• Dr. Harald Wiesendanger

Wozu philosophieren?

Philosophie habe ich im Hauptfach studiert. „Wie konntest du nur?“, fragte mich meine jüngste Tochter. „Wäre das auch etwas für mich?“ Daraus entstand der folgende Erklärungsversuch.


„Du solltest sophipholieren!“ Falls jemand mir so etwas ernsthaft vorschlägt, wäre ich höflich. Denn es gibt ja fast nichts, was es nicht gibt. Zuallererst würde ich ihm vier Fragen stellen: Was ist das überhaupt? Worum geht es dabei? Wie macht man es? Was hätte ich davon?


Was ist Sophipholieren? Ein Nichts, das Wort ist frei erfunden. Quatsch also. Aber wenn ich darin Vokale und Konsonanten umstelle, komme ich zu einer Tätigkeit, von der es heißt, sie sei alles andere als Humbug, sondern besonders wichtig und wertvoll: Philosophieren. Und da stelle ich dieselben vier Fragen.


Was Philosophieren ist, ahnt jeder, zumindest ein bisschen: Man denkt dabei nach – nicht über alles Mögliche, sondern über besonders allgemeine Fragen. Man kann darin besser werden, sonst wäre es kein Schulfach. Das Erlernen ist besonders schwierig, sonst wäre es nicht etwas, was man erst an einer Uni studieren muss, bevor man es richtig drauf hat. Es ist etwas, womit man sich ein ganzes Leben lang beschäftigen kann, sonst gäbe es nicht den Beruf des Philosophen.


Würde ich es gerne studieren? Das hängt zum Teil davon ab, worum es dabei geht. Wenn ich „Philosophie“ google und ein paar der angebotenen Links anklicke, stoße ich auf Themen­listen, die sich ziemlich gleichen: Was ist Wahrheit? Was kann ich wissen? Was darf, soll, muss ich tun? Was ist Gerechtigkeit? Gibt es eine Seele? Hat unser Leben Sinn? Was ist nach dem Tod? Ist unser Wille frei? Gibt es Gott? Wer bin ich? Was unterscheidet Menschen von Dingen?


Interessieren mich diese Fragen? Ja, die einen mehr, die anderen weniger. Manche haben mich schon beschäftigt, bevor es im Schulunterricht um sie ging. Denn sie begegneten mir nicht erst in Lehrbüchern, sondern im Alltag. Da streiten Menschen, weil sie unter­schied­licher Meinung sind – wie findet man heraus, welche Meinung wahr ist? Wie wird aus dem, was sie glauben, Erkenntnis? Was ich tue, finde ich meistens moralisch gut – aber wie begründe ich das gegenüber jemandem, der das anders sieht? Ich rege mich über Ungerechtig­keiten auf – welche Maßstäbe lege ich dabei an, und sind die bloß meine, oder gelten sie für jeden? Zu mir gehört ein Körper – bin ich bloß einer, oder habe ich ihn und außerdem noch etwas, das von ihm unabhängig ist? Ich weiß, dass ich sterben muss – kommt nach dem Tod noch etwas? Ich habe ein Gehirn - wenn alles, was ich denke, will und tue, davon abhängt, was darin vor sich geht, wie kann ich da noch frei sein? Ich bin religiös erzogen worden, ich glaube an Gott - bete ich zu etwas, was es vielleicht gar nicht gibt?


Das alles lässt mich nicht kalt. Aber zu keiner einzigen Frage ist mir bisher etwas eingefallen, von dem ich sagen konnte: „Das ist die Antwort. Problem gelöst. Abgehakt.“


Das könnte daran liegen, dass ich mich nicht richtig damit befasst habe, nicht so, wie ein Philosoph es tun würde. Aber was tut er, was kann er besser als ich?


In gewisser Weise kann er nichts anderes tun als ich: nachdenken. Denn offenbar geht er mit seinen Fragen anders um, als es ein Naturwissenschaftler tun würde. Um Antworten zu finden, beobachtet er nicht, er führt keine Befragungen durch, er experimentiert nicht, er macht keine Tests. Also weiß er nichts aus Erfahrung. Kann er dann überhaupt etwas wissen? Wissen Philosophen irgendetwas? Haben sie gesicherte Erkenntnisse, wenigstens eine?


Auch darauf suchte ich eine Antwort in den Homepages, die Google mir zum Stichwort „Philosophie“ vorschlug. Irgendwann brach ich frustriert ab. Mein Eindruck war: In der Philosophie ist nichts gewiss. Nichts ist so klar, dass darüber nicht weiter diskutiert werden könnte. Zu jeder Frage fand ich mindestens zwei gegensätzliche Standpunkte, oft sogar fünf, zehn und mehr. Für jeden gab es gute Argumente. Aber auch die Gegenargumente waren nicht schlecht. Keines war zwingend.


