zwischen Psi-Diagnostikern bestehen beträchtliche Qualitätsunterschiede. In wissenschaftlichen Tests erzielten einzelne herausragende Könner zwar atemberaubende Trefferquoten; doch die meisten blieben im Bereich der Zufallswahrscheinlichkeit richtigen Ratens. 2. Selbst die Allerbesten können irren - und liegen in Einzelfällen haarsträubend daneben. 3. Wie jedes außersinnliche Wahrnehmungsvermögen, so unterliegt auch die Psi-Diagnostik einem unberechenbaren Auf und Ab. Publik werden immer nur Leistungen, die in optimaler seelischer und geistiger Verfassung unter günstigen äußeren Bedingungen erzielt worden sind; aber auch Hellseher haben, wie alle Berufsgruppen, gute und schlechte Tage. 4. Psi-Diagnosen fallen fast immer zu allgemein, vage und mehrdeutig aus, um brauchbar zu sein, d. h. eine gezielte Suche nach Krankheitsursachen und darauf abgestimmte therapeutische Maßnahmen zu ermöglichen. Dies rührt zum Teil daher, dass die erhaltenen Eindrücke selbst verschwommen oder symbolisch verschlüsselt sind, zum Teil auch daher, dass es Hellsichtigen im allgemeinen an dem nötigen medizinischen Wissen mangelt, sie richtig zu interpretieren. 5. Oft nennen Psi-Diagnostiker eine derartige Vielzahl von angeblich vorliegenden Krankheiten, dass irgendeine daraus mit großer Wahrscheinlichkeit zutreffen wird. 6. Die Übereinstimmung verschiedener Psi-Diagnostiker bezüglich ein und desselben Patienten ist weit davon entfernt, hundertprozentig zu sein. (Dass dies auch für Vertreter anerkannter Heilberufe gilt, ist für Hilfesuchende ein schwacher Trost.) 7. Oft irren sich Psi-Diagnostiker in der Zeit. Wie kann ein Seher Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verwechseln, während er im übrigen recht behält? Außersinnliche Eindrücke, wie alle geistigen Bilder, sind "zeitneutral": Ein und derselbe Bewusstseinsinhalt kann eine Erinnerung, eine Wahrnehmung oder eine Erwartung sein. Dies auseinanderzuhalten, fällt Sensitiven selbst dann schwer, wenn ihre Angaben im übrigen zutreffen. Dadurch sorgen sie bei Klienten oftmals für erhebliche Verwirrung. Auch über- oder unterschätzen sie Zeiträume häufig. 8. Oft scheinen Psi-Diagnostiker telepathisch aufzunehmen, was ihre Klienten oder deren Bezugspersonen an Ahnungen, Befürchtungen und Vorstellungen mitbringen, und verwechseln sie mit eigenen hellsichtigen Erkenntnissen. Auch daraus können gravierende Diagnosefehler entstehen. 9. Anders als Diagnosegeräte sind Heiler nie frei von subjektiven Empfindungen, Eindrücken, Assoziationen, Erinnerungen und Emotionen. Sie beeinflussen diagnostische Intuitionen zwangsläufig. Aber bietet die unkonventionelle Medizin nicht reichlich Verfahren, subjektive Eindrücke zu „objektivieren“: beispielsweise der Muskeltest in der Angewandten Kinesiologie, Pendel und Rute in der medizinischen Radiästhesie? Längst hat sich in Tests erwiesen, dass selbst erfahrene Anwender nicht dagegen gefeit sind, unbewussten Vorannahmen folgend einen ausgestreckten Arm mal stärker, mal leichter zu drücken – und ihr radiästhetisches Gerät entsprechend zu bewegen. Hilft apparative Messtechnik weiter? Doch ob nun die Kirlan-Fotografie (7) - und erst recht die populären „Aura-Kameras“ auf Esoterikmessen –, die GDV-Technik des St. Petersburger Biophysikers Prof. Konstantin Korotkov (8), die „Energetische Terminalpunkt-Diagnostik“ (ETD) des Heilpraktikers Peter Mandel (9) oder die „Energetische Meridianmessung mit Prognos A(R)“ (10): sie alle sind weit davon entfernt, zuverlässig und objektiv zu sein. Kurzum, außerhalb der konventionellen Medizin existiert bislang kein einziges Verfahren, das verborgene Krankheitsursachen im Körperinneren, oder gar „unkörperlich“-„feinstoffliche“, zuverlässig und intersubjektiv nachprüfbar identifizieren kann. Schon gar nicht liegt bisher irgendeines vor, das prognostisch relevant wäre, d.h. verlässliche Voraussagen darüber erlaubt, welche physische oder psychische Erkrankung demnächst oder jemals ausbrechen könnte. Für Psi-Diagnostiker, wie subjektiv überzeugt auch immer, kann der Schluss daraus nur lauten: Schweigen ist Gold. Warnungen an Hilfesuchende Und welche Schlüsse hat ein Patient daraus zu ziehen? Sollte er, angesichts der zahlreichen Fehlerquellen und Gefahren, lieber gar nicht erst danach fragen, worauf ein Heiler sein Leiden zurückführt - oder weghören, nicht weiter ernst nehmen, was ihm darüber vorgetragen wird? Aber auch der Heiler selbst gerät in eine Zwickmühle: Soll er seine Klienten darüber aufklären, was er über ihr Leiden außersinnlich zu erkennen meint - und sie dadurch vielleicht unnötig ängstigen? Oder soll er verschweigen, was er sicher zu wissen glaubt - und somit eine frühzeitige, möglicherweise sogar lebenswichtige Warnung unterlassen, zu der er moralisch verpflichtet wäre? Auch wenn Psi-Diagnosen von Unfehlbarkeit weit entfernt sind, Richtiges und Falsches meist unentwirrbar vermischt sind: Könnten sie nicht doch zumindest wichtige Fingerzeige, erste Anhaltspunkte liefern? Statt sie ohne weiteres für bare Münze zu nehmen, sollte sie der Patient schleunigst ärztlich überprüfen lassen. Nur so lässt sich ihr Gefahrenpotential entschärfen. Aber wie verhält man sich bei Psi-Diagnosen, deren Überprüfung unmöglich ist? Das hängt von der Art des Befundes ab. Die meisten Geistheiler beschränken sich auf den Bereich des "Energetischen": Sie treffen Aussagen über den Zustand Ihrer Aura ("Im Magenbereich ist sie dunkler und schwächer") oder über Ströme und Gleichgewichte Ihrer Lebensenergie ("Der X-Meridian ist blockiert", "Ihr Y-Chakra arbeitet nicht richtig"). Diese angeblichen energetischen Störungen haben sich entweder bereits körperlich ausgedrückt - dann müssten sie, sofern sie keine Hirngespinste sind, über kurz oder lang auch von einem gewissenhaften Schulmediziner feststellbar sein. Oder sie beschränken sich bisher nur aufs Unkörperliche - dann disponieren sie allenfalls zu entsprechenden Erkrankungen, müssen aber nicht und niemals manifest werden. Denn zu den zentralen Annahmen der energetischen Medizin gehört es, dass jene inneren Prozesse, die über Gesundheit oder Krankheit entscheiden, nicht autonom ablaufen, sondern durch eine geeignete Geisteshaltung, psychische Verfassung und Lebensführung nahezu grenzenlos steuerbar sind: etwa durch größere innere Ruhe und Gelassenheit, durch bewussteres, tieferes und ruhigeres Atmen, durch freiere, unverkrampftere Körperhaltung und Bewegung, durch den Abbau von Ängsten, Aggressionen und Konflikten, durch positives Denken und bestärkende Autosuggestionen – und eben auch durch „geistig-energetische“ Einwirkungen von außen, durch einen sogenannten „Heiler“. Sich darum zu bemühen, ist in jedem Fall empfehlenswert - gleichgültig, ob die energetische Diagnose zutrifft oder nicht. Was ist Hilfesuchenden zu raten, denen ein Psi-Diagnostiker, vorgeblich "außersinnlich", eine lebensbedrohliche Erkrankung "ansieht" und den nahen Tod prophezeit? Von ihm sollten sie sich unverzüglich verabschieden. Denn er verstößt verantwortungslos gegen eine ethische Grundforderung an seriöse Heilbemühungen: Patienten darf keine Angst gemacht werden - denn diese Angst kann jene Katastrophe, auf die sich bezieht, überhaupt erst herbeiführen. Wer hypochondrisch einen Tumor in seinem Körper vermutet, wird ihn mit großer Wahrscheinlichkeit irgendwann auch einmal bekommen - vermittelt über neuroimmunologische Prozesse, die seine Psyche unter anhaltendem Angststress in Gang setzt und chronisch aufrechterhält. Viele Psi-Diagnosen wirken als self-fulfilling prophecies, als Prophezeiungen, die sich selbst erfüllen. Konfrontiert mit vermeintlichen "Enthüllungen" über versteckte Leiden oder die wahren Ursachen offensichtlicher Beschwerden, achten Patienten anschließend in der Regel besonders aufmerksam auf entsprechende Anzeichen; viele beginnen sie geradezu ängstlich zu erwarten. So kann eine übersinnlich festgestellte "Magenschwäche" dann leicht zu passenden Symptomen führen, auch wenn zum Zeitpunkt der Diagnose noch keine Rede von derlei Beschwerden sein konnte. Warum der Verhaltenskodex der Stiftung Auswege/IVH Psi-Diagnosen strikt untersagt Aus all diesen Gründen verlangt der Verhaltenskodex der Stiftung Auswege/IVH von geistig Heilenden kurz und bündig, „keine Diagnosen zu stellen“ (§ 3). Im Teamkodex für alle Mitwirkenden an „Auswege“-Therapiecamps heißt es ausführlicher (§ 5): „Gegenüber Patienten und ihren Angehörigen stellen wir keine Diagnosen – und dies im weitesten Sinne. Wir äußern wir nichts, was entsprechend missverstanden werden könnte: seien es außersinnlich wahrgenommene Eigenschaften der Aura, vermutete Ereignisse in früheren Inkarnationen, mediale Eingebungen von Engeln und Geistführern; kinesiologisch, radiästhetisch oder sonstwie festgestellte Defizite; energetische Blockaden von Chakren und Meridianen, Belastungen durch Fremdenergien usw. Diagnostische Eindrücke können Behandlungen leiten, ohne mitgeteilt werden zu müssen.“ Die erwähnten Vorbehalte gelten für alle genannten Arten von Psi-Diagnostik gleichermaßen. Denn bisher fehlen jegliche wissenschaftlichen Anhaltspunkte dafür, dass irgendeine dieser Methoden den übrigen überlegen ist. In jedem Bereich lassen sich eine Handvoll herausragende Könner, eine Menge Mittelmaß und allzu viele Versager finden. Nicht die Methode entscheidet - sondern die paranormale Begabung, die kritische Selbstkontrolle und das Verantwortungsbewusstsein derer, die sie anwenden. Von daher ist es zweitrangig, ob Sie sich von einem "wandelnden Röntgengerät" durchleuchten, von einem Aura-Fühligen abgreifen oder ein Pendel ihren Körper entlangschwingen lassen. Wertvolle Hinweise können Sie von jeder Vorgehensweise erwarten, ebenso wie Sie bei jeder auf Enttäuschungen gefasst sein müssen. Und sollten Sie je in Versuchung geraten, außersinnliche Enthüllungen allzu schnell für bare Münze zu nehmen: Denken Sie an ein elfjähriges Mädchen namens Emily Rosa - und bewahren Sie sich etwas von deren kindlicher Neugier. Die kleine Amerikanerin aus Loveland, Colorado, dachte sich Anfang 1998 eine simple Versuchsanordnung aus, um die "Aurafühligkeit" von Heilern zu testen. In ein Tuch, das als Sichtblende diente, schnitt sie zwei Löcher, durch die ein Heiler seine Arme streckte. Ein Münzwurf entschied, über welche ausgestreckte Hand Emily jeweils eine eigene hielt. Bei 280 Versuchen war auf den Spürsinn von 21 getesteten Heilern im Schnitt lediglich zu 44 Prozent Verlass - noch unterhalb der Wahrscheinlichkeit, durch bloßes Raten richtig zu liegen. (11) (Harald Wiesendanger) Dieser Artikel enthält Auszüge aus Harald Wiesendanger: Wenn Schweigen Gold ist - Grenzen und Gefahren der Psi-Diagnostik (2016). Anmerkungen 1 Zitiert nach Krassimira Dimowa, "Mein Weg zur Heilerin", Grenzgebiete der Wissenschaft 4/1991, S. 311-333. 2 Norman Shealy: “The Role of Psychics in Medical Diagnosis”, in Rick Carlson (Hrsg.): Frontiers of Science and Medicine, New York 1975. 3 Norman Shealy: „Medical and Counselling Intuition“, Artikel auf dessen Website https://normshealy.com 4 Zit. nach St. Galler Tagblatt vom 17. Juli 2007, online nachzulesen bei www.tagblatt.ch/altdaten/tagblatt-alt/tagblattheute/hb/ostschweiz/tb-os/art778,113897 5 Die folgenden und weitere Methoden der Psi-Diagnostik werden ausführlich vorgestellt in Harald Wiesendanger: Das Große Buch vom geistigen Heilen - Möglichkeiten, Grenzen, Gefahren, Lea-Verlag: Schönbrunn 2000, S. 200 ff. 6 Die folgenden Einschränkungen begründe ich eingehend in meinem Großen Buch vom Geistigen Heilen, a.a.O., S. 228ff. 7 H. Treugut u.a.: „Kirlian photography: accidental or person-specific pattern?“ Forschende Komplementarmedizin 7/2000, S. 12-16 8 Beverly Rubik: „Measurement of the Human Biofield and Other Energetic Instruments“, in Lyn Freeman (Hrsg.): Mosby´s Compementary and Alternaive Medicine: A Research-Based Approach, Elsevier: Oxford 3. Aufl. 2008, Kap. 20. 9 H. Treugut u.a.: „Reliabilität der Energetischen Terminalpunktdiagnose (ETD) nach Mandel bei Kranken“, Forschende Komplementarmedizin 2/1998; S. 224-229 10 H. Treugut u.a.: „Reliabilität der energetischen Meridianmessung mit Prognos A(R)“, Forschende Komplementarmedizin 5/1998, S. 284-289 11 Der Spiegel 16/1998, taz 4./5.7.1998

  • Außer Kontrolle

    Ein unernster Blick in die Zukunft: Nach hundert Therapiecamps, deren verdächtig glänzende Erfolgsbilanz von der Schulmedizin weiterhin hartnäckig ignoriert wird, scheint es meiner Stiftung Auswege im Jahr 2035 endlich an der Zeit, die Ergebnisse ihrer legendären Heilwochen wissenschaftlich zu untermauern. Ein großzügiger Mäzen, Freiherr Hans H. von Hansen, will dazu ein Forschungsstipendium spendieren, mit dessen Hilfe ein fleißiger Medizinstudent, Gottlieb Servilius, eine längst überfällige empirische Studie über die „Auswege“-Camps durchführen will, die höchsten Ansprüchen genügen soll. Begleitet von seinem Doktorvater Prof. Dr. med. Dr. h.c. Utz Schütz, einem namhaften Lehrstuhlinhaber an einer renommierten deutschen Universität, folgt er einer Einladung des Stiftungsvorsitzenden Gerald. Der empfängt sie gemeinsam mit Karin, der Leiterin der Geschäftsstelle, die seit ­längerem die Camps organisiert. Ferner anwesend sind der ärztliche Leiter der Camps, der Radiologe und Ganzheitsmediziner Dr. Holger Pröll, sowie ein Mitglied des Camp-Therapeutenteams, der christliche Handaufleger und Gebetsheiler Alfred Wemmerl. Doch das Treffen verläuft desaströs – nachzulesen in einem prophetischen Gesprächsprotokoll. Unter dem Titel Außer Kontrolle erschien es im Jahr 2016. Gerald: Zunächst darf ich Sie alle herzlich willkommen ­heißen und Ihnen danken, dass Sie sich die Zeit n .... Prof. Schütz (unterbricht ­un­gehalten): Sparen wir uns weitschweifige Begrüßungsfloskeln, spätestens in 1,75 Stunden muss ich weg, zu einem Symposium. Alfred: Also, ich bin dafür, dass wir uns zunächst ­meditativ einstimmen und ein Gebet sprechen. Dazu könnte ich meine Klangschalen anschlagen ... Prof. Schütz (verächtlich): ... und anschließend ein Räucherstäbchen abbrennen lassen, ´ne schwarze Katze schlachten und 77mal „Om“ singen? ­(Kichert, dann erstarrt seine Miene abrupt.) Schlagen Sie an, wen oder was Sie wollen, aber ohne mich. Sonst wird das Symposium ohne meinen ­Eröffnungsvortrag beginnen. Alfred (murmelt beleidigt): Wär´ ja womöglich gar kein Verlust. Karin rempelt ihn an und legt vielsagend den Zeigefinger auf ihre Lippen. Gerald: Kommen wir also ohne Umschweife gleich zur Sache. Uns geht es darum, ­wissenschaftlich einwandfrei zu belegen, dass unsere Therapiecamps chronisch kranken, vermeintlich „behandlungs­resistenten“ Patienten tatsächlich helfen, und zwar in jenem hohen Maße, das wir seit fast drei Jahrzehnten beobachten. Prof. Schütz: Wurde auch höchste Zeit. Denn bisher haben Sie, mit Verlaub, einen esoterischen Zirkus veran­staltet, ohne Prüfplan, ohne Studiendesign, ohne klar ­definierte Zielkriterien, ohne systematische Auswertung, ohne jegliche Kontrolle, die diese Bezeichnung verdient hätte - für Außenstehende ­absolut unglaubwürdig, aus wissenschaftlicher Sicht haarsträubend dilettantisch. Karin: Da muss ich wider­sprechen. Bei jedem Camp haben wir alle teilnehmenden Patienten, gegebenenfalls auch ihre Angehörigen, Tagebuch führen und einen detaillierten Fragebogen ausfüllen lassen. Deren Auswertung ... Prof. Schütz (unterbricht): Wer wertete denn aus? Karin: Na, wir. Kreuzchen ­zusammenzählen können wir nämlich schon seit der Grundschule, erste Klasse. Prof. Schütz: Können ja, aber wollen? Womöglich schummeln Sie seit drei Jahrzehnten. Gerald: Nichts für ungut, ­lieber Professor, aber wären wir tatsächlich mit krimineller Energie ausgestattet, würden wir sie auf gewinnbringen­deren ­Betätigungsfeldern als ­karitativer Stiftungsarbeit ­ausleben, glauben Sie mir. Hansen: Der Professor hat recht. Lassen Sie das doch künftig durch einen Hiwi von der Uni erledigen, am Honorar soll´s meinetwegen nicht scheitern. Karin: Also, um dort fortzu­fahren, wo ich unterbrochen worden bin: Die Auswertung der Teilnehmerunterlagen ­bestätigte in über 80 Prozent aller Fälle deutliche gesundheitliche Verbesserungen. ­Darüber hinaus ... Prof. Schütz (unterbricht schon wieder): Können Sie alles in die Tonne treten. Nicht wahr, Gottlieb? Gottlieb: Muss man so sehen. Da weder Tagebücher noch Fragebögen anonym ausgefüllt worden sind, könnten sich die Teilnehmer unter Erwartungsdruck gefühlt haben, die offenkundig hochengagierten, supernetten Stiftungsvertreter nicht zu enttäuschen, sich als dankbar zu erweisen und ihre Wertschätzung kundzutun, dass die Auswegler sich ehrenamtlich ganz viel Mühe gegeben haben. Vielleicht machten sich die Patienten, unter Ihrem suggestivem Einfluss, auch ­selber etwas vor, was ihre ­gesundheitliche Verfassung ­betrifft. Dr. Pröll: Aber zusätzlich führte ich als Arzt bei allen Teilnehmern Vor- und Nachkontrollen durch, zu Beginn und am Ende. Prof. Schütz: Und wie, ­bitteschön? Dr. Pröll: Nun ja, ein Labor und apparative Diagnostik ­stehen in unseren Camps nicht zur Verfügung. Deshalb konnte ich nur vorliegende Befund­berichte sichten, eingehende Gespräche führen und nach Augenschein urteilen, aus ­ärztlicher Erfahrung. Prof. Schütz (die Mundwinkel verächtlich nach unten ziehend): Aha. Die vorab eingereichten Befundberichte waren aktuell? Und gleich nach Campende wurden die Patienten nochmals gründlichst durch­gecheckt, nicht von Ihnen, sondern in einer bestens ­ausgestatteten Praxis oder ­Klinik? Dr. Pröll: Leider nur ausnahmsweise. Manche medi­zinischen Unterlagen waren schon mehrere Monate alt, ­vereinzelt sogar Jahre, weil die Patienten nicht ein weiteres Mal zu Ärzten wollten, die sie ja schon als „therapieresistent“ verabschiedet hatten. Prof. Schütz: Sie aber wollen mir allen Ernstes weismachen: „Macht nix, ich merke auch so, wie es einem Patienten geht“? Dr. Pröll: In den meisten ­Fällen: ja, durchaus! Natürlich habe ich kein außersinnliches Sensorium dafür, ob sich Blutzuckerspiegel, Kreatinin-, ­Hämatokrit- und PSA-Werte, Gefäßverengungen und ­Metastasen verändert haben – in solchen Fällen fordere ich Campteilnehmer auf, das baldmöglichst abklären zu lassen. Dazu zwingen kann ich sie ­allerdings nicht. Aber um festzustellen, ob Symptome eines Asthma bronchiale, einer ­Phobie, einer depressiven ­Störung, einer Bewegungs­einschränkung, von Autoaggressivität oder ADHS nachgelassen haben, brauche ich kein Labor. Prof. Schütz: Nichts für ungut, aber die Güte Ihrer Feststellungen scheint mir auf dem ­Niveau eines Alkoholikers zu liegen, der beurteilen soll, ob Schnaps gut tut. Dr. Pröll (pikiert um Fassung ringend): Sie ziehen meine ­Objektivität in Zweifel? Prof. Schütz: In der Tat. Dass Sie längst mit Alternativ­medizin sympathisieren, ­entnehme ich Ihrem Lebenslauf. Demnach haben Sie ­reichlich Motive, Verlauf und Ergebnisse der „Auswege“-Camps zu beschönigen. Dr. Pröll: Welche Motive ich aus Ihrem Lebenslauf erschließe, behalte ich lieber für mich. Gerald: Um das Bisherige ­zusammenzufassen: Um ­unsere Camperfolge wissenschaftlich zu untermauern, müssen wir beim Punkt Null beginnen, weil wir im Grunde noch nie darüber hinaus­gekommen sind? Prof. Schütz: Sie sagen es. An den Grenzen des Beobachtens Gerald: Wie wäre es mit einer sauberen Beobachtungsstudie? Wir ersetzen unseren angeblich befangenen Camparzt durch unabhängige Mediziner, gerne von Ihrer Uniklinik. Dort wird auch ausgewertet. Alle Campteilnehmer schicken wir vor dem ersten und gleich nach dem letzten Camptag zu Ihnen, für eingehende ­Dia­gnostik, unter Einsatz ­modernster Technik. Wie sich ihr Befinden während eines Camps verändert, erfassen wir mit validiertem, klinisch bewährtem Frageinventar ... Prof. Schütz: Sie scherzen. Gerald: Nein, danach ist mir nicht zumute. Worauf wollen sie hinaus? Prof. Schütz: Was sich wissenschaftlich beobachten lässt, egal mit welchem Instrumen­tarium, ist bestenfalls, ob und in welchem Maße es Ihren Campteilnehmern nach acht bis neun Tagen besser geht, ­objektiv und subjektiv. Das ­bezweifelt freilich keiner, nicht mal ich. (Grinst.) Der springende Punkt ist doch: Warum geht es ihnen besser? Sie ­behaupten: wegen der fabelhaft segensreichen Therapien, die zum Einsatz gekommen sind. Gegenfrage: Könnten die zu beobachtenden Fortschritte nicht schlicht daher rühren, dass die Camptage erholsam, die Landschaft idyllisch, Ihr Entertainment gelungen, Ihre Streicheleinheiten zahlreich, Ihre Umarmungen innig waren? Wie schließen Sie aus, dass Sie die festgestellten ­Effekte nicht ebensogut hätten zustande bringen können, indem Sie Ihren Patienten eine Ferienwoche auf den Kanaren oder in der Karibik spendieren? Dr. Pröll: Dass auf Teneriffa binnen einer Woche eine jahrelange, medikamentös nicht ­einzudämmende Epilepsie ­verschwindet, wäre mir neu ... Prof. Schütz: ... aber nicht mit absoluter Sicherheit aus­zuschließen. Endlich kontrolliert studieren Gerald: Was schlagen Sie ­stattdessen vor? Prof. Schütz: RCT! Placebokontrolliert! Mindestens ­doppelblind! Alfred: Hä? Prof. Schütz: Servilius, was haben Sie im ersten Semester über RCTs gelernt? Gottlieb (eifrig): „RCT“ steht für „randomized controlled trial“, eine randomisierte kontrollierte Studie. Dieses Design gilt als „Goldstandard“ medizinischer Forschung, ihr „Königsweg“, einer evidenzbasierten Medizin liefert sie die hochwertigsten Daten ... Prof. Schütz (fällt ihm ins Wort): ... und nur so findet Ihre Campheilerei jemals ­Beachtung bei Hochschulen, Unterstützung durch Krankenversicherungen, Anerkennung und Förderung bei Ministerien und sonstigen staatlichen ­Einrichtungen, Publikationsmöglichkeiten in der medi­zinischen Fachpresse. Ist Ihnen nicht klar, dass wir europaweit auf ein Gesundheitssystem zusteuern, in dem Therapie­formen entweder RCT-fundiert oder aussortiert werden? (Kramt in seinen Unterlagen, zückt ein EU-Amtsblatt und liest vor.) Längst hat die Europäische Kommission lobens­werterweise klargestellt: „Die Wirksamkeit einer Heilbehandlung wird in randomisierten Doppelblindversuchen nach­gewiesen, die zeigen, dass das Heilmittel besser wirkt als ein Placebo. Diese Methode wird zur Beurteilung der medi­zinischen Behandlung ­verwendet.“ Fahren Sie fort, Servilius. Gottlieb: Also, bei einer RCT-Studie werden Patienten ­mindestens zwei Gruppen ­zugeordnet: Die eine – die ­Studiengruppe, auch Prüf-, ­Experimental-, Interventions- oder Verumgruppe genannt - erhält die Therapie, deren Wirksamkeit auf dem Prüfstand steht. Der anderen – der Kontrollgruppe, auch ­Vergleichsgruppe genannt – wird sie vorenthalten; sie wird gar nicht, bloß zum Schein – mit einem „Placebo“ - oder standardmäßig behandelt. Um Glaubenseffekte aus­zuschließen, werden alle ­Patienten „verblindet“, das heißt, im Ungewissen gelassen, ob sie behandelt werden oder nicht. Damit die beteiligten Prüfärzte nicht aufgrund von Voreingenommenheiten mit den beiden Gruppen unterschiedlich umgehen, bleibt auch ihnen die Gruppen­zuteilung verborgen – so wird die Studie „doppelblind“. Die Zuteilung erfolgt „randomisiert“, nach dem Zufallsprinzip - das englische Wort random ­bedeutet „zufällig“ -, um sie der Einflussnahme durch einen möglicherweise befangenen Untersucher zu entziehen. In diesem Augenblick huscht die schwarze Katze des Hausherrn am Tisch vorbei. Alfred: Au weia, von links nach rechts! Das kann ja heiter werden! Dieser Text enthält die ersten Abschnitte des Buchs von Harald Wiesendanger: Außer Kontrolle - Warum die Stiftung Auswege "unwissenschaftlich" vorgeht - und dazu steht (2016)

  • Auf der Suche nach Sinn

    Schwere Krankheiten oder Behinderungen werfen Sinnfragen auf - bei den Betroffenen ebenso wie bei ihren Angehörigen. Ärzte schweigen darüber. Hat meine Stiftung AUSWEGE Antworten? Wie helfen wir Patienten, die am Wozu ihres Leidens verzweifeln? „Um Himmels wil­len, geben Sie mir einen Therapie­platz!“, fleht die Anruferin, nachdem ich ihr klargemacht habe, dass unser nächstes „Auswege“-Camp restlos ausgebucht ist. Warum so dringend? Die junge Frau, Ende Zwanzig, hat Brustkrebs – im End­stadium. Überall wuchern Metasta­sen. Hoffnungslos, befanden ihre Ärzte. „Was soll bloß aus meinen Kindern werden, wenn ich nicht mehr da bin?“, schluchzt sie. „Meine Tochter ist Fünf, mein Junge noch nicht mal Zwei. Und ich bin alleinerziehend.“ Betroffen sage ich ihr zu. Aber sie kommt nicht. Acht Tage vor Campbeginn stirbt sie. Hätte sie teilgenommen, dann be­stimmt aus mehr als einem Grund. Natürlich hoffte sie bis zuletzt auf einen therapeutischen Ausweg – dass sich das bösartige Zellwachstum mit unserer Hilfe irgendwie zum Still­stand bringen, zumindest verlangsamen lässt, damit sie Zeit gewinnt. Aber ebenso dringlich dürfte sie auf Antworten aus gewesen sein: Wozu diese schreckliche Erkran­kung, in so jungen Jahren, unter solchen Um­stän­den, mit derartigen Folgen? „Angst vor dem Tod habe ich nicht“, sagte sie – „aber entsetzliche Angst um meine beiden Kleinen. Was soll bloß aus ihnen werden, ohne mich?“ Mit ähnlich tragischen Schicksalen werden wir im Beratungsalltag der Stiftungsarbeit unentwegt konfrontiert; keines lässt uns kalt, fassungslos fühlen wir mit. Je gravierender, je lebensbedrohlicher die Er­kran­kung, desto häufiger geht es Hilfe­suchenden um mehr als Sym­ptomlinderung. Sie sind zu­tiefst erschüttert, sie geraten in eine existentielle Krise. Denn schwere Krankheit durchkreuzt Lebenspläne, wirft aus der Bahn, rückt Ziele in unerreichbare Ferne, beeinträchtigt Be­zie­hungen, macht arbeitsunfähig, erzwingt den Abschied von eingefleischten Gewohn­hei­­ten, stellt bisherige Perspek­tiven radikal in Frage. Sie kann einsam machen, mit ständigen Schmerzen verbunden sein, mit quälenden Ängsten, mit tiefer Verzweiflung. Sie zerstört nicht nur Lebensqualität, sondern auch Lebenssinn. Lebenssinn? Ende 2013 gaben in einer Umfrage nur 37 Pro­zent der Bundesbürger an, sich schon „oft“ danach gefragt zu haben. (Vier Jahre zuvor waren es noch acht Prozent mehr ge­we­sen.) Besonders wenig kümmert sie Jugendliche und junge Erwachsene: 74 Pro­zent haben sich nach eigenen Angaben noch nie damit be­schäftigt. Mit zunehmendem Alter steigt das Gewicht der Sinnsuche: Von den über 70jährigen hat sich fast jeder Zweite schon häufig damit befasst. (1) Bei chronischer Krankheit allerdings wächst dieser Anteil sprunghaft – erst recht, wenn sie das eigene Leben einschneidend verändert und bedroht. Wie uns die „Wozu“-Frage herausfordert Von derart Betroffenen melden sich die wenigsten zu einem „Aus­wege“-Camp an; manche sind nicht mehr reisefähig, an­dere scheuen die Groß­gruppe. Häufiger lassen sie sich von uns einen Thera­peu­ten in der Nähe ihres Wohnorts empfehlen. Oder sie bitten uns, in un­se­rem Newsletter einen Hilfe­ruf zu veröffentlichen, in der Hoffnung, unter den Lesern fände sich irgendein Heilkun­di­ger, der noch weiterweiß. So war es bei Davido* (Pseudo­nym), einem 61jährigen Psy­chotherapeuten, der noch so vielen Patienten helfen will – von einer Parkinson-Erkran­kung jedoch zunehmend da­ran gehindert wird. „Es fällt mir immer schwerer, mich klar und deutlich auszudrücken, oft fehlen mir die Worte, ich spreche leiser und undeutlicher“, schrieb er uns im Som­mer 2014. „Stressige Situatio­nen machen mir Angst und ver­stärken das Zittern. Ich merke, dass ich geistige Prä­senz und Empathiefähig­keit verliere.“ Die Wozu-Frage be­schäftigt ihn ebenso wie eine verzweifelte Ehefrau, die sich im Herbst desselben Jahres an uns wandte: „Gibt es noch einen Ausweg für meinen Mann“ – trotz eines besonders bösartigen, rasch wachsenden Hirntumors, einem Gliobla­stom, das sich im MRT in mehreren Bereichen seiner linken Hirnhälfte zeigte und bereits in die Hirnhäute aussäte? „Er ist doch erst 55.“ Eine erste Ge­schwulst war in seinem Kopf bereits 1995 entdeckt und operiert worden, eine zweite 2002. Warum musste er das durchmachen? Weshalb verlor seine Familie am Ende – im Novem­ber 2014 - einen hingebungsvollen Vater und Ehemann? Hätten diese beiden den Weg in unsere Camps gefunden und uns mit Sinnfragen konfrontiert: Wie wären wir damit um­gegangen? Wie tun wir es bei jenen, die zu uns kommen? Was sagen wir ihren Angehörigen? Wie erklären wir jemandem, warum sein Kind, sein Lebens­ge­fährte aufs Schwerste er­krankt oder behindert ist? Un­aus­löschlich ins Gedächtnis ein­gebrannt hat sich mir, unter so vielen anderen bestürzenden Fällen, beispielsweise die dreijährige Laura aus unserem aller­ersten Camp im Sommer 2007 nahe der Nordsee: Warum muss das Frühchen, in der 24. Schwangerschaftswoche zur Welt gekommen, mit einer spastischen Tetraparese leben, mit Lähmungen in allen vier Glied­maßen, die ruckartig zucken, weil die Muskelspannung krank­haft erhöht ist? Mir fällt die achtjährige Lisa ein, die zwischen heftigen Hustenan­fällen quicklebendig und ausgelassen im Juli 2012 um unser Camphaus im Schwarzwald tollte – nichtsahnend, dass die Mukoviszidose, die sie vor unseren Augen immer wieder zähen Schleim abhusten ließ, sie bald umbringen könnte. Mich berühren die Schicksale Dutzender von Kindern, die kerngesunde, putzmuntere Ba­bies waren und sich in den ersten Lebenswochen prächtig entwickelten – bis sie mit einer Mehrfachimpfung zu geistig schwerstbehinderten Epilepti­kern gespritzt wurden. Ich erinnere mich an die fünfjährige Mira, die im Sommer 2008 erstmals an einem „Auswege“-Camp teilnahm, damals als schwere Epileptikerin mit bis zu 20 Anfällen pro Tag: Eben noch hatte sie mit mir im Garten des Camphauses vergnügt Ball gespielt – wenige Minuten später, neben mir beim Mittagessen, zuckte sie plötzlich, sackte in sich zusammen, war eine Dreiviertelstun­de lang apathisch und nicht mehr ansprechbar. Ich denke an Oliver, den seine Mama im Sommer 2011 zum dritten Mal zu uns brachte: Von Geburt an litt der aufgeweckte Junge, inzwischen Zehn, an einer Tetraspastik, die alle Glied­maßen betraf, seine Muskeln ständig unwillkürlich kontrahieren ließ und koordinierte Bewegungsabläufe unmöglich machte. Seinen defekten Kör­per akzeptierte er mit einer unfassbar heiteren Selbstver­ständ­lichkeit. Stolz führte er mir vor, welche Fortschritte er nach Behandlungen gemacht hatte: dass er einen Fußball treffsicher ins Tor schießen, zum ersten Mal mit der spastisch beeinträchtigten Zunge ein Eis schlotzen, mit zittrigen Fingern ein Dutzend Teile eines Schweizer Taschenmessers herausziehen und wieder zurück­klappen konnte. Die kleine Paula fällt mir ein, ebenso alt wie Mira und der leuchtende Sonnenschein unseres 13. Camps im November 2013, den jeder im Team „unser blondes Engelchen“ nannte. Von Geburt an war das Mäd­chen von einer Cerebralparese betroffen (von lat. cerebrum: „Ge­hirn“, griech. parese: „Läh­mung“): Bewegungsstörungen, die von einer frühkindlichen Hirnschädigung herrühren. (In Paulas Fall lag eine „periventrikuläre Leukomalazie/PVL“ vor: eine durch erheblichen Sauerstoffmangel verursachte Schädigung der weißen Hirn­substanz.) Mit der dadurch hervorgerufenen Behinderung ge­hen Störungen des Nerven­systems und der Muskulatur im Bereich der willkürlichen Motorik einher. Bei Paula lag eine beinbetonte Spastik vor. Geistig hellwach, waren ihr diese massiven körperlichen Ein­schränkung vollauf be­wusst. Trotzdem lächelte sie umwerfend offen, zutraulich, glücklich mit jedem von uns um die Wette, plapperte, trieb Schabernack. Wie tapfer, geradezu selbstverständlich sie mit ihrem schweren Handicap um­ging, war Vorbild für so manche erwachsenen Teilneh­mer, die über unentwegtes Hadern mit schwerem, unverdientem Los ihre Lebensfreude verloren haben. Mit ihrer ansteckenden Fröh­lichkeit, ihrer Lebendigkeit, ihrer Herzlichkeit wurde die Kleine gewissermaßen Teil unseres Therapeutenteams. Nie vergessen werde ich jenen „Mor­genkreis“, in dem sie strahlend auf mich zutorkelte – bis einen Meter entfernt von mir plötzlich ihre wackligen Beinchen nachgaben; sie fiel vornüber, schlug mit dem Ge­sicht auf den harten Boden, eine Lippe platzte auf, mit blutüberströmtem Gesicht lag sie schreiend vor mir. Ebenso un­vergesslich bleibt mir eine Szene aus einem Gesprächs­kreis ein halbes Jahr später, im Mai 2014: Der Sitzreihe der Anwesenden entlang tastete sich der siebenjährige Peter – auf beiden Augen blind, aufgrund einer ausgeprägten Op­ti­cushypoplasie („DeMorsier-Syndrom“), einer Fehlent­wicklung des Sehnervs - langsam zu mir vor, kletterte auf meinen Schoß, schlang seine Arme um mich, schmiegte sich an mich und verharrte minutenlang still in dieser Position. Jedes dieser Kinder, darüber war ich mir immer im klaren, hätte meines sein können. Und jedes hätte mich als Vater womöglich an der Frage verzweifeln lassen: Wozu müssen sie derart leiden? Ähnlich war mir angesichts vieler erwachsener Teilnehmer zumute. Ich denke an Kristin, die im Oktober 2014 zum zweiten Mal zu uns kam, begleitet von ihren Eltern; erst Dreißig geworden, hat eine rasch fortschreitende Multiple Sklerose sie längst an den Rollstuhl gefesselt – in einem Alter, in dem andere junge Frauen gerade im Berufsleben Fuß gefasst haben, ihren ersten eigenen Haushalt führen, dem Mann fürs Leben begegnen, die Kin­derplanung angehen, eine Fa­milie gründen. Wie können wir nicht nur sie, sondern auch ihre Mutter aufrichten, die an schweren Depressionen, Angst­­zu­ständen und Schlaf­stö­run­gen, ständiger Müdig­keit und Antriebslosigkeit leidet, weil sie dem körperlichen Verfall ihres geliebten Kinds hilflos zusehen muss? Ich erinnere mich an Joachim*, einen knapp 50jährigen Versiche­rungs­kauf­mann, dem 2011 eine Motoneu­ronenerkrankung diagnostiziert worden war: ein un­erbitt­lich fortschreitender Ab­bau von Nervenzellen, der zu immer stärkeren Muskel­läh­mungen führt – Anfang 2012 erlag er ihr, als sie auf sein Herz übergriff. Was können wir seiner Witwe Hilfreiches mitgeben, die be­reits in sieben „Auswege“-Camps Trost suchte, seit Joa­chim in ihren Armen starb, und bei uns zwar zeitweilige Ablen­kung, bisher aber keine Erlö­sung aus ihrem tiefen Tal der Tränen fand? Von beteiligten Ärzten hörte keiner von ihnen Hilfreiches – aus Prinzip, jedenfalls seit anderthalb Jahrhunderten. Von den vorchristlichen Priester­ärzten bis zur mittelalterlichen Klostermedizin: Jahrtausende­lang waren Heilkunde und Seelsorge eins gewesen. Doch als sich die westliche Medizin ab dem 19. Jahrhundert naturwissenschaftlichen Leitbildern unterwarf, zerbrach diese Ver­bindung, und Humanismus wurde obsolet: Ihr „aufgeklärtes“ Menschenbild, in dem nur objektiv Messbares Platz finden sollte, zeichnete Patienten als biochemisch-physikalische Me­cha­nis­men; deren Psyche wur­de auf Hirnvorgänge reduziert oder in die Zuständigkeit von Psychologen und Seelsor­gern ausgelagert. In ihren Sprech­stun­den empfangen neu­zeit­liche Ärzte seither vorzugsweise zweibeinige Bioma­schi­nen, die sich damit zufriedengeben, defekte Körperfunk­tio­nen reparieren zu lassen, statt impertinenterweise seelische Regungen oder gar spirituelle Be­dürfnisse zu bekunden. Sinn­fragen erhielten das Prädikat „unwissenschaftlich“. Ist die Sinnfrage sinnlos? Schlimmer noch: Sie gerieten in den Ruf, sinnlos zu sein. Und sind sie das etwa nicht? Wozu etwas geschieht, lässt sich nur innerhalb von Kontexten beantworten, in denen Akteure zweck­orientiert Absichten verfolgen. Wozu ich meinen Turm auf das Feld a8 stelle, ergibt sich aus den Regeln des Schachs. Wozu ich einen Ball ins Tor kicke, erklärt sich daraus, dass ich Fußball spiele. Wo Sinn ist, muss Geist am Werk sein. Weht eine Sturmböe den Ball ins Tor, grübeln wir nicht dar­über, wozu sie das macht – oder jemand durch sie. Wieso nicht? Weil wir es absurd fänden, Wetterphänomenen Intentio­nen zu unterstellen. Der Ein­druck des Absurden entsteht, sobald Kausalzu­sam­menhänge geklärt sind: Wer Ursachen kennt, hört auf, nach Gründen zu fragen. Ihn be­schäftigt nicht mehr, wozu es schneit, wozu Wasser abwärts fließt, wozu der Mond um die Erde kreist, wozu sich Eisenfeil­späne zu einem Magneten hinbewegen; denn er weiß, warum. Liegt nicht eben darin das Verdienst neuzeitlicher Wis­senschaft: Warum-Fragen zu beantworten, wobei Glaube durch Wissen ersetzt wird – und dadurch Wozu-Fragen zu erübrigen? Je stärker eine solche Be­trachtungsweise den Zeitgeist prägt, desto schwerer fällt es, sich überhaupt noch öffentlich zur persönlichen Sinnsuche zu bekennen – als ob man sich dabei mit einer Peinlichkeit wie Fußpilz, Hämorrhoiden oder Tripper outen würde, derer man sich schämen muss. Wenn Demoskopen Menschen auf ihren Lebenssinn ansprechen, stellen sie zunehmend fest, dass viele nur ironisch-distanziert und witzelnd darauf eingehen. Einzeln interviewt, reagieren sie hingegen überaus emotional und verheddern sich in gewundenen Erklärungen. Neuerdings fällt es anscheinend leichter, über intimste Details des eigenen Se­xuallebens zu sprechen als über den Sinn des eigenen Lebens. Dazu konnte es kommen, weil Sinnsuche mittlerweile überholt, primitiv und infantil an­mutet. Jahrtausendelang wa­ren die Weltbilder der Mensch­heit teleologisch geprägt: Im­mer und überall schienen Zwecke am Werk. Wozu gibt es Sterne? Gott hat sie am Him­melszelt befestigt, um die Nacht zu erleuchten. Wozu blitzt es? Zeus schleudert Don­nerkeile, um zu warnen und, falls sie einschlagen, olym­pische Strafurteile zu vollstrecken. Wozu treten Flut­wellen auf? Der erzürnte Mee­resgott rächt sich. Wieso bebt die Erde? Mutter Gaia ist wü­tend, der Monsterwels Namazu bewegt sich. Sobald wissenschaftliche Erklärungen vorliegen, scheint Religion auf dem Rückzug. Bis heute halten sich unter Ethnien in entlegenen Gegenden Afri­kas, Asiens und Südamerikas Glaubenssyste­me, in denen Sinnzusam­menhänge allgegenwärtig sind – doch darin vermuten wir eher Bildungslücken als höhere Ein­sichten. Jeder von uns hat im Laufe seiner geistigen Reifung eine teleologische Phase durchlaufen; „Artifizia­lis­mus“ nannte sie der französische Ent­wicklungspsychologe Jean Pia­get. Bei Kleinkindern bis zum sechsten, siebten Le­bensjahr beobachtete er, dass sie sich die Welt als Kreation vorstellen: Alles und jegliches ist künstlich geschaffen worden, sei es von Menschenhand – wobei die eigenen Eltern als (all)mächtige Mitgestalter emp­fun­­den werden – oder von Gott. Diesen Entwicklungsab­schnitt lassen sie allerdings hinter sich, sobald sie zur Schule gehen. Doch werden solche Argumen­te den Anliegen sinnsuchender Patienten wirklich gerecht? Was sie wollen und brauchen, ist im allgemeinen kein philosophisch-religiös letztbegründeter „höherer“ Sinn; ihnen geht es um Halt und Orientie­rung, um übergeordnete Ziele in ihrer ganz individuellen, einmaligen Situation – um einen „partikularen“ Sinn, wie ihn der Vater der Lo­go­therapie, Viktor Frankl nannte. Was ihnen weiterhelfen könnte, sind tröstende, auf­mun­ternde Worte, die ihnen klarmachen, dass ihr Leiden ne­ben Belastungen auch Chan­cen birgt, und Anregun­gen, die ihnen helfen, sich persönliche Ziele zu setzen, an denen sie ihr Leben neu ausrichten können. Ein solcher Ansatz gibt keinen Sinn vor; er setzt an bei dem, was die Betroffenen selber für wichtig und erstrebenswert erachten – sei es eine glückliche Part­nerschaft, Reichtum, ein schönes Zuhause, Erfolg im Beruf, Selbstentfaltung, Kinder ha­ben, oder bestimmten Inter­essen und Hobbies nachgehen -, um ihnen aufzuzeigen, wie sie trotz ihrer gesundheitlichen Einschränkungen ihr Leben auf diese persönlichen Priori­täten ausrichten können, und dafür Mut zu machen. Ob die­se Prioritäten es „letztlich“ wert sind, verfolgt zu werden, bleibt unbewertet – Logothera­peuten sind keine Fundamen­tal­ethiker. Wir Normaldenker sind es gewöhnlich erst recht nicht, und den meisten von uns will nicht einleuchten, worum es jenen überhaupt geht. Tag für Tag tun wir nicht nur eine Men­ge – im allgemeinen wissen wir auch stets, wozu. Wir kaufen ein, weil der Kühl­schrank leer ist. Wir machen Urlaub, um uns zu erholen. Wir gehen zum Friseur, um uns einen neuen Haarschnitt ver­passen zu lassen. Wir fa­sten, um abzunehmen. Wir ar­beiten, um ein Einkommen zu erzielen, mit dem wir uns und unsere Nächsten ernähren kön­nen. Wir treiben Sport, um fit zu bleiben. Wir gehen zu Bett, weil wir müde sind. Wir treffen Freunde oder hören Mu­sik, weil wir Lust dazu haben. Wir lesen ein Buch, weil uns sein Thema oder der Autor interessiert. Wir gehen eine Beziehung ein, um glücklich zu sein. Wir zeugen Kinder, um in ihnen weiterzuleben. Wo ist also das Problem? Es besteht darin, dass wir innerhalb unseres individuellen Le­bens zwar reichlich Begrün­dungen und Rechtfertigungen für unser Handeln finden – aber keine davon er­schließt uns dessen Sinn als Ganzes. Für ge­wöhnlich bewegen wir uns klag­los in unserem persönli­chen Käfig, in den uns die be­son­deren Koordinaten von Raum und Zeit, der Spezies, des Kulturkrei­ses, des Landes, der Or­ganisationen, Gruppen und Bezie­hun­gen sper­ren, die unser Dasein kennzeichnen. Weder scheren wir uns darum, dass wir da drinnen sind, noch beklagen wir es, noch sinnen wir darüber nach, wie wir ihm entfliehen könnten, noch malen wir uns aus, wie es draußen wohl sein mag, noch sehnen wir uns dorthin – normalerweise. Unter welchen Umständen be­ginnen wir überhaupt, ge­wöhn­­lichen, „partikularen“ Sinn zu hinterfragen? Danach drängt uns, wenn er seine Selbstverständlichkeit verliert. Das geschieht, - wenn uns sein Inhalt abhanden kommt – etwa wenn wir unsere Arbeit verlieren, unser Kind stirbt, eine Ehe zerbricht, unser bester Freund uns tief ent­täuscht; - wenn er aufhört, uns zu erfüllen – etwa wenn die bisherige Arbeit uns nicht länger befriedigt, eine Liebe in Routinen erstickt; - wenn uns eine veränderte Situation daran hindert, ihn weiterzuverfolgen – etwa bei schwerer Krankheit oder Behinderung; - wenn uns der Eindruck beschleicht, keine Kontrolle über unser Leben zu haben, und Opfer eines schicksalhaften, unberechenbaren und zu­fälligen Weltenlaufs zu sein – dann sehnen wir uns nach etwas, das uns ein Grundgefühl von Vertrauen und Sicherheit wiedergibt. (Religionssoziolo­gen sprechen von „Kontingenz­bewältigung“.) - Manchmal überkommt es uns aber auch „einfach so“, wenn uns danach ist – zu solchen An­wandlungen neigen melancholische, introvertierte, sensible, nachdenkliche Charaktere, Pu­ber­tierende und Senioren stärker als andere. Dann beginnen wir, unser bisheriges Tun, unser gesamtes Leben von außen zu betrachten; wir gehen auf Abstand zu uns selbst, um zu sehen, wie sinnvoll es von dort aus er­scheint. Enttäuscht uns, was uns diese objektive Perspektive vermittelt, können wir in Ori­en­tierungslosigkeit, Melan­cho­lie und Depression verfallen. Schlimmstenfalls den­ken wir an Selbstmord. In solchen Lebensphasen leuchtet uns ein, warum vielen Philosophen ein „partikularer“ Daseinszweck besorgniserregend defizitär vorkommt – weshalb sie es für ein schwerwiegendes Manko halten, wenn man sich „bloß“ an einem solchen orientiert. Denn egal welchem persönlichen Lebenssinn je­mand folgt: Er wirkt konstruiert, erfunden, irgendwie willkürlich, bodenlos. Und jeder lässt sich erbarmungslos hinterfragen. Wozu am Arbeitsplatz als unersetzlich gelten? Unsere Friedhöfe sind voll von lauter unentbehrlichen Leuten. Wozu irgendetwas besitzen wollen? Nichts davon werden wir am Ende mit­nehmen können. Wozu Kinder in die Welt setzen? In spätestens hundert Jahren werden sie tot sein, sofern sie nicht schon vorher einer schlimmen Krankheit, einem schweren Unfall zum Opfer fallen. Wozu Patienten helfen und heilen, wozu gesund werden? Ob man seine Krankheit loswird oder nicht: Irgendwann erliegt man unausweichlich einer anderen oder segnet aus sonstigen Gründen das Zeitliche. Wozu der Nachwelt im Gedächtnis bleiben wollen? Auch diese wird vergehen, und mit ihr jegliche Erinnerung an uns. Wozu sich für Dinge einsetzen, die der Menschheit nützen – für Um­weltschutz und Frieden, gegen Hunger, Folter, Unter­drückung, Krieg? Vernichtet wird sie ohnehin früher oder später. In fünf Milliarden Jah­ren wird sich unsere Sonne zu einem Roten Riesen aufblähen, auf der Erde Berge wie Butter schmelzen lassen und eine öde, mondähnliche Wüstenland­schaft zurücklassen. Selbst wenn die Mensch­heit bis dahin zu anderen Sonnen­systemen umsiedeln könnte, würde es ihr letztlich nichts nützen: Das Universum wird dereinst im Nichts verschwinden. Dem­nach ist nichts groß genug, um nicht winzig zu erscheinen. Der Abstand ent­scheidet. Die Qual des fortgesetzten Hinterfragens, das nicht enden will, weckt die Sehnsucht nach einem „letzten“, „höchsten“, „ab­soluten“, zeitlos und für jedermann gültigen Sinn, mit dem sich die Leere des Nihi­lismus ab­wen­den lässt. An eben dieser Denk­auf­gabe versuchen sich Phi­losophen seit Jahrtausen­den, ohne eines un­strittig „Letz­ten“, außerhalb der menschlichen Existenz zeitlos Vorgegebenem jemals habhaft geworden zu sein. Wie bei Aladin, als er die Wunder­lampe entpfropfte, so wird ein Geist freigesetzt, der nie mehr zu zähmen ist, sobald wir ins Philosophieren geraten und darangehen, die Antwor­ten, die wir innerhalb unseres Lebens auf Sinnfragen finden, mit „höheren“ Zwecken letztbegründen wollen. Wir unterwerfen uns dabei Erkenntnis­ansprüchen, die nicht befriedigt werden können – nicht aus einem Mangel an Wissen, sondern aus logischer Notwen­digkeit. Denn unser Leben als Ganzes könnte etwas „Höhe­res“ nur dann sinnvoll ma­chen, wenn dieses einen Sinn hätte – und eben das lässt sich ebenfalls stets in Zweifel ziehen. Wozu ist das „Höhere“ da? Entweder gibt es eine Ant­wort darauf – dann stellt sich die Frage erneut. Oder es gibt sie nicht – dann sind wir bei unserer Sinnsuche am Ende bei etwas angelangt, das keinen Sinn mehr hat. Wenn wir bereit sind, dieses Manko bei jenem „Höheren“ zu akzeptieren – wa­rum sollten wir an die gewöhnlichen, „partikularen“ Zwecke unseres Lebens strengere Maßstäbe anlegen? Transzendente Sinngebung hat einer säkularen insofern nichts voraus, sie führt nicht entscheidend weiter. Wenn Theo­lo­gen mir versichern, zumindest mit Gott als letztbegründender In­stanz, als endgültigem Erklä­rungsgrund verhalte es sich ganz anders, so bin ich wenig zuversichtlich, ob ich je verstehen werde, was sie damit eigentlich meinen – und ob sie selbst es wirklich verstanden haben. Erhält mein Leben seinen „letzten“ Zweck, indem es Gott wohlgefällig ist und seinen Plan erfüllt, in einer Weise, die keinen weiteren, übergeordneten Zweck mehr erfordert oder erlaubt? Kann es etwas geben, das einerseits allem anderen dadurch Sinn gibt, dass es dieses umfasst, seinerseits aber einen Zweck weder haben kann noch muss? Etwas, dessen Zweck nicht von außen erfragt werden kann, weil es hier kein Außen mehr gibt? Ein Innen ohne Außen macht nicht mehr Sinn als ein Unten ohne Oben, ein Links ohne ein Rechts, ein Vorne ohne ein Hin­ten, ein Unten ohne ein Oben. Sollten wir von grundlegenden, tiefsten Einsichten nicht erwarten dürfen, dass sie sich auf eine Weise darstellen lassen, die grundlegende Sprachlogik nicht zutiefst verletzt? Ein Le­benssinn, den ich nicht begreifen kann, bereitet mir schwachen Trost: Er ersetzt das Unbe­ha­gen an einer hinterfragbaren Antwort durch das Un­behagen an einer, bei der jedes Hinter­fragen daran scheitert, dass fraglich ist, ob es sich überhaupt um eine sinnvolle Aus­sage handelt. Wenn Gottes­glaube die Überzeugung einschließt, mein Dasein sei verstehbar, bloß nicht für mich, dann tausche ich offenbar ein Vakuum gegen ein anderes. Macht das denn Sinn? Ein „letzter“, „höchster“, „ab­soluter“ Sinn ist daher nicht zu haben. Ein weiterer Grund da­für wurde oben schon erwähnt: Außerhalb von Kontexten, de­ren Beteiligte vorab festgelegten Zwecken und Normen folgen, macht Sinnsuche so viel Sinn wie die Frage, ob es jenseits des Fußballs, unabhängig von seinem Regelwerk, ein Erkenntnisziel gibt, aus dem letztinstanzlich folgt, wozu Eck­bälle, Freistöße und Elf­meter „eigentlich“ ausgeführt werden. Die philosophische Sinnfrage lässt sich nicht lösen, nur auflösen – mit einem Dasein, das so be­friedigt und erfüllt, dass man es leid ist, sie weiterzuverfolgen. Dann verflüchtigt sie sich, wie eine schlechte Laune. Falls mir alles, was ich in meinem Leben wichtig, wertvoll und erstrebenswert finde, aus einer höheren Warte unscheinbar und nichtig vorkommt – was will ich überhaupt da oben? Nichts und niemand zwingt mich dazu. Wenn mein Dasein von dort aus unbedeutend er­scheint – muss das für mich be­deutend sein? Wer Ja zum Leben sagt, darf sich die Frei­heit herausnehmen, intellektuelle Aufforderungen zum Tiefstschürfen zu ignorieren, die Lebensqualität ohne Not und Ausweg beeinträchtigen. Folgt daraus, dass wir uns ab­gewöhnen sollten, die Außen­perspektive einzunehmen? Mü­s­­sen wir sie einfach ab­schaffen? Das können wir nicht. Denn die Möglichkeit, uns selbst, unser ganzes Leben wie von oben zu betrachten, ergibt sich daraus, dass wir selbstbewusste Wesen sind. Die Einsicht in die Absurdität unseres Daseins aus höherer Warte ist der Preis, den wir für die Fähigkeit zur Selbstdistan­zie­rung zahlen müssen. Auch wenn wir die Sinnfrage nicht unentwegt, sondern im allgemeinen nur unter be­sonderen Umständen stellen, werden wir sie nicht los, sie umlauert uns unentwegt. Und insofern versagt die Aladin-Analogie: Der Geist, den wir weder bändigen noch bannen können, ist keiner, den wir je hätten einsperren und in dauerhafter Gefan­gen­schaft halten können. Er führt ein aufsässiges Eigenleben, er um­schwebt uns unablässig, er gehört zu uns wie ein zweites Selbst, und jederzeit kann unser waches Ich beschließen, zu ihm überzuwechseln. Sich von dieser Möglichkeit nicht irritieren zu lassen, zählt zu den wichtigsten Vorausset­zungen für ein Leben, das als erfüllt empfunden wird. Vor diesem Hintergrund wird klar, warum die Säkularisierungsthese notwendig scheitert: Auch wenn in modernen Gesellschaften die Be­deutung traditioneller Kirchen und Reli­gionen schwindet, endet damit nicht das Bedürfnis nach Spiritua­lität. Es ergibt sich zwangsläufig aus der Fähigkeit zur Re-Flexion, die zu­gleich sicherstellt, dass es ungestillt bleiben muss – es sei denn, wir brechen an irgendeinem Punkt das Weiterreflektieren ab, weil uns be­friedigt, was wir bis dahin gefunden haben. Sinnsuchende Patienten in der Medizin Was einen Großteil der Ärzteschaft daran hindert, das Bedürfnis nach Sinn ernstzunehmen und darauf einzugehen, ist im übrigen weniger philosophischer Tiefgang als schlicht ein Mangel an Zeit, kommunikativer Kompetenz und Empathie. Ausbil­dung und Praxisalltag begünstigen einen Typus von Arzt, dem einerlei ist, ob er Hilfesuchenden unsensibel, kaltherzig und emotional verkrüppelt vorkommt – er versteht sich als Experte für das, was nach Subtrak­tion alles Psychischen vom ganzen Menschen übrigbleibt, und be­schränkt sich darauf. Immer stärkerer Gegenwind kommt längst nicht mehr bloß aus „alternativen“ Ecken, sondern sogar aus den eigenen Reihen: vornehmlich aus der Psychosomatik, die sich in den dreißiger Jahren als eigenständiges Fachgebiet etablierte, sowie aus der Medizinethik. Eine „zunehmende Entfremdung zwischen Medizin und krankem Menschen“ beklagt Gio­van­ni Maio, Professor für Medizin­ethik an der Universität Freiburg im Breisgau. „Denn während der Kran­ke selbst dazu neigt, die Krankheit zu deuten, ihr einen Sinn zuzuschreiben, sie einzubauen in einen größeren Sinnhorizont, tritt die moderne Medizin mit ihren verabsolutierten naturwissenschaftlichen Erklärun­gen auf und vermittelt dem Pati­en­ten, dass seine Bedeutungszuschrei­bun­gen irrational seien, weil diese oder jene Krankheit Resultat eines Ursache-Wirkungs-Mechanismus sei. (…) Der Arzt reagiert nicht mit Antworten, sondern mit Verordnun­gen, mit Schemata, mit evidenzbasierter Medizin – und lässt den Pati­enten letztlich mit seiner Not alleine. (…) Genau das empfindet der mo­der­ne Mensch als Ausgeliefertsein, als Entmachtung, als Alleinsein in der modernen Medizin. (…) Wenn diese „nicht sprach- und hilflos sein möchte, wird sie sich unweigerlich der Sinnfrage stellen müssen.“ (2) Eben darum bemühen sich etliche Ärzte, die dem Therapeuten-Netzwerk der Stiftung Auswege angehören: Sie verbinden symptombezogene Be­handlung mit ganzheitlicher Wegbe­gleitung, was nicht nur den Pati­enten zugutekommt, sondern letztlich auch ihre eigene Berufszu­friedenheit deutlich erhöht. Dr. Dorothea Fuckert etwa, Fachärztin für Psychotherapie und spirituelle Heilerin, liegt vor allem an einer „kontinuierlichen Balancierung und Harmonisierung in Körper, Geist und Seele“ – sie „sind der Maßstab für die langfristige Heilwirkung einer Methode“, weshalb sie ineins „grundlegende körperliche Gesun­dung, befreiende emotionale Hei­lung und erhellende spirituelle Er­fahrungen“ vermitteln will, auf der „Basis des Bewusstseins einer höheren intelligenten Ordnung, einer sinnvollen Einheit allen Seins, einer alles verbindenden göttlichen Quelle von Schöpferkraft, Weisheit und Liebe.“ Der Radiologe und Ganz­heits­mediziner Dr. Horst Schöll, ärztlicher Leiter zahlreicher „Auswege“-Camps seit 2010, will Patienten näherbringen, was er aus einem eigenen existentiellen Drama lernte: „dass alles, was mir begegnet, nicht Glück, Pech oder Zufall ist, sondern dass dahinter eine große Weisheit, eine tiefe Information, eine wichtige Aufforde­rung steckt, die es zu entdecken gilt. Da dies auch für jedes andere Leben gilt, machte ich es zu meiner Lebens­aufgabe, Hilfesuchende dabei zu unterstützen, diese verlorenen Bot­schaf­ten sehen zu lernen, zu ent­schlüs­seln und zur Bewältigung von Krankheiten, Lebenskrisen oder so­genannten Schicksalsschlägen zu nutzen. Ohne dieses tiefe Verstehen der Zusammen­hän­ge von seelisch-energetischer Ursache und dem aktuellen emotionalen Leid werden sich die Probleme nicht auflösen lassen.“ Derart vorzugehen, ist mitnichten eine schöngeistige, therapeutisch unerhebliche Luxus­veranstaltung, die Ärzte getrost abwälzen können. Denn ein Grundgefühl von Verbit­terung, Verzweiflung, Hoffnungs- und Sinnlosigkeit, ein unentwegtes Hadern und Grübeln lähmen die Fähigkeit und Bereitschaft, ein Leiden positiv zu bewältigen (3), was wiederum fatal rückwirkt nicht nur auf das subjektive Krankheitserle­ben, sondern auch – mit Appa­ra­te­medi­zin mühelos verifizierbar – auf die Symptomatik selbst. Nie­mand, der die immer zahlreicheren Forschungser­geb­­nisse über enge Zusammen­hänge zwischen Psyche, Ge­hirn, Ner­ven-, Hormon- und Immunsy­stem zur Kenntnis nimmt, kann weiterhin ernstlich in Abrede stellen, dass tiefempfundene Sinnleere drastische, medizinisch hochrelevante körperliche Auswirkungen haben kann. „Spirituelle Wende“ in der Psychotherapie Und was haben Patienten in existentiellen Krisen von der Psychotherapie zu erwarten? Solange sie von Freuds Psy­choanalyse dominiert wurde, standen die Chancen für Sinn­frager miserabel, ernstgenommen zu werden. „Im Moment, da man nach Sinn und Wert des Lebens fragt“, so hatte Sig­mund Freud befunden, „ist man krank, denn beides gibt es ja in objektiver Weise nicht; man hat nur eingestanden, dass man einen Vorrat an unbefriedigter Libido hat.“ (4) Noch radikaler wischte die Verhaltens­the­rapie sie beiseite: Ihr Be­gründer John B. Watson (1878–1958) bevorzugte entgegen tiefenpsychologischer Verfahren ein „Black-Box-Modell“, demzufolge innere Vorgänge für Außenstehende undurchschaubar bleiben und daher nicht ana­lysiert werden sollten; phi­losophische Behavioristen gingen so weit, die Box für leer zu erklären: Beschreibungen in­ner­psychischer Vorgänge, so leiteten sie aus Sprachanalysen ab, meinen nichts weiter als Dispositionen zu bestimmten Verhaltensweisen. (5) Eine zunehmend einflussreichere Gegenbewegung entstand in den sechziger Jahren mit der Humanistischen Psy­chologie, angeregt von Abra­ham Maslow, in dessen „Hie­rarchie menschlicher Grund­bedürfnisse“ Glück, Erfüllung und Persönlichkeitsentfaltung ganz oben stehen. (6) Auch die Gestalttherapie des Ehepaars Perls, Ken Wilbers Transperso­nale Psychologie und buddhistische Achtsamkeitstherapien trugen zur Neuorientierung bei. Ganz in den Mittelpunkt rückten Sinnfragen bei Viktor Frankls Logotherapie. All dies hat in der Psychotherapie seit Ende der sechziger Jahre zu einer regelrechten „spirituelle Wende“ geführt. (7) Inzwischen erklären zwei von drei deutschen Psychotherapeuten, Spi­ri­tualität und Religiosität habe für sie eine „mittlere“ (27 %), „ziemliche“ (22 %) oder „sehr hohe“ Bedeutsamkeit (16 %). Und über die Hälfte bestätigt, dies wirke sich auf ihre therapeutische Arbeit aus. (8) An solche Ansätze knüpfen wir in den „Auswege“-Camps an. Medizinische Ursachen schwerer Erkrankungen lassen wir dabei nie außer acht – darüber hinaus tragen wir aber dem Bedürfnis von Betroffenen Rechnung, Gründe zu kennen. Denn einer wie der andere fragt uns: Wozu? Warum ich? Wa­rum dieser wunderbare Mensch, den ich über alles lie­be? Weshalb gerade diese Er­krankung? Wieso ausgerechnet jetzt? Haben wir tatsächlich befriedigende Antworten darauf? Wel­che denn? Sinnfindung in „Auswege“-Camps Fänden unsere Therapiecamps hundert Jahre früher statt, so verbände Hilfesuchende wie Helfer noch jener Deutungs­kon­sens, den das Christentum bis weit ins 20. Jahrhundert hinein im Abendland sicherstellte. Krankheit und Leid galten teils als Gottes Strafe für sündiges Handeln; teils als „Prüfung“ auf Glaubensfestig­keit unter erschwerten Um­ständen, wie sie der ans Kreuz genagelte Jesus vorbildlich be­standen hatte; teils als „dunkle Nacht der Seele“, ein läuterndes Durchgangsstadium zur Begegnung mit Gott, wie in der christlichen Mystik. Camp­teil­nehmer, deren Denken derart religiös durchdrungen ist, martert keine Sinnfrage – sie wäre schon beantwortet, und wo Zweifel aufkeimten, wäre ein Geistlicher im Team der alleinzuständige, allseits ge­ach­tete Ansprechpartner. Doch diese Zeiten sind vorbei. Die wenigsten Patienten, die in unsere Camps kommen, haben sich das andächtige, inbrünstige Christsein ihrer Kindertage bewahrt. Durch ihr Leiden sind manche darin mittlerweile eher erschüttert als bestärkt worden; „Ich verachte und hasse Gott für das, was er mir angetan hat“, bekennt die 49jährige Pa­mela*, der ihr über alles geliebter Joachim „genommen“ wur­de. In den Äußerungen der mei­sten Teilnehmer spiegelt sich der rapide Auto­ritätsver­fall der Amts­kirchen, der die westliche Welt inzwischen in einen neuheidnischen Kultur­raum mit christlichen Restbe­ständen verwandelt hat. Es über­wiegen drei Gruppen: Die einen glauben, mehr oder minder unsicher, noch einiges Weni­­ge von dem, was ihnen ein christliches Elternhaus, der Ge­meindepfarrer, der Religions­leh­rer mitzugeben versucht hat­ten; andere erweisen sich als be­kennende Atheisten; wieder andere hängen einem individuell zusammengestellten Welt­­­anschauungsmix an, in dem christliche Glaubenssätze, fernöstliche und esoterische Weis­heitslehren eigenwillige Ver­bindungen eingehen. Was haben wir diesen Men­schen anzubieten? Worin finden sie Trost und neue Hoff­nung – endlich wieder Sinn? Verfügen wir über ein seelsorgerisches Patentrezept? In un­se­ren Camps treffen Hilfesu­chende auf 15 bis 25 Helfer, die von einem gemeinsamen weltanschaulichen Nenner nicht min­der weit entfernt sind wie sie (ohne dass dieses Manko dem Teamgeist abträglich wä­re). Wann immer es um Sinn­fragen geht – bei Heilsit­zun­gen, in Lebensberatungen, bei Vor­trägen, Seminaren und Dis­kus­sionsrunden -, treten allerdings Teammitglieder in den Vor­dergrund, die Hilfe­suchenden aus eigener tiefer Überzeugung erbauliche, tröstende Weltan­schauungen an­zubieten haben. Ausgebilde­te Psychotherapeu­ten sind selten darunter; es überwiegen le­bens­erfahrene, weise Laien­psy­chologen – mit einem Durch­schnittsalter deutlich über Sechzig -, von denen sich die allermeisten Camp­teilneh­mer aufmerksamer, liebevoller, einfühlsamer angenommen und begleitet fühlen als von Profis, denen sie sich zuvor jahrelang anvertraut hatten. Man­che deuten den Schmerz als „Signal“, das Sym­ptom als Äußerungsform einer „Organ­spra­che“, die Krankheit als „Lehr­meister“ (Nietzsche), als „Botschaft“ und „Lektion“, entsandt von einem „Höheren Selbst“, das besser weiß, wozu dieses Leid gut ist: als schick­salhafte Chan­ce zu Selbstbesin­nung und innerem Wachstum; sie erläutern „geistige Ge­setzmäßig­keiten“, die den Wel­ten­lauf und jedes Einzel­schicksal ihres Erachtens nicht minder bestimmen wie physikalische – und dafür sorgen, dass nichts um­sonst und rein zufällig ge­schieht. Eher selten bringen sie den himmlischen Herrgott ins Spiel, dafür aber mitunter Geistführer, Engel und andere jenseitige Wesen­heiten. Soweit sie Wiederge­burtslehren an­hängen, führen sie aktuelles Elend auf „karmische“ Zusam­menhänge zurück, die bis in „frühere Leben“ zurückreichen können; sie lassen spiritualistische Bekennt­nisse einfließen, die auf gesicherten quantenmechanischen und pa­ra­psycholo­gischen Er­kenntnis­sen beruhen, wie sie ver­sichern. Sie (wieder)erwe­cken in Teilneh­mern ein Grund­­gefühl der Dankbarkeit für das Leben als „Geschenk“. Sie helfen bei der Selbst­erkenntnis. Sie ermutigen, alten Ballast abzuwerfen und neue Wege zu beschreiten. Aus wissenschaftstheoretischer Sicht werden da „Leer­formeln“ angeboten, in der Tat. Denn unter keinen Umständen können sie an der Erfahrung scheitern, und eben diese grund­­­sätzliche Nichtfalsifi­zier­­barkeit zählt zu den Haupt­merk­malen von Aussa­gen ohne empirischen Gehalt. (9) Mit „geistigen Prinzipien“, „Gottes Wille“, „Karma“ und dergleichen lassen sich alle und jegliche Ereignisse, Vor­gänge, Zustände begründen - ebenso wie ihr Gegenteil. Weil jeder Irrtumsnachweis ausgeschlossen ist, bleiben sie im­mu­­nisiert gegen jegliche Kri­tik. Unter diesem Manko leiden freilich weder wir selbst noch jene, die sich uns anvertrauen. Unsere Camps sind weder naturwissenschaftliche Forschungsein­richtungen noch erkenntnisphilosophische Symposien, sondern karitative Veran­stal­tungen, deren Wert sich daran bemisst, ob sie erreichen, wozu sie stattfinden: zu helfen, wie auch immer. Und das gelingt ihnen. Dass wir bewusst darauf verzichten, die vielfältigen Deu­tungsmuster der verschiedenen Camptherapeuten vorweg aufeinander abzustimmen und ein kohärentes Ganzes daraus zu machen, ist kein Nachteil, sondern für Ratsuchende eher hilfreich. So lassen wir ih­nen die Freiheit der Entschei­dung, welchen Ansatz sie sich zu eigen machen wollen; ihre Wahl wird beeinflusst von mitgebrachten Überzeugungen und Einstel­lun­gen, aber auch von Sympa­thie, Wertschätzung und Ver­trauen, die sie einzelnen Team­mitgliedern entgegenbringen. Und falls sie nichts davon eher überzeugt als das, was sie an Sinn bereits für sich gefunden haben: Auch das ist für uns völlig okay. Aber stiftet diese Deu­tungs­vielf­alt nicht eher Verwirrung als Klarheit? Erwächst das Sinnvakuum, in dem Frankl das spirituelle Hauptübel unserer Zeit sah, nicht gerade aus einem Überfluss an konkurrierenden Sinnkonzepten, dem der Einzelne ratlos und ver­wirrt gegenübersteht? (10) Spie­gelt sich diese „Neue Un­übersichtlichkeit“ nicht fatal in unseren Campangeboten? Was, bitteschön, wäre denn die Alternative? Ein Indoktrina­tions­lager zu Ehren einer Ein­heitsideologie, die ein paar Patienten verlockend, die übrigen eher abstoßend fänden? Dass unser heterogenes Ange­bot so gut wie alle sinnsuchenden Campteilnehmer zufriedenstellt, legen ihre Tagebü­cher, ihre Angaben in abschließenden Fragebögen einhellig nahe. Über 90 Prozent erklären bei Campende, ihre psychische Verfassung, ihr Allgemeinbe­fin­den habe sich wesentlich verbessert; sie sähen endlich „Licht am Ende des Tunnels“, hätten einen Ausweg gefunden, schöpften neuen Lebens­mut. Ihre abschließenden Stellung­nahmen, die wir nach jedem Camp detailliert auf unseren Internetseiten wiedergeben, las­sen keinen Zweifel da­ran. Sie be­stätigen eine eigenartige Dia­lektik: Krankheiten können einen tiefen Sinnverlust hervorrufen - aber auch entscheidend zur Sinnfindung beitragen. Wie ist solcher Überschwang möglich? Wie kann es sein, dass Schwerkranke mit quälendsten Sinnfragen zu uns kommen – und uns neun Tage später erleichtert, geradezu erlöst verlassen? Wir überreden nicht, und wir können nicht überzeugen – aber anregen und nahelegen. Wir bieten Deutungen an, die Krankheit und Leid in einen Kontext stellen, in dem sie aufhören, rätselhaft zu sein. Mit anderen Worten: Wir erschaffen Mythen, und deren Wert beruht auf ihrem Nutzen, keineswegs auf einlösbaren Wahr­heitsan­sprüchen. Solcher Prag­matis­mus bewahrt davor, mit mis­sionarischem Sen­dungs­eifer aufzutreten. Kein Patient, kein An­gehöriger be­kommt von uns zu hören: „Das musst du glauben, sofern dir unsere zwingenden Argumen­te einleuchten.“ Die Botschaft lautet vielmehr: „Falls du das glauben kannst, wird es dich erleichtern, zu innerer Ru­he finden las­sen und glückli­cher ma­chen.“ Und eben dies ge­schieht offenkundig. Anmerkungen 1 Nach einer Repräsentativ­um­frage des Marktforschungsinstituts GfK Nürnberg unter 1952 Männern und Frauen ab 14 Jahren. 2 G. Maio: „Ökonomisierte Spiri­tualität? Über das Ersticken der Sinnfrage in der modernen Medi­zin“, in: Erwin Möde (Hrsg.): Christ­liche Spiritualität und Psycho­therapie. Regensburg 2013, S. 28-35. 3 Vehement vertritt diese Auf­fas­sung der Arzt Lawrence LeShan: Diagnose Krebs – Wendepunkt und Neu­­beginn, Stuttgart 1993. 4 zit. bei Viktor Frankl: Die Sinn­frage in der Psychotherapie, München 1981, S. 27. 5 Vgl. dazu das Manifest des philosophischen Behaviorismus, Gilbert Ryles The Concept of Mind, Chicago 1949; dt. Der Begriff des Geistes. 6 “A Theory of Human Motiva­ti­on”, Psychological Review 50 (4) 1943, S. 370–396; ders.: Motivation und Persönlichkeit, 12. Aufl. Reinbek 1981. 7 D. Houtman/S. Aupers, “The spiritual turn and the decline of tra­dition: The spread of post-Chri­stian spirituality in 14 western countries, 1981-2000”, Journal of the Scientific Study of Religion 46/2007, S. 305-320. 8 L. Hofmann/H. Walach, “Spiri­tuality and religiosity in psychotherapy – A representative survey among German psychotherapists”, Psychotherapy Research 21 (2) 2011, S. 179-192. Befragt wurden dabei über 900 Psychotherapeuten. 9 Karl R. Popper: Logik der For­schung, 1934, 11. Aufl. 2005; Ernst Topitsch, „Über Leerformeln“, in ders. (Hrsg.): Probleme der Wissen­schafts­theorie, Wien 1960. 10 Heiko Ernst: Psychotrends - Das Ich im 21. Jahrhundert, München/ Zürich 1996, S. 189. (Harald Wiesendanger) Dieser Betrag enthält Auszüge aus dem Buch von Harald Wiesendanger: Auswege – Kranken anders helfen (2015)

