top of page

Stichwort-Suche

368 Ergebnisse gefunden mit einer leeren Suche

  • Teufelszeug

    Seelischen Erkrankungen lässt sich am besten mit synthetischer Chemie beikommen, versichern uns Psychiater. Dass Psychopharmaka „wirksam, sicher und gut verträglich“ sind, sei wissenschaftlich bewiesen. Dieses Märchen entspringt den Marketingabteilungen von Arzneimittelherstellern: Sie sorgen dafür, dass der Nutzen ihrer hochgiftigen Drogen übertrieben, Nebenwirkungen und Gefahren heruntergespielt und verschwiegen werden. Warum Helga niemals Traci kennenlernen kann Traci Johnson? „Nie gehört, ken­ne ich nicht“, hätte Helga* wohl gesagt, wenn ich sie darauf angesprochen hätte, während sie Anfang Mai 2014 an einem Therapiecamp der Stiftung Auswege teilnahm. Dass die beiden einander jemals begegnen, ist ausgeschlossen. Denn die 52-jährige Wirtschaftskauffrau aus Magdeburg trennen von der 19-jährigen Studentin aus Indianapolis nicht nur 7000 Kilometer Luftlinie – sondern der Umstand, dass die eine noch lebt, die andere nicht mehr. Was hatte Helga ins „Auswege“-Camp geführt? Seit Mitte der achtziger Jahre litt sie an Depressionen, begleitet von rätselhaften Dauerschmerzen am ganzen Körper. Wegen „erheblicher Minderung der Erwerbsfähigkeit“ wurde sie 2004 frühberentet. Große Hoffnung hatte sie auf Cymbalta gesetzt, ein neues Psychopharmakon mit dem Wirkstoff Duloxetin. Trotzdem ging es Helga nicht besser, im Gegenteil: Weil ihr zusätzlich ein unentwegter Schwindel, Bewegungsstörungen, Gangunsicherheit und ständi­ges Kopfweh zu schaffen machten, suchte sie im Juli 2005 einen Facharzt für Allgemeinmedizin auf. Dessen Befundbericht unterstrich, wie dringend sie einer weiteren medikamentösen Therapie bedürfe: „In ihrer Alltags­taug­lichkeit“, so heißt es darin, sei die Frau „erheblich eingeschränkt. Das Verlassen der Wohnung ist ihr nicht alleine möglich. Bei allen Verrichtungen im Alltag ist sie auf die Hilfe ihres Ehemannes angewiesen. Am öffentlichen Leben kann sie nicht mehr teilnehmen. Eine Besserung ist nicht zu erwarten.“ Doch hin und wieder geschieht auch das Unerwartete. Am Anreisetag erlebte Helga „eine wunderbare Kennenlernrunde, ich habe mich gleich wohlgefühlt“, schrieb sie in ihr Tagebuch – und das, obwohl ihr vermeintlich unentbehrlicher Ehemann nicht hatte mitkommen können. Trotzdem nahm sie am „öffentlichen Le­ben“ im und ums Camphaus unein­geschränkt alltagstauglich teil. „Sehr angenehme“ Heilsitzungen vermittel­ten ihr „ein wunderbar leichtes Gefühl“. Unter den zwanzig Campteilnehmern machte niemand deutlichere Fortschritte als Helga: Sämtliche gesundheitli­chen Belastungen ließen bis Campende erheblich nach, zeitweilig schienen sie wie weggeblasen; und endlich schlief sie wieder lang und tief. Während der Heilwoche blühte sie auf, wirkte gelöst und voller Energie. „Mein Körpergefühl ist besser geworden, ich bin fröhlicher“, notierte sie abschließend. „Alles ist möglich! Bin hap­py!!!“ (Drei Ausrufezeichen.) In der zweiten Camphälfte wirkte Helga wie ausgewechselt: Aufgeschlossen suchte sie Kontakt zu anderen Teilnehmern, immer öfter sah man sie vergnügt lächeln, ja hörte sie lauthals lachen. Als „bereichernd“ empfand sie „die gemischte Teilnehmergruppe“: So „konnte ich lernen, was für Schicksale Andere tragen, und meine eigenen Ängste abbauen. Wenn ich ihr Elend sehe, leide ich mit“. Gemessen an deren Belastungen wurde ihr klar, „was ich schon wieder alles kann“. Ein „Gefühl der Sicherheit“ vermittelte ihr, dass „ich jederzeit die Therapeuten erreichen und fragen konnte“. In den alltäglichen „Morgenkreisen“, mit denen jeder Behandlungstag nach dem gemeinsamen Frühstück beginnt, amüsierte sie die versammelte Runde mit köstlichen Gedich­ten Marke Eigenbau. Einmal streifte sie sich ein knallgelbes „Auswege“-T-Shirt über, schnappte sich Verkaufsartikel von einem Infotisch der Stiftung und bot sie wortgewandt feil, „denn hier muss endlich mal richtig gute Werbung gemacht werden“. Schmerzen, Schwindel, Depressionen? Keine Spur mehr. In ihrem Tagebuch tauchte 21-mal das Wort „Danke“ auf. Einen Gruppentanz am Abschiedstag empfand sie als „Tanz in mein neues Leben“. Wie war diese enorme Verwandlung möglich, innerhalb von nur siebeneinhalb Behandlungstagen? Im Mittelpunkt von Helgas Heilsitzungen standen eingehende Gespräche über die seelischen Hintergründe ihrer ausgeprägten Beschwerden: „Sie war eine verunsicherte, frustrierte Frau“, notierte der leitende Camparzt abschließend, „vermutlich mit Schwierigkeiten im Beruf und privat. Die verschiedenen Diagnosen waren gute Ausreden für ihre Welt-Enttäuschung, ihre Hilflosigkeit und wohl auch ihre Wut. Aufklärende Gespräche über den tieferen Sinn ihrer Leiden und deren Bearbeitungsmög­lich­- kei­ten scheinen ihr Denken sehr rasch verändert zu haben. Offenkundig führten sie zu neuer Zuversicht, ja Lebensfreude.“ Womöglich wäre Helga viel erspart geblieben, wenn ihr neun Jahre zuvor, am 12. Februar 2004, die New York Times in die Hände gefallen wäre. (1) Darin wäre sie auf einen Artikel gestoßen, in dessen Mittelpunkt eben jene Traci Johnson stand, der sie nie begegnen wird. Am 7. Februar 2004 erhängte sich die Collegestudentin mit einem Schal an der Stange eines Duschvorhangs – in einem von dem Pharmakonzern Eli Lilly betriebenen Labor. Dort hatte sie als Versuchsperson an einem klinischen Test über Duloxetin teilgenommen, um damit ihre Studiengebühren zu finanzieren. Zuvor hatten beteiligte Ärzte sie gründlich untersucht, um Depressionen oder Suizidneigungen auszuschließen. Vor Studienbeginn war Traci allem Anschein nach eine psychisch kerngesunde, ausgeglichene, ehrgeizige junge Frau gewesen, mit klaren Berufszielen und Lebensträumen. Hatte Duloxetin den Selbstmord ausgelöst? Oder handelte es sich bei Tracis Tod im Februar 2004 um eine „isolierte Tra­gödie“, wie Eli Lilly abwiegelte? Fünf Monate zuvor hatte die Firma in über 30 Ländern die Zulassung für das Präparat Yentreve erreicht, das eben jenen Wirkstoff Duloxetin enthielt: einen „Selektiven Serotonin-Noradrenalinhemmer“ (SSNRI). Er soll verhindern, dass Rezeptoren von Nerven­zellen im Gehirn und Rückenmark die bei­den Botenstoffe Serotonin und Noradrenalin aufnehmen, die vorgeschaltete Nervenzellen ausschütten. So blockiert er die elektrochemische Signalübertragung „selek­tiv“. Die Zulassung von Yentreve blieb allerdings auf ein einziges Anwendungsgebiet beschränkt: stress­bedingte Harninkontinenz. Aber warum bloß 50 bis 200 Millionen Blasenschwache auf unserem Planeten ins Visier nehmen? Da geht mehr. Ja, es muss. Denn Eli Lilly stand unter gehörigem Druck: Im August 2001 war das Patent für seinen Kassenschlager Prozac (Fluoxetin) abgelaufen, ein Antidepressivum, das weltweit 40 Millionen Menschen schluck­ten (2); noch im Vorjahr hatte es ein Viertel zu den zehn Milliarden Dollar Jahresumsatz des Pharmariesen beigetragen. Innerhalb eines einzigen Tages brach sein Börsenkurs daraufhin um ein Drittel ein. (3) Es musste schleunigst Ersatz her. Also versuchte Eli Lilly fieberhaft, klinische Belege dafür beizubringen, dass der Wirkstoff Duloxetin auch Depressionen beikommt. Und damit war der Konzern erfolgreich: Im August 2004, ein halbes Jahr nach Tracis Tod, erlaubte die oberste amerikanische Arzneimittelbehörde, die FDA (Food and Drug Administration), diesen erweiterten Einsatz; es bestehe „kein ursächlicher Zusammenhang“ zwischen dem Selbstmord und Duloxetin. (4) Und so kam die Substanz unter neuem Han­dels­­namen als Antidepressivum auf den Markt: „Cymbalta“. Bald darauf genehmigte die FDA auch den Einsatz bei Angstzuständen und Schmerzen, die von Diabetes oder einer Fibromyalgie herrührten, einer tückischen Erkrankung, die sich in allgemeinen Muskel- und Bindegewebsschmerzen so­wie in Druckschmerz über bestimmten Schmerzpunkten („Tender Points") äußert. (5) Im Dezember 2004 gab Europas oberste Arzneimittelbehörde EMA grünes Licht für die EU-weite Anwendung gegen depressive Episoden, 2008 gegen „generalisierte Angststörungen“, 2009 auch gegen chronisch verlaufende Depressionen. Bis Jahresende 2004 erzielte der Pharmakonzern mit Cymbalta bereits einen Umsatz von 61,3 Millionen Dollar. Im ersten Quartal 2005 stieg er auf 106,8 Millionen Dollar an, dann explodierte er regelrecht: 2012 lag er bei 5,7 Milliarden Dollar, 2013 bei 5,1 Milliarden, 2014 immerhin noch bei 1,6 Milliarden, 2014 bei 1,02 Milliar­den. Zeitweilig lag Cymbalta auf Platz Neun der weltweit meistverkauften Arzneimittel. (6) Doch warum zog Eli Lilly im Januar 2005 merkwürdigerweise das inhaltsgleiche Yentreve vom Markt zurück? Weil die Firma neue Erkenntnisse über unerwünschte Nebenwirkungen hatte? Wenn ja, was bedeutete das für die angebliche Unbedenklichkeit des wirkstoffidentischen Cymbalta? Die Medizinjournalistin Jeanne Lenzer, bei Big Pharma seit längerem als investigative Nervensäge verhasst, wurde stutzig. Unter Berufung auf den Freedom of Information Act – ein in den USA 1967 in Kraft getretenes Gesetz zur Informationsfreiheit, das jedermann das Recht einräumt, Zugang zu Dokumenten von staatlichen Behörden zu erhalten - beantragte sie im Mai 2005 bei der FDA, alle sicherheitsrelevanten Daten zu Cymbalta und Yentreve einsehen zu dürfen. Daraufhin erhielt Lenzer einen hochbrisanten Datensatz. Er enthielt Angaben zu 13 Selbstmorden und 41 weiteren Todesfällen unter Patienten, die Cymbalta eingenommen hatten. Allerdings fehlte darin jeglicher Hinweis auf Traci Johnson und vier weitere Testpersonen, die sich umgebracht hatten, kurz nachdem ihnen Cymbalta verabreicht worden war. Als die Journalistin deswegen nachfragte, verweigerte die FDA weitere Auskünfte. Die Begründung der Behörde war an Absurdität kaum zu überbieten: Bundesgesetze verböten ihr, Studienergebnisse über ein nicht zugelassenes Arzneimittel zu herauszurücken. Sie sei gezwungen, Geschäftsgeheimnisse der Firma zu wahren. In der Tat: Grünes Licht hatte sie nur für Cymbalta gegeben, nicht aber für Yentreve als Antidepressivum. Aber bestanden beide Präparate nicht aus ein und demselben Molekül? Abgesehen davon, dass die Stellungnahme der FDA ein bezeichnendes Licht auf ihre wahren Prioritäten wirft: Das Gesetz, auf das sie sich berief, existierte gar nicht. (7) Eli Lilly gestand nun, mindestens zwei der Todesfälle verschwie­gen zu haben. Von anonymen Informanten erfuhr Lenzer, dass Duloxetin Selbstmordneigungen auch bei nichtdepressiven Patienten auslöst, die das Mittel gegen Harninkontinenz einnehmen. Jetzt erst räumte die FDA ein, ihr vorliegende Studiendaten hätten gezeigt, dass sich bei Frauen mittleren Alters, die Duloxetin einge­nommen hatten, die Suizidversuchsquote mehr als verdoppelte. (8) Und erst 2012 gab sie zu: Seit längerem häuften sich bei ihr Berichte, denen zufolge es nach Absetzen von Duloxetin bei fast je­dem zweiten Patienten zu schwereren, länger anhaltenden Ent­zugs­erscheinungen kommt als bei jedem anderen von ihr überwachten Präparat (9): von Schwindel, Übelkeit, Erbrechen und Durch­­fall über Kopfschmerzen und Schweißausbrüche bis hin zu Wahrnehmungsstörungen, Reizbarkeit und Angst. Trotzdem ist Cymbalta weiterhin auf dem Markt, auch in Deutschland. Den Segen dazu gab im August 2009 das staatliche „Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen“ (IQWiG) in Köln, gestützt auf den 930-seitigen Bericht dreier psychiatrischer Sachverständiger: Für Duloxetin läge „kein Beleg für einen Schaden“ vor. (10) Hin­gegen gebe es überzeugende Hinweise darauf, dass die Substanz nicht nur die Symptome einer Depression hervorragend lindere, sondern auch vor Rückfällen schützen könne. Diese Hinweise stammten woher? Aus herstellerfinanzierten Studien. Wie faustdick bei dieser Auftragsforschung gelogen und vertuscht wurde, deckte ein Jahr später ein zehnköpfiges IQWiG-Medizinerteam um Yvonne Schüler auf, nachdem es unter anderem 16 Duloxetin-Studien mit insgesamt über 5400 Versuchspersonen sichtete. Ein Großteil dieser Studien hatte bereits vorgelegen, als IQWiG grünes Licht gab. Alles in allem, schlossen die Forscher, „weist Duloxetin keinerlei Vorteile gegenüber anderen Antidepressiva auf, wird aber schlechter vertragen“, ablesbar an deutlich höheren Abbruchraten wegen unerträglicher Nebenwirkungen. (11) War Helga von ihrem Arzt über die Gefährlichkeit von Cymbalta aufgeklärt worden? Hatte er sie auf das erhöhte Suizidrisiko hingewiesen, auf den drohenden Verlust ihrer Sexualität, auf die Gefahr stark erhöhten Blutdrucks, von Herzbeschwerden und Leber­- schäden? Nicht im entferntesten. Hatte er jemals erwogen, ob Helgas Symptome von eben jenem Psychopharmakon, das er gegen sie ver­schrieb, überhaupt erst erzeugt wurden, zumindest teilweise? Niemals. Dabei hätte er bloß den Beipackzettel lesen müssen. Dank ihrer Campwoche entkam die glückliche Helga mit knapper Not dem Zugriff unseres seltsam pharmalastigen Gesundheitswesens. Und nicht nur sie: Ein Großteil der seelisch belasteten Teilnehmer, die seit über einem Jahrzehnt an den Therapiecamps der Stiftung Auswege teilnehmen, hatte zuvor routinemäßig Psychopharmaka bekommen. Doch dort verzichtet man darauf, ­vollstän­dig und aus­nahmslos – und das erwies sich bislang in ­keinem einzigen Fall als fahrlässige Unterlassungssünde. Im Gegenteil: Ohne pharmazeutische Krücken ging es den meisten Campbesuchern nach acht Behandlungstagen besser als all die Monate und Jahre zuvor, in denen sie verordnete Pillen gutgläubig schluckten. Was lehrt diese Bilanz darüber, wie wertvoll und unverzichtbar die vielgepriesenen Drogen der Psychiatrie sind? Anmerkungen 1 Gardiner Harris: „Student, 19, in Trial of New Antidepressant Commits Suicide“, New York Times 12.2.2004; s. auch Jeanne Lenzer/Nicholas Pyke: „Was Traci Johnston driven to suicide by anti-depressants? That´s a trade secret, say US officials“, Independent, 19.6.2005; online: http://ahrp.org/was-traci-johnson-driven-to-suicide-by-anti-depressants-thats-a-trade-secret-say-us-officials; J. Lenzer: „Drug Secrets – What the FDA isn´t telling“, Slate 27.9.2005, www.slate.­com/articles/news_ and_politics/ slate_fare/2006/08/about_us.html; abgerufen am 7.1.2017. 2 The Guardian, 27.2.2008: „The creation of the Prozac myth“. 3 Nach Jeanne Lenzer: „Was Traci Johnston driven ...“, a.a.O. 4 New York Times, 13.8.2004: „Company News; U.S. finds no link between a suicide and a Lilly drug“. 5 New York Times, 28.11.2008: „Drug Company Withdraws Application“. 6 Apotheke Adhoc: „Die 20 meistverkauften Arzneimittel der Welt“, 6.1.2017, www.apotheke-adhoc.de; Statista: „Umsatz der wichtigsten Arzneimittel des Pharmaunternehmens Eli Lilly in den Jahren 2013 bis 2015“, https://de.statista.com; abgerufen am 7.1.2017. 7 Sarah Corriher: „The Pharmaceutical Tragedy of Kurt Danish“, Health Wyze Report, 19.6.2008, http://healthwyze.org/reports/163-kurt-danysh, abgerufen am 7.1.2017. 8 FDA: „Historical information on duloxetine hydrochlorode (marketed as Cymbalta“, www.fda.gov/ Drugs/DrugSafety/PostmarketDrugSafetyInformationforPatientsandProviders/ucm114970.htm, 6/2005, abgerufen am 7.1.2017. 9 D. G. Perahia u.a.: „Symptoms following abrupt discontinuation of duloxetine treatment in patients with major depressive disorder“, Journal of Affective Disorders 89/2005, S. 207-212; T. J. Moore u.a.: „Why reports of serious adverse drug events continue to grow“, FDA MedWatch Reports, Quarter Watch Monitoring, 3.10.2012. 10 www.iqwig.de/download/A05-20A_Abschlussbericht_SNRI_bei_Patienten_mit_Depressionen_V1-1.pdf. 11 Yvonne-B. Schüler u.a.: „A systematic review of duloxetine and venlafaxine in major depression, including unpublished data“, Acta Psychiatrica Scandinavica 123 (4) 2011, S. 247-265. Bei diesem Text handelt es sich um den ersten Abschnitt des Buchs von Harald Wiesendanger: Teufelszeug - Warum wir von Psychopharmaka fast immer die Finger lassen sollten (2017). Zwölf Marketing-Märchen der pharmalastigen Psychiatrie widme ich das Buch Unheilkunde (2017).

  • Psi-Diagnostik - Wenn Schweigen Gold ist

    Die meisten Heiler behandeln nicht nur - sie konfrontieren Hilfesuchende mit vermeintlich außersinnlichen Diagnosen, im Vertrauen auf ihre Fähigkeit, mutmaßliche Ursachen eines gesundheitlichen Problems, die schulmedizinisch nicht feststellbar sind, zuverlässig zu identifizieren. Solche “Enthüllungen” sind meist gut gemeint - und fast immer unbedacht, verantwortungslos und kontraproduktiv, getragen von Selbstüberschätzung und ohne Rücksicht darauf, wieviel Unheil sie beim Patienten anrichten können. Wer zu wissen meint, jemand schwebe in Gefahr – hat er nicht das Recht, den mutmaßlich Bedrohten unverzüglich zu warnen? Ist er nicht sogar moralisch verpflichtet dazu? Das hängt davon ab, wie sicher er sich sein darf. Nach allem, was wir über die physikalischen Kräfte wissen, die eine abgehende Lawine, ein heranbrausendes Auto entfalten kann, sollten wir lauthals „Achtung!“ brüllen, wenn wir eins von beiden auf einen Ahnungslosen hinterrücks zurollen sehen. Andernfalls machen wir uns unterlassener Hilfeleistung schuldig. Doch was ist, wenn die vermeintliche Gefahrenquelle unsichtbar in einem Anderen steckt? Ein Blutgerinnsel etwa, eine Entzündung, ein Virenbefall oder ein bösartiger Tumor, von denen der Betroffene nichts ahnt, weil sie noch keinerlei Beschwerden verursachen? Dann geht es um Warnungen, die sich medizinisch abklären lassen, mittels bewährter Diagnostik. Also sollte er dem vermeintlich Gefährdeten nahelegen, einen Arzt aufzusuchen – möglichst behutsam, ohne ihn zu verängstigen; denn in der Blut- oder Stuhlanalyse, im Röntgenbild, im CT oder MRT könnte sich erweisen, dass der Warner falschen Alarm gab. Aber wenn sich der mutmaßliche Krankheitsherd jeglicher unabhängigen, objektiven Überprüfung entzieht? Psi-Diagnostiker verblüffen Ärzte Was sich vom 4. bis 30. Juni 1990 im Militärkrankenhaus der bulgarischen Donaustadt Rousse zutrug, lässt Mediziner, die daran beteiligt waren, bis heute ins Schwärmen geraten. Unter ständiger Aufsicht einer vierköpfigen Ärztekommission sollte die bulgarische Geistheilerin Krassimira Dimowa zeigen, was sie kann. Dabei hatte sie nicht nur mehreren Dutzend chronisch Kranken die Hände aufzulegen - geprüft wurden auch ihre angeblichen diagnostischen Fähigkeiten. Dazu wurden ihr fünf Patienten vorgeführt, denen nicht im geringsten anzusehen war, woran sie litten. Die ärztlichen Diagnosen, die der Heilerin natürlich verschwiegen wurden, lauteten: Tumor an beiden Eierstöcken; Spondylitis tuberculosa, die häufigste Form der Skelett-Tuberkulose, bei der Entzündungen in allen Abschnitten der Wirbelsäule auftreten können; ein retriperitonealer, d.h. hinter dem Bauchfell gelegener Tumor; eine bösartige Geschwulst am Blinddarm, mit Metastasen an der Leber; knotige Verhärtungen in der linken Brust. Bei jedem Patienten glitten Dimowas Hände zunächst wie suchend um den ganzen Körper herum; die Bewegungen stockten, sobald die Heilerin fündig geworden schien. In allen fünf Fällen verblüffte sie die Ärztekommission: Was sie erspürte, deckte sich ausnahmslos mit dem pathologischen Befund. Auch wenn "die Heilerin ihre Diagnosen nicht präzise formulierte", so "lokalisierte sie doch die betroffenen Bereiche, gab deren Grenzen und Größen an, beschrieb den Grad der Bös- oder Gutartigkeit", wie die Klinik in ihrem Abschlussbericht hervorhebt. Auch war Frau Dimowa imstande, zwischen "lokalen (örtlich eingrenzbaren) Erkrankungen und allgemeinen Erkrankungen mit lokalem Ausdruck zu unterscheiden." (1) Für eine ähnlich verblüffende Treffsicherheit ihrer intuitiven Diagnosen hochgelobt wurden ärztlicherseits auch schon andere Heiler. Der US-Neurochirurg Norman Shealy bescheinigte der amerikanischen Heilerin Carolyn Myss, die heute in Chicago lebt, in 93 Prozent aller Fälle habe sie „präzise“ angeben können, was einem Patienten fehlte – allein anhand von deren Namen und Geburtsdatum. (2) Dem Heiler Henry Rucker, der in den siebziger Jahren als Pastoralberater am St. Francis Hospital in LaCrosse, Wisconsin, tätig war – er starb 82-jährig im Jahr 2003 -, bescheinigte er eine Diagnosegenauigkeit von 70 Prozent, „ohne den Patienten zu sehen“. (3) Im deutschsprachigen Raum sorgte die Heilerin Alena Jöstl für Schlagzeilen, die ab 1998 neun Jahre lang am Kantonsspital Glarus in St. Gallen, Schweiz, tätig war, bis ihr Fürsprecher und Förderer, der dortigen Chefarzts Prof. Kaspar Rhyner, 2007 in Pension ging. Jöstl behauptete, sie könne „die Energiebahnen im Körper zu sehen“, die sie mit Farbstiften auf Papier malte, und daran Störungen, Mängel und Blockaden zu erkennen. „Nach den ersten Monaten mit ihr“, sagt Dr. Jakob Brunner, damaliger Leitender Arzt auf der Medizinischen Abteilung, „mussten wir uns eingestehen: Diese Frau hat ganz klar seherische Fähigkeiten. Die kann einen Menschen lesen.“ (4) Vom „Röntgenblick“ bis zu Eingebungen aus dem Jenseits: die Vielfalt intuitiver Diagnostik Wie die genannten Vier, so "behandeln" die meisten Geistheiler nicht nur - sie meinen auch außersinnlich zu erkennen, was Hilfesuchenden fehlt. Parapsychologen sprechen von Psi-Diagnostik: einem anscheinend intuitiven Wissen über Krankheiten - sei es über ihre Art, ihre Ursache oder ihren Verlauf -, das offenbar paranormalen Ursprungs ist, weil es weder aus unmittelbaren Beobachtungen von körperlichen Merkmalen, Verhaltensweisen und Äußerungen eines Patienten gewonnen noch aus Vorkenntnissen über ihn und bekannte medizinische Gesetzmäßigkeiten erschlossen worden sein kann. Am verbreitetsten sind dabei (5) - Aurafühlen, das Erspüren eines oder mehrerer "Energiekörper", die den physischen Leib durchdringen und erhalten. Mit bloßen Händen werden deren Unregelmäßigkeiten erspürt - z.B. abnorme Wärme oder "Dichte" in bestimmten Bereichen - und daraus auf Krankheiten geschlossen; - Aurasehen, visuelle Eindrücke eines oder mehrerer leuchtender Hüllen um den Körper, mit bedeutsamen Unterschieden in der Farbe, Ausdehnung und Geschlossenheit; - "Röntgenblick", das hellsichtige "Durchleuchten" des Körpers wie mit Röntgenaugen, das einzelne Organe, ihre Strukturen und Funktionsweisen erkennbar machen soll; - Empathie ("Mitfühlen"): Manche Heiler spüren die Beschwerden ihrer Klienten buchstäblich am eigenen Leib; - Symbolische Visionen: Vorstellungsbilder tauchen auf, die ein Leiden symbolisch darstellen, z.B. ein Nervenleiden als zerrissene Drähte; - Mediumismus: Jenseitige "Geistwesen" benutzen den Heiler anscheinend als Werkzeug, um durch ihn ihre überlegenen medizinischen Kenntnisse und Fähigkeiten in den Dienst an Kranken zu stellen; - Psychometrie: In Abwesenheit von Hilfesuchenden genügt manchen Heilern irgendein persönlicher Gegenstand (z.B. ein Foto, eine Haarlocke, eine Handschrift), aus dem sie "lesen". Psi-Diagnosen: Grenzen und Gefahren Nahezu jeder Geistheiler lässt irgendwann im Laufe der Behandlung durchblicken, dass er auf die eine oder andere Weise außersinnlich erfasst, was dem Patienten fehlt. Das lässt viele Patienten hoffen, deren Leidensursachen von Ärzten entweder gar nicht, widersprüchlich oder offenbar falsch diagnostiziert worden sind, worauf therapeutische Fehlschläge hindeuten. Und je stärker Verzweifelte hoffen, desto leichter verlieren sie die nötige kritische Distanz. Um so größer ist die Enttäuschung, wenn die hohen Erwartungen nicht erfüllt werden - um so größer auch die Gefahr, durch diese Erwartungen irregeleitet zu werden. Wer als Patient Psi-Diagnosen sucht - oder von Geistheilern unaufgefordert damit konfrontiert wird -, muss sich über deren Grenzen im klaren sein, um keinen Schaden zu nehmen (6): 1. Zwischen Psi-Diagnostikern bestehen beträchtliche Qualitätsunterschiede. In wissenschaftlichen Tests erzielten einzelne herausragende Könner zwar atemberaubende Trefferquoten; doch die meisten blieben im Bereich der Zufallswahrscheinlichkeit richtigen Ratens. 2. Selbst die Allerbesten können irren - und liegen in Einzelfällen haarsträubend daneben. 3. Wie jedes außersinnliche Wahrnehmungsvermögen, so unterliegt auch die Psi-Diagnostik einem unberechenbaren Auf und Ab. Publik werden immer nur Leistungen, die in optimaler seelischer und geistiger Verfassung unter günstigen äußeren Bedingungen erzielt worden sind; aber auch Hellseher haben, wie alle Berufsgruppen, gute und schlechte Tage. 4. Psi-Diagnosen fallen fast immer zu allgemein, vage und mehrdeutig aus, um brauchbar zu sein, d. h. eine gezielte Suche nach Krankheitsursachen und darauf abgestimmte therapeutische Maßnahmen zu ermöglichen. Dies rührt zum Teil daher, dass die erhaltenen Eindrücke selbst verschwommen oder symbolisch verschlüsselt sind, zum Teil auch daher, dass es Hellsichtigen im allgemeinen an dem nötigen medizinischen Wissen mangelt, sie richtig zu interpretieren. 5. Oft nennen Psi-Diagnostiker eine derartige Vielzahl von angeblich vorliegenden Krankheiten, dass irgendeine daraus mit großer Wahrscheinlichkeit zutreffen wird. 6. Die Übereinstimmung verschiedener Psi-Diagnostiker bezüglich ein und desselben Patienten ist weit davon entfernt, hundertprozentig zu sein. (Dass dies auch für Vertreter anerkannter Heilberufe gilt, ist für Hilfesuchende ein schwacher Trost.) 7. Oft irren sich Psi-Diagnostiker in der Zeit. Wie kann ein Seher Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verwechseln, während er im übrigen recht behält? Außersinnliche Eindrücke, wie alle geistigen Bilder, sind "zeitneutral": Ein und derselbe Bewusstseinsinhalt kann eine Erinnerung, eine Wahrnehmung oder eine Erwartung sein. Dies auseinanderzuhalten, fällt Sensitiven selbst dann schwer, wenn ihre Angaben im übrigen zutreffen. Dadurch sorgen sie bei Klienten oftmals für erhebliche Verwirrung. Auch über- oder unterschätzen sie Zeiträume häufig. 8. Oft scheinen Psi-Diagnostiker telepathisch aufzunehmen, was ihre Klienten oder deren Bezugspersonen an Ahnungen, Befürchtungen und Vorstellungen mitbringen, und verwechseln sie mit eigenen hellsichtigen Erkenntnissen. Auch daraus können gravierende Diagnosefehler entstehen. 9. Anders als Diagnosegeräte sind Heiler nie frei von subjektiven Empfindungen, Eindrücken, Assoziationen, Erinnerungen und Emotionen. Sie beeinflussen diagnostische Intuitionen zwangsläufig. Aber bietet die unkonventionelle Medizin nicht reichlich Verfahren, subjektive Eindrücke zu „objektivieren“: beispielsweise der Muskeltest in der Angewandten Kinesiologie, Pendel und Rute in der medizinischen Radiästhesie? Längst hat sich in Tests erwiesen, dass selbst erfahrene Anwender nicht dagegen gefeit sind, unbewussten Vorannahmen folgend einen ausgestreckten Arm mal stärker, mal leichter zu drücken – und ihr radiästhetisches Gerät entsprechend zu bewegen. Hilft apparative Messtechnik weiter? Doch ob nun die Kirlan-Fotografie (7) - und erst recht die populären „Aura-Kameras“ auf Esoterikmessen –, die GDV-Technik des St. Petersburger Biophysikers Prof. Konstantin Korotkov (8), die „Energetische Terminalpunkt-Diagnostik“ (ETD) des Heilpraktikers Peter Mandel (9) oder die „Energetische Meridianmessung mit Prognos A(R)“ (10): sie alle sind weit davon entfernt, zuverlässig und objektiv zu sein. Kurzum, außerhalb der konventionellen Medizin existiert bislang kein einziges Verfahren, das verborgene Krankheitsursachen im Körperinneren, oder gar „unkörperlich“-„feinstoffliche“, zuverlässig und intersubjektiv nachprüfbar identifizieren kann. Schon gar nicht liegt bisher irgendeines vor, das prognostisch relevant wäre, d.h. verlässliche Voraussagen darüber erlaubt, welche physische oder psychische Erkrankung demnächst oder jemals ausbrechen könnte. Für Psi-Diagnostiker, wie subjektiv überzeugt auch immer, kann der Schluss daraus nur lauten: Schweigen ist Gold. Warnungen an Hilfesuchende Und welche Schlüsse hat ein Patient daraus zu ziehen? Sollte er, angesichts der zahlreichen Fehlerquellen und Gefahren, lieber gar nicht erst danach fragen, worauf ein Heiler sein Leiden zurückführt - oder weghören, nicht weiter ernst nehmen, was ihm darüber vorgetragen wird? Aber auch der Heiler selbst gerät in eine Zwickmühle: Soll er seine Klienten darüber aufklären, was er über ihr Leiden außersinnlich zu erkennen meint - und sie dadurch vielleicht unnötig ängstigen? Oder soll er verschweigen, was er sicher zu wissen glaubt - und somit eine frühzeitige, möglicherweise sogar lebenswichtige Warnung unterlassen, zu der er moralisch verpflichtet wäre? Auch wenn Psi-Diagnosen von Unfehlbarkeit weit entfernt sind, Richtiges und Falsches meist unentwirrbar vermischt sind: Könnten sie nicht doch zumindest wichtige Fingerzeige, erste Anhaltspunkte liefern? Statt sie ohne weiteres für bare Münze zu nehmen, sollte sie der Patient schleunigst ärztlich überprüfen lassen. Nur so lässt sich ihr Gefahrenpotential entschärfen. Aber wie verhält man sich bei Psi-Diagnosen, deren Überprüfung unmöglich ist? Das hängt von der Art des Befundes ab. Die meisten Geistheiler beschränken sich auf den Bereich des "Energetischen": Sie treffen Aussagen über den Zustand Ihrer Aura ("Im Magenbereich ist sie dunkler und schwächer") oder über Ströme und Gleichgewichte Ihrer Lebensenergie ("Der X-Meridian ist blockiert", "Ihr Y-Chakra arbeitet nicht richtig"). Diese angeblichen energetischen Störungen haben sich entweder bereits körperlich ausgedrückt - dann müssten sie, sofern sie keine Hirngespinste sind, über kurz oder lang auch von einem gewissenhaften Schulmediziner feststellbar sein. Oder sie beschränken sich bisher nur aufs Unkörperliche - dann disponieren sie allenfalls zu entsprechenden Erkrankungen, müssen aber nicht und niemals manifest werden. Denn zu den zentralen Annahmen der energetischen Medizin gehört es, dass jene inneren Prozesse, die über Gesundheit oder Krankheit entscheiden, nicht autonom ablaufen, sondern durch eine geeignete Geisteshaltung, psychische Verfassung und Lebensführung nahezu grenzenlos steuerbar sind: etwa durch größere innere Ruhe und Gelassenheit, durch bewussteres, tieferes und ruhigeres Atmen, durch freiere, unverkrampftere Körperhaltung und Bewegung, durch den Abbau von Ängsten, Aggressionen und Konflikten, durch positives Denken und bestärkende Autosuggestionen – und eben auch durch „geistig-energetische“ Einwirkungen von außen, durch einen sogenannten „Heiler“. Sich darum zu bemühen, ist in jedem Fall empfehlenswert - gleichgültig, ob die energetische Diagnose zutrifft oder nicht. Was ist Hilfesuchenden zu raten, denen ein Psi-Diagnostiker, vorgeblich "außersinnlich", eine lebensbedrohliche Erkrankung "ansieht" und den nahen Tod prophezeit? Von ihm sollten sie sich unverzüglich verabschieden. Denn er verstößt verantwortungslos gegen eine ethische Grundforderung an seriöse Heilbemühungen: Patienten darf keine Angst gemacht werden - denn diese Angst kann jene Katastrophe, auf die sich bezieht, überhaupt erst herbeiführen. Wer hypochondrisch einen Tumor in seinem Körper vermutet, wird ihn mit großer Wahrscheinlichkeit irgendwann auch einmal bekommen - vermittelt über neuroimmunologische Prozesse, die seine Psyche unter anhaltendem Angststress in Gang setzt und chronisch aufrechterhält. Viele Psi-Diagnosen wirken als self-fulfilling prophecies, als Prophezeiungen, die sich selbst erfüllen. Konfrontiert mit vermeintlichen "Enthüllungen" über versteckte Leiden oder die wahren Ursachen offensichtlicher Beschwerden, achten Patienten anschließend in der Regel besonders aufmerksam auf entsprechende Anzeichen; viele beginnen sie geradezu ängstlich zu erwarten. So kann eine übersinnlich festgestellte "Magenschwäche" dann leicht zu passenden Symptomen führen, auch wenn zum Zeitpunkt der Diagnose noch keine Rede von derlei Beschwerden sein konnte. Warum der Verhaltenskodex der Stiftung Auswege/IVH Psi-Diagnosen strikt untersagt Aus all diesen Gründen verlangt der Verhaltenskodex der Stiftung Auswege/IVH von geistig Heilenden kurz und bündig, „keine Diagnosen zu stellen“ (§ 3). Im Teamkodex für alle Mitwirkenden an „Auswege“-Therapiecamps heißt es ausführlicher (§ 5): „Gegenüber Patienten und ihren Angehörigen stellen wir keine Diagnosen – und dies im weitesten Sinne. Wir äußern wir nichts, was entsprechend missverstanden werden könnte: seien es außersinnlich wahrgenommene Eigenschaften der Aura, vermutete Ereignisse in früheren Inkarnationen, mediale Eingebungen von Engeln und Geistführern; kinesiologisch, radiästhetisch oder sonstwie festgestellte Defizite; energetische Blockaden von Chakren und Meridianen, Belastungen durch Fremdenergien usw. Diagnostische Eindrücke können Behandlungen leiten, ohne mitgeteilt werden zu müssen.“ Die erwähnten Vorbehalte gelten für alle genannten Arten von Psi-Diagnostik gleichermaßen. Denn bisher fehlen jegliche wissenschaftlichen Anhaltspunkte dafür, dass irgendeine dieser Methoden den übrigen überlegen ist. In jedem Bereich lassen sich eine Handvoll herausragende Könner, eine Menge Mittelmaß und allzu viele Versager finden. Nicht die Methode entscheidet - sondern die paranormale Begabung, die kritische Selbstkontrolle und das Verantwortungsbewusstsein derer, die sie anwenden. Von daher ist es zweitrangig, ob Sie sich von einem "wandelnden Röntgengerät" durchleuchten, von einem Aura-Fühligen abgreifen oder ein Pendel ihren Körper entlangschwingen lassen. Wertvolle Hinweise können Sie von jeder Vorgehensweise erwarten, ebenso wie Sie bei jeder auf Enttäuschungen gefasst sein müssen. Und sollten Sie je in Versuchung geraten, außersinnliche Enthüllungen allzu schnell für bare Münze zu nehmen: Denken Sie an ein elfjähriges Mädchen namens Emily Rosa - und bewahren Sie sich etwas von deren kindlicher Neugier. Die kleine Amerikanerin aus Loveland, Colorado, dachte sich Anfang 1998 eine simple Versuchsanordnung aus, um die "Aurafühligkeit" von Heilern zu testen. In ein Tuch, das als Sichtblende diente, schnitt sie zwei Löcher, durch die ein Heiler seine Arme streckte. Ein Münzwurf entschied, über welche ausgestreckte Hand Emily jeweils eine eigene hielt. Bei 280 Versuchen war auf den Spürsinn von 21 getesteten Heilern im Schnitt lediglich zu 44 Prozent Verlass - noch unterhalb der Wahrscheinlichkeit, durch bloßes Raten richtig zu liegen. (11) (Harald Wiesendanger) Dieser Artikel enthält Auszüge aus Harald Wiesendanger: Wenn Schweigen Gold ist - Grenzen und Gefahren der Psi-Diagnostik (2016). Anmerkungen 1 Zitiert nach Krassimira Dimowa, "Mein Weg zur Heilerin", Grenzgebiete der Wissenschaft 4/1991, S. 311-333. 2 Norman Shealy: “The Role of Psychics in Medical Diagnosis”, in Rick Carlson (Hrsg.): Frontiers of Science and Medicine, New York 1975. 3 Norman Shealy: „Medical and Counselling Intuition“, Artikel auf dessen Website https://normshealy.com 4 Zit. nach St. Galler Tagblatt vom 17. Juli 2007, online nachzulesen bei www.tagblatt.ch/altdaten/tagblatt-alt/tagblattheute/hb/ostschweiz/tb-os/art778,113897 5 Die folgenden und weitere Methoden der Psi-Diagnostik werden ausführlich vorgestellt in Harald Wiesendanger: Das Große Buch vom geistigen Heilen - Möglichkeiten, Grenzen, Gefahren, Lea-Verlag: Schönbrunn 2000, S. 200 ff. 6 Die folgenden Einschränkungen begründe ich eingehend in meinem Großen Buch vom Geistigen Heilen, a.a.O., S. 228ff. 7 H. Treugut u.a.: „Kirlian photography: accidental or person-specific pattern?“ Forschende Komplementarmedizin 7/2000, S. 12-16 8 Beverly Rubik: „Measurement of the Human Biofield and Other Energetic Instruments“, in Lyn Freeman (Hrsg.): Mosby´s Compementary and Alternaive Medicine: A Research-Based Approach, Elsevier: Oxford 3. Aufl. 2008, Kap. 20. 9 H. Treugut u.a.: „Reliabilität der Energetischen Terminalpunktdiagnose (ETD) nach Mandel bei Kranken“, Forschende Komplementarmedizin 2/1998; S. 224-229 10 H. Treugut u.a.: „Reliabilität der energetischen Meridianmessung mit Prognos A(R)“, Forschende Komplementarmedizin 5/1998, S. 284-289 11 Der Spiegel 16/1998, taz 4./5.7.1998

  • Außer Kontrolle

    Ein unernster Blick in die Zukunft: Nach hundert Therapiecamps, deren verdächtig glänzende Erfolgsbilanz von der Schulmedizin weiterhin hartnäckig ignoriert wird, scheint es meiner Stiftung Auswege im Jahr 2035 endlich an der Zeit, die Ergebnisse ihrer legendären Heilwochen wissenschaftlich zu untermauern. Ein großzügiger Mäzen, Freiherr Hans H. von Hansen, will dazu ein Forschungsstipendium spendieren, mit dessen Hilfe ein fleißiger Medizinstudent, Gottlieb Servilius, eine längst überfällige empirische Studie über die „Auswege“-Camps durchführen will, die höchsten Ansprüchen genügen soll. Begleitet von seinem Doktorvater Prof. Dr. med. Dr. h.c. Utz Schütz, einem namhaften Lehrstuhlinhaber an einer renommierten deutschen Universität, folgt er einer Einladung des Stiftungsvorsitzenden Gerald. Der empfängt sie gemeinsam mit Karin, der Leiterin der Geschäftsstelle, die seit ­längerem die Camps organisiert. Ferner anwesend sind der ärztliche Leiter der Camps, der Radiologe und Ganzheitsmediziner Dr. Holger Pröll, sowie ein Mitglied des Camp-Therapeutenteams, der christliche Handaufleger und Gebetsheiler Alfred Wemmerl. Doch das Treffen verläuft desaströs – nachzulesen in einem prophetischen Gesprächsprotokoll. Unter dem Titel Außer Kontrolle erschien es im Jahr 2016. Gerald: Zunächst darf ich Sie alle herzlich willkommen ­heißen und Ihnen danken, dass Sie sich die Zeit n .... Prof. Schütz (unterbricht ­un­gehalten): Sparen wir uns weitschweifige Begrüßungsfloskeln, spätestens in 1,75 Stunden muss ich weg, zu einem Symposium. Alfred: Also, ich bin dafür, dass wir uns zunächst ­meditativ einstimmen und ein Gebet sprechen. Dazu könnte ich meine Klangschalen anschlagen ... Prof. Schütz (verächtlich): ... und anschließend ein Räucherstäbchen abbrennen lassen, ´ne schwarze Katze schlachten und 77mal „Om“ singen? ­(Kichert, dann erstarrt seine Miene abrupt.) Schlagen Sie an, wen oder was Sie wollen, aber ohne mich. Sonst wird das Symposium ohne meinen ­Eröffnungsvortrag beginnen. Alfred (murmelt beleidigt): Wär´ ja womöglich gar kein Verlust. Karin rempelt ihn an und legt vielsagend den Zeigefinger auf ihre Lippen. Gerald: Kommen wir also ohne Umschweife gleich zur Sache. Uns geht es darum, ­wissenschaftlich einwandfrei zu belegen, dass unsere Therapiecamps chronisch kranken, vermeintlich „behandlungs­resistenten“ Patienten tatsächlich helfen, und zwar in jenem hohen Maße, das wir seit fast drei Jahrzehnten beobachten. Prof. Schütz: Wurde auch höchste Zeit. Denn bisher haben Sie, mit Verlaub, einen esoterischen Zirkus veran­staltet, ohne Prüfplan, ohne Studiendesign, ohne klar ­definierte Zielkriterien, ohne systematische Auswertung, ohne jegliche Kontrolle, die diese Bezeichnung verdient hätte - für Außenstehende ­absolut unglaubwürdig, aus wissenschaftlicher Sicht haarsträubend dilettantisch. Karin: Da muss ich wider­sprechen. Bei jedem Camp haben wir alle teilnehmenden Patienten, gegebenenfalls auch ihre Angehörigen, Tagebuch führen und einen detaillierten Fragebogen ausfüllen lassen. Deren Auswertung ... Prof. Schütz (unterbricht): Wer wertete denn aus? Karin: Na, wir. Kreuzchen ­zusammenzählen können wir nämlich schon seit der Grundschule, erste Klasse. Prof. Schütz: Können ja, aber wollen? Womöglich schummeln Sie seit drei Jahrzehnten. Gerald: Nichts für ungut, ­lieber Professor, aber wären wir tatsächlich mit krimineller Energie ausgestattet, würden wir sie auf gewinnbringen­deren ­Betätigungsfeldern als ­karitativer Stiftungsarbeit ­ausleben, glauben Sie mir. Hansen: Der Professor hat recht. Lassen Sie das doch künftig durch einen Hiwi von der Uni erledigen, am Honorar soll´s meinetwegen nicht scheitern. Karin: Also, um dort fortzu­fahren, wo ich unterbrochen worden bin: Die Auswertung der Teilnehmerunterlagen ­bestätigte in über 80 Prozent aller Fälle deutliche gesundheitliche Verbesserungen. ­Darüber hinaus ... Prof. Schütz (unterbricht schon wieder): Können Sie alles in die Tonne treten. Nicht wahr, Gottlieb? Gottlieb: Muss man so sehen. Da weder Tagebücher noch Fragebögen anonym ausgefüllt worden sind, könnten sich die Teilnehmer unter Erwartungsdruck gefühlt haben, die offenkundig hochengagierten, supernetten Stiftungsvertreter nicht zu enttäuschen, sich als dankbar zu erweisen und ihre Wertschätzung kundzutun, dass die Auswegler sich ehrenamtlich ganz viel Mühe gegeben haben. Vielleicht machten sich die Patienten, unter Ihrem suggestivem Einfluss, auch ­selber etwas vor, was ihre ­gesundheitliche Verfassung ­betrifft. Dr. Pröll: Aber zusätzlich führte ich als Arzt bei allen Teilnehmern Vor- und Nachkontrollen durch, zu Beginn und am Ende. Prof. Schütz: Und wie, ­bitteschön? Dr. Pröll: Nun ja, ein Labor und apparative Diagnostik ­stehen in unseren Camps nicht zur Verfügung. Deshalb konnte ich nur vorliegende Befund­berichte sichten, eingehende Gespräche führen und nach Augenschein urteilen, aus ­ärztlicher Erfahrung. Prof. Schütz (die Mundwinkel verächtlich nach unten ziehend): Aha. Die vorab eingereichten Befundberichte waren aktuell? Und gleich nach Campende wurden die Patienten nochmals gründlichst durch­gecheckt, nicht von Ihnen, sondern in einer bestens ­ausgestatteten Praxis oder ­Klinik? Dr. Pröll: Leider nur ausnahmsweise. Manche medi­zinischen Unterlagen waren schon mehrere Monate alt, ­vereinzelt sogar Jahre, weil die Patienten nicht ein weiteres Mal zu Ärzten wollten, die sie ja schon als „therapieresistent“ verabschiedet hatten. Prof. Schütz: Sie aber wollen mir allen Ernstes weismachen: „Macht nix, ich merke auch so, wie es einem Patienten geht“? Dr. Pröll: In den meisten ­Fällen: ja, durchaus! Natürlich habe ich kein außersinnliches Sensorium dafür, ob sich Blutzuckerspiegel, Kreatinin-, ­Hämatokrit- und PSA-Werte, Gefäßverengungen und ­Metastasen verändert haben – in solchen Fällen fordere ich Campteilnehmer auf, das baldmöglichst abklären zu lassen. Dazu zwingen kann ich sie ­allerdings nicht. Aber um festzustellen, ob Symptome eines Asthma bronchiale, einer ­Phobie, einer depressiven ­Störung, einer Bewegungs­einschränkung, von Autoaggressivität oder ADHS nachgelassen haben, brauche ich kein Labor. Prof. Schütz: Nichts für ungut, aber die Güte Ihrer Feststellungen scheint mir auf dem ­Niveau eines Alkoholikers zu liegen, der beurteilen soll, ob Schnaps gut tut. Dr. Pröll (pikiert um Fassung ringend): Sie ziehen meine ­Objektivität in Zweifel? Prof. Schütz: In der Tat. Dass Sie längst mit Alternativ­medizin sympathisieren, ­entnehme ich Ihrem Lebenslauf. Demnach haben Sie ­reichlich Motive, Verlauf und Ergebnisse der „Auswege“-Camps zu beschönigen. Dr. Pröll: Welche Motive ich aus Ihrem Lebenslauf erschließe, behalte ich lieber für mich. Gerald: Um das Bisherige ­zusammenzufassen: Um ­unsere Camperfolge wissenschaftlich zu untermauern, müssen wir beim Punkt Null beginnen, weil wir im Grunde noch nie darüber hinaus­gekommen sind? Prof. Schütz: Sie sagen es. An den Grenzen des Beobachtens Gerald: Wie wäre es mit einer sauberen Beobachtungsstudie? Wir ersetzen unseren angeblich befangenen Camparzt durch unabhängige Mediziner, gerne von Ihrer Uniklinik. Dort wird auch ausgewertet. Alle Campteilnehmer schicken wir vor dem ersten und gleich nach dem letzten Camptag zu Ihnen, für eingehende ­Dia­gnostik, unter Einsatz ­modernster Technik. Wie sich ihr Befinden während eines Camps verändert, erfassen wir mit validiertem, klinisch bewährtem Frageinventar ... Prof. Schütz: Sie scherzen. Gerald: Nein, danach ist mir nicht zumute. Worauf wollen sie hinaus? Prof. Schütz: Was sich wissenschaftlich beobachten lässt, egal mit welchem Instrumen­tarium, ist bestenfalls, ob und in welchem Maße es Ihren Campteilnehmern nach acht bis neun Tagen besser geht, ­objektiv und subjektiv. Das ­bezweifelt freilich keiner, nicht mal ich. (Grinst.) Der springende Punkt ist doch: Warum geht es ihnen besser? Sie ­behaupten: wegen der fabelhaft segensreichen Therapien, die zum Einsatz gekommen sind. Gegenfrage: Könnten die zu beobachtenden Fortschritte nicht schlicht daher rühren, dass die Camptage erholsam, die Landschaft idyllisch, Ihr Entertainment gelungen, Ihre Streicheleinheiten zahlreich, Ihre Umarmungen innig waren? Wie schließen Sie aus, dass Sie die festgestellten ­Effekte nicht ebensogut hätten zustande bringen können, indem Sie Ihren Patienten eine Ferienwoche auf den Kanaren oder in der Karibik spendieren? Dr. Pröll: Dass auf Teneriffa binnen einer Woche eine jahrelange, medikamentös nicht ­einzudämmende Epilepsie ­verschwindet, wäre mir neu ... Prof. Schütz: ... aber nicht mit absoluter Sicherheit aus­zuschließen. Endlich kontrolliert studieren Gerald: Was schlagen Sie ­stattdessen vor? Prof. Schütz: RCT! Placebokontrolliert! Mindestens ­doppelblind! Alfred: Hä? Prof. Schütz: Servilius, was haben Sie im ersten Semester über RCTs gelernt? Gottlieb (eifrig): „RCT“ steht für „randomized controlled trial“, eine randomisierte kontrollierte Studie. Dieses Design gilt als „Goldstandard“ medizinischer Forschung, ihr „Königsweg“, einer evidenzbasierten Medizin liefert sie die hochwertigsten Daten ... Prof. Schütz (fällt ihm ins Wort): ... und nur so findet Ihre Campheilerei jemals ­Beachtung bei Hochschulen, Unterstützung durch Krankenversicherungen, Anerkennung und Förderung bei Ministerien und sonstigen staatlichen ­Einrichtungen, Publikationsmöglichkeiten in der medi­zinischen Fachpresse. Ist Ihnen nicht klar, dass wir europaweit auf ein Gesundheitssystem zusteuern, in dem Therapie­formen entweder RCT-fundiert oder aussortiert werden? (Kramt in seinen Unterlagen, zückt ein EU-Amtsblatt und liest vor.) Längst hat die Europäische Kommission lobens­werterweise klargestellt: „Die Wirksamkeit einer Heilbehandlung wird in randomisierten Doppelblindversuchen nach­gewiesen, die zeigen, dass das Heilmittel besser wirkt als ein Placebo. Diese Methode wird zur Beurteilung der medi­zinischen Behandlung ­verwendet.“ Fahren Sie fort, Servilius. Gottlieb: Also, bei einer RCT-Studie werden Patienten ­mindestens zwei Gruppen ­zugeordnet: Die eine – die ­Studiengruppe, auch Prüf-, ­Experimental-, Interventions- oder Verumgruppe genannt - erhält die Therapie, deren Wirksamkeit auf dem Prüfstand steht. Der anderen – der Kontrollgruppe, auch ­Vergleichsgruppe genannt – wird sie vorenthalten; sie wird gar nicht, bloß zum Schein – mit einem „Placebo“ - oder standardmäßig behandelt. Um Glaubenseffekte aus­zuschließen, werden alle ­Patienten „verblindet“, das heißt, im Ungewissen gelassen, ob sie behandelt werden oder nicht. Damit die beteiligten Prüfärzte nicht aufgrund von Voreingenommenheiten mit den beiden Gruppen unterschiedlich umgehen, bleibt auch ihnen die Gruppen­zuteilung verborgen – so wird die Studie „doppelblind“. Die Zuteilung erfolgt „randomisiert“, nach dem Zufallsprinzip - das englische Wort random ­bedeutet „zufällig“ -, um sie der Einflussnahme durch einen möglicherweise befangenen Untersucher zu entziehen. In diesem Augenblick huscht die schwarze Katze des Hausherrn am Tisch vorbei. Alfred: Au weia, von links nach rechts! Das kann ja heiter werden! Dieser Text enthält die ersten Abschnitte des Buchs von Harald Wiesendanger: Außer Kontrolle - Warum die Stiftung Auswege "unwissenschaftlich" vorgeht - und dazu steht (2016)

  • Auf der Suche nach Sinn

    Schwere Krankheiten oder Behinderungen werfen Sinnfragen auf - bei den Betroffenen ebenso wie bei ihren Angehörigen. Ärzte schweigen darüber. Hat meine Stiftung AUSWEGE Antworten? Wie helfen wir Patienten, die am Wozu ihres Leidens verzweifeln? „Um Himmels wil­len, geben Sie mir einen Therapie­platz!“, fleht die Anruferin, nachdem ich ihr klargemacht habe, dass unser nächstes „Auswege“-Camp restlos ausgebucht ist. Warum so dringend? Die junge Frau, Ende Zwanzig, hat Brustkrebs – im End­stadium. Überall wuchern Metasta­sen. Hoffnungslos, befanden ihre Ärzte. „Was soll bloß aus meinen Kindern werden, wenn ich nicht mehr da bin?“, schluchzt sie. „Meine Tochter ist Fünf, mein Junge noch nicht mal Zwei. Und ich bin alleinerziehend.“ Betroffen sage ich ihr zu. Aber sie kommt nicht. Acht Tage vor Campbeginn stirbt sie. Hätte sie teilgenommen, dann be­stimmt aus mehr als einem Grund. Natürlich hoffte sie bis zuletzt auf einen therapeutischen Ausweg – dass sich das bösartige Zellwachstum mit unserer Hilfe irgendwie zum Still­stand bringen, zumindest verlangsamen lässt, damit sie Zeit gewinnt. Aber ebenso dringlich dürfte sie auf Antworten aus gewesen sein: Wozu diese schreckliche Erkran­kung, in so jungen Jahren, unter solchen Um­stän­den, mit derartigen Folgen? „Angst vor dem Tod habe ich nicht“, sagte sie – „aber entsetzliche Angst um meine beiden Kleinen. Was soll bloß aus ihnen werden, ohne mich?“ Mit ähnlich tragischen Schicksalen werden wir im Beratungsalltag der Stiftungsarbeit unentwegt konfrontiert; keines lässt uns kalt, fassungslos fühlen wir mit. Je gravierender, je lebensbedrohlicher die Er­kran­kung, desto häufiger geht es Hilfe­suchenden um mehr als Sym­ptomlinderung. Sie sind zu­tiefst erschüttert, sie geraten in eine existentielle Krise. Denn schwere Krankheit durchkreuzt Lebenspläne, wirft aus der Bahn, rückt Ziele in unerreichbare Ferne, beeinträchtigt Be­zie­hungen, macht arbeitsunfähig, erzwingt den Abschied von eingefleischten Gewohn­hei­­ten, stellt bisherige Perspek­tiven radikal in Frage. Sie kann einsam machen, mit ständigen Schmerzen verbunden sein, mit quälenden Ängsten, mit tiefer Verzweiflung. Sie zerstört nicht nur Lebensqualität, sondern auch Lebenssinn. Lebenssinn? Ende 2013 gaben in einer Umfrage nur 37 Pro­zent der Bundesbürger an, sich schon „oft“ danach gefragt zu haben. (Vier Jahre zuvor waren es noch acht Prozent mehr ge­we­sen.) Besonders wenig kümmert sie Jugendliche und junge Erwachsene: 74 Pro­zent haben sich nach eigenen Angaben noch nie damit be­schäftigt. Mit zunehmendem Alter steigt das Gewicht der Sinnsuche: Von den über 70jährigen hat sich fast jeder Zweite schon häufig damit befasst. (1) Bei chronischer Krankheit allerdings wächst dieser Anteil sprunghaft – erst recht, wenn sie das eigene Leben einschneidend verändert und bedroht. Wie uns die „Wozu“-Frage herausfordert Von derart Betroffenen melden sich die wenigsten zu einem „Aus­wege“-Camp an; manche sind nicht mehr reisefähig, an­dere scheuen die Groß­gruppe. Häufiger lassen sie sich von uns einen Thera­peu­ten in der Nähe ihres Wohnorts empfehlen. Oder sie bitten uns, in un­se­rem Newsletter einen Hilfe­ruf zu veröffentlichen, in der Hoffnung, unter den Lesern fände sich irgendein Heilkun­di­ger, der noch weiterweiß. So war es bei Davido* (Pseudo­nym), einem 61jährigen Psy­chotherapeuten, der noch so vielen Patienten helfen will – von einer Parkinson-Erkran­kung jedoch zunehmend da­ran gehindert wird. „Es fällt mir immer schwerer, mich klar und deutlich auszudrücken, oft fehlen mir die Worte, ich spreche leiser und undeutlicher“, schrieb er uns im Som­mer 2014. „Stressige Situatio­nen machen mir Angst und ver­stärken das Zittern. Ich merke, dass ich geistige Prä­senz und Empathiefähig­keit verliere.“ Die Wozu-Frage be­schäftigt ihn ebenso wie eine verzweifelte Ehefrau, die sich im Herbst desselben Jahres an uns wandte: „Gibt es noch einen Ausweg für meinen Mann“ – trotz eines besonders bösartigen, rasch wachsenden Hirntumors, einem Gliobla­stom, das sich im MRT in mehreren Bereichen seiner linken Hirnhälfte zeigte und bereits in die Hirnhäute aussäte? „Er ist doch erst 55.“ Eine erste Ge­schwulst war in seinem Kopf bereits 1995 entdeckt und operiert worden, eine zweite 2002. Warum musste er das durchmachen? Weshalb verlor seine Familie am Ende – im Novem­ber 2014 - einen hingebungsvollen Vater und Ehemann? Hätten diese beiden den Weg in unsere Camps gefunden und uns mit Sinnfragen konfrontiert: Wie wären wir damit um­gegangen? Wie tun wir es bei jenen, die zu uns kommen? Was sagen wir ihren Angehörigen? Wie erklären wir jemandem, warum sein Kind, sein Lebens­ge­fährte aufs Schwerste er­krankt oder behindert ist? Un­aus­löschlich ins Gedächtnis ein­gebrannt hat sich mir, unter so vielen anderen bestürzenden Fällen, beispielsweise die dreijährige Laura aus unserem aller­ersten Camp im Sommer 2007 nahe der Nordsee: Warum muss das Frühchen, in der 24. Schwangerschaftswoche zur Welt gekommen, mit einer spastischen Tetraparese leben, mit Lähmungen in allen vier Glied­maßen, die ruckartig zucken, weil die Muskelspannung krank­haft erhöht ist? Mir fällt die achtjährige Lisa ein, die zwischen heftigen Hustenan­fällen quicklebendig und ausgelassen im Juli 2012 um unser Camphaus im Schwarzwald tollte – nichtsahnend, dass die Mukoviszidose, die sie vor unseren Augen immer wieder zähen Schleim abhusten ließ, sie bald umbringen könnte. Mich berühren die Schicksale Dutzender von Kindern, die kerngesunde, putzmuntere Ba­bies waren und sich in den ersten Lebenswochen prächtig entwickelten – bis sie mit einer Mehrfachimpfung zu geistig schwerstbehinderten Epilepti­kern gespritzt wurden. Ich erinnere mich an die fünfjährige Mira, die im Sommer 2008 erstmals an einem „Auswege“-Camp teilnahm, damals als schwere Epileptikerin mit bis zu 20 Anfällen pro Tag: Eben noch hatte sie mit mir im Garten des Camphauses vergnügt Ball gespielt – wenige Minuten später, neben mir beim Mittagessen, zuckte sie plötzlich, sackte in sich zusammen, war eine Dreiviertelstun­de lang apathisch und nicht mehr ansprechbar. Ich denke an Oliver, den seine Mama im Sommer 2011 zum dritten Mal zu uns brachte: Von Geburt an litt der aufgeweckte Junge, inzwischen Zehn, an einer Tetraspastik, die alle Glied­maßen betraf, seine Muskeln ständig unwillkürlich kontrahieren ließ und koordinierte Bewegungsabläufe unmöglich machte. Seinen defekten Kör­per akzeptierte er mit einer unfassbar heiteren Selbstver­ständ­lichkeit. Stolz führte er mir vor, welche Fortschritte er nach Behandlungen gemacht hatte: dass er einen Fußball treffsicher ins Tor schießen, zum ersten Mal mit der spastisch beeinträchtigten Zunge ein Eis schlotzen, mit zittrigen Fingern ein Dutzend Teile eines Schweizer Taschenmessers herausziehen und wieder zurück­klappen konnte. Die kleine Paula fällt mir ein, ebenso alt wie Mira und der leuchtende Sonnenschein unseres 13. Camps im November 2013, den jeder im Team „unser blondes Engelchen“ nannte. Von Geburt an war das Mäd­chen von einer Cerebralparese betroffen (von lat. cerebrum: „Ge­hirn“, griech. parese: „Läh­mung“): Bewegungsstörungen, die von einer frühkindlichen Hirnschädigung herrühren. (In Paulas Fall lag eine „periventrikuläre Leukomalazie/PVL“ vor: eine durch erheblichen Sauerstoffmangel verursachte Schädigung der weißen Hirn­substanz.) Mit der dadurch hervorgerufenen Behinderung ge­hen Störungen des Nerven­systems und der Muskulatur im Bereich der willkürlichen Motorik einher. Bei Paula lag eine beinbetonte Spastik vor. Geistig hellwach, waren ihr diese massiven körperlichen Ein­schränkung vollauf be­wusst. Trotzdem lächelte sie umwerfend offen, zutraulich, glücklich mit jedem von uns um die Wette, plapperte, trieb Schabernack. Wie tapfer, geradezu selbstverständlich sie mit ihrem schweren Handicap um­ging, war Vorbild für so manche erwachsenen Teilneh­mer, die über unentwegtes Hadern mit schwerem, unverdientem Los ihre Lebensfreude verloren haben. Mit ihrer ansteckenden Fröh­lichkeit, ihrer Lebendigkeit, ihrer Herzlichkeit wurde die Kleine gewissermaßen Teil unseres Therapeutenteams. Nie vergessen werde ich jenen „Mor­genkreis“, in dem sie strahlend auf mich zutorkelte – bis einen Meter entfernt von mir plötzlich ihre wackligen Beinchen nachgaben; sie fiel vornüber, schlug mit dem Ge­sicht auf den harten Boden, eine Lippe platzte auf, mit blutüberströmtem Gesicht lag sie schreiend vor mir. Ebenso un­vergesslich bleibt mir eine Szene aus einem Gesprächs­kreis ein halbes Jahr später, im Mai 2014: Der Sitzreihe der Anwesenden entlang tastete sich der siebenjährige Peter – auf beiden Augen blind, aufgrund einer ausgeprägten Op­ti­cushypoplasie („DeMorsier-Syndrom“), einer Fehlent­wicklung des Sehnervs - langsam zu mir vor, kletterte auf meinen Schoß, schlang seine Arme um mich, schmiegte sich an mich und verharrte minutenlang still in dieser Position. Jedes dieser Kinder, darüber war ich mir immer im klaren, hätte meines sein können. Und jedes hätte mich als Vater womöglich an der Frage verzweifeln lassen: Wozu müssen sie derart leiden? Ähnlich war mir angesichts vieler erwachsener Teilnehmer zumute. Ich denke an Kristin, die im Oktober 2014 zum zweiten Mal zu uns kam, begleitet von ihren Eltern; erst Dreißig geworden, hat eine rasch fortschreitende Multiple Sklerose sie längst an den Rollstuhl gefesselt – in einem Alter, in dem andere junge Frauen gerade im Berufsleben Fuß gefasst haben, ihren ersten eigenen Haushalt führen, dem Mann fürs Leben begegnen, die Kin­derplanung angehen, eine Fa­milie gründen. Wie können wir nicht nur sie, sondern auch ihre Mutter aufrichten, die an schweren Depressionen, Angst­­zu­ständen und Schlaf­stö­run­gen, ständiger Müdig­keit und Antriebslosigkeit leidet, weil sie dem körperlichen Verfall ihres geliebten Kinds hilflos zusehen muss? Ich erinnere mich an Joachim*, einen knapp 50jährigen Versiche­rungs­kauf­mann, dem 2011 eine Motoneu­ronenerkrankung diagnostiziert worden war: ein un­erbitt­lich fortschreitender Ab­bau von Nervenzellen, der zu immer stärkeren Muskel­läh­mungen führt – Anfang 2012 erlag er ihr, als sie auf sein Herz übergriff. Was können wir seiner Witwe Hilfreiches mitgeben, die be­reits in sieben „Auswege“-Camps Trost suchte, seit Joa­chim in ihren Armen starb, und bei uns zwar zeitweilige Ablen­kung, bisher aber keine Erlö­sung aus ihrem tiefen Tal der Tränen fand? Von beteiligten Ärzten hörte keiner von ihnen Hilfreiches – aus Prinzip, jedenfalls seit anderthalb Jahrhunderten. Von den vorchristlichen Priester­ärzten bis zur mittelalterlichen Klostermedizin: Jahrtausende­lang waren Heilkunde und Seelsorge eins gewesen. Doch als sich die westliche Medizin ab dem 19. Jahrhundert naturwissenschaftlichen Leitbildern unterwarf, zerbrach diese Ver­bindung, und Humanismus wurde obsolet: Ihr „aufgeklärtes“ Menschenbild, in dem nur objektiv Messbares Platz finden sollte, zeichnete Patienten als biochemisch-physikalische Me­cha­nis­men; deren Psyche wur­de auf Hirnvorgänge reduziert oder in die Zuständigkeit von Psychologen und Seelsor­gern ausgelagert. In ihren Sprech­stun­den empfangen neu­zeit­liche Ärzte seither vorzugsweise zweibeinige Bioma­schi­nen, die sich damit zufriedengeben, defekte Körperfunk­tio­nen reparieren zu lassen, statt impertinenterweise seelische Regungen oder gar spirituelle Be­dürfnisse zu bekunden. Sinn­fragen erhielten das Prädikat „unwissenschaftlich“. Ist die Sinnfrage sinnlos? Schlimmer noch: Sie gerieten in den Ruf, sinnlos zu sein. Und sind sie das etwa nicht? Wozu etwas geschieht, lässt sich nur innerhalb von Kontexten beantworten, in denen Akteure zweck­orientiert Absichten verfolgen. Wozu ich meinen Turm auf das Feld a8 stelle, ergibt sich aus den Regeln des Schachs. Wozu ich einen Ball ins Tor kicke, erklärt sich daraus, dass ich Fußball spiele. Wo Sinn ist, muss Geist am Werk sein. Weht eine Sturmböe den Ball ins Tor, grübeln wir nicht dar­über, wozu sie das macht – oder jemand durch sie. Wieso nicht? Weil wir es absurd fänden, Wetterphänomenen Intentio­nen zu unterstellen. Der Ein­druck des Absurden entsteht, sobald Kausalzu­sam­menhänge geklärt sind: Wer Ursachen kennt, hört auf, nach Gründen zu fragen. Ihn be­schäftigt nicht mehr, wozu es schneit, wozu Wasser abwärts fließt, wozu der Mond um die Erde kreist, wozu sich Eisenfeil­späne zu einem Magneten hinbewegen; denn er weiß, warum. Liegt nicht eben darin das Verdienst neuzeitlicher Wis­senschaft: Warum-Fragen zu beantworten, wobei Glaube durch Wissen ersetzt wird – und dadurch Wozu-Fragen zu erübrigen? Je stärker eine solche Be­trachtungsweise den Zeitgeist prägt, desto schwerer fällt es, sich überhaupt noch öffentlich zur persönlichen Sinnsuche zu bekennen – als ob man sich dabei mit einer Peinlichkeit wie Fußpilz, Hämorrhoiden oder Tripper outen würde, derer man sich schämen muss. Wenn Demoskopen Menschen auf ihren Lebenssinn ansprechen, stellen sie zunehmend fest, dass viele nur ironisch-distanziert und witzelnd darauf eingehen. Einzeln interviewt, reagieren sie hingegen überaus emotional und verheddern sich in gewundenen Erklärungen. Neuerdings fällt es anscheinend leichter, über intimste Details des eigenen Se­xuallebens zu sprechen als über den Sinn des eigenen Lebens. Dazu konnte es kommen, weil Sinnsuche mittlerweile überholt, primitiv und infantil an­mutet. Jahrtausendelang wa­ren die Weltbilder der Mensch­heit teleologisch geprägt: Im­mer und überall schienen Zwecke am Werk. Wozu gibt es Sterne? Gott hat sie am Him­melszelt befestigt, um die Nacht zu erleuchten. Wozu blitzt es? Zeus schleudert Don­nerkeile, um zu warnen und, falls sie einschlagen, olym­pische Strafurteile zu vollstrecken. Wozu treten Flut­wellen auf? Der erzürnte Mee­resgott rächt sich. Wieso bebt die Erde? Mutter Gaia ist wü­tend, der Monsterwels Namazu bewegt sich. Sobald wissenschaftliche Erklärungen vorliegen, scheint Religion auf dem Rückzug. Bis heute halten sich unter Ethnien in entlegenen Gegenden Afri­kas, Asiens und Südamerikas Glaubenssyste­me, in denen Sinnzusam­menhänge allgegenwärtig sind – doch darin vermuten wir eher Bildungslücken als höhere Ein­sichten. Jeder von uns hat im Laufe seiner geistigen Reifung eine teleologische Phase durchlaufen; „Artifizia­lis­mus“ nannte sie der französische Ent­wicklungspsychologe Jean Pia­get. Bei Kleinkindern bis zum sechsten, siebten Le­bensjahr beobachtete er, dass sie sich die Welt als Kreation vorstellen: Alles und jegliches ist künstlich geschaffen worden, sei es von Menschenhand – wobei die eigenen Eltern als (all)mächtige Mitgestalter emp­fun­­den werden – oder von Gott. Diesen Entwicklungsab­schnitt lassen sie allerdings hinter sich, sobald sie zur Schule gehen. Doch werden solche Argumen­te den Anliegen sinnsuchender Patienten wirklich gerecht? Was sie wollen und brauchen, ist im allgemeinen kein philosophisch-religiös letztbegründeter „höherer“ Sinn; ihnen geht es um Halt und Orientie­rung, um übergeordnete Ziele in ihrer ganz individuellen, einmaligen Situation – um einen „partikularen“ Sinn, wie ihn der Vater der Lo­go­therapie, Viktor Frankl nannte. Was ihnen weiterhelfen könnte, sind tröstende, auf­mun­ternde Worte, die ihnen klarmachen, dass ihr Leiden ne­ben Belastungen auch Chan­cen birgt, und Anregun­gen, die ihnen helfen, sich persönliche Ziele zu setzen, an denen sie ihr Leben neu ausrichten können. Ein solcher Ansatz gibt keinen Sinn vor; er setzt an bei dem, was die Betroffenen selber für wichtig und erstrebenswert erachten – sei es eine glückliche Part­nerschaft, Reichtum, ein schönes Zuhause, Erfolg im Beruf, Selbstentfaltung, Kinder ha­ben, oder bestimmten Inter­essen und Hobbies nachgehen -, um ihnen aufzuzeigen, wie sie trotz ihrer gesundheitlichen Einschränkungen ihr Leben auf diese persönlichen Priori­täten ausrichten können, und dafür Mut zu machen. Ob die­se Prioritäten es „letztlich“ wert sind, verfolgt zu werden, bleibt unbewertet – Logothera­peuten sind keine Fundamen­tal­ethiker. Wir Normaldenker sind es gewöhnlich erst recht nicht, und den meisten von uns will nicht einleuchten, worum es jenen überhaupt geht. Tag für Tag tun wir nicht nur eine Men­ge – im allgemeinen wissen wir auch stets, wozu. Wir kaufen ein, weil der Kühl­schrank leer ist. Wir machen Urlaub, um uns zu erholen. Wir gehen zum Friseur, um uns einen neuen Haarschnitt ver­passen zu lassen. Wir fa­sten, um abzunehmen. Wir ar­beiten, um ein Einkommen zu erzielen, mit dem wir uns und unsere Nächsten ernähren kön­nen. Wir treiben Sport, um fit zu bleiben. Wir gehen zu Bett, weil wir müde sind. Wir treffen Freunde oder hören Mu­sik, weil wir Lust dazu haben. Wir lesen ein Buch, weil uns sein Thema oder der Autor interessiert. Wir gehen eine Beziehung ein, um glücklich zu sein. Wir zeugen Kinder, um in ihnen weiterzuleben. Wo ist also das Problem? Es besteht darin, dass wir innerhalb unseres individuellen Le­bens zwar reichlich Begrün­dungen und Rechtfertigungen für unser Handeln finden – aber keine davon er­schließt uns dessen Sinn als Ganzes. Für ge­wöhnlich bewegen wir uns klag­los in unserem persönli­chen Käfig, in den uns die be­son­deren Koordinaten von Raum und Zeit, der Spezies, des Kulturkrei­ses, des Landes, der Or­ganisationen, Gruppen und Bezie­hun­gen sper­ren, die unser Dasein kennzeichnen. Weder scheren wir uns darum, dass wir da drinnen sind, noch beklagen wir es, noch sinnen wir darüber nach, wie wir ihm entfliehen könnten, noch malen wir uns aus, wie es draußen wohl sein mag, noch sehnen wir uns dorthin – normalerweise. Unter welchen Umständen be­ginnen wir überhaupt, ge­wöhn­­lichen, „partikularen“ Sinn zu hinterfragen? Danach drängt uns, wenn er seine Selbstverständlichkeit verliert. Das geschieht, - wenn uns sein Inhalt abhanden kommt – etwa wenn wir unsere Arbeit verlieren, unser Kind stirbt, eine Ehe zerbricht, unser bester Freund uns tief ent­täuscht; - wenn er aufhört, uns zu erfüllen – etwa wenn die bisherige Arbeit uns nicht länger befriedigt, eine Liebe in Routinen erstickt; - wenn uns eine veränderte Situation daran hindert, ihn weiterzuverfolgen – etwa bei schwerer Krankheit oder Behinderung; - wenn uns der Eindruck beschleicht, keine Kontrolle über unser Leben zu haben, und Opfer eines schicksalhaften, unberechenbaren und zu­fälligen Weltenlaufs zu sein – dann sehnen wir uns nach etwas, das uns ein Grundgefühl von Vertrauen und Sicherheit wiedergibt. (Religionssoziolo­gen sprechen von „Kontingenz­bewältigung“.) - Manchmal überkommt es uns aber auch „einfach so“, wenn uns danach ist – zu solchen An­wandlungen neigen melancholische, introvertierte, sensible, nachdenkliche Charaktere, Pu­ber­tierende und Senioren stärker als andere. Dann beginnen wir, unser bisheriges Tun, unser gesamtes Leben von außen zu betrachten; wir gehen auf Abstand zu uns selbst, um zu sehen, wie sinnvoll es von dort aus er­scheint. Enttäuscht uns, was uns diese objektive Perspektive vermittelt, können wir in Ori­en­tierungslosigkeit, Melan­cho­lie und Depression verfallen. Schlimmstenfalls den­ken wir an Selbstmord. In solchen Lebensphasen leuchtet uns ein, warum vielen Philosophen ein „partikularer“ Daseinszweck besorgniserregend defizitär vorkommt – weshalb sie es für ein schwerwiegendes Manko halten, wenn man sich „bloß“ an einem solchen orientiert. Denn egal welchem persönlichen Lebenssinn je­mand folgt: Er wirkt konstruiert, erfunden, irgendwie willkürlich, bodenlos. Und jeder lässt sich erbarmungslos hinterfragen. Wozu am Arbeitsplatz als unersetzlich gelten? Unsere Friedhöfe sind voll von lauter unentbehrlichen Leuten. Wozu irgendetwas besitzen wollen? Nichts davon werden wir am Ende mit­nehmen können. Wozu Kinder in die Welt setzen? In spätestens hundert Jahren werden sie tot sein, sofern sie nicht schon vorher einer schlimmen Krankheit, einem schweren Unfall zum Opfer fallen. Wozu Patienten helfen und heilen, wozu gesund werden? Ob man seine Krankheit loswird oder nicht: Irgendwann erliegt man unausweichlich einer anderen oder segnet aus sonstigen Gründen das Zeitliche. Wozu der Nachwelt im Gedächtnis bleiben wollen? Auch diese wird vergehen, und mit ihr jegliche Erinnerung an uns. Wozu sich für Dinge einsetzen, die der Menschheit nützen – für Um­weltschutz und Frieden, gegen Hunger, Folter, Unter­drückung, Krieg? Vernichtet wird sie ohnehin früher oder später. In fünf Milliarden Jah­ren wird sich unsere Sonne zu einem Roten Riesen aufblähen, auf der Erde Berge wie Butter schmelzen lassen und eine öde, mondähnliche Wüstenland­schaft zurücklassen. Selbst wenn die Mensch­heit bis dahin zu anderen Sonnen­systemen umsiedeln könnte, würde es ihr letztlich nichts nützen: Das Universum wird dereinst im Nichts verschwinden. Dem­nach ist nichts groß genug, um nicht winzig zu erscheinen. Der Abstand ent­scheidet. Die Qual des fortgesetzten Hinterfragens, das nicht enden will, weckt die Sehnsucht nach einem „letzten“, „höchsten“, „ab­soluten“, zeitlos und für jedermann gültigen Sinn, mit dem sich die Leere des Nihi­lismus ab­wen­den lässt. An eben dieser Denk­auf­gabe versuchen sich Phi­losophen seit Jahrtausen­den, ohne eines un­strittig „Letz­ten“, außerhalb der menschlichen Existenz zeitlos Vorgegebenem jemals habhaft geworden zu sein. Wie bei Aladin, als er die Wunder­lampe entpfropfte, so wird ein Geist freigesetzt, der nie mehr zu zähmen ist, sobald wir ins Philosophieren geraten und darangehen, die Antwor­ten, die wir innerhalb unseres Lebens auf Sinnfragen finden, mit „höheren“ Zwecken letztbegründen wollen. Wir unterwerfen uns dabei Erkenntnis­ansprüchen, die nicht befriedigt werden können – nicht aus einem Mangel an Wissen, sondern aus logischer Notwen­digkeit. Denn unser Leben als Ganzes könnte etwas „Höhe­res“ nur dann sinnvoll ma­chen, wenn dieses einen Sinn hätte – und eben das lässt sich ebenfalls stets in Zweifel ziehen. Wozu ist das „Höhere“ da? Entweder gibt es eine Ant­wort darauf – dann stellt sich die Frage erneut. Oder es gibt sie nicht – dann sind wir bei unserer Sinnsuche am Ende bei etwas angelangt, das keinen Sinn mehr hat. Wenn wir bereit sind, dieses Manko bei jenem „Höheren“ zu akzeptieren – wa­rum sollten wir an die gewöhnlichen, „partikularen“ Zwecke unseres Lebens strengere Maßstäbe anlegen? Transzendente Sinngebung hat einer säkularen insofern nichts voraus, sie führt nicht entscheidend weiter. Wenn Theo­lo­gen mir versichern, zumindest mit Gott als letztbegründender In­stanz, als endgültigem Erklä­rungsgrund verhalte es sich ganz anders, so bin ich wenig zuversichtlich, ob ich je verstehen werde, was sie damit eigentlich meinen – und ob sie selbst es wirklich verstanden haben. Erhält mein Leben seinen „letzten“ Zweck, indem es Gott wohlgefällig ist und seinen Plan erfüllt, in einer Weise, die keinen weiteren, übergeordneten Zweck mehr erfordert oder erlaubt? Kann es etwas geben, das einerseits allem anderen dadurch Sinn gibt, dass es dieses umfasst, seinerseits aber einen Zweck weder haben kann noch muss? Etwas, dessen Zweck nicht von außen erfragt werden kann, weil es hier kein Außen mehr gibt? Ein Innen ohne Außen macht nicht mehr Sinn als ein Unten ohne Oben, ein Links ohne ein Rechts, ein Vorne ohne ein Hin­ten, ein Unten ohne ein Oben. Sollten wir von grundlegenden, tiefsten Einsichten nicht erwarten dürfen, dass sie sich auf eine Weise darstellen lassen, die grundlegende Sprachlogik nicht zutiefst verletzt? Ein Le­benssinn, den ich nicht begreifen kann, bereitet mir schwachen Trost: Er ersetzt das Unbe­ha­gen an einer hinterfragbaren Antwort durch das Un­behagen an einer, bei der jedes Hinter­fragen daran scheitert, dass fraglich ist, ob es sich überhaupt um eine sinnvolle Aus­sage handelt. Wenn Gottes­glaube die Überzeugung einschließt, mein Dasein sei verstehbar, bloß nicht für mich, dann tausche ich offenbar ein Vakuum gegen ein anderes. Macht das denn Sinn? Ein „letzter“, „höchster“, „ab­soluter“ Sinn ist daher nicht zu haben. Ein weiterer Grund da­für wurde oben schon erwähnt: Außerhalb von Kontexten, de­ren Beteiligte vorab festgelegten Zwecken und Normen folgen, macht Sinnsuche so viel Sinn wie die Frage, ob es jenseits des Fußballs, unabhängig von seinem Regelwerk, ein Erkenntnisziel gibt, aus dem letztinstanzlich folgt, wozu Eck­bälle, Freistöße und Elf­meter „eigentlich“ ausgeführt werden. Die philosophische Sinnfrage lässt sich nicht lösen, nur auflösen – mit einem Dasein, das so be­friedigt und erfüllt, dass man es leid ist, sie weiterzuverfolgen. Dann verflüchtigt sie sich, wie eine schlechte Laune. Falls mir alles, was ich in meinem Leben wichtig, wertvoll und erstrebenswert finde, aus einer höheren Warte unscheinbar und nichtig vorkommt – was will ich überhaupt da oben? Nichts und niemand zwingt mich dazu. Wenn mein Dasein von dort aus unbedeutend er­scheint – muss das für mich be­deutend sein? Wer Ja zum Leben sagt, darf sich die Frei­heit herausnehmen, intellektuelle Aufforderungen zum Tiefstschürfen zu ignorieren, die Lebensqualität ohne Not und Ausweg beeinträchtigen. Folgt daraus, dass wir uns ab­gewöhnen sollten, die Außen­perspektive einzunehmen? Mü­s­­sen wir sie einfach ab­schaffen? Das können wir nicht. Denn die Möglichkeit, uns selbst, unser ganzes Leben wie von oben zu betrachten, ergibt sich daraus, dass wir selbstbewusste Wesen sind. Die Einsicht in die Absurdität unseres Daseins aus höherer Warte ist der Preis, den wir für die Fähigkeit zur Selbstdistan­zie­rung zahlen müssen. Auch wenn wir die Sinnfrage nicht unentwegt, sondern im allgemeinen nur unter be­sonderen Umständen stellen, werden wir sie nicht los, sie umlauert uns unentwegt. Und insofern versagt die Aladin-Analogie: Der Geist, den wir weder bändigen noch bannen können, ist keiner, den wir je hätten einsperren und in dauerhafter Gefan­gen­schaft halten können. Er führt ein aufsässiges Eigenleben, er um­schwebt uns unablässig, er gehört zu uns wie ein zweites Selbst, und jederzeit kann unser waches Ich beschließen, zu ihm überzuwechseln. Sich von dieser Möglichkeit nicht irritieren zu lassen, zählt zu den wichtigsten Vorausset­zungen für ein Leben, das als erfüllt empfunden wird. Vor diesem Hintergrund wird klar, warum die Säkularisierungsthese notwendig scheitert: Auch wenn in modernen Gesellschaften die Be­deutung traditioneller Kirchen und Reli­gionen schwindet, endet damit nicht das Bedürfnis nach Spiritua­lität. Es ergibt sich zwangsläufig aus der Fähigkeit zur Re-Flexion, die zu­gleich sicherstellt, dass es ungestillt bleiben muss – es sei denn, wir brechen an irgendeinem Punkt das Weiterreflektieren ab, weil uns be­friedigt, was wir bis dahin gefunden haben. Sinnsuchende Patienten in der Medizin Was einen Großteil der Ärzteschaft daran hindert, das Bedürfnis nach Sinn ernstzunehmen und darauf einzugehen, ist im übrigen weniger philosophischer Tiefgang als schlicht ein Mangel an Zeit, kommunikativer Kompetenz und Empathie. Ausbil­dung und Praxisalltag begünstigen einen Typus von Arzt, dem einerlei ist, ob er Hilfesuchenden unsensibel, kaltherzig und emotional verkrüppelt vorkommt – er versteht sich als Experte für das, was nach Subtrak­tion alles Psychischen vom ganzen Menschen übrigbleibt, und be­schränkt sich darauf. Immer stärkerer Gegenwind kommt längst nicht mehr bloß aus „alternativen“ Ecken, sondern sogar aus den eigenen Reihen: vornehmlich aus der Psychosomatik, die sich in den dreißiger Jahren als eigenständiges Fachgebiet etablierte, sowie aus der Medizinethik. Eine „zunehmende Entfremdung zwischen Medizin und krankem Menschen“ beklagt Gio­van­ni Maio, Professor für Medizin­ethik an der Universität Freiburg im Breisgau. „Denn während der Kran­ke selbst dazu neigt, die Krankheit zu deuten, ihr einen Sinn zuzuschreiben, sie einzubauen in einen größeren Sinnhorizont, tritt die moderne Medizin mit ihren verabsolutierten naturwissenschaftlichen Erklärun­gen auf und vermittelt dem Pati­en­ten, dass seine Bedeutungszuschrei­bun­gen irrational seien, weil diese oder jene Krankheit Resultat eines Ursache-Wirkungs-Mechanismus sei. (…) Der Arzt reagiert nicht mit Antworten, sondern mit Verordnun­gen, mit Schemata, mit evidenzbasierter Medizin – und lässt den Pati­enten letztlich mit seiner Not alleine. (…) Genau das empfindet der mo­der­ne Mensch als Ausgeliefertsein, als Entmachtung, als Alleinsein in der modernen Medizin. (…) Wenn diese „nicht sprach- und hilflos sein möchte, wird sie sich unweigerlich der Sinnfrage stellen müssen.“ (2) Eben darum bemühen sich etliche Ärzte, die dem Therapeuten-Netzwerk der Stiftung Auswege angehören: Sie verbinden symptombezogene Be­handlung mit ganzheitlicher Wegbe­gleitung, was nicht nur den Pati­enten zugutekommt, sondern letztlich auch ihre eigene Berufszu­friedenheit deutlich erhöht. Dr. Dorothea Fuckert etwa, Fachärztin für Psychotherapie und spirituelle Heilerin, liegt vor allem an einer „kontinuierlichen Balancierung und Harmonisierung in Körper, Geist und Seele“ – sie „sind der Maßstab für die langfristige Heilwirkung einer Methode“, weshalb sie ineins „grundlegende körperliche Gesun­dung, befreiende emotionale Hei­lung und erhellende spirituelle Er­fahrungen“ vermitteln will, auf der „Basis des Bewusstseins einer höheren intelligenten Ordnung, einer sinnvollen Einheit allen Seins, einer alles verbindenden göttlichen Quelle von Schöpferkraft, Weisheit und Liebe.“ Der Radiologe und Ganz­heits­mediziner Dr. Horst Schöll, ärztlicher Leiter zahlreicher „Auswege“-Camps seit 2010, will Patienten näherbringen, was er aus einem eigenen existentiellen Drama lernte: „dass alles, was mir begegnet, nicht Glück, Pech oder Zufall ist, sondern dass dahinter eine große Weisheit, eine tiefe Information, eine wichtige Aufforde­rung steckt, die es zu entdecken gilt. Da dies auch für jedes andere Leben gilt, machte ich es zu meiner Lebens­aufgabe, Hilfesuchende dabei zu unterstützen, diese verlorenen Bot­schaf­ten sehen zu lernen, zu ent­schlüs­seln und zur Bewältigung von Krankheiten, Lebenskrisen oder so­genannten Schicksalsschlägen zu nutzen. Ohne dieses tiefe Verstehen der Zusammen­hän­ge von seelisch-energetischer Ursache und dem aktuellen emotionalen Leid werden sich die Probleme nicht auflösen lassen.“ Derart vorzugehen, ist mitnichten eine schöngeistige, therapeutisch unerhebliche Luxus­veranstaltung, die Ärzte getrost abwälzen können. Denn ein Grundgefühl von Verbit­terung, Verzweiflung, Hoffnungs- und Sinnlosigkeit, ein unentwegtes Hadern und Grübeln lähmen die Fähigkeit und Bereitschaft, ein Leiden positiv zu bewältigen (3), was wiederum fatal rückwirkt nicht nur auf das subjektive Krankheitserle­ben, sondern auch – mit Appa­ra­te­medi­zin mühelos verifizierbar – auf die Symptomatik selbst. Nie­mand, der die immer zahlreicheren Forschungser­geb­­nisse über enge Zusammen­hänge zwischen Psyche, Ge­hirn, Ner­ven-, Hormon- und Immunsy­stem zur Kenntnis nimmt, kann weiterhin ernstlich in Abrede stellen, dass tiefempfundene Sinnleere drastische, medizinisch hochrelevante körperliche Auswirkungen haben kann. „Spirituelle Wende“ in der Psychotherapie Und was haben Patienten in existentiellen Krisen von der Psychotherapie zu erwarten? Solange sie von Freuds Psy­choanalyse dominiert wurde, standen die Chancen für Sinn­frager miserabel, ernstgenommen zu werden. „Im Moment, da man nach Sinn und Wert des Lebens fragt“, so hatte Sig­mund Freud befunden, „ist man krank, denn beides gibt es ja in objektiver Weise nicht; man hat nur eingestanden, dass man einen Vorrat an unbefriedigter Libido hat.“ (4) Noch radikaler wischte die Verhaltens­the­rapie sie beiseite: Ihr Be­gründer John B. Watson (1878–1958) bevorzugte entgegen tiefenpsychologischer Verfahren ein „Black-Box-Modell“, demzufolge innere Vorgänge für Außenstehende undurchschaubar bleiben und daher nicht ana­lysiert werden sollten; phi­losophische Behavioristen gingen so weit, die Box für leer zu erklären: Beschreibungen in­ner­psychischer Vorgänge, so leiteten sie aus Sprachanalysen ab, meinen nichts weiter als Dispositionen zu bestimmten Verhaltensweisen. (5) Eine zunehmend einflussreichere Gegenbewegung entstand in den sechziger Jahren mit der Humanistischen Psy­chologie, angeregt von Abra­ham Maslow, in dessen „Hie­rarchie menschlicher Grund­bedürfnisse“ Glück, Erfüllung und Persönlichkeitsentfaltung ganz oben stehen. (6) Auch die Gestalttherapie des Ehepaars Perls, Ken Wilbers Transperso­nale Psychologie und buddhistische Achtsamkeitstherapien trugen zur Neuorientierung bei. Ganz in den Mittelpunkt rückten Sinnfragen bei Viktor Frankls Logotherapie. All dies hat in der Psychotherapie seit Ende der sechziger Jahre zu einer regelrechten „spirituelle Wende“ geführt. (7) Inzwischen erklären zwei von drei deutschen Psychotherapeuten, Spi­ri­tualität und Religiosität habe für sie eine „mittlere“ (27 %), „ziemliche“ (22 %) oder „sehr hohe“ Bedeutsamkeit (16 %). Und über die Hälfte bestätigt, dies wirke sich auf ihre therapeutische Arbeit aus. (8) An solche Ansätze knüpfen wir in den „Auswege“-Camps an. Medizinische Ursachen schwerer Erkrankungen lassen wir dabei nie außer acht – darüber hinaus tragen wir aber dem Bedürfnis von Betroffenen Rechnung, Gründe zu kennen. Denn einer wie der andere fragt uns: Wozu? Warum ich? Wa­rum dieser wunderbare Mensch, den ich über alles lie­be? Weshalb gerade diese Er­krankung? Wieso ausgerechnet jetzt? Haben wir tatsächlich befriedigende Antworten darauf? Wel­che denn? Sinnfindung in „Auswege“-Camps Fänden unsere Therapiecamps hundert Jahre früher statt, so verbände Hilfesuchende wie Helfer noch jener Deutungs­kon­sens, den das Christentum bis weit ins 20. Jahrhundert hinein im Abendland sicherstellte. Krankheit und Leid galten teils als Gottes Strafe für sündiges Handeln; teils als „Prüfung“ auf Glaubensfestig­keit unter erschwerten Um­ständen, wie sie der ans Kreuz genagelte Jesus vorbildlich be­standen hatte; teils als „dunkle Nacht der Seele“, ein läuterndes Durchgangsstadium zur Begegnung mit Gott, wie in der christlichen Mystik. Camp­teil­nehmer, deren Denken derart religiös durchdrungen ist, martert keine Sinnfrage – sie wäre schon beantwortet, und wo Zweifel aufkeimten, wäre ein Geistlicher im Team der alleinzuständige, allseits ge­ach­tete Ansprechpartner. Doch diese Zeiten sind vorbei. Die wenigsten Patienten, die in unsere Camps kommen, haben sich das andächtige, inbrünstige Christsein ihrer Kindertage bewahrt. Durch ihr Leiden sind manche darin mittlerweile eher erschüttert als bestärkt worden; „Ich verachte und hasse Gott für das, was er mir angetan hat“, bekennt die 49jährige Pa­mela*, der ihr über alles geliebter Joachim „genommen“ wur­de. In den Äußerungen der mei­sten Teilnehmer spiegelt sich der rapide Auto­ritätsver­fall der Amts­kirchen, der die westliche Welt inzwischen in einen neuheidnischen Kultur­raum mit christlichen Restbe­ständen verwandelt hat. Es über­wiegen drei Gruppen: Die einen glauben, mehr oder minder unsicher, noch einiges Weni­­ge von dem, was ihnen ein christliches Elternhaus, der Ge­meindepfarrer, der Religions­leh­rer mitzugeben versucht hat­ten; andere erweisen sich als be­kennende Atheisten; wieder andere hängen einem individuell zusammengestellten Welt­­­anschauungsmix an, in dem christliche Glaubenssätze, fernöstliche und esoterische Weis­heitslehren eigenwillige Ver­bindungen eingehen. Was haben wir diesen Men­schen anzubieten? Worin finden sie Trost und neue Hoff­nung – endlich wieder Sinn? Verfügen wir über ein seelsorgerisches Patentrezept? In un­se­ren Camps treffen Hilfesu­chende auf 15 bis 25 Helfer, die von einem gemeinsamen weltanschaulichen Nenner nicht min­der weit entfernt sind wie sie (ohne dass dieses Manko dem Teamgeist abträglich wä­re). Wann immer es um Sinn­fragen geht – bei Heilsit­zun­gen, in Lebensberatungen, bei Vor­trägen, Seminaren und Dis­kus­sionsrunden -, treten allerdings Teammitglieder in den Vor­dergrund, die Hilfe­suchenden aus eigener tiefer Überzeugung erbauliche, tröstende Weltan­schauungen an­zubieten haben. Ausgebilde­te Psychotherapeu­ten sind selten darunter; es überwiegen le­bens­erfahrene, weise Laien­psy­chologen – mit einem Durch­schnittsalter deutlich über Sechzig -, von denen sich die allermeisten Camp­teilneh­mer aufmerksamer, liebevoller, einfühlsamer angenommen und begleitet fühlen als von Profis, denen sie sich zuvor jahrelang anvertraut hatten. Man­che deuten den Schmerz als „Signal“, das Sym­ptom als Äußerungsform einer „Organ­spra­che“, die Krankheit als „Lehr­meister“ (Nietzsche), als „Botschaft“ und „Lektion“, entsandt von einem „Höheren Selbst“, das besser weiß, wozu dieses Leid gut ist: als schick­salhafte Chan­ce zu Selbstbesin­nung und innerem Wachstum; sie erläutern „geistige Ge­setzmäßig­keiten“, die den Wel­ten­lauf und jedes Einzel­schicksal ihres Erachtens nicht minder bestimmen wie physikalische – und dafür sorgen, dass nichts um­sonst und rein zufällig ge­schieht. Eher selten bringen sie den himmlischen Herrgott ins Spiel, dafür aber mitunter Geistführer, Engel und andere jenseitige Wesen­heiten. Soweit sie Wiederge­burtslehren an­hängen, führen sie aktuelles Elend auf „karmische“ Zusam­menhänge zurück, die bis in „frühere Leben“ zurückreichen können; sie lassen spiritualistische Bekennt­nisse einfließen, die auf gesicherten quantenmechanischen und pa­ra­psycholo­gischen Er­kenntnis­sen beruhen, wie sie ver­sichern. Sie (wieder)erwe­cken in Teilneh­mern ein Grund­­gefühl der Dankbarkeit für das Leben als „Geschenk“. Sie helfen bei der Selbst­erkenntnis. Sie ermutigen, alten Ballast abzuwerfen und neue Wege zu beschreiten. Aus wissenschaftstheoretischer Sicht werden da „Leer­formeln“ angeboten, in der Tat. Denn unter keinen Umständen können sie an der Erfahrung scheitern, und eben diese grund­­­sätzliche Nichtfalsifi­zier­­barkeit zählt zu den Haupt­merk­malen von Aussa­gen ohne empirischen Gehalt. (9) Mit „geistigen Prinzipien“, „Gottes Wille“, „Karma“ und dergleichen lassen sich alle und jegliche Ereignisse, Vor­gänge, Zustände begründen - ebenso wie ihr Gegenteil. Weil jeder Irrtumsnachweis ausgeschlossen ist, bleiben sie im­mu­­nisiert gegen jegliche Kri­tik. Unter diesem Manko leiden freilich weder wir selbst noch jene, die sich uns anvertrauen. Unsere Camps sind weder naturwissenschaftliche Forschungsein­richtungen noch erkenntnisphilosophische Symposien, sondern karitative Veran­stal­tungen, deren Wert sich daran bemisst, ob sie erreichen, wozu sie stattfinden: zu helfen, wie auch immer. Und das gelingt ihnen. Dass wir bewusst darauf verzichten, die vielfältigen Deu­tungsmuster der verschiedenen Camptherapeuten vorweg aufeinander abzustimmen und ein kohärentes Ganzes daraus zu machen, ist kein Nachteil, sondern für Ratsuchende eher hilfreich. So lassen wir ih­nen die Freiheit der Entschei­dung, welchen Ansatz sie sich zu eigen machen wollen; ihre Wahl wird beeinflusst von mitgebrachten Überzeugungen und Einstel­lun­gen, aber auch von Sympa­thie, Wertschätzung und Ver­trauen, die sie einzelnen Team­mitgliedern entgegenbringen. Und falls sie nichts davon eher überzeugt als das, was sie an Sinn bereits für sich gefunden haben: Auch das ist für uns völlig okay. Aber stiftet diese Deu­tungs­vielf­alt nicht eher Verwirrung als Klarheit? Erwächst das Sinnvakuum, in dem Frankl das spirituelle Hauptübel unserer Zeit sah, nicht gerade aus einem Überfluss an konkurrierenden Sinnkonzepten, dem der Einzelne ratlos und ver­wirrt gegenübersteht? (10) Spie­gelt sich diese „Neue Un­übersichtlichkeit“ nicht fatal in unseren Campangeboten? Was, bitteschön, wäre denn die Alternative? Ein Indoktrina­tions­lager zu Ehren einer Ein­heitsideologie, die ein paar Patienten verlockend, die übrigen eher abstoßend fänden? Dass unser heterogenes Ange­bot so gut wie alle sinnsuchenden Campteilnehmer zufriedenstellt, legen ihre Tagebü­cher, ihre Angaben in abschließenden Fragebögen einhellig nahe. Über 90 Prozent erklären bei Campende, ihre psychische Verfassung, ihr Allgemeinbe­fin­den habe sich wesentlich verbessert; sie sähen endlich „Licht am Ende des Tunnels“, hätten einen Ausweg gefunden, schöpften neuen Lebens­mut. Ihre abschließenden Stellung­nahmen, die wir nach jedem Camp detailliert auf unseren Internetseiten wiedergeben, las­sen keinen Zweifel da­ran. Sie be­stätigen eine eigenartige Dia­lektik: Krankheiten können einen tiefen Sinnverlust hervorrufen - aber auch entscheidend zur Sinnfindung beitragen. Wie ist solcher Überschwang möglich? Wie kann es sein, dass Schwerkranke mit quälendsten Sinnfragen zu uns kommen – und uns neun Tage später erleichtert, geradezu erlöst verlassen? Wir überreden nicht, und wir können nicht überzeugen – aber anregen und nahelegen. Wir bieten Deutungen an, die Krankheit und Leid in einen Kontext stellen, in dem sie aufhören, rätselhaft zu sein. Mit anderen Worten: Wir erschaffen Mythen, und deren Wert beruht auf ihrem Nutzen, keineswegs auf einlösbaren Wahr­heitsan­sprüchen. Solcher Prag­matis­mus bewahrt davor, mit mis­sionarischem Sen­dungs­eifer aufzutreten. Kein Patient, kein An­gehöriger be­kommt von uns zu hören: „Das musst du glauben, sofern dir unsere zwingenden Argumen­te einleuchten.“ Die Botschaft lautet vielmehr: „Falls du das glauben kannst, wird es dich erleichtern, zu innerer Ru­he finden las­sen und glückli­cher ma­chen.“ Und eben dies ge­schieht offenkundig. Anmerkungen 1 Nach einer Repräsentativ­um­frage des Marktforschungsinstituts GfK Nürnberg unter 1952 Männern und Frauen ab 14 Jahren. 2 G. Maio: „Ökonomisierte Spiri­tualität? Über das Ersticken der Sinnfrage in der modernen Medi­zin“, in: Erwin Möde (Hrsg.): Christ­liche Spiritualität und Psycho­therapie. Regensburg 2013, S. 28-35. 3 Vehement vertritt diese Auf­fas­sung der Arzt Lawrence LeShan: Diagnose Krebs – Wendepunkt und Neu­­beginn, Stuttgart 1993. 4 zit. bei Viktor Frankl: Die Sinn­frage in der Psychotherapie, München 1981, S. 27. 5 Vgl. dazu das Manifest des philosophischen Behaviorismus, Gilbert Ryles The Concept of Mind, Chicago 1949; dt. Der Begriff des Geistes. 6 “A Theory of Human Motiva­ti­on”, Psychological Review 50 (4) 1943, S. 370–396; ders.: Motivation und Persönlichkeit, 12. Aufl. Reinbek 1981. 7 D. Houtman/S. Aupers, “The spiritual turn and the decline of tra­dition: The spread of post-Chri­stian spirituality in 14 western countries, 1981-2000”, Journal of the Scientific Study of Religion 46/2007, S. 305-320. 8 L. Hofmann/H. Walach, “Spiri­tuality and religiosity in psychotherapy – A representative survey among German psychotherapists”, Psychotherapy Research 21 (2) 2011, S. 179-192. Befragt wurden dabei über 900 Psychotherapeuten. 9 Karl R. Popper: Logik der For­schung, 1934, 11. Aufl. 2005; Ernst Topitsch, „Über Leerformeln“, in ders. (Hrsg.): Probleme der Wissen­schafts­theorie, Wien 1960. 10 Heiko Ernst: Psychotrends - Das Ich im 21. Jahrhundert, München/ Zürich 1996, S. 189. (Harald Wiesendanger) Dieser Betrag enthält Auszüge aus dem Buch von Harald Wiesendanger: Auswege – Kranken anders helfen (2015)

  • Papa fehlt – Wenn familiäres Unheil auf Blase und Bauch drückt

    Wie kann ein Zwölfjähriger im Schlaf immer noch ins Bett pinkeln, Nacht für Nacht? So war es bei Christoph (Pseudonym), als er im Au­gust 2010 zum 4. Therapiecamp meiner Stiftung Auswege ins Kleinwalsertal nahe Oberstdorf kam, be­gleitet von seiner 50-jährigen Mutter, einer kaufmännischen Angestellten aus Hessen. „Nachts war er noch nie trocken“, vermerkte sie im Anmeldebogen. Dem Hausarzt hatte die Inkontinenz ebenso Rätsel aufgegeben wie immer wiederkehrende Bauchschmerzen, über die der Junge seit Jahren klagte. Organische Ur­sachen waren nicht auffindbar. Müsste ein Arzt nicht wissen, dass bei „sekundärer“, nicht körperlich bedingter Enuresis traumatische Erfahrungen von Trennung und Verlust zu den Hauptrisiko­faktoren zählen, zumal bei Minderjährigen? Nachdem er festgestellt hat, dass die Hypo­physe das Antidiuretische Hormon Vaso­pres­sin ausreichend produziert, weder eine Verengung der Harnröhre noch eine Funk­ti­onsstörung der Blase vorliegt und auch sonst mit den im Bauchraum liegenden und angrenzenden Organen alles in Ordnung ist: Hätte er nicht in Erwägung ziehen sollen, dass da eine psychische Belastung „drückt“? Wie konnte er versäumen, den Jungen und seine Mama danach zu fragen? Außerdem, und scheinbar ohne Zusam­men­hang mit diesen Symptomen, weigerte sich Christoph beharrlich, zur Schule zu gehen; tat er es, dann immer nur mit größtem Widerwillen. Irgendwann entschied die Mutter, ihren Jungen einem Psychotherapeuten anzuvertrauen. Doch monatelange Sitzungen brach­ten nichts. „Also“, schloss die Mama, „kann es auch nichts Psychisches sein.“ Was könnten wir in einem derart hartnäckigen, mysteriösen Fall ausrichten, innerhalb von bloß acht Behandlungstagen? Im Eingangsgespräch erlebte unser leitender Camparzt den Jungen als aufgeweck­ten, „intelligenten Schüler“, wie er protokollierte; dass Christoph in der Schule nicht klar kam, lag bestimmt nicht daran, dass er zu blöd war. In den ersten Tagen sei der Junge „sehr ruhig, fast schüchtern“ gewesen, und nicht anders erlebten ihn die übrigen Teammitglieder: Mit großen Augen ver­folgte er unsicher, zurückhaltend und verstockt, geradezu ängstlich das Campge­schehen. Bis Dienstag, dem dritten Camp­tag, quengelte er unentwegt, er wolle wieder nach Hause. Doch nach und nach taute er auf, wurde immer offener, fröhlicher, gelassener. Das hartnäckige Bauchweh klang ab, die Enuresis verschwand vollständig. „Chri­stoph hat die ganze Woche kein einziges Mal eingenässt“, wie der Camparzt am En­de schriftlich festhielt. Psychische Verfas­sung und Sozialverhalten hätten sich radikal gewandelt: Nach bloß acht Behand­lungs­tagen sei der Junge „viel selbstsicherer, er wurde immer aufgeschlossener, ging auf die anderen Kinder immer mehr zu“. Seine Therapeuten suchte er sich selber aus. Verwundert bestätigte die Mutter abschließend: „Ausgelassen, wie befreit, spielte er mit anderen Kindern. Gegen Ende besorgte er sich selbstständig Termine bei den Thera­peuten und dem leitenden Arzt. In den in­tensiven Gesprächen mit ihnen war er sehr aufmerksam. Er wirkt entspannter, regelrecht ‚gelöst’.“ Ob er wieder zur Schule gehen wird, bleibt abzuwarten, denn „noch sind Ferien“. Er tat es, wie eine Nachbe­fra­gung ergab. Wie waren diese Durchbrüche möglich? Wenn Christophs Psychotherapeut nichts ausrichten konnte, so vermutlich deshalb, weil er keinen Zugang zu dem Jungen fand. Uns gelang es offenbar. Im Vordergrund von über einem Dutzend Heilsitzungen mit Christoph stand weder sein vollgepinkeltes Bett noch sein Bauch, sondern seine psychischen Belastungen. Dabei kam zum Vor­schein: „Der Junge hängt sehr an seinem 15-jährigen Bruder, den die Eltern wegen Gewalttätigkeiten aus dem Haus gewiesen haben“, notierte der Campmediziner. „Sein leiblicher Vater verließ die Familie kurz nach seiner Geburt, um seine Kinder kümmert er sich nicht. Als ich den Jungen auf seine Trennungsängste und Verluste an­sprach, brach er in Tränen aus.“ Welch hohem Erkrankungsrisiko Eltern, die sich trennen, ihren gemeinsamen Nach­wuchs aussetzen, ist ihnen selten hinlänglich bewusst. Für sie mag die Trennung ein Akt der Selbstbefreiung sein; doch für ihre Kinder bricht eine Welt zusammen – in jedem Alter. Zwischen 1998 und 2008 wurde in Deutschland jede dritte Ehe geschieden – 2,2 Millionen -, wodurch 1,7 Millionen Minderjährige den Zerfall ihrer Familie erlebten. (1) Kein Kind bleibt davon unberührt, viele entwickeln Verhaltensstö­run­gen und maskieren ihre Verunsiche­rung, Verzweiflung und Wut durch körperliche Symptome. Sie werden hyperaggressiv, beginnen wieder am Daumen zu lutschen, können sich kaum konzentrieren, schlafen schlecht, entwickeln Essstörungen, chronische Schmerzen und Allergien. Aber wie soll­te ein Junge seinen Papa vermissen können, wenn er diesen nie bewusst erlebte, sich keinerlei Erinnerungen an ihn bewahren konnte? Zumindest weiß er, dass es Papa gibt und dass er fortgegangen ist. Könn­te es nicht sein, dass er mit seiner Schulverweigerung an beide Elternteile Signale aussendet? „Wenn Papa da wäre, dann würde er sich darum kümmern“. Oder: „Wenn Mama sich Mühe geben würde, käme er zurück.“ Oder: „Mama ist schuld, dass Papa weg ist. Indem ich mich ihr widersetze, bestrafe ich sie dafür.“ Oder: „Papa hat nicht gemacht, was Mama will, und bestimmt hatte er seine Gründe dafür. Warum soll ich ihr dann gehorchen?“ Oder: „In der Schule kriege ich doch nur schlechte Noten. Deshalb könnte Papa nicht stolz auf mich sein. Also gehe ich da gar nicht erst hin.“ Zehn Jahre lang war der verlorene Vater in Christophs Rumpffamilie ein Tabuthema gewesen: Mama wollte nie über ihn reden, Fragen wich sie aus. Die Heilsitzungen brachen mit diesem Tabu. Sie brachten zur Sprache, was den Jungen insgeheim bedrückte, gaben ihm Gelegenheit, seinen Gefühlen freien Lauf zu lassen, boten ihm Erklärungen für das Geschehene an und befreiten ihn von quälenden Vermutungen, warum Papa wegging und nicht mehr heimkommt. Prompt klangen die vermeintlich „therapieresistenten“ Symptome ab. Damit die im Camp erzielten Erfolge nachhaltig bleiben, müsse „das gestörte Familien­leben besser geordnet und Christoph dabei eingebunden“ werden, empfahl unser Camp­arzt abschließend. Könnte sich die Mutter nicht überwinden, Christoph zuliebe Kontakt zum Vater herzustellen, ihm klarzumachen, wie sehr sein Kind ihn vermisst, und darauf hoffen, dass er zehn Jahre nach der Trennung eher bereit ist, Verantwortung zu übernehmen? Mehr als nachdrücklich ans Herz legen konnten wir ihr diese Empfehlungen nicht. Ob sie gefruchtet haben? Wenn nicht: Haben dann die Camptherapeuten versagt – oder das soziale Umfeld? Anmerkung 1 Michael G. Möhnle: „Familien in Gefahr – Kinder in Not“, www.moehnle.net/themen/ familie.htm, 2008, abgerufen am 15.11.2015. (Harald Wiesendanger) Dieser Beitrag erschien zuerst im Buch von Harald Wiesendanger: Auswege – Kranken anders helfen (2015, Nachträge). Siehe auch den Text "Rein somatisch ist gar nichts".

