• Dr. Harald Wiesendanger

Hat mein Leben Sinn?

Von all ihren Schulfächern liebte meine jüngste Tochter Philosophie am meisten. Irgendwann kündigte der Lehrer an, in der nächsten Stunde werde es um die besonders spannende Frage gehen: „Hat mein Leben Sinn?“ Darauf bereitete ich mein Kind mit folgendem Essay vor, in dem ich ihre Perspektive einzunehmen versuchte.


Was ist ein Experte? Jemand, der sich auf einem bestimmten Gebiet weitaus besser auskennt als die meisten Anderen. Wenn dort etwas unklar ist, fragt man ihn. Aus dem Fernsehen kenne ich Experten für die Börse, für das Wetter, für Terrorismus, für Erziehungsfragen, für Verbraucherrecht und so weiter.


„Den“ Experten gibt es nicht, man ist es immer nur in Bezug auf eine bestimmte Gruppe. Für uns ist jeder Wissenschaftler ein Experte auf seinem Fachgebiet: zum Beispiel der Biologe für Lebensformen, der Historiker für Geschichte, der Mathematiker für Zahlen und geometrische Figuren. Unter seinen Kollegen würde ihn allerdings keiner so nennen, denn alle wissen ungefähr gleich viel über ihr Fachgebiet.


Umgekehrt gibt es bestimmt in jeder Gruppe Experten für dieses und jenes. Zum Beispiel in meiner Schulklasse: Da ist Marvin der Experte für Blondinenwitze, Anja für Miley Cyrus, Alex dafür, wie man Lehrer auf die Palme bringt. Und ich fürs Trösten. In meiner Familie ist Mama die Expertin fürs Kochen - mein Vater kann höchstens Wasser erhitzen. (Smiley.) Dafür ist er der Experte für Fußball und Schach. Von beidem haben seine Frau und Kinder keine Ahnung – sagt er jedenfalls -, und darauf sind sie auch noch stolz. (Noch ein Smiley.)


Gibt es Gebiete, auf denen jeder von uns sozusagen Experte ist? Bei denen es also strenggenommen Quatsch wäre, überhaupt von „Experten“ zu reden? Na klar. Von Babies abgesehen, weiß jeder von uns, wie man mit Messer und Gabel umgeht. Jeder von uns kann Sätze bilden. Jeder von uns weiß, wie man sich Kleider anzieht, eine Tür öffnet und gekochte Eier schält.


Und ist nicht jeder von uns Experte, wenn es um Sinnfragen geht? Beweisen wir nicht Tag für Tag, dass wir bestens wissen, wozu etwas getan wird, welchen Zweck etwas hat? Ein Kamm ist dazu da, sich die Haare zu kämmen. Der Sinn von Zebrastreifen ist es, Fußgänger zu schützen, wenn sie die Straße überqueren. Unterrichtspausen sind zum Erholen da (falls Alex nicht gerade nervt).


Und gilt das nicht auch, wenn es um mich selbst geht? Wozu ist das schwarze Ding auf meinem Nachttisch gut? Das ist ein Wecker. Zu welchem Zweck stelle ich ihn auf 5:30 Uhr? Damit ich eine halbe Stunde später startklar bin. Wozu breche ich um 6 Uhr auf? Damit ich den ersten Zug nach Heidelberg erreiche. Und wozu das? Damit ich pünktlich zur ersten Unterrichtsstunde in meiner Schule eintreffe, und so weiter. Bestimmt könnte man mir jeden Tag tausend Sinnfragen stellen, in Bezug auf beliebige Dinge um mich herum, oder auf das, was ich und Andere tun. Und tausend Mal wüsste ich die Antwort.


Wieso wird die Sinnfrage plötzlich schwierig, wenn sie mich betrifft – nicht bloß all das, was in meinem Leben passiert, sondern mein Leben an sich? Wozu bin ich da?


Dass das ein Riesenproblem ist, ist mir nicht erst klar, seit ich in meiner Schule einen Philosophiekurs belegt habe. Ich weiß es, seit ich weiterfrage. Wozu gehe ich überhaupt zur Schule? Um später einen guten Beruf zu haben. Wozu arbeiten? Um meinen Lebensunterhalt zu sichern – und vielleicht auch den meiner Kinder, falls ich welche haben werde -, für mein Alter vorzusorgen, der Gesellschaft nützlich zu sein, meine besonderen Talente zu entfalten, dafür Anerkennung zu erhalten. Aber wozu das?