  • Papa fehlt – Wenn familiäres Unheil auf Blase und Bauch drückt

    Wie kann ein Zwölfjähriger im Schlaf immer noch ins Bett pinkeln, Nacht für Nacht? So war es bei Christoph (Pseudonym), als er im Au­gust 2010 zum 4. Therapiecamp meiner Stiftung Auswege ins Kleinwalsertal nahe Oberstdorf kam, be­gleitet von seiner 50-jährigen Mutter, einer kaufmännischen Angestellten aus Hessen. „Nachts war er noch nie trocken“, vermerkte sie im Anmeldebogen. Dem Hausarzt hatte die Inkontinenz ebenso Rätsel aufgegeben wie immer wiederkehrende Bauchschmerzen, über die der Junge seit Jahren klagte. Organische Ur­sachen waren nicht auffindbar. Müsste ein Arzt nicht wissen, dass bei „sekundärer“, nicht körperlich bedingter Enuresis traumatische Erfahrungen von Trennung und Verlust zu den Hauptrisiko­faktoren zählen, zumal bei Minderjährigen? Nachdem er festgestellt hat, dass die Hypo­physe das Antidiuretische Hormon Vaso­pres­sin ausreichend produziert, weder eine Verengung der Harnröhre noch eine Funk­ti­onsstörung der Blase vorliegt und auch sonst mit den im Bauchraum liegenden und angrenzenden Organen alles in Ordnung ist: Hätte er nicht in Erwägung ziehen sollen, dass da eine psychische Belastung „drückt“? Wie konnte er versäumen, den Jungen und seine Mama danach zu fragen? Außerdem, und scheinbar ohne Zusam­men­hang mit diesen Symptomen, weigerte sich Christoph beharrlich, zur Schule zu gehen; tat er es, dann immer nur mit größtem Widerwillen. Irgendwann entschied die Mutter, ihren Jungen einem Psychotherapeuten anzuvertrauen. Doch monatelange Sitzungen brach­ten nichts. „Also“, schloss die Mama, „kann es auch nichts Psychisches sein.“ Was könnten wir in einem derart hartnäckigen, mysteriösen Fall ausrichten, innerhalb von bloß acht Behandlungstagen? Im Eingangsgespräch erlebte unser leitender Camparzt den Jungen als aufgeweck­ten, „intelligenten Schüler“, wie er protokollierte; dass Christoph in der Schule nicht klar kam, lag bestimmt nicht daran, dass er zu blöd war. In den ersten Tagen sei der Junge „sehr ruhig, fast schüchtern“ gewesen, und nicht anders erlebten ihn die übrigen Teammitglieder: Mit großen Augen ver­folgte er unsicher, zurückhaltend und verstockt, geradezu ängstlich das Campge­schehen. Bis Dienstag, dem dritten Camp­tag, quengelte er unentwegt, er wolle wieder nach Hause. Doch nach und nach taute er auf, wurde immer offener, fröhlicher, gelassener. Das hartnäckige Bauchweh klang ab, die Enuresis verschwand vollständig. „Chri­stoph hat die ganze Woche kein einziges Mal eingenässt“, wie der Camparzt am En­de schriftlich festhielt. Psychische Verfas­sung und Sozialverhalten hätten sich radikal gewandelt: Nach bloß acht Behand­lungs­tagen sei der Junge „viel selbstsicherer, er wurde immer aufgeschlossener, ging auf die anderen Kinder immer mehr zu“. Seine Therapeuten suchte er sich selber aus. Verwundert bestätigte die Mutter abschließend: „Ausgelassen, wie befreit, spielte er mit anderen Kindern. Gegen Ende besorgte er sich selbstständig Termine bei den Thera­peuten und dem leitenden Arzt. In den in­tensiven Gesprächen mit ihnen war er sehr aufmerksam. Er wirkt entspannter, regelrecht ‚gelöst’.“ Ob er wieder zur Schule gehen wird, bleibt abzuwarten, denn „noch sind Ferien“. Er tat es, wie eine Nachbe­fra­gung ergab. Wie waren diese Durchbrüche möglich? Wenn Christophs Psychotherapeut nichts ausrichten konnte, so vermutlich deshalb, weil er keinen Zugang zu dem Jungen fand. Uns gelang es offenbar. Im Vordergrund von über einem Dutzend Heilsitzungen mit Christoph stand weder sein vollgepinkeltes Bett noch sein Bauch, sondern seine psychischen Belastungen. Dabei kam zum Vor­schein: „Der Junge hängt sehr an seinem 15-jährigen Bruder, den die Eltern wegen Gewalttätigkeiten aus dem Haus gewiesen haben“, notierte der Campmediziner. „Sein leiblicher Vater verließ die Familie kurz nach seiner Geburt, um seine Kinder kümmert er sich nicht. Als ich den Jungen auf seine Trennungsängste und Verluste an­sprach, brach er in Tränen aus.“ Welch hohem Erkrankungsrisiko Eltern, die sich trennen, ihren gemeinsamen Nach­wuchs aussetzen, ist ihnen selten hinlänglich bewusst. Für sie mag die Trennung ein Akt der Selbstbefreiung sein; doch für ihre Kinder bricht eine Welt zusammen – in jedem Alter. Zwischen 1998 und 2008 wurde in Deutschland jede dritte Ehe geschieden – 2,2 Millionen -, wodurch 1,7 Millionen Minderjährige den Zerfall ihrer Familie erlebten. (1) Kein Kind bleibt davon unberührt, viele entwickeln Verhaltensstö­run­gen und maskieren ihre Verunsiche­rung, Verzweiflung und Wut durch körperliche Symptome. Sie werden hyperaggressiv, beginnen wieder am Daumen zu lutschen, können sich kaum konzentrieren, schlafen schlecht, entwickeln Essstörungen, chronische Schmerzen und Allergien. Aber wie soll­te ein Junge seinen Papa vermissen können, wenn er diesen nie bewusst erlebte, sich keinerlei Erinnerungen an ihn bewahren konnte? Zumindest weiß er, dass es Papa gibt und dass er fortgegangen ist. Könn­te es nicht sein, dass er mit seiner Schulverweigerung an beide Elternteile Signale aussendet? „Wenn Papa da wäre, dann würde er sich darum kümmern“. Oder: „Wenn Mama sich Mühe geben würde, käme er zurück.“ Oder: „Mama ist schuld, dass Papa weg ist. Indem ich mich ihr widersetze, bestrafe ich sie dafür.“ Oder: „Papa hat nicht gemacht, was Mama will, und bestimmt hatte er seine Gründe dafür. Warum soll ich ihr dann gehorchen?“ Oder: „In der Schule kriege ich doch nur schlechte Noten. Deshalb könnte Papa nicht stolz auf mich sein. Also gehe ich da gar nicht erst hin.“ Zehn Jahre lang war der verlorene Vater in Christophs Rumpffamilie ein Tabuthema gewesen: Mama wollte nie über ihn reden, Fragen wich sie aus. Die Heilsitzungen brachen mit diesem Tabu. Sie brachten zur Sprache, was den Jungen insgeheim bedrückte, gaben ihm Gelegenheit, seinen Gefühlen freien Lauf zu lassen, boten ihm Erklärungen für das Geschehene an und befreiten ihn von quälenden Vermutungen, warum Papa wegging und nicht mehr heimkommt. Prompt klangen die vermeintlich „therapieresistenten“ Symptome ab. Damit die im Camp erzielten Erfolge nachhaltig bleiben, müsse „das gestörte Familien­leben besser geordnet und Christoph dabei eingebunden“ werden, empfahl unser Camp­arzt abschließend. Könnte sich die Mutter nicht überwinden, Christoph zuliebe Kontakt zum Vater herzustellen, ihm klarzumachen, wie sehr sein Kind ihn vermisst, und darauf hoffen, dass er zehn Jahre nach der Trennung eher bereit ist, Verantwortung zu übernehmen? Mehr als nachdrücklich ans Herz legen konnten wir ihr diese Empfehlungen nicht. Ob sie gefruchtet haben? Wenn nicht: Haben dann die Camptherapeuten versagt – oder das soziale Umfeld? Anmerkung 1 Michael G. Möhnle: „Familien in Gefahr – Kinder in Not“, www.moehnle.net/themen/ familie.htm, 2008, abgerufen am 15.11.2015. (Harald Wiesendanger) Dieser Beitrag erschien zuerst im Buch von Harald Wiesendanger: Auswege – Kranken anders helfen (2015, Nachträge). Siehe auch den Text "Rein somatisch ist gar nichts".

  • „Rein somatisch ist gar nichts“

    An Grenzen stößt die Schulmedizin, solange sie Patienten als Körper ohne Seelen betrachtet und behandelt: als biochemische Maschinen, die es zu reparieren gilt. Die Psychosomatik fristet in ihr das Schattendasein eines randständigen Fachgebiets. Es hätte nicht viel gefehlt, und er hätte mit meiner Stiftung Auswege 2008, im zweiten „Aus­wege“-Camp in einer Burg nahe Bad Honnef, seinen hundertsten Geburtstag feiern können. Bestimmt hätte sich der bekennende Anti-Asketiker wohlgefühlt in unserem Kreis, und das nicht bloß, weil wir ihm jenes „gute Essen in vielfältigen Varia­tionen“ hätten bieten können, das er zeitlebens ohne Reue genoss (1), sondern weil er in unserem Therapeutenteam lauter Brüder und Schwestern im Geiste angetroffen hätte: Thure von Uexküll (1908-2004), der als Begründer der psychosomatischen Medizin gilt, zusammen mit Georg Groddeck, Viktor von Weizsäcker und anderen. Gemeinsam mit uns hätte er beklagt, wozu der Medizinbetrieb sein Geisteskind verkümmern ließ: zu einem randständigen Fachgebiet – und keiner Grundlagendisziplin, als die er sie verstand. Psychosomatik, wie er sie lehrte (von griech. psyche: Atem, Hauch, Seele; soma: Körper, Leib), untersucht die seelischen Hintergründe körperlicher Erkrankungen, um sie in die Behandlung einzubeziehen – und findet sie nicht bloß bei einem kleinen Ausschnitt des Diagnose­spektrums, sondern in jedem Fall. „Rein somatisch ist gar nichts“, sagte Uexküll einmal. „Es gibt nur psychosomatische Krankheiten.“ Das gelte beispielsweise für Asth­ma, Magengeschwüre und Ekzeme, ja sogar für Kno­chen­brüche oder Sehnenrisse, denn auch da sei „das Psychische am Werk“, was sich daran zeige, dass manche Menschen merkwürdig anfällig für Unfälle seien. Psychosomatik versteht die Kränkung hinter der Krankheit - nicht nur den Defekt hinter der Funktionsstörung. Dies deckt sich weitgehend mit den Erfahrungen, die wir in „Auswege“-Camps inzwischen bei Hunderten von kleinen und großen Patienten gemacht haben: In ihrer Vorgeschichte, ihrem Umfeld, ihren Beziehungen, ihrer seelischen Verfassung, ihren Denk- und Verhaltens­mustern entdecken wir fast immer Faktoren, die ihre Erkrankung mitbedingt haben könnten – und die mitberücksichtigt und mitbehandelt werden müssen, um Genesungsprozesse in Gang zu setzen und nachhaltig zu heilen. Psyche und Physis sind eins. Deshalb muss ein guter Arzt immer beides im Blick haben, das Ganze sehen. Mit anderen Worten: Er muss holistisch denken und handeln. Das verpflichtet ihn zum Widerstand gegen den in der Medizin „vorherrschenden Gesund­heitsbegriff“, der „das gute Funktionieren einer Maschi­ne beschreibt – einer sehr komplizierten Maschine, die man aber zerlegen kann in Teilmaschin­chen“, wie von Ueküll beklagte. „Es fehlt der Medizin eine Definition des er­lebenden Körpers. Eine Definition der Seele hat sie auch nicht, wenn beides getrennt formuliert wird. Das Menschenbild der Medi­zin ist technokratisch. Der biotechnisch nicht fassbare Inhalt geht verloren, um den kümmern sich die meisten Mediziner nicht“, und mit dieser Betriebsblindheit verspielen sie Heilungschancen: „Schließlich machen die Krankheiten, die mit dem engen Konzept der Schulmedizin erfasst werden können, nur ungefähr fünf Prozent aus. Nur auf diese trifft das medizinische Modell zu, nur für diese ist es hilfreich.“ Wie Verunsicherung schwindlig macht Wieviel selbst in hartnäckigsten, jahrzehntelang „behandlungsresistenten“ Fällen therapeutisch erreicht werden kann, wenn die unselige Spaltung der Medizin in „eine für Körper ohne Seelen und eine für Seelen ohne Körper“ (Uexküll) überwunden wird, ist in jedem unserer Camps deutlich geworden. Zum Beispiel bei Helga*, 52: Die frühberentete Kauffrau litt seit Mitte der achtziger Jahre an chronischen Schmerzen am ganzen Körper. Um das Jahr 2000 setzte obendrein ein ständiger Schwin­del ein, der sie beim Gehen erheblich beeinträchtigte. Unter den Teilnehmern unseres 14. Camps im nordhessischen Schwarzenborn im Mai 2014 machte kaum jemand deutlichere Fortschritte als Helga: Schmerzen und Dauerschwindel ließen bis Campende nach, zeitweilig schienen sie wie weggeblasen. Im Mittelpunkt unserer Bemühungen standen die „depressiven Verstimmungen“, die Helga auf ihrem Anmeldebogen angegeben hatte. Hinter den manifesten Symptomen waren offenkundig psychische Faktoren am Werk: „Sie war eine verunsicherte, frustrierte Frau“, wie unser Camp­arzt feststellte, „vermutlich mit Schwierigkeiten im Beruf und privat. Die verschiedenen Diagnosen waren gute Ausreden für ihre Welt-Enttäuschung, ihre Hilflosigkeit und wohl auch ihre Wut. Aufklärende Gespräche über den Sinn ihrer Diagnosen und deren Bearbeitungsmöglichkeiten scheinen ihr Denken sehr rasch verändert und zu neuer Zuversicht, ja Lebens­freude geführt zu haben.“ Während der Heilwoche blüh­te sie regelrecht auf, wirkte gelöst und voller Ener­gie. Ausgiebig scherzte sie mit anderen Teilnehmern; beim Abschlussfest unterhielt sie, mit strahlendem Lächeln, die ganze Runde mit humorvollen Gedichten, neckisch rührte sie die Werbetrommel für unsere Stiftung. „Mein Körpergefühl ist besser geworden, ich bin fröhlicher“, notierte sie abschließend. In ihrem Camptagebuch steht 21 mal das Wort „Danke“. Einen Gruppentanz am Abschiedstag empfand sie als „Tanz in mein neues Leben“. Schmerzen am ganzen Körper - aus den Tiefen einer gequälten Seele Seit langem quälten Ludwig*, einen 55jährigen Ingeni­eur, schwere Ängste und Depressionen, begleitet von chronischen Schmerzen, deren Ursprung trotz etlicher ärztlicher Untersuchungen im Dunkeln geblieben war: in Gelenken „seit 5 bis 7 Jahren“, im Rücken „seit ein bis zwei Jahren“; auch die Brust tat ihm weh, ständig spürte er einen beklemmenden Druck darauf. Zudem klagte er über Herzrhythmusstörungen. Was hatte er sich so sehr zu Herzen genommen, was brach ihm das Herz? Im Gegensatz zu den Schulmedizinern, denen er sich vergeblich anvertraut hatte, ahnte er bereits, woher seine rätselhaften Beschwerden letztlich rühren konnten: „In meinem jetzigen Leben habe ich viel Tragisches erlebt. Meine physischen Probleme könnten eine Folge meiner Angstzustände und Depressionen sein.“ In über einem Dutzend Heilsitzungen während eines „Auswege“-Camps im Juli 2013 kam zum Vorschein: Als junger Mann hatte Ludwig mitansehen müssen, wie Vater und Mutter erschossen wurden. Kaum hatten wir dieses Trauma mit ihm aufzuarbeiten begonnen, da lebte er regelrecht auf. Verschiedene Formen von Geistigem Heilen, von Handauflegen bis Chakratherapie, in Verbindung mit Yoga, energetischer Massage und Ge­sprächstherapie, lösten bei ihm „intensive Empfindun­gen“ aus, wie er abschließend in einem Patienten-Fragebogen notierte. „Danach fühlte ich eine so tiefe Erlösung, dass ich minutenlang wie ein Kind geweint habe. Endlich war ich frei von dem Angstgefühl, das mich jahrelang gequält hatte. Was ich in diesem Moment empfand, kann ich mit Worten nicht beschreiben.“ Seine mysteriösen Schmerzen verschwanden, sein Herzschlag fand in den normalen Rhythmus zurück. Was nimmt Dorothea die Luft? In den Jahren 2013 und 2014 vertraute sich Dorothea*, 54, uns dreimal an, jedesmal begleitet von ihrem Ehe­mann: wegen einer chronisch-obstruktiven Lungen­erkrankung (engl. chronic obstructive pulmonary disease, Abkürzung: COPD), die mit Husten, vermehrtem Aus­wurf und Atemnot bei Belastung einhergeht. Ständig war sie auf ein Beatmungsgerät angewiesen – so glaubte sie jedenfalls. Die Angst, ersticken zu müssen, war ihr ständiger Begleiter. Während jeder Campteilnahme ließen die Symptome erheblich nach: Sie sei „längere Zeit ohne Sauerstoff­zufuhr ausgekommen“ und habe „besser geschlafen. Panikattacken hatte ich wesentlich seltener“, so berichtete sie hinterher. Auch nach Einschätzung unseres Camparztes ließen die COPD-Symptome deutlich nach; zeitweilig kam Dorothea ganz ohne Beatmungsgerät aus, bezeichnenderweise vor allem, während sie abgelenkt war oder sich unbeobachtet wähnte. Nach Hause zurückgekehrt, sei es ihr anfänglich jedesmal „wesentlich besser gegangen“. Dies habe „im Laufe der Zeit aber wieder nachgelassen. Warum geht es mir nicht besser, wo ich doch jeden Tag meditiere und an mir arbeite?“, so fragte Dorothea. „Dann kommt die Angst, und mit der Angst kommt die Atemnot.“ Therapiehindernisse vermutet unser Camparzt in ihrer Psyche: „Seelisch sieht sie sich auf einem aufsteigenden Weg“, fasste er nach Dorotheas drittem Aufenthalt bei uns zusammen, „aber sie traut sich nicht, diesem Weg zu folgen. Immer noch plagen sie zu viele Ängste, dass es ihr schlecht gehen könnte. In manchen Situationen habe ich den Eindruck, dass sie diese Krankheit braucht, um eine Leere in ihrer Seele zu überdecken: Wäre sie gesund, dann müsste sie wieder für sich selbst sorgen – und ihr Mann bräuchte sie nicht mehr zu verwöhnen. Aber das will sie nicht.“ Die beiden Schläuche in ihrer Nase, über die sie sich künstlich beatmen lässt, hält unser Camp­arzt für „bloße Placebos; sie wären überflüssig, wenn Dorothea lernen würde, normal zu atmen“ - was sie jedesmal tat, „sobald sie sich auf etwas anderes konzentrierte“. Ihr zwanghafter Eindruck, auf das Gerät angewiesen sind, könnte nach Einschätzung mehrerer Teammitglieder von subjektiven Krankheitsgewinnen herrühren: Sie hat Angst vor Verlusten, die ihre Genesung mit sich bringen könnte – womöglich sogar ihres pflichtbewussten Gatten, der es nicht übers Herz brächte, eine Schwer­kranke im Stich zu lassen -, und „Angst, eigenverantwortlich ins Leben zu treten“, wie unser leitender Camparzt abschließend konstatierte. Migräne nach Missbrauchstrauma Seit Jahrzehnten war Magda*, eine 62jährige Lehrerin, von schier unerträglichen Migräneanfällen gequält worden, die oft mehrere Tage andauerten. Vielerlei Schmerzmittel linderten sie nicht. Hätten behandelnde Ärzte annähernd so gründlich nach­gefragt, wie es bei Magdas erstem von zwei Camp­aufenthalten im Juli 2013 geschah, wäre rasch zutage getreten, dass sie eine Fülle von psychischen Problemen belastete, die sich offenbar auch körperlich auswirkten. Als „auffälligste Symptome“ zählte sie auf: „sexuelle Empfindungsstörungen; Kontaktstörungen, Schwierig­kei­ten beim Aufbau tragfähiger Beziehungen; Tendenz zu Schwermut und Resignation, Unfähigkeit, mir ‚die Fülle des Lebens zu nehmen’; Ablehnung der weiblichen Rolle; Handlungsunfähigkeit und Erstarrung in Situa­tio­nen, die Handeln erfordern; latent vorhandene Todes­sehn­sucht; teilweise Gedächtnis­störungen, Erinnerungs­lücken“. Was steckte dahinter? Ein Leben lang litt Magda unter dem Trauma, in früher Kindheit von ihrem Vater sexuell missbraucht worden zu sein. Diese innere Verletzung arbeitete sie bei uns in täglichen Heilsitzungen auf. Gerade­zu euphorisch fühlte sie sich nach wenigen Camp­­tagen „wie befreit, wie neugeboren. Ich habe schon so viele Psychotherapien hinter mir, die nix gebracht haben; was ihr hier mit mir gemacht habt, ist unglaublich. So intensiv! Mich hat dieses Camp auf den Weg gebracht. Ich bin mir – mit Hilfe eurer Therapien – selber auf die Spur gekommen! ‚Erkenne dich selbst’ hat gut funktioniert. Ich blicke mit größerem Vertrauen in die Zukunft. Mir wurden ‚Auswege’ aufgezeigt. Danke dafür!“ Der Camparzt bestätigte: „Sie ist ihrem Gefäng­nis entflohen. Die Erleichterung bei ihr war so offensichtlich, dass man die ‚Steine’ förmlich purzeln sah und hörte, die ihr vom Herzen fielen.“ Allein Deutschlands acht Millionen Migräne-Patienten verursachen Krankheitskosten von rund 4,3 Milliarden Euro pro Jahr. Davon entfallen rund 100 Millionen auf ambulante und stationäre Behandlung, ca. 520 Millionen auf verordnete oder freiverkäufliche Analgetika, eine Viertelmilliarde auf Folgen von Arzneimittelmiss­brauch. Hinzu kommen geschätzte 1,9 Milliarden durch Arbeits­unfähigkeit bzw. verringerte Produktivität. (2) Wäre es nicht ein beachtlicher Beitrag zur Eindämmung der Kosten­explosion im Gesundheitswesen, mit Betrof­fe­nen wie Magda so umzugehen, wie es in unseren Camps geschieht? Anmerkungen 1 Nach Werner Bartens: „Der Menschenarzt“, Süddeutsche Zeitung, 15. März 2008. 2 Hans-Christoph Diener: Migräne. 2. überarbeitete und erweiterte Aufl., Stuttgart 2006 (Erstaufl. 2002), S. 7 * Pseudonyme (Harald Wiesendanger) Dieser Betrag stammt aus dem Buch von Harald Wiesendanger: Auswege – Kranken anders helfen (2015).

  • Wozu philosophieren?

    Philosophie habe ich im Hauptfach studiert. „Wie konntest du nur?“, fragte mich meine jüngste Tochter. „Wäre das auch etwas für mich?“ Daraus entstand der folgende Erklärungsversuch. „Du solltest sophipholieren!“ Falls jemand mir so etwas ernsthaft vorschlägt, wäre ich höflich. Denn es gibt ja fast nichts, was es nicht gibt. Zuallererst würde ich ihm vier Fragen stellen: Was ist das überhaupt? Worum geht es dabei? Wie macht man es? Was hätte ich davon? Was ist Sophipholieren? Ein Nichts, das Wort ist frei erfunden. Quatsch also. Aber wenn ich darin Vokale und Konsonanten umstelle, komme ich zu einer Tätigkeit, von der es heißt, sie sei alles andere als Humbug, sondern besonders wichtig und wertvoll: Philosophieren. Und da stelle ich dieselben vier Fragen. Was Philosophieren ist, ahnt jeder, zumindest ein bisschen: Man denkt dabei nach – nicht über alles Mögliche, sondern über besonders allgemeine Fragen. Man kann darin besser werden, sonst wäre es kein Schulfach. Das Erlernen ist besonders schwierig, sonst wäre es nicht etwas, was man erst an einer Uni studieren muss, bevor man es richtig drauf hat. Es ist etwas, womit man sich ein ganzes Leben lang beschäftigen kann, sonst gäbe es nicht den Beruf des Philosophen. Würde ich es gerne studieren? Das hängt zum Teil davon ab, worum es dabei geht. Wenn ich „Philosophie“ google und ein paar der angebotenen Links anklicke, stoße ich auf Themen­listen, die sich ziemlich gleichen: Was ist Wahrheit? Was kann ich wissen? Was darf, soll, muss ich tun? Was ist Gerechtigkeit? Gibt es eine Seele? Hat unser Leben Sinn? Was ist nach dem Tod? Ist unser Wille frei? Gibt es Gott? Wer bin ich? Was unterscheidet Menschen von Dingen? Interessieren mich diese Fragen? Ja, die einen mehr, die anderen weniger. Manche haben mich schon beschäftigt, bevor es im Schulunterricht um sie ging. Denn sie begegneten mir nicht erst in Lehrbüchern, sondern im Alltag. Da streiten Menschen, weil sie unter­schied­licher Meinung sind – wie findet man heraus, welche Meinung wahr ist? Wie wird aus dem, was sie glauben, Erkenntnis? Was ich tue, finde ich meistens moralisch gut – aber wie begründe ich das gegenüber jemandem, der das anders sieht? Ich rege mich über Ungerechtig­keiten auf – welche Maßstäbe lege ich dabei an, und sind die bloß meine, oder gelten sie für jeden? Zu mir gehört ein Körper – bin ich bloß einer, oder habe ich ihn und außerdem noch etwas, das von ihm unabhängig ist? Ich weiß, dass ich sterben muss – kommt nach dem Tod noch etwas? Ich habe ein Gehirn - wenn alles, was ich denke, will und tue, davon abhängt, was darin vor sich geht, wie kann ich da noch frei sein? Ich bin religiös erzogen worden, ich glaube an Gott - bete ich zu etwas, was es vielleicht gar nicht gibt? Das alles lässt mich nicht kalt. Aber zu keiner einzigen Frage ist mir bisher etwas eingefallen, von dem ich sagen konnte: „Das ist die Antwort. Problem gelöst. Abgehakt.“ Das könnte daran liegen, dass ich mich nicht richtig damit befasst habe, nicht so, wie ein Philosoph es tun würde. Aber was tut er, was kann er besser als ich? In gewisser Weise kann er nichts anderes tun als ich: nachdenken. Denn offenbar geht er mit seinen Fragen anders um, als es ein Naturwissenschaftler tun würde. Um Antworten zu finden, beobachtet er nicht, er führt keine Befragungen durch, er experimentiert nicht, er macht keine Tests. Also weiß er nichts aus Erfahrung. Kann er dann überhaupt etwas wissen? Wissen Philosophen irgendetwas? Haben sie gesicherte Erkenntnisse, wenigstens eine? Auch darauf suchte ich eine Antwort in den Homepages, die Google mir zum Stichwort „Philosophie“ vorschlug. Irgendwann brach ich frustriert ab. Mein Eindruck war: In der Philosophie ist nichts gewiss. Nichts ist so klar, dass darüber nicht weiter diskutiert werden könnte. Zu jeder Frage fand ich mindestens zwei gegensätzliche Standpunkte, oft sogar fünf, zehn und mehr. Für jeden gab es gute Argumente. Aber auch die Gegenargumente waren nicht schlecht. Keines war zwingend. Wie kann das sein? Wird nicht seit Jahrtausenden philosophiert? Taten das nicht einige der klügsten Köpfe der Menschheitsgeschichte? Tun es heute weltweit nicht viele Tausend professionell? Wenn anscheinend keiner bisher irgendeine endgültige Lösung fand, wie kann ich da erwarten, dass es mir jemals gelingt? Und wozu sollte ich mich mit unlösbaren Fragen auseinandersetzen? Will ich einen Berg hochklettern, wenn ich nie oben ankommen kann? Andererseits: Ist eine Frage nur dann gut, wenn es eine sichere Antwort auf sie gibt, und nicht viele unsichere? Nicht nur im Fach Philosophie, auch in anderen Schulfächern beschäftigen wir uns manchmal mit Fragen, die am Ende offen bleiben: Was wäre, wenn Hitler den Zweiten Weltkrieg gewonnen hätte? Was hat der Dichter mit seinen Zeilen wirklich gemeint? Wieviele Flüchtlinge sind zuviele? Könnte Umweltverschmutzung dazu führen, dass die Erde irgendwann unbewohnbar wird? Hätten wir eine bessere Gesellschaft, wenn es kein Geld gäbe? Was würde geschehen, wenn wir Kontakt zu außerirdischen Wesen bekämen? Wie wäre es für uns gewesen, zu Zeiten Jesu zu leben, oder im Mittelalter? Es stimmt nicht, dass mir Unterrichtsstunden darüber nichts gebracht haben. Ich habe Möglichkeiten bedacht, auf die ich vorher nie gekommen wäre. Ich habe unterschiedliche Standpunkte kennengelernt und miteinander verglichen. Dabei habe ich mehr über das Thema gelernt, über Andere und auch über mich selbst. Könnte es nicht genauso sein, wenn ich mich mit philosophischen Fragen beschäftige, ein Buch darüber lese oder einfach nur im Stillen über sie nachdenke? Ist es nicht wichtig zu erfahren, dass es unterschiedliche Standpunkte gibt? Wie sie begründet werden können? Herauszufinden, wie gut diese Gründe sind? Dabei vielleicht zu merken, dass es für manche Standpunkte bessere Argumente gibt als für meinen eigenen? Außerdem hilft mir Philosophieren, klarer zu denken. Denn dabei tauchen Begriffe auf, die ich im Alltag wie selbstverständlich verwende – fast so wie ich atme, ohne auf Luftsauerstoff und Lungenfunktion zu achten. Oft merke ich erst beim Nachdenken über einen Begriff, dass ich bisher gar nicht genau wusste, was ich damit eigentlich meine. Was bedeutet das Wort „Sinn“? Was meine ich mit „ich“? Worauf beziehe ich mich, wenn ich von „Geist“ und „Seele“ spreche? Worin besteht „Freiheit“ überhaupt? Was heißt es, „gut“ zu sein? Das sollte mir nicht egal sein, denn wie kann ich eine Meinung haben, ohne zu wissen, worüber? Und oft hatte ich den Eindruck: Sobald Begriffe klar sind, müssen Fragen anders gestellt werden, manche werden sinnlos, und manche Antworten zweifelhaft. Es ist, als hätte sich grauer Dunst aufgelöst. Nun kommt manches deutlich zum Vorschein, anderes erweist sich als Nebelschwade. Ist Philosophieren langweilig? Nein, es kann spannend sein, denn auch dabei gibt es oft etwas zu entdecken: keine neue Tierart, keinen neuen Planeten, kein neues Elementarteilchen, sondern Aspekte und Argumente, auf die ich bisher nicht gekommen bin. Und immer habe ich dabei das Gefühl: Hier geht es um etwas, das mir mehr gibt, als darüber zu labern, wer die meisten Facebook-„Freunde“ hat, welches Parfum gerade angesagt ist, ob Kim Kardashian cool ist oder Slipknot heißere Musik macht als Linkin´Park. Macht Philosophieren einsam? Im Gegenteil. Philosophische Fragen diskutiere ich am liebsten mit Freunden. Mir bringt das mehr, als alleine vor mich hinzugrübeln. Solche Gespräche sind anregend und lehrreich, sofern jeder sich ernsthaft darauf einlässt. Sie führen mir Gegensätze und Widersprüche vor Augen. Sie helfen mir, Dinge aus anderen Perspektiven zu sehen. Sie regen meine Phantasie an. Sie trainieren mich darin, mich klarer auszudrücken und logisch zu begründen, was ich glaube. Sie schützen mich davor, Vorurteile zu übernehmen und mich manipulieren zu lassen. Sie machen mich offener, toleranter und selbstkritischer. Sie erziehen alle, die mitmachen, zu Demokratie: Nur wer immer Recht haben will und die Macht, uns seine Meinung aufzuzwingen, der mag sie uns nicht zur Diskussion stellen, gleichberechtigt und gewaltlos – ihm passt es nicht, wenn wir den eigenen Verstand gebrauchen. Macht Philosophieren ernst? Nicht unbedingt. Es kann Spaß machen, Argumente auszutauschen, man kann daraus sogar Rollenspiele und Wettbewerbe machen: Hanna tut so, als sei sie Materialistin – schafft es jemand, sie zu davon abzubringen? Philipp spielt Papst, Matthias den Gottlosen – wer wird das letzte Wort haben? Oder wir bilden zwei Teams, jedes bekommt ein Blatt Papier, eine Viertelstunde Zeit und dasselbe philosophische Thema: „Überleben wir den Tod unseres Körpers? Was spricht dafür, was dagegen?“ Welches Team findet mehr Argumente, die Pro- oder die Kontra-Seite? Während ich das schreibe, hat es sich auf meinem Schoß Eve gemütlich gemacht, meine schwarze Katze. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie ebenso Schmerzen empfinden kann wie ich. Dass sie nicht bloß Hunger hat, sondern ihn spürt, wenn sie zu ihrem Fressnapf läuft. Dass sie traurig ist, wenn sie bemerkt, dass ich das Haus verlasse. Dass sie sich wohlfühlt, wenn ich sie streichle. Aber genauso sicher bin ich mir, dass sie sich niemals fragt, wozu sie lebt. Nie ist ihr bewusst, dass sie in spätestens fünfzehn Jahren nicht mehr existieren wird, und bestimmt denkt sie nie darüber nach, ob es für Katzen ein Leben nach dem Tode gibt. Ja, sie weiß nicht einmal, dass sie eine Katze ist. Nie wird für sie zum Problem, ob ihre Gefühle rein körperlich sind oder etwas ganz anderes, etwas Seelisches. Ja, sie fragt sich überhaupt nichts. Nie wird sie sich dessen bewusst sein, dass sie mein Weggehen bemerkt, und überlegen, was Bewusstsein überhaupt ist. Nie wird sie beschäftigen, ob ich sie liebe, wenn ich sie streichle, und was Liebe bedeutet. Niemals philosophiert sie. Aber ich kann es, über sie, über mich, über die Welt. Ist es nicht faszinierend, etwas zu tun, was Menschen allen übrigen Lebewesen voraus haben? Und noch etwas habe ich beim Philosophieren gelernt: Man muss nicht hundert Bücher gelesen haben, ehe man damit beginnen kann. Ich brauche dazu keine Bibliothek, sondern bloß eines: meinen Verstand. Philosophieren ist eigenes Nachdenken, kein Nach-Denken von etwas, was Andere vor-gedacht haben. Zwar weiß ich dann noch nicht, was Platon, Descartes und Kant gedacht haben. Aber immerhin ahne ich nun, dass mich ihre Gedanken etwas angehen. Wenn das alles ist, was mir Philosophieren bringt, ist es dann genug? Sollte ich mir Zeit dafür nehmen? Wieviel? Ich kann mir nicht vorstellen, mich ein ganzes Leben lang beruflich mit philosophischen Fragen zu befassen, nicht nur, weil ich keine Ahnung habe, wie man davon leben könnte. Ich stelle mir Fragen dann gerne, wenn sie mich berühren. Was einen Menschen von einem Objekt unterscheidet, frage ich mich in Situationen, in denen Menschen wie Objekte behandelt werden: benutzt, zur Schau gestellt, missbraucht. Ob es ein Leben nach dem Tod gibt, wird für mir wichtig, wenn jemand stirbt, den ich liebe, oder wenn mir klar wird, dass mein eigenes Ende nahe ist. Ob mein Leben Sinn hat, frage ich mich, wenn ich etwas verloren habe, das ihm bisher einen Sinn gegeben hat: beispielsweise meine Arbeit, meine Heimat, meine beste Freundin, meine Gesundheit. Ob ich wirklich frei bin, beschäftigt mich dann, wenn ich das Gefühl habe, dass meine Freiheit bedroht ist. Aber könnte ich ständig zweifeln, ob mein Leben Sinn macht? Könnte ich ständig hinterfragen, ob ich überhaupt etwas weiß? Könnte ich mir ständig meines sicheren Todes bewusst sein? Mir tagaus, tagein solche Fragen zu stellen, würde mich unglücklich machen. Ihnen manchmal nachzugehen, finde ich weise, ich liebe es. Ach ja, „Philosophie“ kommt aus dem Griechischen, wörtlich bedeutet es „Liebe zur Weisheit“. (Harald Wiesendanger) Illustrationen: Titelbild: Gerd Altmann/Pixabay

