• Dr. Harald Wiesendanger

Wie „wissenschaftlich“ muss Medizin sein?

Unkonventionelle Heilweisen werden von Skeptikern als „unwissenschaftlich“ verunglimpft. Statt sich davon verunsichern zu lassen, sollten Patienten pragmatisch abwägen: Nützt die Therapie?


Dürfen wir uns eines nützlichen Instruments erst dann bedienen, wenn wir vollauf verstanden haben, wie es funktioniert? Dann müssten die meisten von uns schleunigst ihr Handy und ihre Kamera entsorgen, den Fernseher aus dem Wohnzimmer und die Mikrowelle aus der Küche schaffen, keinen Licht­schalter mehr betätigen, den Navigator aus ihrem Auto ausbauen oder besser gleich das ganze Auto loswerden. Absurd? Aber wieso nutzen wir dann nicht mit der gleichen Selbstverständlichkeit Behandlungsformen, die offenkundig wirken - auch wenn uns mehr oder minder schleierhaft ist, warum sie das tun?


Erklärungsnotstand allein sollte einen Patienten nicht davon abhalten, sich auf eine Therapie einzulassen – ebensowenig wie Ärzte davon, sie einzusetzen. Zum Vergleich: Wie soll jemand nach Osten segeln und im Westen ankommen können? Wie soll man jemanden so deutlich hören können, als stünde er neben einem, obwohl er weiter weg ist, als die lauteste Stimme reichen kann? Wie soll einer zu sehen sein, der sich hinter dem Horizont befindet? Ehe Kolum­bus die Welt umsegelte und die Erde für uns aufhörte, eine Scheibe zu sein; ehe Telefon und Fernsehen erfunden wurden - und die für tech­nische Umsetzungen nötigen physikalischen Ge­setz­mäßigkeiten begriffen wurden -, hatte niemand den blassesten Schimmer davon. Trotzdem kann selbst der unzivilisierteste Urwald­bewohner von den Vorzügen des Fernsprechers, des Fernsehers profitieren, sobald er gelernt hat, die richtigen Knöpfe zu drücken. Mag ja sein, dass vorerst niemand genau weiß, wie und warum Homöopathie, Akupunktur, Geistiges Heilen und andere unkonventionelle Behand­lungsweisen wirken – was jedoch nichts daran ändert, dass sie wirken. Was zählt für Patienten mehr: die Erkenntnislücke oder die Hei­lungs­chance?


Aufschlussreiche Entschei­dungs­hilfen liefert die Medi­zinhistorie in Hülle und Fül­le. Keiner wusste beispielsweise, wie Penicillin wirkt - oder dass es überhaupt existiert -, ehe der britische Biologe Alexander Fleming 1929 die zufällige Entdeckung machte, dass das Wachstum von Bakterien durch Pilze aufgehalten wird. Ihm fiel auf, dass eine Glasschale mit einer Sta­phylo­kokkenkultur von Schimmel befallen war - und dass rings um die Schimmelkolonie die Kokken in scharfem Umkreis durch Auflösung zerstört waren, wohingegen sie in weiterem Abstand unbehindert weiterwuchsen. Daraus schloss er, dass von der Schimmelkolonie eine wachstumshemmende (“antibiotische”) Substanz in die Umgebung diffundiert sein musste. Es vergingen allerdings noch viele Jahre, ehe diese Substanz identifiziert und ihre chemische Zusammensetzung aufgeklärt war. Wäre Flemings Ent­deckung mit dem Argument abgetan worden, man wisse nichts darüber, wie Pilze Bakterien den Garaus machen, so hätte sich die Einführung lebens­rettender Antibiotika fatal verzögert.


Acetylsalicylsäure (ASS) wird als Schmerzstiller, Ent­zün­dungshemmer und Fiebersenker seit Anfang des 20. Jahrhunderts unter dem Marken­namen „Aspirin“ weltweit vermarktet; doch erst 1971 klärte ein britischer Bio­chemiker, John Robert Vane, ihren Wirkmechanismus auf – ASS hemmt die Produktion bestimmter Gewebs­hormone, sogenannter Pro­staglandine -, wofür er 1982 den Nobelpreis für Medizin erhielt.


Schon den als “Hexen” verschrienen Kräuterweiblein des Mittelalters war bekannt, dass ein aus den Samen der Herbstzeitlose gewonnenes Gift bei Gicht wundersam schmerzstillend wirkt; doch erst im 19. Jahr­hundert wurde entdeckt, dass es sich bei diesem Wirkstoff um Colchicin handelt.


