• Dr. Harald Wiesendanger

Letztes Geleit – Heil werden im Angesicht des Todes

Wie geht meine Stiftung Auswege mit Patienten um, deren Erkrankung unerbittlich fortschreitet, aus ärztlicher Sicht dem sicheren Ende entgegen? Retten wir sie? Verschaffen wir ihnen zumindest einen Zeitgewinn? Gelingt es uns, ihnen die Angst vor dem Tod zu nehmen?



Natürlich hoffte Alexander noch, als er im Ok­tober 2012 in ein „Aus­wege“-Camp im Schwarz­wald kam. Da­bei war die Krebserkran­kung, die bei dem 42-jährigen Ar­chitekten schon ein Jahr­zehnt zuvor ausgebrochen war, inzwischen weit fortgeschritten. Der linke Unter­schen­kel hatte ihm bereits am­putiert werden müssen. 2008 wurden in beiden Lungen Meta­stasen festgestellt, die er weder operieren noch bestrahlen noch chemotherapieren ließ; er hatte sich auf einen spirituellen Weg begeben, der ihn zu alternativen Heilweisen führ­te – und da­mit hatte er die bös­artigen Wucherungen er­staunlich lan­ge in Schach ge­halten. Doch seit Frühjahr 2012 quälten ihn un­entwegt heftige Rückenschmer­zen. Er ahnte, dass sie von Metastasen herrührten – und der Tod näherrückt.


Mit Erkrankungen, die Medi­ziner „letal“ nennen (lat. letum: Tod, letalis: tödlich), bekommen wir in den „Auswege“-Camps nur selten zu tun; unter drei Prozent der Teilnehmer bringen sie zu uns mit. Neben Fällen von Krebs zählen dazu vor allem die Amyotrophe Lateral­sklerose (ALS), die ihr promintestes Opfer, der Physiker Ste­phen Hawking, ins öffentliche Bewusstsein rückte, und andere Motoneuronen-Erkran­kun­gen, bei denen Nerven und ihre Verbindungen zu Muskeln schrittweise vollständig zerstört werden. Erfasst dieser Zer­fall am stärksten die Atem­muskulatur, ersticken die Be­troffenen; betrifft er vor allem das Herz, bleibt es irgendwann stehen.


Was können wir für Betroffene tun? Sie von ihrer Sterblichkeit zu erlösen, schaffen auch wir beim besten Willen nicht. Fast im­mer gelingt es uns aber, das Fortschrei­ten ihrer Erkrankung zu verlangsamen, wo­­mit wir ihnen einen Zeitgewinn ver­schaf­fen; Schmerzen und andere Begleitsym­ptome lassen bei uns nach; medikamentöse The­ra­pien werden be­sser vertragen, Nebenwir­kungen fallen geringer aus; selbst in fortgeschrittensten Sta­dien und „infauster“, absehbar hoff­nungs­loser Arztprognose verbessern sich in unserer Obhut All­gemeinbefinden und Le­bens­qualität deutlich. Bei Ale­xander beobachteten wir das ebenso wie vier Jahre zuvor bei der vierjährigen Ida, bei der ein Rhabdomyosarkom am Gal­lenausgang festgestellt worden war: eine bösartige Ge­schwulst, die von der Skelett­mus­ku­latur ausgeht und bei dem tapferen kleinen Mädchen inzwischen in Leber und Kno­chen metastasiert war; ebenso bei Ruth, einer 59jährigen Bank­kauffrau, bei der Ende 2003 ein Plas­mozytom entdeckt wurde: eine bösartige Tumorer­krankung aus der Gruppe der Non-Hodg­kin-Lymphome.


Oder bei Hildegard* (66): Nachdem sich 1991 in ihrer rechten Brust ein Karzinom gebildet hatte, das operiert und bestrahlt worden war, schien der Krebs besiegt; doch im Ja­nuar 2013 wurden Metasta­sen in Knochen, Lunge und Haut festgestellt. Nach über einem Dut­zend Therapiesit­zun­gen und Beratungsgesprä­chen wäh­rend eines „Aus­wege“-Camps im Mai 2014, ein­schließlich Akupunktur, Lichttherapie und Geistigem Heilen, ließen ihre chronischen Schmerzen so weit nach, dass sie Analgetika niedriger dosieren und besser schlafen konnte. Ferner besserten sich bei ihr: eine Migräne, an der sie seit ihrer Jugend litt; Rückenbe­schwer­den seit siebzehn Jahren, verursacht durch ein Hals- und Lendenwirbel­syndrom; Schmer­zen im rechten Arm seit einem Sturz im Sommer 2012 und anschließender missglückter OP. Doch was wurde aus ihrem Krebs? Ein halbes Jahr spä­ter, im Dezem­ber 2014, ergab eine Kontroll­untersu­chung beim Radiolo­gen: weniger und kleinere Meta­stasen, kein neuer Befall, weniger Was­ser in der Lunge. „Diese tollen Ergebnisse“, so schrieb Hilde­gard uns kurz da­rauf, führe sie auf zwei Fak­toren zurück: zum einen auf die Selbstbehandlung mit Präpa­raten, die der „Übersäuerung“ des Organismus entgegenwirken – diese waren ihr im Camp von einer Heilprakti­kerin empfohlen worden -, zum anderen auf die dort erhaltenen Denk­anstöße, die ihr „die Augen ge­öffnet haben: Meine Krankheit ist ein Zeichen – es macht mich darauf aufmerksam, dass ich meiner Seele zuviel zumute. Ich muss mehr auf mein ‚Inneres’ hören und viel mehr für mich da sein statt nur für Andere. Mir wurden Wege gezeigt, mit meinen ‚Altlasten’ fertig zu werden und diese über Bord zu werfen. Gefahr erkannt – Gefahr gebannt.“


Auch Joachim* profitierte, ein 50jähriger Versicherungskauf­mann mit ALS, der sich uns, wie Alexander und Ruth, im Oktober-Camp 2012 anvertraut hatte: Lähmungserscheinungen in Gliedmaßen ließen zeitweilig etwas nach; auf die Heilsitzun­gen reagierten sie mit deutlichen Bewegungen und heftigen Zuckungen. Schon am ersten Behandlungstag hatte Joachim nach eigenen An­gaben „im tauben Arm erstmals wieder Gefühl“, er empfand darin starke Wärme und einen regelrechten „Muskelka­ter“; gegen Campende spürte er seinen Arm wieder voll und ganz und war imstande, ihn selbstständig zu halten. Voll neuer Zuversicht verließ er uns: „Ich habe mich hier einfach gut gefühlt. Neue Wege! Neue Ziele! Neue Welt!“ Auch Alexander sprach am Ende von einem „unermesslich großen Erkenntnisgewinn“, nach täglich vier Heilsitzungen hatten seine Schmerzen zeitweilig nachgelassen.


Aber wie kommen wir jener Belastung bei, die viele Betrof­fene weitaus stärker quält als die Erkrankung selbst: ihrer Angst vor dem nahen Tod?


Ars moriendi – Die Kunst des Sterbens stirbt aus


In den Camps selbst werden wir damit kaum je konfrontiert. Wer schon fest damit rechnet, dass sich die fatalen Prognosen von Schulmedizi­nern unweigerlich bewahrheiten werden, kommt erst gar nicht mehr zu uns. Wer teilnimmt, hofft noch, ist zuversichtlich, glaubt an seine Chan­ce. Aber nicht alle sind innerlich so gefasst wie Alexander und Joachim, die verblüffen­der­­wei­se ausgeglichener, le­bens­froher und dankbarer wirk­ten als die meisten übrigen Campteilnehmer, denen es ge­sundheitlich weitaus besser ging. Denn auch ausgeprägter Optimismus schützt nicht zu­ver­lässig davor, zwischendurch in ein depressives Loch zu fallen, in dem existentielle Angst durchbricht. Oft überkommt sie dann Unvorbereite­t­e, die sich mit dem Tod nicht eher befasst haben als er mit ihnen.


Was ihnen abgeht, ist die ars bene moriendi, die Kunst des guten Sterbens. Mit ihr wurden Chri­sten seit dem späten Mit­tel­alter durch vielerlei erbauliche Fibeln vertraut ge­macht. Inzwischen gerät sie mehr und mehr in Vergessenheit. Einst ein soziales Ereignis wie Ge­burt, Taufe oder Hochzeit, hat sich das Le­bensende allmählich aus dem Fokus kultureller Aufmerksam­keit entfernt, es ist zum individuellen Un­glücks­fall geraten. So gründlich verbannt wurde es aus dem Alltag, dass inzwischen viele Erwach­sene noch nie eine Leiche gesehen haben. Der Tod, wenn er sich technisch nicht länger zähmen lässt, wird vorzugsweise verdrängt, versteckt und zur einsamen Privat­sache. Obwohl die Sehnsucht nach menschlicher Nähe kaum je größer ist als am Lebensende, sterben heutzutage 800'000 Deut­sche pro Jahr vornehmlich allein, aus der Geborgenheit der vertrauten Umgebung ausgelagert in Krankenhäuser, Pal­liativsta­tionen, Pflegeheime und Hospi­ze; und wo Ver­storbene einst häuslich aufgebahrt wurden, frei zugänglich für Verwandte, Freunde und Nachbarn, werden sie heute diskret abgeholt, vorzugsweise bei Dunkelheit.


Und immer mehr Menschen empfinden den Tod nicht als natürlichen Abschluss, sondern als Ärgernis, als sadistische, geradezu teuflische Frechheit, als größtmögliche Katatrophe, als un­sichtbarer Mörder, der verflucht und verachtet werden muss - ein finaler Schicksals­hieb, der sich rücksichtslos über das Grundrecht auf Selbstbestimmung hinwegsetzt. Sterben wäre für sie ja grundsätzlich okay, aber nur unter Umständen, für die sie sich selbst entschieden haben. „Meine Einstellung zum Tod“, spricht der Regisseur und Schauspieler Woody Allen vielen aus der Seele, „hat sich nie geändert: Ich bin vehement dagegen.“ (1)


Falls die Angst dem Sterben gilt, vor allem einem qualvollen Dahinsiechen, können wir Camp­teilnehmer beruhigen, sofern dies nicht schon behandelnden Ärzten gelungen ist: Dank moderner Palliativmedi­zin braucht im 21. Jahrhundert niemand mehr seinem Ende unter entsetzlichen Schmerzen entgegenzugehen.


Doch wenn es um den Tod selbst geht: die vollständige physische Vernichtung?


Einen geliebten Menschen verlieren


Gelegentlich bekommen wir mit Campteilnehmern zu tun, die kürzlich von einer nahestehenden Person Abschied nahmen – dem eigenen Kind, dem Lebensgefährten, dem besten Freund – oder darauf gefasst sein müssen, eine solche bald zu verlieren. In einer derartigen Situation quält Betroffene zweierlei:


- Was bedeutet der Tod des Anderen für sie? Er kann sich finanziell auswirken, er kann den Sozialstatus drastisch ändern. Meist überwiegt bei Verlusttrauer aber eine andere Art von Pein: Je emotional be­deutsamer der Tote im Leben von Hinterbliebenen war, desto schwerer fällt es ihnen, sich damit abzufinden und darüber hinwegzukommen; sie fühlen sich einsam, sie klagen über einen Verlust an Sinn, sie leiden an tiefstem psychischen Schmerz. Unsere Hilfe bei der Trauerarbeit kann darin bestehen, ihnen bewusst zu machen, dass es Anderes gibt, wofür es sich zu leben lohnt – wichtige Aufgaben, die sie bereits haben oder künftig übernehmen könnten; dass es mehr als einen Menschen gibt, der es verdient, geliebt zu werden, und erfüllende Liebe schen­­ken kann; dass jeder Abschied die Möglichkeit zum Neubeginn in sich birgt; dass sie selbst es in der Hand haben, ihrer Einsamkeit zu entkommen, statt apathisch in unentwegter Trübsal und Selbst­mit­leid zu verharren.