Wie kann das sein? Wird nicht seit Jahrtausenden philosophiert? Taten das nicht einige der klügsten Köpfe der Menschheitsgeschichte? Tun es heute weltweit nicht viele Tausend professionell? Wenn anscheinend keiner bisher irgendeine endgültige Lösung fand, wie kann ich da erwarten, dass es mir jemals gelingt? Und wozu sollte ich mich mit unlösbaren Fragen auseinandersetzen? Will ich einen Berg hochklettern, wenn ich nie oben ankommen kann?


Andererseits: Ist eine Frage nur dann gut, wenn es eine sichere Antwort auf sie gibt,

und nicht viele unsichere? Nicht nur im Fach Philosophie, auch in anderen Schulfächern beschäftigen wir uns manchmal mit Fragen, die am Ende offen bleiben: Was wäre, wenn Hitler den Zweiten Weltkrieg gewonnen hätte? Was hat der Dichter mit seinen Zeilen wirklich gemeint? Wieviele Flüchtlinge sind zuviele? Könnte Umweltverschmutzung dazu führen, dass die Erde irgendwann unbewohnbar wird? Hätten wir eine bessere Gesellschaft, wenn es kein Geld gäbe? Was würde geschehen, wenn wir Kontakt zu außerirdischen Wesen bekämen? Wie wäre es für uns gewesen, zu Zeiten Jesu zu leben, oder im Mittelalter? Es stimmt nicht, dass mir Unterrichtsstunden darüber nichts gebracht haben. Ich habe Möglichkeiten bedacht, auf die ich vorher nie gekommen wäre. Ich habe unterschiedliche Standpunkte kennengelernt und miteinander verglichen. Dabei habe ich mehr über das Thema gelernt, über Andere und auch über mich selbst.


Könnte es nicht genauso sein, wenn ich mich mit philosophischen Fragen beschäftige, ein Buch darüber lese oder einfach nur im Stillen über sie nachdenke? Ist es nicht wichtig zu erfahren, dass es unterschiedliche Standpunkte gibt? Wie sie begründet werden können? Herauszufinden, wie gut diese Gründe sind? Dabei vielleicht zu merken, dass es für manche Standpunkte bessere Argumente gibt als für meinen eigenen?


Außerdem hilft mir Philosophieren, klarer zu denken. Denn dabei tauchen Begriffe auf, die ich im Alltag wie selbstverständlich verwende – fast so wie ich atme, ohne auf Luftsauerstoff und Lungenfunktion zu achten. Oft merke ich erst beim Nachdenken über einen Begriff, dass ich bisher gar nicht genau wusste, was ich damit eigentlich meine. Was bedeutet das Wort „Sinn“? Was meine ich mit „ich“? Worauf beziehe ich mich, wenn ich von „Geist“ und „Seele“ spreche? Worin besteht „Freiheit“ überhaupt? Was heißt es, „gut“ zu sein? Das sollte mir nicht egal sein, denn wie kann ich eine Meinung haben, ohne zu wissen, worüber? Und oft hatte ich den Eindruck: Sobald Begriffe klar sind, müssen Fragen anders gestellt werden, manche werden sinnlos, und manche Antworten zweifelhaft. Es ist, als hätte sich grauer Dunst aufgelöst. Nun kommt manches deutlich zum Vorschein, anderes erweist sich als Nebelschwade.


Ist Philosophieren langweilig? Nein, es kann spannend sein, denn auch dabei gibt es oft etwas zu entdecken: keine neue Tierart, keinen neuen Planeten, kein neues Elementarteilchen, sondern Aspekte und Argumente, auf die ich bisher nicht gekommen bin. Und immer habe ich dabei das Gefühl: Hier geht es um etwas, das mir mehr gibt, als darüber zu labern, wer die meisten Facebook-„Freunde“ hat, welches Parfum gerade angesagt ist, ob Kim Kardashian cool ist oder Slipknot heißere Musik macht als Linkin´Park.


Macht Philosophieren einsam? Im Gegenteil. Philosophische Fragen diskutiere ich am liebsten mit Freunden. Mir bringt das mehr, als alleine vor mich hinzugrübeln. Solche Gespräche sind anregend und lehrreich, sofern jeder sich ernsthaft darauf einlässt.

Sie führen mir Gegensätze und Widersprüche vor Augen. Sie helfen mir, Dinge aus anderen Perspektiven zu sehen. Sie regen meine Phantasie an. Sie trainieren mich darin, mich klarer auszudrücken und logisch zu begründen, was ich glaube. Sie schützen mich davor, Vorurteile zu übernehmen und mich manipulieren zu lassen. Sie machen mich offener, toleranter und selbstkritischer. Sie erziehen alle, die mitmachen, zu Demokratie: Nur wer immer Recht haben will und die Macht, uns seine Meinung aufzuzwingen, der mag sie uns nicht zur Diskussion stellen, gleichberechtigt und gewaltlos – ihm passt es nicht, wenn wir den

eigenen Verstand gebrauchen.