  • „Rein somatisch ist gar nichts“

    An Grenzen stößt die Schulmedizin, solange sie Patienten als Körper ohne Seelen betrachtet und behandelt: als biochemische Maschinen, die es zu reparieren gilt. Die Psychosomatik fristet in ihr das Schattendasein eines randständigen Fachgebiets. Es hätte nicht viel gefehlt, und er hätte mit meiner Stiftung Auswege 2008, im zweiten „Aus­wege“-Camp in einer Burg nahe Bad Honnef, seinen hundertsten Geburtstag feiern können. Bestimmt hätte sich der bekennende Anti-Asketiker wohlgefühlt in unserem Kreis, und das nicht bloß, weil wir ihm jenes „gute Essen in vielfältigen Varia­tionen“ hätten bieten können, das er zeitlebens ohne Reue genoss (1), sondern weil er in unserem Therapeutenteam lauter Brüder und Schwestern im Geiste angetroffen hätte: Thure von Uexküll (1908-2004), der als Begründer der psychosomatischen Medizin gilt, zusammen mit Georg Groddeck, Viktor von Weizsäcker und anderen. Gemeinsam mit uns hätte er beklagt, wozu der Medizinbetrieb sein Geisteskind verkümmern ließ: zu einem randständigen Fachgebiet – und keiner Grundlagendisziplin, als die er sie verstand. Psychosomatik, wie er sie lehrte (von griech. psyche: Atem, Hauch, Seele; soma: Körper, Leib), untersucht die seelischen Hintergründe körperlicher Erkrankungen, um sie in die Behandlung einzubeziehen – und findet sie nicht bloß bei einem kleinen Ausschnitt des Diagnose­spektrums, sondern in jedem Fall. „Rein somatisch ist gar nichts“, sagte Uexküll einmal. „Es gibt nur psychosomatische Krankheiten.“ Das gelte beispielsweise für Asth­ma, Magengeschwüre und Ekzeme, ja sogar für Kno­chen­brüche oder Sehnenrisse, denn auch da sei „das Psychische am Werk“, was sich daran zeige, dass manche Menschen merkwürdig anfällig für Unfälle seien. Psychosomatik versteht die Kränkung hinter der Krankheit - nicht nur den Defekt hinter der Funktionsstörung. Dies deckt sich weitgehend mit den Erfahrungen, die wir in „Auswege“-Camps inzwischen bei Hunderten von kleinen und großen Patienten gemacht haben: In ihrer Vorgeschichte, ihrem Umfeld, ihren Beziehungen, ihrer seelischen Verfassung, ihren Denk- und Verhaltens­mustern entdecken wir fast immer Faktoren, die ihre Erkrankung mitbedingt haben könnten – und die mitberücksichtigt und mitbehandelt werden müssen, um Genesungsprozesse in Gang zu setzen und nachhaltig zu heilen. Psyche und Physis sind eins. Deshalb muss ein guter Arzt immer beides im Blick haben, das Ganze sehen. Mit anderen Worten: Er muss holistisch denken und handeln. Das verpflichtet ihn zum Widerstand gegen den in der Medizin „vorherrschenden Gesund­heitsbegriff“, der „das gute Funktionieren einer Maschi­ne beschreibt – einer sehr komplizierten Maschine, die man aber zerlegen kann in Teilmaschin­chen“, wie von Ueküll beklagte. „Es fehlt der Medizin eine Definition des er­lebenden Körpers. Eine Definition der Seele hat sie auch nicht, wenn beides getrennt formuliert wird. Das Menschenbild der Medi­zin ist technokratisch. Der biotechnisch nicht fassbare Inhalt geht verloren, um den kümmern sich die meisten Mediziner nicht“, und mit dieser Betriebsblindheit verspielen sie Heilungschancen: „Schließlich machen die Krankheiten, die mit dem engen Konzept der Schulmedizin erfasst werden können, nur ungefähr fünf Prozent aus. Nur auf diese trifft das medizinische Modell zu, nur für diese ist es hilfreich.“ Wie Verunsicherung schwindlig macht Wieviel selbst in hartnäckigsten, jahrzehntelang „behandlungsresistenten“ Fällen therapeutisch erreicht werden kann, wenn die unselige Spaltung der Medizin in „eine für Körper ohne Seelen und eine für Seelen ohne Körper“ (Uexküll) überwunden wird, ist in jedem unserer Camps deutlich geworden. Zum Beispiel bei Helga*, 52: Die frühberentete Kauffrau litt seit Mitte der achtziger Jahre an chronischen Schmerzen am ganzen Körper. Um das Jahr 2000 setzte obendrein ein ständiger Schwin­del ein, der sie beim Gehen erheblich beeinträchtigte. Unter den Teilnehmern unseres 14. Camps im nordhessischen Schwarzenborn im Mai 2014 machte kaum jemand deutlichere Fortschritte als Helga: Schmerzen und Dauerschwindel ließen bis Campende nach, zeitweilig schienen sie wie weggeblasen. Im Mittelpunkt unserer Bemühungen standen die „depressiven Verstimmungen“, die Helga auf ihrem Anmeldebogen angegeben hatte. Hinter den manifesten Symptomen waren offenkundig psychische Faktoren am Werk: „Sie war eine verunsicherte, frustrierte Frau“, wie unser Camp­arzt feststellte, „vermutlich mit Schwierigkeiten im Beruf und privat. Die verschiedenen Diagnosen waren gute Ausreden für ihre Welt-Enttäuschung, ihre Hilflosigkeit und wohl auch ihre Wut. Aufklärende Gespräche über den Sinn ihrer Diagnosen und deren Bearbeitungsmöglichkeiten scheinen ihr Denken sehr rasch verändert und zu neuer Zuversicht, ja Lebens­freude geführt zu haben.“ Während der Heilwoche blüh­te sie regelrecht auf, wirkte gelöst und voller Ener­gie. Ausgiebig scherzte sie mit anderen Teilnehmern; beim Abschlussfest unterhielt sie, mit strahlendem Lächeln, die ganze Runde mit humorvollen Gedichten, neckisch rührte sie die Werbetrommel für unsere Stiftung. „Mein Körpergefühl ist besser geworden, ich bin fröhlicher“, notierte sie abschließend. In ihrem Camptagebuch steht 21 mal das Wort „Danke“. Einen Gruppentanz am Abschiedstag empfand sie als „Tanz in mein neues Leben“. Schmerzen am ganzen Körper - aus den Tiefen einer gequälten Seele Seit langem quälten Ludwig*, einen 55jährigen Ingeni­eur, schwere Ängste und Depressionen, begleitet von chronischen Schmerzen, deren Ursprung trotz etlicher ärztlicher Untersuchungen im Dunkeln geblieben war: in Gelenken „seit 5 bis 7 Jahren“, im Rücken „seit ein bis zwei Jahren“; auch die Brust tat ihm weh, ständig spürte er einen beklemmenden Druck darauf. Zudem klagte er über Herzrhythmusstörungen. Was hatte er sich so sehr zu Herzen genommen, was brach ihm das Herz? Im Gegensatz zu den Schulmedizinern, denen er sich vergeblich anvertraut hatte, ahnte er bereits, woher seine rätselhaften Beschwerden letztlich rühren konnten: „In meinem jetzigen Leben habe ich viel Tragisches erlebt. Meine physischen Probleme könnten eine Folge meiner Angstzustände und Depressionen sein.“ In über einem Dutzend Heilsitzungen während eines „Auswege“-Camps im Juli 2013 kam zum Vorschein: Als junger Mann hatte Ludwig mitansehen müssen, wie Vater und Mutter erschossen wurden. Kaum hatten wir dieses Trauma mit ihm aufzuarbeiten begonnen, da lebte er regelrecht auf. Verschiedene Formen von Geistigem Heilen, von Handauflegen bis Chakratherapie, in Verbindung mit Yoga, energetischer Massage und Ge­sprächstherapie, lösten bei ihm „intensive Empfindun­gen“ aus, wie er abschließend in einem Patienten-Fragebogen notierte. „Danach fühlte ich eine so tiefe Erlösung, dass ich minutenlang wie ein Kind geweint habe. Endlich war ich frei von dem Angstgefühl, das mich jahrelang gequält hatte. Was ich in diesem Moment empfand, kann ich mit Worten nicht beschreiben.“ Seine mysteriösen Schmerzen verschwanden, sein Herzschlag fand in den normalen Rhythmus zurück. Was nimmt Dorothea die Luft? In den Jahren 2013 und 2014 vertraute sich Dorothea*, 54, uns dreimal an, jedesmal begleitet von ihrem Ehe­mann: wegen einer chronisch-obstruktiven Lungen­erkrankung (engl. chronic obstructive pulmonary disease, Abkürzung: COPD), die mit Husten, vermehrtem Aus­wurf und Atemnot bei Belastung einhergeht. Ständig war sie auf ein Beatmungsgerät angewiesen – so glaubte sie jedenfalls. Die Angst, ersticken zu müssen, war ihr ständiger Begleiter. Während jeder Campteilnahme ließen die Symptome erheblich nach: Sie sei „längere Zeit ohne Sauerstoff­zufuhr ausgekommen“ und habe „besser geschlafen. Panikattacken hatte ich wesentlich seltener“, so berichtete sie hinterher. Auch nach Einschätzung unseres Camparztes ließen die COPD-Symptome deutlich nach; zeitweilig kam Dorothea ganz ohne Beatmungsgerät aus, bezeichnenderweise vor allem, während sie abgelenkt war oder sich unbeobachtet wähnte. Nach Hause zurückgekehrt, sei es ihr anfänglich jedesmal „wesentlich besser gegangen“. Dies habe „im Laufe der Zeit aber wieder nachgelassen. Warum geht es mir nicht besser, wo ich doch jeden Tag meditiere und an mir arbeite?“, so fragte Dorothea. „Dann kommt die Angst, und mit der Angst kommt die Atemnot.“ Therapiehindernisse vermutet unser Camparzt in ihrer Psyche: „Seelisch sieht sie sich auf einem aufsteigenden Weg“, fasste er nach Dorotheas drittem Aufenthalt bei uns zusammen, „aber sie traut sich nicht, diesem Weg zu folgen. Immer noch plagen sie zu viele Ängste, dass es ihr schlecht gehen könnte. In manchen Situationen habe ich den Eindruck, dass sie diese Krankheit braucht, um eine Leere in ihrer Seele zu überdecken: Wäre sie gesund, dann müsste sie wieder für sich selbst sorgen – und ihr Mann bräuchte sie nicht mehr zu verwöhnen. Aber das will sie nicht.“ Die beiden Schläuche in ihrer Nase, über die sie sich künstlich beatmen lässt, hält unser Camp­arzt für „bloße Placebos; sie wären überflüssig, wenn Dorothea lernen würde, normal zu atmen“ - was sie jedesmal tat, „sobald sie sich auf etwas anderes konzentrierte“. Ihr zwanghafter Eindruck, auf das Gerät angewiesen sind, könnte nach Einschätzung mehrerer Teammitglieder von subjektiven Krankheitsgewinnen herrühren: Sie hat Angst vor Verlusten, die ihre Genesung mit sich bringen könnte – womöglich sogar ihres pflichtbewussten Gatten, der es nicht übers Herz brächte, eine Schwer­kranke im Stich zu lassen -, und „Angst, eigenverantwortlich ins Leben zu treten“, wie unser leitender Camparzt abschließend konstatierte. Migräne nach Missbrauchstrauma Seit Jahrzehnten war Magda*, eine 62jährige Lehrerin, von schier unerträglichen Migräneanfällen gequält worden, die oft mehrere Tage andauerten. Vielerlei Schmerzmittel linderten sie nicht. Hätten behandelnde Ärzte annähernd so gründlich nach­gefragt, wie es bei Magdas erstem von zwei Camp­aufenthalten im Juli 2013 geschah, wäre rasch zutage getreten, dass sie eine Fülle von psychischen Problemen belastete, die sich offenbar auch körperlich auswirkten. Als „auffälligste Symptome“ zählte sie auf: „sexuelle Empfindungsstörungen; Kontaktstörungen, Schwierig­kei­ten beim Aufbau tragfähiger Beziehungen; Tendenz zu Schwermut und Resignation, Unfähigkeit, mir ‚die Fülle des Lebens zu nehmen’; Ablehnung der weiblichen Rolle; Handlungsunfähigkeit und Erstarrung in Situa­tio­nen, die Handeln erfordern; latent vorhandene Todes­sehn­sucht; teilweise Gedächtnis­störungen, Erinnerungs­lücken“. Was steckte dahinter? Ein Leben lang litt Magda unter dem Trauma, in früher Kindheit von ihrem Vater sexuell missbraucht worden zu sein. Diese innere Verletzung arbeitete sie bei uns in täglichen Heilsitzungen auf. Gerade­zu euphorisch fühlte sie sich nach wenigen Camp­­tagen „wie befreit, wie neugeboren. Ich habe schon so viele Psychotherapien hinter mir, die nix gebracht haben; was ihr hier mit mir gemacht habt, ist unglaublich. So intensiv! Mich hat dieses Camp auf den Weg gebracht. Ich bin mir – mit Hilfe eurer Therapien – selber auf die Spur gekommen! ‚Erkenne dich selbst’ hat gut funktioniert. Ich blicke mit größerem Vertrauen in die Zukunft. Mir wurden ‚Auswege’ aufgezeigt. Danke dafür!“ Der Camparzt bestätigte: „Sie ist ihrem Gefäng­nis entflohen. Die Erleichterung bei ihr war so offensichtlich, dass man die ‚Steine’ förmlich purzeln sah und hörte, die ihr vom Herzen fielen.“ Allein Deutschlands acht Millionen Migräne-Patienten verursachen Krankheitskosten von rund 4,3 Milliarden Euro pro Jahr. Davon entfallen rund 100 Millionen auf ambulante und stationäre Behandlung, ca. 520 Millionen auf verordnete oder freiverkäufliche Analgetika, eine Viertelmilliarde auf Folgen von Arzneimittelmiss­brauch. Hinzu kommen geschätzte 1,9 Milliarden durch Arbeits­unfähigkeit bzw. verringerte Produktivität. (2) Wäre es nicht ein beachtlicher Beitrag zur Eindämmung der Kosten­explosion im Gesundheitswesen, mit Betrof­fe­nen wie Magda so umzugehen, wie es in unseren Camps geschieht? Anmerkungen 1 Nach Werner Bartens: „Der Menschenarzt“, Süddeutsche Zeitung, 15. März 2008. 2 Hans-Christoph Diener: Migräne. 2. überarbeitete und erweiterte Aufl., Stuttgart 2006 (Erstaufl. 2002), S. 7 * Pseudonyme (Harald Wiesendanger) Dieser Betrag stammt aus dem Buch von Harald Wiesendanger: Auswege – Kranken anders helfen (2015).

  • Die Reise nach Island – Ein Gleichnis vom Leben mit einem behinderten Kind

    Wenn du ein Kind erwartest, so ist das, als würdest du eine langersehnte Reise nach Spanien planen. Voll freudiger Erwartung deckst du dich mit Pro­spekten und Büchern über dieses me­di­terrane Urlaubsparadies ein. Du lässt dich im Reisebüro beraten, blätterst in Bildbänden, liest im Inter­net begeisterte Erfahrungs­berichte von Urlaubern, die schon dort wa­ren ... Du freust dich auf Flamenco und Paella, aufs Schwimmen und Son­nen­baden an den Stränden der Costa Brava. Du siehst dich bereits die atemberaubenden Land­schaf­ten der Pyre­näen und der Sierra Nevada erkunden. Du malst dir aus, wie du durch die male­rischen Altstädte von Toledo, Cordoba und Sevilla bummelst. Du siehst dich schon in der prächtigen Sagrada Familia von Barce­lona stehen, im Palacio Real in Madrid, in der Alham­bra in Granada, in der Stier­kampf­arena und dem Alcazar in Valen­cia. Viel­leicht belegst du sogar einen Sprach­kurs, um ein paar Brocken Spanisch zu lernen. Nach Monaten gespannter Vorfreude kommt endlich der lang ersehnte Tag. Du packst die Koffer, fährst zum Airport, checkst ein, das Flugzeug hebt ab. Ein paar Stunden später landet die Maschine. Über Bordlautsprecher hörst du die freundliche Stimme des Piloten: „Willkommen in Island!“ Du bist wie vom Donner gerührt. Auf­gebracht springst du auf und be­schwerst dich bei den Flugbegleitern: „Island? Wie bitte? Ich habe doch eine Reise nach Spanien gebucht! Mein ganzes Leben habe ich davon geträumt, nach Spanien zu reisen!“ Aber der Flugplan wurde geändert. Du bist jetzt in Island gelandet, hier musst du aussteigen und bleiben. Einen Rückflug gibt es nicht. Wie groß ist diese Katastrophe wirklich? Du bist keineswegs in ein dreckiges, von Krieg, Seuchen und Hun­gersnot geplagtes Land gebracht wor­den. Es ist nur anders als Spani­en – nicht so spektakulär, nicht so be­liebt. Was du jetzt brauchst, sind neue Bü­cher und Reiseprospekte. Du musst eine neue Sprache lernen. Und du triffst andere Menschen, welche dir in Spanien nie begegnet wären. Aber nachdem du eine gewisse Zeit an diesem Ort verbracht und dich vom ersten Schrecken erholt hast, beginnst du dich umzuschauen. Und du erfährst und erlebst, dass Island grandiose, weitgehend unberührte Landschaften zu bieten hat. Du ge­nießt atemberaubende Wasserfälle und Bootsfahrten entlang malerischer Fjorde, bestaunst die Mitter­nachts­­son­ne im Juni. Im Schneemo­bil er­kundest du Europas größten und ein­drucksvollsten Gletscher. Dich in­spiriert die Kunst- und Kul­tur­szene von Rejkjavik; bald ent­deckst du dein neues Lieblingsre­stau­rant, in dem du die leckersten Meeresfrüchte schlemmst. Du schließt Freundschaft mit Mitreisenden, die es ebenfalls nach Island verschlagen hat. Und allmählich klingt dein anfängliches Ent­setzen ab, deine Verbitterung be­ginnt nachzulassen. Unterdessen sind alle, die du noch aus deinem früheren Leben kennst, weiterhin damit beschäftigt, von Spanien zu kommen oder dorthin zu fahren. Du hörst sie schwärmen, und nie wirst du ganz aufhören, sie zu beneiden. Für den Rest deines Le­bens sagst du dir: „Oh ja, Spanien! Dorthin hatte auch ich meine Reise geplant! Aber es kam ganz anders!“ Dein Schmerz darüber wird nie mehr ganz vergehen, denn der Verlust eines Lebens­traums wiegt schwer. Doch wenn du den Rest deines Le­bens damit zubringst, dem zerronnenen Traum der Reise nach Spanien nachzutrauern, wirst du nie innerlich frei sein, die besonderen und wundervollen Seiten Islands genießen zu können. (Harald Wiesendanger) Diese Geschichte ist dem Buch von Harald Wiesendanger: Auswege – Kranken anders helfen (2015) entnommen. Sie lehnt sich an „Die Reise nach Holland“ an, einen Text der US-Schriftstellerin Emily Kingsley, die ab 1970 jahrzehntelang für die Fernsehserie „Sesamstraße“ schrieb. 1974 brachte Kingsley ihren Sohn Ja­son zur Welt – mit Trisomie 21, dem Down-Syndrom („Mon­golismus“). Dieses traumatische Erlebnis hat sie seither in zahlreichen Büchern und Artikeln aufgearbeitet.

  • Wozu philosophieren?

    Philosophie habe ich im Hauptfach studiert. „Wie konntest du nur?“, fragte mich meine jüngste Tochter. „Wäre das auch etwas für mich?“ Daraus entstand der folgende Erklärungsversuch. „Du solltest sophipholieren!“ Falls jemand mir so etwas ernsthaft vorschlägt, wäre ich höflich. Denn es gibt ja fast nichts, was es nicht gibt. Zuallererst würde ich ihm vier Fragen stellen: Was ist das überhaupt? Worum geht es dabei? Wie macht man es? Was hätte ich davon? Was ist Sophipholieren? Ein Nichts, das Wort ist frei erfunden. Quatsch also. Aber wenn ich darin Vokale und Konsonanten umstelle, komme ich zu einer Tätigkeit, von der es heißt, sie sei alles andere als Humbug, sondern besonders wichtig und wertvoll: Philosophieren. Und da stelle ich dieselben vier Fragen. Was Philosophieren ist, ahnt jeder, zumindest ein bisschen: Man denkt dabei nach – nicht über alles Mögliche, sondern über besonders allgemeine Fragen. Man kann darin besser werden, sonst wäre es kein Schulfach. Das Erlernen ist besonders schwierig, sonst wäre es nicht etwas, was man erst an einer Uni studieren muss, bevor man es richtig drauf hat. Es ist etwas, womit man sich ein ganzes Leben lang beschäftigen kann, sonst gäbe es nicht den Beruf des Philosophen. Würde ich es gerne studieren? Das hängt zum Teil davon ab, worum es dabei geht. Wenn ich „Philosophie“ google und ein paar der angebotenen Links anklicke, stoße ich auf Themen­listen, die sich ziemlich gleichen: Was ist Wahrheit? Was kann ich wissen? Was darf, soll, muss ich tun? Was ist Gerechtigkeit? Gibt es eine Seele? Hat unser Leben Sinn? Was ist nach dem Tod? Ist unser Wille frei? Gibt es Gott? Wer bin ich? Was unterscheidet Menschen von Dingen? Interessieren mich diese Fragen? Ja, die einen mehr, die anderen weniger. Manche haben mich schon beschäftigt, bevor es im Schulunterricht um sie ging. Denn sie begegneten mir nicht erst in Lehrbüchern, sondern im Alltag. Da streiten Menschen, weil sie unter­schied­licher Meinung sind – wie findet man heraus, welche Meinung wahr ist? Wie wird aus dem, was sie glauben, Erkenntnis? Was ich tue, finde ich meistens moralisch gut – aber wie begründe ich das gegenüber jemandem, der das anders sieht? Ich rege mich über Ungerechtig­keiten auf – welche Maßstäbe lege ich dabei an, und sind die bloß meine, oder gelten sie für jeden? Zu mir gehört ein Körper – bin ich bloß einer, oder habe ich ihn und außerdem noch etwas, das von ihm unabhängig ist? Ich weiß, dass ich sterben muss – kommt nach dem Tod noch etwas? Ich habe ein Gehirn - wenn alles, was ich denke, will und tue, davon abhängt, was darin vor sich geht, wie kann ich da noch frei sein? Ich bin religiös erzogen worden, ich glaube an Gott - bete ich zu etwas, was es vielleicht gar nicht gibt? Das alles lässt mich nicht kalt. Aber zu keiner einzigen Frage ist mir bisher etwas eingefallen, von dem ich sagen konnte: „Das ist die Antwort. Problem gelöst. Abgehakt.“ Das könnte daran liegen, dass ich mich nicht richtig damit befasst habe, nicht so, wie ein Philosoph es tun würde. Aber was tut er, was kann er besser als ich? In gewisser Weise kann er nichts anderes tun als ich: nachdenken. Denn offenbar geht er mit seinen Fragen anders um, als es ein Naturwissenschaftler tun würde. Um Antworten zu finden, beobachtet er nicht, er führt keine Befragungen durch, er experimentiert nicht, er macht keine Tests. Also weiß er nichts aus Erfahrung. Kann er dann überhaupt etwas wissen? Wissen Philosophen irgendetwas? Haben sie gesicherte Erkenntnisse, wenigstens eine? Auch darauf suchte ich eine Antwort in den Homepages, die Google mir zum Stichwort „Philosophie“ vorschlug. Irgendwann brach ich frustriert ab. Mein Eindruck war: In der Philosophie ist nichts gewiss. Nichts ist so klar, dass darüber nicht weiter diskutiert werden könnte. Zu jeder Frage fand ich mindestens zwei gegensätzliche Standpunkte, oft sogar fünf, zehn und mehr. Für jeden gab es gute Argumente. Aber auch die Gegenargumente waren nicht schlecht. Keines war zwingend. Wie kann das sein? Wird nicht seit Jahrtausenden philosophiert? Taten das nicht einige der klügsten Köpfe der Menschheitsgeschichte? Tun es heute weltweit nicht viele Tausend professionell? Wenn anscheinend keiner bisher irgendeine endgültige Lösung fand, wie kann ich da erwarten, dass es mir jemals gelingt? Und wozu sollte ich mich mit unlösbaren Fragen auseinandersetzen? Will ich einen Berg hochklettern, wenn ich nie oben ankommen kann? Andererseits: Ist eine Frage nur dann gut, wenn es eine sichere Antwort auf sie gibt, und nicht viele unsichere? Nicht nur im Fach Philosophie, auch in anderen Schulfächern beschäftigen wir uns manchmal mit Fragen, die am Ende offen bleiben: Was wäre, wenn Hitler den Zweiten Weltkrieg gewonnen hätte? Was hat der Dichter mit seinen Zeilen wirklich gemeint? Wieviele Flüchtlinge sind zuviele? Könnte Umweltverschmutzung dazu führen, dass die Erde irgendwann unbewohnbar wird? Hätten wir eine bessere Gesellschaft, wenn es kein Geld gäbe? Was würde geschehen, wenn wir Kontakt zu außerirdischen Wesen bekämen? Wie wäre es für uns gewesen, zu Zeiten Jesu zu leben, oder im Mittelalter? Es stimmt nicht, dass mir Unterrichtsstunden darüber nichts gebracht haben. Ich habe Möglichkeiten bedacht, auf die ich vorher nie gekommen wäre. Ich habe unterschiedliche Standpunkte kennengelernt und miteinander verglichen. Dabei habe ich mehr über das Thema gelernt, über Andere und auch über mich selbst. Könnte es nicht genauso sein, wenn ich mich mit philosophischen Fragen beschäftige, ein Buch darüber lese oder einfach nur im Stillen über sie nachdenke? Ist es nicht wichtig zu erfahren, dass es unterschiedliche Standpunkte gibt? Wie sie begründet werden können? Herauszufinden, wie gut diese Gründe sind? Dabei vielleicht zu merken, dass es für manche Standpunkte bessere Argumente gibt als für meinen eigenen? Außerdem hilft mir Philosophieren, klarer zu denken. Denn dabei tauchen Begriffe auf, die ich im Alltag wie selbstverständlich verwende – fast so wie ich atme, ohne auf Luftsauerstoff und Lungenfunktion zu achten. Oft merke ich erst beim Nachdenken über einen Begriff, dass ich bisher gar nicht genau wusste, was ich damit eigentlich meine. Was bedeutet das Wort „Sinn“? Was meine ich mit „ich“? Worauf beziehe ich mich, wenn ich von „Geist“ und „Seele“ spreche? Worin besteht „Freiheit“ überhaupt? Was heißt es, „gut“ zu sein? Das sollte mir nicht egal sein, denn wie kann ich eine Meinung haben, ohne zu wissen, worüber? Und oft hatte ich den Eindruck: Sobald Begriffe klar sind, müssen Fragen anders gestellt werden, manche werden sinnlos, und manche Antworten zweifelhaft. Es ist, als hätte sich grauer Dunst aufgelöst. Nun kommt manches deutlich zum Vorschein, anderes erweist sich als Nebelschwade. Ist Philosophieren langweilig? Nein, es kann spannend sein, denn auch dabei gibt es oft etwas zu entdecken: keine neue Tierart, keinen neuen Planeten, kein neues Elementarteilchen, sondern Aspekte und Argumente, auf die ich bisher nicht gekommen bin. Und immer habe ich dabei das Gefühl: Hier geht es um etwas, das mir mehr gibt, als darüber zu labern, wer die meisten Facebook-„Freunde“ hat, welches Parfum gerade angesagt ist, ob Kim Kardashian cool ist oder Slipknot heißere Musik macht als Linkin´Park. Macht Philosophieren einsam? Im Gegenteil. Philosophische Fragen diskutiere ich am liebsten mit Freunden. Mir bringt das mehr, als alleine vor mich hinzugrübeln. Solche Gespräche sind anregend und lehrreich, sofern jeder sich ernsthaft darauf einlässt. Sie führen mir Gegensätze und Widersprüche vor Augen. Sie helfen mir, Dinge aus anderen Perspektiven zu sehen. Sie regen meine Phantasie an. Sie trainieren mich darin, mich klarer auszudrücken und logisch zu begründen, was ich glaube. Sie schützen mich davor, Vorurteile zu übernehmen und mich manipulieren zu lassen. Sie machen mich offener, toleranter und selbstkritischer. Sie erziehen alle, die mitmachen, zu Demokratie: Nur wer immer Recht haben will und die Macht, uns seine Meinung aufzuzwingen, der mag sie uns nicht zur Diskussion stellen, gleichberechtigt und gewaltlos – ihm passt es nicht, wenn wir den eigenen Verstand gebrauchen. Macht Philosophieren ernst? Nicht unbedingt. Es kann Spaß machen, Argumente auszutauschen, man kann daraus sogar Rollenspiele und Wettbewerbe machen: Hanna tut so, als sei sie Materialistin – schafft es jemand, sie zu davon abzubringen? Philipp spielt Papst, Matthias den Gottlosen – wer wird das letzte Wort haben? Oder wir bilden zwei Teams, jedes bekommt ein Blatt Papier, eine Viertelstunde Zeit und dasselbe philosophische Thema: „Überleben wir den Tod unseres Körpers? Was spricht dafür, was dagegen?“ Welches Team findet mehr Argumente, die Pro- oder die Kontra-Seite? Während ich das schreibe, hat es sich auf meinem Schoß Eve gemütlich gemacht, meine schwarze Katze. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie ebenso Schmerzen empfinden kann wie ich. Dass sie nicht bloß Hunger hat, sondern ihn spürt, wenn sie zu ihrem Fressnapf läuft. Dass sie traurig ist, wenn sie bemerkt, dass ich das Haus verlasse. Dass sie sich wohlfühlt, wenn ich sie streichle. Aber genauso sicher bin ich mir, dass sie sich niemals fragt, wozu sie lebt. Nie ist ihr bewusst, dass sie in spätestens fünfzehn Jahren nicht mehr existieren wird, und bestimmt denkt sie nie darüber nach, ob es für Katzen ein Leben nach dem Tode gibt. Ja, sie weiß nicht einmal, dass sie eine Katze ist. Nie wird für sie zum Problem, ob ihre Gefühle rein körperlich sind oder etwas ganz anderes, etwas Seelisches. Ja, sie fragt sich überhaupt nichts. Nie wird sie sich dessen bewusst sein, dass sie mein Weggehen bemerkt, und überlegen, was Bewusstsein überhaupt ist. Nie wird sie beschäftigen, ob ich sie liebe, wenn ich sie streichle, und was Liebe bedeutet. Niemals philosophiert sie. Aber ich kann es, über sie, über mich, über die Welt. Ist es nicht faszinierend, etwas zu tun, was Menschen allen übrigen Lebewesen voraus haben? Und noch etwas habe ich beim Philosophieren gelernt: Man muss nicht hundert Bücher gelesen haben, ehe man damit beginnen kann. Ich brauche dazu keine Bibliothek, sondern bloß eines: meinen Verstand. Philosophieren ist eigenes Nachdenken, kein Nach-Denken von etwas, was Andere vor-gedacht haben. Zwar weiß ich dann noch nicht, was Platon, Descartes und Kant gedacht haben. Aber immerhin ahne ich nun, dass mich ihre Gedanken etwas angehen. Wenn das alles ist, was mir Philosophieren bringt, ist es dann genug? Sollte ich mir Zeit dafür nehmen? Wieviel? Ich kann mir nicht vorstellen, mich ein ganzes Leben lang beruflich mit philosophischen Fragen zu befassen, nicht nur, weil ich keine Ahnung habe, wie man davon leben könnte. Ich stelle mir Fragen dann gerne, wenn sie mich berühren. Was einen Menschen von einem Objekt unterscheidet, frage ich mich in Situationen, in denen Menschen wie Objekte behandelt werden: benutzt, zur Schau gestellt, missbraucht. Ob es ein Leben nach dem Tod gibt, wird für mir wichtig, wenn jemand stirbt, den ich liebe, oder wenn mir klar wird, dass mein eigenes Ende nahe ist. Ob mein Leben Sinn hat, frage ich mich, wenn ich etwas verloren habe, das ihm bisher einen Sinn gegeben hat: beispielsweise meine Arbeit, meine Heimat, meine beste Freundin, meine Gesundheit. Ob ich wirklich frei bin, beschäftigt mich dann, wenn ich das Gefühl habe, dass meine Freiheit bedroht ist. Aber könnte ich ständig zweifeln, ob mein Leben Sinn macht? Könnte ich ständig hinterfragen, ob ich überhaupt etwas weiß? Könnte ich mir ständig meines sicheren Todes bewusst sein? Mir tagaus, tagein solche Fragen zu stellen, würde mich unglücklich machen. Ihnen manchmal nachzugehen, finde ich weise, ich liebe es. Ach ja, „Philosophie“ kommt aus dem Griechischen, wörtlich bedeutet es „Liebe zur Weisheit“. (Harald Wiesendanger) Illustrationen: Titelbild: Gerd Altmann/Pixabay

  • Lob des unprofessionellen Verstehens

    Verstehen uns Psycho-Profis wirklich besser? Die blamable Qualität psychologischer Gutachten deutet darauf hin, dass der Einzelfall Experten grundsätzlich überfordert – und Freud richtig lag, als er in einem seiner seltenen selbstkritischen Momente argwöhnte, Seelenexperten wie er begingen „jämmerliche Pfuschereien“. Sie versagen nicht wegen vorläufiger Wissenslücken, die wissenschaftlicher Erkenntnisfortschritt irgendwann schließen könnte. Sie scheitern aus Prinzip: Ihr naturwissenschaftlicher Ansatz verfehlt zwangsläufig, was uns ausmacht. Denn Menschen sind keine gewöhnlichen Forschungsobjekte, sondern bewusste Subjekte - Wesen mit einer jeweils einmaligen Geschichte, besonderen Lebensumständen und einer einzigartigen Erlebnisperspektive. Was sie bewegt, erschließt erst Empathie: eine fabelhafte Kulturtechnik, die Laien von Kindesbeinen an erwerben, vor und unabhängig von einem Hochschulstudium. Ein Ereignis wissenschaftlich zu erklären heißt, es aus empirisch bestätigten Gesetzmäßigkeiten herzuleiten – wobei zur Bestätigung ausschließlich wissenschaftlich anerkannte Methoden zulässig sind: im Fall der akademischen Psychologie systematische Beobachtung von objektiven, messbaren Tatsachen, außerdem Befragungen, Tests und Experimente mit quantifizierbaren Ergebnissen. Die meisten Handlungen, die ich als Laie verstehe, versteht mein Psychologe ebenfalls, wenn auch manchmal anders als ich. Darüber hinaus versteht er vermutlich weitere, deren Beweggründe unsereinem schleierhaft sind. Bloß: Wie versteht er sie? Beschränkt er sich dabei auf reine Wissenschaft, mit der er während seiner akademischen Ausbildung vertraut gemacht wurde? Oder schöpft er, ob er dies nun zugibt oder nicht, aus denselben anrüchigen Erkenntnisquellen, derentwegen er uns als stümperhafte „Küchenpsychologen“ zu belächeln gelernt hat: Lebenserfahrung, Intuition und Empathie? Es geschah aus Liebe Um das herauszufinden, würde ich ihm drei Fragen stellen: „Warum bewahrt jemand einen Zigarettenstummel jahrzehntelang in einem Glasbehälter auf seinem Nachttisch auf?“, „Warum verbrennt jemand kistenweise all seine Lieblingsbücher?“ und „Warum äußert jemand: ’Die werden heute abend knapp reichen?’“ Das erste tut ein Freund von mir. Das zweite hat im Jahre 1547 eine berühmte historische Persönlichkeit getan: ein französischer Apotheker und Arzt, der als visionärer „Nostradamus“ Weltruhm erlangte. Das dritte trug sich kürzlich in einer Konditorei zu. In jedem Fall lautet die Begründung: Es geschah aus Liebe. Mein Freund tut es, weil die Kippe die letzte war, die seine Frau ausdrückte, ehe sie starb; am Filter kleben noch Reste ihres Lippenstifts. Nostradamus tat es, weil die Bücher allesamt als „ketzerisch“ verboten waren; er befürchtete, die Inquisition könnte deren Versteck entdecken, ihn deswegen hinrichten – und damit seine zweite Frau ins Unglück stürzen, die er gerade erst geheiratet hatte. „Die werden heute abend knapp reichen“: Das hörte ich neulich eine ältere Dame sagen, die vor mir an der Verkaufstheke einer Konditorei stand; sie ließ sich 40 hausgemachte Trüffelpralinen in ein Plastiktütchen stecken. Während die Verkäuferin eine Kugel nach der anderen mit einer Zange eintütete, entfuhr ihr ein „Oha!“, was die Kundin ebenso laienpsychologisch wie blitzschnell verstand: Sie erfasste, dass sich die Verkäuferin über die unüblich große Anzahl Pralinen wunderte, und fühlte sich dazu aufgefordert, sich zu rechtfertigen. Die Verkäuferin wiederum verstand in Sekundenbruchteilen, dass die Süßigkeiten offenbar als Präsent für mindestens eine Person gedacht gedacht waren, die der Kundin besonders viel bedeuteten, sonst gäbe sie wohl kaum 25 Euro dafür aus. Und so bot sie an: „Soll ich sie Ihnen als Geschenk verpacken?“ Darüber hinaus erspürte sie intuitiv, dass die Kundin gerne mit ihr über den Anlass des Geschenks geplaudert hätte – warum sonst wies sie ungefragt, und scheinbar überflüssigerweise, auf heute abend und eine mutmaßliche Pralinenknappheit hin? Und möglicherweise gingen der Verkäuferin mehrere laienpsychologische Hypothesen durch den Kopf, die zwar alles andere als evidenzbasiert, vermutlich aber trotzdem nahe an der Wahrheit waren: Trifft die Dame heute abend jemandem, der Trüffelpralinen über alles liebt und gar nicht aufhören kann, sie zu futtern, sobald er welche vor sich liegen hat? Ihren neuen Freund? Eines ihrer Kinder samt Enkelkindern? Käme ein professioneller Psychologe darauf? Wenn ja, auf welchem Weg? „So allgemein kann ich das unmöglich sagen“, würde er voraussichtlich einräumen. „Die Psychologie kennt in der Regel nur statistische Wahrscheinlichkeiten.“ „Nun gut, dann stützen Sie sich meinetwegen auf diese“, würde ich einwilligen. „Aber bitte ausschließlich darauf.“ Er versteht – bloß wie? Nun hätte er ein Problem. Denn weltweit dürfte bislang keine einzige wissenschaftliche Studie über empirische Zusammenhänge von Bücherverbrennungen, Kippenkonservierungen und Trüffelpralinenkäufen mit bestimmten Motiven stattgefunden haben. Aber selbst wenn bereits Hunderte vorlägen - sie wären meinem Psychologen keinerlei Hilfe, nicht bloß, weil die Studienergebnisse ziemlich sicher im Widerspruch zueinander stünden, weshalb „die Faktenlage ambivalent“ wäre, wie er zugeben müsste. Das größere Problem ist: Selbst wenn bei einer bestimmten Art von Handlung mit hoher statistischer Wahrscheinlichkeit ein bestimmtes Motiv vorliegt, folgt daraus nicht, dass jeder von uns, oder zumindest dieser bestimmte Mensch hier und jetzt, höchstwahrscheinlich deswegen so handelt – und morgen am selben Ort oder anderswo genauso handeln würde, falls das gleiche Motiv fortbesteht. In seinem speziellen Fall – und Individuen liefern, zum Ärgernis von Generalisten, grundsätzlich nur Einzelfälle - ist es vielmehr äußerst unwahrscheinlich, wenn nicht gar ausgeschlossen. Was auch immer er tut, es geschieht vor dem Hintergrund eines jeweils ganz individuellen Systems von Überzeugungen, Wünschen, Neigungen, Absichten, früheren Erfahrungen, Erinnerungen und Erwartungen; vor dem Hintergrund seiner einmaligen Lebensgeschichte, bestimmter historischer Gegebenheiten und der jeweiligen Situation, an der übrigens im Alltag häufig ein bis mehrere weitere Individuen beteiligt sind, auf deren unberechenbares Mitwirken er ebenso unberechenbar reagiert. So kommt es, dass Menschen Menschenwissenschaftler penetrant ärgern, indem sie mit allergrößter Wahrscheinlichkeit etwas statistisch äußerst Unwahrscheinliches tun. Mittels Erfahrung, Intuition und Empathie gelingt es unsereinem häufig, diese Hintergründe zu erfassen und zu berücksichtigen, wenn wir das Tun eines anderen Menschen zu begreifen versuchen. Sofern der Profi es ebenfalls begreift, so deshalb, weil er sich unserer Mittel bedient – was bleibt ihm anderes übrig? In der Praxis des Beratens und Behandelns begegnet er nicht fleischgewordenem statistischem Durchschnitt, sondern immer nur einzigartigen Subjekten. Wer dort tätig ist, fernab des akademischen Hochschulbetriebs, für den erweisen sich vier bis sechs Studienjahre im nachhinein weitgehend als eine schweißtreibende Zeitvergeudung. Denn die Praxis­relevanz psychologischer Forschung ist erbärmlich, ihr Anspruch und Ansehen stehen in geradezu kafkaeskem Missverhältnis zu ihrer Brauchbarkeit. Noch vertrackter wird das Problem für einen wissenschaftlichen Psychologen dadurch, dass seine sonderbaren Objekte Bewusstsein haben. Stellen wir uns eine umfassendst aufgeklärte Gesellschaft vor, die ihr gesamtes Bildungswesen, ihre Medienlandschaft, ihre Freizeitangebote rigoros dem Ideal unterworfen hat, all ihre Mitglieder laufend auf den neuesten Stand psychologischer Forschung zu bringen. Mindestens neunzig Prozent seiner freien Zeit würde der Durchschnittsbürger damit zubringen, psychologische Studien zur Kenntnis zu nehmen. (Falls er weniger Zeit dafür aufwendet, muss er zur Strafe als Proband unbezahlt bei einem psychologischen Experiment mitmachen.) Wäre dies eine Gesellschaft, in der Menschen einander weitaus besser verstehen und viel zuverlässiger voraussagen könnten, was sie tun? Wäre es eine, in der die Wissenschaft das Helfen und Heilen revolutioniert? Nur dann, wenn ihre Mitglieder bestrebt wären, sich möglichst immer so zu verhalten, wie wissenschaftliche Studien über sie nahelegen. Doch wenn sie das nicht tun wollen? Wenn es ihnen zutiefst zuwider wäre? Wenn eine außerparlamentarische Protestbewegung die große Mehrheit der Bevölkerung dazu anstiften würde, die sanfte Diktatur der Psychoexperten beharrlich zu sabotieren? Im Gegensatz zu Dingen, wie auch zu jedem Tier, sind menschliche Subjekte imstande, sich anders zu verhalten, als ein Anderer erwartet, bloß weil sie dessen Erwartungen kennen - und keine Lust zu haben, diesen zu entsprechen. Wie malt sich ein wissenschaftlicher Psychologe das Paradies aus? Die Nachfahren von Adam und Eva kämen jedenfalls nicht darin vor. Eher schon Reiz-Reaktions-Automaten. (Harald Wiesendanger) P.S.: Warum wissenschaftlich ausgebildete Psycho-Experten im allgemeinen uns Laienpsychologen keineswegs überlegen sind - weder beim Erkennen und Verstehen von psychischen Belastungen, noch bei ihrem Behandeln -, erläutere ich in meiner zehnbändigen Schriftenreihe Psycholügen.

  • Was hat die Schulmedizin gegen Heiler?

    In der modernen, wissenschaftlich begründeten Schulmedizin sei kein Platz für esoterischen Firlefanz wie Geistiges Heilen, so polemisieren Kritiker. Der interessierten Öffentlichkeit schulden sie eine Begriffsklärung: Was ist unter „der“ Schulmedizin denn zu verstehen? Schon beim Definieren geraten sie in Verlegenheit. „Die“ Schulmedizin: Der unbedarfte Otto Normalversteher vermutet dahinter zuallererst eine geschlossene Einheitsfront der rund 365'000 deutschen Ärzte, im entschlossenen Aufklärungskampf gegen esoterische Pseudokuren. Gehen sie nicht allesamt mit dem früheren Präsidenten der Bundesärztekammer, Professor Jörg Hoppe einig: Bei Geistigem Heilen handelt es sich um „Scharlatanerie“, eine „rational nicht nachvollziehbare Methode, die in einer künftigen Diskussion keine Rolle spielen wird“. (1) So kann man sich täuschen. Die Studie einer Arbeitsgruppe der Abteilung für Theoretische Medizin der Universität Osnabrück belegt: Unter hausärztlich tätigen Medizinern steht jeder Vierte Geistigem Heilen „positiv“ gegenüber (25,8 Prozent), bei Ärztinnen sind es sogar 59 Prozent. Fast jeder Zweite kann sich Geistiges Heilen als „sinnvolle Therapie bei chronischen Erkrankungen“ vorstellen (49,2 Prozent), speziell bei psychischen Leiden sogar 77 Prozent. Knapp zwei Drittel hätten sich gewünscht, während ihrer Ausbildung mehr darüber zu erfahren. (2) Den Worten folgen Taten: Immer mehr Ärzte empfehlen, am Ende ihres Lateins, anscheinend „behandlungsresistente“ Patienten an Heiler weiter; gehen selber zu einem Heiler, wenn ihnen mit konventioneller Medizin zuwenig bis gar nicht mehr zu helfen ist; schicken schwerkranke Angehörige dorthin; beziehen Heiler in ihre Praxis ein; werden ihrerseits zu Heilern, nachdem sie entsprechende Fähigkeiten bei sich entdeckt haben. (3) Diese erstaunliche Offenheit unter Deutschlands Ärzten geht einher mit zunehmender Distanz zum vorherrschenden Medizinbetrieb. Nicht einmal jeder Zweite mag sich noch als „reinen Schulmediziner“ bezeichnen (41 Prozent). Mehr als die Hälfte hält Kritik an der Schulmedizin für notwendig. Drei von vier Ärzten beklagen, ihre Ausbildung sei „einseitig naturwisenschaftlich ausgerichtet“. 83 Prozent findet, dass „bei unserer Fortbildung alternative Heilverfahren zu kurz kommen“. Diese werden von einer Dreiviertelmehrheit „befürwortet“ (73 Prozent) – und von weit über hunderttausend Ärzten bereits in ihrer Praxis eingesetzt, allein Akupunktur von 20'000 bis 50'000. (4) „Die“ Schulmedizin, so folgt daraus, gibt es nicht. Was dafür gehalten wird, ist ein ideologisches Konstrukt, hinter dem bei näherem Hinsehen eine mächtige Fünfer-Allianz von Betonköpfen zum Vorschein kommt. Sie besetzen Lehrstühle von medizinischen Fakultäten; sie dominieren die Vorstände der ärztlichen Standesorganisationen; sie haben das letzte Wort in staatlichen Einrichtungen wie Instituten, Kommissionen und Ämtern; in Kliniken sitzen sie auf Chefsesseln; in den medizinischen Fachzeitschriften, den meinungsbildenden Organen, halten sie Redaktionen stramm auf Kurs. Wohlwollend begleitet werden sie dabei von den Lobbyisten, Öffentlichkeitsarbeitern und Marketingstrategen der Pharmabranche, der verständlicherweise vor jeglicher Heilweise graut, die ganz ohne Medikamente auskommt. Zu den Beweggründen, aus denen immer mehr Ärzte auf Distanz zu dieser Konstellation gehen, zählt unter anderem: wachsende Reflektion auf das eigene Berufsbild. Medizin ist kein Vollzugsorgan des etablierten Wissenschaftsbetriebs, sondern eine Dienstleistung: Sie soll Menschen helfen, die ihre Gesundheit verloren haben. Wenn ein Arzt zu Beginn seiner Tätigkeit den Hippokratischen Eid ablegt, so gelobt er feierlich, „mein Leben in den Dienst der Menschlichkeit zu stellen“; keineswegs schwört er, erst ein Dutzend randomisierte, placebo-kontrollierte Doppelblindstudien abzuwarten, ehe er diesen Dienst antritt. Er gelobt: „Die Gesundheit meines Patienten soll oberstes Gebot meines Handelns sein“ – aber nicht, dabei auf gewisse Mittel und Maßnahmen, wenngleich sie sich bewährt haben, von vornherein zu verzichten. Er gelobt: „Ärztliche Verordnungen werde ich treffen zum Nutzen der Kranken“ – und dass Geistiges Heilen nützt, wie auch immer, bestreitet auch unter den hartgesottensten Skeptikern mittlerweile kaum noch einer. Der Hippokratische Eid verpflichtet den Arzt zu konsequentem Pragmatismus: Was heilt, ist gut; wer heilt, hat recht. Denselben Pragmatismus legen wir Hilfesuchenden ans Herz. Nicht aufzugeben, sondern nach Auswegen zu suchen, wenn die konventionelle Medizin an ihre Grenzen stößt, ist nicht irrational, sondern über alle Maßen vernünftig. Das scheint, drei Jahre nach seinem Berliner Rundumschlag gegen geistheilende „Scharlatane“, selbst Professor Hoppe, ausgerechnet ihm, geschwant zu haben. Im Sommer 2002 war ein Fernsehteam der ARD, das ich für einen Dokumentarfilm über Geistiges Heilen beriet, nach Bonn unterwegs, zu einem Drehtermin bei dem damaligen Präsidenten der Bundesärztekammer. Was ich ihn denn gerne fragen würde, wollte der Produktionsleiter via Autotelefon von mir wissen. Mein Vorschlag: Angenommen, Herr Hoppe hätte eines Tages eine Krankheit, die aus schulmedizinischer Sicht unheilbar ist - und dann käme ein erfahrener Heiler auf ihn zu, mit dem Angebot: "Versprechen kann ich Ihnen nichts, aber ich versuche Ihnen zu helfen". Würde er so eine Offerte ausschlagen? Wie der Ärztekammerpräsident darauf reagierte, war kurz darauf im Dritten ARD-Programm S3 zu besichtigen. Er zögerte einen Moment, dann antwortete er: “Also, wenn ich zu der Überzeugung gelangt wäre, dass meine Situation ausweglos ist, dann würde ich nicht ausschließen, dass ich mich darauf einlasse.“ (5) Wenn jeder Patient mit Geistigem Heilen ebenso verfahren würde, wäre schon viel gewonnen. Ihn dazu zu ermutigen, und ihm darüber hinaus therapeutische Auswege auch in anderen unkonventionellen Heilweisen aufzuzeigen, bemüht sich die Stiftung Auswege seit nunmehr einem Jahrzehnt, übrigens gemeinsam mit zahlreichen Ärzten: Am 2. Dezember 2015 feiert sie ihren 10. Geburtstag. (Harald Wiesendanger) Anmerkungen 1 So Hoppe 1999 auf einer einer Tagung in Berlin zum Thema „Alternative zur Medizin? Der Streit um die Alternativmedizin“. Siehe H. Wiesendanger (Hrsg.): Geistiges Heilen in der ärztlichen Praxis, 5. Aufl. 2005, S. 32. 2 a.a.O., S. 13. 3 a.a.O., S. 16-30. 4 Nach Schätzungen zit. bei Wolfgang Weidenhammer: „Forschung zu Naturheilverfahren und Komplementärmedizin: Luxus oder Notwendigkeit?“, Deutsches Ärzteblatt 103 (44) 2006, A-2929 / B-2551 / C-2453. 5 Geistiges Heilen in der ärztlichen Praxis, a.a.O, S. 35.

  • Hat mein Leben Sinn?

    Von all ihren Schulfächern liebte meine jüngste Tochter Philosophie am meisten. Irgendwann kündigte der Lehrer an, in der nächsten Stunde werde es um die besonders spannende Frage gehen: „Hat mein Leben Sinn?“ Darauf bereitete ich mein Kind mit folgendem Essay vor, in dem ich ihre Perspektive einzunehmen versuchte. Was ist ein Experte? Jemand, der sich auf einem bestimmten Gebiet weitaus besser auskennt als die meisten Anderen. Wenn dort etwas unklar ist, fragt man ihn. Aus dem Fernsehen kenne ich Experten für die Börse, für das Wetter, für Terrorismus, für Erziehungsfragen, für Verbraucherrecht und so weiter. „Den“ Experten gibt es nicht, man ist es immer nur in Bezug auf eine bestimmte Gruppe. Für uns ist jeder Wissenschaftler ein Experte auf seinem Fachgebiet: zum Beispiel der Biologe für Lebensformen, der Historiker für Geschichte, der Mathematiker für Zahlen und geometrische Figuren. Unter seinen Kollegen würde ihn allerdings keiner so nennen, denn alle wissen ungefähr gleich viel über ihr Fachgebiet. Umgekehrt gibt es bestimmt in jeder Gruppe Experten für dieses und jenes. Zum Beispiel in meiner Schulklasse: Da ist Marvin der Experte für Blondinenwitze, Anja für Miley Cyrus, Alex dafür, wie man Lehrer auf die Palme bringt. Und ich fürs Trösten. In meiner Familie ist Mama die Expertin fürs Kochen - mein Vater kann höchstens Wasser erhitzen. (Smiley.) Dafür ist er der Experte für Fußball und Schach. Von beidem haben seine Frau und Kinder keine Ahnung – sagt er jedenfalls -, und darauf sind sie auch noch stolz. (Noch ein Smiley.) Gibt es Gebiete, auf denen jeder von uns sozusagen Experte ist? Bei denen es also strenggenommen Quatsch wäre, überhaupt von „Experten“ zu reden? Na klar. Von Babies abgesehen, weiß jeder von uns, wie man mit Messer und Gabel umgeht. Jeder von uns kann Sätze bilden. Jeder von uns weiß, wie man sich Kleider anzieht, eine Tür öffnet und gekochte Eier schält. Und ist nicht jeder von uns Experte, wenn es um Sinnfragen geht? Beweisen wir nicht Tag für Tag, dass wir bestens wissen, wozu etwas getan wird, welchen Zweck etwas hat? Ein Kamm ist dazu da, sich die Haare zu kämmen. Der Sinn von Zebrastreifen ist es, Fußgänger zu schützen, wenn sie die Straße überqueren. Unterrichtspausen sind zum Erholen da (falls Alex nicht gerade nervt). Und gilt das nicht auch, wenn es um mich selbst geht? Wozu ist das schwarze Ding auf meinem Nachttisch gut? Das ist ein Wecker. Zu welchem Zweck stelle ich ihn auf 5:30 Uhr? Damit ich eine halbe Stunde später startklar bin. Wozu breche ich um 6 Uhr auf? Damit ich den ersten Zug nach Heidelberg erreiche. Und wozu das? Damit ich pünktlich zur ersten Unterrichtsstunde in meiner Schule eintreffe, und so weiter. Bestimmt könnte man mir jeden Tag tausend Sinnfragen stellen, in Bezug auf beliebige Dinge um mich herum, oder auf das, was ich und Andere tun. Und tausend Mal wüsste ich die Antwort. Wieso wird die Sinnfrage plötzlich schwierig, wenn sie mich betrifft – nicht bloß all das, was in meinem Leben passiert, sondern mein Leben an sich? Wozu bin ich da? Dass das ein Riesenproblem ist, ist mir nicht erst klar, seit ich in meiner Schule einen Philosophiekurs belegt habe. Ich weiß es, seit ich weiterfrage. Wozu gehe ich überhaupt zur Schule? Um später einen guten Beruf zu haben. Wozu arbeiten? Um meinen Lebensunterhalt zu sichern – und vielleicht auch den meiner Kinder, falls ich welche haben werde -, für mein Alter vorzusorgen, der Gesellschaft nützlich zu sein, meine besonderen Talente zu entfalten, dafür Anerkennung zu erhalten. Aber wozu das? Es ist nicht so, dass keiner mir darauf antworten kann. Das Problem ist, dass mir nichts genügt, was ich zu hören bekomme. Denn was sind das für Antworten? Die einen erinnern mich an Werte und Normen: also an etwas, das als erstrebenswert oder moralisch gut gilt, an gewisse Vorschriften, wie man handeln sollte. Man sollte etwas aus sich machen. Man sollte etwas tun, von dem auch Andere etwas haben. Es sollte einem wichtig sein, dass Andere gut finden, was man macht. Man sollte Verantwortung für Andere übernehmen. Man sollte gerne leben. Keinesfalls darf man sich hängen lassen. Und schon gar nicht sollte man sich umbringen. Und wenn ich diese Werte und Normen nun ihrerseits anzweifle? Warum müssen es meine sein? Welchen Sinn haben sie? Manche sagen mir daraufhin: „Jede Gesellschaft braucht Werte und Normen, um zu funktionieren. Sie gelten deshalb, weil sie sich im großen und ganzen bewährt haben.“ Aber was geht mich die Gesellschaft an? Wozu soll ich tun, was gut für sie ist? „Auch du bist doch Teil dieser Gesellschaft!“, heißt es dann. Und wenn ich das nicht sein will? Wenn mir das wurscht ist? Andere kommen mir religiös: „Was man tun sollte, ergibt sich letztlich aus dem Willen Gottes.“ Aber wenn ich nicht an Gott glaube? Etwas bloß deshalb zu tun, weil jemand es will, ist mir zuwider. Warum sollte ich mich einem Willen beugen, bloß weil er kein menschlicher ist, sondern der Wille eines Wesens, das viele Menschen anbeten? Ich jedenfalls tue es nicht. Wieder andere versuchen es psychologisch: „Solche Fragen stellst du bloß, weil du schlecht drauf bist.“ Also sollte ich zum Psychotherapeuten, um sie loszuwerden? Da ist schon etwas dran. Es hat bestimmt seinen Grund, warum jemand nach dem Sinn des eigenen Lebens gerade jetzt fragt, nicht schon vor einem Jahr, obwohl er damals wohl kaum blöder war. Auslöser ist meistens eine besonders schwierige, belastende Situation: - Ein Lebensinhalt geht verloren: Man verliert seine Arbeit, das eigene Kind stirbt, eine Ehe zerbricht, die besten Freunde verraten einen. - Was bisher Lebensinhalt war, hört auf zu erfüllen: Die Arbeit befriedigt nicht mehr, eine Liebe erstickt in Routinen. - Ein Unglück hindert daran, weiterzuleben wie bisher: zum Beispiel, wenn man schwer erkrankt oder plötzlich behindert ist. - Man gewinnt den Eindruck, keine Kontrolle über das eigene Leben zu haben und Opfer eines blinden Schicksals zu sein, oder von erdrückenden Umständen, vor denen man nicht davonlaufen kann. - Manchmal überkommt es uns aber auch „einfach so“, wenn uns danach ist. Melancholische, sensible, besonders nachdenkliche Menschen sind anfälliger dafür als Leute, die immer gut drauf in den Tag hineinleben. Und es gibt die Pubertätskrise, die „Midlife“-Krise, den „Rentner-Blues“. Dann beginnen wir, unser bisheriges Tun, unser gesamtes Leben von außen zu betrachten. Wir gehen auf Abstand zu uns selbst, um zu sehen, wie sinnvoll es von dort aus erscheint. Enttäuscht uns, was uns diese objektive Perspektive vermittelt, können wir depressiv werden. Schlimmstenfalls denken wir an Selbstmord. Aber warum soll eine Frage nicht gut sein, bloß weil sie sich meistens nur unter bestimmten Umständen stellt? Verhält es nicht andersherum: Eine besondere Situation macht mir eine gute Frage bewusst, die ich mir längst hätte stellen müssen? Fällt es mir nicht endlich wie Schuppen von den Augen? Lief ich bisher nicht blind durchs Leben, ohne mir bewusst zu machen, wozu ich letztlich all die Dinge tue, die mein Leben ausmachen? Auch das gehört ja zur Suche nach Sinn: das Gefühl, der einzig Sehende unter Blinden zu sein – der einzige, der begreift, wie absurd das alles ist, was die übrigen tun. Sie kaufen ein, weil der Kühlschrank leer ist. Sie machen Urlaub, um sich zu erholen. Sie gehen zum Friseur, um sich einen neuen Haarschnitt verpassen zu lassen. Sie machen eine Diät, um abzunehmen. Sie arbeiten, um ein Einkommen zu erzielen. Sie treiben Sport, um fit zu bleiben. Sie treffen Freunde oder hören Musik, weil sie Lust dazu haben. Sie lesen ein Buch, weil sie sein Thema oder der Autor interessiert. Sie gehen eine Beziehung ein, um glücklich zu sein. Sie zeugen Kinder, um in ihnen weiterzuleben. „Wo, bitteschön, ist das Problem?“, fragen sie. Es besteht darin, dass wir innerhalb unseres individuellen Lebens zwar reichlich Begründungen und Rechtfertigungen für unser Handeln finden – aber keine davon erschließt uns dessen Sinn als Ganzes. Für gewöhnlich bewegen wir uns klaglos in unserem persönlichen Käfig, in den uns die besonderen Koordinaten von Raum und Zeit, der Spezies, des Kulturkreises, des Landes, der Organisationen, Gruppen und Beziehungen sperren, die unser Dasein bestimmen. Weder scheren wir uns darum, dass wir da drinnen sind, noch beklagen wir es, noch grübeln wir darüber, wie wir ihm entfliehen könnten, noch malen wir uns aus, wie es draußen wohl sein mag, noch sehnen wir uns dorthin – normalerweise. Doch egal, welchem persönlichen Lebenssinn man folgt: Sobald man sich auf ihn besinnt, wirkt plötzlich konstruiert, erfunden, irgendwie willkürlich, bodenlos. Und jeder lässt sich erbarmungslos hinterfragen. Wozu am Arbeitsplatz als unersetzlich gelten? Unsere Friedhöfe sind voll von lauter unentbehrlichen Leuten. Wozu irgendetwas besitzen wollen? Nichts davon werden wir am Ende mitnehmen können. Wozu Kinder in die Welt setzen? In spätestens hundert Jahren werden sie tot sein, sofern sie nicht schon vorher einer schlimmen Krankheit oder einem schweren Unfall zum Opfer fallen. Wozu Patienten helfen und heilen, wozu gesund werden? Ob man seine Krankheit los wird oder nicht: Irgendwann erliegt man unausweichlich einer anderen oder segnet aus sonstigen Gründen das Zeitliche. Wozu der Nachwelt im Gedächtnis bleiben wollen? Auch diese wird vergehen, und mit ihr jegliche Erinnerung an uns. Wozu sich für Dinge einsetzen, die der Menschheit nützen – für Umweltschutz und Frieden, gegen Hunger, Folter, Unterdrückung, Krieg? Vernichtet wird sie ohnehin früher oder später. In ein paar Milliarden Jahren wird sich unsere Sonne zu einem Roten Riesen aufblähen, der auf unserem Planeten Berge wie Butter schmelzen lassen und eine öde, mondähnliche Wüstenlandschaft zurücklassen wird. Selbst wenn die Menschheit bis dahin zu anderen Sonnensystemen umsiedeln könnte, würde es ihr letztlich nichts nützen: Das Universum wird dereinst im Nichts verschwinden. Demnach ist nichts groß genug, um nicht winzig zu erscheinen. Der Abstand entscheidet. Spätestens jetzt fühle ich mich alleingelassen mit meiner quälenden Sinnfrage. Einerseits komme ich selber nicht mehr weiter, und das macht mich wütend und leer zugleich. Andererseits gibt es anscheinend niemanden, der mir jetzt noch weiterhelfen kann. Woran könnte das liegen? Ein Grund könnte sein, dass es keine Antwort gibt. Oder dass die Wahrheit so ausfällt, wie ich befürchte: Mein Leben ist letztlich sinnlos. Oder dass mit meiner Frage etwas nicht stimmt. Wann sind Sinnfragen sinnlos? Tatsächlich fallen mir dazu Beispiele ein. Während mein Vater mal wieder Fußball guckt, frage ich ihn: „Wozu nimmt der Spieler den Ball in die Hand?“ Er erklärt: „Das ist ein Einwurf.“ Kurz darauf will ich wissen: „Wozu legt der Spieler den Ball auf den Kreidepunkt da?“ Er sagt: „Es gibt Elfmeter!“ Ein paar Sekunden später tritt der Typ den Ball kräftig nach vorne. Zwischen zwei Pfosten, die eine Querlatte halten, fliegt der Ball in ein Netz. Im selben Augenblick springt mein Vater wie von Taranteln gestochen aus dem Sessel. Falls ich jetzt zu fragen wage: „Was soll das?“, würde er mich bestimmt entgeistert anschauen: „Das war ein Tor, du Mondlicht!“ Und wenn ich nun weiterfragen würde: Wozu ein Einwurf? Wozu ein Elfmeter? Wozu Tore? Was ich damit beweisen würde, wäre vor allem eines: Von Fußball habe ich keinen blassen Schimmer. Das heißt: Ich kenne die Regeln dieses Spiels nicht. Genauso ist es, wenn ich mit ihm Schach spiele. Was machen wir da eigentlich? Wie würde es ein Außenstehender beschreiben, der uns zusieht und von Schach keine Ahnung hat? Er würde sagen: Zwischen meinem Vater und mir liegt ein quadratisches Brett, regelmäßig unterteilt in 64 Felder. Darauf stehen 32 kleine Figuren, 16 schwarze und 16 weiße. Die einen berührt nur er, die anderen nur ich. Die Figuren haben sechs verschiedene Formen, und jede hat einen Namen: Turm, Pferd, Läufer, Dame, König, Bauer. Abwechselnd schieben wir unsere Figuren auf dem Brett hin und her, manche nur ein Feld weiter, manche zwei oder mehrere; manche nur vorwärts, manche auch rückwärts, nach links oder rechts; manche geradeaus, manche schräg. Ab und zu kommt es vor, dass einzelne Figuren vom Brett entfernt werden. Wir hören auf zu spielen, wenn einer von uns „Schachmatt!“ sagt und der andere zustimmt, wieso auch immer. Anschließend könnte uns der Beobachter eine Unmenge Sinnfragen stellen. „Wozu spielt ihr mit 32 Figuren, nicht mit 16? Wozu haben die bloß zwei Farben, nicht drei oder vier? Wozu so viele Felder, warum nicht bloß 48? Wozu bewegt ihr einen Läufer bloß diagonal? Wozu verwendet ihr bloß sechs Arten von Figuren, und wozu ausgerechnet diese? Warum nicht zusätzlich eine Pyramide, eine Kuh, einen Arbeiter?“ und so weiter. Da wären mein Vater und ich uns ausnahmsweise völlig einig: So kann nur einer fragen, der nicht weiß, nach welchen Regeln man Schach spielt. Und wenn nun jemand das Spiel selbst von außen betrachtet und als ganzes in Frage stellt? Wenn ihm unklar ist, wozu überhaupt Fußball und Schach gespielt werden? Wozu es ihre Regeln gibt, wozu man sich an sie hält? Dann hinterfragt er das Spielen auf ähnliche Weise, wie ich es mit meinem Leben tue, wenn ich wissen will, ob es letztlich einen Sinn hat. Darauf könnten wir antworten: „Das hängt vom Spiel ab. Beispielsweise kann man dabei lernen, sich entspannen, Langeweile vertreiben, Sorgen vergessen, Spaß haben, Kontakte knüpfen, sich mit Anderen messen, sein Glück versuchen, sich bewegen, gemeinsam mit Anderen etwas tun, eine Fähigkeit trainieren und unter Beweis stellen usw.“ Und wenn der Beobachter jetzt noch immer nicht zufrieden ist? Wenn er weiterfragt: „Aber wozu Spaß haben, Kontakte zu Anderen suchen, mit ihnen einen Wettbewerb austragen? Wozu üben und beweisen, was man kann? Wozu all das?“ Was genau will er nun eigentlich wissen? Welche Art von Antwort würde ihn zufrieden­stellen? Jedes einzelne Spiel, und auch das Spielen überhaupt, hat keinen anderen Sinn als den, den Menschen ihm gaben, als sie es erfanden, und wir darin finden, wenn wir uns darauf einlassen. Wozu spielen wir überhaupt? Weil es im allgemeinen seinen Zweck erfüllt: Meistens macht es uns ja tatsächlich Spaß, wir langweilen uns dabei nicht usw. Wenn uns eine andere Tätigkeit mehr gibt, ziehen wir sie dem Spielen vor; vielleicht surfen wir dann lieber im Internet, hören Musik, lesen, chillen mit Freunden, gehen spazieren, treiben Sport oder tanzen, was auch immer. Wonach sucht jemand, wenn ihm kein Zweck genügt, solange Menschen ihn festgelegt haben? Offenbar geht es ihm um einen „höheren“ Zweck: einen, den es unabhängig von menschlichen Absichten, Bewertungen und Entscheidungen gibt. Macht das Sinn? Wo Sinn ist, muss ein Geist am Werk sein – wenn nicht ein menschlicher, welcher sonst? Weht eine Sturmböe den Ball ins Tor, grüble ich nicht darüber, wozu sie das macht – oder jemand durch sie. Wieso nicht? Weil ich es absurd fände, einem Wetterphänomen Motive zu unterstellen. Ich kenne Ursachen, also höre ich auf, nach Gründen zu fragen. Mich beschäftigt nicht mehr, wozu es schneit, wozu Wasser abwärts fließt, wozu der Mond um die Erde kreist, wozu sich Eisenfeilspäne auf einen Magneten ausrichten. Denn ich weiß, warum. Ist es nicht genau das, was mir Naturwissenschaften in der Schule bringen? Sie beantworten meine Warum-Fragen. Dabei ersetzen sie Glaube durch Wissen. So machen sie Wozu-Fragen überflüssig, oder nicht? Wie dachten Menschen, ehe sich die modernen Naturwissenschaften entwickelten? Wozu gibt es Sterne? Gott hat sie am Himmelszelt befestigt, um die Nacht zu erleuchten. Wozu blitzt es? Zeus schleudert Donnerkeile. Wozu treten Flutwellen auf? Der Meeresgott zürnt. Wozu die Pest? Gott straft. Wozu eine Fata Morgana? Wüstengeister treiben Schabernack. Wozu Erdbeben? Mutter Gaia ist wütend. Und wie denken kleine Kinder? Benjamin, mein süßes Bruderherz, ist vier. In seiner Welt wimmelt es nur so von Dingen, die künstlich geschaffen sind – gemacht von seinen Eltern, von anderen Menschen, von Gott, von Märchenfiguren und anderen unsichtbaren Wesen. Hinter allem und jeglichem sieht er einen Sinn. Wird er damit nicht aufhören, wenn er zur Schule geht? Müsste er das eines Tages bedauern? Vielleicht – falls auch er sich eines Tages zu fragen beginnt, wozu er lebt. Nichts von alledem, was er bis dahin in der Schule gelernt hat, wird ihm dabei zum ersehnten Ziel führen, genausowenig wie mich. Sollte er deshalb Philosophie studieren? Könnte er dort einen „objektiven“, „letzten“, „höchsten“ Sinn finden, der für uns alle notwendig gilt, jederzeit und überall? Ich glaube nicht. Zwar kenne ich bestimmt nicht einmal einen Bruchteil der Antworten, die Philosophen im Laufe von über zweitausend Jahren auf die Sinnfrage gegeben haben. Aber ich befürchte, dass Benjamin mit jeder Antwort am Ende dasselbe Problem hätte wie ich: Egal mit welchem „höheren“ Sinn ich den subjektiven begründen will, den mein Leben bisher hatte – es geht nicht, weil nichts zu „hoch“ ist, als dass man es nicht seinerseits „von oben“ betrachten könnte. Es ist wie bei Aladin, als er die Wunderlampe entpfropfte: Ein Geist wird freigesetzt, der sich nie mehr einfangen lässt, sobald wir ins Philosophieren geraten und darangehen, die üblichen Antworten, die wir innerhalb unseres Lebens auf Sinnfragen finden, mit „höheren“ Zwecken letztbegründen wollen. Wir unterwerfen uns dabei Erkenntnisansprüchen, die nicht befriedigt werden können – nicht aus einem Mangel an Wissen, sondern aus logischer Notwendigkeit. Denn unser Leben als Ganzes könnte etwas „Höheres“ nur dann sinnvoll machen, wenn dieses einen Sinn hätte – und eben das lässt sich ebenfalls stets in Zweifel ziehen. Wozu ist das „Höhere“ da? Entweder gibt es eine Antwort darauf – dann stellt sich die Frage erneut. Oder es gibt sie nicht – dann sind wir bei unserer Sinnsuche am Ende bei etwas angelangt, das selber keinen Sinn mehr hat. Wenn wir bereit sind, diesen Makel bei jenem „Höheren“ zu akzeptieren – warum sollten wir an die gewöhnlichen, ganz persönlichen Zwecke unseres Lebens strengere Maßstäbe anlegen? Religiöse Sinngebung führt da nicht weiter, zumindest nicht mich. Wenn Theologen mir versichern, zumindest mit Gott als „höchster“ Instanz, als „letztem“ Grund verhalte es sich ganz anders, so bin ich wenig zuversichtlich, ob ich je verstehen werde, was sie damit eigentlich meinen – und ob sie selbst es wirklich verstanden haben. Erhält mein Leben seinen „letzten“ Zweck, indem es Gott wohlgefällig ist und seinen Plan erfüllt, in einer Weise, die keinen weiteren, übergeordneten Zweck mehr erfordert und zulässt? Kann es etwas geben, das einerseits allem anderen dadurch Sinn gibt, dass es dieses umfasst, seinerseits aber einen Zweck weder haben kann noch haben muss? Etwas, dessen Zweck nicht von außen erfragt werden kann, weil es hier kein Außen mehr gibt? Ein Innen ohne Außen macht nicht mehr Sinn als ein Unten ohne Oben, ein Links ohne ein Rechts, ein Vorne ohne ein Hinten, ein Unten ohne ein Oben. Sollten wir von grundlegenden, tiefsten Einsichten nicht erwarten dürfen, dass sie sich auf eine Weise darlegen lassen, die grundlegende Sprachlogik nicht zutiefst verletzt? Ein Lebenssinn, den ich nicht begreifen kann, bereitet mir schwachen Trost: Er ersetzt das Unbehagen an einer fragwürdigen Antwort durch das Unbehagen an einer, bei der jedes Hinterfragen daran scheitert, dass fraglich ist, ob es sich überhaupt um eine sinnvolle Aussage handelt. Wenn Gottesglaube die Überzeugung einschließt, mein Dasein sei verstehbar, bloß nicht für mich, dann tausche ich offenbar ein Vakuum gegen ein anderes. Macht das denn Sinn? Ein „letzter“, „höchster“, „absoluter“ Sinn ist daher wohl nicht zu haben. Jenseits von Zusammenhängen, deren Beteiligte vorab festgelegten Zwecken und Normen folgen, macht Sinnsuche so viel Sinn wie die Frage, ob es jenseits des Fußballs, unabhängig von seinem Regelwerk, ein Erkenntnisziel gibt, aus dem in letzter Instanz folgt, wozu Eckbälle, Freistöße und Elfmeter „eigentlich“ ausgeführt werden. Die philosophische Sinnfrage lässt sich nicht lösen, nur auflösen – in einem Dasein, das so befriedigt und erfüllt, dass man es leid ist, sie weiterzuverfolgen. Dann verflüchtigt sie sich, wie eine schlechte Laune. Falls mir alles, was ich in meinem Leben wichtig, wertvoll und erstrebenswert finde, aus einer höheren Warte unscheinbar und nichtig vorkommt: Was will ich überhaupt da oben? Nichts und niemand zwingt mich dazu. Wenn mein Dasein von dort aus unbedeutend erscheint: Muss das für mich von Bedeutung sein? Wenn ich Ja zum Leben sage: Darf ich mir dann nicht die Freiheit herausnehmen, Aufforderungen zum Tiefstschürfen zu ignorieren, die meine Lebensqualität ohne Not und Ausweg beeinträchtigen? Was folgt daraus? Muss ich mir abgewöhnen, die Außenperspektive einzunehmen, sollte ich sie einfach abschaffen? Das kann ich nicht. Keinem Menschen gelingt das. Denn dass ich mich selbst, mein ganzes Leben wie von oben betrachten kann, ergibt sich daraus, dass ich ein Wesen mit Selbstbewusstsein bin. Die Einsicht, dass mein Dasein aus höherer Warte absurd erscheint, ist der Preis, den ich dafür zahlen muss, dass ich fähig bin, zu mir selbst auf Distanz zu gehen. Auch wenn ich die Sinnfrage nicht pausenlos stelle, sondern nur unter besonderen Umständen, werde ich sie nie ganz los, sie hört nicht auf, mich zu umlauern. Insofern hinkt der Vergleich mit Aladins Wunderlampe: Der Geist, den ich weder bändigen noch bannen kann, ist keiner, der sich je hätte einsperren und in dauerhafter Gefangenschaft halten lassen. Er führt ein aufsässiges Eigenleben, er umschwebt mich ständig, er gehört zu mir wie ein zweites Selbst, und jederzeit kann mein waches Ich beschließen, zu ihm überzuwechseln. Wer sich von dieser Möglichkeit nicht verunsichern lässt, verbessert seine Chancen auf ein glückliches, erfülltes Leben. Damit mache ich jetzt gleich weiter. Bin nämlich mit Marvin, Anja und Alex verabredet. Wozu, weiß ich. (Harald Wiesendanger)

  • Was ist Wahrheit?