Es ist nicht so, dass keiner mir darauf antworten kann. Das Problem ist, dass mir nichts genügt, was ich zu hören bekomme. Denn was sind das für Antworten? Die einen erinnern mich an Werte und Normen: also an etwas, das als erstrebenswert oder moralisch gut gilt, an gewisse Vorschriften, wie man handeln sollte. Man sollte etwas aus sich machen. Man sollte etwas tun, von dem auch Andere etwas haben. Es sollte einem wichtig sein, dass Andere gut finden, was man macht. Man sollte Verantwortung für Andere übernehmen. Man sollte gerne leben. Keinesfalls darf man sich hängen lassen. Und schon gar nicht sollte man sich umbringen.


Und wenn ich diese Werte und Normen nun ihrerseits anzweifle? Warum müssen es meine sein? Welchen Sinn haben sie?


Manche sagen mir daraufhin: „Jede Gesellschaft braucht Werte und Normen, um zu funktionieren. Sie gelten deshalb, weil sie sich im großen und ganzen bewährt haben.“ Aber was geht mich die Gesellschaft an? Wozu soll ich tun, was gut für sie ist? „Auch du bist doch Teil dieser Gesellschaft!“, heißt es dann. Und wenn ich das nicht sein will? Wenn mir das wurscht ist?


Andere kommen mir religiös: „Was man tun sollte, ergibt sich letztlich aus dem Willen Gottes.“ Aber wenn ich nicht an Gott glaube? Etwas bloß deshalb zu tun, weil jemand es will, ist mir zuwider. Warum sollte ich mich einem Willen beugen, bloß weil er kein menschlicher ist, sondern der Wille eines Wesens, das viele Menschen anbeten? Ich jedenfalls tue es nicht.


Wieder andere versuchen es psychologisch: „Solche Fragen stellst du bloß, weil du schlecht drauf bist.“ Also sollte ich zum Psychotherapeuten, um sie loszuwerden?


Da ist schon etwas dran. Es hat bestimmt seinen Grund, warum jemand nach dem Sinn des eigenen Lebens gerade jetzt fragt, nicht schon vor einem Jahr, obwohl er damals wohl kaum blöder war. Auslöser ist meistens eine besonders schwierige, belastende Situation:


- Ein Lebensinhalt geht verloren: Man verliert seine Arbeit, das eigene Kind stirbt, eine Ehe zerbricht, die besten Freunde verraten einen.

- Was bisher Lebensinhalt war, hört auf zu erfüllen: Die Arbeit befriedigt nicht mehr, eine Liebe erstickt in Routinen.

- Ein Unglück hindert daran, weiterzuleben wie bisher: zum Beispiel, wenn man schwer erkrankt oder plötzlich behindert ist.

- Man gewinnt den Eindruck, keine Kontrolle über das eigene Leben zu haben und Opfer eines blinden Schicksals zu sein, oder von erdrückenden Umständen, vor denen man nicht davonlaufen kann.

- Manchmal überkommt es uns aber auch „einfach so“, wenn uns danach ist. Melancholische, sensible, besonders nachdenkliche Menschen sind anfälliger dafür als Leute, die immer gut drauf in den Tag hineinleben. Und es gibt die Pubertätskrise, die „Midlife“-Krise, den „Rentner-Blues“.


Dann beginnen wir, unser bisheriges Tun, unser gesamtes Leben von außen zu betrachten. Wir gehen auf Abstand zu uns selbst, um zu sehen, wie sinnvoll es von dort aus erscheint. Enttäuscht uns, was uns diese objektive Perspektive vermittelt, können wir depressiv werden. Schlimmstenfalls denken wir an Selbstmord.


Aber warum soll eine Frage nicht gut sein, bloß weil sie sich meistens nur unter bestimmten Umständen stellt? Verhält es nicht andersherum: Eine besondere Situation macht mir eine gute Frage bewusst, die ich mir längst hätte stellen müssen? Fällt es mir nicht endlich wie Schuppen von den Augen? Lief ich bisher nicht blind durchs Leben, ohne mir bewusst zu machen, wozu ich letztlich all die Dinge tue, die mein Leben ausmachen? Auch das gehört ja zur Suche nach Sinn: das Gefühl, der einzig Sehende unter Blinden zu sein – der einzige, der begreift, wie absurd das alles ist, was die übrigen tun. Sie kaufen ein, weil der Kühlschrank leer ist. Sie machen Urlaub, um sich zu erholen. Sie gehen zum Friseur, um sich einen neuen Haarschnitt verpassen zu lassen. Sie machen eine Diät, um abzunehmen. Sie arbeiten, um ein Einkommen zu erzielen. Sie treiben Sport, um fit zu bleiben. Sie treffen Freunde oder hören Musik, weil sie Lust dazu haben. Sie lesen ein Buch, weil sie sein Thema oder der Autor interessiert. Sie gehen eine Beziehung ein, um glücklich zu sein. Sie zeugen Kinder, um in ihnen weiterzuleben. „Wo, bitteschön, ist das Problem?“, fragen sie.