Macht Philosophieren ernst? Nicht unbedingt. Es kann Spaß machen, Argumente auszutauschen, man kann daraus sogar Rollenspiele und Wettbewerbe machen: Hanna tut so, als sei sie Materialistin – schafft es jemand, sie zu davon abzubringen? Philipp spielt Papst, Matthias den Gottlosen – wer wird das letzte Wort haben? Oder wir bilden zwei Teams, jedes bekommt ein Blatt Papier, eine Viertelstunde Zeit und dasselbe philosophische Thema: „Überleben wir den Tod unseres Körpers? Was spricht dafür, was dagegen?“ Welches Team findet mehr Argumente, die Pro- oder die Kontra-Seite?


Während ich das schreibe, hat es sich auf meinem Schoß Eve gemütlich gemacht, meine schwarze Katze. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie ebenso Schmerzen empfinden kann wie ich. Dass sie nicht bloß Hunger hat, sondern ihn spürt, wenn sie zu ihrem Fressnapf läuft. Dass sie traurig ist, wenn sie bemerkt, dass ich das Haus verlasse. Dass sie sich wohlfühlt, wenn ich sie streichle. Aber genauso sicher bin ich mir, dass sie sich niemals fragt, wozu sie lebt. Nie ist ihr bewusst, dass sie in spätestens fünfzehn Jahren nicht mehr existieren wird, und bestimmt denkt sie nie darüber nach, ob es für Katzen ein Leben nach dem Tode gibt. Ja, sie weiß nicht einmal, dass sie eine Katze ist. Nie wird für sie zum Problem, ob ihre Gefühle rein körperlich sind oder etwas ganz anderes, etwas Seelisches. Ja, sie fragt sich überhaupt nichts. Nie wird sie sich dessen bewusst sein, dass sie mein Weggehen bemerkt, und überlegen, was Bewusstsein überhaupt ist. Nie wird sie beschäftigen, ob ich sie liebe, wenn ich sie streichle, und was Liebe bedeutet. Niemals philosophiert sie. Aber ich kann es, über sie, über mich, über die Welt. Ist es nicht faszinierend, etwas zu tun, was Menschen allen übrigen Lebewesen voraus haben?


Und noch etwas habe ich beim Philosophieren gelernt: Man muss nicht hundert Bücher gelesen haben, ehe man damit beginnen kann. Ich brauche dazu keine Bibliothek, sondern bloß eines: meinen Verstand. Philosophieren ist eigenes Nachdenken, kein Nach-Denken von etwas, was Andere vor-gedacht haben. Zwar weiß ich dann noch nicht, was Platon, Descartes und Kant gedacht haben. Aber immerhin ahne ich nun, dass mich ihre Gedanken etwas angehen.


Wenn das alles ist, was mir Philosophieren bringt, ist es dann genug? Sollte ich mir Zeit dafür nehmen? Wieviel? Ich kann mir nicht vorstellen, mich ein ganzes Leben lang beruflich mit philosophischen Fragen zu befassen, nicht nur, weil ich keine Ahnung habe, wie man davon leben könnte. Ich stelle mir Fragen dann gerne, wenn sie mich berühren. Was einen Menschen von einem Objekt unterscheidet, frage ich mich in Situationen, in denen Menschen wie Objekte behandelt werden: benutzt, zur Schau gestellt, missbraucht. Ob es ein Leben nach dem Tod gibt, wird für mir wichtig, wenn jemand stirbt, den ich liebe, oder wenn mir klar wird, dass mein eigenes Ende nahe ist. Ob mein Leben Sinn hat, frage ich mich, wenn ich etwas verloren habe, das ihm bisher einen Sinn gegeben hat: beispielsweise meine Arbeit, meine Heimat, meine beste Freundin, meine Gesundheit. Ob ich wirklich frei bin, beschäftigt mich dann, wenn ich das Gefühl habe, dass meine Freiheit bedroht ist. Aber könnte ich ständig zweifeln, ob mein Leben Sinn macht? Könnte ich ständig hinterfragen, ob ich überhaupt etwas weiß? Könnte ich mir ständig meines sicheren Todes bewusst sein?


Mir tagaus, tagein solche Fragen zu stellen, würde mich unglücklich machen. Ihnen manchmal nachzugehen, finde ich weise, ich liebe es.


Ach ja, „Philosophie“ kommt aus dem Griechischen, wörtlich bedeutet es „Liebe zur Weisheit“.

(Harald Wiesendanger)


Illustrationen: Titelbild: Gerd Altmann/Pixabay


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