- Was bedeutet der Tod für den Toten selbst? Ist es schlimm für ihn, nicht mehr da zu sein? Viele Hinterbliebene bedauern Verstorbene dafür, dass sie so vieles, was sie erfüllt und glück­lich gemacht hat und an Erfreulichem noch auf sie zugekommen wäre, nun nicht mehr erleben können. Aber wie schreck­lich ist das für den Be­troffenen? Wie wir darauf antworten, hängt davon ab, was uns der eigene Tod bedeutet.


Ist es schlimm, nicht mehr da zu sein?


Zumeist gelten Todesängste nicht bloß dem eigenen Schick­sal, sondern auch den Folgen für Hinterbliebene. Ein universelles Beruhigungsmittel hiergegen gibt es nicht. Man­cher Verblichene würde staunen, wenn er noch miterleben könnte, wie leicht und rasch sein Verlust zu verkraften war; in anderen Fällen reißt ein Tod bei Anderen Wunden, die nie verheilen.


Aber was bedeutet der Tod für uns selbst? Welche Einstellung sollten wir zu ihm haben? Wie sehen wir ihm am besten entgegen: mit Schrecken, mit Sorge, mit Gleichgültigkeit, mit Erleichterung, mit Vorfreude? Das hängt davon ab, was der Tod für uns ist: der Moment, in dem wir den Körper ablegen, um anders weiterzuleben – oder die vollständige und endgültige Auslöschung, ineins mit ihm?


Unter unseren Campteilneh­mern, wie innerhalb des Thera­peutenteams, überwiegt ein besonderer Typ von Dua­listen: Sie glauben nicht nur, dass sie zusätzlich zu ihrem Körper etwas besitzen, das sie als „Seele“ oder „Geist“ be­zeich­nen – nennen wir es im Folgen­den zusammenfassend „mental“, nach einem in der philosophischen Psychologie gebräuch­lichen Terminus - , sondern auch, dass dieses Etwas ihr physisches Ende überdauern und fortexistieren kann. Wie kom­men sie darauf?


Trost im Glauben


„Wer den Tod fürchtet, der liebt Gott nicht“, befand der Kirchenvater Augustinus (354-430 n. Chr.). Also macht Glaube furchtlos?


Tatsächlich bringen Patienten mit einem gefestigten religiösen Weltbild Antworten, die ihnen Trost und Hoffnung spenden, bereits zu uns mit, daran können wir anknüpfen. Ängste nimmt ihnen die Vorstellung, ein unsterbliches Etwas in ihnen, das den Wesenskern ihrer Persönlichkeit ausmacht, überdaure irgendwie den Tod des Körpers, verlasse ihn, gehe in eine höhere Seinsform über – sei es der christliche Himmel oder die paradiesische Sphäre einer anderen Glaubensrich­tun­gen -, kehre womöglich irgendwann in einem neuen Körper zurück, entwickle sich jedenfalls zum eigenen Besten weiter, weise geregelt durch ein göttliches Prinzip. Vielen hilft die Vorstellung, im „Jen­seits“ von Engeln und anderen Lichtwesen empfangen und begleitet zu werden – und denen wiederzubegegnen, die ihnen zu Lebzeiten am nächsten standen. (Auf die endlosen, bei Honig, Milch und Wein genossenen Liebesdienste jener 72 schwellbrüstigen Jungfrau­en, zu denen sich dschihadistische Selbstmordattentäter hinüberzubomben trachten, dürften die meisten Campteilneh­mer indes mit Gleichmut verzichten können, zumal die weiblichen.)


Die Bilder, mit denen sie ihre Todesfurcht bannen, hat schon der griechische Philosoph Platon (427-347 v. Chr.) in treffende Worte gefasst: „Nach dem Tode geht die Seele, die sich aus dem Leibe zurück­zieht, wenn sie heilig gelebt hat, zu einem Wesen hin, das ihr ähnlich ist, zu einem göttlichen Wesen, das unsterblich und voll Weisheit ist, bei welchem sie sich eines wunderbaren Glückes erfreut, befreit von ihren Irrtümern und ihrer Un­wissenheit und von jeder Ty­ran­nei der Furcht wie der Lie­be, sowie von allen anderen mit der menschlichen Natur verknüpften Übeln. Sie bringt in Wahrheit mit den Göttern die ganze Ewigkeit zu.“ Mein Ende wird mein Anfang sein: Daraus scheint zuverlässig jene zuversichtliche Gelassenheit zu er­wachsen, die Goethe (1749-1832) sich zuschrieb: „Mich lässt der Gedanke an den Tod in völliger Ruhe, denn ich habe die feste Überzeugung, dass unser Geist ein Wesen ist von ganz unzerstörbarer Natur: es ist ein fortwirkendes von Ewig­keit zu Ewigkeit. Es ist der Son­ne ähnlich, die bloß unseren irdi­schen Augen unterzugehen scheint, die aber eigentlich nie untergeht, sondern unaufhörlich fortleuchtet.“


Doch auch wenn tiefer Glaube im allgemeinen unerschütterlicher ist als bestbestätigtes Wissen, immunisiert er nicht gegen jegliche Unsicherheiten, Zweifel und Befürchtungen. Wird alles genau so sein, wie ein gläubiges Elternhaus, der ört­liche Pfarrer, der Religions­lehrer versicherten; wie Kir­che­n­obere, heilige Schriften und religiöse Kunst es ausmalen? Alles Neue ist unheimlich. Wie habe ich mir ein immaterielles Sein vorzustellen? Was werde ich sein, so ganz ohne meinen Körper? Wie ist es, körperlos fortzubestehen - wie fühlt sich das an, sofern ich dann überhaupt noch fühle? Wie sehe ich ohne Augen, höre ohne Ohren, verständige mich ohne Sprech­organe, handle ohne Glied­maßen? Was erwartet mich „drüben“? Wird mir ein verheißener ewiger Müßig­gang, eine fortwährende Be­trach­tung und Lobpreisung des Allerhöchsten, endlose Har­mon­ie auf die Dauer zusagen? Wie und wo existiere ich dort? Gemeinsam mit wem? Was neh­me ich von alledem mit, was ich mir als wesentlich zu­schreibe: Erinnerungen? (Nur an mich?) Fähigkeiten? (Kann der Schriftsteller weiterschreiben, der Künstler malen? Falls nicht, wäre das für sie nicht eine alles andere als himm­lische Höchststrafe?) ­Fä­hig­kei­ten? Charakterzüge? Selbstb­ewusstsein? Ängste und Sehnsüchte? Werde ich noch wahrnehmen, empfinden, denken, wollen können? Werde ich anderen Wesen be­gegnen? Unter welchen Um­ständen? Werden solche Be­geg­nungen immer angenehm sein? Wie kommen sie zustande, wie entwickeln sie sich? Oder geht ihnen jegliche Bezie­hungsdynamik ab, und wie spannend fände ich das? Wer­de ich all jene treffen, die ich geschätzt und geliebt habe - und nur sie, oder auch solche, denen ich hier mit Gleich­gültigkeit, Verachtung, Furcht und Hass begegnet bin? Was werde ich dann überhaupt noch tun, auf welche Ziele hin? Oder bin ich einfach nur, und wie wäre das für mich?


Wenn hüben die Wirklichkeit Gottes mit so viel Schlimmem vereinbar ist – woher soll ich wissen, ob drüben seine Allmacht, All­wissen­heit und All-Liebe deutlicher zum Vorschein kommt? Wenn hüben, wie Theologen versichern, alles Übel bloß vom Gottesgeschenk des freien Willens herrührt – ist es drüben dann vorbei mit meiner Wil­lensfreiheit? Wie wäre es für mich, nichts mehr wollen zu können? Sind unterschiedliche körperlose Seinsweisen möglich, vorübergehend oder gar für immer, und wenn das so ist, habe ich Einfluss darauf, in welche ich hinüberwechseln werde?


Kann ich sicher sein, überhaupt dorthin zu gelangen – oder blüht mir, zeitweilig oder auf ewig, ein Horrorsze­na­rio jener Art, wie es christliche Kirchen als „Hölle“ und „Fegefeuer“ an die Wand ge­malt haben? Werde ich für Mis­se­taten büßen müssen? Wovon hängt das ab, wer oder was entscheidet darüber? Worin könnte die Strafe bestehen? Ange­nom­men, dereinst findet die verheißene leibliche „Auferste­hung“ statt (2): Welche Rolle spielt dabei mein begrabener Leichnam, der bis dahin längst verwest ist? Oder gesetzt der Fall, ich werde wiedergeboren: Beschert mir das üble Karma, das ich mir in einem eher schweinischen Vorleben aufgehalst haben könnte, womöglich eine Reinkarnation als Schwein, wie Hindus keineswegs ausschließen wollen? Was kann, was muss ich hier, zu Lebzei­ten, dafür tun, was unterlassen?


Ist es nicht sonderbar, dass der Glaube an ein Weiterleben nach dem Tod stets mit der Überzeugung einhergeht, zumindest für den Rechtschaffenen und Gottesfürchtigen sei im “Jen­seits” alles friedlicher, sicherer, schöner, edler, glücklicher, gerechter, geordneter, jedenfalls viel, viel besser, und das auf sehr lange Zeit, wenn nicht gar ewig? Je eingehender wir uns eine „jenseitige“ Zukunft als pure Geistseele auszumalen versuchen, desto mulmiger wird uns zumute.


Im übrigen muss Körperlosig­keit nicht mit Unvergänglich­keit einhergehen. Könnte es nicht sein, dass jene mysteriösen Etwasse, die toten Leibern entschweben, als Energiewölk­chen eine Weile durch die Weiten des Kosmos wabern, ehe sie von ungeahnten Natur­kräften verweht, bis zur Un­kenntlichkeit zerfetzt oder miteinander verschmolzen werden? Erfüllt sich die Sehnsucht des Feuers, niemals auszugehen, im Schicksal des Rauchs, der ihm entsteigt?


Von derlei Unwägbarkeiten ver­unsichert, wäre unsereins dankbar für erhellenden theologischen Rat. Doch im angestrengten Bemühen, ihre Ver­heißungen mit naturwissenschaftlichem Erkenntnisfort­schritt kompatibel zu machen, haben viele Religionen inzwischen ursprüngliche Überzeugungen uminterpretiert, jahrhundertealte Positionen ge­räumt, Tatsachenbehaup­tun­gen zu Sinnbildern erklärt – und dabei eine für Laien kaum noch überschaubare Vielfalt von Denkrichtungen hervorgebracht, die in wichtigen Punk­ten zu krass gegenläufigen Sichtweisen führen - und bei vielen Gläubigen dadurch mehr Fragen aufwerfen, als sie beantworten.


