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  • Neun Tage im Übermorgen - Vom „Auswege“-Camp zur Klinik der Zukunft

    Wer ein Therapiecamp der Stiftung Auswege besucht, begibt sich auf eine Zeitreise: Er betritt den Heilungsort der Zukunft – einen, an dem vielen chronisch Belasteten nicht bloß effektiver geholfen wird, sondern auch humaner und für alle Beteiligten befriedigender als in jenem „Krankenhaus“, das Patienten von der pharmalastigen, technophilen, profitorientierten Schulmedizin zugemutet wird. Es sind Nebensächlichkeiten, die den Blick darauf verstellen. Eine Klinik ist definitionsgemäß eine Einrichtung, in der durch ärztliche, therapeutische und pflegerische Hilfeleistung gesundheitliche Schäden festgestellt, geheilt oder gelindert werden. In diesem Sinne betreiben wir mit unseren Camps längst eine Klinik, und zwar eine mobile: In bestimmten Kalenderwochen öffnen wir sie für eine kurze Weile, betreuen Patienten vollstationär, geben am Ende den Schlüssel ab, zahlen unseren Gastgebern für Miete und Verpflegung, frei von jeglichen weiteren Verpflichtungen – und öffnen sie Wochen, Monate später andernorts erneut, immer dann, wenn sich genügend qualifizierte Helfer aus unserem Therapeuten-Netzwerk Zeit für ehrenamtlichen Einsatz nehmen können. Angenommen, diese Camps fänden irgendwann an einem festen Standort statt, sie bekämen ein ständiges Zuhause, das ganzjährig geöffnet bliebe: Was würde ihnen dann noch zu einer vollwertigen Klinik fehlen? - In den „Auswege“-Camps findet bisher keine Diagnostik statt; das angebotene Therapiespektrum ist begrenzt; keinerlei Apparate sind vorhanden; es gibt kein Labor; Pflege, Rehabilitation, Nachsorge und Prävention fehlen. Doch all dies ließe sich eingliedern oder in enger Zusammenarbeit mit Praxen, Kliniken und Diensten in der näheren Umgebung sicherstellen. - Bisher reisen Therapeuten für jeweils acht bis neun Tage an, anschließend kehren sie zu ihren Wohnorten zurück. Ein ständiger Klinikbetrieb müsste ihnen Unterkunft und Praxisräume bieten oder Anreize schaffen, sich in unmittelbarer Nähe niederzulassen. - Eine Klinik verursacht Kosten, die unseren Camps erspart bleiben: für den Erwerb einer geeigneten Immobilie; für Umbau, Renovierung und Einrichtung zum vorgesehenen Zweck; für den laufenden Betrieb (Strom, Wasser, Heizung; Versicherungen, Steuern und Abgaben; Instandhaltung, Reparaturen); für Therapeuten, Pflegekräfte und sonstiges Personal - wie Sekretariat, Hausmeister, Gärtner, Reinigungskräfte, Küchenhelfer, Handwerker, Kinderbetreuer etc. -, von denen die meisten nicht länger ehrenamtlich mitwirken könnten, sondern auf ein ständiges Einkommen angewiesen wären. Würden die damit verbundenen organisatorischen, architektonischen und Finanzierungsprobleme gelöst, so könnten die „Auswege“-Camps ohne weiteres in eine Klinik übergehen, die herkömmlichen Krankenhäusern vieles voraus hat: 1. Es wäre eine ganzheitliche Klinik, die nicht nur manifeste Beschwerden und deren organischen Ursachen beseitigen, sondern „Gesundheit“ in einem umfassenden Sinn wiederherstellen will, den die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schon 1946 in ihrer Verfassung weise definierte als einen „Zustand vollständigen physischen, geistigen und sozialen Wohlbefindens“. Nicht bloß ums Kurieren ginge es hier, sondern ums Heilen; nicht nur um Symptomfreiheit, sondern ums Heilsein. 2. Ein Gebäude, das Beklemmungen auslöst, behindert Heilungsprozesse. Die „Auswege“-Klinik wäre ein Ort zum Wohlfühlen: draußen eine idyllische Natur fernab von städtischem Lärm und Smog, von trister Nachbarschaft, von Asphalt- und Betonwüsten; drinnen frohe Farben, organische Formen, warme Materialien, natürliches Licht, angenehme Gerüche, reichlich Bilder an den Wänden, überall Pflanzen. Denn ein ästhetisches Ambiente ist heilsam. Anstelle der gefürchteten Krankenhauskost, die der Schweizer Politologe und Gesundheitsökonom Gerhard Kocher als „Form der aktiven Sterbehilfe“ verspottet (1), würde schmackhaftes, möglichst vollwertiges, frisch zubereitetes Essen in Bio-Qualität geboten. 3. Sie wäre ein Ort des Verstehens. Damit sich Patienten dafür öffnen, was ihnen geboten wird, und bereitwillig mitwirken, müssen sie sich als Teil eines sinnvollen Ganzen begreifen können. Warum, so fragt der frühere Berliner Ärztekammerpräsident (1987-1999) und „Auswege“-Beirat Ellis Huber, „beginnt der ohnehin lange Krankenhaustag mit Wecken und Waschen im Morgengrauen, kommt das Frühstück erst Stunden später, dafür das Abendbrot weit vor der Sandmännchenzeit? Warum hat der Professor bei der Visite so wenig Zeit, und warum erklärt der junge Assistenzarzt die bevorstehende Operation im Medizinerkauderwelsch?“ (2) Der Gesundheitsökonom Gerhard Kocher ätzt: „Frühstück um 6, Mittagessen um 11, Abendessen um 5 – wer zweifelt da noch, dass unsere Krankenhäuser der Zeit voraus sind?“ (3) In „Auswege“-Camps sind Abläufe und Regeln transparent, sie werden erläutert und begründet, vorab und während des Aufenthalts. Immer bleiben sie auf dem Prüfstand, dem kritischen Feedback von Patienten und Mitarbeitern ausgesetzt. Laufend werden sie überdacht und gegebenenfalls modifiziert. Therapien werden nicht bloß durchgeführt, sondern erklärt – einfach und anschaulich, ohne Fachchinesisch; nicht nur auf seitenlangen Infoblättern, die weniger der Aufklärung des Patienten dienen als der juristischen Absicherung der Klinik, in einer Detailfülle, für deren sorgfältiges, kritisches Nachvollziehen und Überprüfen der gesamte Klinikaufenthalt nicht ausreichen würde. 