Es besteht darin, dass wir innerhalb unseres individuellen Lebens zwar reichlich Begründungen und Rechtfertigungen für unser Handeln finden – aber keine davon erschließt uns dessen Sinn als Ganzes. Für gewöhnlich bewegen wir uns klaglos in unserem persönlichen Käfig, in den uns die besonderen Koordinaten von Raum und Zeit, der Spezies, des Kulturkreises, des Landes, der Organisationen, Gruppen und Beziehungen sperren, die unser Dasein bestimmen. Weder scheren wir uns darum, dass wir da drinnen sind, noch beklagen wir es, noch grübeln wir darüber, wie wir ihm entfliehen könnten, noch malen wir uns aus, wie es draußen wohl sein mag, noch sehnen wir uns dorthin – normalerweise.


Doch egal, welchem persönlichen Lebenssinn man folgt: Sobald man sich auf ihn besinnt, wirkt plötzlich konstruiert, erfunden, irgendwie willkürlich, bodenlos. Und jeder lässt sich erbarmungslos hinterfragen. Wozu am Arbeitsplatz als unersetzlich gelten? Unsere Friedhöfe sind voll von lauter unentbehrlichen Leuten. Wozu irgendetwas besitzen wollen? Nichts davon werden wir am Ende mitnehmen können. Wozu Kinder in die Welt setzen? In spätestens hundert Jahren werden sie tot sein, sofern sie nicht schon vorher einer schlimmen Krankheit oder einem schweren Unfall zum Opfer fallen. Wozu Patienten helfen und heilen, wozu gesund werden? Ob man seine Krankheit los wird oder nicht: Irgendwann erliegt man unausweichlich einer anderen oder segnet aus sonstigen Gründen das Zeitliche. Wozu der Nachwelt im Gedächtnis bleiben wollen? Auch diese wird vergehen, und mit ihr jegliche Erinnerung an uns. Wozu sich für Dinge einsetzen, die der Menschheit nützen – für Umweltschutz und Frieden, gegen Hunger, Folter, Unterdrückung, Krieg? Vernichtet wird sie ohnehin früher oder später. In ein paar Milliarden Jahren wird sich unsere Sonne zu einem Roten Riesen aufblähen, der auf unserem Planeten Berge wie Butter schmelzen lassen und eine öde, mondähnliche Wüstenlandschaft zurücklassen wird. Selbst wenn die Menschheit bis dahin zu anderen Sonnensystemen umsiedeln könnte, würde es ihr letztlich nichts nützen: Das Universum wird dereinst im Nichts verschwinden. Demnach ist nichts groß genug, um nicht winzig zu erscheinen. Der Abstand entscheidet.


Spätestens jetzt fühle ich mich alleingelassen mit meiner quälenden Sinnfrage. Einerseits komme ich selber nicht mehr weiter, und das macht mich wütend und leer zugleich. Andererseits gibt es anscheinend niemanden, der mir jetzt noch weiterhelfen kann.


Woran könnte das liegen? Ein Grund könnte sein, dass es keine Antwort gibt.


Oder dass die Wahrheit so ausfällt, wie ich befürchte: Mein Leben ist letztlich sinnlos.


Oder dass mit meiner Frage etwas nicht stimmt.


Wann sind Sinnfragen sinnlos? Tatsächlich fallen mir dazu Beispiele ein. Während mein Vater mal wieder Fußball guckt, frage ich ihn: „Wozu nimmt der Spieler den Ball in die Hand?“ Er erklärt: „Das ist ein Einwurf.“ Kurz darauf will ich wissen: „Wozu legt der Spieler den Ball auf den Kreidepunkt da?“ Er sagt: „Es gibt Elfmeter!“ Ein paar Sekunden später tritt der Typ den Ball kräftig nach vorne. Zwischen zwei Pfosten, die eine Querlatte halten, fliegt der Ball in ein Netz. Im selben Augenblick springt mein Vater wie von Taranteln gestochen aus dem Sessel. Falls ich jetzt zu fragen wage: „Was soll das?“, würde er mich bestimmt entgeistert anschauen: „Das war ein Tor, du Mondlicht!“ Und wenn ich nun weiterfragen würde: Wozu ein Einwurf? Wozu ein Elfmeter? Wozu Tore? Was ich damit beweisen würde, wäre vor allem eines: Von Fußball habe ich keinen blassen Schimmer. Das heißt: Ich kenne die Regeln dieses Spiels nicht.