    Unter allen Nebenfächern liebte meine jüngste Tochter, als sie noch zur Schule ging, Philosophie am allermeisten. Irgendwann stand Erkenntnistheorie auf dem Stundenplan, und sie führte zur Wahrheitsfrage. Worum geht es dabei? Dazu schrieb ich meinem Kind den folgenden Text. Was ist Wahrheit? Jedenfalls ein Wort, das zu 32,3 Millionen Ergebnissen führt, wenn ich bei Google danach suche. Findet man irgendwo eine Antwort? Ich habe sie bei 0,00005 Prozent der Websites gesucht, die Google auflistet, das sind ungefähr 15. Wieviele Antworten fand ich? Mindestens 15. Das zeigt, wie schwierig es ist, den Begriff Wahrheit zu definieren – wie sehr die Meinungen darüber auseinandergehen. Und deshalb suche ich nach einer Antwort lieber nicht im Internet, sondern in mir selber. Was geht mich diese Frage überhaupt an? Wann wird sie wichtig für mich? Sie wird es, wenn es um den Unterschied zwischen Glauben und Wissen geht. Bestimmt habe ich mindestens genauso viele Überzeugungen, wie es Wahrheitsdefinitionen im Internet gibt. Alle halte ich für wahr, sonst hätte ich sie nicht. Aber sind sie es? Wenn ich Zweifel habe, wie kann ich sichergehen, dass sie stimmen? Mit anderen Worten, wann wird eine Überzeugung zu Wissen? Eine Antwort könnte lauten: Sie ist wahr, wenn viele Andere dasselbe glauben, oder besser alle. Aber könnten nicht alle irren? Es gab Zeiten, zu denen alle Menschen glaubten, Sterne seien an einem Himmelszelt befestigt. Alle glaubten, dass die Erde eine Scheibe ist. Alle glaubten, die Erde sei der Mittelpunkt der Schöpfung. Alle glaubten, dass die ersten Menschen Adam und Eva hießen und von Gott aus dem Paradies auf die Erde verbannt wurden. Alle hatten unrecht. Was sonst könnte Wahrheit bedeuten? Ich glaube: Die Quadratwurzel aus 16 ist 4. Wie kann ich das wissen? Ich habe Mathematik gelernt, ich kenne ihre Rechenregeln, und wenn ich sie richtig anwende, kann ich nicht auf 5 oder 3 kommen, sondern nur auf 4. Ich glaube: Wenn Heidelberger Baden-Württemberger sind und alle Baden-Württemberger Deutsch sprechen, dann sprechen auch alle Heidelberger Deutsch. Das ergibt sich aus den Gesetzen der Logik. In beiden Fällen kann ich über die Wahrheit eines Glaubens entscheiden, indem ich einfach nachdenke. Und ähnlich ist es zum Beispiel auch mit dem Glauben, dass ich nicht zu Hause bin, wenn ich verreise. Denn es gehört zur Bedeutung des Begriffs Verreisen, an einem anderen Ort zu sein als dem, wo man normalerweise wohnt. Ebenso weiß ich: Wo Lärm ist, kann es nicht still sein – das muss ich nicht erst nachprüfen. Wenn ein Kreis gemalt wird, muss ich nicht dabei zusehen, um zu wissen, dass er keine Ecken hat. Wenn es morgen stark regnet, wird es draußen nass sein – um das zu wissen, muss ich nicht erst den nächsten Tag abwarten. Das heißt, es gibt eine Art von Wissen, das ich habe, indem ich Sprache beherrsche. Aber nicht immer kann ich eine Wahrheit herausfinden, indem ich einfach nachdenke. Wenn ich zum Beispiel glaube, dass alle Schwäne weiß sind, behaupte ich etwas, das sich als falsch herausstellen kann – durch Tatsachen, die meine Meinung widerlegen. Auch wenn alle Schwäne weiß waren, denen ich bisher begegnet bin, könnte es irgendwo andersfarbige geben. Und tatsächlich sind im 17. Jahrhundert in Australien schwarze Schwäne entdeckt worden. Was bedeutet Wahrheit in so einem Fall? Es bedeutet, dass meine Überzeugung mit den Tatsachen übereinstimmt. Einen schwarzen Schwan kann ich sehen. Ich kann das zwar nicht von hier aus. Aber ich könnte es, wenn ich nach Australien fliege. Doch wie ist das mit Überzeugungen über etwas, das weder ich noch sonst jemand wahrnehmen kann? Ich glaube, dass mein ganzer Körper aus Zellen besteht, obwohl ich noch nie eine gesehen habe. Aber ich könnte auf andere Weise herausfinden, dass ich recht habe: Ich lege ein Haar oder einen Hautfetzen unter ein Mikroskop. Aber nicht alles, was unsichtbar ist, kann sichtbar gemacht werden. Ich glaube, dass mein Klassenkamerad Schmerzen hat, wenn ich ihm ein Buch auf den Kopf haue. Aber ist das wahr? Woher weiß ich das? Seinen Schmerz kann ich nicht beobachten, und niemand sonst kann es. Wenn ich eine Chirurgin wäre, dann könnte ich seinen Schädel öffnen – dort fände ich ein Gehirn, aber keinen Schmerz. Wenn ich trotzdem sicher bin, dann deshalb, weil ich es aus seinem Verhalten erschließe. Er verzieht das Gesicht, er hält sich den Kopf, er schreit, er jammert, er weint, er sagt: „Das tut weh.“ Und all das gibt mir genügend Gründe. Aber könnte er nicht bloß so tun, als ob er Schmerzen hätte? Könnte er wie ein guter Schauspieler eine Empfindung vortäuschen, die er gar nicht hat? Fühlen sich Schmerzen für ihn genauso an wie für mich? Das weiß ich nicht. Und ebensowenig weiß ich, wie ich das herausfinden könnte. Also gibt es Überzeugungen, von denen man nicht feststellen kann, ob sie wahr sind. Überzeugungen sind wahr, wenn sie mit Tatsachen übereinstimmen. Aber worin besteht diese „Übereinstimmung“ eigentlich? Ich sitze im Café, bestelle ein Eis, probiere es und kann bestätigen: Es schmeckt nach Schokolade. Wie kann diese Tatsache „übereinstimmen“ mit dem Satz „Das Eis schmeckt nach Schokolade“, den ich ausspreche, schreibe oder denke? Ich verstehe, dass zwei Fingerabdrücke übereinstimmen, wenn sie von derselben Person stammen. Ich verstehe, dass ein Schlüssel mit dem Zweitschlüssel übereinstimmen kann, den ich anfertigen ließ; oder ein kopiertes Blatt mit dem Original. Beide sind gleich. Aber ähnelt ein Schokoladeneis im geringsten den Linien, die ich produziere, wenn ich auf einen Zettel „Das Eis schmeckt nach Schokolade“ schreibe? Oder den Lauten, die ich bilde, wenn ich diesen Satz ausspreche? Oder meinem Gedanken an Schokoladeneis? In meinem Kopf wird es dabei weder kalt, noch würde jemand darin auf Schokogeschmack stoßen, falls er ihn öffnet. Wie soll die geheimnisvolle Verbindung zwischen Glauben und Wirklichkeit denn zustande kommen? Wie kann man überhaupt eine Tatsache meinen? Das zeigt mir zur Zeit Lukas, ein süßer Nachbarsjunge. Knapp ein Jahr alt ist er nun, er lernt gerade seine ersten Wörter. Wie schafft ein Baby das? Bestimmt nicht durch Hellsehen – indem es beispielsweise einen unsichtbaren Pfeil entdeckt, der von einer „Mama“-Schallwelle ausgeht und auf etwas zeigt, das einen bestimmten Sinneseindruck auslöst, wie das nur die Frau kann, die ihn geboren hat. Selbst wenn es so einen „Bedeutungspfeil“ gäbe und Lukas ihn „sehen“ würde, könnte er nichts damit anfangen, denn er hat noch keine Ahnung, was ein Pfeil ist, eine Richtung, eine Spitze, ein Zeigen. Es ist doch eher so: Oft, wenn vor ihm ein Ball ist, hört er das Wort „Ball“; ist keiner da, hört er es nicht. Ahmt er das Wort in bestimmten Situationen nach, erfährt er zustimmende oder ablehnende Reaktionen. Ist da tatsächlich ein Ball, wird er angelächelt oder übers Köpfchen gestreichelt; er hört „Ja!“, „Gut!“, „Prima!“, „Stimmt!“, „Super!“ in einem bestimmten Tonfall, und diese Worte klingen anders als Verneinungen. (Positive und negative Reaktionen können Säuglinge schon ab der dritten Lebenswoche unterscheiden, las ich irgendwo.) Das wiederholt sich mit anderen Bällen, und dabei lernt Lukas allmählich nicht nur, die typischen Laute des Wortes „Ball“ so zu bilden wie wir, sondern auch, es richtig anzuwenden – nämlich nur auf Bälle, nicht auf Papa, Milchflaschen, Schnuller und Katzen. Ähnlich lernt das Baby die Bedeutung von Adjektiven wie „rot“ und von Verben wie „hüpfen“. Es lernt Verknüpfungen von Wörtern („rot“/“Ball“, „Ball“/hüpft“) und das Bilden von Sätzen daraus („Der Ball ist rot“, „Der Ball hüpft“). Und langsam begreift Lukas: Ob etwas ein Ball ist, hängt nicht davon ab, wie groß es ist, wie es sich anfühlt, welche Farbe es hat, wie schwer es ist - sondern bloß davon, ob es rollen und hüpfen kann und seine Form verändert, wenn man es drückt, das heißt, wenn es elastisch und regelmäßig rund ist. Ist es bloß rund, aber nicht elastisch, dann heißt es „Kugel“. So entdeckt es rollende Bälle und und andere Tatsachen: Mit dem richtigen Gebrauch von Wörtern lernt es Begriffe, mit Begriffen ordnet es seine Erfahrungen. So lernt es zu denken. Aber Tatsachen bestehen doch unabhängig davon, wie wir sie beschreiben. Sie bestünden auch dann, wenn es im ganzen Universum kein einziges intelligentes Lebewesen gäbe, das sie in Worte fassen könnte. Selbst wenn die Erde menschenleer wäre, bliebe es doch eine Tatsache, dass sie vom Mond umkreist wird – oder etwa nicht? Richtig, aber das ist nicht der Punkt. Sprache und Wirklichkeit hängen insofern zusammen, als wir Wörtern völlig andere Bedeutungen geben könnten – dann würden wir auch andere Tatsachen feststellen. Angenommen, es gäbe eine Sprache, in der das Wort „Ball“ nur für rote Bälle verwendet wird; für deren Sprecher wäre es dann eine Tatsache, dass Tennis und Golf nicht mit Bällen gespielt werden. Oder angenommen, das Wort „Ball“ würde bedeuten: „alles, was rollen kann“. Dann würden wir es beispielsweise korrekt anwenden auf Autoreifen, Klopapier­rollen, Luftballons, Flugzeuge, Orangen, Nudelhölzer, Panzer, Deosticks, Busse, Münzen, Trinkgläser, Züge und Kugelgürteltiere. Und dann wäre es eine Tatsache, dass man mit Bällen zur Schule fahren, Einkäufe bezahlen, fliegen, Orangensaft machen, Krieg führen, sich den Hintern abwischen kann. Aber ist das alles nicht viel zu unterschiedlich, als dass man es mit ein und demselben Wort bezeichnet könnte? Täte man der Wirklichkeit dabei nicht Gewalt an, würde sie der Sprache nicht gleichsam Widerstand leisten? Andererseits: Welches Aussehen, welches Verhalten verbindet eine Amöbe, eine Spinne, eine Eule, eine Giraffe und eine Qualle? Trotzdem bezeichnen wir sie alle als „Tier“. Wie sehr unterscheiden sich gefrorenes, flüssiges und verdampftes Wasser! Und doch nennen wir es „Wasser“. Was haben Brettspiele, Kampfspiele, Kartenspiele und Ballspiele gemeinsam – Tarot mit Eishockey, Mühle mit Flippern, Bowling mit Blinde Kuh? Trotzdem heißen sie „Spiele“ - nicht ihrer Natur wegen, aufgrund eines „objektiv“ gemeinsamen Wesensmerkmals, sondern infolge von sprachlichen Regeln. Insofern werden Tatsachen durch Sprache „konstruiert“. Heißt das: Indem wir eine Sprache teilen, sind auch alle Tatsachen für uns dieselben? Natürlich nicht. Über Tatsachen können Menschen sehr unterschiedliche Meinungen haben. Wenn eine Freundschaft kaputt geht, kann sie sagen: „Das liegt daran, dass er langweilig war.“ Er sieht das vielleicht ganz anders: „Es liegt daran, dass sie immer Action wollte.“ Vielleicht haben beide recht, aus ihrer Sicht – beide sind im Besitz einer subjektiven Wahrheit. Gibt es darüber hinaus auch objektive Wahrheiten? Oder ist letztlich alles bloß Ansichtssache, und keiner hat jemals Recht? Das wäre nicht nur besorgniserregend, sondern unlogisch. Dass meine Meinung „nur subjektiv wahr“ sei, „aber nicht objektiv“, kann jemand nur dann sinnvoll behaupten, wenn zumindest er selber Zugang zu objektiven Sachverhalten hat. Woher wüsste er sonst, dass das eine das andere verfehlt? In einem indischen Märchen versuchen sechs Blinde zu beschreiben, wie ein Elefant aussieht. Dabei berührt jeder ein anderes Körperteil des Tiers. Anschließend geben sie sechs verschiedene Antworten. „Ein Elefant ist wie eine Säule“, behauptet derjenige, der das Bein befühlt hat. „Nein, wie ein Seil, das am Ende ausgefranst ist“, widerspricht ein Zweiter, nachdem er den Schwanz abgetastet hat. „Nein, wie eine feuchte Hand, die sich immerzu schließen will und sich doch gleich wieder öffnet!“, meint jener, der sich mit dem Rüssel befasst hat. „Wie ein Handfächer!“, befindet einer, der das Ohr untersuchte. „Wie eine spitz zulaufende Röhre!“, glaubt jener, der mit dem Stoßzahn zu tun hatte. Und für den Sechsten fühlt sich der Bauch „wie eine Wand“ an. Recht haben irgendwie alle. Aber wie könnte uns das Märchen lehren, was es zu zeigen versucht, wenn es neben den vielen Blinden nicht wenigstens einen Sehenden gäbe? Wenn Gegensätze zwischen subjektiven Wahrheiten scheinbar nicht aufzulösen sind, liegt das oft daran, dass beide fälschlicherweise den Anschein erwecken, als gälten sie objektiven Tatsachen. In Wahrheit beschreiben sie aber, was in den beteiligten Subjekten vor sich geht. Tina schwärmt: „Dieses Parfum duftet betörend“. Max winkt ab: „Es stinkt widerlich“. Bernd meckert: „Die Suppe ist versalzen.“ Klara widerspricht: „Quatsch, die hat eher zuwenig Salz.“ Es scheint so, als werde dabei über ein Merkmal des Parfums, der Suppe gestritten: den Duft, den Geschmack. Tatsächlich geben die Streithähne bloß wieder, welche Empfindungen in ihnen ausgelöst worden sind. Gleichermaßen Recht haben können sie deshalb, weil zwei Subjekte von ein und derselben Sache zweierlei Eindrücke gewinnen können. In anderen Fällen lässt sich durchaus objektiv feststellen, ob eine subjektive Meinung zutrifft oder danebenliegt. Da sagt jemand: „Hitler war ein skrupelloser Massenmörder.“ Der Neonazi ist ganz anderer Meinung: „Hitler war ein guter Mensch, der wollte keinen umbringen, es sei denn aus Notwehr.“ Müssen wir das so stehen lassen, weil letztlich „jeder aus seiner Perspektive recht hat“? „Skrupel“, „Massenmord“, „Notwehr“, „jemanden umbringen wollen“: Zur Bedeutung dieser Begriffe gehören gewisse Anwendungsbedingungen, von denen wir sehr wohl feststellen können, ob sie vorliegen oder fehlen: etwa indem wir Zeitzeugen befragen, Filmaufnahmen auswerten, Redetexte, Tagebücher und andere Schriften von Hitler lesen. Wer sie ignoriert oder leugnet, hat nicht bloß eine „subjektive Perspektive“, sondern eine verkehrte. Aber kann es überhaupt eine objektive Wahrheit geben? Tatsachen hat niemand von uns jemals direkt wahrnehmen können. Im Physik- und Biologieunterricht habe ich gelernt: Wie die Welt ist, vermitteln mir die Sinnesorgane. Augen, Ohren, Nase, Haut empfangen Reize, Nerven leiten diese in mein Gehirn, dort entstehen Wahrnehmungen. Ist es wahr, dass vor mir ein Tisch steht? Sind hier Menschen um mich herum? Oder etwas ganz anderes? Bloß Wolken von Atomen, deren Kerne von Elektronen umschwirrt werden? Der Tisch, mein Sitznachbar, der Lehrer da vorne kommen mir fest vor. Doch im Grunde, so lerne ich im Physikunterricht, ist da, wo sie sich befinden, fast nur Leere: Könnte ich eines der Atome, aus denen sie bestehen, tausend Billionen Mal vergrößern, dann sähe ich einen Kern mit knapp zwei Metern Durchmesser, um den 0,1 Millimeter große Elektronen kreisen – in fünfzig Kilometern Entfernung. Was mein Auge reizt, sind Lichtwellen, die von solchen Gebilden reflektiert werden. Aus Sinneseindrücken macht mein Gehirn dreidimensionale geistige Bilder, die mir eine Außenwelt voller Gegenstände und Personen zeigen, anscheinend unabhängig von meinem Bewusstsein. Aber stimmt die Außenwelt mit diesen Bildern überein? Das kann ich unmöglich wissen. Um es herauszufinden, müsste ich meine Bilder mit dem vergleichen, was sie abbilden. Aber egal wie ich das versuche, ich bekäme doch nur weitere geistige Bilder. Ist Wahrheit also immer subjektiv? Insofern ja. Aber wenn dir deine subjektive Wahrheit deine Mitschüler und deinen Tisch lässt, kannst du gut damit leben, nicht wahr? (Harald Wiesendanger) Titelbild: OpenClipart-Vectors/Pixabay

  • Dem Ernst der Lage trotzen - Warum Lachen zur „Auswege“-Medizin gehört

    Nirgendwo ist das irdische Jammertal tiefer als zwischen Flensburg und Passau. Und geradezu abgrundtief müsste es dort sein, wo die Therapiecamps meiner Stiftung Auswege stattfinden; denn bei jedem kommen bis zu zwei Dutzend schwerkranke Kinder und Erwachsene zusammen, begleitet von weit über fünfzig gravierenden Diagnosen und bis zu dreißig besorgten, belasteten Angehörigen. Da gibt es nichts zu lachen, oder? Erwachsene lachen im Schnitt 15- bis 20mal pro Tag, Kinder 200- bis 400mal. Und Teilneh­mer eines „Auswege“-Camps? Auf Schritt und Tritt be­geg­net man dort äußerster gesund­­heitlicher Not: körperlich und geistig schwerstbehinderten Kindern, von denen manche nicht einmal den Kopf drehen, ihren Blick fixieren, nach Gegen­ständen greifen, irgendeinen Laut von sich geben können, geschweige denn sitzen, laufen, sprechen. Man trifft Roll­stuhlfahrer, die darauf gefasst sein müssen, dass ihre Lähmun­gen un­erbittlich fort­schrei­ten. Man lernt psychisch Trau­matisier­te kennen, die Erfah­rungen von Gewalt, Miss­brauch oder Verlust ihr ganzes bisheriges Leben lang verfolgt und bedrückt haben. Wie kann es sein, dass an solchen Orten tagtäglich immer wieder fröh­liches Lachen, manchmal so­gar schallendes Gelächter zu hören ist: in den rituellen „Mor­gen­kreisen“, während der gemeinsamen Mahlzei­ten, beim Ab­schlussfest, bei spontanen Plau­der­runden während Be­hand­lungs­­pausen und abends? Gegen den Ernst der Lage anzulachen, ereignet sich bei unseren Camps keineswegs ungewollt, un­angebrachterweise und nebenbei – es gehört zum Konzept, es ist wich­tiger Bestandteil der „Auswege“-Medizin, wir provozieren es nach Kräften. In unsere „Morgenkreise“ bauen wir immer wieder kuriose Geschichten, deftige Scherze, Car­toons und lustige Zaubertricks ein. Wir veranstalten einen Wettbewerb, zu dem jeder Teilnehmer seinen Lieb­lingswitz beisteuert; am Ende kü­ren wir per Abstimmung den „Camp-Ober­witz­bold“, dem unter don­nerndem Applaus ein Preis über­reicht wird. Auf unserem Wunsch­­zettel für künftige Camps steht, einen „Klinik­clown“ anzuheuern: einen von mittlerweile mehreren hundert professionellen Spaßmachern, die unter exotischen Namen wie Dr. Schnick­schnack oder Dr. Hutzel­butzel neuerdings auch in deutschen Kranken­häusern und Pflege­einrichtungen auftreten, um dort kleine und große Patienten, Alte und Behinderte aufzuheitern. Den nobelpreiswürdigen Anstoß dazu verdankt die Mensch­heit Michael Christensen, dem Mit­be­gründer des New Yorker Stadt­zirkus: Ihm kam 1986 die fabelhafte Idee des "Clown Doctoring", die rasch populär wurde und mittlerweile in vielen Ländern der Erde Schule gemacht hat. Dabei geht es keineswegs bloß um Entertainment. Mittels Humor lassen sich negative Gedanken vertreiben, Spannungen lösen, Lebens­freu­­de schenken. Mehr noch: Lachen ist gesund. Es ist vielleicht nicht „die beste Medizin“, wie der Volksmund übertreibt, immerhin aber eine äußerst wirkungsvolle. Wissenschaftliche Belege dafür stam­men von einem jungen medizinpsychologischen Forschungs­zweig, den wir indirekt dem Komö­diantenduo Stan Laurel und Oliver Hardy verdanken - genauer gesagt jenem Film, in dem die beiden als „Dick und Doof“, Stan und Ollie, ein sperriges Piano den Hügel hinaufschieben - sowie dem Um­stand, dass ein amerikanischer Psy­chiater von der Universität Stanford in Palo Alto, William F. Fry, diese Folge gera­dezu „liebte“. (1) Anfang der sech­ziger Jahre, damals um die 40, sah er sich diesen Film („Der zermürbende Klaviertransport“) an, während in seinem Arm eine Kanü­le steckte, mit der er sich in regelmäßigen Abständen Blut abzapfte. Anschließend ließ er die Blutprobe chemisch analysieren. Er wollte herausfinden, was beim Lachen im Körper geschieht. Wieso setzte er dazu nicht einfach Lachgas ein? „Wenn Sie die Monde des Jupiter erforschen wollen, untersuchen Sie ja auch keine Luftballons. Mich interessiert das natürliche Lachen.“ Inzwischen gilt Fry, der im Mai 2014 verstarb, als Begründer der Geloto­logie (von griech. gélos „Lachen“), die sich anfangs schwertat, in Fach­kreisen als seriöse Wissenschaft an­erkannt zu werden. „Es gab Leute“, erinnert sich Fry, „die mich gerade mal so ernst nahmen, dass sie mir vorschlugen, an einem Comic-Wett­bewerb teilzunehmen. Eines Abends genehmigte ich mir ein paar Gläser Sherry und dachte mir: Zum Teufel, warum eigentlich nicht? Die Vorga­be war ein Strip mit zwei Engeln auf einer Wolke, dazu sollte man sich einen Text ausdenken.“ Was ließ sich Fry dazu einfallen? „Der eine Engel sagt zum anderen: ‚Ach, diese Wolken sind herrlich für meine Hämorrhoiden.’ Die Jurymitglieder waren so begeistert - wahrscheinlich litten sie selbst unter Hämor­rhoiden -, dass sie mir den ersten Preis verliehen.“ In dem halben Jahrhundert seit Frys ersten Untersuchungen haben Wis­sen­schaft­ler eindrucksvolle Bestäti­gungen dafür zusammengetragen, dass Humor eine medizinisch ernstzunehmende Angelegenheit ist: Jedes „Hahaha“ steht für ein physiologisches Großereignis ungeheurer Komplexität: Allein im Gesicht verziehen sich dabei 17 Muskeln, bis zu 80 im ganzen Körper; Schultern, Bauch und Zwerchfell wackeln, Bein- und Blasenmuskeln schlaffen ab. (Kleine Kinder kippen deswegen bei Lachattacken manchmal einfach um oder machen sich in die Hose.) Die Luft zischt mit Sturmstärke durch die Lungen, mit bis zu 100 km/h. Daraufhin wird das Atmen freier, wir nehmen mehr Sauerstoff auf. Der Herzschlag beschleunigt sich, der Blutdruck geht hoch, der Körper schüttet vermehrt Hormone aus; bestimmte Gehirnaktivitäten nehmen zu, unter anderem im Hypothalamus und Teilen der frontalen Hirnrinde. Dass wir manchmal weinen, wenn wir besonders herzhaft lachen, hat anatomische Grün­de: Im oberen Teil der Nase steigt der Luftdruck und presst auf die Trä­nen­drüsen. Lachen beeinflusst Geist und Psyche positiv. Aber Lachen lockert nicht nur die Muskulatur, sondern auch starre Ge­dankenmuster. Sichtweisen verändern sich: Patienten wird es möglich, ihre Situation, die daran Beteiligten und sich selbst mit mehr Distanz und aus einer anderen Perspektive zu sehen, zu überdenken und neue Lösungsansätze für Probleme zu finden. Oft eröffnet es einen Ausweg aus einer scheinbar un­entrinnbaren Klemme: einem Kon­­flikt, einer Bedrückung, einer Angst. Denn eines seiner Haupt­auslöser ist das plötzliche Erkennen von Zusammenhängen – dann löst sich die innere Anspannung in Form von Lachen. Lachen beruhigt: Eine Minute La­chen wirkt ebenso erfrischend wie 45 Minuten Entspannungstrai­ning, wie eine Studie ergab. Denn dabei werden Glückshormone, sogenannte Endorphine ausgeschüttet, dank derer sich selbst unter hoher Ar­beitsbelastung Verspan­nun­gen lö­sen. Zugleich treten weniger Stress­hormone auf: weniger Cortisol, weniger Adrenalin, weniger Dopa­min-Metaboliten, weniger Somato­tropin. Heitere Menschen, die häufig la­chen, begegnen zudem ihrer Um­welt anders als pessimistisch-ernste. Sie sind gelassener, weniger nervös, kontaktfreudiger, bei anderen be­liebter und dadurch erfolgreicher, im privaten Bereich ebenso wie in der Arbeitswelt. Bei diesem sozialen Aspekt setzen Evolutions­biologen an, um zu erklären, warum vor 10 bis 16 Millionen Jahren die gemeinsamen stammesgeschichtlichen Vor­fahren des Menschen und des Men­schenaffen das Lachen in ihr Verhal­tensrepertoire aufnahmen: Es be­sänf­tigt Artgenossen („Seht her, ich bin doch nett, also tut mir nichts“), drückt große Freude über ihr Er­scheinen, ihre Anwesenheit oder ihr Verhalten aus, kommuniziert positive Gefühle. Bedenkt man, dass Nean­dertaler Kan­nibalen waren, könnte das La­chen auch als raffiniertes Täu­schungs­manöver in Mo­de gekommen sein: „Komm ruhig näher, da­mit ich dich besser fressen kann.“ (2) Darüber hinaus macht Lachen kreativer. Warum schicken Unterneh­men neuerdings ihre Mitarbeiter in sündhaft teure Lachseminare? La­chen durchbricht die Routi­nen des kon­trollierenden Denkens und Han­delns. Und es macht aufmerksamer: Im Gehirn laufen vermehrt elektrochemische Prozesse ab, die typisch für erhöhte Wach­samkeit sind. Lachen wirkt sich auf den Körper günstig aus. Es verbessert die Durchblutung, somit beugt es Herz-Kreislauf-Krankheiten vor. Wie? Durch das Lachen dehnt und erweitert sich das Endothel: das Gewebe, das die Blutgefäße von innen auskleidet; es reguliert nicht nur den Blutfluss, sondern auch den Innendruck der Blutgefäße und die Blutgerinnung. Dadurch spielt es eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Arte­rio­sklerose und von Gefäßverhär­tungen. Herzliches Lachen trainiert die Herzmuskulatur ungefähr so wie eine Viertelstunde auf einem Fahrrad-Hometrainer oder zehn Minu­ten an einer Rudermaschine. „Zwanzig Sekunden Lachen entsprechen der körperlichen Leistung von drei Minuten schnellem Lau­fen“, stellte Fry fest. „Lachen ist Jog­gen im Sitzen“, versichert der deutsche Psychotherapeut Michael Titze (3), Mitbegründer von Humor­Care, eines gemeinnützigen Vereins zur „Förderung von Humor in The­rapie, Pflege und Beratung“. (4) Eine 2009 veröffentlichte Studie der Uni­versität Baltimore erfasste 300 Ver­suchspersonen, von denen jeder Zweite schon eine Herzerkrankung hatte, bis hin zum Infarkt. Was zeich­­nete die gesunden Studien­teilnehmer aus? Sie lachten deutlich öfter über Alltagssituationen. (5) Schmerzpatienten können nach nur wenigen Minuten Lachen eine Er­leichterung erfahren, die manchmal mehrere Stunden anhält. Warum? Lachen kurbelt die Produktion von Beta-Endorphinen kräftig an: vom Körper selbst produzierte Hor­mone, die wie ein Analgetikum wirken, nur ohne negative Neben­effekte. Gerade in der Schmerz­bekämpfung sieht der US-Medi­ziner Howard Bennett „den vielversprechendsten Einsatz von Lachen als Therapie“. In einem Übersichtsartikel über den Forschungsstand (6) be­richtet er unter anderem von einer Studie, in der 78 frisch Ope­rierte deutlich weniger Analgetika benötigten, wenn sie sich lustige Videos ansahen. (7) Allerdings scheint die Wirkung eher indirekt: Wer seelisch belastet, traurig oder ängstlich ist, konzentriert sich mehr auf seine Schmerzen und empfindet sie in­ten­siver. Humor lenkt ab, lässt psychische Belastungen vergessen – zumindest zeitweilig. Diesen Zu­sam­menhang erprobte der amerikanische Wissenschaftsjournalist Nor­man Cousins im Selbstversuch: Sei­ne schmerzhafte Spondylarthritis - eine chronisch entzündliche rheumatische Erkrankung, bei der Gelenke versteifen, auch als „Mor­bus Bechterew“ bekannt - behan­del­te er mit lustigen Filmen und witzigen Büchern, die bei ihm regelmäßig Lachanfälle provozierten. Wie er feststellte, war er nach zehn Mi­nuten Lachen weitgehend schmerz­frei, danach konnte er mindestens zwei Stunden problemlos schlafen. Sein Buch Der Arzt in uns selbst (7) verhalf der Lachforschung in den USA in den siebziger Jahren schlagartig zu öffentlicher Auf­merk­samkeit und Anerkennung; Lachtherapien, Lach-Yoga, Lach­clubs, Lachkongresse wurden salon­fähig. Seit 1998 wird alljährlich am ersten Sonntag im Mai der „Welt­lachtag“ begangen. Bei lachenden Personen steigen zudem deutlich die Blutwerte von Gamma-Interferon, Killerzellen und Antikörpern: wichtigen Ak­teuren im Immunsystem. Die körpereigene hormonartige Substanz Gamma-Interferon aktiviert und koordiniert die Produktion von meh­reren körpereigenen Abwehr­stoffen, während sogenannte Killer-T-Zellen bereits infizierte Zellen vernichten. Ebenfalls vermehrt treten beim Lachen die Antikörper Im­mun­globulin A sowie B-Lympho­zy­ten auf, eine Art weißer Blut­kör­perchen (Leukozyten), die als einzige Zellen imstande sind, Antikörper zu bilden. Aus solchen bemerkenswerten Resultaten weitreichende therapeutische Schlüsse zu ziehen, hält Fry allerdings für verfrüht: „Wir dürfen nicht den Fehler machen, erst sensationelle Erkenntnisse hinauszuposaunen und nachträglich mit der Grundlagenforschung zu beginnen. Das wäre so, als würden wir erst die Hose anziehen und anschließend in die Unterhose schlüpfen“ – und insofern „liege noch in den Win­deln“.9 Alle erwähnten segensreichen Ef­fekte scheinen nämlich nur kurzzeitig aufzutreten, höchstens für ein paar Stunden; langfristig nützen sie unserer Gesundheit eher mittelbar - abhängig davon, wie gut wir mit Stress fertig werden. So schädigt Stress messbar die Schutz­schicht in den Blutgefäßen, die das Herz versorgen. Das kann dort zu schweren Gefäßentzün­dungen führen, bis hin zum Infarkt. Sonnige Gemüter sind eher dagegen gefeit, weil sie mit Druck entspannter umgehen – und fröhliche Menschen lachen mehr. Auch unserem Immunsystem hilft Lachen auf Dauer nur, wenn sich darin eine Persönlichkeit ausdrückt, die mit Stress gut zurechtkommt. Anfang der neunziger Jahre wurden 394 Gesunde zunächst nach ihrem Empfinden von Anspannung be­fragt, daraufhin mittels Nasen­trop­fen mit Rhinoviren infiziert, typischen Schnupfenerregern. Das Er­gebnis fiel eindeutig aus: Das Im­mun­system von Stressresistenteren setzte sich wirksamer gegen das Virus zur Wehr – leicht zu Stres­sen­de hingegen zogen sich eher eine Erkäl­tung zu. (10) Insofern fiel jeder Witz, den du während dieser Camptage gehört hast, in therapeutischer Absicht, und hoffentlich mit wohltuenden Folgen, die sich nicht auf kurzfristige Konvul­sio­nen deines Zwerch­fells beschränken, sondern dein Gemüt insgesamt ein wenig aufgehellt, entspannter und stressresistenter gemacht haben. Zur Erinne­rung und um eine gewisse Nach­haltigkeit sicherzustellen (Smi­ley!), stellen wir dir auf den folgenden Seiten eine Auswahl der besten Camp­­witze und Anekdoten zusammen; in künftigen Auflagen dieses Buchs werden weitere folgen, so viel ist gewiss. Mit angezogener Lachbremse - Wie weit darf Humor gehen? Ganz schön frech, dieser „Dr. med. Heckmeck“: Seit einer halben Stunde schon treibt er weißgeschminkt, mit roter Pappnase, im Speisesaal eines Alten- und Pflegeheims vor und mit vierzig hochbetagten Be­wohnern seine üblen Späße – als aus­gebildeter und diplomierter „Klinik-Clown“, zahlendes Mitglied im „Dachver­band Clowns in Medi­zin und Pflege Deutschland e.V.“ Dreist schnappt er sich einen Rollstuhl, in dem er unter grotesken Verrenkun­gen mit immer neuen kläglichen Anläufen vergeblich Platz zu nehmen versucht; endlich sitzend, führt er vor, wie blöd man sich in so einem Gefährt anstellen kann. Einem verdutzten Greis säu­bert er mit einem Staubwedel die Glatze. Wohlwis­send, dass ein Groß­teil seines Publi­kums dement ist, mimt er den Ver­gess­lichen: Mit wach­sender Ver­zweif­lung sucht er fünfmal einen Schlüssel, den er fünfmal wenige Sekunden zuvor in die Seitentasche seines Kostüms gesteckt hat. Er tut so, als müsse er dringend Pippi machen, übersieht aber beharrlich den Nachttopf, der zwischen seinen Beinen steht. Für Depressive mimt er den Trauerkloß, der alle paar Sekun­den aus läppischstem Anlass in Tränen ausbricht: selbst die hängende Blüte einer Topfpflanze, ein Tapetenmuster, ein gepunktetes Kleid lassen ihn losheulen. Als wäre ihm nicht klar, dass alle Anwesenden hier ihrem nahen Ende entgegensehen, nimmt er einem unsichtbaren Gevatter Tod eine Sense ab und tritt ihn in den Allerwertesten, mit ausgestreckter Zunge und erigiertem Mittel­finger. All das geht doch entschieden zu weit, oder? Darf man sich über Schwä­chen, Belastungen, Ängste, Ein­schränkungen aufgrund von Alter, Krankheit oder Behinderung derart hemmungslos und unsensibel lustig machen, zumal in Anwesen­heit von Betroffenen? Kränkt man sie damit nicht? Zumindest Dr. Heckmecks Publikum sieht das anscheinend nicht so eng. Immer wieder ertönt schallendes Gelächter, werden die Kapriolen des Clowns von spontanem Applaus unterbrochen. Ein einziger Senior schüttelt den Kopf, winkt ungehalten ab, verlässt demonstrativ den Saal. Die übrigen scheinen belustigt, ja begeistert. Wie weit Humor mit gesundheitlich Angeschlagenen gehen darf, stand auch während zweier „Auswege“-Therapiecamps 2015 zur Debatte. In den täglichen „Morgenkreisen“ hatte der Mode­rator eine mehrteilige „Vorlesung“ über das medizinische Grund­konzept der Camps gehalten – in satirischer Form, illustriert mit Cartoons, die er auf eine Groß­leinwand projizierte. Von den insgesamt 70 Patienten und Ange­hö­rigen, die daran teilnahmen, scheint die Präsentation 68 belustigt zu haben: Weder mündlich im An­schluss an diese Veran­staltungen, noch in den während der Camptage geführten Tage­büchern, noch in abschließend auszufüllenden Frage­bögen, noch in darauffolgenden Brie­fen und Telefonaten äußerten sie die geringste Kritik. Bloß zwei protestierten: Manche Zeichnungen seien doch ziemlich „unter der Gürtellinie“, meinte einer; eine andere hinterlegte anonym im „Mecker-Briefkasten“, sie finde „die Witze teilweise sehr unpassend und makaber“; unser Pro­gramm müsse doch „von Liebe und Gemeinschaft getragen sein, nicht von Sarkasmus und schwarzem Humor“. Heftige Widerstände gab es hingegen im Therapeutenteam. So un­ver­froren und ohne das gebotene Fein­gefühl, teilweise ver­letzend dürfe man Hilfe­suchende doch nicht auf den Arm nehmen, befand eine Mehr­heit. Das Risiko, Wun­den zu schlagen, sei zu groß. „Und wenn hier ein Spezi­alcamp für religiöse Neuro­tiker verschiedener Konfes­sio­nen statfände: Dürften wir dann keinesfalls Karikaturen von Mohammed zeigen?“, argumentierte der Moderator. „Ihr würdet sagen: ‚Um Gottes Willen, bloß nicht! Damit verletzen wir religiöse Gefühle zutiefst. Abgesehen davon riskieren wir unangemeldete Besu­che von islamistischen Sprengstoff­experten.’ Ich halte dagegen: Wir sollten es – sofern wir Karikaturen von Jesus und Buddha danebenstellen.“ Trotzdem verschwand die „Vorle­sung“ aus dem Programm der folgenden Camps. Zurecht? Die Erfolgsgeschichte der „Klinik-Clowns“ liefert überreichlich Belege dafür, dass Leidende auf Humor, der auf ihre Kosten geht, im allgemeinen keineswegs beleidigt reagieren – sie lachen mit, auch über sich selbst. Sogar Krebs­kranke im End­stadium tun es, ebenso Kriegsopfer in Flüchtlings­lagern der Dritten Welt: „Clowns ohne Grenzen“, die sie dort hin und wieder bespaßen, überschreiten jegliche Geschmacks­grenze, ohne mit der künstlichen Wimper zu zucken. Wie können solche Dreistigkeiten Leidenden gut tun? Der Clown hilft ihnen, für eine kurze Weile auf Distanz zu gehen: zu sich selbst, ihrer misslichen, oft als ausweglos empfundenen Lage. Die Perspektive wechselt. Die Faxen des Clowns bringen sie da­zu, die eigene Person, ihre deprimierenden Lebensumstände ab­wechslungsweise einmal nicht bitterernst zu nehmen; sie schaffen einen erleichternden Kontrapunkt zu all dem Jammern und Hadern, Leiden und Selbstbemitleiden, das den Alltag in Krankenhäusern, Pflegeheimen, Pal­liativatationen und Hospizen prägt – Schicksals­mühlen, deren nicht immer nachvollziehbaren Regeln sich die meisten ausgeliefert fühlen, ohnmächtig und entmündigt, jeglicher Privat- und Intim­sphäre beraubt. Warum wird Klinikclowns kaum je vorgeworfen, sie amüsierten sich gemeinerweise auf Kosten anderer? Es liegt am Geheimnis ihrer besonderen Komik: Zum Lachen bringt der Clown, indem er immer auch sein eigenes unentwegtes klägliches Scheitern zur Schau stellt, es der Lächerlichkeit preisgibt – und sich zugleich grimassierend und feixend über es erhebt. Er entblößt sich. Egal auf wessen Kosten er Schabernack treibt: Der Doofste ist am Ende er selbst, buch­stäblich der Depp, denn das Wort „Clown“ leitet sich vom lateinischen colonus her, was „Bau­ern­tölpel“ bedeutet. In der Rolle des „dummen August“ verkörpert er das unentwegte Versagen und Schei­tern des Menschen, seine Un­zulänglichkeit, Verletzlichkeit und Lebensuntüchtigkeit, über die er sich andererseits durch Selbst­iro­nie triumphierend erhebt. Diesem Prinzip folgten die um­strittenen „Morgenkreis-Vorle­sungen“: Jeder dritte Cartoon nahm gleichermaßen die Thera­peu­ten und Camp­orga­ni­sa­toren auf die Schippe. Warum blieben wir trotzdem nicht dabei? Ein einziger Patient, der sich verspottet, verhöhnt, in seiner Wür­de verletzt fühlt, ist einer zuviel – egal, wie überwältigend die Mehr­heit ist, bei welcher der Humor glänzend ankommt. Denn nicht um statistischen Durch­schnitt geht es uns, sondern um jeden Einzelnen. Und anhaltende Meinungsverschie­denheiten im Therapeutenteam, selbst wenn sie bloß einen Rand­aspekt des Camp­geschehens betreffen, beeinträchtigen zwangsläufig dessen besonderen spirit – und da­mit indirekt auch die Atmosphäre innerhalb der gesamten Campge­mein­schaft. Der therapeutische Wert von Humor entscheidet sich letztlich nicht am statistischen Ver­hältnis zwischen Lachern und Pikierten – sondern daran, ob er in ausnahmslos jedem Fall Behand­lungsziele unterstützt, statt sie zu gefährden, indem er die therapeutische Be­ziehung beeinträchtigt. Clowne­reien an Orten, wo Kranke Hilfe suchen, dürfen nirgendwo einen „bitteren Nachgeschmack“ hinterlassen, keinerlei „Kollateral­schäden“ anrichten. Treten sie auf, war´s die besten Witze nicht wert. (Harald Wiesendanger) Anmerkungen 1 Fry in einem Interview mit dem SZ-Magazin, 10.12.1999. 2 Fry im SZ-Interview, a.a.O. 3 In einem Interview mit dem Nachrich­tenmagazin Der Spiegel, 17.1.2014. 4 Siehe www.humorcare.com 5 Pressemitteilung der University of Ma­ry­land, Baltimore, im Juli 2009 („Laugh­ter is the Best Medicine for Your Heart“) 6 „Humour in Medicine“, Southern Medi­­cal Journal 96 (12) 2003, S. 1257-1261. 7 James Rotton/Mark Shats: „Effects of State Humor, Expectancies, and Choice on Postsurgical Mood and Self-Medica­tion: A Field Experiment”, Journal of App­lied Social Psychology 26 (20) 1996, S. 1775-1794. 8 Anatomy of an Illness As Perceived by the Patient, New York 1979; dt.: Der Arzt in uns selbst. Die Geschichte einer erstaun­li­chen Heilung − gegen alle düsteren Progno­sen, Reinbek 1984. 9 Im SZ-Interview, a.a.O. 10 Sheldon Cohen u.a.: “Psychological Stress and Susceptibility to the Com­mon Cold”, New England Journal of Medi­cine 325/1991, S. 606-612. Dieser Beitrag erschien zuerst im Buch von Harald Wiesendanger: Auswege – Kranken anders helfen (2015).

  • Zu Ende gedacht. Werkzeugmedizin – Das therapeutische Verhältnis aus pragmatischer Sicht

    Das meiststrapazierte Motto von Alternativ­medizinern – „Wer heilt, hat recht“ – wirbt für Pragmatismus gegen­über Therapie­ange­bo­ten: Auf den Nutzwert für den Patienten kommt es an. Gilt dies nicht auch für die Theorien und Weltbilder der Therapeuten? Was meine Stiftung Auswege Ärzten und Pati­enten ans Herz legt, muss zuallererst für sie selber gelten, auch in ihren Camps. Inwiefern geht es dort pragmatisch zu: bei der Aus­wahl der Therapieangebote, bei der Zusammenstellung der The­rapeutenteams? Entpuppen wir uns dort nicht eher als Methodenfetischisten? Schließlich steht bei den „Aus­wege“-Camps das Geistige Heilen im Vordergrund: Jedes­mal wirken bis zu einem halben Dutzend Heiler mit, die Hilfe­suchenden Hände auflegen, Für­bitten sprechen, medial be­handeln, „besprechen“ oder schamanische Heilweisen an­wen­den (1); begleitend sind hin und wieder bis zu 25 „Fernheiler“ im Einsatz. (2) Doch der Eindruck täuscht: Stets kommt ergänzend eine Fülle weiterer Thera­pieformen zum Einsatz: von Aku­punktur, Akupressur und anderen Vorgehensweisen der Traditionellen Chinesischen Medizin über Homöopathie, Bach-Blüten, Meditation, energetische Massagen, Bioreso­nanz- und Biofeedbackver­fah­ren, Klang-, Musik-, Tanz-, Kunst- und Ergotherapie bis hin zu verschiedenen Formen von Psychotherapie, vor allem Gesprächstherapie, mitunter auch Verhaltens-, Gestalt- und Gruppentherapie, Logothera­pie und systemisches Aufstel­len. In all diesen Angeboten, so hören Campteilnehmer bereits in der Eröffnungsveranstal­tung, sehen wir einen Werk­zeugkasten voller Instrumente. Statt uns dogmatisch, nach vorgefassten Lehrmeinungen, auf eines zu beschränken, haben wir gerne möglichst viele zur Hand. Erweist sich eines als zuwenig effektiv oder gänzlich ungeeignet, greifen wir zu einem anderen; reicht ein einziges nicht aus, setzen wir gleichzeitig mehrere ein. Und wie im Handwerk, so macht es auch in der Medizin wenig Sinn, der Frage nach dem besten Instrument nachzugehen. Ist ein Hammer besser als ein Schraubenzieher, eine Feile oder ein Hobel? Hier wie dort kann die Antwort nur lauten: Kommt drauf an. Woran sollten wir den Gärtner messen, wenn nicht daran, dass wächst, was er hegt - wie auch immer? Den meisten Therapeuten, auch innerhalb unserer Camp­teams, ist eine solche Sicht­weise sympathisch, solange sie bloß ihren Instrumenten gilt. Aber betrifft sie nicht auch sie selbst: ihre grundlegenden Glau­benssätze, ihre Menschen­bilder, ihren Weltanschauun­gen? Ein konsequenter Prag­matismus macht davor nicht halt. In unseren Teams kooperieren, in gegenseitigem Re­spekt, Menschen mit denkbar unterschiedlichen Überzeugungen: Anhänger verschiedener Medizinsysteme, Materialisten und Idealisten, Christen und Buddhisten, Gläubige und Atheisten. Ob Chakren, Meri­diane und Nadis, Auraschich­ten und feinstoffliche Körper, Engel und Geistführer, Schick­sal und Karma, Gott und Naturgeister, Jenseits und Re­inkarnation, Besetzungen und schwarze Magie, Kraftorte und Erdstrahlen, Astrologie und Quantenmystik: Manche glauben fest daran, andere eher nicht. Müssten Konflikte zwischen diesen Glaubensrich­tungen nicht ausgetragen, ihre Gegensätze aufgelöst werden, ehe man ihre Anhänger in ein Team zusammenspannt? Pragmatismus hilft, dem Aus­sichtslosen auszuweichen, und erspart müßige Debatten dar­über. Ihm sind die Wahrheits­ansprüche unterschiedlicher Glau­bensysteme einerlei. Ent­scheidend ist für ihn die Funk­tion, die solchen Systemen im therapeutischen Prozess zu­kommt, und diese ist eine zweifache. 1. Der Therapeut als Werkzeug Allein das Geistige Heilen hat mittlerweile mehrere hundert Varianten ausgeprägt, im ge­samten unübersichtlichen Be­reich der Komplementärmedi­zin dürften es Abertausende sein. Wie kommt ein Thera­peut dazu, sich eine bestimmte Behandlungsweise anzueignen und in seiner Praxis anzuwenden – andere hingegen nicht? Weil er durch systematisches, vollständiges Überprüfen herausgefunden hat, dass sein Favorit am wirkungsvollsten, die zugrundeliegende Theorie die schlüssigste ist? Keiner wählt derart rational, und selbst wenn er den Ehr­geiz dazu hätte, wäre er heillos überfordert. Einen umfassenden Effizienzvergleich aller Heilweisen hat bisher niemand angestellt, und weil ihre jeweiligen Maßstäbe für Wirksam­keit, ihre Anwendungsberei­che, ihre Erfolgskriterien denkbar unterschiedlich sind, ist ohnehin unklar, wie dabei überhaupt vorzugehen wäre. Nicht einmal innerhalb einer bestimmten Therapierichtung, beispielsweise Psychotherapie oder Geistiges Heilen, hat die Konkurrenz verschiedener Va­ri­anten jemals einen unstrittigen Sieger hervorgebracht. Die spärlichen Vergleichsstudien deuten vielmehr darauf hin, dass im großen und ganzen keine Vorgehensweise herausragt, keine den übrigen deutlich überlegen ist. (3) Den Unter­schied macht vielmehr der Behandler selbst: durch seine Selbstsicherheit, sein kommunikatives Geschick, sein Ein­fühlungsvermögen und weitere „unspezifische Wirkfaktoren“, die mit der jeweils angewandten Methode nichts zu tun haben. Welche Gründe sind es dann, die einen Therapeuten veranlassen, einer bestimmten Be­handlungsweise den Vorzug zu geben? Den Ausschlag geben im allgemeinen zehn Faktoren: - ihre Akzeptanz im Gesund­heitswesen: Wie angesehen, wie anerkannt ist sie? - ihre Einträglichkeit: Übernehmen Krankenkassen die Be­handlungskosten? Wenn nicht, ist die Patientennachfrage groß genug? Welche Einkünfte lassen sich mit ihr erzielen? - eigene Erfahrungen mit der betreffenden Therapieform, z.B. als Patient. (4) - die Persönlichkeit eines Leh­rers, dem er zufällig begegnet – obwohl ihn Propagandisten anderer Therapierichtungen vermutlich nicht minder beeindruckt hätten, falls sich ihre Lebenswege gekreuzt hätten. - Angebote während des Studiums: Bevorzugt werden Therapien, über die am ausführlichsten informiert, die von besonders vielen Dozenten repräsentiert und positiv eingeschätzt wurden. (5) Eine andere Uni, mit anderem Lehrkörper und Schwerpunkten, hätte dem­nach voraussichtlich zu einer anderen Therapiewahl geführt. - bestimmte Artikel, Bücher, Broschüren oder Filme, auf die der Betreffende stößt – obwohl ihn andere Informationsquel­len, auf die er nie oder zu spät aufmerksam wird, womöglich nicht minder fasziniert hätten. - eindrückliche Fallbeispiele erfolgreicher Anwendungen einer bestimmten Behand­lungs­weise – obwohl jede andere Therapierichtung ebenfalls damit aufwarten könnte; - Empfehlungen durch Freun­de, Kommilitonen oder Kolle­gen – andere Sozialkontakte hätten ihn möglicherweise aber in eine andere Richtung geführt. - der Eindruck, die Behand­lungsweise „passe“ zu ihm, sie entspreche seinem Wesen; sie erfordere und ermögliche, be­stimmte Kompetenzen und Per­sönlichkeitsmerkmale einzubringen, über die er schon verfügt; sie komme seinen Fä­higkeiten, seinen Interessen und Vorlieben, seinem Charak­ter, seinen Wertvorstellungen entgegen. Der Technikbegei­ster­­te fühlt sich zu apparategestützten Verfahren hingezogen, von Bioresonanztherapie bis Elektroakupunktur; Kommuni­kationsfreudige zieht es eher zur Gesprächstherapie; der Ein­fühlsame liebäugelt mit hermeneutischen Ansätzen. - Die Theorie, welche der Behandlungsweise zugrunde liegt, entspricht in wichtigen Hinsichten seinem persönlichen Weltbild, „bestätigt“, erweitert und vervollständigt es. Kein Therapeut würde sich eine Behandlungsweise zu eigen machen – einerlei, wie hochwirksam sie ist -, sofern sie seinen grundlegenden Überzeugungen krass zuwiderläuft. Er übernimmt sie nur, sofern er sie in sich selbst verankern kann, kognitiv und emotional. Wie könnte ein Atheist Ge­betsh­eilen einsetzen? Aus dieser Verankerung wächst ihr eine entscheidende psychologische Funktion zu: Sie wird zur Quelle von Erfolgserleb­nis­sen, Selbstbestätigung, Selbst­wertgefühl, Erfüllung, Aner­ken­nung, intellektueller Befrie­di­gung, Berufs- und Lebenszu­frie­denheit, von Gruppen- und Gemeinschaftserlebnissen, einer sozialen und spirituellen Heimat. Und je mehr davon sie ihm verschafft, desto sicherer macht sie ihn, die richtige Wahl getroffen zu haben. Daraus, weitaus mehr als aus gesicherten empirischen Daten oder logisch-rationalen Theorie­ver­gleichen, entsteht jene Motiva­tion, die einen Therapeuten an­treibt, sein Bestes zu geben – und deswegen in einem Maße engagiert, aufmerksam, anteilnehmend, zuversichtlich, selbst­sicher, souverän, überzeugend zu wirken, wie ihm das mit keiner anderen Thera­pieform gelänge. Sie beseelt sein Tun und sorgt für den besonderen Geist, in dem er arbeitet. Aus pragmatischer Sicht ist es deshalb zweitrangig, welche Heilweise ein Therapeut ins Campgeschehen einbringt – Hauptsache, ihr psychologischer Eigennutzen veranlasst ihn, „unspezifische Wirkfakto­ren“ optimal ins Spiel zu bringen. Von Schizophrenien dürften therapeutisch Tätige nicht erheblich häufiger betroffen sein als der Bevölkerungs­durchschnitt. Folglich gehören Überzeugungen, die für einen Therapeuten während seiner Sitzungen handlungsleitend sind, und Überzeugungen, die für ihn auch außerhalb der Praxis grundlegend sind, im allgemeinen zu ein und derselben Person. Was er während einer Behandlung tut, wie und warum, und nicht zuletzt wo­zu, steht daher nie beziehungslos neben alledem, was er zu anderen Zeiten will, denkt und fühlt. Zwar sind Lebensum­stän­de und Arbeitsbedingun­gen denkbar, unter denen er sich gezwungen sieht, zumindest zeitweise seine Arbeit wider Willen und besseres Wissen zu verrichten. (Unsere Kliniken sind voll von derart Frustrierten, vom Assistenzarzt bis zur Pflegekraft.) Aber in der Regel tendieren Therapeutsein und Ichsein dazu, ein einigermaßen stimmiges Ganzes zu bilden, und die persönliche Berufszufriedenheit nimmt im selben Maße zu, wie empfundene Widersprüche und Unver­ein­bar­keiten zwischen beidem schwinden. Das erhebende Ge­fühl, in seinem Tun Erfüllung zu finden, erwächst daraus: es im Einklang zu sehen mit tiefsten persönlichen Überzeugungen, Zielen und Werten. Selbstverwirklichung in der Arbeit bedeutet für einen therapeutisch Tätigen: Wozu er sich Hilfesuchenden zuwendet, wie er mit ihnen umgeht, wohin er sie führen will, folgt daraus, wie er seinen persönlichen Lebenssinn, seine Be­stim­mung, die Berufung im Beruf definiert. Dies wiederum ergibt sich daraus, wie er die Welt und seinen besonderen Platz in ihr sieht – wie er seine metaphysischen Bedürfnisse, seinen Will to Believe (6) befriedigt. Die Therapeutenpsyche haust nicht außerhalb der Maslow´schen Bedürfnis­py­ra­mi­de, auch sie sucht und braucht Liebe, Zuneigung und Zugehörigkeit, Anerkennung und Wertschätzung – und Mög­lichkeiten zur Selbstverwirkli­chung. Medizin als Werkzeugkasten - „das“ beste Instrument gibt es nicht. Was folgt daraus für die Frage, wie ein Therapeut seine The­rapiemethoden wählt? Nichts, soweit diese weltanschaulich neutral sind: Ein Wundpflaster, eine Bandage, ein Stützkorsett wirft weder metaphysische Fra­gen auf, noch kollidiert sie mit irgendwelchen Antworten darauf. Anders verhält es sich weit­hin in der Komplementär­me­dizin, einschließlich der mei­sten psychotherapeutischen Verfahren: Hier ergeben sich Vorgehensweisen aus theoretischen Grundannahmen, deren persönliche Akzeptanz davon abhängt, was man im allgemeinen glaubt und will. Ein Groß­teil derer, die gegenwärtig in der alternativen Gesundheits­kultur tätig sind, gehört zu einer Generation, die eine mehr oder minder lange, schmerzliche Phase spiritueller Leere durchlaufen hat; im christlichen Glauben ihrer Kindheit fanden sie keine geistige Hei­mat mehr, die Kirche verlor jegliche Autorität für sie. Doch jedes „existentielle Vakuum“, wie der Logotherapeut Viktor Frankl es nennen würde (7), drängt darauf, gefüllt zu werden. Auf die Dauer ist nichts anstrengender, als nichts zu glauben – dem Drang zum Religiösen zu widerstehen. Um so attraktiver werden Heil­weisen, die dem Anwender über eine Methodenlehre hinaus auch einen weltanschaulichen Rahmen bieten, ein neu­es spirituelles Zuhause. Muss es meiner Stiftung Auswege wichtig sein, wo ein Campthe­ra­peut ein solches Zuhause gefunden hat? Aus pragmatischer Sicht kommt es vielmehr darauf an, wozu es ihn befähigt: Es motiviert ihn, sein Be­stes zu geben. Je mehr ihm das Überzeugungssystem einleuchtet, in das seine Vorgehens­weise eingebettet ist, und ihm Befriedigung verschafft, desto hilfsbereiter ist er, desto au­then­tischer, überzeugender und kompetenter wirkt er auf Hilfesuchende – desto mehr wird er erreichen, desto erfolgreicher werden seine Bemühun­gen sein. Allein darauf sollte es einer karitativen Einrichtung ankommen, die bestmöglich helfen will. Zum Schiedsrichter über die vielfältigen, teilweise unvereinbaren Wahrheitsan­sprüche, die mit den Überzeugungssystemen der Campthe­ra­peuten verbunden sind, braucht sie sich dazu keineswegs aufzuschwingen; eine solche Anmaßung wäre unglaubhaft, entsprechende Erkennt­nisansprüche einzulösen ohnehin unmöglich. Eher bietet die Stiftung Auswege ein leeres Gefäß, in dem unterschiedlichste Weltanschauungen gleichermaßen Platz haben. Zu den sympathischen Begleiterschei­nungen eines derart rigorosen Pragmatismus zählen: ein Be­kennt­nis zur Vielfalt und schier grenzenlose Toleranz. Aber wie kann sich die Stiftung Auswege mit solcherlei Glau­benschaos abfinden? Entweder stimmen die Überzeugungen, welche die Therapeut in die Camps mitbringen – dann sollten sie zwingende Argumente dafür vorweisen können, dass sie recht haben. Oder sie stimmen nicht – dann wird in den Camps letztlich mit Hirnge­spinsten, mit Luftschlössern gearbeitet. Wird damit nicht das Gespenst des Relativismus heraufbeschworen? Das Erfolgsrezept unserer Campteams: Verbundenheit trotz weltanschaulicher und methodischer Gegensätze. Selbstverständlich ist es wichtig zu wissen, ob es Auren und Chakren, Astralwelten und frühere Leben, körperlose Seelen und Gott, einen alles durchdringenden und ordnenden Geist wirklich gibt. Aber müssen wir uns zuerst eines solchen Wissens versichern, um im Glauben an solche Entitäten therapeutisch Erfreuliches zu­stande zu bringen? Die Erfolgs­bilanz unserer bisherigen Camps rechtfertigt ein klares Nein. Wird das Heilen damit nicht zu einer oberflächlichen, unernsten Angelegenheit, der es an der nötigen Tiefe mangelt: dem Streben danach, zu den wahren Ursachen einer Erkrankung vorzudringen? Ich halte es da mit Medizinern wie Helmut Enke, dem ehemaligen Leiter der Psychosomatischen Abtei­lung einer Klinik in Umkirch bei Freiburg im Breisgau, der mit Bezug auf das Behandeln seelischer Nöte erklärte: „Die In­anspruchnahme des Pragma­tismus bringt nur scheinbar eine Veroberflächlichung, denn sie macht des Eigentliche des Psychotherapierens verständlich.“ (8) Worin besteht dieses „Eigent­liche“? Psychotherapie - wie jede Form des Helfens und Heilens - versucht Individuen zu erreichen, zu unterstützen und zu verändern, die eine einmalige Geschichte, besondere Lebensumstände, jeweils be­son­dere Bedürfnisse und Wün­sche, Fähigkeiten und Ein­schränkungen mitbringen. Im­mer hat sie mit konkreten Per­sonen in ihrer ganzen Unter­schiedlichkeit zu tun – und niemals mit „dem“ Menschen, einer Art standardisierter Ein­heits­persönlichkeit, deren Erle­ben und Verhalten den Gesetz­mäßigkeiten einer Theorie folgt, weshalb ihr mit standardisierten Behandlungsstra­tegi­en begegnet werden kann und muss. Pragmatismus hilft dem Therapeuten, aus Respekt vor der Einzigartigkeit seines Kli­en­ten atheoretisch und lö­sungs­­orientiert vorzugehen; sich im Behandlungsverlauf größtmögliche Flexibilität zu bewahren; sich die Freiheit herauszunehmen, Methoden fallenzulassen, wenn sie offen­kun­dig zuwenig oder gar nichts bringen, und stattdessen andere einzusetzen, ohne schlech­tes Gewissen, somit die ehernen Prinzipien irgendeiner Schule zu verraten. Damit er­hält das „Wie?“ einen ungleich höheren Stellenwert als das „Warum?“. Zu den namhaftesten Vertretern eines konsequenten Pragmatismus in der Psychotherapie zählte der amerikanische Psychiater und Psy­chotherapeut Milton H. Erick­son (1901-1980), der die mo­der­ne Hypnotherapie maßgeblich prägte und ihr Einzug in viele Psychotherapierichtun­gen verschaffte. Eindringlich warnte er Therapeuten davor, die Persönlichkeit und Indi­vi­dualität des Klienten so zu­recht­zustutzen, dass sie in das „Prokrustesbett hypothetischer Theorien über menschliches Verhalten“ eingepasst wer­den kann. Jay Haley, Mit­be­­gründer des Mental Re­search Institute in Palo Alto und einer der bekanntesten Schüler Ericksons, hebt hervor: „Er empfahl Therapeuten, jene Techniken zu benutzen, die funk­tionierten, und diejenigen, die nicht funktionierten, unabhängig von den traditionellen Vorstellungen zu verwerfen. Er riet nicht dazu, sich eine berühmte Persönlichkeit auszusuchen, um seine Praxis daran auszurichten, sondern die eigene Arbeit durch ihre Ergeb­nisse zu rechtfertigen.“ (9) Aus demselben Grund widersetzte sich Erickson „bis zu seinem Tod vehement jedem Versuch, seine Behandlungs­me­tho­den in den Rahmen eines ‚Ericksonianischen Therapie­systems’ zu pressen.“ (10) Auch beim Heilen gilt: Zum Ziel führt mehr als ein einziger Weg. Insbesondere Geistheilern sollte es wenig Mühe bereiten, sich mit einem pragmatischen An­satz anzufreunden. Die meisten sehen sich als Werkzeuge einer höheren Intelligenz; viele nennen sie „Gott“. Was will Er von ihnen, wenn nicht, dass sie bestmöglich in Seinem Sinne wirken? Woran sie dabei glauben, ist Ihm aus höherer Warte womöglich wurscht – Hauptsa­che, ihr Glaube lässt sie Seine Werke tun. 2. Der Patient als Nutznießer Ein Großteil der Heilweisen, die bei „Auswege“-Camps zum Einsatz kommen, beruht auf umstrittenen Annahmen über die Wirklichkeit bestimmter Entitäten. Muss feststehen, dass diese wirklich existieren, ehe ein Patient davon profitieren kann? Pragmatismus erübrigt Debatten darüber. Für ihn entscheidet allein der therapeutische Nutzen. Um drei Beispiele ging es bereits in anderen Kapiteln dieses Buchs: - Schwere chronische Erkran­kun­gen werfen häufig Sinn­fragen auf, verbunden mit einem Leidensdruck, der den Symptomen kaum nachsteht. Die meisten Patienten erleichtert es enorm, eine teleologische Deutung zu erhalten, wozu sie erkrankten. Deren Nutzwert ergibt sich unabhängig davon, ob es im menschlichen Dasein, objektiv betrachtet, tatsächlich zweckmäßig und zielgerichtet zugeht. - Ähnlich verhält es sich mit zwei anderen beliebten Kon­struk­ten der spirituellen Medi­zin: der „Botschaft“ einer Krankheit und der „Sprache“ einzelner Organe. Was ein Lun­genkrebs, eine Schrumpfniere, ein Herzinfarkt dem Betrof­fe­nen „sagen“ will, ist eine Frage, die sich auf überaus hilfreiche, tröstliche, sinnstiftende Weise beantworten lässt, ohne sich darauf festlegen zu müssen, dass bestimmte Zustände und Teile des Körpers wirklich Intentionen und sprachliche Kompetenzen haben können. - Handelt es sich bei schweren Erkrankungen tatsächlich um gottgegebene „Prüfungen“? Mit Antworten im religiösen Kontext hilft ein Therapeut gläubigen Patienten zumeist viel mehr als durch atheistische Belehrungsversuche. Oder macht Reinkarnationsthe­ra­pie nur unter der Vorausset­zung Sinn, dass Wiedergeburt eine Tatsache ist? Die meisten Anwender sehen das so. Von ih­nen grenzt sich eine Min­derheit ab, die Klienten in „frühere Leben“ zurückführt, ohne an deren Existenz zu glauben. Sie tun es, weil die Vorstellung, vor langer Zeit in einem anderen Körper ein ziemlich anderes Dasein gefristet zu haben, eine verlockende Projektions­fläche aufspannt, auf der sich un(ter)bewusste Bedürfnisse, Ängste, Konflikte besonders anschaulich abbilden. (11) Ob die auftauchenden Bilder imaginär oder echt sind, „ist für die therapeutische Arbeit irrelevant, da das Unbewusste ohnehin keinen Unterschied zwischen beidem macht“, meint etwa der Münchner Psychotherapeut Andreas Wolf. (12) Kann Chakratherapie nur funktionieren, wenn sich entlang der Wirbelsäule wirklich feinstoffliche Energiezentren befinden, die Sensitive in jeweils charakteristischen Farben, For­men und Aktivitäten wahrzunehmen meinen? Nützt Hand­auflegen nur, sofern der Heiler dabei tatsächlich „Energien“ überträgt, die er aus dem Uni­versum aufzunehmen und zu „kanalisieren“ glaubt? Erfüllen sich Fürbitten nur, falls es den Gott gibt, an den der Gebetshei­ler sie richtet? Erfordert „mediales“ Heilen, dass der Heiler wahrhaftig zum „Medium“ wird: zum Vermittler und Werk­zeug körperloser Wesen­hei­ten, zu denen er irgendwie Zugang findet? Ob all diese Entitäten existieren oder nicht: Die Annahme, es gebe sie, löst beim Klienten Vorstellungen, Assoziationen und Emotionen aus, die den angestrebten Selbstheilungsprozess segensreich unterstützen können. Ein Großteil komplementärer The­ra­pien bietet dem Hilfesuchen­den eindrückliche, anschauliche Bilder, die in seiner Psyche zu arbeiten beginnen; ihre Wirksamkeit beruht zumindest teilweise auf der Macht von Imaginationen. Im Gehirn, im Nervensystem, im endokrinen und Immunsystem lösen sie messbar eine Kaskade von biochemischen Reaktionen aus, die Genesungsprozesse einleiten und beschleunigen können. Im Fokus einer pragmatischen Sichtweise steht, ob eine The­rapie sich dazu eignet, solche Reaktionen anzuregen. Denn sie treten unabhängig da­von ein, ob dem Imaginierten ir­gendeine Wirklichkeit entspricht. Entscheidend ist die Bereitschaft des Klienten, mit den angebotenen Bildern innerlich zu arbeiten. „Nutze, was funktioniert, und verwerfe, was nicht funktioniert, unabhängig von traditionellen Vorstellungen.“ Milton Erickson, 1901-1980) Besonders eindrücklich be­währt sich dieser Ansatz bei Therapieformen, die von vornherein keinen Hehl daraus machen, mit bloßen Fiktionen zu arbeiten. Kein Klient nimmt ernstlich an, in seinem Kör­perinneren befinde sich leibhaftig jenes „Innere Kind“, das manche Tiefenpsychologen und Psychoanalytiker erfolgreich als Metapher für die Ge­samtheit der Gefühle, Erin­nerungen und Erfahrungen aus der eigenen Kindheit einsetzen, die in Erwachsenen weiterwirken; keiner befürchtet bei Männern wie Frauen eine lebenslange Schwanger­schaft, der keine Geburt, keine Abtreibung je ein Ende setzen kann. Auch die Szenarien, die ein Hypnotherapeut in der Phantasie seines Klienten in Trance aufbaut, sind im allgemeinen ganz und gar irreal, für alle Beteiligten erkennbar ab­wegig. Trotzdem ist ihr Hei­lungspotential mitunter im­mens. Für Schlagzeilen sorgte etwa ein Psychotherapeut aus Krefeld, der eine Patientin in monatelangen Sitzungen von metastasiertem Knochenkrebs befreite – allein dadurch, dass er sie sich winzige Krieger, Waschfrauen, Fressmonster­chen und andere Wesenheiten ausmalen ließ, die gegen die Tumorzellen emsig Krieg führen. (13) Gesetzt der Fall, an einem „Auswege“-Camp nähme ein Zeitreisender aus der griechischen Antike teil, der psychisch aufs Schwerste traumatisiert ist, seit Frau und Kinder in seinem Heim verbrannten, nachdem ein Blitzschlag es in Flammen gesetzt hatte. Nun quält ihn, für welche Schuld ihn die Götter bestraft haben könnten. Müssten wir ihn zu­allererst darüber aufklären, dass Blitze durch elektrische Entla­dungen in der Atmosphä­re entstehen? Vermutlich würde er dann befremdet auf Distanz zu uns gehen, weil wir offenkundig nicht wissen, dass es sich bei Blitzen um Donnerkeile handelt, die Zeus vom Olymp herabschleudert – nicht blindlings, sondern aus wohlerwogenen Gründen; und dass er es ist, auf den die Entladungen letztlich zurückgehen. Falls wir den Eindruck gewinnen, dass wir sein Trauma am ehesten auflösen können, indem wir seine Mythologie ernst nehmen und uns mit Deutungen und Anregungen in deren Grenzen bewegen – warum sollten wir es unterlassen? Nebensache Realität: Selbst wenn „heilende Energien“, Auren und Chakren bloß als imaginative Inhalte wirken, schmälert dies nicht ihren therapeutischen Wert. Aber wird durch solchen Pragmatismus nicht abgesegnet, dass in den „Auswege“-Camps reine Placebos zum Einsatz kommen: Therapien, die bloß wirken, weil wir den Behandelten glauben lassen, sie hätten eine reale Grundlage? In der Tat. Doch weder haben sich Placebos „echten“ Therapien als grundsätzlich unterlegen erwiesen. (14) Noch wirken sie nur, solange sie nicht als solche durchschaut werden; im Ge­gen­teil belegen etliche Studien, dass Patienten selbst dann auf Placebos ansprechen, wenn ihnen vollauf bewusst ist, dass es sich um eine Pseudo-Arznei ohne pharmakologisch wirksame Inhaltsstoffe handelt. Ist Pragmatismus in der Medi­zin unangebrachter als in der Pädagogik? Himmel und Gott­vater, Zahnfee und Schutzen­gel, Osterhase und Weihnachts­mann, all die sonderbaren We­sen, mit denen Märchenbücher voll sind: Haben sie nicht einen erzieherischen Nutzen, unabhängig von ihrer Wirklichkeit? Wenn Eltern andererseits aufs Bangemachen mit bösen Gei­stern, Teufel und Hölle verzichten sollten, dann nicht in erster Linie wegen erwiesener Irreali­tät, sondern im Hinblick auf den Schaden, den sie in der Psyche ih­rer Kinder da­mit anrichten können. Weihnachtsmann, Schutzengel, Himmlischer Vater, Zahnfee: Der psychologische und therapeutische Nutzen einer Vorstellung hängt nicht von Wirklichkeitsbeweisen ab. Pragmatismus ist im übrigen eine Geisteshaltung, die Hilfe­suchenden wie Helfern nicht nur in der Medizin gut täte, sondern überhaupt im Leben, wie uns allen. Der Pragmatiker beruft sich nicht auf hehre Ideen und abstrakte Theorien, auf oberste Grundsätze, absolute Wahrheiten und höchste Werte, in philosophischen Ge­filden verheddert er sich nie. Die beste Politik ist für ihn eine, die „das größtmögliche Glück der größtmöglichen Zahl“ anstrebt und näher­bringt, nicht eine, die sich aus Ideologien und Visionen speist. Das beste Ethiksystem, das beste Rechtswesen ist für ihn eines, welches die Bedürf­nisse und Wünsche der Ein­zelnen so miteinander in Ein­klang bringt, dass ihr Mitein­ander möglichst reibungslos funktioniert, und ihre Freiheit erst dort beschränkt, wo Ande­re Schaden nehmen. Morali­sche Gebote benötigen keine fundamentalere Rechtferti­gung als jene, dass sie diesen Zweck erfüllen. Dazu müssen sie sich nicht aus höchsten Prinzipien ergeben, sie bedürfen keiner letztbegründenden Theorie, de­rer wir ohnehin nie habhaft werden können, weil jeder Kan­didat dafür seinerseits der Begründung bedürfte. Wenn sich soziale Regeln und Nor­men sich in der Praxis bewährt haben: Genügt das nicht? Die Wirksamkeit eines Prin­zips, die konkreten Folgen seiner Anwendung: Allein darum geht es dem Pragmatiker. Er muss nicht behaupten (wie ihm häufig unterstellt wird): „Es gibt keine Wahrheit“. Ebenso­wenig ist er darauf festgelegt, dass „wahr ist, was nützt“. Er klammert die Wahrheitsfrage schlicht aus, sie berührt ihn nicht, er lässt sie links liegen. Diese Einstellung in allen All­tagsbereichen gelassen durchzuhalten, ist eine Lebenskunst, die erleichtern, befreien und glücklich machen kann: den, der sie beherrscht, wie jene, die mit ihm zu tun bekommen. Insbesondere täte sie der „alternativen“ Therapieszene gut. Denn dort wimmelt es von weltanschaulichen Absoluti­sten. Pragmatismus würde es ihr erleichtern, auf einen ge­meinsamen Nenner zu kommen – und es endlich hinzukriegen, ein starkes Gegenge­wicht zur konventionellen Medizin zu bilden. Für eine besonnene Amerikanisierung des Heilwesens Nun könnte es scheinen, als werbe die Stiftung Auswege für eine oberflächliche Amerikani­sie­rung der Medizin. In den USA übte der Pragmatismus, für den hier eine Lanze gebrochen wird, beträchtlichen Ein­fluss auf Rechts- und Bildungs­wesen, auf Politik und Wirt­schaft aus. Diesseits des Atlan­tiks hingegen galt er von je her als „typisch amerikanisch“, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ausgeheckt von einer kleinen Philosophen­grup­pe im Umfeld der Har­vard-Universität: Charles San­ders Peirce (1839-1914), Wil­li­am James (1842-1910) und John Dewey (1859-1952). Als vulgäre, „herabwürdigende Mode­phi­losophie“ tat das Philosophi­sche Jahrbuch von 1908 ihn ab (15), womit es eine nahezu einhellige Ablehnung unter Denkern der Alten Welt zum Ausdruck brachte, die bis heute anhält. Beharrlich nach dem „cash value“ einer Hypothese zu fragen, erspart müßige Debatten. Damit geschieht dem Prag­matismus Unrecht, zumindest was seinen Wert als Methode zur Urteilsfindung betrifft. (16) Beharrlich nach dem Nutzen, dem cash value, einer Hypothe­se zu fragen, erspart unergiebige, müßige Dispute, die anders nie zu einem Ende kommen könnten. Unter zwei Überzeugungen, die einander unentscheidbar gegenüberstehen, verdient jene den Vorzug, die dem, der sie hegt, mehr bringt. Denn stets gehen Überzeugungen einher mit bestimmten Gemütszuständen, die eine gewisse Beruhigung kennzeichnet: Sie befriedigen die Bedürfnisse dessen, der sie hegt. Warum sollten wir ihren Wert nicht daran messen, ob und inwieweit sie dies leistet? William James, der bedeutendste Propagandist des Pragma­tis­mus, veranschaulichte diese Einstellung mit der köstlichen Analogie vom automatic sweet­heart: einem „Körper ohne See­le, der absolut ununterscheidbar ist von einem Mädchen, das lacht, spricht, errötet, uns hegt und pflegt und alle weiblichen Dienste so taktvoll und liebenswürdig verrichtet, als ob eine Seele in ihr wäre.“ Würden wir einem solchen Wesen zubilligen, dass es nicht bloß eine sprichwörtlich gute Seele ist, son­dern eine hat? „Gewiss nicht“, antwortet James, „und warum nicht? Weil wir nun einmal so gebaut sind, dass unser Egoismus nach nichts mehr sich verzehrt als nach innerer Sympathie und Anerkennung, Liebe und Bewunderung. Den Wert dessen, wie wir äußerlich behandelt werden, bemessen wir vornehmlich danach, welches Bewusstsein nach unserer Überzeugung darin zum Aus­druck kommt. Pragmatisch ge­se­hen würde der Glaube daran, dass wir es mit einem automatischen Liebling zu tun haben, nicht funktionieren (would not work).“ (17) Die Überzeugung, un­se­­re Mitmenschen seien beseelt, fühlt sich für uns besser an als ihr Gegenteil – deshalb verdient sie den Zuschlag. „Exakt genauso“, fährt James fort, „verhielte es sich mit dem gottlosen Universum. Selbst wenn die Materie alles Äußerliche verrichten könnte, das Gott tut, würde die Idee des gottlosen Universums nicht so befriedigend funktionieren, denn das Hauptbedürfnis nach einem Gott, das der moderne Mensch hat, ist das Bedürfnis nach einem Wesen, das ihn inwendig erkennt und wohlwollend be­urteilt. Die Materie enttäuscht diese Sehnsucht unseres Egos, und deshalb bleibt Gott für die meisten Menschen die richtigere Hypothese, und zwar aus ein­deutig pragmatischen Gründen.“ (18) Nicht anders verhält es sich mit sonstigen metaphysischen Streitfragen, auch innerhalb der Medizinphilosophie. Vor die Wahl zwischen zwei Stand­punkten gestellt, deren Kon­flikt empirisch nicht zu entscheiden ist, sollten wir jenen bevorzugen, dessen praktische Kon­sequenzen für uns nützlicher sind. Lassen wir Helfer und Hilfesuchende also glauben, was sie glücklicher macht. So viel Toleranz muss sein, auch im Gesundheitswesen. (Harald Wiesendanger) Anmerkungen 1 s. den Beitrag „Mit Bodenhaftung – Auf Abstand zur Esoterik“. 2 s. Kap. „Hokuspokus mal 25?“ in Harald Wiesendanger: Auswege - Kranken anders helfen (2015) 3 Zur Psychotherapie s. den Beitrag „See­lenqual – Ein Fall für Psychopro­fis?“. 4 Die drei erstgenannten Faktoren erwiesen sich in Studien der Uni­versitäten Leipzig, Frankfurt/ Main und Heidelberg als Haupt­mo­­tiv von Studenten, Ausbil­dungs­teilnehmern und älteren Psy­choanalytikern, Psychotherapeut zu werden, s. Yvette Barthel u.a.: „Mo­tive zur Berufswahl Psycho­the­rapeut“ (2011), online bei www. ifp-berlin.eu/doc/20111215_ barthel_ptj-04-2011.pdf. 5 Dies ergab 2008 eine Online-Be­fragung der Universität Köln unter 525 Schülern, Medizin- und Psy­chologiestudenten, praktizierenden und in Ausbildung befind­l­i­chen Psychotherapeuten. C. Ei­chen­berg/E. Brähler: „Beruf ‚Psy­cho­therapeut’: Motivation zur und Zu­friedenheit mit der Berufs­wahl“, Psychotherapie, Psychoso­ma­tik, medizinische Psychologie 58 (7) 2008, S. 265–268. 6 Mit „The Will to Believe“ überschrieb der Philosoph William James einen berühmten, 1896 erstveröffentlichten Essay, in dem er im inneren Bedürfnis nach religiösem Glauben einen Grundzug des Menschen sieht, für den der psy­cho­logische Nutzwert spricht. Der Text ist Teil einer 1898 erschienenen Aufsatzsammlung The Will to Believe and Other Essays in Popu­lar Philosophy, New York 1956, s. 1-31, in deutscher Übersetzung: „Der Wille zum Glauben“ in Philo­sophie des Pragmatismus: Ausge­wählte Tex­te, hrsg. und eingeleitet von Ekke­hard Martens, Stuttgart 2002. 7 s. den Beitrag „Auf der Suche nach Sinn“. 8 Helmut Enke: Der Verlauf in der klinischen Psychotherapie. Monogra­phi­en aus dem Gesamtgebiet der Neu­rologie und Psychiatrie, Heft 111, Hei­delberg 1965, S. 6. 9 Jay Haley: Die Psychotherapie Milton H. Ericksons, München 2. Aufl. 1988, S. 28. 10 Wolfgang Walker: Abenteuer Kommunikation, Stuttgart 1996, S. 220. 11 Siehe Harald Wiesendanger: Zurück in frühere Leben – Möglichkeiten der Reinkarnationstherapie, München 1991. 12 Andreas Wolf: „Reinkarna­ti­onstherapie – Meinungen und Er­fahrungen in und mit Hypnose“, Essay, online bei www.naturheilpraxis-wolf.de/mediapool/3/ 31938/data/Reinkarnation.pdf. 13 s. Harald Wiesendanger: Das Große Buch vom Geistigen Heilen, Schön­brunn, 2. Aufl. 2000, S. 245 ff. 14 Siehe dazu den Beitrag „Musst du da­ran glauben? Das unsägliche Place­bo-Argument“. 15 C. Gutberlet: „Der Pragmatis­mus“, Philosophisches Jahrbuch 21/ 1908, S. 437-458. 16 Andreas Kemmerling: „Prag­matische Wahrheit: Was uns im Leben weiterbringt“, in Philipp Gas­­sert u.a. (Hrsg.): Was Amerika ausmacht. Multidisziplinäre Perspek­tiven, Stuttgart 2009, S. 161-175. 17 William James: The Works of Wil­liam James (17 Bände, 1975-1988), Band 2, Cambridge, Mass. 1975, S. 103; s. dazu auch seinen Essay „Are We Automata?“, Mind 4/1879, S. 1-22. 18 a.a.O., S. 103. Dieser Beitrag erschien zuerst im Buch von Harald Wiesendanger: Auswege – Kranken anders helfen (2015, Nachträge).

  • Seelenqual: ein Fall für Profis? – Wie Psychotherapie ohne Psychotherapeuten funktioniert