4. Die „Auswege“-Klinik wäre ein Menschenhaus, ein Genesungshaus, kein „Krankenhaus“: kein „Gebäude, wo Kranken im allgemeinen zwei Arten von Behandlung zuteil werden – medizinische vom Arzt und menschliche vom Personal“, wie der Satiriker Ambrose Bierce witzelte. Bei uns fühlen sich Hilfesuchende nicht auf eine Patientenrolle reduziert, in der es ausschließlich um ihre Symptome, ihre funktionellen Beeinträchtigungen und organischen Defekte geht; sie sehen sich als Individuen angenommen, mit ihrer einmaligen Geschichte, ihren besonderen Lebensumständen, ihren Wesensmerkmalen, ihren Bedürfnissen, Sorgen und Ängsten. Ihnen würde Respekt zuteil. „Die Würde des Menschen ist unantastbar“, garantiert Artikel 1 des Grundgesetzes, unseres Wissens ohne den Zusatz „es sei denn, er muss ins Krankenhaus“. Unsere Therapeuten kümmern sich nicht um „die Schrumpfniere von Zimmer 13“, sondern um eine ganze Person. 5. Sie wäre ein Ort des Vertrautseins. Die Behandler bleiben keine Fremden. In vorweg zugesandten Profiltexten, in einführenden Veranstaltungen stellen sich alle Therapeuten vor, schildern ihren Lebensweg, erläutern ihre Qualifikationen, ihre Praxisschwerpunkte und ihre Vorgehensweise, anschließend lassen sie sich darüber ausfragen. Bezugspersonen wechseln nicht unentwegt, wie im Schichtdienst üblicher Krankenhäuser, sondern bleiben Hilfesuchenden vom ersten bis zum letzten Tag erhalten. Man bekommt sie nicht nur bei offiziellen Terminen zu Gesicht; von früh bis spät bleiben sie Teil des Geschehens: beim morgendlichen Yoga, am Frühstückstisch, bei der gemeinsamen Wanderung, in der Warteschlange am Essensbuffet, in Plauderrunden während Pausen. 6. Vertrauen braucht Zeit. Verhindert und zerstört wird es bei Hilfesuchenden, die schon nach durchschnittlich 15 Sekunden von ihrem Arzt unterbrochen werden, wenn sie ihre Probleme und Leidensgeschichte schildern wollen. (4) Deshalb sind „Auswege“-Camps Orte einer „sprechenden“ und „hörenden“ Medizin, bei der keiner ungeduldig auf die Uhr schaut und einen Dialog brüsk abbricht, ehe er richtig begonnen hat. 7. Wie in Urlaubsparadiesen, so in „Auswege“-Camps: Wenn zuviele den Zauber eines Orts suchen, verflüchtigt er sich. Statt in riesigen Gebäuden, auf verschiedene Stockwerke und Stationen verteilt, zu Hunderten nebeneinanderher zu wohnen, werden in „Auswege“-Camps maximal zwei Dutzend Patienten und ihre Angehörigen zu moderierten Heilgruppen zusammengeführt. In solchen überschaubaren sozialen Einheiten finden sie ständig Ansprechpartner, die zuhören, unterhalten, trösten, auf andere Gedanken bringen, ermutigen können. Im Rahmen eines Klinikbetriebs derartige Kollektive zu bilden, stellt eine organisatorische Herausforderung dar, die durchaus zu bewältigen ist. 8. Sie böte verbindende Rituale, die den Übergang aus/die Rückkehr in den Alltag erleichtern, Sicherheit geben und das Miteinander fördern: von Begrüßungs- und Verabschiedungszeremoniellen über gemeinsames Singen, Vorlesen, Tanzen, Trommeln und Spielen im täglichen „Morgenkreis“, der sich ans Frühstück anschließt, und gemeinsames Meditieren am Ende der Mittagspause bis zur abendlichen Gesprächsrunde im Anschluss an eine Filmvorführung, einen Workshop, einen Vortrag. 9. Die „Auswege“-Klinik ließe Hilfesuchenden größtmögliche Freiheit. Eine stationäre Unterbringung erleben Patienten gewöhnlich als drastische Einschränkung ihrer Selbstbestimmung. Über ihre Köpfe hinweg wird festgelegt, wer was wann wo mit ihnen macht; ihnen wird vorgeschrieben, was sie zu tun und zu unterlassen haben. In unseren Camps hingegen können Therapien und Therapeuten selbst gewählt werden, auf der Grundlage eingehender Vorinformationen und erläuternder Gespräche, im Vertrauen auf den mündigen Bürger im Patienten. Termine werden nicht vom Behandler diktiert, sondern mit ihm vereinbart. Ihre freie Zeit zwischen den Terminen können Teilnehmer nach eigenem Gutdünken gestalten, sei es im Haus oder außerhalb. 10. Sie wäre ein systemischer Ort, an dem Hilfesuchende nicht von ihrem vertrauten sozialen Netz abgeschnitten und isoliert betreut werden, sondern gemeinsam mit Menschen, die ihnen am nächsten stehen. Nicht nur zu festgelegten Besuchszeiten, sondern ständig sind begleitende Lebensgefährten, Kinder, Eltern willkommen, sie wohnen mit im Haus, sie werden in Konsultationen, in Therapien und das gesamte übrige Campgeschehen einbezogen. Ihre Angaben haben Gewicht, ihre Mitwirkung ist unverzichtbar. Auch sie werden beraten und behandelt. 11. Sie wäre ein Ort liebevoller Zuwendung. Dort verrichten Helfer nicht bloß professionell unterkühlt, gnadenlos zweckorientiert, profitmaximierend und jederzeit leitlinienkonform irgendwelche Maßnahmen – sie schenken Aufmerksamkeit, Anteilnahme und Fürsorge. „Das zukunftsorientierte Krankenhaus muss ein besonderes Maß an Gemeinschaftlichkeit, an Menschlichkeit und Nächstenliebe möglich machen“, betont Ellis Huber. (5) Pflege, das Versorgen und Betreuen Kranker und Behinderter, wäre kein minderwertiges, zweitrangiges Anhängsel der „eigentlichen“ Therapie, sondern deren integraler, unabdingbarer Bestandteil. Die menschliche Nähe, die dabei gegeben und gespürt wird, „vermittelt Geborgenheit und damit etwas, aus dem man wieder Kraft schöpfen kann“, wie einer der namhaftesten Fürsprecher einer „liebevollen Medizin“ betont, Dietrich Grönemeyer, Professor für Radiologie und Mikrotherapie an der Universität Witten/Herdecke. (6) Liebe heilt. 12. Sie wäre ein Ort der dreifachen Gemeinschaft: Hilfesuchende werden angeregt, aufeinander zuzugehen, sich füreinander zu öffnen, sich mit ihnen auszutauschen, Zeit miteinander zu verbringen, einander zuzuhören, Anteil am Schicksal des Anderen zu nehmen, mitzuhelfen. Die Therapeuten stehen nicht besserwissend und autoritär über ihnen, sondern als freundliche, wohlwollende Wegbegleiter an ihrer Seite. Untereinander bilden die Helfer ein hierarchiefreies, von gegenseitiger Wertschätzung getragenes Team. Gegenseitiges Duzen empfindet niemand als peinlich. 13. Sie wäre ein sinnstiftender Ort. Hier beginnen Hilfesuchende, in ihrer Erkrankung nicht mehr die Ungerechtigkeit eines blinden Schicksals walten zu sehen, mit dem sie verbittert hadern müssen – sondern als Chance zu innerem Wachstum zu begreifen, als Türöffner zu einem bewussteren Leben mit neuen Perspektiven. 