• Dr. Harald Wiesendanger

Was hat die Schulmedizin gegen Heiler?

In der modernen, wissenschaftlich begründeten Schulmedizin sei kein Platz für esoterischen Firlefanz wie Geistiges Heilen, so polemisieren Kritiker. Der interessierten Öffentlichkeit schulden sie eine Begriffsklärung: Was ist unter „der“ Schulmedizin denn zu verstehen? Schon beim Definieren geraten sie in Verlegenheit.


„Die“ Schulmedizin: Der unbedarfte Otto Normalversteher vermutet dahinter zuallererst eine geschlossene Einheitsfront der rund 365'000 deutschen Ärzte, im entschlossenen Aufklärungskampf gegen esoterische Pseudokuren. Gehen sie nicht allesamt mit dem früheren Präsidenten der Bundesärztekammer, Professor Jörg Hoppe einig: Bei Geistigem Heilen handelt es sich um „Scharlatanerie“, eine „rational nicht nachvollziehbare Methode, die in einer künftigen Diskussion keine Rolle spielen wird“. (1)


So kann man sich täuschen. Die Studie einer Arbeitsgruppe der Abteilung für Theoretische Medizin der Universität Osnabrück belegt: Unter hausärztlich tätigen Medizinern steht jeder Vierte Geistigem Heilen „positiv“ gegenüber (25,8 Prozent), bei Ärztinnen sind es sogar 59 Prozent. Fast jeder Zweite kann sich Geistiges Heilen als „sinnvolle Therapie bei chronischen Erkrankungen“ vorstellen (49,2 Prozent), speziell bei psychischen Leiden sogar 77 Prozent. Knapp zwei Drittel hätten sich gewünscht, während ihrer Ausbildung mehr darüber zu erfahren. (2)


Den Worten folgen Taten: Immer mehr Ärzte empfehlen, am Ende ihres Lateins, anscheinend „behandlungsresistente“ Patienten an Heiler weiter; gehen selber zu einem Heiler, wenn ihnen mit konventioneller Medizin zuwenig bis gar nicht mehr zu helfen ist; schicken schwerkranke Angehörige dorthin; beziehen Heiler in ihre Praxis ein; werden ihrerseits zu Heilern, nachdem sie entsprechende Fähigkeiten bei sich entdeckt haben. (3)


Diese erstaunliche Offenheit unter Deutschlands Ärzten geht einher mit zunehmender Distanz zum vorherrschenden Medizinbetrieb. Nicht einmal jeder Zweite mag sich noch als „reinen Schulmediziner“ bezeichnen (41 Prozent). Mehr als die Hälfte hält Kritik an der Schulmedizin für notwendig. Drei von vier Ärzten beklagen, ihre Ausbildung sei „einseitig naturwisenschaftlich ausgerichtet“. 83 Prozent findet, dass „bei unserer Fortbildung alternative Heilverfahren zu kurz kommen“. Diese werden von einer Dreiviertelmehrheit „befürwortet“ (73 Prozent) – und von weit über hunderttausend Ärzten bereits in ihrer Praxis eingesetzt, allein Akupunktur von 20'000 bis 50'000. (4)


„Die“ Schulmedizin, so folgt daraus, gibt es nicht. Was dafür gehalten wird, ist ein ideologisches Konstrukt, hinter dem bei näherem Hinsehen eine mächtige Fünfer-Allianz von Betonköpfen zum Vorschein kommt. Sie besetzen Lehrstühle von medizinischen Fakultäten; sie dominieren die Vorstände der ärztlichen Standesorganisationen; sie haben das letzte Wort in staatlichen Einrichtungen wie Instituten, Kommissionen und Ämtern; in Kliniken sitzen sie auf Chefsesseln; in den medizinischen Fachzeitschriften, den meinungsbildenden Organen, halten sie Redaktionen stramm auf Kurs. Wohlwollend begleitet werden sie dabei von den Lobbyisten, Öffentlichkeitsarbeitern und Marketingstrategen der Pharmabranche, der verständlicherweise vor jeglicher Heilweise graut, die ganz ohne Medikamente auskommt.