    Besonders gut tun „Auswege“-Camps seelisch Belasteten – selbst jenen, die ihren Psychiatern und Psychotherapeuten zufolge unter schwersten psychischen Erkrankungen leiden. Jahrelang, manchmal sogar seit Jahrzehnten waren sie erfolglos behandelt worden – doch zumeist genügen neun Camptage, um ihnen erhebliche Erleichterung zu verschaffen. Oft verschwindet ihr Leidensdruck sogar vollständig. Wie ist das möglich, wo in den Camps doch zumeist nur psychologische Laien im Einsatz sind? „Meine fünfzehn Heilsitzungen bei euch haben mir viel, viel besser getan als die vorherigen 480 bei meinem Analytiker“, befand ein 47jähriger Schwerstdepressiver. Eine Lehrerin (62), die das frühkindliche Trauma wiederholten sexuellen Missbrauchs durch den eigenen Vater nie ­losgeworden war, schwärmte: „Ich habe schon so viele Psychotherapien gemacht, die mir nullkommanix gebracht haben. Was ihr bei mir in Gang gesetzt habt, ist unglaublich. So intensiv!“ - „Es war, als hätte ich meine vergangenen vier Jahrzehnte in einem fenster­losen Raum zugebracht“, verglich Ludwig (55), den ­fortwährende Ängste mit heftigen körperlichen Begleitsymptomen quälten, seit er Augenzeuge der Ermordung von Mutter und Vater wurde. „Ihr habt mir ein Fenster geöffnet, und endlich sehe ich Licht.“ Wie diesen Drei, so ergeht es na­hezu allen psychisch Schwer­­belasteten, die den Weg in ein Therapiecamp der Stiftung Aus­wege finden. Ob bei anhaltenden Depressionen oder Äng­sten, Ess- oder Schlafstörungen, Zwängen oder Süchten, bei ADHS, Hyperaggressivität oder sonstigen Verhaltensstö­rungen, bei einem Trauma, Burn­out oder Autismus: Weni­ger als zwei Prozent der betroffenen Teilnehmer verlassen uns nach neun Tagen mit unveränderter oder gar verschlimmerter Symptomatik. Dieselbe Quo­te stellen wir bei Patienten fest, denen eine körperliche Erkrankung arg aufs Gemüt schlägt, sowie bei mitgereisten Angehörigen, die ständige Sor­ge und Fürsorge derart bedrückt, dass sie oftmals nicht minder behandlungsbedürftig sind wie die angemeldeten Pati­enten, die sie begleiten. Was für hochwirksame Psy­cho­therapien kommen da zum Ein­satz? Welche fabelhaften Psy­cho­therapeuten kon­nten wir für einen Campeinsatz gewinnen? Zumeist gar keine. An zwei Drittel der 34 „Auswege“-Camps, die zwischen 2007 und 2021 stattfanden, wirkte kein einziger professioneller Psy­chologe, Psychotherapeut oder Psychia­ter mit. Die erwähnten Erfolge er­zielte in der Regel ein Helfer­team, das ausnahmslos aus psy­chologischen Laien bestand: überwiegend Geist­hei­ler, ge­meinsam mit einzelnen Heil­praktikern und Ärzten ohne psy­chiatrische oder psy­chothera­peutische Spezialisie­rung. Und wo Profis im Einsatz waren, blieb stets fraglich, ob erzielte Fortschritte ausschließlich oder hauptsächlich ihr Verdienst waren. Wollen wir damit etwa weismachen, Laienhilfe könne jenen fachkundigen Leistungen gleich­­wertig oder gar überlegen sein, die ausgebildete Psy­cho­logen, Psychotherapeuten und Psychia­ter zu erbringen ver­stehen? In der Tat – im Einklang mit ei­ner Vielzahl von wissenschaftlichen Studien. Laien: oft die besseren Therapeuten Längst lassen Massenmedien besorgte Ärzte und Psycholo­gen schrillen Dauer­alarm schlagen: In Windeseile greifen „psy­chi­sche Störungen“ schein­bar wie eine ansteckende Seuche um sich, allen voran De­pressionen, Ängste und Süch­te. Von mindestens einer soll schon jeder dritte bis vierte Deutsche behandlungsbedürftig betroffen sein. (1) Im EU-Durchschnitt liegen an­geb­lich sogar bei 38,2 Prozent „klinisch bedeutsame“ seelische Proble­me vor. (2) Im Verlauf des Lebens soll das Risiko auf 50 Prozent steigen. (3) Und es könnte noch viel schlimmer kom­men: In einer jüngeren Stu­die erfüllten bestürzenderweise vier von fünf jungen Er­wachse­nen die Kriterien einer psychischen Stö­rung. (4) In den Klinik­ab­tei­­lun­gen für Psychia­trie und Psy­chotherapie stieg die Zahl von Eingewiesenen seit Anfang der neunziger Jahre bis 2010 um annähernd hundert Prozent auf 407'000 Fälle pro Jahr, bei Kindern und Ju­gend­lichen so­gar um 130 Pro­zent auf über 20'000 Fälle. (5) Die Rede ist be­reits von einer „Epi­de­mie des 21. Jahrhun­derts“, die „zur größten ge­sund­heits­politischen Heraus­for­de­rung ge­worden“ sei. (6) So gewaltige Fortschritte hat die moderne Psychiatrie demnach gemacht, dass es kaum noch psychisch Gesunde gibt. Dass trotzdem nur jeder fünfte Betroffene professionelle Hilfe sucht (7), erscheint neuerdings als unverzeihliche Unterlas­sungs­sünde. Die 80 Prozent, die um den Psychiatriebetrieb einen Bogen machen, stehen zunehmend als ahnungslose, uneinsichtige, starrköpfige „Thera­pie­ver­weigerer“ da, als verantwortungslose Drückeberger auf einer Stufe mit Schul­schwänzern und Arbeitsunwil­li­gen, die sich ihrer Pflicht zu sozialverträglicher Normalität und Funktionstüchtigkeit zu entziehen trachten. Wer eine Psychotherapie ablehnt, ob­wohl er doch die allseits be­kannten Symptome einer „psychischen Erkrankung“ aufweist, gerät unter wachsenden Rechtfertigungsdruck. Angesichts der nahen Psycho-Apokalypse beruhigt Otto Normalversteher ungemein, dass sich inzwischen eine „gi­gantische Seelenheilindustrie“ (Welt am Sonntag), in der bereits mehr Menschen arbeiten als in der Automobilbranche, der globalen Bedrohung heroisch entgegenstemmt. Kranker Seelen nehmen sich in Deutschland ambulant 18'000 niedergelassene Fachärzte für Psychiatrie, Psychotherapie und Nerven­heil­kunde an, 15'000 ärztliche und knapp 16'000 psychologische Psychotherapeuten, ein erheblicher Teil der 35'000 Heil­praktiker. Wer so übel dran ist, dass er stationär betreut werden muss, legt sich in eines von 63'000 Betten, die über 450 Fachkliniken für Psychiatrie und Psychotherapie bzw. All­gemeinkrankenhäuser mit entsprechenden Fachabteilungen für seinesgleichen aufgestellt haben. (8) Die Seelenklempnerei wird mit Vorliebe chemisch un­terstützt: Innerhalb eines Jahr­zehnts, von 2003 bis 2012, hat sich die Zahl ambulant verordneter Psychopharmaka in Deutschland fast verdoppelt, auf 2,1 Millionen Tagesdosen. (9) Jährlich werden weltweit Prä­pa­rate für „psychische Gesund­heit“ im Wert von knapp 42 Mil­liarden Dollar verkauft, wo­mit sie bereits die fünftstärkste Therapieklasse auf dem Phar­ma­markt bilden; nur an Arznei­mitteln gegen Krebs, Schmerz, Bluthochdruck und Diabetes wird noch mehr verdient. (10) In Deutschland wurden 2009 mit rund 80 Millionen Packungen 1,1 Milliarden Euro umgesetzt, zu drei Vierteln mit Antide­pres­si­va. (11) Muss das alles sein? Er mutet geradezu grotesk an, an den Haaren herbeigezogen, vom Stammtisch aufgeschnappt. Und doch zählt er zu den bestbestätigten Erkenntnis­sen psychologischer For­schung, mittlerweile gesichert durch Hunderte von Studien und Dut­zende von Metaanaly­sen: der Befund, dass Laien beim Beraten und Behandeln von Menschen, die als psychisch krank gelten, nicht weniger zustande bringen als professionelle Psychotherapeuten – vorausgesetzt, sie sind „interpersonal kompetent“, wie Sozi­alwissenschaftler sagen: offen, herzlich, einfühlsam, verständnisvoll, kommunikativ. Dies gilt sowohl im allgemeinen als auch für einzelne „Störungs­bilder“, wie z.B. soziale Fehlan­passung, Phobien, Psychosen und Übergewicht. (12) Manche Stu­dien ergaben sogar einen deutlichen Trend, dass Laien effektiver sind. (13) Minimales Training reicht aus, um Laien im Umgang mit psychisch Belasteten sogar noch erfolgreicher zu machen. So küm­merten sich in einer britischen Studie Krankenschwe­stern, nachdem sie in zwei Workshops mit Verhaltensthe­ra­pie vertraut gemacht worden waren, um 222 Hypochon­dri­ker, die zuvor unter 29'000 stationär Aufgenommenen in eng­lischen Fachkliniken als hochgradig ängstlich in Bezug auf eigene Krankheiten identifiziert worden waren; zur Kon­trolle blieben 222 weitere unbehandelt, sie wurden lediglich regelversorgt. Nach fünf bis zehn Sitzungen hatten die Krankheitsängste in der Be­handlungsgruppe signifikant ab­genommen, und dieser Ef­fekt war noch ein Jahr später nachweisbar: Von den Laienbe­handelten sorgten sich weiterhin 13,9 Prozent nicht übermäßig um die eigene Gesundheit, in der Kontrollgruppe nur 7,3 Prozent. Auch auf allgemeine Ängstlichkeit und Depressio­nen hatten sich die Bemühun­gen der Nichtprofis vorteilhaft ausgewirkt. (14) In den sechziger Jahren waren Laien im Groß­raum Hamburg bemerkenswert erfolgreich im Einsatz, nachdem sie von dem Ehepaar Reinhardt und Anne-Marie Tausch mit Grundlagen der Ge­sprächspsychotherapie vertraut gemacht worden wa­ren. (15) In über 100'000 Selbsthilfegrup­pen kommen in Deutschland 3,5 Millionen Laien zusammen (16), um einander in gesundheitlichen Nöten beizustehen, häufig auch bei seelischen. Wie etliche Studien belegen (17), ge­lingt ihnen das in der Regel keineswegs schlechter als Grup­pen­psychotherapien oder ir­gendeiner anderen Variante pro­fessionellen Seelenheilens. Je länger die Mitgliedschaft, je regelmäßiger die Teilnahme, desto größer der persönliche Nutzen: Konsequente Besucher von Selbsthilfegruppen können mit ihrer Erkrankung besser um­­gehen, schätzen sich als selbstbewusster ein, fühlen sich besser verstanden und weniger isoliert, erfahren einen Zuge­winn an Kompetenz, Lebens­mut und Wohlbefinden. Unter ihresgleichen fanden sie also, wonach viele von ihnen zuvor bei Profis vergeblich gesucht hatten. Laien kämen bloß vergleichsweise harmlosen „Alltagspro­ble­men“ bei, Profis hingegen auch „schweren, tiefgehenden, komplexen und weitreichenden Problemen“, heißt es gelegentlich. (18) Wer bedenkt, wie oft Probleme beliebiger „Störungs­tie­fe“ unter Lebensgefährten, Freunden und Familienmit­gliedern erfolgreich angegangen werden, während sie in Profipraxen unbewältigt liegenbleiben, kann darin nur ein Marketinggerücht sehen, solange empirische Forschung ihn nicht eines besseren belehrt. Laien können allenfalls beraten, aber nicht behandeln, wenden Profis ein und warnen vor einer „Vermischung“. (19) Doch was trennt beides denn grundsätzlich? Psychotherapie biete einen „Heilungsdiskurs“; „be­handelt Menschen, die an Krank­heiten leiden“; verwende „deutende und aufdeckende Techniken“. Beratung hingegen bringe bloß einen „offenen Hilfediskurs“ zustande; „unterstützt Menschen in Krisen, mit Problemen oder schwierigen Fragen und dient dazu, eine gute Lösung zu finden“; setze allenfalls „unterstützende Tech­ni­ken“ ein. (20) Diese Ab­gren­zungen sind willkürlich und wirklichkeitsfremd; im Alltag, wie auch in „Auswege“-Camps, verschwimmen sie, die Übergänge sind fließend. Lai­en, die einfühlsam und verständnisvoll einen Nächsten beraten – ob im Zweierge­spräch oder in der Gruppe -, können dabei ebenfalls deuten, aufdecken, heilsam wirken. Bewusst oder unreflektiert, jedenfalls erstaunlich erfolgreich nutzen sie Methoden der Psychotherapie, auch bei als „krank“ Etikettierten. Anderer­seits intervenieren berufsmäßige Therapeuten natürlich auch offen, unterstützend und lösungsorientiert. (21) Im übrigen zeigen etliche Vergleichsstudi­en: Beratung und Psychothera­pie sind gleich wirksam. (22) Ungeheuerlich, aber wahr: Nach heutigem Forschungs­stand können professionelle Psychotherapeuten nicht für sich beanspruchen, bessere Leistungen zu erbringen als sogenannte „blutige“ Laien mit keinerlei oder bloß minimalem Training. In dieser Tatsache steckt gesundheitspolitischer und –ökonomischer Sprengstoff ohnegleichen, weshalb sich in Therapeutenkreisen ein heimlicher Konsens herausgebildet zu haben scheint, es sei klüger, sie nicht an die große Glocke zu hängen. Sie bedeutet nämlich: - In der Psychotherapie führt langjährige, kostspielige Aus­bildung zu keinem nennenswerten Effizienzvorsprung – bestätigt durch zwei umfangreiche Meta-Analysen, die nicht weniger als 375 Studien über den Zusammenhang zwischen Ausbildungsdauer und Thera­pie­erfolg einbezogen. (23) - Ebenso unerheblich ist die Fachrichtung. Ob Arzt, Psy­cho­loge, Heilpraktiker oder Le­bensberater: Keiner hilft wirkungsvoller als die anderen. - Im Umgang mit psychischen Belastungen spielt Berufs­er­fahrung keine Rolle. (Hingegen könnte Erfahrung damit durchaus bedeutsam sein – hierzu spä­ter.) - Der Nachweis, dass Psycho­therapeuten tatsächlich „Exper­ten“ darin sind, mit welchen Mitteln man psychischen Er­kran­kungen entgegenwirken kann, steht aus. - Es gibt keinen plausiblen Grund, Laien von der medizinischen Versorgung psychisch Kranker auszuschließen. - Zur Eindämmung der Ko­stenexplosion im Gesund­heitswesen könnte wesentlich beitragen, Ärzten und Psycho­therapeuten das Behandlungs­monopol für psychische Leiden zu entreißen und Laien einzubeziehen. Für die Stiftung Auswege folgt daraus: Nichts spricht dagegen, in ihren Therapiecamps psychisch Belastete durch psychotherapeutisch Unausgebildete betreuen zu lassen – und nichts dafür, für die Campteams un­bedingt Psychoprofis anzuwerben. Auf Forschungsergebnisse, die uns darin bestärken, reagieren Standesorganisationen von Ärz­ten, Psychologen und Psy­chotherapeuten seit eh und je überaus gereizt und beleidigt. Wie kann man allen Ernstes be­haupten, ein mindestens dreijähriges Universitätsstudium sorge für keinerlei Kompe­tenzvorsprung? Wie könnte eine fundierte akademische Ausbildung, die 20'000 bis 40'000 Euro kostet, mit mindestens 600 Stunden Theorie, 600 Stunden Behandlung unter min­destens 150 Stunden Super­vision, 120 Stunden Selbster­fah­rung und 1800 Stunden praktische Tätigkeit, davon ein Drittel in einer psychiatrischen Einrichtung (24), weitgehend für die Katz sein? Ihren empörten Widerstand stützen Fachkreise vor­nehmlich auf drei Argu­mente: 1. Bloß Experten wissen, wie psychische Erkrankungen entstehen – aber nur wer Ursachen kennt, kann sie auch beheben. 2. Nur Experten verfügen über geeignete Techniken, um psychischen Erkrankungen beizukommen. Welcher Laie be­herrscht schon die filigranen Vorgehensweisen eines Freud­schen Analytikers, eines Tie­fenpsychologen nach C. G. Jung, eines kognitiven Verhal­tenstherapeuten? 3. Nur Experten können psychische Erkrankungen erkennen – die richtige Diagnose stellen. Welcher Laie kennt schon das klinische „Stö­rungsbild“ einer depressiven Episode, eines Borderline-Syndroms, einer Angststörung, eines chronischen Erschöp­fungs­syndroms usw.? Mich überzeugt keines dieser Argumente. Denn aus wissenschaftlicher Sicht steht eines wie das andere auf tönernen Füßen: 1. Wie und warum die Psyche erkrankt, ist weiterhin rätselhaft. Angenommen, Naturwissen­schaftler böten uns fünfzig verschiedene Theorien dafür an, weshalb ein Gegenstand senkrecht und beschleunigt nach unten fällt, dem Blitz der Don­ner folgt, ein Magnet Eisen­feilspäne anzieht, Planetenbah­nen elliptisch verlaufen, Laub­bäume im Herbst ihre Blätter verlieren. Würden wir ihnen bescheinigen, sie könnten uns die Welt erklären? Ein unverbundenes Nebeneinander von Theorien kennzeichnet das vorwissenschaftliche Stadium ei­ner Disziplin, und in eben diesem kümmerlichen Zustand be­finden sich bis heute die klinische Psychologie, Psychothe­rapie und Psychiatrie. Wer in irgendeinem ihrer Lehrbü­cher25 über Störungstheorien nachliest, dem schwirrt nach we­nigen Seiten der Kopf: Un­ter­schiedlicher, widersprüchlicher, verquaster könnten die dort vorgestellten intellektuellen Luftschlösser kaum sein. Dennoch vertreten ihre An­hänger die jeweils bevorzugte Lehre mit der gleichen unerschütterlichen Gewissheit. All diese Glaubensbekenntnisse können aber unmöglich gleichzeitig zutreffen. Solange ein derartiges Wirrwarr anhält, zeigt es an, dass unsere See­lenheilkunde im Grunde nicht weiß, wie psychische Krankhei­ten zustande kommen. 2. Techniken sind im psychotherapeutischen Prozess weitgehend unerheblich. Wer Lewis Carrolls Kinderbuch „Alice im Wunderland“ kennt, wird sich an jenen Wettlauf er­innern, bei dem niemand feststellt, wie weit und wie lange die Teilnehmer gelaufen sind. Als der putzige Vogel Dodo gefragt wird, wer denn nun der Sieger sei, sagt er: „Jeder hat ge­wonnen und alle müssen Preise bekommen.“ In solch wunderländischem Wettbewerb stehen all die Hun­derte von psychotherapeutischen Verfahren, die Hilfesu­chen­de vor die schweißtreibende Qual der Wahl stellen. Eine Metaanalyse (26) von fast 400 The­ra­pie-Vergleichsstudien er­gab: Keine bringt rein gar nichts, keine nützt immer, kei­ne ist den übrigen deutlich über­legen - sie alle sind annähernd gleich wirksam (27), und dieser Sachverhalt wird als „Do­do-Bird-Verdikt“ (28) be­zeich­­net, gelegentlich auch als „Äqui­valenzparadox“. In diesem Licht erweist sich die sogenannte „Differentielle In­dikation“ – die Beurteilung, wel­che Form der Psychothe­rapie bei welchem Hilfesuchen­den angezeigt ist – als windige Luftnummer. Wenn keine Me­thode mehr ausrichtet als die andere, machen jene den Unterschied, die sie anwenden; Patienten brauchen den passenden Therapeuten. Zwar sollen vereinzelte Studien ergeben haben, dass Patienten mit ho­her „Direktivität“ – einem ausgeprägtem Bedürfnis nach Selbstbestimmung bzw. starker „Reaktanz“, einem deutlichen Abwehrverhalten auf den Ein­druck hin, unter Druck gesetzt zu werden – eher von mäßig strukturierten, nichtdirektiven Ansätzen wie z.B. der Ge­sprächstherapie profitieren, wäh­rend „submissiven“ Pati­enten, die zur Unterordnung neigen, direktive Verfahren wie z.B. die Verhaltenstheorie eher nützen. (29) Doch letztlich ist es kein methodisches Abstrak­tum, das Hilfsbedürftige „dirigiert“, „unterwirft“ oder ihnen Freiraum lässt, sondern die individuelle Persönlichkeit des jeweiligen Behandlers. Worauf er aus ist, kann er mit jeder beliebigen Technik erreichen. 3. Psychodiagnostik stellt nicht fest, sondern schreibt zu – sie ist unwissenschaftlich, willkürlich und überflüssig. In „Auswege“-Camps werden weder psychiatrische Diagno­sen gestellt, noch gestellte handlungsleitend gemacht. Aber wie sollten wir seelisch Belasteten dort überhaupt helfen können, solange wir nicht genau wissen, was ihnen fehlt? Das wissen wir freilich immer. Seit längerem geht es ihnen schlecht, ohne dass ihre Ärzte eine organische Ursache dafür gefunden haben, und bei ihren Campterminen lassen wir sie ihr Unwohlsein ausführlich schildern: Wie fühlt es sich für sie an? In welcher Weise belastet es sie? Wann und unter welchen Umständen ist es entstanden? Wie hat es sich im Laufe der Zeit entwickelt? Wie wirkt es sich auf ihr Leben aus? Ihre Angaben lassen wir von mit­gereisten Angehörigen be­stä­tigen, ergänzen oder einschränken. So erhalten wir ein recht detailliertes Bild von ihrem Problem. Darauf gehen wir ein, und was wir mit Hil­fesuchenden anschließend tun – wir reden, lachen, tanzen mit ihnen, wir berühren, umarmen und massieren sie, legen ihnen Hände auf, lassen sie basteln, Bilder malen und Klänge hö­ren, entspannen, die Gemein­schaft Mitbetroffener erleben, eine idyllische Natur genießen -, führt offenkundig binnen weniger Tage dazu, dass es den meisten erheblich besser geht, in der Regel weit über die Camp­woche hinaus. An keinem Punkt dieses Geschehens muss notwendig festgestellt werden, welche psychische Krankheit bei einem Teilnehmer vorliegt – ja, ob es sich überhaupt um eine Krankheit handelt, die ihn zum „Patienten“ macht. Dass sich ein Betroffener selber krank fühlt, bedeutet nicht zwingend, dass er es ist. Warum meint er, krank zu sein? Sein Empfinden, Erleben und Fühlen, seine Erinnerungen und Vorstellungen, sein Den­ken und Verhalten belasten ihn seit längerem, ohne dass er daran willentlich etwas ändern könnte; sie sorgen für Leidens­druck und weichen auf merkwürdige, schwer nachvollziehbare Weise von der Norm ab, womit sie Anderen und ihm selbst Rätsel aufgeben. Wer ihm als Ursache dafür eine „psychische Krankheit“ unterstellt, äußert eine Hypothese: eine Mutmaßung, die erst einmal zu beweisen wäre. Die moderne Psychotherapie versteht sich als behandelnder Teilbereich der Psychiatrie, die­se wiederum als Fachgebiet der Medizin, die allergrößten Wert darauf legt, als „empirische Wissenschaft“ zu gelten. Eine Krankheit im medizinischen Sinn ist ein im Individuum be­stehender Zustand oder ablaufender Prozess, der sich in typischen Zeichen, „Symptomen“, bemerkbar macht. (Liegen gleichzeitig verschiedene solche Zeichen vor, sprechen Me­di­ziner von einem „Syndrom“, von griech. syndromos: begleitend, zusammentreffend.) Dass überhaupt eine Krankheit vorliegt, lässt sich demnach nur dann behaupten, wenn dieser Zustand bzw. Prozess entweder unmittelbar festgestellt oder aus Indikatoren erschlossen werden kann. Wissenschaftlich ist eine solche „Diagnose“, wenn die dazu verwendeten Verfahren objektiv, zuverlässig und valide sind. Und in diesem Sinne ist fraglich, ob unseren Campteilnehmern, ja irgendeinem Menschen jemals eine „psychische Krankheit“ nachgewiesen worden ist – mehr noch, ob es eine derartige Enti­tät überhaupt gibt. An entsprechenden Methoden mangelt es der Psy­chiatrie nämlich bis heute. Den ungetrübten Blick darauf verstellt ein Zwillingspaar aus monströsen Begriffsgebilden von den Ausmaßen turmhoher Apothekerschränke, jeweils mit Hunderten von fein säuberlich etikettierten Schubladen: eine für jede „psychische Krank­heit“. Welche das sein sollen, ist in zwei voluminösen Katalogen zusammengestellt worden, an denen sich Psychodiagnostiker mittlerweile weltweit orientieren: Das DSM (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Dis­orders) wird seit 1952 von der American Psychiatric Association herausgegeben, einem 50'000 Mitglieder starken Berufsver­band, und ist vor allem im angelsächsischen Raum maßgebend. 2013 erlebte es die fünfte Auflage; anfangs ein schlankes Heft von 130 Seiten, kommt es inzwischen als zwei Kilo schwerer Wälzer mit 1298 Seiten daher. In Deutschland ge­bräuchlicher ist die ICD (In­ter­national Classification of Dis­eases), die „Psychische und Ver­haltensstörungen“ einschließt. Für Deutschlands Vertragsärzte ist die ICD-Verwendung seit dem Jahr 2000 Pflicht, nur dann können sie mit ihren Kassen abrechnen. Die Ursprünge der ICD reichen bis ins ausgehende 19. Jahrhundert zurück; von der Weltgesundheitsorganisati­on übernommen und stetig weiterentwickelt, liegt sie seit 2012 in der zehnten Version vor. Psychodiagnostik legt fest, wem diese darin befindlichen Etiketten angeklebt werden dürfen – wer sie zurecht trägt. Herauszufinden versucht sie das, indem sie mit Verdäch­tigen standardisierte schriftliche und mündliche Interviews führt, sie diversen Tests unterzieht, Einschätzungen von anderen „Experten“ - beispielsweise Ärzten - und nahestehenden Personen einholt. Verdient diese Vorgehensweise das Prä­dikat „wissenschaftlich“? Er­füllt es die allgemeingültigen Gütekriterien für wissenschaftliche Erkenntnismethoden, insbesondere die drei wichtigsten?: Ist Psychodiagnostik objektiv? Das heißt, sind ihre Ergebnisse unabhängig von Einflüssen und subjektiven Eindrücken der Untersucher oder der Un­ter­suchungssituation, sei es bei der Durchführung, der Aus­wer­tung oder Interpretation? Es begann 2004 als Feierabend­spielerei: Zwei russische Phy­siker an der Universität Man­che­ster, Konstantin Novoselov und Andre Geim, lösten von einem Block gewöhnlichen Gra­­phits, wie es in Bleistiften verwendet wird, mit Hilfe von Kle­be­streifen hauchdünne Schich­ten ab. Als sie diese Pro­ben un­tersuchten, stießen sie auf Gra­phen: nur eine Atomla­ge dicke, somit gleichsam zweidimensionale, wabenförmig strukturierte Kohlenstoff­schich­ten mit faszinierenden mechanischen und elektrischen Eigenschaften, was den beiden Forschern sechs Jah­re später einen Nobelpreis ein­brachte. Seither gilt Graphen als wahres „Wundermaterial“, das einen regelrechten „wissen­schaftli­­chen Goldrausch“ (Wall Street Journal) ausgelöst hat: Einer­seits ultradünn, leicht und flexibel, ist es andererseits härter als ein Diamant und bis zu 300mal zugfester als Stahl; es lässt positiv geladene Wasser­stoff­atome (Protonen) durch, während es alle anderen Atome und Moleküle am Durchtritt hindert; es ist transparent und temperaturstabil, leitet Wärme und Strom ausgesprochen gut und lässt sich zu winzigen Halb­leitern formen. Von Gra­phen versprechen sich Exper­ten flexible Displays, schnellere Sensoren und bessere Batterien, leichtere Fahrzeug- und Flug­zeugteile, leistungsfähigere elektronische Bauelemente und bessere Datenspeicher. Aber gibt es dieses Graphen wirklich? Weist es tatsächlich die ihm zugeschriebenen Ei­gen­schaften auf? Wer auch immer die behaupteten Er­kennt­nisse bezweifelt, kann sie überprüfen, jederzeit und überall: Sofern er genauso verfährt wie Novoselov und Geim, kommt er zu denselben Ergeb­nis­sen. Nun weiß er: Da wurden tatsächlich objektive Tat­sachen verbreitet, nicht bloß Hirngespinste zweier professoraler Wodkatrinker. So funktioniert Wissenschaft. Die Psyche eines Menschen ist aber kein materielles Objekt. Beobachten lässt sich bloß ihr äußeres Verhalten, einschließlich seiner sprachlichen Äußerungen; jegliche Schlüsse daraus sind fragwürdige Deu­tungen. Wer ihn befragt, löst bei ihm zwangsläufig Wahr­nehmungen, Empfindungen, Ge­fühle, Gedanken aus, die er andernfalls nicht hätte. Jede Diagnostik erzeugt und betritt ein komplexes Faktorenfeld, in dem sich Menschen anders benehmen, als sie es außerhalb tun würden. Ist Psychodiagnostik zuverlässig („reliabel“)? Das heißt, kommen verschiedene Diagnostiker hinsichtlich desselben Patien­ten zur selben Meinung? Keine zwei Untersucher beeinflussen einen Menschen in exakt derselben Weise; selbst wenn sie perfekte Klone wären und ihm gegenüber in absolut identischer Weise aufträten – mit den gleichen Äußerungen, dem gleichen nonverbalen Verhal­ten, derselben äußeren Er­scheinung -, würde die veränderte Situation einen mentalen Unterschied machen. Standar­disierte Tests, die für alle Un­tersuchten dieselben sind, nach denselben Regeln ausgewertet und interpretiert werden, beseitigen nicht eine grundsätzliche Schwierigkeit: Sie bleiben Mo­mentaufnahmen, von denen un­klar ist, ob der festgestellte Zustand nur kurzzeitig oder fortwährend besteht, denn die menschliche Psyche befindet sich in unentwegtem Fluss. Weil sie kein hermetisch abgeschottetes, gänzlich autonomes Eigenleben führt, sondern von ihrer Umgebung und ihrem sozialen Umfeld beeinflusst wird, bleibt darüber hinaus offen, inwieweit sich die ge­messenen Merkmale aus ihren inneren Besonderheiten ergeben oder aus den jeweiligen Le­bensumständen und momentanen Einflüssen; ob eine festgestellte Merkwürdigkeit einer individuellen Pathologie entspringt – oder durch die Um­welt konditioniert wird. Wie die englische Psychothera­peu­tin Lucy Johnstone, Mitautorin einer kritischen Stellungnahme des Britischen Psychologenver­bands zum DSM, nachdrück­lich betont, „liegen nun überwältigende Hinweise dafür vor, dass Menschen infolge einer komplexen Mischung aus sozialen und psychischen Um­ständen zusammenbrechen: Trauer und Verlust, Armut und Diskriminierung, Trauma und Missbrauch“30 – und eben nicht allein aufgrund inwendiger Prozesse, die unabhängig davon ablaufen, was um sie herum geschieht. Immerhin ermögliche DSM und ICD „exaktes“ Diagnosti­zieren, heißt es: „Durch aufmerksames Zuhören, Wahrneh­men und zielgerichtetes Fra­gen“ könne genauestens festgelegt werden, welcher Störungs­typ vorliegt. (31) Eine solche „Exaktheit“ stelle ich hiermit beim NBGN-Syndrom sicher („Null-Bock-auf-gar-nix“), mittels folgender zehnteiliger Liste von Symptomen, deren gemeinsames Vorliegen ver­mut­­lich statistisch signifikant ist und eine erhebliche Präva­lenz aufweisen dürfte: Inner­halb der zurückliegenden 14 Tage sind Betroffene mindestens einmal mindestens eine halbe Stunde zu spät zu einer Verabredung erschienen; waren mehr als zweimal um die Mit­tagszeit noch unrasiert; boten in öffentlichen Verkehrsmitteln Senioren nicht den eigenen Sitz­platz an; spuckten einen Kaugummi auf den Gehweg; beseitigten Fuß- und Achsel­schweiß nicht binnen 48 Stun­den körperhygienisch; popelten pro Tag durchschnittlich dreimal oder öfter genussvoll in der Nase; wechselten im An­amnesezeitraum höchstens einmal die Unterwäsche; empfanden am Arbeitsplatz mehr als zweimal pro Tag Unbehagen, Lustlosigkeit und Müdigkeit; übernahmen nur einmalig, be­gleitet von ausgeprägten Un­wil­ligkeitsemotionen, den Ab­wasch, das Staubsaugen oder das Entleeren voller Mülleimer; nahmen an mindestens sieben der vergangenen 14 Tage zwischen Frühstück und Abendes­sen stundenlang be­vor­zugt ei­ne horizontale Kör­per­position auf weicher Unter­lage ein. Liegen mindestens drei dieser Merkmale vor, ist von NBGN auszugehen, bei sieben und mehr von einer „schweren“ Störung. Jedes wä­re durch „aufmerksames Zu­hören, Wahrnehmen und zielgerichtetes Fragen“ zu verifizieren. Brächte ich dieses „Syn­drom“ in einem der beiden Diagnostikmanuale unter, so wäre sichergestellt, dass Fach­leute es fortan genauso definieren und attribuieren wie ich. Einigermaßen „reliabel“ haben RSM und ICD die Psychiatrie lediglich in einem Sinne ge­macht: Ihnen gemäß benutzen Kliniker inzwischen weltweit dieselben Begriffe in weitgehend derselben Weise. Aber sind diese Begriffe mehr als bloße Konstrukte, verkappte Er­findungen, willkürliche Un­terstellungen? Entsprechen ih­nen reale Phänomene? Dazu müsste die dritte Frage bejaht werden können: Ist Psychodiagnostik valide („gültig“)? Das heißt, misst sie tatsächlich, was sie messen soll? Stehen Bezeichnungen „psychischer Krankheiten“, die Menschen aufgrund solcher Mes­sungen zugeschrieben werden, für reale Entitäten? Vali­dität ist ein Maß dafür, ob und inwieweit „da draußen in der Wirklichkeit“ dem diagnostischen Urteil etwas Handfestes, unabhängig Feststellbares entspricht. Ist das so? Auch in der somatischen Medi­zin sind pathologische Zustän­de selten direkt beobachtbar. Der Arzt erschließt sie aus bestimmten Merkmalen, deren Vorliegen sie eindeutig anzeigen. Dasjenige Merkmal, das sich am besten dafür eignet, eine Erkrankung nachzuweisen oder auszuschließen, wird als „Goldstandard“ bezeichnet. Die Medizin verfügt über viele derartige Entscheidungshilfen: Bei Darmerkrankungen sind es koloskopische Bilder, bei Asth­ma bronchiale spirometrische Prüfungen, bei Osteoporose be­stimmte Biomarker und Kno­chen­dichtemessungen, bei Dia­betes der orale Glukose-Tole­ranztest, bei arterieller Hyper­tonie Blutdruckmessungen, bei Skoliose und anderen Skelett­erkrankungen ein jeweils typisches Röntgenbild. An solchen objektiv messbaren Parametern mangelt es der Psychiatrie ganz und gar. Ihre Diagnosen basieren auf Be­richten von Patienten, auf Be­obachtungen und Deutungen von Dritten; selbst wenn diese vollständig übereinstimmen würden – was sie selten tun -, kumulieren dabei womöglich bloß einmütige Vorurteile. Subjektive Einschätzungen wer­den nicht dadurch wahrer, dass sie sich stattlich häufen. Zumindest, so wenden Psy­chia­ter ein, sei ihre Dia­gnostik „inhaltsvalide“: Sie mes­se die relevanten Merkmale des jeweiligen „Krankheits­bilds“. Aber stellt dieses „Bild“ etwas Reales dar oder ein Fan­tasieprodukt? „Krankheitsbil­der“ sind Be­schrei­bungen, auf die sich Fach­gremien geeinigt haben – keineswegs wirklichkeitsgetreue Abbilder, denn ihre mutmaßliche Wirklichkeit, die Psy­che, entzieht sich der unmittelbaren Beobachtung. Als „valide“, so heißt es ferner, dürfe ein Diagnoseverfahren gelten, wenn seine einzelnen Maße hochgradig zusammenhängen. Wenn eine bestimmte „psychische Krankheit“ sehr oft die Merkmale x, y und z aufweist, dann erkennt ein gu­ter Test sie auch häufig als gemeinsam vorliegend; und wenn ein Merkmal theoretisch zwei verwandte „Krankheits­bilder“ voneinander abgrenzt, dann spiegelt ein guter Test dies auch im Befund wieder. Doch hier wird multiple Augen­wischerei betrieben (32): - Menschen entsprechen so gut wie niemals idealtypisch dem vorgefertigten „Krankheits­bild“ auch nur annähernd. - Häufig trifft kein „Krank­heitsbild“ vollständig zu, mehrere hingegen bloß zum Teil. Viele vermeintliche „Patienten“ weisen Symptome diverser „Stö­rungen“ auf, gehören aber keinem eindeutig zu. (33) Solche „Komorbidität“ steht aber im Widerspruch zu der grundlegenden Behauptung, psychische „Syndrome“ seien diskrete „Krankheitsbilder“. - Manchen „Patienten“ muss lehrbuchkonform ein und dieselben Diagnose gestellt werden, obwohl sie keinerlei „Sym­pto­me“ gemeinsam haben. Die DSM-Kriterien für eine „Major Depressive Order“ etwa erfüllt ein Anton, der niedergeschlagen ist, zuwenig und unruhig schläft, stark abnimmt, sich schlecht konzentrieren kann und ständig aufgewühlt („agitiert“) ist, aber auch eine Adel­heid, die unentwegt schläft, stark zunimmt, sich nicht mehr freuen und Lust empfinden kann („Anhedonie“), sich wertlos und schuldig fühlt, an Selbstmord denkt. (34) Gänzlich schleierhaft ist, wieso die beiden ein und dasselbe „Krank­heitsbild“ teilen sollten. - Weil häufig nur ein mehr oder minder kleiner Teil der Dia­gnosekriterien erfüllt sein muss, wird ein Krankheitsbild häufig Personengruppen zugeschrieben, die wenig gemeinsam haben. Beispielsweise ge­nü­gen DSM-gemäß drei von 15 Kriterien, um einem Kind eine „Conduct Disorder“ zu bescheinigen; nach Adam Riese ergeben sich daraus 455 unterschiedliche Kombinationen von Merkmalen. Das Einheitsetikett kaschiert eine gewaltige Hete­rogenität. - Häufig kranken die Diagno­sekriterien an Mehrdeutigkeit. Dem DSM zufolge soll von einer „Generalisierten Angst­stö­rung“ betroffen sein, wen exzessive Ängste plagen, die er schwer kontrollieren kann. Was heißt da „exzessiv“, was genau ist mit „schwer“ gemeint? - Die Schwellenwerte der Diagnosetests sind willkürlich, häufig stufen sie fälschlich po­si­tiv ein. Ein Großteil von ihnen erfordert nicht, dass sämtliche Kriterien eines „Krankheits­bilds“ erfüllt sind, sondern bloß ein paar; wieviele, wurde willkürlich festgelegt. Und je weniger Merkmale erhoben wer­den, desto wahrscheinli­cher werden Menschen seinetwegen irrtümlich für „krank“ erklärt. - Ebenso willkürlich sind die diagnostischen Trennlinien zwischen „Normalem“ und „Krank­haftem“. Mit jeder neu­en Auflage von DSM und ICD hat sich der Radius des „Patho­logischen“ stetig erweitert, Mil­lionen ahnungsloser Zeitgenos­sen wurden dabei buchstäblich über Nacht zu „Patienten“ er­klärt - nicht etwa, weil auf psy­chonautischer Tauchstation in den Untiefen der menschlichen Seele neue „Störungen“ zum Vor­schein gekommen sind, sondern weil in Fachgremien be­schlossen wurde, eine be­stimmte Kombination von Ei­genschaften von nun an „Stö­rung“ zu nennen, womit „Ge­stör­te“ neuer Art zu Zielobjek­ten für Therapien und Medika­mente werden. Die Abschaf­fung des Nor­malen wird zum Mega­trend. So verwandelte 2013 das DMS-5 gewöhnliche Trauer, falls sie nicht zügig wieder vergeht, in eine Krankheit: Wem der Tod eines geliebten Menschen den Appetit verschlägt, wer wenig Antrieb verspürt, unruhig schläft und sich mit gedrückter Stimmung durch den Alltag quält, dem muss seither schon nach zwei Wochen eine therapiebedürftige „Depression“ dia­gnostiziert werden. Aus dem leidenschaftlichen Sam­meln von Dingen, die Anderen weder besonders knapp noch besonders kostbar vorkommen, ist die „obsessiv-kompulsive“ (zwanghaft besessene) Hoar­ding-Störung (vom englischen Wort für „Horten“) geworden; aus häufigem Berühren, Quet­schen und Kratzen bestimmter Hautstellen eine „abnorme Im­pulskontrollstörung“ namens „Skin-Picking Disorder“. Gele­gent­li­cher Heißhunger wurde zur „Binge Eating Disorder“ (von engl. binge: Gelage), schlech­te Laune zur „Dysthy­mie“ - mit angeblich drei Mil­lio­nen betroffener „Patienten“ -, ausgeprägte Schüchternheit zur „Sozialphobie“, Eigenbrö­te­lei zur „schizoiden Persön­lichkeit“. Wer ungewöhnlich lan­ge mit etwas Unerfreuli­chem hadert, der gehört zu je­nen zwei Prozent der Bevölke­rung, die eine „posttraumatische Verbitterungsstörung“ (PTED) ereilt haben soll. (35) Und allen Ernstes werden in Fach­kreisen diskutiert: das „Dorian-Gray-Syndrom“ bei Menschen, die mehr als Andere auf ihr Kör­pergewicht und Erschei­nungs­bild achten (36); sowie das „Käfig-Tiger-Syndrom“, weitverbreitet unter Männern, die mürrisch, unausgeglichen und leicht ausfallend sind, weil sie sich wie ein Tiger im Käfig eingesperrt fühlen (37). Unentwegte Lügner sind bedauernswerte, therapiebedürftige Opfer einer „antisozialen Persönlichkeitsstörung“ namens Pseudologia phantastica. Die „Paradies-Depression“ be­fällt vornehmlich vornehmlich Pen­sionäre, die ihren Le­bens­abend an traumhaften Fe­ri­en­orten in südlichen Gefilden ver­bringen, wo sie inneren Taten­drang verlieren, abstumpfen, sich langweilen und leer fühlen – Nichtstun wird für sie zur Qual38. Die ersten chronisch De­pressiven in der Ge­schich­te der Menschheit dürften demnach Adam und Eva gewesen sein. Man kommt schwerlich umhin, diesem karnevalesken Treiben eine hochgradige IAS zu diagnostizieren (von lat. inutilis: überflüssig; abundantia: Überschuss, Überangebot), die fraglos Eingang ins näherrückende DSM-6 finden sollte: eine obsessiv-kompulsive Störung mit einer Prä­valenz von 99,9 Pro­zent unter Psychiatern, die entweder in DSM-Gremien be­rufen werden oder noch keine neue Krank­heit erfunden haben oder beides – gekennzeichnet durch einen inneren Zwang, Überflüssiges im Übermaß zu produzieren. Welche „Erkrankung“ hat mo­mentan die besten DSM-Auf­nahmechancen? Meinen persönlichen Favoriten würde ich „RDS“ taufen („Resilienzdefi­zit­syndrom“). Reißenden Ab­satz finden neuerdings nämlich Lebenshelfer, die sich der sogenannten „Resilienz“ widmen: einer inneren Widerstands­kraft, die Rückschläge weg­stecken, Krisen durchstehen, sich Zumutungen widersetzen, Anfeindungen und Kritik un­beirrt abprallen, den Blick zu­versichtlich nach vorne richten lässt – die Strategie des Steh­aufmännchens.39 Ihrer weitgehenden Abwesenheit endlich Krankheitsstatus zuzuweisen, brächte multiplen Nutzwert: Betroffenen fiele es dann leichter, hypochondrisch eine Cha­rakterschwäche zu bejammern und faule Ausreden zu bemänteln. Beglückt würden alle El­tern, die auf Karriere- und Selbstverwirklichungstrips ihren Nachwuchs lieber der Krabbelgruppe, der Tagesmut­ti, dem Fernseher, dem Internet und der Playstation überlassen, statt ihn aufmerksam, konsequent und beharrlich, jedenfalls zeitaufwendig, mit dem nötigen Rüstzeug auszustatten, das Heranwachsende brauchen, um innerlich gefestigt durchs Leben zu gehen. Un­terbeschäftigten Psychoprofis erschlösse sich ein weiteres Be­tätigungsfeld, Neuropsycholo­gen ein neues Fahndungsziel, Arneimittelherstellern eine zu­sätzliche Zielgruppe – und ei­nem eitlen „Entdecker“ würde ge­schmeichelt, denn zu den ul­ti­mativen Daseinszwecken ei­nes forschenden Psychiaters ge­­hört es, auf eine neue Krank­heit zu stoßen, mit der sein Name verbunden ist. Da gerät Medizin zur Real­satire, und als solche wird sie von den raren Psychiatern, die sich die Fähigkeit zur Selbst­ironie bewahrt haben, mitunter zwerchfellerschütternd auf die Schippe genommen. Der unbedarfte Nichtexperte, der bei ei­ner psychischen Störung zu­mindest einen gewissen Lei­densdruck voraussetzt, ahnt of­fenkundig nichts von der „ge­ne­ralisierten Heiterkeits­stö­rung“ (GHKS), von der etliche Mitglieder des „Auswege“-Campteams längst infiziert sind: Bei Anlässen, die für ge­wöhnlich „depressive Verstim­mung, Verzweiflung, große Angst, Selbstanklagen oder ge­gen Andere gerichtete Aggres­sionen“ auslösen, bleiben sie sonderbar ausgeglichen, gelassen und heiter. (40) Nicht einzudämmen ist bei unserem Nach­wuchs bislang das „Kindheits-Unselbständigkeits-Sprach­reduktions-Syndrom“ (KUSS), für das typisch sind: ein hartnäckiges Beharren auf der Durchsetzung eigener Wün­sche; ein deutlich retardiertes Vermögen, sich in die Sicht­weise Anderer hineinzudenken; sowie die Dominanz dysgrammatischer Äußerungen („Man muss nur die gratuliren, die man mag, und die Ferwan­ten“; „Böhse Onkelz gingten weg“). (41) Eine erschütternde Prävalenz von hundert Prozent innerhalb der Referenzpopula­tion weist das „Kindheits­syn­drom“ auf, bei dem Klein­wuchs, Unreife, Labilität und Wissenslücken mit einer Ess­störung einhergehen, die zu Ver­meidungsreaktionen gegenüber Gemüse und Salat führt. (42) Bierernst folgen Krankheitser­fin­der immer demselben simplen Strickmuster: Schritt 1: Man nehme ein beliebiges Merkmal, das der Bevölke­rungsmehrheit merkwürdig vorkommt: irgendeine Macke, ein Unwohlsein, ein Befindlich­keitstief. Schritt 2: Man lasse sich weitere Merkmale einfallen, die dazu intuitiv passen. Schritt 3: Man nenne deren gemeinsames Auftreten „Syn­drom“ und kreiere eine eindruckschindende Bezeichnung dafür, im Rückgriff auf Latein oder Altgriechisch. Schritt 4: Man mache plausibel, dass dieses „Syndrom“ weit verbreitet ist, die Lebensqualität von Betroffenen beeinträchtigt und die soziale Umwelt belastet. Schritt 5: Man schildere analoge Defizite in der Tierwelt, zitiere irgendwelche antiken oder mit­tel­alterlichen Heilkundigen, die historische Präzedenzfälle do­kumentierten, spekuliere über möglicherweise mitbeteiligte Hirnregionen und Gense­quen­zen. Schritt 6: Man verbreite Zuversicht, dass das Problem psychopharmakologisch in den Griff zu kriegen ist. Schritt 7: Man bombardiere Fach­gremien und Medienre­dak­­tio­nen so lange mit Ein­ga­ben, bis bei ihnen der Groschen fällt. Spaß beiseite: Wie hanebüchen persönliche Vorurteile und subjektive Wertungen dabei als pseudomedizinische „Fakten“ verschleiert werden, zeigt sich am Fall von Homo-, Bi- und Transsexualität. Im ICD-8 bzw. 10 tauchen sie noch als „psychische Krankheiten“ auf (43), was Frank­reichs Regierung veranlasste, diese Einstufung per Dekret als stigmatisierend und diskriminierend zu verbieten. Dass sich die Grenze zwischen „gesund“ und „krank“ immer weiter an normales Verhalten heranschiebt und immer mehr davon einschließt (44), erfreut unterbeschäftigte Therapeuten über alle Maßen, hat mit seriöser Wissenschaft aber kaum mehr zu tun als Astrologie mit Astronomie. Eine „imperialistische Ausweitung des Reiches der Psychiatrie um irgendwelche mehr oder weniger banale Befindlichkeitsstörungen“ pran­gert der Psychiater und Theologe Manfred Lütz an. (45) „Mir fehlt da eine Beschrän­kung“, beklagt Andreas Heinz, Direktor der Berliner Charité. Gewöhnliche „Leidenszustän­de werden pathologisiert“. Es sei „falsch, alle möglichen Be­findlichkeitsstörungen mit ei­nem Krankheitsbegriff zu belegen.“ (46) Selbst dem Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN), Wolfgang Maier, ist bei diesem Trend mittlerweile mulmig zu­mute; ihn bestürzen „Kollegen, die sich nicht scheuen, einen großen Anteil von Gesunden zu Kranken zu machen.“ (47) Immer neue Diagnosen einzuführen und „die Grenzen psychischer Störungen auszuweiten“, mahnte kürzlich ihr Präsi­dent Wolfgang Maier, „kann zu einer Medikalisierung von Pro­blemen unserer Gesellschaft und aller psychischer Leidens­zu­stände führen.“ (48) Selbst der US-Psychiater Allen Frances von der Duke-Universität im US-Bundesstaat North Caroli­na, unter dessen Kommissions­vorsitz die Vorgängerversion DSM-4 komponiert worden war, reiht sich inzwischen in das Lager der Kritiker ein: Schierer „Zufall, allmähliche Ver­wurzelung, Präzedenz und Trägheit“ bestimme, ob eine psy­chische Störung Eingang ins DSM findet; kein Wunder, dass dabei „ein ziemliches Sammelsurium ohne innere Logik“ entstehe, in dem „die Störungen sich teilweise gegenseitig ausschließen“. Die stetige Erweiterung der psychiatrischen Grenzen, so warnt er, befeure eine Inflation an psychiatrischen Diagnosen, die zu einer Übertherapie der „eingebildeten Kranken“ führe. Als hei­ßester Nachfolgekandidat für Modekrankheiten, sobald ADHS, „Asperger-Syndrom“ und „bipolare Störung“ out sind, erscheint ihm DMDD (Disruptive Mood Dysregulation Disorder); seit diese „schwere Stimmungsregulationsstörung“ Aufnahme ins DSM-5 fand, werden Kinder zu „Patienten“, wenn sie gelegentlich zu Wut­ausbrüchen neigen, dann aber auch wieder traurig und zu­rück­gezogen wirken. (49) - DSM und ICD stufen Men­schen kategorial ein: Entweder liegt die „Krankheit“ bei ihnen vor, oder sie tut es nicht. Damit wird Psychiatrie zu hochspekulativer Ontologie: Es werden dis­krete Entitäten mit natürli­chen Grenzen unterstellt. Aus­nahmslos alle Merkmale der menschlichen Psyche sind aber dimensional ausgeprägt, mehr oder minder stark. Unverbindlicher, windiger, schwammiger geht es kaum. Jeder Hausarzt, der mit seinen Diagnosen derart im Ungefäh­ren herumtappt und über den Daumen peilt, könnte sich vor Patientenklagen kaum noch retten, seine Zulassung wäre er zügig los. Vielen Psychiatern ist diese missliche Lage vollauf bewusst und hochpeinlich; auch sie sehen ihr Fach in einer tiefen Legitimitätskrise. Im südlichsten Zipfel des US-Bundesstaats Maryland, keine elf Kilometer nordwestlich von Washington, liegt eine der wohl­habendsten und gebildetsten Gemeinden des Landes: die 60’000-Einwohner-Stadt Bethesda, ein bevorzugter Wohn­vorort der Bundeshaupt­stadt, die man auf der Interstate 495 staufrei in zwanzig Auto­mi­nuten erreicht. Hier hat das weltweit größte psychiatrische Forschungszentrum seinen Sitz: das National Institute of Mental Health (NIMH), vom US-Gesundheitsministerium, dem es direkt untersteht, mit einem Jahresetat von über anderthalb Milliarden Dollar ausgestattet. Sein Direktor, der Psychiater und Neurowissen­schaftler Thomas Insel, zündete im Jahre 2013 eine Bombe, de­ren Explosionswellen die Fach­welt bis heute erschüttern: Das DSM, führendes Diagnose­handbuch der Psychiatrie, kran­ke an einem „Mangel an Vali­dität“ – es diagnostiziere nicht, was es zu diagnostizieren vorgibt, nämlich „psychische Krank­­heiten“. Denn „anders als bei un­­seren Definitionen der Ischä­mi­schen Herzkrankheit, des Lym­phoms oder von Aids“, so stellte Insel klar, „beruhen die DSM-Diagnosen auf dem Kon­sens über Muster klinischer Sym­ptome, nicht auf irgend­wel­chen objektiven Labor-Da­ten. In der übrigen Medizin ent­spräche dies dem Kreieren diagnostischer Systeme auf Basis der Natur von Brustschmerzen oder der Qualität des Fiebers. In der Tat, symptom-basierte Dia­­gnosen, die einst in anderen Gebieten der Medizin üblich wa­­ren, wurden im letzten halben Jahrhundert weitgehend er­setzt, weil wir verstanden ha­ben, dass Symptome selten die beste Wahl der Behandlung an­zeigen. Patienten mit psychischen Störungen haben Besse­res verdient.“ (50) Kurz darauf ap­pellierte Insel in einem Inter­view an seine Fachkollegen: „Wir müssen damit aufhören, Be­griffe wie Depression und Schizophrenie zu verwenden, weil sie uns im Weg stehen.“ Im Einklang damit plädierte die altehrwürdige, 1901 gegründete British Psychological Society (BPS), die über 50'000 Psycho­logen vertritt, kürzlich dafür, sich vom DSM und dem psy­chia­trischen Teil der ICD schleunigst zu verabschieden. In einem Grundsatzpapier (51) vom Mai 2013 plädiert die BPS-“Abteilung für Klinische Psy­chologie” nachdrücklich dafür, endlich “öffentlich klarzustellen, dass die im DSM und ICD um­rissenen psychiatrischen Dia­­gnosesysteme begrifflich und empirisch signifikant begrenzt sind”, und benannte ein Dutzend Problemfelder, auf denen diese grundsätzlichen Schwächen besonders krass zu­tage treten. Kurzum: Die psy­chiatrische Diagnostik ist nicht valide. (52) Umso sehnsüchtiger hoffen Psy­chiater auf Erkenntnisfort­schritte in „handfesten“ naturwissenschaftlichen Disziplinen, die ihnen die schmerzlichst vermissten „Goldstandards“ endlich an die Hand geben könnten: unabhängig feststellbare biologische Sachverhalte, die den mutmaßlichen „psychischen Erkrankungen“ zugrunde liegen und für deren Sym­ptome und jeweiligen „Syndro­me“ kausal verantwortlich sind – typische Sachverhalte, die eine bestimmte „Erkrankung“ eindeutig von anderen unterscheiden. „Das Innere eines Men­schen offenbart sich in seinem Äußeren“, versicherte Goethe; doch leider tut es das kaum je in diagnostisch verwertbarer Weise. Kör­persäfte, Schädelformen, Ge­sten und Gesichtsausdrücke zieht dafür kein Psychiater mehr ernsthaft in Erwägung; Anwendungen von Humoral­me­dizin, Phreno­logie oder Psy­chophysiogno­mik, um mentale Störungen zu identifizieren, belächeln sie längst als historische Kuriositä­ten. In den vergangenen Jahr­zehnten richteten sich ihre Hoff­nungen vielmehr vor allem auf zwei For­schungs­gebiete: Psychogenetik und Psychoneurologie. Doch beide haben ihre Erwartungen enttäuscht: - Sind psychische Krankheiten erblich, lassen sie sich aus unserem Genom ablesen? Bislang konnte für keine einzige dieser „Störungen“ eine genetische Grundlage einwandfrei nach­ge­wiesen werden, geschweige denn eine eineindeutige Kor­relation. (53) Klar scheint lediglich, dass bestimmte DNA-Ab­schnitte an manchen „psychischen Störungen“ irgendwie mehr oder minder mitbeteiligt sind, doch niemals determinierend. - Werden „psychische Krank­heiten“ vom Gehirn erzeugt? Dass alle mentalen Vorgänge, „normale“ wie absonderliche, mit elektrochemischen Prozes­sen im Geflecht unserer Hirn­nerven einhergehen, bestreitet ernstlich niemand mehr. Aber eignen sie sich dazu, bestimmte „psychische Störungen“ zuverlässig zu identifizieren? Psy­chiatrieforscher der Universitä­ten Basel und London zogen kürzlich ein ernüchterndes Fa­zit: „Mehr als drei Jahrzehnte nach Johnstones erster computergestützter axialer Tomogra­phie der Gehirne von Personen mit Schizophrenie konnten kei­ne konsistenten anatomischen oder funktionellen Verände­run­gen eindeutig mit irgendeiner psychischen Krankheit assoziiert werden, keine neurobiologischen Veränderungen konnten durch psychiatrisches ‚Neuroimaging’ endgültig be­stä­tigt werden.“ (54) Die spärli­chen Befunde sind hochgradig widersprüchlich. (55) Ähnlich er­nüch­ternd bilanziert den For­schungsstand der dänische Me­di­ziner Peter Goetzsche, Mitbe­gründer der angesehenen Coch­rane Foundation, eine der weltweit größten gemeinnützigen Einrichtungen zur Qualitätssi­cherung in der Medizin: Bisher, so Goetzsche, sei es noch für kei­ne einzige „psychische Krank­heit“ gelungen, sie auf ir­gendeinen biochemischen De­fekt zurückzuführen; es existiere kein einziger biologischer Test, dem wir entnehmen könnten, ob jemand eine solche „Krankheit“ aufweist oder nicht. (56) Aus alledem folgt: Die psychiatrische Diagnostik, handlungsleitend für Psychotherapien und Psychopharma-Verord­nun­gen aller Art, steht definitiv nicht auf einem soliden naturwissenschaftlichen Fundament – auf keinen nachprüfbaren Tat­sachen; sie ergibt sich ausschließlich aus der subjektiven Einschätzung des jeweiligen Dia­gnostikers. „Psychische Krankheit“ ist ein Mythos – und Psychiatrie eine Pseudo-Wissenschaft, die durch akademisches Imponiergehabe wettzumachen versucht, was ihr an empirischer Fundierung ab­geht. Soweit Medizin wissenschaftlich betrieben werden soll, hat sie darin nichts zu su­chen. Dass allein die Komplexi­tät eines Lehrgebäudes, das Verwenden eines imposanten Fachjargons, das Vorhanden­sein von Ausbildungsein­rich­tungen, Berufsverbänden und eigenen Fachjournalen, der Ein­satz komplizierter Verfahren mit reichlich Mathematik - wie bei der spitzfindigen „Validie­rung“ von Psychotests - nicht im entferntesten für Wissen­schaftlichkeit bürgen, führen uns Astrologie und Grapholo­gie, Numerologie und Chart­tech­nik vor Augen. Die hochtourige Etikettenma­nu­faktur namens Psychiatrie beglückt Arzneimittelhersteller dermaßen, dass Verschwö­rungs­theoretiker leichtes Spiel ha­ben. Denn mit jeder neu „ent­deckten“ Störung, mit je­der weiteren Ausdehnung der Anwendungskriterien von Dia­gnosen wird der Kreis derer vergrößert, die psychopharmakologisch versorgt gehören, weil sie krank sind. Wie glaubhaft ist daher ein Pharma-Ma­na­ger, der kürzlich in einer psychiatrischen Fachzeitschrift er­klärte: Seine Branche nehme von der Psychopharmaka­for­schung zunehmend Abstand, weil Diagnose-Manuale wie das DSM mangels Validität keinerlei Anhaltspunkte dafür liefern, zulassungsfähige Arznei­mittel mit eigenständigem, auf bestimmte psychische Krank­heiten zugeschnittenen Wirk­me­chanismus zu entwickeln? (57) Das Erscheinungsdatum der Zeitschrift fiel vermutlich auf ei­­­nen 1. April: Wozu Hochprä­zisionswaffen entwickeln, so­lan­­ge Schrotflinten reißenden Absatz finden? Kein einziges Psy­cho­parmakon ist „indikati­ons­spezifisch“, wie etwa In­su­lin bei Diabetes; sie alle wirken bei den unterschiedlichsten Krankheitsbildern stimmungsaufhellend und antriebssteigernd (Antidepressiva), angst- und spannungslösend (Tran­quil­lanzien), schlaffördernd (Hy­­pnotika), dämpfend auf Wahrnehmungs-, Vorstellungs- und Denkprozesse (Neurolep­tika), zumeist übrigens kaum bis gar nicht effektiver als Pla­cebos. (58) Trotzdem werden sie massenhaft verordnet, weil sie dem Behandlungsfaktor Zu­wen­dung zweierlei voraushaben: minimalsten Zeit- und Per­sonalaufwand sowie die weitaus leichtere Quantifizierbar­keit in kontrollierten Tests. Mit Pillen gegen alles, einfach und schnell, lassen sich therapeutische Defizite bequem kompensieren. Ärztliche Verschrei­bungs­willigkeit sowie den Nach­frage­druck von Patientenseite fördern aggressive Werbestra­te­gien: In medizinischen Fach­zeit­schriften werden Inserate mit vollmundigen, auf über­wie­gend fragwürdige Studien ge­stützten Wirkungsverspre­chen geschaltet, Ärzten geldwerte Vorteile angeboten, Jour­nalisten mit professionell aufbereiteten „Sachinformatio­nen“ versorgt, renommierte Wis­sen­schaftler (opinion leaders) auf die Gehaltsliste gesetzt, „Kompe­tenz­netzwerke“ (Anti-Stigma- und „Aufklärung“skampagnen) als Werbeträger aufgebaut, Internet-PR als private Selbsterfahrungsforen getarnt. Der Aufwand rechnet sich: Gleich hinter Krebsmedika­men­­ten bilden Psychopharma­ka, geschluckt von 3,3 Millio­nen Bürgern, in Deutschland mittlerweile die verordnungsstärkste Arzneimittelgruppe; knapp zwei Milliarden Euro pro Jahr werden damit hierzulande umgesetzt. (59) „Diese Mit­tel werden mit ungeheurer Macht beworben“, konstatiert der Berliner Arzt und Pharma­ko­loge Bruno Müller-Oerling­hausen, emeritierter Professor an der Freien Universität Berlin und selbst langjähriges Mit­glied der Arz­neimittelkommis­si­on der deutschen Ärzteschaft. „Die Ärzte glauben das und verschreiben die Mittel.“ (60) Das Propaganda­prinzip, dem sie da­­bei auf den Leim gehen, bringt ein hochrangiger Öffentlichkeitsarbeiter in Diensten von US-Pharma­kon­­zernen auf den Punkt: „Problem ist gleich psychische Störung ist gleich Diagnose ist gleich Medika­ment“, erklärte er. „Die PR-Aufgabe besteht darin, das zu verschleiern und das Ganze in einen wissenschaftlich klingenden Kontext zu stellen. Dazu streut man al­les Mögliche über ‚die For­schung’ mit ein – und schon hat man eine Industrie geschaffen.“ (61) Zu den grundsätzlichen Pro­blemen jeglicher Psychodia­gnostik gesellen sich jene, die sich aus der hinlänglich valide gesicherten Hypothese ergeben, dass auch Psychiaterhirne menschlicher Natur sind. Als solche sind sie, wie alle, anfällig für vielerlei kognitive und af­fek­tive Verzerrungen, Denk­feh­ler und Kurzschlüsse, gegen die niemand gefeit ist, selbst wenn er sie kennt und durchschaut. (Siehe hierzu S. 133 ff.: „Auch nur Menschen“.) Was bringt einen Menschen überhaupt dazu, eine psychia­tri­sche Diagnose zu akzeptieren? - Unkenntnis. Wer weiß schon von den heftigen Grundsatz­debatten über die Grenzen der Psychodiagnostik, die in Fach­kreisen hinter den Kulissen toben? Wer kennt und versteht die Argumente der Kritiker vollauf? - Täuschung. Wer vorgibt, etwas leisten zu können, von dem er wissen muss, dass er dazu gar nicht imstande ist – und das ist jedem psychiatrisch Tätigen klar, der während seines Studi­ums nicht Dauerschlaf gehalten hat -, und dafür üppige Hono­ra­re nimmt, führt Hilfesu­chende an der Nase herum. Ein Thermometer, das keine Tem­peraturen anzeigen kann, bringen wir zum Händler zurück; ein Rückgaberecht für psychodiagnostische Dienstleistungen hingegen ist leider nicht vorgesehen. - Kulturelle Einflüsse. Vom ausgehenden 19. Jahrhundert an griff in westlichen Industriege­sellschaften ein Trend zur Me­di­ka­li­sierung um sich, der nach und nach immer größere Berei­che des menschlichen Erlebens und Verhaltens pathologisiert und zu behandlungsbedürftigen Krankheiten erklärt hat. (Neumodische Diagnosen wie Spiel- und Internetsucht, An­pas­sungsstörung, Messie-, Münch­hausen- oder ADHS-Syndrom waren bis vor kurzem unbekannt.) Von Kindesbeinen an sind wir mit der Vorstellung vertraut gemacht worden, dass „psychische Störungen“ existieren und jeden treffen können. - Medieneinflüsse. Die vermeintlichen Krankheitsbilder sind dem „psychisch Kranken“ aus Presse, Funk und Fernse­hen bekannt, unzählige Inter­net­seiten befassen sich damit. - Druck von Mitmenschen. An­ge­hörige, Freunde, Bekannte, Kollegen drängen ihn dazu, weil mit ihm „etwas nicht stimmt“. Steht die Diagnose, nützt sie der sozialen Umge­bung: Die fachmännische Fest­stellung, er sei „krank“, entlastet sie vom Gefühl, für seinen Zustand mitverantwortlich zu sein. - Expertengläubigkeit. Die Dia­gno­se stammt von jemandem, der doch von Berufs wegen und aus Erfahrung wissen muss, was ihm fehlt – geradeso wie ein Kfz-Mechaniker be­stimmt viel besser weiß als der Werkstattkunde, welcher De­fekt bei dessen Auto vorliegt und wie dieser zu beheben ist. - Ärztliches Ansehen. Seit eh und je belegen Ärzte in der Rang­liste des Berufsprestiges unangefochten den Spit­zen­platz, keiner anderen Pro­fession wird stärker vertraut. Das verschafft ihnen Definiti­ons­macht; was immer sie feststellen, bekommt für Hilfesu­chende gewaltiges Gewicht. Auf andere Berufsgruppen, mit denen sie formell zusammenarbeiten – Psychotherapeuten eingeschlossen -, strahlt dieses Renommee aus. - Neutralitätsglaube. Im Psy­chia­ter oder Psychotherapeu­ten wird eine neutrale Instanz gesehen, der eine unabhängige Beurteilung zugetraut wird, frei von vorgefassten Meinun­gen und Absichten – im Gegen­satz zu Personen aus dem eigenen Umfeld. - Erklärungsnot. „Was ist los mit mir?“ Wem ein Phänomen Rät­sel aufgibt, der sucht nach Er­klä­rungen, erst recht, wenn er sich selbst zum Rätsel wird. Und er neigt dazu, solche zu akzeptieren, die ihm einleuchten – ohne dass er sie überprüft und unabhängig davon, ob sie bewiesen sind. Davon geht er gutgläubig aus, weil jemand, in dem er einen Experten sieht, nachdrücklich versichert, sie seien es. - Stress. Psychisch Belastete stehen gewöhnlich unter einem enormen inneren Druck – und der kann ihre Kritikfähigkeit ein­schränken, wenn nicht ausschalten. Dann neigen sie dazu, eine „Diagnose“ hinzunehmen und sich zu eigen zu machen, ohne rational zu hinterfragen, ob sie berechtigt ist. - Ich-Schwäche. Akute Lebens­kri­sen, erst recht langanhaltende Lebensprobleme beeinträchtigen das Selbstwertgefühl. Sie verleiten dazu, sich selber we­nig zuzutrauen, vermitteln ein Gefühl von Hilflosigkeit und Ohnmacht. Umso dankbarer be­gibt man sich in die Obhut von Ärzten und Therapeuten, die Verantwortung für einen übernehmen, und ordnet sich ihrer Autorität unter. - Persönlicher Nutzen. In einer Lebenskrise kann es, subjektiv wie objektiv, von Vorteil sein, in die Rolle des „psychisch Kran­ken“ zu schlüpfen. Wer leidet, gilt als „entschuldigt“; er kann sich unangenehmer Verpflich­tungen entledigen, Zumutun­gen entgehen, lästige Aufgaben liegenlassen. Und er erfährt Zu­wendung: Wem leuchtet nicht ein, dass mit einem „Kranken“ besonders behutsam und rücksichtsvoll umgegangen werden muss, dass ihm Uner­freu­liches und Belastendes, Vorhal­tun­gen und Forderungen möglichst erspart werden sollten? (Harald Wiesendanger) Dieser Betrag enthält Auszüge aus dem Buch von Harald Wiesendanger: Auswege – Kranken anders helfen (2015), Kapitel „Seelenqual – ein Fall für Profis?“, S. 114-177. Dem Kulturphänomen des Psycho-Professionalismus widme ich die zehnbändige Schriftenreihe Psycholügen. Anmerkungen * Pseudonyme 1 Der Bundes-Gesundheitssurvey von 2004 beziffert die Jahresprävalenz psychischer Erkrankungen auf 31 Prozent, die Nachfolgestudie „DEGS“ auf 28 Prozent. Siehe F. Jacobi, F./M. Ko­se/H.-U. Wittchen: „Psychische Stö­run­gen in der deutschen Allgemeinbe­völ­kerung: Inanspruchnahme von Ge­sundheitslei­stun­gen und Ausfalltage“, Bundesge­sund­heitsblatt – Gesundheitsfor­schung – Gesundheitsschutz 47/2004, 47, S. 736-744; H.-U. Wittchen u.a.: „Was sind die häufigsten psychischen Stö­run­gen in Deutschland? Erste Ergeb­nisse der ‚Zu­satzuntersuchung psychische Gesund­heit’ (DEGS-MHS)“, Bun­desgesundheits­blatt 55/2012, S. 988-989. 2 Nach Ärzte Zeitung online, 6. Sep­tember 2011: „Jeder dritte Europäaer hat ernste psychische Probleme“, und den dort erwähnten Studien. Etwas zurückhaltender schließen Wissen­schaft­ler der Technischen Universität Dresden aus einer Metaanalyse von 27 Studien mit mehr als 150'000 Teilneh­mern, erleide mindestens jeder vierte EU-Bürger innerhalb eines Jahres eine „psychische Erkrankung“: European Neuropsycho­phar­ma­co­logy 15/2005, S. 357-376. 3 Nach der Dresdner Studie, s. Anm. 2. 4 William Copeland u.a.: „Cumulative Prevalence of Psychiatric Disorders by Young Adulthood: a prospective Co­hort Analysis from the Great Smoky Moun­tain Study“, Journal of the Ameri­can Aca­de­my of Child and Adolescent Psychiatry 50 (3) 2011, S. 252-261.) 5 Thomas Graf: „20 Jahre Kranken­hausstatistik“, Statistisches Bundesamt, Wirtschaft und Statistik, Februar 2012, S. 112-139, ib. S. 118. 6 Ärzteblatt PP 5, April 2006, S. 169: „Psychische und Verhaltensstörungen: Die Epidemie des 21. Jahrhunderts?“ 7 Nach jameda.de: „Wie verbreitet sind psy­chische Erkrankungen in Deutsch­land?“, 19.6.2014 8 Nach dem Tabellenanhang zum Bericht Psychiatrie in Deutschland – Struk­turen, Leistungen, Perspektiven der Arbeitsgemeinschaft Psychiatrie der Obersten Bundesbehörden an die Gesundheitsministerkonferenz 2012, Stand: 2010/2011; Sabine Herpertz u.a.: Studie zur Versorgungsforschung: Spezifi­sche Rolle der Ärztlichen Psychotherapie. Vorläufiger Abschlussbericht, September 2011; Statistisches Bundesamt: Gesund­heit – Personal, Destatis Fachserie 12, Rei­he 7.3.1, Wiesbaden 2013. 9 Nach einer Antwort der Bundesregie­rung vom 30. April 2012 auf eine Anfrage mehrerer Abgeordneter der Fraktion Die Linke, veröffentlicht als Drucksache 17/9478 des Deutschen Bundestags. 10 Nach IMS Health, Midas, www.imshealth.com. 11 Nach Der Spiegel 20/2011, S. 118. 12 Siehe hierzu die Übersichtsarbeiten von J. S. Berman/N. C. Norton, N. C.: „Does Professional Training Make a Therapist More Effective?“, Psychologi­cal Bulletin 98/1985, S. 401-407, sowie von J. A. Hattie u.a.: „Comparative ef­fec­tiveness of professional and para­pro­fessional helpers“, Psychological Bul­le­tin 95/1984, S. 534-541; T. Gunzel­mann/G. Schiepek/H. Reinecker: „Lai­en­helfer in der psychosozialen Ver­sor­gung: Meta-Analyse zur differentiellen Effektivität von Laien und professionellen Hel­fern“, Gruppendyna­mik 18/1987, S. 361-384; die vielzitierten „Vanderbilt-Stu­dien“ des deutsch-amerikanischen Psychotherapiefor­schers Hans Her­mann Strupp (1921-2006) und seiner Mit­­arbeiter, s. H. Strupp/J. Binder: Psychotherapy in a New Key, A Guide to Time-Limited Dyna­mic Psycho­the­ra­py, New York 1984; ferner die Stu­dien von H. H. Strupp/S. W. Hadley: „Specific Ver­sus Nonspecific Factors in Psycho­the­rapy“, Archives of General Psy­chiatry 36/1979, S. 1125-1136; J. A. Durlak: „Com­parative effectiveness of paraprofessional and professional helpers“, Psychological Bulletin 86/1979, S. 80-92; D. M. Stein/M. J. Lambert: „On the Re­lationship Be­tween Therapist Experien­ce and Psy­chotherapy Outco­me“, Clinical Psycho­logy Review 4/1984, S. 127-142; H. N. Garb: „Clinical judgment, clinical training, and professional experience“, Psy­chological Bulletin 105/ 1989, S. 387–396; B. Smith/L. Sechrest: „The Treat­ment of Aptitude X Treat­ment Inter­actions“, Journal of Consul­ting and Clini­cal Psychology 59/1991, S. 233-244; A. Christensen/N. Jacobson: „Who (or what) can do psychotherapy: The status and challenge of nonprofessional therapies“, Psychological Science 5/1994, S. 8-14; H. K. Wexler: „The success of Therapeutic Communities for substance abusers in American prisons“, Jour­nal of Psychoactive Drugs 27 (3) 1995, S. 57-66. 13 s. Durlak, a.a.O. (Anm. 12) sowie Man­­fred Zielke: „Ausbildungsziel: Trai­ning und Supervision von Laien­therapeuten“, in V. Birtsch/D. Tscheu­lin (Hrsg.): Ausbildung in klinischer Psycho­logie und Psychotherapie, Wein­heim 1980, S. 165-181. 14 Prof. Peter Tyrer u.a., „Clinical and cost-effectiveness of cognitive behaviour therapy for health anxiety in me­di­cal patients: a multicentre randomised controlled trial“, The Lancet 383/ Januar 2014, No. 9913, S. 219–225. 15 R. Tausch/A.-M. Tausch: Gesprächs­psycho­therapie, Göttingen 1979. 16 Diese Zahlen nennt die Inter­netplattform www.selbsthilfe-wirkt.de. 17 M. Peböck/S. Doblhammer/J. Holzner: „Einblicke und Ausblicke – Selbsthilfe als Gegenstand wissen­schaft­licher Forschung“, in O. Meggen­eder (Hrsg.): Selbsthilfe im Wandel der Zeit. Neue Herausforderungen für die Selbst­hilfe im Gesundheitswesen, Frank­furt/Main 2011, S. 227-255; B. Borgetto: Selbsthilfe und Gesundheit. Analysen, For­schungsergebnisse und Perspekti­ven, Bern 2004. 18 S. Schiersmann/H.-U. Thiel: „Bera­tung als Förderung von Selbst­organi­sationsprozessen - eine Theorie jenseits von „Schulen“ und „Forma­ten“, in dies. (Hrsg.): Beratung als För­derung von Selbstorganisationsprozessen, Göttingen 2012, S. 14-78. 23 R. Ningel: Methoden der Klinischen Sozialarbeit, Stuttgart 2011, S. 211. 24 Gesammelte Zitate aus F. Engel/F. Nestmann/U. Sickendiek: „’Beratung’ – ein Selbstverständnis in Bewegung“, in dies. (Hrsg.): Das Handbuch der Bera­tung, Band 1: Disziplinen und Zugänge, Tübingen 2004, S. 37; R. Schwing/A. Fryszer: Systemisches Handwerk – Werk­zeug für die Praxis, Göttingen 2009, S. 12; H. Gutsche: „Abgrenzung und Ge­mein­­sam­keiten von Psychologischer Bera­tung vs. Psychotherapie“, Para­celsus Magazin 1/1999. 21 Jürgen Beushausen: „Sind Laien­helfer, Berater und Therapeuten gleich wirksam?“, online bei www.social­net.de/materialien/205.php, 12. De­zem­ber 2014, 52 S., dort S. 9-11. 22 Entsprechende Untersuchungen fasst die Erziehungswissenschaftlerin Hildegard Müller-Kohlenberg zusammen in ihrem Buch Laienkompetenz im psychosozialen Bereich. Beratung – Erzie­hung – Therapie, Opladen 1996; dies.: „… hilfreich und gut!’ Die Kompetenz der Laien im psychosozialen Bereich“, in: Diözesan-Caritasverband für das Erzbistum Köln (Hrsg.): Laienkompe­tenz. Wirksame Arbeit von Ehrenamtlichen in psychosozialen Handlungsfeldern, Köln 2000, S. 19-35. 23 M. L. Smith/G. V. Glass: „Meta-analysis of Psychotherapy Outcome Stu­dies“, American Psychologist 32/1977, S. 752 – 760, nach methodisch strengeren Kriterien bestätigt durch J. T. Land­man/R. M. Dawes: „Psychotherapy Outcome: Smith and Glass’ Conclusi­ons Stand Up to Scrutinity“, American Psychologist 37/1982: 504-516. 24 So regelt § 5 des Psychotherapeuten­ge­set­zes die Ausbildung zum Psycho­lo­­gischen Psychotherapeuten in Deutschland. 25 Man greife beispielsweise zu so voluminösen Wälzern wie dem zweibändigen Handbuch der Psychotherapie (1994) von Raymond Corsini oder dem dreibändigen Großen Lehrbuch der Psy­chotherapie (2004 ff.) von Hiller, Leibing u.a. 26 Mary Lee Smith/Gene V. Glass: „Meta-Analysis of Psychotherapy Out­come Studies“, American Psychologist Sept. 1977, S. 752-760. 27 Den Forschungsstand hierzu fassen zusammen: B. E. Wampold: The Great Psychotherapy Debate. Models, Methods, and Findings, Mahwah/London 2001; R. Dawes: House of Cards. Psychology and Psychotherapy Built on Myth, New York 1996; L. J. Groß: Ressourcenaktivierung als Wirkfaktor in der stationären und teilstationären psychosomatischen Behand­lung, Dissertation, Nürnberg 2013. 28 Lester Luborsky/Barton Singer/Lisa Luborsky: „Comparative studies of psychotherapies: Is it true that ‚everyone has won and all must have prizes’?“, Archives of General Psychiatry 32 (8) 1975, S. 995-1008; siehe auch J. Siev u.a.: (2009): “The Dodo Bird, Treatment Tech­nique, and Disseminating Empi­rically Supported Treatments”, The Be­ha­vior Therapist 32 (4) 2009. Zur seit Jahr­zehnten andauernden Kontroverse über das „Dodo Bird-Verdikt“ s. Bruce E. Wampold/Gregory W. Mondin u.a.: “A meta-analysis of outcome studies comparing bona fide psychotherapies: Empiricially, ‘all must have prizes’", Psychological Bulletin 122 (3) 1997, S. 203-215; Larry E. Beutler: “The dodo bird is extinct”, Clinical Psychology: Science & Practice 9 (1) 2002, S. 30-34.) Im Gegen­satz dazu scheinen ein paar wenige Studien darauf hinzudeuten, dass kognitive Verhaltenstherapie bei einzelnen Diagnosen tiefenpsychologischen An­sät­zen überlegen sind; diese ver­meint­lichen Unterschiede verschwinden aber fast gänzlich, wenn die theoretische Aus­richtung der Forscher („allegiance“) berücksichtigt wird. - Auch wurde bislang nur ein kleiner Teil der vielen hundert verschiedenen psy­chotherapeu­tischen Verfahren miteinander empirisch verglichen; es gibt aber keinen Grund zum Zweifel daran, dass deren Ergebnisse auf andere Me­tho­den übertragbar sind. 29 K. Grawe/F. Caspar/H. Ambühl: „Die Berner Therapievergleichsstudie: Wirkungsvergleich und differentielle In­dikation“, Zeitschrift für Klinische Psy­chologie 19/1990, S. 338-361; K. Grawe: „“Psychotherapieforschung zu Beginn der neunziger Jahre“, Psychologische Rundschau 43/1992, S. 132-162, dort ib. S. 148-150. 30 Lucy Johnstone in einem Zeitungs­interview, s. J. Doward: „Psychiatrists under fire in mental health battle“, The Guardian, 11. Mai 2013. 31 So der österreichische Mediziner Klaus Paulitsch in seinem Lehrbuch Grundlagen der ICD-10-Diagnostik, Wien 2009, Backcover-Text. 32 Die wichtigsten Aspekte haben drei amerikanische Professoren, Stuart Kirk, Tomi Gomory und David Cohen zu­sam­mengetragen in S. Kirk u.a.: Mad Science: Psychiatric Coercion, Diagnosis, and Drugs, Piscataway, N. J. 2013. 33 J. Strauss: ”Do psychiatric patients fit their diagnosis?”, Journal of Nervous and Mental Disease 167/1979, S. 105-113. 34 I. A. Cook: „Biomarkers in Psychia­try: Potentials, Pitfalls, and Pragma­tics“, Primary Psychiatry 15 (3) 2008, S. 54-59. 35 Ihr Erfinder, der US-Psychiater Michael Linden, beschreibt die PTED in “Die posttraumatische Verbitterungs­stö­rung (PTED)“, Der Nervenarzt 75/ 2004, S. 51-57. 36 Deutsche Gesellschaft für Psy­chiatrie, Psychotherapie und Nerven­heilkunde: „Das Dorian-Gray-Syn­drom“, Presse-Info Psychiatrie und Psy­cho­the­ra­pie, März 2002. 37 Klaus Wahle (Hrsg.): Deutschlands neue Männerkrankheit: „Käfig-Tiger-Syn­drom“, Münster 2003. 38 Nachzuschlagen bei Elmar Bräh­ler/Hans-Wolfgang Hoefert (Hrsg.): Lexikon der modernen Krankheiten, Berlin 2015. 39 Siehe z. B. Monika Gruhl: Resilienz – Die Strategie der Stehaufmännchen. Krisen meistern mit innerer Widerstandskraft, Freiburg i. Br. 2008. Der Spiegel-Bestsel­ler von Christina Berndt: Resilienz – Das Geheimnis der psychischen Widerstands­kraft, München 2013, ging nach zwei Jahren bereits in die 13. Auflage. 40 Ulrich Streeck: „Die generalisierte Heiterkeitsstörung“, Forum der Psycho­ana­lyse 16/2000, S. 116-122. 41 Hans Brügelmann: „’KUSS’ – fast jedes Kind ist betroffen!“, Theorie und Praxis der Sozialpädagogik 1/2004, S. 56. 42 Jordan Smoller: „The Etiology and Treatment of Childhood“, Journal of Polymorphous Perversity, undatiert. Weitere satirische Köstlichkeiten aus sei­ner fiktiven „Zeitschrift für Poly­morphe Perversität“ hat Smoller, US-Psychiater an der Harvard-Universität, zusammengestellt in Oral Sadism and the Vegetarian Personality: Reading from the Journal of Polymorphous Perversity (1987) sowie The Primal Whimper: More Readings from the Journal of Polymorphous Perversity (1989). 43 Für die Transsexualität nachzuschlagen unter F64.0 der ICD-10. 44 Jörg Blech: Die Krankheitserfinder – Wie wir zu Patienten gemacht werden, Frankfurt a. M. 2003. 45 In seinem Buch Irre! – Wir behandeln die Falschen: Unser Problem sind die Nor­malen, Gütersloh 2011. 46 Zit. nach Der Spiegel 4/2013: „Wahnsinn wird normal“. 47 Zit. in Zeit Online, 7. Mai 2013: „Heute noch normal, morgen schon verrückt.“ 48 In einer Presseinformation der DGPPN vom 15. April 2013: „Psychi­sche Erkrankungen: sorgsame Diagno­stik notwendig“. 49 X A. Frances/B. Schaden: Normal - Gegen die Inflation psychiatrischer Diagnosen, Köln 2013. 50 Thomas Insel: „Director’s Blog: Transforming Diagnosis“, 29. April 2013, online abrufbar bei www.nimh. nih.gov/about/director/2013/transforming-diagnosis.shtml 51 “Position Statement on the Classi­fication of Behaviour and Experience in Relation to Functional Psychiatric Diagnoses - Time for a Paradigm Shift”, online abzurufen bei https://www. madinamerica.com/wp-content/uploads/2013/05/DCP-Position-State­ment-on-Classification.pdf 52 Siehe hierzu zusammenfassend J. Davies: Cracked. Why Psychiatry Is Doing More Harm Than Good, London 2013; S. A. Kirk u.a.: Mad Science: Psychiatric Co­er­ci­on, Diagnosis, and Drugs, Piscataway, N. J. 2013. 53 Jay Joseph: „The ‚Missing Heritabili­ty’ of Psychiatric Disorders: Elusive Ge­nes or Non-Existent Genes?”, Applied Developmental Science 16/2012, S. 65-83; ders.: "’Schizophrenia’ and heredity. Why the emperor still has no genes”, in: J. Read/J. Dillon, J. (Hrsg.): Models of Mad­ness: Psychological, Social, and Biolo­gi­cal Approaches to Madness, London 2013. 54 S. Borgwardt u.a.: „Why are psychiatric imaging methods clinically unreliable? Conclusions and practical guidelines for authors, editors and reviewers”, Behavioral and Brain Functions 8/2012, S. 46. 55 W. R. Uttal: Mind and Brain. A Critical Appraisal of Cognitive Neuroscience, Cam­brid­ge 2011. 56 P. Goetzsche: Deadly Medicines and Organised Crime: How Big Pharma has Corrupted Healthcare, Kapitel “The chemical imbalance hoax", London 2013. 57 H. C. Fibiger: “Psychiatry, The Phar­ma­ceutical Industry, and The Road to Better Therapeutics”, Schizophrenia Bulletin 38 (4) 2012, S. 649–650. 58 Dass die sechs meistverkauften Anti­depressiva eine Depression nicht signifikant stärker bessern als Placebos, zeigt eine Metaanalyse von 38 Studien mit zu­sammengerechnet rund 7000 Patien­ten. Kirsch u.a.: „The Emperors´ New Drugs“, Prevention & Treatment 5/2002. 59 Nach Gerd Laux/Otto Dietmaier: Psychopharmaka, 8. Aufl. Heidelberg 2009, S. 5 f.; Techniker Krankenkasse, unikosmos.de. 60 Zit. in Yahoo Nachrichten, 20. März 2013: „Milliardengeschäft Antidepres­siva: Glückspillen mit tödlichen Neben­wirkungen“. 61 Zitiert von dem investigativen Journalisten Jon Rappoport, dem der PR-Profi unter dem Decknamen „Ellis Medavoy“ 2006 ein Interview gab; http://nomorefakenews.com.