14. Die „Auswege“-Klinik wäre ein Ort erfüllten Helfens. Über Standesgrenzen hinweg fühlen sich alle Teammitglieder gleichermaßen geachtet. Keiner ist wichtiger. Jeder findet Gehör mit Einschätzungen, Anregungen und Kritik. Unterschiedliche Erfahrungen und Kompetenzen greifen gleichwertig ineinander. Entschieden wird gemeinsam. Autorität beruht auf Kompetenz, Erfahrung und besseren Argumenten, nicht auf Positionen und akademischen Meriten. Hier gibt es keine Ober- und Unterärzte, keine Chefs und Untergebene, keine Profis über Laien. Entsprechend entspannt, harmonisch, vertrauensvoll, kooperativ ist die Arbeitsatmosphäre. Niemand muss sich überfordert fühlen: Wer Auszeiten benötigt, sieht in seinen Terminlisten Pausen vor, zieht sich für mehrere Stunden oder einen ganzen Tag zurück. Helfer können sich voll und ganz ihrer eigentlichen Aufgabe widmen: dem Dienst an Patienten; von aufwändigen Dokumentationspflichten werden sie weitgehend entlastet, von Organisationsabläufen, Verwaltungs- und Abrechnungsroutinen vollständig. „Auswege“-Camps sind frei von alledem, woran Umfragen zufolge zwei Drittel aller Klinikärzte und die Hälfte aller Pflegekräfte leiden: zuviel Bürokratie, zuwenig Entscheidungsbefugnisse, Zeitmangel, Leistungsdruck, Überforderung, schlechtes Arbeitsklima, mangelnde Anerkennung. (7) Wann immer sich Ärzte unseren Helferteams anschlossen, genossen sie das „Auswege“-Kontrastprogramm zu ihrem üblichen Arbeitsalltag – wie die Fachärztin Dr. Gisa Gerstenberg im Herbst 2022. „Für mich war es eine bewegende und bereichernde Erfahrung! Besonders beeindruckte mich das Arbeitssetting: die Möglichkeit, so menschlich simpel zusammenzuleben, dass dabei in jedem Moment ein Austausch, Therapie, Heilung möglich wurde - und das Ganze in größtmöglicher Selbstbestimmung - Wer arbeitet mit wem/ wie lange/mit welchem Inhalt -, in Ruhe und Freiheit. Dies war für mich ein großartiges Geschenk. Und eine Reflektionsmöglichkeit auf all das, wodurch ich mich in unserem Gesundheitssystem eingeengt fühle. Sehr gerne möchte ich weiter in diese wunderbare und erfrischende Gemeinschaft von Menschen eintauchen.“ 15. Es wäre ein heiterer Ort. Humor hilft heilen – nicht durch Fließbandproduktion von Witzen, sondern als eine Form menschlichen Verstehens und Umgehens miteinander, die dem Ernst der Lage trotzt, ohne ihn kleinzureden. Helfern wie Hilfesuchenden tut Humor im Sinne der sprichwörtlichen Begabung gut, trotzdem lachen zu können: der Unzulänglichkeit der Welt, der Mitmenschen und seiner selbst, den alltäglichen Schwierigkeiten und Missgeschicken mit heiterer Gelassenheit zu begegnen. (8) 16. Um einen Ort der Barmherzigkeit zu schaffen, ist kein Zeitalter zu modern. Weiterhin, wie bei all unseren Camps seit 2007, bliebe die „Auswege“-Klinik eine karitative Einrichtung: Wie bisher würden arme Hilfesuchende kostenlos beraten und behandelt, notfalls sogar kostenlos untergebracht und verpflegt. Leisten könnten wir uns das, wenn uns ausreichend Spenden zufließen – und weiterhin allen Mitwirkenden die Erfüllung im Helfen wichtiger ist als Einkommensmaximierung. Welche Art von "Optimierung" benötigen Kliniken? Brauchen wir wirklich neuartige Krankenhäuser dieser Art? Immerhin äußern sich 83 Prozent aller stationär Versorgten im nachhinein zufrieden mit der dortigen ärztlichen Versorgung, 82 Prozent mit der pflegerischen Betreuung, 79 Prozent mit Organisation und Service; 82 Prozent würden ihr Krankenhaus weiterempfehlen: Das ergab die Zwischenauswertung einer seit November 2011 laufenden Mammutstudie, bei der bundesweit bislang mehr als 1,5 Millionen Krankenversicherte im Anschluss an einen Klinikaufenthalt befragt worden sind. (9) Aber wie aussagekräftig ist solcherlei Lob? Zufrieden ist, wessen Erwartungen erfüllt oder übertroffen werden. Weil ein Großteil der Patienten vor Krankenhausaufenthalten eher mit dem Schlimmsten rechnet, sind sie leicht zufriedenzustellen und angenehm zu überraschen. Die meisten erwarten von vornherein nicht mehr, als sie aus ihren bisherigen Kontakten mit dem konventionellen Medizinbetrieb zu erwarten gelernt haben: dass dort Defekte der Körpermaschine festgestellt und repariert werden. Wievielen ist klar, was Heilwerden bedeutet; dass es darauf ankommt; was auf dieses Ziel hin nötig wäre? Vom „Krankenhaus der Zukunft“ wird indes nicht nur innerhalb der Stiftung Auswege geträumt, sondern seit längerem allerorts in unserem Gesundheitswesen: allerdings nicht aus wiederentdecktem Humanismus und einer breiten Trendwende zur Ganzheitsmedizin, sondern wegen materieller Sachzwänge. Angesichts explodierender Kosten für Therapien, Techniken, Betrieb und Personal fühlen sich Kliniken im Überlebenskampf genötigt, von einem fiskalischen, aus Steuermitteln finanzierten System zum kaufmännischen überzugehen. Im Hinblick darauf gilt es Strukturen, Prozesse und Ergebnisse zu „optimieren“. Dazu verhelfen soll professionelles „Qualitätsmanagement“, das in unserem Gesundheitswesen neuerdings zum Zauberwort geworden ist. Damit Praxen und Kliniken eine bessere Medizin bieten, hat der Gesetzgeber Institute beauftragt, Ausschüsse eingerichtet, Richtlinien erlassen, Regelwerke verbindlich gemacht, das Sozialgesetzbuch angepasst, einen Zertifizierungszwang angedacht. Im Vordergrund stehen dabei Faktoren wie organisatorische Abläufe, technische Ausstattung, Aus- und Fortbildungsstand des Personals, Dokumentation, Infektions- und Hygiene“management“, Sicherheit, Brandschutz, Arbeitsschutz, Abrechnungsverhalten, Arzneimittelverbrauch, Anzahl durchgeführter Maßnahmen, Beschaffung von Equipment, Rationalisierungspotentiale, Rentabilität. Das „Krankenhaus der Zukunft“, wie es betriebswirtschaftlichen und technologischen „Optimierern“ vorschwebt, ist papierlos, erstellt, archiviert und versendet Befunde elektronisch, schafft Online-Diktiergeräte und mobile OP-Tische an, computerisiert Patientenaufnahme und Anamnese, Gebührenerfassung und die Verarbeitung von Versicherungsansprüchen, „plant“ im voraus sogar „die Anzahl notwendiger Arzt/Patienten-Kontakte“ (10) führt Labor- und Radiologieinformationssysteme ein, setzt auf „Mobile Computing“ und „Hospital Engineering“. Anschließend müssen nur noch der Patient sowie das Klinikpersonal „optimiert“ werden, damit sie derart zurechtgemanagte Qualität tatsächlich als hilfreich und heilsam empfinden, sich freudig einfügen und „Optimiertes“ als optimal zu würdigen wissen. In einem derart reformierten Gesundheitswesen ist der Therapeut umso besser, je effizienter er immer bessere Maschinen und Software einzusetzen versteht – und der Hilfesuchende umso besser, je anspruchsloser er anstelle echter Fürsorge eine oberflächliche Kundenorientiertheit goutiert, die ihn zum Konsumenten, seine Gesundheit zur Handelsware macht. Kein „alternativer“ Außenseiter, sondern der Präsident der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery, prangert diese Fehlentwicklungen an: „Die Ökonomisierung schreitet ungebrochen voran. Daraus wird ein gefährlicher Trend“, warnte er bei der Eröffnung des 116. Deutschen Ärztetags im Mai 2013 in Hannover. „Im Krankenhaus bekommt die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit einen höheren Stellenwert als die medizinische Leistungsfähigkeit, die Qualität der Patientenversorgung und die Humanität in der Daseinsvorsorge für die uns anvertrauten Patienten.“ (11) Eine unzweifelhaft optimale Goldgrube stellt diese Art von Gesundheitsreform für Unternehmensberater, IT-Dienstleister, Softwareentwickler und Zertifizierer dar, weshalb die von der Bundesregierung im Koalitionsvertrag vom November 2013 ausgerufene „Qualitätsoffensive“ (12) in erster Linie von Akteuren vorangetrieben und dominiert wird, deren geschäftliche Interessen sie maximal befriedigt – von finanziellen Nutznießern der „Optimierungsrevolution“. (13) Unter ihrer opinion leadership haben sich Prioritäten grotesk verschoben. Von den Betroffenen ausgehend, hätte „Ergebnisqualität“ unbedingt Vorrang: Welche Art von Klinik macht Patienten am ehesten wieder gesund – und schafft jenen, die dabei helfen, möglichst befriedigende, erfüllende Arbeitsbedingungen? Einer humanen Krankenhausreform hätte eine Kulturreform vorauszugehen, die Veränderungen von den beteiligten Menschen her denkt und plant: Was ist zu tun, damit es ihnen besser geht? Vor allem daraufhin müssten Strukturen und Prozesse optimiert werden. Die Propagandisten der „Optimierung“ hingegen treibt die Frage um: Wie bringen wir Heilungsuchende und Heilende dazu, Strukturen und Prozesse optimal zu finden, die es aus betriebswirtschaftlicher und technologischer Sicht sind – sowie politische Entscheider und Klinikbetreiber dazu, hierfür teuer zu bezahlen? Dabei wäre, worauf es bei medizinischer Qualität eigentlich und zuallererst ankommt, mühelos feststellbar: durch Besuche in unseren Therapiecamps. „Qualitätsmanager“ sind dort nicht anzutreffen, reichlich Qualität hingegen durchaus. Und deshalb sind zwei Wochen „Auswege“-Campklinik pro Jahr im Grunde viel zu wenig. „Warum sollten solche Gesundheitscamps nicht irgendwann das ganze Jahr ablaufen?“, fragt uns Dr. Johannes Engesser, ein Arzt für Allgemeinmedizin und Naturheilverfahren, nachdem er drei Tage lang ins Campgeschehen eintauchte – „immer mit verschiedenen Ärzten und Therapeuten, die ihr Potenzial gerade zur Verfügung stellen können, immer an anderen geeigneten Orten, immer mit anderen Patienten, so oft und so lange die das brauchen?“ (Harald Wiesendanger) Anmerkungen 1 Gerhard Kocher: Vorsicht, Medizin! 1555 Aphorismen und Denkanstöße, Bern, 3. Aufl. 2006. 2 Ellis Huber: Liebe statt Valium – Konzepte für eine neue Gesundheitsreform, München 1993, aktualisierte und erweiterte Taschenbuchausgabe 1995, S. 91 f. 3 in Vorsicht, Medizin!, a.a.O. 4 Nach Journal of the American Medical Association 298/2007, S. 993. 5 In einem Interview mit Weleda Nachrichten 216/1999, S. 6 ff.: „Das Krankenhaus der Zukunft – Vom Überlebensraum zum Lebensraum“, dort S. 11. 6 In seinem Beitrag „Eine liebevolle Medizin ist keine Utopie“, in Arnulf Thiede/Heinz-Jochen Gassel (Hrsg.): Krankenhaus der Zukunft, Heidelberg 2006, S. 81-87, dort S. 82. 7 Katharina Janus/Volker E. Amelung u.a.: „German physicians ‚on strike’ - Shedding light on the roots of physician dissatisfaction“, Health Policy 82 (3) 2007, S. 357–365; Werner Schweidtmann: „Berufszufriedenheit und Identität bei Ärzten und Pflegepersonal im Krankenhaus“, Prävention 21 (4) 1998, S. 120-123; F. W. Schwartz/P. Angerer (Hrsg.): Arbeitsbedingungen und Befinden von Ärztinnen und Ärzten – Befunde und Interventionen, Köln 2010; Bettina Dilcher/Lutz Hammerschlag (Hrsg.): Klinikalltag und Arbeitszufriedenheit, 2. Aufl. Wiesbaden 2013. 8 So definiert der Duden: Das Herkunftswörterbuch, Mannheim 1989, S. 294. 9 Achim Kleinfeld/Marcel Weigand u.a.: „Patientenperspektiven als Element der Krankenhaus-Qualitätssicherung“, BARMER GEK Gesundheitswesen aktuell 2014, S. 76–89. 10 Nach European Health Forum Gastein (EHFG), der führenden gesundheitspolitischen Konferenz für Experten und Entscheidungsträger in der Europäischen Union: „Das Krankenhaus der Zukunft: Betten zählen war gestern“, online hier. 11 Pressemitteilung der Bundesärztekammer: „116. Deutscher Ärztetag in Hannover eröffnet“, online hier. 12 Online nachzulesen hier. 13 Siehe hierzu beispielsweise das Krankenhaus-IT Journal 2/2007, S. 76 ff.: „Führungskräfte skizzieren das Krankenhaus der Zukunft“; www.behoerden-spiegel.de: „Krankenhaus der Zukunft“; www.hospital-engineering.org: „Hospital Engineering – Innovationspfade für das Krankenhaus der Zukunft“; Hospital Engineering Magazin 4/2014: „Koloss Krankenhaus – Strategien zur Steuerungsfähigkeit eines schwerfälligen Giganten“; Elektronik Praxis Nov. 2012: „Blue Hospital – Wie das Krankenhaus der Zukunft aussehen könnte“, online hier. 14 Veröffentlicht in Berliner Ärzte 9/2002, online nachzulesen hier. 15 Online nachzulesen hier.