  • Lob des unprofessionellen Verstehens

    Verstehen uns Psycho-Profis wirklich besser? Die blamable Qualität psychologischer Gutachten deutet darauf hin, dass der Einzelfall Experten grundsätzlich überfordert – und Freud richtig lag, als er in einem seiner seltenen selbstkritischen Momente argwöhnte, Seelenexperten wie er begingen „jämmerliche Pfuschereien“. Sie versagen nicht wegen vorläufiger Wissenslücken, die wissenschaftlicher Erkenntnisfortschritt irgendwann schließen könnte. Sie scheitern aus Prinzip: Ihr naturwissenschaftlicher Ansatz verfehlt zwangsläufig, was uns ausmacht. Denn Menschen sind keine gewöhnlichen Forschungsobjekte, sondern bewusste Subjekte - Wesen mit einer jeweils einmaligen Geschichte, besonderen Lebensumständen und einer einzigartigen Erlebnisperspektive. Was sie bewegt, erschließt erst Empathie: eine fabelhafte Kulturtechnik, die Laien von Kindesbeinen an erwerben, vor und unabhängig von einem Hochschulstudium. Ein Ereignis wissenschaftlich zu erklären heißt, es aus empirisch bestätigten Gesetzmäßigkeiten herzuleiten – wobei zur Bestätigung ausschließlich wissenschaftlich anerkannte Methoden zulässig sind: im Fall der akademischen Psychologie systematische Beobachtung von objektiven, messbaren Tatsachen, außerdem Befragungen, Tests und Experimente mit quantifizierbaren Ergebnissen. Die meisten Handlungen, die ich als Laie verstehe, versteht mein Psychologe ebenfalls, wenn auch manchmal anders als ich. Darüber hinaus versteht er vermutlich weitere, deren Beweggründe unsereinem schleierhaft sind. Bloß: Wie versteht er sie? Beschränkt er sich dabei auf reine Wissenschaft, mit der er während seiner akademischen Ausbildung vertraut gemacht wurde? Oder schöpft er, ob er dies nun zugibt oder nicht, aus denselben anrüchigen Erkenntnisquellen, derentwegen er uns als stümperhafte „Küchenpsychologen“ zu belächeln gelernt hat: Lebenserfahrung, Intuition und Empathie? Es geschah aus Liebe Um das herauszufinden, würde ich ihm drei Fragen stellen: „Warum bewahrt jemand einen Zigarettenstummel jahrzehntelang in einem Glasbehälter auf seinem Nachttisch auf?“, „Warum verbrennt jemand kistenweise all seine Lieblingsbücher?“ und „Warum äußert jemand: ’Die werden heute abend knapp reichen?’“ Das erste tut ein Freund von mir. Das zweite hat im Jahre 1547 eine berühmte historische Persönlichkeit getan: ein französischer Apotheker und Arzt, der als visionärer „Nostradamus“ Weltruhm erlangte. Das dritte trug sich kürzlich in einer Konditorei zu. In jedem Fall lautet die Begründung: Es geschah aus Liebe. Mein Freund tut es, weil die Kippe die letzte war, die seine Frau ausdrückte, ehe sie starb; am Filter kleben noch Reste ihres Lippenstifts. Nostradamus tat es, weil die Bücher allesamt als „ketzerisch“ verboten waren; er befürchtete, die Inquisition könnte deren Versteck entdecken, ihn deswegen hinrichten – und damit seine zweite Frau ins Unglück stürzen, die er gerade erst geheiratet hatte. „Die werden heute abend knapp reichen“: Das hörte ich neulich eine ältere Dame sagen, die vor mir an der Verkaufstheke einer Konditorei stand; sie ließ sich 40 hausgemachte Trüffelpralinen in ein Plastiktütchen stecken. Während die Verkäuferin eine Kugel nach der anderen mit einer Zange eintütete, entfuhr ihr ein „Oha!“, was die Kundin ebenso laienpsychologisch wie blitzschnell verstand: Sie erfasste, dass sich die Verkäuferin über die unüblich große Anzahl Pralinen wunderte, und fühlte sich dazu aufgefordert, sich zu rechtfertigen. Die Verkäuferin wiederum verstand in Sekundenbruchteilen, dass die Süßigkeiten offenbar als Präsent für mindestens eine Person gedacht gedacht waren, die der Kundin besonders viel bedeuteten, sonst gäbe sie wohl kaum 25 Euro dafür aus. Und so bot sie an: „Soll ich sie Ihnen als Geschenk verpacken?“ Darüber hinaus erspürte sie intuitiv, dass die Kundin gerne mit ihr über den Anlass des Geschenks geplaudert hätte – warum sonst wies sie ungefragt, und scheinbar überflüssigerweise, auf heute abend und eine mutmaßliche Pralinenknappheit hin? Und möglicherweise gingen der Verkäuferin mehrere laienpsychologische Hypothesen durch den Kopf, die zwar alles andere als evidenzbasiert, vermutlich aber trotzdem nahe an der Wahrheit waren: Trifft die Dame heute abend jemandem, der Trüffelpralinen über alles liebt und gar nicht aufhören kann, sie zu futtern, sobald er welche vor sich liegen hat? Ihren neuen Freund? Eines ihrer Kinder samt Enkelkindern? Käme ein professioneller Psychologe darauf? Wenn ja, auf welchem Weg? „So allgemein kann ich das unmöglich sagen“, würde er voraussichtlich einräumen. „Die Psychologie kennt in der Regel nur statistische Wahrscheinlichkeiten.“ „Nun gut, dann stützen Sie sich meinetwegen auf diese“, würde ich einwilligen. „Aber bitte ausschließlich darauf.“ Er versteht – bloß wie? Nun hätte er ein Problem. Denn weltweit dürfte bislang keine einzige wissenschaftliche Studie über empirische Zusammenhänge von Bücherverbrennungen, Kippenkonservierungen und Trüffelpralinenkäufen mit bestimmten Motiven stattgefunden haben. Aber selbst wenn bereits Hunderte vorlägen - sie wären meinem Psychologen keinerlei Hilfe, nicht bloß, weil die Studienergebnisse ziemlich sicher im Widerspruch zueinander stünden, weshalb „die Faktenlage ambivalent“ wäre, wie er zugeben müsste. Das größere Problem ist: Selbst wenn bei einer bestimmten Art von Handlung mit hoher statistischer Wahrscheinlichkeit ein bestimmtes Motiv vorliegt, folgt daraus nicht, dass jeder von uns, oder zumindest dieser bestimmte Mensch hier und jetzt, höchstwahrscheinlich deswegen so handelt – und morgen am selben Ort oder anderswo genauso handeln würde, falls das gleiche Motiv fortbesteht. In seinem speziellen Fall – und Individuen liefern, zum Ärgernis von Generalisten, grundsätzlich nur Einzelfälle - ist es vielmehr äußerst unwahrscheinlich, wenn nicht gar ausgeschlossen. Was auch immer er tut, es geschieht vor dem Hintergrund eines jeweils ganz individuellen Systems von Überzeugungen, Wünschen, Neigungen, Absichten, früheren Erfahrungen, Erinnerungen und Erwartungen; vor dem Hintergrund seiner einmaligen Lebensgeschichte, bestimmter historischer Gegebenheiten und der jeweiligen Situation, an der übrigens im Alltag häufig ein bis mehrere weitere Individuen beteiligt sind, auf deren unberechenbares Mitwirken er ebenso unberechenbar reagiert. So kommt es, dass Menschen Menschenwissenschaftler penetrant ärgern, indem sie mit allergrößter Wahrscheinlichkeit etwas statistisch äußerst Unwahrscheinliches tun. Mittels Erfahrung, Intuition und Empathie gelingt es unsereinem häufig, diese Hintergründe zu erfassen und zu berücksichtigen, wenn wir das Tun eines anderen Menschen zu begreifen versuchen. Sofern der Profi es ebenfalls begreift, so deshalb, weil er sich unserer Mittel bedient – was bleibt ihm anderes übrig? In der Praxis des Beratens und Behandelns begegnet er nicht fleischgewordenem statistischem Durchschnitt, sondern immer nur einzigartigen Subjekten. Wer dort tätig ist, fernab des akademischen Hochschulbetriebs, für den erweisen sich vier bis sechs Studienjahre im nachhinein weitgehend als eine schweißtreibende Zeitvergeudung. Denn die Praxis­relevanz psychologischer Forschung ist erbärmlich, ihr Anspruch und Ansehen stehen in geradezu kafkaeskem Missverhältnis zu ihrer Brauchbarkeit. Noch vertrackter wird das Problem für einen wissenschaftlichen Psychologen dadurch, dass seine sonderbaren Objekte Bewusstsein haben. Stellen wir uns eine umfassendst aufgeklärte Gesellschaft vor, die ihr gesamtes Bildungswesen, ihre Medienlandschaft, ihre Freizeitangebote rigoros dem Ideal unterworfen hat, all ihre Mitglieder laufend auf den neuesten Stand psychologischer Forschung zu bringen. Mindestens neunzig Prozent seiner freien Zeit würde der Durchschnittsbürger damit zubringen, psychologische Studien zur Kenntnis zu nehmen. (Falls er weniger Zeit dafür aufwendet, muss er zur Strafe als Proband unbezahlt bei einem psychologischen Experiment mitmachen.) Wäre dies eine Gesellschaft, in der Menschen einander weitaus besser verstehen und viel zuverlässiger voraussagen könnten, was sie tun? Wäre es eine, in der die Wissenschaft das Helfen und Heilen revolutioniert? Nur dann, wenn ihre Mitglieder bestrebt wären, sich möglichst immer so zu verhalten, wie wissenschaftliche Studien über sie nahelegen. Doch wenn sie das nicht tun wollen? Wenn es ihnen zutiefst zuwider wäre? Wenn eine außerparlamentarische Protestbewegung die große Mehrheit der Bevölkerung dazu anstiften würde, die sanfte Diktatur der Psychoexperten beharrlich zu sabotieren? Im Gegensatz zu Dingen, wie auch zu jedem Tier, sind menschliche Subjekte imstande, sich anders zu verhalten, als ein Anderer erwartet, bloß weil sie dessen Erwartungen kennen - und keine Lust zu haben, diesen zu entsprechen. Wie malt sich ein wissenschaftlicher Psychologe das Paradies aus? Die Nachfahren von Adam und Eva kämen jedenfalls nicht darin vor. Eher schon Reiz-Reaktions-Automaten. (Harald Wiesendanger) P.S.: Warum wissenschaftlich ausgebildete Psycho-Experten im allgemeinen uns Laienpsychologen keineswegs überlegen sind - weder beim Erkennen und Verstehen von psychischen Belastungen, noch bei ihrem Behandeln -, erläutere ich in meiner zehnbändigen Schriftenreihe Psycholügen.

  • Was hat die Schulmedizin gegen Heiler?

    In der modernen, wissenschaftlich begründeten Schulmedizin sei kein Platz für esoterischen Firlefanz wie Geistiges Heilen, so polemisieren Kritiker. Der interessierten Öffentlichkeit schulden sie eine Begriffsklärung: Was ist unter „der“ Schulmedizin denn zu verstehen? Schon beim Definieren geraten sie in Verlegenheit. „Die“ Schulmedizin: Der unbedarfte Otto Normalversteher vermutet dahinter zuallererst eine geschlossene Einheitsfront der rund 365'000 deutschen Ärzte, im entschlossenen Aufklärungskampf gegen esoterische Pseudokuren. Gehen sie nicht allesamt mit dem früheren Präsidenten der Bundesärztekammer, Professor Jörg Hoppe einig: Bei Geistigem Heilen handelt es sich um „Scharlatanerie“, eine „rational nicht nachvollziehbare Methode, die in einer künftigen Diskussion keine Rolle spielen wird“. (1) So kann man sich täuschen. Die Studie einer Arbeitsgruppe der Abteilung für Theoretische Medizin der Universität Osnabrück belegt: Unter hausärztlich tätigen Medizinern steht jeder Vierte Geistigem Heilen „positiv“ gegenüber (25,8 Prozent), bei Ärztinnen sind es sogar 59 Prozent. Fast jeder Zweite kann sich Geistiges Heilen als „sinnvolle Therapie bei chronischen Erkrankungen“ vorstellen (49,2 Prozent), speziell bei psychischen Leiden sogar 77 Prozent. Knapp zwei Drittel hätten sich gewünscht, während ihrer Ausbildung mehr darüber zu erfahren. (2) Den Worten folgen Taten: Immer mehr Ärzte empfehlen, am Ende ihres Lateins, anscheinend „behandlungsresistente“ Patienten an Heiler weiter; gehen selber zu einem Heiler, wenn ihnen mit konventioneller Medizin zuwenig bis gar nicht mehr zu helfen ist; schicken schwerkranke Angehörige dorthin; beziehen Heiler in ihre Praxis ein; werden ihrerseits zu Heilern, nachdem sie entsprechende Fähigkeiten bei sich entdeckt haben. (3) Diese erstaunliche Offenheit unter Deutschlands Ärzten geht einher mit zunehmender Distanz zum vorherrschenden Medizinbetrieb. Nicht einmal jeder Zweite mag sich noch als „reinen Schulmediziner“ bezeichnen (41 Prozent). Mehr als die Hälfte hält Kritik an der Schulmedizin für notwendig. Drei von vier Ärzten beklagen, ihre Ausbildung sei „einseitig naturwisenschaftlich ausgerichtet“. 83 Prozent findet, dass „bei unserer Fortbildung alternative Heilverfahren zu kurz kommen“. Diese werden von einer Dreiviertelmehrheit „befürwortet“ (73 Prozent) – und von weit über hunderttausend Ärzten bereits in ihrer Praxis eingesetzt, allein Akupunktur von 20'000 bis 50'000. (4) „Die“ Schulmedizin, so folgt daraus, gibt es nicht. Was dafür gehalten wird, ist ein ideologisches Konstrukt, hinter dem bei näherem Hinsehen eine mächtige Fünfer-Allianz von Betonköpfen zum Vorschein kommt. Sie besetzen Lehrstühle von medizinischen Fakultäten; sie dominieren die Vorstände der ärztlichen Standesorganisationen; sie haben das letzte Wort in staatlichen Einrichtungen wie Instituten, Kommissionen und Ämtern; in Kliniken sitzen sie auf Chefsesseln; in den medizinischen Fachzeitschriften, den meinungsbildenden Organen, halten sie Redaktionen stramm auf Kurs. Wohlwollend begleitet werden sie dabei von den Lobbyisten, Öffentlichkeitsarbeitern und Marketingstrategen der Pharmabranche, der verständlicherweise vor jeglicher Heilweise graut, die ganz ohne Medikamente auskommt. Zu den Beweggründen, aus denen immer mehr Ärzte auf Distanz zu dieser Konstellation gehen, zählt unter anderem: wachsende Reflektion auf das eigene Berufsbild. Medizin ist kein Vollzugsorgan des etablierten Wissenschaftsbetriebs, sondern eine Dienstleistung: Sie soll Menschen helfen, die ihre Gesundheit verloren haben. Wenn ein Arzt zu Beginn seiner Tätigkeit den Hippokratischen Eid ablegt, so gelobt er feierlich, „mein Leben in den Dienst der Menschlichkeit zu stellen“; keineswegs schwört er, erst ein Dutzend randomisierte, placebo-kontrollierte Doppelblindstudien abzuwarten, ehe er diesen Dienst antritt. Er gelobt: „Die Gesundheit meines Patienten soll oberstes Gebot meines Handelns sein“ – aber nicht, dabei auf gewisse Mittel und Maßnahmen, wenngleich sie sich bewährt haben, von vornherein zu verzichten. Er gelobt: „Ärztliche Verordnungen werde ich treffen zum Nutzen der Kranken“ – und dass Geistiges Heilen nützt, wie auch immer, bestreitet auch unter den hartgesottensten Skeptikern mittlerweile kaum noch einer. Der Hippokratische Eid verpflichtet den Arzt zu konsequentem Pragmatismus: Was heilt, ist gut; wer heilt, hat recht. Denselben Pragmatismus legen wir Hilfesuchenden ans Herz. Nicht aufzugeben, sondern nach Auswegen zu suchen, wenn die konventionelle Medizin an ihre Grenzen stößt, ist nicht irrational, sondern über alle Maßen vernünftig. Das scheint, drei Jahre nach seinem Berliner Rundumschlag gegen geistheilende „Scharlatane“, selbst Professor Hoppe, ausgerechnet ihm, geschwant zu haben. Im Sommer 2002 war ein Fernsehteam der ARD, das ich für einen Dokumentarfilm über Geistiges Heilen beriet, nach Bonn unterwegs, zu einem Drehtermin bei dem damaligen Präsidenten der Bundesärztekammer. Was ich ihn denn gerne fragen würde, wollte der Produktionsleiter via Autotelefon von mir wissen. Mein Vorschlag: Angenommen, Herr Hoppe hätte eines Tages eine Krankheit, die aus schulmedizinischer Sicht unheilbar ist - und dann käme ein erfahrener Heiler auf ihn zu, mit dem Angebot: "Versprechen kann ich Ihnen nichts, aber ich versuche Ihnen zu helfen". Würde er so eine Offerte ausschlagen? Wie der Ärztekammerpräsident darauf reagierte, war kurz darauf im Dritten ARD-Programm S3 zu besichtigen. Er zögerte einen Moment, dann antwortete er: “Also, wenn ich zu der Überzeugung gelangt wäre, dass meine Situation ausweglos ist, dann würde ich nicht ausschließen, dass ich mich darauf einlasse.“ (5) Wenn jeder Patient mit Geistigem Heilen ebenso verfahren würde, wäre schon viel gewonnen. Ihn dazu zu ermutigen, und ihm darüber hinaus therapeutische Auswege auch in anderen unkonventionellen Heilweisen aufzuzeigen, bemüht sich die Stiftung Auswege seit nunmehr einem Jahrzehnt, übrigens gemeinsam mit zahlreichen Ärzten: Am 2. Dezember 2015 feiert sie ihren 10. Geburtstag. (Harald Wiesendanger) Anmerkungen 1 So Hoppe 1999 auf einer einer Tagung in Berlin zum Thema „Alternative zur Medizin? Der Streit um die Alternativmedizin“. Siehe H. Wiesendanger (Hrsg.): Geistiges Heilen in der ärztlichen Praxis, 5. Aufl. 2005, S. 32. 2 a.a.O., S. 13. 3 a.a.O., S. 16-30. 4 Nach Schätzungen zit. bei Wolfgang Weidenhammer: „Forschung zu Naturheilverfahren und Komplementärmedizin: Luxus oder Notwendigkeit?“, Deutsches Ärzteblatt 103 (44) 2006, A-2929 / B-2551 / C-2453. 5 Geistiges Heilen in der ärztlichen Praxis, a.a.O, S. 35.

  • Hat mein Leben Sinn?

    Von all ihren Schulfächern liebte meine jüngste Tochter Philosophie am meisten. Irgendwann kündigte der Lehrer an, in der nächsten Stunde werde es um die besonders spannende Frage gehen: „Hat mein Leben Sinn?“ Darauf bereitete ich mein Kind mit folgendem Essay vor, in dem ich ihre Perspektive einzunehmen versuchte. Was ist ein Experte? Jemand, der sich auf einem bestimmten Gebiet weitaus besser auskennt als die meisten Anderen. Wenn dort etwas unklar ist, fragt man ihn. Aus dem Fernsehen kenne ich Experten für die Börse, für das Wetter, für Terrorismus, für Erziehungsfragen, für Verbraucherrecht und so weiter. „Den“ Experten gibt es nicht, man ist es immer nur in Bezug auf eine bestimmte Gruppe. Für uns ist jeder Wissenschaftler ein Experte auf seinem Fachgebiet: zum Beispiel der Biologe für Lebensformen, der Historiker für Geschichte, der Mathematiker für Zahlen und geometrische Figuren. Unter seinen Kollegen würde ihn allerdings keiner so nennen, denn alle wissen ungefähr gleich viel über ihr Fachgebiet. Umgekehrt gibt es bestimmt in jeder Gruppe Experten für dieses und jenes. Zum Beispiel in meiner Schulklasse: Da ist Marvin der Experte für Blondinenwitze, Anja für Miley Cyrus, Alex dafür, wie man Lehrer auf die Palme bringt. Und ich fürs Trösten. In meiner Familie ist Mama die Expertin fürs Kochen - mein Vater kann höchstens Wasser erhitzen. (Smiley.) Dafür ist er der Experte für Fußball und Schach. Von beidem haben seine Frau und Kinder keine Ahnung – sagt er jedenfalls -, und darauf sind sie auch noch stolz. (Noch ein Smiley.) Gibt es Gebiete, auf denen jeder von uns sozusagen Experte ist? Bei denen es also strenggenommen Quatsch wäre, überhaupt von „Experten“ zu reden? Na klar. Von Babies abgesehen, weiß jeder von uns, wie man mit Messer und Gabel umgeht. Jeder von uns kann Sätze bilden. Jeder von uns weiß, wie man sich Kleider anzieht, eine Tür öffnet und gekochte Eier schält. Und ist nicht jeder von uns Experte, wenn es um Sinnfragen geht? Beweisen wir nicht Tag für Tag, dass wir bestens wissen, wozu etwas getan wird, welchen Zweck etwas hat? Ein Kamm ist dazu da, sich die Haare zu kämmen. Der Sinn von Zebrastreifen ist es, Fußgänger zu schützen, wenn sie die Straße überqueren. Unterrichtspausen sind zum Erholen da (falls Alex nicht gerade nervt). Und gilt das nicht auch, wenn es um mich selbst geht? Wozu ist das schwarze Ding auf meinem Nachttisch gut? Das ist ein Wecker. Zu welchem Zweck stelle ich ihn auf 5:30 Uhr? Damit ich eine halbe Stunde später startklar bin. Wozu breche ich um 6 Uhr auf? Damit ich den ersten Zug nach Heidelberg erreiche. Und wozu das? Damit ich pünktlich zur ersten Unterrichtsstunde in meiner Schule eintreffe, und so weiter. Bestimmt könnte man mir jeden Tag tausend Sinnfragen stellen, in Bezug auf beliebige Dinge um mich herum, oder auf das, was ich und Andere tun. Und tausend Mal wüsste ich die Antwort. Wieso wird die Sinnfrage plötzlich schwierig, wenn sie mich betrifft – nicht bloß all das, was in meinem Leben passiert, sondern mein Leben an sich? Wozu bin ich da? Dass das ein Riesenproblem ist, ist mir nicht erst klar, seit ich in meiner Schule einen Philosophiekurs belegt habe. Ich weiß es, seit ich weiterfrage. Wozu gehe ich überhaupt zur Schule? Um später einen guten Beruf zu haben. Wozu arbeiten? Um meinen Lebensunterhalt zu sichern – und vielleicht auch den meiner Kinder, falls ich welche haben werde -, für mein Alter vorzusorgen, der Gesellschaft nützlich zu sein, meine besonderen Talente zu entfalten, dafür Anerkennung zu erhalten. Aber wozu das? Es ist nicht so, dass keiner mir darauf antworten kann. Das Problem ist, dass mir nichts genügt, was ich zu hören bekomme. Denn was sind das für Antworten? Die einen erinnern mich an Werte und Normen: also an etwas, das als erstrebenswert oder moralisch gut gilt, an gewisse Vorschriften, wie man handeln sollte. Man sollte etwas aus sich machen. Man sollte etwas tun, von dem auch Andere etwas haben. Es sollte einem wichtig sein, dass Andere gut finden, was man macht. Man sollte Verantwortung für Andere übernehmen. Man sollte gerne leben. Keinesfalls darf man sich hängen lassen. Und schon gar nicht sollte man sich umbringen. Und wenn ich diese Werte und Normen nun ihrerseits anzweifle? Warum müssen es meine sein? Welchen Sinn haben sie? Manche sagen mir daraufhin: „Jede Gesellschaft braucht Werte und Normen, um zu funktionieren. Sie gelten deshalb, weil sie sich im großen und ganzen bewährt haben.“ Aber was geht mich die Gesellschaft an? Wozu soll ich tun, was gut für sie ist? „Auch du bist doch Teil dieser Gesellschaft!“, heißt es dann. Und wenn ich das nicht sein will? Wenn mir das wurscht ist? Andere kommen mir religiös: „Was man tun sollte, ergibt sich letztlich aus dem Willen Gottes.“ Aber wenn ich nicht an Gott glaube? Etwas bloß deshalb zu tun, weil jemand es will, ist mir zuwider. Warum sollte ich mich einem Willen beugen, bloß weil er kein menschlicher ist, sondern der Wille eines Wesens, das viele Menschen anbeten? Ich jedenfalls tue es nicht. Wieder andere versuchen es psychologisch: „Solche Fragen stellst du bloß, weil du schlecht drauf bist.“ Also sollte ich zum Psychotherapeuten, um sie loszuwerden? Da ist schon etwas dran. Es hat bestimmt seinen Grund, warum jemand nach dem Sinn des eigenen Lebens gerade jetzt fragt, nicht schon vor einem Jahr, obwohl er damals wohl kaum blöder war. Auslöser ist meistens eine besonders schwierige, belastende Situation: - Ein Lebensinhalt geht verloren: Man verliert seine Arbeit, das eigene Kind stirbt, eine Ehe zerbricht, die besten Freunde verraten einen. - Was bisher Lebensinhalt war, hört auf zu erfüllen: Die Arbeit befriedigt nicht mehr, eine Liebe erstickt in Routinen. - Ein Unglück hindert daran, weiterzuleben wie bisher: zum Beispiel, wenn man schwer erkrankt oder plötzlich behindert ist. - Man gewinnt den Eindruck, keine Kontrolle über das eigene Leben zu haben und Opfer eines blinden Schicksals zu sein, oder von erdrückenden Umständen, vor denen man nicht davonlaufen kann. - Manchmal überkommt es uns aber auch „einfach so“, wenn uns danach ist. Melancholische, sensible, besonders nachdenkliche Menschen sind anfälliger dafür als Leute, die immer gut drauf in den Tag hineinleben. Und es gibt die Pubertätskrise, die „Midlife“-Krise, den „Rentner-Blues“. Dann beginnen wir, unser bisheriges Tun, unser gesamtes Leben von außen zu betrachten. Wir gehen auf Abstand zu uns selbst, um zu sehen, wie sinnvoll es von dort aus erscheint. Enttäuscht uns, was uns diese objektive Perspektive vermittelt, können wir depressiv werden. Schlimmstenfalls denken wir an Selbstmord. Aber warum soll eine Frage nicht gut sein, bloß weil sie sich meistens nur unter bestimmten Umständen stellt? Verhält es nicht andersherum: Eine besondere Situation macht mir eine gute Frage bewusst, die ich mir längst hätte stellen müssen? Fällt es mir nicht endlich wie Schuppen von den Augen? Lief ich bisher nicht blind durchs Leben, ohne mir bewusst zu machen, wozu ich letztlich all die Dinge tue, die mein Leben ausmachen? Auch das gehört ja zur Suche nach Sinn: das Gefühl, der einzig Sehende unter Blinden zu sein – der einzige, der begreift, wie absurd das alles ist, was die übrigen tun. Sie kaufen ein, weil der Kühlschrank leer ist. Sie machen Urlaub, um sich zu erholen. Sie gehen zum Friseur, um sich einen neuen Haarschnitt verpassen zu lassen. Sie machen eine Diät, um abzunehmen. Sie arbeiten, um ein Einkommen zu erzielen. Sie treiben Sport, um fit zu bleiben. Sie treffen Freunde oder hören Musik, weil sie Lust dazu haben. Sie lesen ein Buch, weil sie sein Thema oder der Autor interessiert. Sie gehen eine Beziehung ein, um glücklich zu sein. Sie zeugen Kinder, um in ihnen weiterzuleben. „Wo, bitteschön, ist das Problem?“, fragen sie. Es besteht darin, dass wir innerhalb unseres individuellen Lebens zwar reichlich Begründungen und Rechtfertigungen für unser Handeln finden – aber keine davon erschließt uns dessen Sinn als Ganzes. Für gewöhnlich bewegen wir uns klaglos in unserem persönlichen Käfig, in den uns die besonderen Koordinaten von Raum und Zeit, der Spezies, des Kulturkreises, des Landes, der Organisationen, Gruppen und Beziehungen sperren, die unser Dasein bestimmen. Weder scheren wir uns darum, dass wir da drinnen sind, noch beklagen wir es, noch grübeln wir darüber, wie wir ihm entfliehen könnten, noch malen wir uns aus, wie es draußen wohl sein mag, noch sehnen wir uns dorthin – normalerweise. Doch egal, welchem persönlichen Lebenssinn man folgt: Sobald man sich auf ihn besinnt, wirkt plötzlich konstruiert, erfunden, irgendwie willkürlich, bodenlos. Und jeder lässt sich erbarmungslos hinterfragen. Wozu am Arbeitsplatz als unersetzlich gelten? Unsere Friedhöfe sind voll von lauter unentbehrlichen Leuten. Wozu irgendetwas besitzen wollen? Nichts davon werden wir am Ende mitnehmen können. Wozu Kinder in die Welt setzen? In spätestens hundert Jahren werden sie tot sein, sofern sie nicht schon vorher einer schlimmen Krankheit oder einem schweren Unfall zum Opfer fallen. Wozu Patienten helfen und heilen, wozu gesund werden? Ob man seine Krankheit los wird oder nicht: Irgendwann erliegt man unausweichlich einer anderen oder segnet aus sonstigen Gründen das Zeitliche. Wozu der Nachwelt im Gedächtnis bleiben wollen? Auch diese wird vergehen, und mit ihr jegliche Erinnerung an uns. Wozu sich für Dinge einsetzen, die der Menschheit nützen – für Umweltschutz und Frieden, gegen Hunger, Folter, Unterdrückung, Krieg? Vernichtet wird sie ohnehin früher oder später. In ein paar Milliarden Jahren wird sich unsere Sonne zu einem Roten Riesen aufblähen, der auf unserem Planeten Berge wie Butter schmelzen lassen und eine öde, mondähnliche Wüstenlandschaft zurücklassen wird. Selbst wenn die Menschheit bis dahin zu anderen Sonnensystemen umsiedeln könnte, würde es ihr letztlich nichts nützen: Das Universum wird dereinst im Nichts verschwinden. Demnach ist nichts groß genug, um nicht winzig zu erscheinen. Der Abstand entscheidet. Spätestens jetzt fühle ich mich alleingelassen mit meiner quälenden Sinnfrage. Einerseits komme ich selber nicht mehr weiter, und das macht mich wütend und leer zugleich. Andererseits gibt es anscheinend niemanden, der mir jetzt noch weiterhelfen kann. Woran könnte das liegen? Ein Grund könnte sein, dass es keine Antwort gibt. Oder dass die Wahrheit so ausfällt, wie ich befürchte: Mein Leben ist letztlich sinnlos. Oder dass mit meiner Frage etwas nicht stimmt. Wann sind Sinnfragen sinnlos? Tatsächlich fallen mir dazu Beispiele ein. Während mein Vater mal wieder Fußball guckt, frage ich ihn: „Wozu nimmt der Spieler den Ball in die Hand?“ Er erklärt: „Das ist ein Einwurf.“ Kurz darauf will ich wissen: „Wozu legt der Spieler den Ball auf den Kreidepunkt da?“ Er sagt: „Es gibt Elfmeter!“ Ein paar Sekunden später tritt der Typ den Ball kräftig nach vorne. Zwischen zwei Pfosten, die eine Querlatte halten, fliegt der Ball in ein Netz. Im selben Augenblick springt mein Vater wie von Taranteln gestochen aus dem Sessel. Falls ich jetzt zu fragen wage: „Was soll das?“, würde er mich bestimmt entgeistert anschauen: „Das war ein Tor, du Mondlicht!“ Und wenn ich nun weiterfragen würde: Wozu ein Einwurf? Wozu ein Elfmeter? Wozu Tore? Was ich damit beweisen würde, wäre vor allem eines: Von Fußball habe ich keinen blassen Schimmer. Das heißt: Ich kenne die Regeln dieses Spiels nicht. Genauso ist es, wenn ich mit ihm Schach spiele. Was machen wir da eigentlich? Wie würde es ein Außenstehender beschreiben, der uns zusieht und von Schach keine Ahnung hat? Er würde sagen: Zwischen meinem Vater und mir liegt ein quadratisches Brett, regelmäßig unterteilt in 64 Felder. Darauf stehen 32 kleine Figuren, 16 schwarze und 16 weiße. Die einen berührt nur er, die anderen nur ich. Die Figuren haben sechs verschiedene Formen, und jede hat einen Namen: Turm, Pferd, Läufer, Dame, König, Bauer. Abwechselnd schieben wir unsere Figuren auf dem Brett hin und her, manche nur ein Feld weiter, manche zwei oder mehrere; manche nur vorwärts, manche auch rückwärts, nach links oder rechts; manche geradeaus, manche schräg. Ab und zu kommt es vor, dass einzelne Figuren vom Brett entfernt werden. Wir hören auf zu spielen, wenn einer von uns „Schachmatt!“ sagt und der andere zustimmt, wieso auch immer. Anschließend könnte uns der Beobachter eine Unmenge Sinnfragen stellen. „Wozu spielt ihr mit 32 Figuren, nicht mit 16? Wozu haben die bloß zwei Farben, nicht drei oder vier? Wozu so viele Felder, warum nicht bloß 48? Wozu bewegt ihr einen Läufer bloß diagonal? Wozu verwendet ihr bloß sechs Arten von Figuren, und wozu ausgerechnet diese? Warum nicht zusätzlich eine Pyramide, eine Kuh, einen Arbeiter?“ und so weiter. Da wären mein Vater und ich uns ausnahmsweise völlig einig: So kann nur einer fragen, der nicht weiß, nach welchen Regeln man Schach spielt. Und wenn nun jemand das Spiel selbst von außen betrachtet und als ganzes in Frage stellt? Wenn ihm unklar ist, wozu überhaupt Fußball und Schach gespielt werden? Wozu es ihre Regeln gibt, wozu man sich an sie hält? Dann hinterfragt er das Spielen auf ähnliche Weise, wie ich es mit meinem Leben tue, wenn ich wissen will, ob es letztlich einen Sinn hat. Darauf könnten wir antworten: „Das hängt vom Spiel ab. Beispielsweise kann man dabei lernen, sich entspannen, Langeweile vertreiben, Sorgen vergessen, Spaß haben, Kontakte knüpfen, sich mit Anderen messen, sein Glück versuchen, sich bewegen, gemeinsam mit Anderen etwas tun, eine Fähigkeit trainieren und unter Beweis stellen usw.“ Und wenn der Beobachter jetzt noch immer nicht zufrieden ist? Wenn er weiterfragt: „Aber wozu Spaß haben, Kontakte zu Anderen suchen, mit ihnen einen Wettbewerb austragen? Wozu üben und beweisen, was man kann? Wozu all das?“ Was genau will er nun eigentlich wissen? Welche Art von Antwort würde ihn zufrieden­stellen? Jedes einzelne Spiel, und auch das Spielen überhaupt, hat keinen anderen Sinn als den, den Menschen ihm gaben, als sie es erfanden, und wir darin finden, wenn wir uns darauf einlassen. Wozu spielen wir überhaupt? Weil es im allgemeinen seinen Zweck erfüllt: Meistens macht es uns ja tatsächlich Spaß, wir langweilen uns dabei nicht usw. Wenn uns eine andere Tätigkeit mehr gibt, ziehen wir sie dem Spielen vor; vielleicht surfen wir dann lieber im Internet, hören Musik, lesen, chillen mit Freunden, gehen spazieren, treiben Sport oder tanzen, was auch immer. Wonach sucht jemand, wenn ihm kein Zweck genügt, solange Menschen ihn festgelegt haben? Offenbar geht es ihm um einen „höheren“ Zweck: einen, den es unabhängig von menschlichen Absichten, Bewertungen und Entscheidungen gibt. Macht das Sinn? Wo Sinn ist, muss ein Geist am Werk sein – wenn nicht ein menschlicher, welcher sonst? Weht eine Sturmböe den Ball ins Tor, grüble ich nicht darüber, wozu sie das macht – oder jemand durch sie. Wieso nicht? Weil ich es absurd fände, einem Wetterphänomen Motive zu unterstellen. Ich kenne Ursachen, also höre ich auf, nach Gründen zu fragen. Mich beschäftigt nicht mehr, wozu es schneit, wozu Wasser abwärts fließt, wozu der Mond um die Erde kreist, wozu sich Eisenfeilspäne auf einen Magneten ausrichten. Denn ich weiß, warum. Ist es nicht genau das, was mir Naturwissenschaften in der Schule bringen? Sie beantworten meine Warum-Fragen. Dabei ersetzen sie Glaube durch Wissen. So machen sie Wozu-Fragen überflüssig, oder nicht? Wie dachten Menschen, ehe sich die modernen Naturwissenschaften entwickelten? Wozu gibt es Sterne? Gott hat sie am Himmelszelt befestigt, um die Nacht zu erleuchten. Wozu blitzt es? Zeus schleudert Donnerkeile. Wozu treten Flutwellen auf? Der Meeresgott zürnt. Wozu die Pest? Gott straft. Wozu eine Fata Morgana? Wüstengeister treiben Schabernack. Wozu Erdbeben? Mutter Gaia ist wütend. Und wie denken kleine Kinder? Benjamin, mein süßes Bruderherz, ist vier. In seiner Welt wimmelt es nur so von Dingen, die künstlich geschaffen sind – gemacht von seinen Eltern, von anderen Menschen, von Gott, von Märchenfiguren und anderen unsichtbaren Wesen. Hinter allem und jeglichem sieht er einen Sinn. Wird er damit nicht aufhören, wenn er zur Schule geht? Müsste er das eines Tages bedauern? Vielleicht – falls auch er sich eines Tages zu fragen beginnt, wozu er lebt. Nichts von alledem, was er bis dahin in der Schule gelernt hat, wird ihm dabei zum ersehnten Ziel führen, genausowenig wie mich. Sollte er deshalb Philosophie studieren? Könnte er dort einen „objektiven“, „letzten“, „höchsten“ Sinn finden, der für uns alle notwendig gilt, jederzeit und überall? Ich glaube nicht. Zwar kenne ich bestimmt nicht einmal einen Bruchteil der Antworten, die Philosophen im Laufe von über zweitausend Jahren auf die Sinnfrage gegeben haben. Aber ich befürchte, dass Benjamin mit jeder Antwort am Ende dasselbe Problem hätte wie ich: Egal mit welchem „höheren“ Sinn ich den subjektiven begründen will, den mein Leben bisher hatte – es geht nicht, weil nichts zu „hoch“ ist, als dass man es nicht seinerseits „von oben“ betrachten könnte. Es ist wie bei Aladin, als er die Wunderlampe entpfropfte: Ein Geist wird freigesetzt, der sich nie mehr einfangen lässt, sobald wir ins Philosophieren geraten und darangehen, die üblichen Antworten, die wir innerhalb unseres Lebens auf Sinnfragen finden, mit „höheren“ Zwecken letztbegründen wollen. Wir unterwerfen uns dabei Erkenntnisansprüchen, die nicht befriedigt werden können – nicht aus einem Mangel an Wissen, sondern aus logischer Notwendigkeit. Denn unser Leben als Ganzes könnte etwas „Höheres“ nur dann sinnvoll machen, wenn dieses einen Sinn hätte – und eben das lässt sich ebenfalls stets in Zweifel ziehen. Wozu ist das „Höhere“ da? Entweder gibt es eine Antwort darauf – dann stellt sich die Frage erneut. Oder es gibt sie nicht – dann sind wir bei unserer Sinnsuche am Ende bei etwas angelangt, das selber keinen Sinn mehr hat. Wenn wir bereit sind, diesen Makel bei jenem „Höheren“ zu akzeptieren – warum sollten wir an die gewöhnlichen, ganz persönlichen Zwecke unseres Lebens strengere Maßstäbe anlegen? Religiöse Sinngebung führt da nicht weiter, zumindest nicht mich. Wenn Theologen mir versichern, zumindest mit Gott als „höchster“ Instanz, als „letztem“ Grund verhalte es sich ganz anders, so bin ich wenig zuversichtlich, ob ich je verstehen werde, was sie damit eigentlich meinen – und ob sie selbst es wirklich verstanden haben. Erhält mein Leben seinen „letzten“ Zweck, indem es Gott wohlgefällig ist und seinen Plan erfüllt, in einer Weise, die keinen weiteren, übergeordneten Zweck mehr erfordert und zulässt? Kann es etwas geben, das einerseits allem anderen dadurch Sinn gibt, dass es dieses umfasst, seinerseits aber einen Zweck weder haben kann noch haben muss? Etwas, dessen Zweck nicht von außen erfragt werden kann, weil es hier kein Außen mehr gibt? Ein Innen ohne Außen macht nicht mehr Sinn als ein Unten ohne Oben, ein Links ohne ein Rechts, ein Vorne ohne ein Hinten, ein Unten ohne ein Oben. Sollten wir von grundlegenden, tiefsten Einsichten nicht erwarten dürfen, dass sie sich auf eine Weise darlegen lassen, die grundlegende Sprachlogik nicht zutiefst verletzt? Ein Lebenssinn, den ich nicht begreifen kann, bereitet mir schwachen Trost: Er ersetzt das Unbehagen an einer fragwürdigen Antwort durch das Unbehagen an einer, bei der jedes Hinterfragen daran scheitert, dass fraglich ist, ob es sich überhaupt um eine sinnvolle Aussage handelt. Wenn Gottesglaube die Überzeugung einschließt, mein Dasein sei verstehbar, bloß nicht für mich, dann tausche ich offenbar ein Vakuum gegen ein anderes. Macht das denn Sinn? Ein „letzter“, „höchster“, „absoluter“ Sinn ist daher wohl nicht zu haben. Jenseits von Zusammenhängen, deren Beteiligte vorab festgelegten Zwecken und Normen folgen, macht Sinnsuche so viel Sinn wie die Frage, ob es jenseits des Fußballs, unabhängig von seinem Regelwerk, ein Erkenntnisziel gibt, aus dem in letzter Instanz folgt, wozu Eckbälle, Freistöße und Elfmeter „eigentlich“ ausgeführt werden. Die philosophische Sinnfrage lässt sich nicht lösen, nur auflösen – in einem Dasein, das so befriedigt und erfüllt, dass man es leid ist, sie weiterzuverfolgen. Dann verflüchtigt sie sich, wie eine schlechte Laune. Falls mir alles, was ich in meinem Leben wichtig, wertvoll und erstrebenswert finde, aus einer höheren Warte unscheinbar und nichtig vorkommt: Was will ich überhaupt da oben? Nichts und niemand zwingt mich dazu. Wenn mein Dasein von dort aus unbedeutend erscheint: Muss das für mich von Bedeutung sein? Wenn ich Ja zum Leben sage: Darf ich mir dann nicht die Freiheit herausnehmen, Aufforderungen zum Tiefstschürfen zu ignorieren, die meine Lebensqualität ohne Not und Ausweg beeinträchtigen? Was folgt daraus? Muss ich mir abgewöhnen, die Außenperspektive einzunehmen, sollte ich sie einfach abschaffen? Das kann ich nicht. Keinem Menschen gelingt das. Denn dass ich mich selbst, mein ganzes Leben wie von oben betrachten kann, ergibt sich daraus, dass ich ein Wesen mit Selbstbewusstsein bin. Die Einsicht, dass mein Dasein aus höherer Warte absurd erscheint, ist der Preis, den ich dafür zahlen muss, dass ich fähig bin, zu mir selbst auf Distanz zu gehen. Auch wenn ich die Sinnfrage nicht pausenlos stelle, sondern nur unter besonderen Umständen, werde ich sie nie ganz los, sie hört nicht auf, mich zu umlauern. Insofern hinkt der Vergleich mit Aladins Wunderlampe: Der Geist, den ich weder bändigen noch bannen kann, ist keiner, der sich je hätte einsperren und in dauerhafter Gefangenschaft halten lassen. Er führt ein aufsässiges Eigenleben, er umschwebt mich ständig, er gehört zu mir wie ein zweites Selbst, und jederzeit kann mein waches Ich beschließen, zu ihm überzuwechseln. Wer sich von dieser Möglichkeit nicht verunsichern lässt, verbessert seine Chancen auf ein glückliches, erfülltes Leben. Damit mache ich jetzt gleich weiter. Bin nämlich mit Marvin, Anja und Alex verabredet. Wozu, weiß ich. (Harald Wiesendanger)

  • Was ist Wahrheit?

    Unter allen Nebenfächern liebte meine jüngste Tochter, als sie noch zur Schule ging, Philosophie am allermeisten. Irgendwann stand Erkenntnistheorie auf dem Stundenplan, und sie führte zur Wahrheitsfrage. Worum geht es dabei? Dazu schrieb ich meinem Kind den folgenden Text. Was ist Wahrheit? Jedenfalls ein Wort, das zu 32,3 Millionen Ergebnissen führt, wenn ich bei Google danach suche. Findet man irgendwo eine Antwort? Ich habe sie bei 0,00005 Prozent der Websites gesucht, die Google auflistet, das sind ungefähr 15. Wieviele Antworten fand ich? Mindestens 15. Das zeigt, wie schwierig es ist, den Begriff Wahrheit zu definieren – wie sehr die Meinungen darüber auseinandergehen. Und deshalb suche ich nach einer Antwort lieber nicht im Internet, sondern in mir selber. Was geht mich diese Frage überhaupt an? Wann wird sie wichtig für mich? Sie wird es, wenn es um den Unterschied zwischen Glauben und Wissen geht. Bestimmt habe ich mindestens genauso viele Überzeugungen, wie es Wahrheitsdefinitionen im Internet gibt. Alle halte ich für wahr, sonst hätte ich sie nicht. Aber sind sie es? Wenn ich Zweifel habe, wie kann ich sichergehen, dass sie stimmen? Mit anderen Worten, wann wird eine Überzeugung zu Wissen? Eine Antwort könnte lauten: Sie ist wahr, wenn viele Andere dasselbe glauben, oder besser alle. Aber könnten nicht alle irren? Es gab Zeiten, zu denen alle Menschen glaubten, Sterne seien an einem Himmelszelt befestigt. Alle glaubten, dass die Erde eine Scheibe ist. Alle glaubten, die Erde sei der Mittelpunkt der Schöpfung. Alle glaubten, dass die ersten Menschen Adam und Eva hießen und von Gott aus dem Paradies auf die Erde verbannt wurden. Alle hatten unrecht. Was sonst könnte Wahrheit bedeuten? Ich glaube: Die Quadratwurzel aus 16 ist 4. Wie kann ich das wissen? Ich habe Mathematik gelernt, ich kenne ihre Rechenregeln, und wenn ich sie richtig anwende, kann ich nicht auf 5 oder 3 kommen, sondern nur auf 4. Ich glaube: Wenn Heidelberger Baden-Württemberger sind und alle Baden-Württemberger Deutsch sprechen, dann sprechen auch alle Heidelberger Deutsch. Das ergibt sich aus den Gesetzen der Logik. In beiden Fällen kann ich über die Wahrheit eines Glaubens entscheiden, indem ich einfach nachdenke. Und ähnlich ist es zum Beispiel auch mit dem Glauben, dass ich nicht zu Hause bin, wenn ich verreise. Denn es gehört zur Bedeutung des Begriffs Verreisen, an einem anderen Ort zu sein als dem, wo man normalerweise wohnt. Ebenso weiß ich: Wo Lärm ist, kann es nicht still sein – das muss ich nicht erst nachprüfen. Wenn ein Kreis gemalt wird, muss ich nicht dabei zusehen, um zu wissen, dass er keine Ecken hat. Wenn es morgen stark regnet, wird es draußen nass sein – um das zu wissen, muss ich nicht erst den nächsten Tag abwarten. Das heißt, es gibt eine Art von Wissen, das ich habe, indem ich Sprache beherrsche. Aber nicht immer kann ich eine Wahrheit herausfinden, indem ich einfach nachdenke. Wenn ich zum Beispiel glaube, dass alle Schwäne weiß sind, behaupte ich etwas, das sich als falsch herausstellen kann – durch Tatsachen, die meine Meinung widerlegen. Auch wenn alle Schwäne weiß waren, denen ich bisher begegnet bin, könnte es irgendwo andersfarbige geben. Und tatsächlich sind im 17. Jahrhundert in Australien schwarze Schwäne entdeckt worden. Was bedeutet Wahrheit in so einem Fall? Es bedeutet, dass meine Überzeugung mit den Tatsachen übereinstimmt. Einen schwarzen Schwan kann ich sehen. Ich kann das zwar nicht von hier aus. Aber ich könnte es, wenn ich nach Australien fliege. Doch wie ist das mit Überzeugungen über etwas, das weder ich noch sonst jemand wahrnehmen kann? Ich glaube, dass mein ganzer Körper aus Zellen besteht, obwohl ich noch nie eine gesehen habe. Aber ich könnte auf andere Weise herausfinden, dass ich recht habe: Ich lege ein Haar oder einen Hautfetzen unter ein Mikroskop. Aber nicht alles, was unsichtbar ist, kann sichtbar gemacht werden. Ich glaube, dass mein Klassenkamerad Schmerzen hat, wenn ich ihm ein Buch auf den Kopf haue. Aber ist das wahr? Woher weiß ich das? Seinen Schmerz kann ich nicht beobachten, und niemand sonst kann es. Wenn ich eine Chirurgin wäre, dann könnte ich seinen Schädel öffnen – dort fände ich ein Gehirn, aber keinen Schmerz. Wenn ich trotzdem sicher bin, dann deshalb, weil ich es aus seinem Verhalten erschließe. Er verzieht das Gesicht, er hält sich den Kopf, er schreit, er jammert, er weint, er sagt: „Das tut weh.“ Und all das gibt mir genügend Gründe. Aber könnte er nicht bloß so tun, als ob er Schmerzen hätte? Könnte er wie ein guter Schauspieler eine Empfindung vortäuschen, die er gar nicht hat? Fühlen sich Schmerzen für ihn genauso an wie für mich? Das weiß ich nicht. Und ebensowenig weiß ich, wie ich das herausfinden könnte. Also gibt es Überzeugungen, von denen man nicht feststellen kann, ob sie wahr sind. Überzeugungen sind wahr, wenn sie mit Tatsachen übereinstimmen. Aber worin besteht diese „Übereinstimmung“ eigentlich? Ich sitze im Café, bestelle ein Eis, probiere es und kann bestätigen: Es schmeckt nach Schokolade. Wie kann diese Tatsache „übereinstimmen“ mit dem Satz „Das Eis schmeckt nach Schokolade“, den ich ausspreche, schreibe oder denke? Ich verstehe, dass zwei Fingerabdrücke übereinstimmen, wenn sie von derselben Person stammen. Ich verstehe, dass ein Schlüssel mit dem Zweitschlüssel übereinstimmen kann, den ich anfertigen ließ; oder ein kopiertes Blatt mit dem Original. Beide sind gleich. Aber ähnelt ein Schokoladeneis im geringsten den Linien, die ich produziere, wenn ich auf einen Zettel „Das Eis schmeckt nach Schokolade“ schreibe? Oder den Lauten, die ich bilde, wenn ich diesen Satz ausspreche? Oder meinem Gedanken an Schokoladeneis? In meinem Kopf wird es dabei weder kalt, noch würde jemand darin auf Schokogeschmack stoßen, falls er ihn öffnet. Wie soll die geheimnisvolle Verbindung zwischen Glauben und Wirklichkeit denn zustande kommen? Wie kann man überhaupt eine Tatsache meinen? Das zeigt mir zur Zeit Lukas, ein süßer Nachbarsjunge. Knapp ein Jahr alt ist er nun, er lernt gerade seine ersten Wörter. Wie schafft ein Baby das? Bestimmt nicht durch Hellsehen – indem es beispielsweise einen unsichtbaren Pfeil entdeckt, der von einer „Mama“-Schallwelle ausgeht und auf etwas zeigt, das einen bestimmten Sinneseindruck auslöst, wie das nur die Frau kann, die ihn geboren hat. Selbst wenn es so einen „Bedeutungspfeil“ gäbe und Lukas ihn „sehen“ würde, könnte er nichts damit anfangen, denn er hat noch keine Ahnung, was ein Pfeil ist, eine Richtung, eine Spitze, ein Zeigen. Es ist doch eher so: Oft, wenn vor ihm ein Ball ist, hört er das Wort „Ball“; ist keiner da, hört er es nicht. Ahmt er das Wort in bestimmten Situationen nach, erfährt er zustimmende oder ablehnende Reaktionen. Ist da tatsächlich ein Ball, wird er angelächelt oder übers Köpfchen gestreichelt; er hört „Ja!“, „Gut!“, „Prima!“, „Stimmt!“, „Super!“ in einem bestimmten Tonfall, und diese Worte klingen anders als Verneinungen. (Positive und negative Reaktionen können Säuglinge schon ab der dritten Lebenswoche unterscheiden, las ich irgendwo.) Das wiederholt sich mit anderen Bällen, und dabei lernt Lukas allmählich nicht nur, die typischen Laute des Wortes „Ball“ so zu bilden wie wir, sondern auch, es richtig anzuwenden – nämlich nur auf Bälle, nicht auf Papa, Milchflaschen, Schnuller und Katzen. Ähnlich lernt das Baby die Bedeutung von Adjektiven wie „rot“ und von Verben wie „hüpfen“. Es lernt Verknüpfungen von Wörtern („rot“/“Ball“, „Ball“/hüpft“) und das Bilden von Sätzen daraus („Der Ball ist rot“, „Der Ball hüpft“). Und langsam begreift Lukas: Ob etwas ein Ball ist, hängt nicht davon ab, wie groß es ist, wie es sich anfühlt, welche Farbe es hat, wie schwer es ist - sondern bloß davon, ob es rollen und hüpfen kann und seine Form verändert, wenn man es drückt, das heißt, wenn es elastisch und regelmäßig rund ist. Ist es bloß rund, aber nicht elastisch, dann heißt es „Kugel“. So entdeckt es rollende Bälle und und andere Tatsachen: Mit dem richtigen Gebrauch von Wörtern lernt es Begriffe, mit Begriffen ordnet es seine Erfahrungen. So lernt es zu denken. Aber Tatsachen bestehen doch unabhängig davon, wie wir sie beschreiben. Sie bestünden auch dann, wenn es im ganzen Universum kein einziges intelligentes Lebewesen gäbe, das sie in Worte fassen könnte. Selbst wenn die Erde menschenleer wäre, bliebe es doch eine Tatsache, dass sie vom Mond umkreist wird – oder etwa nicht? Richtig, aber das ist nicht der Punkt. Sprache und Wirklichkeit hängen insofern zusammen, als wir Wörtern völlig andere Bedeutungen geben könnten – dann würden wir auch andere Tatsachen feststellen. Angenommen, es gäbe eine Sprache, in der das Wort „Ball“ nur für rote Bälle verwendet wird; für deren Sprecher wäre es dann eine Tatsache, dass Tennis und Golf nicht mit Bällen gespielt werden. Oder angenommen, das Wort „Ball“ würde bedeuten: „alles, was rollen kann“. Dann würden wir es beispielsweise korrekt anwenden auf Autoreifen, Klopapier­rollen, Luftballons, Flugzeuge, Orangen, Nudelhölzer, Panzer, Deosticks, Busse, Münzen, Trinkgläser, Züge und Kugelgürteltiere. Und dann wäre es eine Tatsache, dass man mit Bällen zur Schule fahren, Einkäufe bezahlen, fliegen, Orangensaft machen, Krieg führen, sich den Hintern abwischen kann. Aber ist das alles nicht viel zu unterschiedlich, als dass man es mit ein und demselben Wort bezeichnet könnte? Täte man der Wirklichkeit dabei nicht Gewalt an, würde sie der Sprache nicht gleichsam Widerstand leisten? Andererseits: Welches Aussehen, welches Verhalten verbindet eine Amöbe, eine Spinne, eine Eule, eine Giraffe und eine Qualle? Trotzdem bezeichnen wir sie alle als „Tier“. Wie sehr unterscheiden sich gefrorenes, flüssiges und verdampftes Wasser! Und doch nennen wir es „Wasser“. Was haben Brettspiele, Kampfspiele, Kartenspiele und Ballspiele gemeinsam – Tarot mit Eishockey, Mühle mit Flippern, Bowling mit Blinde Kuh? Trotzdem heißen sie „Spiele“ - nicht ihrer Natur wegen, aufgrund eines „objektiv“ gemeinsamen Wesensmerkmals, sondern infolge von sprachlichen Regeln. Insofern werden Tatsachen durch Sprache „konstruiert“. Heißt das: Indem wir eine Sprache teilen, sind auch alle Tatsachen für uns dieselben? Natürlich nicht. Über Tatsachen können Menschen sehr unterschiedliche Meinungen haben. Wenn eine Freundschaft kaputt geht, kann sie sagen: „Das liegt daran, dass er langweilig war.“ Er sieht das vielleicht ganz anders: „Es liegt daran, dass sie immer Action wollte.“ Vielleicht haben beide recht, aus ihrer Sicht – beide sind im Besitz einer subjektiven Wahrheit. Gibt es darüber hinaus auch objektive Wahrheiten? Oder ist letztlich alles bloß Ansichtssache, und keiner hat jemals Recht? Das wäre nicht nur besorgniserregend, sondern unlogisch. Dass meine Meinung „nur subjektiv wahr“ sei, „aber nicht objektiv“, kann jemand nur dann sinnvoll behaupten, wenn zumindest er selber Zugang zu objektiven Sachverhalten hat. Woher wüsste er sonst, dass das eine das andere verfehlt? In einem indischen Märchen versuchen sechs Blinde zu beschreiben, wie ein Elefant aussieht. Dabei berührt jeder ein anderes Körperteil des Tiers. Anschließend geben sie sechs verschiedene Antworten. „Ein Elefant ist wie eine Säule“, behauptet derjenige, der das Bein befühlt hat. „Nein, wie ein Seil, das am Ende ausgefranst ist“, widerspricht ein Zweiter, nachdem er den Schwanz abgetastet hat. „Nein, wie eine feuchte Hand, die sich immerzu schließen will und sich doch gleich wieder öffnet!“, meint jener, der sich mit dem Rüssel befasst hat. „Wie ein Handfächer!“, befindet einer, der das Ohr untersuchte. „Wie eine spitz zulaufende Röhre!“, glaubt jener, der mit dem Stoßzahn zu tun hatte. Und für den Sechsten fühlt sich der Bauch „wie eine Wand“ an. Recht haben irgendwie alle. Aber wie könnte uns das Märchen lehren, was es zu zeigen versucht, wenn es neben den vielen Blinden nicht wenigstens einen Sehenden gäbe? Wenn Gegensätze zwischen subjektiven Wahrheiten scheinbar nicht aufzulösen sind, liegt das oft daran, dass beide fälschlicherweise den Anschein erwecken, als gälten sie objektiven Tatsachen. In Wahrheit beschreiben sie aber, was in den beteiligten Subjekten vor sich geht. Tina schwärmt: „Dieses Parfum duftet betörend“. Max winkt ab: „Es stinkt widerlich“. Bernd meckert: „Die Suppe ist versalzen.“ Klara widerspricht: „Quatsch, die hat eher zuwenig Salz.“ Es scheint so, als werde dabei über ein Merkmal des Parfums, der Suppe gestritten: den Duft, den Geschmack. Tatsächlich geben die Streithähne bloß wieder, welche Empfindungen in ihnen ausgelöst worden sind. Gleichermaßen Recht haben können sie deshalb, weil zwei Subjekte von ein und derselben Sache zweierlei Eindrücke gewinnen können. In anderen Fällen lässt sich durchaus objektiv feststellen, ob eine subjektive Meinung zutrifft oder danebenliegt. Da sagt jemand: „Hitler war ein skrupelloser Massenmörder.“ Der Neonazi ist ganz anderer Meinung: „Hitler war ein guter Mensch, der wollte keinen umbringen, es sei denn aus Notwehr.“ Müssen wir das so stehen lassen, weil letztlich „jeder aus seiner Perspektive recht hat“? „Skrupel“, „Massenmord“, „Notwehr“, „jemanden umbringen wollen“: Zur Bedeutung dieser Begriffe gehören gewisse Anwendungsbedingungen, von denen wir sehr wohl feststellen können, ob sie vorliegen oder fehlen: etwa indem wir Zeitzeugen befragen, Filmaufnahmen auswerten, Redetexte, Tagebücher und andere Schriften von Hitler lesen. Wer sie ignoriert oder leugnet, hat nicht bloß eine „subjektive Perspektive“, sondern eine verkehrte. Aber kann es überhaupt eine objektive Wahrheit geben? Tatsachen hat niemand von uns jemals direkt wahrnehmen können. Im Physik- und Biologieunterricht habe ich gelernt: Wie die Welt ist, vermitteln mir die Sinnesorgane. Augen, Ohren, Nase, Haut empfangen Reize, Nerven leiten diese in mein Gehirn, dort entstehen Wahrnehmungen. Ist es wahr, dass vor mir ein Tisch steht? Sind hier Menschen um mich herum? Oder etwas ganz anderes? Bloß Wolken von Atomen, deren Kerne von Elektronen umschwirrt werden? Der Tisch, mein Sitznachbar, der Lehrer da vorne kommen mir fest vor. Doch im Grunde, so lerne ich im Physikunterricht, ist da, wo sie sich befinden, fast nur Leere: Könnte ich eines der Atome, aus denen sie bestehen, tausend Billionen Mal vergrößern, dann sähe ich einen Kern mit knapp zwei Metern Durchmesser, um den 0,1 Millimeter große Elektronen kreisen – in fünfzig Kilometern Entfernung. Was mein Auge reizt, sind Lichtwellen, die von solchen Gebilden reflektiert werden. Aus Sinneseindrücken macht mein Gehirn dreidimensionale geistige Bilder, die mir eine Außenwelt voller Gegenstände und Personen zeigen, anscheinend unabhängig von meinem Bewusstsein. Aber stimmt die Außenwelt mit diesen Bildern überein? Das kann ich unmöglich wissen. Um es herauszufinden, müsste ich meine Bilder mit dem vergleichen, was sie abbilden. Aber egal wie ich das versuche, ich bekäme doch nur weitere geistige Bilder. Ist Wahrheit also immer subjektiv? Insofern ja. Aber wenn dir deine subjektive Wahrheit deine Mitschüler und deinen Tisch lässt, kannst du gut damit leben, nicht wahr? (Harald Wiesendanger) Titelbild: OpenClipart-Vectors/Pixabay