  • Letztes Geleit – Heil werden im Angesicht des Todes

    Wie geht meine Stiftung Auswege mit Patienten um, deren Erkrankung unerbittlich fortschreitet, aus ärztlicher Sicht dem sicheren Ende entgegen? Retten wir sie? Verschaffen wir ihnen zumindest einen Zeitgewinn? Gelingt es uns, ihnen die Angst vor dem Tod zu nehmen? Natürlich hoffte Alexander noch, als er im Ok­tober 2012 in ein „Aus­wege“-Camp im Schwarz­wald kam. Da­bei war die Krebserkran­kung, die bei dem 42-jährigen Ar­chitekten schon ein Jahr­zehnt zuvor ausgebrochen war, inzwischen weit fortgeschritten. Der linke Unter­schen­kel hatte ihm bereits am­putiert werden müssen. 2008 wurden in beiden Lungen Meta­stasen festgestellt, die er weder operieren noch bestrahlen noch chemotherapieren ließ; er hatte sich auf einen spirituellen Weg begeben, der ihn zu alternativen Heilweisen führ­te – und da­mit hatte er die bös­artigen Wucherungen er­staunlich lan­ge in Schach ge­halten. Doch seit Frühjahr 2012 quälten ihn un­entwegt heftige Rückenschmer­zen. Er ahnte, dass sie von Metastasen herrührten – und der Tod näherrückt. Mit Erkrankungen, die Medi­ziner „letal“ nennen (lat. letum: Tod, letalis: tödlich), bekommen wir in den „Auswege“-Camps nur selten zu tun; unter drei Prozent der Teilnehmer bringen sie zu uns mit. Neben Fällen von Krebs zählen dazu vor allem die Amyotrophe Lateral­sklerose (ALS), die ihr promintestes Opfer, der Physiker Ste­phen Hawking, ins öffentliche Bewusstsein rückte, und andere Motoneuronen-Erkran­kun­gen, bei denen Nerven und ihre Verbindungen zu Muskeln schrittweise vollständig zerstört werden. Erfasst dieser Zer­fall am stärksten die Atem­muskulatur, ersticken die Be­troffenen; betrifft er vor allem das Herz, bleibt es irgendwann stehen. Was können wir für Betroffene tun? Sie von ihrer Sterblichkeit zu erlösen, schaffen auch wir beim besten Willen nicht. Fast im­mer gelingt es uns aber, das Fortschrei­ten ihrer Erkrankung zu verlangsamen, wo­­mit wir ihnen einen Zeitgewinn ver­schaf­fen; Schmerzen und andere Begleitsym­ptome lassen bei uns nach; medikamentöse The­ra­pien werden be­sser vertragen, Nebenwir­kungen fallen geringer aus; selbst in fortgeschrittensten Sta­dien und „infauster“, absehbar hoff­nungs­loser Arztprognose verbessern sich in unserer Obhut All­gemeinbefinden und Le­bens­qualität deutlich. Bei Ale­xander beobachteten wir das ebenso wie vier Jahre zuvor bei der vierjährigen Ida, bei der ein Rhabdomyosarkom am Gal­lenausgang festgestellt worden war: eine bösartige Ge­schwulst, die von der Skelett­mus­ku­latur ausgeht und bei dem tapferen kleinen Mädchen inzwischen in Leber und Kno­chen metastasiert war; ebenso bei Ruth, einer 59jährigen Bank­kauffrau, bei der Ende 2003 ein Plas­mozytom entdeckt wurde: eine bösartige Tumorer­krankung aus der Gruppe der Non-Hodg­kin-Lymphome. Oder bei Hildegard* (66): Nachdem sich 1991 in ihrer rechten Brust ein Karzinom gebildet hatte, das operiert und bestrahlt worden war, schien der Krebs besiegt; doch im Ja­nuar 2013 wurden Metasta­sen in Knochen, Lunge und Haut festgestellt. Nach über einem Dut­zend Therapiesit­zun­gen und Beratungsgesprä­chen wäh­rend eines „Aus­wege“-Camps im Mai 2014, ein­schließlich Akupunktur, Lichttherapie und Geistigem Heilen, ließen ihre chronischen Schmerzen so weit nach, dass sie Analgetika niedriger dosieren und besser schlafen konnte. Ferner besserten sich bei ihr: eine Migräne, an der sie seit ihrer Jugend litt; Rückenbe­schwer­den seit siebzehn Jahren, verursacht durch ein Hals- und Lendenwirbel­syndrom; Schmer­zen im rechten Arm seit einem Sturz im Sommer 2012 und anschließender missglückter OP. Doch was wurde aus ihrem Krebs? Ein halbes Jahr spä­ter, im Dezem­ber 2014, ergab eine Kontroll­untersu­chung beim Radiolo­gen: weniger und kleinere Meta­stasen, kein neuer Befall, weniger Was­ser in der Lunge. „Diese tollen Ergebnisse“, so schrieb Hilde­gard uns kurz da­rauf, führe sie auf zwei Fak­toren zurück: zum einen auf die Selbstbehandlung mit Präpa­raten, die der „Übersäuerung“ des Organismus entgegenwirken – diese waren ihr im Camp von einer Heilprakti­kerin empfohlen worden -, zum anderen auf die dort erhaltenen Denk­anstöße, die ihr „die Augen ge­öffnet haben: Meine Krankheit ist ein Zeichen – es macht mich darauf aufmerksam, dass ich meiner Seele zuviel zumute. Ich muss mehr auf mein ‚Inneres’ hören und viel mehr für mich da sein statt nur für Andere. Mir wurden Wege gezeigt, mit meinen ‚Altlasten’ fertig zu werden und diese über Bord zu werfen. Gefahr erkannt – Gefahr gebannt.“ Auch Joachim* profitierte, ein 50jähriger Versicherungskauf­mann mit ALS, der sich uns, wie Alexander und Ruth, im Oktober-Camp 2012 anvertraut hatte: Lähmungserscheinungen in Gliedmaßen ließen zeitweilig etwas nach; auf die Heilsitzun­gen reagierten sie mit deutlichen Bewegungen und heftigen Zuckungen. Schon am ersten Behandlungstag hatte Joachim nach eigenen An­gaben „im tauben Arm erstmals wieder Gefühl“, er empfand darin starke Wärme und einen regelrechten „Muskelka­ter“; gegen Campende spürte er seinen Arm wieder voll und ganz und war imstande, ihn selbstständig zu halten. Voll neuer Zuversicht verließ er uns: „Ich habe mich hier einfach gut gefühlt. Neue Wege! Neue Ziele! Neue Welt!“ Auch Alexander sprach am Ende von einem „unermesslich großen Erkenntnisgewinn“, nach täglich vier Heilsitzungen hatten seine Schmerzen zeitweilig nachgelassen. Aber wie kommen wir jener Belastung bei, die viele Betrof­fene weitaus stärker quält als die Erkrankung selbst: ihrer Angst vor dem nahen Tod? Ars moriendi – Die Kunst des Sterbens stirbt aus In den Camps selbst werden wir damit kaum je konfrontiert. Wer schon fest damit rechnet, dass sich die fatalen Prognosen von Schulmedizi­nern unweigerlich bewahrheiten werden, kommt erst gar nicht mehr zu uns. Wer teilnimmt, hofft noch, ist zuversichtlich, glaubt an seine Chan­ce. Aber nicht alle sind innerlich so gefasst wie Alexander und Joachim, die verblüffen­der­­wei­se ausgeglichener, le­bens­froher und dankbarer wirk­ten als die meisten übrigen Campteilnehmer, denen es ge­sundheitlich weitaus besser ging. Denn auch ausgeprägter Optimismus schützt nicht zu­ver­lässig davor, zwischendurch in ein depressives Loch zu fallen, in dem existentielle Angst durchbricht. Oft überkommt sie dann Unvorbereite­t­e, die sich mit dem Tod nicht eher befasst haben als er mit ihnen. Was ihnen abgeht, ist die ars bene moriendi, die Kunst des guten Sterbens. Mit ihr wurden Chri­sten seit dem späten Mit­tel­alter durch vielerlei erbauliche Fibeln vertraut ge­macht. Inzwischen gerät sie mehr und mehr in Vergessenheit. Einst ein soziales Ereignis wie Ge­burt, Taufe oder Hochzeit, hat sich das Le­bensende allmählich aus dem Fokus kultureller Aufmerksam­keit entfernt, es ist zum individuellen Un­glücks­fall geraten. So gründlich verbannt wurde es aus dem Alltag, dass inzwischen viele Erwach­sene noch nie eine Leiche gesehen haben. Der Tod, wenn er sich technisch nicht länger zähmen lässt, wird vorzugsweise verdrängt, versteckt und zur einsamen Privat­sache. Obwohl die Sehnsucht nach menschlicher Nähe kaum je größer ist als am Lebensende, sterben heutzutage 800'000 Deut­sche pro Jahr vornehmlich allein, aus der Geborgenheit der vertrauten Umgebung ausgelagert in Krankenhäuser, Pal­liativsta­tionen, Pflegeheime und Hospi­ze; und wo Ver­storbene einst häuslich aufgebahrt wurden, frei zugänglich für Verwandte, Freunde und Nachbarn, werden sie heute diskret abgeholt, vorzugsweise bei Dunkelheit. Und immer mehr Menschen empfinden den Tod nicht als natürlichen Abschluss, sondern als Ärgernis, als sadistische, geradezu teuflische Frechheit, als größtmögliche Katatrophe, als un­sichtbarer Mörder, der verflucht und verachtet werden muss - ein finaler Schicksals­hieb, der sich rücksichtslos über das Grundrecht auf Selbstbestimmung hinwegsetzt. Sterben wäre für sie ja grundsätzlich okay, aber nur unter Umständen, für die sie sich selbst entschieden haben. „Meine Einstellung zum Tod“, spricht der Regisseur und Schauspieler Woody Allen vielen aus der Seele, „hat sich nie geändert: Ich bin vehement dagegen.“ (1) Falls die Angst dem Sterben gilt, vor allem einem qualvollen Dahinsiechen, können wir Camp­teilnehmer beruhigen, sofern dies nicht schon behandelnden Ärzten gelungen ist: Dank moderner Palliativmedi­zin braucht im 21. Jahrhundert niemand mehr seinem Ende unter entsetzlichen Schmerzen entgegenzugehen. Doch wenn es um den Tod selbst geht: die vollständige physische Vernichtung? Einen geliebten Menschen verlieren Gelegentlich bekommen wir mit Campteilnehmern zu tun, die kürzlich von einer nahestehenden Person Abschied nahmen – dem eigenen Kind, dem Lebensgefährten, dem besten Freund – oder darauf gefasst sein müssen, eine solche bald zu verlieren. In einer derartigen Situation quält Betroffene zweierlei: - Was bedeutet der Tod des Anderen für sie? Er kann sich finanziell auswirken, er kann den Sozialstatus drastisch ändern. Meist überwiegt bei Verlusttrauer aber eine andere Art von Pein: Je emotional be­deutsamer der Tote im Leben von Hinterbliebenen war, desto schwerer fällt es ihnen, sich damit abzufinden und darüber hinwegzukommen; sie fühlen sich einsam, sie klagen über einen Verlust an Sinn, sie leiden an tiefstem psychischen Schmerz. Unsere Hilfe bei der Trauerarbeit kann darin bestehen, ihnen bewusst zu machen, dass es Anderes gibt, wofür es sich zu leben lohnt – wichtige Aufgaben, die sie bereits haben oder künftig übernehmen könnten; dass es mehr als einen Menschen gibt, der es verdient, geliebt zu werden, und erfüllende Liebe schen­­ken kann; dass jeder Abschied die Möglichkeit zum Neubeginn in sich birgt; dass sie selbst es in der Hand haben, ihrer Einsamkeit zu entkommen, statt apathisch in unentwegter Trübsal und Selbst­mit­leid zu verharren. - Was bedeutet der Tod für den Toten selbst? Ist es schlimm für ihn, nicht mehr da zu sein? Viele Hinterbliebene bedauern Verstorbene dafür, dass sie so vieles, was sie erfüllt und glück­lich gemacht hat und an Erfreulichem noch auf sie zugekommen wäre, nun nicht mehr erleben können. Aber wie schreck­lich ist das für den Be­troffenen? Wie wir darauf antworten, hängt davon ab, was uns der eigene Tod bedeutet. Ist es schlimm, nicht mehr da zu sein? Zumeist gelten Todesängste nicht bloß dem eigenen Schick­sal, sondern auch den Folgen für Hinterbliebene. Ein universelles Beruhigungsmittel hiergegen gibt es nicht. Man­cher Verblichene würde staunen, wenn er noch miterleben könnte, wie leicht und rasch sein Verlust zu verkraften war; in anderen Fällen reißt ein Tod bei Anderen Wunden, die nie verheilen. Aber was bedeutet der Tod für uns selbst? Welche Einstellung sollten wir zu ihm haben? Wie sehen wir ihm am besten entgegen: mit Schrecken, mit Sorge, mit Gleichgültigkeit, mit Erleichterung, mit Vorfreude? Das hängt davon ab, was der Tod für uns ist: der Moment, in dem wir den Körper ablegen, um anders weiterzuleben – oder die vollständige und endgültige Auslöschung, ineins mit ihm? Unter unseren Campteilneh­mern, wie innerhalb des Thera­peutenteams, überwiegt ein besonderer Typ von Dua­listen: Sie glauben nicht nur, dass sie zusätzlich zu ihrem Körper etwas besitzen, das sie als „Seele“ oder „Geist“ be­zeich­nen – nennen wir es im Folgen­den zusammenfassend „mental“, nach einem in der philosophischen Psychologie gebräuch­lichen Terminus - , sondern auch, dass dieses Etwas ihr physisches Ende überdauern und fortexistieren kann. Wie kom­men sie darauf? Trost im Glauben „Wer den Tod fürchtet, der liebt Gott nicht“, befand der Kirchenvater Augustinus (354-430 n. Chr.). Also macht Glaube furchtlos? Tatsächlich bringen Patienten mit einem gefestigten religiösen Weltbild Antworten, die ihnen Trost und Hoffnung spenden, bereits zu uns mit, daran können wir anknüpfen. Ängste nimmt ihnen die Vorstellung, ein unsterbliches Etwas in ihnen, das den Wesenskern ihrer Persönlichkeit ausmacht, überdaure irgendwie den Tod des Körpers, verlasse ihn, gehe in eine höhere Seinsform über – sei es der christliche Himmel oder die paradiesische Sphäre einer anderen Glaubensrich­tun­gen -, kehre womöglich irgendwann in einem neuen Körper zurück, entwickle sich jedenfalls zum eigenen Besten weiter, weise geregelt durch ein göttliches Prinzip. Vielen hilft die Vorstellung, im „Jen­seits“ von Engeln und anderen Lichtwesen empfangen und begleitet zu werden – und denen wiederzubegegnen, die ihnen zu Lebzeiten am nächsten standen. (Auf die endlosen, bei Honig, Milch und Wein genossenen Liebesdienste jener 72 schwellbrüstigen Jungfrau­en, zu denen sich dschihadistische Selbstmordattentäter hinüberzubomben trachten, dürften die meisten Campteilneh­mer indes mit Gleichmut verzichten können, zumal die weiblichen.) Die Bilder, mit denen sie ihre Todesfurcht bannen, hat schon der griechische Philosoph Platon (427-347 v. Chr.) in treffende Worte gefasst: „Nach dem Tode geht die Seele, die sich aus dem Leibe zurück­zieht, wenn sie heilig gelebt hat, zu einem Wesen hin, das ihr ähnlich ist, zu einem göttlichen Wesen, das unsterblich und voll Weisheit ist, bei welchem sie sich eines wunderbaren Glückes erfreut, befreit von ihren Irrtümern und ihrer Un­wissenheit und von jeder Ty­ran­nei der Furcht wie der Lie­be, sowie von allen anderen mit der menschlichen Natur verknüpften Übeln. Sie bringt in Wahrheit mit den Göttern die ganze Ewigkeit zu.“ Mein Ende wird mein Anfang sein: Daraus scheint zuverlässig jene zuversichtliche Gelassenheit zu er­wachsen, die Goethe (1749-1832) sich zuschrieb: „Mich lässt der Gedanke an den Tod in völliger Ruhe, denn ich habe die feste Überzeugung, dass unser Geist ein Wesen ist von ganz unzerstörbarer Natur: es ist ein fortwirkendes von Ewig­keit zu Ewigkeit. Es ist der Son­ne ähnlich, die bloß unseren irdi­schen Augen unterzugehen scheint, die aber eigentlich nie untergeht, sondern unaufhörlich fortleuchtet.“ Doch auch wenn tiefer Glaube im allgemeinen unerschütterlicher ist als bestbestätigtes Wissen, immunisiert er nicht gegen jegliche Unsicherheiten, Zweifel und Befürchtungen. Wird alles genau so sein, wie ein gläubiges Elternhaus, der ört­liche Pfarrer, der Religions­lehrer versicherten; wie Kir­che­n­obere, heilige Schriften und religiöse Kunst es ausmalen? Alles Neue ist unheimlich. Wie habe ich mir ein immaterielles Sein vorzustellen? Was werde ich sein, so ganz ohne meinen Körper? Wie ist es, körperlos fortzubestehen - wie fühlt sich das an, sofern ich dann überhaupt noch fühle? Wie sehe ich ohne Augen, höre ohne Ohren, verständige mich ohne Sprech­organe, handle ohne Glied­maßen? Was erwartet mich „drüben“? Wird mir ein verheißener ewiger Müßig­gang, eine fortwährende Be­trach­tung und Lobpreisung des Allerhöchsten, endlose Har­mon­ie auf die Dauer zusagen? Wie und wo existiere ich dort? Gemeinsam mit wem? Was neh­me ich von alledem mit, was ich mir als wesentlich zu­schreibe: Erinnerungen? (Nur an mich?) Fähigkeiten? (Kann der Schriftsteller weiterschreiben, der Künstler malen? Falls nicht, wäre das für sie nicht eine alles andere als himm­lische Höchststrafe?) ­Fä­hig­kei­ten? Charakterzüge? Selbstb­ewusstsein? Ängste und Sehnsüchte? Werde ich noch wahrnehmen, empfinden, denken, wollen können? Werde ich anderen Wesen be­gegnen? Unter welchen Um­ständen? Werden solche Be­geg­nungen immer angenehm sein? Wie kommen sie zustande, wie entwickeln sie sich? Oder geht ihnen jegliche Bezie­hungsdynamik ab, und wie spannend fände ich das? Wer­de ich all jene treffen, die ich geschätzt und geliebt habe - und nur sie, oder auch solche, denen ich hier mit Gleich­gültigkeit, Verachtung, Furcht und Hass begegnet bin? Was werde ich dann überhaupt noch tun, auf welche Ziele hin? Oder bin ich einfach nur, und wie wäre das für mich? Wenn hüben die Wirklichkeit Gottes mit so viel Schlimmem vereinbar ist – woher soll ich wissen, ob drüben seine Allmacht, All­wissen­heit und All-Liebe deutlicher zum Vorschein kommt? Wenn hüben, wie Theologen versichern, alles Übel bloß vom Gottesgeschenk des freien Willens herrührt – ist es drüben dann vorbei mit meiner Wil­lensfreiheit? Wie wäre es für mich, nichts mehr wollen zu können? Sind unterschiedliche körperlose Seinsweisen möglich, vorübergehend oder gar für immer, und wenn das so ist, habe ich Einfluss darauf, in welche ich hinüberwechseln werde? Kann ich sicher sein, überhaupt dorthin zu gelangen – oder blüht mir, zeitweilig oder auf ewig, ein Horrorsze­na­rio jener Art, wie es christliche Kirchen als „Hölle“ und „Fegefeuer“ an die Wand ge­malt haben? Werde ich für Mis­se­taten büßen müssen? Wovon hängt das ab, wer oder was entscheidet darüber? Worin könnte die Strafe bestehen? Ange­nom­men, dereinst findet die verheißene leibliche „Auferste­hung“ statt (2): Welche Rolle spielt dabei mein begrabener Leichnam, der bis dahin längst verwest ist? Oder gesetzt der Fall, ich werde wiedergeboren: Beschert mir das üble Karma, das ich mir in einem eher schweinischen Vorleben aufgehalst haben könnte, womöglich eine Reinkarnation als Schwein, wie Hindus keineswegs ausschließen wollen? Was kann, was muss ich hier, zu Lebzei­ten, dafür tun, was unterlassen? Ist es nicht sonderbar, dass der Glaube an ein Weiterleben nach dem Tod stets mit der Überzeugung einhergeht, zumindest für den Rechtschaffenen und Gottesfürchtigen sei im “Jen­seits” alles friedlicher, sicherer, schöner, edler, glücklicher, gerechter, geordneter, jedenfalls viel, viel besser, und das auf sehr lange Zeit, wenn nicht gar ewig? Je eingehender wir uns eine „jenseitige“ Zukunft als pure Geistseele auszumalen versuchen, desto mulmiger wird uns zumute. Im übrigen muss Körperlosig­keit nicht mit Unvergänglich­keit einhergehen. Könnte es nicht sein, dass jene mysteriösen Etwasse, die toten Leibern entschweben, als Energiewölk­chen eine Weile durch die Weiten des Kosmos wabern, ehe sie von ungeahnten Natur­kräften verweht, bis zur Un­kenntlichkeit zerfetzt oder miteinander verschmolzen werden? Erfüllt sich die Sehnsucht des Feuers, niemals auszugehen, im Schicksal des Rauchs, der ihm entsteigt? Von derlei Unwägbarkeiten ver­unsichert, wäre unsereins dankbar für erhellenden theologischen Rat. Doch im angestrengten Bemühen, ihre Ver­heißungen mit naturwissenschaftlichem Erkenntnisfort­schritt kompatibel zu machen, haben viele Religionen inzwischen ursprüngliche Überzeugungen uminterpretiert, jahrhundertealte Positionen ge­räumt, Tatsachenbehaup­tun­gen zu Sinnbildern erklärt – und dabei eine für Laien kaum noch überschaubare Vielfalt von Denkrichtungen hervorgebracht, die in wichtigen Punk­ten zu krass gegenläufigen Sichtweisen führen - und bei vielen Gläubigen dadurch mehr Fragen aufwerfen, als sie beantworten. Jahrtausende­lang konnten sich Christen das Paradies mühelos als unvergleichlich schöne Landschaft ausmalen, in der sie eine „grü­ne Aue“ mit „frischem Was­ser“ vorfinden werden (3), ein gläsernes Meer, das wie Kri­stall schimmert (4), und eine heilige Stadt aus reinem Gold, das „neue Jerusalem“, mit Mauern aus Edelsteinen, Toren aus Perlen und einem Baum, der jeden Monat seine Frucht wechselt (5). Nunmehr sollen sie auf einen nebulösen „zeitlosen“ Zustand gefasst sein, „in dem uns das Ganze umfängt und wir das Ganze umfangen“ (6). Einst galt das „Fegefeuer“ als ein sinnliche Qualen bereitender Ort der Reinigung und Läu­terung, in dem jede Men­schen­seele nach dem Tod Zwi­schenstation macht, sofern sie nicht als heilig unmittelbar in den Himmel aufgenommen wird; nun soll es sich um etwas Psychointernes handeln, einen „von innen her notwendigen Prozess der Umwandlung des Menschen, in dem er christusfähig, gottfähig und so fähig zur Einheit mit der ganzen Com­munio sanctorum wird.“ (7) Einst war die Hölle ein vom Teufel und Dämonen regiertes, äußerste Schmerzen bereitendes pyrotechnisches Inferno – neuerdings wird sie zum Ab­straktum, welche sich durch „Ferne von Gott“ umschreiben lasse, „die Situation, in der sich jener wiederfinden wird, der sich freiwillig und endgültig von Gott, Quelle des Lebens und der Freude, entfernt“ (8), zum „Moment der Begegnung eines sterbenden, unvollkommenen Menschen mit dem heiligen, unendlichen, liebevollen Gott“, die „zutiefst beschämend, schmerzhaft und deswegen reinigend“ sei (9). Vol­lends ratlos macht die meisten Gläubigen die „Ganztod-Theo­rie“, die seit dem vorigen Jahr­hundert vor allem von protestantischen Theologen vertreten wird (10): Ihr zufolge wird im Tod der ganze Mensch ausgelöscht, Leib samt Seele; bei der Auferstehung wird er als Gan­zes neu erschaffen. Die Tren­nung von Physis und Psyche, so erfährt der staunende Kirch­gänger, wurzle eher in bibelfernen Konzepten griechischer Philosophen wie Platon als im Alten und Neuen Testament; dort sei keineswegs die Un­sterb­lichkeit der Seele verheißen, sondern lediglich eine Auferstehung; und wäre diese nicht überflüssig, wenn die Seele ihrer eigenen Natur nach fortbestehen würde? Abgese­hen vom Problem der personalen Identität – wie kann einer, den wir heute als vollständig ausgelöschten „Ganztoten“ zu Grabe tragen, ein und derselbe sein wie einer, der in ferner Zukunft „ganz“ zusammengesetzt auftaucht? – verstört bibelfeste Gläubige, dass etliche Stellen der Heiligen Schrift durchaus zwischen Leib und Seele unterscheiden (11), im Ein­klang mit dem, was sie von Eltern, Pfarrern und Lehrern in ihrer Kindheit erzählt bekamen. Und wie hat man sich eine „Auferstehung“ denn vorzustellen? Einst bedeutete sie unmissverständlich, dass verweste Leichen „wiedererweckt“ (12) ihren Gräbern entsteigen, in denen sie lediglich besonders tief „geschlafen“ (13) haben, woraufhin sie mit ihrer leibfreien Seele vereint werden. Der Peinlichkeit ausweichend, an solch märchenhaften Prophezeiungen zwei Jahrtau­sende später immer noch festhalten zu müssen, haben christ­liche Kirchen die Aufer­stehung entkonkretisiert zu einer bloß „metaphorisch“ ge­meinten „Verwandlung zu ei­nem neuen, unvergänglichen Leben“. (14) Aber was verwandelt sich da eigentlich? Wie? Durch Psalmengesang, Lesung und Gebet? In was? Noch das Beste, was sich zugunsten dieser Deu­tung vorbringen lässt, ist der Um­stand, dass alternative Theo­­logien ebensowenig einleuchten. So meinen manche jüdischen Schriftgelehrten zu wissen, dass im Tod die un­sterbliche Seele, „unbefleckt“ durch ihr irdisches Dasein, unabhängig vom Körper wei­terlebt und wieder „rein“ zu Gott zurückkehrt. (15) Wer oder was ist dann der Träger all ihrer diesseitigen „Flecken“, was wird aus ihm, und was hat die weißwestige Seele mit ihm zu schaffen? Bin ich er oder sie? Die Allegorisierung ursprünglicher Glaubensinhalte, das Abrücken von traditionellen Stand­punkten, das Ersetzen von eindeutigen Bildern durch Uneigentliches, die spitzfindigen Verrenkungen unter dem Erkenntnisdruck der modernen Wissenschaft, die Flucht ins Abstrakte haben viele Gläubige eher befremdet als erhellt: Einst war Christen chronisch angst und bange, zumindest wussten sie aber, wo sie dran waren. Und diese Irritation bringen manche von ihnen in unsere Therapiecamps mit. Bietet die Aussicht auf ein Weiterleben nach dem Tode nicht derart reichlich Anlass zu Verunsiche­rung, Sorge und bangem Er­warten, dass die wahre Gnade Gottes darin bestünde, es uns zu ersparen? Erbauliches aus Parawissenschaften? Theologische Unterweisungen sind in „Auswege“-Camps nicht vorgesehen. Aber was sonst haben wir dort zu bieten? Halten wir uns strikt an das, was Neurologen inzwischen über den Zusammenhang von Psyche und Physis herausgefunden haben, scheint nullkommanichts an dem Schluss vorbeizuführen: Kein Geist, keine Seele ohne Gehirn. Werden bestimmte Teile unseres Gehirns verletzt, dann setzen entsprechende Wahrneh­mungs-, Gedächtnis- und Denk­­vermögen aus, verschwinden Charakterzüge. Werden sie elektrisch gereizt, erzeugt dies künstlich gewisse Antriebe, Ge­fühle, Stimmun­gen, Ein­drücke, Erinnerungen. Entwickeln sie sich gar nicht erst - wie bei gewissen genetischen Defekten - oder degenerieren, wie bei Alz­heimer und anderen For­men von Demenz, kommen sie bei Betroffenen nicht (mehr) zum Vorschein. Wird die Sauer­stoffzufuhr zum Gehirn nur kurz unterbunden, so treten ir­reparable Schäden auf, von de­nen offenbar nichts ausgenommen bleibt, was wir einem Menschen an seelischen und gei­stigen Eigenschaften zu­schreiben; wird sie ganz unterbrochen, so stirbt das Gehirn – und mit ihm anscheinend alles, was eine Person ausmacht. Be­weist all dies nicht: Bewusst­sein ist untrennbar mit Hirn­tätigkeit verbunden – und er­lischt mit dieser? (16) All diese Befunde bestätigen indes nur, dass unser Ich vor unserem Tod aufs innigste mit einem funktionierenden Ner­ven­system verbunden ist. Ist völ­lig auszuschließen, dass sich daran nachtodlich etwas Grund­­legendes ändert? Könnte es nicht sein, dass es irgendein physikalisches Etwas gibt, auf welches das Ich überwechselt, wenn sein Leib stirbt? Oder vielleicht ist dieses Etwas schon zu Lebzeiten des Körpers der eigentliche Träger des Ich – bloß zeitweilig korreliert mit neuronalen Vorgängen? Undenkbar wäre das nur, wenn als materielles Substrat des Geistes ausschließlich das menschliche Gehirn in Frage käme. Doch könnte sich das Ich zu seinem Nervensystem nicht ähnlich verhalten wie die Software eines Computers zu seiner Hardware? (17) Das physikalische Substrat von Compu­ter­funktionen besteht bis heute aus Siliziumchips. Doch längst arbeiten Informatiker an weitaus schnelleren, leichteren, kleineren, zuverlässigeren, robusteren Datenträgern neuer Art: an Rechnern aus photochromen Molekülen, die tausende Male flinker schalten, wenn UV-Licht darauf fällt; aus „Wetware“ wie der Erbsub­stanz DNA, Enzymen, Bacte­riorhodopsin – einem natürlichen Farbstoff, der an der pflanzlichen Photosynthese beteiligt ist - und anderen Bio­molekülen; aus Escherichia-coli-Bakterien; an „Neuro-Computern“, für die lebende Nervenzellen verwendet werden; an „optischen Compu­tern“, in denen Photonen die Rolle der Informationsträger übernehmen, Lichtleiter Tran­sistoren und Leiterbahnen er­setzen; mit dem nur eine Atomlage dünnen Werkstoff Graphen; mit „Ionenfallen“, die durch elektrische Felder geladene Atome festhalten und isolieren, so dass sie als Träger von „Qubits“ (Quanten­bytes) fungieren können, mit Laserpulsen beschrieben und ausgelesen werden können – und so zu Quantenrechnern werden. Computer könnten also ein anderes Substrat erhalten, und sie werden es in Kürze; warum nicht auch der menschliche Geist? Was käme als postmortaler „Ich“-Träger in Betracht? Han­delt es sich um jenen „Astralkörper“ bzw. „Ätherleib“, den Sensitive außersinnlich wahrzunehmen behaupten, einschließlich mancher Heiler in unseren Camps? Auf den physischen Leib zielt deren Bemühen im allgemeinen eher indirekt: Was sie zu „sehen“ und zu beeinflussen meinen, sind ihres Erachtens eher „feinstoffliche“ Aspekte eines oder mehrerer „Energie­kör­per“. Selbst wenn dies ein ge­eigneter Kandidat dafür wäre, wüssten wir allerdings noch nichts über seine Le­bensdauer. Vielleicht verflüchtigt sich ein solcher „Ätherleib“ nachtodlich ähnlich rasch wie eine Rauchwolke, nachdem sie dem Schornstein entstiegen ist. Und selbst wenn er persistiert, bliebe offen, ob seine Beschaffen­heit ihn überhaupt dazu geeignet macht, in paradiesischen Sphären oder neue Leiber überzuwechseln. Was auch im­mer wir hierüber glauben mö­gen: Wir begeben uns zurück ins Religiöse. Welche Veranlassung hätten wir überhaupt, einen unphysiologischen Zweitträger mentaler Vorgänge zur Fahndung auszuschreiben? In unseren Camps erfahren Patienten von empirischen Befunden, die ihre dualistischen Überzeugungen an­scheinend untermauern und konkretisieren. Dankbar angenommen werden solche Hin­weise von Teilnehmern, die re­li­giösen Versicherungen allein nicht recht trauen mögen. Was Parapsychologen seit über einem Jahrhundert an rätselhaften Vorkommnissen beobachtet und dokumentiert haben, gilt zusammengenommen als starkes Indiz dafür, dass Menschen ihr physisches Ende überdauern, in einer Weise, die eher Zuversicht und Vorfreude zu begründen scheint als Bangen und Verzagen: von außerkörperlichen Erfahrungen und Nahtodeserlebnissen über Me­diumismus, Materialisationen, geisterhaften Erscheinungen und Spuk, instrumentelle Trans­kommunikation (ITK) - anscheinende Lebenszeichen von Verstorbenen auf Ton­bändern, Monitoren, Anrufbe­ant­wortern und anderen technischen Geräten - bis hin zu überprüften und bestätigten Erinnerungen an frühere Le­ben. (18) Zwar lässt sich keines dieser Phänomene nach naturwissenschaftlichen Standards absichern, weil sie flüchtig und unberechenbar, weder experimentell reproduzierbar noch sonstwie intersubjektiv nachprüfbar sind. Doch neben un­zähligen Pseudo“beweisen“, die auf esoterischem Wunsch­denken, Wichtigtuerei und dreisten Tricks und Lügen, Wahrnehmungstäuschungen und Halluzinationen beruhen könnten, bleibt ein harter Kern von Fakten, die so vorbildlich dokumentiert worden sind, dass Restzweifel zweifelhaft werden. Zusammengenom­men schenken sie Todesängst­lichen reichlich Grund für Zuversicht, so scheint es – zumal schon eine einzige un­bestreitbare Evidenz ausreichen würde, sie zu rechtfertigen, unabhängig von der Glaubhaftigkeit des ganzen Rests. Eine Analogie: Sprechen die Abertausende von kolportierten Ufo-Sichtungen, Begeg­nungen mit Aliens und Ent­führungen in deren Raum­schiffe wirklich für Besucher aus dem All? Alles zähe, mühselige Recherchieren in jedem einzelnen Fall, jegliches aufwändige Ausschließen alternativer Erklärungsmöglichkeiten würde sich mit einem Schlag erübrigen, sobald sich ETs endlich dazu entschließen könnten, auch den hartgesottensten terrestrischen Skeptikern endlich einen zweifelsfreien Beweis ihrer Existenz abzuliefern, wenigstens einen – etwa indem sie sich während einer live über­tragenen Bundestagsde­batte ans Rednerpult oder während der „Tagesschau“ auf den Platz des Nachrichtensprechers beamen. Ein einziger unstrittiger, wasserdichter Fall würde schon genügen, in der Ufologie wie überhaupt im Bereich des Paranormalen. Vielleicht gab es solche unzweifelhaften Fälle schon längst zu­hauf, werden aber verheimlicht oder von jenen akademischen Fachkreisen, deren Ex­pertise über den Realitätsstatus eines Phänomens entscheidet, zu Un­recht ignoriert oder fehlinterpretiert. Vielleicht gibt es bisher keinen einzigen derartigen Fall, und alle gegenteiligen Behaup­tungen beruhen samt und son­ders auf Sinnestäu­schungen, Halluzinationen, dreisten Lü­gen, Gerüchten oder durchaus diesseitigen, physikalischen Ur­sachen. Im zweiten Fall kä­me uns, sofern wir keiner Reli­gion vertrauen, eines der wichtigsten verbleibenden Argu­mente für ein Weiterleben nach dem Tode abhanden. Im ersten Fall lautet die entscheidende Frage: Folgt aus der Realität von Psi-Phänomenen tatsächlich, dass es eine vom Körper unabhängige, ihn überdauernde Seele gibt? Der Schluss mutet plausibel an, logisch zwingend ist er aber mitnichten, nicht einmal innerhalb eines esoterischen Welt­bilds. Ein böser Geist, Dämo­nen oder Satan persönlich könn­ten uns all diese Phäno­mene vorgaukeln; vielleicht tun es auch Außerirdische, im Rahmen eines globalen Feld­versuchs mit einer fremden Spezies - abwegige Vermutun­gen, aber nicht mit absoluter Gewissheit auszuschließen. Mit Quantenphysik zu Gott und Seele? Den meisten Physikern kommen Psi-Phänomene ungefähr so real vor wie die Blaue Fee, das Krümelmonster und die Sieben Zwerge. Nur wenige nehmen zumindest ein Mikrogramm davon ernst und sehen Erklä­rungsbedarf. Eine kleine, aber wachsende Zahl von Wissenschaftlern, echter wie sogenannter, fühlt sich hingegen zum Dualismus hingezogen. Die meisten berufen sich dabei neuerdings auf die Quantenmechanik, vornehmlich auf das bizarre Phänomen der „Verschränkung“: Zwei Teilchen, die einer gemeinsamen Quelle entstammen, bleiben verbunden; unabhängig davon, wie weit sie voneinander entfernt sind, benehmen sich wie telepathisch begabte Zwillinge: Sie ändern ihre Eigenschaften synchron, ob­wohl keinerlei kausale Ver­bin­dung zwischen ihnen besteht – so als gäbe es zwischen ihnen eine „spukhafte Fernwirkung“, wie Einstein sie nannte. Diese mysteriöse Geselligkeit und weitere Kapriolen der Quan­ten­welt, so wird versichert, deuten auf ein zugrunde liegendes, alles ordnendes „Feld“ außerhalb von Raum und Zeit hin, in dem Energie und Mate­rie zu Erscheinungsfor­men eines universellen Geistes werden, an dem der unsrige teilhat – zu Lebzeiten, möglicherweise aber auch nachtodlich. Bekann­tester deutscher Verfechter dieses Standpunkts, dem der öster­reichische Physi­ker Fritjof Capra 1977 mit seinem Best­seller Das Tao der Physik zu enor­mer Popularität verhalf (19), war der im Mai 2014 verstorbene Hans-Peter Duerr, 19 Jahre lang Lei­ter des Münchner Max-Planck-Insti­tuts für Physik: Ihm zufolge be­ein­flussen sich Quanten seit dem Ur­­knall im gesamten Uni­versum wechselseitig, und weil auch wir letztlich aus ihnen bestehen, nimmt jeder von uns an diesem Dia­log teil. Alles, was ist, werde von einem „Quantencode“ dirigiert, seit je her und bis ans Ende aller Tage. Dass eine Quantenwelt allerdings nicht zwingend unsterbliche Menschenseelen einschließt, erweist sich an der Uneinigkeit der Propagandi­sten in dieser Frage. In manchen Modellen findet Psi durchaus Platz, ohne dadurch auf einen Dualismus festgelegt zu sein. (20) Andere meinen zwar, die Seele sei nicht auf Vorgänge im Gehirn reduzierbar, sondern existiere parallel oder in Interaktion mit diesen, beschränken deren „Unsterb­lichkeit“ aber darauf, dass sie zu Lebzeiten unauslöschliche Spuren im „universellen Feld“ hinterlässt. (21) Mit einem immateriellen Ich, das seinem Leib entschweben kann, können auch sie in der Regel nichts an­fangen. Nur wenige gehen insofern weiter. (22) Als Schnittstelle von Quan­tenwelt, Gehirn und Be­wusstsein macht der englische Mathematiker und Physiker Roger Penrose die Mikrotubuli aus: winzige Proteinröhrchen, die in allen Zellkernen vorkommen, wo sie als „molekulare Com­puter“ fungieren. Laut Pen­rose weisen sie die typische Größenordnung für Quanten­effekte auf. Seines Erachtens kann sich eine gigantische Viel­zahl von Mikrotubuli gleichsam zu einem einzigen selbstinszenierten Quantenzustand „verschränken“, dessen Kol­laps dann als ein „Bing“ registriert wird: ein elementares Ereignis in Gehirnzellen, das, gleichgeschaltet mit vielen derartigen Ereignissen, irgendwie unser bewusstes Handeln steuert. (23) In der Esoterikszene finden solcherlei Konstrukte enormen Anklang. Durch hyperkreative Wortschöpfungen mit der Silbe „Quant“, die Insider ähnlich andächtig erschaudern lässt wie das heilige „OM“-Mantra, vermitteln ihre Printmedien, Websites und Veranstaltungen den Eindruck, in ihr wimmle es von quantenmechanisch Er­leuch­teten, denen glasklar ist, dass „alles Information ist“ und „wir nicht aus fester Materie, sondern aus Energie bestehen“; „alles ist mit allem verbunden“, „das Universum ist Geist“, und „der Geist schafft die Wirk­lich­keit“. Haarsträubende Buch­titel wie „Die geheime Phy­sik des Zu­falls“ (24) und cineastische Mach­werke wie „What the Bleep Do We Know?“ (25) suggerieren, hier werde ein bislang streng gehütetes „Geheimnis“ gelüftet. (Ungelüftet bleibt hingegen das gemeinsame Motiv, das angeblich mystikaffine Quantenfor­scher seit einem Jahrhundert daran hindern soll, mit der ganzen Wahrheit herauszurücken.) Darauf gestützt, werden mysteriöse Produkte und Dienstlei­stun­gen vermarktet, deren im­posante Marken­namen suggerieren, von einem Physik-TÜV abgesegnet worden zu sein. Die Angebots­palette reicht von ein­em „quantenfeldtechnologischen Bio­pol“, einem „Quan­ten­informa­ti­onstransformer“, dem „Raum-Quanten-Motor“, einem Radi­onikgerät mit „High­Tech-Licht­quanten­effekt“ und dem „ky­ber­neti­schen Quanten-Bioreso­nanz­system Ingenium“ über „Quan­ten­hologramme“ und „Quan­ten­mu­sik“ bis zu „Tacho­punk­tur mit überlichtschnellen Tachyonen“, „Quan­tenpositro­ni­scher Informati­ons­medizin“ und „Quanten­heilung“, ja „Quan­ten-Erotik-Heilung“. Bei Urh­ebern, Anwendern und Ab­nehmern solch bombastischen Wortge­klingels, die viel lieber voneinander als aus physikalischen Lehrbüchern abschreiben, handelt es sich in Wahrheit zu schätzungsweise 99 Prozent um physikalische Laien, die sich von wissenschaftsferner Quantenmystik benebeln lassen, in die Welt ge­setzt von gefeierten Leit­figu­ren, deren Begrifflichkeit („Va­ku­umfeld“, „Nullpunkt­ener­gie“, „Omega-Punkt“) und Argumentation sie weder vollauf kapieren noch am tatsächlichen Forschungsstand messen können, denn der ist ihnen so fremd wie der Biene die industrielle Honigproduktion. Bei ihren spekulativen Draht­seilakten kommt esoterischen Nebelwerfern entgegen, dass sich die subatomaren Teilchen, mit denen sich die Quanten­physik befasst, nicht anschaulich darstellen lassen, ihr bisweilen exotisches Ver­halten widerspricht zumeist der All­tagserfahrung und überstrapaziert die Vorstel­lungskraft; manche Größen, wie z.B. der Spin eines Elek­trons, haben keinerlei Entspre­chung in der klassischen Phy­sik. Würde im Berliner Olym­piastadion und der Münchner Allianz-Arena zeitgleich mit zwei identischen, quantenverschränkten Fuß­bäl­len gespielt, so würde die Beob­achtung eines Berliners, dass der Ball einen Rechtsdrall hat, augenblicklich den entsprechenden Effet des Zwillings­balls in München festlegen – wem will das schon in den Kopf? Wer sich keine soliden Grundkennt­nisse in Mathema­tik und Phy­sik angeeignet hat, ist außerstande, tiefer in die Quanten­welt einzudringen; erst recht fehlt ihm jegliches Rüstzeug, mutmaßliche „Wei­ter­entwick­lungen“ der Quan­ten­mechanik daraufhin zu be­urteilen, ob sie widerspruchsfrei sind, Erklärungs­kraft besitzen, für Prognosen taugen – und überhaupt nötig sind. (Wel­che Neurophysio­logen erwägen ernsthaft, quantensensible Mikrotubuli-En­sembles in ihre Standardmo­delle einzubeziehen, solange Nervenzellen, Dendriten, Sy­napsen, Trans­mitter und andere bekanntermaßen an der neuronalen Informationsverar­beitung Be­tei­lig­te vollauf genügen, um zu erklären, was im Gehirn vor sich geht?) Unhin­ter­fragt lassen muss der Laie deshalb, ob die vermeintlichen Koryphäen die quantenphysikalischen Schlüs­selexperi­men­te, von denen sie ausgehen, tatsächlich richtig interpretieren, Fachbegriffe wie „Energie“, „Welle“, „Kraft“, „Schwin­gung“, „Wechselwir­kung“, „Feld“, „Vakuum“ definitionsgemäß verwenden, mathematische Formeln korrekt ableiten, logisch zwingend folgern. Sich ihrem Reiz zu entziehen, fällt einem Nichtphy­siker schwer: Beeindruckt, ja andächtig folgt er ihren fachchinesischen Aus­führungen, bis eher früher als später der Punkt erreicht ist, an dem er nicht mehr folgen kann. Von da an bleibt ihm nichts anderes übrig, entweder das Vorgesetz­te gutgläubig zu schlucken, im Vertrauen auf fremden Sach­verstand – oder sich auszuklinken, im unguten Gefühl, man sträube sich gegen tiefere Einsichten, deren Brillianz man nicht ermessen kann; kaum einer erwägt, sich schleunigst als Gasthörer an der Uni zu immatrikulieren, um ein paar Semester Physik zu studieren, die Vertrauen durch Verstehen ersetzen könnten. Allzuviele folgen lieber bequemerweise der Intuition, bestimmt dächte man wie ein Capra, Laszlo, Duerr, König, Niemz, Tipler, Sarfatti und Penrose, sofern man bloß ebenso viel Ahnung hätte wie sie. Doch diese Form von blinder Gefolgschaft wäre voreilig. Denn gegen die kleine Fraktion von metaphysischen Anders­den­kern steht eine große Mehr­heit von Physikern, die sich eher befremdet bis entsetzt abwenden: keineswegs bloß ignorante, betonköpfige Mate­rialisten, die sich mit Klauen und Zähnen dagegen wehren, dass ihre Festung von einem neuen, revolutionären „Para­digma“ geschleift wird, sondern auch aufgeschlossene Geister, die „Psi“-Phänomene durchaus nicht von vornherein ausschließen. (26) Ihr Urteil über die populäre Quantenesoterik lautet einhellig: Hier werden aus unvollständig und verzerrt dargestellten Forschungsergeb­nissen voreilige Schlüsse gezogen, nicht genehme Fakten ausgeblendet; es werden Begriff­lichkeiten missbraucht, nicht vorhandene Theoriedefizite be­hauptet, überflüssige Pseudo-Erklärungen vorgelegt, irrige und unüberprüfbare Behaup­tungen aufgestellt, elektromagnetische und Materiewellen miteinander verwechselt, von Ge­gebenheiten der Quanten­welt auf das Verhalten makroskopischer Objekte kurzgeschlossen. (27) Geist und Seele wer­den aus Modellen abgeleitet, deren vornehmlicher Da­seinszweck darin zu bestehen scheint, sie ableitbar zu m­achen. (28) Zugunsten entlegener Lieblingshypo­the­sen werden naheliegende Er­klärungen über­sehen: Wenn etwa für den Heidelberger Physiker Markolf Niemz aus dem eigentümlichen „Lichttun­nel“-Erlebnis bei Nahtoderfah­rungen alternativlos folgt, dass die Seele nachtodlich „auf Lichtge­schwin­digkeit beschleunigt“ wird (29), fragt sich mancher Le­ser nicht bloß fassungslos, wo­hin sie sich denn so geschwind aus dem Staub machen muss, schneller als ein geölter Blitz – ist ihr transzendentes Reiseziel denn Lichtjahre entfernt? Ihn irritiert, dass dabei bekannte neurophysiologische Erkennt­nis­se, die weitaus weniger exotische Erklärungen nahelegen, außer acht bleiben: Tunnel­visionen und außerkörperliche Erfahrungen stellen sich auch bei Sauerstoffmangel im Ge­hirn, unter Drogeneinfluss, bei bestimmten Formen von Schi­zophrenie und Epilepsie ein; mittels Elektrostimulation einer bestimmten Hirnregion, des parietalen Kortex, lassen sie sich sogar künstlich auslösen – was darauf hindeutet, dass sie Produkte biochemischer Hirn­vor­gän­ge sind. (30) Weithin verkannt wird, dass die Neigung zur Mystik keineswegs streng proportional zur wissenschaftlichen Brillianz zu­nehmen muss. Vehement angeprangert wird die Quanten­mystik unter anderem von dem US-Physiker Murray Gell-Mann, der 1969 für seine Ent­deckungen zur Klassifizierung der Elementarteilchen und ihre Wechselwirkungen den Nobel­preis für Physik erhielt. Sein Buch Das Quark und der Jaguar (31), darin vor allem das Kapi­tel über „Quantenmecha­nik und unsinnige Behaup­tungen“ mit einem Abschnitt über „Die Verdre­hung der Tat­sachen“, sollte zur Pflichtlektüre für Quan­ten­esoteriker werden, zusammen mit den Quantum Questions (32) des US-amerikanischen Psy­cho­logen, Philoso­phen und Mystikers Ken Wilber, eines Hauptvertreters einer „Trans­per­sonalen“ Psy­cho­logie und Psychotherapie, welche ihre klassischen Vor­gänger um religiöse und spirituelle Erfah­rungen zu erweitern versucht. Eines ahnungslosen Antispiritualismus ist wohl kaum jemand unverdächtiger als er. Um so überraschter dürften Quanteneso­teriker zur Kenntnis nehmen, was er von ihrem Treiben hält: „Aus den letzten dreißig Jah­ren kenne ich nichts, wo die Verwirrung größer wäre als in dem, was aus Quantenphysik gemacht wird. Es ist ein Alp­traum.“ (33) Dreizehn Begründer und Pio­niere der Quanten­physik, unter ihnen Bohr, Hei­senberg, de Broglie und Schrö­dinger, suchte Wilber persönlich auf: „Kein einziger, wirklich nicht einer von ihnen war der Meinung, dass Quanten­me­cha­nik irgendetwas mit spirituellen Wirklichkeiten oder Mystik zu tun hat.“ Aber waren sie nicht alle Mystiker? In der Tat – „aber nicht wegen, sondern trotz Physik. Das Ver­sagen der Quantenphysik, auch nur irgendetwas Spirituelles zu erklären, half ihnen dabei, zu Mystikern zu werden, im Sinne von Meta-Physik.“ (34) Von Physik versteht auf diesem Planeten vermutlich kaum je­mand mehr als der weltbekannte Physiker und Kosmo­loge Stephen Hawking. Mit den esoterischen Höhenflügen einzelner Kollegen hat er sich in mehreren Schriften auseinan­dergesetzt. Ihnen hält er einen naiven Realismus vor, der als wirklich ansieht, was immer sich theoretisch darstellen lässt: „Physikalische Theorien sind lediglich von uns konstruierte mathematische Modelle. Es ist sinnlos, danach zu fragen, ob sie der Wirklichkeit entsprechen.“ (35) Damit verweist Haw­king auf einen Diskussions­strang, der uns schnurstracks in die Philosophie der Mathe­matik führt, des unentbehrlichen Instruments physikalischer Theorienbildung – und zur offenen Frage nach der Wirklichkeit der Zahlenwelt. Auch Quantenphysiker rechnen reichlich; wenn ihr Mikro­kosmos voller Merkwürdigkei­ten steckt, dann nicht nur wegen befremdlicher Eigen­heiten ihrer subatomaren For­schungsobjekte, sondern auch wegen der schweißtreibenden Komplexität ihrer Rechen­operationen, die Fachleute im selben Maße in Verzückung versetzt, wie sie Fachfremde in Verzweiflung stürzt. Sind die mathematisch abgeleiteten Be­sonderheiten der Quantenwelt real? Sind es andere mathematische Objekte wie die Primzahl Pi, unendliche Mengen, vierdimensionale Würfel oder so hochabstrakte Gebilde wie die „nicht erreichbaren überabzählbaren Zahlen“, die größer sind als unendlich mal unendlich? Mathematiker sind eher Er­finder als Entdecker, stellt Hawking klar. (36) Mathemati­sche Darstellbarkeit bürgt mitnichten für Existenz. Von Animalgeistern zu Psychonen – Aus dem ­Kuriositäten­kabinett des Leib/Seele-Interaktionismus Um eine zweite Stütze des Dualismus bemühen sich neuerdings Neurobiologen und Physiologen, allen voran der zum „Sir“ geadelte Australier John Eccles (1903-1997), 1963 mit dem Nobelpreis für Medi­zin bedacht. Nach Eccles´ Über­­zeugung ist es der „Geist Gottes“, der unser Selbst hervorbringt. Dessen Bewusstsein werde von einem Ensemble von immateriellen „Psycho­nen“ gebildet; diese steuern das Gehirn, indem sie auf die sogenannten Pyramidenzellen der Großhirnrinde einwirken – genauer gesagt, in den Den­driten. Jede einzelne Nerven­zelle besitzt bis zu 10'000 solcher fein verästelter Fortsätze, die Kontaktstellen, „Synap­sen“, zu anderen Zellen bilden. Diese Synapsen enthalten winzige Säckchen, „Vesikel“, ge­füllt mit Botenstoffen, den Neuro­transmittern. Erreicht ein Ner­venreiz die Zelle, öffnen sich die Vesikel und setzen Neurotransmitter frei; diese durchqueren den Spalt, der die Synapsen zweier Nachbar­zellen trennt, und leiten so den Reiz weiter. Bei der riesigen Zahl der Synapsen löst dieser Prozess sehr komplexe Gehirn­aktivitäten aus. Nach Eccles´ Über­zeugung wird dieses Ner­vengeflecht von Psycho­nen durchdrungen; sie beeinflussen die Synapsen, umgekehrt gehen von den Den­driten Gedanken und Erfah­rungen in sie über. Die Kopp­lung dieser Prozesse mit Quan­tenfeldern verbinde unser Bewusstsein mit dem „Weltgeist“, der das ganze Universum durchdringe. (37) Da­zu angeregt hatten ihn Ideen des deutschen Physikers und Philosophen Henry Margenau, aus denen Eccles schloss, ein energie- und masseloser Geist könne auf das Gehirn einwirken, indem er die quantenmechanischen Wahrscheinlich­keitsfelder beeinflusst. Damit wird das Erklärungsproblem des Interaktionismus aber nur verlagert, weil nun die Art der Wechselwirkung zwischen Geist und Wahrscheinlich­keits­feld ungeklärt ist. (38) Selbst wenn es ausgerechnet die neuronalen Synapsen wären, an de­nen unser Gehirn mit universellen Quantenfeldern kom­mu­niziert, bliebe schleierhaft, ob es dies nicht auch ohne die Vermittlungsdienste irgend­welcher immaterieller Geister­teilchen zustande brächte; gel­änge ihm das, hätten wir eine Quantenneurologie, die ebensowenig eine Seele benötigt wie die klassische Hirnphysik. Und was aus den „Psychonen“ wird, wenn das Hirn abstirbt, lässt Eccles im Dunkeln. Außer­dem weisen Quanten­physiker darauf hin: Unser Gehirn ist so hochgradig vernetzt, dass Wechselwirkungen des Gehirns mit der Umgebung die typischen quantenmechanischen Effekte, wie sie in isolierten Laborsystemen beobachtet werden, rasch zu­nichte machen – insbesondere die hyperinstabilen „Verschrän­kungen“. Zwar kommunizieren Neuronen un­ter­einander atemberaubend schnell, in Bruch­teilen von mil­liardstel Milliar­den Sekun­den. Aber quantenmechanische Überlagerungen verschwinden noch sehr viel schneller (39), weshalb sich die Funktionsweise unseres Ge­hirns durchaus mit klassischer Physik verstehen lässt. Eccles´ Position zum Leib/Seele-Pro­blem verdeutlicht, wie stark das Denken vieler Hirnforscher von religiösen Überzeugungen und einem phi­losophischen Dua­lismus ge­prägt ist (40); beides scheint eher Ausgangspunkt und Sehn­suchts­ziel ihrer Stu­dien als deren Ergebnis. Eccles´ Psychonentheorie und ähnliche Konstrukte führen eine Tradition fort, die auf den geistigen Vater des neuzeitlichen Leib/Seele-Dualismus, dem französischen Philoso­phen René Descartes (1596-1650) zurückgeht: die Suche nach einer Physiologie des Gei­stes. Wie, fragte sich Descartes, stellt es die immaterielle res cogit­ans bloß an, in kausale Be­zie­hungen zu Materie, res extensa, zu treten? Als Ort der Wech­selwirkung vermutete er die „aus sehr weicher Materie“ gebildete Zirbeldrüse, die an wenigen feinen Arterien aufgehängt sei. Wie ein Körper, der an dünnen Fäden in einem Kamin befestigt wurde, von aufsteigendem Rauch bewegt werden kann, so wirken „Ani­malgeister“, welche die Ner­venzellen durchströmen, auf die Zirbeldrüse ein. Mein Kör­per vermittelt meinem Geist Sinneseindrücke, indem er ihm Bilder vorhält, welche die Ani­malgeister im Drüseninneren herstellen; umgekehrt steuert mein Geist meinen Körper, indem sich die Zirbeldrüse auf bestimmte motorische Nerven­endungen neigt, wodurch einige der im Gehirn befindlichen „Animalgeister“ durch neuronale Röhren in den jeweiligen Muskel geleitet werden. (41) Zwar ist Eccles´ Physiologie der cartesianischen ungefähr so weit voraus wie die moderne Raumfahrt Peterchens Reise zum Mond. Der Lösung des Hauptproblems jeder Form von Interaktionismus kommt sie aber keinen Millimeter näher: Auch sie ist unvereinbar mit einem der grundlegendsten Axiome wissenschaftlicher For­schung und Theorienbildung, der kausalen Geschlossenheit der Welt. (42) Was immer im Uni­versum ist und geschieht, lässt sich demnach durch Ereig­nisse, Vorgänge, Zustände innerhalb seiner Grenzen vollständig erklären. Wenngleich letztlich ein seinerseits unbeweisbarer Glaubenssatz, hat sich dieses Prinzip des „me­tho­dologischen Physikalis­mus“ seit Jahrhunderten bestens bewährt, an so unterschiedlichen Phänomenen wie Wetterveränderungen, Epilep­sie, Tsunamis, Blitzen, dem Lauf der Gestirne und der biologischen Evolution. Folg­lich hat Wissenschaft grundsätzlich keinen Bedarf an nichtphysischen, von außen einwirkenden Faktoren, zumal diese ihrerseits erklärungsbedürftig wären, wes­halb sie Erkennt­nispro­bleme nie lösen, sondern bloß verlagern. (Wenn es die Welt nur gibt, weil Gott sie geschaffen hat – warum gibt es Gott?) Deshalb ist jeglicher Dualismus zutiefst unwissenschaftlich, und dieses Merkmal disqualifiziert ihn am allermeisten. „Wer den Dualismus akzeptiert“, stellt der Philosoph Daniel Dennett klar, „hat die wissenschaftliche Annäherung an das Bewusstsein aufgegeben.“ (43) Wie nützt Quantenmystik? Was macht die geradezu magische Anziehungskraft aus, welche die Quantenmystik auf eine wachsende Zahl von Thera­peuten und Patienten ausübt? Den einen verhilft sie zu gesteigerter Bedeutsamkeit: Sie dürfen sich als Vollzugsorgane des Weltgeists wähnen und sich privilegierte Einsichten zu­schrei­ben, dank derer sie mehr Ahnung vom Wesen alles Seienden haben als das Gros professioneller Physiker, welche den spirituellen Kern ihrer eigenen Forschungsobjekte ent­weder nicht wahrhaben wollen oder gemeinerweise geheim halten. Darüber hinaus liefert sie ihnen werbewirksame Etiketten, die ihnen vorerst einen Wettbewerbsvorteil auf dem Gesundheitsmarkt verschaffen – zumindest solange nicht allzu viele Konkurrenten auf denselben Zug springen. Patienten verschafft Quanten­mystik das gute Gefühl, sich auf eine Heilweise einzulassen, die auf neuesten For­schungsergebnissen beruht. Und bei beiden Zielgruppen befriedigt sie religiöse Bedürf­nisse, zumal bei überdurchschnittlich Gebildeten, die ihren Glauben gerne auf ein vermeintlich wissenschaftliches Fundament stellen. Trunken vom „Becher der Natur­wissenschaften“? Dem Physiker und Nobel­preisträger Werner Heisenberg wird der Ausspruch zugeschrieben: „Der erste Trunk aus dem Becher der Naturwissen­schaften macht atheistisch, aber auf dem Grund des Bodens wartet Gott.“ Wie hochprozentig der Becherinhalt ist, ließ er im Dunkeln. Mitunter verneben metaphysische Bedürfnisse auch den brilliantesten For­scher­kopf. Weder Professoren­titel noch Nobelpreise machen zuverlässig immun dagegen, sich dem eigenen Will to Believe zu fügen, in dem der amerikanische Philosoph William James einen der mächtigsten Antriebe des Menschen sah. Alles in allem steht die vielfach behauptete „wissenschaftliche Untermauerung“ des Dualis­mus bislang auf derart tönernen Füßen, dass er vom Status des Bewiesenseins Lichtjahre entfernt ist. So jedenfalls sieht das der weltbekannte Physiker und Kosmologe Stephen Haw­king: „Ich betrachte das Gehirn als einen Computer, der aufhört zu funktionieren, wenn seine Bestandteile versagen. Es gibt keinen Himmel und kein Leben nach dem Tod für kaputte Computer. Dies ist ein Märchen für Leute, die Angst vor der Dunkelheit haben.“ (44) Dass die Existenz von Psi-Phänomenen, einer unsterblichen Seele, eines alles durchdringenden und ord­­nenden Gottes mit der Quan­­tenmechanik, der Rela­ti­vitätstheorie oder irgendeinem anderen physikalischen Er­kl­ärungsmodell grundsätzlich vereinbar wäre, bedeutet noch lange nicht, dass es sie gibt. Auch mit einer siebenbeinigen, dreischwänzigen grünen Katze hätten Quantenmechaniker kein grundsätzliches Problem. Also müssen wir bis auf weiteres darauf gefasst sein, dass unsere Existenz vollständig, ein für allemal mit dem Tod unseres Körpers endet. Wäre das schlimm? Vollständig vernichtet werden: ein Alptraum? Was können wir psi-skeptischen Materialisten, Atheisten und Nihilisten mitgeben – Zeitgenossen, die ihr Dasein als unbedeutendes biochemisches Experiment betrachten, nichts weiter als eine flüchtige Ver­bindung von Atomen im un­endlichen Raum? Illusionslos sehen sie einem allerletzten Tag entgegen, einer letzten Stunde, einer letzten Minute, einem letzten Atemzug. Und das wird es dann für sie gewesen sein. Aus und vorbei, „der Rest ist Schweigen“. (45) Religiös Gesonnene unterstellen solchen Leuten gerne, eine derart trostlose Perspektive müsse letztlich doch auch für sie ganz furchtbar sein, was bestimmt daher rühre, dass sie, ob sie das nun zugeben oder nicht, im tiefsten Inneren unter ihrer Glaubensleere leiden, an fehlendem letzten Sinn, der schließlich nur von Gott kommen könne. Aber es leidet beileibe nicht jeder. Manchen genügt die Zuversicht, nach ihrem Tod in einem metaphysikfreien Sinne weiterzuleben: sei es in den Erinnerungen Anderer, denn „der Mensch ist erst wirklich tot, wenn niemand mehr an ihn denkt“ (Bertolt Brecht); sei es in Din­gen, die sie zu Lebzeiten ge­schaffen haben und der Nach­welt hinterlassen; sei es in den sozialen Rollen, die sie ausfüllen und in die Andere schlüpfen werden; sei es in den My­riaden von Hinsichten, in de­nen ihre Existenz den Lauf der Dinge beeinflusst und verändert hat. Durch unsere Worte, unsere Taten, unsere äußere Erscheinung, unsere schiere Präsenz verändern wir in jedem Augenblick unseres Daseins das Weltgeschehen; wir veranlassen Andere, sich auf eine Weise zu verhalten, wie sie es nicht tun würden, wenn es uns nie gegeben hätte – was sich wiederum in deren Umgebung auswirkt. Bei näherem Hinsehen gleicht jede unserer Handlungen, selbst die unscheinbarste, einem Steinwurf ins Wasser, der Wellen schlägt, die sich über alle Weltmeere fortpflanzen. (Zum Beispiel: Unterbräche ich jetzt die Arbeit an diesem Manu­skript, um beim Bahn­hofsbäcker ein Stück Kuchen zu holen, so würde ich auf dem Bahnhofsvorplatz vielleicht den letzten freien Park­platz belegen, woraufhin jemand anders sein Auto weiter entfernt abstellen muss, weshalb er knapp den Zug verpasst, in dem er womöglich seinen künftigen Lebensge­fähr­ten kennenlernen würde, der sich daraufhin vom bisherigen Ehepartner scheiden ließe, was sich auf das Schick­sal der gemeinsamen Kinder, auf den geplanten Hausbau, auf Urlaubspläne, auf ihre beruf­lichen Karrieren auswirken würde usw.) Jeder von uns, vom Penner bis zum Prä­siden­ten, zieht eine einmalige, folgenschwere Spur durch die Zeitgeschichte des gesamten Planeten. Durch sein schieres Da-Sein verändert er den Wel­tenlauf für immer, weit über seinen Tod hinaus. Doch nicht jedem Materialisten gelingt es, sich mit solchen eher metaphorischen Varianten von Unsterblichkeit gleichmütig abzufinden. Manchen quält durch­aus die Aussicht, vor welcher ihren religiösen Mitmen­schen erst recht graut: das vollständige, endgültige Ausge­löscht­werden. Die Vernichtung. Während es für Christen nicht schlimmer kommen kann, als nach dem letzten Atemzug zur Hölle zu fahren, schwante be­reits den alten Ägyptern noch Übleres: Wer in der unterweltlichen Justizhalle bei der Prü­fung vor dem Totengericht durchfällt, dem blüht als größtmögliche Strafe die endgültige Nichtexistenz. Noch fünf Jahr­tau­sende später bleibt dieses Grauen nachvollziehbar. Gibt es Schrecklicheres, als zu nichts zu werden? Wie können wir einem Camp­teilnehmer helfen, der unter der Befürchtung leidet, dass nichts von alledem eintreten wird, was Religion und Eso­terik für den Todesfall in Aussicht stellen? Immerhin je­der zweite Bundesbürger mag sich nicht damit abfinden, dass mit seinem Tod "alles aus" sein soll; unter den 18 bis 29 Jahre alten Deutschen sind es sogar 64 Prozent. (46) Objektiv betrachtet, scheint der eigene Tod ein Ereignis, mit dem man sich nicht nur wohl oder übel abzufinden hat, sondern das sich aus Einsicht akzeptieren lässt. Reichlich Grün­de dafür werden bei Grabreden erwähnt, wir lesen sie in Kondolenzschreiben und Todesanzeigen; wir hören sie in Beileidsbekundungen von Freunden und Bekannten des Verstorbenen, die damit die nächsten Hinterbliebenen aufrichten wollen; Seelsorger und Therapeuten bedienen sich ihrer, um bei der „Trauerar­beit“ behilflich zu sein. Über religiösen Trost hinaus („Got­tes unergründlicher Rat­schluss“, „ … hat XY zu sich geholt“) heißt es dann: - Der Tod sei etwas „Nor­males“ und „ganz natürlich“. Alle Menschen sind sterblich; du bist ein Mensch; also stirbst auch du irgendwann. Logisch. Das gehöre nun mal zum Kreislauf der biologischen Erneuerung, untrennbar verbunden mit allem organischen Leben. So gesehen, ist unser Verschwinden aus der Welt nicht erheblicher als unser hochgradig zufallsbedingtes Auftauchen in ihr. „Tod ist Ziel der Natur, nicht Strafe“, befand Cicero (106 - 43 v. Chr.). Und „wer darüber klagt, dass jemand gestorben ist, klagt darüber, dass er ein Mensch gewesen ist“, meinte der römische Philosoph und Dichter Sene­ca (4 v. Chr. - 65 n. Chr.). - Der Tod mag am Ende eines „erfüllten Lebens“ stehen. Kann man vorher nicht alles erreicht haben, was man sich zum Ziel gesetzt hat, und dafür Dankbarkeit, Liebe und An­er­kennung ernten? Gibt es keinen Punkt, an dem man voller Stolz auf sein Lebenswerk zurückblicken kann, im Gefühl, es sei mehr als genug? „Meine Arbeit ist getan“, sollen Einsteins letzte Worte gewesen sein. - Der Tod kann eine „Erlösung“ sein: von unerträglichen Schmerzen und anderen furchtbaren Lebensumständen. Oft­mals beendet er ein Dasein, von dem es heißt, es sei „nicht mehr lebenswert“. Müssen wir es fertigbringen, im Hinblick auf unsere eigene Ver­nichtung eine solche Per­spek­tive einnehmen? Verflüchtigt sich dann jegliche Angst vor dem Ausgelöschtwerden? Es gelingt nicht. Denn aus einer anderen Perspektive, die jedem von uns näher liegt, nämlich unserer eigenen, ist der Tod weitaus mehr als bloß ein übliches Ereignis im Lauf der Din­ge, und dieses „Mehr“ macht seine erschütternde Tragik aus. Auch wenn es völlig normal ist, dass Katzen Mäuse fressen, und dieser Umstand insofern nicht sinnvoll beklagt werden kann, tröstet das die Maus nicht im geringsten. Wird der Tod für den, der ihn vor Augen hat, dadurch zum Horror, dass er zu nichts wird – dass alles, was ihn ausmacht, erloschen sein wird wie eine ausgeblasene Flamme? Aber was schert es die Flamme, wenn sie ausgegangen ist? In Wahrheit ist es eher das Sein im Nichts, vor dem vielen graut, als das Nichtsein. Nach der Beerdigung eines Verwandten meinte meine damals fünfjährige Tochter sichtlich erschüttert zu mir: „Ich will nie, nie, nie tot sein. Sonst wäre ich ja für im­mer unter der Erde in so einem Sarg eingesperrt, alles um mich herum wäre schwarz, und niemand würde sich mehr um mich kümmern.“ Diese Furcht geistert keineswegs nur durch die Vorstellungswelt von Klein­kindern. (47) Auch vielen Erwach­se­nen erscheint der Tod als eine endlose Isolationshaft in stock­dunkler Stille, verbunden mit völliger Regungslosigkeit und sensorischer Deprivation in ihrer grausamsten Form, schlim­mer noch als die Camera silens, berüchtigter Bestandteil von CIA-Foltermethoden. (48) Doch dieses Grauen vor der schlechthinnigen Vernichtung im Tod rührt von verqueren Vorstellungen her. (49) Gleicht der Tod der finstersten Nacht? Der Vergleich hinkt: Im Dunkeln bin ich es, der sich in ihr fürchtet, in ihr nichts mehr sieht, in ihr friert. Tot hingegen bin ich nicht mehr. Wenn ich mich davor fürchte wie vor dem Dunkel, so male ich mir einen Zustand aus, in dem ich noch bin, während ich nicht mehr bin - sozusagen als Zeuge meiner eigenen Nichtexistenz. So verstanden, ist Todesangst grundsätzlich absurd. Falls nach dem Tod nichts mehr kommt, dann auch nichts, wo­vor man sich fürchten müss­te. Manch einer glaubt sich auf seinen Tod zuzubewegen wie auf den Eingang einer Höhle. Und nun grübelt er, was ihn erwartet, nachdem er sie betreten hat. Wird er dann für immer im Finsteren sein? Oder wird er ein Licht gewahren, das ihn zu einem Ausgang führt, hinter dem sich ihm eine andere Welt eröffnet? Er rechnet nicht damit, dass diese Höhle im selben Augenblick verschwindet wie er selbst. Dass sie nur ist, indem sie in ihm ist. Ebensowenig ist die subjektive Todesangst dadurch ausreichend erklärt, dass sie dem Faktum der eigenen Nichtexi­stenz gilt. Es gab mich nicht, ehe ich geboren wurde. Es hätte sein können, dass es mich niemals gegeben hätte. Trotz­dem erschüttert mich die Mög­lichkeit des praehumen Nicht­seins, oder gar des Nie-Gewe­sen­seins, weitaus weniger als des posthumen. (50) Zwar mag ich bedauern, nicht schon als römischer Tribun oder als mittelalterlicher Burgherr ge­lebt zu haben, und falls irgendwann Zeitreisen möglich sind, würde ich womöglich ein Ticket kaufen. Aber das Wissen, in der Vergangenheit noch nicht gewesen zu sein, berührt mich nicht annähernd so stark wie die Aussicht auf mein Nicht­sein in der Zukunft. Eine ähnlich eigentümliche Asym­metrie besteht bei anderen Er­eignissen und Zuständen: Der Schmerz, den ich durchlitten habe, ist für mich weniger schlimm als der, den ich auf mich zukommen sehe. Ängstigt der eigene Tod, weil er einem Koma zu gleichen scheint: nichts mehr wahrnehmen, denken, fühlen, handeln können? Aber käme er mir dann nicht weitaus weniger schlimm vor, als er es tatsächlich tut? „Ist der Tod nur ein Schlaf, wie kann dich das Sterben erschrecken? Hast du es je noch gespürt, wenn du des Abends entschliefst?“, fragte der deutsche Dichter Friedrich Hebbel (1813-1863). Bewusstlo­sig­keit hindert mich an allem, was mir möglich wäre – doch immerhin bleiben es weiterhin Möglichkeiten des Tuns und Erlebens, die ich andernfalls realisieren könnte (und es täte, falls ich wieder zu Bewusstsein komme). Zum Schlaf, wie lange auch immer er währt, gehört die Chance, irgendwann aufzuwachen, wie gering sie auch sein mag. Der Konjunktiv passt noch: Weiterhin könnte ich. Inso­fern ist mein Tod viel einschneidender: Er zerstört all meine Möglichkeiten ein für allemal, indem er ihr Subjekt vernichtet. Daher hinkt der Vergleich. Was den Tod, subjektiv betrachtet, grauenvoll macht, sind zwei andere Besonderheiten. (51) Die eine hat mit Erwartung zu tun. Mein Tod gehört zu meiner Zukunft, und meine Einstel­lung dazu, was diese mir bringen wird, schließt immer auch eine Vorausschau ein. Wie wird es sein, nächsten Sommer Ur­laub in der Karibik zu machen? In eine andere Stadt umzuziehen? Ein Vermögen zu besitzen? Enkelkinder zu haben? Was hingegen mein Ableben betrifft, gibt es nichts, dessen ich noch harren könnte – das schiere Nichts als solches ist kein möglicher Erwartungs­inhalt. Und dieses Hemmnis verstört zutiefst. Zum anderen schließt mein Tod ein, dass ein Parallelismus en­det, der für mich zum Aller­selbstverständlichsten gehört, seit es mich gibt. Auch wenn es geradezu grotesk banal klingt, stimmt es trotzdem: An mein eigenes Dasein habe ich mich sehr gewöhnt. So weit ich zu­rückdenken kann, gibt es mich. Objektive und subjektive Zeit liefen immer parallel. Im Tod driften beide auseinander, nicht bloß insofern, dass die Welt da draußen ihren Fort­gang nimmt, ohne dass ich noch in ihr vorkomme. Mein Tod als Ereignis in der Welt ist leicht zu begreifen – ganz im Gegensatz zum Ende meiner Welt. Das ist es, was mich bei der Vorstellung meines künftigen Nichtseins alarmiert, beängstigt und fassungslos macht, sobald ich mich darauf einlasse, sie in mir heraufzubeschwören. Nichts kann dieses Grauen bannen, und deshalb verdient es mein Tod, dass ich ihn verfluche. Aber ist es nicht zumindest unter bestimmten Umständen gut, dass ein Leben zwangsläufig endet? Oftmals erlöst er von einem erbärmlichen Dasein in Armut, Unfreiheit, Lieblosig­keit, Schmerz und Angst. „Der Tod ist die Befreiung und das Ende von allen Übeln, über ihn gehen unsere Leiden nicht hinaus“, so bemühte sich der römische Philosoph und Schriftstel­ler Seneca (ca. 4 v. Chr - 65 n. Chr.) um tröstliche Worte. Aber selbst dann bleibt der Tod schrecklich: Denn er beraubt sein Opfer ein für allemal jeglicher Möglichkeit, zumindest in Zukunft mehr Gutes als Schlechtes zu erleben. Manche Philosophen bemühen sich, uns das Sterbenmüssen un­ter allen Umständen schmack­haft zu machen, indem sie uns die „Langeweile der Unsterblichkeit“ ausmalen. (52) Könnte es sein, dass sich solche Leute einfach schneller langweilen lassen als ich? Und wür­de ihnen dieser Wesenszug jenseits nicht früher oder später den gleichen Frust bescheren wie diesseits? Durchaus vor­stellen kann ich mir, dass ich irgendwann jedes be­stimmten Lebens überdrüssig werde – aber des Lebens an sich? Nicht, solange ich frei bin, die Umstände meines Daseins so zu verändern, dass sie mir Neues zu bieten haben, und meine Phantasie reicht bei weitem nicht aus, mir alle erdenklichen Optionen auszumalen, die ich dabei ernsthaft in Be­tracht ziehen würde. Antoine de Saint-Exupery (1900-1944), dem großen französischen Schriftsteller, widerspreche ich heftig, wenn er behauptet: „Das, was dem Leben Sinn verleiht, gibt auch dem Tod Sinn.“ (53) Je mehr mich mein Leben befriedigt und erfüllt, desto lieber hätte ich noch mehr davon. In meinen Exitus würde ich, falls ich wählen könnte, nur in zwei Fällen einwilligen: wenn mein jetziges Leben unerträglich wäre – zum Beispiel aufgrund ständiger starker Schmerzen -, ohne die geringste Aussicht auf Besse­rung; oder wenn ich sicher wäre, dass etwas Schreckliches unabwendbar auf mich zu­kommt, sei es ein alles vernichtender Kometeneinschlag, eine Zombie-Invasion, eine Pande­mie ohne Gegenmittel, eine weltweite radioaktive Verseu­chung oder irgendein anderes apokalyptisches Szenario. An­sonsten würde ich mich vor der Wahl, entweder in wenigen Mi­nuten tot oder noch eine Woche länger da zu sein, immer fürs Weiterleben entscheiden; daraus schließe ich mit induktiver Logik, dass ich niemals sterben möchte. (54) Lieber diesseits unsterblich Der Tod ist schrecklich, und Angst davor hätte ich, mit Woody Allens köstlichem Bon­mot, bloß dann nicht, wenn ich nicht dabei sein müsste, wenn er eintritt. (55) Weil ich vermute, dass die meisten Menschen ähnlich empfinden, steht für mich außer Frage, dass jede Technik, die unsereins physisch unsterblich machen kann, auf reißende Nachfrage stieße, sobald sie einigermaßen zuverlässig und erschwinglich wäre. Dazu werden wir weder nach mythischen Jungbrunnen noch nach Dukateneseln suchen müs­sen, mit denen wir uns den Anti-Aging-Wucher mit Kos­metika, Nahrungsergän­zungs­mitteln und ästhetischer Chi­rurgie leisten können. Vielmehr könnte Gentechnik den vorprogrammierten Zelltod aufhalten, indem sie gezielt einzelne Bau­steine unserer Erbinformation ausschaltet und neue einfügt, somit den Alterungsprozess stoppen – unser Körper würde dann ebenso potenziell un­sterblich wie bestimmte Qual­len, Pilze, Seegurken und Poly­pen. Nanomaschinen könnten dauerhaft im menschlichen Kör­­per eingesetzt werden, um Pathogene unschädlich zu ma­chen, Krebs in Schach zu halten und Reparaturarbeiten durchzuführen. Mit „therapeutischem Klonen“ könnten neue Zellen, Gewebe, ganze Organe aus unserem eigenen Erbgut nachgezüchtet und eingesetzt werden. Weitere technische Im­plantate, über künstliche Her­zen hinaus, könnten den anfälligen menschlichen Orga­nismus erhalten, verbessern - und zum unverwüstlichen Cy­borg umwandeln. Bewusst­seins­relevante Teile des Ge­hirns könnten in digitale Me­dien ausgelagert werden („Mind-Uploading“). Manche dieser Techniken schweben noch in der Sphäre von Ge­dan­kenexperimenten, andere be­fin­den sich schon in der Erpro­bungsphase, vereinzelt sind sie bereits Praxis. Wer weitere Fort­schritte abwarten will, je­doch befürchtet, dass er sie nicht mehr erleben wird, könnte sich auf die Kryonik einlassen (von griech. kryos: Kälte): Mit flüssigem Stickstoff wird sein Organismus auf minus 196 Grad tiefgekühlt; dadurch kommt jegliche Bio­aktivität in ihm zum Erliegen, womit ei­nem weiteren Verfall seines Ge­we­bes Einhalt geboten wird. (Zur Konservierung wird neuerdings ein „Vitrifi­zie­rung“ genanntes Verfahren eingesetzt, das verhindert, dass Eiskristalle Zellen schädigen.) Zu einem Zeitpunkt eigener Wahl würde er, hoffentlich körperlich unversehrt und men­tal heil, wieder aufgetaut. (56) Auf die eine oder andere Weise gelänge es den „Auswege“-Camps des 22. Jahrhunderts bestimmt, Teilnehmern Todes­angst zu nehmen: nicht durch religiöse Vertröstungen, spiritualistische Versicherungen, unsichere Parapsychologie oder nebulöse Quantenmystik, sondern durch eine Adressenliste der seriösesten, erfolgreichsten biotechnischen Lebensver­län­gerer. Sinnigerweise würde sich somit schließlich ein uneingelöstes Versprechen mancher Re­ligionen erfüllen: Manche Strö­mungen des Taoismus, der bis ins 4. Jahrhundert vor Christus zurückreicht, stellten physisches Immerwähren durch Kultivierung von Geist und Körper zum Xian („Unsterb­licher“) in Aussicht; demselben Ziel widmete sich jahrhundertelang die chinesische Alche­mie. (Ihr Wahn, Hauptbestand­teil des Lebenselixiers sei das quecksilberhaltige Zinnober, kostete vielen Gutgläubigen das Leben.) Auch vereinzelte Bibelpassagen stellen nicht bloß außergewöhnliche Langlebig­keit in Aussicht, wie bei Methu­salem und den Erzvätern, sondern physische Unsterblichkeit, wenngleich nur kraft eines göttlichen Willensakts: „Einige von euch werden den Tod nicht schmecken, bis sie das Reich Gottes sehen“ (Lukas 9,27). (57) Wem er ganz und gar nicht schmeckt, kann neuerdings hoffen: Der Tod scheint bloß noch ein ungelöstes technisches Problem. Grundsätzliche Zwei­fel daran, dass sich der Mensch dereinst biologisch unsterblich machen kann, scheinen mir von Unkenntnis der längst stattfindenden, ungeheuer dynamischen Forschungsaktivitäten zu diesem Ziel herzurühren. So­bald solche Mittel verfügbar sind, wird die Mortalitätsrate weltweit zwar drastisch sinken (und alle Probleme der Be­völkerungsexplosion vervielfachen, sofern nicht zusätzlicher Lebensraum erschlossen, die Geburtenrate drastisch ge­senkt oder gnadenlos Euthanasie betrieben werden kann). Bestimmt wird sie aber niemals gegen Null gehen. Zum einen dürften in noch so ferner Zukunft stets äußere Umstände eintreten, unter denen Menschen gegen ihren Willen umkommen, auch in größerer Zahl: sei es durch Unfälle, die irreparable Schä­den zur Folge haben; durch Umweltkatastrophen, soweit sie weiterhin weder präzise vorhersehbar noch beherrschbar sind; durch Seuchen, gegen die nicht rechtzeitig ein Impfstoff gefunden wird; durch brutale Unterdrückungsregi­mes; oder durch Kriege, ob nun gegen Artgenossen, Maschinen oder Aliens. Zum anderen könn­ten Menschen auch künftig aus freien Stücken ihren Tod vorziehen, aus unterschiedli­chen Erwägungen: Sie könnten jedes erdenklichen Daseins, des Lebens an sich, überdrüssig werden. (Kryonik macht diese Möglichkeit allerdings noch un­wahrscheinlicher, als sie schon heute ist: Wen sein mo­mentanes Dasein anödet, der könnte sich tiefgefroren eine Weile schlafen legen, bis die Welt voraussichtlich eine andere geworden ist – im Ver­trauen darauf, dass die soziokulturelle Entwicklung auf diesem Pla­neten ähnlich dynamisch voranschreitet wie bisher. Hätte die Kryostase-Tech­nik schon Mitte des vorigen Jahrhun­derts zur Verfügung gestanden, so hätte eine Tief­kühl­phase von wenigen Jahr­zehn­ten genügt, um in einer drastisch veränderten Welt aufzuwachen.) Sie könnten sich von einer schweren psychischen Last befreien wollen, die sie anders nicht loswerden (es sei denn, solche Zustände können mit künftiger Neurotech­nik ebenso mühelos gelöscht werden wie überflüssige Datei­en und Programme von der Festplatte eines Computers); sie könnten ihr Leben opfern – für Werte, für eine gute Sache, für andere Menschen. Oder sie entschließen sich zum Freitod aus reiner Neugier: nicht auf das Nichtsein, sondern auf die mögliche nachtodliche Alter­native, das Weiterexistieren in einer radikal anderen, körperlosen Seinsform. Solange der Tod unausweichlich auf uns zukommt – nach wenigen Jahrzehnten, was ein Großteil der Heutigen als zu kurz empfindet -, sondern zur frei wählbaren, zu einem beliebigen Zeitpunkt wahrnehmbaren Op­ti­­on wird, könnte bei vielen Menschen irgendwann schiere Abenteuerlust über die Furcht vor dem ungewissen Danach obsiegen. Sie beschlössen aus einem vergleichbaren Motiv zu sterben, das 200’000 Zeitgenos­sen aus 140 Ländern veranlasst hat, sich für einen Platz in der ersten Marskolonie 2025 zu bewerben, wohlwissend, dass sie von dort nie mehr zurück­kehren werden.58 Also waltet zwar in jeder vorstellbaren menschlichen Zukunft wohl weiterhin der Tod – doch seinen Schrecken hätte er verloren. Es gehört durchaus keine überbordende Science-Fiction-Fantasie zu der Prophezeiung, dass sich bei Teilnehmern des 200. bis 300. „Auswege“-Camps (bei weiterhin vier pro Jahr) das Problem der Todes­angst vor diesem Hintergrund nicht mehr stellen würde. So mancher Campteilnehmer, der sich den Kopf über ein mögliches Leben nach dem Tode zerbricht, versäumt es nach unseren Eindrücken im übrigen sicherzustellen, dass es für ihn ein Leben vor dem Tode gibt. Wenn dein Leben endet, solltest du sagen können, dass du gelebt hast. (59) Ist jeder Todesfall ein therapeutischer Misserfolg? „Wann folgt die Ursache der Wirkung? Wenn ein Arzt hinter dem Sarg seines Patienten hergeht." Damit die Pointe an­kommt, muss Zuhörern ein­leuch­ten: Ein Arzt, dessen Pa­ti­ent stirbt, hat versagt. Eine Therapie, die den Behandelten nicht retten kann, war nutzlos, zumindest in seinem Fall; nun steht der Therapeut blamiert da. Mit derselben Erwartung se­hen sich unkonventionell Hei­lende unentwegt konfrontiert. Deren "Erfolg" messen Hilfe­suchende und ihre Angehö­rigen zumeist daran, wie rasch und vollständig Symptome verschwinden oder zumindest nachlassen, ein Leiden "be­siegt" oder wenigstens erträglicher ge­macht wird. Doch wenn eine Er­krankung allen therapeutischen Bemühungen zum Trotz unaufhaltsam voranschreitet - taugt dann der Heiler nichts? Alexander, Ida, Joachim: Sie alle sind inzwischen tot. Also sind wir gescheitert? Wer derart richtet, begreift nicht, worum es geht. Ganz­heitliches Heilen ist in erster Linie eine besondere Form, in der Menschen, ganze Perso­nen, in einer therapeutischen Beziehung miteinander umgehen: eine Form von spiritueller Genesungshilfe, in der Anteil­nahme, Vertrauen, liebevolle Zuwendung und sinnorientierte Wegbegleitung eine Schlüsselrolle spielen. Dabei sollten wir das Wort "Heilen" ganz wörtlich nehmen: Einen Menschen zu heilen bedeutet eigentlich, ihn "heil", das heißt "ganz" zu machen, und dazu gehört weitaus mehr, als nur gewisse defekte Teile seines Kör­pers zu reparieren. Ein Krebspatient beispielsweise mag als kuriert gelten, wenn seine Tumoren verschwunden sind und mehrere Jahre nicht wiederkehren; aber ihn zu heilen erfordert, die ganze Vielfalt von äußeren und inneren Bedingungen zu erkunden und zu beseitigen, die ihn überhaupt erst krank werden ließen: zum Beispiel belastende soziale Beziehungen, unausgewogene Ernährung und andere ungesunde Lebensgewohnheiten, mancherlei Ängste, Komplexe und Zwänge, sein Hadern mit dem Schicksal, vielleicht auch verlorene Werte und Sinnlee­re60, oder irgendein erlittenes Un-Heil, eine krankmachende Kränkung, mit der er nicht fertig wird. Was ein guter Heiler tut, steht der Seelsorge des Priesters insofern viel näher als der therapeutischen Interven­tion des Schulmediziners. Hei­ler betreiben sozusagen Heil­sorge, in Sorge um das Heil ihrer Klienten. Und heil werden kann ein Mensch durchaus, ohne symptomfrei zu werden. Einen Krebskranken zu heilen, kann auch bedeuten, ihn mit seinem Schicksal auszusöhnen; ihm Angst und Verzweiflung zu nehmen; ihn auszusöhnen mit dem Unausweichlichen, gegen das er sich vergeblich aufbäumt; ihn darauf vorzubereiten, es gefasst anzunehmen; es ihm leichter zu machen, Abschied zu nehmen – von seinen Liebsten wie von allem, was ihm wichtig war -, ohne Bitterkeit loszulassen; nicht länger damit zu hadern, was er im Lebensrückblick bereut: "Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, mein eigenes Leben zu leben"; "Ich wünschte, ich hätte nicht so viel gearbeitet"; "Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, meine Gefühle auszudrücken"; "Ich wünschte mir, ich hätte den Kontakt zu meinen Freunden aufrechterhalten"; "Ich wünschte, ich hätte mir erlaubt, glücklicher zu sein". (61) Und vergeben zu können. Zwei Dinge, so betonte schon Martin Luther (62), seien am Lebensende wichtig: Wen möch­te ich noch um Verzei­hung bitten? Und wem muss ich noch etwas verzeihen? So war es bei Sonja Jost. (63) Sie war erst 45. Aber sie hatte Krebs im Endstadium, mit Metastasen im ganzen Körper. Mit unsäglichen Schmerzen und Atemnot lag die Lehrerin in einer südostbayerischen Kli­nik. Ihre Ärzte erwarteten, dass sie jede Minute sterben würde. Doch Sonja gab nicht auf. Sie rief einen Heiler aus dem „Auswege“-Netzwerk zu sich, der sie fortan täglich eine Stun­de lang behandelte. Die Stati­onsleitung hatte nichts dagegen: Der Fall schien ihr ohnehin "hoffnungslos". Doch seit der Heiler zu ihr kam, konnte sie sich entspannen und besser schlafen. Die Schmerzen wurden erträglicher, das At­men fiel ihr leichter, das Wasser in ihren Lungen wurde weniger. "Sie konnte wieder lä­cheln", erinnert sich der Heiler, "und hatte tiefe Einsichten über ihr Leben und ihre Haltung gegenüber sich selbst." Nach zehn Tagen starb sie friedlich und schmerzfrei: nicht kuriert, aber heil. (Harald Wiesendanger) Dieser Beitrag erschien zuerst im Buch von Harald Wiesendanger: Auswege – Kranken anders helfen (2015). Anmerkungen 1 zit. in Spiegel Wissen 4/2012, S. 85. 2 An die biblische Verheißung, am Ende aller Tage finde eine Auf­erstehung des Fleisches statt, glauben nur noch 35 Prozent der Deut­schen, 59 Prozent zweifeln daran, wie 2007 eine Repräsentativ­um­frage im Auftrag des ­Nachrich­tenmagazins Der Spiegel (Nr.15/ 2007) ergab. 3 So verheißt der 23. Psalm. 4 Johannes-Offenbarung, Vers 6 5 Offenbarung 21: 16-23, 22:2 6 Nach Spe salvi (lat. „Auf Hoff­nung hin sind wir gerettet“), der zweiten Enzyklika von Papst Bene­dikt XVI., veröffentlicht im No­vem­ber 2007. 7 Joseph Ratzinger: „Fegefeuer“, aus ders.: Eschatologie – Tod und ewiges Leben (= Kleine Katholische Dogmatik 9), Regensburg 1977, S. 188, 189 f., in: Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz (Hg.): Der Glaube der Kirche. Ein theologisches Lesebuch aus Texten Jo­seph Rat­zin­gers, Bonn, 2011 (Ar­beitshilfen; Nr. 248), S. 54 f. 8 So Papst Johannes Paul II. in „Das Leben nach dem Tod. Drei Ansprachen bei Generalaudienzen im Sommer 1999 über Himmel, Hölle und Fegefeuer, www.vatican.va/holy_father/john_paul_ii/audiences/1999/documents/hf_jp-ii_aud_28071999_ge.html. 9 so Hans Küng, Rudolf Bultmann, Uta Ranke Heinemann. 10 Paul Althaus: Die letzten Dinge, 111ff. u.a.; Karl Barth: Dogmatik im Grundriss, Zürich, 7. Aufl. 1987, S. 138 u.a.; Karl Barth: Die Kirchliche Dogmatik, Bd. III/2, Zollikon-Zürich 1948, S. 524ff u.a.; Paul Tillich: Systematische Theologie, Bd. 3, Stuttgart 1966, S. 450ff., 459ff. Carl Stange: Die Unsterblichkeit der Seele, Studien des apologetischen Seminars 12, Gütersloh 1925. Ganz­tod-Konzepte finden sich auch bei einigen Religionsgemeinschaften wie den Gemeinden Christi, den Siebenten-Tags-Adventisten, der Bibelforscherbewegung und den Christadelphians. 11 siehe z.B. Matthäus 10,28; Apg 20,10. Auch Matthäus 25,46 legt eine ewige Existenz der Seele nahe. 12 Unmissverständlich heißt es in der Jesaja-Apokalypse (Jes 26,10): „Ihre Leichen werden auferweckt werden.“ Nach Ezechiel 37,1-4 werden alle verwesten Israeliten für ein neues leibliches Leben wie­derhergestellt, was das Leerwer­den ihrer Gräber einschließt. 13 Buch Daniel 12,2f. 14 Artikel „Auferstehung“ im „Glaubens-ABC“ der Evangeli­schen Kirche in Deutschland, s. www.ekd.de/glauben/abc/index.html 15 Schabbat 152b, mit Bezug auf die „Sprüche Salomos“ 12,28. 16 s. Harald Wiesendanger: Zurück in frühere Leben – Möglichkeiten der Reinkarnationstherapie, München 1991, S. 147. 17 Diese Analogie zieht der philosophische Funktionalismus, s. Zurück in frühere Leben, a.a.O., 147f., und Harald Wiesendanger (Hrsg.): Wiedergeburt – Herausforde­rung für das westliche Denken, Frankfurt a.M. 1989, S. 34. 18 Siehe dazu Harald Wiesendanger: Die Jagd nach Psi, Braunschweig 1989; ders.: Zurück in frühere Leben, a.a.O.; ders. (Hrsg.): Wiedergeburt, a.a.O., sowie die dort angegebene weiterführende Literatur. 19 Quintessenz: Die alte Hindu­mystik ist metaphysisch verpackte Quantentheorie. 20 Unter Parapsychologen haben Walter von Lucadous „Modell der Pragmatischen Information“ so­wie die „Generalisierte Quanten­theorie“ von Harald Atmans­pa­cher, Hartmann Römer und unserem „Auswege“-Beiratsmit­glied Harald Walach Beachtung gefunden; s. Walter von Lucadou: Psi-Phänomene – Neue Ergebnisse der Psy­­cho­­kineseforschung, Main/ Leip­­­zig 1997; H. Atmanspacher, H. Römer, H. Walach: “Weak quantum theory: Complemen­tarity and entanglement in physics and beyond”, Foundations of Physics 32/2002, S. 379–406. Andere Konstrukte beschreiben eine supra-physikalische Wirk­lich­keit mit vielen weiteren Di­mensionen bzw. Energien, in die unsere raum-zeitliche Realität eingebettet ist. Beispiele dafür sind die 12-Dimensionen-Physik von Burkhard Heim (1925-2001) und Klaus Volkamer sowie die Theorie von Johannes Matthaei, die von zwölf zusätzlichen Ener­giearten ausgeht. Burkhard Heim: Elemen­tar­strukturen der Materie: Einheit­liche strukturelle Quanten­feldt­heorie der Materie und Gravi­tation, 2 Bän­de, Innsbruck, 3. Aufl.1998; Klaus Volkamer: Fein­stoffliche Erweite­rung der Naturwis­sen­schaften. Wei­ßensee, 2007. 21 In der „Psi-Feld“-Theorie des Ungarn Ervin Laszlo beispielsweise erschöpft sich meine „Un­sterblichkeit“ darin, dass ich zu Lebzeiten Spuren in einem holografisch angelegten „Feld“ hinterlasse, das als „kosmisches Ge­dächtnis“ und Ordnungsprinzip fungiert: Das fünfte Feld (2000), Holos - Die Welt der neuen Wissen­schaften (2002).) 22 Zu ihnen zählt Burkhard Heim (1925-2001): Postmortale Zustände? Die televariante Area integraler Weltstrukturen, Innsbruck 2. Aufl. 1988 23 Roger Penrose: The Large, the Small and the Human Mind, Cambridge 1997, dt.: Das Große, das Kleine und der menschliche Geist, Heidelberg/Berlin 2002; ders.: Shadows of the Mind. A Search for the Missing Science of Consciousness, Oxford 1994; dt.: Schatten des Gei­stes. Wege zu einer neuen Physik des Bewusstseins, Heidelberg/Berlin/ Ox­ford 1995. 24 Rolf Froböse: Die geheime Physik des Zufalls – Quantenphänomene und Schicksal, Norderstedt 2008. 25 What the Bleep Do We Know (2004) versucht in der Machart einer „Dokumentation“, Verbin­dun­gen von Quantenphysik und Neurologie mit Spiritualität und Mystik „aufzudecken“ – sensationell erfolgreich zumindest, was seine Resonanz betrifft: Mit über einer Million Kinobesuchern in den USA und 270'000 in Deutsch­land schaffte er es in die Top 25 der meistgesehenen Dokumentarfilme aller Zeiten. 26 Ein vorbildliches Beispiel bietet die Auseinandersetzung des theoretischen Physikers Christian Sämann mit Laszlos „Psi-Feld“-Theorie, s. www.christiansaemann. de/files/holos.pdf: „Anmer­kun­gen zu Ervin Laszlos ‚HOLOS – die Welt der neuen Wissenschaften’“, 21 S. 27 s. Eduard Kaeser, „Von der Quantenphysik zur Quantenreli­gion – Wie mit einer mysteriösen Theorie alles Mysteriöse erklärt wird“, Neue Zürcher Zeitung, 16.5. 2012; Martin Lambeck, „Die Deu­tungen der Quantenphysik durch F. Capra und seine Nach­folger“, Praxis der Naturwissen­schaften/Phy­sik 2/42, 1993, S. 17-24; ders.: „Phy­sik und New Age (I) – Können sich New Age, Parawis­sen­schaften und Esoterik auf die moderne Physik stützen?“, Berliner Dialog 1995, S. 51-53; ders.: „Können Paraphäno­mene durch die Quantentheorie erklärt werden?“, Zeitschrift für Parapsychologie und Grenzgebiete der Psychologie 39 (1/2) 1997, S. 103-115; Victor J. Stenger: „Quanum Quackery“, Skeptical Inquirer, Jan/ Feb 1997). 28 Typisch dafür ein Werbetext zu Burkhard Heims Buch „Postmorta­le Zustände“: „Ist es möglich, dass (…) der Persönlichkeitskern den Tod des materiellen Körpers überlebt (…), mit einem neu entstehenden biologischen Körper Kontakt aufnimmt und sich mit diesem verkoppelt? Heim untersuchte unter anderem die Frage, welche Eigen­schaften materielle Struktu­ren be­sitzen müssen, damit solche An­kopplungen stattfinden können.“ Nach www.engon.de/protosimplex/books/b12.htm. 29 Markolf Niemz: Lucy mit c: Mit Lichtgeschwindigkeit ins Jenseits, Nor­derstedt 2005; Lucy im Licht: Dem Jenseits auf der Spur, München 2007; Lucys Vermächtnis: Der Schlüssel zur Ewigkeit, München 2009; Bin ich, wenn ich nicht mehr bin? Ein Physiker entschlüsselt die Ewigkeit, Freiburg 2011. 30 Darauf weist der Leipziger Neurologe Birk Engmann hin: „Nahtoderfahrungen. Eine Gratw­anderung zwischen Wissen und Glauben, aus historischer Per­spektive betrachtet“, Internationale Zeitschrift für Philosophie und Psy­chosomatik 1/2012; ders.: Mythos Nahtoderfahrung, Stuttgart 2011. 31 Das Quark und der Jaguar, München 1994, S. 246-257, ib. S. 254 ff. 32 Ken Wilber: Quantum Questions: Mystical Writings of the World's Great Physicists (1984) 33 Im Interview mit dem Online-Magazin Integrales Leben, s. http://integralesleben.org/de/il-home/il-integrales-leben/anwendungen/wissenschaft/quantenwirklichkeit-mystik) 34 a.a.O. 35 In einem kritischen Kommentar zu Roger Penroses Buch Das Große, das Kleine und der menschliche Geist. 36 Zur Kritik des Realismus in der Mathematik, den unter anderem Kurt Gödel und Paul Erdos vertreten haben – ihm zufolge werden Zahlen, geometrische Figuren, Strukturen und andere mathematische Gegenstände nicht erfunden, sondern entdeckt - s. das Buch Zahlensinn des Mathemati­kers und Hirnforschers Stanislas Dehaene vom Collège de France in Paris: La Bosse des maths, Paris 1997; deutsch: Der Zahlensinn oder Warum wir rechnen können, Basel 1999. 37 John Eccles/Karl Popper: Das Ich und sein Gehirn, München 1982; Eccles: Wie das Selbst sein Gehirn steuert, Berlin 1994; ders.: Die Evolution des Gehirns – die Erschaf­fung des Selbst, München 2002. 38 Rafael Ferber: Philosophische Grundbegriffe, 2003, S. 108f. 39 s. Stephen Hawking/Leonard Mlodinow: Der große Entwurf. Eine neue Erklärung des Universums, Reinbek 2010. 40 Kritik: M. R. Bennett und P. M. S. Hacker: Philosophical Foundations of Neuroscience, 2003, S. 49–57 41 Siehe die Descartes-Gesamtausga­be (Adam/Tannery), Band XI, 180 und III, 666. Die Idee der „Animal­geister“ (spiritus animalis) lässt sich bis zum griechischen Arzt Galen (2. Jh. n. Chr.) zurückverfolgen. Mit ihr versuchte Galen zu erklären, wie das Gehirn mit Sinnes- und Bewegungsorganen in Verbindung treten kann: In den Hirnkammern (Ventrikel) werde ein „psychisches Oneuma“ (pneuma psychikon) er­zeugt und in die röhrenartigen Nervenbahnen gepumpt, geradeso wie Blut aus dem Herzen in die Arterien. 42 Näheres in Harald Wiesendanger: Mit Leib und Seele – Ursprung, Ent­wicklung und Auflösung eines philosophischen Problems, Frankfurt/Ber­lin/New York 1987, S. 55-59. 43 Daniel Dennett: Philosophie des mens­chlichen Bewusstseins, Ham­burg 1994, S. 58. 44 Im Interview mit der britischen Zeitung The Guardian, 15. Mai 2011, anlässlich der Vorstellung seines Buchs Der Große Entwurf – Eine neue Erklärung des Universums, 2010. 45 William Shakespeare, Hamlet V, 2. (Hamlet) 46 Nach einer vom Spiegel in Auftrag gegebenen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts TNS Emnid Ende März 2007. 47 „Die Menschen fürchten den Tod, wie Kinder sich fürchten, im Dunkeln zu gehen“, verglich Fran­cis Bacon (1561-1626), engli­scher Philosoph, Essayist und Staats­­mann. 48 Bei der Camera silens (lat. „schweigender Raum“) handelt es sich um einen vollständig dunklen und schallisolierten Raum. Bei Häftlingen werden darin alle Sinnesorgane - Augen, Ohren, Mund, Nase, Hände, Füße, Haut – bestmöglich von jeglichen Außen­reizen abgeschirmt. 49 Siehe hierzu Harald Wiesendanger: Auf der Suche nach Sinn. Allerletzte Antworten auf letzte Fragen, Schön­brunn 2005, S. 37 ff. 50 Insofern irrte Seneca, als er beides gleichsetzte: "Wenn einer die Toten bemitleidet, so muß er auch die noch nicht Geborenen bemitleiden. Seneca: Vom glückseligen Leben, 14. Aufl. Stuttgart: Kröner, 1978, S. 146, Trostschrift an Marcia 19. Denselben hinkenden Vergleich bemühte 1800 Jahre später der deutsche Philosoph Arthur Scho­pen­hauer; „Wenn, was uns den Tod so schrecklich erscheinen läßt, der Gedanke des Nichtseyns wäre; so müßten wir mit dem gleichen Schauder der Zeit gedenken, da wir noch nicht waren. Denn es ist un­umstößlich gewiß, daß das Nichtseyn nach dem Tod nicht verschieden seyn kann von dem vor der Geburt, folglich auch nicht beklagenswerther.“ Arthur Scho­pen­hauer (1788 - 1860), deutscher Philosoph. 51 Thomas Nagel: Der Blick von nirgendwo, a.a.O., S. 386-398; ders.: Was bedeutet das alles?, Stuttgart 1990, S. 88-94. 52 So beispielsweise Bernard Williams, „Die Sache Makropulos: Reflexionen über die Langeweile der Unsterblichkeit“, in: Probleme des Selbst, Stuttgart 1978, S. 133-162. 53 in Wind, Sand und Sterne; frz.: "Ce qui donne un sens à la vie donne un sens à la mort“, in Terre des hommes, 1939, S. 234. 54 Darin folge ich dem amerikanischen Philosophen Thomas Nagel: Der Blick nach nirgendwo, a.a.O., S. 386 f. 55 Woody Allen: „Ich habe keine Angst vor dem Sterben. Ich möchte bloß nicht dabeisein, wenn es passiert.“ 56 Bis Januar 2013 sollen in den USA und Russland bereits knapp 300 Menschen in flüssigen Stick­stoff eingelagert worden sein, zu Prei­sen zwischen 50’000 und 175'000 Euro, bei manchen Anbie­tern zuzüglich Beiträgen für Mit­gliedschaft und Risikolebens­ver­sicherung. Siehe den Artikel „Kryo­nik“ bei Wikipedia.de, Ab­schnitt „Umsetzung“. 57 vgl. Markus 9,1; Johannes 21,22 58 Der Spiegel 34/2014: „Neue Heimat auf dem Mars“; "’Mars One’ wählt 1058 Teilnehmer für Mission zum Roten Planeten aus“, www.spiegel.de/wissenschaft/weltall/mars-one-waehlt-die-ersten-1058-teilnehmer-fuer-mars-mission-aus-a-941603.html. 59 Marcus Aurelius: „Nicht den Tod sollte man fürchten, sondern dass man nie beginnen wird, zu leben.“ 60 Näheres im Beitrag „Auf der Suche nach Sinn“, S. 206 ff. 61 Aus vielen Gesprächen mit Sterbenden zog die australische Palliativpflegerin Bronnie Ware den Schluss, dies seien die „Fünf Dinge, die Sterbende am meisten bedauern“ – so betitelte sie daraufhin ein Buch, das zum Bestseller wurde (11. Aufl. 2013; Or.: The Top Five Regrets of the Dying). 62 In seinem „Sermon von der Bereitung zum Sterben“ von 1519. 63 Ein Pseudonym (Harald Wiesendanger) Dieser Beitrag erschien zuerst im Buch von Harald Wiesendanger: Auswege – Kranken anders helfen (2015).

  • Der Mann ohne Gliedmaßen – Wenn ein Leben zur Botschaft wird

    Nicholas Vujicic kam ohne Beine und Arme zur Welt. Mit acht Jahren wollte er sich deshalb das Leben nehmen. Die Wende kam, als er an Gott zu glauben begann. Heute sagt er: „Wenn ich alles tun kann, ohne Gliedmaßen zu haben, dann kannst Du es auch!“ Auf Motivationstouren rund um den Globus verkündet er seine Botschaft: Jeder von uns, egal mit welchen Einschränkungen er zurechtkommen muss, hat die Chance auf ein glückliches, erfülltes Leben. Wenn im Wirtschaftswun­der­land ein verwöhnter Nachwuchs das Familien­mahl wieder mal mit Genörgel daran sabotiert, was da an Ungenießbarem bis Ekligem auf den Tisch gekommen ist, ziehen genervte Eltern mitunter die rhetorische Trumpfkarte „Dritte Welt“: „Ist dir klar, dass anderswo Kinder verhungern, während du jam­merst? Die wären froh, wenn sie auch nur eine Handvoll Reis auf dem Teller hätten. Du weißt ja gar nicht, wie gut es dir geht!“ Hilft chronisch Kranken ein ähnliches Argument? Nun ja, Tinnitus, Neu­ro­dermitis oder Multiple Skle­rose sind schlimmer als Kutteln, Griesbrei und Spinat. Aber wie schwer wiegen solche gesundheitlichen Belastungen, verglichen mit einem Leben ohne Arme und Beine? Der Verlust einzelner Gliedmaßen – durch Unfälle, im Krieg, als Krank­heitsfolge – hat Betroffene schon aus lauter Verzweiflung in den Selbst­mord getrieben. Die meisten werdenden Eltern würden sich ohne Zögern für eine Abtreibung entscheiden, falls sich im Ultraschall zeigt, dass ihrem ungeborenen Kind Arme und Beine fehlen. Wie könnten sie ein solches Kind jemals lieben: einen Krüp­pel, wie sie ihn sich in ihren grässlichsten Alpträumen nicht hätten aus­malen können? Und was für ein elendes Leben wäre das für das Kind selbst? Eine extremere Abhängigkeit von der Fürsorge Anderer scheint kaum vorstellbar. Was soll aus einem Menschen mit einer derartigen Ein­schränkung werden, was könnte er überhaupt tun, wie fände er jemals Freude, Glück und Erfüllung? Es geht. Überzeugend beweist dies ein Mann, dessen Körper tatsächlich nur aus Kopf und Rumpf besteht: der Australier Nicho­las James („Nick“) Vujicic. Am 4. Dezember 1982 kam er in Melbourne zur Welt – ohne Arme und Beine; am Ansatz des linken Oberschenkels ist nur ein verkümmerter Fuß mit zwei Zehen vorhanden. Ursache ist ein seltener Gendefekt: Tetraamelie. Der Vater, ein Büroangestellter, muss sich auf der Entbindungsstation übergeben, als er seinen Sohn zum ersten Mal sieht; seine Mutter, eine Krankenschwester, ist derart schockiert, dass es vier Monate dauert, bis sie sich dazu überwinden kann, ihr Kind in den Arm zu nehmen. „Meine Mutter hat während der Schwanger­schaft alles richtig gemacht“, sagt Nick inzwischen. „Trotzdem gibt sie sich noch immer die Schuld.“ Allmählich finden sich die Eltern mit ihrem missgebildeten, geistig aber völlig normalen Kind ab, kümmern sich rührend um es und tun ihr Mög­lichstes, ihm den Alltag bewältigen zu helfen. Im Rollstuhl besucht Nick zunächst eine Behindertenschu­le, dann wechselt er auf eine integrative Regelschule. Er lernt zu schreiben, mit dem Mund oder seinem Fuß. Doch immer ist er auf fremde Hilfe angewiesen. Er leidet entsetzlich darunter, anders zu sein: „Ich hasste Gott dafür, dass er mir das an­ge­tan hatte“, sagt er. Und „ich hatte Angst davor, was kommt, wenn meine Eltern mich nicht mehr unterstützen könnten.“ Mitschüler hänseln und mobben ihn grausam. Im Alter von acht Jahren denkt der verzweifelte Junge zum ersten Mal daran, sich umzubringen. Mit zehn Jahren versucht er es: Er stürzt sich aus einem Waschbecken, in dem er liegt. „So wollte ich mir das Genick brechen.“ Doch sein Plan scheitert, und dieses Misslingen wird für ihn zum Schlüsselerlebnis: Von da an habe er sein Leben nicht mehr als Strafe, sondern als Heraus­forderung begriffen, sagt Nick. Er fasst Mut und beschließt, „dankbar zu sein für das, was ich kann, statt wütend darüber zu sein, was ich nicht kann“. Er hört auf, mit Gott zu hadern, und findet Kraft in tiefem Glauben. Seine Lebensauf­gabe sieht er fortan darin, „anderen Menschen Hoffnung zu geben“ – dazu fühlt er sich auserwählt. Nach erfolgreichem High-School-Abschluss erwirbt er zwei Uni­versitätsabschlüsse: „Bachelors“ in Buchhaltung und Finanzplanung. Als gefragter Motivationstrainer und Prediger lebt er inzwischen in Los Angeles, Kalifornien, von wo aus er die Welt bereist und Vorträge hält, überwiegend in Schulen, in Mana­gerseminaren, in Kirchen, bei Kon­gressen - vor bis zu 100'000 Men­schen. Seinen Lebensunterhalt verdient er mit öffentlichen Auftritten, dem Verkauf zahlreicher eigener Bücher und DVDs. Er ist Präsident der gemeinnützigen Organisation Live without Limbs („Leben ohne Glied­maßen“) und Geschäftsführer des Unternehmens Attitude is altitude („Alles ist eine Frage der inneren Einstellung“). Trotz seiner extremen körperlichen Ein­schränkung bemüht sich Nick, seinen Alltag möglichst selbstständig zu bewältigen. Mit dem Zeh seines kleinen linken Fußes schreibt er 43 Wörter pro Minute auf dem Com­puter. Auch Zähneputzen gelingt ihm alleine: Seine Zahnbürste ist fest an der Wand befestigt, zum Putzen bewegt Nick seinen Kopf. Er betreibt mehrere Sportarten. Schon als er 18 Monate alt war, brachte ihm sein Vater das Schwimmen bei; dabei be­wegt er seinen Fuß wie einen Pro­peller. Er surft und fährt Skateboard: „Ich habe einen niedrigen Körper­schwerpunkt, deshalb kann ich gut die Balance halten.“ Zum Golf­spielen klemmt er den Schläger zwischen Kopf und Schulter; weit schlagen kann er damit nicht, immerhin aber einlochen. Inzwischen gelingt es Nick, mit seiner Behinderung humorvoll und selbstironisch umzugehen. Einer seiner Lieblingswitze lautet: „Give me a hug, I don´t do handshakes“ – umarme mich, ich schüttle keine Hände. Fragen ihn Kinder, was mit ihm passiert sei, flüstert er ihnen zu: „Zigaretten!“ Sein Publikum verblüfft er gerne mit einer Akrobatik­einlage, bei der er sich mit einer Art Sprung einmal um die eigene Achse dreht. Damit treibt er im Straßen­verkehr mitunter üble Scherze: „Ein­mal saß ich auf dem Beifahrersitz eines Autos, das gerade vor einer Ampel hielt. Neben mir wartete ein anderes Auto, mit einer Frau am Steuer, die mich anstarrte. Da führte ich ihr eine 360-Grad-Drehung im Sitz vor. Der Frau fiel die Kinnlade herunter, sie machte sich schnell aus dem Staub.“ Zu seinem Lebensglück trägt neuerdings eine eigene Familie bei: Am 12. Februar 2012 heiratete er seine Verlobte Kanae Miya­hara; fast genau ein Jahr später, am 13. Februar 2013, kam ihr gemeinsamer Sohn Kiyoshi James Vujicic zur Welt - kerngesund. Wozu lebt Nick? Was gibt seinem Leben Sinn? „Gott hat mich gelehrt, dass mei­ne Geschichte eine Inspiration für alle ist, mit den Herausforderun­gen des Lebens fertig zu werden“, sagt er. Mit seiner positiven Lebens­einstel­lung will er Vorbild sein. Sein Leit­motiv lautet: „Wenn ich das kann, so könnt ihr das erst recht.“ Und „wenn kein Wunder passiert, sei selbst eines!“ (Harald Wiesendanger) Dieser Betrag enthält Auszüge aus dem Buch von Harald Wiesendanger: Auswege – Kranken anders helfen (2015)

  • Heilung als inneres Wachstum

    Bei weitem nicht alle Patienten, die ein Therapie­camp der Stiftung Auswege besuchen, werden dort ihre Beschwerden los, manche erleben nicht einmal eine Symptomlinderung. Weshalb sich die allermeisten nach neun Tagen trotzdem zufrieden, teilweise begeistert von uns verabschieden, veranschaulichen die drei folgenden Fälle. Kann man heil werden, ohne kuriert zu sein - viel gesünder, ohne dass Symptome erheblich nachlassen? Danach sollte man Markus, Klaus und Walter (Pseu­donyme) fragen, drei Teilnehmer eines „Aus­wege“-Therapiecamps Ende 2013 in Schwar­zen­born nahe Kassel. Obwohl ihre anfänglichen Erwartun­gen dort eher enttäuscht wurden, sind sie in einem wichtigen, umfassenderen Sinne genesen. „Mit das Beste, was ich bisher gemacht habe“ Keine nennenswerte Symptomlinderung, wohl aber einen erheblich „besseren Allgemeinzu­stand“ verdankt Markus* (55) nach eigenen Angaben seiner Camp­teilnahme. Seit über drei­ßig Jahren leidet der Tischler und Restau­rator an Colitis ulcerosa, einer chronischen Ent­zündung von Mast- und Dickdarm, mit „Darmblu­tun­gen, Geschwüren und Durch­fall“, wie er uns zuvor schrieb. Operiert wurde bisher nicht, Markus nimmt täglich Cor­ti­son. Um 1990 wurde bei ihm darüber hinaus Morbus Bechterew diagnostiziert: eine chronisch entzündliche rheumatische Erkrankung mit Schmerzen und Verstei­fung von Gelenken. In beiden Fällen brachten etliche schul­medizinische und alternative Therapien bisher „keine Erfolge“, berichtete er. Daran änderte sich auch während der Camp­tage nichts: „Durch­fall: gleichbleibend, eher etwas schlechter, auf die veränderte Ernäh­rung zurückzuführen“, notierte er abschließend in seinem Patienten-Fragebogen. Lediglich „mit dem Rücken“ sei es „besser geworden“, berichtete er uns ge­gen Jahres­en­de. Hin­gegen hat sich ein Hautaus­schlag im Gesicht während und nach der Campwoche eher verschlechtert. In psychischer Hin­­­­sicht profitierte er, nach Ein­schät­zung des Camparztes, allerdings erheblich: „Sein Hauptpro­blem sind Selbstzweifel. Als sich diese besserten und aufzulösen be­­gannen, hat sich sein Gesamt­zustand sehr stabilisiert. Jetzt traut er sich sowohl beruflich als auch familiär einen Neuanfang zu. Schon vor dem Camp hatte er dazu neue Schritte eingeleitet, wusste aber nicht, ob er sich diese zutrauen kann. Nun geht er viel mutiger und zuversichtlicher nach Hause“ – und das bestätigen uns zwei E-Mails von Markus kurz vor Silvester 2013: „Die Woche bei ‚Auswege’ gehört zweifellos mit zum Besten, was ich bisher ge­macht habe. Nach­haltig bleibt die ungeheure Kraft und Energie dieser Woche, ihr Nachhall und mein Zugang hierzu – vielen Dank da­für!“ Insbe­sondere geholfen hat ihm, „den Sinn der Krank­heit zu begreifen, sie als ‚Ge­schenk’ zu verstehen“, mit der Auf­forde­rung, „mit mir und An­de­ren liebevoll umzugehen“. „Juhu!!!!“ Ein weiterer Teilnehmer, der aus Schwarzenborn weitaus mehr mit­nahm als Symptomlinderung, ist Klaus* (59). Im Frühjahr 2012 hatte der Diplom-Ingenieur einen schweren Schlaganfall erlitten; diesem war ein Hörsturz vorausgegangen, der einen zeitweiligen Aus­fall des Gleichgewichtssinns zur Folge hatte. „Jetzt im Juni erlitt er einen Herzinfarkt“, so schrieb uns seine ratlose Ehefrau vorab. „Einige Tage später hatte er Fieber, Schmer­zen im Oberbauch, ununterbrochen Kopfschmerzen, Gedächtnisstörun­gen, neurologische Ausfälle, wieder­um unklarer Genese. Wie durch ein Wunder begegnete uns in größter Not ein hervorragender Ganzheits­medi­ziner und Kardiologe, der auch Energie- und Umwelt­medizin praktiziert. Er ‚päppelte’ meinen Mann in den letzten Wochen wieder auf, unter anderem mit Prana-Heilen, Elektroakupunktur und Infusionen. Da er noch eine Anämie entwickelte, folgten Untersuchungen.“ Die Endo­skopie wies einen Darmpolypen nach, der Ende August entfernt wurde. Kurz darauf kam es zu einem weiteren Herzinfarkt. „Es wurden stark verengte Gefäße festgestellt. Da er weder raucht noch sonstige Risiko­faktoren bedient, ist das für uns schwer zu verstehen.“ Seine Symptome hätten „deutlich nachgelassen“, zog Klaus bei Camp­ende Bilanz: „keine Atemnot mehr, ruhigerer Puls (unter 60), Blutdruck völlig normal (110/70). Ich fühle mich gesund.“ Was er darüber hinaus aus unserem Camp mitnahm, ist die „deutlich gestiegene Moti­vation, etwas in meinem Leben zu verändern“, notierte er abschließend im Pa­ti­enten-Fragebogen. Fünf Tage spä­ter mailte er uns: „Diese eine Woche hat bei mir so viel bewegt, ich habe so viel gelernt, dass ich es normalerweise gar nicht glauben kann. Es waren nicht nur die Behandlun­gen oder die Begegnungen mit mir fremden Menschen – es war das Gesamtpaket, das auf mich gewirkt hat. Meine Frau hörte ich in einem Telefonat mit ihrer Schwester sagen, ich sei als neuer Mensch zurück­gekommen.“ In einem Dutzend Heil­sitzungen war Klaus klar geworden, dass „meine Arbeit mir nicht gut tut, Stress und Druck schaden meiner Gesundheit. Es war mir wichtig, zu Hause nicht wieder in alte Muster zu verfallen, sondern am Leben noch etwas teilzunehmen. Noch während der Therapiewoche verabredete ich mich telefonisch mit meinem Ober­boss zu einem Essen am Abend des letzten Camptags. Dazu fuhr ich di­rekt vom Camp nach Holland – und ICH HABE GEKÜN­DIGT!!!!“ (Vier Aus­rufezeichen.) „Dieser Entschluss ist bei mir dank eurer aller Mithilfe gereift, bis hin zur Tat! Juhu!!!!“ (Vier weitere Ausrufezeichen.) „MIR GEHT ES GUT!!!“ (Drei Ausrufe­zeichen.) „Unvergleichlich mehr Energie“ Ähnlich gemischt fällt die Camp­bilanz von Walter* aus, mit 79 zweitältester Patient im selben Auswege-Camp. Seit über 15 Jahren belastete den Rentner eine chronische Bron­chitis, zu der im Laufe der Jahre eine immer wiederkehrende Entzündung der Nasennebenhöhlen - rezidivierende Sinusitis - kam. Beides führte zu „eitrigem Auswurf und Atemnot, zu Schwäche und Ener­gie­­losigkeit“, wie er uns klagte. Seit Frühjahr 2000 lag außerdem eine Polyneuropathie vor, eine Erkrankung des peripheren Nervensystems, die bei dem Rentner unter anderem eine „zunehmende Ge­­fühllosigkeit der Bei­ne“ verursachte. In beiden Fällen seien die Be­schwer­den „im wesentlichen gleichgeblieben“, stellte er bei Campende fest. Viel wichtiger war ihm allerdings, was die Camp­teilnahme in seiner Psy­che in Gang setzte: „Ich habe un­vergleichlich mehr Energie und bekam praktikable Ansatz­punkte zur Selbstheilung. Der geistig-seelische Gewinn war außerordentlich hoch, zum Teil unbeschreiblich.“ Auf den leitenden Camparzt wirkte Walter „am Ende viel entspannter, zielgerichteter, dynamischer, zuversichtlicher, sichtlich begeistert von alledem, was er im Camp erlebt hat – dabei war er niedergeschlagen und eher mutlos zu uns gekommen.“ Bei uns begegnete er einer Art von Medi­zin, die Symptomträger als ganze Per­sonen wahr- und ernstnimmt. In mehreren intensiven Therapiege­sprä­chen ging es um Walters Vision: In Südamerika wollte er für arbeitslose Jugend­liche „etwas aufbauen“, um ihnen eine schulische Bil­dung und damit bessere Lebens­chancen zu geben. „Wir zeigten ihm auf, dass auch bei uns in Deutschland noch genügend Bedarf für Hilfe ist und er sich ‚auf seine alten Tage’ nicht noch mit immensen bürokratischen Hin­dernissen abzuschinden braucht“, berichtet unser Camp­arzt. „Diese Form von Denken motivierte ihn, gab ihm Mut und Freude – und mach­te seine Pro­bleme unbedeutend, nicht mehr ‚ge-wichtig’.“ (Harald Wiesendanger) Dieser Betrag stammt aus dem Buch von Harald Wiesendanger: Auswege – Kranken anders helfen (2015).

  • Positives Denken - die schwierige Balance zwischen Zuversicht und Schönfärberei