  • Das Märchen vom bösen Salz

    Natriumarm essen: Gesundheitsbewussten kommt das selbstverständlich vor. Denn hoher täglicher Salzkonsum, so heißt es, erhöhe das Risiko für Bluthochdruck, Herz-Kreislauferkrankungen, Schlaganfall. Entsprechend strikt beraten Ärzte, entsprechend fad müssen sich Insassen von Krankenhäusern, Altenheimen, Pflegeeinrichtungen bekochen lassen. Dabei ist es viel leichter, zuwenig Salz zu sich zu nehmen als zuviel. Im übrigen: Salz ist nicht gleich Salz - die Qualität entscheidet. „Erst Salz, dann Sense“: So martialisch betitelte eine Ärztin kürzlich einen Beitrag im Infoportal doccheck – so als sei der Salzstreuer ein bevorzugtes Tatwerkzeug von Gevatter Tod. Schließlich sei ja „bekannt, dass ein zu hoher täglicher Salzkonsum ein erheblicher Risikofaktor für Bluthochdruck ist und damit auch für die Entstehung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, insbesondere Schlafanfall“. Die Bangemache der Heidelberger Allgemeinmedizinerin folgt gängiger Lehrmeinung. Diese entsprang unkontrollierten Fallberichten aus den Anfängen des 20. Jahrhunderts. Schier unausrottbar hält sie sich seither. In der Empfehlung der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE), täglich höchstens 6 Gramm Salz zu sich zu nehmen, spiegelt sie sich ebenso wie in der Obergrenze von 5 Gramm, für die sich die Weltgesundheitsorganisation (WHO) ausspricht. Dabei gibt die Studienlage längst Anlass, das schier unverrückbare Dogma zu hinterfragen. So ergab im Jahr 2018 eine systematische Übersicht über neun Studien, dass es keine handfesten, hochwertigen Belege gibt, die eindeutig für eine natriumarme Ernährung sprechen. Lehrbuchweisheit widerlegt – die SODIUM-HF-Studie Im April 2022 wurden die Ergebnisse der großangelegten SODIUM-HF-Studie publik. (1) An ihr beteiligt waren 806 erwachsene Patienten an 26 Standorten in sechs Ländern. Im Schnitt 66 Jahre alt, litten sie an chronischer Herzinsuffizienz im Stadium II bis III gemäß Einteilung der New York Heart Association (NYHA), d.h. mit leichten bis starken Einschränkungen der Belastbarkeit, aber noch mit Beschwerdefreiheit in Ruhe. Medikamentös waren sie allesamt leitlinienkonform versorgt. Aus diesen Probanden wurden zwei gleich große Gruppen gebildet: Die eine erhielt bloß allgemeine Ratschläge zur Natriumzufuhr in der Ernährung; die andere sollte eine strikt natriumarme Diät von höchstens 1500 mg täglich einhalten. Sechs Jahre lang beobachteten Kardiologen, wie sich diese Vorgaben gesundheitlich auswirkten. Im ersten Jahr nach Studienbeginn sank in der Diätgruppe die durchschnittliche Natriumaufnahme von 2.286 mg pro Tag auf 1.658 mg, in der Kontrollgruppe von 2.119 auf 2.073 mg. Wie wirkte sich diese Differenz bis zum Ende des sechsjährigen Beobachtungszeitraums aus? Bis dahin mussten sich 15 % der natriumarmen Gruppe und 17 % der Kontrollgruppe kardiovaskulär bedingt ins Krankenhaus einweisen lassen, suchten deswegen die Notaufnahme auf oder verstarben - ein Unterschied in puncto Inzidenz, der statistisch bedeutungslos war. Erstaunlicherweise lag die Gesamtsterblichkeit in der Diätgruppe mit 6 % sogar leicht höher als in der Kontrollgruppe mit 4 %. Und so schlossen die Autoren kurz und bündig: „Bei ambulanten Patienten mit Herzinsuffizienz führte eine diätetische Intervention, um die Natriumaufnahme zu reduzieren, nicht zu einer Verringerung der klinischen Ereignisse." Ein Manko der Studie könnte die Ergebnisse verfälscht haben: der Umstand, dass auch die Kontrollgruppe keine besonders hohen Salzmengen zu sich nahm. In dieser Hinsicht unterschieden sich die beiden Gruppen nur um 415 mg pro Tag. Ein erwachsener Deutscher konsumiert im Schnitt 8 bis 10 Gramm Salz pro Tag, ein US-Amerikaner 9,6 Gramm, so dass die Kontrollgruppe nicht wirklich eine Bevölkerung repräsentiert, die einem typisch westlichen (Fehl-)Ernährungsstil frönt. Ein weiterer Kritikpunkt lautet: Die einbezogenen Patienten könnten nicht krank genug gewesen sein, um von einer natriumarmen Ernährung zu profitieren. Womöglich hätte sich ein Nutzen ergeben, wenn auch Patienten mit schwerster Herzinsuffizienz – im Stadium IV – teilgenommen hätten. Diese Unzulänglichkeiten entwerten die Ergebnisse aber keineswegs. In seiner Analyse für das Infoportal Medscape stellt der Elektrophysiologe Dr. John Mandrola fest: "SODIUM-HF ist (…) hat gezeigt, dass bei einer typischen Herzinsuffizienz-Kohorte die Empfehlung einer strengeren natriumarmen Diät im Vergleich zu allgemeinen Ratschlägen keinen Unterschied bei den Behandlungsergebnissen ausmacht ... Mein Fazit ist, dass wir keine Zeit und Energie darauf verwenden müssen, die Patienten zu einer extrem natriumarmen Ernährung zu bewegen." Ein größeres Problem: Salzmangel In Wahrheit ist es ziemlich schwierig, sich schädliche Mengen an Natrium einzuverleiben – jedoch leicht, zuwenig davon zu sich zu nehmen. Zu den Erstsymptomen eines Natriummangels zählen allgemeine Beschwerden wie Übelkeit, Erbrechen, Kopf- und Muskelschmerzen oder Verwirrtheitszustände. Als Elektrolyt - eine Substanz, die Elektrizität leitet - trägt Natrium dazu bei, die Wassermenge in und um die Zellen zu regulieren, wie auch den Blutdruck. Wessen Salzgehalt zu niedrig ist, der kann chronisch dehydriert werden. Als kritisch gelten Natriumwerte unter 115 nmol/l. Dann kommt es zu einer verstärkten Wasserverschiebung ins Zellinnere, mit Funktionsstörungen verschiedener Organe – etwa einer Nierenschwäche – und der Gefahr einer Hirnschwellung, die zu Bewusstseinsstörungen bis hin zu Krämpfen und Koma führt. Ein Natriumwert von unter 110 mmol/l, der nicht schleunigst behoben wird, kann tödlich enden. Dass zuwenig Salz das Risiko für Herzinfarkte und Schlaganfälle erhöht, belegte im Jahr 2014 die PURE-Studie mit rund 102.000 Teilnehmern aus 19 Ländern. Weitere Untersuchungen (2) bestätigten sie. Thomas Lüscher, Leiter des Zentrums für Molekulare Kardiologie an der Uniklinik Zürich, sieht den Grund darin, dass der Organismus bei sehr niedrigem Salzkonsum Hormone ausschüttet, die den Blutdruck hochtreiben. "Das ist ähnlich wie mit dem Blutzucker bei Diabetikern", erklärt er, "zuviel ist gefährlich, zuwenig aber auch." (3) Viele Patienten mit Bluthochdruck bekommen Diuretika verschrieben: harntreibende Mittel, welche die Situation noch verschlimmern. Auch den Kaffeekonsum berücksichtigen Empfehlungen eines niedrigen Salzgehalts nur selten - obwohl Kaffeetrinken die Salzspeicher schnell leert. Wer vier Tassen Kaffee an einem Tag trinkt, kann innerhalb von vier Stunden leicht mehr als 1 Teelöffel Salz mit dem Urin ausscheiden. Dennoch legen ihm Ärzte ans Herz, höchstens 1 Teelöffel Salz pro Tag zu sich zu nehmen. Das entspricht ungefähr 2.300 mg Natrium. Wer sich als Kaffeetrinker an diesen Ratschlag hält, kann innerhalb weniger Tage einen erheblichen Natriummangel erleiden, da sein Körper große Mengen an Salz verliert. Noch gefährdeter ist der Kaffeetrinker, wenn er intensiv