Daraus folgt? Dass wir die Funktionsweise eines Instru­ments noch nicht recht verstehen, schmälert seinen Wert nicht im geringsten. Schon ein Neander­taler setzte Wurf­geschosse ein, ohne von Ballistik und Gravitation die geringste Ahnung zu haben. Ein­ge­denk der Vorläufigkeit und Fehlbar­keit allen menschlichen Wissens, und gemessen an den gewaltigen Zeit­räumen, die der Evolution unserer Naturerkenntnis hoffentlich noch bleibt, stehen wir im Verständnis der rätselhaften Gesetzmäßigkeiten, die hinter hilfreichen „alternativen“ Heilweisen stecken, womöglich noch auf der Stufe von Neandertalern.1 Da ist jede Menge Pragmatismus angebracht, ganz besonders für die Aussortierten des konventionellen Medizinbetriebs.


Pragmatismus als standesethisches Gebot ärztlichen Handelns


Und auch Ärzten täte Pragmatismus gut, wenn sie ihr Berufsethos ernst nehmen – denn dieses darf hinter ihrer immensen Verantwortung keinen Millimeter zurück­bleiben. Seit der Weltärztebund 1948 die „Genfer Dekla­ration“ verabschiedete, „ge­lobt“ jeder angehende Arzt „feierlich, mein Leben in den Dienst der Mensch­lichkeit zu stellen.“ Dem viert­nächsten Versprechen des insgesamt zehnteiligen Kodex zufolge „soll die Gesundheit meines Pati­enten oberstes Gebot meines Han­delns sein“. In beidem klingt die alte hippokratische Gelöbnis­formel an: „Ärztliche Verordnungen werde ich treffen zum Nut­zen der Kranken nach meiner Fähigkeit und meinem Urteil“ - meinem Urteil, auch dann, wenn es den Vor­gaben der Institu­tionen zuwiderläuft, die mich schulen, examinieren, lizenzieren, honorieren, kontrollieren.


Kann jemand, der bei Eintritt in den ärztlichen Berufs­stand einen solch hehren Schwur ablegt, zugleich bedingungsloser Verfechter einer „wissenschaftlichen“ Medi­zin sein, wie sie ihm während seiner akademischen Aus­bil­dung eingetrichtert wurde? Dazu müssten die Mög­lichkeiten und Grenzen des wissenschaftlich Be­gründ­baren und therapeutisch Mach­baren stets deckungs­gleich sein.


Aber das tun sie mitnichten. Medizin muss keineswegs zwangsläufig dort enden, wo der Boden "harter" Wissenschaft verlassen wird. Natürlich wünschen wir uns Ärzte, die ihre Feststellungen, Empfeh­lun­gen und Maßnahmen auf „Evi­den­zen“ stützen – nicht bloß auf Intui­tion, Tradition, Hörensagen und methodisch unsaubere Pseudo­for­schung. Doch nützliche Ergebnisse sind durchaus einwandfrei dokumentierbar, auch wenn die beteiligten Faktoren nicht experimentell herauszufiltern sind. Dass ärztliche Heilkunst sich auf Tätigkeiten zu beschränken hat, die durch experimentelle Studien nach physikalischem Vorbild abgedeckt sind („randomized controlled trials“, RCT), und nur dann ihr höchstes Niveau erreicht, wenn sie sich strikt an naturwissenschaftlichen Leitbildern ausrichtet, ist ein Vorurteil, dem Praxiserfahrungen Hohn sprechen. Es ent­­steht, wenn Mittel und Zweck verwechselt werden.


Lautet das oberste Ziel der Medizin denn nicht, Leiden vorzubeugen, zu lindern und zu beseitigen? Dazu kann Wissen­schaft nur als Instrument dienen. Sobald die Befriedigung ihrer An­sprüche zum wichtigsten Maßstab für ärztliches Tun gerät, wird der individuelle Patient in seiner Not­lage sekundär - und zum Mittel für abstrakte Forschungsziele degradiert.