Zu den Beweggründen, aus denen immer mehr Ärzte auf Distanz zu dieser Konstellation gehen, zählt unter anderem: wachsende Reflektion auf das eigene Berufsbild. Medizin ist kein Vollzugsorgan des etablierten Wissenschaftsbetriebs, sondern eine Dienstleistung: Sie soll Menschen helfen, die ihre Gesundheit verloren haben. Wenn ein Arzt zu Beginn seiner Tätigkeit den Hippokratischen Eid ablegt, so gelobt er feierlich, „mein Leben in den Dienst der Menschlichkeit zu stellen“; keineswegs schwört er, erst ein Dutzend randomisierte, placebo-kontrollierte Doppelblindstudien abzuwarten, ehe er diesen Dienst antritt. Er gelobt: „Die Gesundheit meines Patienten soll oberstes Gebot meines Handelns sein“ – aber nicht, dabei auf gewisse Mittel und Maßnahmen, wenngleich sie sich bewährt haben, von vornherein zu verzichten. Er gelobt: „Ärztliche Verordnungen werde ich treffen zum Nutzen der Kranken“ – und dass Geistiges Heilen nützt, wie auch immer, bestreitet auch unter den hartgesottensten Skeptikern mittlerweile kaum noch einer. Der Hippokratische Eid verpflichtet den Arzt zu konsequentem Pragmatismus: Was heilt, ist gut; wer heilt, hat recht.


Denselben Pragmatismus legen wir Hilfesuchenden ans Herz. Nicht aufzugeben, sondern nach Auswegen zu suchen, wenn die konventionelle Medizin an ihre Grenzen stößt, ist nicht irrational, sondern über alle Maßen vernünftig.


Das scheint, drei Jahre nach seinem Berliner Rundumschlag gegen geistheilende „Scharlatane“, selbst Professor Hoppe, ausgerechnet ihm, geschwant zu haben. Im Sommer 2002 war ein Fernsehteam der ARD, das ich für einen Dokumentarfilm über Geistiges Heilen beriet, nach Bonn unterwegs, zu einem Drehtermin bei dem damaligen Präsidenten der Bundesärztekammer. Was ich ihn denn gerne fragen würde, wollte der Produktionsleiter via Autotelefon von mir wissen. Mein Vorschlag: Angenommen, Herr Hoppe hätte eines Tages eine Krankheit, die aus schulmedizinischer Sicht unheilbar ist - und dann käme ein erfahrener Heiler auf ihn zu, mit dem Angebot: "Versprechen kann ich Ihnen nichts, aber ich versuche Ihnen zu helfen". Würde er so eine Offerte ausschlagen?

Wie der Ärztekammerpräsident darauf reagierte, war kurz darauf im Dritten ARD-Programm S3 zu besichtigen. Er zögerte einen Moment, dann antwortete er: “Also, wenn ich zu der Überzeugung gelangt wäre, dass meine Situation ausweglos ist, dann würde ich nicht ausschließen, dass ich mich darauf einlasse.“ (5)


Wenn jeder Patient mit Geistigem Heilen ebenso verfahren würde, wäre schon viel gewonnen.

Ihn dazu zu ermutigen, und ihm darüber hinaus therapeutische Auswege auch in anderen unkonventionellen Heilweisen aufzuzeigen, bemüht sich die Stiftung Auswege seit nunmehr einem Jahrzehnt, übrigens gemeinsam mit zahlreichen Ärzten: Am 2. Dezember 2015 feiert sie ihren 10. Geburtstag.


(Harald Wiesendanger)



Anmerkungen

1 So Hoppe 1999 auf einer einer Tagung in Berlin zum Thema „Alternative zur Medizin? Der Streit um die Alternativmedizin“. Siehe H. Wiesendanger (Hrsg.): Geistiges Heilen in der ärztlichen Praxis, 5. Aufl. 2005, S. 32.

2 a.a.O., S. 13.

3 a.a.O., S. 16-30.

4 Nach Schätzungen zit. bei Wolfgang Weidenhammer: „Forschung zu Naturheilverfahren und Komplementärmedizin: Luxus oder Notwendigkeit?“, Deutsches Ärzteblatt 103 (44) 2006, A-2929 / B-2551 / C-2453.

5 Geistiges Heilen in der ärztlichen Praxis, a.a.O, S. 35.

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