  • Dem Ernst der Lage trotzen - Warum Lachen zur „Auswege“-Medizin gehört

    Nirgendwo ist das irdische Jammertal tiefer als zwischen Flensburg und Passau. Und geradezu abgrundtief müsste es dort sein, wo die Therapiecamps meiner Stiftung Auswege stattfinden; denn bei jedem kommen bis zu zwei Dutzend schwerkranke Kinder und Erwachsene zusammen, begleitet von weit über fünfzig gravierenden Diagnosen und bis zu dreißig besorgten, belasteten Angehörigen. Da gibt es nichts zu lachen, oder? Erwachsene lachen im Schnitt 15- bis 20mal pro Tag, Kinder 200- bis 400mal. Und Teilneh­mer eines „Auswege“-Camps? Auf Schritt und Tritt be­geg­net man dort äußerster gesund­­heitlicher Not: körperlich und geistig schwerstbehinderten Kindern, von denen manche nicht einmal den Kopf drehen, ihren Blick fixieren, nach Gegen­ständen greifen, irgendeinen Laut von sich geben können, geschweige denn sitzen, laufen, sprechen. Man trifft Roll­stuhlfahrer, die darauf gefasst sein müssen, dass ihre Lähmun­gen un­erbittlich fort­schrei­ten. Man lernt psychisch Trau­matisier­te kennen, die Erfah­rungen von Gewalt, Miss­brauch oder Verlust ihr ganzes bisheriges Leben lang verfolgt und bedrückt haben. Wie kann es sein, dass an solchen Orten tagtäglich immer wieder fröh­liches Lachen, manchmal so­gar schallendes Gelächter zu hören ist: in den rituellen „Mor­gen­kreisen“, während der gemeinsamen Mahlzei­ten, beim Ab­schlussfest, bei spontanen Plau­der­runden während Be­hand­lungs­­pausen und abends? Gegen den Ernst der Lage anzulachen, ereignet sich bei unseren Camps keineswegs ungewollt, un­angebrachterweise und nebenbei – es gehört zum Konzept, es ist wich­tiger Bestandteil der „Auswege“-Medizin, wir provozieren es nach Kräften. In unsere „Morgenkreise“ bauen wir immer wieder kuriose Geschichten, deftige Scherze, Car­toons und lustige Zaubertricks ein. Wir veranstalten einen Wettbewerb, zu dem jeder Teilnehmer seinen Lieb­lingswitz beisteuert; am Ende kü­ren wir per Abstimmung den „Camp-Ober­witz­bold“, dem unter don­nerndem Applaus ein Preis über­reicht wird. Auf unserem Wunsch­­zettel für künftige Camps steht, einen „Klinik­clown“ anzuheuern: einen von mittlerweile mehreren hundert professionellen Spaßmachern, die unter exotischen Namen wie Dr. Schnick­schnack oder Dr. Hutzel­butzel neuerdings auch in deutschen Kranken­häusern und Pflege­einrichtungen auftreten, um dort kleine und große Patienten, Alte und Behinderte aufzuheitern. Den nobelpreiswürdigen Anstoß dazu verdankt die Mensch­heit Michael Christensen, dem Mit­be­gründer des New Yorker Stadt­zirkus: Ihm kam 1986 die fabelhafte Idee des "Clown Doctoring", die rasch populär wurde und mittlerweile in vielen Ländern der Erde Schule gemacht hat. Dabei geht es keineswegs bloß um Entertainment. Mittels Humor lassen sich negative Gedanken vertreiben, Spannungen lösen, Lebens­freu­­de schenken. Mehr noch: Lachen ist gesund. Es ist vielleicht nicht „die beste Medizin“, wie der Volksmund übertreibt, immerhin aber eine äußerst wirkungsvolle. Wissenschaftliche Belege dafür stam­men von einem jungen medizinpsychologischen Forschungs­zweig, den wir indirekt dem Komö­diantenduo Stan Laurel und Oliver Hardy verdanken - genauer gesagt jenem Film, in dem die beiden als „Dick und Doof“, Stan und Ollie, ein sperriges Piano den Hügel hinaufschieben - sowie dem Um­stand, dass ein amerikanischer Psy­chiater von der Universität Stanford in Palo Alto, William F. Fry, diese Folge gera­dezu „liebte“. (1) Anfang der sech­ziger Jahre, damals um die 40, sah er sich diesen Film („Der zermürbende Klaviertransport“) an, während in seinem Arm eine Kanü­le steckte, mit der er sich in regelmäßigen Abständen Blut abzapfte. Anschließend ließ er die Blutprobe chemisch analysieren. Er wollte herausfinden, was beim Lachen im Körper geschieht. Wieso setzte er dazu nicht einfach Lachgas ein? „Wenn Sie die Monde des Jupiter erforschen wollen, untersuchen Sie ja auch keine Luftballons. Mich interessiert das natürliche Lachen.“ Inzwischen gilt Fry, der im Mai 2014 verstarb, als Begründer der Geloto­logie (von griech. gélos „Lachen“), die sich anfangs schwertat, in Fach­kreisen als seriöse Wissenschaft an­erkannt zu werden. „Es gab Leute“, erinnert sich Fry, „die mich gerade mal so ernst nahmen, dass sie mir vorschlugen, an einem Comic-Wett­bewerb teilzunehmen. Eines Abends genehmigte ich mir ein paar Gläser Sherry und dachte mir: Zum Teufel, warum eigentlich nicht? Die Vorga­be war ein Strip mit zwei Engeln auf einer Wolke, dazu sollte man sich einen Text ausdenken.“ Was ließ sich Fry dazu einfallen? „Der eine Engel sagt zum anderen: ‚Ach, diese Wolken sind herrlich für meine Hämorrhoiden.’ Die Jurymitglieder waren so begeistert - wahrscheinlich litten sie selbst unter Hämor­rhoiden -, dass sie mir den ersten Preis verliehen.“ In dem halben Jahrhundert seit Frys ersten Untersuchungen haben Wis­sen­schaft­ler eindrucksvolle Bestäti­gungen dafür zusammengetragen, dass Humor eine medizinisch ernstzunehmende Angelegenheit ist: Jedes „Hahaha“ steht für ein physiologisches Großereignis ungeheurer Komplexität: Allein im Gesicht verziehen sich dabei 17 Muskeln, bis zu 80 im ganzen Körper; Schultern, Bauch und Zwerchfell wackeln, Bein- und Blasenmuskeln schlaffen ab. (Kleine Kinder kippen deswegen bei Lachattacken manchmal einfach um oder machen sich in die Hose.) Die Luft zischt mit Sturmstärke durch die Lungen, mit bis zu 100 km/h. Daraufhin wird das Atmen freier, wir nehmen mehr Sauerstoff auf. Der Herzschlag beschleunigt sich, der Blutdruck geht hoch, der Körper schüttet vermehrt Hormone aus; bestimmte Gehirnaktivitäten nehmen zu, unter anderem im Hypothalamus und Teilen der frontalen Hirnrinde. Dass wir manchmal weinen, wenn wir besonders herzhaft lachen, hat anatomische Grün­de: Im oberen Teil der Nase steigt der Luftdruck und presst auf die Trä­nen­drüsen. Lachen beeinflusst Geist und Psyche positiv. Aber Lachen lockert nicht nur die Muskulatur, sondern auch starre Ge­dankenmuster. Sichtweisen verändern sich: Patienten wird es möglich, ihre Situation, die daran Beteiligten und sich selbst mit mehr Distanz und aus einer anderen Perspektive zu sehen, zu überdenken und neue Lösungsansätze für Probleme zu finden. Oft eröffnet es einen Ausweg aus einer scheinbar un­entrinnbaren Klemme: einem Kon­­flikt, einer Bedrückung, einer Angst. Denn eines seiner Haupt­auslöser ist das plötzliche Erkennen von Zusammenhängen – dann löst sich die innere Anspannung in Form von Lachen. Lachen beruhigt: Eine Minute La­chen wirkt ebenso erfrischend wie 45 Minuten Entspannungstrai­ning, wie eine Studie ergab. Denn dabei werden Glückshormone, sogenannte Endorphine ausgeschüttet, dank derer sich selbst unter hoher Ar­beitsbelastung Verspan­nun­gen lö­sen. Zugleich treten weniger Stress­hormone auf: weniger Cortisol, weniger Adrenalin, weniger Dopa­min-Metaboliten, weniger Somato­tropin. Heitere Menschen, die häufig la­chen, begegnen zudem ihrer Um­welt anders als pessimistisch-ernste. Sie sind gelassener, weniger nervös, kontaktfreudiger, bei anderen be­liebter und dadurch erfolgreicher, im privaten Bereich ebenso wie in der Arbeitswelt. Bei diesem sozialen Aspekt setzen Evolutions­biologen an, um zu erklären, warum vor 10 bis 16 Millionen Jahren die gemeinsamen stammesgeschichtlichen Vor­fahren des Menschen und des Men­schenaffen das Lachen in ihr Verhal­tensrepertoire aufnahmen: Es be­sänf­tigt Artgenossen („Seht her, ich bin doch nett, also tut mir nichts“), drückt große Freude über ihr Er­scheinen, ihre Anwesenheit oder ihr Verhalten aus, kommuniziert positive Gefühle. Bedenkt man, dass Nean­dertaler Kan­nibalen waren, könnte das La­chen auch als raffiniertes Täu­schungs­manöver in Mo­de gekommen sein: „Komm ruhig näher, da­mit ich dich besser fressen kann.“ (2) Darüber hinaus macht Lachen kreativer. Warum schicken Unterneh­men neuerdings ihre Mitarbeiter in sündhaft teure Lachseminare? La­chen durchbricht die Routi­nen des kon­trollierenden Denkens und Han­delns. Und es macht aufmerksamer: Im Gehirn laufen vermehrt elektrochemische Prozesse ab, die typisch für erhöhte Wach­samkeit sind. Lachen wirkt sich auf den Körper günstig aus. Es verbessert die Durchblutung, somit beugt es Herz-Kreislauf-Krankheiten vor. Wie? Durch das Lachen dehnt und erweitert sich das Endothel: das Gewebe, das die Blutgefäße von innen auskleidet; es reguliert nicht nur den Blutfluss, sondern auch den Innendruck der Blutgefäße und die Blutgerinnung. Dadurch spielt es eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Arte­rio­sklerose und von Gefäßverhär­tungen. Herzliches Lachen trainiert die Herzmuskulatur ungefähr so wie eine Viertelstunde auf einem Fahrrad-Hometrainer oder zehn Minu­ten an einer Rudermaschine. „Zwanzig Sekunden Lachen entsprechen der körperlichen Leistung von drei Minuten schnellem Lau­fen“, stellte Fry fest. „Lachen ist Jog­gen im Sitzen“, versichert der deutsche Psychotherapeut Michael Titze (3), Mitbegründer von Humor­Care, eines gemeinnützigen Vereins zur „Förderung von Humor in The­rapie, Pflege und Beratung“. (4) Eine 2009 veröffentlichte Studie der Uni­versität Baltimore erfasste 300 Ver­suchspersonen, von denen jeder Zweite schon eine Herzerkrankung hatte, bis hin zum Infarkt. Was zeich­­nete die gesunden Studien­teilnehmer aus? Sie lachten deutlich öfter über Alltagssituationen. (5) Schmerzpatienten können nach nur wenigen Minuten Lachen eine Er­leichterung erfahren, die manchmal mehrere Stunden anhält. Warum? Lachen kurbelt die Produktion von Beta-Endorphinen kräftig an: vom Körper selbst produzierte Hor­mone, die wie ein Analgetikum wirken, nur ohne negative Neben­effekte. Gerade in der Schmerz­bekämpfung sieht der US-Medi­ziner Howard Bennett „den vielversprechendsten Einsatz von Lachen als Therapie“. In einem Übersichtsartikel über den Forschungsstand (6) be­richtet er unter anderem von einer Studie, in der 78 frisch Ope­rierte deutlich weniger Analgetika benötigten, wenn sie sich lustige Videos ansahen. (7) Allerdings scheint die Wirkung eher indirekt: Wer seelisch belastet, traurig oder ängstlich ist, konzentriert sich mehr auf seine Schmerzen und empfindet sie in­ten­siver. Humor lenkt ab, lässt psychische Belastungen vergessen – zumindest zeitweilig. Diesen Zu­sam­menhang erprobte der amerikanische Wissenschaftsjournalist Nor­man Cousins im Selbstversuch: Sei­ne schmerzhafte Spondylarthritis - eine chronisch entzündliche rheumatische Erkrankung, bei der Gelenke versteifen, auch als „Mor­bus Bechterew“ bekannt - behan­del­te er mit lustigen Filmen und witzigen Büchern, die bei ihm regelmäßig Lachanfälle provozierten. Wie er feststellte, war er nach zehn Mi­nuten Lachen weitgehend schmerz­frei, danach konnte er mindestens zwei Stunden problemlos schlafen. Sein Buch Der Arzt in uns selbst (7) verhalf der Lachforschung in den USA in den siebziger Jahren schlagartig zu öffentlicher Auf­merk­samkeit und Anerkennung; Lachtherapien, Lach-Yoga, Lach­clubs, Lachkongresse wurden salon­fähig. Seit 1998 wird alljährlich am ersten Sonntag im Mai der „Welt­lachtag“ begangen. Bei lachenden Personen steigen zudem deutlich die Blutwerte von Gamma-Interferon, Killerzellen und Antikörpern: wichtigen Ak­teuren im Immunsystem. Die körpereigene hormonartige Substanz Gamma-Interferon aktiviert und koordiniert die Produktion von meh­reren körpereigenen Abwehr­stoffen, während sogenannte Killer-T-Zellen bereits infizierte Zellen vernichten. Ebenfalls vermehrt treten beim Lachen die Antikörper Im­mun­globulin A sowie B-Lympho­zy­ten auf, eine Art weißer Blut­kör­perchen (Leukozyten), die als einzige Zellen imstande sind, Antikörper zu bilden. Aus solchen bemerkenswerten Resultaten weitreichende therapeutische Schlüsse zu ziehen, hält Fry allerdings für verfrüht: „Wir dürfen nicht den Fehler machen, erst sensationelle Erkenntnisse hinauszuposaunen und nachträglich mit der Grundlagenforschung zu beginnen. Das wäre so, als würden wir erst die Hose anziehen und anschließend in die Unterhose schlüpfen“ – und insofern „liege noch in den Win­deln“.9 Alle erwähnten segensreichen Ef­fekte scheinen nämlich nur kurzzeitig aufzutreten, höchstens für ein paar Stunden; langfristig nützen sie unserer Gesundheit eher mittelbar - abhängig davon, wie gut wir mit Stress fertig werden. So schädigt Stress messbar die Schutz­schicht in den Blutgefäßen, die das Herz versorgen. Das kann dort zu schweren Gefäßentzün­dungen führen, bis hin zum Infarkt. Sonnige Gemüter sind eher dagegen gefeit, weil sie mit Druck entspannter umgehen – und fröhliche Menschen lachen mehr. Auch unserem Immunsystem hilft Lachen auf Dauer nur, wenn sich darin eine Persönlichkeit ausdrückt, die mit Stress gut zurechtkommt. Anfang der neunziger Jahre wurden 394 Gesunde zunächst nach ihrem Empfinden von Anspannung be­fragt, daraufhin mittels Nasen­trop­fen mit Rhinoviren infiziert, typischen Schnupfenerregern. Das Er­gebnis fiel eindeutig aus: Das Im­mun­system von Stressresistenteren setzte sich wirksamer gegen das Virus zur Wehr – leicht zu Stres­sen­de hingegen zogen sich eher eine Erkäl­tung zu. (10) Insofern fiel jeder Witz, den du während dieser Camptage gehört hast, in therapeutischer Absicht, und hoffentlich mit wohltuenden Folgen, die sich nicht auf kurzfristige Konvul­sio­nen deines Zwerch­fells beschränken, sondern dein Gemüt insgesamt ein wenig aufgehellt, entspannter und stressresistenter gemacht haben. Zur Erinne­rung und um eine gewisse Nach­haltigkeit sicherzustellen (Smi­ley!), stellen wir dir auf den folgenden Seiten eine Auswahl der besten Camp­­witze und Anekdoten zusammen; in künftigen Auflagen dieses Buchs werden weitere folgen, so viel ist gewiss. Mit angezogener Lachbremse - Wie weit darf Humor gehen? Ganz schön frech, dieser „Dr. med. Heckmeck“: Seit einer halben Stunde schon treibt er weißgeschminkt, mit roter Pappnase, im Speisesaal eines Alten- und Pflegeheims vor und mit vierzig hochbetagten Be­wohnern seine üblen Späße – als aus­gebildeter und diplomierter „Klinik-Clown“, zahlendes Mitglied im „Dachver­band Clowns in Medi­zin und Pflege Deutschland e.V.“ Dreist schnappt er sich einen Rollstuhl, in dem er unter grotesken Verrenkun­gen mit immer neuen kläglichen Anläufen vergeblich Platz zu nehmen versucht; endlich sitzend, führt er vor, wie blöd man sich in so einem Gefährt anstellen kann. Einem verdutzten Greis säu­bert er mit einem Staubwedel die Glatze. Wohlwis­send, dass ein Groß­teil seines Publi­kums dement ist, mimt er den Ver­gess­lichen: Mit wach­sender Ver­zweif­lung sucht er fünfmal einen Schlüssel, den er fünfmal wenige Sekunden zuvor in die Seitentasche seines Kostüms gesteckt hat. Er tut so, als müsse er dringend Pippi machen, übersieht aber beharrlich den Nachttopf, der zwischen seinen Beinen steht. Für Depressive mimt er den Trauerkloß, der alle paar Sekun­den aus läppischstem Anlass in Tränen ausbricht: selbst die hängende Blüte einer Topfpflanze, ein Tapetenmuster, ein gepunktetes Kleid lassen ihn losheulen. Als wäre ihm nicht klar, dass alle Anwesenden hier ihrem nahen Ende entgegensehen, nimmt er einem unsichtbaren Gevatter Tod eine Sense ab und tritt ihn in den Allerwertesten, mit ausgestreckter Zunge und erigiertem Mittel­finger. All das geht doch entschieden zu weit, oder? Darf man sich über Schwä­chen, Belastungen, Ängste, Ein­schränkungen aufgrund von Alter, Krankheit oder Behinderung derart hemmungslos und unsensibel lustig machen, zumal in Anwesen­heit von Betroffenen? Kränkt man sie damit nicht? Zumindest Dr. Heckmecks Publikum sieht das anscheinend nicht so eng. Immer wieder ertönt schallendes Gelächter, werden die Kapriolen des Clowns von spontanem Applaus unterbrochen. Ein einziger Senior schüttelt den Kopf, winkt ungehalten ab, verlässt demonstrativ den Saal. Die übrigen scheinen belustigt, ja begeistert. Wie weit Humor mit gesundheitlich Angeschlagenen gehen darf, stand auch während zweier „Auswege“-Therapiecamps 2015 zur Debatte. In den täglichen „Morgenkreisen“ hatte der Mode­rator eine mehrteilige „Vorlesung“ über das medizinische Grund­konzept der Camps gehalten – in satirischer Form, illustriert mit Cartoons, die er auf eine Groß­leinwand projizierte. Von den insgesamt 70 Patienten und Ange­hö­rigen, die daran teilnahmen, scheint die Präsentation 68 belustigt zu haben: Weder mündlich im An­schluss an diese Veran­staltungen, noch in den während der Camptage geführten Tage­büchern, noch in abschließend auszufüllenden Frage­bögen, noch in darauffolgenden Brie­fen und Telefonaten äußerten sie die geringste Kritik. Bloß zwei protestierten: Manche Zeichnungen seien doch ziemlich „unter der Gürtellinie“, meinte einer; eine andere hinterlegte anonym im „Mecker-Briefkasten“, sie finde „die Witze teilweise sehr unpassend und makaber“; unser Pro­gramm müsse doch „von Liebe und Gemeinschaft getragen sein, nicht von Sarkasmus und schwarzem Humor“. Heftige Widerstände gab es hingegen im Therapeutenteam. So un­ver­froren und ohne das gebotene Fein­gefühl, teilweise ver­letzend dürfe man Hilfe­suchende doch nicht auf den Arm nehmen, befand eine Mehr­heit. Das Risiko, Wun­den zu schlagen, sei zu groß. „Und wenn hier ein Spezi­alcamp für religiöse Neuro­tiker verschiedener Konfes­sio­nen statfände: Dürften wir dann keinesfalls Karikaturen von Mohammed zeigen?“, argumentierte der Moderator. „Ihr würdet sagen: ‚Um Gottes Willen, bloß nicht! Damit verletzen wir religiöse Gefühle zutiefst. Abgesehen davon riskieren wir unangemeldete Besu­che von islamistischen Sprengstoff­experten.’ Ich halte dagegen: Wir sollten es – sofern wir Karikaturen von Jesus und Buddha danebenstellen.“ Trotzdem verschwand die „Vorle­sung“ aus dem Programm der folgenden Camps. Zurecht? Die Erfolgsgeschichte der „Klinik-Clowns“ liefert überreichlich Belege dafür, dass Leidende auf Humor, der auf ihre Kosten geht, im allgemeinen keineswegs beleidigt reagieren – sie lachen mit, auch über sich selbst. Sogar Krebs­kranke im End­stadium tun es, ebenso Kriegsopfer in Flüchtlings­lagern der Dritten Welt: „Clowns ohne Grenzen“, die sie dort hin und wieder bespaßen, überschreiten jegliche Geschmacks­grenze, ohne mit der künstlichen Wimper zu zucken. Wie können solche Dreistigkeiten Leidenden gut tun? Der Clown hilft ihnen, für eine kurze Weile auf Distanz zu gehen: zu sich selbst, ihrer misslichen, oft als ausweglos empfundenen Lage. Die Perspektive wechselt. Die Faxen des Clowns bringen sie da­zu, die eigene Person, ihre deprimierenden Lebensumstände ab­wechslungsweise einmal nicht bitterernst zu nehmen; sie schaffen einen erleichternden Kontrapunkt zu all dem Jammern und Hadern, Leiden und Selbstbemitleiden, das den Alltag in Krankenhäusern, Pflegeheimen, Pal­liativatationen und Hospizen prägt – Schicksals­mühlen, deren nicht immer nachvollziehbaren Regeln sich die meisten ausgeliefert fühlen, ohnmächtig und entmündigt, jeglicher Privat- und Intim­sphäre beraubt. Warum wird Klinikclowns kaum je vorgeworfen, sie amüsierten sich gemeinerweise auf Kosten anderer? Es liegt am Geheimnis ihrer besonderen Komik: Zum Lachen bringt der Clown, indem er immer auch sein eigenes unentwegtes klägliches Scheitern zur Schau stellt, es der Lächerlichkeit preisgibt – und sich zugleich grimassierend und feixend über es erhebt. Er entblößt sich. Egal auf wessen Kosten er Schabernack treibt: Der Doofste ist am Ende er selbst, buch­stäblich der Depp, denn das Wort „Clown“ leitet sich vom lateinischen colonus her, was „Bau­ern­tölpel“ bedeutet. In der Rolle des „dummen August“ verkörpert er das unentwegte Versagen und Schei­tern des Menschen, seine Un­zulänglichkeit, Verletzlichkeit und Lebensuntüchtigkeit, über die er sich andererseits durch Selbst­iro­nie triumphierend erhebt. Diesem Prinzip folgten die um­strittenen „Morgenkreis-Vorle­sungen“: Jeder dritte Cartoon nahm gleichermaßen die Thera­peu­ten und Camp­orga­ni­sa­toren auf die Schippe. Warum blieben wir trotzdem nicht dabei? Ein einziger Patient, der sich verspottet, verhöhnt, in seiner Wür­de verletzt fühlt, ist einer zuviel – egal, wie überwältigend die Mehr­heit ist, bei welcher der Humor glänzend ankommt. Denn nicht um statistischen Durch­schnitt geht es uns, sondern um jeden Einzelnen. Und anhaltende Meinungsverschie­denheiten im Therapeutenteam, selbst wenn sie bloß einen Rand­aspekt des Camp­geschehens betreffen, beeinträchtigen zwangsläufig dessen besonderen spirit – und da­mit indirekt auch die Atmosphäre innerhalb der gesamten Campge­mein­schaft. Der therapeutische Wert von Humor entscheidet sich letztlich nicht am statistischen Ver­hältnis zwischen Lachern und Pikierten – sondern daran, ob er in ausnahmslos jedem Fall Behand­lungsziele unterstützt, statt sie zu gefährden, indem er die therapeutische Be­ziehung beeinträchtigt. Clowne­reien an Orten, wo Kranke Hilfe suchen, dürfen nirgendwo einen „bitteren Nachgeschmack“ hinterlassen, keinerlei „Kollateral­schäden“ anrichten. Treten sie auf, war´s die besten Witze nicht wert. (Harald Wiesendanger) Anmerkungen 1 Fry in einem Interview mit dem SZ-Magazin, 10.12.1999. 2 Fry im SZ-Interview, a.a.O. 3 In einem Interview mit dem Nachrich­tenmagazin Der Spiegel, 17.1.2014. 4 Siehe www.humorcare.com 5 Pressemitteilung der University of Ma­ry­land, Baltimore, im Juli 2009 („Laugh­ter is the Best Medicine for Your Heart“) 6 „Humour in Medicine“, Southern Medi­­cal Journal 96 (12) 2003, S. 1257-1261. 7 James Rotton/Mark Shats: „Effects of State Humor, Expectancies, and Choice on Postsurgical Mood and Self-Medica­tion: A Field Experiment”, Journal of App­lied Social Psychology 26 (20) 1996, S. 1775-1794. 8 Anatomy of an Illness As Perceived by the Patient, New York 1979; dt.: Der Arzt in uns selbst. Die Geschichte einer erstaun­li­chen Heilung − gegen alle düsteren Progno­sen, Reinbek 1984. 9 Im SZ-Interview, a.a.O. 10 Sheldon Cohen u.a.: “Psychological Stress and Susceptibility to the Com­mon Cold”, New England Journal of Medi­cine 325/1991, S. 606-612. Dieser Beitrag erschien zuerst im Buch von Harald Wiesendanger: Auswege – Kranken anders helfen (2015).

  • Zu Ende gedacht. Werkzeugmedizin – Das therapeutische Verhältnis aus pragmatischer Sicht

    Das meiststrapazierte Motto von Alternativ­medizinern – „Wer heilt, hat recht“ – wirbt für Pragmatismus gegen­über Therapie­ange­bo­ten: Auf den Nutzwert für den Patienten kommt es an. Gilt dies nicht auch für die Theorien und Weltbilder der Therapeuten? Was meine Stiftung Auswege Ärzten und Pati­enten ans Herz legt, muss zuallererst für sie selber gelten, auch in ihren Camps. Inwiefern geht es dort pragmatisch zu: bei der Aus­wahl der Therapieangebote, bei der Zusammenstellung der The­rapeutenteams? Entpuppen wir uns dort nicht eher als Methodenfetischisten? Schließlich steht bei den „Aus­wege“-Camps das Geistige Heilen im Vordergrund: Jedes­mal wirken bis zu einem halben Dutzend Heiler mit, die Hilfe­suchenden Hände auflegen, Für­bitten sprechen, medial be­handeln, „besprechen“ oder schamanische Heilweisen an­wen­den (1); begleitend sind hin und wieder bis zu 25 „Fernheiler“ im Einsatz. (2) Doch der Eindruck täuscht: Stets kommt ergänzend eine Fülle weiterer Thera­pieformen zum Einsatz: von Aku­punktur, Akupressur und anderen Vorgehensweisen der Traditionellen Chinesischen Medizin über Homöopathie, Bach-Blüten, Meditation, energetische Massagen, Bioreso­nanz- und Biofeedbackver­fah­ren, Klang-, Musik-, Tanz-, Kunst- und Ergotherapie bis hin zu verschiedenen Formen von Psychotherapie, vor allem Gesprächstherapie, mitunter auch Verhaltens-, Gestalt- und Gruppentherapie, Logothera­pie und systemisches Aufstel­len. In all diesen Angeboten, so hören Campteilnehmer bereits in der Eröffnungsveranstal­tung, sehen wir einen Werk­zeugkasten voller Instrumente. Statt uns dogmatisch, nach vorgefassten Lehrmeinungen, auf eines zu beschränken, haben wir gerne möglichst viele zur Hand. Erweist sich eines als zuwenig effektiv oder gänzlich ungeeignet, greifen wir zu einem anderen; reicht ein einziges nicht aus, setzen wir gleichzeitig mehrere ein. Und wie im Handwerk, so macht es auch in der Medizin wenig Sinn, der Frage nach dem besten Instrument nachzugehen. Ist ein Hammer besser als ein Schraubenzieher, eine Feile oder ein Hobel? Hier wie dort kann die Antwort nur lauten: Kommt drauf an. Woran sollten wir den Gärtner messen, wenn nicht daran, dass wächst, was er hegt - wie auch immer? Den meisten Therapeuten, auch innerhalb unserer Camp­teams, ist eine solche Sicht­weise sympathisch, solange sie bloß ihren Instrumenten gilt. Aber betrifft sie nicht auch sie selbst: ihre grundlegenden Glau­benssätze, ihre Menschen­bilder, ihren Weltanschauun­gen? Ein konsequenter Prag­matismus macht davor nicht halt. In unseren Teams kooperieren, in gegenseitigem Re­spekt, Menschen mit denkbar unterschiedlichen Überzeugungen: Anhänger verschiedener Medizinsysteme, Materialisten und Idealisten, Christen und Buddhisten, Gläubige und Atheisten. Ob Chakren, Meri­diane und Nadis, Auraschich­ten und feinstoffliche Körper, Engel und Geistführer, Schick­sal und Karma, Gott und Naturgeister, Jenseits und Re­inkarnation, Besetzungen und schwarze Magie, Kraftorte und Erdstrahlen, Astrologie und Quantenmystik: Manche glauben fest daran, andere eher nicht. Müssten Konflikte zwischen diesen Glaubensrich­tungen nicht ausgetragen, ihre Gegensätze aufgelöst werden, ehe man ihre Anhänger in ein Team zusammenspannt? Pragmatismus hilft, dem Aus­sichtslosen auszuweichen, und erspart müßige Debatten dar­über. Ihm sind die Wahrheits­ansprüche unterschiedlicher Glau­bensysteme einerlei. Ent­scheidend ist für ihn die Funk­tion, die solchen Systemen im therapeutischen Prozess zu­kommt, und diese ist eine zweifache. 1. Der Therapeut als Werkzeug Allein das Geistige Heilen hat mittlerweile mehrere hundert Varianten ausgeprägt, im ge­samten unübersichtlichen Be­reich der Komplementärmedi­zin dürften es Abertausende sein. Wie kommt ein Thera­peut dazu, sich eine bestimmte Behandlungsweise anzueignen und in seiner Praxis anzuwenden – andere hingegen nicht? Weil er durch systematisches, vollständiges Überprüfen herausgefunden hat, dass sein Favorit am wirkungsvollsten, die zugrundeliegende Theorie die schlüssigste ist? Keiner wählt derart rational, und selbst wenn er den Ehr­geiz dazu hätte, wäre er heillos überfordert. Einen umfassenden Effizienzvergleich aller Heilweisen hat bisher niemand angestellt, und weil ihre jeweiligen Maßstäbe für Wirksam­keit, ihre Anwendungsberei­che, ihre Erfolgskriterien denkbar unterschiedlich sind, ist ohnehin unklar, wie dabei überhaupt vorzugehen wäre. Nicht einmal innerhalb einer bestimmten Therapierichtung, beispielsweise Psychotherapie oder Geistiges Heilen, hat die Konkurrenz verschiedener Va­ri­anten jemals einen unstrittigen Sieger hervorgebracht. Die spärlichen Vergleichsstudien deuten vielmehr darauf hin, dass im großen und ganzen keine Vorgehensweise herausragt, keine den übrigen deutlich überlegen ist. (3) Den Unter­schied macht vielmehr der Behandler selbst: durch seine Selbstsicherheit, sein kommunikatives Geschick, sein Ein­fühlungsvermögen und weitere „unspezifische Wirkfaktoren“, die mit der jeweils angewandten Methode nichts zu tun haben. Welche Gründe sind es dann, die einen Therapeuten veranlassen, einer bestimmten Be­handlungsweise den Vorzug zu geben? Den Ausschlag geben im allgemeinen zehn Faktoren: - ihre Akzeptanz im Gesund­heitswesen: Wie angesehen, wie anerkannt ist sie? - ihre Einträglichkeit: Übernehmen Krankenkassen die Be­handlungskosten? Wenn nicht, ist die Patientennachfrage groß genug? Welche Einkünfte lassen sich mit ihr erzielen? - eigene Erfahrungen mit der betreffenden Therapieform, z.B. als Patient. (4) - die Persönlichkeit eines Leh­rers, dem er zufällig begegnet – obwohl ihn Propagandisten anderer Therapierichtungen vermutlich nicht minder beeindruckt hätten, falls sich ihre Lebenswege gekreuzt hätten. - Angebote während des Studiums: Bevorzugt werden Therapien, über die am ausführlichsten informiert, die von besonders vielen Dozenten repräsentiert und positiv eingeschätzt wurden. (5) Eine andere Uni, mit anderem Lehrkörper und Schwerpunkten, hätte dem­nach voraussichtlich zu einer anderen Therapiewahl geführt. - bestimmte Artikel, Bücher, Broschüren oder Filme, auf die der Betreffende stößt – obwohl ihn andere Informationsquel­len, auf die er nie oder zu spät aufmerksam wird, womöglich nicht minder fasziniert hätten. - eindrückliche Fallbeispiele erfolgreicher Anwendungen einer bestimmten Behand­lungs­weise – obwohl jede andere Therapierichtung ebenfalls damit aufwarten könnte; - Empfehlungen durch Freun­de, Kommilitonen oder Kolle­gen – andere Sozialkontakte hätten ihn möglicherweise aber in eine andere Richtung geführt. - der Eindruck, die Behand­lungsweise „passe“ zu ihm, sie entspreche seinem Wesen; sie erfordere und ermögliche, be­stimmte Kompetenzen und Per­sönlichkeitsmerkmale einzubringen, über die er schon verfügt; sie komme seinen Fä­higkeiten, seinen Interessen und Vorlieben, seinem Charak­ter, seinen Wertvorstellungen entgegen. Der Technikbegei­ster­­te fühlt sich zu apparategestützten Verfahren hingezogen, von Bioresonanztherapie bis Elektroakupunktur; Kommuni­kationsfreudige zieht es eher zur Gesprächstherapie; der Ein­fühlsame liebäugelt mit hermeneutischen Ansätzen. - Die Theorie, welche der Behandlungsweise zugrunde liegt, entspricht in wichtigen Hinsichten seinem persönlichen Weltbild, „bestätigt“, erweitert und vervollständigt es. Kein Therapeut würde sich eine Behandlungsweise zu eigen machen – einerlei, wie hochwirksam sie ist -, sofern sie seinen grundlegenden Überzeugungen krass zuwiderläuft. Er übernimmt sie nur, sofern er sie in sich selbst verankern kann, kognitiv und emotional. Wie könnte ein Atheist Ge­betsh­eilen einsetzen? Aus dieser Verankerung wächst ihr eine entscheidende psychologische Funktion zu: Sie wird zur Quelle von Erfolgserleb­nis­sen, Selbstbestätigung, Selbst­wertgefühl, Erfüllung, Aner­ken­nung, intellektueller Befrie­di­gung, Berufs- und Lebenszu­frie­denheit, von Gruppen- und Gemeinschaftserlebnissen, einer sozialen und spirituellen Heimat. Und je mehr davon sie ihm verschafft, desto sicherer macht sie ihn, die richtige Wahl getroffen zu haben. Daraus, weitaus mehr als aus gesicherten empirischen Daten oder logisch-rationalen Theorie­ver­gleichen, entsteht jene Motiva­tion, die einen Therapeuten an­treibt, sein Bestes zu geben – und deswegen in einem Maße engagiert, aufmerksam, anteilnehmend, zuversichtlich, selbst­sicher, souverän, überzeugend zu wirken, wie ihm das mit keiner anderen Thera­pieform gelänge. Sie beseelt sein Tun und sorgt für den besonderen Geist, in dem er arbeitet. Aus pragmatischer Sicht ist es deshalb zweitrangig, welche Heilweise ein Therapeut ins Campgeschehen einbringt – Hauptsache, ihr psychologischer Eigennutzen veranlasst ihn, „unspezifische Wirkfakto­ren“ optimal ins Spiel zu bringen. Von Schizophrenien dürften therapeutisch Tätige nicht erheblich häufiger betroffen sein als der Bevölkerungs­durchschnitt. Folglich gehören Überzeugungen, die für einen Therapeuten während seiner Sitzungen handlungsleitend sind, und Überzeugungen, die für ihn auch außerhalb der Praxis grundlegend sind, im allgemeinen zu ein und derselben Person. Was er während einer Behandlung tut, wie und warum, und nicht zuletzt wo­zu, steht daher nie beziehungslos neben alledem, was er zu anderen Zeiten will, denkt und fühlt. Zwar sind Lebensum­stän­de und Arbeitsbedingun­gen denkbar, unter denen er sich gezwungen sieht, zumindest zeitweise seine Arbeit wider Willen und besseres Wissen zu verrichten. (Unsere Kliniken sind voll von derart Frustrierten, vom Assistenzarzt bis zur Pflegekraft.) Aber in der Regel tendieren Therapeutsein und Ichsein dazu, ein einigermaßen stimmiges Ganzes zu bilden, und die persönliche Berufszufriedenheit nimmt im selben Maße zu, wie empfundene Widersprüche und Unver­ein­bar­keiten zwischen beidem schwinden. Das erhebende Ge­fühl, in seinem Tun Erfüllung zu finden, erwächst daraus: es im Einklang zu sehen mit tiefsten persönlichen Überzeugungen, Zielen und Werten. Selbstverwirklichung in der Arbeit bedeutet für einen therapeutisch Tätigen: Wozu er sich Hilfesuchenden zuwendet, wie er mit ihnen umgeht, wohin er sie führen will, folgt daraus, wie er seinen persönlichen Lebenssinn, seine Be­stim­mung, die Berufung im Beruf definiert. Dies wiederum ergibt sich daraus, wie er die Welt und seinen besonderen Platz in ihr sieht – wie er seine metaphysischen Bedürfnisse, seinen Will to Believe (6) befriedigt. Die Therapeutenpsyche haust nicht außerhalb der Maslow´schen Bedürfnis­py­ra­mi­de, auch sie sucht und braucht Liebe, Zuneigung und Zugehörigkeit, Anerkennung und Wertschätzung – und Mög­lichkeiten zur Selbstverwirkli­chung. Medizin als Werkzeugkasten - „das“ beste Instrument gibt es nicht. Was folgt daraus für die Frage, wie ein Therapeut seine The­rapiemethoden wählt? Nichts, soweit diese weltanschaulich neutral sind: Ein Wundpflaster, eine Bandage, ein Stützkorsett wirft weder metaphysische Fra­gen auf, noch kollidiert sie mit irgendwelchen Antworten darauf. Anders verhält es sich weit­hin in der Komplementär­me­dizin, einschließlich der mei­sten psychotherapeutischen Verfahren: Hier ergeben sich Vorgehensweisen aus theoretischen Grundannahmen, deren persönliche Akzeptanz davon abhängt, was man im allgemeinen glaubt und will. Ein Groß­teil derer, die gegenwärtig in der alternativen Gesundheits­kultur tätig sind, gehört zu einer Generation, die eine mehr oder minder lange, schmerzliche Phase spiritueller Leere durchlaufen hat; im christlichen Glauben ihrer Kindheit fanden sie keine geistige Hei­mat mehr, die Kirche verlor jegliche Autorität für sie. Doch jedes „existentielle Vakuum“, wie der Logotherapeut Viktor Frankl es nennen würde (7), drängt darauf, gefüllt zu werden. Auf die Dauer ist nichts anstrengender, als nichts zu glauben – dem Drang zum Religiösen zu widerstehen. Um so attraktiver werden Heil­weisen, die dem Anwender über eine Methodenlehre hinaus auch einen weltanschaulichen Rahmen bieten, ein neu­es spirituelles Zuhause. Muss es meiner Stiftung Auswege wichtig sein, wo ein Campthe­ra­peut ein solches Zuhause gefunden hat? Aus pragmatischer Sicht kommt es vielmehr darauf an, wozu es ihn befähigt: Es motiviert ihn, sein Be­stes zu geben. Je mehr ihm das Überzeugungssystem einleuchtet, in das seine Vorgehens­weise eingebettet ist, und ihm Befriedigung verschafft, desto hilfsbereiter ist er, desto au­then­tischer, überzeugender und kompetenter wirkt er auf Hilfesuchende – desto mehr wird er erreichen, desto erfolgreicher werden seine Bemühun­gen sein. Allein darauf sollte es einer karitativen Einrichtung ankommen, die bestmöglich helfen will. Zum Schiedsrichter über die vielfältigen, teilweise unvereinbaren Wahrheitsan­sprüche, die mit den Überzeugungssystemen der Campthe­ra­peuten verbunden sind, braucht sie sich dazu keineswegs aufzuschwingen; eine solche Anmaßung wäre unglaubhaft, entsprechende Erkennt­nisansprüche einzulösen ohnehin unmöglich. Eher bietet die Stiftung Auswege ein leeres Gefäß, in dem unterschiedlichste Weltanschauungen gleichermaßen Platz haben. Zu den sympathischen Begleiterschei­nungen eines derart rigorosen Pragmatismus zählen: ein Be­kennt­nis zur Vielfalt und schier grenzenlose Toleranz. Aber wie kann sich die Stiftung Auswege mit solcherlei Glau­benschaos abfinden? Entweder stimmen die Überzeugungen, welche die Therapeut in die Camps mitbringen – dann sollten sie zwingende Argumente dafür vorweisen können, dass sie recht haben. Oder sie stimmen nicht – dann wird in den Camps letztlich mit Hirnge­spinsten, mit Luftschlössern gearbeitet. Wird damit nicht das Gespenst des Relativismus heraufbeschworen? Das Erfolgsrezept unserer Campteams: Verbundenheit trotz weltanschaulicher und methodischer Gegensätze. Selbstverständlich ist es wichtig zu wissen, ob es Auren und Chakren, Astralwelten und frühere Leben, körperlose Seelen und Gott, einen alles durchdringenden und ordnenden Geist wirklich gibt. Aber müssen wir uns zuerst eines solchen Wissens versichern, um im Glauben an solche Entitäten therapeutisch Erfreuliches zu­stande zu bringen? Die Erfolgs­bilanz unserer bisherigen Camps rechtfertigt ein klares Nein. Wird das Heilen damit nicht zu einer oberflächlichen, unernsten Angelegenheit, der es an der nötigen Tiefe mangelt: dem Streben danach, zu den wahren Ursachen einer Erkrankung vorzudringen? Ich halte es da mit Medizinern wie Helmut Enke, dem ehemaligen Leiter der Psychosomatischen Abtei­lung einer Klinik in Umkirch bei Freiburg im Breisgau, der mit Bezug auf das Behandeln seelischer Nöte erklärte: „Die In­anspruchnahme des Pragma­tismus bringt nur scheinbar eine Veroberflächlichung, denn sie macht des Eigentliche des Psychotherapierens verständlich.“ (8) Worin besteht dieses „Eigent­liche“? Psychotherapie - wie jede Form des Helfens und Heilens - versucht Individuen zu erreichen, zu unterstützen und zu verändern, die eine einmalige Geschichte, besondere Lebensumstände, jeweils be­son­dere Bedürfnisse und Wün­sche, Fähigkeiten und Ein­schränkungen mitbringen. Im­mer hat sie mit konkreten Per­sonen in ihrer ganzen Unter­schiedlichkeit zu tun – und niemals mit „dem“ Menschen, einer Art standardisierter Ein­heits­persönlichkeit, deren Erle­ben und Verhalten den Gesetz­mäßigkeiten einer Theorie folgt, weshalb ihr mit standardisierten Behandlungsstra­tegi­en begegnet werden kann und muss. Pragmatismus hilft dem Therapeuten, aus Respekt vor der Einzigartigkeit seines Kli­en­ten atheoretisch und lö­sungs­­orientiert vorzugehen; sich im Behandlungsverlauf größtmögliche Flexibilität zu bewahren; sich die Freiheit herauszunehmen, Methoden fallenzulassen, wenn sie offen­kun­dig zuwenig oder gar nichts bringen, und stattdessen andere einzusetzen, ohne schlech­tes Gewissen, somit die ehernen Prinzipien irgendeiner Schule zu verraten. Damit er­hält das „Wie?“ einen ungleich höheren Stellenwert als das „Warum?“. Zu den namhaftesten Vertretern eines konsequenten Pragmatismus in der Psychotherapie zählte der amerikanische Psychiater und Psy­chotherapeut Milton H. Erick­son (1901-1980), der die mo­der­ne Hypnotherapie maßgeblich prägte und ihr Einzug in viele Psychotherapierichtun­gen verschaffte. Eindringlich warnte er Therapeuten davor, die Persönlichkeit und Indi­vi­dualität des Klienten so zu­recht­zustutzen, dass sie in das „Prokrustesbett hypothetischer Theorien über menschliches Verhalten“ eingepasst wer­den kann. Jay Haley, Mit­be­­gründer des Mental Re­search Institute in Palo Alto und einer der bekanntesten Schüler Ericksons, hebt hervor: „Er empfahl Therapeuten, jene Techniken zu benutzen, die funk­tionierten, und diejenigen, die nicht funktionierten, unabhängig von den traditionellen Vorstellungen zu verwerfen. Er riet nicht dazu, sich eine berühmte Persönlichkeit auszusuchen, um seine Praxis daran auszurichten, sondern die eigene Arbeit durch ihre Ergeb­nisse zu rechtfertigen.“ (9) Aus demselben Grund widersetzte sich Erickson „bis zu seinem Tod vehement jedem Versuch, seine Behandlungs­me­tho­den in den Rahmen eines ‚Ericksonianischen Therapie­systems’ zu pressen.“ (10) Auch beim Heilen gilt: Zum Ziel führt mehr als ein einziger Weg. Insbesondere Geistheilern sollte es wenig Mühe bereiten, sich mit einem pragmatischen An­satz anzufreunden. Die meisten sehen sich als Werkzeuge einer höheren Intelligenz; viele nennen sie „Gott“. Was will Er von ihnen, wenn nicht, dass sie bestmöglich in Seinem Sinne wirken? Woran sie dabei glauben, ist Ihm aus höherer Warte womöglich wurscht – Hauptsa­che, ihr Glaube lässt sie Seine Werke tun. 2. Der Patient als Nutznießer Ein Großteil der Heilweisen, die bei „Auswege“-Camps zum Einsatz kommen, beruht auf umstrittenen Annahmen über die Wirklichkeit bestimmter Entitäten. Muss feststehen, dass diese wirklich existieren, ehe ein Patient davon profitieren kann? Pragmatismus erübrigt Debatten darüber. Für ihn entscheidet allein der therapeutische Nutzen. Um drei Beispiele ging es bereits in anderen Kapiteln dieses Buchs: - Schwere chronische Erkran­kun­gen werfen häufig Sinn­fragen auf, verbunden mit einem Leidensdruck, der den Symptomen kaum nachsteht. Die meisten Patienten erleichtert es enorm, eine teleologische Deutung zu erhalten, wozu sie erkrankten. Deren Nutzwert ergibt sich unabhängig davon, ob es im menschlichen Dasein, objektiv betrachtet, tatsächlich zweckmäßig und zielgerichtet zugeht. - Ähnlich verhält es sich mit zwei anderen beliebten Kon­struk­ten der spirituellen Medi­zin: der „Botschaft“ einer Krankheit und der „Sprache“ einzelner Organe. Was ein Lun­genkrebs, eine Schrumpfniere, ein Herzinfarkt dem Betrof­fe­nen „sagen“ will, ist eine Frage, die sich auf überaus hilfreiche, tröstliche, sinnstiftende Weise beantworten lässt, ohne sich darauf festlegen zu müssen, dass bestimmte Zustände und Teile des Körpers wirklich Intentionen und sprachliche Kompetenzen haben können. - Handelt es sich bei schweren Erkrankungen tatsächlich um gottgegebene „Prüfungen“? Mit Antworten im religiösen Kontext hilft ein Therapeut gläubigen Patienten zumeist viel mehr als durch atheistische Belehrungsversuche. Oder macht Reinkarnationsthe­ra­pie nur unter der Vorausset­zung Sinn, dass Wiedergeburt eine Tatsache ist? Die meisten Anwender sehen das so. Von ih­nen grenzt sich eine Min­derheit ab, die Klienten in „frühere Leben“ zurückführt, ohne an deren Existenz zu glauben. Sie tun es, weil die Vorstellung, vor langer Zeit in einem anderen Körper ein ziemlich anderes Dasein gefristet zu haben, eine verlockende Projektions­fläche aufspannt, auf der sich un(ter)bewusste Bedürfnisse, Ängste, Konflikte besonders anschaulich abbilden. (11) Ob die auftauchenden Bilder imaginär oder echt sind, „ist für die therapeutische Arbeit irrelevant, da das Unbewusste ohnehin keinen Unterschied zwischen beidem macht“, meint etwa der Münchner Psychotherapeut Andreas Wolf. (12) Kann Chakratherapie nur funktionieren, wenn sich entlang der Wirbelsäule wirklich feinstoffliche Energiezentren befinden, die Sensitive in jeweils charakteristischen Farben, For­men und Aktivitäten wahrzunehmen meinen? Nützt Hand­auflegen nur, sofern der Heiler dabei tatsächlich „Energien“ überträgt, die er aus dem Uni­versum aufzunehmen und zu „kanalisieren“ glaubt? Erfüllen sich Fürbitten nur, falls es den Gott gibt, an den der Gebetshei­ler sie richtet? Erfordert „mediales“ Heilen, dass der Heiler wahrhaftig zum „Medium“ wird: zum Vermittler und Werk­zeug körperloser Wesen­hei­ten, zu denen er irgendwie Zugang findet? Ob all diese Entitäten existieren oder nicht: Die Annahme, es gebe sie, löst beim Klienten Vorstellungen, Assoziationen und Emotionen aus, die den angestrebten Selbstheilungsprozess segensreich unterstützen können. Ein Großteil komplementärer The­ra­pien bietet dem Hilfesuchen­den eindrückliche, anschauliche Bilder, die in seiner Psyche zu arbeiten beginnen; ihre Wirksamkeit beruht zumindest teilweise auf der Macht von Imaginationen. Im Gehirn, im Nervensystem, im endokrinen und Immunsystem lösen sie messbar eine Kaskade von biochemischen Reaktionen aus, die Genesungsprozesse einleiten und beschleunigen können. Im Fokus einer pragmatischen Sichtweise steht, ob eine The­rapie sich dazu eignet, solche Reaktionen anzuregen. Denn sie treten unabhängig da­von ein, ob dem Imaginierten ir­gendeine Wirklichkeit entspricht. Entscheidend ist die Bereitschaft des Klienten, mit den angebotenen Bildern innerlich zu arbeiten. „Nutze, was funktioniert, und verwerfe, was nicht funktioniert, unabhängig von traditionellen Vorstellungen.“ Milton Erickson, 1901-1980) Besonders eindrücklich be­währt sich dieser Ansatz bei Therapieformen, die von vornherein keinen Hehl daraus machen, mit bloßen Fiktionen zu arbeiten. Kein Klient nimmt ernstlich an, in seinem Kör­perinneren befinde sich leibhaftig jenes „Innere Kind“, das manche Tiefenpsychologen und Psychoanalytiker erfolgreich als Metapher für die Ge­samtheit der Gefühle, Erin­nerungen und Erfahrungen aus der eigenen Kindheit einsetzen, die in Erwachsenen weiterwirken; keiner befürchtet bei Männern wie Frauen eine lebenslange Schwanger­schaft, der keine Geburt, keine Abtreibung je ein Ende setzen kann. Auch die Szenarien, die ein Hypnotherapeut in der Phantasie seines Klienten in Trance aufbaut, sind im allgemeinen ganz und gar irreal, für alle Beteiligten erkennbar ab­wegig. Trotzdem ist ihr Hei­lungspotential mitunter im­mens. Für Schlagzeilen sorgte etwa ein Psychotherapeut aus Krefeld, der eine Patientin in monatelangen Sitzungen von metastasiertem Knochenkrebs befreite – allein dadurch, dass er sie sich winzige Krieger, Waschfrauen, Fressmonster­chen und andere Wesenheiten ausmalen ließ, die gegen die Tumorzellen emsig Krieg führen. (13) Gesetzt der Fall, an einem „Auswege“-Camp nähme ein Zeitreisender aus der griechischen Antike teil, der psychisch aufs Schwerste traumatisiert ist, seit Frau und Kinder in seinem Heim verbrannten, nachdem ein Blitzschlag es in Flammen gesetzt hatte. Nun quält ihn, für welche Schuld ihn die Götter bestraft haben könnten. Müssten wir ihn zu­allererst darüber aufklären, dass Blitze durch elektrische Entla­dungen in der Atmosphä­re entstehen? Vermutlich würde er dann befremdet auf Distanz zu uns gehen, weil wir offenkundig nicht wissen, dass es sich bei Blitzen um Donnerkeile handelt, die Zeus vom Olymp herabschleudert – nicht blindlings, sondern aus wohlerwogenen Gründen; und dass er es ist, auf den die Entladungen letztlich zurückgehen. Falls wir den Eindruck gewinnen, dass wir sein Trauma am ehesten auflösen können, indem wir seine Mythologie ernst nehmen und uns mit Deutungen und Anregungen in deren Grenzen bewegen – warum sollten wir es unterlassen? Nebensache Realität: Selbst wenn „heilende Energien“, Auren und Chakren bloß als imaginative Inhalte wirken, schmälert dies nicht ihren therapeutischen Wert. Aber wird durch solchen Pragmatismus nicht abgesegnet, dass in den „Auswege“-Camps reine Placebos zum Einsatz kommen: Therapien, die bloß wirken, weil wir den Behandelten glauben lassen, sie hätten eine reale Grundlage? In der Tat. Doch weder haben sich Placebos „echten“ Therapien als grundsätzlich unterlegen erwiesen. (14) Noch wirken sie nur, solange sie nicht als solche durchschaut werden; im Ge­gen­teil belegen etliche Studien, dass Patienten selbst dann auf Placebos ansprechen, wenn ihnen vollauf bewusst ist, dass es sich um eine Pseudo-Arznei ohne pharmakologisch wirksame Inhaltsstoffe handelt. Ist Pragmatismus in der Medi­zin unangebrachter als in der Pädagogik? Himmel und Gott­vater, Zahnfee und Schutzen­gel, Osterhase und Weihnachts­mann, all die sonderbaren We­sen, mit denen Märchenbücher voll sind: Haben sie nicht einen erzieherischen Nutzen, unabhängig von ihrer Wirklichkeit? Wenn Eltern andererseits aufs Bangemachen mit bösen Gei­stern, Teufel und Hölle verzichten sollten, dann nicht in erster Linie wegen erwiesener Irreali­tät, sondern im Hinblick auf den Schaden, den sie in der Psyche ih­rer Kinder da­mit anrichten können. Weihnachtsmann, Schutzengel, Himmlischer Vater, Zahnfee: Der psychologische und therapeutische Nutzen einer Vorstellung hängt nicht von Wirklichkeitsbeweisen ab. Pragmatismus ist im übrigen eine Geisteshaltung, die Hilfe­suchenden wie Helfern nicht nur in der Medizin gut täte, sondern überhaupt im Leben, wie uns allen. Der Pragmatiker beruft sich nicht auf hehre Ideen und abstrakte Theorien, auf oberste Grundsätze, absolute Wahrheiten und höchste Werte, in philosophischen Ge­filden verheddert er sich nie. Die beste Politik ist für ihn eine, die „das größtmögliche Glück der größtmöglichen Zahl“ anstrebt und näher­bringt, nicht eine, die sich aus Ideologien und Visionen speist. Das beste Ethiksystem, das beste Rechtswesen ist für ihn eines, welches die Bedürf­nisse und Wünsche der Ein­zelnen so miteinander in Ein­klang bringt, dass ihr Mitein­ander möglichst reibungslos funktioniert, und ihre Freiheit erst dort beschränkt, wo Ande­re Schaden nehmen. Morali­sche Gebote benötigen keine fundamentalere Rechtferti­gung als jene, dass sie diesen Zweck erfüllen. Dazu müssen sie sich nicht aus höchsten Prinzipien ergeben, sie bedürfen keiner letztbegründenden Theorie, de­rer wir ohnehin nie habhaft werden können, weil jeder Kan­didat dafür seinerseits der Begründung bedürfte. Wenn sich soziale Regeln und Nor­men sich in der Praxis bewährt haben: Genügt das nicht? Die Wirksamkeit eines Prin­zips, die konkreten Folgen seiner Anwendung: Allein darum geht es dem Pragmatiker. Er muss nicht behaupten (wie ihm häufig unterstellt wird): „Es gibt keine Wahrheit“. Ebenso­wenig ist er darauf festgelegt, dass „wahr ist, was nützt“. Er klammert die Wahrheitsfrage schlicht aus, sie berührt ihn nicht, er lässt sie links liegen. Diese Einstellung in allen All­tagsbereichen gelassen durchzuhalten, ist eine Lebenskunst, die erleichtern, befreien und glücklich machen kann: den, der sie beherrscht, wie jene, die mit ihm zu tun bekommen. Insbesondere täte sie der „alternativen“ Therapieszene gut. Denn dort wimmelt es von weltanschaulichen Absoluti­sten. Pragmatismus würde es ihr erleichtern, auf einen ge­meinsamen Nenner zu kommen – und es endlich hinzukriegen, ein starkes Gegenge­wicht zur konventionellen Medizin zu bilden. Für eine besonnene Amerikanisierung des Heilwesens Nun könnte es scheinen, als werbe die Stiftung Auswege für eine oberflächliche Amerikani­sie­rung der Medizin. In den USA übte der Pragmatismus, für den hier eine Lanze gebrochen wird, beträchtlichen Ein­fluss auf Rechts- und Bildungs­wesen, auf Politik und Wirt­schaft aus. Diesseits des Atlan­tiks hingegen galt er von je her als „typisch amerikanisch“, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ausgeheckt von einer kleinen Philosophen­grup­pe im Umfeld der Har­vard-Universität: Charles San­ders Peirce (1839-1914), Wil­li­am James (1842-1910) und John Dewey (1859-1952). Als vulgäre, „herabwürdigende Mode­phi­losophie“ tat das Philosophi­sche Jahrbuch von 1908 ihn ab (15), womit es eine nahezu einhellige Ablehnung unter Denkern der Alten Welt zum Ausdruck brachte, die bis heute anhält. Beharrlich nach dem „cash value“ einer Hypothese zu fragen, erspart müßige Debatten. Damit geschieht dem Prag­matismus Unrecht, zumindest was seinen Wert als Methode zur Urteilsfindung betrifft. (16) Beharrlich nach dem Nutzen, dem cash value, einer Hypothe­se zu fragen, erspart unergiebige, müßige Dispute, die anders nie zu einem Ende kommen könnten. Unter zwei Überzeugungen, die einander unentscheidbar gegenüberstehen, verdient jene den Vorzug, die dem, der sie hegt, mehr bringt. Denn stets gehen Überzeugungen einher mit bestimmten Gemütszuständen, die eine gewisse Beruhigung kennzeichnet: Sie befriedigen die Bedürfnisse dessen, der sie hegt. Warum sollten wir ihren Wert nicht daran messen, ob und inwieweit sie dies leistet? William James, der bedeutendste Propagandist des Pragma­tis­mus, veranschaulichte diese Einstellung mit der köstlichen Analogie vom automatic sweet­heart: einem „Körper ohne See­le, der absolut ununterscheidbar ist von einem Mädchen, das lacht, spricht, errötet, uns hegt und pflegt und alle weiblichen Dienste so taktvoll und liebenswürdig verrichtet, als ob eine Seele in ihr wäre.“ Würden wir einem solchen Wesen zubilligen, dass es nicht bloß eine sprichwörtlich gute Seele ist, son­dern eine hat? „Gewiss nicht“, antwortet James, „und warum nicht? Weil wir nun einmal so gebaut sind, dass unser Egoismus nach nichts mehr sich verzehrt als nach innerer Sympathie und Anerkennung, Liebe und Bewunderung. Den Wert dessen, wie wir äußerlich behandelt werden, bemessen wir vornehmlich danach, welches Bewusstsein nach unserer Überzeugung darin zum Aus­druck kommt. Pragmatisch ge­se­hen würde der Glaube daran, dass wir es mit einem automatischen Liebling zu tun haben, nicht funktionieren (would not work).“ (17) Die Überzeugung, un­se­­re Mitmenschen seien beseelt, fühlt sich für uns besser an als ihr Gegenteil – deshalb verdient sie den Zuschlag. „Exakt genauso“, fährt James fort, „verhielte es sich mit dem gottlosen Universum. Selbst wenn die Materie alles Äußerliche verrichten könnte, das Gott tut, würde die Idee des gottlosen Universums nicht so befriedigend funktionieren, denn das Hauptbedürfnis nach einem Gott, das der moderne Mensch hat, ist das Bedürfnis nach einem Wesen, das ihn inwendig erkennt und wohlwollend be­urteilt. Die Materie enttäuscht diese Sehnsucht unseres Egos, und deshalb bleibt Gott für die meisten Menschen die richtigere Hypothese, und zwar aus ein­deutig pragmatischen Gründen.“ (18) Nicht anders verhält es sich mit sonstigen metaphysischen Streitfragen, auch innerhalb der Medizinphilosophie. Vor die Wahl zwischen zwei Stand­punkten gestellt, deren Kon­flikt empirisch nicht zu entscheiden ist, sollten wir jenen bevorzugen, dessen praktische Kon­sequenzen für uns nützlicher sind. Lassen wir Helfer und Hilfesuchende also glauben, was sie glücklicher macht. So viel Toleranz muss sein, auch im Gesundheitswesen. (Harald Wiesendanger) Anmerkungen 1 s. den Beitrag „Mit Bodenhaftung – Auf Abstand zur Esoterik“. 2 s. Kap. „Hokuspokus mal 25?“ in Harald Wiesendanger: Auswege - Kranken anders helfen (2015) 3 Zur Psychotherapie s. den Beitrag „See­lenqual – Ein Fall für Psychopro­fis?“. 4 Die drei erstgenannten Faktoren erwiesen sich in Studien der Uni­versitäten Leipzig, Frankfurt/ Main und Heidelberg als Haupt­mo­­tiv von Studenten, Ausbil­dungs­teilnehmern und älteren Psy­choanalytikern, Psychotherapeut zu werden, s. Yvette Barthel u.a.: „Mo­tive zur Berufswahl Psycho­the­rapeut“ (2011), online bei www. ifp-berlin.eu/doc/20111215_ barthel_ptj-04-2011.pdf. 5 Dies ergab 2008 eine Online-Be­fragung der Universität Köln unter 525 Schülern, Medizin- und Psy­chologiestudenten, praktizierenden und in Ausbildung befind­l­i­chen Psychotherapeuten. C. Ei­chen­berg/E. Brähler: „Beruf ‚Psy­cho­therapeut’: Motivation zur und Zu­friedenheit mit der Berufs­wahl“, Psychotherapie, Psychoso­ma­tik, medizinische Psychologie 58 (7) 2008, S. 265–268. 6 Mit „The Will to Believe“ überschrieb der Philosoph William James einen berühmten, 1896 erstveröffentlichten Essay, in dem er im inneren Bedürfnis nach religiösem Glauben einen Grundzug des Menschen sieht, für den der psy­cho­logische Nutzwert spricht. Der Text ist Teil einer 1898 erschienenen Aufsatzsammlung The Will to Believe and Other Essays in Popu­lar Philosophy, New York 1956, s. 1-31, in deutscher Übersetzung: „Der Wille zum Glauben“ in Philo­sophie des Pragmatismus: Ausge­wählte Tex­te, hrsg. und eingeleitet von Ekke­hard Martens, Stuttgart 2002. 7 s. den Beitrag „Auf der Suche nach Sinn“. 8 Helmut Enke: Der Verlauf in der klinischen Psychotherapie. Monogra­phi­en aus dem Gesamtgebiet der Neu­rologie und Psychiatrie, Heft 111, Hei­delberg 1965, S. 6. 9 Jay Haley: Die Psychotherapie Milton H. Ericksons, München 2. Aufl. 1988, S. 28. 10 Wolfgang Walker: Abenteuer Kommunikation, Stuttgart 1996, S. 220. 11 Siehe Harald Wiesendanger: Zurück in frühere Leben – Möglichkeiten der Reinkarnationstherapie, München 1991. 12 Andreas Wolf: „Reinkarna­ti­onstherapie – Meinungen und Er­fahrungen in und mit Hypnose“, Essay, online bei www.naturheilpraxis-wolf.de/mediapool/3/ 31938/data/Reinkarnation.pdf. 13 s. Harald Wiesendanger: Das Große Buch vom Geistigen Heilen, Schön­brunn, 2. Aufl. 2000, S. 245 ff. 14 Siehe dazu den Beitrag „Musst du da­ran glauben? Das unsägliche Place­bo-Argument“. 15 C. Gutberlet: „Der Pragmatis­mus“, Philosophisches Jahrbuch 21/ 1908, S. 437-458. 16 Andreas Kemmerling: „Prag­matische Wahrheit: Was uns im Leben weiterbringt“, in Philipp Gas­­sert u.a. (Hrsg.): Was Amerika ausmacht. Multidisziplinäre Perspek­tiven, Stuttgart 2009, S. 161-175. 17 William James: The Works of Wil­liam James (17 Bände, 1975-1988), Band 2, Cambridge, Mass. 1975, S. 103; s. dazu auch seinen Essay „Are We Automata?“, Mind 4/1879, S. 1-22. 18 a.a.O., S. 103. Dieser Beitrag erschien zuerst im Buch von Harald Wiesendanger: Auswege – Kranken anders helfen (2015, Nachträge).