Jahrtausende­lang konnten sich Christen das Paradies mühelos als unvergleichlich schöne Landschaft ausmalen, in der sie eine „grü­ne Aue“ mit „frischem Was­ser“ vorfinden werden (3), ein gläsernes Meer, das wie Kri­stall schimmert (4), und eine heilige Stadt aus reinem Gold, das „neue Jerusalem“, mit Mauern aus Edelsteinen, Toren aus Perlen und einem Baum, der jeden Monat seine Frucht wechselt (5). Nunmehr sollen sie auf einen nebulösen „zeitlosen“ Zustand gefasst sein, „in dem uns das Ganze umfängt und wir das Ganze umfangen“ (6).


Einst galt das „Fegefeuer“ als ein sinnliche Qualen bereitender Ort der Reinigung und Läu­terung, in dem jede Men­schen­seele nach dem Tod Zwi­schenstation macht, sofern sie nicht als heilig unmittelbar in den Himmel aufgenommen wird; nun soll es sich um etwas Psychointernes handeln, einen „von innen her notwendigen Prozess der Umwandlung des Menschen, in dem er christusfähig, gottfähig und so fähig zur Einheit mit der ganzen Com­munio sanctorum wird.“ (7)


Einst war die Hölle ein vom Teufel und Dämonen regiertes, äußerste Schmerzen bereitendes pyrotechnisches Inferno – neuerdings wird sie zum Ab­straktum, welche sich durch „Ferne von Gott“ umschreiben lasse, „die Situation, in der sich jener wiederfinden wird, der sich freiwillig und endgültig von Gott, Quelle des Lebens und der Freude, entfernt“ (8), zum „Moment der Begegnung eines sterbenden, unvollkommenen Menschen mit dem heiligen, unendlichen, liebevollen Gott“, die „zutiefst beschämend, schmerzhaft und deswegen reinigend“ sei (9).


Vol­lends ratlos macht die meisten Gläubigen die „Ganztod-Theo­rie“, die seit dem vorigen Jahr­hundert vor allem von protestantischen Theologen vertreten wird (10): Ihr zufolge wird im Tod der ganze Mensch ausgelöscht, Leib samt Seele; bei der Auferstehung wird er als Gan­zes neu erschaffen. Die Tren­nung von Physis und Psyche, so erfährt der staunende Kirch­gänger, wurzle eher in bibelfernen Konzepten griechischer Philosophen wie Platon als im Alten und Neuen Testament; dort sei keineswegs die Un­sterb­lichkeit der Seele verheißen, sondern lediglich eine Auferstehung; und wäre diese nicht überflüssig, wenn die Seele ihrer eigenen Natur nach fortbestehen würde?

Abgese­hen vom Problem der personalen Identität – wie kann einer, den wir heute als vollständig ausgelöschten „Ganztoten“ zu Grabe tragen, ein und derselbe sein wie einer, der in ferner Zukunft „ganz“ zusammengesetzt auftaucht? – verstört bibelfeste Gläubige, dass etliche Stellen der Heiligen Schrift durchaus zwischen Leib und Seele unterscheiden (11), im Ein­klang mit dem, was sie von Eltern, Pfarrern und Lehrern in ihrer Kindheit erzählt bekamen.


Und wie hat man sich eine „Auferstehung“ denn vorzustellen? Einst bedeutete sie unmissverständlich, dass verweste Leichen „wiedererweckt“ (12) ihren Gräbern entsteigen, in denen sie lediglich besonders tief „geschlafen“ (13) haben, woraufhin sie mit ihrer leibfreien Seele vereint werden. Der Peinlichkeit ausweichend, an solch märchenhaften Prophezeiungen zwei Jahrtau­sende später immer noch festhalten zu müssen, haben christ­liche Kirchen die Aufer­stehung entkonkretisiert zu einer bloß „metaphorisch“ ge­meinten „Verwandlung zu ei­nem neuen, unvergänglichen Leben“. (14) Aber was verwandelt sich da eigentlich? Wie? Durch Psalmengesang, Lesung und Gebet? In was? Noch das Beste, was sich zugunsten dieser Deu­tung vorbringen lässt, ist der Um­stand, dass alternative Theo­­logien ebensowenig einleuchten. So meinen manche jüdischen Schriftgelehrten zu wissen, dass im Tod die un­sterbliche Seele, „unbefleckt“ durch ihr irdisches Dasein, unabhängig vom Körper wei­terlebt und wieder „rein“ zu Gott zurückkehrt. (15) Wer oder was ist dann der Träger all ihrer diesseitigen „Flecken“, was wird aus ihm, und was hat die weißwestige Seele mit ihm zu schaffen? Bin ich er oder sie?


Die Allegorisierung ursprünglicher Glaubensinhalte, das Abrücken von traditionellen Stand­punkten, das Ersetzen von eindeutigen Bildern durch Uneigentliches, die spitzfindigen Verrenkungen unter dem Erkenntnisdruck der modernen Wissenschaft, die Flucht ins Abstrakte haben viele Gläubige eher befremdet als erhellt: Einst war Christen chronisch angst und bange, zumindest wussten sie aber, wo sie dran waren. Und diese Irritation bringen manche von ihnen in unsere Therapiecamps mit. Bietet die Aussicht auf ein Weiterleben nach dem Tode nicht derart reichlich Anlass zu Verunsiche­rung, Sorge und bangem Er­warten, dass die wahre Gnade Gottes darin bestünde, es uns zu ersparen?


Erbauliches aus Parawissenschaften?


Theologische Unterweisungen sind in „Auswege“-Camps nicht vorgesehen. Aber was sonst haben wir dort zu bieten?


Halten wir uns strikt an das, was Neurologen inzwischen über den Zusammenhang von Psyche und Physis herausgefunden haben, scheint nullkommanichts an dem Schluss vorbeizuführen: Kein Geist, keine Seele ohne Gehirn. Werden bestimmte Teile unseres Gehirns verletzt, dann setzen entsprechende Wahrneh­mungs-, Gedächtnis- und Denk­­vermögen aus, verschwinden Charakterzüge. Werden sie elektrisch gereizt, erzeugt dies künstlich gewisse Antriebe, Ge­fühle, Stimmun­gen, Ein­drücke, Erinnerungen. Entwickeln sie sich gar nicht erst - wie bei gewissen genetischen Defekten - oder degenerieren, wie bei Alz­heimer und anderen For­men von Demenz, kommen sie bei Betroffenen nicht (mehr) zum Vorschein. Wird die Sauer­stoffzufuhr zum Gehirn nur kurz unterbunden, so treten ir­reparable Schäden auf, von de­nen offenbar nichts ausgenommen bleibt, was wir einem Menschen an seelischen und gei­stigen Eigenschaften zu­schreiben; wird sie ganz unterbrochen, so stirbt das Gehirn – und mit ihm anscheinend alles, was eine Person ausmacht. Be­weist all dies nicht: Bewusst­sein ist untrennbar mit Hirn­tätigkeit verbunden – und er­lischt mit dieser? (16)


All diese Befunde bestätigen indes nur, dass unser Ich vor unserem Tod aufs innigste mit einem funktionierenden Ner­ven­system verbunden ist. Ist völ­lig auszuschließen, dass sich daran nachtodlich etwas Grund­­legendes ändert? Könnte es nicht sein, dass es irgendein physikalisches Etwas gibt, auf welches das Ich überwechselt, wenn sein Leib stirbt? Oder vielleicht ist dieses Etwas schon zu Lebzeiten des Körpers der eigentliche Träger des Ich – bloß zeitweilig korreliert mit neuronalen Vorgängen?


Undenkbar wäre das nur, wenn als materielles Substrat des Geistes ausschließlich das menschliche Gehirn in Frage käme. Doch könnte sich das Ich zu seinem Nervensystem nicht ähnlich verhalten wie die Software eines Computers zu seiner Hardware? (17) Das physikalische Substrat von Compu­ter­funktionen besteht bis heute aus Siliziumchips. Doch längst arbeiten Informatiker an weitaus schnelleren, leichteren, kleineren, zuverlässigeren, robusteren Datenträgern neuer Art: an Rechnern aus photochromen Molekülen, die tausende Male flinker schalten, wenn UV-Licht darauf fällt; aus „Wetware“ wie der Erbsub­stanz DNA, Enzymen, Bacte­riorhodopsin – einem natürlichen Farbstoff, der an der pflanzlichen Photosynthese beteiligt ist - und anderen Bio­molekülen; aus Escherichia-coli-Bakterien; an „Neuro-Computern“, für die lebende Nervenzellen verwendet werden; an „optischen Compu­tern“, in denen Photonen die Rolle der Informationsträger übernehmen, Lichtleiter Tran­sistoren und Leiterbahnen er­setzen; mit dem nur eine Atomlage dünnen Werkstoff Graphen; mit „Ionenfallen“, die durch elektrische Felder geladene Atome festhalten und isolieren, so dass sie als Träger von „Qubits“ (Quanten­bytes) fungieren können, mit Laserpulsen beschrieben und ausgelesen werden können – und so zu Quantenrechnern werden. Computer könnten also ein anderes Substrat erhalten, und sie werden es in Kürze; warum nicht auch der menschliche Geist?


Was käme als postmortaler „Ich“-Träger in Betracht? Han­delt es sich um jenen „Astralkörper“ bzw. „Ätherleib“, den Sensitive außersinnlich wahrzunehmen behaupten, einschließlich mancher Heiler in unseren Camps? Auf den physischen Leib zielt deren Bemühen im allgemeinen eher indirekt: Was sie zu „sehen“ und zu beeinflussen meinen, sind ihres Erachtens eher „feinstoffliche“ Aspekte eines oder mehrerer „Energie­kör­per“. Selbst wenn dies ein ge­eigneter Kandidat dafür wäre, wüssten wir allerdings noch nichts über seine Le­bensdauer. Vielleicht verflüchtigt sich ein solcher „Ätherleib“ nachtodlich ähnlich rasch wie eine Rauchwolke, nachdem sie dem Schornstein entstiegen ist. Und selbst wenn er persistiert, bliebe offen, ob seine Beschaffen­heit ihn überhaupt dazu geeignet macht, in paradiesischen Sphären oder neue Leiber überzuwechseln. Was auch im­mer wir hierüber glauben mö­gen: Wir begeben uns zurück ins Religiöse.


Welche Veranlassung hätten wir überhaupt, einen unphysiologischen Zweitträger mentaler Vorgänge zur Fahndung auszuschreiben? In unseren Camps erfahren Patienten von empirischen Befunden, die ihre dualistischen Überzeugungen an­scheinend untermauern und konkretisieren. Dankbar angenommen werden solche Hin­weise von Teilnehmern, die re­li­giösen Versicherungen allein nicht recht trauen mögen.