Sport betreibt, regelmäßig die Sauna besucht oder körperlich anstrengende Tätigkeiten erledigt. Denn auch mit dem Schweiß scheidet sein Körper Natrium aus: 700 bis 2000 mg pro Liter. Wer also viel schwitzt, wird möglicherweise mehr Salz los, als er sich bei einer salzarmen Diät wieder zuführt. Einst lag die Salzzufuhr zehn Mal höher Auch historisch und interkulturell betrachtet ist die allgemeine Empfehlung, die Salzzufuhr einzuschränken, nicht sonderlich sinnvoll, wie der Kardiologe James DiNicolantonio in einem lesenswerten Buch darlegt. (4) Frühere Generationen haben zehn Mal mehr Salz konsumiert als wir Heutigen – denn jahrhundertelang diente es zur Konservierung von Lebensmitteln. Schätzungen zufolge verspeiste ein Schwede im 16. Jahrhundert durchschnittlich 100 Gramm Salz pro Tag. Wieso wundern sich bis heute so wenige Ärzte darüber, dass gehäufte Auftreten von Bluthochdruck im frühen 20. Jahrhundert mit einem deutlichen Rückgang des Salzkonsums einherging – dadurch bedingt, dass die Kühlung die Salzkonservierung ersetzte? Chinesen und Japaner, deren Lebenserwartung zu den stattlichsten der Welt gehört, konsumieren zugleich die höchsten Salzmengen: im Schnitt 13,4 bzw. 11,7 Gramm pro Tag. Die fixe Idee, die Salzaufnahme korreliere mit dem Blutdruck, gewann durch die 1999 veröffentlichte DASH-Studie (Dietary Approaches to Stop Hypertension) an Popularität. (5) Eine geringere Salzaufnahme war tatsächlich einer der Ernährungsansätze, die hierbei verfolgt werden, aber keineswegs der einzige. Die DASH-Diät schränkt auch den Konsum von zuckerhaltigen und verarbeiteten Lebensmitteln ein, die den Blutdruck weitaus stärker beeinflussen können als Salz. Am meisten Salz, 75 bis 90 %, nimmt der westliche Durchschnittsesser aus verarbeiteten Lebensmitteln auf: etwa aus Fertiggerichten wie Pizza und Pommes, Instantsuppen, Brot und Brötchen, Knabbergebäck, Fleisch und Wurstwaren. Eine derart einseitige Ernährung fördert Übergewicht – und dies ist der hauptverantwortliche Faktor bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Salzverzicht kann mehr schaden als nützen Laut DiNicolantonio kann unser Blutdruck tatsächlich sinken, wenn wir unseren Salzkonsum reduzieren. Leider verschlechtert sich dabei das Verhältnis von Gesamtcholesterin zum „guten“, schützenden High-Density-Lipoprotein (HDL), das ein viel zuverlässigerer Prädiktor für Herzkrankheiten ist als das „böse“, Gefäßwände schädigende Low-Density-Lipoprotein (LDL). Auch Triglycerid- und Insulinspiegel sind erhöht. Somit steigt das Risiko für Herzkrankheiten eher, als dass es sinkt, auch wenn die Blutdruckwerte besser erscheinen. Schlimmer noch: Salzmangel erhöht auch das Risiko, eine Insulinresistenz zu entwickeln, da der Körper Salz unter anderem durch einen Anstieg des Insulinspiegels konserviert. Ein höherer Insulinspiegel hilft den Nieren, mehr Salz zurückzuhalten. Insulinresistenz wiederum ist ein Merkmal nicht nur von Herzkrankheiten, sondern der meisten chronischen Erkrankungen. Da also der Ratschlag, sich salzarm zu ernähren, das gesamte Krankheitsbild nicht berücksichtigt, kann er am Ende mehr schaden als nützen. Unser Salzstatus wirkt sich auch unmittelbar auf unseren Magnesium- und Kalziumspiegel aus. Wenn wir nicht genügend Salz zu uns nehmen, so beginnt unser Körper nicht nur, Natrium aus den Knochen zu ziehen - er entzieht den Knochen auch Magnesium und Kalzium, um einen normalen Natriumspiegel aufrechtzuerhalten. Zum selben Zweck verringert er die über den Schweiß verlorene Natriummenge und scheidet stattdessen Magnesium und Kalzium aus. Außerdem erhöht ein niedriger Natriumspiegel das Aldosteron, ein natriumbindendes Hormon, das ebenfalls Magnesium reduziert, indem es dafür sorgt, dass das lebenswichtige Mineral über den Urin ausgeschieden wird. Eine rigoros natriumarme Ernährung zählt demnach zum Übelsten, was wir unserer Gesundheit antun können - insbesondere dem Zustand unserer Knochen und unseres Herzens. Hören wir besser auf unseren Körper als auf fragwürdige Experten Kurzum: Es gibt keinen schwerwiegenden Grund, sich über zu viel Salz in der Ernährung Sorgen zu machen. Wie eine Studie aus dem Jahr 2017 bestätigt hat (6), behält ein gesunder Körper stets ein relativ konstantes Natriumgleichgewicht bei , erstaunlich unabhängig davon, wie viel er aufnimmt; einen Überschuss scheidet er einfach über die Nieren aus. Laut DiNicolantonio kann eine Person mit intakten Nieren mindestens 86 Gramm Salz pro Tag zu sich nehmen. Außerdem verfügt unser Organismus über einen eingebauten "Salzthermostaten", der uns die benötigte Menge anzeigt, indem er unser Verlangen nach Salzigem reguliert. Wer zuviel Salz zu sich genommen hat, wird durstig und trinkt Wasser; dabei verdünnt er sein Blut ausreichend, um die richtige Natriumkonzentration aufrechtzuerhalten. Lernen wir also, auf unseren Körper zu hören. Und denken wir daran, dass wir bei starkem Schwitzen und reichlich Kaffeegenuss automatisch mehr Salz benötigen als sonst. Manche Erkrankungen können den Natriumverlust erhöhen - oder verhindern, dass der Körper das Salz gut aufnimmt. Dazu zählen entzündliche Darmerkrankungen, Schlafapnoe, Nebennierenschwäche, Nierenerkrankungen, Hypothyreose und Zöliakie. Wer unter einer dieser Krankheiten leidet, benötigt möglicherweise etwas mehr Salz bei seiner Ernährung, um dies auszugleichen. Auch gibt es einige salzempfindliche Bevölkerungsgruppen, die ihre Salzaufnahme auf 2.300 mg pro Tag beschränken müssen. Dazu gehören Menschen mit endokrinen Störungen, hohem Aldosteronspiegel, dem Cushing-Syndrom, erhöhtem Cortisol sowie dem Liddle-Syndrom, einer seltenen Erkrankung, von der einer von 1 Million Menschen betroffen ist; bei ihr wird zuviel Salz zurückhalten. Viel wichtiger: das Natrium-Kalium-Verhältnis Während Salz als Ursache für Bluthochdruck und Herzkrankheiten weiterhin verteufelt wird, zeigen Forschungsergebnisse: Der wahre Schlüssel zur Normalisierung des Blutdrucks ist das Verhältnis von Natrium und Kalium - und nicht die Natriumzufuhr allein. (7) Wie Salz, so ist auch Kalium ein Elektrolyt. Doch während sich das Kalium größtenteils in den Zellen befindet, schwimmt das Natrium überwiegend außerhalb. Kalium sorgt dafür, dass sich unsere Arterienwände entspannen, unsere Muskeln nicht verkrampfen und unser Blutdruck sinkt. (8) Als Faustregel gilt: Wir sollten fünf Mal mehr Kalium als Natrium zu uns nehmen. Wer eine westliche Standardernährung mit verarbeiteten Lebensmitteln bevorzugt, der verleibt sich wahrscheinlich doppelt so viel Natrium wie Kalium ein. Wie fatal sich eine solche Fehlernährung auswirken kann, führen Forschungsergebnisse vor Augen, auf welche die eingangs zitierte doccheck-Autorin ihren Sensenhorror stützt. Sie verweist auf eine Anfang August 2022 im European Heart Journal veröffentlichte Studie, in die Gesundheitsdaten von 501.379 Personen eingingen. Zu Beginn gaben die Probanden unter anderem an,ob und wie häufig sie