  • Seelenqual: ein Fall für Profis? – Wie Psychotherapie ohne Psychotherapeuten funktioniert

    Besonders gut tun „Auswege“-Camps seelisch Belasteten – selbst jenen, die ihren Psychiatern und Psychotherapeuten zufolge unter schwersten psychischen Erkrankungen leiden. Jahrelang, manchmal sogar seit Jahrzehnten waren sie erfolglos behandelt worden – doch zumeist genügen neun Camptage, um ihnen erhebliche Erleichterung zu verschaffen. Oft verschwindet ihr Leidensdruck sogar vollständig. Wie ist das möglich, wo in den Camps doch zumeist nur psychologische Laien im Einsatz sind? „Meine fünfzehn Heilsitzungen bei euch haben mir viel, viel besser getan als die vorherigen 480 bei meinem Analytiker“, befand ein 47jähriger Schwerstdepressiver. Eine Lehrerin (62), die das frühkindliche Trauma wiederholten sexuellen Missbrauchs durch den eigenen Vater nie ­losgeworden war, schwärmte: „Ich habe schon so viele Psychotherapien gemacht, die mir nullkommanix gebracht haben. Was ihr bei mir in Gang gesetzt habt, ist unglaublich. So intensiv!“ - „Es war, als hätte ich meine vergangenen vier Jahrzehnte in einem fenster­losen Raum zugebracht“, verglich Ludwig (55), den ­fortwährende Ängste mit heftigen körperlichen Begleitsymptomen quälten, seit er Augenzeuge der Ermordung von Mutter und Vater wurde. „Ihr habt mir ein Fenster geöffnet, und endlich sehe ich Licht.“ Wie diesen Drei, so ergeht es na­hezu allen psychisch Schwer­­belasteten, die den Weg in ein Therapiecamp der Stiftung Aus­wege finden. Ob bei anhaltenden Depressionen oder Äng­sten, Ess- oder Schlafstörungen, Zwängen oder Süchten, bei ADHS, Hyperaggressivität oder sonstigen Verhaltensstö­rungen, bei einem Trauma, Burn­out oder Autismus: Weni­ger als zwei Prozent der betroffenen Teilnehmer verlassen uns nach neun Tagen mit unveränderter oder gar verschlimmerter Symptomatik. Dieselbe Quo­te stellen wir bei Patienten fest, denen eine körperliche Erkrankung arg aufs Gemüt schlägt, sowie bei mitgereisten Angehörigen, die ständige Sor­ge und Fürsorge derart bedrückt, dass sie oftmals nicht minder behandlungsbedürftig sind wie die angemeldeten Pati­enten, die sie begleiten. Was für hochwirksame Psy­cho­therapien kommen da zum Ein­satz? Welche fabelhaften Psy­cho­therapeuten kon­nten wir für einen Campeinsatz gewinnen? Zumeist gar keine. An zwei Drittel der 34 „Auswege“-Camps, die zwischen 2007 und 2021 stattfanden, wirkte kein einziger professioneller Psy­chologe, Psychotherapeut oder Psychia­ter mit. Die erwähnten Erfolge er­zielte in der Regel ein Helfer­team, das ausnahmslos aus psy­chologischen Laien bestand: überwiegend Geist­hei­ler, ge­meinsam mit einzelnen Heil­praktikern und Ärzten ohne psy­chiatrische oder psy­chothera­peutische Spezialisie­rung. Und wo Profis im Einsatz waren, blieb stets fraglich, ob erzielte Fortschritte ausschließlich oder hauptsächlich ihr Verdienst waren. Wollen wir damit etwa weismachen, Laienhilfe könne jenen fachkundigen Leistungen gleich­­wertig oder gar überlegen sein, die ausgebildete Psy­cho­logen, Psychotherapeuten und Psychia­ter zu erbringen ver­stehen? In der Tat – im Einklang mit ei­ner Vielzahl von wissenschaftlichen Studien. Laien: oft die besseren Therapeuten Längst lassen Massenmedien besorgte Ärzte und Psycholo­gen schrillen Dauer­alarm schlagen: In Windeseile greifen „psy­chi­sche Störungen“ schein­bar wie eine ansteckende Seuche um sich, allen voran De­pressionen, Ängste und Süch­te. Von mindestens einer soll schon jeder dritte bis vierte Deutsche behandlungsbedürftig betroffen sein. (1) Im EU-Durchschnitt liegen an­geb­lich sogar bei 38,2 Prozent „klinisch bedeutsame“ seelische Proble­me vor. (2) Im Verlauf des Lebens soll das Risiko auf 50 Prozent steigen. (3) Und es könnte noch viel schlimmer kom­men: In einer jüngeren Stu­die erfüllten bestürzenderweise vier von fünf jungen Er­wachse­nen die Kriterien einer psychischen Stö­rung. (4) In den Klinik­ab­tei­­lun­gen für Psychia­trie und Psy­chotherapie stieg die Zahl von Eingewiesenen seit Anfang der neunziger Jahre bis 2010 um annähernd hundert Prozent auf 407'000 Fälle pro Jahr, bei Kindern und Ju­gend­lichen so­gar um 130 Pro­zent auf über 20'000 Fälle. (5) Die Rede ist be­reits von einer „Epi­de­mie des 21. Jahrhun­derts“, die „zur größten ge­sund­heits­politischen Heraus­for­de­rung ge­worden“ sei. (6) So gewaltige Fortschritte hat die moderne Psychiatrie demnach gemacht, dass es kaum noch psychisch Gesunde gibt. Dass trotzdem nur jeder fünfte Betroffene professionelle Hilfe sucht (7), erscheint neuerdings als unverzeihliche Unterlas­sungs­sünde. Die 80 Prozent, die um den Psychiatriebetrieb einen Bogen machen, stehen zunehmend als ahnungslose, uneinsichtige, starrköpfige „Thera­pie­ver­weigerer“ da, als verantwortungslose Drückeberger auf einer Stufe mit Schul­schwänzern und Arbeitsunwil­li­gen, die sich ihrer Pflicht zu sozialverträglicher Normalität und Funktionstüchtigkeit zu entziehen trachten. Wer eine Psychotherapie ablehnt, ob­wohl er doch die allseits be­kannten Symptome einer „psychischen Erkrankung“ aufweist, gerät unter wachsenden Rechtfertigungsdruck. Angesichts der nahen Psycho-Apokalypse beruhigt Otto Normalversteher ungemein, dass sich inzwischen eine „gi­gantische Seelenheilindustrie“ (Welt am Sonntag), in der bereits mehr Menschen arbeiten als in der Automobilbranche, der globalen Bedrohung heroisch entgegenstemmt. Kranker Seelen nehmen sich in Deutschland ambulant 18'000 niedergelassene Fachärzte für Psychiatrie, Psychotherapie und Nerven­heil­kunde an, 15'000 ärztliche und knapp 16'000 psychologische Psychotherapeuten, ein erheblicher Teil der 35'000 Heil­praktiker. Wer so übel dran ist, dass er stationär betreut werden muss, legt sich in eines von 63'000 Betten, die über 450 Fachkliniken für Psychiatrie und Psychotherapie bzw. All­gemeinkrankenhäuser mit entsprechenden Fachabteilungen für seinesgleichen aufgestellt haben. (8) Die Seelenklempnerei wird mit Vorliebe chemisch un­terstützt: Innerhalb eines Jahr­zehnts, von 2003 bis 2012, hat sich die Zahl ambulant verordneter Psychopharmaka in Deutschland fast verdoppelt, auf 2,1 Millionen Tagesdosen. (9) Jährlich werden weltweit Prä­pa­rate für „psychische Gesund­heit“ im Wert von knapp 42 Mil­liarden Dollar verkauft, wo­mit sie bereits die fünftstärkste Therapieklasse auf dem Phar­ma­markt bilden; nur an Arznei­mitteln gegen Krebs, Schmerz, Bluthochdruck und Diabetes wird noch mehr verdient. (10) In Deutschland wurden 2009 mit rund 80 Millionen Packungen 1,1 Milliarden Euro umgesetzt, zu drei Vierteln mit Antide­pres­si­va. (11) Muss das alles sein? Er mutet geradezu grotesk an, an den Haaren herbeigezogen, vom Stammtisch aufgeschnappt. Und doch zählt er zu den bestbestätigten Erkenntnis­sen psychologischer For­schung, mittlerweile gesichert durch Hunderte von Studien und Dut­zende von Metaanaly­sen: der Befund, dass Laien beim Beraten und Behandeln von Menschen, die als psychisch krank gelten, nicht weniger zustande bringen als professionelle Psychotherapeuten – vorausgesetzt, sie sind „interpersonal kompetent“, wie Sozi­alwissenschaftler sagen: offen, herzlich, einfühlsam, verständnisvoll, kommunikativ. Dies gilt sowohl im allgemeinen als auch für einzelne „Störungs­bilder“, wie z.B. soziale Fehlan­passung, Phobien, Psychosen und Übergewicht. (12) Manche Stu­dien ergaben sogar einen deutlichen Trend, dass Laien effektiver sind. (13) Minimales Training reicht aus, um Laien im Umgang mit psychisch Belasteten sogar noch erfolgreicher zu machen. So küm­merten sich in einer britischen Studie Krankenschwe­stern, nachdem sie in zwei Workshops mit Verhaltensthe­ra­pie vertraut gemacht worden waren, um 222 Hypochon­dri­ker, die zuvor unter 29'000 stationär Aufgenommenen in eng­lischen Fachkliniken als hochgradig ängstlich in Bezug auf eigene Krankheiten identifiziert worden waren; zur Kon­trolle blieben 222 weitere unbehandelt, sie wurden lediglich regelversorgt. Nach fünf bis zehn Sitzungen hatten die Krankheitsängste in der Be­handlungsgruppe signifikant ab­genommen, und dieser Ef­fekt war noch ein Jahr später nachweisbar: Von den Laienbe­handelten sorgten sich weiterhin 13,9 Prozent nicht übermäßig um die eigene Gesundheit, in der Kontrollgruppe nur 7,3 Prozent. Auch auf allgemeine Ängstlichkeit und Depressio­nen hatten sich die Bemühun­gen der Nichtprofis vorteilhaft ausgewirkt. (14) In den sechziger Jahren waren Laien im Groß­raum Hamburg bemerkenswert erfolgreich im Einsatz, nachdem sie von dem Ehepaar Reinhardt und Anne-Marie Tausch mit Grundlagen der Ge­sprächspsychotherapie vertraut gemacht worden wa­ren. (15) In über 100'000 Selbsthilfegrup­pen kommen in Deutschland 3,5 Millionen Laien zusammen (16), um einander in gesundheitlichen Nöten beizustehen, häufig auch bei seelischen. Wie etliche Studien belegen (17), ge­lingt ihnen das in der Regel keineswegs schlechter als Grup­pen­psychotherapien oder ir­gendeiner anderen Variante pro­fessionellen Seelenheilens. Je länger die Mitgliedschaft, je regelmäßiger die Teilnahme, desto größer der persönliche Nutzen: Konsequente Besucher von Selbsthilfegruppen können mit ihrer Erkrankung besser um­­gehen, schätzen sich als selbstbewusster ein, fühlen sich besser verstanden und weniger isoliert, erfahren einen Zuge­winn an Kompetenz, Lebens­mut und Wohlbefinden. Unter ihresgleichen fanden sie also, wonach viele von ihnen zuvor bei Profis vergeblich gesucht hatten. Laien kämen bloß vergleichsweise harmlosen „Alltagspro­ble­men“ bei, Profis hingegen auch „schweren, tiefgehenden, komplexen und weitreichenden Problemen“, heißt es gelegentlich. (18) Wer bedenkt, wie oft Probleme beliebiger „Störungs­tie­fe“ unter Lebensgefährten, Freunden und Familienmit­gliedern erfolgreich angegangen werden, während sie in Profipraxen unbewältigt liegenbleiben, kann darin nur ein Marketinggerücht sehen, solange empirische Forschung ihn nicht eines besseren belehrt. Laien können allenfalls beraten, aber nicht behandeln, wenden Profis ein und warnen vor einer „Vermischung“. (19) Doch was trennt beides denn grundsätzlich? Psychotherapie biete einen „Heilungsdiskurs“; „be­handelt Menschen, die an Krank­heiten leiden“; verwende „deutende und aufdeckende Techniken“. Beratung hingegen bringe bloß einen „offenen Hilfediskurs“ zustande; „unterstützt Menschen in Krisen, mit Problemen oder schwierigen Fragen und dient dazu, eine gute Lösung zu finden“; setze allenfalls „unterstützende Tech­ni­ken“ ein. (20) Diese Ab­gren­zungen sind willkürlich und wirklichkeitsfremd; im Alltag, wie auch in „Auswege“-Camps, verschwimmen sie, die Übergänge sind fließend. Lai­en, die einfühlsam und verständnisvoll einen Nächsten beraten – ob im Zweierge­spräch oder in der Gruppe -, können dabei ebenfalls deuten, aufdecken, heilsam wirken. Bewusst oder unreflektiert, jedenfalls erstaunlich erfolgreich nutzen sie Methoden der Psychotherapie, auch bei als „krank“ Etikettierten. Anderer­seits intervenieren berufsmäßige Therapeuten natürlich auch offen, unterstützend und lösungsorientiert. (21) Im übrigen zeigen etliche Vergleichsstudi­en: Beratung und Psychothera­pie sind gleich wirksam. (22) Ungeheuerlich, aber wahr: Nach heutigem Forschungs­stand können professionelle Psychotherapeuten nicht für sich beanspruchen, bessere Leistungen zu erbringen als sogenannte „blutige“ Laien mit keinerlei oder bloß minimalem Training. In dieser Tatsache steckt gesundheitspolitischer und –ökonomischer Sprengstoff ohnegleichen, weshalb sich in Therapeutenkreisen ein heimlicher Konsens herausgebildet zu haben scheint, es sei klüger, sie nicht an die große Glocke zu hängen. Sie bedeutet nämlich: - In der Psychotherapie führt langjährige, kostspielige Aus­bildung zu keinem nennenswerten Effizienzvorsprung – bestätigt durch zwei umfangreiche Meta-Analysen, die nicht weniger als 375 Studien über den Zusammenhang zwischen Ausbildungsdauer und Thera­pie­erfolg einbezogen. (23) - Ebenso unerheblich ist die Fachrichtung. Ob Arzt, Psy­cho­loge, Heilpraktiker oder Le­bensberater: Keiner hilft wirkungsvoller als die anderen. - Im Umgang mit psychischen Belastungen spielt Berufs­er­fahrung keine Rolle. (Hingegen könnte Erfahrung damit durchaus bedeutsam sein – hierzu spä­ter.) - Der Nachweis, dass Psycho­therapeuten tatsächlich „Exper­ten“ darin sind, mit welchen Mitteln man psychischen Er­kran­kungen entgegenwirken kann, steht aus. - Es gibt keinen plausiblen Grund, Laien von der medizinischen Versorgung psychisch Kranker auszuschließen. - Zur Eindämmung der Ko­stenexplosion im Gesund­heitswesen könnte wesentlich beitragen, Ärzten und Psycho­therapeuten das Behandlungs­monopol für psychische Leiden zu entreißen und Laien einzubeziehen. Für die Stiftung Auswege folgt daraus: Nichts spricht dagegen, in ihren Therapiecamps psychisch Belastete durch psychotherapeutisch Unausgebildete betreuen zu lassen – und nichts dafür, für die Campteams un­bedingt Psychoprofis anzuwerben. Auf Forschungsergebnisse, die uns darin bestärken, reagieren Standesorganisationen von Ärz­ten, Psychologen und Psy­chotherapeuten seit eh und je überaus gereizt und beleidigt. Wie kann man allen Ernstes be­haupten, ein mindestens dreijähriges Universitätsstudium sorge für keinerlei Kompe­tenzvorsprung? Wie könnte eine fundierte akademische Ausbildung, die 20'000 bis 40'000 Euro kostet, mit mindestens 600 Stunden Theorie, 600 Stunden Behandlung unter min­destens 150 Stunden Super­vision, 120 Stunden Selbster­fah­rung und 1800 Stunden praktische Tätigkeit, davon ein Drittel in einer psychiatrischen Einrichtung (24), weitgehend für die Katz sein? Ihren empörten Widerstand stützen Fachkreise vor­nehmlich auf drei Argu­mente: 1. Bloß Experten wissen, wie psychische Erkrankungen entstehen – aber nur wer Ursachen kennt, kann sie auch beheben. 2. Nur Experten verfügen über geeignete Techniken, um psychischen Erkrankungen beizukommen. Welcher Laie be­herrscht schon die filigranen Vorgehensweisen eines Freud­schen Analytikers, eines Tie­fenpsychologen nach C. G. Jung, eines kognitiven Verhal­tenstherapeuten? 3. Nur Experten können psychische Erkrankungen erkennen – die richtige Diagnose stellen. Welcher Laie kennt schon das klinische „Stö­rungsbild“ einer depressiven Episode, eines Borderline-Syndroms, einer Angststörung, eines chronischen Erschöp­fungs­syndroms usw.? Mich überzeugt keines dieser Argumente. Denn aus wissenschaftlicher Sicht steht eines wie das andere auf tönernen Füßen: 1. Wie und warum die Psyche erkrankt, ist weiterhin rätselhaft. Angenommen, Naturwissen­schaftler böten uns fünfzig verschiedene Theorien dafür an, weshalb ein Gegenstand senkrecht und beschleunigt nach unten fällt, dem Blitz der Don­ner folgt, ein Magnet Eisen­feilspäne anzieht, Planetenbah­nen elliptisch verlaufen, Laub­bäume im Herbst ihre Blätter verlieren. Würden wir ihnen bescheinigen, sie könnten uns die Welt erklären? Ein unverbundenes Nebeneinander von Theorien kennzeichnet das vorwissenschaftliche Stadium ei­ner Disziplin, und in eben diesem kümmerlichen Zustand be­finden sich bis heute die klinische Psychologie, Psychothe­rapie und Psychiatrie. Wer in irgendeinem ihrer Lehrbü­cher25 über Störungstheorien nachliest, dem schwirrt nach we­nigen Seiten der Kopf: Un­ter­schiedlicher, widersprüchlicher, verquaster könnten die dort vorgestellten intellektuellen Luftschlösser kaum sein. Dennoch vertreten ihre An­hänger die jeweils bevorzugte Lehre mit der gleichen unerschütterlichen Gewissheit. All diese Glaubensbekenntnisse können aber unmöglich gleichzeitig zutreffen. Solange ein derartiges Wirrwarr anhält, zeigt es an, dass unsere See­lenheilkunde im Grunde nicht weiß, wie psychische Krankhei­ten zustande kommen. 2. Techniken sind im psychotherapeutischen Prozess weitgehend unerheblich. Wer Lewis Carrolls Kinderbuch „Alice im Wunderland“ kennt, wird sich an jenen Wettlauf er­innern, bei dem niemand feststellt, wie weit und wie lange die Teilnehmer gelaufen sind. Als der putzige Vogel Dodo gefragt wird, wer denn nun der Sieger sei, sagt er: „Jeder hat ge­wonnen und alle müssen Preise bekommen.“ In solch wunderländischem Wettbewerb stehen all die Hun­derte von psychotherapeutischen Verfahren, die Hilfesu­chen­de vor die schweißtreibende Qual der Wahl stellen. Eine Metaanalyse (26) von fast 400 The­ra­pie-Vergleichsstudien er­gab: Keine bringt rein gar nichts, keine nützt immer, kei­ne ist den übrigen deutlich über­legen - sie alle sind annähernd gleich wirksam (27), und dieser Sachverhalt wird als „Do­do-Bird-Verdikt“ (28) be­zeich­­net, gelegentlich auch als „Äqui­valenzparadox“. In diesem Licht erweist sich die sogenannte „Differentielle In­dikation“ – die Beurteilung, wel­che Form der Psychothe­rapie bei welchem Hilfesuchen­den angezeigt ist – als windige Luftnummer. Wenn keine Me­thode mehr ausrichtet als die andere, machen jene den Unterschied, die sie anwenden; Patienten brauchen den passenden Therapeuten. Zwar sollen vereinzelte Studien ergeben haben, dass Patienten mit ho­her „Direktivität“ – einem ausgeprägtem Bedürfnis nach Selbstbestimmung bzw. starker „Reaktanz“, einem deutlichen Abwehrverhalten auf den Ein­druck hin, unter Druck gesetzt zu werden – eher von mäßig strukturierten, nichtdirektiven Ansätzen wie z.B. der Ge­sprächstherapie profitieren, wäh­rend „submissiven“ Pati­enten, die zur Unterordnung neigen, direktive Verfahren wie z.B. die Verhaltenstheorie eher nützen. (29) Doch letztlich ist es kein methodisches Abstrak­tum, das Hilfsbedürftige „dirigiert“, „unterwirft“ oder ihnen Freiraum lässt, sondern die individuelle Persönlichkeit des jeweiligen Behandlers. Worauf er aus ist, kann er mit jeder beliebigen Technik erreichen. 3. Psychodiagnostik stellt nicht fest, sondern schreibt zu – sie ist unwissenschaftlich, willkürlich und überflüssig. In „Auswege“-Camps werden weder psychiatrische Diagno­sen gestellt, noch gestellte handlungsleitend gemacht. Aber wie sollten wir seelisch Belasteten dort überhaupt helfen können, solange wir nicht genau wissen, was ihnen fehlt? Das wissen wir freilich immer. Seit längerem geht es ihnen schlecht, ohne dass ihre Ärzte eine organische Ursache dafür gefunden haben, und bei ihren Campterminen lassen wir sie ihr Unwohlsein ausführlich schildern: Wie fühlt es sich für sie an? In welcher Weise belastet es sie? Wann und unter welchen Umständen ist es entstanden? Wie hat es sich im Laufe der Zeit entwickelt? Wie wirkt es sich auf ihr Leben aus? Ihre Angaben lassen wir von mit­gereisten Angehörigen be­stä­tigen, ergänzen oder einschränken. So erhalten wir ein recht detailliertes Bild von ihrem Problem. Darauf gehen wir ein, und was wir mit Hil­fesuchenden anschließend tun – wir reden, lachen, tanzen mit ihnen, wir berühren, umarmen und massieren sie, legen ihnen Hände auf, lassen sie basteln, Bilder malen und Klänge hö­ren, entspannen, die Gemein­schaft Mitbetroffener erleben, eine idyllische Natur genießen -, führt offenkundig binnen weniger Tage dazu, dass es den meisten erheblich besser geht, in der Regel weit über die Camp­woche hinaus. An keinem Punkt dieses Geschehens muss notwendig festgestellt werden, welche psychische Krankheit bei einem Teilnehmer vorliegt – ja, ob es sich überhaupt um eine Krankheit handelt, die ihn zum „Patienten“ macht. Dass sich ein Betroffener selber krank fühlt, bedeutet nicht zwingend, dass er es ist. Warum meint er, krank zu sein? Sein Empfinden, Erleben und Fühlen, seine Erinnerungen und Vorstellungen, sein Den­ken und Verhalten belasten ihn seit längerem, ohne dass er daran willentlich etwas ändern könnte; sie sorgen für Leidens­druck und weichen auf merkwürdige, schwer nachvollziehbare Weise von der Norm ab, womit sie Anderen und ihm selbst Rätsel aufgeben. Wer ihm als Ursache dafür eine „psychische Krankheit“ unterstellt, äußert eine Hypothese: eine Mutmaßung, die erst einmal zu beweisen wäre. Die moderne Psychotherapie versteht sich als behandelnder Teilbereich der Psychiatrie, die­se wiederum als Fachgebiet der Medizin, die allergrößten Wert darauf legt, als „empirische Wissenschaft“ zu gelten. Eine Krankheit im medizinischen Sinn ist ein im Individuum be­stehender Zustand oder ablaufender Prozess, der sich in typischen Zeichen, „Symptomen“, bemerkbar macht. (Liegen gleichzeitig verschiedene solche Zeichen vor, sprechen Me­di­ziner von einem „Syndrom“, von griech. syndromos: begleitend, zusammentreffend.) Dass überhaupt eine Krankheit vorliegt, lässt sich demnach nur dann behaupten, wenn dieser Zustand bzw. Prozess entweder unmittelbar festgestellt oder aus Indikatoren erschlossen werden kann. Wissenschaftlich ist eine solche „Diagnose“, wenn die dazu verwendeten Verfahren objektiv, zuverlässig und valide sind. Und in diesem Sinne ist fraglich, ob unseren Campteilnehmern, ja irgendeinem Menschen jemals eine „psychische Krankheit“ nachgewiesen worden ist – mehr noch, ob es eine derartige Enti­tät überhaupt gibt. An entsprechenden Methoden mangelt es der Psy­chiatrie nämlich bis heute. Den ungetrübten Blick darauf verstellt ein Zwillingspaar aus monströsen Begriffsgebilden von den Ausmaßen turmhoher Apothekerschränke, jeweils mit Hunderten von fein säuberlich etikettierten Schubladen: eine für jede „psychische Krank­heit“. Welche das sein sollen, ist in zwei voluminösen Katalogen zusammengestellt worden, an denen sich Psychodiagnostiker mittlerweile weltweit orientieren: Das DSM (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Dis­orders) wird seit 1952 von der American Psychiatric Association herausgegeben, einem 50'000 Mitglieder starken Berufsver­band, und ist vor allem im angelsächsischen Raum maßgebend. 2013 erlebte es die fünfte Auflage; anfangs ein schlankes Heft von 130 Seiten, kommt es inzwischen als zwei Kilo schwerer Wälzer mit 1298 Seiten daher. In Deutschland ge­bräuchlicher ist die ICD (In­ter­national Classification of Dis­eases), die „Psychische und Ver­haltensstörungen“ einschließt. Für Deutschlands Vertragsärzte ist die ICD-Verwendung seit dem Jahr 2000 Pflicht, nur dann können sie mit ihren Kassen abrechnen. Die Ursprünge der ICD reichen bis ins ausgehende 19. Jahrhundert zurück; von der Weltgesundheitsorganisati­on übernommen und stetig weiterentwickelt, liegt sie seit 2012 in der zehnten Version vor. Psychodiagnostik legt fest, wem diese darin befindlichen Etiketten angeklebt werden dürfen – wer sie zurecht trägt. Herauszufinden versucht sie das, indem sie mit Verdäch­tigen standardisierte schriftliche und mündliche Interviews führt, sie diversen Tests unterzieht, Einschätzungen von anderen „Experten“ - beispielsweise Ärzten - und nahestehenden Personen einholt. Verdient diese Vorgehensweise das Prä­dikat „wissenschaftlich“? Er­füllt es die allgemeingültigen Gütekriterien für wissenschaftliche Erkenntnismethoden, insbesondere die drei wichtigsten?: Ist Psychodiagnostik objektiv? Das heißt, sind ihre Ergebnisse unabhängig von Einflüssen und subjektiven Eindrücken der Untersucher oder der Un­ter­suchungssituation, sei es bei der Durchführung, der Aus­wer­tung oder Interpretation? Es begann 2004 als Feierabend­spielerei: Zwei russische Phy­siker an der Universität Man­che­ster, Konstantin Novoselov und Andre Geim, lösten von einem Block gewöhnlichen Gra­­phits, wie es in Bleistiften verwendet wird, mit Hilfe von Kle­be­streifen hauchdünne Schich­ten ab. Als sie diese Pro­ben un­tersuchten, stießen sie auf Gra­phen: nur eine Atomla­ge dicke, somit gleichsam zweidimensionale, wabenförmig strukturierte Kohlenstoff­schich­ten mit faszinierenden mechanischen und elektrischen Eigenschaften, was den beiden Forschern sechs Jah­re später einen Nobelpreis ein­brachte. Seither gilt Graphen als wahres „Wundermaterial“, das einen regelrechten „wissen­schaftli­­chen Goldrausch“ (Wall Street Journal) ausgelöst hat: Einer­seits ultradünn, leicht und flexibel, ist es andererseits härter als ein Diamant und bis zu 300mal zugfester als Stahl; es lässt positiv geladene Wasser­stoff­atome (Protonen) durch, während es alle anderen Atome und Moleküle am Durchtritt hindert; es ist transparent und temperaturstabil, leitet Wärme und Strom ausgesprochen gut und lässt sich zu winzigen Halb­leitern formen. Von Gra­phen versprechen sich Exper­ten flexible Displays, schnellere Sensoren und bessere Batterien, leichtere Fahrzeug- und Flug­zeugteile, leistungsfähigere elektronische Bauelemente und bessere Datenspeicher. Aber gibt es dieses Graphen wirklich? Weist es tatsächlich die ihm zugeschriebenen Ei­gen­schaften auf? Wer auch immer die behaupteten Er­kennt­nisse bezweifelt, kann sie überprüfen, jederzeit und überall: Sofern er genauso verfährt wie Novoselov und Geim, kommt er zu denselben Ergeb­nis­sen. Nun weiß er: Da wurden tatsächlich objektive Tat­sachen verbreitet, nicht bloß Hirngespinste zweier professoraler Wodkatrinker. So funktioniert Wissenschaft. Die Psyche eines Menschen ist aber kein materielles Objekt. Beobachten lässt sich bloß ihr äußeres Verhalten, einschließlich seiner sprachlichen Äußerungen; jegliche Schlüsse daraus sind fragwürdige Deu­tungen. Wer ihn befragt, löst bei ihm zwangsläufig Wahr­nehmungen, Empfindungen, Ge­fühle, Gedanken aus, die er andernfalls nicht hätte. Jede Diagnostik erzeugt und betritt ein komplexes Faktorenfeld, in dem sich Menschen anders benehmen, als sie es außerhalb tun würden. Ist Psychodiagnostik zuverlässig („reliabel“)? Das heißt, kommen verschiedene Diagnostiker hinsichtlich desselben Patien­ten zur selben Meinung? Keine zwei Untersucher beeinflussen einen Menschen in exakt derselben Weise; selbst wenn sie perfekte Klone wären und ihm gegenüber in absolut identischer Weise aufträten – mit den gleichen Äußerungen, dem gleichen nonverbalen Verhal­ten, derselben äußeren Er­scheinung -, würde die veränderte Situation einen mentalen Unterschied machen. Standar­disierte Tests, die für alle Un­tersuchten dieselben sind, nach denselben Regeln ausgewertet und interpretiert werden, beseitigen nicht eine grundsätzliche Schwierigkeit: Sie bleiben Mo­mentaufnahmen, von denen un­klar ist, ob der festgestellte Zustand nur kurzzeitig oder fortwährend besteht, denn die menschliche Psyche befindet sich in unentwegtem Fluss. Weil sie kein hermetisch abgeschottetes, gänzlich autonomes Eigenleben führt, sondern von ihrer Umgebung und ihrem sozialen Umfeld beeinflusst wird, bleibt darüber hinaus offen, inwieweit sich die ge­messenen Merkmale aus ihren inneren Besonderheiten ergeben oder aus den jeweiligen Le­bensumständen und momentanen Einflüssen; ob eine festgestellte Merkwürdigkeit einer individuellen Pathologie entspringt – oder durch die Um­welt konditioniert wird. Wie die englische Psychothera­peu­tin Lucy Johnstone, Mitautorin einer kritischen Stellungnahme des Britischen Psychologenver­bands zum DSM, nachdrück­lich betont, „liegen nun überwältigende Hinweise dafür vor, dass Menschen infolge einer komplexen Mischung aus sozialen und psychischen Um­ständen zusammenbrechen: Trauer und Verlust, Armut und Diskriminierung, Trauma und Missbrauch“30 – und eben nicht allein aufgrund inwendiger Prozesse, die unabhängig davon ablaufen, was um sie herum geschieht. Immerhin ermögliche DSM und ICD „exaktes“ Diagnosti­zieren, heißt es: „Durch aufmerksames Zuhören, Wahrneh­men und zielgerichtetes Fra­gen“ könne genauestens festgelegt werden, welcher Störungs­typ vorliegt. (31) Eine solche „Exaktheit“ stelle ich hiermit beim NBGN-Syndrom sicher („Null-Bock-auf-gar-nix“), mittels folgender zehnteiliger Liste von Symptomen, deren gemeinsames Vorliegen ver­mut­­lich statistisch signifikant ist und eine erhebliche Präva­lenz aufweisen dürfte: Inner­halb der zurückliegenden 14 Tage sind Betroffene mindestens einmal mindestens eine halbe Stunde zu spät zu einer Verabredung erschienen; waren mehr als zweimal um die Mit­tagszeit noch unrasiert; boten in öffentlichen Verkehrsmitteln Senioren nicht den eigenen Sitz­platz an; spuckten einen Kaugummi auf den Gehweg; beseitigten Fuß- und Achsel­schweiß nicht binnen 48 Stun­den körperhygienisch; popelten pro Tag durchschnittlich dreimal oder öfter genussvoll in der Nase; wechselten im An­amnesezeitraum höchstens einmal die Unterwäsche; empfanden am Arbeitsplatz mehr als zweimal pro Tag Unbehagen, Lustlosigkeit und Müdigkeit; übernahmen nur einmalig, be­gleitet von ausgeprägten Un­wil­ligkeitsemotionen, den Ab­wasch, das Staubsaugen oder das Entleeren voller Mülleimer; nahmen an mindestens sieben der vergangenen 14 Tage zwischen Frühstück und Abendes­sen stundenlang be­vor­zugt ei­ne horizontale Kör­per­position auf weicher Unter­lage ein. Liegen mindestens drei dieser Merkmale vor, ist von NBGN auszugehen, bei sieben und mehr von einer „schweren“ Störung. Jedes wä­re durch „aufmerksames Zu­hören, Wahrnehmen und zielgerichtetes Fragen“ zu verifizieren. Brächte ich dieses „Syn­drom“ in einem der beiden Diagnostikmanuale unter, so wäre sichergestellt, dass Fach­leute es fortan genauso definieren und attribuieren wie ich. Einigermaßen „reliabel“ haben RSM und ICD die Psychiatrie lediglich in einem Sinne ge­macht: Ihnen gemäß benutzen Kliniker inzwischen weltweit dieselben Begriffe in weitgehend derselben Weise. Aber sind diese Begriffe mehr als bloße Konstrukte, verkappte Er­findungen, willkürliche Un­terstellungen? Entsprechen ih­nen reale Phänomene? Dazu müsste die dritte Frage bejaht werden können: Ist Psychodiagnostik valide („gültig“)? Das heißt, misst sie tatsächlich, was sie messen soll? Stehen Bezeichnungen „psychischer Krankheiten“, die Menschen aufgrund solcher Mes­sungen zugeschrieben werden, für reale Entitäten? Vali­dität ist ein Maß dafür, ob und inwieweit „da draußen in der Wirklichkeit“ dem diagnostischen Urteil etwas Handfestes, unabhängig Feststellbares entspricht. Ist das so? Auch in der somatischen Medi­zin sind pathologische Zustän­de selten direkt beobachtbar. Der Arzt erschließt sie aus bestimmten Merkmalen, deren Vorliegen sie eindeutig anzeigen. Dasjenige Merkmal, das sich am besten dafür eignet, eine Erkrankung nachzuweisen oder auszuschließen, wird als „Goldstandard“ bezeichnet. Die Medizin verfügt über viele derartige Entscheidungshilfen: Bei Darmerkrankungen sind es koloskopische Bilder, bei Asth­ma bronchiale spirometrische Prüfungen, bei Osteoporose be­stimmte Biomarker und Kno­chen­dichtemessungen, bei Dia­betes der orale Glukose-Tole­ranztest, bei arterieller Hyper­tonie Blutdruckmessungen, bei Skoliose und anderen Skelett­erkrankungen ein jeweils typisches Röntgenbild. An solchen objektiv messbaren Parametern mangelt es der Psychiatrie ganz und gar. Ihre Diagnosen basieren auf Be­richten von Patienten, auf Be­obachtungen und Deutungen von Dritten; selbst wenn diese vollständig übereinstimmen würden – was sie selten tun -, kumulieren dabei womöglich bloß einmütige Vorurteile. Subjektive Einschätzungen wer­den nicht dadurch wahrer, dass sie sich stattlich häufen. Zumindest, so wenden Psy­chia­ter ein, sei ihre Dia­gnostik „inhaltsvalide“: Sie mes­se die relevanten Merkmale des jeweiligen „Krankheits­bilds“. Aber stellt dieses „Bild“ etwas Reales dar oder ein Fan­tasieprodukt? „Krankheitsbil­der“ sind Be­schrei­bungen, auf die sich Fach­gremien geeinigt haben – keineswegs wirklichkeitsgetreue Abbilder, denn ihre mutmaßliche Wirklichkeit, die Psy­che, entzieht sich der unmittelbaren Beobachtung. Als „valide“, so heißt es ferner, dürfe ein Diagnoseverfahren gelten, wenn seine einzelnen Maße hochgradig zusammenhängen. Wenn eine bestimmte „psychische Krankheit“ sehr oft die Merkmale x, y und z aufweist, dann erkennt ein gu­ter Test sie auch häufig als gemeinsam vorliegend; und wenn ein Merkmal theoretisch zwei verwandte „Krankheits­bilder“ voneinander abgrenzt, dann spiegelt ein guter Test dies auch im Befund wieder. Doch hier wird multiple Augen­wischerei betrieben (32): - Menschen entsprechen so gut wie niemals idealtypisch dem vorgefertigten „Krankheits­bild“ auch nur annähernd. - Häufig trifft kein „Krank­heitsbild“ vollständig zu, mehrere hingegen bloß zum Teil. Viele vermeintliche „Patienten“ weisen Symptome diverser „Stö­rungen“ auf, gehören aber keinem eindeutig zu. (33) Solche „Komorbidität“ steht aber im Widerspruch zu der grundlegenden Behauptung, psychische „Syndrome“ seien diskrete „Krankheitsbilder“. - Manchen „Patienten“ muss lehrbuchkonform ein und dieselben Diagnose gestellt werden, obwohl sie keinerlei „Sym­pto­me“ gemeinsam haben. Die DSM-Kriterien für eine „Major Depressive Order“ etwa erfüllt ein Anton, der niedergeschlagen ist, zuwenig und unruhig schläft, stark abnimmt, sich schlecht konzentrieren kann und ständig aufgewühlt („agitiert“) ist, aber auch eine Adel­heid, die unentwegt schläft, stark zunimmt, sich nicht mehr freuen und Lust empfinden kann („Anhedonie“), sich wertlos und schuldig fühlt, an Selbstmord denkt. (34) Gänzlich schleierhaft ist, wieso die beiden ein und dasselbe „Krank­heitsbild“ teilen sollten. - Weil häufig nur ein mehr oder minder kleiner Teil der Dia­gnosekriterien erfüllt sein muss, wird ein Krankheitsbild häufig Personengruppen zugeschrieben, die wenig gemeinsam haben. Beispielsweise ge­nü­gen DSM-gemäß drei von 15 Kriterien, um einem Kind eine „Conduct Disorder“ zu bescheinigen; nach Adam Riese ergeben sich daraus 455 unterschiedliche Kombinationen von Merkmalen. Das Einheitsetikett kaschiert eine gewaltige Hete­rogenität. - Häufig kranken die Diagno­sekriterien an Mehrdeutigkeit. Dem DSM zufolge soll von einer „Generalisierten Angst­stö­rung“ betroffen sein, wen exzessive Ängste plagen, die er schwer kontrollieren kann. Was heißt da „exzessiv“, was genau ist mit „schwer“ gemeint? - Die Schwellenwerte der Diagnosetests sind willkürlich, häufig stufen sie fälschlich po­si­tiv ein. Ein Großteil von ihnen erfordert nicht, dass sämtliche Kriterien eines „Krankheits­bilds“ erfüllt sind, sondern bloß ein paar; wieviele, wurde willkürlich festgelegt. Und je weniger Merkmale erhoben wer­den, desto wahrscheinli­cher werden Menschen seinetwegen irrtümlich für „krank“ erklärt. - Ebenso willkürlich sind die diagnostischen Trennlinien zwischen „Normalem“ und „Krank­haftem“. Mit jeder neu­en Auflage von DSM und ICD hat sich der Radius des „Patho­logischen“ stetig erweitert, Mil­lionen ahnungsloser Zeitgenos­sen wurden dabei buchstäblich über Nacht zu „Patienten“ er­klärt - nicht etwa, weil auf psy­chonautischer Tauchstation in den Untiefen der menschlichen Seele neue „Störungen“ zum Vor­schein gekommen sind, sondern weil in Fachgremien be­schlossen wurde, eine be­stimmte Kombination von Ei­genschaften von nun an „Stö­rung“ zu nennen, womit „Ge­stör­te“ neuer Art zu Zielobjek­ten für Therapien und Medika­mente werden. Die Abschaf­fung des Nor­malen wird zum Mega­trend. So verwandelte 2013 das DMS-5 gewöhnliche Trauer, falls sie nicht zügig wieder vergeht, in eine Krankheit: Wem der Tod eines geliebten Menschen den Appetit verschlägt, wer wenig Antrieb verspürt, unruhig schläft und sich mit gedrückter Stimmung durch den Alltag quält, dem muss seither schon nach zwei Wochen eine therapiebedürftige „Depression“ dia­gnostiziert werden. Aus dem leidenschaftlichen Sam­meln von Dingen, die Anderen weder besonders knapp noch besonders kostbar vorkommen, ist die „obsessiv-kompulsive“ (zwanghaft besessene) Hoar­ding-Störung (vom englischen Wort für „Horten“) geworden; aus häufigem Berühren, Quet­schen und Kratzen bestimmter Hautstellen eine „abnorme Im­pulskontrollstörung“ namens „Skin-Picking Disorder“. Gele­gent­li­cher Heißhunger wurde zur „Binge Eating Disorder“ (von engl. binge: Gelage), schlech­te Laune zur „Dysthy­mie“ - mit angeblich drei Mil­lio­nen betroffener „Patienten“ -, ausgeprägte Schüchternheit zur „Sozialphobie“, Eigenbrö­te­lei zur „schizoiden Persön­lichkeit“. Wer ungewöhnlich lan­ge mit etwas Unerfreuli­chem hadert, der gehört zu je­nen zwei Prozent der Bevölke­rung, die eine „posttraumatische Verbitterungsstörung“ (PTED) ereilt haben soll. (35) Und allen Ernstes werden in Fach­kreisen diskutiert: das „Dorian-Gray-Syndrom“ bei Menschen, die mehr als Andere auf ihr Kör­pergewicht und Erschei­nungs­bild achten (36); sowie das „Käfig-Tiger-Syndrom“, weitverbreitet unter Männern, die mürrisch, unausgeglichen und leicht ausfallend sind, weil sie sich wie ein Tiger im Käfig eingesperrt fühlen (37). Unentwegte Lügner sind bedauernswerte, therapiebedürftige Opfer einer „antisozialen Persönlichkeitsstörung“ namens Pseudologia phantastica. Die „Paradies-Depression“ be­fällt vornehmlich vornehmlich Pen­sionäre, die ihren Le­bens­abend an traumhaften Fe­ri­en­orten in südlichen Gefilden ver­bringen, wo sie inneren Taten­drang verlieren, abstumpfen, sich langweilen und leer fühlen – Nichtstun wird für sie zur Qual38. Die ersten chronisch De­pressiven in der Ge­schich­te der Menschheit dürften demnach Adam und Eva gewesen sein. Man kommt schwerlich umhin, diesem karnevalesken Treiben eine hochgradige IAS zu diagnostizieren (von lat. inutilis: überflüssig; abundantia: Überschuss, Überangebot), die fraglos Eingang ins näherrückende DSM-6 finden sollte: eine obsessiv-kompulsive Störung mit einer Prä­valenz von 99,9 Pro­zent unter Psychiatern, die entweder in DSM-Gremien be­rufen werden oder noch keine neue Krank­heit erfunden haben oder beides – gekennzeichnet durch einen inneren Zwang, Überflüssiges im Übermaß zu produzieren. Welche „Erkrankung“ hat mo­mentan die besten DSM-Auf­nahmechancen? Meinen persönlichen Favoriten würde ich „RDS“ taufen („Resilienzdefi­zit­syndrom“). Reißenden Ab­satz finden neuerdings nämlich Lebenshelfer, die sich der sogenannten „Resilienz“ widmen: einer inneren Widerstands­kraft, die Rückschläge weg­stecken, Krisen durchstehen, sich Zumutungen widersetzen, Anfeindungen und Kritik un­beirrt abprallen, den Blick zu­versichtlich nach vorne richten lässt – die Strategie des Steh­aufmännchens.39 Ihrer weitgehenden Abwesenheit endlich Krankheitsstatus zuzuweisen, brächte multiplen Nutzwert: Betroffenen fiele es dann leichter, hypochondrisch eine Cha­rakterschwäche zu bejammern und faule Ausreden zu bemänteln. Beglückt würden alle El­tern, die auf Karriere- und Selbstverwirklichungstrips ihren Nachwuchs lieber der Krabbelgruppe, der Tagesmut­ti, dem Fernseher, dem Internet und der Playstation überlassen, statt ihn aufmerksam, konsequent und beharrlich, jedenfalls zeitaufwendig, mit dem nötigen Rüstzeug auszustatten, das Heranwachsende brauchen, um innerlich gefestigt durchs Leben zu gehen. Un­terbeschäftigten Psychoprofis erschlösse sich ein weiteres Be­tätigungsfeld, Neuropsycholo­gen ein neues Fahndungsziel, Arneimittelherstellern eine zu­sätzliche Zielgruppe – und ei­nem eitlen „Entdecker“ würde ge­schmeichelt, denn zu den ul­ti­mativen Daseinszwecken ei­nes forschenden Psychiaters ge­­hört es, auf eine neue Krank­heit zu stoßen, mit der sein Name verbunden ist. Da gerät Medizin zur Real­satire, und als solche wird sie von den raren Psychiatern, die sich die Fähigkeit zur Selbst­ironie bewahrt haben, mitunter zwerchfellerschütternd auf die Schippe genommen. Der unbedarfte Nichtexperte, der bei ei­ner psychischen Störung zu­mindest einen gewissen Lei­densdruck voraussetzt, ahnt of­fenkundig nichts von der „ge­ne­ralisierten Heiterkeits­stö­rung“ (GHKS), von der etliche Mitglieder des „Auswege“-Campteams längst infiziert sind: Bei Anlässen, die für ge­wöhnlich „depressive Verstim­mung, Verzweiflung, große Angst, Selbstanklagen oder ge­gen Andere gerichtete Aggres­sionen“ auslösen, bleiben sie sonderbar ausgeglichen, gelassen und heiter. (40) Nicht einzudämmen ist bei unserem Nach­wuchs bislang das „Kindheits-Unselbständigkeits-Sprach­reduktions-Syndrom“ (KUSS), für das typisch sind: ein hartnäckiges Beharren auf der Durchsetzung eigener Wün­sche; ein deutlich retardiertes Vermögen, sich in die Sicht­weise Anderer hineinzudenken; sowie die Dominanz dysgrammatischer Äußerungen („Man muss nur die gratuliren, die man mag, und die Ferwan­ten“; „Böhse Onkelz gingten weg“). (41) Eine erschütternde Prävalenz von hundert Prozent innerhalb der Referenzpopula­tion weist das „Kindheits­syn­drom“ auf, bei dem Klein­wuchs, Unreife, Labilität und Wissenslücken mit einer Ess­störung einhergehen, die zu Ver­meidungsreaktionen gegenüber Gemüse und Salat führt. (42) Bierernst folgen Krankheitser­fin­der immer demselben simplen Strickmuster: Schritt 1: Man nehme ein beliebiges Merkmal, das der Bevölke­rungsmehrheit merkwürdig vorkommt: irgendeine Macke, ein Unwohlsein, ein Befindlich­keitstief. Schritt 2: Man lasse sich weitere Merkmale einfallen, die dazu intuitiv passen. Schritt 3: Man nenne deren gemeinsames Auftreten „Syn­drom“ und kreiere eine eindruckschindende Bezeichnung dafür, im Rückgriff auf Latein oder Altgriechisch. Schritt 4: Man mache plausibel, dass dieses „Syndrom“ weit verbreitet ist, die Lebensqualität von Betroffenen beeinträchtigt und die soziale Umwelt belastet. Schritt 5: Man schildere analoge Defizite in der Tierwelt, zitiere irgendwelche antiken oder mit­tel­alterlichen Heilkundigen, die historische Präzedenzfälle do­kumentierten, spekuliere über möglicherweise mitbeteiligte Hirnregionen und Gense­quen­zen. Schritt 6: Man verbreite Zuversicht, dass das Problem psychopharmakologisch in den Griff zu kriegen ist. Schritt 7: Man bombardiere Fach­gremien und Medienre­dak­­tio­nen so lange mit Ein­ga­ben, bis bei ihnen der Groschen fällt. Spaß beiseite: Wie hanebüchen persönliche Vorurteile und subjektive Wertungen dabei als pseudomedizinische „Fakten“ verschleiert werden, zeigt sich am Fall von Homo-, Bi- und Transsexualität. Im ICD-8 bzw. 10 tauchen sie noch als „psychische Krankheiten“ auf (43), was Frank­reichs Regierung veranlasste, diese Einstufung per Dekret als stigmatisierend und diskriminierend zu verbieten. Dass sich die Grenze zwischen „gesund“ und „krank“ immer weiter an normales Verhalten heranschiebt und immer mehr davon einschließt (44), erfreut unterbeschäftigte Therapeuten über alle Maßen, hat mit seriöser Wissenschaft aber kaum mehr zu tun als Astrologie mit Astronomie. Eine „imperialistische Ausweitung des Reiches der Psychiatrie um irgendwelche mehr oder weniger banale Befindlichkeitsstörungen“ pran­gert der Psychiater und Theologe Manfred Lütz an. (45) „Mir fehlt da eine Beschrän­kung“, beklagt Andreas Heinz, Direktor der Berliner Charité. Gewöhnliche „Leidenszustän­de werden pathologisiert“. Es sei „falsch, alle möglichen Be­findlichkeitsstörungen mit ei­nem Krankheitsbegriff zu belegen.“ (46) Selbst dem Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN), Wolfgang Maier, ist bei diesem Trend mittlerweile mulmig zu­mute; ihn bestürzen „Kollegen, die sich nicht scheuen, einen großen Anteil von Gesunden zu Kranken zu machen.“ (47) Immer neue Diagnosen einzuführen und „die Grenzen psychischer Störungen auszuweiten“, mahnte kürzlich ihr Präsi­dent Wolfgang Maier, „kann zu einer Medikalisierung von Pro­blemen unserer Gesellschaft und aller psychischer Leidens­zu­stände führen.“ (48) Selbst der US-Psychiater Allen Frances von der Duke-Universität im US-Bundesstaat North Caroli­na, unter dessen Kommissions­vorsitz die Vorgängerversion DSM-4 komponiert worden war, reiht sich inzwischen in das Lager der Kritiker ein: Schierer „Zufall, allmähliche Ver­wurzelung, Präzedenz und Trägheit“ bestimme, ob eine psy­chische Störung Eingang ins DSM findet; kein Wunder, dass dabei „ein ziemliches Sammelsurium ohne innere Logik“ entstehe, in dem „die Störungen sich teilweise gegenseitig ausschließen“. Die stetige Erweiterung der psychiatrischen Grenzen, so warnt er, befeure eine Inflation an psychiatrischen Diagnosen, die zu einer Übertherapie der „eingebildeten Kranken“ führe. Als hei­ßester Nachfolgekandidat für Modekrankheiten, sobald ADHS, „Asperger-Syndrom“ und „bipolare Störung“ out sind, erscheint ihm DMDD (Disruptive Mood Dysregulation Disorder); seit diese „schwere Stimmungsregulationsstörung“ Aufnahme ins DSM-5 fand, werden Kinder zu „Patienten“, wenn sie gelegentlich zu Wut­ausbrüchen neigen, dann aber auch wieder traurig und zu­rück­gezogen wirken. (49) - DSM und ICD stufen Men­schen kategorial ein: Entweder liegt die „Krankheit“ bei ihnen vor, oder sie tut es nicht. Damit wird Psychiatrie zu hochspekulativer Ontologie: Es werden dis­krete Entitäten mit natürli­chen Grenzen unterstellt. Aus­nahmslos alle Merkmale der menschlichen Psyche sind aber dimensional ausgeprägt, mehr oder minder stark. Unverbindlicher, windiger, schwammiger geht es kaum. Jeder Hausarzt, der mit seinen Diagnosen derart im Ungefäh­ren herumtappt und über den Daumen peilt, könnte sich vor Patientenklagen kaum noch retten, seine Zulassung wäre er zügig los. Vielen Psychiatern ist diese missliche Lage vollauf bewusst und hochpeinlich; auch sie sehen ihr Fach in einer tiefen Legitimitätskrise. Im südlichsten Zipfel des US-Bundesstaats Maryland, keine elf Kilometer nordwestlich von Washington, liegt eine der wohl­habendsten und gebildetsten Gemeinden des Landes: die 60’000-Einwohner-Stadt Bethesda, ein bevorzugter Wohn­vorort der Bundeshaupt­stadt, die man auf der Interstate 495 staufrei in zwanzig Auto­mi­nuten erreicht. Hier hat das weltweit größte psychiatrische Forschungszentrum seinen Sitz: das National Institute of Mental Health (NIMH), vom US-Gesundheitsministerium, dem es direkt untersteht, mit einem Jahresetat von über anderthalb Milliarden Dollar ausgestattet. Sein Direktor, der Psychiater und Neurowissen­schaftler Thomas Insel, zündete im Jahre 2013 eine Bombe, de­ren Explosionswellen die Fach­welt bis heute erschüttern: Das DSM, führendes Diagnose­handbuch der Psychiatrie, kran­ke an einem „Mangel an Vali­dität“ – es diagnostiziere nicht, was es zu diagnostizieren vorgibt, nämlich „psychische Krank­­heiten“. Denn „anders als bei un­­seren Definitionen der Ischä­mi­schen Herzkrankheit, des Lym­phoms oder von Aids“, so stellte Insel klar, „beruhen die DSM-Diagnosen auf dem Kon­sens über Muster klinischer Sym­ptome, nicht auf irgend­wel­chen objektiven Labor-Da­ten. In der übrigen Medizin ent­spräche dies dem Kreieren diagnostischer Systeme auf Basis der Natur von Brustschmerzen oder der Qualität des Fiebers. In der Tat, symptom-basierte Dia­­gnosen, die einst in anderen Gebieten der Medizin üblich wa­­ren, wurden im letzten halben Jahrhundert weitgehend er­setzt, weil wir verstanden ha­ben, dass Symptome selten die beste Wahl der Behandlung an­zeigen. Patienten mit psychischen Störungen haben Besse­res verdient.“ (50) Kurz darauf ap­pellierte Insel in einem Inter­view an seine Fachkollegen: „Wir müssen damit aufhören, Be­griffe wie Depression und Schizophrenie zu verwenden, weil sie uns im Weg stehen.“ Im Einklang damit plädierte die altehrwürdige, 1901 gegründete British Psychological Society (BPS), die über 50'000 Psycho­logen vertritt, kürzlich dafür, sich vom DSM und dem psy­chia­trischen Teil der ICD schleunigst zu verabschieden. In einem Grundsatzpapier (51) vom Mai 2013 plädiert die BPS-“Abteilung für Klinische Psy­chologie” nachdrücklich dafür, endlich “öffentlich klarzustellen, dass die im DSM und ICD um­rissenen psychiatrischen Dia­­gnosesysteme begrifflich und empirisch signifikant begrenzt sind”, und benannte ein Dutzend Problemfelder, auf denen diese grundsätzlichen Schwächen besonders krass zu­tage treten. Kurzum: Die psy­chiatrische Diagnostik ist nicht valide. (52) Umso sehnsüchtiger hoffen Psy­chiater auf Erkenntnisfort­schritte in „handfesten“ naturwissenschaftlichen Disziplinen, die ihnen die schmerzlichst vermissten „Goldstandards“ endlich an die Hand geben könnten: unabhängig feststellbare biologische Sachverhalte, die den mutmaßlichen „psychischen Erkrankungen“ zugrunde liegen und für deren Sym­ptome und jeweiligen „Syndro­me“ kausal verantwortlich sind – typische Sachverhalte, die eine bestimmte „Erkrankung“ eindeutig von anderen unterscheiden. „Das Innere eines Men­schen offenbart sich in seinem Äußeren“, versicherte Goethe; doch leider tut es das kaum je in diagnostisch verwertbarer Weise. Kör­persäfte, Schädelformen, Ge­sten und Gesichtsausdrücke zieht dafür kein Psychiater mehr ernsthaft in Erwägung; Anwendungen von Humoral­me­dizin, Phreno­logie oder Psy­chophysiogno­mik, um mentale Störungen zu identifizieren, belächeln sie längst als historische Kuriositä­ten. In den vergangenen Jahr­zehnten richteten sich ihre Hoff­nungen vielmehr vor allem auf zwei For­schungs­gebiete: Psychogenetik und Psychoneurologie. Doch beide haben ihre Erwartungen enttäuscht: - Sind psychische Krankheiten erblich, lassen sie sich aus unserem Genom ablesen? Bislang konnte für keine einzige dieser „Störungen“ eine genetische Grundlage einwandfrei nach­ge­wiesen werden, geschweige denn eine eineindeutige Kor­relation. (53) Klar scheint lediglich, dass bestimmte DNA-Ab­schnitte an manchen „psychischen Störungen“ irgendwie mehr oder minder mitbeteiligt sind, doch niemals determinierend. - Werden „psychische Krank­heiten“ vom Gehirn erzeugt? Dass alle mentalen Vorgänge, „normale“ wie absonderliche, mit elektrochemischen Prozes­sen im Geflecht unserer Hirn­nerven einhergehen, bestreitet ernstlich niemand mehr. Aber eignen sie sich dazu, bestimmte „psychische Störungen“ zuverlässig zu identifizieren? Psy­chiatrieforscher der Universitä­ten Basel und London zogen kürzlich ein ernüchterndes Fa­zit: „Mehr als drei Jahrzehnte nach Johnstones erster computergestützter axialer Tomogra­phie der Gehirne von Personen mit Schizophrenie konnten kei­ne konsistenten anatomischen oder funktionellen Verände­run­gen eindeutig mit irgendeiner psychischen Krankheit assoziiert werden, keine neurobiologischen Veränderungen konnten durch psychiatrisches ‚Neuroimaging’ endgültig be­stä­tigt werden.“ (54) Die spärli­chen Befunde sind hochgradig widersprüchlich. (55) Ähnlich er­nüch­ternd bilanziert den For­schungsstand der dänische Me­di­ziner Peter Goetzsche, Mitbe­gründer der angesehenen Coch­rane Foundation, eine der weltweit größten gemeinnützigen Einrichtungen zur Qualitätssi­cherung in der Medizin: Bisher, so Goetzsche, sei es noch für kei­ne einzige „psychische Krank­heit“ gelungen, sie auf ir­gendeinen biochemischen De­fekt zurückzuführen; es existiere kein einziger biologischer Test, dem wir entnehmen könnten, ob jemand eine solche „Krankheit“ aufweist oder nicht. (56) Aus alledem folgt: Die psychiatrische Diagnostik, handlungsleitend für Psychotherapien und Psychopharma-Verord­nun­gen aller Art, steht definitiv nicht auf einem soliden naturwissenschaftlichen Fundament – auf keinen nachprüfbaren Tat­sachen; sie ergibt sich ausschließlich aus der subjektiven Einschätzung des jeweiligen Dia­gnostikers. „Psychische Krankheit“ ist ein Mythos – und Psychiatrie eine Pseudo-Wissenschaft, die durch akademisches Imponiergehabe wettzumachen versucht, was ihr an empirischer Fundierung ab­geht. Soweit Medizin wissenschaftlich betrieben werden soll, hat sie darin nichts zu su­chen. Dass allein die Komplexi­tät eines Lehrgebäudes, das Verwenden eines imposanten Fachjargons, das Vorhanden­sein von Ausbildungsein­rich­tungen, Berufsverbänden und eigenen Fachjournalen, der Ein­satz komplizierter Verfahren mit reichlich Mathematik - wie bei der spitzfindigen „Validie­rung“ von Psychotests - nicht im entferntesten für Wissen­schaftlichkeit bürgen, führen uns Astrologie und Grapholo­gie, Numerologie und Chart­tech­nik vor Augen. Die hochtourige Etikettenma­nu­faktur namens Psychiatrie beglückt Arzneimittelhersteller dermaßen, dass Verschwö­rungs­theoretiker leichtes Spiel ha­ben. Denn mit jeder neu „ent­deckten“ Störung, mit je­der weiteren Ausdehnung der Anwendungskriterien von Dia­gnosen wird der Kreis derer vergrößert, die psychopharmakologisch versorgt gehören, weil sie krank sind. Wie glaubhaft ist daher ein Pharma-Ma­na­ger, der kürzlich in einer psychiatrischen Fachzeitschrift er­klärte: Seine Branche nehme von der Psychopharmaka­for­schung zunehmend Abstand, weil Diagnose-Manuale wie das DSM mangels Validität keinerlei Anhaltspunkte dafür liefern, zulassungsfähige Arznei­mittel mit eigenständigem, auf bestimmte psychische Krank­heiten zugeschnittenen Wirk­me­chanismus zu entwickeln? (57) Das Erscheinungsdatum der Zeitschrift fiel vermutlich auf ei­­­nen 1. April: Wozu Hochprä­zisionswaffen entwickeln, so­lan­­ge Schrotflinten reißenden Absatz finden? Kein einziges Psy­cho­parmakon ist „indikati­ons­spezifisch“, wie etwa In­su­lin bei Diabetes; sie alle wirken bei den unterschiedlichsten Krankheitsbildern stimmungsaufhellend und antriebssteigernd (Antidepressiva), angst- und spannungslösend (Tran­quil­lanzien), schlaffördernd (Hy­­pnotika), dämpfend auf Wahrnehmungs-, Vorstellungs- und Denkprozesse (Neurolep­tika), zumeist übrigens kaum bis gar nicht effektiver als Pla­cebos. (58) Trotzdem werden sie massenhaft verordnet, weil sie dem Behandlungsfaktor Zu­wen­dung zweierlei voraushaben: minimalsten Zeit- und Per­sonalaufwand sowie die weitaus leichtere Quantifizierbar­keit in kontrollierten Tests. Mit Pillen gegen alles, einfach und schnell, lassen sich therapeutische Defizite bequem kompensieren. Ärztliche Verschrei­bungs­willigkeit sowie den Nach­frage­druck von Patientenseite fördern aggressive Werbestra­te­gien: In medizinischen Fach­zeit­schriften werden Inserate mit vollmundigen, auf über­wie­gend fragwürdige Studien ge­stützten Wirkungsverspre­chen geschaltet, Ärzten geldwerte Vorteile angeboten, Jour­nalisten mit professionell aufbereiteten „Sachinformatio­nen“ versorgt, renommierte Wis­sen­schaftler (opinion leaders) auf die Gehaltsliste gesetzt, „Kompe­tenz­netzwerke“ (Anti-Stigma- und „Aufklärung“skampagnen) als Werbeträger aufgebaut, Internet-PR als private Selbsterfahrungsforen getarnt. Der Aufwand rechnet sich: Gleich hinter Krebsmedika­men­­ten bilden Psychopharma­ka, geschluckt von 3,3 Millio­nen Bürgern, in Deutschland mittlerweile die verordnungsstärkste Arzneimittelgruppe; knapp zwei Milliarden Euro pro Jahr werden damit hierzulande umgesetzt. (59) „Diese Mit­tel werden mit ungeheurer Macht beworben“, konstatiert der Berliner Arzt und Pharma­ko­loge Bruno Müller-Oerling­hausen, emeritierter Professor an der Freien Universität Berlin und selbst langjähriges Mit­glied der Arz­neimittelkommis­si­on der deutschen Ärzteschaft. „Die Ärzte glauben das und verschreiben die Mittel.“ (60) Das Propaganda­prinzip, dem sie da­­bei auf den Leim gehen, bringt ein hochrangiger Öffentlichkeitsarbeiter in Diensten von US-Pharma­kon­­zernen auf den Punkt: „Problem ist gleich psychische Störung ist gleich Diagnose ist gleich Medika­ment“, erklärte er. „Die PR-Aufgabe besteht darin, das zu verschleiern und das Ganze in einen wissenschaftlich klingenden Kontext zu stellen. Dazu streut man al­les Mögliche über ‚die For­schung’ mit ein – und schon hat man eine Industrie geschaffen.“ (61) Zu den grundsätzlichen Pro­blemen jeglicher Psychodia­gnostik gesellen sich jene, die sich aus der hinlänglich valide gesicherten Hypothese ergeben, dass auch Psychiaterhirne menschlicher Natur sind. Als solche sind sie, wie alle, anfällig für vielerlei kognitive und af­fek­tive Verzerrungen, Denk­feh­ler und Kurzschlüsse, gegen die niemand gefeit ist, selbst wenn er sie kennt und durchschaut. (Siehe hierzu S. 133 ff.: „Auch nur Menschen“.) Was bringt einen Menschen überhaupt dazu, eine psychia­tri­sche Diagnose zu akzeptieren? - Unkenntnis. Wer weiß schon von den heftigen Grundsatz­debatten über die Grenzen der Psychodiagnostik, die in Fach­kreisen hinter den Kulissen toben? Wer kennt und versteht die Argumente der Kritiker vollauf? - Täuschung. Wer vorgibt, etwas leisten zu können, von dem er wissen muss, dass er dazu gar nicht imstande ist – und das ist jedem psychiatrisch Tätigen klar, der während seines Studi­ums nicht Dauerschlaf gehalten hat -, und dafür üppige Hono­ra­re nimmt, führt Hilfesu­chende an der Nase herum. Ein Thermometer, das keine Tem­peraturen anzeigen kann, bringen wir zum Händler zurück; ein Rückgaberecht für psychodiagnostische Dienstleistungen hingegen ist leider nicht vorgesehen. - Kulturelle Einflüsse. Vom ausgehenden 19. Jahrhundert an griff in westlichen Industriege­sellschaften ein Trend zur Me­di­ka­li­sierung um sich, der nach und nach immer größere Berei­che des menschlichen Erlebens und Verhaltens pathologisiert und zu behandlungsbedürftigen Krankheiten erklärt hat. (Neumodische Diagnosen wie Spiel- und Internetsucht, An­pas­sungsstörung, Messie-, Münch­hausen- oder ADHS-Syndrom waren bis vor kurzem unbekannt.) Von Kindesbeinen an sind wir mit der Vorstellung vertraut gemacht worden, dass „psychische Störungen“ existieren und jeden treffen können. - Medieneinflüsse. Die vermeintlichen Krankheitsbilder sind dem „psychisch Kranken“ aus Presse, Funk und Fernse­hen bekannt, unzählige Inter­net­seiten befassen sich damit. - Druck von Mitmenschen. An­ge­hörige, Freunde, Bekannte, Kollegen drängen ihn dazu, weil mit ihm „etwas nicht stimmt“. Steht die Diagnose, nützt sie der sozialen Umge­bung: Die fachmännische Fest­stellung, er sei „krank“, entlastet sie vom Gefühl, für seinen Zustand mitverantwortlich zu sein. - Expertengläubigkeit. Die Dia­gno­se stammt von jemandem, der doch von Berufs wegen und aus Erfahrung wissen muss, was ihm fehlt – geradeso wie ein Kfz-Mechaniker be­stimmt viel besser weiß als der Werkstattkunde, welcher De­fekt bei dessen Auto vorliegt und wie dieser zu beheben ist. - Ärztliches Ansehen. Seit eh und je belegen Ärzte in der Rang­liste des Berufsprestiges unangefochten den Spit­zen­platz, keiner anderen Pro­fession wird stärker vertraut. Das verschafft ihnen Definiti­ons­macht; was immer sie feststellen, bekommt für Hilfesu­chende gewaltiges Gewicht. Auf andere Berufsgruppen, mit denen sie formell zusammenarbeiten – Psychotherapeuten eingeschlossen -, strahlt dieses Renommee aus. - Neutralitätsglaube. Im Psy­chia­ter oder Psychotherapeu­ten wird eine neutrale Instanz gesehen, der eine unabhängige Beurteilung zugetraut wird, frei von vorgefassten Meinun­gen und Absichten – im Gegen­satz zu Personen aus dem eigenen Umfeld. - Erklärungsnot. „Was ist los mit mir?“ Wem ein Phänomen Rät­sel aufgibt, der sucht nach Er­klä­rungen, erst recht, wenn er sich selbst zum Rätsel wird. Und er neigt dazu, solche zu akzeptieren, die ihm einleuchten – ohne dass er sie überprüft und unabhängig davon, ob sie bewiesen sind. Davon geht er gutgläubig aus, weil jemand, in dem er einen Experten sieht, nachdrücklich versichert, sie seien es. - Stress. Psychisch Belastete stehen gewöhnlich unter einem enormen inneren Druck – und der kann ihre Kritikfähigkeit ein­schränken, wenn nicht ausschalten. Dann neigen sie dazu, eine „Diagnose“ hinzunehmen und sich zu eigen zu machen, ohne rational zu hinterfragen, ob sie berechtigt ist. - Ich-Schwäche. Akute Lebens­kri­sen, erst recht langanhaltende Lebensprobleme beeinträchtigen das Selbstwertgefühl. Sie verleiten dazu, sich selber we­nig zuzutrauen, vermitteln ein Gefühl von Hilflosigkeit und Ohnmacht. Umso dankbarer be­gibt man sich in die Obhut von Ärzten und Therapeuten, die Verantwortung für einen übernehmen, und ordnet sich ihrer Autorität unter. - Persönlicher Nutzen. In einer Lebenskrise kann es, subjektiv wie objektiv, von Vorteil sein, in die Rolle des „psychisch Kran­ken“ zu schlüpfen. Wer leidet, gilt als „entschuldigt“; er kann sich unangenehmer Verpflich­tungen entledigen, Zumutun­gen entgehen, lästige Aufgaben liegenlassen. Und er erfährt Zu­wendung: Wem leuchtet nicht ein, dass mit einem „Kranken“ besonders behutsam und rücksichtsvoll umgegangen werden muss, dass ihm Uner­freu­liches und Belastendes, Vorhal­tun­gen und Forderungen möglichst erspart werden sollten? (Harald Wiesendanger) Dieser Betrag enthält Auszüge aus dem Buch von Harald Wiesendanger: Auswege – Kranken anders helfen (2015), Kapitel „Seelenqual – ein Fall für Profis?“, S. 114-177. Dem Kulturphänomen des Psycho-Professionalismus widme ich die zehnbändige Schriftenreihe Psycholügen. Anmerkungen * Pseudonyme 1 Der Bundes-Gesundheitssurvey von 2004 beziffert die Jahresprävalenz psychischer Erkrankungen auf 31 Prozent, die Nachfolgestudie „DEGS“ auf 28 Prozent. Siehe F. Jacobi, F./M. Ko­se/H.-U. Wittchen: „Psychische Stö­run­gen in der deutschen Allgemeinbe­völ­kerung: Inanspruchnahme von Ge­sundheitslei­stun­gen und Ausfalltage“, Bundesge­sund­heitsblatt – Gesundheitsfor­schung – Gesundheitsschutz 47/2004, 47, S. 736-744; H.-U. Wittchen u.a.: „Was sind die häufigsten psychischen Stö­run­gen in Deutschland? Erste Ergeb­nisse der ‚Zu­satzuntersuchung psychische Gesund­heit’ (DEGS-MHS)“, Bun­desgesundheits­blatt 55/2012, S. 988-989. 2 Nach Ärzte Zeitung online, 6. Sep­tember 2011: „Jeder dritte Europäaer hat ernste psychische Probleme“, und den dort erwähnten Studien. Etwas zurückhaltender schließen Wissen­schaft­ler der Technischen Universität Dresden aus einer Metaanalyse von 27 Studien mit mehr als 150'000 Teilneh­mern, erleide mindestens jeder vierte EU-Bürger innerhalb eines Jahres eine „psychische Erkrankung“: European Neuropsycho­phar­ma­co­logy 15/2005, S. 357-376. 3 Nach der Dresdner Studie, s. Anm. 2. 4 William Copeland u.a.: „Cumulative Prevalence of Psychiatric Disorders by Young Adulthood: a prospective Co­hort Analysis from the Great Smoky Moun­tain Study“, Journal of the Ameri­can Aca­de­my of Child and Adolescent Psychiatry 50 (3) 2011, S. 252-261.) 5 Thomas Graf: „20 Jahre Kranken­hausstatistik“, Statistisches Bundesamt, Wirtschaft und Statistik, Februar 2012, S. 112-139, ib. S. 118. 6 Ärzteblatt PP 5, April 2006, S. 169: „Psychische und Verhaltensstörungen: Die Epidemie des 21. Jahrhunderts?“ 7 Nach jameda.de: „Wie verbreitet sind psy­chische Erkrankungen in Deutsch­land?“, 19.6.2014 8 Nach dem Tabellenanhang zum Bericht Psychiatrie in Deutschland – Struk­turen, Leistungen, Perspektiven der Arbeitsgemeinschaft Psychiatrie der Obersten Bundesbehörden an die Gesundheitsministerkonferenz 2012, Stand: 2010/2011; Sabine Herpertz u.a.: Studie zur Versorgungsforschung: Spezifi­sche Rolle der Ärztlichen Psychotherapie. Vorläufiger Abschlussbericht, September 2011; Statistisches Bundesamt: Gesund­heit – Personal, Destatis Fachserie 12, Rei­he 7.3.1, Wiesbaden 2013. 9 Nach einer Antwort der Bundesregie­rung vom 30. April 2012 auf eine Anfrage mehrerer Abgeordneter der Fraktion Die Linke, veröffentlicht als Drucksache 17/9478 des Deutschen Bundestags. 10 Nach IMS Health, Midas, www.imshealth.com. 11 Nach Der Spiegel 20/2011, S. 118. 12 Siehe hierzu die Übersichtsarbeiten von J. S. Berman/N. C. Norton, N. C.: „Does Professional Training Make a Therapist More Effective?“, Psychologi­cal Bulletin 98/1985, S. 401-407, sowie von J. A. Hattie u.a.: „Comparative ef­fec­tiveness of professional and para­pro­fessional helpers“, Psychological Bul­le­tin 95/1984, S. 534-541; T. Gunzel­mann/G. Schiepek/H. Reinecker: „Lai­en­helfer in der psychosozialen Ver­sor­gung: Meta-Analyse zur differentiellen Effektivität von Laien und professionellen Hel­fern“, Gruppendyna­mik 18/1987, S. 361-384; die vielzitierten „Vanderbilt-Stu­dien“ des deutsch-amerikanischen Psychotherapiefor­schers Hans Her­mann Strupp (1921-2006) und seiner Mit­­arbeiter, s. H. Strupp/J. Binder: Psychotherapy in a New Key, A Guide to Time-Limited Dyna­mic Psycho­the­ra­py, New York 1984; ferner die Stu­dien von H. H. Strupp/S. W. Hadley: „Specific Ver­sus Nonspecific Factors in Psycho­the­rapy“, Archives of General Psy­chiatry 36/1979, S. 1125-1136; J. A. Durlak: „Com­parative effectiveness of paraprofessional and professional helpers“, Psychological Bulletin 86/1979, S. 80-92; D. M. Stein/M. J. Lambert: „On the Re­lationship Be­tween Therapist Experien­ce and Psy­chotherapy Outco­me“, Clinical Psycho­logy Review 4/1984, S. 127-142; H. N. Garb: „Clinical judgment, clinical training, and professional experience“, Psy­chological Bulletin 105/ 1989, S. 387–396; B. Smith/L. Sechrest: „The Treat­ment of Aptitude X Treat­ment Inter­actions“, Journal of Consul­ting and Clini­cal Psychology 59/1991, S. 233-244; A. Christensen/N. Jacobson: „Who (or what) can do psychotherapy: The status and challenge of nonprofessional therapies“, Psychological Science 5/1994, S. 8-14; H. K. Wexler: „The success of Therapeutic Communities for substance abusers in American prisons“, Jour­nal of Psychoactive Drugs 27 (3) 1995, S. 57-66. 13 s. Durlak, a.a.O. (Anm. 12) sowie Man­­fred Zielke: „Ausbildungsziel: Trai­ning und Supervision von Laien­therapeuten“, in V. Birtsch/D. Tscheu­lin (Hrsg.): Ausbildung in klinischer Psycho­logie und Psychotherapie, Wein­heim 1980, S. 165-181. 14 Prof. Peter Tyrer u.a., „Clinical and cost-effectiveness of cognitive behaviour therapy for health anxiety in me­di­cal patients: a multicentre randomised controlled trial“, The Lancet 383/ Januar 2014, No. 9913, S. 219–225. 15 R. Tausch/A.-M. Tausch: Gesprächs­psycho­therapie, Göttingen 1979. 16 Diese Zahlen nennt die Inter­netplattform www.selbsthilfe-wirkt.de. 17 M. Peböck/S. Doblhammer/J. Holzner: „Einblicke und Ausblicke – Selbsthilfe als Gegenstand wissen­schaft­licher Forschung“, in O. Meggen­eder (Hrsg.): Selbsthilfe im Wandel der Zeit. Neue Herausforderungen für die Selbst­hilfe im Gesundheitswesen, Frank­furt/Main 2011, S. 227-255; B. Borgetto: Selbsthilfe und Gesundheit. Analysen, For­schungsergebnisse und Perspekti­ven, Bern 2004. 18 S. Schiersmann/H.-U. Thiel: „Bera­tung als Förderung von Selbst­organi­sationsprozessen - eine Theorie jenseits von „Schulen“ und „Forma­ten“, in dies. (Hrsg.): Beratung als För­derung von Selbstorganisationsprozessen, Göttingen 2012, S. 14-78. 23 R. Ningel: Methoden der Klinischen Sozialarbeit, Stuttgart 2011, S. 211. 24 Gesammelte Zitate aus F. Engel/F. Nestmann/U. Sickendiek: „’Beratung’ – ein Selbstverständnis in Bewegung“, in dies. (Hrsg.): Das Handbuch der Bera­tung, Band 1: Disziplinen und Zugänge, Tübingen 2004, S. 37; R. Schwing/A. Fryszer: Systemisches Handwerk – Werk­zeug für die Praxis, Göttingen 2009, S. 12; H. Gutsche: „Abgrenzung und Ge­mein­­sam­keiten von Psychologischer Bera­tung vs. Psychotherapie“, Para­celsus Magazin 1/1999. 21 Jürgen Beushausen: „Sind Laien­helfer, Berater und Therapeuten gleich wirksam?“, online bei www.social­net.de/materialien/205.php, 12. De­zem­ber 2014, 52 S., dort S. 9-11. 22 Entsprechende Untersuchungen fasst die Erziehungswissenschaftlerin Hildegard Müller-Kohlenberg zusammen in ihrem Buch Laienkompetenz im psychosozialen Bereich. Beratung – Erzie­hung – Therapie, Opladen 1996; dies.: „… hilfreich und gut!’ Die Kompetenz der Laien im psychosozialen Bereich“, in: Diözesan-Caritasverband für das Erzbistum Köln (Hrsg.): Laienkompe­tenz. Wirksame Arbeit von Ehrenamtlichen in psychosozialen Handlungsfeldern, Köln 2000, S. 19-35. 23 M. L. Smith/G. V. Glass: „Meta-analysis of Psychotherapy Outcome Stu­dies“, American Psychologist 32/1977, S. 752 – 760, nach methodisch strengeren Kriterien bestätigt durch J. T. Land­man/R. M. Dawes: „Psychotherapy Outcome: Smith and Glass’ Conclusi­ons Stand Up to Scrutinity“, American Psychologist 37/1982: 504-516. 24 So regelt § 5 des Psychotherapeuten­ge­set­zes die Ausbildung zum Psycho­lo­­gischen Psychotherapeuten in Deutschland. 25 Man greife beispielsweise zu so voluminösen Wälzern wie dem zweibändigen Handbuch der Psychotherapie (1994) von Raymond Corsini oder dem dreibändigen Großen Lehrbuch der Psy­chotherapie (2004 ff.) von Hiller, Leibing u.a. 26 Mary Lee Smith/Gene V. Glass: „Meta-Analysis of Psychotherapy Out­come Studies“, American Psychologist Sept. 1977, S. 752-760. 27 Den Forschungsstand hierzu fassen zusammen: B. E. Wampold: The Great Psychotherapy Debate. Models, Methods, and Findings, Mahwah/London 2001; R. Dawes: House of Cards. Psychology and Psychotherapy Built on Myth, New York 1996; L. J. Groß: Ressourcenaktivierung als Wirkfaktor in der stationären und teilstationären psychosomatischen Behand­lung, Dissertation, Nürnberg 2013. 28 Lester Luborsky/Barton Singer/Lisa Luborsky: „Comparative studies of psychotherapies: Is it true that ‚everyone has won and all must have prizes’?“, Archives of General Psychiatry 32 (8) 1975, S. 995-1008; siehe auch J. Siev u.a.: (2009): “The Dodo Bird, Treatment Tech­nique, and Disseminating Empi­rically Supported Treatments”, The Be­ha­vior Therapist 32 (4) 2009. Zur seit Jahr­zehnten andauernden Kontroverse über das „Dodo Bird-Verdikt“ s. Bruce E. Wampold/Gregory W. Mondin u.a.: “A meta-analysis of outcome studies comparing bona fide psychotherapies: Empiricially, ‘all must have prizes’", Psychological Bulletin 122 (3) 1997, S. 203-215; Larry E. Beutler: “The dodo bird is extinct”, Clinical Psychology: Science & Practice 9 (1) 2002, S. 30-34.) Im Gegen­satz dazu scheinen ein paar wenige Studien darauf hinzudeuten, dass kognitive Verhaltenstherapie bei einzelnen Diagnosen tiefenpsychologischen An­sät­zen überlegen sind; diese ver­meint­lichen Unterschiede verschwinden aber fast gänzlich, wenn die theoretische Aus­richtung der Forscher („allegiance“) berücksichtigt wird. - Auch wurde bislang nur ein kleiner Teil der vielen hundert verschiedenen psy­chotherapeu­tischen Verfahren miteinander empirisch verglichen; es gibt aber keinen Grund zum Zweifel daran, dass deren Ergebnisse auf andere Me­tho­den übertragbar sind. 29 K. Grawe/F. Caspar/H. Ambühl: „Die Berner Therapievergleichsstudie: Wirkungsvergleich und differentielle In­dikation“, Zeitschrift für Klinische Psy­chologie 19/1990, S. 338-361; K. Grawe: „“Psychotherapieforschung zu Beginn der neunziger Jahre“, Psychologische Rundschau 43/1992, S. 132-162, dort ib. S. 148-150. 30 Lucy Johnstone in einem Zeitungs­interview, s. J. Doward: „Psychiatrists under fire in mental health battle“, The Guardian, 11. Mai 2013. 31 So der österreichische Mediziner Klaus Paulitsch in seinem Lehrbuch Grundlagen der ICD-10-Diagnostik, Wien 2009, Backcover-Text. 32 Die wichtigsten Aspekte haben drei amerikanische Professoren, Stuart Kirk, Tomi Gomory und David Cohen zu­sam­mengetragen in S. Kirk u.a.: Mad Science: Psychiatric Coercion, Diagnosis, and Drugs, Piscataway, N. J. 2013. 33 J. Strauss: ”Do psychiatric patients fit their diagnosis?”, Journal of Nervous and Mental Disease 167/1979, S. 105-113. 34 I. A. Cook: „Biomarkers in Psychia­try: Potentials, Pitfalls, and Pragma­tics“, Primary Psychiatry 15 (3) 2008, S. 54-59. 35 Ihr Erfinder, der US-Psychiater Michael Linden, beschreibt die PTED in “Die posttraumatische Verbitterungs­stö­rung (PTED)“, Der Nervenarzt 75/ 2004, S. 51-57. 36 Deutsche Gesellschaft für Psy­chiatrie, Psychotherapie und Nerven­heilkunde: „Das Dorian-Gray-Syn­drom“, Presse-Info Psychiatrie und Psy­cho­the­ra­pie, März 2002. 37 Klaus Wahle (Hrsg.): Deutschlands neue Männerkrankheit: „Käfig-Tiger-Syn­drom“, Münster 2003. 38 Nachzuschlagen bei Elmar Bräh­ler/Hans-Wolfgang Hoefert (Hrsg.): Lexikon der modernen Krankheiten, Berlin 2015. 39 Siehe z. B. Monika Gruhl: Resilienz – Die Strategie der Stehaufmännchen. Krisen meistern mit innerer Widerstandskraft, Freiburg i. Br. 2008. Der Spiegel-Bestsel­ler von Christina Berndt: Resilienz – Das Geheimnis der psychischen Widerstands­kraft, München 2013, ging nach zwei Jahren bereits in die 13. Auflage. 40 Ulrich Streeck: „Die generalisierte Heiterkeitsstörung“, Forum der Psycho­ana­lyse 16/2000, S. 116-122. 41 Hans Brügelmann: „’KUSS’ – fast jedes Kind ist betroffen!“, Theorie und Praxis der Sozialpädagogik 1/2004, S. 56. 42 Jordan Smoller: „The Etiology and Treatment of Childhood“, Journal of Polymorphous Perversity, undatiert. Weitere satirische Köstlichkeiten aus sei­ner fiktiven „Zeitschrift für Poly­morphe Perversität“ hat Smoller, US-Psychiater an der Harvard-Universität, zusammengestellt in Oral Sadism and the Vegetarian Personality: Reading from the Journal of Polymorphous Perversity (1987) sowie The Primal Whimper: More Readings from the Journal of Polymorphous Perversity (1989). 43 Für die Transsexualität nachzuschlagen unter F64.0 der ICD-10. 44 Jörg Blech: Die Krankheitserfinder – Wie wir zu Patienten gemacht werden, Frankfurt a. M. 2003. 45 In seinem Buch Irre! – Wir behandeln die Falschen: Unser Problem sind die Nor­malen, Gütersloh 2011. 46 Zit. nach Der Spiegel 4/2013: „Wahnsinn wird normal“. 47 Zit. in Zeit Online, 7. Mai 2013: „Heute noch normal, morgen schon verrückt.“ 48 In einer Presseinformation der DGPPN vom 15. April 2013: „Psychi­sche Erkrankungen: sorgsame Diagno­stik notwendig“. 49 X A. Frances/B. Schaden: Normal - Gegen die Inflation psychiatrischer Diagnosen, Köln 2013. 50 Thomas Insel: „Director’s Blog: Transforming Diagnosis“, 29. April 2013, online abrufbar bei www.nimh. nih.gov/about/director/2013/transforming-diagnosis.shtml 51 “Position Statement on the Classi­fication of Behaviour and Experience in Relation to Functional Psychiatric Diagnoses - Time for a Paradigm Shift”, online abzurufen bei https://www. madinamerica.com/wp-content/uploads/2013/05/DCP-Position-State­ment-on-Classification.pdf 52 Siehe hierzu zusammenfassend J. Davies: Cracked. Why Psychiatry Is Doing More Harm Than Good, London 2013; S. A. Kirk u.a.: Mad Science: Psychiatric Co­er­ci­on, Diagnosis, and Drugs, Piscataway, N. J. 2013. 53 Jay Joseph: „The ‚Missing Heritabili­ty’ of Psychiatric Disorders: Elusive Ge­nes or Non-Existent Genes?”, Applied Developmental Science 16/2012, S. 65-83; ders.: "’Schizophrenia’ and heredity. Why the emperor still has no genes”, in: J. Read/J. Dillon, J. (Hrsg.): Models of Mad­ness: Psychological, Social, and Biolo­gi­cal Approaches to Madness, London 2013. 54 S. Borgwardt u.a.: „Why are psychiatric imaging methods clinically unreliable? Conclusions and practical guidelines for authors, editors and reviewers”, Behavioral and Brain Functions 8/2012, S. 46. 55 W. R. Uttal: Mind and Brain. A Critical Appraisal of Cognitive Neuroscience, Cam­brid­ge 2011. 56 P. Goetzsche: Deadly Medicines and Organised Crime: How Big Pharma has Corrupted Healthcare, Kapitel “The chemical imbalance hoax", London 2013. 57 H. C. Fibiger: “Psychiatry, The Phar­ma­ceutical Industry, and The Road to Better Therapeutics”, Schizophrenia Bulletin 38 (4) 2012, S. 649–650. 58 Dass die sechs meistverkauften Anti­depressiva eine Depression nicht signifikant stärker bessern als Placebos, zeigt eine Metaanalyse von 38 Studien mit zu­sammengerechnet rund 7000 Patien­ten. Kirsch u.a.: „The Emperors´ New Drugs“, Prevention & Treatment 5/2002. 59 Nach Gerd Laux/Otto Dietmaier: Psychopharmaka, 8. Aufl. Heidelberg 2009, S. 5 f.; Techniker Krankenkasse, unikosmos.de. 60 Zit. in Yahoo Nachrichten, 20. März 2013: „Milliardengeschäft Antidepres­siva: Glückspillen mit tödlichen Neben­wirkungen“. 61 Zitiert von dem investigativen Journalisten Jon Rappoport, dem der PR-Profi unter dem Decknamen „Ellis Medavoy“ 2006 ein Interview gab; http://nomorefakenews.com.