Was Parapsychologen seit über einem Jahrhundert an rätselhaften Vorkommnissen beobachtet und dokumentiert haben, gilt zusammengenommen als starkes Indiz dafür, dass Menschen ihr physisches Ende überdauern, in einer Weise, die eher Zuversicht und Vorfreude zu begründen scheint als Bangen und Verzagen: von außerkörperlichen Erfahrungen und Nahtodeserlebnissen über Me­diumismus, Materialisationen, geisterhaften Erscheinungen und Spuk, instrumentelle Trans­kommunikation (ITK) - anscheinende Lebenszeichen von Verstorbenen auf Ton­bändern, Monitoren, Anrufbe­ant­wortern und anderen technischen Geräten - bis hin zu überprüften und bestätigten Erinnerungen an frühere Le­ben. (18)


Zwar lässt sich keines dieser Phänomene nach naturwissenschaftlichen Standards absichern, weil sie flüchtig und unberechenbar, weder experimentell reproduzierbar noch sonstwie intersubjektiv nachprüfbar sind. Doch neben un­zähligen Pseudo“beweisen“, die auf esoterischem Wunsch­denken, Wichtigtuerei und dreisten Tricks und Lügen, Wahrnehmungstäuschungen und Halluzinationen beruhen könnten, bleibt ein harter Kern von Fakten, die so vorbildlich dokumentiert worden sind, dass Restzweifel zweifelhaft werden. Zusammengenom­men schenken sie Todesängst­lichen reichlich Grund für Zuversicht, so scheint es – zumal schon eine einzige un­bestreitbare Evidenz ausreichen würde, sie zu rechtfertigen, unabhängig von der Glaubhaftigkeit des ganzen Rests.


Eine Analogie: Sprechen die Abertausende von kolportierten Ufo-Sichtungen, Begeg­nungen mit Aliens und Ent­führungen in deren Raum­schiffe wirklich für Besucher aus dem All? Alles zähe, mühselige Recherchieren in jedem einzelnen Fall, jegliches aufwändige Ausschließen alternativer Erklärungsmöglichkeiten würde sich mit einem Schlag erübrigen, sobald sich ETs endlich dazu entschließen könnten, auch den hartgesottensten terrestrischen Skeptikern endlich einen zweifelsfreien Beweis ihrer Existenz abzuliefern, wenigstens einen – etwa indem sie sich während einer live über­tragenen Bundestagsde­batte ans Rednerpult oder während der „Tagesschau“ auf den Platz des Nachrichtensprechers beamen. Ein einziger unstrittiger, wasserdichter Fall würde schon genügen, in der Ufologie wie überhaupt im Bereich des Paranormalen.


Vielleicht gab es solche unzweifelhaften Fälle schon längst zu­hauf, werden aber verheimlicht oder von jenen akademischen Fachkreisen, deren Ex­pertise über den Realitätsstatus eines Phänomens entscheidet, zu Un­recht ignoriert oder fehlinterpretiert. Vielleicht gibt es bisher keinen einzigen derartigen Fall, und alle gegenteiligen Behaup­tungen beruhen samt und son­ders auf Sinnestäu­schungen, Halluzinationen, dreisten Lü­gen, Gerüchten oder durchaus diesseitigen, physikalischen Ur­sachen. Im zweiten Fall kä­me uns, sofern wir keiner Reli­gion vertrauen, eines der wichtigsten verbleibenden Argu­mente für ein Weiterleben nach dem Tode abhanden. Im ersten Fall lautet die entscheidende Frage: Folgt aus der Realität von Psi-Phänomenen tatsächlich, dass es eine vom Körper unabhängige, ihn überdauernde Seele gibt?


Der Schluss mutet plausibel an, logisch zwingend ist er aber mitnichten, nicht einmal innerhalb eines esoterischen Welt­bilds. Ein böser Geist, Dämo­nen oder Satan persönlich könn­ten uns all diese Phäno­mene vorgaukeln; vielleicht tun es auch Außerirdische, im Rahmen eines globalen Feld­versuchs mit einer fremden Spezies - abwegige Vermutun­gen, aber nicht mit absoluter Gewissheit auszuschließen.


Mit Quantenphysik zu Gott und Seele?


Den meisten Physikern kommen Psi-Phänomene ungefähr so real vor wie die Blaue Fee, das Krümelmonster und die Sieben Zwerge. Nur wenige nehmen zumindest ein Mikrogramm davon ernst und sehen Erklä­rungsbedarf.


Eine kleine, aber wachsende Zahl von Wissenschaftlern, echter wie sogenannter, fühlt sich hingegen zum Dualismus hingezogen. Die meisten berufen sich dabei neuerdings auf die Quantenmechanik, vornehmlich auf das bizarre Phänomen der „Verschränkung“: Zwei Teilchen, die einer gemeinsamen Quelle entstammen, bleiben verbunden; unabhängig davon, wie weit sie voneinander entfernt sind, benehmen sich wie telepathisch begabte Zwillinge: Sie ändern ihre Eigenschaften synchron, ob­wohl keinerlei kausale Ver­bin­dung zwischen ihnen besteht – so als gäbe es zwischen ihnen eine „spukhafte Fernwirkung“, wie Einstein sie nannte. Diese mysteriöse Geselligkeit und weitere Kapriolen der Quan­ten­welt, so wird versichert, deuten auf ein zugrunde liegendes, alles ordnendes „Feld“ außerhalb von Raum und Zeit hin, in dem Energie und Mate­rie zu Erscheinungsfor­men eines universellen Geistes werden, an dem der unsrige teilhat – zu Lebzeiten, möglicherweise aber auch nachtodlich. Bekann­tester deutscher Verfechter dieses Standpunkts, dem der öster­reichische Physi­ker Fritjof Capra 1977 mit seinem Best­seller Das Tao der Physik zu enor­mer Popularität verhalf (19), war der im Mai 2014 verstorbene Hans-Peter Duerr, 19 Jahre lang Lei­ter des Münchner Max-Planck-Insti­tuts für Physik: Ihm zufolge be­ein­flussen sich Quanten seit dem Ur­­knall im gesamten Uni­versum wechselseitig, und weil auch wir letztlich aus ihnen bestehen, nimmt jeder von uns an diesem Dia­log teil. Alles, was ist, werde von einem „Quantencode“ dirigiert, seit je her und bis ans Ende aller Tage.


Dass eine Quantenwelt allerdings nicht zwingend unsterbliche Menschenseelen einschließt, erweist sich an der Uneinigkeit der Propagandi­sten in dieser Frage. In manchen Modellen findet Psi durchaus Platz, ohne dadurch auf einen Dualismus festgelegt zu sein. (20) Andere meinen zwar, die Seele sei nicht auf Vorgänge im Gehirn reduzierbar, sondern existiere parallel oder in Interaktion mit diesen, beschränken deren „Unsterb­lichkeit“ aber darauf, dass sie zu Lebzeiten unauslöschliche Spuren im „universellen Feld“ hinterlässt. (21) Mit einem immateriellen Ich, das seinem Leib entschweben kann, können auch sie in der Regel nichts an­fangen. Nur wenige gehen insofern weiter. (22)


Als Schnittstelle von Quan­tenwelt, Gehirn und Be­wusstsein macht der englische Mathematiker und Physiker Roger Penrose die Mikrotubuli aus: winzige Proteinröhrchen, die in allen Zellkernen vorkommen, wo sie als „molekulare Com­puter“ fungieren. Laut Pen­rose weisen sie die typische Größenordnung für Quanten­effekte auf. Seines Erachtens kann sich eine gigantische Viel­zahl von Mikrotubuli gleichsam zu einem einzigen selbstinszenierten Quantenzustand „verschränken“, dessen Kol­laps dann als ein „Bing“ registriert wird: ein elementares Ereignis in Gehirnzellen, das, gleichgeschaltet mit vielen derartigen Ereignissen, irgendwie unser bewusstes Handeln steuert. (23)


In der Esoterikszene finden solcherlei Konstrukte enormen Anklang. Durch hyperkreative Wortschöpfungen mit der Silbe „Quant“, die Insider ähnlich andächtig erschaudern lässt wie das heilige „OM“-Mantra, vermitteln ihre Printmedien, Websites und Veranstaltungen den Eindruck, in ihr wimmle es von quantenmechanisch Er­leuch­teten, denen glasklar ist, dass „alles Information ist“ und „wir nicht aus fester Materie, sondern aus Energie bestehen“; „alles ist mit allem verbunden“, „das Universum ist Geist“, und „der Geist schafft die Wirk­lich­keit“. Haarsträubende Buch­titel wie „Die geheime Phy­sik des Zu­falls“ (24) und cineastische Mach­werke wie „What the Bleep Do We Know?“ (25) suggerieren, hier werde ein bislang streng gehütetes „Geheimnis“ gelüftet. (Ungelüftet bleibt hingegen das gemeinsame Motiv, das angeblich mystikaffine Quantenfor­scher seit einem Jahrhundert daran hindern soll, mit der ganzen Wahrheit herauszurücken.)


Darauf gestützt, werden mysteriöse Produkte und Dienstlei­stun­gen vermarktet, deren im­posante Marken­namen suggerieren, von einem Physik-TÜV abgesegnet worden zu sein. Die Angebots­palette reicht von ein­em „quantenfeldtechnologischen Bio­pol“, einem „Quan­ten­informa­ti­onstransformer“, dem „Raum-Quanten-Motor“, einem Radi­onikgerät mit „High­Tech-Licht­quanten­effekt“ und dem „ky­ber­neti­schen Quanten-Bioreso­nanz­system Ingenium“ über „Quan­ten­hologramme“ und „Quan­ten­mu­sik“ bis zu „Tacho­punk­tur mit überlichtschnellen Tachyonen“, „Quan­tenpositro­ni­scher Informati­ons­medizin“ und „Quanten­heilung“, ja „Quan­ten-Erotik-Heilung“.


Bei Urh­ebern, Anwendern und Ab­nehmern solch bombastischen Wortge­klingels, die viel lieber voneinander als aus physikalischen Lehrbüchern abschreiben, handelt es sich in Wahrheit zu schätzungsweise 99 Prozent um physikalische Laien, die sich von wissenschaftsferner Quantenmystik benebeln lassen, in die Welt ge­setzt von gefeierten Leit­figu­ren, deren Begrifflichkeit („Va­ku­umfeld“, „Nullpunkt­ener­gie“, „Omega-Punkt“) und Argumentation sie weder vollauf kapieren noch am tatsächlichen Forschungsstand messen können, denn der ist ihnen so fremd wie der Biene die industrielle Honigproduktion.


Bei ihren spekulativen Draht­seilakten kommt esoterischen Nebelwerfern entgegen, dass sich die subatomaren Teilchen, mit denen sich die Quanten­physik befasst, nicht anschaulich darstellen lassen, ihr bisweilen exotisches Ver­halten widerspricht zumeist der All­tagserfahrung und überstrapaziert die Vorstel­lungskraft; manche Größen, wie z.B. der Spin eines Elek­trons, haben keinerlei Entspre­chung in der klassischen Phy­sik. Würde im Berliner Olym­piastadion und der Münchner Allianz-Arena zeitgleich mit zwei identischen, quantenverschränkten Fuß­bäl­len gespielt, so würde die Beob­achtung eines Berliners, dass der Ball einen Rechtsdrall hat, augenblicklich den entsprechenden Effet des Zwillings­balls in München festlegen – wem will das schon in den Kopf? Wer sich keine soliden Grundkennt­nisse in Mathema­tik und Phy­sik angeeignet hat, ist außerstande, tiefer in die Quanten­welt einzudringen; erst recht fehlt ihm jegliches Rüstzeug, mutmaßliche „Wei­ter­entwick­lungen“ der Quan­ten­mechanik daraufhin zu be­urteilen, ob sie widerspruchsfrei sind, Erklärungs­kraft besitzen, für Prognosen taugen – und überhaupt nötig sind. (Wel­che Neurophysio­logen erwägen ernsthaft, quantensensible Mikrotubuli-En­sembles in ihre Standardmo­delle einzubeziehen, solange Nervenzellen, Dendriten, Sy­napsen, Trans­mitter und andere bekanntermaßen an der neuronalen Informationsverar­beitung Be­tei­lig­te vollauf genügen, um zu erklären, was im Gehirn vor sich geht?)