Genauso ist es, wenn ich mit ihm Schach spiele. Was machen wir da eigentlich? Wie würde es ein Außenstehender beschreiben, der uns zusieht und von Schach keine Ahnung hat? Er würde sagen: Zwischen meinem Vater und mir liegt ein quadratisches Brett, regelmäßig unterteilt in 64 Felder. Darauf stehen 32 kleine Figuren, 16 schwarze und 16 weiße. Die einen berührt nur er, die anderen nur ich. Die Figuren haben sechs verschiedene Formen, und jede hat einen Namen: Turm, Pferd, Läufer, Dame, König, Bauer. Abwechselnd schieben wir unsere Figuren auf dem Brett hin und her, manche nur ein Feld weiter, manche zwei oder mehrere; manche nur vorwärts, manche auch rückwärts, nach links oder rechts; manche geradeaus, manche schräg. Ab und zu kommt es vor, dass einzelne Figuren vom Brett entfernt werden. Wir hören auf zu spielen, wenn einer von uns „Schachmatt!“ sagt und der andere zustimmt, wieso auch immer.


Anschließend könnte uns der Beobachter eine Unmenge Sinnfragen stellen. „Wozu spielt ihr mit 32 Figuren, nicht mit 16? Wozu haben die bloß zwei Farben, nicht drei oder vier? Wozu so viele Felder, warum nicht bloß 48? Wozu bewegt ihr einen Läufer bloß diagonal? Wozu verwendet ihr bloß sechs Arten von Figuren, und wozu ausgerechnet diese? Warum nicht zusätzlich eine Pyramide, eine Kuh, einen Arbeiter?“ und so weiter. Da wären mein Vater und ich uns ausnahmsweise völlig einig: So kann nur einer fragen, der nicht weiß, nach welchen Regeln man Schach spielt.


Und wenn nun jemand das Spiel selbst von außen betrachtet und als ganzes in Frage stellt? Wenn ihm unklar ist, wozu überhaupt Fußball und Schach gespielt werden? Wozu es ihre Regeln gibt, wozu man sich an sie hält? Dann hinterfragt er das Spielen auf ähnliche Weise, wie ich es mit meinem Leben tue, wenn ich wissen will, ob es letztlich einen Sinn hat.


Darauf könnten wir antworten: „Das hängt vom Spiel ab. Beispielsweise kann man dabei lernen, sich entspannen, Langeweile vertreiben, Sorgen vergessen, Spaß haben, Kontakte knüpfen, sich mit Anderen messen, sein Glück versuchen, sich bewegen, gemeinsam mit Anderen etwas tun, eine Fähigkeit trainieren und unter Beweis stellen usw.“


Und wenn der Beobachter jetzt noch immer nicht zufrieden ist? Wenn er weiterfragt: „Aber wozu Spaß haben, Kontakte zu Anderen suchen, mit ihnen einen Wettbewerb austragen? Wozu üben und beweisen, was man kann? Wozu all das?“


Was genau will er nun eigentlich wissen? Welche Art von Antwort würde ihn zufrieden­stellen? Jedes einzelne Spiel, und auch das Spielen überhaupt, hat keinen anderen Sinn als den, den Menschen ihm gaben, als sie es erfanden, und wir darin finden, wenn wir uns darauf einlassen. Wozu spielen wir überhaupt? Weil es im allgemeinen seinen Zweck erfüllt: Meistens macht es uns ja tatsächlich Spaß, wir langweilen uns dabei nicht usw. Wenn uns eine andere Tätigkeit mehr gibt, ziehen wir sie dem Spielen vor; vielleicht surfen wir dann lieber im Internet, hören Musik, lesen, chillen mit Freunden, gehen spazieren, treiben Sport oder tanzen, was auch immer.


Wonach sucht jemand, wenn ihm kein Zweck genügt, solange Menschen ihn festgelegt haben? Offenbar geht es ihm um einen „höheren“ Zweck: einen, den es unabhängig von menschlichen Absichten, Bewertungen und Entscheidungen gibt.