  • Letztes Geleit – Heil werden im Angesicht des Todes

    Wie geht meine Stiftung Auswege mit Patienten um, deren Erkrankung unerbittlich fortschreitet, aus ärztlicher Sicht dem sicheren Ende entgegen? Retten wir sie? Verschaffen wir ihnen zumindest einen Zeitgewinn? Gelingt es uns, ihnen die Angst vor dem Tod zu nehmen? Natürlich hoffte Alexander noch, als er im Ok­tober 2012 in ein „Aus­wege“-Camp im Schwarz­wald kam. Da­bei war die Krebserkran­kung, die bei dem 42-jährigen Ar­chitekten schon ein Jahr­zehnt zuvor ausgebrochen war, inzwischen weit fortgeschritten. Der linke Unter­schen­kel hatte ihm bereits am­putiert werden müssen. 2008 wurden in beiden Lungen Meta­stasen festgestellt, die er weder operieren noch bestrahlen noch chemotherapieren ließ; er hatte sich auf einen spirituellen Weg begeben, der ihn zu alternativen Heilweisen führ­te – und da­mit hatte er die bös­artigen Wucherungen er­staunlich lan­ge in Schach ge­halten. Doch seit Frühjahr 2012 quälten ihn un­entwegt heftige Rückenschmer­zen. Er ahnte, dass sie von Metastasen herrührten – und der Tod näherrückt. Mit Erkrankungen, die Medi­ziner „letal“ nennen (lat. letum: Tod, letalis: tödlich), bekommen wir in den „Auswege“-Camps nur selten zu tun; unter drei Prozent der Teilnehmer bringen sie zu uns mit. Neben Fällen von Krebs zählen dazu vor allem die Amyotrophe Lateral­sklerose (ALS), die ihr promintestes Opfer, der Physiker Ste­phen Hawking, ins öffentliche Bewusstsein rückte, und andere Motoneuronen-Erkran­kun­gen, bei denen Nerven und ihre Verbindungen zu Muskeln schrittweise vollständig zerstört werden. Erfasst dieser Zer­fall am stärksten die Atem­muskulatur, ersticken die Be­troffenen; betrifft er vor allem das Herz, bleibt es irgendwann stehen. Was können wir für Betroffene tun? Sie von ihrer Sterblichkeit zu erlösen, schaffen auch wir beim besten Willen nicht. Fast im­mer gelingt es uns aber, das Fortschrei­ten ihrer Erkrankung zu verlangsamen, wo­­mit wir ihnen einen Zeitgewinn ver­schaf­fen; Schmerzen und andere Begleitsym­ptome lassen bei uns nach; medikamentöse The­ra­pien werden be­sser vertragen, Nebenwir­kungen fallen geringer aus; selbst in fortgeschrittensten Sta­dien und „infauster“, absehbar hoff­nungs­loser Arztprognose verbessern sich in unserer Obhut All­gemeinbefinden und Le­bens­qualität deutlich. Bei Ale­xander beobachteten wir das ebenso wie vier Jahre zuvor bei der vierjährigen Ida, bei der ein Rhabdomyosarkom am Gal­lenausgang festgestellt worden war: eine bösartige Ge­schwulst, die von der Skelett­mus­ku­latur ausgeht und bei dem tapferen kleinen Mädchen inzwischen in Leber und Kno­chen metastasiert war; ebenso bei Ruth, einer 59jährigen Bank­kauffrau, bei der Ende 2003 ein Plas­mozytom entdeckt wurde: eine bösartige Tumorer­krankung aus der Gruppe der Non-Hodg­kin-Lymphome. Oder bei Hildegard* (66): Nachdem sich 1991 in ihrer rechten Brust ein Karzinom gebildet hatte, das operiert und bestrahlt worden war, schien der Krebs besiegt; doch im Ja­nuar 2013 wurden Metasta­sen in Knochen, Lunge und Haut festgestellt. Nach über einem Dut­zend Therapiesit­zun­gen und Beratungsgesprä­chen wäh­rend eines „Aus­wege“-Camps im Mai 2014, ein­schließlich Akupunktur, Lichttherapie und Geistigem Heilen, ließen ihre chronischen Schmerzen so weit nach, dass sie Analgetika niedriger dosieren und besser schlafen konnte. Ferner besserten sich bei ihr: eine Migräne, an der sie seit ihrer Jugend litt; Rückenbe­schwer­den seit siebzehn Jahren, verursacht durch ein Hals- und Lendenwirbel­syndrom; Schmer­zen im rechten Arm seit einem Sturz im Sommer 2012 und anschließender missglückter OP. Doch was wurde aus ihrem Krebs? Ein halbes Jahr spä­ter, im Dezem­ber 2014, ergab eine Kontroll­untersu­chung beim Radiolo­gen: weniger und kleinere Meta­stasen, kein neuer Befall, weniger Was­ser in der Lunge. „Diese tollen Ergebnisse“, so schrieb Hilde­gard uns kurz da­rauf, führe sie auf zwei Fak­toren zurück: zum einen auf die Selbstbehandlung mit Präpa­raten, die der „Übersäuerung“ des Organismus entgegenwirken – diese waren ihr im Camp von einer Heilprakti­kerin empfohlen worden -, zum anderen auf die dort erhaltenen Denk­anstöße, die ihr „die Augen ge­öffnet haben: Meine Krankheit ist ein Zeichen – es macht mich darauf aufmerksam, dass ich meiner Seele zuviel zumute. Ich muss mehr auf mein ‚Inneres’ hören und viel mehr für mich da sein statt nur für Andere. Mir wurden Wege gezeigt, mit meinen ‚Altlasten’ fertig zu werden und diese über Bord zu werfen. Gefahr erkannt – Gefahr gebannt.“ Auch Joachim* profitierte, ein 50jähriger Versicherungskauf­mann mit ALS, der sich uns, wie Alexander und Ruth, im Oktober-Camp 2012 anvertraut hatte: Lähmungserscheinungen in Gliedmaßen ließen zeitweilig etwas nach; auf die Heilsitzun­gen reagierten sie mit deutlichen Bewegungen und heftigen Zuckungen. Schon am ersten Behandlungstag hatte Joachim nach eigenen An­gaben „im tauben Arm erstmals wieder Gefühl“, er empfand darin starke Wärme und einen regelrechten „Muskelka­ter“; gegen Campende spürte er seinen Arm wieder voll und ganz und war imstande, ihn selbstständig zu halten. Voll neuer Zuversicht verließ er uns: „Ich habe mich hier einfach gut gefühlt. Neue Wege! Neue Ziele! Neue Welt!“ Auch Alexander sprach am Ende von einem „unermesslich großen Erkenntnisgewinn“, nach täglich vier Heilsitzungen hatten seine Schmerzen zeitweilig nachgelassen. Aber wie kommen wir jener Belastung bei, die viele Betrof­fene weitaus stärker quält als die Erkrankung selbst: ihrer Angst vor dem nahen Tod? Ars moriendi – Die Kunst des Sterbens stirbt aus In den Camps selbst werden wir damit kaum je konfrontiert. Wer schon fest damit rechnet, dass sich die fatalen Prognosen von Schulmedizi­nern unweigerlich bewahrheiten werden, kommt erst gar nicht mehr zu uns. Wer teilnimmt, hofft noch, ist zuversichtlich, glaubt an seine Chan­ce. Aber nicht alle sind innerlich so gefasst wie Alexander und Joachim, die verblüffen­der­­wei­se ausgeglichener, le­bens­froher und dankbarer wirk­ten als die meisten übrigen Campteilnehmer, denen es ge­sundheitlich weitaus besser ging. Denn auch ausgeprägter Optimismus schützt nicht zu­ver­lässig davor, zwischendurch in ein depressives Loch zu fallen, in dem existentielle Angst durchbricht. Oft überkommt sie dann Unvorbereite­t­e, die sich mit dem Tod nicht eher befasst haben als er mit ihnen. Was ihnen abgeht, ist die ars bene moriendi, die Kunst des guten Sterbens. Mit ihr wurden Chri­sten seit dem späten Mit­tel­alter durch vielerlei erbauliche Fibeln vertraut ge­macht. Inzwischen gerät sie mehr und mehr in Vergessenheit. Einst ein soziales Ereignis wie Ge­burt, Taufe oder Hochzeit, hat sich das Le­bensende allmählich aus dem Fokus kultureller Aufmerksam­keit entfernt, es ist zum individuellen Un­glücks­fall geraten. So gründlich verbannt wurde es aus dem Alltag, dass inzwischen viele Erwach­sene noch nie eine Leiche gesehen haben. Der Tod, wenn er sich technisch nicht länger zähmen lässt, wird vorzugsweise verdrängt, versteckt und zur einsamen Privat­sache. Obwohl die Sehnsucht nach menschlicher Nähe kaum je größer ist als am Lebensende, sterben heutzutage 800'000 Deut­sche pro Jahr vornehmlich allein, aus der Geborgenheit der vertrauten Umgebung ausgelagert in Krankenhäuser, Pal­liativsta­tionen, Pflegeheime und Hospi­ze; und wo Ver­storbene einst häuslich aufgebahrt wurden, frei zugänglich für Verwandte, Freunde und Nachbarn, werden sie heute diskret abgeholt, vorzugsweise bei Dunkelheit. Und immer mehr Menschen empfinden den Tod nicht als natürlichen Abschluss, sondern als Ärgernis, als sadistische, geradezu teuflische Frechheit, als größtmögliche Katatrophe, als un­sichtbarer Mörder, der verflucht und verachtet werden muss - ein finaler Schicksals­hieb, der sich rücksichtslos über das Grundrecht auf Selbstbestimmung hinwegsetzt. Sterben wäre für sie ja grundsätzlich okay, aber nur unter Umständen, für die sie sich selbst entschieden haben. „Meine Einstellung zum Tod“, spricht der Regisseur und Schauspieler Woody Allen vielen aus der Seele, „hat sich nie geändert: Ich bin vehement dagegen.“ (1) Falls die Angst dem Sterben gilt, vor allem einem qualvollen Dahinsiechen, können wir Camp­teilnehmer beruhigen, sofern dies nicht schon behandelnden Ärzten gelungen ist: Dank moderner Palliativmedi­zin braucht im 21. Jahrhundert niemand mehr seinem Ende unter entsetzlichen Schmerzen entgegenzugehen. Doch wenn es um den Tod selbst geht: die vollständige physische Vernichtung? Einen geliebten Menschen verlieren Gelegentlich bekommen wir mit Campteilnehmern zu tun, die kürzlich von einer nahestehenden Person Abschied nahmen – dem eigenen Kind, dem Lebensgefährten, dem besten Freund – oder darauf gefasst sein müssen, eine solche bald zu verlieren. In einer derartigen Situation quält Betroffene zweierlei: - Was bedeutet der Tod des Anderen für sie? Er kann sich finanziell auswirken, er kann den Sozialstatus drastisch ändern. Meist überwiegt bei Verlusttrauer aber eine andere Art von Pein: Je emotional be­deutsamer der Tote im Leben von Hinterbliebenen war, desto schwerer fällt es ihnen, sich damit abzufinden und darüber hinwegzukommen; sie fühlen sich einsam, sie klagen über einen Verlust an Sinn, sie leiden an tiefstem psychischen Schmerz. Unsere Hilfe bei der Trauerarbeit kann darin bestehen, ihnen bewusst zu machen, dass es Anderes gibt, wofür es sich zu leben lohnt – wichtige Aufgaben, die sie bereits haben oder künftig übernehmen könnten; dass es mehr als einen Menschen gibt, der es verdient, geliebt zu werden, und erfüllende Liebe schen­­ken kann; dass jeder Abschied die Möglichkeit zum Neubeginn in sich birgt; dass sie selbst es in der Hand haben, ihrer Einsamkeit zu entkommen, statt apathisch in unentwegter Trübsal und Selbst­mit­leid zu verharren. - Was bedeutet der Tod für den Toten selbst? Ist es schlimm für ihn, nicht mehr da zu sein? Viele Hinterbliebene bedauern Verstorbene dafür, dass sie so vieles, was sie erfüllt und glück­lich gemacht hat und an Erfreulichem noch auf sie zugekommen wäre, nun nicht mehr erleben können. Aber wie schreck­lich ist das für den Be­troffenen? Wie wir darauf antworten, hängt davon ab, was uns der eigene Tod bedeutet. Ist es schlimm, nicht mehr da zu sein? Zumeist gelten Todesängste nicht bloß dem eigenen Schick­sal, sondern auch den Folgen für Hinterbliebene. Ein universelles Beruhigungsmittel hiergegen gibt es nicht. Man­cher Verblichene würde staunen, wenn er noch miterleben könnte, wie leicht und rasch sein Verlust zu verkraften war; in anderen Fällen reißt ein Tod bei Anderen Wunden, die nie verheilen. Aber was bedeutet der Tod für uns selbst? Welche Einstellung sollten wir zu ihm haben? Wie sehen wir ihm am besten entgegen: mit Schrecken, mit Sorge, mit Gleichgültigkeit, mit Erleichterung, mit Vorfreude? Das hängt davon ab, was der Tod für uns ist: der Moment, in dem wir den Körper ablegen, um anders weiterzuleben – oder die vollständige und endgültige Auslöschung, ineins mit ihm? Unter unseren Campteilneh­mern, wie innerhalb des Thera­peutenteams, überwiegt ein besonderer Typ von Dua­listen: Sie glauben nicht nur, dass sie zusätzlich zu ihrem Körper etwas besitzen, das sie als „Seele“ oder „Geist“ be­zeich­nen – nennen wir es im Folgen­den zusammenfassend „mental“, nach einem in der philosophischen Psychologie gebräuch­lichen Terminus - , sondern auch, dass dieses Etwas ihr physisches Ende überdauern und fortexistieren kann. Wie kom­men sie darauf? Trost im Glauben „Wer den Tod fürchtet, der liebt Gott nicht“, befand der Kirchenvater Augustinus (354-430 n. Chr.). Also macht Glaube furchtlos? Tatsächlich bringen Patienten mit einem gefestigten religiösen Weltbild Antworten, die ihnen Trost und Hoffnung spenden, bereits zu uns mit, daran können wir anknüpfen. Ängste nimmt ihnen die Vorstellung, ein unsterbliches Etwas in ihnen, das den Wesenskern ihrer Persönlichkeit ausmacht, überdaure irgendwie den Tod des Körpers, verlasse ihn, gehe in eine höhere Seinsform über – sei es der christliche Himmel oder die paradiesische Sphäre einer anderen Glaubensrich­tun­gen -, kehre womöglich irgendwann in einem neuen Körper zurück, entwickle sich jedenfalls zum eigenen Besten weiter, weise geregelt durch ein göttliches Prinzip. Vielen hilft die Vorstellung, im „Jen­seits“ von Engeln und anderen Lichtwesen empfangen und begleitet zu werden – und denen wiederzubegegnen, die ihnen zu Lebzeiten am nächsten standen. (Auf die endlosen, bei Honig, Milch und Wein genossenen Liebesdienste jener 72 schwellbrüstigen Jungfrau­en, zu denen sich dschihadistische Selbstmordattentäter hinüberzubomben trachten, dürften die meisten Campteilneh­mer indes mit Gleichmut verzichten können, zumal die weiblichen.) Die Bilder, mit denen sie ihre Todesfurcht bannen, hat schon der griechische Philosoph Platon (427-347 v. Chr.) in treffende Worte gefasst: „Nach dem Tode geht die Seele, die sich aus dem Leibe zurück­zieht, wenn sie heilig gelebt hat, zu einem Wesen hin, das ihr ähnlich ist, zu einem göttlichen Wesen, das unsterblich und voll Weisheit ist, bei welchem sie sich eines wunderbaren Glückes erfreut, befreit von ihren Irrtümern und ihrer Un­wissenheit und von jeder Ty­ran­nei der Furcht wie der Lie­be, sowie von allen anderen mit der menschlichen Natur verknüpften Übeln. Sie bringt in Wahrheit mit den Göttern die ganze Ewigkeit zu.“ Mein Ende wird mein Anfang sein: Daraus scheint zuverlässig jene zuversichtliche Gelassenheit zu er­wachsen, die Goethe (1749-1832) sich zuschrieb: „Mich lässt der Gedanke an den Tod in völliger Ruhe, denn ich habe die feste Überzeugung, dass unser Geist ein Wesen ist von ganz unzerstörbarer Natur: es ist ein fortwirkendes von Ewig­keit zu Ewigkeit. Es ist der Son­ne ähnlich, die bloß unseren irdi­schen Augen unterzugehen scheint, die aber eigentlich nie untergeht, sondern unaufhörlich fortleuchtet.“ Doch auch wenn tiefer Glaube im allgemeinen unerschütterlicher ist als bestbestätigtes Wissen, immunisiert er nicht gegen jegliche Unsicherheiten, Zweifel und Befürchtungen. Wird alles genau so sein, wie ein gläubiges Elternhaus, der ört­liche Pfarrer, der Religions­lehrer versicherten; wie Kir­che­n­obere, heilige Schriften und religiöse Kunst es ausmalen? Alles Neue ist unheimlich. Wie habe ich mir ein immaterielles Sein vorzustellen? Was werde ich sein, so ganz ohne meinen Körper? Wie ist es, körperlos fortzubestehen - wie fühlt sich das an, sofern ich dann überhaupt noch fühle? Wie sehe ich ohne Augen, höre ohne Ohren, verständige mich ohne Sprech­organe, handle ohne Glied­maßen? Was erwartet mich „drüben“? Wird mir ein verheißener ewiger Müßig­gang, eine fortwährende Be­trach­tung und Lobpreisung des Allerhöchsten, endlose Har­mon­ie auf die Dauer zusagen? Wie und wo existiere ich dort? Gemeinsam mit wem? Was neh­me ich von alledem mit, was ich mir als wesentlich zu­schreibe: Erinnerungen? (Nur an mich?) Fähigkeiten? (Kann der Schriftsteller weiterschreiben, der Künstler malen? Falls nicht, wäre das für sie nicht eine alles andere als himm­lische Höchststrafe?) ­Fä­hig­kei­ten? Charakterzüge? Selbstb­ewusstsein? Ängste und Sehnsüchte? Werde ich noch wahrnehmen, empfinden, denken, wollen können? Werde ich anderen Wesen be­gegnen? Unter welchen Um­ständen? Werden solche Be­geg­nungen immer angenehm sein? Wie kommen sie zustande, wie entwickeln sie sich? Oder geht ihnen jegliche Bezie­hungsdynamik ab, und wie spannend fände ich das? Wer­de ich all jene treffen, die ich geschätzt und geliebt habe - und nur sie, oder auch solche, denen ich hier mit Gleich­gültigkeit, Verachtung, Furcht und Hass begegnet bin? Was werde ich dann überhaupt noch tun, auf welche Ziele hin? Oder bin ich einfach nur, und wie wäre das für mich? Wenn hüben die Wirklichkeit Gottes mit so viel Schlimmem vereinbar ist – woher soll ich wissen, ob drüben seine Allmacht, All­wissen­heit und All-Liebe deutlicher zum Vorschein kommt? Wenn hüben, wie Theologen versichern, alles Übel bloß vom Gottesgeschenk des freien Willens herrührt – ist es drüben dann vorbei mit meiner Wil­lensfreiheit? Wie wäre es für mich, nichts mehr wollen zu können? Sind unterschiedliche körperlose Seinsweisen möglich, vorübergehend oder gar für immer, und wenn das so ist, habe ich Einfluss darauf, in welche ich hinüberwechseln werde? Kann ich sicher sein, überhaupt dorthin zu gelangen – oder blüht mir, zeitweilig oder auf ewig, ein Horrorsze­na­rio jener Art, wie es christliche Kirchen als „Hölle“ und „Fegefeuer“ an die Wand ge­malt haben? Werde ich für Mis­se­taten büßen müssen? Wovon hängt das ab, wer oder was entscheidet darüber? Worin könnte die Strafe bestehen? Ange­nom­men, dereinst findet die verheißene leibliche „Auferste­hung“ statt (2): Welche Rolle spielt dabei mein begrabener Leichnam, der bis dahin längst verwest ist? Oder gesetzt der Fall, ich werde wiedergeboren: Beschert mir das üble Karma, das ich mir in einem eher schweinischen Vorleben aufgehalst haben könnte, womöglich eine Reinkarnation als Schwein, wie Hindus keineswegs ausschließen wollen? Was kann, was muss ich hier, zu Lebzei­ten, dafür tun, was unterlassen? Ist es nicht sonderbar, dass der Glaube an ein Weiterleben nach dem Tod stets mit der Überzeugung einhergeht, zumindest für den Rechtschaffenen und Gottesfürchtigen sei im “Jen­seits” alles friedlicher, sicherer, schöner, edler, glücklicher, gerechter, geordneter, jedenfalls viel, viel besser, und das auf sehr lange Zeit, wenn nicht gar ewig? Je eingehender wir uns eine „jenseitige“ Zukunft als pure Geistseele auszumalen versuchen, desto mulmiger wird uns zumute. Im übrigen muss Körperlosig­keit nicht mit Unvergänglich­keit einhergehen. Könnte es nicht sein, dass jene mysteriösen Etwasse, die toten Leibern entschweben, als Energiewölk­chen eine Weile durch die Weiten des Kosmos wabern, ehe sie von ungeahnten Natur­kräften verweht, bis zur Un­kenntlichkeit zerfetzt oder miteinander verschmolzen werden? Erfüllt sich die Sehnsucht des Feuers, niemals auszugehen, im Schicksal des Rauchs, der ihm entsteigt? Von derlei Unwägbarkeiten ver­unsichert, wäre unsereins dankbar für erhellenden theologischen Rat. Doch im angestrengten Bemühen, ihre Ver­heißungen mit naturwissenschaftlichem Erkenntnisfort­schritt kompatibel zu machen, haben viele Religionen inzwischen ursprüngliche Überzeugungen uminterpretiert, jahrhundertealte Positionen ge­räumt, Tatsachenbehaup­tun­gen zu Sinnbildern erklärt – und dabei eine für Laien kaum noch überschaubare Vielfalt von Denkrichtungen hervorgebracht, die in wichtigen Punk­ten zu krass gegenläufigen Sichtweisen führen - und bei vielen Gläubigen dadurch mehr Fragen aufwerfen, als sie beantworten. Jahrtausende­lang konnten sich Christen das Paradies mühelos als unvergleichlich schöne Landschaft ausmalen, in der sie eine „grü­ne Aue“ mit „frischem Was­ser“ vorfinden werden (3), ein gläsernes Meer, das wie Kri­stall schimmert (4), und eine heilige Stadt aus reinem Gold, das „neue Jerusalem“, mit Mauern aus Edelsteinen, Toren aus Perlen und einem Baum, der jeden Monat seine Frucht wechselt (5). Nunmehr sollen sie auf einen nebulösen „zeitlosen“ Zustand gefasst sein, „in dem uns das Ganze umfängt und wir das Ganze umfangen“ (6). Einst galt das „Fegefeuer“ als ein sinnliche Qualen bereitender Ort der Reinigung und Läu­terung, in dem jede Men­schen­seele nach dem Tod Zwi­schenstation macht, sofern sie nicht als heilig unmittelbar in den Himmel aufgenommen wird; nun soll es sich um etwas Psychointernes handeln, einen „von innen her notwendigen Prozess der Umwandlung des Menschen, in dem er christusfähig, gottfähig und so fähig zur Einheit mit der ganzen Com­munio sanctorum wird.“ (7) Einst war die Hölle ein vom Teufel und Dämonen regiertes, äußerste Schmerzen bereitendes pyrotechnisches Inferno – neuerdings wird sie zum Ab­straktum, welche sich durch „Ferne von Gott“ umschreiben lasse, „die Situation, in der sich jener wiederfinden wird, der sich freiwillig und endgültig von Gott, Quelle des Lebens und der Freude, entfernt“ (8), zum „Moment der Begegnung eines sterbenden, unvollkommenen Menschen mit dem heiligen, unendlichen, liebevollen Gott“, die „zutiefst beschämend, schmerzhaft und deswegen reinigend“ sei (9). Vol­lends ratlos macht die meisten Gläubigen die „Ganztod-Theo­rie“, die seit dem vorigen Jahr­hundert vor allem von protestantischen Theologen vertreten wird (10): Ihr zufolge wird im Tod der ganze Mensch ausgelöscht, Leib samt Seele; bei der Auferstehung wird er als Gan­zes neu erschaffen. Die Tren­nung von Physis und Psyche, so erfährt der staunende Kirch­gänger, wurzle eher in bibelfernen Konzepten griechischer Philosophen wie Platon als im Alten und Neuen Testament; dort sei keineswegs die Un­sterb­lichkeit der Seele verheißen, sondern lediglich eine Auferstehung; und wäre diese nicht überflüssig, wenn die Seele ihrer eigenen Natur nach fortbestehen würde? Abgese­hen vom Problem der personalen Identität – wie kann einer, den wir heute als vollständig ausgelöschten „Ganztoten“ zu Grabe tragen, ein und derselbe sein wie einer, der in ferner Zukunft „ganz“ zusammengesetzt auftaucht? – verstört bibelfeste Gläubige, dass etliche Stellen der Heiligen Schrift durchaus zwischen Leib und Seele unterscheiden (11), im Ein­klang mit dem, was sie von Eltern, Pfarrern und Lehrern in ihrer Kindheit erzählt bekamen. Und wie hat man sich eine „Auferstehung“ denn vorzustellen? Einst bedeutete sie unmissverständlich, dass verweste Leichen „wiedererweckt“ (12) ihren Gräbern entsteigen, in denen sie lediglich besonders tief „geschlafen“ (13) haben, woraufhin sie mit ihrer leibfreien Seele vereint werden. Der Peinlichkeit ausweichend, an solch märchenhaften Prophezeiungen zwei Jahrtau­sende später immer noch festhalten zu müssen, haben christ­liche Kirchen die Aufer­stehung entkonkretisiert zu einer bloß „metaphorisch“ ge­meinten „Verwandlung zu ei­nem neuen, unvergänglichen Leben“. (14) Aber was verwandelt sich da eigentlich? Wie? Durch Psalmengesang, Lesung und Gebet? In was? Noch das Beste, was sich zugunsten dieser Deu­tung vorbringen lässt, ist der Um­stand, dass alternative Theo­­logien ebensowenig einleuchten. So meinen manche jüdischen Schriftgelehrten zu wissen, dass im Tod die un­sterbliche Seele, „unbefleckt“ durch ihr irdisches Dasein, unabhängig vom Körper wei­terlebt und wieder „rein“ zu Gott zurückkehrt. (15) Wer oder was ist dann der Träger all ihrer diesseitigen „Flecken“, was wird aus ihm, und was hat die weißwestige Seele mit ihm zu schaffen? Bin ich er oder sie? Die Allegorisierung ursprünglicher Glaubensinhalte, das Abrücken von traditionellen Stand­punkten, das Ersetzen von eindeutigen Bildern durch Uneigentliches, die spitzfindigen Verrenkungen unter dem Erkenntnisdruck der modernen Wissenschaft, die Flucht ins Abstrakte haben viele Gläubige eher befremdet als erhellt: Einst war Christen chronisch angst und bange, zumindest wussten sie aber, wo sie dran waren. Und diese Irritation bringen manche von ihnen in unsere Therapiecamps mit. Bietet die Aussicht auf ein Weiterleben nach dem Tode nicht derart reichlich Anlass zu Verunsiche­rung, Sorge und bangem Er­warten, dass die wahre Gnade Gottes darin bestünde, es uns zu ersparen? Erbauliches aus Parawissenschaften? Theologische Unterweisungen sind in „Auswege“-Camps nicht vorgesehen. Aber was sonst haben wir dort zu bieten? Halten wir uns strikt an das, was Neurologen inzwischen über den Zusammenhang von Psyche und Physis herausgefunden haben, scheint nullkommanichts an dem Schluss vorbeizuführen: Kein Geist, keine Seele ohne Gehirn. Werden bestimmte Teile unseres Gehirns verletzt, dann setzen entsprechende Wahrneh­mungs-, Gedächtnis- und Denk­­vermögen aus, verschwinden Charakterzüge. Werden sie elektrisch gereizt, erzeugt dies künstlich gewisse Antriebe, Ge­fühle, Stimmun­gen, Ein­drücke, Erinnerungen. Entwickeln sie sich gar nicht erst - wie bei gewissen genetischen Defekten - oder degenerieren, wie bei Alz­heimer und anderen For­men von Demenz, kommen sie bei Betroffenen nicht (mehr) zum Vorschein. Wird die Sauer­stoffzufuhr zum Gehirn nur kurz unterbunden, so treten ir­reparable Schäden auf, von de­nen offenbar nichts ausgenommen bleibt, was wir einem Menschen an seelischen und gei­stigen Eigenschaften zu­schreiben; wird sie ganz unterbrochen, so stirbt das Gehirn – und mit ihm anscheinend alles, was eine Person ausmacht. Be­weist all dies nicht: Bewusst­sein ist untrennbar mit Hirn­tätigkeit verbunden – und er­lischt mit dieser? (16) All diese Befunde bestätigen indes nur, dass unser Ich vor unserem Tod aufs innigste mit einem funktionierenden Ner­ven­system verbunden ist. Ist völ­lig auszuschließen, dass sich daran nachtodlich etwas Grund­­legendes ändert? Könnte es nicht sein, dass es irgendein physikalisches Etwas gibt, auf welches das Ich überwechselt, wenn sein Leib stirbt? Oder vielleicht ist dieses Etwas schon zu Lebzeiten des Körpers der eigentliche Träger des Ich – bloß zeitweilig korreliert mit neuronalen Vorgängen? Undenkbar wäre das nur, wenn als materielles Substrat des Geistes ausschließlich das menschliche Gehirn in Frage käme. Doch könnte sich das Ich zu seinem Nervensystem nicht ähnlich verhalten wie die Software eines Computers zu seiner Hardware? (17) Das physikalische Substrat von Compu­ter­funktionen besteht bis heute aus Siliziumchips. Doch längst arbeiten Informatiker an weitaus schnelleren, leichteren, kleineren, zuverlässigeren, robusteren Datenträgern neuer Art: an Rechnern aus photochromen Molekülen, die tausende Male flinker schalten, wenn UV-Licht darauf fällt; aus „Wetware“ wie der Erbsub­stanz DNA, Enzymen, Bacte­riorhodopsin – einem natürlichen Farbstoff, der an der pflanzlichen Photosynthese beteiligt ist - und anderen Bio­molekülen; aus Escherichia-coli-Bakterien; an „Neuro-Computern“, für die lebende Nervenzellen verwendet werden; an „optischen Compu­tern“, in denen Photonen die Rolle der Informationsträger übernehmen, Lichtleiter Tran­sistoren und Leiterbahnen er­setzen; mit dem nur eine Atomlage dünnen Werkstoff Graphen; mit „Ionenfallen“, die durch elektrische Felder geladene Atome festhalten und isolieren, so dass sie als Träger von „Qubits“ (Quanten­bytes) fungieren können, mit Laserpulsen beschrieben und ausgelesen werden können – und so zu Quantenrechnern werden. Computer könnten also ein anderes Substrat erhalten, und sie werden es in Kürze; warum nicht auch der menschliche Geist? Was käme als postmortaler „Ich“-Träger in Betracht? Han­delt es sich um jenen „Astralkörper“ bzw. „Ätherleib“, den Sensitive außersinnlich wahrzunehmen behaupten, einschließlich mancher Heiler in unseren Camps? Auf den physischen Leib zielt deren Bemühen im allgemeinen eher indirekt: Was sie zu „sehen“ und zu beeinflussen meinen, sind ihres Erachtens eher „feinstoffliche“ Aspekte eines oder mehrerer „Energie­kör­per“. Selbst wenn dies ein ge­eigneter Kandidat dafür wäre, wüssten wir allerdings noch nichts über seine Le­bensdauer. Vielleicht verflüchtigt sich ein solcher „Ätherleib“ nachtodlich ähnlich rasch wie eine Rauchwolke, nachdem sie dem Schornstein entstiegen ist. Und selbst wenn er persistiert, bliebe offen, ob seine Beschaffen­heit ihn überhaupt dazu geeignet macht, in paradiesischen Sphären oder neue Leiber überzuwechseln. Was auch im­mer wir hierüber glauben mö­gen: Wir begeben uns zurück ins Religiöse. Welche Veranlassung hätten wir überhaupt, einen unphysiologischen Zweitträger mentaler Vorgänge zur Fahndung auszuschreiben? In unseren Camps erfahren Patienten von empirischen Befunden, die ihre dualistischen Überzeugungen an­scheinend untermauern und konkretisieren. Dankbar angenommen werden solche Hin­weise von Teilnehmern, die re­li­giösen Versicherungen allein nicht recht trauen mögen. Was Parapsychologen seit über einem Jahrhundert an rätselhaften Vorkommnissen beobachtet und dokumentiert haben, gilt zusammengenommen als starkes Indiz dafür, dass Menschen ihr physisches Ende überdauern, in einer Weise, die eher Zuversicht und Vorfreude zu begründen scheint als Bangen und Verzagen: von außerkörperlichen Erfahrungen und Nahtodeserlebnissen über Me­diumismus, Materialisationen, geisterhaften Erscheinungen und Spuk, instrumentelle Trans­kommunikation (ITK) - anscheinende Lebenszeichen von Verstorbenen auf Ton­bändern, Monitoren, Anrufbe­ant­wortern und anderen technischen Geräten - bis hin zu überprüften und bestätigten Erinnerungen an frühere Le­ben. (18) Zwar lässt sich keines dieser Phänomene nach naturwissenschaftlichen Standards absichern, weil sie flüchtig und unberechenbar, weder experimentell reproduzierbar noch sonstwie intersubjektiv nachprüfbar sind. Doch neben un­zähligen Pseudo“beweisen“, die auf esoterischem Wunsch­denken, Wichtigtuerei und dreisten Tricks und Lügen, Wahrnehmungstäuschungen und Halluzinationen beruhen könnten, bleibt ein harter Kern von Fakten, die so vorbildlich dokumentiert worden sind, dass Restzweifel zweifelhaft werden. Zusammengenom­men schenken sie Todesängst­lichen reichlich Grund für Zuversicht, so scheint es – zumal schon eine einzige un­bestreitbare Evidenz ausreichen würde, sie zu rechtfertigen, unabhängig von der Glaubhaftigkeit des ganzen Rests. Eine Analogie: Sprechen die Abertausende von kolportierten Ufo-Sichtungen, Begeg­nungen mit Aliens und Ent­führungen in deren Raum­schiffe wirklich für Besucher aus dem All? Alles zähe, mühselige Recherchieren in jedem einzelnen Fall, jegliches aufwändige Ausschließen alternativer Erklärungsmöglichkeiten würde sich mit einem Schlag erübrigen, sobald sich ETs endlich dazu entschließen könnten, auch den hartgesottensten terrestrischen Skeptikern endlich einen zweifelsfreien Beweis ihrer Existenz abzuliefern, wenigstens einen – etwa indem sie sich während einer live über­tragenen Bundestagsde­batte ans Rednerpult oder während der „Tagesschau“ auf den Platz des Nachrichtensprechers beamen. Ein einziger unstrittiger, wasserdichter Fall würde schon genügen, in der Ufologie wie überhaupt im Bereich des Paranormalen. Vielleicht gab es solche unzweifelhaften Fälle schon längst zu­hauf, werden aber verheimlicht oder von jenen akademischen Fachkreisen, deren Ex­pertise über den Realitätsstatus eines Phänomens entscheidet, zu Un­recht ignoriert oder fehlinterpretiert. Vielleicht gibt es bisher keinen einzigen derartigen Fall, und alle gegenteiligen Behaup­tungen beruhen samt und son­ders auf Sinnestäu­schungen, Halluzinationen, dreisten Lü­gen, Gerüchten oder durchaus diesseitigen, physikalischen Ur­sachen. Im zweiten Fall kä­me uns, sofern wir keiner Reli­gion vertrauen, eines der wichtigsten verbleibenden Argu­mente für ein Weiterleben nach dem Tode abhanden. Im ersten Fall lautet die entscheidende Frage: Folgt aus der Realität von Psi-Phänomenen tatsächlich, dass es eine vom Körper unabhängige, ihn überdauernde Seele gibt? Der Schluss mutet plausibel an, logisch zwingend ist er aber mitnichten, nicht einmal innerhalb eines esoterischen Welt­bilds. Ein böser Geist, Dämo­nen oder Satan persönlich könn­ten uns all diese Phäno­mene vorgaukeln; vielleicht tun es auch Außerirdische, im Rahmen eines globalen Feld­versuchs mit einer fremden Spezies - abwegige Vermutun­gen, aber nicht mit absoluter Gewissheit auszuschließen. Mit Quantenphysik zu Gott und Seele? Den meisten Physikern kommen Psi-Phänomene ungefähr so real vor wie die Blaue Fee, das Krümelmonster und die Sieben Zwerge. Nur wenige nehmen zumindest ein Mikrogramm davon ernst und sehen Erklä­rungsbedarf. Eine kleine, aber wachsende Zahl von Wissenschaftlern, echter wie sogenannter, fühlt sich hingegen zum Dualismus hingezogen. Die meisten berufen sich dabei neuerdings auf die Quantenmechanik, vornehmlich auf das bizarre Phänomen der „Verschränkung“: Zwei Teilchen, die einer gemeinsamen Quelle entstammen, bleiben verbunden; unabhängig davon, wie weit sie voneinander entfernt sind, benehmen sich wie telepathisch begabte Zwillinge: Sie ändern ihre Eigenschaften synchron, ob­wohl keinerlei kausale Ver­bin­dung zwischen ihnen besteht – so als gäbe es zwischen ihnen eine „spukhafte Fernwirkung“, wie Einstein sie nannte. Diese mysteriöse Geselligkeit und weitere Kapriolen der Quan­ten­welt, so wird versichert, deuten auf ein zugrunde liegendes, alles ordnendes „Feld“ außerhalb von Raum und Zeit hin, in dem Energie und Mate­rie zu Erscheinungsfor­men eines universellen Geistes werden, an dem der unsrige teilhat – zu Lebzeiten, möglicherweise aber auch nachtodlich. Bekann­tester deutscher Verfechter dieses Standpunkts, dem der öster­reichische Physi­ker Fritjof Capra 1977 mit seinem Best­seller Das Tao der Physik zu enor­mer Popularität verhalf (19), war der im Mai 2014 verstorbene Hans-Peter Duerr, 19 Jahre lang Lei­ter des Münchner Max-Planck-Insti­tuts für Physik: Ihm zufolge be­ein­flussen sich Quanten seit dem Ur­­knall im gesamten Uni­versum wechselseitig, und weil auch wir letztlich aus ihnen bestehen, nimmt jeder von uns an diesem Dia­log teil. Alles, was ist, werde von einem „Quantencode“ dirigiert, seit je her und bis ans Ende aller Tage. Dass eine Quantenwelt allerdings nicht zwingend unsterbliche Menschenseelen einschließt, erweist sich an der Uneinigkeit der Propagandi­sten in dieser Frage. In manchen Modellen findet Psi durchaus Platz, ohne dadurch auf einen Dualismus festgelegt zu sein. (20) Andere meinen zwar, die Seele sei nicht auf Vorgänge im Gehirn reduzierbar, sondern existiere parallel oder in Interaktion mit diesen, beschränken deren „Unsterb­lichkeit“ aber darauf, dass sie zu Lebzeiten unauslöschliche Spuren im „universellen Feld“ hinterlässt. (21) Mit einem immateriellen Ich, das seinem Leib entschweben kann, können auch sie in der Regel nichts an­fangen. Nur wenige gehen insofern weiter. (22) Als Schnittstelle von Quan­tenwelt, Gehirn und Be­wusstsein macht der englische Mathematiker und Physiker Roger Penrose die Mikrotubuli aus: winzige Proteinröhrchen, die in allen Zellkernen vorkommen, wo sie als „molekulare Com­puter“ fungieren. Laut Pen­rose weisen sie die typische Größenordnung für Quanten­effekte auf. Seines Erachtens kann sich eine gigantische Viel­zahl von Mikrotubuli gleichsam zu einem einzigen selbstinszenierten Quantenzustand „verschränken“, dessen Kol­laps dann als ein „Bing“ registriert wird: ein elementares Ereignis in Gehirnzellen, das, gleichgeschaltet mit vielen derartigen Ereignissen, irgendwie unser bewusstes Handeln steuert. (23) In der Esoterikszene finden solcherlei Konstrukte enormen Anklang. Durch hyperkreative Wortschöpfungen mit der Silbe „Quant“, die Insider ähnlich andächtig erschaudern lässt wie das heilige „OM“-Mantra, vermitteln ihre Printmedien, Websites und Veranstaltungen den Eindruck, in ihr wimmle es von quantenmechanisch Er­leuch­teten, denen glasklar ist, dass „alles Information ist“ und „wir nicht aus fester Materie, sondern aus Energie bestehen“; „alles ist mit allem verbunden“, „das Universum ist Geist“, und „der Geist schafft die Wirk­lich­keit“. Haarsträubende Buch­titel wie „Die geheime Phy­sik des Zu­falls“ (24) und cineastische Mach­werke wie „What the Bleep Do We Know?“ (25) suggerieren, hier werde ein bislang streng gehütetes „Geheimnis“ gelüftet. (Ungelüftet bleibt hingegen das gemeinsame Motiv, das angeblich mystikaffine Quantenfor­scher seit einem Jahrhundert daran hindern soll, mit der ganzen Wahrheit herauszurücken.) Darauf gestützt, werden mysteriöse Produkte und Dienstlei­stun­gen vermarktet, deren im­posante Marken­namen suggerieren, von einem Physik-TÜV abgesegnet worden zu sein. Die Angebots­palette reicht von ein­em „quantenfeldtechnologischen Bio­pol“, einem „Quan­ten­informa­ti­onstransformer“, dem „Raum-Quanten-Motor“, einem Radi­onikgerät mit „High­Tech-Licht­quanten­effekt“ und dem „ky­ber­neti­schen Quanten-Bioreso­nanz­system Ingenium“ über „Quan­ten­hologramme“ und „Quan­ten­mu­sik“ bis zu „Tacho­punk­tur mit überlichtschnellen Tachyonen“, „Quan­tenpositro­ni­scher Informati­ons­medizin“ und „Quanten­heilung“, ja „Quan­ten-Erotik-Heilung“. Bei Urh­ebern, Anwendern und Ab­nehmern solch bombastischen Wortge­klingels, die viel lieber voneinander als aus physikalischen Lehrbüchern abschreiben, handelt es sich in Wahrheit zu schätzungsweise 99 Prozent um physikalische Laien, die sich von wissenschaftsferner Quantenmystik benebeln lassen, in die Welt ge­setzt von gefeierten Leit­figu­ren, deren Begrifflichkeit („Va­ku­umfeld“, „Nullpunkt­ener­gie“, „Omega-Punkt“) und Argumentation sie weder vollauf kapieren noch am tatsächlichen Forschungsstand messen können, denn der ist ihnen so fremd wie der Biene die industrielle Honigproduktion. Bei ihren spekulativen Draht­seilakten kommt esoterischen Nebelwerfern entgegen, dass sich die subatomaren Teilchen, mit denen sich die Quanten­physik befasst, nicht anschaulich darstellen lassen, ihr bisweilen exotisches Ver­halten widerspricht zumeist der All­tagserfahrung und überstrapaziert die Vorstel­lungskraft; manche Größen, wie z.B. der Spin eines Elek­trons, haben keinerlei Entspre­chung in der klassischen Phy­sik. Würde im Berliner Olym­piastadion und der Münchner Allianz-Arena zeitgleich mit zwei identischen, quantenverschränkten Fuß­bäl­len gespielt, so würde die Beob­achtung eines Berliners, dass der Ball einen Rechtsdrall hat, augenblicklich den entsprechenden Effet des Zwillings­balls in München festlegen – wem will das schon in den Kopf? Wer sich keine soliden Grundkennt­nisse in Mathema­tik und Phy­sik angeeignet hat, ist außerstande, tiefer in die Quanten­welt einzudringen; erst recht fehlt ihm jegliches Rüstzeug, mutmaßliche „Wei­ter­entwick­lungen“ der Quan­ten­mechanik daraufhin zu be­urteilen, ob sie widerspruchsfrei sind, Erklärungs­kraft besitzen, für Prognosen taugen – und überhaupt nötig sind. (Wel­che Neurophysio­logen erwägen ernsthaft, quantensensible Mikrotubuli-En­sembles in ihre Standardmo­delle einzubeziehen, solange Nervenzellen, Dendriten, Sy­napsen, Trans­mitter und andere bekanntermaßen an der neuronalen Informationsverar­beitung Be­tei­lig­te vollauf genügen, um zu erklären, was im Gehirn vor sich geht?) Unhin­ter­fragt lassen muss der Laie deshalb, ob die vermeintlichen Koryphäen die quantenphysikalischen Schlüs­selexperi­men­te, von denen sie ausgehen, tatsächlich richtig interpretieren, Fachbegriffe wie „Energie“, „Welle“, „Kraft“, „Schwin­gung“, „Wechselwir­kung“, „Feld“, „Vakuum“ definitionsgemäß verwenden, mathematische Formeln korrekt ableiten, logisch zwingend folgern. Sich ihrem Reiz zu entziehen, fällt einem Nichtphy­siker schwer: Beeindruckt, ja andächtig folgt er ihren fachchinesischen Aus­führungen, bis eher früher als später der Punkt erreicht ist, an dem er nicht mehr folgen kann. Von da an bleibt ihm nichts anderes übrig, entweder das Vorgesetz­te gutgläubig zu schlucken, im Vertrauen auf fremden Sach­verstand – oder sich auszuklinken, im unguten Gefühl, man sträube sich gegen tiefere Einsichten, deren Brillianz man nicht ermessen kann; kaum einer erwägt, sich schleunigst als Gasthörer an der Uni zu immatrikulieren, um ein paar Semester Physik zu studieren, die Vertrauen durch Verstehen ersetzen könnten. Allzuviele folgen lieber bequemerweise der Intuition, bestimmt dächte man wie ein Capra, Laszlo, Duerr, König, Niemz, Tipler, Sarfatti und Penrose, sofern man bloß ebenso viel Ahnung hätte wie sie. Doch diese Form von blinder Gefolgschaft wäre voreilig. Denn gegen die kleine Fraktion von metaphysischen Anders­den­kern steht eine große Mehr­heit von Physikern, die sich eher befremdet bis entsetzt abwenden: keineswegs bloß ignorante, betonköpfige Mate­rialisten, die sich mit Klauen und Zähnen dagegen wehren, dass ihre Festung von einem neuen, revolutionären „Para­digma“ geschleift wird, sondern auch aufgeschlossene Geister, die „Psi“-Phänomene durchaus nicht von vornherein ausschließen. (26) Ihr Urteil über die populäre Quantenesoterik lautet einhellig: Hier werden aus unvollständig und verzerrt dargestellten Forschungsergeb­nissen voreilige Schlüsse gezogen, nicht genehme Fakten ausgeblendet; es werden Begriff­lichkeiten missbraucht, nicht vorhandene Theoriedefizite be­hauptet, überflüssige Pseudo-Erklärungen vorgelegt, irrige und unüberprüfbare Behaup­tungen aufgestellt, elektromagnetische und Materiewellen miteinander verwechselt, von Ge­gebenheiten der Quanten­welt auf das Verhalten makroskopischer Objekte kurzgeschlossen. (27) Geist und Seele wer­den aus Modellen abgeleitet, deren vornehmlicher Da­seinszweck darin zu bestehen scheint, sie ableitbar zu m­achen. (28) Zugunsten entlegener Lieblingshypo­the­sen werden naheliegende Er­klärungen über­sehen: Wenn etwa für den Heidelberger Physiker Markolf Niemz aus dem eigentümlichen „Lichttun­nel“-Erlebnis bei Nahtoderfah­rungen alternativlos folgt, dass die Seele nachtodlich „auf Lichtge­schwin­digkeit beschleunigt“ wird (29), fragt sich mancher Le­ser nicht bloß fassungslos, wo­hin sie sich denn so geschwind aus dem Staub machen muss, schneller als ein geölter Blitz – ist ihr transzendentes Reiseziel denn Lichtjahre entfernt? Ihn irritiert, dass dabei bekannte neurophysiologische Erkennt­nis­se, die weitaus weniger exotische Erklärungen nahelegen, außer acht bleiben: Tunnel­visionen und außerkörperliche Erfahrungen stellen sich auch bei Sauerstoffmangel im Ge­hirn, unter Drogeneinfluss, bei bestimmten Formen von Schi­zophrenie und Epilepsie ein; mittels Elektrostimulation einer bestimmten Hirnregion, des parietalen Kortex, lassen sie sich sogar künstlich auslösen – was darauf hindeutet, dass sie Produkte biochemischer Hirn­vor­gän­ge sind. (30) Weithin verkannt wird, dass die Neigung zur Mystik keineswegs streng proportional zur wissenschaftlichen Brillianz zu­nehmen muss. Vehement angeprangert wird die Quanten­mystik unter anderem von dem US-Physiker Murray Gell-Mann, der 1969 für seine Ent­deckungen zur Klassifizierung der Elementarteilchen und ihre Wechselwirkungen den Nobel­preis für Physik erhielt. Sein Buch Das Quark und der Jaguar (31), darin vor allem das Kapi­tel über „Quantenmecha­nik und unsinnige Behaup­tungen“ mit einem Abschnitt über „Die Verdre­hung der Tat­sachen“, sollte zur Pflichtlektüre für Quan­ten­esoteriker werden, zusammen mit den Quantum Questions (32) des US-amerikanischen Psy­cho­logen, Philoso­phen und Mystikers Ken Wilber, eines Hauptvertreters einer „Trans­per­sonalen“ Psy­cho­logie und Psychotherapie, welche ihre klassischen Vor­gänger um religiöse und spirituelle Erfah­rungen zu erweitern versucht. Eines ahnungslosen Antispiritualismus ist wohl kaum jemand unverdächtiger als er. Um so überraschter dürften Quanteneso­teriker zur Kenntnis nehmen, was er von ihrem Treiben hält: „Aus den letzten dreißig Jah­ren kenne ich nichts, wo die Verwirrung größer wäre als in dem, was aus Quantenphysik gemacht wird. Es ist ein Alp­traum.“ (33) Dreizehn Begründer und Pio­niere der Quanten­physik, unter ihnen Bohr, Hei­senberg, de Broglie und Schrö­dinger, suchte Wilber persönlich auf: „Kein einziger, wirklich nicht einer von ihnen war der Meinung, dass Quanten­me­cha­nik irgendetwas mit spirituellen Wirklichkeiten oder Mystik zu tun hat.“ Aber waren sie nicht alle Mystiker? In der Tat – „aber nicht wegen, sondern trotz Physik. Das Ver­sagen der Quantenphysik, auch nur irgendetwas Spirituelles zu erklären, half ihnen dabei, zu Mystikern zu werden, im Sinne von Meta-Physik.“ (34) Von Physik versteht auf diesem Planeten vermutlich kaum je­mand mehr als der weltbekannte Physiker und Kosmo­loge Stephen Hawking. Mit den esoterischen Höhenflügen einzelner Kollegen hat er sich in mehreren Schriften auseinan­dergesetzt. Ihnen hält er einen naiven Realismus vor, der als wirklich ansieht, was immer sich theoretisch darstellen lässt: „Physikalische Theorien sind lediglich von uns konstruierte mathematische Modelle. Es ist sinnlos, danach zu fragen, ob sie der Wirklichkeit entsprechen.