    Optimisten sind gesünder. Also sollten Patienten positiv denken? Kann man das lernen? In den Therapiecamps meiner Stiftung Auswege wird versucht, Kranke von übersteigertem Pessimismus zu befreien und ihnen eine Zuversicht zu vermitteln, die auf einer realistischen Einschätzung der eigenen Möglichkeiten beruht – nicht auf rosarotem Wunschdenken. W er schwerkrank in ein „Auswege“-Camp kommt, betritt kein Jammertal, in dem gemeinsam Wunden geleckt, eimerweise Tränen vergossen und Klagelieder auf das ungerechte, grausame Schicksal angestimmt werden. Ihn erwartet Mitgefühl, aber kein Mit-Leid. Seine Beschwernisse werden ernstgenommen, Vorrang hat aber, ihn davon zu entlasten – nicht nur, indem seine Symptome gelindert werden, sondern auch durch eine geistige Befreiung, hin zu neuen Perspektiven, Hoffnung und Zuversicht. Denn ausufernder Pessimismus tut niemandem gut, schon gar nicht Menschen, denen es krankheitsbedingt ohnehin schon schlecht geht. Unter den Campteilnehmern treffen wir immer wieder auf Charaktere, die sich meisterlich aufs Schlechtreden ihrer selbst („Das schaffe ich ja doch nicht!“, „Da ist nichts mehr zu machen!“), auf krea­­tives Zersetzen („Das bringt unmöglich etwas!“) und das Rollen­spiel des hilflosen Opfers verstehen. Allen Übeln dieser Welt fühlen sie sich wehr­los ausgesetzt: dem ungerechten Herr­gott, dem grausamen Schick­sal, blindem Zufall oder bösen Anderen. Stets sind sie aufs Schlimm­­ste gefasst, unternehmen aber wenig bis gar nichts, es zu verhindern – es nützt ja sowieso nix. In solchen Patienten Optimismus zu wecken, hat beachtliche medizinische Gründe. Eine Vielzahl von wissenschaftlichen Studien deutet übereinstimmend darauf hin, dass zuversichtliche Menschen sich rascher von Operationen erholen; nach Verlet­zun­­gen heilen ihre Wunden schneller; nach Infektionen und Impfungen produzieren sie mehr Antikörper; sie spüren weniger Schmerz, gehen seltener zum Arzt, stecken sich weniger häufig mit Erkältungserregern an, entwickeln seltener Hypertonie - krank­haft hohen Bluthochdruck -, ein Herzleiden oder die Parkinson-Krankheit; ihr Risiko, depressiv und dement zu werden, ist geringer. Weil sie gelassener auf Stress reagieren, sich weniger sorgen, bei Problemen eher an Lösungen glauben und kreativ nach solchen suchen, schüttet ihr Körper weniger Stresshormone wie Adrenalin aus, ihr Herzschlag bleibt ruhiger, der Blutdruck niedriger. Optimismus, so nehmen Evoluti­onsbiologen und Neurologen an, ist mehr als bloß eine intellektuelle Option neben anderen. Er entwickelte sich schon früh in der Mensch­heits­geschichte, hat sich in unserem Genom verankert und tief in unser Gehirn eingebrannt: in den ausgeprägten Frontallappen, mit deren Ent­wicklung unsere fernen Vorfah­ren begannen, Werkzeuge herzustellen, neue Problemlösungen zu finden, Handlungen zu planen, durch die ihre Ziele leichter erreichbar wurden – und vor allem Selbstbewusst­sein zu erlangen, einschließlich der Fähigkeit zur bewussten Vor­aus­schau. Damit verschaffte sich homo sapiens einen klaren Überlebensvorteil, allerdings zu einem hohen Preis: Die Gewissheit, dass uns irgendwann in der Zukunft Alter, Krank­heit, das Nachlassen geistiger und körperlicher Kräfte, schließlich der Tod erwarten, stimmt nicht sonderlich optimistisch. Nach Ansicht des US-Mediziners Ajit Varki von der Uni­versität San Diego hätte das Wis­sen um die eigene Sterblichkeit für sich genommen die Evolu­tion in eine Sackgasse gef­ührt (1): Existenzielle Ver­zweif­­lung hätte die all­täglichen Funk­tio­­nen beeinträchtigt, die zum Überleben not­wendigen Aktivi­tä­ten und kognitiven Vorgänge zum Erlie­gen ge­bracht. Ein zö­gernder, grüblerischer Melancholiker, der nie­dergeschlagen durch die Steppe schlurft und der letztlichen Vergeb­lich­keit allen Trachtens und Mühens nachsinnt, wäre im evolutionären Überlebenskampf gewiss kein Sie­ger­typ gewesen. Die Fähigkeit zu be­wussten mentalen Zeitreisen, so Var­ki, konnte im Laufe der Evolu­tion nur dann begünstigt werden, wenn sich gleichzeitig geistige Mecha­­nismen ausbildeten, Übles zu verdrängen, das auf einen zukommt. Mit anderen Worten: Mit dem Ver­mö­gen, sich die Zukunft auszumalen, musste sich zeitgleich die Nei­gung zum Optimismus entwickeln – um Wissen zu verdrängen, das im Daseinskampf belasten würde. „Ein Gehirn, das bewusst durch die Zeit reisen kann, wäre ohne realistischen Optimismus eine evolutionäre Bar­riere“, meint die Neurologin Tali Sharot von der Universität London: Bewusste Vorausschau mit Optimis­mus zu paaren, war notwendig, weil „eines ohne das andere nicht überdauert hätte.“ (2) Hinweise darauf, dass uns allen ein genetisch mitgesteuerter Akku des inneren Sonnenscheins in die Wiege gelegt worden ist, liefert die Zwil­lings­forschung. Etliche Studien an ein- und zweieiiigen Zwillingen, die getrennt in teilweise recht unterschiedlichen Milieus aufgewachsen sind (3), deuten darauf hin: Ein be­trächtlicher Teil des Optimismus liegt im menschlichen Erbgut. (Ex­per­tenschätzungen bewegen sich in einer Bandbreite von 25 bis 50 Pro­zent.) Diese angeborene Zuversicht, unserem Gehirn regelrecht imprägniert, beschert uns viele Vorzüge, sie erleichtert das Leben, das Selbst­gewisse eher belohnt als Zögerer. Optimisten sind beliebter, werden als attraktiver wahrgenommen, haben mehr Freunde, ihre Ehen funktionieren besser, sie finden leichter Arbeit, kommen auf Karriereleitern zügiger voran. Milde Verblendungen lindern Angst, bewahren vor Zaghaftigkeit und unnötigen Selbstzweifeln, stärken den Mut, vertraute Pfade zu verlassen, Neues in Angriff zu nehmen, sich ehrgeizige Ziele zu setzen. Ein frohgemuter Charakter stabilisiert die Psyche, vertreibt Missstimmun­gen zügiger. Statt über die Dunkel­heit zu jammern, zündet der Opti­mist eine Kerze an; um Schatten hinter sich zu lassen, wendet er sich einfach der Sonne zu; dass das Licht am Ende des Tunnels auch ein entgegenkommender Zug sein könnte, beunruhigt ihn nicht. Erfolge hält er sich selber zugute, Misslungenes hingegen führt er eher auf Zufall, widrige Umständen oder sabotierende Mit­men­schen zurück – das hilft Rück­schläge wegzustecken, stärkt das Durch­haltevermögen, wappnet ge­gen Minderwertigkeitsgefühle, po­liert das Selbstbild auf. Von daher rät einer der weltweit angesehensten Psy­chologen unserer Zeit, der Nobel­preisträger Daniel Kahneman: „Wenn Sie einen einzigen Wunsch frei haben für Ihre Kinder, ziehen Sie ernsthaft Optimismus in Betracht.“ (4) Nicht erst bewusste Entscheidungen aufgrund gesammelter Erfahrungen, sondern neuronale Vorprogrammie­rungen machen uns von Kindes­beinen an dazu geneigt, unangenehme Informationen eher flüchtig zur Kenntnis zu nehmen, uns Unerfreu­liches nur dürftig und distanziert vor­zustellen, während wir uns Posi­tives lebhaft ausmalen, in Details schwelgen, absehbar Schönes im voraus auskosten. Die Tendenz zur Schönfärberei ist uns allen angeboren – erst häufige, langanhaltende Frustrationen können sie kippen und ins Gegenteil umschlagen lassen. Der eingebaute Zuversichtsgene­rator, mit dem wir zur Welt kommen, bleibt intakt, wenn frühkindliches Ur­vertrauen durch eine sichere, schützende, verlässliche Bindungen bietende Umgebung bestätigt wird, insbesondere durch eine Mut­ter, die liebevolle Zuwendung und Fürsorge bietet. Der Generator kann Schaden nehmen, wenn dieses Ur­vertrauen enttäuscht und zerstört wird, und schließlich ganz aussetzen: durch traumatische Schock­erleb­nisse oder wenn bedrückende Erfahrungen allzu lange, schmerzlich und scheinbar unabänderlich anhalten. Wenn Optimismus dermaßen segensreich ist: Kann man ihn lernen, falls er verlorengegangen ist? Lässt sich die anscheinend so heilkräftige Zuver­sicht durch irgendwelche Übungen herbeibeschwören? Leiten wir in „Aus­wege“-Camps dazu an? Täten wir es, so begäben wir uns in gefährliches Fahrwasser. Wir gerieten in ideologische Nähe zu einem aufsässigen Zeitgeistphänomen, das in den USA seit Jahrzehnten geradezu epidemisch immer größere Be­rei­che des öffentlichen Lebens durchdringt und längst auch in Westeuro­pa Fuß gefasst hat: die Bewegung des „Positiven Denkens“. In Gang ge­­­kommen kurz nach Ende des Zwei­ten Weltkriegs, nahm sie seit den sechziger Jahren rasant Fahrt auf, propagiert von wortgewandten Lebenshelfern mit Gespür für griffige, eingängige Slogans und Parolen - namentlich Dale Carnegie, Joseph Murphy, Norman Vincent Peale und Fre­derick Bailes. Verunsicherten, des­illusionierten, verzagten Mit­bürgern verkündeten sie eine frohe Bot­schaft von beeindruckender Schlichtheit: Gesund, glücklich, erfolgreich und steinreich zu werden, ist weder Zu­fall noch Schicksal noch das Ergebnis langwierigen, angestrengten Bemü­hens, sondern kinderleicht zu haben - durch konsequente Änderung der Denkweise. Blende Negatives systematisch aus, sei immer nur positiv. Der Rest ergibt sich wie von selbst. So verlockend klang diese Verhei­ßung, dass daraus im Nu ein florierender Markt der Selbstbeglückung erblühte. In Bestsellerlisten schießen die Ratgeber der Chefpropagan­di­sten seither zuverlässig auf Spit­zenpositio­nen (5); bereitwillig räumen Fernseh­sen­der für sie Programm­plätze, Illustrierte Titelseiten frei; mit Kick-offs, Push-ups und Tsjakkaa!-Gebrüll füllen Motivationstrainer mühelos ganze Säle; „Coaches“ werden die Praxistüren eingerannt, so als hielte dort Pinocchios blaue Fee Audienz (6), Workshops von Selbst­hilfe-Gurus sind zuverlässig ausgebucht, zu stetig steigenden Preisen. Unter­stüt­zende „Mental-CDs“ mit Subliminals, unterschwelligen Bot­schaften, sind zu Kassenschlagern ge­worden, auch Kalender, Gruß­karten, T-Shirts, Schlüsselanhänger, Kugelschreiber, Geschirr, selbst be­druckte Autoreifen mit erbaulichen Sinnsprüchen, „wissenschaftlichen Gebeten“ und „positiven Affirmatio­nen“ zur Selbst­manipulation, finden reißenden Ab­satz. Hotlines machen stimulierende Kurztexte abrufbar. Das Grinse-Smiley ist zum meistverwendeten Ausdrucksmittel der Internetkom­munikation geworden, in Montana eröffnete ein Lokal als „Positive Pizza and Pasta Place“ – offenbar in Ab­grenzung von all den missmutigen, trübsinnigen Pizza­bäckern andernorts -, eine Ein­zel­handelskette wirbt mit dem Motto „Das Leben ist schön“, Bobby McFer­rins Überraschungshit „Don´t Worry, Be Happy!“ ist zum zeitlosen Ohr­wurm geworden, und der kernige Slogan „Yes, we can!“ bahnte Barack Obama den Weg ins Weiße Haus. Willkommene Schützenhilfe leistete die in den sechziger Jahren aufkommende Esoterikwelle, ins Rollen gebracht teils durch aufsehenerregende „übernatürliche“ Phänomene, teils durch den Import fernöstlicher Weisheitslehren und Selbstopti­mie­rungstechniken. Ein Großteil dessen, was Buddha unter „richtigem Den­ken“ verstand, fügt sich vortrefflich in den Zitatenschatz von Murphy­anern und Carnegisten ein. Auf dem Pfad zur Erleuchtung verbindet der Buddhist positives Denken mit Me­di­tation. Im Yoga beispielsweise finden sich zwei Übungen namens „Ge­hen“ und „Radfahren“, bei der man denken soll: „Ich gehe den Weg des Positiven“; bei der einen geht man wäh­renddessen auf der Stelle und be­wegt die Arme wie die Treib­stangen einer Dampfloko­mo­tive, bei der anderen imitiert man mit Armen und Beinen die Bewegungs­abläufe beim Radfahren. im zweiten Fall wählt man zusätzlich „meinen positiven Satz für heute“: Welcher gibt mir Kraft und Mut? Was stimmt meinen Geist positiv? Wenn man psychokinetisch Löffel verbiegen, durch konzentrierte Willenskraft ohne Schmerzen barfuß über glühende Kohlen laufen, stundenlang auf Nagelbrettern ausharren, sich an eisernen Haken in den Brustwarzen aufhängen lassen oder mit bloßen Händen einen Stapel Zie­gelsteine zertrümmern kann: Erweist sich darin nicht die grandiose Macht des menschlichen Geistes? Dass Psi-Phänomene, soweit sie nicht auf Tricks und Täuschungen beruhen, überaus selten und nie berechenbar auftreten; dass die weitgehende Schmerzunempfindlichkeit von Fa­ki­ren, die monströse Kraft­meierei von Eisenhemd-Qigonglern, Shaolin-Mönchen und anderen asiatischen Kampfkünstlern jahrelanges, hartes Training voraussetzen; dass Spek­takel wie der Feuerlauf sehr wohl durch physikalische Faktoren erklärbar sind, deren Missachtung auch bei Positivstgestimmten zu schweren Verbrennungen führen kann: All dies ist Salz in der rosa Suppe, das sich im rechten Neugeist mühelos wegschmecken lässt. Seit den achtziger Jahren erfasst der Selbstoptimierungsboom zunehmend das Big Business. Immer mehr Firmen lassen Mitarbeiter in Semi­naren zu Positivdenkern schulen, holen Motivationsgurus ins Haus; großformatige Motivationsposter zieren Bürowände, in Werkskantinen stehen Kaffeetassen mit anspornenden Sprüchen herum. Führungs­kräf­te lernen, durch positives Denken zu kreativeren Problemlösern und erfolgreicheren Performern zu werden. („The Sky is the Limit.“) In die amerikanische Unternehmenskultur hat „positive“ Kommunikation Ein­zug gehalten, mit dem Dauerlächeln potentieller „Gewinner“ gepflegt von jederzeit ausnahmslos „positiv“ gestimmten Belegschaften. Gekün­digte werden nicht mehr gefeuert, sondern „freigestellt“, um anderswo „eine Chance zum Neuanfang“ nutzen zu können. Diesen Boom mit akademischen Weihen zu versehen, nahm der US-Psychologe Martin Seligman Ende der neunziger Jahre mit seiner „Positiven Psychologie“ in Angriff. Mit seinem Anspruch, die Verspre­chen der Bewegung „wissenschaftlich“ abzusichern, verlieh er ihr zu­sätzliche Schubkraft, öffnete ihr sogar Türen in Regierungsstellen. 145 Millionen Dollar stellte das Pentagon 2009 für ein maßgeblich auf Seligman zurückgehendes Pro­gramm namens „Comprehensive Sol­dier Fitness“ bereit, um Soldaten der U.S. Army für den Kriegsfall künftig auch inwendig zu rüsten. Dass sich die „Positive Psychologie“ längst aus der seriösen Wissenschaft ins kommerzielle Psychodoping verabschiedet hat und mit allerlei schlichtem Heimwerkerzeug zur Stimmungs­optimierung hausieren geht, beunruhigt die Auftraggeber anscheinend nicht. Dass ausgerechnet die USA zur Brutstätte des „positiven Denkens“ wurde, hat religionsgeschichtliche Gründe, die ihr bereits in die Wiege gelegt worden waren. In die Neue Welt hatten die ersten weißen Siedler den Calvi­nismus mitgebracht: das krasse Gegen­teil von weltlicher Zuversicht, denn ihr Gott verdammte jegliche diesseitigen Freuden, nur harte, selbst­quälerische Arbeit ließ er gelten; das Dasein auf Erden ist gottgewollt hart, und Sünder erwartet die ewige Hölle. Gegen diese moralinsaure, zutiefst deprimierende Form von Protestan­tismus, die über zwei Jahrhunderte lang das amerikanische Denken prägte, regte sich im 19. Jahr­hundert zunehmend geistiger Wider­stand: Die Transcenden­ta­lists um den Philosophen Ralph Waldo Emer­son, die daran anknüpfende „Neu­geist“-Bewegung des Heilpraktikers Phine­as Quimby, des Lehrers Ralph Trine und des Journalisten Prentice Mul­ford setzten dagegen eine Idee, die vor diesem Hintergrund geradezu re­volutionär anmutete: Ganz so schlimm sei das Leben doch gar nicht, man dürfe sich getrost ein wenig besser fühlen. Gott sei keineswegs ein unerbittlicher Schinder und Rächer, sondern liebe seine Kinder, weshalb er wolle, dass es ihnen gut geht. Vom Calvinismus übernahm diese Gegenbewegung freilich die Überzeugung, dieses Wohlergehen sei aus eigener Kraft, durch eifriges Bemü­hen sicherzustellen: auch sie verhieß Selbsterlösung, auch sie huldigte einer vermeintlich grenzenlosen schöpferischen Kraft eines jeden Menschen, sämtliche Übel und Miss­stände zu überwinden und Größt­mögliches hinzukriegen. Mangel ist nur eine Kopfgeburt: Arm oder krank sind wir bloß, weil und solange wir in armen oder kranken Gedanken gefangen bleiben. Einem jeden steht es frei, sich daraus zu be­freien. Vom Teller­wäscher zum Milli­ar­där – durch schiere Willenskraft. Und wie der Calvinismus, so nahm auch die Positivdenkerei zwanghafte Züge an: Wo die einen unentwegt nach Sünde gesucht hatten, ergingen sich die an­de­ren nun in permanenter Selbst­beobachtung, ob sich nicht doch irgendwo, sei es inwendig oder bei Mitmenschen, ein schlechtes Gefühl, ein negativer Gedanke regt, die es zu eliminieren gilt. Ebenfalls verständlich wird vor diesem Hintergrund, wie das „Positive Denken“ in den USA nicht bloß ein modischer „Way of Life“ bleiben, sondern zu einer neuen Erlösungs­reli­gion überhöht werden konnte. Was im ausgehenden 19. Jahrhundert mit der „Church of Divine Science“ um Nona Brooks, der „Unity Church“ des Ehepaars Filmore, in den zwanziger Jahren gefolgt von der „Science of Mind“ des Schriftstellers Ernst Hol­mes, eher sektiererisch begann, hat sich mittlerweile zu einer uramerikanischen Heilsbewegung aufgeblasen, von der sich die Massen elektrisieren lassen. Mit Mottos wie „Gott will, dass du reich wirst“ und „Seid die Sieger, nicht die Opfer“ erreichen neue Megakirchen und Fernsehpre­di­ger Abermillionen von Zukurzge­kom­menen. Ihre Predigten klingen wie Motivationstrainings, frei vom gängigen Sünde- und Schmerz-Re­per­toire; ihre „Kirchen“ sehen aus wie übliche Bürogebäude; ihre „Got­tesdienste“ verzichten weitgehend auf „negative“ Accessoires wie das Kreuz oder Bilder vom Leidensweg Jesu. Zum Beten wird nicht mehr an­ge­halten – es genügt ja, die Ein­stel­lung zu ändern, mit dem Zweifeln aufzuhören und an sich selbst zu glauben, damit sich der Wille Gottes erfüllt, dass all seine Kinder in Villen wohnen und dicke Autos fahren. Als Wahrheitsbeweise führen die säkularen Glücksmissio­nare durchaus auch mal die eigenen Rolexuhren, protzige Edelkarossen, Privatjets, Traum­villen, eine 23’000-Dollar-Toilette aus Marmor oder einfach ihre Konto­auszüge vor. Wie konnte derart seichtes Gedan­ken­gut so unfassbar rasch die Mas­sen faszinieren? Das Erfolgs­rezept besteht aus fünf Zutaten: Die Bot­schaft ist eingängig simpel, frei von jeglichen IQ-Zugangshürden. („Alles ist ganz einfach.“) Sie kommt der Bequem­lich­keit entgegen. („Es ist kinderleicht.“) Sie appelliert an die Gier. („Du kannst alles haben, was du willst.“) Sie bietet charismatische Leitfiguren und Idole, geistige Füh­rer, die Verunsicherten zeigen, wo es lang gehen muss. Und sie befriedigt religiöse Bedürfnisse: Positives Den­ken verspricht gottgewolltes Heil durch mentale Selbst­erlösung. Vor dem Gesundheitswesen machte diese Bewegung natürlich nicht Halt – im Gegen­teil erschloss sie sich gerade dort einen hochlukrativen Markt. Auch hierbei leistete Seligmans „Posi­tive Psychologie“ Pionierarbeit. Getreu der Devise „Bisher haben wir immer nur Kranke behandelt – jetzt soll es endlich auch den Gesunden bessergehen“ dehnte sie die Ziel­gruppe über die Klientel von Psy­chotherapeuten und Lebenberatern hin­aus mit einem Schlag auf die Gesamtbevölkerung aus, zumal nun beinahe jeder Zeitgenosse in Ver­dacht gerät, er sei nicht „wirklich“ gesund, solange er nicht aufhöre, sich mit „Negativem“ zu befassen. Und wer im herkömmlichen Sinne krank ist, erlebt in Selbsthilfe­grup­pen, in welchem neuen Geist er mit seinem Leiden umzugehen hat. Als die US-Schriftstellerin Barbara Eh­ren­reich im Jahre 2002 an Brustkrebs erkrankte, „ging es mir beschissen, ich war verzweifelt und suchte Un­ter­­stützung bei anderen Patientinnen und entsprechenden Organisationen. Und da tat sich diese Welt der rosaroten Ansteckschleifchen auf: Statt dass ich meine Angst mit jemandem teilen konnte, prasselte von allen Seiten das Kommando auf mich ein, das Ganze positiv zu sehen – weil einen die Krankheit ja zwingt, sein Leben zu überdenken, spirituelle Ein­kehr zu halten. Eine Selbst­hilfe­gruppe druckte sogar ‚Danke, Krebs!’ auf T-Shirts. Ich bekam beinahe ein schlechtes Gewissen, weil ich meinen Krebs nicht willkommen hieß.“ (7) Auch ihr Freundeskreis stimm­te darin ein: „Viele kamen mir mit solchen Sprüchen: Hey, du verlierst deine Haare! Wie aufregend“ – sie werden kräftiger, voller, weicher nachwachsen, vielleicht sogar in einem anderen, hübscheren Farbton, und leichter zu bändigen sein. „Du hast so eine schöne Kopfform, jetzt sieht man die endlich mal.“ (8) „Think Pink!“, verlangt das Neue Denken – und so gelten Operationsnarben als „sexy“, und Chemotherapie erhält Lobpreisungen dafür, dass sie Diäten unterstützt, die Haut strafft und glättet. Längst ist der „mentale Positivis­mus“ über den Atlantik zu uns herübergeschwappt. Ein Schüler Mur­phys, der österreichische Hypno­therapeut Erhard Freitag, gelernter Kaufmann, brachte in den achtziger Jahren einem Millionenpublikum in Deutschland die „Kraftzentrale Un­ter­bewusstsein“ nahe (9); die gelernte Grafikerin Bärbel Mohr instruierte, „Bestellungen beim Universum“ mit Liefergarantie aufzugeben. (10) Die „Gro­ßen Drei“ unter hiesigen Moti­vationstrainern – Jürgen Höller, Bo­do Schäfer, Ulrich Strunz – zählten zu den Starautoren ihrer Verlage, traten vor Tausenden in überfüllten Sä­len auf, schwelgten im Luxus. „Mr. Moti­vation“ Höller beriet die Deut­sche Telekom, IBM und die CSU, bei einer Tagesgage von 25'000 Euro (11); seiner Firma Inline AG traute er Milliardenumsätze zu und träumte davon, sie an die Börse zu bringen. „Ihr seid Adler, ihr könnt fliegen!“, versicherte er seinem Publikum. Rund neun Milliarden Euro pro Jahr geben Deutsche mittlerweile dafür aus, sich in Motivationskursen, Per­sönlichkeits­semi­na­ren und Selbst­beglückungs­work­shops uneingeschränkt optimistisch stimmen zu lassen. (12) Sind „Auswege“-Camps Trai­ningslager zum Positivdenken? Gelegentlich scheint es so: Mehr­­fach schloss unser Programm einen Abendvortrag ein, bei dem ein Gastreferent – als Unternehmer, Coach und Heiler die hochsympathische Verkörperung mühelosen Maxi­malgewinns – eloquent die „Univer­sellen Gesetze von Gesundheit und Erfolg“ darlegte, als deren wichtigstes er das „Gesetz der Anziehung“ hervorhob: Positive Gedanken ziehen Gutes an, negative Schlechtes. Und gelegentlich kam bei uns das ci­ne­astische Manifest aller Positiv­denker zur Aufführung: „The Secret“ („Das Geheimnis“, 2006), ein sogenannter „Dokumentarfilm“ der Denk-dich-reich-Autorin Rhonda Byrne, die Erfolgscoaches, Motivati­ons­trainer und sogenannte „Wissen­schaftler“, angeblich Quantenphysi­ker, sogenannte „Beweise“ dafür ausbreiten lässt, dass uns alles wie von selbst zufliegt, sofern wir es nur hartnäckig genug haben wollen; schon Beet­hoven und Einstein sollen in dieses „Geheimnis“ eingeweiht ge­wesen sein. Der Evidenzwert von Byrnes Bildbelegen liegt auf dem Ni­veau einer Schlüsselszene, in der ei­ne Frau vor der Schaufensteraus­lage eines Juweliers steht und sehnsüchtig auf eine Halskette starrt – im näch­sten Moment hängt, schwuppdiwupp, die Kette an ihrem Hals, weil sie das Objekt der Begierde mit bloßer Gedankenkraft „angezogen“ hat. Auf solche „Enthüllungen“ reagieren die Campteilnehmer zwiespältig. Man­che nicken zustimmend, ihre Diskussionsbeiträge verraten aufgeschlossene Nachdenklichkeit. Ein­zelne wirken regelrecht euphorisiert. Kaum jemand verdreht genervt die Augen, winkt verächtlich ab, verlässt vorzeitig den Raum. Dabei wäre Protest mehr als angebracht. Denn „Positives Denken“ kann nicht bloß nutzlos, sondern brandgefährlich sein – im allgemeinen und ganz be­sonders für die meisten Patienten. (13) Entgegen neugeistiger Gesund­heits­propaganda ist der Forschungsstand weit davon entfernt, eindeutig zu sein. Was Positivpsychologen als „harte Fakten“ ausgeben, ist eine waghalsige Mixtur aus märchenhaften Fallgeschichten, wolkigen State­ments dubioser Pseudo-Professoren und kreativ zurechtgebogenen Bibel­zitaten. Zwar scheinen Optimisten tatsächlich in vielerlei Hinsichten ge­sünder und erfolgreicher – ob das eine eher Ursache oder Folge des anderen ist, lassen statistische Kor­relationen freilich im Dunkeln. Der Behauptung beispielsweise, Opti­misten sei ein höheres Alter ge­wiss, widersprechen neuere Studien, die im Gegenteil darauf hindeuten, dass es eher Pessimisten sind, die länger leben. Ein deutsch-schweizerisches Forscherteam analysierte Daten von rund 30'000 Befragten, die im Zeitraum zwischen 1993 und 2003 alljährlich angegeben hatten, wie zufrieden sie aktuell mit ihrem Leben sind – und wie sie es in fünf Jahren zu sein glauben. Entsprachen optimistische Erwartungen später der Realität? Im Gegenteil: Wer unter den älteren Teilnehmern seine zukünftige Zu­frie­denheit überdurchschnittlich hoch einschätzte, erhöhte damit sein Risiko für körperliche Beschwerden und den Tod um etwa zehn Prozent. „Möglicherweise”, er­klärt einer der Studienautoren, „er­muntern pessi­mi­stische Zukunftser­wartungen da­zu, noch besser auf die eigene Gesund­heit zu achten und sich vor Gefahren zu schützen.“14 Dies bestätigt eine einzigartige Stu­die mit über 1500 hochbegabten Kin­dern, die vor 90 Jahren begann; regelmäßig wurden sie von Psychologen seither über ihre Lebensumstände, Einstellungen und Gesundheit be­fragt. Am langlebigsten erwiesen sich nicht etwa optimistische Froh­naturen, sondern eher vorsichtige, arbeitsame, gewissenhafte Gemüter – vermutlich auch deshalb, weil sie im allgemeinen ein geregelteres Leben bevorzugten, weniger tranken und rauchten.15 Positives Denken: ein Therapeutikum mit Risiken und Nebenwirkungen Wenn es um unsere Gesund­heit geht, ist „Positives Denken“ aber nicht nur weitaus weniger effektiv, als uns ihre Propagandisten weismachen, sondern hochriskant: Bei vielen Patienten erzeugt Eiapo­peia-Getue das Gefühl, nicht ernstgenommen und bevormundet zu werden – so bei der brustkrebsbetroffenen Barbara Ehrenreich in Selbst­hilfe­gruppen und im Kreis von Freun­den: „Wir sind immer schnell dabei, den Leuten zu sagen, wie sie sich fühlen sollen. Nur: Mit so einer Diagnose klarzukommen, braucht Zeit.“16 Spätestens wenn die chemische Keule im Geiste zärtlich liebkost werden soll, kippt zuckerwattesüße Er­baulichkeit in den Au­gen vieler Be­­troffener in blanken Hohn. Sprü­che wie „Wenn dir das Leben eine Zitrone gibt, mach´ einfach Limo­na­de draus“ kommen ihnen widerwärtig zynisch vor. Positives Denken vernachlässigt, wel­che unterschiedlichen Fähig­k­eiten und Persönlichkeits­merk­­male, welches soziale Umfeld und sonstige Lebensverhältnisse ein Patient mitbringt; es ignoriert oder unterschätzt individuelle Schwächen und Gren­zen. Es verleitet dazu, Be­schränkungen wegzugrinsen, die Fak­toren wie Herkunft, Bildung und finanzielle Verhältnisse, politische und wirtschaftliche Gegebenheiten dem Glücksstreben auferlegen. Unter den 27 Prozent der Deutschen, die Ende 2014 eher pessimistisch ins neue Jahr gingen17, fanden sich überdurchschnittlich viele Arbeits­lose, Einkommensschwache, unterdurchschnittlich Gebildete. Für manche unter ihnen mag in ihrer Misere mehr Zuversicht durchaus angebracht und hilfreich sein – andere hin­gegen haben ihre persönlichen Chancen aber wohl einfach realistisch eingeschätzt. Es nötigt zur permanenten, zwanghaften Selbstüberwa­chung: „Bin ich positiv genug? Was sollte ich jetzt gerade denken? Welches Negative in mir verhindert noch, dass es mir besser geht?“ Labile Patienten verunsichert es zusätzlich. Bei Menschen mit gering aus­geprägtem Selbstwertge­fühl – also gerade jenen, die eine Auf­hellung am allernötigsten hätten - führen selbstaufgesagte Sätze wie „Ich bin eine liebenswerte Person“ zu schlechterer Stimmung, schwächen Optimismus und vermindern die Bereitschaft, an Aktivitäten teilzunehmen, wie sich in einer amerikanische Studie zeigte.18 Wieso? Vermutlich rufen solche Sätze bei Personen, die ohnehin schon an sich zweifeln, Beispiele eigenen Verhal­tens ins Gedächtnis, die dem Be­haup­teten besonders krass zuwiderlaufen. Bei unkritischen Patienten kann es zu Realitätsverlust führen: Kritische Fragen werden ge­mieden, vorhandene Schwächen und einschränkende Umstände geleugnet, die objektiven Möglichkeiten zur Selbsthilfe übergewichtet, der Ein­fluss der Psyche auf die Erkrankung überschätzt. Im Widerspruch zu vielzitierten älteren Studien ergaben neuere, dass positives Denken Krebs­kranken zwar hilft, ihr Schicksal besser zu bewältigen, sich aber kaum bis gar nicht auf ihre Heilungschancen und Lebenserwar­tung auswirkt. Positives Denken verleitet dazu, therapeutische Risiken einzugehen, Behandlungsangebote auszuschlagen. Es kann depressiv machen und vorhandene Depressionen verstärken. („Wie unzulänglich muss ich sein, wenn ich es nicht hinkriege, gut drauf zu sein!“) Wer meint, nur „Neugeist“ helfe ihm aus dem schwarzen Loch, fühlt sich erst recht darin gefangen, wenn er an der inwendigen Gei­sterbeschwörung schei­tert. Es stiftet zur Selbstverleug­nung und Verdrängung an, ent­gegen der in über einem Jahr­hundert Psychot­herapie abgesicherten Erkenntnis, dass das Wahrneh­men und Aus­drücken negativer Erlebnisse, Ge­danken und Gefühle wie Angst, Wut und Verzweiflung durchaus hilfreich und befreiend sein kann – nicht bei allen Patienten, wie Psychoanaly­tiker meinen, aber bei einem Groß­teil. Negative Emotio­nen zu spüren und zuzulassen, ist nicht bloß normal, sondern unab­ding­bar für ein erfülltes Leben, wie die US-Psychologin Barbara Fred­rick­son aus eigenen Studien schließt. (19) Nur wer sich beispielsweise der Trauer stellt, in die ihn der Tod eines geliebten Menschen stürzt, und sie zulässt, wird den schmerzlichen Verlust verarbeiten können. Schlimmstenfalls kann es schizophren machen. „Positives Den­ken“, so warnt einer der heftigsten Kri­tiker, der Verhaltensthera­peut Günter Scheich, „spaltet den Men­schen in eine gute und eine schlechte Seele, so dass er Angst vor den eigenen Ge­danken bekommt“, vor dem Beden­kenträger und Schwarzmaler in sich. (20) Es weckt quälende Schuldge­füh­le: „Krank bin ich nur, weil ich falsch denke. Es liegt allein an mir. Ich bin einfach nicht positiv ge­nug. Wäre ich nicht so negativ eingestellt, wäre ich gesund geblieben.“ (21) „Wie perfide!“, ereifert sich die „Neu­geist“-Kritike­rin Barbara Eh­ren­reich: „Da bin ich krank, fühle mich schlecht und soll dann auch noch alle negativen Ge­füh­le unterdrücken, weil ich ja sonst nie mehr gesund werde? Wenn der Krebs also weiterwächst, ist es meine Schuld!“ (22) Fatal wirkt sich der „mentale Posi­tivismus“ nicht nur im Gesund­heitsbereich aus, sondern auf die Gesellschaft insgesamt. Die Smiley-Industrie infantilisiert uns. Vorsätze wie „Ich denk´mich reich“ liegen auf dem intellektuellen Niveau zwei- bis fünfjähriger Kinder, die in diesem Alter eine Entwick­lungsphase durchlaufen, welche der französische Psycho­loge Jean Piaget „magisch“ genannt hat: Auch sie glauben an übernatürliche Fern­wirkung – wenngleich sie es nicht „Anziehung durch Resonanz“ nennen -, auch sie sind überzeugt davon, sie könnten die Außenwelt durch Worte, Formeln und Sprüche beeinflussen. (23) Neugeister ignorieren, dass Den­ken keine Fähigkeiten und Erfah­rungen ersetzen kann – es ist bloß eine Nussschale auf dem Ozean der Psyche. Nichts stiftet nachhaltiger Zuver­sicht als das Vertrauen auf die eigenen Kräfte – die Überzeugung der „Selbstwirksamkeit“ (engl. perceived self-efficacy), wie der kanadische Psychologe Albert Ban­du­ra sie nennt. (24) Ob ich meiner Kom­petenz trauen kann, kann ich aber nicht herbeiphantasieren; es erweist sich an meiner Lebens­erfah­rung, sie entscheidet mit darüber, was ich mir von der Zu­kunft erwarte. Erlebe ich im­mer wieder, dass sich An­stren­gung auszahlt, bin ich eher davon über­zeugt, dass ich mein Schicksal selbst in der Hand habe. Positives Denken verleitet dazu, eigenes Bemühen zu vernachlässigen. In einer Studie der Universität Los Angeles wurden Studenten aufgefordert, sich jeden Tag mehrmals ein paar Minuten lang vorzustellen, dass sie beim nächsten Examen besser abschneiden. Doch die guten No­ten blieben aus – denn diese Stu­den­ten lernten we­niger. Deut­lich bessere Prü­fungsergebnisse erzielte eine Kontrollgruppe, die sich nicht auf bevorstehende gute Noten konzentriert hatte. (25) In einem anderen Test an der Uni­versität New York schrieben Absol­venten auf, wie oft sie sich ausmalen, nach dem College ihren Traumjob zu ergattern. Je häufiger sie von einem späteren Erfolg träumten, desto weni­ger Angebote erhielten sie daraufhin. (26) Die Aufforde­rung zu permanenter Schön­färberei kann zu zwanghaftem Verhalten und Dauer­stress führen. Nicht jedem ge­lingt es, entspannt mit dem Druck umzugehen, jederzeit und überall po­si­tiv denken zu müssen. Positives Den­ken verleitet dazu, zuviel Zeit und Energie für Ziele zu verplempern, die unerreichbar sind. Es erschwert, Situationen zu erkennen, in denen man ob­jektiv geringe Kontroll­mög­lich­keiten hat, und sich an sie anzupassen. Positives Denken trübt Reali­tätss­inn und Urteilskraft. Es macht leichtsinnig und kritikunfähig, lässt Ge­fahren ignorieren, verführt dazu, irrwitzige Risiken einzugehen, macht resistent gegen schlech­te Nach­rich­ten und verhindert, auf Rückschläge vorbereitet zu sein. „Neugeister“ verweisen gerne auf den biblischen David (1 Samuel 17). Als Goliath den Israeliten entgegentrat, dachten alle Soldaten: „Der ist so groß, den können wir niemals überwältigen.“ Positivdenker David hingegen sagte sich: „Der ist so groß, den kann ich gar nicht verfehlen.“ Tau­sende Andere, die sich zuvor dem Rie­sen entgegengestellt hatten, bezahlten ihren tollkühnen Wage­mut allerdings mit dem Leben. Aus deren jämmerlichem Schicksal sollten in einer Welt, der alttestamentarische Wunder abhanden gekommen sind, ratsamerweise eher pessimistische Schlüsse gezogen werden. In einer wachsenden Zahl von Firmen sorgt „positiver“ Geist für ein Betriebsklima gekünstelten, zwanghaften Gut­drauf­seins. Wer nicht Tag für Tag acht Stunden lang durchgängig signalisiert, dass ihm alles wahnsinnig viel Spaß macht, sondern womöglich Unzufriedenheit oder gar Kri­tik äußert, riskiert Kolle­gen­schelte, Rüffel von Vorgesetzten, betriebsinterne Ächtung, sogar die Kündigung. Denn Bedenken „be­gren­­zen“. Zweifler und Warner gelten als Miesmacher, deren „negative“ Energien das Erreichen der Unter­nehmensziele gefährden. „Neu­gei­stige“ Betriebsführung verleitet da­zu, Mitbewerber zu unterschätzen, die Unsicherheiten des Marktes und die Unwägbarkeit der Zukunft zu verkennen, Anzeichen für Krisen zu übersehen, ernsthafte, wohlbegrün­de­te Warnungen in den Wind zu schlagen. Was unerschütterliche Zuversicht im Großmaßstab an unermesslichem Schaden anrichten kann, wenn sie in maßlose Selbstüberschät­zung um­schlägt und ins Megalomane abhebt, hat uns das Platzen der Finanzblase, der krachende Absturz der New Eco­nomy vor Augen geführt. Ihre treibenden Kräfte waren umfassend verblendete Optimisten, die begründete Warnungen wie vernagelt in den Wind schlugen, Risikofaktoren kopflos ignorierten, tollkühn einem Machbarkeitswahn erlagen – wie Joseph Gregory, der damalige Präsi­dent der Investmentbank Lehman Brothers, deren Insolvenz den „Big Bang“ auslöste: Seine Mitarbeiter hatten ihm den Ehrentitel „Mr. Instinct“ verliehen, weil er sich gerne damit brüstete, Entscheidungen lieber nach seinem „Bauchgefühl“ zu treffen als nach rationaler, Chancen und Risiken umfassend abwägender Analyse. (27) An der Leine waghalsiger Oberbosse, die nicht annähernd ahnten, was sie alles nicht wissen, haben sich vor der Finanzkrise ganze Teams von hochqualifizierten Entscheidern frohgemut in Kollektivillusionen hin­einphantasiert. Daniel Kahneman nennt Optimismus den “Motor des Kapitalismus”: Solange er wartungsfrei auf Hochtouren läuft, ergötzen wir uns an seinem lieblichen Schnur­ren; kommt die Krise, vermissen wir ein Lenkrad und zuverlässige Brem­sen. (28) In der Politik sind es megagroße Bau­projekte, in denen sich positivistischer Leichtsinn mit Vorliebe aus­tobt. Ob der neue Hauptstadt­flug­hafen Berlin-Schönefeld, die Ham­burger Elbphilharmonie oder der unterirdische Bahnhof „Stuttgart 21“: Überall ließ blauäugiger Opti­mismus die Kosten explodieren. Wie verheerend er sich auf Regierungs­ent­scheidungen auswirken kann, führ­te der Irak-Krieg vor Augen: Präsident George W. Bush war bekannt dafür, keine Zweifler und Bedenkenträger in seiner Umgebung zu ertragen – so immunisierte er seine surreale Zuversicht, der Feld­zug sei binnen Tagen zu gewinnen. Wie Bushs damalige Sicherheits­beraterin Condoleezza Rice später einräumte, hatte sie sich nicht ge­traut, kritische Bemerkungen zum Irak-Abenteuer vorzutragen, weil ihr oberster Dienstherr Pessimisten zu­tiefst verabscheut habe. Auch hierzulande ist es mitunter das eigene Leben, das Positivdenker be­straft. Was ist aus ihren Laut­spre­chern inzwischen geworden? Jürgen Höller pokerte zu hoch: 2002 wurde er wegen Untreue, vorsätzlichen Bankrotts und Meineids zu drei Jahren Haft verurteilt, nachdem er versucht hatte, vor der drohenden Insolvenz seiner Firma Geld beiseite zu schaffen. (29) Seit einer Herz­mus­kel­entzündung kann Bodo Schäfer höch­stens noch eine Stun­de pro Tag auftreten. Ul­rich Strunz wäre während eines Trainingslagers auf Mal­lorca beinahe gestorben, er kann nicht mehr. (30) Bärbel Mohr erlag, erst 46 Jahre alt, 2010 einer Krebs­er­kran­kung, nachdem sie ein Jahr zuvor ins Burn-out-Loch geraten war – hatte sie das etwa „beim Universum bestellt“? Positivdenker machen den Erfolg­losen zum Sündenbock. Du bist ar­beits­­los, findest keinen Job? Offenbar denkst du nicht positiv genug. Du bist arm? Offenbar hast du das durch deine Negativität angezogen. Wer etwas nicht hinkriegt, wem es schlecht geht, der ist selber schuld. Insofern trägt Positives Den­ken letztlich dazu bei, den ge­sellschaftlichen Status quo zu ze­men­tieren, weil es den Lebensum­stän­den eine vernachlässigbare Rolle beimisst; es hält davon ab, sich dagegen zu wehren. Sind Demonstra­tionen und Streiks, Protestbewe­gungen und Gewerkschaften nicht Ausgeburten und Brutstätten von törichtem Negativismus? Wozu für bessere Schulen und Jobs eintreten, für Rechte von Arbeitnehmern und Minderheiten kämpfen, wenn bloßes Positiv­denken doch so viel mehr zum Glück beitragen kann? „Du bist mit deinen Arbeitsbedingungen un­zufrieden? Mit positiver Geisteshal­tung wirst du schon bald bessere finden.“ „Du bist arm? Das kommt von den negativen Schwingungen deines Armuts­bewusst­seins, das du ausgesandt hast.“ Die Botschaft lautet: „Kla­ge nicht, ändere deine Einstellung, und alles wird gut werden.“ So droht ein Massenwahn, der vorschreibt, frohgemut alles Unglück zu ertragen – eine Gefahr, auf die der tschechische Schriftsteller Milan Kundera hinweist, wenn er eine Romanfigur sa­gen lässt: „Optimismus ist das Opi­um der Menschheit.“ (31) Insofern wirkt das positive Denken in der west­lichen Welt ähnlich wie der Hin­duismus in Indien: Es eignet sich vor­­­züglich als Werkzeug sozialer Kontrolle, um Ungleichheiten zu le­gitimieren. „Das Ganze wirkt wie ein gigantischer Manipulations­versuch“, spitzt Kritikerin Barbara Ehrenreich zu. Das Menschenbild der Smiley-Opti­misten ist im Grunde un­menschlich. Es zeichnet uns als leicht umprogrammierbare Roboter, denen lediglich eine bessere Software im­plantiert werden muss, um perfekt zu funktionieren. Positivdenken „heißt doch: Ich kann den anderen Men­schen genau so manipulieren, dass er das macht, was ich gerne möchte“, warnt Kritiker Günter Scheich. (32) „Genauso kann ich mein Unbewuss­tes so program­mieren, dass es immer genau das macht, was ich mir vorher zurechtgelegt habe, auch wenn die Ziele noch so unreif sind: Ich bin der Größte, Schönste, Beste, Reichste und so weiter.“ Welch „schöne neue Welt“ uns die Wohlfühlindustrie bescheren könnte, malt Dave Eggers´ Roman The Circle gänsehautförderlich aus: Er be­schreibt eine Gesell­schaft, die sich völ­lig dem Diktat des positiven Den­kens unterworfen hat. (33) Mit den Schreckensutopien eines Aldous Hux­ley oder George Orwell hält rosaroter Gesinnungs­terror ohne weiteres Schritt. Vor grenzenlosem Optimismus zu warnen, bedeutet mitnichten, für ausufernden Pessi­mismus zu plädieren. Grenzen und Gefahren des Positiven Denkens nicht außer acht zu lassen, auf dem Boden zu bleiben, Fakten zu berück­sichtigen, Umstände zu analysieren, sich des eigenen Verstandes zu bedienen, mit all seinen Potentialen statt bloß mit dem zum zuversichtlichen Erreichenwollen: Darum geht es. Was wir bei entmutigten, ratlosen, deprimierten Campteilnehmern wecken und fördern möchten, ist ein sogenannter „gesunder Optimis­mus“: einer, der auf vorhandenen Fä­higkeiten und Kenntnissen, auf der richtigen Einschätzung von Situa­tionen aufbaut. Im übrigen kommt auch der nüchterne Realist, der gnadenlose Stim­mungs­töter aller Überschwängli­chen, nicht selten recht gut und durch­aus glücksfähig durchs Leben; er profitiert davon, sorgfältiger abzuwägen, Kehrseiten zu bedenken, Risiken mit klarem Blick wahrzunehmen. In eigener Sache erweist er sich deshalb zumeist als der bessere Futu­rologe. Wann immer Teams folgenschwere Entscheidungen treffen, sollten sie ihn einbeziehen. Denn er macht Pinkdenkern klar: Auch wenn das halbleere Glas „eigentlich“ halbvoll ist, ändert das nichts am Füll­stand. Denkbare Probleme nicht neugeistig wegzuschieben, sondern sich ihnen zu stellen, hilft insbesondere Furcht­samen. Die US-Psychologin Julie Norem rät ihnen dringend zu einem „defensiven Pessimismus“ (34): Stellen sich Menschen mit ausgeprägten Ängsten vor, was alles schief­gehen könnte, so sind sie auf heikle Situa­tionen besser vorbereitet, gewinnen ein Gefühl von Kontrolle, werden ruhiger und sicherer, bringen daraufhin bessere Leistungen. Vor Prü­fungen, Präsentationen und anderen Herausforderungen, die vorweg für Beklemmungen, Herz­rasen und Angstschweiß sorgen, versäumt man es besser nicht, in Ge­danken Worst-Case-Szenarien durch­zuspielen und sich Gänsehaut­fak­toren zu vergegenwärtigen: mögliche Wissenslücken, Fehler, Verspre­cher, Gedächtnis-Blackouts, Fang­fragen und ironische Kommentare. Sich Strategien auszumalen, wie man trotz Patzer und Pan­nen zurechtkommt, erhöht Wohl­befinden und ob­jektive Chancen. Der Nutzen erhöht sich, wenn man sich mit Nega­tivem vorab schriftlich auseinandersetzt. Solches „expressive Schreiben“, um negative Emotionen zu bewältigen, empfiehlt der US-Psy­chologe James Penne­baker von der Universität Austin/Texas, ge­stützt auf mehrere Studien. (35) Selbst eine negative Erwartungs­haltung ist keineswegs nur destruktiv, sondern ein wertvolles Korrektiv: Der Opti­mist erfand das Flug­zeug, der Pessimist den Fallschirm. Ein­ge­fleischte Bedenkenträger müssen im übrigen durch­aus nicht, lebenslänglich zaudernd und zagend, in Trübsal und Angststarre verharren. Den melancholischen Schwarzseher verkörpert geradezu idealtypisch einer der flei­ßig­sten und erfolgreichsten Filmema­cher unserer Zeit, Woody Al­len. „Was immer wir tun zu Leb­zeiten“, lautet sein Credo, „ist am Ende sinnlose Illu­sion, weil nichts von Be­stand sein wird. Gar nichts. Ich wünschte, ich läge falsch, aber der gesun­de Menschen­ver­stand spricht dagegen.“ Nur seiner Familie zuliebe mimt er daheim manch­mal den Optimi­sten: "Wenn meine Frau mal seufzt, dass das Leben kurz und traurig ist, dann bin ich es, der sagt, dass sie nicht albern sein soll. Dass es viel Wun­dervolles zu erleben gibt. Aber tief in meinem Herzen spiele ich ihr etwas vor." Sein Lebenselixier bleibt auch nach rund fünfzig Film­produk­tio­nen das Kino: "Wir Men­schen be­sitzen glücklicherweise einen Überlebenstrieb. Käme gleich jemand mit einer Pistole durch die Tür, würde ich um mein Leben kämpfen, das liegt in unserem Blut. Für mich ist das Filmemachen Teil dieses Überlebenskampfes, es ist eine wundervolle Ablenkung, um nicht schreckli­chen Gedanken nachhängen zu müssen." (36) Aber was denn sonst, wenn nicht Gehirnwäsche zum Zweck geistiger Selbstver­gewaltigung, findet in „Auswege“-Camps statt? Die Alternative zur rosa Brille ist keine schwarze, sondern eine farblos transparente. Wir verleiten Kranke keineswegs dazu, ihre Lebens­um­stände, ihre Geschichte, ihre Aus­sichten schönzufärben – wir bemühen uns lediglich, sie von Denk­blockaden zu befreien, die sie daran hindern, sich selber realistisch zu betrachten, bestehende Möglich­keiten wahrzunehmen, Chancen zu erkennen – kurzum, wir versuchen sie von Pessimismus zu erlösen, der bei Schwerkranken mitunter extreme, geradezu masochistische Aus­maße annimmt. Wir tun es, weil eine solche Geisteshaltung das Be­finden mas­siv beeinträchtigt, Le­bens­quali­tät zerstört und einer Hei­lung im Wege steht. Der Opti­mis­mus, den wir Camp­teilnehmern nahelegen, ist kein weiteres chronisches Denk­muster, bei dem jede Abweichung unter Neu­roseverdacht steht – sondern eine Wahlmöglich­keit in Situa­tionen, in denen nach nüchterner Abwägung aller Pros und Contras, aller Licht- und Schatten­seiten nicht weniger Grund zur Zuversicht als zur Schwarzmalerei besteht. Psychologen, die in dieser Richtung arbeiten, wären in unseren Camp­teams hochwillkommen. Einen praxisbewährten Ansatz, der unsere Be­mü­hungen optimal ergänzen würde, hat die deutsche Psychologin und Motivationsforscherin Gabriele Oet­tingen entwickelt, Professorin an den Universitäten Hamburg und New York. Ihr WOOP („Wish Out­come Obstacle Plan“) ist eine Vier-Stufen-Strategie, sich über erreichbare Wün­sche klar zu werden und sie zu erfüllen. (37) Dabei werden Chan­cen ebenso bedacht wie Wider­stände und Hin­dernisse. WOOP beginnt mit der Frage: Was ist mein Wunsch, was will ich wirklich? Wie wichtig ist er mir? (Das „W“.) Im zweiten Schritt malt man sich möglichst lebhaft die erwünschte Zu­kunft aus: Was wäre das schönste Er­gebnis (outcome), wenn sich der Wunsch erfüllt? (Das erste „O“.) Darauf folgt das zweite „O“ (für obstacle): Welche Hinder­nisse stehen im Weg, sei es umstän­de­halber, sei es in mir? Was hält mich davon ab, den Wunsch zu erfüllen? Ist es Angst, mangelnde Vorberei­tung, eine Ge­wohnheit, Unkonzent­riertheit, Träg­heit? Abhängig von der Antwort verabschiede ich mich von dem Wunsch, delegiere ihn, verschiebe ihn auf später – oder schmiede einen Plan, wie ich die Hin­der­nisse beiseite räume. (Das „P“.) Dabei zerlege ich einen längeren Weg zum an­gestrebten Ziel sinnvollerweise in mehrere kleine Zwischen­­schritte, die der Reihe nach zu be­­wäl­tigen sind. Jeden Fort­schritt sollte ich gebührend verbuchen, um mir bewusst zu machen, wie ich vorankomme – so wächst Selbstvertrau­en. Kom­me ich im Laufe dieses WOOP-Prozesses zu dem Schluss, ein Wunsch sei mir gar nicht so wich­tig oder unerreichbar, muss ich mir keineswegs eine persönliche Nieder­lage oder einen Man­gel an der rechten Geistes­hal­tung eingestehen – ich werde frei, meine Energien in andere, vielversprechendere Vorhaben zu investieren. Was Campteilnehmer am Ende ihres Auf­enthalts an persönli­chen Resümees zu Papier bringen (38), deutet darauf hin, dass wir unser Motivationsziel nahezu ausnahmslos erreichen, selbst bei Patienten, die neun Tage zuvor zu­tiefst niedergeschlagen, verängstigt, hoff­nungs­los bei uns angekommen sind – wie die Mutter einer 15jährigen Epileptikerin, die „dankbar und froh“ ist, „dass ich dabei war; es kommt mir vor wie der erste Schritt in einen neuen Lebensabschnitt“; wie die depressive Mutter einer 30jährigen MS-Kranken, die „viele An­re­gungen, Lösungs­ansätze und –möglichkeiten mitnehmen konnte“; wie der von Tinnitus, schmerzenden Hand­gelenken und Schlafstörungen geplagte Gabriel*, 56, der sich „inspiriert und durch das Camp positiv aufgestellt“ fühlte; wie die Mutter des entwicklungsgestörten, inkontinenten Simon*, 7, die sich „auf den Weg ge­bracht fühlt“; wie Johannes*, 53, den eine schwere chronische Nie­renent­zündung belastete: „Hier bin ich ein anderer Mensch geworden. Alles, was früher dunkel, bedrohlich und perspektivlos war, kann ich jetzt posi­tiv sehen - das Camp gibt mir so viel Kraft“. Für den rheumakranken Martin*, 67, „war es, als hättet ihr mir einen dunkelgrauen Schleier von den Augen gerissen“. Ludwig*, 59, hatte zu uns gefunden mit schweren Depressionen und Angstzuständen, medikamentös nicht einzudämmenden Herzrhythmusstörungen und einem mysteriösen heftigen Druck­schmerz auf der Brust – seit er aus nächster Nähe miterleben musste, wie beide Eltern erschossen wurden; nach neun Camptagen kam es ihm „so vor, als wäre ich in einem stock­dunklen Gefängnis eingemauert ge­wesen – nun hat sich endlich ein Fen­ster geöffnet, und Licht fällt herein“. Auch Marta*, 62, eine durch sexuellen Missbrauch in früher Kind­heit schwer traumatisierte Lehrerin, fühlte sich nach wenigen Camptagen „wie befreit, wie neugeboren“: „Ich habe schon so viele Psychotherapien hinter mir, die nix gebracht haben. Was ihr hier mit mir gemacht habt, ist unglaublich. So intensiv! Mich hat dieses Camp auf den Weg gebracht“ – nicht unter dem perfiden Druck eines rosa Gesin­nungsterrors, sondern weil sie helfende Hände fand, die sie aus der Dunkelheit herausführten. (Harald Wiesendanger) Anmerkungen * Pseudonyme 1 Ajit Varki/Danny Brower: Denial: Self-Deception, False Beliefs, and the Origins of the Human Mind, 2013 2 Tali Sharot: Das optimistische Gehirn. Warum wir nicht anders können, als positiv zu denken. Ber­lin/Heidelberg 2014; or.: The Optimi­stic Bias (2012). 3 Die noch laufende Minnesota-Studie berücksichtigte zwischen 1979 und 1988 sechzig eineiige und 34 zweieiige Zwil­lin­ge, dazu drei Drillinge; jedes Jahr be­zieht sie im Schnitt zehn weitere Zwil­lings­paare ein: Thomas J. Bouchard/ D.T. Lyk­ken u.a.: “Sources of human psychological differences: the Min­ne­sota Study of Twins Reared Apart”, Science 250/ 1990, S. 223-228; Thomas J. Bouchard/J. Thomas: “Twins reared apart and together - What they tell us about human individuality”, in Sidney W. Fox (Hrsg.): Individua­lity and Determinism. New York NY 1984, Seite 147-184. Eine weitere um­­fang­reiche Untersu­chung erfasste 850 Zwillingspaare: John C. Loeh­lin/Robert C. Nichols: Heredity, En­vironment and Personali­ty, Au­stin/Texas 1976. 4 zit. in Der Spiegel 1/2012, S. 117. 5 Allein von Carnegies Sorge Dich nicht – lebe (1948) wurden über 50 Millionen Exemplare verkauft, davon 2,8 Millionen in Deutschland, wo es sich über tausend Wochen in Bestsellerlisten hielt. Mur­phys Die Macht Ihres Unterbewusst­seins (1962), einer der erfolgreichsten Longseller der Buchgeschichte, er­lebte nicht weniger als 65 Auflagen. 6 Der Jahresumsatz 2005 auf dem amerikanischen Coaching-Markt wurde auf 21 Milliarden Dollar ge­schätzt; nach Der Tagesspiegel, 22.8. 2010. 7 In einem Interview mit der Zeit­schrift Stern, 6.12.2010. 8 In einem Interview mit der Zei­tung Der Tagesspiegel, 22.8.2010. 9 Erhard F. Freitag: Die Macht der Gedanken - Kraftzentrale Unterbewusst­­sein, München 1987. Seine elf Bücher wurden über zehn Millionen mal ver­­kauft. 10 Bestellungen beim Universum. Ein Hand­buch zur Wunscherfüllung, Aachen 1998; Der kosmische Bestell­ser­vi­ce. Eine Anleitung zur Reakti­vie­rung von Wundern, Aachen 1999. 11 www.taz.de/!33306 12 Nach Anna Gielas, „Gute Laune auf Befehl“, Zeit Wissen 1/2011. 13 Günter Scheich: Positives Denken macht krank. Vom Schwindel mit ge­fähr­lichen Erfolgs­versprechen, Frank­furt am Main 2001; Barbara Ehren­reich: Smile or Die - Wie die Ideologie des positiven Denkens die Welt verdummt, München 2010 14 Frieder R. Lang/David Weiss u.a.: „Forecasting life satisfaction across adult­hood: Benefits of seeing a dark future?“, Psychology and Aging 28 (1) 2013, S. 249-261. 15 Leslie R. Martin/ Howard S. Friedman u.a.: „A Life Course Perspective on Child­­­hood Cheerfulness and Its Relation to Mortality Risk“, Personality and Social Psychology Bulletin 28 (9) 2002, S. 1155-1165. 16 Barbara Ehrenreich im Tagesspiegel-Interview, a.a.O. 17 Dagegen äußerten sich 45 Prozent optimistisch. Nach einer Repräsentativ­umfrage des Hamburger Zukunfts­for­schers Horst Opaschowski im De­zember 2014, zit. in Frankfurter Allge­meine, 26.12.2014. Wer die Umfrage­ergebnisse näher betrachtet, stellt fest: Zuversicht­lich ins neue Jahr gingen in erster Linie jene, die Arbeit haben und in relativem Wohlstand leben. 18 Joanne Wood u.a.: „Positive Self-Statements - Power for Some, Peril for Others”, Psychological Science 20 (7) 2009, S. 860-866. 19 Barbara Fredrickson: Die Macht der guten Gefühle. Wie eine positive Haltung Ihr Leben dauerhaft verändert, Frankfurt/New York 2011 20 In einem ARD-Interview im Rahmen einer „Themenwoche“ im November 2013. 21 Solch brutale „Selber-schuld“-Zu­weisung prangerte die US-Publizistin Susan Sontag, prominente Menschen­recht­lerin und Sozialkritikerin, schon Ende der siebziger Jahre in ihrem Essay Krankheit als Metapher an. (Im Jahre 2004 er­lag sie 71jährig einer Krebs­erkran­kung.) Das Original Illness as Metaphor (1978) erschien 1981 in deutscher Übersetzung. 22 Im Stern-Interview, a.a.O. 23 s. Thomas Grüter: Magisches Denken. Wie es entsteht und wie es uns beeinflusst. Frankfurt am Main 2010. 24 Albert Bandura, A.: Self-efficacy: The exercise of control. New York 1997. 25 Lien B. Pham/Shelley E. Taylor: „From Thought to Action: Effects of Pro­cess-Versus Outcome-Based Mental Si­mu­lations on Performance“, Personality and Social Psychology Bulletin 25/1999, S. 250-260. 26 G. Oettingen/D. Mayer: „The motivating function of thinking about the future: expectations versus fantasies“, Journal of Personality and Social Psychology 83 (5) 2002, S. 1198-1212. 27 Barbara Czarniawska: „New plots are badly needed in finance: Accounting for the financial crisis of 2007-2010“, GRI-Rapport 2/ 2011, S. 20. 28 Der Publizist Manfred Dworschak in Der Spiegel 1/2012, S. 118. 29 www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/0,1518,246819,00.html, 9. Januar 2007. 30 http://www.taz.de/!33306/ 31 Milan Kundera: Der Scherz, München 2004. 32 Im Interview mit dem bvvp-Magazin des Bundesverbands der Vertragspsy­cho­therapeuten, Nr. 1/2006, S. 32 f. 33 Dave Eggers: Der Circle, Köln 2014; das englische Original erschien ein Jahr zuvor. 34 Julie K. Norem: The Positive Power of Negative Thinking: Using Defensive Pessi­mism to Harness Anxiety and Perform at Your Peak (2002) 35 James Pennebaker: Writing to Heal: A guided journal for recovering from trauma & emotional upheaval (2004) 36 Woody Allen im Interview mit der Süddeutschen Zeitung, 4.12.2014 ("Die Sonne wird erlöschen") 37 Gabriele Oettingen: Rethinking Positive Thinking: Inside the New Science of Moti­vation, New York 2014. 38 Die abschließenden Stellungnahmen von Campteilnehmern geben wir auf unserer Homepage www.stiftung-auswege.de unter der Rubrik „Veranstal­tungen“/“Frühere Camps“ wieder. Dieser Betrag enthält Auszüge aus dem Buch von Harald Wiesendanger: Auswege – Kranken anders helfen (2015)

  • „Vollkommenes Wohlergehen“

    Ärzte interessiert der Befund, Patienten geht es nicht minder um ihr Befinden. Symptom- und organfixiert versäumt es die Schulmedizin, die subjektiven Aspekte von Krankheit wahr- und ernstzunehmen. Gesundwerden bedeutet mehr, als Symptome loszuwerden. Schwere Krankheit hat zwei Seiten. Die eine spiegelt sich im objektiven medizinischen Befund: in Mess­kur­ven und Laborwerten, in Röntgenbildern und Tomo­grammen. Die andere besteht aus den Beein­träch­ti­gun­gen, Beschwerden und Ver­lusten, die der Betroffe­ne selbst erlebt. Schwere Krankheit kann für ihn andauernden Schmerz und Schwä­che bedeuten. Sie kann ihn zunehmend entstellen und behindern. Sie lässt ihn oft einsam werden. Sie kann ihn launisch, verbittert, hoffnungslos, sinnleer machen. Und voller Angst. Welche Seite verdient stärkere Be­ach­tung? Wenn Heiler sich eines Hilfe­suchenden annehmen, fragen sie nicht danach. Sie betrachten und behandeln ihn als ganze Person: als eine untrennbare Einheit von Kör­per, Geist und Seele. Was sie ihm vermitteln, ist vielleicht eine rätselhafte, physikalisch noch unfassbare Ener­gie, fast immer aber zwischenmenschliche Wärme, Ver­ständ­nis, Auf­merksamkeit, Geborgenheit. Falls sie auf diese Weise, gegen alle ärztlichen Prognosen, im organischen Bereich eine Wende zum Bes­seren anstoßen oder auch nur einen für unabwendbar gehaltenen Verfall aufhalten können, ist das bemerkenswert. Sollte, was Heiler können, trotzdem vornehmlich an organischen Veränderungen gemessen werden, und jeder Fort­schritt, der unterhalb der vollständigen Remission bleibt, als minderwertig dastehen? Viele Patienten tun dies, weil sie in den üblichen Arzt­praxen und Krankenhäusern gelernt haben, Heilerfolge vornehmlich nach diesem Maßstab zu beurteilen - ebenso wie ihre behandelnden Ärzte dies während ihres Stu­diums vom vorherrschenden klinischen For­schungs­stil lernten. (1) Mit entsprechenden Erwartungen suchen Patienten einen Geistheiler auf, und mit denselben Er­wartungen blättern viele vermutlich in diesem Buch. Mancher Krebs­patient beispielsweise einer verspricht sich vielleicht Hinweise darauf, mit welcher Wahrscheinlichkeit sich selbst ein metastasierter, inoperabler Tumor noch irgendwie auflöst, wenn die Hand eines Begnadeten lange genug darüberliegt. Was ihn interessiert, sind Schicksalsberichte über Leidensgefährten, deren Karzi­nome von purem "Geist" spurlos weggeschmolzen wurden, und Emp­feh­lun­gen von Heilern, die als Spe­zialisten für eine solche "übersinnliche" Strah­lentherapie gelten. Aber sind die subjektiven Verände­run­gen, die Heiler zustandebringen, etwa weniger erstaunlich und be­deutsam als die objektiven? Wenn ein Krebskranker, den Ärzte aufgegeben haben, nach wenigen Sitzun­gen wieder Kraft, Mut und Lebens­freude spürt; wenn seine Schmerzen und Ängste nachlassen; wenn er so ausgeglichen, gelassen und zuversichtlich ist wie seit Jahren nicht mehr; wenn er aufhört, mit seinem Schicksal zu hadern, und neuen Sinn findet: dann ist dies bewundernswert, ein kleines Wunder. Wiegt es geringer, wenn das große "Wunder" ausbleibt: das Verschwinden der Sym­ptome, die körperliche Gene­sung? Ganzheitliche Therapieformen wie Geistiges Heilen tun gut - auch wenn dies, selbst unter dem stärksten Elektronen­mikroskop, keiner Zell­probe anzusehen sein mag. Wer mehr verlangt, verwechselt Heilen mit Kurieren. Was bedeutet es überhaupt, einen Menschen zu heilen? Heilung ist die Wiederherstel­lung von Gesundheit. Aber was heißt es, gesund zu sein? Wir alle sind in einer medikalisierten Kultur aufgewachsen, in der wir gelernt haben, unsere Befindlichkeit durch die Brille einer ärztlichen Expertokratie wahrzunehmen und zu bewerten, die sich alleinzuständig für sie wähnt. Der Sinnspruch "Es gibt tausend Krank­heiten, aber nur eine Gesundheit" stimmt nicht - es gibt mehrere. Für unser vorherrschendes Medizinsy­stem werden wir zum Fall, wenn wir Symptome entwickeln, für die es Begriffe, Mittel und Theorien entwickelt hat: messbare Defekte in der Maschinerie unseres Körpers. Ent­sprechende Definitio­nen beherrschen denn auch unsere Lexika: Das 25-bändige "Meyer"-Lexikon etwa (2) setzt Gesundheit gleich mit dem "Fehlen ärztlicher und labormedizinischer Befun­de, die von der Norm abweichen"; gesund sei, wessen "Kör­perfunktionen ohne Einschrän­kung intakt sind". Folgerichtig er­kundigt sich der Hausarzt in der Sprechstunde: "Was fehlt Ihnen denn?" - und wir reagieren wie selbst­verständlich mit der Aufzäh­lung von einzelnen, isolierten Ab­weichungen von der Norm, statt zu sagen, was uns wirklich fehlt: Liebe vielleicht, oder Sicherheit, Angst­freiheit, Geborgenheit, innere Ruhe und Ausgegli­chen­heit, Bindungen, eine Aufgabe, Sinn. Gesundheit als Wohlergehen Kurz nach Ende des Zweiten Welt­kriegs – also lange bevor in der westlichen Welt der Boom der „Ganz­heits­medizin“ einsetzte -, schrieb die Weltgesundheits­orga­nisation (WHO) anlässlich ihrer Gründung 1946 in ihre „Verfassung“ eine geradezu revolutionäre Begriffs­bestimmung: „Gesundheit“, so definierte sie, sei „ein Zustand des vollkommenen körperlichen, geistigen und sozialen Wohl­ergehens und nicht nur das Feh­­len von Beschwer­den oder Krank­­heit.“ (3) 1988 ergänzte die WHO: Gesundheit schließe die “Fähigkeit des Individu­ums“ ein, „die eigenen Gesundheitspotenziale auszuschöpfen und auf die Heraus­forderungen der Umwelt zu reagieren” In dieselbe Richtung zielt eine programmatische Erklärung der Bun­desregierung von 1997: „Ge­sund­­heit wird als mehr­dimensionales Phänomen ver­stan­den und reicht über den ‚Zu­stand der Abwesenheit von Krank­heit‘ hinaus.“ (4) In der Tat. In diesem Sinne können wir krank sein, ohne Symptome zu entwickeln; wir können gesund sein, obwohl un­sere Funktionen von der medizinischen Norm abweichen. Denn Vita­lität und Wohlbefinden, auch wenn sie in engem Zusammenhang mit körperlicher Intaktheit stehen, sind nicht notwendig daran gebunden. Deshalb muss eine Geistheilung keineswegs misslungen sein, nachdem sie an der Sympto­matik nichts oder zuwenig geändert hat: genesen, in einem um­fassenderen Sinn heil werden, kann ein Patient durch sie dennoch, und da­rin liegt vielleicht ihre größte Stärke. Es gibt Krebskranke, die sich heiler fühlen als ihre tumorfreien An­gehörigen. Es gibt Todgeweihte, die heiler hinübergehen, als ihre Hin­terbliebenen je gelebt haben. Letzt­lich stirbt man nicht an einer be­stimmten Krankheit - man stirbt an einem ganzen Leben. (Harald Wiesendanger) Anmerkungen 1 Bezeichnend: 90’000 Arzneistudien fanden britische Epide­mio­logen im Cochrane Controlled Trials Register, einer Daten­bank, in der ein Großteil aller klinischen Studien weltweit gespeichert ist; nur 2000 von ihnen bezogen auch den Faktor “Lebensqualität” ein. Diese Studie wur­de von Stephen Fran­kel, Universität Bri­stol, Ende 1998 veröffentlicht. Siehe Wieb­ke Rögener, “Wunderdroge sucht pas­sende Krankheit”, Süd­deutsche Zei­tung Nr. 271, 24.11.1998, S. V2/9. 2 Meyer, Bd. 10, S. 263f. 3 „Health is a state of complete physical, mental and social well-being and not merely the absence of disease or infirmity”. Zweiter Abschnitt der Verfassung der Weltgesundheitsorga­nisa­tion, unterzeichnet in New York am 22. Juli 1946. 4 Bundesministerium für Bildung, Wis­sen­schaft, Forschung und Techno­logie, 1997. Dieser Betrag stammt aus dem Buch von Harald Wiesendanger: Auswege – Kranken anders helfen (2015).

  • Nur Geduld!

    Wenn Symptome während eines Therapiecamps meiner Stiftung Auswege fortbestehen, bis zum letzten Tag - war die Teilnahme dann umsonst? Viele Patientengeschichten zeigen, dass sich Geduld auszahlt. Wenn Wörter aus der Mode kommen, tun es oft auch die Dinge, für die sie stehen. Tugenden bieten reichlich Bei­spiele dafür. Nicht nur schreiben wir einander immer seltener Eigen­schaften zu wie demütig, keusch, ehrfürchtig, enthaltsam, züchtig, duldsam, barmherzig oder edelmütig. Wir sind es auch immer weni­ger. Auch Langmut ist so ein Fall: die Fähigkeit, warten zu können – gelassen, standhaft und ausdauernd, auftretender Schwierigkeiten zum Trotz. Das altertümliche Wort „Langmut“ haben wir zwar durch „Geduld“ ersetzt – aber die neuzeitliche Geduld macht sich inzwischen rarer, als sich unsere langmütigen Vorfahren je hätten träumen lassen. Unseren Alltag empfinden wir zunehmend als schikanöse Aneinan­derreihung lästiger, ärgerlicher und großteils überflüssiger Wartereien auf etwas, das unseres Erachtens schneller passieren könnte und müsste. Und so harren wir angespannt, bis endlich das Bad frei wird; bis wir an die Spitze der Warteschlangen an Ladenkassen, Post- und Bankschaltern, beim Friseur und in der Arztpraxis rücken; bis die Ampel endlich auf Grün springt, der Schleicher vor uns die Überholspur freigibt; bis sich endlich die Bedienung blicken lässt; bis das Essen serviert und die Post zugestellt wird; bis die Gäste eintreffen, die wieder einmal unpünktlich sind. Und so ähn­lich halten wir es mit besonders Wichtigem in unserem Leben: Unge­duldig erwarten wir Beförderungen, Erbfälle, die große Liebe, den Acht­zylinder, das eigene Haus. Erst recht geht uns alles viel zu langsam, wenn wir erkrankt sind, zumal wenn es sich um etwas Chronisches handelt, dem nicht auf die Schnelle mit einer Tablette, einer Spritze oder einer OP beizukommen ist. Zwar ist uns durchaus klar, dass eine solche Krankheit oft Jahre, manchmal Jahr­zehnte brauchte, um sich zur unangenehmen Beschwernis, zum spürbaren Leiden zu entwickeln – aber Heilung, oder zumindest eine deutliche Linderung, fordern wir schleunigst, mindestens im Tempo und der Zuverlässigkeit eines biblischen Wunders. „Oh Herr, gib mir Ge­duld“, beten wir, „aber sofort!“ Wer mit einer solchen Einstellung in ein Therapiecamp meiner Stiftung Aus­wege kommt, geht ein hohes Risiko ein, nach neun Tagen ernüchtert den Heimweg anzutreten. Schlagartige, vollständige Genesungen sind bei uns zwar schon vorgekommen, bleiben aber die seltene Ausnahme. Falls die erhoffte Linderung ausbleibt: War der Besuch bei uns dann umsonst? Die folgenden Patienten­schicksale verdeutlichen, dass es sich lohnt, altmodische Langmut aufzubringen und die Behand­lung nach Campende fortzusetzen, statt sie enttäuscht abzubrechen. Drei Jahre lang bis zu 20 epileptische Anfälle pro Tag – inzwischen geheilt Mit zehn Monaten läuft Mira bereits frei und beginnt, einzelne Worte zu sprechen. Vier Monate später be­kommt sie plötzlich einen Fieber­krampf, läuft blau an und hat Schaum vor dem Mund. Um eine Ent­zündung auszuschließen, wird in der Klinik eine Lumbalpunktion durchgeführt: Mit einer Hohlnadel wird aus dem Lenden­wirbelkanal Nervenwasser entnommen. Darin können aber keine Keime festgestellt werden. Trotzdem behält man das Mädchen dort und verabreicht ihm Anti­b­ioti­ka. Im Laufe des nächsten Tages verschlechtert sich Miras Zustand dramatisch; die Atmung setzt aus, sie muss intubiert werden. Nach einem Herz-Kreislaufversagen wird sie auf die Intensivstation verlegt. Eine erneute Lumbalpunktion, zwei Tage später durch­geführt, weist diesmal einen Befall mit Pneumo­kokken nach: den häufigsten bakteriellen Erregern schwerer Infektionen wie Mittelohr-, Lungen-, Hirn­haut­ent­zün­dung, mit einer Blutvergiftung (Sepsis) als besonders gefürchteter Komplikation. Offenbar hat sich Mi­ra erst im Krankenhaus damit angesteckt. Nachdem ihre Nieren versagen, wird operativ ein Shunt (Kurz­schlussverbindung) gelegt und dialysiert. Unterdessen schalten die Eltern eine Hei­lerin ein, die eine Fernbehand­lung durchführt; zur Überraschung der Ärzte funktionieren zwei Tage später die Nieren wieder, so dass der Shunt entfernt werden kann. Erst nach der Entlassung stellen die Eltern zu Hause fest, dass ihr Kind nicht mehr hört. Umgehend wird eine Cochlea-Transplantation durchgeführt und Mira mit einem Hör­ge­rät versorgt. (Die Cochlea, "Ohr­schnecke", ist der spiralig gewundene Knochenraum im Innenohr, in dem sich das menschliche Hörorgan befindet.) Obwohl kein fokaler Herd im Gehirn festgestellt werden kann, verordnen Ärzte Antiepileptika. Unter ihnen trübt Miras Bewusstsein zunehmend ein, und es häufen sich immer schlimmere Anfälle, weshalb die Eltern die Arz­nei­mitteldosis verringern. Medikamentös bedingt läuft das Mädchen ataktisch und unsicher; wegen ständiger Sturzgefahr trägt es einen Helm, zum Schutz vor schweren Kopfverletzungen. Mira hört und versteht, was man von ihr möchte, und gibt Töne von sich. Im übrigen bleibt ihre kognitive Entwicklung stehen. Mit bis zu zwanzig Anfällen pro Tag, rund um die Uhr, kommt Mira Ende August 2008 in ein Auswege-Camp in Rheinbreitbach bei Bad Honnef, begleitet von ihrer Mutter Katja. Dort bleibt Miras Symptomatik, bei be­trächt­lichen Schwankungen, "im we­sent­lichen gleich", wie ihre Mutter ent­täuscht Bilanz zieht. „Auf vergleichsweise gute Tage folgten im­mer wieder heftige Anfälle und Ab­sencen.“ Medikamente zu reduzie­­ren, traut sich die Mutter deshalb noch nicht. Lediglich in Miras allgemeiner körperlicher Verfassung sieht sie eine leichte Besserung. Wie bei allen anderen Camp-Kin­dern, so setzen wir auch bei Mira un­sere Bemühungen fort: Ein Heiler, der sie schon in Rheinbreitbach betreut hat, nimmt Fern­behandlun­gen vor, gelegentlich finden auch Be­hand­lungen durch Handauflegen und Gebet in seiner Praxis statt. Gleich­zeitig lassen wir einen Fach­arzt für Klas­sische Homöopathie das Mädchen mit speziellen Globu­li versorgen. Am 17. September 2008, zwei­einhalb Wochen nach Camp­ende, überrascht uns Miras Mutter mit einer ersten erfreulichen Nach­richt: Seit drei Tagen sei bei Mira kein einziger Anfall aufgetreten - und dies, obwohl die Eltern die Antiepi­leptika schrittweise reduziert haben. Doch von der darauffolgenden Wo­che an kommt es wieder zu zwei bis drei größeren Anfällen pro Tag - und Ende September wendet sich Miras Mutter an uns mit einem verzweifelten Hilferuf: "Mira geht es im Mo­ment sehr schlecht. Seit vier Tagen und Nächten krampft sie fast permanent. Nachts kommt es Schnitt zu ca. 15-18 Krämpfen. Zur Zeit ist sie nicht mehr fähig zu laufen, Nahrung kann sie nur sehr mühsam aufnehmen. Wir alle sind völlig fertig, da wir seit vier Nächten nicht mehr schlafen können." Sind all unsere Bemühun­gen um Mira vergeblich gewesen? Be­wahrheitet sich hier die häufig ge­äußerte Kritik, Geistiges Heilen er­ziele bei schweren chronischen Lei­den allenfalls kurzzeitige Besserun­gen? Des Rätsels Lösung findet ein Neu­rologe: Miras schwerer Rückfall ist durch nichts weiter als einen Vita­min-B6-Mangel ausgelöst worden. (1) "Wir hatten Mira seit einem Jahr zum Schlafen abends Me­la­tonin gegeben", berichtet ihre Mut­ter. "In diesen Tabletten sind 20 Milli­gramm B6 drin. Bei der letzten Be­stel­lung haben wir das Melatonin von einem anderen Hersteller erhalten und darin war nur 1 Milligramm B6 enthalten. Anfangs habe ich mir keine Gedanken darüber gemacht. Als wir mit Mira dann im Kranken­haus waren, ist meiner Mutter eingefallen, dass ich das mal kurz erwähnt habe. Wir haben dann mit unserem Neurologen gesprochen und er ist so­gar darauf eingegangen! Dann haben wir das alte Melatonin wieder gegeben - und schon wurde es von Nacht zu Nacht besser. Die letzten beiden Nächte waren wieder ohne Krämpfe! Das hätte uns ja auch vorher einfallen können, aber manchmal sind die einfachen Lösungen zu weit weg! Der einzige Nachteil an dem ganzen Krankenhaus­aufenthalt ist, dass sie Mira wieder auf die volle Dosis von dem Anti-Epileptikum gesetzt haben und somit unsere stufenweise Reduzierung vom letzten Jahr im Eimer ist. Jetzt müssen wir wieder ganz von vorne an­fangen. Aber vielleicht hat es ja für andere Kinder etwas gebracht, dass sich die Ärzte mal ein wenig Gedanken um Vitalstoffe und Vitamine machen. Wer weiß? Schön wäre es auf jeden Fall!" Kaum war der Vitaminmangel ausgeglichen, ging es Mira wieder blendend: "Sie ist jetzt schon vier Tage hin­ter­­einander komplett anfallfrei!", schrieb uns ihre Mutter am 9. Okto­ber 2008 mit fünf Ausrufezeichen. "Das hatten wir in den ganzen drei Jahren kein einziges Mal! Ihr geht es im Moment so gut wie schon lange nicht mehr. Sie ist aufmerksam, hat wieder Spaß im Kinder­garten, reagiert wieder, wenn man sie ruft und kann auch zum Glück wieder lachen! Wir sind soooo überglücklich und se­hen nun richtig positiv in die Zu­kunft. Sie wird es schaffen!" Würde diese Wende zum Positiven diesmal anhalten? Am 5. Dezember 2008 schaut Mira mit ihrer Mutter in un­­se­rer Geschäftsstelle im Oden­wald vorbei, wo sich deren Leiterin und ich mit eigenen Augen davon überzeugen können, welch enorme Fortschritte das Mädchen in­zwischen gemacht hat. Die überglück­liche Mutter berichtet: "Seit vier Wo­chen ist es zu keinem einzigen Anfall mehr gekommen!" Während wir mit den Eltern bei Kaffee und Kuchen die Krankengeschichte des Mädchens besprechen, sitzt Mira vergnügt auf dem Schoß ihres Vaters, beschäftigt sich hingebungsvoll damit, einen Berg Wal­nüsse unentwegt aus einer großen Schüssel in Plastikbecher um­zufüllen und zurückzuschütten; zwi­schendurch lächelt sie immer wieder in die Runde, plappert, streckt den Stiftungsvertretern keck ihren Zeige­finger entgegen und winkt ihnen zu. Dass Miras unfassbare Fortschritte maßgeblich auf die Bemühungen des beteiligten Heilers Winfried Lub­berich zurückzuführen sind, der sich während des Camps und anschließend intensiv um Mira kümmerte - überwiegend durch Fernbehandlun­gen, gelegentlich aber auch bei Heil­sitzungen in seiner Praxis in Hen­nef/Sieg -, steht für Miras Eltern außer Frage. "Ich erinnere mich an einen Tag, an dem es Mira wieder mal besonders schlecht ging, mit mehreren schlimmen Anfällen kurz hintereinander“, berichtet Katja. „In meiner Verzweiflung versuchte ich Winfried telefonisch zu erreichen. Da sein Anruf­beantworter lief, sprach ich ihm auf Band, er möge schnellstmöglich etwas für mein Mädchen tun. Dabei wusste ich nicht, wann er die Nachricht abhörte - womöglich war er verreist. Am selben Abend, kurz nach 18 Uhr, saß Mira auf meinem Schoß - plötzlich richtete sie sich auf, begann zu plappern, war fröhlich, ausgeglichen und temperamentvoll - wie verwandelt. Eine Weile später hatte ich Winfried am Telefon: Ob es Mira denn inzwischen besser gehe, wollte er wissen. Denn Punkt 18 Uhr habe er begonnen, sie fernzubehandeln. Bloßer Zufall? Daran mag glauben, wer will." Seither holt Mira ihren Entwick­lungs­rückstand in Riesenschritten auf, so aktiv und eigenwillig, dass sie für Mama und Betreuer während mehrerer weiterer Camp­wochen mitunter zur anstrengenden Herausfor­de­rung wurde – etwa wenn sie täglich dutzendfach „Ich-lauf-jetzt-einfach-mal-weg-fang-mich“ spielte. Un­entwegt verblüffte sie uns mit Ver­haltensweisen, die früher undenk­bar waren: Sie lächelt Personen freundlich an, setzt sich zu ihnen und kom­mu­niziert, ahmt sie nach, zeigt Ge­genstände, die sie interessieren, lernt immer kompliziertere Spiele, spricht immer mehr. Bei jedem weiteren Campaufenthalt „haben Miras Sym­ptome deutlich nachgelassen“, beobachtete die Mutter; „die ‚Auswege’-Camps bieten ihr die perfekte Um­gebung“. Hier sei das Mädchen „viel ruhiger und ausgeglichener“ geworden. Teammitglieder, die es vor Jah­ren bereits ken­nengelernt hatten, waren berührt von seinen enormen Fortschritten. Auch unser Camparzt stellte ab­schließend fest: „Man merkt Mira zunehmend ein wachsendes geistiges Potential an: fordernder, kesser, gewitzter. Sie tut viel mehr be­wusster als früher. Sie versteht und redet immer mehr.“ Alle paar Monate tritt ein einzelner epileptischer An­fall auf, abhängig zumeist von ihrem Vitamin-B6-Spie­gel: „Ist er zu hoch oder zu niedrig, dann krampft sie“, berichtet Miras Ma­ma. Doch dies sind kurzzeitige, folgenlose Aus­setzer, mit Miras früheren Anfällen nicht zu vergleichen. Auch Bernd krampft nicht mehr Die Schwangerschaft war völlig un­auffällig verlaufen. Nichts hatte darauf hingedeutet, was schon kurz nach Bernds* Geburt begann: Das Baby zuckte und krampfte unter epileptischen Anfällen – bis zu fünfmal pro Tag. Im Mai 2012 wurde eine „fokale corticale Dysplasie der rechten Hemisphäre“ diagnostiziert, eine Fehlbildung in der Großhirnrinde. Ein chirurgischer Eingriff machte den Jungen zunächst für zwei Mona­te symptomfrei. Als die Krämpfe er­neut einsetzten, wurde im August 2012 eine Hemisphärotomie durchgeführt: Sämtliche Verbin­dungen zwischen den beiden Hirnhälften wurden durch­trennt. Im Dezember stellten Ärzte fest, dass der Abfluss der Hirnflüssigkeit gestört ist; daraufhin wurde ein Shunt gelegt. (Mit einem Cerebralshunt wird überschüssige Gehirnflüssigkeit aus den Hirnkammern in eine andere Körperhöhle abgeführt - z.B. in den Bauch­raum oder einen Vorhof des Herzens -, um den Hirn­druck auf einen Normalwert zu reduzieren. In der Regel wird dafür ein dünner Plastikschlauch mit Ventil verwendet.) Daraufhin war Bernd wieder an­fallsfrei – aber bloß vorübergehend. Erneut setzten Anfälle ein: bis zu sechsmal täglich. Bernds allgemeine Entwicklung verläuft stark verzögert: „Er übt immer noch, seinen Kopf zu kontrollieren“, berichteten seine Eltern vor Campbe­ginn, „alles Weitere ist schon fast nicht erwähnenswert. Die Ärzte sind mit ihrem Latein am Ende – und wir mit unserer Kraft!“ Von den neun Camptagen im Juli 2013 profitierte der Junge sichtlich: Er wirkte aufmerksamer. Sein Blick, zu­vor glasig und wie entrückt, folgte nun interessiert Bewe­gungen in seinem Gesichtsfeld. Er gab Laute von sich, die auf Situationen zu „passen“ schienen, und reagierte auf sie; auf die Heilsitzungen freute er sich sichtlich. Aktiver als zuvor drehte er den Kopf, bewegte seine Beine, griff nach Dingen und Personen in seiner Nähe. Die Hypotonie seiner Muskulatur hat „deutlich nachgelassen“, wie die El­tern berichten; auch sein Appetit sei erheblich besser geworden. Seine epileptischen Anfälle hingegen nahmen gegen Campende deutlich zu, was unser Camparzt als „Erstver­schlim­merung“ wertete; auch wenn sie Bernds Eltern verständlicherweise beunruhigte, kann sie darauf hindeuten, dass die Behandlungen anschlugen. Dies bestätigte sich bald darauf: “Die letzten Wochen hatte Bernd im Schnitt zwei Anfälle pro Nacht”, berichtete seine Mutter vier Wochen nach Campende, im August 2013, “die letzten Tage bloß einen und letzte Nacht gar keinen!!! (...) Er ist dauerhaft anwesend, und alle Reize scheinen schneller bei ihm anzukommen. Alles in allem ging es ihm noch nie so gut!!!” Eine Woche später schrieb sie uns: “Bernd ist jetzt schon den vierten Tag hintereinander tagsüber anfallsfrei. Die Krämpfe nachts lassen deutlich nach.” Und die Fortschritte gingen weiter. Am 25. Januar 2014 erreichte uns diese Mail der glücklichen Eltern: „Bernd ist jetzt fast vier Monate ohne Anfälle. Er hat sehr viel Spaß im Kindergarten und macht sich auch sonst sehr gut!!!“ Nach vier Camps: Schwer­behinder­ter Junge ist frei von Epilepsie – und macht erstaunliche Entwicklungs­­fortschritte Aufgrund einer angeborenen Fehl­bildung des Gehirns war Nicky* (Pseudonym), inzwischen 16, von einer schwe­ren Entwicklungsverzö­gerung und epileptischen Krämpfen betroffen. In beiden Hinsichten hatte er schon bei drei früheren Campauf­enthalten erstaunliche Fort­schritte gemacht, wie unser Camparzt da­mals feststellte: „Er ist ruhiger, voller Zufrieden­heit, manchmal sogar voller lauter Freude. An seiner Umwelt nimmt er großen Anteil. In bestimmten Situa­tionen zeigt er deutlich Glück oder Trauer.“ Seine Mutter bestätigt: Ihr Junge sei „viel selbstständiger in seinem Handeln geworden.“ Des öfteren „blieb er auch mal allein in seinem Zimmer – was ein großer Fort­schritt für ihn ist, von mir loszulassen. Nachts schlief er sehr gut. Er hat verstärkt seine rechte Hand benutzt. Sein Geist ist viel wa­cher, er kann schneller Anforderun­gen umsetzen. Beim Abschied hat Nicky sehr geweint, er wollte nicht nach Hause. Das ist das erste Mal in seinen vierzehn Lebensjahren, dass so etwas passierte – sonst war es eher umgekehrt.“ Seit Nicky 2010 erstmals an einem „Auswege“-Camp teilnahm, sei er „insgesamt mobiler, aufmerksamer, ausgeglichener, friedlicher geworden, nach Auseinander­setzungen und Zorn­anfällen erholt er sich schneller.“ Im Dezember 2010, fünf Monate nach En­de seines ersten Camps, wies Ni­ckys EEG „keine Krampf­zacken mehr auf – zum ersten Mal seit seiner Geburt. Der Me­dizin­professor war darüber sehr erstaunt.“ Wie die Mutter im Sommer 2013 nochmals bestätigte, „hat Nicky seit den Camps keine Anfälle mehr. Seine motorischen Fähigkeiten haben sich sehr verbessert. Auch nässt er seit dem Sommercamp 2012 nicht mehr ein und macht sich bemerkbar, wenn er auf die Toilette muss.“ Nach einer weiteren Campwoche im August 2013 wurde bei Nicky, nach Angaben der Mutter, auch „das rechte Bein viel, viel besser: Nun kann er es fast gerade durchdrücken und die Füße selbstständig nach innen drehen“. Im Mai 2014 versicherte die Mutter abermals: „Nicky hat keine Anfälle mehr!“ Von seiner erneuten Camp­teilnahme Anfang Juli 2014 erhoffte sie sich weitere Fortschritte in seiner geistigen Entwicklung, außerdem ein sichereres Gangbild: Seit er kurz zuvor wegen eines Senkfußes operiert worden war, bereitete ihm das Lau­fen Probleme, trotz täglicher Physio­therapie. Auch diesmal wurde die Familie nicht enttäuscht: „Nicky ist immer mehr bei uns“, so brachte die Mutter in ihrem Tagebuch auf den Punkt, welch erfreuliche geistige Fortschrit­te ihr Junge machte: “Er beobachtet sehr intensiv, versucht sich einzubringen, sucht Kontakt zu anderen Kindern, ist glücklich und zufrieden, die Augen sind hell und klar“ – er wirkt „sehr wach“ und „ist immer mehr in dieser Welt.“ Auch „das Lau­fen wird immer besser“. Vom dritten Camptag an „fiel ihm das Schlucken zunehmend leichter“. Ein Abszess an seinen Hoden, die um Pfingsten operiert worden waren, hörte am vierten Camptag auf zu nässen. Beiden tat die Campwoche gut: „Ich glaube, die­ses Camp kann man nicht überbieten“, notierte Nickys Mutter ab­schließend. „Von der ersten Minute bis zum Schluss war alles perfekt. Wir haben uns wohlgefühlt, ich kann nicht beschreiben, wie glücklich wir sind – und wie traurig, dass die Woche wie im Flug vorbei ist.“ Wie schätzt der ärztliche Leiter unseres Camps Nickys Fortschritte ein? Geistiges Heilen und Fuß-OP haben auch nach seinem Eindruck dazu geführt, dass „Nickys Gang stabiler geworden ist; er kann besser alleine laufen. Langsam entwickelt er sich; er wirkt immer sensibler, auch ge­festigter. Sein eigener Wille kommt zum Vorschein.“ Dass ihm laufend Speichel aus dem ständig geöffneten Mund tropft, erklärt unser Camparzt als medikamentös bedingt. Von Multipler Sklerose und Dauerschwindel befreit Im Februar 2006 traten bei Anja* (31, Jg. 1979), Sport­lehrerin und Mutter aus dem Rhein-Neckar-Raum, erste Anzeichen von Multipler Sklerose auf: Sie sah unscharf, wie durch einen milchigen Schleier, ihre Augen schmerzten; bei körperlicher An­stren­gung ermüdete sie leicht; in Händen und Beinen kribbelte es seltsam. Vier Jahre später wurde ihr oben­drein ein Morbus Menière diagnostiziert: eine tückische Erkran­kung des Innen­ohrs, die bei ihr zu Schwindelanfällen führte, sie schwer­­hörig machte und von lästigen Ohrgeräuschen (Tinni­tus) begleitet war. In beiden Hinsichten machte Anja wäh­rend eines ersten Campaufent­halts im Sommer 2010 im Klein­wal­sertal erste kleine Fortschritte: Sie fühl­te sich etwas gangsicherer, konnte deutlich längere Strecken ohne Geh­hilfe be­wäl­tigen; der Schwindel schwächte sich leicht ab. Was ihr besonders zu helfen schien, war eine intensive Ge­sprächstherapie, ge­stützt auf eine gründliche Familien­anamnese: Merkwürdigerweise war ihr Schwindel erstmals am 21. Juni 2010 aufgetreten, exakt am Ge­burtstag ihres über alles geliebten Vaters, der ein Jahr zuvor gestorben war – für Anja ein schmerzlicher Verlust, den sie noch immer nicht verarbeitet hatte. Ihre Beziehung zur Mutter hingegen war schlecht: „Zum ersten Mal gekümmert hat sie sich um mich, als sie von meiner MS erfuhr.“ Bei Campende bescheinigte ihr der leitende Arzt, sie habe „die ‚Botschaft’ der Krankheit verstanden“ und sei „bereit zu anstehenden Veränderungen“. Der eigentliche therapeutische Durch­­bruch fand ein Jahr später statt, nachdem sie im Sommer 2011 an einem zweiten Camp teilnahm. Seither ist kein einziger weiterer MS-Schub mehr aufgetreten, der Menière vollständig abgeklungen. „Geduld“, mahnte der niederländische Philosoph Spinoza, „ist die Tu­gend der Glücklichen.“ Und so legen wir unseren Campteilnehmern jene Zuversicht ans Herz, für die der russische Schriftsteller Leo Tolstoi warb: „Alles nimmt ein gutes Ende für den, der warten kann.“ (2) (Harald Wiesendanger) „Im Grunde ist ein Diamant nur ein Stück Kohle, das die nötige Ausdauer hatte.“ (Sprichwort) Anmerkungen * Pseudonyme 1 Zu Zusammenhängen zwischen Vita­min­mangel und Epi­lepsie s. K.-H. Krau­se, „Vitamin-B-Versorgung und Epilep­sie“, Therapiewoche 14/1990, s. 977 f. 2 Leo N. Tolstoi: Der Schlüssel zur Gelas­sen­heit, hrsg. von Margit Hoffmann. Dieser Betrag enthält Auszüge aus dem Buch von Harald Wiesendanger: Auswege – Kranken anders helfen (2015)

  • Wundersames ist möglich

    Verblüffend: Immerhin zwei Drittel aller erwachsenen Deutschen würden sich, Umfragen zufolge, notfalls „einem medizinischen Laien mit besonderen Heilkräften anvertrauen, wenn Ärzte nicht mehr weiterwissen“. Doch den Gang zum Heiler erschwert eine Fülle von Bedenken, Zweifeln und Ängsten. Mit ihnen fühlen sich Hilfesuchende meist alleingelassen – hin- und hergerissen zwischen reißerischen „Wunder“meldungen und hämischen Kritiken, in denen sich die öffentliche Auseinandersetzung mit dem Phänomen des Geistigen Heilens in aller Regel erschöpft. Auf über 50 Fragen, die Patienten und ihre Angehörigen stellen, gehe ich in meinem Buch Geistheiler – Der Ratgeber ein. Angenommen, ausgerechnet an Heiligabend steht vor Ihrer Tür ein weißbärtiger, gütig dreinblickender älterer Herr in wallendem rotem Umhang. Er hat einen Sack geschultert, aus dem er für Sie ein Präsent ganz besonderer Art hervorkramt: ein strahlendes Etwas, das mit seinem warmen Licht schlagartig den Raum erfüllt. Sie wollen danach fassen - doch Ihre Hand greift hindurch, ins Leere. Was ist das? "Niemand weiß es genau, selbst ich nicht", erklärt der sonderbare Gast. "Doch darauf kommt es nicht an. Ich weiß nur, wofür es bestimmt ist: für Leidende wie Sie. - Es auf sich wirken zu lassen, ist immer angenehm. - Es treten keinerlei schädliche Nebenwirkungen auf. - Es verträgt sich mit jedem Medikament, das Sie einnehmen, und erhöht die Wirksamkeit von allem und jeglichem, was Sie für Ihre Gesundheit tun oder tun lassen. - Es hilft bei nahezu jedem Leiden. - In zwei von drei Fällen lindert es Beschwerden erheblich. - In jedem zehnten Fall macht es sogar vollständig gesund. - In 95 Prozent aller Fälle macht es glücklicher, ausgeglichener und zufriedener, gibt neue Kraft, Lebensmut und Zuversicht. - Die Wirkung hält häufig an." All diese Vorzüge, so erklärt der Besucher weiter, bekämen sogar Erden­menschen zu spüren, die nie zuvor von diesem Etwas gehört haben. Die völlig ahnungslos sind, wie und warum es wirkt. Die keinerlei Vorstellung davon haben, wie sie damit umgehen sollen. Würden Sie, falls Sie schwerkrank sind, dieses Etwas ungeprüft ablehnen - und den Fremden kurzerhand wieder damit fortschicken? Empfänden Sie es nicht als Geschenk des Himmels? Mein Buch Geistheiler – Der Ratgeber ist dazu da, Sie auf ein solches Geschenk vorzubereiten. Mehr noch: Es soll Ihnen Informationen an die Hand geben, mit denen Sie die segensreichen Wirkungen dieses Etwas noch erhöhen können. Denn die Chance, von ihm zu profitieren, wächst deutlich, wenn man es richtig vorbereitet annimmt - und richtig zu handhaben versteht. Als Gebrauchsanweisung genügt in diesem Fall leider kein kurzer Beipackzettel. Zuviele Vorurteile und Ängste müssen ausgeräumt, zuviele unrealistische Erwartungen zurechtgerückt werden. Und gewiss sind auch Warnungen vor falschen Weihnachtsmännern angebracht. Was gegen Geistiges Heilen zu sprechen scheint, ist ein wirres Knäuel von vielerlei Spekulationen, Übertreibungen und Halbwahrheiten: ein gordischer Knoten, der sich nicht mit einem Schlag durchhauen, sondern nur mühsam Faden für Faden auflösen lässt. Darum bemühe ich mich in meinem Buch - Kapitel für Kapitel. Das Wunder ist möglich Wer ernstlich erkrankt, hofft auf ärztliche Kunst. Wem Ärzte nicht mehr helfen können, dem bleibt oft nur noch, auf ein Wunder zu hoffen. In dieser Lage befinden sich, nach Expertenschätzungen, allein in Deutschland über zwanzig Millionen Menschen - ob sie nun an ständiger Migräne oder quälender Neurodermitis leiden, an Allergien oder chronischem Asthma, an fortwährenden Ängsten oder Depressionen, an Rheumatismen oder metastasierendem Krebs, der sich nicht mehr herausschneiden, wegbestrahlen oder mit der Pharmakeule niederknüppeln läßt. Bei ihnen allen stößt die Schulmedizin nach wie vor an Grenzen, trotz eines immer gigantischeren technischen und finanziellen Aufwands. "Damit müssen Sie sich abfinden", so bekommen Betroffene dann zu hören; bei einer lebensbedrohlichen Erkrankung wird ihnen, statistisch sauber und menschlich unterkühlt, sogar vorgerechnet, "wieviel Zeit Ihnen noch bleibt". Solche entmutigenden Äußerungen, zumal aus dem Mund von Ärzten, sind verantwortungslos. Sie deprimieren, rauben jegliche Hoffnung, zerstören Lebensqualität. Bei Betroffenen richten sie oft schlimmeren seelischen Schaden an, als es ihrer Erkrankung je gelänge. Der ärgste Schmerz, die fürchterlichste Entstellung, die schwerste Behinderung kann immer noch leichter zu ertragen sein als der Verlust jeglicher Zuversicht, es könnte eines Tages eine Wende zum Besseren eintreten. So werden medizinische Prognosen letztlich zu Prophezeiungen, die sich selbst erfüllen, ähnlich der Unfallvision des Wahrsagers oder der Warnung des Charttechnikers vor "Widerständen" bei Kursentwicklun­gen. "Hoffnung", so meinte der Philosoph Arthur Schopenhauer einst aufklärerisch, sei "die Verwechslung des Wunsches nach einer Begeben­heit mit ihrer Wahrscheinlichkeit" - und verkannte dabei, dass Begeben­heiten um so wahrscheinlicher werden, je beharrlicher sich Hoffnung auf sie richtet. Ist es nicht besser, eine Kerze anzuzünden, als an der Dunkelheit zu verzweifeln? Unbeirrbarer Optimismus ist eine weithin unterschätzte therapeutische Größe, die mitentscheidet, welchen Verlauf eine Erkrankung nimmt. Wer um seine Gesundheit kämpft, kann verlieren, gewiss. Doch wer nicht kämpft, hat schon verloren. All jenen, die sich vom modernen Medizinbetrieb aussortiert fühlen, den sogenannten "Behandlungsresistenten" und "Austherapierten", will ich mit diesem Ratgeber Mut machen. Denn das Wunder ist möglich. Bei nahezu jedem Leiden, in beinahe jedem Stadium, in jedem Alter. Es vollzieht sich immer wieder in den Praxen der fähigsten Geistheiler: einer sonderbaren, zu Unrecht belächelten Sorte von therapeutischen Laien­helfern, die sich allem Anschein nach eine höhere, physikalisch bislang noch unfaßbare Energie zunutze machen können, um Krankheits­verläufe unerwartet günstig zu beeinflussen - oft gegen alle medizinischen Prognosen. Wer nicht mit solchen Wundern rechnet, ist kein Realist. Er ignoriert Fakten. Aber was heißt hier "Wunder"? Was Heiler bisweilen zustande bringen, setzt die Naturgesetze durchaus nicht außer Kraft; es vollzieht sich im Einklang mit diesen, auch wenn wir sie vorerst nur ansatzweise er­ahnen mögen. "Wunder", das betonte schon der Heilige Augustinus vor 1600 Jahren, "geschehen nicht im Widerspruch zur Natur, sondern nur im Widerspruch zu dem, was wir von der Natur wissen". Wer vollbringt sie? Jedenfalls nicht die Heiler selbst. Kaum einer von ihnen gibt vor, das Leid von Hilfesuchenden je aus eigener Kraft lindern zu können. Die meisten sehen sich vielmehr als "Kanal" eines höheren Geistes, der durch sie wirkt - als Werkzeuge, derer sich eine göttliche Intelligenz bedient. Und auch diese geheimnisvolle Kraft bewirkt von alleine überhaupt nichts. Denn sie besteht, entgegen einem gängigen Zerrbild, keineswegs in mysteriösen "Heilstrahlen", die Krankheitsherde irgendwie wegschmelzen, gleich dem Laser eines Mikrochirurgen. Eher ist sie eine Quelle von Impulsen, die ein Patient mit Leib und Seele annehmen, aber auch abweisen und verpuffen lassen kann. Letztlich ist es immer nur der Hilfesuchende selbst, der sich heilen kann. Die Chancen, dass ihm dies in der Obhut eines Geistheilers gelingt, stehen nicht schlecht. Voraus­gesetzt, er ist sich im klaren darüber, was ihn erwartet - und was von ihm erwartet wird. Denn fast alles hängt von ihm selbst ab. Er muss sich gründlich vorinformieren. Er muss sorgsam auswählen. Dabei muss er sich im wesentlichen auf seine Intuition, seine Menschenkenntnis und aufmerksame Selbstbeobachtung verlassen, statt dem Hörensagen zu vertrauen. Er darf nicht geschehen lassen, sondern muss mitwirken. Anders gesagt: Auch im Leid darf er nicht aufhören, ein mündiger Bürger zu sein. Geistheiler – Der Ratgeber soll Hilfesuchende anleiten, sich auf Begegnungen mit Geistheilern bestmöglich vorzubereiten. Mit Antworten auf die häufigsten Fragen, die Patienten bewegen, ehe sie sich auf diese geheimnisvolle Behandlungsform einlassen. Mit vielen Ratschlägen, die sie beherzigen sollten, um von ihr wirklich zu profitieren. Mit Warnungen, die ihnen manch schmerzliche Enttäuschung mit Nichtskönnern und Scharlatanen ersparen können. Mit Bewertungen, die weder hochjubeln noch niedermachen, sondern die Wahrheit dort suchen, wo sie fast immer liegt: in der Mitte. Dieser Leitfaden fasst zusammen, was ich an Eindrücken und Einschätzungen im Laufe von zehn Jahren gewonnen habe, in denen ich mich mit dem faszinierenden Phänomen des Geistigen Heilens, seinen Anwendern und Klienten befasse. In dieser Zeit habe ich einige hundert Heiler persönlich kennengelernt, bei der Arbeit beobachtet und befragt, beargwöhnt und bewundert. Viele von ihnen stellte ich in wissenschaftlichen Tests und Experimenten mehrfach auf die Probe - mit unterschiedlichem Ausgang; über tausend habe ich wiederholt in Frage­bogen-Erhebungen einbezogen, um mir ein Bild von ihrer Arbeitsweise, ihrer Vorgeschichte, ihren Erfolgen zu machen. Um ihren unbestreitbaren Leistungen zu mehr Anerkennung zu verhelfen, habe ich für sie Kongresse organisiert, mehrere Bücher über sie geschrieben, Presse, Funk und Fernsehen für ihre Sache gewonnen, eine Fachzeitschrift herausgegeben, einen Dach­verband für Heilerorganisationen ins Leben gerufen. Mit alledem bin ich, wie ein Journalist kürzlich anmerkte, inzwischen wohl so etwas wie "der Wallraff der Heilerszene" geworden. Da ist etwas dran. Vermutlich ist, zumindest in Deutschland, kein Außenstehender je so lange und intensiv in diese sonderbare esoterische Subkultur eingetaucht, ohne sich von ihr vereinnahmen zu lassen, sondern stets um kritische Distanz bemüht zu bleiben. Und Kritik ist, trotz aller Aufgeschlossenheit, gerade hier dringend geboten - vielleicht zum Ärger mancher allzu euphorischer Fürsprecher, letztlich aber den Hilfesuchenden zuliebe. Muss es nicht zuallererst um sie gehen? Zuviel zu versprechen, wäre ebenso fatal, wie voreilig zu entmutigen. Dieser Text enthält die ersten Abschnitte des Buchs von Harald Wiesendanger: Geistheiler – Der Ratgeber. Was Hilfesuchende wissen sollten - Ehrliche Antworten auf 51 spannende Fragen (2000, 5. Aufl. 2007)

  • Missverstandenes Geschenk

    Geistiges Heilen gewinnt zunehmend an Bedeutung, obwohl Kritiker es noch immer als Scharlatanerie brandmarken. Doch die Erfahrung zeigt: Geistiges Heilen ist risikolos, frei von schädlichen Nebenwirkungen und mit anderen Heilverfahren nutzbringend kombinierbar. Neun von zehn Behandelten können Positives berichten, selbst in vermeintlich “hoffnungslosen” Fällen. Warum also begegnet die älteste Heiltradition der Menschheitsgeschichte nach wie vor massiven Widerständen? Was ist von ihr zu halten? Wie viel leistet sie wirklich? In meiner Anthologie Geistiges Heilen für eine neue Zeit - Vom “Wunderheilen” zur ganzheitlichen Medizin (1999) gehen Ärzte, Heiler, Naturwissenschaftler, Parapsychologen, Psychotherapeuten und Juristen) auf die wichtigsten Aspekte Geistigen Heilens ein - mit seinen weitreichenden Chancen für das neue Jahrtausend. Das missverstandene Geschenk Angenommen, mit einer fliegenden Untertasse aus einem Hinterstübchen unserer Galaxie käme ein phantastisches Arzneimittel namens "Aga" eingeflogen, das jedes Leiden lindern kann: von Allergien über Rheumatismus bis zu Krebs. Dieses Aga würden die Außerirdischen an einige tausend auserwählte Menschen verteilen, mit dem Auftrag, es an all jene weiterzugeben, bei denen ärztliche Kunst versagt. Wie ein Lauffeuer würde sich die Kunde von diesem neuen Medikament verbreiten. Bald würden Berichte von unfassbaren Wunderheilungen für Schlag­zeilen sorgen. Sie ließen Abermillionen von verzweifelten Kranken aufhorchen, die bislang ausschließlich der Schulmedizin vertraut haben, und ernsthaft erwägen, ob nicht auch sie Aga ausprobieren sollten. Umfragen unter Aga-Benutzern ergäben zwar, dass Aga nicht immer und nicht jedem Kranken rasch und hundertprozentig hilft; immerhin würden sie aber zeigen, dass Aga tatsächlich der großen Mehrheit gut tut und anscheinend frei ist von schädlichen Neben­wirkungen. Doch auch Missbräuche von Aga würden bekannt. Denn etliche Auserwählte vergäßen ihren Heilauftrag und begännen, Aga zu Wucherpreisen zu verkaufen. Sie würden Gutgläubigen Krankheiten einreden, bloß um sie als Käufer zu gewinnen und bei der Stange zu halten; mit Wundergarantien und Drohungen hielten sie Kranke davon ab, zum Arzt zu gehen. Auf dem Esoterik-Markt entstünde ein regelrechter Aga-Kult: Bücher von spiritistischen Medien, die in Trance Kontakt zu den Außerirdischen aufgenommen haben wollen, würden Spitzenplätze in den Bestsellerlisten belegen. Zu horrenden Preisen würden Geräte verkauft, mit denen sich die in Aga steckende Heil­energie angeblich unmittelbar aus dem Kosmos einfangen und in Krankheits­herde hineinleiten lässt. Reißenden Absatz fänden bestimmte Edelsteine, Farb­strahler und Duftwässerchen, deren regelmäßiger Gebrauch die therapeutische Wirkung von Aga vervielfachen können soll. Gerissene Profiteure, die von der Aga-Verteilung ausgeschlossen worden waren, böten "Mega-Aga forte" an: mit der Lüge, dies sei ein noch wirksameres Heilmittel, das die Außerirdischen bei einem unauffälligen weiteren Besuch auf der Erde hinterlassen hätten. Wie Pilze schössen "Aga-Yoga"-Schulen aus dem Boden, die spezielle Atem- und Bewe­gungsmeditationen lehren, mit denen die Aga-Wirkung angeblich potenziert werden kann. Ebenso boomen würden "Agarobic"- und "Aganetik"-Studios. "Aga-Meister", die vom Leiter der außerirdischen Gesandtschaft höchstpersönlich in der geheimen Kunst der Aga-Anwendung unterwiesen und zu ihrer Verbreitung autorisiert worden sein wollen, böten teure "Intensiv-Seminare" an; gelehrigen Schülern würden sie diplomierte Abschlüsse "ersten", "zweiten" und "dritten Grades" in Aussicht stellen. Von solchen Auswüchsen würden sich Skeptiker bestätigt fühlen, die in Aga von vornherein ein betrügerisches Geschäft mit arglosen Notleidenden witterten. Ärztliche Standesvertretungen, Heilpraktikerverbände und die pharmazeutische Industrie, in wachsender Sorge um den Verlust ihrer Kundschaft, würden Staatsanwälte mobilisieren, um mit Aga-Verteilern kurzen Prozess zu machen: wegen Verstoßes gegen das Arzneimittel- und Heilpraktikergesetz, denn Aga wäre kein zugelassenes Medikament, und die Aga-Verteiler selbst würden größtenteils keinem anerkannten Heilberuf angehören. Medizinforscher, die Aga che­misch analysieren, könnten keine bekannten pharmakologischen Inhalts­stoffe feststellen; daraus schlössen sie, bei Aga handle es sich offenkundig um ein reines Placebo, das bloß deswegen wirke, weil irregeführte Konsumenten naiv an seine Wirkung glauben. Da Aga außerirdischen Ursprungs sei, so gäben die Auserwählten zu bedenken, könnten seine Wirkstoffe mit irdischer Mess­technik gar nicht nachweisbar sein. Doch dies würde von wissenschaftlichen Sachverständigen als unverifizierbare Schutzbehauptung abgetan. Zwischen diesen Fronten stünde eine verunsicherte Öffentlichkeit, insbesondere Kranke und ihre Angehörigen. Sollten sie sich auf Aga einlassen, aller Kritik zum Trotz? Oder lassen sie vorsichtshalber die Finger davon, um keinem Scharlatan aufzusitzen - versäumen dadurch aber womöglich ihre letzte Chan­ce? Genauso verunsichert sind Patienten, was Geistiges Heilen anbelangt - und darin besteht nicht die einzige Parallele zur "Aga"-Utopie, wie dieses Buch verdeutlichen soll. Ebenso wie bei Aga, so scheint auch bei Geistigem Heilen das therapeutische Agens nicht bloß ein physikalisch rätselhaftes Etwas zu sein, sondern die Art seiner Anwendung - eine Heilweise, über deren Erfolg solche Fak­toren wie Zuwendung und Geduld, Weisheit und Liebe, persönliches Wachstum und Transformation nicht minder entscheiden wie irgendwelche "Energien" und "Resonanzen", "Ströme" und "Felder" (Kapitel I). Wie bei Aga, so sind auch Ursprung und Wirkungsweise von geistigen Heilkräften bis heute wissenschaftlich ungeklärt; und hier wie dort gibt es Missbräuche und Auswüchse, berechtigte Zweifel und begründete Warnungen. Aber sollte ein erfolgversprechendes Heilmittel bloß deswegen aus dem Verkehr gezogen werden, weil wir es noch nicht recht verstehen? Für Geistiges Heilen spricht immerhin: Die große Mehr­heit der Behandelten ist zufrieden damit, selbst in vermeintlich "hoffnungslosen" Fällen, in denen Schulmediziner bereits Etikettierungen wie "therapieresistent" oder gar "austherapiert" verwenden (Kapitel II). Es wirkt auch unter wissenschaftlichen Testbedingungen, selbst in "Blindstudien", die Placebo-Effekte von vornherein ausschließen (Kapitel III). Seine Anwendung ist risikolos, frei von schädlichen Nebenwirkungen, konkurrenzlos billig - und mit jeder anderen therapeutischen Maßnahme nutzbringend kombinierbar, wie Ärzte (Kapitel IV), Heilpraktiker (Kapitel V) und Psychotherapeuten (Kapitel VI) erleben, sobald sie sich unvoreingenommen darauf einlassen. Religiösen Argumenten (Kapitel VIII) dafür, seine Anwendung einzuschränken oder gar zu verhindern, mangelt es an Überzeugungskraft. Und deshalb wird Geistiges Heilen in der Medizin des dritten Jahrtausends mit Sicherheit eine beachtliche Rolle spielen - vorausgesetzt, die Heilerbewegung selbst entwickelt die Fähigkeit und den Willen zur Selbst­organisation, die nötig sind, um sich gegen mächtige politische Gegenkräfte zu behaupten (Kapitel IX). Kranke, die daraus nicht den Schluss ziehen, dass sie sich auf Geistiges Heilen einlassen sollten, vertun deshalb leichtfertig eine Chance - ebenso wie sie es täten, wenn sie Aga voreilig ausschlagen würden, ohne sein therapeutisches Potential unvoreingenommen zu prüfen. Dass ein Geschenk missverstanden und missbraucht werden kann, ändert nichts an seinem Wert - einerlei, ob es von Außerirdischen stammt, von Gott oder der Macht der menschlichen Psyche. Was heißt es, ein Geistheiler zu sein? Walt Disneys Zeichner boten auf ihre Weise eine Antwort an: Als Donald Duck die Beule auf Tracks Stirn wegzaubern will, treten leuchtende Blitze aus seinen Fingerspitzen aus, die "bsssssss" durch die Kopfhaut dringen - und "schwupp" schwillt die Wölbung ab. Das Comic entspricht einem weitverbreiteten Bild. Ein Heiler, so scheint es, kuriert Kranke, indem er sie "bestrahlt". Das Selbstbild vieler Heiler passt zu diesem Klischee. Die meisten verstehen sich als "Kanal" für eine Energie, die sie aufnehmen und weitergeben. Ent­sprechend umschreiben sie, was sie in Patienten bewirken: Energieströme werden wieder zum freien Fließen gebracht, Ungleichgewichte der Energievertei­lung ausgeglichen, Auren geglättet, Energiezentren ("Chakras") gereinigt, geöffnet und geschlossen. Gewiss, manches spricht für dieses Bild. Heilungen gelingen mitunter selbst dann, wenn der Behandelte nicht einmal ahnt, dass sie stattfinden - und psychologische Erklärungen folglich ausscheiden. In Labortests beeinflussen Heiler auf rätselhafte Weise Tiere und Pflanzen, Pilze und Bakterien, isolierte Zellen und Zellbestandteile, sogar anorganisches Material wie Wasser oder Kristalle. Insofern erscheint Geistheilung als eine Behandlungsform, die wesentlich mit "Ener­gie" zu tun hat. Und doch führt das Bild des "Bestrahlens" alle Beteiligten irre. Wissenschaftler veranlasst es, das Phänomen Geistheilung zu ergründen, indem sie physikalische Messgeräte aufstellen - und zu schließen, das Phänomen existiere nicht, wenn kein Zeiger ausschlägt. Patienten veranlasst es, im Wortsinn patiens zu bleiben (aus dem Lateinischen: "der Erduldende", "der Ertragende") und Geisti­ges Heilen passiv-unbeteiligt über sich ergehen wie jede andere Bestrahlung auch. Und Heiler bringt es in Versuchung, sich in erster Linie als "Energiearbei­ter" zu verstehen - und dabei andere Fähigkeiten zu unterschätzen, die sie nicht minder entwickeln und einbringen müssen, um wirklich helfen zu können. Denn Heiler sind nicht bloß wandelnde Transformatoren für unsichtbare Ener­gie­ströme. Sie bemühen sich, einen Hilfesuchenden heil zu machen. Das schließt ein, ihm Anstöße zu einer persönlichen Entwicklung zu geben, mit der wesentliche Vorbedingungen seines Krankseins verschwinden. Ein Großteil dieser Bedingungen wurzelt in einer unheilen Psyche: in einem unbewältigten Schick­sal etwa, einem ungelösten Konflikt, einengenden Lebensumständen oder mangelndem Selbstwertgefühl. Den fähigsten Heilern gelingt es, mit ihren Klienten zu solchen Wurzeln der Erkrankung vorzustoßen. Das erfordert Weisheit, Geduld, Aufmerksamkeit und liebevolle Zuwendung - lauter Eigenschaften, die Patienten im modernen Medizinbetrieb zunehmend vermissen. Als "spirituelle Psychotherapie" versteht die hochangesehene Heilerin Pamela Sommer-Dickson demgemäß, was sie im Grunde tut - und auch die beiden anderen Autoren dieses Kapitels, die bekannten Schweizer Parapsychologen Professor Alex Schnei­der und Lucius Werthmüller, betonen diesen Aspekt mit Nachdruck. "Heilung entsteht aus Mitgefühl", so erklärte eine der prominentesten Geistheilerinnen Amerikas, Rosalyn Bruyere, einmal. "Mitgefühl ist die aufrichtige Sorge um den Patienten. Es spiegelt den Wunsch, den Patienten von seinen Sorgen zu befreien. Ohne Mitgefühl fehlt dem Heiler der Wille, eine Antwort zu finden, das Problem zu erforschen und dem Patienten in seinem harten Kampf beizustehen." (1) Insofern geht es nicht bloß darum, ein paar tausend obskure Strahlenthera­peuten im öffentlichen Gesundheitswesen unterzubringen. Es geht letztlich um mehr Humanität in der Humanmedizin. (2) Auf sie haben Geistheiler kein Mono­pol. Aber die fähigsten unter ihnen leben sie eindrucksvoll vor. Ihre Erfolge lassen ahnen, was selbst bei vermeintlich "behandlungsresistenten" chronischen Leiden möglich wäre, wenn die Schulmedizin vom somatischen Reparatur­betrieb zur ganzheitlichen Heilkunst zurückfände - und in Geistheilern Partner auf diesem Weg sähe, statt sie mit Comicfiguren aus Entenhausen zu verwechseln. Anmerkungen 1 Rosalyn Bruyere, "Heilung entsteht aus Mitgefühl", Der Heiler 1/1996, S. 29. 2 Siehe H. Wiesendanger: Geistiges Heilen in der ärztlichen Praxis, Anhang. Dieser Text entspricht dem Vorwort und dem ersten Abschnitt von Harald Wiesendanger: Geistiges Heilen für eine neue Zeit - Vom “Wunderheilen” zur ganzheitlichen Medizin (1999, überarb. Neuaufl. 2005)

  • Zurück in frühere Leben?