fertige Speisen bei Tisch nachsalzen – ein ungefähres Maß dafür, wie groß die individuelle Vorliebe für salzig schmeckende Lebensmittel und die gewöhnliche Salzzufuhr ist. Mehr als die Hälfte, 277.931, gan zu Protokoll, nie oder nur sehr selten nachzusalzen; weitere 140.618 Personen taten dies nach eigenen Angaben „manchmal“, 58.399 „für gewöhnlich“, 24.431 „immer“. Am Ende des neunjährigen Studienzeitraums war es unter den Teilnehmern zu 18.474 Todesfällen gekommen. Bei gelegentlichen Nachsalzern ergab sich eine mäßig über dem Durchschnitt liegende Mortalität, bei ständigen ein um enorme 28 % erhöhtes Sterberisiko. Ein entscheidender Aspekt dieser Studie: Der regelmäßige Verzehr von Obst und Gemüse machte den signifikanten statistischen Zusammenhang zwischen Nachsalzen und Mortalität zunichte. Wieso? Weil Obst und Gemüse reichlich Kalium liefern. (Besonders ergiebig sind Bananen und Aprikosen, wie auch Karotten, Avovcado, Tomaten, Kohlrabi, Kartoffeln, Rosenkohl, Paprika, Champignons. Auch Nüsse, Zartbitterschokolade und bestimmte Mehlsorten punkten als Kaliumlieferanten.) Daraus folgt: Der ausgiebige Griff zum Salzstreuer schadet in erster Linie jenen, die keinen Wert auf gesunde, vollwertige Ernährung legen. Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass sich jegliche Obergrenze für die tägliche Salzaufnahme erübrigt. Irgendwann ist viel zuviel. Die INTERMAP-Studie (9) von 2018, die 4680 Männer und Frauen zwischen 40 und 59 Jahren aus China, Japan, Großbritannien und den USA einbezog, kam zu dem Ergebnis, dass nicht einmal eine gesunde Ernährung mit viel Obst und Gemüse den schädlichen blutdruckerhöhenden Effekt allzu eifrigen Salzkonsums kompensieren kann. Auch gibt es Hinweise, dass zuviel Salz Entzündungen und Autoimmunerkrankungen fördert, indem es der Darmflora schadet. Schon nach zwei Wochen mit täglich 12 Gramm Salz waren in der Darmflora von Studienteilnehmern keine Laktobakterien mehr auffindbar. Von einer vagen Assoziation bis zu einem eindeutigen ursächlichen Zusammenhang ist es freilich ein weiter Weg. Bis dahin sollten sich Ärzte davor hüten, die grundsätzlich winzigen Effekte einzelner Nahrungsbestandteile auf unsere Gesundheit überzuinterpretieren und zu Mythen aufzublasen. Wie stets im Leben gilt es, auch beim Salz einen Mittelweg zu finden: zwischen Verteufelung und Exzess. Dabei helfen kann es, sich die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit zu vergegenwärtigen, die moderner, vermeintlich wissenschaftlich felsenfest abgesegneter Ernährungsforschung seit eh und je anhaftet. Welche Essensvorliebe hat sie nicht schon als ungesund, ja lebensbedrohlich entlarvt? Wie oft hat sie unsinnigen, oft sogar kontraproduktiven Verzicht auf guten Geschmack gepredigt? Zumeist bloß für begrenzte Zeit – bis sich irgendwann zeigte, dass zum Beispiel Eier keineswegs den Cholesterinspiegel bedenklich ankurbeln und damit Arterienverkalkung und Herz-Kreislauferkrankungen hervorrufen; dass vegane Ernährung nicht zwangsläufig Mangelernährung ist; dass Fett nicht fett machen muss; dass weder fünf Mahlzeiten ideal noch Süßstoffe eine gute Alternative zu Zucker sind. Viele Ratschläge zur „richtigen“ Ernährungsweise „fallen unter die Rubrik Religionsfreiheit“, meint Prof. Volker Schusdziara von der TU München. „Das sind Glaubensbekenntnisse, die jeder haben darf. Aber sie sind nicht medizinisch und naturwissenschaftlich untermauert." Leider verhält es sich mit Askese-Geboten so ähnlich wie mit Gerüchten und genetisch modifizierten Organismen: Einmal in die Welt gesetzt, sind sie kaum leichter wieder einzufangen als Aladdins Geist aus der Flasche. Im Streit ums Salz herrscht auf beiden Seiten ein Tunnelblick vor. Man dürfe sich nicht bloß auf dieses eine Gesundheitsdetail konzentrieren, mahnt Joachim Hoyer, Nephrologe an der Uni-Klinik Marburg. "Viel besser belegt ist, dass Übergewicht, Rauchen oder zu wenig körperliche Bewegung das Risiko für Herzinfarkte und Schlaganfälle erhöhen. Statt sich mühsam das Salzen zu verkneifen, sollte man sich vielleicht lieber öfter an der frischen Luft bewegen." (10) Salz ist nicht gleich Salz Im übrigen: Salz ist nicht gleich Salz - die Qualität entscheidet. Um seine physiologischen Vorzüge zu nutzen, sollten wir darauf achten, dass es nicht raffiniert und möglichst wenig verarbeitet ist. Das spricht beispielsweise für das rosagetönte Himalaya-Salz; es ist reich an natürlich vorkommenden Spurenelementen, die für gesunde Knochen, den Flüssigkeitshaushalt und die allgemeine Gesundheit benötigt werden. Eine weitere gute Wahl sind andere rohe Steinsalze, naturbelassene Meersalze, Kristallsalze oder das erlesene Fleur de Sel. Von billigem, industriell hergestelltem Kochsalz hingegen sollten wir aus mehreren Gründen die Finger lassen. Zunächst einmal enthält natürliches Salz in der Regel, neben 84 % Natriumchlorid, auch 16 % natürlich vorkommende Mineralstoffe wie Kalium und Magnesium sowie Spurenelemente, darunter Selen, Zink, Silizium, Phosphor und Vanadium. Verarbeitetes Speisesalz hingegen besteht zu über 97 % aus Natriumchlorid; den Rest bilden künstlich hergestellte Chemikalien wie Feuchtigkeitsabsorber und Rieselhilfen. In Kochsalz für Wurstwaren steckt darüber hinaus krebsförderndes Natriumnitrit. Auch eine geringe Menge Jod kann zugesetzt sein – obwohl wir unseren Bedarf an diesem Spurenelement auf gesündere Weise anderweitig decken könnten. Zudem ist rund 90 % des Speisesalzes mit Mikroplastik verunreinigt. Hinzu kommt, dass die industrielle Verarbeitung auch die chemische Struktur des Salzes radikal verändert. Langen Textes kurzer Sinn: Für eine optimale Gesundheit benötigen wir unbedingt Salz - aber nicht jedes. Was unser Körper braucht, ist natürliches, unverarbeitetes Salz, ohne Zusatz von Chemikalien oder Plastik. Bis der Sensenmann auch den letzten Salzverzichtsdogmatiker heimgesucht hat, dürfte es allerdings noch ein Weilchen dauern. (Harald Wiesendanger) Anmerkungen (1) Justin A. Ezekovitz u.a..: Reduction of dietary sodium to less than 100 mmol in heart failure (SODIUM-HF): an international, open-label, randomised, controlled trial. Lancet, 2.4.2022. DOI: https://doi.org/10.1016/S0140-6736(22)00359-5) (2) https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3041211/; https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3064042/ (3) Zit. nach https://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/ernaehrung-schadet-zu-viel-salz-im-essen-wirklich-a-1020274.html (4) James DiNicolantonio: The Salt Fix: Why the Experts Got It All Wrong - and How Eating More Might Save Your Life, New York 2017 (5) Cardiology Review September-October 1999; 7(5): 284-288, https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/11208239/. Weitere Studien, die für eine Reduzierung der Salzzufuhr zur Vorbeugung von Bluthochdruck zu sprechen scheinen, werden hier zusammengefasst. (6) Journal of Clinical Investigation 2017;127(5):1944–1959, https://doi.org/10.1172/JCI88532; New York Times May 8, 2017, https://www.nytimes.com/2017/05/08/health/salt-health-effects.html (7) Advances in Nutrition, 2014; 5:712, http://advances.nutrition.org/content/5/6/712.full (8) Harvard Health Publications, January 23, 2017, http://www.health.harvard.edu/heart-health/potassium-lowers-blood-pressure; Journal of the American Medical Association 1997;277(20):1624, https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/9168293; Journal of Human Hypertension 2003; 17(7):471, https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/12821954; British Medical Journal 2013; 346:f1378, http://www.bmj.com/content/346/bmj.f1378 (9) https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/29507099/, zusammengefasst hier (10) Zit. nach https://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/ernaehrung-schadet-zu-viel-salz-im-essen-wirklich-a-1020274.html Quelle Galileo-Grafik: https://cms-api.galileo.tv/app/uploads/2020/05/grafik_salz.png