“ (35) Damit verweist Haw­king auf einen Diskussions­strang, der uns schnurstracks in die Philosophie der Mathe­matik führt, des unentbehrlichen Instruments physikalischer Theorienbildung – und zur offenen Frage nach der Wirklichkeit der Zahlenwelt. Auch Quantenphysiker rechnen reichlich; wenn ihr Mikro­kosmos voller Merkwürdigkei­ten steckt, dann nicht nur wegen befremdlicher Eigen­heiten ihrer subatomaren For­schungsobjekte, sondern auch wegen der schweißtreibenden Komplexität ihrer Rechen­operationen, die Fachleute im selben Maße in Verzückung versetzt, wie sie Fachfremde in Verzweiflung stürzt. Sind die mathematisch abgeleiteten Be­sonderheiten der Quantenwelt real? Sind es andere mathematische Objekte wie die Primzahl Pi, unendliche Mengen, vierdimensionale Würfel oder so hochabstrakte Gebilde wie die „nicht erreichbaren überabzählbaren Zahlen“, die größer sind als unendlich mal unendlich? Mathematiker sind eher Er­finder als Entdecker, stellt Hawking klar. (36) Mathemati­sche Darstellbarkeit bürgt mitnichten für Existenz. Von Animalgeistern zu Psychonen – Aus dem ­Kuriositäten­kabinett des Leib/Seele-Interaktionismus Um eine zweite Stütze des Dualismus bemühen sich neuerdings Neurobiologen und Physiologen, allen voran der zum „Sir“ geadelte Australier John Eccles (1903-1997), 1963 mit dem Nobelpreis für Medi­zin bedacht. Nach Eccles´ Über­­zeugung ist es der „Geist Gottes“, der unser Selbst hervorbringt. Dessen Bewusstsein werde von einem Ensemble von immateriellen „Psycho­nen“ gebildet; diese steuern das Gehirn, indem sie auf die sogenannten Pyramidenzellen der Großhirnrinde einwirken – genauer gesagt, in den Den­driten. Jede einzelne Nerven­zelle besitzt bis zu 10'000 solcher fein verästelter Fortsätze, die Kontaktstellen, „Synap­sen“, zu anderen Zellen bilden. Diese Synapsen enthalten winzige Säckchen, „Vesikel“, ge­füllt mit Botenstoffen, den Neuro­transmittern. Erreicht ein Ner­venreiz die Zelle, öffnen sich die Vesikel und setzen Neurotransmitter frei; diese durchqueren den Spalt, der die Synapsen zweier Nachbar­zellen trennt, und leiten so den Reiz weiter. Bei der riesigen Zahl der Synapsen löst dieser Prozess sehr komplexe Gehirn­aktivitäten aus. Nach Eccles´ Über­zeugung wird dieses Ner­vengeflecht von Psycho­nen durchdrungen; sie beeinflussen die Synapsen, umgekehrt gehen von den Den­driten Gedanken und Erfah­rungen in sie über. Die Kopp­lung dieser Prozesse mit Quan­tenfeldern verbinde unser Bewusstsein mit dem „Weltgeist“, der das ganze Universum durchdringe. (37) Da­zu angeregt hatten ihn Ideen des deutschen Physikers und Philosophen Henry Margenau, aus denen Eccles schloss, ein energie- und masseloser Geist könne auf das Gehirn einwirken, indem er die quantenmechanischen Wahrscheinlich­keitsfelder beeinflusst. Damit wird das Erklärungsproblem des Interaktionismus aber nur verlagert, weil nun die Art der Wechselwirkung zwischen Geist und Wahrscheinlich­keits­feld ungeklärt ist. (38) Selbst wenn es ausgerechnet die neuronalen Synapsen wären, an de­nen unser Gehirn mit universellen Quantenfeldern kom­mu­niziert, bliebe schleierhaft, ob es dies nicht auch ohne die Vermittlungsdienste irgend­welcher immaterieller Geister­teilchen zustande brächte; gel­änge ihm das, hätten wir eine Quantenneurologie, die ebensowenig eine Seele benötigt wie die klassische Hirnphysik. Und was aus den „Psychonen“ wird, wenn das Hirn abstirbt, lässt Eccles im Dunkeln. Außer­dem weisen Quanten­physiker darauf hin: Unser Gehirn ist so hochgradig vernetzt, dass Wechselwirkungen des Gehirns mit der Umgebung die typischen quantenmechanischen Effekte, wie sie in isolierten Laborsystemen beobachtet werden, rasch zu­nichte machen – insbesondere die hyperinstabilen „Verschrän­kungen“. Zwar kommunizieren Neuronen un­ter­einander atemberaubend schnell, in Bruch­teilen von mil­liardstel Milliar­den Sekun­den. Aber quantenmechanische Überlagerungen verschwinden noch sehr viel schneller (39), weshalb sich die Funktionsweise unseres Ge­hirns durchaus mit klassischer Physik verstehen lässt. Eccles´ Position zum Leib/Seele-Pro­blem verdeutlicht, wie stark das Denken vieler Hirnforscher von religiösen Überzeugungen und einem phi­losophischen Dua­lismus ge­prägt ist (40); beides scheint eher Ausgangspunkt und Sehn­suchts­ziel ihrer Stu­dien als deren Ergebnis. Eccles´ Psychonentheorie und ähnliche Konstrukte führen eine Tradition fort, die auf den geistigen Vater des neuzeitlichen Leib/Seele-Dualismus, dem französischen Philoso­phen René Descartes (1596-1650) zurückgeht: die Suche nach einer Physiologie des Gei­stes. Wie, fragte sich Descartes, stellt es die immaterielle res cogit­ans bloß an, in kausale Be­zie­hungen zu Materie, res extensa, zu treten? Als Ort der Wech­selwirkung vermutete er die „aus sehr weicher Materie“ gebildete Zirbeldrüse, die an wenigen feinen Arterien aufgehängt sei. Wie ein Körper, der an dünnen Fäden in einem Kamin befestigt wurde, von aufsteigendem Rauch bewegt werden kann, so wirken „Ani­malgeister“, welche die Ner­venzellen durchströmen, auf die Zirbeldrüse ein. Mein Kör­per vermittelt meinem Geist Sinneseindrücke, indem er ihm Bilder vorhält, welche die Ani­malgeister im Drüseninneren herstellen; umgekehrt steuert mein Geist meinen Körper, indem sich die Zirbeldrüse auf bestimmte motorische Nerven­endungen neigt, wodurch einige der im Gehirn befindlichen „Animalgeister“ durch neuronale Röhren in den jeweiligen Muskel geleitet werden. (41) Zwar ist Eccles´ Physiologie der cartesianischen ungefähr so weit voraus wie die moderne Raumfahrt Peterchens Reise zum Mond. Der Lösung des Hauptproblems jeder Form von Interaktionismus kommt sie aber keinen Millimeter näher: Auch sie ist unvereinbar mit einem der grundlegendsten Axiome wissenschaftlicher For­schung und Theorienbildung, der kausalen Geschlossenheit der Welt. (42) Was immer im Uni­versum ist und geschieht, lässt sich demnach durch Ereig­nisse, Vorgänge, Zustände innerhalb seiner Grenzen vollständig erklären. Wenngleich letztlich ein seinerseits unbeweisbarer Glaubenssatz, hat sich dieses Prinzip des „me­tho­dologischen Physikalis­mus“ seit Jahrhunderten bestens bewährt, an so unterschiedlichen Phänomenen wie Wetterveränderungen, Epilep­sie, Tsunamis, Blitzen, dem Lauf der Gestirne und der biologischen Evolution. Folg­lich hat Wissenschaft grundsätzlich keinen Bedarf an nichtphysischen, von außen einwirkenden Faktoren, zumal diese ihrerseits erklärungsbedürftig wären, wes­halb sie Erkennt­nispro­bleme nie lösen, sondern bloß verlagern. (Wenn es die Welt nur gibt, weil Gott sie geschaffen hat – warum gibt es Gott?) Deshalb ist jeglicher Dualismus zutiefst unwissenschaftlich, und dieses Merkmal disqualifiziert ihn am allermeisten. „Wer den Dualismus akzeptiert“, stellt der Philosoph Daniel Dennett klar, „hat die wissenschaftliche Annäherung an das Bewusstsein aufgegeben.“ (43) Wie nützt Quantenmystik? Was macht die geradezu magische Anziehungskraft aus, welche die Quantenmystik auf eine wachsende Zahl von Thera­peuten und Patienten ausübt? Den einen verhilft sie zu gesteigerter Bedeutsamkeit: Sie dürfen sich als Vollzugsorgane des Weltgeists wähnen und sich privilegierte Einsichten zu­schrei­ben, dank derer sie mehr Ahnung vom Wesen alles Seienden haben als das Gros professioneller Physiker, welche den spirituellen Kern ihrer eigenen Forschungsobjekte ent­weder nicht wahrhaben wollen oder gemeinerweise geheim halten. Darüber hinaus liefert sie ihnen werbewirksame Etiketten, die ihnen vorerst einen Wettbewerbsvorteil auf dem Gesundheitsmarkt verschaffen – zumindest solange nicht allzu viele Konkurrenten auf denselben Zug springen. Patienten verschafft Quanten­mystik das gute Gefühl, sich auf eine Heilweise einzulassen, die auf neuesten For­schungsergebnissen beruht. Und bei beiden Zielgruppen befriedigt sie religiöse Bedürf­nisse, zumal bei überdurchschnittlich Gebildeten, die ihren Glauben gerne auf ein vermeintlich wissenschaftliches Fundament stellen. Trunken vom „Becher der Natur­wissenschaften“? Dem Physiker und Nobel­preisträger Werner Heisenberg wird der Ausspruch zugeschrieben: „Der erste Trunk aus dem Becher der Naturwissen­schaften macht atheistisch, aber auf dem Grund des Bodens wartet Gott.“ Wie hochprozentig der Becherinhalt ist, ließ er im Dunkeln. Mitunter verneben metaphysische Bedürfnisse auch den brilliantesten For­scher­kopf. Weder Professoren­titel noch Nobelpreise machen zuverlässig immun dagegen, sich dem eigenen Will to Believe zu fügen, in dem der amerikanische Philosoph William James einen der mächtigsten Antriebe des Menschen sah. Alles in allem steht die vielfach behauptete „wissenschaftliche Untermauerung“ des Dualis­mus bislang auf derart tönernen Füßen, dass er vom Status des Bewiesenseins Lichtjahre entfernt ist. So jedenfalls sieht das der weltbekannte Physiker und Kosmologe Stephen Haw­king: „Ich betrachte das Gehirn als einen Computer, der aufhört zu funktionieren, wenn seine Bestandteile versagen. Es gibt keinen Himmel und kein Leben nach dem Tod für kaputte Computer. Dies ist ein Märchen für Leute, die Angst vor der Dunkelheit haben.“ (44) Dass die Existenz von Psi-Phänomenen, einer unsterblichen Seele, eines alles durchdringenden und ord­­nenden Gottes mit der Quan­­tenmechanik, der Rela­ti­vitätstheorie oder irgendeinem anderen physikalischen Er­kl­ärungsmodell grundsätzlich vereinbar wäre, bedeutet noch lange nicht, dass es sie gibt. Auch mit einer siebenbeinigen, dreischwänzigen grünen Katze hätten Quantenmechaniker kein grundsätzliches Problem. Also müssen wir bis auf weiteres darauf gefasst sein, dass unsere Existenz vollständig, ein für allemal mit dem Tod unseres Körpers endet. Wäre das schlimm? Vollständig vernichtet werden: ein Alptraum? Was können wir psi-skeptischen Materialisten, Atheisten und Nihilisten mitgeben – Zeitgenossen, die ihr Dasein als unbedeutendes biochemisches Experiment betrachten, nichts weiter als eine flüchtige Ver­bindung von Atomen im un­endlichen Raum? Illusionslos sehen sie einem allerletzten Tag entgegen, einer letzten Stunde, einer letzten Minute, einem letzten Atemzug. Und das wird es dann für sie gewesen sein. Aus und vorbei, „der Rest ist Schweigen“. (45) Religiös Gesonnene unterstellen solchen Leuten gerne, eine derart trostlose Perspektive müsse letztlich doch auch für sie ganz furchtbar sein, was bestimmt daher rühre, dass sie, ob sie das nun zugeben oder nicht, im tiefsten Inneren unter ihrer Glaubensleere leiden, an fehlendem letzten Sinn, der schließlich nur von Gott kommen könne. Aber es leidet beileibe nicht jeder. Manchen genügt die Zuversicht, nach ihrem Tod in einem metaphysikfreien Sinne weiterzuleben: sei es in den Erinnerungen Anderer, denn „der Mensch ist erst wirklich tot, wenn niemand mehr an ihn denkt“ (Bertolt Brecht); sei es in Din­gen, die sie zu Lebzeiten ge­schaffen haben und der Nach­welt hinterlassen; sei es in den sozialen Rollen, die sie ausfüllen und in die Andere schlüpfen werden; sei es in den My­riaden von Hinsichten, in de­nen ihre Existenz den Lauf der Dinge beeinflusst und verändert hat. Durch unsere Worte, unsere Taten, unsere äußere Erscheinung, unsere schiere Präsenz verändern wir in jedem Augenblick unseres Daseins das Weltgeschehen; wir veranlassen Andere, sich auf eine Weise zu verhalten, wie sie es nicht tun würden, wenn es uns nie gegeben hätte – was sich wiederum in deren Umgebung auswirkt. Bei näherem Hinsehen gleicht jede unserer Handlungen, selbst die unscheinbarste, einem Steinwurf ins Wasser, der Wellen schlägt, die sich über alle Weltmeere fortpflanzen. (Zum Beispiel: Unterbräche ich jetzt die Arbeit an diesem Manu­skript, um beim Bahn­hofsbäcker ein Stück Kuchen zu holen, so würde ich auf dem Bahnhofsvorplatz vielleicht den letzten freien Park­platz belegen, woraufhin jemand anders sein Auto weiter entfernt abstellen muss, weshalb er knapp den Zug verpasst, in dem er womöglich seinen künftigen Lebensge­fähr­ten kennenlernen würde, der sich daraufhin vom bisherigen Ehepartner scheiden ließe, was sich auf das Schick­sal der gemeinsamen Kinder, auf den geplanten Hausbau, auf Urlaubspläne, auf ihre beruf­lichen Karrieren auswirken würde usw.) Jeder von uns, vom Penner bis zum Prä­siden­ten, zieht eine einmalige, folgenschwere Spur durch die Zeitgeschichte des gesamten Planeten. Durch sein schieres Da-Sein verändert er den Wel­tenlauf für immer, weit über seinen Tod hinaus. Doch nicht jedem Materialisten gelingt es, sich mit solchen eher metaphorischen Varianten von Unsterblichkeit gleichmütig abzufinden. Manchen quält durch­aus die Aussicht, vor welcher ihren religiösen Mitmen­schen erst recht graut: das vollständige, endgültige Ausge­löscht­werden. Die Vernichtung. Während es für Christen nicht schlimmer kommen kann, als nach dem letzten Atemzug zur Hölle zu fahren, schwante be­reits den alten Ägyptern noch Übleres: Wer in der unterweltlichen Justizhalle bei der Prü­fung vor dem Totengericht durchfällt, dem blüht als größtmögliche Strafe die endgültige Nichtexistenz. Noch fünf Jahr­tau­sende später bleibt dieses Grauen nachvollziehbar. Gibt es Schrecklicheres, als zu nichts zu werden? Wie können wir einem Camp­teilnehmer helfen, der unter der Befürchtung leidet, dass nichts von alledem eintreten wird, was Religion und Eso­terik für den Todesfall in Aussicht stellen? Immerhin je­der zweite Bundesbürger mag sich nicht damit abfinden, dass mit seinem Tod "alles aus" sein soll; unter den 18 bis 29 Jahre alten Deutschen sind es sogar 64 Prozent. (46) Objektiv betrachtet, scheint der eigene Tod ein Ereignis, mit dem man sich nicht nur wohl oder übel abzufinden hat, sondern das sich aus Einsicht akzeptieren lässt. Reichlich Grün­de dafür werden bei Grabreden erwähnt, wir lesen sie in Kondolenzschreiben und Todesanzeigen; wir hören sie in Beileidsbekundungen von Freunden und Bekannten des Verstorbenen, die damit die nächsten Hinterbliebenen aufrichten wollen; Seelsorger und Therapeuten bedienen sich ihrer, um bei der „Trauerar­beit“ behilflich zu sein. Über religiösen Trost hinaus („Got­tes unergründlicher Rat­schluss“, „ … hat XY zu sich geholt“) heißt es dann: - Der Tod sei etwas „Nor­males“ und „ganz natürlich“. Alle Menschen sind sterblich; du bist ein Mensch; also stirbst auch du irgendwann. Logisch. Das gehöre nun mal zum Kreislauf der biologischen Erneuerung, untrennbar verbunden mit allem organischen Leben. So gesehen, ist unser Verschwinden aus der Welt nicht erheblicher als unser hochgradig zufallsbedingtes Auftauchen in ihr. „Tod ist Ziel der Natur, nicht Strafe“, befand Cicero (106 - 43 v. Chr.). Und „wer darüber klagt, dass jemand gestorben ist, klagt darüber, dass er ein Mensch gewesen ist“, meinte der römische Philosoph und Dichter Sene­ca (4 v. Chr. - 65 n. Chr.). - Der Tod mag am Ende eines „erfüllten Lebens“ stehen. Kann man vorher nicht alles erreicht haben, was man sich zum Ziel gesetzt hat, und dafür Dankbarkeit, Liebe und An­er­kennung ernten? Gibt es keinen Punkt, an dem man voller Stolz auf sein Lebenswerk zurückblicken kann, im Gefühl, es sei mehr als genug? „Meine Arbeit ist getan“, sollen Einsteins letzte Worte gewesen sein. - Der Tod kann eine „Erlösung“ sein: von unerträglichen Schmerzen und anderen furchtbaren Lebensumständen. Oft­mals beendet er ein Dasein, von dem es heißt, es sei „nicht mehr lebenswert“. Müssen wir es fertigbringen, im Hinblick auf unsere eigene Ver­nichtung eine solche Per­spek­tive einnehmen? Verflüchtigt sich dann jegliche Angst vor dem Ausgelöschtwerden? Es gelingt nicht. Denn aus einer anderen Perspektive, die jedem von uns näher liegt, nämlich unserer eigenen, ist der Tod weitaus mehr als bloß ein übliches Ereignis im Lauf der Din­ge, und dieses „Mehr“ macht seine erschütternde Tragik aus. Auch wenn es völlig normal ist, dass Katzen Mäuse fressen, und dieser Umstand insofern nicht sinnvoll beklagt werden kann, tröstet das die Maus nicht im geringsten. Wird der Tod für den, der ihn vor Augen hat, dadurch zum Horror, dass er zu nichts wird – dass alles, was ihn ausmacht, erloschen sein wird wie eine ausgeblasene Flamme? Aber was schert es die Flamme, wenn sie ausgegangen ist? In Wahrheit ist es eher das Sein im Nichts, vor dem vielen graut, als das Nichtsein. Nach der Beerdigung eines Verwandten meinte meine damals fünfjährige Tochter sichtlich erschüttert zu mir: „Ich will nie, nie, nie tot sein. Sonst wäre ich ja für im­mer unter der Erde in so einem Sarg eingesperrt, alles um mich herum wäre schwarz, und niemand würde sich mehr um mich kümmern.“ Diese Furcht geistert keineswegs nur durch die Vorstellungswelt von Klein­kindern. (47) Auch vielen Erwach­se­nen erscheint der Tod als eine endlose Isolationshaft in stock­dunkler Stille, verbunden mit völliger Regungslosigkeit und sensorischer Deprivation in ihrer grausamsten Form, schlim­mer noch als die Camera silens, berüchtigter Bestandteil von CIA-Foltermethoden. (48) Doch dieses Grauen vor der schlechthinnigen Vernichtung im Tod rührt von verqueren Vorstellungen her. (49) Gleicht der Tod der finstersten Nacht? Der Vergleich hinkt: Im Dunkeln bin ich es, der sich in ihr fürchtet, in ihr nichts mehr sieht, in ihr friert. Tot hingegen bin ich nicht mehr. Wenn ich mich davor fürchte wie vor dem Dunkel, so male ich mir einen Zustand aus, in dem ich noch bin, während ich nicht mehr bin - sozusagen als Zeuge meiner eigenen Nichtexistenz. So verstanden, ist Todesangst grundsätzlich absurd. Falls nach dem Tod nichts mehr kommt, dann auch nichts, wo­vor man sich fürchten müss­te. Manch einer glaubt sich auf seinen Tod zuzubewegen wie auf den Eingang einer Höhle. Und nun grübelt er, was ihn erwartet, nachdem er sie betreten hat. Wird er dann für immer im Finsteren sein? Oder wird er ein Licht gewahren, das ihn zu einem Ausgang führt, hinter dem sich ihm eine andere Welt eröffnet? Er rechnet nicht damit, dass diese Höhle im selben Augenblick verschwindet wie er selbst. Dass sie nur ist, indem sie in ihm ist. Ebensowenig ist die subjektive Todesangst dadurch ausreichend erklärt, dass sie dem Faktum der eigenen Nichtexi­stenz gilt. Es gab mich nicht, ehe ich geboren wurde. Es hätte sein können, dass es mich niemals gegeben hätte. Trotz­dem erschüttert mich die Mög­lichkeit des praehumen Nicht­seins, oder gar des Nie-Gewe­sen­seins, weitaus weniger als des posthumen. (50) Zwar mag ich bedauern, nicht schon als römischer Tribun oder als mittelalterlicher Burgherr ge­lebt zu haben, und falls irgendwann Zeitreisen möglich sind, würde ich womöglich ein Ticket kaufen. Aber das Wissen, in der Vergangenheit noch nicht gewesen zu sein, berührt mich nicht annähernd so stark wie die Aussicht auf mein Nicht­sein in der Zukunft. Eine ähnlich eigentümliche Asym­metrie besteht bei anderen Er­eignissen und Zuständen: Der Schmerz, den ich durchlitten habe, ist für mich weniger schlimm als der, den ich auf mich zukommen sehe. Ängstigt der eigene Tod, weil er einem Koma zu gleichen scheint: nichts mehr wahrnehmen, denken, fühlen, handeln können? Aber käme er mir dann nicht weitaus weniger schlimm vor, als er es tatsächlich tut? „Ist der Tod nur ein Schlaf, wie kann dich das Sterben erschrecken? Hast du es je noch gespürt, wenn du des Abends entschliefst?“, fragte der deutsche Dichter Friedrich Hebbel (1813-1863). Bewusstlo­sig­keit hindert mich an allem, was mir möglich wäre – doch immerhin bleiben es weiterhin Möglichkeiten des Tuns und Erlebens, die ich andernfalls realisieren könnte (und es täte, falls ich wieder zu Bewusstsein komme). Zum Schlaf, wie lange auch immer er währt, gehört die Chance, irgendwann aufzuwachen, wie gering sie auch sein mag. Der Konjunktiv passt noch: Weiterhin könnte ich. Inso­fern ist mein Tod viel einschneidender: Er zerstört all meine Möglichkeiten ein für allemal, indem er ihr Subjekt vernichtet. Daher hinkt der Vergleich. Was den Tod, subjektiv betrachtet, grauenvoll macht, sind zwei andere Besonderheiten. (51) Die eine hat mit Erwartung zu tun. Mein Tod gehört zu meiner Zukunft, und meine Einstel­lung dazu, was diese mir bringen wird, schließt immer auch eine Vorausschau ein. Wie wird es sein, nächsten Sommer Ur­laub in der Karibik zu machen? In eine andere Stadt umzuziehen? Ein Vermögen zu besitzen? Enkelkinder zu haben? Was hingegen mein Ableben betrifft, gibt es nichts, dessen ich noch harren könnte – das schiere Nichts als solches ist kein möglicher Erwartungs­inhalt. Und dieses Hemmnis verstört zutiefst. Zum anderen schließt mein Tod ein, dass ein Parallelismus en­det, der für mich zum Aller­selbstverständlichsten gehört, seit es mich gibt. Auch wenn es geradezu grotesk banal klingt, stimmt es trotzdem: An mein eigenes Dasein habe ich mich sehr gewöhnt. So weit ich zu­rückdenken kann, gibt es mich. Objektive und subjektive Zeit liefen immer parallel. Im Tod driften beide auseinander, nicht bloß insofern, dass die Welt da draußen ihren Fort­gang nimmt, ohne dass ich noch in ihr vorkomme. Mein Tod als Ereignis in der Welt ist leicht zu begreifen – ganz im Gegensatz zum Ende meiner Welt. Das ist es, was mich bei der Vorstellung meines künftigen Nichtseins alarmiert, beängstigt und fassungslos macht, sobald ich mich darauf einlasse, sie in mir heraufzubeschwören. Nichts kann dieses Grauen bannen, und deshalb verdient es mein Tod, dass ich ihn verfluche. Aber ist es nicht zumindest unter bestimmten Umständen gut, dass ein Leben zwangsläufig endet? Oftmals erlöst er von einem erbärmlichen Dasein in Armut, Unfreiheit, Lieblosig­keit, Schmerz und Angst. „Der Tod ist die Befreiung und das Ende von allen Übeln, über ihn gehen unsere Leiden nicht hinaus“, so bemühte sich der römische Philosoph und Schriftstel­ler Seneca (ca. 4 v. Chr - 65 n. Chr.) um tröstliche Worte. Aber selbst dann bleibt der Tod schrecklich: Denn er beraubt sein Opfer ein für allemal jeglicher Möglichkeit, zumindest in Zukunft mehr Gutes als Schlechtes zu erleben. Manche Philosophen bemühen sich, uns das Sterbenmüssen un­ter allen Umständen schmack­haft zu machen, indem sie uns die „Langeweile der Unsterblichkeit“ ausmalen. (52) Könnte es sein, dass sich solche Leute einfach schneller langweilen lassen als ich? Und wür­de ihnen dieser Wesenszug jenseits nicht früher oder später den gleichen Frust bescheren wie diesseits? Durchaus vor­stellen kann ich mir, dass ich irgendwann jedes be­stimmten Lebens überdrüssig werde – aber des Lebens an sich? Nicht, solange ich frei bin, die Umstände meines Daseins so zu verändern, dass sie mir Neues zu bieten haben, und meine Phantasie reicht bei weitem nicht aus, mir alle erdenklichen Optionen auszumalen, die ich dabei ernsthaft in Be­tracht ziehen würde. Antoine de Saint-Exupery (1900-1944), dem großen französischen Schriftsteller, widerspreche ich heftig, wenn er behauptet: „Das, was dem Leben Sinn verleiht, gibt auch dem Tod Sinn.“ (53) Je mehr mich mein Leben befriedigt und erfüllt, desto lieber hätte ich noch mehr davon. In meinen Exitus würde ich, falls ich wählen könnte, nur in zwei Fällen einwilligen: wenn mein jetziges Leben unerträglich wäre – zum Beispiel aufgrund ständiger starker Schmerzen -, ohne die geringste Aussicht auf Besse­rung; oder wenn ich sicher wäre, dass etwas Schreckliches unabwendbar auf mich zu­kommt, sei es ein alles vernichtender Kometeneinschlag, eine Zombie-Invasion, eine Pande­mie ohne Gegenmittel, eine weltweite radioaktive Verseu­chung oder irgendein anderes apokalyptisches Szenario. An­sonsten würde ich mich vor der Wahl, entweder in wenigen Mi­nuten tot oder noch eine Woche länger da zu sein, immer fürs Weiterleben entscheiden; daraus schließe ich mit induktiver Logik, dass ich niemals sterben möchte. (54) Lieber diesseits unsterblich Der Tod ist schrecklich, und Angst davor hätte ich, mit Woody Allens köstlichem Bon­mot, bloß dann nicht, wenn ich nicht dabei sein müsste, wenn er eintritt. (55) Weil ich vermute, dass die meisten Menschen ähnlich empfinden, steht für mich außer Frage, dass jede Technik, die unsereins physisch unsterblich machen kann, auf reißende Nachfrage stieße, sobald sie einigermaßen zuverlässig und erschwinglich wäre. Dazu werden wir weder nach mythischen Jungbrunnen noch nach Dukateneseln suchen müs­sen, mit denen wir uns den Anti-Aging-Wucher mit Kos­metika, Nahrungsergän­zungs­mitteln und ästhetischer Chi­rurgie leisten können. Vielmehr könnte Gentechnik den vorprogrammierten Zelltod aufhalten, indem sie gezielt einzelne Bau­steine unserer Erbinformation ausschaltet und neue einfügt, somit den Alterungsprozess stoppen – unser Körper würde dann ebenso potenziell un­sterblich wie bestimmte Qual­len, Pilze, Seegurken und Poly­pen. Nanomaschinen könnten dauerhaft im menschlichen Kör­­per eingesetzt werden, um Pathogene unschädlich zu ma­chen, Krebs in Schach zu halten und Reparaturarbeiten durchzuführen. Mit „therapeutischem Klonen“ könnten neue Zellen, Gewebe, ganze Organe aus unserem eigenen Erbgut nachgezüchtet und eingesetzt werden. Weitere technische Im­plantate, über künstliche Her­zen hinaus, könnten den anfälligen menschlichen Orga­nismus erhalten, verbessern - und zum unverwüstlichen Cy­borg umwandeln. Bewusst­seins­relevante Teile des Ge­hirns könnten in digitale Me­dien ausgelagert werden („Mind-Uploading“). Manche dieser Techniken schweben noch in der Sphäre von Ge­dan­kenexperimenten, andere be­fin­den sich schon in der Erpro­bungsphase, vereinzelt sind sie bereits Praxis. Wer weitere Fort­schritte abwarten will, je­doch befürchtet, dass er sie nicht mehr erleben wird, könnte sich auf die Kryonik einlassen (von griech. kryos: Kälte): Mit flüssigem Stickstoff wird sein Organismus auf minus 196 Grad tiefgekühlt; dadurch kommt jegliche Bio­aktivität in ihm zum Erliegen, womit ei­nem weiteren Verfall seines Ge­we­bes Einhalt geboten wird. (Zur Konservierung wird neuerdings ein „Vitrifi­zie­rung“ genanntes Verfahren eingesetzt, das verhindert, dass Eiskristalle Zellen schädigen.) Zu einem Zeitpunkt eigener Wahl würde er, hoffentlich körperlich unversehrt und men­tal heil, wieder aufgetaut. (56) Auf die eine oder andere Weise gelänge es den „Auswege“-Camps des 22. Jahrhunderts bestimmt, Teilnehmern Todes­angst zu nehmen: nicht durch religiöse Vertröstungen, spiritualistische Versicherungen, unsichere Parapsychologie oder nebulöse Quantenmystik, sondern durch eine Adressenliste der seriösesten, erfolgreichsten biotechnischen Lebensver­län­gerer. Sinnigerweise würde sich somit schließlich ein uneingelöstes Versprechen mancher Re­ligionen erfüllen: Manche Strö­mungen des Taoismus, der bis ins 4. Jahrhundert vor Christus zurückreicht, stellten physisches Immerwähren durch Kultivierung von Geist und Körper zum Xian („Unsterb­licher“) in Aussicht; demselben Ziel widmete sich jahrhundertelang die chinesische Alche­mie. (Ihr Wahn, Hauptbestand­teil des Lebenselixiers sei das quecksilberhaltige Zinnober, kostete vielen Gutgläubigen das Leben.) Auch vereinzelte Bibelpassagen stellen nicht bloß außergewöhnliche Langlebig­keit in Aussicht, wie bei Methu­salem und den Erzvätern, sondern physische Unsterblichkeit, wenngleich nur kraft eines göttlichen Willensakts: „Einige von euch werden den Tod nicht schmecken, bis sie das Reich Gottes sehen“ (Lukas 9,27). (57) Wem er ganz und gar nicht schmeckt, kann neuerdings hoffen: Der Tod scheint bloß noch ein ungelöstes technisches Problem. Grundsätzliche Zwei­fel daran, dass sich der Mensch dereinst biologisch unsterblich machen kann, scheinen mir von Unkenntnis der längst stattfindenden, ungeheuer dynamischen Forschungsaktivitäten zu diesem Ziel herzurühren. So­bald solche Mittel verfügbar sind, wird die Mortalitätsrate weltweit zwar drastisch sinken (und alle Probleme der Be­völkerungsexplosion vervielfachen, sofern nicht zusätzlicher Lebensraum erschlossen, die Geburtenrate drastisch ge­senkt oder gnadenlos Euthanasie betrieben werden kann). Bestimmt wird sie aber niemals gegen Null gehen. Zum einen dürften in noch so ferner Zukunft stets äußere Umstände eintreten, unter denen Menschen gegen ihren Willen umkommen, auch in größerer Zahl: sei es durch Unfälle, die irreparable Schä­den zur Folge haben; durch Umweltkatastrophen, soweit sie weiterhin weder präzise vorhersehbar noch beherrschbar sind; durch Seuchen, gegen die nicht rechtzeitig ein Impfstoff gefunden wird; durch brutale Unterdrückungsregi­mes; oder durch Kriege, ob nun gegen Artgenossen, Maschinen oder Aliens. Zum anderen könn­ten Menschen auch künftig aus freien Stücken ihren Tod vorziehen, aus unterschiedli­chen Erwägungen: Sie könnten jedes erdenklichen Daseins, des Lebens an sich, überdrüssig werden. (Kryonik macht diese Möglichkeit allerdings noch un­wahrscheinlicher, als sie schon heute ist: Wen sein mo­mentanes Dasein anödet, der könnte sich tiefgefroren eine Weile schlafen legen, bis die Welt voraussichtlich eine andere geworden ist – im Ver­trauen darauf, dass die soziokulturelle Entwicklung auf diesem Pla­neten ähnlich dynamisch voranschreitet wie bisher. Hätte die Kryostase-Tech­nik schon Mitte des vorigen Jahrhun­derts zur Verfügung gestanden, so hätte eine Tief­kühl­phase von wenigen Jahr­zehn­ten genügt, um in einer drastisch veränderten Welt aufzuwachen.) Sie könnten sich von einer schweren psychischen Last befreien wollen, die sie anders nicht loswerden (es sei denn, solche Zustände können mit künftiger Neurotech­nik ebenso mühelos gelöscht werden wie überflüssige Datei­en und Programme von der Festplatte eines Computers); sie könnten ihr Leben opfern – für Werte, für eine gute Sache, für andere Menschen. Oder sie entschließen sich zum Freitod aus reiner Neugier: nicht auf das Nichtsein, sondern auf die mögliche nachtodliche Alter­native, das Weiterexistieren in einer radikal anderen, körperlosen Seinsform. Solange der Tod unausweichlich auf uns zukommt – nach wenigen Jahrzehnten, was ein Großteil der Heutigen als zu kurz empfindet -, sondern zur frei wählbaren, zu einem beliebigen Zeitpunkt wahrnehmbaren Op­ti­­on wird, könnte bei vielen Menschen irgendwann schiere Abenteuerlust über die Furcht vor dem ungewissen Danach obsiegen. Sie beschlössen aus einem vergleichbaren Motiv zu sterben, das 200’000 Zeitgenos­sen aus 140 Ländern veranlasst hat, sich für einen Platz in der ersten Marskolonie 2025 zu bewerben, wohlwissend, dass sie von dort nie mehr zurück­kehren werden.58 Also waltet zwar in jeder vorstellbaren menschlichen Zukunft wohl weiterhin der Tod – doch seinen Schrecken hätte er verloren. Es gehört durchaus keine überbordende Science-Fiction-Fantasie zu der Prophezeiung, dass sich bei Teilnehmern des 200. bis 300. „Auswege“-Camps (bei weiterhin vier pro Jahr) das Problem der Todes­angst vor diesem Hintergrund nicht mehr stellen würde. So mancher Campteilnehmer, der sich den Kopf über ein mögliches Leben nach dem Tode zerbricht, versäumt es nach unseren Eindrücken im übrigen sicherzustellen, dass es für ihn ein Leben vor dem Tode gibt. Wenn dein Leben endet, solltest du sagen können, dass du gelebt hast. (59) Ist jeder Todesfall ein therapeutischer Misserfolg? „Wann folgt die Ursache der Wirkung? Wenn ein Arzt hinter dem Sarg seines Patienten hergeht." Damit die Pointe an­kommt, muss Zuhörern ein­leuch­ten: Ein Arzt, dessen Pa­ti­ent stirbt, hat versagt. Eine Therapie, die den Behandelten nicht retten kann, war nutzlos, zumindest in seinem Fall; nun steht der Therapeut blamiert da. Mit derselben Erwartung se­hen sich unkonventionell Hei­lende unentwegt konfrontiert. Deren "Erfolg" messen Hilfe­suchende und ihre Angehö­rigen zumeist daran, wie rasch und vollständig Symptome verschwinden oder zumindest nachlassen, ein Leiden "be­siegt" oder wenigstens erträglicher ge­macht wird. Doch wenn eine Er­krankung allen therapeutischen Bemühungen zum Trotz unaufhaltsam voranschreitet - taugt dann der Heiler nichts? Alexander, Ida, Joachim: Sie alle sind inzwischen tot. Also sind wir gescheitert? Wer derart richtet, begreift nicht, worum es geht. Ganz­heitliches Heilen ist in erster Linie eine besondere Form, in der Menschen, ganze Perso­nen, in einer therapeutischen Beziehung miteinander umgehen: eine Form von spiritueller Genesungshilfe, in der Anteil­nahme, Vertrauen, liebevolle Zuwendung und sinnorientierte Wegbegleitung eine Schlüsselrolle spielen. Dabei sollten wir das Wort "Heilen" ganz wörtlich nehmen: Einen Menschen zu heilen bedeutet eigentlich, ihn "heil", das heißt "ganz" zu machen, und dazu gehört weitaus mehr, als nur gewisse defekte Teile seines Kör­pers zu reparieren. Ein Krebspatient beispielsweise mag als kuriert gelten, wenn seine Tumoren verschwunden sind und mehrere Jahre nicht wiederkehren; aber ihn zu heilen erfordert, die ganze Vielfalt von äußeren und inneren Bedingungen zu erkunden und zu beseitigen, die ihn überhaupt erst krank werden ließen: zum Beispiel belastende soziale Beziehungen, unausgewogene Ernährung und andere ungesunde Lebensgewohnheiten, mancherlei Ängste, Komplexe und Zwänge, sein Hadern mit dem Schicksal, vielleicht auch verlorene Werte und Sinnlee­re60, oder irgendein erlittenes Un-Heil, eine krankmachende Kränkung, mit der er nicht fertig wird. Was ein guter Heiler tut, steht der Seelsorge des Priesters insofern viel näher als der therapeutischen Interven­tion des Schulmediziners. Hei­ler betreiben sozusagen Heil­sorge, in Sorge um das Heil ihrer Klienten. Und heil werden kann ein Mensch durchaus, ohne symptomfrei zu werden. Einen Krebskranken zu heilen, kann auch bedeuten, ihn mit seinem Schicksal auszusöhnen; ihm Angst und Verzweiflung zu nehmen; ihn auszusöhnen mit dem Unausweichlichen, gegen das er sich vergeblich aufbäumt; ihn darauf vorzubereiten, es gefasst anzunehmen; es ihm leichter zu machen, Abschied zu nehmen – von seinen Liebsten wie von allem, was ihm wichtig war -, ohne Bitterkeit loszulassen; nicht länger damit zu hadern, was er im Lebensrückblick bereut: "Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, mein eigenes Leben zu leben"; "Ich wünschte, ich hätte nicht so viel gearbeitet"; "Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, meine Gefühle auszudrücken"; "Ich wünschte mir, ich hätte den Kontakt zu meinen Freunden aufrechterhalten"; "Ich wünschte, ich hätte mir erlaubt, glücklicher zu sein". (61) Und vergeben zu können. Zwei Dinge, so betonte schon Martin Luther (62), seien am Lebensende wichtig: Wen möch­te ich noch um Verzei­hung bitten? Und wem muss ich noch etwas verzeihen? So war es bei Sonja Jost. (63) Sie war erst 45. Aber sie hatte Krebs im Endstadium, mit Metastasen im ganzen Körper. Mit unsäglichen Schmerzen und Atemnot lag die Lehrerin in einer südostbayerischen Kli­nik. Ihre Ärzte erwarteten, dass sie jede Minute sterben würde. Doch Sonja gab nicht auf. Sie rief einen Heiler aus dem „Auswege“-Netzwerk zu sich, der sie fortan täglich eine Stun­de lang behandelte. Die Stati­onsleitung hatte nichts dagegen: Der Fall schien ihr ohnehin "hoffnungslos". Doch seit der Heiler zu ihr kam, konnte sie sich entspannen und besser schlafen. Die Schmerzen wurden erträglicher, das At­men fiel ihr leichter, das Wasser in ihren Lungen wurde weniger. "Sie konnte wieder lä­cheln", erinnert sich der Heiler, "und hatte tiefe Einsichten über ihr Leben und ihre Haltung gegenüber sich selbst." Nach zehn Tagen starb sie friedlich und schmerzfrei: nicht kuriert, aber heil. (Harald Wiesendanger) Dieser Beitrag erschien zuerst im Buch von Harald Wiesendanger: Auswege – Kranken anders helfen (2015). Anmerkungen 1 zit. in Spiegel Wissen 4/2012, S. 85. 2 An die biblische Verheißung, am Ende aller Tage finde eine Auf­erstehung des Fleisches statt, glauben nur noch 35 Prozent der Deut­schen, 59 Prozent zweifeln daran, wie 2007 eine Repräsentativ­um­frage im Auftrag des ­Nachrich­tenmagazins Der Spiegel (Nr.15/ 2007) ergab. 3 So verheißt der 23. Psalm. 4 Johannes-Offenbarung, Vers 6 5 Offenbarung 21: 16-23, 22:2 6 Nach Spe salvi (lat. „Auf Hoff­nung hin sind wir gerettet“), der zweiten Enzyklika von Papst Bene­dikt XVI., veröffentlicht im No­vem­ber 2007. 7 Joseph Ratzinger: „Fegefeuer“, aus ders.: Eschatologie – Tod und ewiges Leben (= Kleine Katholische Dogmatik 9), Regensburg 1977, S. 188, 189 f., in: Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz (Hg.): Der Glaube der Kirche. Ein theologisches Lesebuch aus Texten Jo­seph Rat­zin­gers, Bonn, 2011 (Ar­beitshilfen; Nr. 248), S. 54 f. 8 So Papst Johannes Paul II. in „Das Leben nach dem Tod. Drei Ansprachen bei Generalaudienzen im Sommer 1999 über Himmel, Hölle und Fegefeuer, www.vatican.va/holy_father/john_paul_ii/audiences/1999/documents/hf_jp-ii_aud_28071999_ge.html. 9 so Hans Küng, Rudolf Bultmann, Uta Ranke Heinemann. 10 Paul Althaus: Die letzten Dinge, 111ff. u.a.; Karl Barth: Dogmatik im Grundriss, Zürich, 7. Aufl. 1987, S. 138 u.a.; Karl Barth: Die Kirchliche Dogmatik, Bd. III/2, Zollikon-Zürich 1948, S. 524ff u.a.; Paul Tillich: Systematische Theologie, Bd. 3, Stuttgart 1966, S. 450ff., 459ff. Carl Stange: Die Unsterblichkeit der Seele, Studien des apologetischen Seminars 12, Gütersloh 1925. Ganz­tod-Konzepte finden sich auch bei einigen Religionsgemeinschaften wie den Gemeinden Christi, den Siebenten-Tags-Adventisten, der Bibelforscherbewegung und den Christadelphians. 11 siehe z.B. Matthäus 10,28; Apg 20,10. Auch Matthäus 25,46 legt eine ewige Existenz der Seele nahe. 12 Unmissverständlich heißt es in der Jesaja-Apokalypse (Jes 26,10): „Ihre Leichen werden auferweckt werden.“ Nach Ezechiel 37,1-4 werden alle verwesten Israeliten für ein neues leibliches Leben wie­derhergestellt, was das Leerwer­den ihrer Gräber einschließt. 13 Buch Daniel 12,2f. 14 Artikel „Auferstehung“ im „Glaubens-ABC“ der Evangeli­schen Kirche in Deutschland, s. www.ekd.de/glauben/abc/index.html 15 Schabbat 152b, mit Bezug auf die „Sprüche Salomos“ 12,28. 16 s. Harald Wiesendanger: Zurück in frühere Leben – Möglichkeiten der Reinkarnationstherapie, München 1991, S. 147. 17 Diese Analogie zieht der philosophische Funktionalismus, s. Zurück in frühere Leben, a.a.O., 147f., und Harald Wiesendanger (Hrsg.): Wiedergeburt – Herausforde­rung für das westliche Denken, Frankfurt a.M. 1989, S. 34. 18 Siehe dazu Harald Wiesendanger: Die Jagd nach Psi, Braunschweig 1989; ders.: Zurück in frühere Leben, a.a.O.; ders. (Hrsg.): Wiedergeburt, a.a.O., sowie die dort angegebene weiterführende Literatur. 19 Quintessenz: Die alte Hindu­mystik ist metaphysisch verpackte Quantentheorie. 20 Unter Parapsychologen haben Walter von Lucadous „Modell der Pragmatischen Information“ so­wie die „Generalisierte Quanten­theorie“ von Harald Atmans­pa­cher, Hartmann Römer und unserem „Auswege“-Beiratsmit­glied Harald Walach Beachtung gefunden; s. Walter von Lucadou: Psi-Phänomene – Neue Ergebnisse der Psy­­cho­­kineseforschung, Main/ Leip­­­zig 1997; H. Atmanspacher, H. Römer, H. Walach: “Weak quantum theory: Complemen­tarity and entanglement in physics and beyond”, Foundations of Physics 32/2002, S. 379–406. Andere Konstrukte beschreiben eine supra-physikalische Wirk­lich­keit mit vielen weiteren Di­mensionen bzw. Energien, in die unsere raum-zeitliche Realität eingebettet ist. Beispiele dafür sind die 12-Dimensionen-Physik von Burkhard Heim (1925-2001) und Klaus Volkamer sowie die Theorie von Johannes Matthaei, die von zwölf zusätzlichen Ener­giearten ausgeht. Burkhard Heim: Elemen­tar­strukturen der Materie: Einheit­liche strukturelle Quanten­feldt­heorie der Materie und Gravi­tation, 2 Bän­de, Innsbruck, 3. Aufl.1998; Klaus Volkamer: Fein­stoffliche Erweite­rung der Naturwis­sen­schaften. Wei­ßensee, 2007. 21 In der „Psi-Feld“-Theorie des Ungarn Ervin Laszlo beispielsweise erschöpft sich meine „Un­sterblichkeit“ darin, dass ich zu Lebzeiten Spuren in einem holografisch angelegten „Feld“ hinterlasse, das als „kosmisches Ge­dächtnis“ und Ordnungsprinzip fungiert: Das fünfte Feld (2000), Holos - Die Welt der neuen Wissen­schaften (2002).) 22 Zu ihnen zählt Burkhard Heim (1925-2001): Postmortale Zustände? Die televariante Area integraler Weltstrukturen, Innsbruck 2. Aufl. 1988 23 Roger Penrose: The Large, the Small and the Human Mind, Cambridge 1997, dt.: Das Große, das Kleine und der menschliche Geist, Heidelberg/Berlin 2002; ders.: Shadows of the Mind. A Search for the Missing Science of Consciousness, Oxford 1994; dt.: Schatten des Gei­stes. Wege zu einer neuen Physik des Bewusstseins, Heidelberg/Berlin/ Ox­ford 1995. 24 Rolf Froböse: Die geheime Physik des Zufalls – Quantenphänomene und Schicksal, Norderstedt 2008. 25 What the Bleep Do We Know (2004) versucht in der Machart einer „Dokumentation“, Verbin­dun­gen von Quantenphysik und Neurologie mit Spiritualität und Mystik „aufzudecken“ – sensationell erfolgreich zumindest, was seine Resonanz betrifft: Mit über einer Million Kinobesuchern in den USA und 270'000 in Deutsch­land schaffte er es in die Top 25 der meistgesehenen Dokumentarfilme aller Zeiten. 26 Ein vorbildliches Beispiel bietet die Auseinandersetzung des theoretischen Physikers Christian Sämann mit Laszlos „Psi-Feld“-Theorie, s. www.christiansaemann. de/files/holos.pdf: „Anmer­kun­gen zu Ervin Laszlos ‚HOLOS – die Welt der neuen Wissenschaften’“, 21 S. 27 s. Eduard Kaeser, „Von der Quantenphysik zur Quantenreli­gion – Wie mit einer mysteriösen Theorie alles Mysteriöse erklärt wird“, Neue Zürcher Zeitung, 16.5. 2012; Martin Lambeck, „Die Deu­tungen der Quantenphysik durch F. Capra und seine Nach­folger“, Praxis der Naturwissen­schaften/Phy­sik 2/42, 1993, S. 17-24; ders.: „Phy­sik und New Age (I) – Können sich New Age, Parawis­sen­schaften und Esoterik auf die moderne Physik stützen?“, Berliner Dialog 1995, S. 51-53; ders.: „Können Paraphäno­mene durch die Quantentheorie erklärt werden?“, Zeitschrift für Parapsychologie und Grenzgebiete der Psychologie 39 (1/2) 1997, S. 103-115; Victor J. Stenger: „Quanum Quackery“, Skeptical Inquirer, Jan/ Feb 1997). 28 Typisch dafür ein Werbetext zu Burkhard Heims Buch „Postmorta­le Zustände“: „Ist es möglich, dass (…) der Persönlichkeitskern den Tod des materiellen Körpers überlebt (…), mit einem neu entstehenden biologischen Körper Kontakt aufnimmt und sich mit diesem verkoppelt? Heim untersuchte unter anderem die Frage, welche Eigen­schaften materielle Struktu­ren be­sitzen müssen, damit solche An­kopplungen stattfinden können.“ Nach www.engon.de/protosimplex/books/b12.htm. 29 Markolf Niemz: Lucy mit c: Mit Lichtgeschwindigkeit ins Jenseits, Nor­derstedt 2005; Lucy im Licht: Dem Jenseits auf der Spur, München 2007; Lucys Vermächtnis: Der Schlüssel zur Ewigkeit, München 2009; Bin ich, wenn ich nicht mehr bin? Ein Physiker entschlüsselt die Ewigkeit, Freiburg 2011. 30 Darauf weist der Leipziger Neurologe Birk Engmann hin: „Nahtoderfahrungen. Eine Gratw­anderung zwischen Wissen und Glauben, aus historischer Per­spektive betrachtet“, Internationale Zeitschrift für Philosophie und Psy­chosomatik 1/2012; ders.: Mythos Nahtoderfahrung, Stuttgart 2011. 31 Das Quark und der Jaguar, München 1994, S. 246-257, ib. S. 254 ff. 32 Ken Wilber: Quantum Questions: Mystical Writings of the World's Great Physicists (1984) 33 Im Interview mit dem Online-Magazin Integrales Leben, s. http://integralesleben.org/de/il-home/il-integrales-leben/anwendungen/wissenschaft/quantenwirklichkeit-mystik) 34 a.a.O. 35 In einem kritischen Kommentar zu Roger Penroses Buch Das Große, das Kleine und der menschliche Geist. 36 Zur Kritik des Realismus in der Mathematik, den unter anderem Kurt Gödel und Paul Erdos vertreten haben – ihm zufolge werden Zahlen, geometrische Figuren, Strukturen und andere mathematische Gegenstände nicht erfunden, sondern entdeckt - s. das Buch Zahlensinn des Mathemati­kers und Hirnforschers Stanislas Dehaene vom Collège de France in Paris: La Bosse des maths, Paris 1997; deutsch: Der Zahlensinn oder Warum wir rechnen können, Basel 1999. 37 John Eccles/Karl Popper: Das Ich und sein Gehirn, München 1982; Eccles: Wie das Selbst sein Gehirn steuert, Berlin 1994; ders.: Die Evolution des Gehirns – die Erschaf­fung des Selbst, München 2002. 38 Rafael Ferber: Philosophische Grundbegriffe, 2003, S. 108f. 39 s. Stephen Hawking/Leonard Mlodinow: Der große Entwurf. Eine neue Erklärung des Universums, Reinbek 2010. 40 Kritik: M. R. Bennett und P. M. S. Hacker: Philosophical Foundations of Neuroscience, 2003, S. 49–57 41 Siehe die Descartes-Gesamtausga­be (Adam/Tannery), Band XI, 180 und III, 666. Die Idee der „Animal­geister“ (spiritus animalis) lässt sich bis zum griechischen Arzt Galen (2. Jh. n. Chr.) zurückverfolgen. Mit ihr versuchte Galen zu erklären, wie das Gehirn mit Sinnes- und Bewegungsorganen in Verbindung treten kann: In den Hirnkammern (Ventrikel) werde ein „psychisches Oneuma“ (pneuma psychikon) er­zeugt und in die röhrenartigen Nervenbahnen gepumpt, geradeso wie Blut aus dem Herzen in die Arterien. 42 Näheres in Harald Wiesendanger: Mit Leib und Seele – Ursprung, Ent­wicklung und Auflösung eines philosophischen Problems, Frankfurt/Ber­lin/New York 1987, S. 55-59. 43 Daniel Dennett: Philosophie des mens­chlichen Bewusstseins, Ham­burg 1994, S. 58. 44 Im Interview mit der britischen Zeitung The Guardian, 15. Mai 2011, anlässlich der Vorstellung seines Buchs Der Große Entwurf – Eine neue Erklärung des Universums, 2010. 45 William Shakespeare, Hamlet V, 2. (Hamlet) 46 Nach einer vom Spiegel in Auftrag gegebenen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts TNS Emnid Ende März 2007. 47 „Die Menschen fürchten den Tod, wie Kinder sich fürchten, im Dunkeln zu gehen“, verglich Fran­cis Bacon (1561-1626), engli­scher Philosoph, Essayist und Staats­­mann. 48 Bei der Camera silens (lat. „schweigender Raum“) handelt es sich um einen vollständig dunklen und schallisolierten Raum. Bei Häftlingen werden darin alle Sinnesorgane - Augen, Ohren, Mund, Nase, Hände, Füße, Haut – bestmöglich von jeglichen Außen­reizen abgeschirmt. 49 Siehe hierzu Harald Wiesendanger: Auf der Suche nach Sinn. Allerletzte Antworten auf letzte Fragen, Schön­brunn 2005, S. 37 ff. 50 Insofern irrte Seneca, als er beides gleichsetzte: "Wenn einer die Toten bemitleidet, so muß er auch die noch nicht Geborenen bemitleiden. Seneca: Vom glückseligen Leben, 14. Aufl. Stuttgart: Kröner, 1978, S. 146, Trostschrift an Marcia 19. Denselben hinkenden Vergleich bemühte 1800 Jahre später der deutsche Philosoph Arthur Scho­pen­hauer; „Wenn, was uns den Tod so schrecklich erscheinen läßt, der Gedanke des Nichtseyns wäre; so müßten wir mit dem gleichen Schauder der Zeit gedenken, da wir noch nicht waren. Denn es ist un­umstößlich gewiß, daß das Nichtseyn nach dem Tod nicht verschieden seyn kann von dem vor der Geburt, folglich auch nicht beklagenswerther.“ Arthur Scho­pen­hauer (1788 - 1860), deutscher Philosoph. 51 Thomas Nagel: Der Blick von nirgendwo, a.a.O., S. 386-398; ders.: Was bedeutet das alles?, Stuttgart 1990, S. 88-94. 52 So beispielsweise Bernard Williams, „Die Sache Makropulos: Reflexionen über die Langeweile der Unsterblichkeit“, in: Probleme des Selbst, Stuttgart 1978, S. 133-162. 53 in Wind, Sand und Sterne; frz.: "Ce qui donne un sens à la vie donne un sens à la mort“, in Terre des hommes, 1939, S. 234. 54 Darin folge ich dem amerikanischen Philosophen Thomas Nagel: Der Blick nach nirgendwo, a.a.O., S. 386 f. 55 Woody Allen: „Ich habe keine Angst vor dem Sterben. Ich möchte bloß nicht dabeisein, wenn es passiert.“ 56 Bis Januar 2013 sollen in den USA und Russland bereits knapp 300 Menschen in flüssigen Stick­stoff eingelagert worden sein, zu Prei­sen zwischen 50’000 und 175'000 Euro, bei manchen Anbie­tern zuzüglich Beiträgen für Mit­gliedschaft und Risikolebens­ver­sicherung. Siehe den Artikel „Kryo­nik“ bei Wikipedia.de, Ab­schnitt „Umsetzung“. 57 vgl. Markus 9,1; Johannes 21,22 58 Der Spiegel 34/2014: „Neue Heimat auf dem Mars“; "’Mars One’ wählt 1058 Teilnehmer für Mission zum Roten Planeten aus“, www.spiegel.de/wissenschaft/weltall/mars-one-waehlt-die-ersten-1058-teilnehmer-fuer-mars-mission-aus-a-941603.html. 59 Marcus Aurelius: „Nicht den Tod sollte man fürchten, sondern dass man nie beginnen wird, zu leben.“ 60 Näheres im Beitrag „Auf der Suche nach Sinn“, S. 206 ff. 61 Aus vielen Gesprächen mit Sterbenden zog die australische Palliativpflegerin Bronnie Ware den Schluss, dies seien die „Fünf Dinge, die Sterbende am meisten bedauern“ – so betitelte sie daraufhin ein Buch, das zum Bestseller wurde (11. Aufl. 2013; Or.: The Top Five Regrets of the Dying). 62 In seinem „Sermon von der Bereitung zum Sterben“ von 1519. 63 Ein Pseudonym (Harald Wiesendanger) Dieser Beitrag erschien zuerst im Buch von Harald Wiesendanger: Auswege – Kranken anders helfen (2015).