Unhin­ter­fragt lassen muss der Laie deshalb, ob die vermeintlichen Koryphäen die quantenphysikalischen Schlüs­selexperi­men­te, von denen sie ausgehen, tatsächlich richtig interpretieren, Fachbegriffe wie „Energie“, „Welle“, „Kraft“, „Schwin­gung“, „Wechselwir­kung“, „Feld“, „Vakuum“ definitionsgemäß verwenden, mathematische Formeln korrekt ableiten, logisch zwingend folgern. Sich ihrem Reiz zu entziehen, fällt einem Nichtphy­siker schwer: Beeindruckt, ja andächtig folgt er ihren fachchinesischen Aus­führungen, bis eher früher als später der Punkt erreicht ist, an dem er nicht mehr folgen kann. Von da an bleibt ihm nichts anderes übrig, entweder das Vorgesetz­te gutgläubig zu schlucken, im Vertrauen auf fremden Sach­verstand – oder sich auszuklinken, im unguten Gefühl, man sträube sich gegen tiefere Einsichten, deren Brillianz man nicht ermessen kann; kaum einer erwägt, sich schleunigst als Gasthörer an der Uni zu immatrikulieren, um ein paar Semester Physik zu studieren, die Vertrauen durch Verstehen ersetzen könnten. Allzuviele folgen lieber bequemerweise der Intuition, bestimmt dächte man wie ein Capra, Laszlo, Duerr, König, Niemz, Tipler, Sarfatti und Penrose, sofern man bloß ebenso viel Ahnung hätte wie sie.


Doch diese Form von blinder Gefolgschaft wäre voreilig. Denn gegen die kleine Fraktion von metaphysischen Anders­den­kern steht eine große Mehr­heit von Physikern, die sich eher befremdet bis entsetzt abwenden: keineswegs bloß ignorante, betonköpfige Mate­rialisten, die sich mit Klauen und Zähnen dagegen wehren, dass ihre Festung von einem neuen, revolutionären „Para­digma“ geschleift wird, sondern auch aufgeschlossene Geister, die „Psi“-Phänomene durchaus nicht von vornherein ausschließen. (26) Ihr Urteil über die populäre Quantenesoterik lautet einhellig: Hier werden aus unvollständig und verzerrt dargestellten Forschungsergeb­nissen voreilige Schlüsse gezogen, nicht genehme Fakten ausgeblendet; es werden Begriff­lichkeiten missbraucht, nicht vorhandene Theoriedefizite be­hauptet, überflüssige Pseudo-Erklärungen vorgelegt, irrige und unüberprüfbare Behaup­tungen aufgestellt, elektromagnetische und Materiewellen miteinander verwechselt, von Ge­gebenheiten der Quanten­welt auf das Verhalten makroskopischer Objekte kurzgeschlossen. (27) Geist und Seele wer­den aus Modellen abgeleitet, deren vornehmlicher Da­seinszweck darin zu bestehen scheint, sie ableitbar zu m­achen. (28)


Zugunsten entlegener Lieblingshypo­the­sen werden naheliegende Er­klärungen über­sehen: Wenn etwa für den Heidelberger Physiker Markolf Niemz aus dem eigentümlichen „Lichttun­nel“-Erlebnis bei Nahtoderfah­rungen alternativlos folgt, dass die Seele nachtodlich „auf Lichtge­schwin­digkeit beschleunigt“ wird (29), fragt sich mancher Le­ser nicht bloß fassungslos, wo­hin sie sich denn so geschwind aus dem Staub machen muss, schneller als ein geölter Blitz – ist ihr transzendentes Reiseziel denn Lichtjahre entfernt? Ihn irritiert, dass dabei bekannte neurophysiologische Erkennt­nis­se, die weitaus weniger exotische Erklärungen nahelegen, außer acht bleiben: Tunnel­visionen und außerkörperliche Erfahrungen stellen sich auch bei Sauerstoffmangel im Ge­hirn, unter Drogeneinfluss, bei bestimmten Formen von Schi­zophrenie und Epilepsie ein; mittels Elektrostimulation einer bestimmten Hirnregion, des parietalen Kortex, lassen sie sich sogar künstlich auslösen – was darauf hindeutet, dass sie Produkte biochemischer Hirn­vor­gän­ge sind. (30)


Weithin verkannt wird, dass die Neigung zur Mystik keineswegs streng proportional zur wissenschaftlichen Brillianz zu­nehmen muss. Vehement angeprangert wird die Quanten­mystik unter anderem von dem US-Physiker Murray Gell-Mann, der 1969 für seine Ent­deckungen zur Klassifizierung der Elementarteilchen und ihre Wechselwirkungen den Nobel­preis für Physik erhielt. Sein Buch Das Quark und der Jaguar (31), darin vor allem das Kapi­tel über „Quantenmecha­nik und unsinnige Behaup­tungen“ mit einem Abschnitt über „Die Verdre­hung der Tat­sachen“, sollte zur Pflichtlektüre für Quan­ten­esoteriker werden, zusammen mit den Quantum Questions (32) des US-amerikanischen Psy­cho­logen, Philoso­phen und Mystikers Ken Wilber, eines Hauptvertreters einer „Trans­per­sonalen“ Psy­cho­logie und Psychotherapie, welche ihre klassischen Vor­gänger um religiöse und spirituelle Erfah­rungen zu erweitern versucht. Eines ahnungslosen Antispiritualismus ist wohl kaum jemand unverdächtiger als er. Um so überraschter dürften Quanteneso­teriker zur Kenntnis nehmen, was er von ihrem Treiben hält: „Aus den letzten dreißig Jah­ren kenne ich nichts, wo die Verwirrung größer wäre als in dem, was aus Quantenphysik gemacht wird. Es ist ein Alp­traum.“ (33) Dreizehn Begründer und Pio­niere der Quanten­physik, unter ihnen Bohr, Hei­senberg, de Broglie und Schrö­dinger, suchte Wilber persönlich auf: „Kein einziger, wirklich nicht einer von ihnen war der Meinung, dass Quanten­me­cha­nik irgendetwas mit spirituellen Wirklichkeiten oder Mystik zu tun hat.“ Aber waren sie nicht alle Mystiker? In der Tat – „aber nicht wegen, sondern trotz Physik. Das Ver­sagen der Quantenphysik, auch nur irgendetwas Spirituelles zu erklären, half ihnen dabei, zu Mystikern zu werden, im Sinne von Meta-Physik.“ (34)

Von Physik versteht auf diesem Planeten vermutlich kaum je­mand mehr als der weltbekannte Physiker und Kosmo­loge Stephen Hawking. Mit den esoterischen Höhenflügen einzelner Kollegen hat er sich in mehreren Schriften auseinan­dergesetzt. Ihnen hält er einen naiven Realismus vor, der als wirklich ansieht, was immer sich theoretisch darstellen lässt: „Physikalische Theorien sind lediglich von uns konstruierte mathematische Modelle. Es ist sinnlos, danach zu fragen, ob sie der Wirklichkeit entsprechen.“ (35) Damit verweist Haw­king auf einen Diskussions­strang, der uns schnurstracks in die Philosophie der Mathe­matik führt, des unentbehrlichen Instruments physikalischer Theorienbildung – und zur offenen Frage nach der Wirklichkeit der Zahlenwelt. Auch Quantenphysiker rechnen reichlich; wenn ihr Mikro­kosmos voller Merkwürdigkei­ten steckt, dann nicht nur wegen befremdlicher Eigen­heiten ihrer subatomaren For­schungsobjekte, sondern auch wegen der schweißtreibenden Komplexität ihrer Rechen­operationen, die Fachleute im selben Maße in Verzückung versetzt, wie sie Fachfremde in Verzweiflung stürzt. Sind die mathematisch abgeleiteten Be­sonderheiten der Quantenwelt real? Sind es andere mathematische Objekte wie die Primzahl Pi, unendliche Mengen, vierdimensionale Würfel oder so hochabstrakte Gebilde wie die „nicht erreichbaren überabzählbaren Zahlen“, die größer sind als unendlich mal unendlich? Mathematiker sind eher Er­finder als Entdecker, stellt Hawking klar. (36) Mathemati­sche Darstellbarkeit bürgt mitnichten für Existenz.


Von Animalgeistern zu Psychonen – Aus dem ­Kuriositäten­kabinett des Leib/Seele-Interaktionismus


Um eine zweite Stütze des Dualismus bemühen sich neuerdings Neurobiologen und Physiologen, allen voran der zum „Sir“ geadelte Australier John Eccles (1903-1997), 1963 mit dem Nobelpreis für Medi­zin bedacht. Nach Eccles´ Über­­zeugung ist es der „Geist Gottes“, der unser Selbst hervorbringt. Dessen Bewusstsein werde von einem Ensemble von immateriellen „Psycho­nen“ gebildet; diese steuern das Gehirn, indem sie auf die sogenannten Pyramidenzellen der Großhirnrinde einwirken – genauer gesagt, in den Den­driten. Jede einzelne Nerven­zelle besitzt bis zu 10'000 solcher fein verästelter Fortsätze, die Kontaktstellen, „Synap­sen“, zu anderen Zellen bilden. Diese Synapsen enthalten winzige Säckchen, „Vesikel“, ge­füllt mit Botenstoffen, den Neuro­transmittern. Erreicht ein Ner­venreiz die Zelle, öffnen sich die Vesikel und setzen Neurotransmitter frei; diese durchqueren den Spalt, der die Synapsen zweier Nachbar­zellen trennt, und leiten so den Reiz weiter. Bei der riesigen Zahl der Synapsen löst dieser Prozess sehr komplexe Gehirn­aktivitäten aus.


Nach Eccles´ Über­zeugung wird dieses Ner­vengeflecht von Psycho­nen durchdrungen; sie beeinflussen die Synapsen, umgekehrt gehen von den Den­driten Gedanken und Erfah­rungen in sie über. Die Kopp­lung dieser Prozesse mit Quan­tenfeldern verbinde unser Bewusstsein mit dem „Weltgeist“, der das ganze Universum durchdringe. (37)


Da­zu angeregt hatten ihn Ideen des deutschen Physikers und Philosophen Henry Margenau, aus denen Eccles schloss, ein energie- und masseloser Geist könne auf das Gehirn einwirken, indem er die quantenmechanischen Wahrscheinlich­keitsfelder beeinflusst.