    Umfragen zufolge glaubt im Westen schon mindestens jeder Vierte an die Wiedergeburt. Im Trend dieser Entwicklung liegt die Reinkarnationstherapie: das Heilen durch Erinnerungen an frühere Leben. Wo liegen Möglichkeiten, aber auch Grenzen dieses unkonventionellen Ansatzes? »Glauben Sie, dass Sie früher schon einmal gelebt haben?« So fragten Meinungsforscher des Allensbacher Instituts für Demoskopie Ende 1988 über 2000 repräsentativ ausgewählte Bundesdeutsche über 16 Jahren. Mit »Ja« antworteten 12 Prozent. Das sind hochgerechnet immerhin sechs Millionen Bundesbürger. »Unentschieden« äußerten sich 14 Prozent. Dreiviertel der Befragten verneinten. Wie hätten Sie geantwortet? Zur Mehrheitsmeinung jedenfalls würden Sie sich nicht mehr ohne weiteres bekennen - sobald Sie sich auf eine Rückführung einlassen: ein psychotherapeutisches Verfahren, das in den meisten von Ihnen Bilder wachrufen wird, die Sie als »Erinnerungen an frühere Leben« deuten werden. Und darauf einlassen sollten Sie sich, wenn Ihnen Fragen wie »Woher komme ich?«, »Wozu lebe ich?«, »Was wird aus mir, wenn ich sterbe?« wichtig sind. Wenn Sie die Auskünfte christlicher Theologen unbefriedigt lassen. Wenn Sie aus der Ablehnung, dem Schweigen seitens des akademischen Wissenschaftsbetriebs nicht den voreiligen Schluß ziehen, es gebe über Reinkarnation nichts empirisch Gehaltvolles zu erforschen, sie bleibe reine »Glaubenssache«. Und wenn Sie sich stark genug fühlen, manch verständnisloses Kopfschütteln und mitleidig-spöttisches Lächeln, viele über-hebliche, abfällige Bemerkungen gelassen wegzustecken. Wer zur Quelle will, muß gegen den Strom schwimmen. Immer waren es bisher die »Rückführer« selbst, die in Büchern für diesen Weg warben. Dabei beschränkten sie sich auf ihre eigene Praxis, schönten häufig Abläufe und Ergebnisse, scheuten Vergleiche, verschwiegen Risiken und Gefahren, fertigten berechtigte Einwände allzu rasch ab. Mein Buch Zurück in frühere Leben stellt die »Rückführer«, ihre Methoden, Möglichkeiten und Grenzen erstmals »von außen« vor: als Philosoph und Wissenschafts­journalist habe ich ihnen und ihren Klienten inzwischen über drei Jahre nachgeforscht, aufgeschlossen und skeptisch zugleich. Wie entstand, wie entwickelte sich die gegenwärtige Reinkarnationswelle in der westlichen Welt und speziell in Deutschland? Nach welchen Methoden gehen »Rückführer« vor`? Stehen die einzelnen »Erinnerungen«, die dabei wach werden, beziehungslos nebeneinander - oder weisen sie Gemeinsam­keiten auf, die sich zu einem Grundmuster menschlichen Schicksals zusammenfügen? Diese Fragen stehen im Mittelpunkt der ersten drei Kapitel. Was ist von dieser neuen Form von Psychotherapie zu halten? Sie sollten sich darauf einlassen, - weil sich die Erinnerungen, die sie freisetzt, schon vielfach als wahr erwiesen haben. (Kapitel 4) - weil sich inzwischen auch außerhalb von »Rückführungen« die Hinweise darauf häufen, daß wir schon einmal gelebt haben - und daß die Erinnerung daran tief verschüttet in unserem Gedächtnis liegt. (Kapitel 5) - weil allzuoft keine andere Erklärung für das, was im Verlauf von »Rückführungen« geschieht, plausibler ist als die Theorie der Wiedergeburt. (Kapitel 6) - weil die üblichen Einwände, mit denen Naturwissenschaftler und Philoso­phen die bloße Möglichkeit von Wiedergeburt abtun, wenig überzeugen. (Kapitel 7) - weil Rückführungen, aller Kritik zum Trotz, im allgemeinen nicht weniger wirksam sind als anerkannte psychotherapeutische Verfahren. (Kapitel 10) - Dagegen ist gegenüber “Vorausführungen in künftige Leben” Vorsicht angebracht (Kapitel 11). Die Chancen einer »Rückführung« kann indes nur nutzen, wer ihre Grenzen und Gefahren kennt - und damit rechnet (Kapitel 8 und 9). Doch risikolos war noch keine Revolution. Und nichts Geringeres können »Rückführun­gen« anstoßen: den Bruch mit alten Gewohnheiten, Einstellungen, religiösen und moralischen Überzeugungen - durch neue, bewegende, richtungweisende Erlebnisse, die offen machen für ein neues Bild vom Woher, Wozu, Wohin menschlicher Existenz. Im Drüben fischen? Am 3. Juni 1968 trifft sich der 22jährige Psychologiestudent Thorwald Dethlefsen mit zwanzig Bekannten in einer Münchner Privatwohnung, wie jeden Montagabend. Ein bißchen Spaß, Unterhaltung, Abwechslung, »mehr erwarteten wir nicht. Ich konnte nicht ahnen, dass dieser Abend für mich lebensentscheidend werden sollte« - und der bundesdeutschen Nachkriegs­kultur ein Datum setzte, auf welches das überstrapazierte Prädikat »historisch« ausnahmsweise paßt. Wieder einmal steuert Dethlefsen zur vergnügten Runde ein paar Hypnose-Experimente bei: »Ich bat die Anwesenden, die Augen zu schließen, sich völlig zu entspannen und sich nur noch auf meine monotonen Worte zu konzentrieren.« Schon nach wenigen Minuten stellt er fest, dass ein Teilnehmer besonders tief in hypnotischen Schlaf versunken ist: Rudolf T., ein 25jähriger Münch­ner Technik-Student. Mit ihm unternimmt Dethlefsen nun eine »Altersregression« (von lat. regredi: zurückgehen): Er führt ihn in Trance »in frühere Lebensalter zurück«. (1) Zu Rudolfs Schulzeit. Zu seinem sechsten Geburtstag. Schließlich sogar zum Augenblick seiner Geburt. Es klappt vorzüglich. Überdeutlich, in überwältigend eindrucksvollen Bildem, scheint sich Rudolf noch an kleinste Einzelheiten aus früheren Lebens­abschnitten zu erinnern, die er inzwischen längst vergessen zu haben glaubte. Ja, offenbar erlebt er sie nochmals, mitsamt den damaligen Stim­mun­gen und Gefühlen, Fähigkeiten und Verhaltensweisen. So weit bestätigt Rudolf nur, was Hypnotiseure immer schon an »zurückgeführten« Patienten erlebt haben. Doch jetzt kommt Dethlefsen »ein verrückter Einfall: Muss man die Altersregression denn unbedingt kurz vor dem Geburtsmoment abbrechen?. .. Ich wollte weitergehen. Auf was und wohin ich stoßen würde, wusste ich freilich nicht, aber ich wollte Neuland betreten.« So befiehlt er Rudolf, noch weiter »zurückzugehen« - vor seine Zeugung. Rudolf atmet schwer. Während ihn die Anwesenden gebannt anstarren, beginnt er zu sprechen, stockend, mit gepresster Stimme: »Ja, ich bin in einem Keller” - in »Wissembourg, Frankreich«, »Rue de Connetable«. Wann? »1870«, während des »Kriegs gegen die Preußen«. »Guy Lafarge« heiße er, sei »18 Jahre alt«. Dethlefsen kann es kaum fassen: »Ich sprach nicht mehr mit dem Menschen, der vor mir saß, nämlich Herrn T., . . . sondem mit einein Augenzeugen des Deutsch-Französischen Krieges!« Aus der Trance zurückgeholt, kann sich Rudolf an nichts erinnem. Eine Woche später, am 10. Juni 1968, wiederholt Dethlefsen das Experi­ment mit seinem Kommilitonen im Nebenraum eines Münchner Hotels, diesmal gut vorbereitet und nach einem genauen Fragekatalog. Ein Tonband läuft mit. Vor sieben anwesenden Zeugen erwacht im hypnotisierten Rudolf emeut »Guy Lafarge«. Bis in kleinste Details schildert er, wie sein einstiges Leben verlief - bis er im Februar 1880 starb. Dieser ersten, sauber dokumentierten »Rückführung in frühere Leben« ließ Dethlefsen in den Jahren darauf einige Tausend weitere folgen. Die meisten verliefen ähnlich erfolgreich, manche noch spektakulärer. »Neuland« betrat Dethlefsen freilich keineswegs. Schon um die Jahr­hundert­wende hatte Baron Albert Rochas d'Aiglun (1837-1914), ein französischer Offizier und langjähriger Präsident des militärischen Poly­technikums von Paris, mit insgesamt 19 Versuchspersonen hypnotische »Rückführungen« untemommen - in bis zu zehn »frühere Leben«. (2) Als Sigmund Freud, der Vater der Psychoanalyse, Ende des vorigen Jahr­hunderts Hypnose zur »Altersregression« einzusetzen begann - als »Königsweg«, um an traumatische, ins Unbewußte verdrängte Vergangen­heiten seiner Patienten heranzukommen -, schien es nur noch eine Frage der Zeit, wann Psychologen und Psychotherapeuten in Rochas' Fußstapfen auf Vergangenheiten vor Zeugung und Geburt stoßen würden: Warum sollten sie auf der Zeitachse nicht einfach unbegrenzt weiter zurückschreiten, statt bei unbewältigten Erlebnissen des jetzigen Lebens stehenzubleiben? Während Freud die Psychologie zu revolutionieren begann, schien er der wissenschaftlichen Rehabilitierung der uralten Lehre von der Wiedergeburt ungewollt den Weg zu bahnen. Die Geschichte nahm indes einen anderen Verlauf. Schon bald wandte sich Freud wieder von der Hypnose ab und zog Verfahren der »freien Asso­ziation« vor. Denn nicht alle Patienten erwiesen sich als hypnotisierbar, nur die wenigsten erreichten tiefste Trance. Vor allem, so entdeckte Freud rasch, macht Hypnose Menschen für Suggestionen hochgradig empfänglich und lädt sie zu Phantastereien ein, die sie für echt halten - entscheidende Hemmnisse auf dem Weg, die wahren Ursprünge ihrer Krankengeschichte ans Licht zu bringen. Freuds Bann trug der Hypnoregression jahrzehntelang eine demütigende Abwertung zu seichtem Hokuspokus ein, für Wissenschaftler und therapeutisch ernsthaft Arbeitende nicht weiter diskussionswürdig. Nur eine Handvoll Außenseiter praktizierte sie unbeirrbar weiter, belächelt von »aufgeklärten« Kollegen. Die entscheidende Wende, welche die »Reinkamationswelle« in der westlichen Welt anstieß, trat, lange vor Dethlefsens »Entdeckung«, Anfang der fünfziger Jahre in den USA ein. Das zweifelhafte Verdienst, »frühere Leben« aus dem okkulten Abseits in einen Brennpunkt öffentlicher Neugier gerückt zu haben, gebührt Lafayette Ronald Hubbard, dem umstrittenen Begründer der »Scientology« (von lat. scire: wissen, logos: Lehre), der die Idee der Wiedergeburt bei kritischen Zeitgenossen unverdient in Verruf gebracht und irrationale Abwehrhaltungen heraufbeschworen hat. Während des Zweiten Weltkriegs hatte er noch, pseudonym und erfolglos, eine Fortset­zungs­reihe mit Science Fictions für ein Groschenblatt verfasst, ehe ihm dann 1950 der große Wurf gelang: mit Dianetik. Die moderne Wissenschaft der geistigen Gesundheit. (3) In Millionenauflage verbreitete Hubbard darin sein Credo: Jedes menschliche Gebrechen, ja jegliche Unvollkommenheit rühre von »Engrammen« her (von griech. en = hinein, gramma = Inschrift), hartnäckigen Gedächtnisspuren, die schmerzliche Erfahrungen aus früheren Leben unbewusst im Datenspeicher unserer Seele hinterlassen haben. Erst Hubbards »Dianetik« (von griech. dia: durch, nous: Verstand, Seele, Denken) versetze den Menschen in die Lage, diese Engramme zu löschen, indem er sich ihnen stellt und sie »durchdringt«. Weil jeder von uns solche hinderlichen Vorprogrammierungen loszuwerden hat, stehen wir alle auf der Stufe von »Pre-Clears«, Läuterungskandidaten. Dianetisch befreit, verwandeln wir uns in »Clears«: frei von sämtlichen Neurosen, vor Gesundheit strotzend, mit grenzenloser Energie, einem fotografisch genauen Gedächtnis, messerscharfem Intellekt und phantastischen übersinnlichen Fähigkeiten. In seinem Abriß der History of Man (4), »einem kaltblütigen Tatsachenbericht über die vergangenen 60 Billionen Jahre«, bettete Hubbard seine »Clearing«-Theorie dann 1952 in eine kühne kosmologische Vision ein: In jedem von uns stecke ein »Thetan« (von Theta, dem griechischen Symbol für »Gedanke« oder »Geist«): ein unsterbliches, allmächtiges, allwissendes We-sen, das am Anfang des Universums, Göttern gleich, Materie und Energie, Raum und Zeit schuf, in die es dann leichtfertigerweise allmählich mehr und mehr versank - bis es vergaß, woher es kam und was es in Wirklichkeit ist. Zu diesem Wissen will uns die »Scientology» zurückführen. Obwohl die »dianetische» Läuterung bis heute kein einziges Exemplar dieser »Clear«-Spezies produziert hat, fand sie prominente, vor allem zahlungskräftige Anhänger, darunter den Ölkönig Don Purcell, der Hubbard ein prunkvolles Hauptquartier in Wichita (Kansas) einrichtete. Von hier aus verbreitete er, bar aller Geldsorgen, äußerst werbewirksam die Karikatur einer Welt­anschauung, die bis heute mit dem Original verwechselt wird. Reinkarnation war in aller Munde - als seichte Pop-Esoterik ohne die Spur eines Beweises. Genau diesen Beweis schien das Jahr 1956 zu bringen, just als Hubbards Stern in Amerika bereits im Sinken war und der oberste Dianetiker nach England übersiedelte. Den Anstoß dazu gab ausgerechnet ein Laie: der Amerikaner Morey Bernstein, Börsenmakler und Freizeit-Hypnotiseur, mit seinem Bestseller The Search for Bridey Murphy. (5) In sechs Sitzungen, so berichtete Bemstein, habe ihm Virginia Tighe, eine 1923 in Iowa geborene Hausfrau, eröffnet: Sie habe schon einmal, von 1798 bis 1864, als Bridey Murphy in Belfast (Irland) gelebt. Mit starkem irischen Akzent schilderte sie in minutiösen Einzelheiten die Stationen ihres »früheren Lebens«: Ihre Eltem, Kathleen und Duncan Murphy, hätten in einem Bauernhaus in der Nähe von Cork gewohnt; ihr Vater sei Jurist gewesen, ebenso wie ihr späterer Ehemann, Brian MacCarthy, der an der Queen's University unterrichtete und für den Belfaster »Newsletter« schrieb. Er war 19, sie 17, als sie ihn kennenlernte. Drei Jahre später hätten sie geheiratet und ein Häuschen in Belfast bezogen, hinter einem Anwesen, das MacCarthys Großmutter gehörte. Die Ehe schien freudlos, eintönig, ganz und gar durchschnittlich, wie Brideys Leben überhaupt wenig Höhepunkte und Abwechslung kannte; es erschöpfte sich in Alltäglichkeiten. So wusste die Hypnotisierte stundenlang nur Bagatellen zu schildem wie die, daß sie oft das Lieblingsessen ihres Mannes zubereitet habe, Rindfleisch mit Zwiebeln. Wie Bemstein auf Tonband festhielt, erinnerte sich Bridey auch, wie sie eines Tages zu Hause die Treppe hinunterstürzte, wobei sie sich die Hüfte brach. Von da an fühlte sie sich »wie eine Last«. Derart niedergeschlagen, »verwelkte ich irgendwie«. Eines Sonntags, während MacCarthy in der Kirche war, starb Bridey, 65 Jahre alt. Das völlig undramatische, geradezu unscheinbare Leben Brideys, dazu die Fülle überzeugender, präziser Angaben ließen selbst Skeptiker aufhorchen. Wissenschaftler und Journalisten reisten nach Irland, um »Brideys« Angaben an Ort und Stelle zu überprüfen. Sie fanden etliche Ungereimt­heiten und offenkundige Fehler, stöberten allerdings auch etliche atemberaubende Übereinstimmungen auf. Trotzdem unterstellten hartnäckige Kritiker Bernstein Betrug oder mutmaßten, irgendwie könne sich die Haus­frau das nötige Wissen angelesen oder sonstwie verschafft haben. Der öffentlichen »Bridey-Murphy«-Begeisterung tat dies keinen Abbruch. Für die Lehre von der Wiedergeburt bedeuteten Bernsteins Enthüllungen nicht weniger als der Klopfgeist der Geschwister Fox für den Spiritismus, Sputnik für die Raumfahrt oder Tschernobyl für die friedliche Nutzung der Kernenergie: Schlagartig geriet sie in einen Brennpunkt öffentlicher Neu­gier. Bernsteins Buch zählt zu den meistverkauften der neueren Literatur­geschichte überhaupt; auf Parties kostümierten sich Menschen als ihre angebliche frühere Inkarnation und sangen Bridey-Murphy-Lieder. »Zurückgeführte« Prominente bezeugten öffentlich ihre past lives: darunter der Schauspieler Glenn Ford, die Sängerin Diane Solomon, die Autorin Taylor Caldwell, der Hollywood-Star Shirley MacLaine. Presse, Funk und Fernsehen stürzten sich begierig auf das spektakuläre Thema. Professionelle »Rückführer«, die meisten mit hypnotischer Vorbildung, fanden nun ein breites öffentliches Forum. Fälle wie »Bridey Murphy«, so erfuhr man jetzt, hatte es immer schon gegeben. Allein der Engländer Arnall Bloxham aus Cardiff - er starb 1980 - konnte mit einer Sammlung von 400 Tonbandaufzeichnungen aufwarten, in denen er zwanzig Jahre lang festgehalten hatte, was ihm Patienten im Verlauf hypnotischer Regressionen über vermeintliche »frühere Leben« schilderten. (6) (Zusammen mit seiner Frau Dulcie gründete Bloxham das »Britische Institut für Reinkarnationsforschung«.) Ähnliche Beobachtungen machten seit den fünfziger Jahren englische und amerikanische Psychologen wie Joe Keeton, Henry Blythe, Derek Crüssell, Edith Fiore, Dick Sutphen, Morris Netherton und Helen Wambach: In Trance »zurückgeführt«, schildern zahlreiche Klienten in allen Einzelheiten vormalige Existenzen, oft in weit zurückliegenden Zeiten an entfemten Orten, fast immer begleitet von heftigen Gefüh­len, dramatischen Verhaltensänderungen und einer vollständigen Identifi­ka­tion mit dem »einstigen Selbst«. Gelegentlich passen sich sogar Körper­funktionen dem berichteten Schicksal an, so als wollten sie stumm seine Echtheit bezeugen: So bildeten sich an den Füßen einer »zurückgeführten« Frau 24 Stunden lang große Brandblasen, nachdem sie sich Jahrhunderte zuvor in eine Feuersbrunst hineinrennen »sah«, um ihr Baby vor den Flammen zu retten. (7) Das Atemberaubende daran war: Rückführungen können heilen. Selbst schwerste seelische und körperliche Leiden klingen ab oder verschwinden ganz, sobald die »Erinnerungen« an ihre Ursprünge in früheren Leben dem Wachbewußtsein eingegliedert werden. · »Bisher fürchtete ich mich vor Wasser«, berichtet ein Patient Helen Wambachs, »aber seit ich erlebt habe, wie ich in einem vergangenen Leben ertrunken bin, fürchte ich es nicht mehr.« (8) · »Ich hatte Angst vor Pferden«, bekennt ein anderer, »und wußte nicht, warum. Jetzt, da ich weiß, daß ich in jenem Leben im 18. Jahrhundert von einem Pferd getreten und getötet worden bin, verstehe ich es besser.« (9) · Edith Fiore schildert den Fall einer frigiden Frau, die an Migräne litt: Im vergangenen Leben war sie mit einem Knüppel angegriffen, auf den Kopf geschlagen und vergewaltigt worden. · Ein übergewichtiger Mann mit einer Allergie gegen Hühnerfedern sei im früheren Leben Matrose gewesen; als die Schiffsbesatzung auf einer langen Reise Hunger litt, stahl er ein Huhn, das den Offizieren gehörte, und verspeiste es, wofür er hart bestraft wurde. · Sexuelle Unverträglichkeit zwischen zwei Eheleuten »klärte« Dick Sutphen »auf«: Jahrhunderte zuvor hatte der Mann dieselbe Frau geschändet und auch ihren Tod verursacht. Aus diesem Datenschatz schöpft die »Reinkarnationstherapie« ihre Grundannahme: In seelischen Problemen unseres gegenwärtigen Lebens können frühere Verkörperungen (»Inkarnationen«) traumatische Spuren hinterlassen haben. Insbesondere unbewältigte Extremerfahrungen von schwerer Krankheit und tragischem Verlust, von Kriegsgreueln, Zwang, Gefangenschaft und Folter, vor allem vom eigenen Tod »nehmen« wir »mit«. Sie lösen sich auf, sobald ihre Wurzeln rückschauend aufgedeckt, nachempfunden und bewußt aufgearbeitet werden. Irrationale Ängste und Schuld­gefühle, Hemmungen und Entscheidungsschwäche verschwinden, das Selbst­vertrauen wächst. Phobien und chronische Schmerzen, Depressionen und Fixierungen, Allergien und Übergewicht, Epilepsie und Alkoholismus, vorzeitige Ejakulation, Impotenz und Frigidität sollen so bereits hunderttausendfach erfolgreich behandelt worden sein. Die Erfolgschroniken der »Reinkarnationstherapie« füllen inzwischen Regalwände; ihre Heilungs­quote siedelt sie durchweg oberhalb der 80-Prozent-Marke an. Bald nach seinem »Schlüsselexperiment« vom Juni 1968 entdeckte auch Dethlefsen die heilsame Wirkung von Reinkarnationserinnerungen: »Da gab es für mich keine Zweifel mehr.« Inzwischen Diplom-Psychologe, sattelte er auf Esoterik um. In seinem 1973 gegründeten »Institut für außer­ordentliche Psychologie« in der Münchner Ainmillerstraße praktizierte und lehrte er seither Reinkarnationstherapie. Mit mehreren Büchern, auf ausgedehnten Vortragsreisen, Kongress- und Medienauftritten, verhalf der glänzende Rhetoriker dieser neuen Form der »Selbsterkenntnis und Heilung« in Deutschland zum Durchbruchl0, ehe er sich in den neunziger Jahren ganz aus der Szene zurückzog. Nachahmer fanden sich rasch. »Du kannst in wenigen Sitzungen Deine Probleme an der Wurzel auflösen«, lauten etwa die Versprechen. (11) Und weiter: »Für diese Therapie brauchst Du nicht an frühere Leben zu glauben. Statt dessen wirst Du Dich erinnern. An allen Schmerz, an allen Hass, an alle Schuld, die Du durch Jahrtausende gesammelt hast. Du wirst Dich davon lösen und verabschieden, und es wird Dich nicht mehr als Angst, Depression, Einsamkeit, Erfolglosigkeit, Hoffnungslosigkeit verfolgen.« Damit rennen sie offene Türen ein. Auf einer neuen Welle von Psi-Begeisterung und Jenseits-Sehnsucht machen nicht mehr nur die »etablierten« okkulten Zünfte wie Sterndeuter, Hellseher und Geistheiler, Wahrsager und Kartenleger, Pendler und Rutengänger Kasse wie nie zuvor; wiedergeburtsgläubige Gemeinschaften wie Theosophen, Anthroposophen, der deutsche »Scientology«-Ableger (mit Hauptquartier in Hamburg), christliche Sekten wie das »Universelle Leben« (Würzburg) oder die »Christengemein­schaft« (Stuttgart) in der Nachfolge des Pfarrers Emil Bock (1895-1959) fanden und besetzten Marktlücken. Acht deutsche Großverlage haben mittlerweile spezielle Esoterik-Buchreihen eingerichtet, schon huldigen über zehn Prozent der Produktionen deutscher Buchverlage dem »Neuen Denken«. Mit atemberaubenden Erfolgsbilanzen und erschüttemden Fallschilderungen verdienen die schreibgewandtesten »Rückführer« mit - und treiben nebenbei Public Relations in eigener Sache. (12) Die Okkultismuswelle trägt ihnen andächtige Leser zu - und gutgläubige Kundschaft. Was mystische Zirkel einst wie einen geheimen Schatz hüteten, ist gesellschaftsfähig geworden; davon profitieren sie. Inzwischen glauben 93 Prozent der Bundesdeutschen, daß es »Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, denen die herkömmlichen Wissenschaften nicht beikommen«; dies fanden De-moskopen der Dortmunder »Gesellschaft für Sozialforschung« (»Forsa«) heraus, als sie im April 1986 tausend repräsentativ Ausgewählte über ihre Einstellung zum Übersinnlichen befragten. 45 Prozent wollen schon einmal Erlebnisse gehabt haben, »die sich mit dem Verständ nicht erklären lassen«. Mindestens jeder sechste Westdeutsche (13), nach manchen Umfragen sogar jeder vierte (14), glaubt an Reinkamation - Protestanten, Männer und Alte kaum weniger als Katholiken (15), Frauen (16) und Junge. (17) Damit liegt die frühere Bundesrepublik durchaus im Durchschnitt westlicher Industrie­nationen. (18) Ein gewaltiges Potential, aus dem gewiefte Okkultprofis reichlich schöpfen können. Sensationslüsteme Medien arbeiten ihnen zu. Öffentlich-rechtliche An­stalten strahlten ebenso wie das Privatfernsehen Femsehsendungen zu diesem spektakulären Thema aus, und auch der Boulevardpresse war es allemal eine Titelstory wert, solange der Stoff noch nicht als “ausgelutscht” galt. (19) Deutschland auf der Tour de Trance. Bei solch massenhafter Neugier durfte das Spektakel der Rückführung unmöglich bloß einer neurotischen Minderheit vorbehalten bleiben. Braucht nicht jeder stets und überall ein wenig Selbstfindung? Zur Reinkamations­therapie sei »grundsätzlich jeder geeignet«, zerstreut eine Hochglanz- Präsentationsmappe des Münchner »Kensho-Instituts für Esoterische Lehren« letzte Bedenken, »egal ob jung oder alt, ob krank oder gesund, ob hoffnungslos oder der Erleuchtung nahe«; denn sind nicht psychotherapeutische Maßnahmen gerade dann »besonders wertvoll und fruchtbar«, »wenn der Betreffende, der ‘Gesunde’« (in Anführungszeichen! ) »sie noch gar nicht braucht«? Folgerichtig bot Esotera, die traditionsreiche »Zeitschrift für neue Dimensionen des Bewußtseins«, schon mehrfach "allen spirituell Interessierten« unter den »geehrten Lesern und lieben Freunden« ein Wochenend-Seminar über »Reinkarnation und Schicksal - Bewußter leben lernen« an; im idyllischen Schwarzwaldstädtchen Todtmoos sollten »Sie die Freuen, Leiden, Aufgaben und Chancen Ihrer Lebensgeschichte erkennen, um das weitere Leben bewußter zu gestalten«. - »Haben Sie Interesse an einer Rückführung?« erkundigte sich das Journal für die Frau im Juni 1988 bei seinen 440.000 Lesem; »gegen einen adressierten Freiumschlag« »schicken wir Ihnen geme eine Adressenliste von Instituten und Therapeuten, die Rückführungen machen«. (Zuvor hatte die Redaktion zwei Reporterinnen auf den Rückwärtstrip geschickt.) Solch kostenlose Werbung belebt ein Geschäft, das ohnehin floriert: Leute wie dich und mich im Auge, verdienen immer mehr »Therapeuten«, mit oder ohne Anführungszeichen, hauptberuflich an der Reisebegleitang wandernder Seelen. Wie viele es sind, weiß niemand genau; Schätzungen von Insidem schwanken zwischen 300 und mehreren Tausend. Wenigstens ebensoviele, vor allem Psychoanalytiker und Hypnosefachleute, kassieren für Reinkarnationstherapie nebenbei. Eine Münchner »Gesellschaft für Reinkarnationstherapie und esoterische Psychologie«, von Dethlefsen Anfang der achtziger Jahre ins Leben gerufen, versuchte jahrelang, die Verstreuten zu sammeln und zu organisieren - mit mäßigem Erfolg allerdings: Nicht einmal zwei Dutzend Mitglieder waren Ende der achtziger Jahre eingeschrieben, bald darauf löste sie sich auf. Seit 1988 machte ihr der Darmstädter Helmut Kritzinger mit einem »Berufs­verband deutscher Lebensberater e.V. « Konkurrenz. Die Szene ist schillernd, wie alles, was derzeit auf den enger werdenden New-Age-Markt drängt. Sie reicht vom eigens ausgebildeten »Reinkarnationstherapeuten«, mit dreijährigem berufsbegleitendem Studium bei Dethlefsen, über den Diplom-Psychologen mit zehnsemestrigem Hochschulstudium und therapeutischer Zusatzausbildung bis hin zu wiedergeburtsgläubigen Sektierern wie den »Scientologists«. Schon deuten aufgeschlossene Astrologen aus »Karma-« und »Regressions-Horoskopen« Schicksalslinien aus vergangenen Leben heraus. Mit dem Pendel wollen Radiästheten neuerdings metaphysische Altlasten ebenso zuverlässig aufspüren wie Wasseradern und andere »Störzonen«. Vereinzelt tummeln sich auch schon Handleser und Kartenleger, Akupunkteure und Akupresseure, Numerologen und »Hellsichtige« auf der Szene, die Gutgläubigen notfalls auch am Telefon enthüllen, was sie aus früheren Jahrhunderten »mitgenommen« haben. Noch nicht einmal mitgerechnet ist eine wachsende Zahl von gelegentlichen Wiedergeburtshelfern nach Feierabend, die sich nach einem Femkursus in Hypnose, einem Wochenend-»Intensiv«seminar schon zutrauen, neugierige Mitmenschen zu Rückführungen auf die Wohn­zimmer­couch zu legen. Manche »Rückführer« fühlten sich nach eingehenden Literaturstudien dazu berufen; einige überzeugten eigene Therapieerlebnisse; andere brachten ausgedehnte Selbstfindungstrips nach Fernost darauf. Vielen gaben erschüttemde persönliche »Reinkarnationserlebnisse« den entscheidenden Anstoß: »Immer eindringlicher und plastischer« drängte sich Petra Peick seit März 1975 »das Erlebnis auf, Esther zu sein«: (20) ein kleines Juden­mädchen aus Berlin, dessen kurzes Leben »in der Gaskammer eines Konzentrationslagers« endete. Während Ingrid Vallieres als Zwanzigjährige nach einem Unfall »mit lebensgefährlichen Verbrennungen in einem Krankenhaus lag, drängte sich mir der Gedanke auf: >Das hast du schon einmal erlebt. > . . . Die begleitenden Schmerzen und das verblassende Bewusstsein bis zum Austritt aus dem Körper erinnerten mich an ein Verbranntwerden auf dem Scheiterhaufen sowie an das Eingeschlossen­werden in einem brennenden, schmelzenden Maschinenraum.« (21) Der Ausstieg der Wormserin Evelyn Stübbe aus der Geschäftsführung des väterlichen Holz-Import/Export-Betriebs in ein eigenes »Institut für angewandte Tiefenpsychologie und Reinkarnationsforschung« begann, als sie auf Rückführungsseminaren in Kitzbühel und im Bayrischen Wald schlagartig zwei jahrzehntelange Leiden loswurde: Ihre schweren Nierenkoliken wurzelten offenbar in einer Inkamation, in der sie sich in eiskaltem Flußwasser unterkühlte; ihre heftigen Unterleibsbeschwerden gingen wohl auf eine Abtreibung im 18. Jahrhundert zurück, an der Evelyn Stübbe, damals Fran­zösin und Mutter von vier Kindern, qualvoll verblutet war. (22) Solch autobiographischem Striptease folgen aufgeschlossene Klienten mit großen Augen, ahnen ähnliche Schicksale - und investieren scharenweise in Enthüllungen. Die Besten sind ausgebucht; teilweise muss mit Wartezeiten von Wochen, wenn nicht gar Monaten für einen Therapieplatz gerechnet werden. Ziemlich gleichmäßig verteilen sich »Rückführer« auf zwei weltanschauliche Lager: Die einen sind von der Wiedergeburtslehre fest überzeugt, betten »Rückführungen« in sie ein und betrachten eine Bekehrung als Voraussetzung, Indiz oder zwangsläufige Folge ihres Therapieerfolgs. Pragmatikern dagegen ist die Wahrheitsfrage einerlei; sie setzen »frühere Leben« als »Projektionsflächen« ein, auf denen sich unbewusste Antriebe, Konflikte und Traumata besonders deutlich abbilden, ähnlich wie im Rollenspiel, beim Ausdrucksmalen oder in Rorschach-Tests mit mehrdeutigen Tintenklecks-Mustern. Die einen beschränken Rückführungen strikt auf klinische Anwendungen - die anderen finden, daß jedermann daraus lernen, spirituell wachsen und reifen kann und sollte. So oder so liegen die Preise mindestens auf dem Niveau herkömmlicher Psychotherapien - in der Regel bei 35 bis 60 Euro pro »Stunde« (gleich 45 effektive Behandlungsminuten, plus eine Viertelstunde Verschnaufpause für den Therapeuten). Nur in ausgesprochenen »Sozialfällen« lassen Großzügige auch niedrigere Sätze mit sich aushandeln. Manche »Rückführungen« werden einfach bis zum »Erfolg« getrieben, enden dann manchmal schon nach der zweiten, dritten Stunde, nachdem der Klient in sich etwas aufsteigen erlebt, was er als »Reinkamations­erinnerung« akzeptieren kann - und bezahlen will; anspruchsvollere Therapeuten machen den Kauf eines ganzen Therapiepakets von zehn bis dreißig Sitzungen zur Vorbedingung. Die einen verlegen sich ausschließlich auf »Reinkarnation«, davon überzeugt, daß herkömmliche Therapieformen dadurch mehr als gleichwertig ersetzt werden - und sich erübrigen; andere bieten sie zusätzlich an, im Rahmen von oder im Anschluß an eine klassische Psychoanalyse, Hypnosetherapie, Rebirthing, Gestalttherapie, Psycho­drama, pränatale Therapie, Imaginationstherapien oder andere Verfahren. Eines freilich verbindet fast alle: Statt sich bloß mit seelisch Gestörten abzugeben, halten sie sich nach allen Seiten offen. So locken die verschiedensten Angebote - von fünftägigen »Intensivseminaren« für »geisteswissenschaftlich interessierte Personen« (450 Euro Gebühren) über ein zehntägiges spezielles »Reinkarnations-Erfolgs-Kompaktprogramm für Führungs­kräfte« in »25 Stunden Einzelberatung« (stündlich 60 Euro) (23) bis zu sich allgemein an »suchende Menschen« überhaupt wendenden »Rückführun­gen« (24) in zwei Tagen (von 10 - 17.30 Uhr, »incl. Pausen«), mittels derer »wir uns frei durch Zeit und Raum bewegen«. Das sei »keineswegs schwierig«, beschwichtigt den Verzagten ein Vordruck: »Jeder kann die Rückführung erlernen und nach einiger Übung sicher anwenden« - durch Selbsthypnose und gelenkte Träume, Meditation und ein Dutzend weiterer Verfahren, Kontakte zu einem »geistigen Führer« eingeschlossen. Jeder Neugierige erhält vom »Institut für ganzheitliche Lebensführung« auf Anfrage eine Liste von nicht weniger als 20 »Vorteilen der Reinkarnationstherapie«, die klarmacht, dass uns schlechterdings nichts umtreiben kann, wofür sie nicht nütze wäre: Vergangenheit bewältigen; Zukunft sinnvoller gestalten; Grund und Ursache von Ängsten, Sehnsüchten und Vorlieben erkennen, von Krank­heiten und angeborenen Schwächen; »hochgeladene Komplexe auflösen, die freigewordene Energie für sich nutzen«; schmerzliche Erfahrungen bewältigen; »mein wahres Wesen erkennen, vollkommener werden«. Rund 500 Teilnehmer, »so fünf bis sechs pro Arbeitswoche«, will Institutsleiter Helmut Whitey-Kritzinger, »Diplom-Lebensberater«, binnen vier Jahren auf die Zeitreise zurück geschickt haben - »mit 80prozentiger Erfolgsquote«. Ab Juni 1987 bildet er »Reinkamationslehrer« aus - für 450 Euro,-- »plus 40 Euro Diplom-Gebühren« urkundlich zertifiziert, versteht sich: »Selbst ein Berufsberater vom Arbeitsamt hat sich dafür schon angemeldet«. So unterschiedlich wie die Angebote sind auch die Preise: Denselben Titel besorgt eeine über drei Privatadressen in Herne, Nidda und Hemau verstreute »Akademie für Esoterik e.V.« an zwei Wochenenden für 210 Euro. (25) Mathias Wendel, ein Diplom-Physiker, den es nach kurzer Lehrertätigkeit und Heilpraktikerstudium 1978 zu Dethlefsen zog, bis er sich 1987 in München eine eigene Praxis einrichtete, sieht die »optimale Dauer eines Therapie­abschnitts« in »vier Wochen. Das sind bei täglich zweistündigen Sitzungen an fünf Tagen der Woche insgesamt 40 Stunden« - zu rund 2500 Euro -, ein Viertel davon fällig im voraus. (»Ratenzahlungen sind in Ausnahmefällen möglich.«) »Nach ca. einem Jahr empfiehlt sich eine weitere Vertiefung von zwei bis drei Therapiewochen.« Wenn Lieben kriseln, hat der gebürtige Pforzheimer auch eine »Paar-Therapie«, 90 Euro pro Stunde, im Angebot: wofür allerdings »eine mindestens zweiwöchige Einzeltherapie« unabdingbare Voraussetzung sei. (26) Ständig erweitert sich das Angebot. Was rückwärts nicht klappt, kann vorwärts nicht schiefgehen: Nach diesem Motto werden neuerdings auch »Vor­aus­führungen« in die eigene Zukunft angeboten. (27) Auch »Selbstrückführungen« daheim, nach mehrwöchigem Fernlehrgang in »Autohypnose«, werden vermehrt in Aussicht gestellt. Stark im Kommen ist ein esoterischer Ferntourismus zu recht stolzen Preisen: In La Matanza etwa, einem malerischen Dorf auf der kanarischen Insel Teneriffa, bietet ein Gästehaus »in gepflegter Atmosphäre, ruhiger Lage und verschiedenen Kochfomlen« »laufend Tageskurse, Wochenendseminare und Vorträge« unter anderem über Reinkarnation an. (28) Der Frankfurter Karl Everding lädt hin und wieder zu »Reinkarnations-Seminaren« in die Toscana, Anfang 1989 sogar zu einem zehntägigen »Reinkarnations- und Transformations-Seminar« nach Bombay, Indien. (29) Der letzte Schrei: Auf die Technomanie westlicher Sinnsucher zugeschnitten, drängen neuerdings verstärkt instrumentelle Rückstiegshilfen auf den Markt: von der Suggestionskassette für den eigenen Rekorder über dubiose »Osiris-Tropfen« (30) bis hin zu brandneuen Mind Machines, die über Elektro­den, aufgesetzte Kopihörer und Spezialbrillen das Gehim mit raffinierten elektrischen, akustischen oder optischen Reizen bombardieren - Rückwärts­trips aus der Steckdose. (31) Stand die Reinkarnationstherapie anfänglich weit im Abseits anerkannter Behandlungsmethoden, greifen mittlerweile selbst »klassische« Verfahren sie zögernd auf. Nicht von ungefähr fanden zahlreiche ihrer Vertreter nach psychoanalytischer Vorbildung zu ihr: Patienten eine frühere Existenz nacherleben zu lassen und sich davon eine heilende Wirkung zu versprechen, knüpft scheinbar nahtlos an Freuds Ansatz an, die Wurzel aller psychischen Übel in unaufgearbeitet verdrängten Konflikten früher Tage zu sehen und auf die reinigende Kraft ihres Bewusstmachens zu setzen. Wie neuerdings Leonard Orr, Begründer des »Rebirthing«, so hatte der abtrünnige Freu­dianer Otto Rank schon 1929 die primäre Ursache psychischer Störungen vor Freuds erste konfliktträchtige Phase, die »orale«, verlegt: ins »Geburts­trauma«, den Schock der plötzlichen, unerfreulichen Trennung vom Mutter­leib. Schon suchen Therapeuten die Pränatalphase nach prägenden Ur­erfahrungen ab. Den Rückwärtsdrang der »Analyse« treibt die Reinkarna­tions­therapie da nur konsequent auf die Spitze: »Hinter« dem Empfängnis­zeitpunkt dehnt sich für sie ein schier grenzenloses Betätigungsfeld. Zwar hielt Freud selbst den Unsterblichkeitsglauben für einen Mythos - doch wer weiß, wieviel von diesem Dogma übriggeblieben wäre, wenn Freud eines vergönnt gewesen wäre: »Wenn ich mein Leben noch einmal zu leben hätte, würde ich mich der Psi-Forschung« (psychical research) »widmen statt der Psychoanalyse«, bekannte er 1921 dem amerikanischen Psychologen Hereward Carrington in einem Brief. (32) Wie sein Biograph Ernest Jones berichtet, hat dieses Thema Freud »wahrhaft gequält«, »ihn zutiefst bestürzt und verwirrt«. Wie er die Psychoanalyse um die Idee einer wandernden Seele hätte erweitern können, führte der amerikanische Psychologe Herbert Fingarette schon 1962 vor. (33) Zumindest in der Analytischen Psychologie des Schweizers Carl Gustav Jung (1875-1961) verästelte sich die analytische Bewegung in eine Richtung; die für eine den physischen Tod überdauernde Seele durchaus Platz fand. In einem Kommentar zu einem alten chinesischen Text34 sieht Jung die Frage, »was letztlich mit dem (vom Körper) losgelösten Bewusstsein geschieht«, zwar »hoffnungslos die Grenzen der wissenschaftlichen Kompetenz (eines Psychologen) überschreiten«. (35) Dessen ungeachtet befinde sich die An­nahme, dieses Bewußtsein existiere zeitlos, »mit dem religiösen Denken aller Zeiten und mit dem der überwältigenden Mehrheit der Menschheit in Harmonie... Jemand, der nicht in dieser Richtung denkt, steht außerhalb der menschlichen Ordnung und leidet deshalb an einer Störung seines psychischen Rüstzeugs. Als Arzt gebe ich mir die größte Mühe, soweit es in meiner Macht steht, einen Glauben an Unsterblichkeit zu stärken, besonders in meinen älteren Patienten, denen sich solche Fragen drohend nähern.« Jung selbst scheint eine anhaltende Ahnung bewegt zu haben, er habe in früheren Jahrhunderten schon einmal gelebt - und daß er wiedergeboren werden mußte wegen seines »unstillbaren Dranges nach Verstehen«; nach längerer Zeit der Ruhe werde er zurückkehren, um sein Werk fortzusetzen. Wie er in seinen Erinnerungen, Träumen, Gedanken durchblicken lässt, will er in höherem Alter sogar unmittelbare Beweise für Reinkarnation erhalten haben: in einer Serie von Träumen, die ihm Wiedergeburten eines verstorbenen Bekannten darzustellen schienen. (36) (Tritt Jung derzeit posthum den Beweis dafür an - im österreichischen Seewalchen am Attersee? Dort lebt die Sensitive Mirabelle Coudris, die seit 1985 in Trance Durchgaben von einerjenseitigen Wesenheit erhalten will, die sich »C.G. Jung« nennt. Daß sie »Kanal« für Jung sein könnte, nach der Qualität der Botschaften zu urteilen, wollen selbst intime Kenner von Jungs Werk nicht ausschließen.) (37) Auch zur »Logotherapie«, dem von Viktor Frankl propagierten »Heilen durch Sinn«, bestehen naheliegende Anknüpfungspunkte. Denn was verbindet die verschiedenen Leben, wenn nicht ein übergreifendes letztes Ent­wick­lungs­ziel? Wozu immer wiederkehren, wenn nicht, um Unvollendetes fortzusetzen und Versäumtes nachzuholen? Die Reinkarnationsidee füllt mühelos jenes »existentielle Vakuum«, das, so Frankl, der Niedergang des Christentums und die Frustration über die säkularen Ersatzgötter der westlichen Leistungs- und Konsumgesellschaft aufrissen. Vor allem aber lässt sie sich mittragen von der humanistischen Bewegung, jener »Dritten Kraft« neben analytischen und behavioristischen Ansätzen, die seit einem halben Jahrhundert von Amerika aus die Psychotherapie weltweit bereichert hat. Uns alle, nicht nur den vermeintlich »Kranken«, betrachtet sie als »unvollständige« Wesen, die ihre »Ganzheit« erst noch finden und dazu lernen müssen, ihrem natürlichen Drang nach Wachstum und Selbstverwirklichung nachzugeben. »Über die Möglichkeit der Reinkarna-tion nachzudenken, die ich in der Vergangenheit für einen lächerlichen Aberglauben gehalten hatte«, sah sich etwa Carl Rogers »gezwungen«, unter dem Eindruck von paranormalen Erlebnissen enger Freunde. (38) Abraham Maslow, Großvater des »Neuen Humanismus«, gilt nicht zufällig zugleich als Mitbegründer der »transpersonalen Bewegung«, die vom kalifornischen Therapiezentrum Esalen aus die westliche Welt für fernöstliche Bewusstseinserweiterung aufschließen will. Reinkarnationserlebnisse gelten »Transpersonalisten« als Türöffner zu »höheren« Einsichten. Über die Ein­heit von Denken und Fühlen, von Verstand und Intuition, von Geist und Körper, Ich und Welt hinaus sollen sie »eins« werden helfen mit früheren Existenzen, letztlich mit dem Kosmos, aus dem jedes inkarnierte Einzel-Ich hervorging und in den es zurückkehren wird. Ihre Botschaft heißt: Werde »ganz«, indem Du mit Deinen früheren Selbsten zu jener personalen Einheit verschmilzt, die Du unbewusst von je her warst; werde »ganz«, indem Du Deine Einheit mit dem kosmischen Bewußtsein intuitiv erkennst; verwirkliche Dich, indem Du tust, was Dich dieser Einheit näherbringt. Seit 1984 hat sich die »Intemational Transpersonal Association« (ITA) in Freiburg eine Filiale geschaffen, die auch bei uns eifrig für diesen Ansatz wirbt: die »Deut­sche Transpersonale Gesellschaft«. Je aufgeschlossener die akademische Psychologie solche Anstöße von prominenter Seite aufgreift, sich mit Evidenzen, Methoden und Erklärungen von Reinkamationstheorien zu befassen, desto nachhaltiger wird ihr Fach davon berührt werden. Liegt in »Rückführungen« nur ein Funken Wahrheit, so folgt daraus Atemberaubendes für gängige Theorien über das menschliche Gedächtnis, über Ich und Selbstbewußtsein, über grundlegende Emo­tionen, Motivationen und ihre Ursprünge; für die Intelligenz- und Bega­bungs­forschung; für die Anlage-Umwelt-Kontroverse, wie überhaupt für alle Bereiche der Entwicklungs- und Persönlichkeitspsychologie; für Psychiatrie und Psychosomatik, insbesondere in der Ätiologie, Diagnostik und Therapie einiger der widerspenstigsten klinischen Fallsyndrome. Die Idee der Reinkarnation fasziniert mittlerweile Intellektuelle und breite Bevölkerungsschichten gleichermaßen, weil damit anscheinend alles auf einmal zu haben ist: · Sie gibt ein packendes »letztes« Erkenntnis- und Handlungsziel vor, an dem sich auf der Suche nach Orientierung und Sinn mühelos das ganze Leben ausrichten lässt. · Sie gewährt eine tröstliche, »jenseitige« Zuflucht, seitdem das krisengeschüttelte, apokalyptische Diesseits so viel an Lebensqualität verloren hat. · Dem westlichen Kopfmenschen verspricht sie Erlösung von seiner lebens­feindlich verengten Rationalität. »Des wissenschaftlichen Spezia­listen­tums und des Intellektualismus überdrüssig«, sah schon C.G. Jung, »will man von Wahrheit hören, die nicht enger macht, sondern weiter, die nicht verdunkelt, sondern erleuchtet, die nicht an einem abläuft wie Wasser, sondem ergreifend bis ins Mark der Knochen dringt«. · Gegen den vielbeklagten Verfall der öffentlichen Moral in westlichen Industriegesellschaften verspricht sie eine umfassende ethische Erneuerung: mit dem unausweichlichen Gesetz des »Karmas«, das Schuld sühnt und Verdienste belohnt - über den Tod hinaus. Dem Glaubenshungrigen bietet sie einen Religionsersatz für ein in Ritualen und Dogmen erstarrtes Christentum - sofern sie ihn nicht gar zu einem jahrtausendelang wegtheologisierten Glaubenskern zurückführt, auf jeden Fall zu einem einleuchtenderen: Sind Seelenwanderungen schwerer nachzuvollziehen als die »Auferstehung des Fleisches«? Der evangelische Theologe Adolf Köberle steht längst nicht mehr allein mit seiner Ansicht: »Wenn Gott Herr ist über alle Elemente im Himmel und auf Erden, wenn er in seiner Freiheit Verstorbene beauftragen kann, Lebenden in Stunden der Gefahr Wink, Weisung und Warnung zu geben, ... dann wollen wir es nicht von vornherein ausschließen, daß der Herr des Alls auch ein verstorbenes Leben zu neuem Anfang auf die Erde senden kann.« (39) Tut die Bibel, wörtlich genommen, wirklich definitiv als Humbug ab, woran auf diesem Planeten zwei Milliarden Menschen glauben? · Die Idee der Wiedergeburt trifft sich mit uralter fernöstlicher Weisheit. Nicht von ungefähr fanden einige der erfolgreichsten bundesdeutschen »Rückführer« ihre wahre Berufung auf ausgedehnten Selbstfindungstrips nach Indien, Japan oder den Zwergstaaten im Himalaya, auf dem »Dach der Welt«. · Sie passt, wie die Wendezeit und Das Tao der Physik des Heisenberg-Schülers und New-Age-Propheten Fritjof Capra nahelegen, womöglich sogar zur »Neuen Physik«, die das Universum holistischer und vergeistigter auffaßt, als sich Descartes und Newton träumen ließen. Kurzum: Die Wiedergeburtslehre verspricht, der Glaubenskern einer »postmaterialistischen Gesellschaft« zu werden, eine kulturübergreifende Einheitsreligion, die irgendwie alles mit allem in Einklang bringt: Religion und Wissenschaft, Mystik und Aufklärung, Ost und West - gerade noch rechtzeitig zum Aufbruch ins »New Age«. Einen »Wendepunkt in der Geschichte der Menschheit« nannte Nietzsche »die Lehre von der Wiedergeburt« - eine Aussicht, die fasziniert. Dieser Text entspricht dem Vorwort und Kapitel 1 von Harald Wiesendanger: Zurück in frühere Leben – Möglichkeiten der Reinkarnationstherapie (1991, 2. Aufl. 2003) Anmerkungen 1 Dethlefsen schildert diese Rückführung in: Das Leben nach dem Leben. Gespräche mit Wiedergeborenen, Goldmann: München, 5. Aufl. 1986, S. 9 ff. 2 Albert de Rochas, Die aufeinanderfolgenden Leben. Gibt es eine Wiedergeburt?, Baum­gartner: Warpke-Billerbeck o.J. (Or.: Les vies successives, Paris 1924). 3 L. Ron Hubbard, Dianetics: The Modern Science Of Mental Health, The Church of Scientology: Los Angeles 1950. Selbst einen Rezensenten der New York Times packte das Dianetik- Fieber: »Die Geschichte ist zu einem Wettlauf zwischen der Dianetik und dem Untergang geworden«, so schwante ihm. »Die Dianetik wird ihn gewinnen, wenn genügend Menschen ihr folgen.« (Zit. im Anhang von: L. Ron Hubbard, Haben Sie vor diesem Leben gelebt? Eine wissenschaftliche Untersuchung, Scientology Publica­tions Organization: Kopenhagen 1979, S. 391 [Or.: Have You Lived Before This Life?, 25. Aufl. 1978].) 4 L. Ron Hubbard, History of Man, The Church of Scientology: Los Angeles 1952. Nach wie vor eine der glänzendsten Kritiken der Dianetik: Christopher Evans, Kulte des Irrationalen, Rowohlt: Reinbek 1979, S. 17-244. 5 Morey Bernstein, The Search for Bridey Murphy (1956); dt.: Protokoll einer Wiedergeburt, Droemer Knaur: München 1984. 6 Erst in den späten siebziger Jahren wurde Bloxhams Dokumentation allgemein bekannt; Jeffrey Iverson, Fernsehproduzent beim Privatsender »Cardiff TV«, stellte sie in einer aufsehenerregenden Sendung »The Bloxham Tapes« vor, die die BBC am 19. Dezember 1976 ausstrahlte. Ein Jahr später erschien Iversons Buch darüber: More Lives Than One? The Evidence of the Remarkable Bloxham Tapes, Warner Books: New York 1977; dt.: Leben wir öfter als einmal? Die Tonbandprotokolle des Hypnose-Therapeuten Arnall Bloxham, Hirthammer: München 1977. 7 Rhea Powers, Reinkarnation - oder die Illusion der persönlichen Identität, Ch. Falk: Planegg 1989, S. 89. 8 Helen S. Wambach, Seelenwanderung. Wiedergeburt durch Hypnose; Goldmann: München, 2. Aufl. 1984, S. 214 (Or.: Reliving Past Lives, Harper & Row: New York 1984.) 9 Milan Ryzl führt diesen und die beiden folgenden Fälle an in: Der Tod und was danach kommt. Das Weiterleben aus der Sicht der Parapsychologie, Goldmann: München 1983, S. 158. 10 Sein Erstlingswerk Das Leben nach dem Leben schaffte sechsstellige Auflagen. Zwei Jahre später folgte ihm ein weiterer Bestseller: Das Erlebnis der Wiedergeburt. Schon der Untertitel verhieß »Heilung durch Reinkarnation« (Goldmann: München, 2. Aufl. 1984). 11 Spirituelles Adreßbuch 86/87, Param: Clausthal-Zellerfeld 1985, S. 189 f. 12 Da läßt die Hamburger Diplom-Psychologin Petra Angelika Peick, selbsternannte »Dozentin für Esoterische Psychologie«, nochmals Revue passieren, wie ihre junge Klientin Gerika bei ihr »das Menschsein durch viele Wiedergeburten verstehen lernte«. (Wiedergeburt - Eine Reise in frühere Erdenleben, Hermann Bauer: Freiburg 1987.) Die frühere Übersetzerin Ingrid Vallieres, seit 1977 Leiterin eines Stuttgarter »Instituts für Reinkarnationstherapie«, verdeutlicht »Konsequenzen und Reichweite« dieser Psychotechnik. (Praxis der Reinkarnationstherapie. Konsequenzen und Reichweite, Hannemann: Steimbke 1987.) Der Nürnberger Therapeut Peter Thienel führt vor, wie er binnen zehn Jahren in seinem »Institut für Hypnoseforschung« »über 800 Klienten« »ihre früheren Existenzen in das Bewußtsein zurückgerufen« hat. (Seelenwanderung. Das Geheimnis der Wiedergeburt in unserem Leben - Forschungen und Erfahrungen, Goldmann: München 1988.) Der Freiburger »Kosmobiologe« Baldur Ebertin erläutert an einem Dutzend »Zurückgeführter« sein »Modell des Reinkarnationsbewußtseins«. (Reinkarnation und neues Bewußtsein, Hermann Bauer: Freiburg 1987.) Auf über 400 Buchseiten dokumenti ert der Heilpraktiker Werner Meinhold, wie er einem jungen Mann drei Jahre lang in Hypnose seinen »Wiederverkörperungsweg durch die Jahrtausende« finden half. (Der Wiederverkörperungsweg eines Menschen durch die Jahrtausende. Reinkarnationserfahrung in Hypnose, Aurum: Freiburg 1989.) Für »Wiedergeburt als Erfahrung« wirbt der »diplomierte Regressions- und Reinkarnations-Analytiker« Bruno Meier aus dem schweizerischen Herznach. (Heilung durch Wiedergeburt, Zytglogge: Bern 1988.) 13 Institut für Demoskopie Allensbach, »Haben Sie früher schon einmal gelebt?«, in: Allensbacher Berichte, 3/1989 (4 S.). 14 Dies stellte das angesehene Gallup-Institut (Princeton, USA) in einer 1969 veröffentlichten Umfrage unter zwölf westlichen Industrienationen fest; zit. bei Sylvia Cranston/Carey Williams, Wiedergeburt. Ein neuer Horizont in Wissenschaft, Religion und Gesellschaft, Hirthammer: München 1989, S. 28. 15 George Gallup jr., Adventures in lmmortality, McGraw Hill: New York 1982; vgl. Erich Fromm, Zen Buddhism and Psychoanalysis, Harper & Row 1960, S. 85 f. Im Dezember 1985 befaßte sich die katholische Bischofssynode in Rom mit einer Statistik, derzufolge sich 23 Prozent der Katholiken, 21 Prozent der Protestanten und 12 Prozent der Atheisten zu einem Glauben an Wiedergeburt bekennen: K. Hoheisel, »Glaube an die Seelenwanderung im frühen Christentum?«, in: Materialdienst der EZW (Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen, Stuttgart), 7/1986, S. 188-196, dort S. 188. 16 Gallup, Adventures ..., a.a.0. 17 Ebda. 18 A.a.0. (Anm. 14) 19 3,15 Millionen Fernsehzuschauer verfolgten im Februar 1986, wie sechs Jenseits-»Experten« die Frage »Viele Male auf Erden?« in der ZDF-Reihe »5 nach 10« drehten und wendeten - eine Einschaltquote von zehn Prozent, die diese Serie zuvor überhaupt nur einmal erreicht hatte: bei einem Fußball-Thema. Eine vorangehende »Dokumentation« über Wiedergeburt erzielte gar eine Sehbeteiligung von 5,24 Millionen (16 Prozent). In den »Unglaublichen Geschichten« des bekehrten RTL-Moderators Rainer Holbe durfte Paul Benard, ein Landarzt in der Lüneburger Heide, am 20. September 1986 drei Patientinnen in Hypnose »zurückversetzen« - darunter eine Arzthelferin zu ihrem Todestag im Dresdener Bombenhagel 1945. Ein »Großes Experiment: Vier Frauen in Hypnose« hob Springers »Bild der Frau« Anfang Juli 1987 gar auf die Titelseite: »Ich habe schon mal gelebt«, noch vor »Frisuren für die Gartenparty«, der »neuen Stretch-Mode« und »Rezepten mit Kartiffeln«. (»Marianne G. zum Hypnotiseur: >Vor 2035 Jahren war ich Cäsars Geliebte...<.«) 20 Peick, Wiedergeburt, a.a.0. S. 11. 21 Vallieres, Praxis der Reinkarnationstherapie, a.a.0., S. 9 f. 22 Diese Auskünfte erhielt ich von Frau Stübbe während eines Besuchs in Worms am 27. Juli 1988. 23 Aus Ingrid Vallieres' Veranstaltungsprogramm des Instituts für Reinkarnations­therapie 1987. 24 Die folgenden Zitate entnehme ich Handzetteln, die ich von einem Reinkarnationsseminar bei Helmut Kritzinger im Frühjahr 1987 mitbrachte, sowie einem längeren Telefonat. 25 Aus: Akademie für Esoterik e.V., Seminare und Ausbildungen 1988. 26 Aus: Mathias Wendel, Der Weg zum Herzen. Fragen und Antworten zur Reinkarnations-Therapie, Selbstverlag: München o. J. (um 1988). 27 Zu »Vorausführungen« in künftige Leben vgl. Kap.11. 28 Anzeige in Esotera 1/1989, S. 108. 29 Aus einem Werbezettel Everdings (1988). 30 Benjour Christianson/Fritz Guggisberg, »Osiris Aktivum-Tropfen. Elektro­physikalisch behandeltes Wasser«, in: Lichtquell, 173 / 21.9.1988, S. 3-14. 31 Vgl. dazu Michael Hutchinson, Megabrain. Geist und Maschine, Sphinx: Basel 1989; Lutz Berger/Werner Pieper (Hrsg.), Brain Tech. Mind Machines und neues Bewußtsein, Pieper's Medienexperimente: Löhrbach 1989. 32 Diesen Brief zitiert Ernest Jones in seiner dreibändigen Biographie Das Leben und Werk von Sigmund Freud, Hans Huber: Bern 1982, in einem Kapitel über »Okkultis­mus«. 33 Herbert Fingarette, The Self in Transformation, Basic Books: New York 1962, S. 171-237. 34 Das Geheimnis der Goldenen Blüte, aus dem Chinesischen übersetzt von R. Wilhelm, mit einem Kommentar von C.G. Jung, München, Neuaufl. 1965. 35 Carl Gustav Jung, »Studien über alchemistische Vorstellungen«, in: Bd. 13 der Gesammelten Werke, Rascher: Zürich 1958, S. 54. 36 Carl Gustav Jung, Erinnerungen, Träume, Gedanken. Aufgezeichnet und hrsg. von Aniela Jaffe, Rascher: Zürich/Stuttgart 1962, S. 295, 320,321,324. 37 Siehe dazu: Harald Wiesendanger, Die Jagd nach Psi. Über neue Phänomene an den Grenzen unseres Wissens, Aurum: Freiburg 1989, Kap. »Trance-Dialog mit >C.G. Jung<«, S. 201-207. 38 Carl Rogers, »Some New Directions: A Personal View«, in: Thomas Hanna (Hrsg.), Explorers of Humankind, Harper & Row: San Francisco 1979. 39 Zit. in: Faszination des Unfaßbaren, Das Beste: Stuttgart 1983, S. 156.

  • Der Bellarmin-Komplex

    Paranormale Fähigkeiten “gehören lediglich dem Glauben oder Aberglauben an”, befand der Bundesgerichtshof (BGH) 1978. Dem höchstrichterlichen Urteil schließt sich bis heute beinahe alles an, was in unserem Staat Rang und Namen hat: Spitzenpolitiker und hochrangige Kirchenvertreter, der sogenannte “seriöse” Teil der Tagespresse ebenso wie die Meinungsmacher bei den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten. Von Wissenschaftlern “aufgeklärt”, wittern sie hinter Übersinnlichem samt und sonders Betrug und Selbstbetrug, Sinnestäuschungen und Denkfehler: eine große Koalition der Ahnungslosen, die mit Macht, Arroganz und Rhetorik wettzumachen sucht, was ihren Argumenten an Stichhaltigkeit fehlt. Was alle Kulturen seit Jahrtausenden kennen und über ein Jahrhundert parapsychologische Forschung weitgehend bestätigt hat - blindwütige Skeptizisten tun es ab, im Ungeist einer Pseudo-Wissenschaftlichkeit, die aufhört, sich selbst zu hinterfragen. Da schildern Kinder, die dem Tod nahe sind, übereinstimmend Visionen vom Jenseits. Einem Züricher Psychiater geben Patienten Rätsel auf, die eher besessen als “psychotisch” scheinen. Im Traum sieht eine Medizinstudentin eine der folgenschwersten Brückeneinstürze in der Geschichte Amerikas voraus. Während einer Séance in Italien begegnet eine Frau ihrem verstorbenen Vater, dem großen italienischen Arzt und Parapsychologen Gastone de Boni - unter Umständen, die allen gängigen Erklärungsversuchen spiritistischer Erlebnisse spotten. Allein anhand von Geburtsdaten errechnen deutsche Kosmobiologen ein erhöhtes Risiko für Eltern, ein mongoloides Kind zu zeugen. So und ähnlich hat sich unlängst eine andere, höhere Wirklichkeit offenbart, die das naturwissenschaftliche Weltbild von heute sprengt. Einige ihrer deutlichsten Spuren aus jüngster Zeit sichert mein Buch Die Jagd nach Psi - und untersucht, wie sich Menschen verändern, die auf sie gestoßen sind. An zwei Dutzend Beispielen verfolgt es Wege und Irrwege der Jagd nach dem Übersinnlichen. Am Fall der gegenwärtig aufgeregt diskutierten “Okkultismus-Welle” unter Jugendlichen zeigt es Chancen und Gefahren des Psi-Booms auf. „Die Ansicht, die Erde sei nicht das Zentrum des Alls und drehe sich sogar einmal im Tag um sich selbst, ist philosophisch falsch und zum mindesten ein Irrglaube.“ Edikt der Heiligen Römischen Inquisition vom 5. März 1616 gegen die kopernikanische Astronomie Im September 1975 verschwindet die 24jährige Hausfrau Leni Hof spurlos. Sie wird nie gefunden. Trotzdem verurteilt das Landgericht Heilbronn zwei Jahre später den Arbeiter Kurt Seifert, 33, zu 14 Jahren Freiheitsstrafe: Er habe die Vermisste umgebracht und ihre Leiche beseitigt. Seifert beteuert seine Unschuld - aber wie soll er sie beweisen? Im Laufe des Prozesses beantragt sein Anwalt, die Hellseherin Käthe Niessen hinzuzuziehen: Sie verfüge über die “hochentwickelte Gabe der Telepathie und des Hellsehens”. Damit könne sie wichtige Anhaltspunkte liefern, ob die Vermisste noch lebt und wo sie sich aufhält; oder, falls sie tatsächlich schon tot ist, wo sich ihre Leiche befindet - und dass nicht Seifert es war, der sie umgebracht hat. Weil die Heilbronner Richter ablehnen, geht der Mordverdächtige in Revision. Erstmals in der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte hat nun der Bundesgerichtshof (BGH) in Karlsruhe über Paranormales zu befinden - und tut es kurzerhand ab. “Die hier in Rede stehenden Kräfte”, so meint der BGH-Strafsenat in seinem Urteil vom 21. Februar 1978 zu wissen (AZ 1 StR 624/77), seien als “Beweismittel völlig ungeeignet”; vielmehr “gehören sie lediglich dem Glauben oder Aberglauben, der Vorstellung oder dem Wahne an”. Deshalb erübrige es sich auch, einen Parapsychologen wie Professor Hans Bender von der Universität Freiburg als Sachverständigen zu laden: Was er vorzutragen hätte, zähle ohnehin nicht zu den “gesicherten wissenschaftlichen Erkenntnissen”. (1) Dem höchstrichterlichen Glaubensbekenntnis, das eine ähnliche Entscheidung des Reichsgerichts vom 21. Juni 1900 bestätigt (RGSt 33, 321), schließt sich bis heute beinahe alles an, was in unserem Staat Rang und Namen hat. Da warnen Spitzenpolitiker wie Nordrhein-Westfalens Kultusminister Hans Schwier öffentlich vor der “neuen Droge” Okkultismus , die insbesondere Jugendliche zu Opfern eines “massiven Kampfs gegen die Vernunft” mache. (2) (Siehe dazu mein Buch In Teufels Küche.) Um dagegenzuhalten, beruft die bayerische Landesregierung im September 1988 den ersten staatlichen “Okkultismus-Beauftragten”. Überaus gelegen kommt das den Amtskirchen, die sich um ihr Alleinvermittlungsrecht zwischen Diesseits und Jenseits sorgen: “Angebliche” paranormale Erfahrungen während okkulter Praktiken sind für Kirchenobere wie den Bischof von Trier, Josef Spital, schlicht “Dummheit und Aberglaube”. (3) Spezielle “Beauftragte für Sekten- und Weltanschauungsfragen” beider großer Konfessionen warnen öffentlich vor einem “Selbstmord des rationalen Denkens”, vor Geister”wahn” und “religiösem Analphabetismus”. Selbst seriöse Tageszeitungen erklären Psi-Gläubige pauschal zu “Verführten” und “Süchtigen”, unter denen eine “Epidemie grassiert”; kommentarlos übernehmen und drucken sie Meinungen selbsternannter “Experten”, “gewissenlose Okkultverbrecher” zögen die Beschäftigung mit Übernatürlichem “wieder zur Volksseuche groß”. (4) Wissenschaftler, die hinter Übersinnlichem samt und sonders Betrug oder Sinnestäuschung, seelische Defekte, geistige Kurz-Schlüsse oder physikalische Ursachen wähnen, erhalten bei öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten großzügige Sendezeiten, bei Gerichtsverfahren ein Gutachtermonopol - und vorderste Plätze bei Fachtagungen und öffentlichen Anhörungen. Es ist eine große Koalition der Ahnungslosen, die wieder einmal mit Macht, Arroganz und Rhetorik wttzumachen sucht, was ihren Argumenten an Stichhaltigkeit fehlt. Paranormalen Erlebnissen und Fähigkeiten klebt sie flugs das Etikett “okkultistisch” oder “spiritistisch” an, um sie in Bausch und Bogen als unbeweisbaren Humbug, als “faulen Zauber” abzutun. Differenzieren liegt ihr nicht; wer dies einklagt, den trifft prompt die Unterstellung, er brauche schleunigst Nachhilfeunterricht in wissenschaftlicher Methodologie und rationalem Argumentieren. Daß seit über hundert Jahren ein eigenständiger Forschungszweig, die Parapsychologie, solche Phänomene empirisch untersucht und teilweise erhärtet, nimmt sie kaum zur Kenntnis. Ein “Bellarmin-Komplex” hält sie zusammen: die gleichen Motive, Werthaltungen und emotional besetzten Vor-Urteile, die einst Roms Kardinal Robert Bellarmin daran hinderten, durch Galileis Fernrohr zu schauen , ehe die Inquisition am 5. März 1616 ihr historisches Edikt “gegen die Ansicht” veröffentlichte, “die Erde sei nicht das Zentrum des Alls und drehe sich sogar einmal im Tag um sich selbst”. Beinahe wörtlich decken sich die Einwände von damals und heute: “närrisch, philosophisch falsch und zum mindesten ein Irrglaube”. Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Denn es würde ein Bild vom Menschen sprengen, das seit der Aufklärung vorherrscht - und ein erweitertes begründen, für welches das christliche Abendland vielleicht erst noch reif werden muß. Dieses Bild steht auf sechs Säulen: 1. Menschen weisen Fähigkeiten auf, die sie nicht haben könnten, wenn das Bild zutrifft, das Biologie, Chemie, Physik und andere Wissenschaften gegenwärtig von ihnen zeichnen. Kein Teil des menschlichen Körpers scheint in der Lage, diese Fähigkeiten zu realisieren, insbesondere nicht das Gehirn. Das legt den Schluß auf einen anderen, heute noch weitgehend unbekannten Träger nahe: ein unkörperliches Selbst, eine “Seele”, einen “Geist”. (5) Fälle von außersinnlicher Wahrnehmung - Telepathie, Hellsehen, Präkognition - sind mittlerweile ebenso sauber dokumentiert und experimentell erhärtet wie “Psychokinese”, die rätselhafte Fähigkeit, ohne Einsatz des eigenen Körpers, willentlich oder unbewußt, in die materielle Welt verändernd einzugreifen: Objekte zu bewegen, zu verformen oder gar zu teleportieren, schweben zu lassen, in andere Aggregatzustände überzuführen, auftreten und wieder verschwinden zu lassen; im weitesten Sinn gehört auch Geistiges Heilen dazu. 2. Dieses unkörperliche Selbst scheint nicht unbedingt an den Körper gebunden. Dafür sprechen “außerkörperliche Erfahrungen” (OBEs, von engl. out-of-the-body experiences): Personen schildern Wahrnehmungen, die sie unmöglich hätten machen können, wenn sie sich dort aufgehalten hätten, wo sich ihr Körper befand. 3. Insbesondere im Augenblick des Todes kann sich dieses Selbst offenbar vom Körper lösen, statt mit ihm abzusterben. Entsprechende “Nahtodeserlebnisse” (NDEs) Sterbender und Reanimierter haben Thanatologen wie Raymond Moody, Kenneth Ring, Michael Sabom und Elisabeth Kübler-Ross längst vom Ruch des Aberglaubens befreit. 4. Ein entkörperlichtes Selbst kann offenbar weiterexistieren . Wenige überzeugende Medien demonstrieren unter streng experimentellen Bedingungen Kenntnisse und Fähigkeiten, die schwerlich anders als durch Jenseitskontakte zu erklären sind. Merkwürdige Botschaften von Stimmen Verstorbener auf zuvor nachweislich leeren Ton- und Videobändern, rätselhafte Begebenheiten im Verlauf von Séancen, Spukphänomene und Erscheinungen Toter haben sich nicht immer als Sinnestäuschung, Halluzination, Betrug oder psychischer Automatismus abtun lassen. 5. Ein solches Selbst scheint fähig, sich mit einem neuen Körper zu verbinden. (Siehe meine Bücher Zurück in frühere Leben und Wiedergeburt - Herausforderung für das westliche Denken.) Neben verifizierten Reinkarnationserinnerungen, die sich jeder anderen psychologischen Erklärung entziehen, sprechen dafür etliche dramatische Fälle von “Besessenheit”, die selbst Psychiater ins Grübeln bringen: Fälle, die sich Diagnosen wie “Schizophrenie”, “multiple Persönlichkeit” oder “Hysterie” hartnäckig widersetzen. Handelt es sich dabei um Sonderfälle von “Inkarnationen”: Ein Geist bemächtigt sich eines menschlichen Körpers, den bereits ein anderer besetzt hatte? 6. Wiederverkörperungen folgen nicht beliebig und unendlich oft aufeinander: Wie die Analyse des “harten Kerns” bestätigter Reinkarnationserinnerungen nahelegt, vollziehen sie sich nach einer Entwicklungslogik, die fernöstliche Religionen Karma nennen. Schicksale, Taten, Beziehungen, Lehren aus früheren Inkarnationen beeinflussen anscheinend spätere. Selbst in der westlichen Welt nähern sich immer größere Teile der Bevölkerung diesem Bild an - eine wachsende Zahl unter dem tiefen Eindruck persönlicher Erlebnisse. Einer Umfrage des National Opinion Research Center der Universität Chicago von 1984 zufolge geben inzwischen zwei von drei Amerikanern an, schon einmal eine außersinnliche Wahrnehmung gemacht zu haben. (Bei einer ersten Erhebung 1973 waren es 58 Prozent.) 42 Prozent berichten von “Kontakten mit Verstorbenen” (gegenüber 27 Prozent 1973). 29 Prozent wollen “Visionen” erlebt haben. Jeder Vierte glaubt an die Wiedergeburt - in der Bundesrepublik immerhin schon fast jeder Fünfte über 16 Jahren, wie Allensbacher Meinungsforscher im Februar 1989 zu vermelden hatten. Sind das allesamt Verführte, mitgerissen von der Okkultismuswelle, geleimt von Gurus? Mindestens jeder zweite Erwachsene hat schon einmal Übersinnliches erlebt - selbst wenn er nie zuvor von solchen Phänomenen gehört oder gelesen hat. Also wurzelt die gegenwärtige “Welle” vor allem in der gewachsenen Aufmerksamkeit für bestimmte persönliche Erfahrungen, im Mut, sich zu ihnen zu bekennen, und der beharrlichen Weigerung, sie sich weiterhin ausreden zu lassen. Darauf deuten jedenfalls Untersuchungen wie die des amerikanischen Psychologen Vernon Neppe hin, Direktor der Neuropsychiatrischen Abteilung an der Universität Washington. (6) Neppe verglich 1986 zwei ausgewählte Personenkreise: die “Vorgebildeten” und die “Ahnungslosen”. Zunächst suchte und befragte er 57 Erwchsene, die sich alle schon eingehend mit Paranormalem beschäftigt hatten. Nicht weniger als 98,5 Prozent von ihnen gaben an, sie hätten schon mindestns einmal etwas Übersinnliches erlebt. Verleitet ihr Vorwissen sie vielleicht dazu, hinter jeder rätselhaften Erscheinung gleich “höhere” Kräfte und Mächte zu vermuten? Zum Vergleich testete Neppe nun 40 weitere Erwachsene aus denselben Alters-, Bildungs- und Berufsgruppen. Keiner von ihnen hatte je ein Buch über Übersinnliches in der Hand gehabt; keiner hatte je einen Vortrag darüber besucht oder Rundfunk- und Fernsehsendungen zu diesem Thema eingeschaltet. Doch selbst unter ihnen berichteten 60 Prozent von paranormalen Erlebnissen. Am häufigsten nannten sie: - Vorahnungen (zwei Drittel) - Erscheinungen von Verstorbenen oder von weit entfernten Angehörigen (46 Prozent) - Eindrücke, den eigenen Körper zu verlassen (40 Prozent) - Wahrträume (ein Drittel) Neun von zehn Befragten waren beim ersten Psi-Erlebnis jünger als 20 Jahre. Worauf sie stießen, gehört in allen bekannten Kulturen seit Jahrtausenden zum beinahe selbstverständlichen Erfahrungsschatz. Zumindest ein Bruchteil davon hätte wohl schon immer sorgfältigsten Prüfungen standgehalten - wenn wissenschaftliche Empiristen und christliche Dogmatiker ihn nicht anmaßend beiseitegeschoben hätten. Einige wenige Bausteine, die sich irgendwann einmal ins Mosaik eines neuen, erweiterten Bilds vom Menschen einfügen könnten, stellt Die Jagd nach Psi vor: Fälle von außersinnlicher Wahrnehmung und Psychokinese, Hinweise auf Reinkarnation und Geistiges Heilen, auf kosmische Einflüsse, auf außerirdische und “jenseitige” Wesenheiten. Es sichert flüchtige Spuren, die eine andere Wirklichkeit hinterlassen hat, aber auch falsche Fährten - und untersucht, wie sich Menschen verändern, die auf sie gestoßen sind. An zwei Dutzend Beispielen verfolgt es Wege und Irrwege der Jagd nach dem Übersinnlichen. Am Fall der gegenwärtig aufgeregt diskutierten “Okkultismus-Welle” unter Jugendlichen zeigt es Gefahren und Chancen der “Psi-Wendezeit” auf. Solange der “Bellarmin-Komplex” fortbesteht, können Grenzwissenschaftler keine ihrer beiden Aufgaben erfüllen: die zahllosen Begegnungen von Laien mit einer “höheren” Wirklichkeit sauber dokumentieren und testen, experimentell prüfen, statistisch auswerten und erhärten; und wirksam Psychohygiene treiben, wie sie gerade im gegenwärtigen Esoterikboom dringend not täte: warnen vor gerissenen Betrügern, charismatischen Rattenfängern und gewissenlosen Vermarktern, vor allem aber vor den unterschätzten Gefahren eines unkritischen Umgangs mit dem “Höheren” - und ihnen vorbeugen, beratend und aufklärend, Konrad Lorenz´ Ausspruch im Sinn: “Der Mensch ist das einzige Tier, das an allen Blödsinn glaubt.” Nur Geisteskinder Bellarmins schließen daraus: alles, woran dieses Tier glaubt, sei Blödsinn - und sie seien keines. Anmerkungen 1 Ausführlich dokumentiert und kommentiert dieses BGH-Urteil die Zeitschrift für Parapsychologie und Grenzgebiete der Psychologie 20/1978, S. 119-124. 2 “Schwier warnt vor der ‘Droge’ Okkultismus”, Information 89/2/88 der Landesregierung Nordrhein-Westfalen vom 5. Februar 1988. 3 Mitte Oktober 1988 in einer Predigt zur Priesterweihe im Zisterzienserkloster Himmerod. 4 So Professor Dr. med. Otto Prokop und Dr. iur. Wolf Wimmer in ihrem Pamphlet Der moderne Okkultismus, Stuttgart 1976, rezitiert in der Koblenzer Rhein-Zeitung vom 22.2.1989. “Aus Gründen der Psychohygiene” habe “Fairneß ihre Grenzen”, stellt die kreuzzüglerische Doppelspitze vorweg klar (Vorwort S. 1). 5 Wer mit einem solchen Träger rechnet, braucht sich nicht auf einen Leib/Seele-Dualismus festzulegen, wie Philosophen seit Descartes immer wieder unterstellt haben. Die Idee der res cogitans - einer “rein geistigen Substanz”, die ein unüberbrückbarer ontologischer Abgrund von allem übrigen Seienden trennt, entspringt einer begriffsverwirrten Erkenntnistheorie - und fällt mit ihr. Vgl. Harald Wiesendanger: Mit Leib und Seele. Ursprung, Entwicklung und Auflösung eines philosophischen Problems, Frankfurt 1987, ib. S. 416 ff. 6 Vernon Neppe (mit D. Swiel), “The Incidence of Anomalous Experience Utilising Naive Subjects”, Parapsychological Journal of South Africa 7/1986, S. 34-53; Neppe, “Subjective Paranormal Experience”, Psi Vol. 2, Nr. 3/1980, S. 2ff. Zu ähnlichen Ergebnissen kommen Erlendur Haraldsson u.a., “National survey of psychical experiences and attitudes towards the paranormal in Iceland”, in: J. D. Morris/ W. G. Roll / R. L. Morris (Hrsg.), Research in Parapsychology 1976, Metuchen 1977, S. 182-186; J. Palmer/M. Dennis, “A Community mail service of psychic experiences”, ebda., S. 130-133. Bei diesem Text handelt es sich um das Vorwort zu Harald Wiesendangers Buch Die Jagd nach Psi. Über neue Phänomene an den Grenzen unseres Wissens (1989). INHALT Der Bellarmin-Komplex I OKKULTISMUS: DIE NEUE JUGENDDROGE? Das Ausmaß - Bereits sechs Millionen Schüler auf Geisterjagd? Die gefährlichste Spielart - Satanismus - Wenn Kinder zum Teufel gehen Die Folgen - Am Rande eines Massenwahns? Die Ursachen “Beim Tischrücken kriege ich Antwort - beim Beten keine” Der Streit um Gegenmaßnahmen “Soll ich den Spuk einfach verbieten?” II ASTROLOGIE UND KOSMOBIOLOGIE Der Skandal von Bielefeld - Darf ein Astrologe “Dr. phil” werden? Mongolismus - Deutsche Kosmobiologen könnten vorbeugen helfen III PSYCHOKINESE Gedanken als Kühlmittel Das “Tychoskop” - Ein Spielzeug revolutioniert die Psychokinese-Forschung Peter Sugleris hebt ab “Wunder sind meine Visitenkarte” - Indischer Heiliger überzeugt Parapsychologen IV ERLEBNISSE IN TODESNÄHE Sterbende Kinder blicken ins Jenseits Inder sterben anders V REINKARNATION Ermordete: schneller wiedergeboren? “Wiedergeborene” einst und jetzt VI SPIRITISMUS Federn schreiben wie von selbst - Die Lebenszeichen des Gastone de Boni Teuflische Schikanen - Zürcher Psychiater als Zuflucht von “Besessenen” Friedrich Jürgenson: “Totenfunk” im schwedischen Fernsehen? Trance-Dialog mit “C. G. Jung” VII PARAMEDIZIN Aus nasser Watte: Materialisationen, die heilen VIII MEDITATION UND MYSTIK Wer meditiert, lebt länger Keine “Innenweltler” - Mystik macht verantwortlich IX PRÄKOGNITION “Durch das Loch stürzen Fahrzeuge” - Brückeneinsturz vorweg geträumt Glück im Spiel mit “sechstem Sinn”? X TELEPATHIE Einfühlsame Gehirne Die ASW-Träumer von Kelkheim XI HELLSEHEN 85 deutsche Wahrsager im Test “Vor meinem geistigen Auge sah ich ...” - Ein Bremer Medium zwischen Erfolg und Blamage XII UFOS UND AUSSERIRDISCHE Größtes Ufo-Filmarchiv Europas eingerichtet Spuren gesichert: Regierungsbehörde prüft Ufo-Landung in Südfrankreich US-Präsident Reagan sah Ufo - und ließ es verfolgen Außerirdischer auf Stützpunkt gesichtet? Wissenschaft und Wissenschaftler - Drei unaufgeforderte Nachworte von Christian Morgenstern, Ludwig Wittgenstein und Hans-Jürgen Eysenck Anmerkungen Quellenvermerke zu den Abbildungen

  • Wie „wissenschaftlich“ muss Medizin sein?

    Unkonventionelle Heilweisen werden von Skeptikern als „unwissenschaftlich“ verunglimpft. Statt sich davon verunsichern zu lassen, sollten Patienten pragmatisch abwägen: Nützt die Therapie? Dürfen wir uns eines nützlichen Instruments erst dann bedienen, wenn wir vollauf verstanden haben, wie es funktioniert? Dann müssten die meisten von uns schleunigst ihr Handy und ihre Kamera entsorgen, den Fernseher aus dem Wohnzimmer und die Mikrowelle aus der Küche schaffen, keinen Licht­schalter mehr betätigen, den Navigator aus ihrem Auto ausbauen oder besser gleich das ganze Auto loswerden. Absurd? Aber wieso nutzen wir dann nicht mit der gleichen Selbstverständlichkeit Behandlungsformen, die offenkundig wirken - auch wenn uns mehr oder minder schleierhaft ist, warum sie das tun? Erklärungsnotstand allein sollte einen Patienten nicht davon abhalten, sich auf eine Therapie einzulassen – ebensowenig wie Ärzte davon, sie einzusetzen. Zum Vergleich: Wie soll jemand nach Osten segeln und im Westen ankommen können? Wie soll man jemanden so deutlich hören können, als stünde er neben einem, obwohl er weiter weg ist, als die lauteste Stimme reichen kann? Wie soll einer zu sehen sein, der sich hinter dem Horizont befindet? Ehe Kolum­bus die Welt umsegelte und die Erde für uns aufhörte, eine Scheibe zu sein; ehe Telefon und Fernsehen erfunden wurden - und die für tech­nische Umsetzungen nötigen physikalischen Ge­setz­mäßigkeiten begriffen wurden -, hatte niemand den blassesten Schimmer davon. Trotzdem kann selbst der unzivilisierteste Urwald­bewohner von den Vorzügen des Fernsprechers, des Fernsehers profitieren, sobald er gelernt hat, die richtigen Knöpfe zu drücken. Mag ja sein, dass vorerst niemand genau weiß, wie und warum Homöopathie, Akupunktur, Geistiges Heilen und andere unkonventionelle Behand­lungsweisen wirken – was jedoch nichts daran ändert, dass sie wirken. Was zählt für Patienten mehr: die Erkenntnislücke oder die Hei­lungs­chance? Aufschlussreiche Entschei­dungs­hilfen liefert die Medi­zinhistorie in Hülle und Fül­le. Keiner wusste beispielsweise, wie Penicillin wirkt - oder dass es überhaupt existiert -, ehe der britische Biologe Alexander Fleming 1929 die zufällige Entdeckung machte, dass das Wachstum von Bakterien durch Pilze aufgehalten wird. Ihm fiel auf, dass eine Glasschale mit einer Sta­phylo­kokkenkultur von Schimmel befallen war - und dass rings um die Schimmelkolonie die Kokken in scharfem Umkreis durch Auflösung zerstört waren, wohingegen sie in weiterem Abstand unbehindert weiterwuchsen. Daraus schloss er, dass von der Schimmelkolonie eine wachstumshemmende (“antibiotische”) Substanz in die Umgebung diffundiert sein musste. Es vergingen allerdings noch viele Jahre, ehe diese Substanz identifiziert und ihre chemische Zusammensetzung aufgeklärt war. Wäre Flemings Ent­deckung mit dem Argument abgetan worden, man wisse nichts darüber, wie Pilze Bakterien den Garaus machen, so hätte sich die Einführung lebens­rettender Antibiotika fatal verzögert. Acetylsalicylsäure (ASS) wird als Schmerzstiller, Ent­zün­dungshemmer und Fiebersenker seit Anfang des 20. Jahrhunderts unter dem Marken­namen „Aspirin“ weltweit vermarktet; doch erst 1971 klärte ein britischer Bio­chemiker, John Robert Vane, ihren Wirkmechanismus auf – ASS hemmt die Produktion bestimmter Gewebs­hormone, sogenannter Pro­staglandine -, wofür er 1982 den Nobelpreis für Medizin erhielt. Schon den als “Hexen” verschrienen Kräuterweiblein des Mittelalters war bekannt, dass ein aus den Samen der Herbstzeitlose gewonnenes Gift bei Gicht wundersam schmerzstillend wirkt; doch erst im 19. Jahr­hundert wurde entdeckt, dass es sich bei diesem Wirkstoff um Colchicin handelt. Daraus folgt? Dass wir die Funktionsweise eines Instru­ments noch nicht recht verstehen, schmälert seinen Wert nicht im geringsten. Schon ein Neander­taler setzte Wurf­geschosse ein, ohne von Ballistik und Gravitation die geringste Ahnung zu haben. Ein­ge­denk der Vorläufigkeit und Fehlbar­keit allen menschlichen Wissens, und gemessen an den gewaltigen Zeit­räumen, die der Evolution unserer Naturerkenntnis hoffentlich noch bleibt, stehen wir im Verständnis der rätselhaften Gesetzmäßigkeiten, die hinter hilfreichen „alternativen“ Heilweisen stecken, womöglich noch auf der Stufe von Neandertalern.1 Da ist jede Menge Pragmatismus angebracht, ganz besonders für die Aussortierten des konventionellen Medizinbetriebs. Pragmatismus als standesethisches Gebot ärztlichen Handelns Und auch Ärzten täte Pragmatismus gut, wenn sie ihr Berufsethos ernst nehmen – denn dieses darf hinter ihrer immensen Verantwortung keinen Millimeter zurück­bleiben. Seit der Weltärztebund 1948 die „Genfer Dekla­ration“ verabschiedete, „ge­lobt“ jeder angehende Arzt „feierlich, mein Leben in den Dienst der Mensch­lichkeit zu stellen.“ Dem viert­nächsten Versprechen des insgesamt zehnteiligen Kodex zufolge „soll die Gesundheit meines Pati­enten oberstes Gebot meines Han­delns sein“. In beidem klingt die alte hippokratische Gelöbnis­formel an: „Ärztliche Verordnungen werde ich treffen zum Nut­zen der Kranken nach meiner Fähigkeit und meinem Urteil“ - meinem Urteil, auch dann, wenn es den Vor­gaben der Institu­tionen zuwiderläuft, die mich schulen, examinieren, lizenzieren, honorieren, kontrollieren. Kann jemand, der bei Eintritt in den ärztlichen Berufs­stand einen solch hehren Schwur ablegt, zugleich bedingungsloser Verfechter einer „wissenschaftlichen“ Medi­zin sein, wie sie ihm während seiner akademischen Aus­bil­dung eingetrichtert wurde? Dazu müssten die Mög­lichkeiten und Grenzen des wissenschaftlich Be­gründ­baren und therapeutisch Mach­baren stets deckungs­gleich sein. Aber das tun sie mitnichten. Medizin muss keineswegs zwangsläufig dort enden, wo der Boden "harter" Wissenschaft verlassen wird. Natürlich wünschen wir uns Ärzte, die ihre Feststellungen, Empfeh­lun­gen und Maßnahmen auf „Evi­den­zen“ stützen – nicht bloß auf Intui­tion, Tradition, Hörensagen und methodisch unsaubere Pseudo­for­schung. Doch nützliche Ergebnisse sind durchaus einwandfrei dokumentierbar, auch wenn die beteiligten Faktoren nicht experimentell herauszufiltern sind. Dass ärztliche Heilkunst sich auf Tätigkeiten zu beschränken hat, die durch experimentelle Studien nach physikalischem Vorbild abgedeckt sind („randomized controlled trials“, RCT), und nur dann ihr höchstes Niveau erreicht, wenn sie sich strikt an naturwissenschaftlichen Leitbildern ausrichtet, ist ein Vorurteil, dem Praxiserfahrungen Hohn sprechen. Es ent­­steht, wenn Mittel und Zweck verwechselt werden. Lautet das oberste Ziel der Medizin denn nicht, Leiden vorzubeugen, zu lindern und zu beseitigen? Dazu kann Wissen­schaft nur als Instrument dienen. Sobald die Befriedigung ihrer An­sprüche zum wichtigsten Maßstab für ärztliches Tun gerät, wird der individuelle Patient in seiner Not­lage sekundär - und zum Mittel für abstrakte Forschungsziele degradiert. Alles zu versuchen und nichts zu versäumen, was einem Kranken helfen könnte: Diese Pflicht allein obliegt Ärzten. Insofern muss ihr Berufsethos pragmatisch sein, in erster Linie an voraussichtlichem Nutzen ausgerichtet. Um diesen Nutzen abzuschätzen, ist wissenschaftliche Forschung ein wertvolles Instrument, aber beileibe nicht das einzige. Erfahrung ist ein weiteres, deshalb verdient auch sie Respekt. Schmackhaft und gesund gekocht wird auf der Erde nicht erst, seit es die moderne Ernäh­rungswissen­schaft gibt. Nachdem Johannes Kepler um 1620 die günstigsten Maße für Weinfässer berechnet hatte, musste er feststellen, dass solche Behältnisse längst von Winzern verwendet wurden. Als Sadi Carnot 1824 seine Theorie der Dampf­maschine entwickelte, waren seine Vorschläge zur Konstruktionsver­besserung längst Maschinenbau­praxis. Dass eine pyramidenförmige Anordnung die dichteste Packung von Sphären im dreidimensionalen Raum ist, konnte erst 1998 mathematisch bewiesen werden: eine platzsparende Einsicht, die sich in den Oran­genstapeln an Obstständen, der Lage­rung von Kanonenkugeln in Wehr­türmen freilich schon längst manifestiert hatte. Haben Mediziner aus solchen Beispielen nicht abzuleiten, dass Intuition und Erfah­rungswissen, handwerkliches und künstlerisches Ver­mö­gen dem wissenschaftlichen Erkenntnisstand mitunter weit vorauseilen? Dass eine vermeintlich "unwissenschaftliche" Behandlungs­metho­de, wie sie beispielsweise Geistheiler einsetzen, segensreich wirken kann, lehrt das in allen Kul­tur­kreisen der Erde seit Jahrtausen­den angesammelte heilkundliche Wis­sen; die oft jahrzehntelangen Er­fahrungen der fähigsten Anwender; die glaubwürdigen Berichte Aber­tausender von Patienten; und nicht zuletzt die Beobachtungen vieler Ärzte, die getreu einem Leitspruch des österreichischen Philoso­phen Ludwig Wittgenstein verfahren: "Denk nicht, sondern schau!" Die Hummel hat 0,7 Quad­ratzentimeter Flügelfläche bei 1,2 Gramm Gewicht. Nach den bekannten Gesetzen der Aerody­namik scheint es unmöglich, bei einem solchen Verhältnis zu fliegen. Die Hummel weiß das aber nicht. Sie fliegt einfach. (Harald Wiesendanger) Anmerkungen 1 Siehe Harald Wiesendanger, “Wie Neandertaler” in ders. (Hrsg.): Geistiges Heilen für eine neue Zeit - Vom “Wunderheilen” zur ganzheitlichen Medizin, München 1999, S. 86-88. 2 Mehrere Studien hierüber fasst zusammen: Walter Andritzky, "Unkonventionel­le Heilweisen in der ärztlichen Praxis", Zeitschrift für Allgemeinmedizin 74/1998, S. 608-614. Siehe H. Wiesendanger (Hrsg.): Geistiges Heilen in der ärztlichen Praxis – Damit die Humanmedizin humaner wird, 5. erw. Aufl. Schönbrunn 2005, Einführung S. 7-48. 3 Gunter Haag u.a., "Unkonventionelle medizinische Verfahren. Verbreitung bei nie­dergelassenen Ärzten - Ergebnis einer Fragebogenumfrage", Zeitschrift für Allge­mein­medizin 68/1992, S. 1184-1187. Eine neue­re Studie des Sozialmediziners Dr. Horst Haltenhof von der Universität Mar­burg stelle ich vor in H. Wiesen­danger, "Jeder zweite Arzt heilt ‚alternativ'", Der Heiler 1/ 1996, S. 35. In den be­nachbarten Nieder­lan­den überweisen neun von zehn All­ge­meinärzten ihre Pa­­tienten an Alter­nativtherapeuten (G. J. Visser/L. Peters, "Alter­native medicine and general practitioners in the Netherlands: towards acceptance and integration", Family Practitioners 7/1990, S. 227-233); ebenso verfahren immerhin schon 59 Prozent ihrer britischen Kollegen (E. Anderson/P. Ander­son, "General practitioners and alternative medicine", Journal of the Royal College of General Practitioners 37/1987, S. 52-55). Dieser Betrag stammt aus dem Buch von Harald Wiesendanger: Auswege – Kranken anders helfen (2015). Näheres in Harald Wiesendanger: Außer Kontrolle. Warum die Stiftung Auswege "unwissenschaftlich" vorgeht - und dazu steht. 1. Auflage 2016.