Macht das Sinn?


Wo Sinn ist, muss ein Geist am Werk sein – wenn nicht ein menschlicher, welcher sonst? Weht eine Sturmböe den Ball ins Tor, grüble ich nicht darüber, wozu sie das macht – oder jemand durch sie. Wieso nicht? Weil ich es absurd fände, einem Wetterphänomen Motive zu unterstellen. Ich kenne Ursachen, also höre ich auf, nach Gründen zu fragen. Mich beschäftigt nicht mehr, wozu es schneit, wozu Wasser abwärts fließt, wozu der Mond um die Erde kreist, wozu sich Eisenfeilspäne auf einen Magneten ausrichten. Denn ich weiß, warum. Ist es nicht genau das, was mir Naturwissenschaften in der Schule bringen? Sie beantworten meine Warum-Fragen. Dabei ersetzen sie Glaube durch Wissen. So machen sie Wozu-Fragen überflüssig, oder nicht?


Wie dachten Menschen, ehe sich die modernen Naturwissenschaften entwickelten? Wozu gibt es Sterne? Gott hat sie am Himmelszelt befestigt, um die Nacht zu erleuchten. Wozu blitzt es? Zeus schleudert Donnerkeile. Wozu treten Flutwellen auf? Der Meeresgott zürnt. Wozu die Pest? Gott straft. Wozu eine Fata Morgana? Wüstengeister treiben Schabernack. Wozu Erdbeben? Mutter Gaia ist wütend. Und wie denken kleine Kinder? Benjamin, mein süßes Bruderherz, ist vier. In seiner Welt wimmelt es nur so von Dingen, die künstlich geschaffen sind – gemacht von seinen Eltern, von anderen Menschen, von Gott, von Märchenfiguren und anderen unsichtbaren Wesen. Hinter allem und jeglichem sieht er einen Sinn. Wird er damit nicht aufhören, wenn er zur Schule geht? Müsste er das eines Tages bedauern?


Vielleicht – falls auch er sich eines Tages zu fragen beginnt, wozu er lebt. Nichts von alledem, was er bis dahin in der Schule gelernt hat, wird ihm dabei zum ersehnten Ziel führen, genausowenig wie mich. Sollte er deshalb Philosophie studieren? Könnte er dort einen „objektiven“, „letzten“, „höchsten“ Sinn finden, der für uns alle notwendig gilt, jederzeit und überall? Ich glaube nicht. Zwar kenne ich bestimmt nicht einmal einen Bruchteil der Antworten, die Philosophen im Laufe von über zweitausend Jahren auf die Sinnfrage gegeben haben. Aber ich befürchte, dass Benjamin mit jeder Antwort am Ende dasselbe Problem hätte wie ich: Egal mit welchem „höheren“ Sinn ich den subjektiven begründen will, den mein Leben bisher hatte – es geht nicht, weil nichts zu „hoch“ ist, als dass man es nicht seinerseits „von oben“ betrachten könnte. Es ist wie bei Aladin, als er die Wunderlampe entpfropfte: Ein Geist wird freigesetzt, der sich nie mehr einfangen lässt, sobald wir ins Philosophieren geraten und darangehen, die üblichen Antworten, die wir innerhalb unseres Lebens auf Sinnfragen finden, mit „höheren“ Zwecken letztbegründen wollen. Wir unterwerfen uns dabei Erkenntnisansprüchen, die nicht befriedigt werden können – nicht aus einem Mangel an Wissen, sondern aus logischer Notwendigkeit. Denn unser Leben als Ganzes könnte etwas „Höheres“ nur dann sinnvoll machen, wenn dieses einen Sinn hätte – und eben das lässt sich ebenfalls stets in Zweifel ziehen. Wozu ist das „Höhere“ da? Entweder gibt es eine Antwort darauf – dann stellt sich die Frage erneut. Oder es gibt sie nicht – dann sind wir bei unserer Sinnsuche am Ende bei etwas angelangt, das selber keinen Sinn mehr hat. Wenn wir bereit sind, diesen Makel bei jenem „Höheren“ zu akzeptieren – warum sollten wir an die gewöhnlichen, ganz persönlichen Zwecke unseres Lebens strengere Maßstäbe anlegen?