Damit wird das Erklärungsproblem des Interaktionismus aber nur verlagert, weil nun die Art der Wechselwirkung zwischen Geist und Wahrscheinlich­keits­feld ungeklärt ist. (38) Selbst wenn es ausgerechnet die neuronalen Synapsen wären, an de­nen unser Gehirn mit universellen Quantenfeldern kom­mu­niziert, bliebe schleierhaft, ob es dies nicht auch ohne die Vermittlungsdienste irgend­welcher immaterieller Geister­teilchen zustande brächte; gel­änge ihm das, hätten wir eine Quantenneurologie, die ebensowenig eine Seele benötigt wie die klassische Hirnphysik. Und was aus den „Psychonen“ wird, wenn das Hirn abstirbt, lässt Eccles im Dunkeln. Außer­dem weisen Quanten­physiker darauf hin: Unser Gehirn ist so hochgradig vernetzt, dass Wechselwirkungen des Gehirns mit der Umgebung die typischen quantenmechanischen Effekte, wie sie in isolierten Laborsystemen beobachtet werden, rasch zu­nichte machen – insbesondere die hyperinstabilen „Verschrän­kungen“. Zwar kommunizieren Neuronen un­ter­einander atemberaubend schnell, in Bruch­teilen von mil­liardstel Milliar­den Sekun­den. Aber quantenmechanische Überlagerungen verschwinden noch sehr viel schneller (39), weshalb sich die Funktionsweise unseres Ge­hirns durchaus mit klassischer Physik verstehen lässt. Eccles´ Position zum Leib/Seele-Pro­blem verdeutlicht, wie stark das Denken vieler Hirnforscher von religiösen Überzeugungen und einem phi­losophischen Dua­lismus ge­prägt ist (40); beides scheint eher Ausgangspunkt und Sehn­suchts­ziel ihrer Stu­dien als deren Ergebnis.


Eccles´ Psychonentheorie und ähnliche Konstrukte führen eine Tradition fort, die auf den geistigen Vater des neuzeitlichen Leib/Seele-Dualismus, dem französischen Philoso­phen René Descartes (1596-1650) zurückgeht: die Suche nach einer Physiologie des Gei­stes. Wie, fragte sich Descartes, stellt es die immaterielle res cogit­ans bloß an, in kausale Be­zie­hungen zu Materie, res extensa, zu treten? Als Ort der Wech­selwirkung vermutete er die „aus sehr weicher Materie“ gebildete Zirbeldrüse, die an wenigen feinen Arterien aufgehängt sei. Wie ein Körper, der an dünnen Fäden in einem Kamin befestigt wurde, von aufsteigendem Rauch bewegt werden kann, so wirken „Ani­malgeister“, welche die Ner­venzellen durchströmen, auf die Zirbeldrüse ein. Mein Kör­per vermittelt meinem Geist Sinneseindrücke, indem er ihm Bilder vorhält, welche die Ani­malgeister im Drüseninneren herstellen; umgekehrt steuert mein Geist meinen Körper, indem sich die Zirbeldrüse auf bestimmte motorische Nerven­endungen neigt, wodurch einige der im Gehirn befindlichen „Animalgeister“ durch neuronale Röhren in den jeweiligen Muskel geleitet werden. (41)

Zwar ist Eccles´ Physiologie der cartesianischen ungefähr so weit voraus wie die moderne Raumfahrt Peterchens Reise zum Mond. Der Lösung des Hauptproblems jeder Form von Interaktionismus kommt sie aber keinen Millimeter näher: Auch sie ist unvereinbar mit einem der grundlegendsten Axiome wissenschaftlicher For­schung und Theorienbildung, der kausalen Geschlossenheit der Welt. (42) Was immer im Uni­versum ist und geschieht, lässt sich demnach durch Ereig­nisse, Vorgänge, Zustände innerhalb seiner Grenzen vollständig erklären. Wenngleich letztlich ein seinerseits unbeweisbarer Glaubenssatz, hat sich dieses Prinzip des „me­tho­dologischen Physikalis­mus“ seit Jahrhunderten bestens bewährt, an so unterschiedlichen Phänomenen wie Wetterveränderungen, Epilep­sie, Tsunamis, Blitzen, dem Lauf der Gestirne und der biologischen Evolution. Folg­lich hat Wissenschaft grundsätzlich keinen Bedarf an nichtphysischen, von außen einwirkenden Faktoren, zumal diese ihrerseits erklärungsbedürftig wären, wes­halb sie Erkennt­nispro­bleme nie lösen, sondern bloß verlagern. (Wenn es die Welt nur gibt, weil Gott sie geschaffen hat – warum gibt es Gott?) Deshalb ist jeglicher Dualismus zutiefst unwissenschaftlich, und dieses Merkmal disqualifiziert ihn am allermeisten. „Wer den Dualismus akzeptiert“, stellt der Philosoph Daniel Dennett klar, „hat die wissenschaftliche Annäherung an das Bewusstsein aufgegeben.“ (43)


Wie nützt Quantenmystik?


Was macht die geradezu magische Anziehungskraft aus, welche die Quantenmystik auf eine wachsende Zahl von Thera­peuten und Patienten ausübt? Den einen verhilft sie zu gesteigerter Bedeutsamkeit: Sie dürfen sich als Vollzugsorgane des Weltgeists wähnen und sich privilegierte Einsichten zu­schrei­ben, dank derer sie mehr Ahnung vom Wesen alles Seienden haben als das Gros professioneller Physiker, welche den spirituellen Kern ihrer eigenen Forschungsobjekte ent­weder nicht wahrhaben wollen oder gemeinerweise geheim halten. Darüber hinaus liefert sie ihnen werbewirksame Etiketten, die ihnen vorerst einen Wettbewerbsvorteil auf dem Gesundheitsmarkt verschaffen – zumindest solange nicht allzu viele Konkurrenten auf denselben Zug springen. Patienten verschafft Quanten­mystik das gute Gefühl, sich auf eine Heilweise einzulassen, die auf neuesten For­schungsergebnissen beruht. Und bei beiden Zielgruppen befriedigt sie religiöse Bedürf­nisse, zumal bei überdurchschnittlich Gebildeten, die ihren Glauben gerne auf ein vermeintlich wissenschaftliches Fundament stellen.


Trunken vom „Becher der Natur­wissenschaften“?


Dem Physiker und Nobel­preisträger Werner Heisenberg wird der Ausspruch zugeschrieben: „Der erste Trunk aus dem Becher der Naturwissen­schaften macht atheistisch, aber auf dem Grund des Bodens wartet Gott.“ Wie hochprozentig der Becherinhalt ist, ließ er im Dunkeln. Mitunter verneben metaphysische Bedürfnisse auch den brilliantesten For­scher­kopf. Weder Professoren­titel noch Nobelpreise machen zuverlässig immun dagegen, sich dem eigenen Will to Believe zu fügen, in dem der amerikanische Philosoph William James einen der mächtigsten Antriebe des Menschen sah.


Alles in allem steht die vielfach behauptete „wissenschaftliche Untermauerung“ des Dualis­mus bislang auf derart tönernen Füßen, dass er vom Status des Bewiesenseins Lichtjahre entfernt ist. So jedenfalls sieht das der weltbekannte Physiker und Kosmologe Stephen Haw­king: „Ich betrachte das Gehirn als einen Computer, der aufhört zu funktionieren, wenn seine Bestandteile versagen. Es gibt keinen Himmel und kein Leben nach dem Tod für kaputte Computer. Dies ist ein Märchen für Leute, die Angst vor der Dunkelheit haben.“ (44) Dass die Existenz von Psi-Phänomenen, einer unsterblichen Seele, eines alles durchdringenden und ord­­nenden Gottes mit der Quan­­tenmechanik, der Rela­ti­vitätstheorie oder irgendeinem anderen physikalischen Er­kl­ärungsmodell grundsätzlich vereinbar wäre, bedeutet noch lange nicht, dass es sie gibt. Auch mit einer siebenbeinigen, dreischwänzigen grünen Katze hätten Quantenmechaniker kein grundsätzliches Problem.


Also müssen wir bis auf weiteres darauf gefasst sein, dass unsere Existenz vollständig, ein für allemal mit dem Tod unseres Körpers endet.


Wäre das schlimm?


Vollständig vernichtet werden: ein Alptraum?


Was können wir psi-skeptischen Materialisten, Atheisten und Nihilisten mitgeben – Zeitgenossen, die ihr Dasein als unbedeutendes biochemisches Experiment betrachten, nichts weiter als eine flüchtige Ver­bindung von Atomen im un­endlichen Raum? Illusionslos sehen sie einem allerletzten Tag entgegen, einer letzten Stunde, einer letzten Minute, einem letzten Atemzug. Und das wird es dann für sie gewesen sein. Aus und vorbei, „der Rest ist Schweigen“. (45)

Religiös Gesonnene unterstellen solchen Leuten gerne, eine derart trostlose Perspektive müsse letztlich doch auch für sie ganz furchtbar sein, was bestimmt daher rühre, dass sie, ob sie das nun zugeben oder nicht, im tiefsten Inneren unter ihrer Glaubensleere leiden, an fehlendem letzten Sinn, der schließlich nur von Gott kommen könne. Aber es leidet beileibe nicht jeder. Manchen genügt die Zuversicht, nach ihrem Tod in einem metaphysikfreien Sinne weiterzuleben: sei es in den Erinnerungen Anderer, denn „der Mensch ist erst wirklich tot, wenn niemand mehr an ihn denkt“ (Bertolt Brecht); sei es in Din­gen, die sie zu Lebzeiten ge­schaffen haben und der Nach­welt hinterlassen; sei es in den sozialen Rollen, die sie ausfüllen und in die Andere schlüpfen werden; sei es in den My­riaden von Hinsichten, in de­nen ihre Existenz den Lauf der Dinge beeinflusst und verändert hat. Durch unsere Worte, unsere Taten, unsere äußere Erscheinung, unsere schiere Präsenz verändern wir in jedem Augenblick unseres Daseins das Weltgeschehen; wir veranlassen Andere, sich auf eine Weise zu verhalten, wie sie es nicht tun würden, wenn es uns nie gegeben hätte – was sich wiederum in deren Umgebung auswirkt. Bei näherem Hinsehen gleicht jede unserer Handlungen, selbst die unscheinbarste, einem Steinwurf ins Wasser, der Wellen schlägt, die sich über alle Weltmeere fortpflanzen. (Zum Beispiel: Unterbräche ich jetzt die Arbeit an diesem Manu­skript, um beim Bahn­hofsbäcker ein Stück Kuchen zu holen, so würde ich auf dem Bahnhofsvorplatz vielleicht den letzten freien Park­platz belegen, woraufhin jemand anders sein Auto weiter entfernt abstellen muss, weshalb er knapp den Zug verpasst, in dem er womöglich seinen künftigen Lebensge­fähr­ten kennenlernen würde, der sich daraufhin vom bisherigen Ehepartner scheiden ließe, was sich auf das Schick­sal der gemeinsamen Kinder, auf den geplanten Hausbau, auf Urlaubspläne, auf ihre beruf­lichen Karrieren auswirken würde usw.) Jeder von uns, vom Penner bis zum Prä­siden­ten, zieht eine einmalige, folgenschwere Spur durch die Zeitgeschichte des gesamten Planeten. Durch sein schieres Da-Sein verändert er den Wel­tenlauf für immer, weit über seinen Tod hinaus.


Doch nicht jedem Materialisten gelingt es, sich mit solchen eher metaphorischen Varianten von Unsterblichkeit gleichmütig abzufinden. Manchen quält durch­aus die Aussicht, vor welcher ihren religiösen Mitmen­schen erst recht graut: das vollständige, endgültige Ausge­löscht­werden. Die Vernichtung. Während es für Christen nicht schlimmer kommen kann, als nach dem letzten Atemzug zur Hölle zu fahren, schwante be­reits den alten Ägyptern noch Übleres: Wer in der unterweltlichen Justizhalle bei der Prü­fung vor dem Totengericht durchfällt, dem blüht als größtmögliche Strafe die endgültige Nichtexistenz. Noch fünf Jahr­tau­sende später bleibt dieses Grauen nachvollziehbar. Gibt es Schrecklicheres, als zu nichts zu werden?