  • Von wegen „alternativ“ - Die AUSWEGE-Medizin in 12 Stichworten

    Welche Art von Medizin erleben Hilfesuchende in den Therapiecamps meiner Stiftung Auswege? Wer auf ein paar Dutzend Zeilen komprimieren muss, wofür er eigentlich ein ganzes Buch bräuchte, behilft sich am besten mit Stichworten. Ist die AUSWEGE-Medizin „alternativ“? Diesen ebenso verbreiteten wie irreführenden Begriff vermeidet meine Stiftung. Denn er erweckt den Anschein, ein Patient stehe vor der Wahl zwischen zwei konkurrierenden Angeboten – und könne auf das eine verzichten, wenn er sich für das andere entscheidet. Da schwingt ein „Entweder-Oder“ mit, wohingegen wir für ein „Sowohl-als-auch“ plädieren. Nicht ums Ersetzen geht es uns, sondern ums Erweitern. „Alternativ“ ist relativ, auch deswegen behagt mir dieses Etikett nicht. Wer im Schottenrock und einem Bonnet auf dem Haupt dudelsackblasend durch eine deutsche Fußgängerzone spaziert, kommt reichlich „alternativ“ daher – keineswegs aber, wenn er dergestalt in den Highlands auftritt. „Alternativ“ ist unsere Art des Heilens, insofern es hierzulande „nicht in das dominante Gesundheitssystem integriert“ ist. (So wird „Alternativmedizin“ von der Weltgesundheitsorganisation definiert. (1) Doch ebenso „alternativ“ ist die westliche Medizin in fernöstlichen Ländern, in denen die traditionelle chinesische und indische Medizin Maßstäbe setzen, oder in schamanisch geprägten Regionen Afrikas und Südamerikas. Gelegentlich werden als „alternativ“ auch Heilmethoden bezeichnet, die „nicht Teil der Tradition des jeweiligen Landes“ sind. (2) In diesem Sinne passt das Adjektiv auf unsere Art des Heilens ganz und gar nicht: Pflanzenheilkunde, energetische Massagen, Handauflegen, Gebetsheilen, Besprechen und viele weitere Behandlungsweisen wurden in unserem Kulturkreis schon Jahrhunderte vor dem Aufstieg der mechanistisch-materialistischen Schulmedizin praktiziert. Erst recht sträube ich mich dagegen, die „Auswege“-Heilweisen als „alternativ“ im Sinne von „wissenschaftlich unbegründet“ abqualifizieren zu lassen. (3) Auch einem Großteil der Verfahren und Mittel, die innerhalb der Schulmedizin anerkannt und weitverbreitet sind, mangelt es in Wahrheit an wissenschaftlicher Fundierung nach deren eigenen Maßstäben. Andererseits sind etliche Diagnose- und Therapiemethoden der sogenannten „Alternativmedizin“ nach eben jenen Maßstäben vorbildlich „evidenzbasiert“. (Allein zum Geistigen Heilen liegen mittlerweile Hunderte von kontrollierten Studien vor.) (4) Zudem ist mir der Wissenschaftsbegriff suspekt, der dieser definitorischen Herabwürdigung zugrunde liegt: Er lehnt sich an physikalisch-naturwissenschaftliche Standards an, die zwar vielen Fachgebieten der Medizin angemessen sind – am ehesten bewähren sie sich in Bereichen wie Pharmakologie, Anatomie, Genetik, Molekularmedizin, Orthopädie, Chirurgie -, keineswegs aber in der Psychosomatik und Psychiatrie, wie in allen übrigen Humanwissenschaften: Geschichte, Soziologie, Ethnologie, Pädadogik und Psychologie genügen ihnen nicht annähernd. Nur ein verbohrter Szientist käme darauf, sie deswegen geringzuschätzen. (5) Schon eher passt „komplementär“, abgeleitet vom lateinischen complementum, Ergänzung. Denn was wir anbieten, ergänzt mühelos, was Schulmediziner bevorzugen. Letztlich behagt mir aber auch diese Kennzeichnung nicht sonderlich. Ein „ergänzendes“ Angebot ist nachrangig, untergeordnet, weniger bedeutsam, eher bloßes Beiwerk. Wer sich nach einem neuen Auto umschaut, kann sich mit der Grundausstattung begnügen – oder „komplementäre“ Extras wie Standheizung und Spoiler hinzukaufen: angenehmen, aber verzichtbaren Luxus, in Richtung Schnickschnack. Die Heilweisen, für die „Auswege“ eintritt, halte ich indes nicht für entbehrlicher als das, was die konventionelle westliche Medizin zu bieten hat. Lieber sprechen wir von integrativer Medizin: eine, die das Beste aus zwei Konzepten zusammenführt, verbindet, vereint. Wir erkennen die Erfolge eines Ansatzes an, der Diagnostik und Therapie an naturwissenschaftlichen Standards ausrichtet, halten ihn aber für unvollständig und grundsätzlich beschränkt. In Verbindung mit Vorgehensweisen, die eher auf uralte Heiltraditionen, auf Intuition und Erfahrung, auf Selbstheilungskräfte und die Ressourcen der Natur setzen, brächte er weitaus mehr zustande. Wir helfen und heilen pragmatisch. Die beste Medizin ist eine, die Hilfesuchenden den größtmöglichen Nutzen bringt – einerlei, worauf ihre Erkenntnisse beruhen, aus welchen Quellen sie schöpft, welche Erklärungen sie gibt. Die Frage, wie und warum eine Therapie wirkt, ist aus Patientensicht nebensächlich. Hauptsache, sie tut gut. Therapieangebote betrachten wir als Werkzeugkasten voller Instrumente, deren Wert wir nicht nach ihrer Herkunft bemessen, sondern allein an ihrer erfolgreichen Anwendung. Die „Auswege“-Medizin ist personbezogen: Wir behandeln in erster Linie nicht Krankheiten, sondern Kranke; nicht Leiden, sondern Leidende; nicht einzelne Organe, sondern ihre Besitzer; nicht bloße Symptomträger, sondern ganze Personen; nicht als Objekte, an denen Maßnahmen verrichtet werden, sondern als Subjekte, die sich am therapeutischen Prozess aktiv und selbstverantwortlich beteiligen, bereit dazu, ihren „inneren Heiler“ wecken und wirken zu lassen – letztlich ist er es, der den Ausschlag gibt. Dabei ist uns ihr Befinden nicht weniger wichtig als ihr Befund. Wir helfen individuell. Unsere Angebote sind auf den einzelnen Patienten abgestimmt, auf seine besondere physische und psychische Verfassung, seine speziellen Lebensumstände, seine einmalige Geschichte. Dabei setzen wir holistisch an, über die Symptomebene hinaus. Wenn Menschen zu Patienten werden, hören sie nicht auf, psychophysische Einheiten zu sein: Wesen, in denen körperliche, seelische und geistige Vorgänge einander wechselseitig beeinflussen. In manifesten Beschwerden drücken sich häufig Ungleichgewichte zwischen diesen Bereichen aus; diese wieder in Einklang zu bringen, ist oftmals eine unabdingbare Voraussetzung dafür, dass Symptome nachhaltig verschwinden. Heilung erfordert, heil zu werden. Die Medizin unserer Wahl ist in Teilen paraphysikalisch: Sie berücksichtigt und nutzt Faktoren, die im gegenwärtigen naturwissenschaftlichen Welt- und Menschenbild (noch) keinen Platz haben, in Heilsystemen anderer Kulturkreise aber von überragender Bedeutung sind, wie z.B. „Lebensenergie“ (Prana, Qi), „Energiebahnen“ (Nadis, Meridiane) und „Kraftzentren“ (Chakren); darüber hinaus lassen wir auch mögliche parapsychologische Einflüsse (z.B. Telepathie und andere Formen außersinnlicher Wahrnehmung, Besetzungen) nicht außer acht. Sie könnten im Patienten wirken, ihn mit Anderen und dem Universum verbinden. „Energetisch“, ein Lieblingswort der esoterischen Heilerszene, verwenden wir hierfür ungern: Ob tatsächlich „Energie“ oder ein anderes physikalisches Prinzip im Spiel ist, lassen wir offen. Ja, wir stehen dazu, „Paramedizin“ zu betreiben, wobei wir uns gegen ihre verächtliche Gleichsetzung mit „Aberglaube“ verwahren. Aus der Wissenschaftsgeschichte sollten wir gelernt haben: Was wir heute zu wissen meinen, ist bloß der neueste Stand des Irrtums. Wir gehen systemisch vor. Die wechselseitigen Zusammenhänge, in die jeder von uns als Mitglied sozialer Systeme eingebunden ist, muss Medizin mitberücksichtigen. Wer sie außer acht lässt, läuft Gefahr, wesentliche Krankheitsursachen zu übersehen oder zu verkennen – und Heilungschancen zu verspielen. Wir helfen sinnorientiert. In schwerer Krankheit stellen sich Menschen auch Fragen wie „Wozu?“, „Weshalb dieses Leiden?“, „Warum gerade ich?“, „Wieso ausgerechnet jetzt?“ Bei uns erhalten sie Anregungen dazu, im Symptom ein Signal, im Schicksal eine Chance, Krankheit als Weg zu sehen. Auch insofern ist die „Auswege“-Medizin durchaus suggestiv, im ursprünglichen Wortsinn: Was wir Patienten nicht „einreden“, wohl aber „nahelegen“ (von lat. suggerere), ist eine veränderte Sichtweise: auf ihre Erkrankung, ihre Lebensumstände, ihr ganzes Dasein. Jedes Leben bietet ebensoviele gute Gründe dafür, optimistisch, gelassen und dankbar angegangen, als glücklich und sinnvoll erlebt zu werden, wie für Pessimismus, unentwegte Sorge, chronische Unzufriedenheit, Verbitterung und Sinnleere. Jedem Patienten steht es frei zu wählen, welche Perspektive er einnimmt. Wenn eine Wahl deutlich zufriedener macht als die andere: Warum sollte er sie ausschlagen? Wir helfen empathisch. Mitgefühl, Verständnis, Geduld, Anteilnahme scheinen uns unabdingbar, um Hilfesuchende zu berühren, ihr Vertrauen zu gewinnen, sie zum Mitwirken zu bewegen. Deshalb geht es in „Auswege“-Camps achtsam, freundschaftlich, einfühlsam und liebevoll zu. Wir arbeiten kollegial. Über Standesgrenzen hinweg begreifen sich unsere Ärzte, Heilpraktiker, Psychotherapeuten, Heiler, Pädagogen und andere Fachkräfte als gleichberechtigte, gleichermaßen wertvolle Teile eines Teams, in dem jeder jeden respektiert und wertschätzt. Dabei zählt das ge­meinsam erzielte Ergebnis, nicht das persönliche Verdienst des Einzelnen. „Therapieren“ kommt von Dienen (griech. therapeia: Dienen, Dienstleistung). Unseres Erachtens hat Medizin allein dem Hilfesuchenden zu dienen – nicht dem Ego, den Profilneurosen, dem Ehrgeiz, den Geschäftsinteressen der Helfer. Dazu bedarf es charakterlich gereifter, innerlich heiler, von ihrer Berufung erfüllter Teamplayer. Die „Auswege“-Medizin ist karitativ. Im Vordergrund steht die Erfüllung im Helfen, ohne es von finanziellen Gegenleistungen abhängig zu machen. Kann ein solcher Ansatz den Aussortierten der Schulmedizin, den vermeintlich „Behandlungsresistenten“ und „Austherapierten“, tatsächlich Auswege eröffnen? Was ganzheitliche Heilkunst erreichen kann, stellt sie seit 2007 in den Therapiecamps meiner Stiftung unter Beweis – nachzulesen hier. (Harald Wiesendanger) Dieser Betrag stammt aus dem Buch von Harald Wiesendanger: Auswege – Kranken anders helfen (2015). Anmerkungen 1 World Health Organisation (WHO) - Traditional Medicine: Defi­nitions. Who.int. 17. August 2010. 2 ebda. 3 So wird „Alternativmedizin“ in der Internet-Enzyklopädie Wikipedia definiert. 4 Daniel J. Benor: Healing Research (3-bändig), Vol. I (Professional Supplement): Spiritual Healing: Scientific Validation of a Healing Revolution, Southfield 2001; Vol. II (Professional Edition): Consciousness, Bioenergy and Healing, Medford 2004. 5 Mehr hierüber in Harald Wiesendanger: Außer Kontrolle. Warum die Stiftung Auswege "unwissenschaftlich" vorgeht - und dazu steht. 1. Auflage 2016

  • Wenn das Ich zum Rätsel wird

    Zu sich selbst finden: wie und wo? Wie fördert meine Stiftung Auswege Selbsterkenntnis und Selbstverwirklichung? Wie unterstützt sie Patienten bei ihrer Suche nach ihrer Identität? Ist die akademische Philosophie dabei eine Hilfe? Selbsterkenntnis, Selbstfindung, Selbstverwirklichung zählen zu un­seren wichtigsten Entwicklungs­auf­gaben, wie spirituelle Thera­peuten, humanistische Psycholo­gen und esoterische Weisheits­lehrer uns einhellig versichern und Philosophen immer schon betont haben: Die Aufforderung Gnothi seauton („Erkenne dich selbst!“) schmückte bereits den Eingang des fast 2400 Jahre alten Apollontempels zu Delphi. Dazu muss kaum noch Überzeugungsarbeit geleistet werden: „Immer man selbst sein“ rechnen mitt­lerweile 61 Prozent aller Deutschen zu den „wichtigsten und erstrebenswertesten Dingen im Leben“, noch vor „einem schönen Zuhause“, einer „guten, vielseitigen Bildung“, „Kinder haben“, „das Leben genießen“ oder „Erfolg im Beruf“. Nur „eine glückliche Partnerschaft“ und „finanzielle Un­abhängigkeit“ genießen einen noch höheren Stel­lenwert. (1) Auch in den „Auswege“-Camps wird Teilnehmern eindringlich ans Herz gelegt: „Werde, der du bist!“ – nur so sei wahre Heilung möglich. Dazu sollten sie allerdings wissen, was es heißt, dieses einmalige „Selbst“ zu sein. Was macht ein „Ich“ aus? Worin besteht persönliche Identität? Wie findet man sie? Wo sucht man danach? Selbstfindung durch Introspektion? Mit unserem „inneren Auge“ erkunden wir ... was? Mit Macht drängt sich die Me­ta­pher der Introspektion auf: Es hat den Anschein, als müssten wir „den Blick nach innen wenden“. Schließen wir dazu nicht am besten die Augen und ver­su­chen, alle ablenkenden Ein­drücke auszublenden, die un­sere Sinne uns unentwegt liefern? Geübten Meditierern wird nachgesagt, ihnen gelinge dies besonders gut. Derart vorbereitet, tun wir … ja, was genau? Wir lassen gleichsam unser „inneres Auge“ schweifen – und erkunden … was? Jedenfalls keine körperlichen Vorgänge und Zustände, soviel scheint gewiss; zu unserem eigentlichen, wahren Ich rechnen wir keine Muskelkontrak­tion, keine Hormonausschüt­tung, keinen Verdauungspro­zess, keine Zellteilung. Wonach wir Ausschau halten, ist das, was wir „Geist“ und „Seele“ nennen. Wie finden wir es introspektiv? Irgendwie scheint unsere Selbsterkundung der Expedition eines Geologen zu gleichen, der eine Höhle er­forscht: Wir versuchen Licht in möglichst große Bereiche unserer Innenwelt zu werfen. Wohin es nicht reicht, was es im Dun­keln lässt, nennen wir „unbewusst“. Wir vermuten aber, dass diese unsichtbaren Teile zum Vorschein kämen, falls wir lange und gründlich genug nachschauen. Und selbst wenn die Suche erfolglos bliebe, würde uns dies nicht in unserer Überzeugung erschüttern, dass sie da sind, bloß eben unzugänglich: verblasste Erinnerun­gen an weit zurückliegende Ereignisse etwa, oder früher angeeignetes Wissen, das wir nicht mehr abrufen können. Metaphern sind gehaltvoll, wenn sie sich auf Nachfrage rückübersetzen lassen: wenn erklärt werden kann, wofür die verwendeten Bilder stehen. Gilt dies auch für das „innere Au­ge“? Nirgendwo in uns ist eines ausfindig zu machen, schon gar nicht dort, wo es am ehesten vermutet werden könnte: im Kopf. Selbst wenn dort eines säße, wäre es blind, denn unter der geschlossenen Schädel­decke ist es zappenduster. Selbst wenn es dort hell wäre, böten sich nichtssagende An­blicke: Zum Vorschein käme ein rosa-graues, runzliges, walnussförmiges Gebilde mit der Konsistenz eines Puddings, um­hüllt von einer mehrlagigen Haut, in einer klaren Flüssig­keit schwimmend. Könnten wir das „innere Auge“ mikroskopisch scharf einstellen, nähme es ein gigantisches Gewirr von über hundert Milliarden feinster Fasern wahr, an 70 Tril­lio­nen Stellen miteinander ver­netzt. Wäre es elektrosensibel, könnte es Impulse registrieren, die diesen Fasern bis zu 500mal pro Sekunde entlangrasen, 270 Stundenkilometer schnell. Doch all dies, soviel ist uns klar, ähnelt nicht im geringsten dem, was wir finden möchten, wenn wir uns auf die Suche nach unserem „wahren Ich“ begeben. Hinzu kommt eine grundsätzliche Aporie: Mindestens ein Objekt bekäme unser inneres Auge niemals in den Blick, und zwar ausgerechnet dasjenige, auf das es ankäme: nämlich sich selbst, den Betrachter, das bewusste Ich. Hinzu kommt, dass die Ele­mente unserer seelisch-geistigen Innenwelt kein autonomes, abgekapseltes Eigenleben führen, sondern mit all dem, was um uns herum ist und ge­schieht, untrennbar verwoben sind. Deshalb erfordert es stets einen Blick nach draußen, um zu erkennen, wer wir sind. (2) Um etwa herauszufinden, was ich über ein be­stimmtes Thema denke – zum Beispiel über die Behandlungsangebote eines „Auswege“-Camps -, tauche ich nicht inwendig ein in den Strom meiner Gedanken; vielmehr setze ich mich mit den Behandlungen auseinander, und die finden nicht in mir statt, sondern im Camp­haus. Wenn ich mir darüber klarwerden will, ob ich eine bestimmte Person wirklich liebe, durchforste ich nicht meine Emo­tio­nen; ich richte meine Aufmerk­samkeit auf Begebenheiten, Si­tuationen und Zeitabschnit­te, in denen der Betreffende vorkommt. Um eine Furcht zu er­grün­den, halte ich keine innere Lu­pe über ein furchtsames Psychoteil­chen – ich befasse mich mit den Din­gen, Menschen und Umständen, die mich ängstigen. Auch um eine Unsicher­heit auszuräumen, was ich wirklich will, ist es manchmal erforderlich, dass ich mich nicht introspiziere, sondern wie von außen betrachte und Ande­re befrage, denen ich zutraue, mich gut zu kennen; oftmals erst dann werden mir meine Wünsche klar. Verführerisch wird die Meta­pher der Ich-Findung durch Innenschau aufgrund derselben Merkmale, an denen sie sich letztlich als unbrauchbar erweist: Sie setzt Selbsterkennt­nis mit einer besonderen Art von Wahrnehmung gleich, einer mit unüblicher Ausrich­tung – auf die „Innenwelt“ statt auf die Umgebung, mit einem Mysteriosum als Fahndungs­ziel, das allem, was es sonst in der Welt zu entdecken gibt, nicht im entferntesten ähnelt. Und sie stellt das Ich als mögliches Wahrnehmungsobjekt dar, während es vielmehr das er­ken­nende Subjekt ist, dessen wir habhaft werden möchten. Aber wie sonst finden wir unser „Ich“? Dazu muss zuallererst klar sein, wonach wir überhaupt suchen. Geht es uns um das, was wir mit Begriffen wie „Geist“ und „Seele“ meinen? Bei beiden scheint es sich um Namen zu handeln. Für etwas Körperliches stehen sie nicht, soviel scheint festzustehen. Also für immaterielles Etwasse, ohne Form, Farbe und Ge­wicht? Dem „Geist“ rechnen wir eher unsere Gedanken, Vorstellungen, Erinnerungen zu, der „Seele“ eher unsere Gefühle, Empfindungen und Wünsche. (Der Einfachheit halber nennen wir beide zusam­men­genommen im Folgenden mental, mit einem in der philosophischen Psychologie gängigen Terminus.) In welcher Be­zie­hung stehen sie zu diesen? Kommt Mentalem eine eigenständige Existenz zu – so ähnlich wie ein Behälter mehr ist als die Summe seiner Inhalte? Oder ist es deren Gesamtheit – wie ein Meer nicht mehr ist als Myriaden von Tropfen, ein Vogel­schwarm nicht mehr als all die Vögel, die ihn bilden, eine Wüste nicht mehr als all ihre Sandkörner? Dagegen wehrt sich etwas in uns. Bin ich denn nicht mehr als alles, was in mir ist, sei es physischer oder mentaler Natur? Aber was meinen wir eigentlich mit diesem „Ich“? Ein Haupt­grund, warum wir auf unserem Erkenntnisweg zum eigenen Ich leicht in Sackgassen laufen, ist ein schiefes Bild dessen, wonach wir Ausschau halten, in Verbin­dung mit einer voreiligen Selbst­gewissheit. Gibt es irgendein Wort, dessen Sinn mir transparenter vorkommt, wann immer ich es anwende, als „ich“? In anderen Fällen von semantischen Unsicherheiten sperren wir uns durchaus nicht dagegen, uns eines besseren belehren zu lassen – aber keiner außer mir, so scheint es, kann mehr Ahnung davon haben als ich, was „ich“ bedeutet. „Ich weiß doch, was ich mit ‚ich’ meine!“, würden wir Zweifel daran rigoros zurückweisen. Was macht uns da so sicher? Das eigene Ich erachten wir als elementarsten Privatbesitz, der von nichts anderem abhängt, mit nichts in logischem Zusammenhang steht – numerisch eindeutig und unanalysierbar. Irgendwie kommt es uns wie ein eigenschaftsloses, immaterielles Gefäß vor. Allen­falls seine mentalen Inhalte, so meinen wir, lassen sich untersuchen – nicht es selbst, denn in diesem einzigartigen Fall scheinen Gefäß und Untersucher auf unergründliche Weise identisch, mit der weiteren einmaligen Besonderheit, dass der Un­tersucher unmöglich eines Irr­tums überführt werden kann, egal was er feststellt, denn kein anderes Ich ist mein Gefäß. Das macht mich unfehlbar, wie es scheint. Missverstehen Ich-Sucher ein Personalpronomen? Kondensiert eine ganze Wolke von Philosophie zu einem Tröpfchen Sprachlehre? Sind wir an diesem Punkt auf einen weiteren Grund gestoßen, aus dem die Metapher der „Innenschau“ versagt? Wo­mög­lich ist es schlicht eine Eigenart un­serer Grammatik, die uns irreführt. Zu den universellen Merkmalen menschlicher Sprache gehört, dass sie geistige und seelische Vorgänge in Formen ausdrücken lässt, die ein Subjekt in Beziehung zu ei­nem Objekt setzen. Ein Wunsch keimt auf – und wir sagen: „Ich will …“ Wir äußern „Ich sehe“, wenn eine optische Wahrneh­mung stattfindet; „Ich denke“, wenn ein Gedanke aufblitzt; „Ich fühle …“, wenn ein Gefühl aufkeimt; „Ich entsinne mich …“, wenn eine Erinnerung hoch­kommt. Angenommen, stattdessen hätten wir eine Sprache, die solche Selbstbezüge nicht vorsieht: Sie enthielte kein Personalpronomen, mit dem ein Sprecher (oder Schreiber) auf sich selbst verweist. Diese Sprache könnte uns darauf be­schränken, innere Episoden zu beschreiben; dass es die des Sprechers sind, keiner anderen Person, ergäbe sich schlicht daraus, dass er es ist, der ihr Auf­treten anzeigt. Wären wir dann immer noch in Versu­chung, die Suche nach unserem „Ich“ auf ein eigenständiges Etwas auszurichten? Konden­siert da letztlich „eine ganze Wolke von Philosophie zu einem Tröpfchen Sprachlehre“, wie Ludwig Wittgenstein ironisierte? (3) Wenn es regnet, stürmt oder schneit: Welches geheimnisvolle „Es“ ist da am Werk? Wie und wo wir dieses „Es“ habhaft werden, das hinter Wetter­phänomenen am Werk sein könnte, ist eine Frage, die eher mitleidiges Grinsen weckt, mit einer einhändigen Scheibenwi­scherbe­wegung in Stirnhöhe, als ein on­tologisches Klärungs­bedürfnis. Weshalb sollten wir mit dem Personalpro­nomen der ersten Per­son anders verfahren als mit einem der dritten Person – oder mit einem Indefinitpro­no­men wie „niemand“? Wir schmunzeln über den doofen Zyklopen Poly­phem, dem sich der listige Odys­seus als „Niemand“ vorstellte, ehe er ihn blendete; als der einäugige Riese daraufhin seinen Artgenossen klagte: „Nie­mand hat mich geblendet!“, sahen sie keine Veranlas­sung, ihm zu Hilfe zu eilen. Tappen „Ich“-Sucher in die Polyphem-Falle? Aber wäre eine Sprache ohne Selbstreferenz nicht verkümmert? Uns scheint, dass sie ei­nen entscheidenden Unter­schied einebnen würde: Wenn ich zum Ausdruck bringe, was in mir vorgeht, zeige ich keineswegs bloß an, dass bestimmte Episoden in mir ablaufen – vergleichbar einer Signallampe auf dem Armaturenbrett meines Autos, das Aufschluss über Motordrehzahl, Reifendruck, Ölstand, Benzintankfüllung, Bremsbeläge gibt. Ich setze mich in Beziehung zu inneren Episoden, es sind meine, ich bin mir ihrer bewusst. Aber was heißt „Bewusstsein“? Ein bestimmtes Gefühl nicht bloß zu haben, sondern sich seiner bewusst zu sein, bedeutet: Ihm folgen bestimmte Gedan­ken – solche, die diesem Gefühl gelten und es zutreffend benennen. In Momenten von Selbst­bewusstsein kommt nicht zu­sätzlich zu inneren Episoden ein geisterhafter Akteur ins Spiel, der sie überblickt wie ein Stadionreporter eine Sportver­an­staltung – es finden lediglich weitere innere Episoden statt. Wer kategorisch ausschließt, dass Computer jemals Selbstbewusstsein haben können, verrät einen Mangel an Phantasie. Nicht jeden stellt eine solche Sichtweise zufrieden. Auch in einem Computer, so könnte er einwenden, laufen nicht bloß gewisse Prozesse ab – er ist auch imstande, sie anzuzeigen, und falls seine Software ein deutsches Sprachprogramm einschließt, könnte er dies sogar mit Angaben wie „Mein Betriebssystem ist abgestürzt“, „Ich lösche die Datei XY“, „Mein Papierkorb ist voll“, „Meine Installation ist abgeschlossen“ tun. Würden wir ihm deswegen zutrauen, ein selbstbewusstes Ich zu besitzen? Wer das kategorisch verneint, tut es womöglich aus einem Mangel an Phantasie. Wie Steven Spielbergs „A.I.“ und andere Science-Fiction-Filme gehobenen Niveaus vor Augen führen, könnten Fort­schrit­te der Robotik eines Tages durchaus dazu führen, dass sich unter uns Maschinen bewegen, die so aussehen, sich anfühlen, sich verhalten und so sprechen wie wir – auch über sich selbst. Wenn sie Äuße­rungen von sich geben soll­ten wie: „Ich bin traurig“, „Ich leide an Schmerzen“, „Ich bin besorgt“, „Ich habe Angst“: Würden wir unter allen er­denk­lichen Umständen darauf beharren, ihnen Empfindun­gen, Gefühle und die Fähigkeit zur Selbsterkenntnis abzusprechen, bloß weil sie von uns konstruiert worden sind und sich ihre Hardware grundlegend von der unsrigen unterscheidet? Aus genetischer Sicht war auch die Zeugung unserer Kinder ein Konstruktionspro­zess, wenngleich ein planloser, nicht willentlich gesteuerter. Und warum sollten Ichs nur von verknüpften, elek­tro­chemisch wechselwirkenden Neuronen getragen werden können, nicht von Platinen mit Prozessoren, Spei­chern, Mikrochips, Lauf­werken und dergleichen? Würden wir Außerirdischen definitiv absprechen, ein „Ich“ zu besitzen, nach­dem wir festgestellt haben, dass ihre Physio­logie nichtmenschlich ist? Wür­den wir auf der Stelle aufhören, es unserem Lebensgefährten, unserem Kind zuzuschreiben, falls unter deren Haut entsetzlicherweise Kabel, Sensoren und Metallschienen zum Vorschein kämen? Einem Wesen, das an­ders gebaut ist als wir, werden wir Selbstbewusstsein zubilligen, sobald wir aufhören, es als Objekt zu betrachten – wenn wir es als Person anerkennen und respektieren. Physikalische Gutachten werden unsere Be­reit­schaft hierzu weder fördern noch verringern. Das Ich im Spiegel Gegen Ende unseres ersten Lebensjahrs begannen wir, uns im Spiegel zu erkennen. Seither beschleichen uns keinerlei Fremdheitsgefühle, wenn wir in einen blicken. Zwar denken wir dabei bisweilen: „Oh Gott, wie sehe ich heute wieder aus!“ Auch dann steht aber völlig außer Frage, dass es sich um mich handelt – obwohl ich nichts weiter sehe als einen Teil meiner Körperoberfläche. Dass ich mich trotzdem jedesmal zweifelsfrei wiedererkenne, zeigt an, in welch hohem Maße meine Physis meine Identität mitdefiniert. Andererseits beharre ich darauf, dass es einen gravierenden Unterschied macht, einen Kör­per zu haben – und einer zu sein. Was ist dieses „Ich“, über seinen Leib hinaus? Um Begriffe zu klären, erweisen sich oftmals Gedankenex­pe­rimente als hilfreich. Ange­nom­men, eines Morgens schaue ich in den Spiegel – und erblicke ein völlig fremdes Gesicht. Wie gehe ich damit um, nachdem ich mich vom ersten Schock erholt habe? Bin ich noch nicht ganz wach? Ich trete ein zweites Mal vor den Spiegel – schon wieder diese fremde Visage. Ich haste zu anderen Spiegeln in meiner Wohnung – dasselbe Phäno­men. Spukt es? Ich blicke auf meine Hände: Es sind nicht meine; die Finger sind deutlich kürzer und dicker, die Haut dunkler und fleckiger. Träume ich noch? Leide ich unter einer extremen Wahrneh­mungs­störung? Stehe ich unter Drogen? Halluziniere ich? Bin ich über Nacht verrückt geworden? Aber alles um mich herum erscheint mir ansonsten völlig normal, genau so, wie es für mich gestern ausgesehen hat. Und keineswegs fühle ich mich benommen oder wirr, sondern hellwach, bewusst und klar. In heller Aufregung haste ich zu meiner Frau, spreche sie an, woraufhin sie sich zu mir um­dreht - und entsetzt aufschreit, im Glauben, ein Fremder sei in unsere Wohnung eingedrungen. Sofort greift sie zum Tele­fon, um die Polizei zu rufen. Wie kann ich sie davon abhalten? Indem ich sie davon überzeuge, dass ich es bin, auch wenn ich entsetzlicherweise plötzlich völlig anders aussehe. Wie gelingt mir das? Wie weise ich meine Identität aus? Die inzwischen eingetroffene Polizei ist keinerlei Hilfe dabei. Die üblichen erkennungsdienstlichen Methoden, die Iden­tität einer Person festzustellen – Abgleiche von Pass­fotos, Fingerabdrücken, Ge­nom -, ergeben nämlich zweifelsfrei, dass ich unmöglich der sein kann, für den ich mich ausgebe. Womöglich wird eine sofortige Großfahndung nach mir eingeleitet, egal wie nachdrücklich ich beteure, der Ge­suchte sei ich. Wie kann ich das beweisen? Ich schildere meiner Frau Erin­nerungen, von denen ich si­cher bin, dass nur ich sie haben kann: Wie war der Wortlaut mei­nes originellen Heiratsan­trags? Wie hieß die Inhaberin der Pension, in der wir unsere Flitterwochen verbracht haben? Welche zwei anderen Vorna­men, die wir am Ende verwarfen, hatten wir in der engeren Wahl, als wir besprachen, wie unser erstes Kind heißen soll? Möglicherweise könnte ich meine Frau auf diese Weise über­zeugen. Das gelänge mir aber nur, wenn ich im übrigen einen Großteil der Eigenschaf­ten, die für mein früheres Selbst typisch waren, im neuen Kör­per behalten hätte: vielleicht meine Begeisterung für Motor­rä­der und Briefmarken, meine Hebräischkenntnisse, meine Vor­­liebe für heiße Milch mit Ho­nig, meine Anhängerschaft zum FC Bayern, meine Spin­nenphobie, meine Heimwer­ker­talente usw. An alledem wür­de sie mich vermutlich wie­dererkennen. (Unter denselben Bedingungen könnten sie und ich sogar akzeptieren, dass ich meine Identität be­wahrt habe, nachdem ich nachtodlich in ei­nem neuen Körper in­karniere, zu einem Cy­borg umkonstruiert, von Kryonikern nach einer längeren Tief­kühlphase wieder aufgetaut werde.) Was wäre aber, wenn ich mich fortan in einer Weise verhielte, die für mein früheres Ich recht untypisch war?: Plötz­lich zeige ich andere Vorlieben, andere Inter­essen, andere Charak­ter­eigenschaften; wozu ich früher in der Lage war, gelingt mir nun nicht mehr; andererseits lege ich Fähig­keiten an den Tag, über die ich früher nicht verfügte. Selbst jene Men­schen, denen ich früher am vertrautesten war, beschlichen unter solchen Um­ständen Zweifel, ob ich es noch bin. Würde ich diese Zweifel jemals teilen? Das hängt zum einen davon ab, ob mir meine neuen Verhaltensweisen selber fremd vorkommen – ob ich dabei das Gefühl hätte, dass sie nicht zu mir gehören. Ein solcher Ein­druck würde sich einstellen, wenn ich einen inneren Zwang zu bestimmten Handlungen spüren würde; wenn ich nicht anders könnte, gegen den Widerstand meiner Wünsche, Überzeugungen und Ziele; wenn sich in mir etwas dagegen sträubt. Und falls nicht? Dann verlöre auch ich die Sicherheit, „eigentlich“ ein ganz Anderer zu sein. Doch selbst dann blieben mir für einen Identitätsnachweis zumindest meine Erinnerun­gen, oder nicht? Würde ich mich durch sie nicht unter allen Umständen zweifelsfrei meiner selbst versichern können? Aber sind sie überhaupt korrekt, oder trügen sie mich? Gerade weil unser Gedächtnis so zentral für unsere Identität, für unser Bild von uns selbst ist, hängt es aufs engste mit ihm zusammen – wechselseitig. Was wir erinnern, wirkt sich darauf aus, wie wir uns sehen; wie wir uns sehen wollen, beeinflusst umgekehrt, wes­sen wir uns entsinnen. Un­ser Gedächtnis ist kein unbestechlicher, gegen jegliche Ein­wirkungen aus anderen mentalen Bereichen hermetisch abgeschirmter Datenspeicher, in dem wir Bilder unseres Lebens sicher verwahren könnten wie Fotoabzüge in einem Album, wie Dateien in einem Spei­chermedium. Was wir erinnern, hängt von Gefühlen und Stim­mungslagen, Absichten und Motiven, Gedanken und Überzeugungen ab. In niedergeschlagenen, melancholischen, sorgenvoll-ängstlichen Mo­men­ten neigen wir eher dazu, unsere eigene Vergangenheit dunkelgrau bis schwarz zu zeichnen; Enttäuschungen, schmerzliche Erfahrungen, Verluste, Fälle von Misslingen und Ver­sagen fallen uns dann eher ein. In Phasen von Hochstimmung, Zuversicht und Glück hingegen entsinnen wir uns eher angenehmer Erlebnisse. Zudem ist unser Gedächtnis mit Filter­mechanismen ausgestattet, die unser Selbstbild, unser Selbst­wertgefühl schützen; sie gehorchen unserem Grundbedürfnis, frühere Erlebnisse, ja unsere ge­samte Biografie so zu (re)konstruieren, dass ein eher positives Bild von uns selbst intakt bleibt, Gefühle von Schuld und Scham nicht überhandnehmen. (Bei Depressiven und Suizidge­fährdeten versagen diese Schutz­vorrichtungen.) Je wichtiger uns bestimmte Überzeugungen, Einstellungen, Wert­vor­stellungen sind, je starrer wir an ihnen festhalten, desto nötiger brauchen wir Erinne­rungen, die ihnen entsprechen, und desto bereitwilliger kreieren wir sie. Deshalb müsste ich im fremden Körper einräumen: Kein Ge­dächtnis ist unfehlbar, auch meines nicht. Dass eine vermeintliche Erinnerung täuscht, würde ich zugeben, wenn sie im Widerspruch zu dem steht, wessen sich viele Andere entsinnen – vor allem Personen, in denen ich glaubwürdige Zeu­gen meiner Vergangenheit sehe, ohne das geringste Motiv, mich anzulügen -, und erst recht dann, wenn Fotos, Aufzeich­nun­gen und andere historische Dokumente das Gegenteil belegen. Wenn sich herausstellt, dass bloß manche meiner Erin­nerungen fehlerhaft sind, ließe ich mich dadurch kaum beirren. Aber falls sich erweist, dass sie allesamt nicht stimmen – dass ich mich bezüglich meines früheren Lebens ganz und gar täusche? Unter solchen Um­stän­den würde mein Selbstbild zutiefst erschüttert – auch ich wüsste nicht mehr, wer ich bin. Was lehrt das Gedankenexperi­ment, mit dem dieser Abschnitt begann? Es ist unmöglich, sich seiner selbst im Alleingang zu vergewissern. Mein „wahres Ich“ finde ich nicht, indem ich mit geschlossenen Augen in mich hineinstarre – sondern im Spiegel, den meine Umgebung mir vorhält. Das Ich ist ein soziales Konstrukt, mit den Ande­ren als notwendiger Korrektur­instanz. Das Selbst: ein soziales Konstrukt Wie, wo finde ich mein „Selbst“? Wenn ich gebeten werde, mich vorzustellen, kra­me ich kein immaterielles Etwas aus mir hervor oder entschuldige mich dafür, dass ich aus ontologischen Gründen keines präsentieren kann – vermutlich gebe ich zuallererst an, wie ich heiße, woher ich kom­me, wie alt ich bin, was ich be­ruflich mache, ob ich verheiratet oder ledig bin, ob ich Kinder habe, welche Konfession ich habe usw. All dies erschiene mir allerdings nebensächlich bis belanglos, wenn ich mich der Frage stelle, wer ich „ei­gent­lich“ bin, in meinem tiefsten Inneren – was mich wesentlich ausmacht. Eine solche Frage stellt mir am ehesten jemand, der mich besonders gründlich kennenlernen will – sei es ein neuer Lebenspartner am Beginn unserer Beziehung, ein enger Freund oder ein naher Verwandter -, oder ich mir selbst, in Lebensphasen, in denen ich mich orientierungslos fühle, von Selbstzweifeln geplagt werde, nicht weiß, wie es weitergehen soll. Was rechne ich mir in solchen Momen­ten als wesentlich zu? Zu den Eigenschaften, die mich ausmachen, würde ich zäh­len: - meine Fähigkeiten und Fer­tig­keiten - mein Wissen: die im Laufe meines Lebens erworbenen Kennt­nisse - meine Erfahrungen: all das, was ich aus eigenen Erleb­nissen gelernt habe; im Lau­fe meines Lebens Erprobtes und Bewährtes - meine Erinnerungen - meine Wertvorstellungen: was ich für erstrebenswert und moralisch gut halte, woran ich mein Handeln orientiere - meine Bedürfnisse, Sehn­süchte und Ziele - meinen Charakter: die Ge­samtheit meiner Wesens­züge bzw. Persönlichkeits­merk­ma­le Selbsterkenntnis bedeutet, sich all diese Eigenschaften zu vergegenwärtigen, sich ein zutreffendes, vollständiges Bild von ihnen zu ma­chen. Kann ich das alleine, auf irgendeinem inwendigen, rein geistigen Weg? Es gibt keine menschliche Eigenschaft, hinsichtlich derer ihr Besitzer die letzte, unfehlbare Instanz wäre; es stimmt nicht, dass grundsätzlich „niemand mich besser kennt als ich selbst“. Was ich zu können und zu wissen meine, woran ich mich zu erinnern glaube, welche Charaktermerkmale ich mir zuschreibe: In all diesen Hin­sichten kann ich danebenliegen - mir selbst etwas vormachen, etwas übersehen, etwas verdrängen. Dann korrigieren mich Andere, die mich gut kennen. Dies können sie, weil es sich bei all den Eigenschaften, die ich meinem „wahren Ich“ zuschreibe, nicht um unsichtbare Vorkommnisse in meiner privaten Innenwelt handelt, die ich privilegiert beobachten kann; stets sind sie begriffslogisch mit Dispositionen verbunden, sich auf bestimmte Art und Weise zu verhalten. Wenn Anderen an mir ein Verhalten im Widerspruch zu dem auffällt, was ich mir als „wesentlich“ zuschreibe, korrigieren sie mich zurecht. (In Extremfällen – bei Unfallopfern mit totalen Amnesien, bei Demenzkran­ken, bei dissoziativen Psychoti­kern – verfügen Andere über ein Wissen um das „wahre Ich“, das den Betroffenen selbst vollständig abhanden gekommen sein kann.) Daraus folgt: Wer ich bin, entscheidet sich immer auch im Spiegel meiner Um­welt. Dass die Beratungsge­sprä­che, die in „Auswege“-Camps stattfinden, von den Teilnehmern als hilfreich empfunden werden, liegt daran, dass es Teammitgliedern ge­lingt, ihnen einen solchen Spie­gel vorzuhalten, und ihre Wi­der­stände dagegen überwinden, hineinzuschauen. Die ebenso unangenehme wie absurde Schlussfolgerung daraus wäre, dass wir in Wahrheit von uns selbst keine Ahnung haben. Am meisten Zeit verbringt jeder von uns mit sich selber, keiner anderen Person widmet er mehr Aufmerksam­keit. Daraus erwächst eine gewisse Autorität: Im allgemeinen weiß niemand besser über uns Bescheid als wir selbst, keiner kennt sich da besser aus. Mehr noch, manches über uns können bloß wir allein wissen: bestimmte Phantasien, Impul­se, Tagträume und Sehnsüchte, die wir für uns behalten. Aber diese Art von Erkenntnisprivi­leg in bezug auf sich selbst ist eine relative, keine absolute. Auf dem Weg zu mehr Selbsterkenntnis Selbsterkenntnis kann zunehmen. Worin besteht der Fortschritt dabei? Wenn mir Introspektion nicht herausfinden helfen kann, wer ich bin, kann ich auch nicht mehr über mich in Erfahrung bringen, indem ich eine unräumliche Privathöhle ausdauernd ausleuchte. Die Herausforde­rung liegt vielmehr darin, dass ich mir wichtige Tatsachen vergegenwärtige, die mich betreffen – einschließlich der unangenehmen, selbst der beschämendsten -, und sie in einem verständlichen Zusammen­hang bringen, stimmig für mich selbst wie für Andere, jederzeit willens, Schein und Wirklichkeit zu trennen, mit Selbsttäuschungen zu rechnen und sie von Anderen korrigieren zu lassen. Mit anderen Wor­ten: Es geht darum, zum verlässlichen Erzähler in eigener Sache zu werden. Passen Erleben und Selbst­bild, Handlungen und Werte zusammen – sind sie also „kongruent“? Die Anforderungen an die Geschichte, die wir dabei entstehen lassen, gleichen denen, die wir ein historisches Sachbuch gelten: Trägt sie einen ge­eigneten Titel? Passen die Kapitel­über­schriften? Stimmt die chronologische Abfolge? Kommen alle relevanten Tatsachen darin vor? Bleibt nichts Erhebliches unerwähnt? Wird nichts verfälscht? Unterwegs zur Selbsterkenntnis komponieren wir an einer Biografie, die ständig neue Auflagen erlebt – unter dem Aktuali­täts­druck neuer Ereignisse und um ver­änderten Sichtweisen, Stand­punk­ten, Informationen und Wün­schen Rechnung zu tragen. Aus ihrem Gelingen schöpfen wir Selbstachtung und ein Gefühl von Wahrhaftigkeit. Und je stimmiger wir diese Geschichte hinbekommen, desto echter, achtsamer, tiefer, wertvoller werden im übrigen unsere Beziehungen zu Anderen. (4) Wer sich selbst kennt, macht sich über die Motive des eigenen Tuns nichts vor – das verringert das Risiko, aus vorgeblichen Gründen mit Anderen lieblos umzugehen. Er durchschaut leichter eigene Projektionen, weil er eher auseinanderhalten kann, wie der Andere ist und wie er ihn gerne hätte. Und er erkennt besser die Pro­jektionen der Anderen, was ihn davor schützen kann, ihnen blindlings zum Opfer zu fallen. Sich selbst verwirklichen: ein Optimierungsprojekt? Und was bedeutet Selbstverwirkli­chung? Wie großartig eine solche Transformation sein muss, illustriert die esoterische Pop-Art farbenfroh mit kitschigen Gemälden, Magazin­titeln und Buchcovern: Da zwängen sich aus engen Kokons die bezauberndsten Schmetterlinge, unscheinbaren Samen entsprießen die prachtvollsten Blüten. Weil unsereins aber weder mit Saatgut noch mit Raupen schwanger geht, dürsten wir nach Aufklärung, wie ein solcher Prozess denn realiter vonstatten gehen soll. Was bedeutet es, mich selbst zu verwirklichen? Viele Esoteriker zeichnen davon ein Bild, das mittlerweile eines der florierendsten Geschäftsfelder im ohnehin boomenden Lebenshilfe-Markt inspiriert hat; allein in den USA wird mit rund 50'000 Buchtiteln für angehende Selbstverwirklicher ein Jahres­umsatz von weit über zehn Milliar­den Dollar erzielt. (5) Einer wie der ande­re deutet Selbstverwirklichung zur Selbstoptimierung um, unter dem Motto „Werde, der du wirklich bist“. (6) Ein solches Projekt erfordert, etwas zum Vorschein zu bringen, was unerkannt schon in uns steckt: ein zweites Selbst, das viel großartiger, schöner, mächtiger, edler, begabter, kreativer ist als jenes, in dem wir uns bislang zu erkennen glaubten. Ist es nicht ein Jammer, dieses herrliche, phantastische Potential ungenutzt in uns verkümmern zu lassen: diese ge­wal­tige „Power Within“ (7), diese wundervoll „schöpferischen Res­­sourcen” (8) in uns, das grenzenlose „kreative Potential“ eines schlummernden „Gigan­ten“ (9)? Wer dem beeindruckt zu­stimmt, ist reif für die weiteren bewusstseinstechnologischen Schritte: Er lässt sich von Sach­verständigen an die Hand nehmen, um herausfinden zu können, wie er die Widerstände sei­nes ersten, niederen Selbsts überwindet – der selbster­nann­te „Erfolgsreferent“ Ste­fan Frädrich veranschaulicht ihn gerne mit „Günter, dem in­ne­ren Schweinehund“, einem schmutzig-gelben Plüschtier -, zu seiner „inneren Kraft­quel­le“ (10) vorstößt und sie anzapft, damit sie end­lich mun­ter sprudelt. Dazu muss er „48 Ge­set­ze“ (11) be­folgen, „zwölf Schrit­te“ gehen (12), „sieben We­ge“ (13) einschlagen, das „neue Ein­mal­eins“ beherzigen – so als ginge es um einen arbeitswissenschaftlich abgesicherten Pro­zess, bei dem sich komplexe Abläufe in einfache Module zerlegen lassen. Solchen Verheißungen auf den Leim zu gehen, kann fatale Fol­gen haben. (14) Nicht nur schürt es den Eindruck, sich selbst verwirklichen könne man erst unter Anleitung von Experten. Vor allem macht es chronisch unzufrieden, denn „Besser geht immer!“, und „Günter“ schläft nie. Und es sorgt für ma­nisch-de­pressiven Dauer­stress: Im­merzu schwankt man zwischen grandioser Selbst­über­schät­zung, die dem Nar­ziss in uns größtmöglich schmei­chelt („Ei­gent­lich bin ich göttlich!“) und steilem Ab­sacken des Selbst­wertgefühls. Wer es nicht hinkriegt, Modul für Modul immer großartiger und herrlicher zu wer­den, muss sich als jämmerlicher Versager vorkommen, der die verabreichten Lektio­nen entweder nicht kapiert oder nicht umsetzen kann. Er scheitert an der Aufgabe, sein ganz wundervolles Zweites Ich gegen den Schlendrian, die Trägheit, die Inkonsequenz des Ersten zu verteidigen. Er ist zu schwach, das Wollen ausreichend zu wollen. Hinter alledem wirkt eben jene fixe Idee, um die es in den vorherigen Abschnitten ging: das Selbst als etwas inwendig Verborgenes. Müssen wir ein zweites Ich zum Vorschein zu bringen, das schon in uns steckt: eines, das viel großartiger ist als jenes, in dem wir uns bislang zu erkennen glaubten? Wie entsteht die Vorstellung, man könne und müsse sich in eine verbesserte Variante seiner selbst verwandeln? Sie ergibt sich aus einer Bestandsauf­nahme: Was ist aus mir geworden? Und welche Hoffnungen habe ich, dass noch etwas anderes aus mir werden könnte? Aber Hoffnung braucht Grün­de. Von alledem, was wir gerne noch erreichen, besitzen, werden, sein möchten, mag manches mit der nötigen Zielstre­big­keit und Ausdauer irgendwann durchaus erreichbar sein. Doch wann, und ob überhaupt, wir je dorthin gelangen, hängt von unseren besonderen Fähig­keiten, Erfahrungen und We­sens­zügen, von unserer körperlichen und psychischen Verfas­sung, von unserer sozialen Situa­tion und materiellen Um­ständen nicht weniger ab als von Willensstärke und Glau­bens­bereitschaft. Uns in dieser Hinsicht an der Nase herumzuführen, verbindet Selbstopti­mie­rer und Positivdenker. Wenn nicht Geburtshilfe für ein perfektes, in uns verborgenes Zweitselbst: Was sonst bedeutet Selbstverwirklichung? Es heißt, ein Leben zu führen, in dem sich mein Wesen - die Fülle der Eigenschaften, die ich mir als grundlegend zuschreibe - frei entfalten kann, im Rahmen der Möglichkeiten, die ich dazu habe. Wann beschleicht mich das Gefühl, dass ich „mich selbst verloren“ habe, uneigentlich lebe, an meinem „wahren Ich“ vorbei? Wenn ich mich da­ran gehindert fühle, die Wesens­merkmale zum Ausdruck zu bringen, von denen ich annehme, dass sie mich grundlegend charakterisieren. Solche Hin­der­nisse können in mir selbst liegen – beispielsweise wenn mich bestimmte Wertvorstel­lun­gen oder ein Mangel an Fähigkeiten davon abhalten, meine Bedürfnisse zu befriedigen, meine Ziele zu verwirklichen -, aber auch in äußeren Umständen wie einer einengenden Beziehung, einer unbefriedigenden Arbeit, in politischen, wirtschaftlichen und so­zialen Gegebenheiten. „Auswe­ge“-Camps zeigen Wege zur Selbstverwirklichung auf, in­dem sie Teilnehmern helfen, sich die Möglichkeiten be­wusst zu machen, die sie dazu haben, und sie dazu ermutigen, vorhandene Handlungs­spielräume zu nutzen. Wann gelingt es Patienten demnach, ihre Erkrankung als Chance zur Selbstfindung und innerem Wachstum zu begreifen? Es erfordert nicht, mittels esoterischer Bewusstseinstech­ni­ken eines immateriellen Et­was habhaft zu werden. Es be­deu­tet vielmehr, ein stimmiges Bild von den wesentlichen Merkmalen der eigenen Per­son zu entwickeln – sowie von der Fähigkeit, Bereitschaft und ob­jektiven Möglichkeit, be­stimm­te Merkmale zum eigenen Besten zu verändern. Dabei hel­fen Gespräche mit Men­schen, denen man vertraut, weitaus mehr als jede kontemplative Innenschau. In unseren Camps finden sie statt. (Harald Wiesendanger) Anmerkungen 1 Nach einer Repräsentativumfra­ge des Instituts für Demoskopie Al­lens­bach 2013, Allensbacher Archiv, IfD 11012. 2 Peter Bieri, „Der Blick nach in­nen“, Zeit Magazin, 24.10.2007. 3 Ludwig Wittgenstein, Philoso­phische Untersuchungen II, Ab­schnitt XI; in der „kritisch-genetischen Edition“ herausgegeben von Joachim Schulte, Frankfurt a. M. 2001. 4 Peter Bieri, a.a.O. 5 Nach Thomas Steinfeld: „Das Wol­len wollen“, Süddeutsche Zei­tung Nr. 22, 26./27.1.2013, S. V2/1. 6 Wayne W. Dyer: Der wunde Punkt: Die Kunst nicht unglücklich zu sein. Zwölf Schritte zur Überwindung unse­rer seelischen Problemzo­nen, Reinbek b. Hamburg 1977. 7 Anthony Robbins: Grenzenlose Energie, 1986, engl. Unlimited Power: The New Science of Personal Achievement; ders.: Das Robbins Power Prinzip (1992, Or.: Awaken the Giant Within; ders.: Das Prinzip des geistigen Erfolgs: der Schlüssel zum Power-Programm (1995) 8 Verena Kast: Lass dich nicht leben - lebe!: Die eigenen Ressourcen schöpferisch nutzen, Freiburg i. Br. 2002 9 George Lois: Damn Good Advice (For People with Talent!): How To Unleash Your Creative Potential by America's Master Communicator (2012), dt. Verdammt gute Tipps (für Leute mit Talent) (2012) 10 Robert Hartzema: Innere Kraft­quellen: Wege zum Ursprung (2004) 11 Robert Greene: Power – Die 48 Gesetze der Macht (1998) 12 Dyer, a.a.O. 13 Detlef Rahmer: 7 Wege zu Dir selbst: Lebenskunst für den Alltag (2008) 14 Eine anregende Kritik des Selbst­optimierungswahns liefert Klaus Werle: Die Perfektionierer, Frankfurt/New York 2010. Dieser Betrag enthält Auszüge aus dem Buch von Harald Wiesendanger: Auswege – Kranken anders helfen (2015)

  • „Muss ich daran glauben?“ – Das unsägliche Placebo-Argument

    Helfen die Therapiecamps meiner Stiftung Auswege bloß dem, der an die Wirksamkeit der angebotenen Behandlungen glaubt? Werden Patienten dort mit Pseudomedizin hinters Licht geführt? Fallen sie auf Placebos herein? Gebetsmühlenhaft führen Skeptiker gegen unkonventionelle Heilweisen das „Placebo-Argument“ an – und liegen aus mehreren Gründen daneben. Wenn du zu Hause von deinen Erfahrungen in unseren Camps erzählst, musst du auf zwei Reaktionen gefasst sein: „Unmöglich! Glaub´ ich nicht!“ oder „Alles Place­bo!“ Mit der einen wirst du der Lüge bezichtigt, mit der anderen als naiv hingestellt. Die erste Reaktion wirst du, empört oder gelassen, an dir abprallen lassen: Schließlich weiß keiner besser als du, was du erlebt hast. Die zweite hingegen könnte dich nachträglich zweifeln lassen. Sie stützt sich auf ein Ar­gu­­ment, in dem Skeptiker das schärfste Schwert sehen, das sich gegen „alternative“ Heilweisen führen lässt. Es besagt: Der bloße Glaube, eine Behandlung wirke, reicht aus, für Wirkungen zu sorgen – diesem „Pla­ce­bo-Effekt“ erliegen Patienten, die von unwissenschaftlichen Thera­pien zu profitieren meinen. Hast du dich von uns verführen lassen, darauf hereinzufallen? Ausgangspunkt dieses Arguments ist ein hochspannendes Phänomen, für das sich die Medizinforschung Ende der vierziger Jahre des vorigen Jahrhunderts zu interessieren begann; seither ist es in Hunderten von Studien eindrucksvoll bestätigt worden: Arzneimittel ohne jegliche pharmakologisch wirksame Inhaltsstoffe – sei es eine Zuckerpille oder eine Spritze, die nur Kochsalz­lösung enthält – können nicht nur das subjektive Befin­den verbessern, sondern unterschiedlichste körperliche Symptome lindern oder gar beseitigen, sofern der Patient sie in der Überzeugung einnimmt, er habe ein echtes Medikament, ein sogenanntes Verum erhalten. Dazu genügt es, dass sie aussehen, schmecken und verabreicht werden wie ein gewöhnliches Präparat. Dabei wirken Placebo-Spritzen stärker als Kapseln, Kapseln stärker als Tabletten - selbst wenn sie exakt die gleichen Substanzen in identischer Dosis enthalten; rote, orange- oder rosafarbige Pillen sind wirksamer als blaue oder mehrfarbige, weiße wirksamer als braune; bittere wirken besser als solche, die nach nichts schmecken; eine größere Anzahl Pillen ist effektstärker als wenige oder gar eine einzelne. Placebos wirken besser, wenn sie an­geb­lich aus dem Ausland stammen; wenn ihre Bezeich­nung Anleihen bei altehrwürdigem Latein oder Grie­chisch macht und vielversprechende Steigerungen wie "forte" oder "plus" einschließt; wenn sie einen Marken­namen tragen; wenn man sie nicht kostenlos bekommt, sondern dafür bezahlen muss. Der Effekt verstärkt sich, wenn das Placebo von jemandem verabreicht wird, dessen Autorität der Patient anerkennt - aus den Händen eines Arztes, nicht bloß von einer Pflegekraft. Derartige „Placebos“ - wörtlich „ich werde gefallen“, sinngemäß „ich werde gut tun“, von lat. placere (1) - senken bei zwei von drei Diabetikern den Blut­zucker­spiegel; bei Bettnässern wirken sie meist ebenso gut wie die üblichen Medikamente; bei über 70 Prozent aller Patienten mit Magengeschwüren lindern sie die Beschwerden erheblich, ebenso bei vier von fünf Arthritis-Kranken. Drei von vier Patienten mit starken Wundschmerzen sprechen auf Morphi­um an - aber jedem Dritten hilft ein Placebo gleichermaßen. Ebenfalls auf Placebos reagieren Testperso­nen mit Migräne, mit Asthma, Bronchitis, Reise­krank­­heit, Verdauungsstörungen, Impotenz, Haut­leiden, Bluthochdruck, Morbus Parkinson, Angina pecto­ris und Dutzenden weiterer schwerwiegender Diagnosen. Sogar bei Operationen kam dieser Effekt zum Vor­schein: Wurde Patienten ein Eingriff vorgetäuscht – z.B. eine Knie-Arthroskopie oder eine sogenannte Ligatur, bei der Herzchirurgen eine Brustwand­arterie abbinden -, ging es ihnen anschließend so deutlich besser, als seien sie einer echten OP unterzogen worden. (2) Daraus folgt: Von unseren Camps könntest du gesund­heitlich auch dann profitieren, wenn du dort nichts weiter als Pseudo-Medizin erleben würdest, angewandt von Scharlatanen, die sich vortrefflich darauf verstehen, Vertrauen zu wecken. Haben wir dir also nichts weiter als Placebos verabreicht: Schein­medikamente ohne therapeutisches Agens, die bloß helfen, solange du von ihrer Wirkung überzeugt ist? Zehnmal Sand in die Gebetsmühle Seit Jahrzehnten gebetsmühlenhaft wiederholt, ist das "Placebo-Argument" in Wahrheit ein miserabler rhetorischer Schachzug, aus mindestens einem Dutzend Gründen, von denen man immer ein paar parat haben sollte, wenn man mit Skeptikern ins Gespräch kommt; zehn davon folgen sogleich in Kurzfassung.3 Nehmen wir als Beispiel Geistiges Heilen, das bei „Auswege“-Camps besonders intensiv zum Einsatz kommt: 1. Wäre Geistheilung ein bloßes Placebo, dann müsste es um so besser wirken, je stärker ein Patient an seine Wirkung glaubt. Heiler helfen manchmal aber auch Misstrauischen, ja selbst ausgesprochenen Skeptikern. Andererseits warten viele aufgeschlossene, teilweise bereits esoterisch bekehrte Patienten, die vom Nutzen felsenfest überzeugt sind, vergeblich auf ein Wunder. 2. Geistheilungen gelingen manchmal auch unter Umständen, die Placebo-Wirkungen von vornherein ausschließen: - bei Fernbehandlungen, von denen der Behandelte gar nicht wissen konnte: etwa, weil er bewusstlos war; oder weil ihm die kognitiven Fähigkeiten abgingen, Überzeugungen über Therapiewirkungen zu hegen: ein Säugling etwa, ein geistig Schwerst­behinderter, oder ein Unfallopfer im Koma. - in sogenannten "Doppelblindstudien", d.h. Unter­suchungen, bei denen sowohl die Versuchspersonen als auch die beteiligten Ärzte und Wissenschaftler im ungewissen gelassen werden, wer geistig behandelt wird und wer nicht - wodurch Erwartungseffekte aus­scheiden; - in Experimenten mit nichtmenschlichen Versuchs­objekten, denen wir schwerlich zutrauen würden, für Placebo-Effekte anfällig zu sein: etwa mit niederen Tieren, Pflanzen, Pilzen, Bakterien, isolierten Zellen und Zellbestandteilen, Enzymen und DNS, ja sogar mit Kristallen, Wasserproben und anderem anorganischem Material. Häufig haben sie messbar angesprochen, als Geistheiler auf sie einzuwirken versuchten. (4) 3. Nachdem Geistheilungen begonnen haben, nimmt die weitere Krankengeschichte oft einen Verlauf, den das "Placebo-Argument" allein schwerlich erklären kann. Gäbe starker Glaube allein den Ausschlag, so wäre zu erwarten, dass es mit einem Patienten langsam, aber stetig aufwärts geht: Die Genesung müsste kontinuierlich voranschreiten. Recht häufig tritt aber ein Phänomen auf, das den Erwartungen und Hoff­nungen des Patienten diametral entgegengesetzt ist, zumindest anfangs: Kaum hat der Heiler mit ihm zu arbeiten begonnen, da verschlimmern sich die Symptome vorübergehend, und neue Beschwerden stellen sich ein: Schmerzen, Erbrechen, Durchfall, Fieber und andere heftige Re­ak­tionen können auftreten. Sie überraschen und ängstigen viele Behandelte, weil sie auf einen Rückfall hinzudeuten scheinen. Merkwürdigerweise zeigen sie aber häufig an, dass die Behandlung anschlägt. Die Wahrscheinlichkeit, von einer Geistheilung zu profitieren, wächst erfahrungsgemäß erheblich, nachdem solche Krisen aufgetreten und überstanden sind. Das erinnert an einen Vorgang, der Homöo­pathen wohlvertraut ist: die sogenannte "Erstver­schlim­merung" nach Ein­nahme eines Präparats, die der Heilung oft vorangeht. 4. Wären „geistige“ Heilerfolge ausschließlich auf Suggestionen und Placebo-Effekte zurückzuführen, dann müssten vorgetäuschte Behand­l­­ungen ebenso wirksam sein wie echte. Wenn ich also bloß so tue, als ob ich einem Kranken "Heilenergie übermittle", während ich in Wahrheit an etwas völlig anderes denke – zum Beispiel, wie in einer US-Studie geschehen, von 100 auf Null zurückzähle -, dann müsste ich damit ebenso viel erreichen, wie wenn ich mich voll und ganz aufs Heilen konzentriere. Die wenigen Studien, die diesem Verdacht nachgegangen sind, deuten aber vielmehr darauf hin, dass konzentriertes Geistiges Heilen deutlich besser hilft. 5. Etwa zwei Drittel aller Patienten, mit denen Heiler auf Distanz arbeiten, berichten von sonderbaren körperlichen Empfindungen zu genau dem Zeitpunkt, an dem eine Fernbehandlung stattfindet: z.B. ein starkes Kribbeln, Wärme oder Käl­te, ein Gefühl des Durchströmtwerdens, des Schwe­bens, schlagartiger innerer Ruhe, oder eines Unter-Strom-Stehens. Kriti­ker deuten dieses Phäno­men grundsätzlich als Ergebnis von Autosuggestion und als Begleiterschei­nung einer Placebo-Reaktion: Denn schließlich wisse der Patient ja in der Regel, wann er fernbehandelt wird - also rede er sich pünktlich ein, dass ihn heilende Energieströme von fern erreichen, und empfinde entsprechend. Aber das erklärt in keiner Weise zwei Phänomene, zu denen es bei Fernheilungen manchmal kommt: - Es kann vorkommen, dass ein Heiler die vereinbarte Fernbehandlung versäumt - sei es, dass ihm etwas dazwischenkommt, sei es, dass er den Termin einfach vergisst. Manchmal gehen bei ihm anschließend Beschwerden der betroffenen Patienten ein - sie haben gespürt, dass nicht mit ihnen gearbeitet worden ist, weil die üblichen charakteristischen Emp­fin­dungen diesmal ausblieben. - Auch kann es passieren, dass sich ein Heiler mit der Fernbehandlung um ein paar Minuten oder gar Stunden verspätet - und entsprechend später erlebt sein Patient mitunter rätselhafte Empfindungen, ob­wohl er von der Verzögerung zunächst nichts weiß. Wie ist das möglich, wenn alle Reaktionen eines Patienten auf Geistiges Heilen bloß glaubensbedingt wären? 6. Wäre Geistheilung ein Placebo, dann müssten Fernbehandlungen, also geistige Heilversuche in Abwesenheit des Patienten, grundsätzlich schwächer wirken als andere Formen Geistigen Heilens, bei denen Heiler und Hilfesuchender un­-mi­ttel­baren Kontakt miteinander haben. Denn die physische Prä­senz eines Kranken erleichtert es dem Heiler erheblich, den Glauben an seine Fähigkeiten zu stärken: durch sein ganzes Auftreten, seine Aus­strahlung, seine Überzeugungskraft im verbalen Austausch, durch mehr oder minder offensichtliche Suggestio­nen, durch die besondere Einrichtung und Atmo­sphäre des Behandlungsraums. Aber erstaunlicherweise erzielen manche Heiler bessere Erfolge bei Fernheilungen. Begründet wird dieses Phänomen fast immer gleich: Beim Behandeln auf Distanz, so heißt es, könnten sich Heiler und Patient ganz auf ihre Begegnung auf "energetischer" Ebene konzentrieren, ohne von unerheblichen Wahrnehmungen, Einschätzungen und Emotionen abgelenkt zu werden, die sie zwangsläufig ineinander auslösen, sobald sie einander gegenübersitzen. 7. Selbst wenn Geistiges Heilen ausschließlich Placebo-Wirkungen erzielen könnte, so würde daraus mitnichten folgen, dass es ärztlichen Maß­nahmen unterlegen ist und insofern eine minderwertige Therapieform darstellt. Unter vielen Medizinern herrscht die irrige Ansicht vor, Placebo-Reaktionen fielen grundsätzlich milder, abgeschwächter aus als die "objektiven" Effekte einer "echten" Therapie – das tun sie nicht, wie Forschung zeigt. 8. Unter Ärzten, den sprichwörtlichen "Halb­göttern in Weiß", kommen charismatische Persönlichkeiten, mit großer suggestiver Ausstrah­lung und einem Nimbus von Allwissenheit und Unfehlbarkeit, bestimmt nicht seltener vor als unter Geistheilern; ihr akademischer Titel, ihre Bildung, ihre Sprach­gewandtheit, das Inventar und Ambiente ihres Arbeitsplatzes verschaffen ihnen im Gegenteil einen gehörigen Autoritätsvorsprung. Nach wie vor rechnen 72 Prozent der deutschen Bevölkerung Ärzte zu jenen fünf Berufen, vor denen sie "am meisten Ach­tung" haben, wohingegen keine andere Berufs­gruppe einen Prestigewert über 45 Prozent erreicht - nicht einmal Geistliche, Rechtsanwälte und Hoch­schul­professoren.5 Müssten sich in Arztpraxen und Kliniken denn nicht viel öfter unfassbare "Heil­wunder" ereignen, wenn dazu lediglich nötig wäre, Vertrauen und Zuversicht von Kranken zu stärken? Patienten von Ärzten glauben und hoffen schließlich nicht weniger stark als Patienten von Heilern; warum widerfahren ihnen denn nicht viel häufiger unerwartete Genesungen, falls es dazu lediglich einer Placebo-Reaktion bedürfte? 9. Wenn ein Langzeitpatient, dem kein Arzt helfen konnte, nach ein paar Heilsitzungen ein vermeintlich unheilbares Leiden los wird, so ist ihm reichlich wurscht, ob dafür ein "Placebo-Effekt" oder eher ein "Psi-Effekt" verantwortlich ist, der Mann im Mond oder Rumpelstilzchen. Hauptsache, gesund. Die Placebo-Reaktion: kein Ärgernis, sondern ein Segen 10. Dass Geistheilern ausgerechnet von Ärzten aus dem "Placebo-Argument" ein Strick gedreht wird, ist im Grunde ein schlechter Witz. Denn in Wahrheit sind Placebo-Effekte bei jeglichen Heil­weisen, auch den schulmedizinisch anerkannten, „wissenschaftlich“ abgesicherten und allgemein praktizierten, niemals auszuschließen. Experten schätzen, dass 30 bis 60 Prozent der Wirkung aller ärztlichen Maßnahmen auf den Placebo-Effekt zu­rück­zuführen sind; gar von einem 99-Prozent-Anteil ging provokativ der Psychologe Hans-Jürgen Eyenck aus. (6) Wenn der Einnahme eines Arzneimittels trotzdem eine Besserung folgt, dann weniger dank ir­gend­welcher hochpotenter pharmakologischer In­halts­stoffe als vielmehr aufgrund positiver Erwar­tun­gen der Kranken, die sie wohlgemut schlucken, und ihrer Ärzte, die sie zuversichtlich verschreiben - und dabei unbewusst Placebos verabreichen. (7) Bei jeder schulmedizinischen Therapie wirkt auch die "Droge Arzt" mit. In diesem Zusammenhang lohnt sich ein Rückblick auf die Medizingeschichte. Bis vor wenigen Jahr­zehnten waren die meisten von Ärzten verordneten Medikamente pharmakologisch inaktiv, wenn nicht gar schädlich, wie wir inzwischen wissen. Im 17. Jahrhundert riet ein weitverbreitetes Londoner Arz­neibuch zu solch abenteuerlichen Heilmitteln wie abgezogene Schlangenhaut, zermahlene Skorpione, Schwalbennester, Lunge von Füchsen, den Speichel von Fastenden, Mutterkuchen und Moos von den modernden Schädeln Gehenkter. (8) Hun­dert Jahre später spottete der französische Schriftsteller und Philosoph Voltaire (1694-1778): “Ärzte geben Medikamente, über die sie wenig wissen, in Menschenleiber, über die sie noch weniger wissen, zur Behandlung von Krankheiten, französische Schriftsteller und Philosoph Voltaire (1694-1778): “Ärzte geben Medi­kamente, über die sie wenig wissen, in Menschenleiber, über die sie noch weniger wissen, zur Behandlung von Krankheiten, über die sie überhaupt nichts wissen.” Noch 1860 brachte der amerikanische Schriftsteller Oliver Holmes ein ironisches Gedankenspiel zu Papier: Würden die meisten damals verwendeten Arzneien "auf den Boden des Meeres versenkt, so wäre das um so besser für die Menschheit und um so fataler für die Fische". (9) Generationen von Ärzten setzten überwiegend Placebos oder Schlimmeres ein, ohne sich darüber im klaren zu sein, und insofern ist "die Geschich­te der medizinischen Behandlung bis in relativ neue Zeit die Geschichte des Placebo-Effekts", wie der amerikanische Psychiater und Medizin­historiker A. Shapiro anmerkt. (10) Doch wenngleich sie sich unwissentlich auf Placebos verließ, wahrte die Ärzteschaft doch Ruf und Ansehen als erfolgreiche Heiler­profession, woraus geschlossen werden darf, dass die Mittel ihrer Wahl im großen und ganzen wirksam waren. Hat sich daran bis heute wirklich Wesent­li­ches geändert? Üppig verdient wird mit therapeutischen Illu­sionen unter anderem auf dem Pharmamarkt. Allein in Deutsch­land werden Milliardenge­winne mit Arzneimitteln erzielt, deren einzig gesicherter Effekt in der Bewe­gung der Umsatzkon­ten der rund 850 Her­steller besteht. Über 250 Millionen mal pro Jahr verschreiben Ärzte hier­zu­lande Medika­men­te, deren klinischer Wirk­samkeitsnachweis zu­min­dest strittig ist, wenn nicht gar fehlt; das entspricht 34 Pro­zent des gesamten deut­schen Arzneimit­telmarkts. Wie selbst das Bun­des­gesund­heits­ministerium einräumt, werden in Deutschland Tausende von Medikamenten ver­kauft, für die "kein therapeutischer Nutzen nachgewiesen ist" (11) - mehr als ein Drittel der über 8’000 angebotenen Arzneimittel, die in fünfmal so vielen Darrei­chungsformen und Wirkstärken auf dem Markt sind. Im Verdacht von teuren Massen­placebos stehen etwa durchblutungsfördernde Mit­tel, die vor allem ältere Men­schen in der Hoffnung schlucken, dadurch Wahrneh­mung und Ge­dächt­nis zu verbessern. Auch bei Gallen­wegsmitteln wer­den wesentliche therapeutische Effekte bezweifelt, eben­so bei Leber­schutz­präpa­raten, die strikte Alkohol­abstinenz ohnehin weitgehend erübrigen wür­de; bei Schlank­heitsmitteln; bei Antidepressi­va; bei einem Großteil der urologischen Medikamente. Und nach wie vor stehen überzeugen­de klinische Nachweise dafür aus, dass Rheuma­salben der Wär­me­flasche entscheidend überlegen sind; dass Venen­mittel tatsächlich Krampfadern entlasten und Throm­bosen vorbeugen; oder dass Trop­fen gegen den Grauen Star, sogenannte "Antikata­raktika", wirklich eine Augenoperation erübrigen können. Vermutlich wirkt jedes dritte Medikament, das wir in Apotheken kaufen können, im Grunde gar nicht spezifisch gegen jene Beschwerden, derentwegen es rezeptiert wird. Wenn es dennoch hilft, dann weniger dank irgendwelcher chemischer In­gredienzen als vielmehr aufgrund positiver Erwar­tungen der Kranken, die es wohlgemut schlucken, und ihrer Ärzte, die es zuversichtlich verschreiben. Und lauert der Placebo-Effekt nicht allgegenwärtig in jeder ärztlichen Sprechstunde? Nichts fördert Zu­trau­en mehr als Sozialprestige - und kein Beruf ge­nießt in Deutschland größeres Ansehen als der des Arztes. Entsprechend großen Respekt haben Patien­ten vor ihrem Doktor, sie vertrauen ihm. Sie sind von seinem Titel und seinem Fachjargon beeindruckt, aber auch von seinem Schweigen; jedem Stirnrun­zeln, jedem Räuspern, jedem stummen Kopfnicken messen sie Bedeutung bei. Sie sind beruhigt, wenn der Doktor ihre Beschwerden durch Diagnose-Latein benennt und genau zu wissen scheint, was ihnen fehlt. Sie erleben, wie respektvoll bis devot sein Hilfspersonal zu ihm aufschaut. Sie bestaunen die Fachliteratur in seinen Bücherregalen und all die technischen Apparate um ihn herum, mit denen er so sicher hantiert. All dies fördert doch immens die Erwartung des Patienten, geheilt zu werden - ist also "Placebo". Damit soll keineswegs abgewertet werden, was Ärzte tun, im Gegenteil. Bei Patienten segensreiche Placebo-Reaktionen auszulösen, ist eine hohe ärztliche Kunst, die unverdientermaßen beargwöhnt wird. Dass solche Reaktionen überhaupt vorkommen, müsste bei Medizinforschern und allen in Heilberu­fen Tätigen enthusiastische Aufmerkamkeit wecken; stattdessen gelten sie in der Schulmedizin weithin als Ärgernis, das es herauszufiltern und auszuschalten gilt, wenn der Wert einer therapeutischen Maß­nahme beurteilt werden soll. Für vie­le Ärzte haben Placebos etwas An­rüchiges, Schein­heiliges, Unseriöses; ihr Einsatz scheint auf Tricks und Täu­schungen zu beruhen, insofern auf Quack­salberei hinauszulaufen. Bis ins 18. Jahrhundert hinein hatte “Placebo” die denkbar geringschätzige Bedeu­tung eines Schmeichlers, Schön­red­ners, Kriechers und Schnor­rers. (12) Manche Ärzte verabreichen deswegen, aus ethischen Gründen, niemals Placebo-Präparate. Solche "un­echten" Heilmittel werden von oben herab behandelt, wie eine vorsintflutliche Requisite, derer man sich schämen muss. Auch gelten Placebo-Effek­te als "unecht": Wenn es beispielsweise Schmerz­patienten, nachdem sie ein Placebo eingenommen haben, besser geht, wird diese an sich begrüßenswerte Reaktion gewöhnlich als Indiz dafür gedeutet, dass die Schmer­zen ohne physiologische Grundlage, also "bloß eingebildet" waren. Schon in einem medizinischen Wörterbuch aus dem Jahre 1811 wird "Placebo" abfällig definiert als "Bezeich­nung für jede Medizin, die eher geeignet ist, einen Patienten zufriedenzustellen, als ihm zu nützen." (13) Aber wie­so soll es nicht nützen dürfen, indem es zufriedenstellt? In Wahrheit spricht jeder Mensch auf Placebos an, inner- wie außerhalb des etablierten Medizinbetriebs, sofern sie ihm unter Bedingungen verabreicht werden, die seinen Glauben daran stärken. Und das ist gut so: Denn die Macht des Glaubens, Selbsthei­lungskräfte zu wecken, ist eine weithin unterschätzte therapeutische Größe; sie anzuerkennen und zu nutzen, statt darauf aus zu sein, sie als etwas "Unwirkliches" auszuschalten, würde die Human­medizin nicht nur effektiver machen, sondern letztlich auch humaner. Der Illusion, Placebo-Reaktionen ausschließen zu müssen, kann nur erliegen, wer den Geist für unwirklich hält oder ihm jede Verbindung zum Kör­per abspricht - ihn als "Gespenst in der Maschine" betrachtet, wie der englische Philosoph Gilbert Ryle einmal anmerkte. Dagegen führen die Erfolge von Heilern nebenbei vor Augen, wie innig sich Geist und Körper auf Bah­nen durchdringen, welche ein noch junger Wissen­schaftszweig, die Psychoneuro­im­mu­no­logie, gerade erst nachzuzeichnen beginnt. "Als praktischer Arzt", so erklärt der amerikanische Medizinphilosoph Andrew Weil, "habe ich keinerlei Interesse, eine Placebo-Reaktion bei meinen Patien­ten zu eliminieren. Placebos einzusetzen, die mittels eines psychischen Mechanismus die inneren Heil­kräfte freisetzen, ist nicht Quack­salberei oder Täu­schung, sondern psychosomatische Medizin in ihrer besten Form - schlicht und einfach gute Medizin, gleich nach welchem Maßstab." (14) Insofern sind Heiler oft die besseren Ärzte. Gut, dass du dich ihnen bei uns anvertraut hast. (Harald Wiesendanger) Anmerkungen 1 Der Begriff Placebo tauchte zuerst in der christlichen Liturgie auf. Im 12. Jahrhundert fand der Vers Placebo domino in regione vivorum (Psalm 116,9) - „Ich werde dem Herrn gefallen im Lande der Lebenden“ – Eingang in die Toten­andacht. Im 14. Jahrhundert bezeichnete „Placebo“ den Toten­gesang eines Begräbnischors. Erst im 18. Jahrhundert begannen Mediziner das Wort „Placebo“ in der heutigen Bedeutung zu verwenden. 2 s. Fernheilen, Band 2: Fallbeispiele, Forschungen, Einwände, Erklärungen. Schönbrunn 2004, S. 81 f. und die dort zitierten Quellen 3 Mit dem Placebo-Argument, auf das ich hier nur kurz eingehe, habe ich mich in mehreren Büchern ausführlich auseinandergesetzt; eine detaillierte Kritik, Hinweise auf wissenschaftliche Studien und Quellenangaben finden Sie in Harald Wiesendanger: Fernheilen, Band 2, a.a.O., S. 65-86; Geistheiler – Der Ratgeber, Schönbrunn 5. Aufl. 2007, S. 104-118; Das Große Buch vom Geistigen Heilen, Schönbrunn 4. Aufl. 2000, S. 228-238. 4 Den Forschungsstand fasse ich zusammen in Fernheilen, Band 2, a.a.O. Den detailliertesten Überblick über kontrollierte Studien seit den fünfziger Jahren bietet der amerikanische Arzt und Heiler Daniel Benor: Healing Research, Bd. 1, München 1992. 5 Institut für Demoskopie Allensbach (2003); 75 Prozent waren es in einer Umfrage des Instituts für Demoskopie Allens­bach im Januar 1999 unter 2131 Bundesdeutschen ab 16 Jahren, veröffentlicht in Allensbacher Berichte 4/1999. 6 Bemerkung auf einem Kongress zur Suggestibilität, Gießen, Juli 1987. 7 Siehe D. M. Dunlop/T. L. Henderson/R. S. Inch, “Sur­vey of 17 301 prescriptions of form EC10”, British Medical Journal 1952, S. 292-295 8 Nach Geo 10/2003, S. 55f. 9 Zitiert nach A. K. Shapiro: "The placebo effect in the history of medical treat­ment: Implications for psychiatry", American Journal of Psychiatry 116/1959, S. 298-304, dort S. 301. 10 Shapiro, a.a.O., S. 303. 11 Nach Welt am Sonntag Nr. 10 / 8.3.1998, S. 14: "16.000 Arz­neien ohne Nachweis des Nutzens". 12 Siehe Rupert Sheldrake: Seven experiments that could change the world - a do-it yourself guide to revolutionary science, New York 1995, Kapitel 7, Abschnitt “The Placebo Effect”. 13 Hooper´s Medical Dictionary, zit. in B. Roueché, "Place­bo", in ders.: A Man Named Hoffman and Other Narra­tives of Medical Detection, Boston 1965, S. 92. 14 Andrew Weil: Heilung und Selbstheilung. Über konventionelle und alternative Medizin. Weinheim 1988, S. 261. Dieser Betrag stammt aus dem Buch von Harald Wiesendanger: Auswege – Kranken anders helfen (2015).

  • Damit die „andere“ Medizin nützt – 25 Goldene Regeln für Hilfesuchende

    Wenn Patienten mit der sogenannten Alternativmedizin – dem Herzensanliegen meiner Stiftung Auswege - schlechte Erfahrungen machen, so deshalb, weil sie mehrere Regeln missachten, die ich ihnen dringend ans Herz lege. 1. Konventionelle Medizin pauschal geringzuschätzen, ist töricht. In der alternativen Gesundheitsszene tummeln sich etliche fundamentalistische Eiferer, die sich in der Rolle des Kreuzzüglers gefallen: gegen „die“ herzlose, geldgierige Ärzteschaft, blind für die wahren Bedürfnisse und Krankheitsursachen, die Wesensmerkmale und „feinstofflichen“ Seinsebenen ihrer Patienten. Lass dich nicht dazu hinreißen, dir solche stereotypen Feindbilder zu eigen zu machen. Von Deutschlands 360'000 Ärzten leistet ein Großteil unter schwierigen Rahmenbedingungen gute Arbeit; vielen äußern selber Unbehagen an Aspekten der Schulmedizin, zeigen sich grundsätzlich offen für alternative Ansätze, beziehen sie teilweise sogar in ihre Praxis ein. (1) 2. Sieh in der sogenannten „Alternativmedizin“ keine Alternative. Unkonventionelle Ansätze in Diagnostik und Therapie können herkömmliche in der Regel nicht ersetzen, sondern allenfalls sinnvoll ergänzen. Ausschließlich auf sie setzen sollte nur, wem die Schulmedizin nichts mehr zu bieten hat: der vermeintlich „Behandlungsresistente“, „Austherapier­te“, „Unheilbare“. 3. Sei offen, lass dich unvoreingenommen darauf ein. Zwar profitieren von „alternativen“ Heilweisen häufig auch Skeptiker – entgegen dem gängigen Argu­ment von Kritikern, da würden bloß Placebos verabreicht -, doch Vertrauen, Hoffnung, Zuver­sicht machen Behandlungserfolge wahrscheinlicher. 4. Wähle pragmatisch. Die beste Therapie ist nicht unbedingt jene mit der eindrucksvollsten Theorie („sechsdimensionale Hyperwellen“), dem wohlklingendsten Namen („Quanteninformationstransfor­mer“), der imposantesten Technik - sondern die nützlichste. Die zehntausende Euro teuren Gerätschaften, die bei Verfahren wie der Elektroakupunktur nach Voll (EAV), der Radionik, der Mora- oder Bio­reso­nanztherapie, der Energetischen Terminalpunkt-Dia­gnose (E-T-D) eingesetzt werden, machen zwar einen hochtechnologischen Eindruck; bisher stehen aber überzeugende Nachweise aus, dass sie unspektakulär-technikfreien Methoden deutlich überlegen sind. 5. Überhöre jegliche Art von Heilungsversprechen. Sie sind grundsätzlich unseriös, und diese Form von Scharlatanerie ist auf dem „alternativen“ Gesund­heitsmarkt weitaus verbreiteter als in konventionellen Arztpraxen und Kliniken; wenn Schulmediziner sich über Heilungschancen äußern, tun sie das in der Regel ehrlich. 6. Schraube überzogene Erwartungen zurück. Auch „alternative“ Mittel und Methoden können wirkungslos bleiben oder bestenfalls leichte Linderung verschaffen. Seit einem halben Jahrhundert boomt die „andere“ Medizin: Inzwischen ziehen vier von fünf Deutschen Naturheilmittel chemischen Medikamen­ten vor; 88 Prozent glauben, dass Naturmedizin Beschwerden lindert, und 82 Prozent, dass sie auch heilt (2), drei Viertel der Bevölkerung hat sich schon wenigstens einmal auf ein Naturheilverfahren eingelassen (3). Sogar 60 Prozent der Unentschiedenen und immerhin 55 Prozent der Skeptiker probieren Alter­nativmedizin aus. (4) Hätte dieser sprunghafte Zu­wachs an Aufgeschlossenheit nicht längst seinen medizinstatistischen Niederschlag finden müssen? Gesünder geworden ist Deutschland freilich keineswegs. Dass chronische Krankheiten weiterhin rasant zunehmen, deutet darauf hin, dass die Wirksamkeit „alternativer“ Therapien, die Qualität ihrer Anwen­der oder beides mit ihren Verheißungen nicht annähernd Schritt hält. 7. Habe Geduld. Je fortgeschrittener ein Leiden ist, je länger es bereits andauert, desto schwerer ist ihm beizukommen, zumal mit „alternativen“ Ansätzen, von denen ein Großteil nicht auf Symptombekämpfung setzt, sondern auf das Wecken von Selbstheilungs­kräften. Deren Entfaltung braucht Zeit. 8. Werde zum bewussten Selbstheiler. Mache dir klar, was du selbst zu deiner Genesung beitragen kannst. Keine Heilung kann gelingen, wenn du nicht mithilfst, die inneren und äußeren Umstände zu ändern, unter denen sich deine Krankheit entwickelte: deine Lebensweise, deine Einstellungen und Gewohnhei­ten, deine Beziehungen. 9. Unterscheide zwischen Therapie und Therapeut. Keine Behandlungsweise ist zu vorzüglich, um in den Händen eines Anwenders, dem es an Erfahrung, Sorg­falt und besten Absichten mangelt, nicht wirkungslos zu verpuffen. Das schmeichelhafte Selbst­bild des „alternativen“ Heilkundigen präsentiert uns einen Gutmenschen voller Empathie, Geduld, Acht- und Behutsamkeit, der für alle Dimensionen des Krankseins sensibel ist. Nach über einem Viertel­jahrhundert in der „anderen“ Gesundheitsszene kann ich aus Erfahrung versichern: Dieser Typus ist keineswegs die Regel; auch dort trifft man auf verschrobene Sonderlinge, geltungssüchtige Eigenbrötler, emotional unterentwickelte Besserwisser. In Wahr­heit sind Egozentrik, Narzissmus, Profitgier, Techno­manie, emotionale Verkümmerung und kommunikative Inkompetenz auch außerhalb der Schulmedizin durchaus verbreitete Berufskrankheiten. 10. Keine Therapie taugt als Allzweckwaffe. Keine hilft jedermann in jedem Fall bestens, jede hat besondere Stärken bei speziellen Anwendungen: Akupunk­tur und Neuraltherapie beispielsweise bei Schmerz­zuständen ohne organischen Befund; die Mikrobiolo­gi­sche Therapie (Symbioselenkung) bei immer wiederkehrenden Entzündungen; bestimmte ätherische Öle der Aromatherapie bei Husten und Stress; die Fußreflexzonenmassage bei Funktionsstö­run­gen der Blase, der Geschlechtsorgane und der Lenden­wirbelsäule, mit denen Fußsohle, Ferse und Knöchel durch Nervenbahnen verbunden sind. 11. Setze nicht bloß auf ein Pferd. Nicht nur vertragen sich die meisten „alternativen“ Therapien miteinander – oft ist eine Kombination von mehreren aussichtsreicher, als bloß eine anzuwenden. Dement­sprechend kommen unter den erfolgreichsten unkonventionellen Therapeuten ausgesprochene Metho­denfetischisten selten vor; die meisten bevorzugen mehrere Ansätze, die sie je nach Einzelfall mit unterschiedlicher Gewichtung einsetzen, wobei sie sich von Erfahrung und Intuition leiten lassen. 12. Nutze Beratungsangebote. „Alternativmedizin“ besteht aus einem wirren Sammelsurium von Konzepten, Methoden und Mitteln. Welche in deinem besonderen Fall einen Versuch wert sind, kannst du als medizinischer Laie schwerlich einschätzen. Etliche Einrichtungen bieten Telefonberatung: etwa die Gesellschaft für Biologische Krebsabwehr, die Deutsche Rheuma-Liga und das Deutsche Grüne Kreuz (für Schmerzpatienten), ebenso die Stiftung Auswege mit einem eigenen Infodienst, in dem Ärzte, Heilpraktiker, Psychologen, Heiler und weitere Fachkräfte ehrenamtlich mitwirken. 13. Die „sanfte“ Medizin ist keineswegs immer sanft. Auch sie kann zu unerwünschten Nebenwirkungen führen: Akupunktur beispielsweise kann Blutgefäße verletzen, zu kurzzeitigem Taubheitsgefühl und Schwindel bis hin zu Bewusstseinsverlust führen; das „Baunscheidtieren“, bei dem ein mit feinen Nadeln gespicktes Stichelgerät über die Haut gerollt wird, kann Infektionen verursachen; Osteopathie und Chiropraktik schließen keineswegs risikofreie Mani­pu­lationen an der Wirbelsäule ein; viele Heilpflanzen wirken in Überdosen hochgiftig. 14. Nimm „alternative“ Diagnosen nicht ohne weiteres für bare Münze. Häufig werden Patienten dadurch verunsichert, ohne dass eine Chance besteht, die vermeintlich fatalen Erkenntnisse unabhängig zu überprüfen: sei es, weil sie auf subjektiven Eindrücken des Diagnostikers beruhen - wie beim kinesiologischen Muskeltest oder beim Pendeln - oder „feinstoffliche“ Zustände anzeigen, die keinen anerkannten Mess­methoden zugänglich sind, etwa bei Aura- und Chakra-„Analysen“. Wann immer verbreitete kom­ple­mentärmedizinische Diagnoseverfahren wie die angewandte Kinesiologie, die Haaranalyse, die Irisdiagnostik, die Kirlian-Fotografie, die Pulsdia­gno­se oder der Vegatest auf ihre Zuverlässigkeit hin wissenschaftlich überprüft wurden, lagen die beobachteten Trefferquoten im Zufallsbereich oder bloß knapp darüber. (5) Besonders erfahrene Diagnostiker mögen treffsicherer sein – von Unfehlbarkeit sind aller­­dings auch sie weit entfernt. Besonders heikel sind unkonventionelle Methoden, angeblich bösartige Erkran­kun­gen bereits in „Vorstadien“ zu erkennen, in denen sie sich noch nicht „auf der physischen Ebene“, sondern erst auf einer „energetischen“ ausgeprägt haben; solche „Enthüllungen“ können Betroffene grundlos in Angst und Schrecken versetzen. 15. Lass dich nicht durch Werbung ködern. Hinter jedem Inserat versteckt sich die Botschaft: „Hallo, ich habe zuwenig zu tun!“ Die erfolgreichsten Thera­peuten haben dergleichen nicht nötig – allein die Mundpropaganda zufriedener Patienten füllt ihnen die Praxis. 16. Lass dich von Massenmedien nicht voreilig euphorisieren. Kritiklose Jubelarien auf eine angeblich neuartige, sensationell wirkungsvolle Therapie erhöhen Auflagen und Einschaltquoten, weshalb Zeitschriften und Fernsehanstalten sie gerne anstimmen. Pro­du­ziert werden sie häufig von Redakteuren und freien Journalisten, denen es an medizinischer Sachkenntnis mangelt, oder von PR-Profis in Diensten der Anbieter. Nicht selten wird positive Berichterstattung skrupellos gekauft: häufig über Koppelgeschäfte – teure An­zeigen nur gegen wohlwollende Erwähnung im redaktionellen Teil -, vereinzelt sogar durch Bestechung. Manche klammen Privatsender bieten Therapeuten für vier- bis fünfstellige Eurobeträge schamlos Sende­zeiten zur Selbstbeweih­räu­che­rung an, wohlwollende Modera­ti­on inklusive. 17. Misstraue Berichten über angebliche Wunderhei­lun­gen. Auch in der Alternativmedizin bleiben rasche, vollständige, dauerhafte Genesungen seltene Ausnahmen. Teilweise beruhen sie auf Faktoren, die mit der angewandten Therapie nichts zu tun haben: auf begleitenden konventionellen Maßnahmen, auf drastischen psychischen oder sozialen Veränderun­gen. Bisweilen verschwinden chronische Schlafstö­run­gen, weil endlich ein Job gefunden wird, ein neuer Lebensgefährte auftaucht, ein Unterdrücker aus dem Umfeld verschwindet. Ein Wechsel des Arbeitsplat­zes, der Schulklasse kann eine vermeintliche Sozio­phobie in Luft auflösen. 18. Meide die vermeintlichen "Stars" der Therapie­szene. Meist sind sie zu überlaufen, zu teuer, zu weit weg. 19. Profitiere von Erfahrungen anderer Patienten. Für beinahe jede Diagnose bieten sich Hunderte von Inter­netforen, über 70'000 Selbsthilfegruppen und rund 600 Patientenorganisationen als wertvolle In­for­mationsquellen an. Adressen vermitteln unter ande­rem die „Nationale Kontakt- und Informationsstelle zur Anregung und Unterstützung von Selbsthilfe­grup­pen“ (NAKOS, www.nakos.de) und die „Weiße Liste“ (www.weisse-liste.de), die „Unabhängige Pa­tientenberatung Deutschland“ (UPD, www.patientenberatung.de), die „Bundesarbeitsgemeinschaft der PatientInnenstellen und -Initiativen“ (BAGP, www. bagp.de). 20. Schließe nicht voreilig von anderen Fällen auf den eigenen. Bei ein und derselben Diagnose hängen Behandlungserfolge von vielerlei individuellen Fak­toren ab; wie jeder Mensch, so sind auch die G­e­schich­te seiner Erkrankung, seine Lebensumstände, seine innere Verfassung, seine Potentiale einzigartig. 21. Hinterfrage Gütesiegel. Der Handel mit Titeln und Urkunden, das Prüfungs- und Zerti­fizierungswesen, nach allzuoft hanebüchenen Maß­stä­ben der „Quali­täts­sicherung“, ist für viele Verbän­de und Aus­bil­dungs­einrichtungen auf dem alternativen Gesund­heitsmarkt längst zu einer lukrativen Einnahme­quel­le geworden; sie verdienen an werbeträchtigen Eti­ketten, die den Abnehmern willkommene Wett­bewerbsvorteile verschaffen. Alle Beteilig­ten profitieren davon, letztlich auf Kosten der Hilfesuchenden. (6) 22. Das Teuerste muss nicht das Beste sein. Auch Alternativmediziner verfolgen Geschäftsinteressen, und weil sie in einem nachfragegetriebenen Wachs­tumsmarkt agieren, ist die Versuchung groß, sich an Hilfesuchenden zu bereichern. Jährlich werden in Deutschland pflanzliche Heilmittel für rund zwei Milliarden Euro verschrieben und rund neun Milliar­den Euro für komplementär- und alternativmedizinische Verfahren ausgegeben (7); der weltweite Umsatz mit Alternativmedizin wird auf 60 Milliarden US-Dollar pro Jahr geschätzt (8). Gemessen am Zeitauf­wand der angebotenen Behandlungen, den Quali­fi­kationen der Anbieter bewegen sich die Honorarfor­derungen oft auf unverschämt hohem Niveau, gelegentlich weit oberhalb der üblichen Sätze von Ärzten und Psychotherapeuten. Vorkasse sollte keinesfalls geleistet werden, schon gar nicht für eine größere Zahl von Sitzungen. Besondere Vorsicht ist bei „Fern­behandlungen“ geboten: Ob ein Radioniker, ein Geist­­heiler mit seinem weit entfernten Klienten tatsächlich arbeitet, kann dieser in der Regel nicht überprüfen. 23. Spiritualität bürgt nicht für Wirksamkeit. Jahrtausendelang wurden Patienten von der Medizin ihrer Zeit spirituell bestens versorgt: Als „Strafen“, als Böswilligkeiten von Dämonen erhielten ihre Krankheiten eine sinnstiftende Deutung, die sie in einen umfassenden weltanschaulichen Rahmen stellte, in ein mit Geist, Göttern und höchsten Zwecken ausgestattetes Universum. Im alten Mesopotamien bei­spielsweise galt der weibliche Dämon Lilith als Ver­ursacherin von Kindbettfieber und plötzlichem Kinds­tod; als Ehemann und Vater ziehe ich moderne Geburtshilfe und Pädiatrie, die mir Frau und Kind gottlos am Leben hält, sumerischer Mythologie freilich bedenkenlos vor. Die Syphilis – jene hochansteckende Geschlechtskrankheit, der vom Ende des 15. Jahrhunderts bis ins 20. hinein Millionen Infizierter zum Opfer fielen – trägt ihren ursprünglichen Trans­zendenzbezug schon im Namen: Syphilus hieß im Gedicht eines veronesischen Arztes aus dem Jahre 1530, das einen antiken Mythos aufgriff, ein Schaf­hirte, der für Gotteslästerung mit einer neuen Krankheit, der Syphilis, büßen musste. Als Betroffe­ner würde ich allerdings im Tausch gegen eine wirksame Antibiotikaspritze freudig auf solcherlei Sinn­stiftung verzichten. Brauchen wir wirklich noch Priesterärzte? 24. Lass dich nicht zum Sündenbock machen. Dass „jede Heilung letztlich Selbstheilung“ ist, nutzen alternative Therapeuten gerne zu bequemen Aus­flüchten, wenn ihre Grenzen offenkundig werden: “Wenn ich nichts oder zuwenig zustande bringe, liegt das nicht an mir, sondern am Patienten: seinem Kar­ma, seiner mangelnden Offenheit, seiner spirituellen Unterentwicklung, seinen energetischen Blockaden, einer göttlichen Vorsehung.“ Weil sich solche Hemm­nisse stets herbeispekulieren lassen, immunisieren sie Therapeuten vorzüglich gegen jedwede Kritik. Dass es letztlich der Patient ist, der sich selber heilt, ändert nichts an dem Umstand, dass in Gegenwart mancher Therapeuten Selbstheilungsprozesse deutlich häufiger, rascher, nachhaltiger und bei schwerwiegenderen Diagnosen in Gang kommen als bei anderen. Die­se Unterschiede hängen zweifellos auch mit Fähig­keiten zusammen, über die Heiler in recht unter­schiedlichem Maße verfügen. Diese zu vergleichen, ist legitim, notwendig und durchaus möglich. Sonst verlassen Sie schlimmstenfalls eine Praxis nicht bloß ebenso krank und ein wenig ärmer als vorher - obendrein müssen Sie sich noch schuldig fühlen. 25. Sei nicht aus Prinzip „alternativ“ – die Medizin macht Fortschritte, demnächst vielleicht auch im Falle deiner Diagnose. Um auf ein vorheriges Beispiel zu­rück­zukommen: Hätten erste „Auswege“-Camps bereits vor neunzig Jahren stattgefunden, so hätten sich dort vermutlich etliche Syphilis-Patienten eingefunden. Bis dahin hatte ihnen die Schulmedizin nämlich bloß zwei extrem belastende Therapien anzubieten: Hochgiftiges Quecksilber wurde inhaliert, oral eingenommen oder großflächig auf die Haut gestrichen, woraufhin gewöhnlich alle Zähne ausfielen und sämtliche Körperfunktionen rapide verfielen; oder es wurde die Arsenverbindung Salvarsan injiziert, zuvor mit Natronlauge versetzt, was zu schweren inneren Verätzungen führte. Während des Camps hätten Betroffene womöglich von einer „alternativen“ Syphilisbehandlung erfahren, die auf südamerikanische Schamanen zurückgeht: Sie kombinierte Tees aus Holz, Rinde oder Wurzel des Guajakbaumes oder der Stechwinde (Sarsaparille) mit Schwitz­bädern und Fastenkuren, was tatsächlich zu zeitweiligen Besserungen führte, vereinzelt sogar zu vollständigen Heilungen. Doch seit Mitte der vierziger Jahre wird Syphilis überaus erfolgreich mit Penicillin behandelt, gegen das die Erreger, Treponema pallidum-Bakte­rien, bis heute keine Resistenzen entwickelt haben. Und wer käme noch mit einer „Schwind­sucht“ zu uns, seit es Antituberkulotika gibt: wirksame Anti­biotika gegen die auslösenden Mykobakte­rien? Oder brächte heutzutage irgendeine Mutter noch ihr Kind mit Skorbut in unser Therapiecamp? Längst hat die Schulmedizin ihn als Mangelerkran­kung identifiziert, die nur auftritt, wenn anhaltend Vitamin C in der Nahrung fehlt. Ist auszuschließen, dass weitere Erkenntnisfortschritte früher oder später auch Rheu­ma, Krebs, MS, Parkinson, Alzheimer und andere vorerst widerspenstige Leiden heilbar ma­chen? Gibt es denn irgendeine Krankheit, an denen konventionelle Ansätze prinzipiell für immer scheitern müssen? Solange ein vorherrschendes Medizin­system vor bestimmten Er­kran­kun­gen kapitulieren muss, wird Heilung immer auch außerhalb angeboten und gesucht werden. Dabei muss es nicht notwendig bleiben. Die jahrtausendelange Ära „alternativer“ Heilkunde könnte irgendwann durchaus zu Ende sein, falls die Schul­medizin ihre Angebote teils integriert, teils durch neue Therapien überflüssig macht. Das 100. oder 200. „Auswege“-Camp wäre dann vielleicht das letzte, ohne dass dies ein Grund zum Bedauern wäre. (Harald Wiesendanger) Anmerkungen 1 Mehr hierzu in H. Wiesendanger (Hrsg.): Geistiges Heilen in der ärztlichen Praxis – Damit die Humanmedizin humaner wird, 5. erw. Aufl. Schönbrunn 2005, Einführung S. 7-48. 2 Nach einer Umfrage des Apothekenmagazins Gesundheit, zit. bei www.medizinakuskunft.de/diagnose/alternativ/10_11_alternativmedizin.php 3 Robert Koch-Institut: Inanspruchnahme alternativer Metho­den in der Medizin, Reihe Gesundheitsberichterstattung des Bundes, Heft 9, Berlin 2002. 4 Nach einer Repräsentativumfrage im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung und der Barmer-GEK unter 1782 Personen im Jahre 2012, zit. bei Spiegel Online, 23.11.2013. 5 Edzard Ernst, „Komplementärmedizinische Verfahren“, Deutsches Ärzteblatt 102 (44) 2005, S. 3034-3037. 6 Am Beispiel des Geistigen Heilens stelle ich das „magische Dreieck der Geldvermehrung“ dar in Heilen ‚Heiler’? Ein Wegweiser für Hilfesuchende, 4. Aufl. Schönbrunn 2011. 7 Stand 2006, nach Anja Achenbach, „Millionenmarkt Naturheilkunde“, Financial Times, 21. Januar 2009. 8 Stand 2008, nach Mark M. Tanaka/Jeremy R. Kendal u.a.: „From Traditional Medicine to Witchcraft: Why Medical Treat­ments Are Not Always Efficacious“, PloS One 4(4) 2009. Dieser Beitrag ist dem Buch von Harald Wiesendanger: Auswege – Kranken anders helfen (2015) entnommen.

"Auswege Infos" abonnieren
und keinen neuen KLARTEXT-Beitrag verpassen.
"Auswege Infos" ist der Gratis-Newsletter meiner Stiftung Auswege.

© 2021 by Harald Wiesendanger

bottom of page