Religiöse Sinngebung führt da nicht weiter, zumindest nicht mich. Wenn Theologen mir versichern, zumindest mit Gott als „höchster“ Instanz, als „letztem“ Grund verhalte es sich ganz anders, so bin ich wenig zuversichtlich, ob ich je verstehen werde, was sie damit eigentlich meinen – und ob sie selbst es wirklich verstanden haben. Erhält mein Leben seinen „letzten“ Zweck, indem es Gott wohlgefällig ist und seinen Plan erfüllt, in einer Weise, die keinen weiteren, übergeordneten Zweck mehr erfordert und zulässt? Kann es etwas geben, das einerseits allem anderen dadurch Sinn gibt, dass es dieses umfasst, seinerseits aber einen Zweck weder haben kann noch haben muss? Etwas, dessen Zweck nicht von außen erfragt werden kann, weil es hier kein Außen mehr gibt? Ein Innen ohne Außen macht nicht mehr Sinn als ein Unten ohne Oben, ein Links ohne ein Rechts, ein Vorne ohne ein Hinten, ein Unten ohne ein Oben. Sollten wir von grundlegenden, tiefsten Einsichten nicht erwarten dürfen, dass sie sich auf eine Weise darlegen lassen, die grundlegende Sprachlogik nicht zutiefst verletzt? Ein Lebenssinn, den ich nicht begreifen kann, bereitet mir schwachen Trost: Er ersetzt das Unbehagen an einer fragwürdigen Antwort durch das Unbehagen an einer, bei der jedes Hinterfragen daran scheitert, dass fraglich ist, ob es sich überhaupt um eine sinnvolle Aussage handelt. Wenn Gottesglaube die Überzeugung einschließt, mein Dasein sei verstehbar, bloß nicht für mich, dann tausche ich offenbar ein Vakuum gegen ein anderes. Macht das denn Sinn?


Ein „letzter“, „höchster“, „absoluter“ Sinn ist daher wohl nicht zu haben. Jenseits von Zusammenhängen, deren Beteiligte vorab festgelegten Zwecken und Normen folgen, macht Sinnsuche so viel Sinn wie die Frage, ob es jenseits des Fußballs, unabhängig von seinem Regelwerk, ein Erkenntnisziel gibt, aus dem in letzter Instanz folgt, wozu Eckbälle, Freistöße und Elfmeter „eigentlich“ ausgeführt werden. Die philosophische Sinnfrage lässt sich nicht lösen, nur auflösen – in einem Dasein, das so befriedigt und erfüllt, dass man es leid ist, sie weiterzuverfolgen. Dann verflüchtigt sie sich, wie eine schlechte Laune. Falls mir alles, was ich in meinem Leben wichtig, wertvoll und erstrebenswert finde, aus einer höheren Warte unscheinbar und nichtig vorkommt: Was will ich überhaupt da oben? Nichts und niemand zwingt mich dazu. Wenn mein Dasein von dort aus unbedeutend erscheint: Muss das für mich von Bedeutung sein? Wenn ich Ja zum Leben sage: Darf ich mir dann nicht die Freiheit herausnehmen, Aufforderungen zum Tiefstschürfen zu ignorieren, die meine Lebensqualität ohne Not und Ausweg beeinträchtigen?


Was folgt daraus? Muss ich mir abgewöhnen, die Außenperspektive einzunehmen, sollte ich sie einfach abschaffen? Das kann ich nicht. Keinem Menschen gelingt das. Denn dass ich mich selbst, mein ganzes Leben wie von oben betrachten kann, ergibt sich daraus, dass ich ein Wesen mit Selbstbewusstsein bin. Die Einsicht, dass mein Dasein aus höherer Warte absurd erscheint, ist der Preis, den ich dafür zahlen muss, dass ich fähig bin, zu mir selbst auf Distanz zu gehen. Auch wenn ich die Sinnfrage nicht pausenlos stelle, sondern nur unter besonderen Umständen, werde ich sie nie ganz los, sie hört nicht auf, mich zu umlauern. Insofern hinkt der Vergleich mit Aladins Wunderlampe: Der Geist, den ich weder bändigen noch bannen kann, ist keiner, der sich je hätte einsperren und in dauerhafter Gefangenschaft halten lassen. Er führt ein aufsässiges Eigenleben, er umschwebt mich ständig, er gehört zu mir wie ein zweites Selbst, und jederzeit kann mein waches Ich beschließen, zu ihm überzuwechseln.


Wer sich von dieser Möglichkeit nicht verunsichern lässt, verbessert seine Chancen auf ein glückliches, erfülltes Leben.


Damit mache ich jetzt gleich weiter. Bin nämlich mit Marvin, Anja und Alex verabredet. Wozu, weiß ich.


(Harald Wiesendanger)

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