Wie können wir einem Camp­teilnehmer helfen, der unter der Befürchtung leidet, dass nichts von alledem eintreten wird, was Religion und Eso­terik für den Todesfall in Aussicht stellen? Immerhin je­der zweite Bundesbürger mag sich nicht damit abfinden, dass mit seinem Tod "alles aus" sein soll; unter den 18 bis 29 Jahre alten Deutschen sind es sogar 64 Prozent. (46)


Objektiv betrachtet, scheint der eigene Tod ein Ereignis, mit dem man sich nicht nur wohl oder übel abzufinden hat, sondern das sich aus Einsicht akzeptieren lässt. Reichlich Grün­de dafür werden bei Grabreden erwähnt, wir lesen sie in Kondolenzschreiben und Todesanzeigen; wir hören sie in Beileidsbekundungen von Freunden und Bekannten des Verstorbenen, die damit die nächsten Hinterbliebenen aufrichten wollen; Seelsorger und Therapeuten bedienen sich ihrer, um bei der „Trauerar­beit“ behilflich zu sein. Über religiösen Trost hinaus („Got­tes unergründlicher Rat­schluss“, „ … hat XY zu sich geholt“) heißt es dann:


- Der Tod sei etwas „Nor­males“ und „ganz natürlich“. Alle Menschen sind sterblich; du bist ein Mensch; also stirbst auch du irgendwann. Logisch. Das gehöre nun mal zum Kreislauf der biologischen Erneuerung, untrennbar verbunden mit allem organischen Leben. So gesehen, ist unser Verschwinden aus der Welt nicht erheblicher als unser hochgradig zufallsbedingtes Auftauchen in ihr. „Tod ist Ziel der Natur, nicht Strafe“, befand Cicero (106 - 43 v. Chr.). Und „wer darüber klagt, dass jemand gestorben ist, klagt darüber, dass er ein Mensch gewesen ist“, meinte der römische Philosoph und Dichter Sene­ca (4 v. Chr. - 65 n. Chr.).


- Der Tod mag am Ende eines „erfüllten Lebens“ stehen. Kann man vorher nicht alles erreicht haben, was man sich zum Ziel gesetzt hat, und dafür Dankbarkeit, Liebe und An­er­kennung ernten? Gibt es keinen Punkt, an dem man voller Stolz auf sein Lebenswerk zurückblicken kann, im Gefühl, es sei mehr als genug? „Meine Arbeit ist getan“, sollen Einsteins letzte Worte gewesen sein.


- Der Tod kann eine „Erlösung“ sein: von unerträglichen Schmerzen und anderen furchtbaren Lebensumständen. Oft­mals beendet er ein Dasein, von dem es heißt, es sei „nicht mehr lebenswert“.


Müssen wir es fertigbringen, im Hinblick auf unsere eigene Ver­nichtung eine solche Per­spek­tive einnehmen? Verflüchtigt sich dann jegliche Angst vor dem Ausgelöschtwerden?

Es gelingt nicht. Denn aus einer anderen Perspektive, die jedem von uns näher liegt, nämlich unserer eigenen, ist der Tod weitaus mehr als bloß ein übliches Ereignis im Lauf der Din­ge, und dieses „Mehr“ macht seine erschütternde Tragik aus. Auch wenn es völlig normal ist, dass Katzen Mäuse fressen, und dieser Umstand insofern nicht sinnvoll beklagt werden kann, tröstet das die Maus nicht im geringsten.


Wird der Tod für den, der ihn vor Augen hat, dadurch zum Horror, dass er zu nichts wird – dass alles, was ihn ausmacht, erloschen sein wird wie eine ausgeblasene Flamme? Aber was schert es die Flamme, wenn sie ausgegangen ist?


In Wahrheit ist es eher das Sein im Nichts, vor dem vielen graut, als das Nichtsein. Nach der Beerdigung eines Verwandten meinte meine damals fünfjährige Tochter sichtlich erschüttert zu mir: „Ich will nie, nie, nie tot sein. Sonst wäre ich ja für im­mer unter der Erde in so einem Sarg eingesperrt, alles um mich herum wäre schwarz, und niemand würde sich mehr um mich kümmern.“ Diese Furcht geistert keineswegs nur durch die Vorstellungswelt von Klein­kindern. (47)


Auch vielen Erwach­se­nen erscheint der Tod als eine endlose Isolationshaft in stock­dunkler Stille, verbunden mit völliger Regungslosigkeit und sensorischer Deprivation in ihrer grausamsten Form, schlim­mer noch als die Camera silens, berüchtigter Bestandteil von CIA-Foltermethoden. (48)


Doch dieses Grauen vor der schlechthinnigen Vernichtung im Tod rührt von verqueren Vorstellungen her. (49) Gleicht der Tod der finstersten Nacht? Der Vergleich hinkt: Im Dunkeln bin ich es, der sich in ihr fürchtet, in ihr nichts mehr sieht, in ihr friert. Tot hingegen bin ich nicht mehr. Wenn ich mich davor fürchte wie vor dem Dunkel, so male ich mir einen Zustand aus, in dem ich noch bin, während ich nicht mehr bin - sozusagen als Zeuge meiner eigenen Nichtexistenz. So verstanden, ist Todesangst grundsätzlich absurd. Falls nach dem Tod nichts mehr kommt, dann auch nichts, wo­vor man sich fürchten müss­te. Manch einer glaubt sich auf seinen Tod zuzubewegen wie auf den Eingang einer Höhle. Und nun grübelt er, was ihn erwartet, nachdem er sie betreten hat. Wird er dann für immer im Finsteren sein? Oder wird er ein Licht gewahren, das ihn zu einem Ausgang führt, hinter dem sich ihm eine andere Welt eröffnet? Er rechnet nicht damit, dass diese Höhle im selben Augenblick verschwindet wie er selbst. Dass sie nur ist, indem sie in ihm ist.


Ebensowenig ist die subjektive Todesangst dadurch ausreichend erklärt, dass sie dem Faktum der eigenen Nichtexi­stenz gilt. Es gab mich nicht, ehe ich geboren wurde. Es hätte sein können, dass es mich niemals gegeben hätte. Trotz­dem erschüttert mich die Mög­lichkeit des praehumen Nicht­seins, oder gar des Nie-Gewe­sen­seins, weitaus weniger als des posthumen. (50) Zwar mag ich bedauern, nicht schon als römischer Tribun oder als mittelalterlicher Burgherr ge­lebt zu haben, und falls irgendwann Zeitreisen möglich sind, würde ich womöglich ein Ticket kaufen. Aber das Wissen, in der Vergangenheit noch nicht gewesen zu sein, berührt mich nicht annähernd so stark wie die Aussicht auf mein Nicht­sein in der Zukunft. Eine ähnlich eigentümliche Asym­metrie besteht bei anderen Er­eignissen und Zuständen: Der Schmerz, den ich durchlitten habe, ist für mich weniger schlimm als der, den ich auf mich zukommen sehe.

Ängstigt der eigene Tod, weil er einem Koma zu gleichen scheint: nichts mehr wahrnehmen, denken, fühlen, handeln können? Aber käme er mir dann nicht weitaus weniger schlimm vor, als er es tatsächlich tut? „Ist der Tod nur ein Schlaf, wie kann dich das Sterben erschrecken? Hast du es je noch gespürt, wenn du des Abends entschliefst?“, fragte der deutsche Dichter Friedrich Hebbel (1813-1863). Bewusstlo­sig­keit hindert mich an allem, was mir möglich wäre – doch immerhin bleiben es weiterhin Möglichkeiten des Tuns und Erlebens, die ich andernfalls realisieren könnte (und es täte, falls ich wieder zu Bewusstsein komme). Zum Schlaf, wie lange auch immer er währt, gehört die Chance, irgendwann aufzuwachen, wie gering sie auch sein mag. Der Konjunktiv passt noch: Weiterhin könnte ich. Inso­fern ist mein Tod viel einschneidender: Er zerstört all meine Möglichkeiten ein für allemal, indem er ihr Subjekt vernichtet. Daher hinkt der Vergleich.


Was den Tod, subjektiv betrachtet, grauenvoll macht, sind zwei andere Besonderheiten. (51) Die eine hat mit Erwartung zu tun. Mein Tod gehört zu meiner Zukunft, und meine Einstel­lung dazu, was diese mir bringen wird, schließt immer auch eine Vorausschau ein. Wie wird es sein, nächsten Sommer Ur­laub in der Karibik zu machen? In eine andere Stadt umzuziehen? Ein Vermögen zu besitzen? Enkelkinder zu haben? Was hingegen mein Ableben betrifft, gibt es nichts, dessen ich noch harren könnte – das schiere Nichts als solches ist kein möglicher Erwartungs­inhalt. Und dieses Hemmnis verstört zutiefst.

Zum anderen schließt mein Tod ein, dass ein Parallelismus en­det, der für mich zum Aller­selbstverständlichsten gehört, seit es mich gibt. Auch wenn es geradezu grotesk banal klingt, stimmt es trotzdem: An mein eigenes Dasein habe ich mich sehr gewöhnt. So weit ich zu­rückdenken kann, gibt es mich. Objektive und subjektive Zeit liefen immer parallel. Im Tod driften beide auseinander, nicht bloß insofern, dass die Welt da draußen ihren Fort­gang nimmt, ohne dass ich noch in ihr vorkomme. Mein Tod als Ereignis in der Welt ist leicht zu begreifen – ganz im Gegensatz zum Ende meiner Welt.


Das ist es, was mich bei der Vorstellung meines künftigen Nichtseins alarmiert, beängstigt und fassungslos macht, sobald ich mich darauf einlasse, sie in mir heraufzubeschwören. Nichts kann dieses Grauen bannen, und deshalb verdient es mein Tod, dass ich ihn verfluche.


Aber ist es nicht zumindest unter bestimmten Umständen gut, dass ein Leben zwangsläufig endet? Oftmals erlöst er von einem erbärmlichen Dasein in Armut, Unfreiheit, Lieblosig­keit, Schmerz und Angst. „Der Tod ist die Befreiung und das Ende von allen Übeln, über ihn gehen unsere Leiden nicht hinaus“, so bemühte sich der römische Philosoph und Schriftstel­ler Seneca (ca. 4 v. Chr - 65 n. Chr.) um tröstliche Worte. Aber selbst dann bleibt der Tod schrecklich: Denn er beraubt sein Opfer ein für allemal jeglicher Möglichkeit, zumindest in Zukunft mehr Gutes als Schlechtes zu erleben.