  • Der Mann ohne Gliedmaßen – Wenn ein Leben zur Botschaft wird

    Nicholas Vujicic kam ohne Beine und Arme zur Welt. Mit acht Jahren wollte er sich deshalb das Leben nehmen. Die Wende kam, als er an Gott zu glauben begann. Heute sagt er: „Wenn ich alles tun kann, ohne Gliedmaßen zu haben, dann kannst Du es auch!“ Auf Motivationstouren rund um den Globus verkündet er seine Botschaft: Jeder von uns, egal mit welchen Einschränkungen er zurechtkommen muss, hat die Chance auf ein glückliches, erfülltes Leben. Wenn im Wirtschaftswun­der­land ein verwöhnter Nachwuchs das Familien­mahl wieder mal mit Genörgel daran sabotiert, was da an Ungenießbarem bis Ekligem auf den Tisch gekommen ist, ziehen genervte Eltern mitunter die rhetorische Trumpfkarte „Dritte Welt“: „Ist dir klar, dass anderswo Kinder verhungern, während du jam­merst? Die wären froh, wenn sie auch nur eine Handvoll Reis auf dem Teller hätten. Du weißt ja gar nicht, wie gut es dir geht!“ Hilft chronisch Kranken ein ähnliches Argument? Nun ja, Tinnitus, Neu­ro­dermitis oder Multiple Skle­rose sind schlimmer als Kutteln, Griesbrei und Spinat. Aber wie schwer wiegen solche gesundheitlichen Belastungen, verglichen mit einem Leben ohne Arme und Beine? Der Verlust einzelner Gliedmaßen – durch Unfälle, im Krieg, als Krank­heitsfolge – hat Betroffene schon aus lauter Verzweiflung in den Selbst­mord getrieben. Die meisten werdenden Eltern würden sich ohne Zögern für eine Abtreibung entscheiden, falls sich im Ultraschall zeigt, dass ihrem ungeborenen Kind Arme und Beine fehlen. Wie könnten sie ein solches Kind jemals lieben: einen Krüp­pel, wie sie ihn sich in ihren grässlichsten Alpträumen nicht hätten aus­malen können? Und was für ein elendes Leben wäre das für das Kind selbst? Eine extremere Abhängigkeit von der Fürsorge Anderer scheint kaum vorstellbar. Was soll aus einem Menschen mit einer derartigen Ein­schränkung werden, was könnte er überhaupt tun, wie fände er jemals Freude, Glück und Erfüllung? Es geht. Überzeugend beweist dies ein Mann, dessen Körper tatsächlich nur aus Kopf und Rumpf besteht: der Australier Nicho­las James („Nick“) Vujicic. Am 4. Dezember 1982 kam er in Melbourne zur Welt – ohne Arme und Beine; am Ansatz des linken Oberschenkels ist nur ein verkümmerter Fuß mit zwei Zehen vorhanden. Ursache ist ein seltener Gendefekt: Tetraamelie. Der Vater, ein Büroangestellter, muss sich auf der Entbindungsstation übergeben, als er seinen Sohn zum ersten Mal sieht; seine Mutter, eine Krankenschwester, ist derart schockiert, dass es vier Monate dauert, bis sie sich dazu überwinden kann, ihr Kind in den Arm zu nehmen. „Meine Mutter hat während der Schwanger­schaft alles richtig gemacht“, sagt Nick inzwischen. „Trotzdem gibt sie sich noch immer die Schuld.“ Allmählich finden sich die Eltern mit ihrem missgebildeten, geistig aber völlig normalen Kind ab, kümmern sich rührend um es und tun ihr Mög­lichstes, ihm den Alltag bewältigen zu helfen. Im Rollstuhl besucht Nick zunächst eine Behindertenschu­le, dann wechselt er auf eine integrative Regelschule. Er lernt zu schreiben, mit dem Mund oder seinem Fuß. Doch immer ist er auf fremde Hilfe angewiesen. Er leidet entsetzlich darunter, anders zu sein: „Ich hasste Gott dafür, dass er mir das an­ge­tan hatte“, sagt er. Und „ich hatte Angst davor, was kommt, wenn meine Eltern mich nicht mehr unterstützen könnten.“ Mitschüler hänseln und mobben ihn grausam. Im Alter von acht Jahren denkt der verzweifelte Junge zum ersten Mal daran, sich umzubringen. Mit zehn Jahren versucht er es: Er stürzt sich aus einem Waschbecken, in dem er liegt. „So wollte ich mir das Genick brechen.“ Doch sein Plan scheitert, und dieses Misslingen wird für ihn zum Schlüsselerlebnis: Von da an habe er sein Leben nicht mehr als Strafe, sondern als Heraus­forderung begriffen, sagt Nick. Er fasst Mut und beschließt, „dankbar zu sein für das, was ich kann, statt wütend darüber zu sein, was ich nicht kann“. Er hört auf, mit Gott zu hadern, und findet Kraft in tiefem Glauben. Seine Lebensauf­gabe sieht er fortan darin, „anderen Menschen Hoffnung zu geben“ – dazu fühlt er sich auserwählt. Nach erfolgreichem High-School-Abschluss erwirbt er zwei Uni­versitätsabschlüsse: „Bachelors“ in Buchhaltung und Finanzplanung. Als gefragter Motivationstrainer und Prediger lebt er inzwischen in Los Angeles, Kalifornien, von wo aus er die Welt bereist und Vorträge hält, überwiegend in Schulen, in Mana­gerseminaren, in Kirchen, bei Kon­gressen - vor bis zu 100'000 Men­schen. Seinen Lebensunterhalt verdient er mit öffentlichen Auftritten, dem Verkauf zahlreicher eigener Bücher und DVDs. Er ist Präsident der gemeinnützigen Organisation Live without Limbs („Leben ohne Glied­maßen“) und Geschäftsführer des Unternehmens Attitude is altitude („Alles ist eine Frage der inneren Einstellung“). Trotz seiner extremen körperlichen Ein­schränkung bemüht sich Nick, seinen Alltag möglichst selbstständig zu bewältigen. Mit dem Zeh seines kleinen linken Fußes schreibt er 43 Wörter pro Minute auf dem Com­puter. Auch Zähneputzen gelingt ihm alleine: Seine Zahnbürste ist fest an der Wand befestigt, zum Putzen bewegt Nick seinen Kopf. Er betreibt mehrere Sportarten. Schon als er 18 Monate alt war, brachte ihm sein Vater das Schwimmen bei; dabei be­wegt er seinen Fuß wie einen Pro­peller. Er surft und fährt Skateboard: „Ich habe einen niedrigen Körper­schwerpunkt, deshalb kann ich gut die Balance halten.“ Zum Golf­spielen klemmt er den Schläger zwischen Kopf und Schulter; weit schlagen kann er damit nicht, immerhin aber einlochen. Inzwischen gelingt es Nick, mit seiner Behinderung humorvoll und selbstironisch umzugehen. Einer seiner Lieblingswitze lautet: „Give me a hug, I don´t do handshakes“ – umarme mich, ich schüttle keine Hände. Fragen ihn Kinder, was mit ihm passiert sei, flüstert er ihnen zu: „Zigaretten!“ Sein Publikum verblüfft er gerne mit einer Akrobatik­einlage, bei der er sich mit einer Art Sprung einmal um die eigene Achse dreht. Damit treibt er im Straßen­verkehr mitunter üble Scherze: „Ein­mal saß ich auf dem Beifahrersitz eines Autos, das gerade vor einer Ampel hielt. Neben mir wartete ein anderes Auto, mit einer Frau am Steuer, die mich anstarrte. Da führte ich ihr eine 360-Grad-Drehung im Sitz vor. Der Frau fiel die Kinnlade herunter, sie machte sich schnell aus dem Staub.“ Zu seinem Lebensglück trägt neuerdings eine eigene Familie bei: Am 12. Februar 2012 heiratete er seine Verlobte Kanae Miya­hara; fast genau ein Jahr später, am 13. Februar 2013, kam ihr gemeinsamer Sohn Kiyoshi James Vujicic zur Welt - kerngesund. Wozu lebt Nick? Was gibt seinem Leben Sinn? „Gott hat mich gelehrt, dass mei­ne Geschichte eine Inspiration für alle ist, mit den Herausforderun­gen des Lebens fertig zu werden“, sagt er. Mit seiner positiven Lebens­einstel­lung will er Vorbild sein. Sein Leit­motiv lautet: „Wenn ich das kann, so könnt ihr das erst recht.“ Und „wenn kein Wunder passiert, sei selbst eines!“ (Harald Wiesendanger) Dieser Betrag enthält Auszüge aus dem Buch von Harald Wiesendanger: Auswege – Kranken anders helfen (2015)

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