Alles zu versuchen und nichts zu versäumen, was einem Kranken helfen könnte: Diese Pflicht allein obliegt Ärzten. Insofern muss ihr Berufsethos pragmatisch sein, in erster Linie an voraussichtlichem Nutzen ausgerichtet. Um diesen Nutzen abzuschätzen, ist wissenschaftliche Forschung ein wertvolles Instrument, aber beileibe nicht das einzige. Erfahrung ist ein weiteres, deshalb verdient auch sie Respekt. Schmackhaft und gesund gekocht wird auf der Erde nicht erst, seit es die moderne Ernäh­rungswissen­schaft gibt. Nachdem Johannes Kepler um 1620 die günstigsten Maße für Weinfässer berechnet hatte, musste er feststellen, dass solche Behältnisse längst von Winzern verwendet wurden. Als Sadi Carnot 1824 seine Theorie der Dampf­maschine entwickelte, waren seine Vorschläge zur Konstruktionsver­besserung längst Maschinenbau­praxis. Dass eine pyramidenförmige Anordnung die dichteste Packung von Sphären im dreidimensionalen Raum ist, konnte erst 1998 mathematisch bewiesen werden: eine platzsparende Einsicht, die sich in den Oran­genstapeln an Obstständen, der Lage­rung von Kanonenkugeln in Wehr­türmen freilich schon längst manifestiert hatte. Haben Mediziner aus solchen Beispielen nicht abzuleiten, dass Intuition und Erfah­rungswissen, handwerkliches und künstlerisches Ver­mö­gen dem wissenschaftlichen Erkenntnisstand mitunter weit vorauseilen? Dass eine vermeintlich "unwissenschaftliche" Behandlungs­metho­de, wie sie beispielsweise Geistheiler einsetzen, segensreich wirken kann, lehrt das in allen Kul­tur­kreisen der Erde seit Jahrtausen­den angesammelte heilkundliche Wis­sen; die oft jahrzehntelangen Er­fahrungen der fähigsten Anwender; die glaubwürdigen Berichte Aber­tausender von Patienten; und nicht zuletzt die Beobachtungen vieler Ärzte, die getreu einem Leitspruch des österreichischen Philoso­phen Ludwig Wittgenstein verfahren: "Denk nicht, sondern schau!"


Die Hummel hat 0,7 Quad­ratzentimeter Flügelfläche bei 1,2 Gramm Gewicht. Nach den bekannten Gesetzen der Aerody­namik scheint es unmöglich, bei einem solchen Verhältnis zu fliegen.


Die Hummel weiß das aber nicht. Sie fliegt einfach.

(Harald Wiesendanger)


Anmerkungen

1 Siehe Harald Wiesendanger, “Wie Neandertaler” in ders. (Hrsg.): Geistiges Heilen für eine neue Zeit - Vom “Wunderheilen” zur ganzheitlichen Medizin, München 1999, S. 86-88.

2 Mehrere Studien hierüber fasst zusammen: Walter Andritzky, "Unkonventionel­le Heilweisen in der ärztlichen Praxis", Zeitschrift für Allgemeinmedizin 74/1998, S. 608-614. Siehe H. Wiesendanger (Hrsg.): Geistiges Heilen in der ärztlichen Praxis – Damit die Humanmedizin humaner wird, 5. erw. Aufl. Schönbrunn 2005, Einführung S. 7-48.

3 Gunter Haag u.a., "Unkonventionelle medizinische Verfahren. Verbreitung bei nie­dergelassenen Ärzten - Ergebnis einer Fragebogenumfrage", Zeitschrift für Allge­mein­medizin 68/1992, S. 1184-1187. Eine neue­re Studie des Sozialmediziners Dr. Horst Haltenhof von der Universität Mar­burg stelle ich vor in H. Wiesen­danger, "Jeder zweite Arzt heilt ‚alternativ'", Der Heiler 1/ 1996, S. 35. In den be­nachbarten Nieder­lan­den überweisen neun von zehn All­ge­meinärzten ihre Pa­­tienten an Alter­nativtherapeuten (G. J. Visser/L. Peters, "Alter­native medicine and general practitioners in the Netherlands: towards acceptance and integration", Family Practitioners 7/1990, S. 227-233); ebenso verfahren immerhin schon 59 Prozent ihrer britischen Kollegen (E. Anderson/P. Ander­son, "General practitioners and alternative medicine", Journal of the Royal College of General Practitioners 37/1987, S. 52-55).

Dieser Betrag stammt aus dem Buch von Harald Wiesendanger: Auswege – Kranken anders helfen (2015). Näheres in Harald Wiesendanger: Außer Kontrolle. Warum die Stiftung Auswege "unwissenschaftlich" vorgeht - und dazu steht. 1. Auflage 2016.

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen

Pekings Eigentor

Knoten im Kopf