Manche Philosophen bemühen sich, uns das Sterbenmüssen un­ter allen Umständen schmack­haft zu machen, indem sie uns die „Langeweile der Unsterblichkeit“ ausmalen. (52) Könnte es sein, dass sich solche Leute einfach schneller langweilen lassen als ich? Und wür­de ihnen dieser Wesenszug jenseits nicht früher oder später den gleichen Frust bescheren wie diesseits? Durchaus vor­stellen kann ich mir, dass ich irgendwann jedes be­stimmten Lebens überdrüssig werde – aber des Lebens an sich? Nicht, solange ich frei bin, die Umstände meines Daseins so zu verändern, dass sie mir Neues zu bieten haben, und meine Phantasie reicht bei weitem nicht aus, mir alle erdenklichen Optionen auszumalen, die ich dabei ernsthaft in Be­tracht ziehen würde. Antoine de Saint-Exupery (1900-1944), dem großen französischen Schriftsteller, widerspreche ich heftig, wenn er behauptet: „Das, was dem Leben Sinn verleiht, gibt auch dem Tod Sinn.“ (53) Je mehr mich mein Leben befriedigt und erfüllt, desto lieber hätte ich noch mehr davon. In meinen Exitus würde ich, falls ich wählen könnte, nur in zwei Fällen einwilligen: wenn mein jetziges Leben unerträglich wäre – zum Beispiel aufgrund ständiger starker Schmerzen -, ohne die geringste Aussicht auf Besse­rung; oder wenn ich sicher wäre, dass etwas Schreckliches unabwendbar auf mich zu­kommt, sei es ein alles vernichtender Kometeneinschlag, eine Zombie-Invasion, eine Pande­mie ohne Gegenmittel, eine weltweite radioaktive Verseu­chung oder irgendein anderes apokalyptisches Szenario. An­sonsten würde ich mich vor der Wahl, entweder in wenigen Mi­nuten tot oder noch eine Woche länger da zu sein, immer fürs Weiterleben entscheiden; daraus schließe ich mit induktiver Logik, dass ich niemals sterben möchte. (54)


Lieber diesseits unsterblich


Der Tod ist schrecklich, und Angst davor hätte ich, mit Woody Allens köstlichem Bon­mot, bloß dann nicht, wenn ich nicht dabei sein müsste, wenn er eintritt. (55) Weil ich vermute, dass die meisten Menschen ähnlich empfinden, steht für mich außer Frage, dass jede Technik, die unsereins physisch unsterblich machen kann, auf reißende Nachfrage stieße, sobald sie einigermaßen zuverlässig und erschwinglich wäre.


Dazu werden wir weder nach mythischen Jungbrunnen noch nach Dukateneseln suchen müs­sen, mit denen wir uns den Anti-Aging-Wucher mit Kos­metika, Nahrungsergän­zungs­mitteln und ästhetischer Chi­rurgie leisten können. Vielmehr könnte Gentechnik den vorprogrammierten Zelltod aufhalten, indem sie gezielt einzelne Bau­steine unserer Erbinformation ausschaltet und neue einfügt, somit den Alterungsprozess stoppen – unser Körper würde dann ebenso potenziell un­sterblich wie bestimmte Qual­len, Pilze, Seegurken und Poly­pen. Nanomaschinen könnten dauerhaft im menschlichen Kör­­per eingesetzt werden, um Pathogene unschädlich zu ma­chen, Krebs in Schach zu halten und Reparaturarbeiten durchzuführen. Mit „therapeutischem Klonen“ könnten neue Zellen, Gewebe, ganze Organe aus unserem eigenen Erbgut nachgezüchtet und eingesetzt werden. Weitere technische Im­plantate, über künstliche Her­zen hinaus, könnten den anfälligen menschlichen Orga­nismus erhalten, verbessern - und zum unverwüstlichen Cy­borg umwandeln. Bewusst­seins­relevante Teile des Ge­hirns könnten in digitale Me­dien ausgelagert werden („Mind-Uploading“).


Manche dieser Techniken schweben noch in der Sphäre von Ge­dan­kenexperimenten, andere be­fin­den sich schon in der Erpro­bungsphase, vereinzelt sind sie bereits Praxis. Wer weitere Fort­schritte abwarten will, je­doch befürchtet, dass er sie nicht mehr erleben wird, könnte sich auf die Kryonik einlassen (von griech. kryos: Kälte): Mit flüssigem Stickstoff wird sein Organismus auf minus 196 Grad tiefgekühlt; dadurch kommt jegliche Bio­aktivität in ihm zum Erliegen, womit ei­nem weiteren Verfall seines Ge­we­bes Einhalt geboten wird. (Zur Konservierung wird neuerdings ein „Vitrifi­zie­rung“ genanntes Verfahren eingesetzt, das verhindert, dass Eiskristalle Zellen schädigen.) Zu einem Zeitpunkt eigener Wahl würde er, hoffentlich körperlich unversehrt und men­tal heil, wieder aufgetaut. (56)

Auf die eine oder andere Weise gelänge es den „Auswege“-Camps des 22. Jahrhunderts bestimmt, Teilnehmern Todes­angst zu nehmen: nicht durch religiöse Vertröstungen, spiritualistische Versicherungen, unsichere Parapsychologie oder nebulöse Quantenmystik, sondern durch eine Adressenliste der seriösesten, erfolgreichsten biotechnischen Lebensver­län­gerer. Sinnigerweise würde sich somit schließlich ein uneingelöstes Versprechen mancher Re­ligionen erfüllen: Manche Strö­mungen des Taoismus, der bis ins 4. Jahrhundert vor Christus zurückreicht, stellten physisches Immerwähren durch Kultivierung von Geist und Körper zum Xian („Unsterb­licher“) in Aussicht; demselben Ziel widmete sich jahrhundertelang die chinesische Alche­mie. (Ihr Wahn, Hauptbestand­teil des Lebenselixiers sei das quecksilberhaltige Zinnober, kostete vielen Gutgläubigen das Leben.) Auch vereinzelte Bibelpassagen stellen nicht bloß außergewöhnliche Langlebig­keit in Aussicht, wie bei Methu­salem und den Erzvätern, sondern physische Unsterblichkeit, wenngleich nur kraft eines göttlichen Willensakts: „Einige von euch werden den Tod nicht schmecken, bis sie das Reich Gottes sehen“ (Lukas 9,27). (57)

Wem er ganz und gar nicht schmeckt, kann neuerdings hoffen: Der Tod scheint bloß noch ein ungelöstes technisches Problem. Grundsätzliche Zwei­fel daran, dass sich der Mensch dereinst biologisch unsterblich machen kann, scheinen mir von Unkenntnis der längst stattfindenden, ungeheuer dynamischen Forschungsaktivitäten zu diesem Ziel herzurühren.


So­bald solche Mittel verfügbar sind, wird die Mortalitätsrate weltweit zwar drastisch sinken (und alle Probleme der Be­völkerungsexplosion vervielfachen, sofern nicht zusätzlicher Lebensraum erschlossen, die Geburtenrate drastisch ge­senkt oder gnadenlos Euthanasie betrieben werden kann). Bestimmt wird sie aber niemals gegen Null gehen. Zum einen dürften in noch so ferner Zukunft stets äußere Umstände eintreten, unter denen Menschen gegen ihren Willen umkommen, auch in größerer Zahl: sei es durch Unfälle, die irreparable Schä­den zur Folge haben; durch Umweltkatastrophen, soweit sie weiterhin weder präzise vorhersehbar noch beherrschbar sind; durch Seuchen, gegen die nicht rechtzeitig ein Impfstoff gefunden wird; durch brutale Unterdrückungsregi­mes; oder durch Kriege, ob nun gegen Artgenossen, Maschinen oder Aliens. Zum anderen könn­ten Menschen auch künftig aus freien Stücken ihren Tod vorziehen, aus unterschiedli­chen Erwägungen: Sie könnten jedes erdenklichen Daseins, des Lebens an sich, überdrüssig werden. (Kryonik macht diese Möglichkeit allerdings noch un­wahrscheinlicher, als sie schon heute ist: Wen sein mo­mentanes Dasein anödet, der könnte sich tiefgefroren eine Weile schlafen legen, bis die Welt voraussichtlich eine andere geworden ist – im Ver­trauen darauf, dass die soziokulturelle Entwicklung auf diesem Pla­neten ähnlich dynamisch voranschreitet wie bisher. Hätte die Kryostase-Tech­nik schon Mitte des vorigen Jahrhun­derts zur Verfügung gestanden, so hätte eine Tief­kühl­phase von wenigen Jahr­zehn­ten genügt, um in einer drastisch veränderten Welt aufzuwachen.) Sie könnten sich von einer schweren psychischen Last befreien wollen, die sie anders nicht loswerden (es sei denn, solche Zustände können mit künftiger Neurotech­nik ebenso mühelos gelöscht werden wie überflüssige Datei­en und Programme von der Festplatte eines Computers); sie könnten ihr Leben opfern – für Werte, für eine gute Sache, für andere Menschen. Oder sie entschließen sich zum Freitod aus reiner Neugier: nicht auf das Nichtsein, sondern auf die mögliche nachtodliche Alter­native, das Weiterexistieren in einer radikal anderen, körperlosen Seinsform.


Solange der Tod unausweichlich auf uns zukommt – nach wenigen Jahrzehnten, was ein Großteil der Heutigen als zu kurz empfindet -, sondern zur frei wählbaren, zu einem beliebigen Zeitpunkt wahrnehmbaren Op­ti­­on wird, könnte bei vielen Menschen irgendwann schiere Abenteuerlust über die Furcht vor dem ungewissen Danach obsiegen. Sie beschlössen aus einem vergleichbaren Motiv zu sterben, das 200’000 Zeitgenos­sen aus 140 Ländern veranlasst hat, sich für einen Platz in der ersten Marskolonie 2025 zu bewerben, wohlwissend, dass sie von dort nie mehr zurück­kehren werden.58 Also waltet zwar in jeder vorstellbaren menschlichen Zukunft wohl weiterhin der Tod – doch seinen Schrecken hätte er verloren. Es gehört durchaus keine überbordende Science-Fiction-Fantasie zu der Prophezeiung, dass sich bei Teilnehmern des 200. bis 300. „Auswege“-Camps (bei weiterhin vier pro Jahr) das Problem der Todes­angst vor diesem Hintergrund nicht mehr stellen würde.


So mancher Campteilnehmer, der sich den Kopf über ein mögliches Leben nach dem Tode zerbricht, versäumt es nach unseren Eindrücken im übrigen sicherzustellen, dass es für ihn ein Leben vor dem Tode gibt. Wenn dein Leben endet, solltest du sagen können, dass du gelebt hast. (59)


Ist jeder Todesfall ein therapeutischer Misserfolg?


„Wann folgt die Ursache der Wirkung? Wenn ein Arzt hinter dem Sarg seines Patienten hergeht." Damit die Pointe an­kommt, muss Zuhörern ein­leuch­ten: Ein Arzt, dessen Pa­ti­ent stirbt, hat versagt. Eine Therapie, die den Behandelten nicht retten kann, war nutzlos, zumindest in seinem Fall; nun steht der Therapeut blamiert da.


Mit derselben Erwartung se­hen sich unkonventionell Hei­lende unentwegt konfrontiert. Deren "Erfolg" messen Hilfe­suchende und ihre Angehö­rigen zumeist daran, wie rasch und vollständig Symptome verschwinden oder zumindest nachlassen, ein Leiden "be­siegt" oder wenigstens erträglicher ge­macht wird. Doch wenn eine Er­krankung allen therapeutischen Bemühungen zum Trotz unaufhaltsam voranschreitet - taugt dann der Heiler nichts? Alexander, Ida, Joachim: Sie alle sind inzwischen tot. Also sind wir gescheitert?


Wer derart richtet, begreift nicht, worum es geht. Ganz­heitliches