  • Mikroplastik in uns: eine Zeitbombe

    Kunststoff ist allgegenwärtig, schier unverwüstlich – und brandgefährlich, wenn er in unseren Körper gerät. Während die Industrie abwiegelt, Gesundheitsbehörden und Gesetzgeber zaudern, schlagen Wissenschaftler längst Alarm: Winzige Fasern und Bruchstücke aus Plastik, die wir ahnungslos über Trinkwasser und Nahrungsmittel, Atemluft und Haut aufnehmen, können chronisch krank machen. Mitten im Weihnachtsgeschäft 2017 musste der Schokoladenhersteller Feodora seine beliebten „Anthon Berg“-Pralinen zurückrufen: Es sei nicht auszuschließen, dass in die Packungen Kunststoffteile gelangt sind, so teilte das Unternehmen mit. Man solle die Produkte keinesfalls verzehren. Betroffene Kunden könnten sie zurückgeben. Den Preis erhielten sie erstattet, auch ohne Kassenbon. Die Logik dahinter ist ulkig. Konsequent weitergedacht, triebe sie nämlich unsere gesamte Lebensmittelindustrie umgehend in den Ruin. Denn Plastik ist längst überall: nicht nur in Gewässern, im Regen, in der Atmosphäre, sondern auch im Trinkwasser, in der Nahrungskette, in unserem Essen, und damit auch in unserem Körper. Es ist der Preis, den wir mit Verzögerung für den gedankenlosen Turbo-Eintritt ins bequeme Plastik-Zeitalter zahlen. Die Schleusen hatte ihm der belgische Chemiker Leo H. Bakeland geöffnet, als er zwischen 1905 und 1907 Bakelit entwickelte, den ersten vollsynthetischen Stoff aus Erdöl. Mitte der fünfziger Jahre produzierte unser Planet rund 1,5 Millionen Tonnen Kunststoff pro Jahr – inzwischen liegen wir bei ungefähr 280 Millionen Tonnen; ein Viertel davon stammt aus Europa, mit Deutschland als Exportprimus. Mittlerweile würde die Produktionsmenge ausreichen, um den gesamten Erdball sechsmal einzupacken. 8,3 Milliarden Tonnen Plastik wurden bisher in die Welt gesetzt – das entspricht dem Gewicht von 822.000 Eiffeltürmen, 25.000 Empire State Buildings, 80 Millionen Blauwalen oder einer Milliarde Elefanten, wie US-Forscher vorrechneten. Nur ein Zehntel wird wiederverwertet, zwölf Prozent verbrannt; der überwältigende Rest treibt sich in unserer Umwelt oder auf Deponien herum. Recycling schiebt zumeist bloß den Zeitpunkt hinaus, an dem das Material letztlich zu Abfall wird. Und so wird der Plastikmüllberg bis zur Jahrhundertmitte auf zwölf Milliarden Tonnen anwachsen, falls niemand gegensteuert. Innehalten, bremsen, umkehren: Zumindest den Herstellern steht der Sinn danach zuallerletzt. Denn Plastik ist Big Business: 800 Milliarden Euro Umsatz im Jahr macht die Kunststoff erzeugende und verarbeitende Industrie damit – rund 60 Milliarden allein in Deutschland -, wofür sie vier Prozent der Erdölvorkommen verbraucht. Kaum ein Material ist tückischer, kaum eines hartnäckiger. Denn Plastik ist so gut wie unzerstörbar. Es baut sich nicht biologisch ab, sondern zerbricht allenfalls in immer kleinere Teile. Inzwischen ist Mikromüll überall zu finden – um uns, in uns. Dass sich kaum jemand darüber aufregt, liegt daran, dass die Teile winzig sind, für das bloße Auge unsichtbar und erst unter dem Mikroskop aufzuspüren. Manche sind nur ein paar Nanometer groß – Tausendstel eines Tausendstels eines Millimeters. Die Quellen der Verseuchung Wie gelangt das Zeug in unsere Lebenswelt, in unseren Organismus? Die Quellen sind vielfältig. Fachleute unterscheiden „sekundäres“ Mikroplastik, das aus Zerfall und Abbau entsteht, von „primärem“, das von vornherein so winzig produziert wird. Bis zu zehn Millionen Tonnen Kunststoffe, so schätzt das Umweltbundesamt, geraten jedes Jahr in die Meere – von PET-Flaschen über Einkaufstüten bis hin zu Strohhalmen, den wohl überflüssigsten Konsummitteln; Tag für Tag kommt weltweit über eine Milliarde dieser eher kindischen Ansaughilfen zum Einsatz. In allen Ozeanen wabern inzwischen kilometergroße Abfallstrudel, die vornehmlich aus Plastikmüll bestehen. Im Pazifik zwischen Japan und Nordamerika treibt der „Great Garbage Patch“, eine gigantische Müllhalde voller Kunststoffrückstände, 2500 km im Durchmesser, bis zu 200 Metern tief reichend. Sogar rund um den Nordpol hat sich die Müllmenge binnen eines Jahrzehnts vervierfacht. Wellen und Wind zerschlagen und zerreiben die größeren Teile. Von Kruste umhüllt, sinken sie tiefer („Biofouling“). Oder die Meeresströmung spült sie an die Küsten. Erst im Laufe von Jahrzehnten, wenn nicht Jahrhunderten „nanofragmentieren“ sie, zerfallen in mikroskopisch kleine Bruchstücke; 400 bis tausend Jahre dauert es, ehe sie sich weitestgehend zersetzt haben. Die Teile, in die ein einziger Ein-Liter-Plastikbehälter zerbrechen kann, ergäben aneinandergereiht eine Strecke von 1,6 Kilometern. In jedem Quadratkilometer schwimmen mittlerweile zehntausende Teile Kunststoffmüll; ließe er sich vollständig herausholen, so würde er 38.500 Lastwagen füllen. Bis 2050 wird er sich verzehnfachen, wenn es ungebremst so weitergeht. Fische, Krebse, Muscheln und andere Meeresbewohner fressen die Minipartikel. Landen sie auf unserem Teller, essen wir unweigerlich mit. Chemikalienaustritte aus Plastikbesteck, Trinkbechern und -behältern, Gefrierbeuteln, Frischhaltefolien, Mikrowellengeschirr, Schüsseln, Dosen, Kanistern und einer Fülle weiterer Gebrauchsgegenstände. Allein 320.000 Einweg-Becher, die innen eine dünne Plastikschicht überzieht, verbrauchen Deutsche pro Stunde. Wäsche. Rund 36 Milliarden Mal pro Jahr starten in Europa Waschmaschinen. Eine Fleece-Jacke – sinnigerweise oft aus recycelten Plastikflaschen hergestellt - verliert während eines einzigen Waschgangs im Schnitt 1900 Synthetikfasern, wie die Umweltorganisation WWF schätzt; das 2014 ins Leben gerufene EU-gefördete Projekt MERMAIDS Life+ geht sogar von einer Million freigesetzter Mikroplastikteilchen aus, bei einem Acryl-Schal von 300.000, bei Nylon-Socken von 136.000. Schätzungsweise eine Million Tonnen Plastikabrieb geraten so pro Jahr ins Abwasser, von dort in Kläranlagen, Flüsse und Meere. Auch die Entlüfter von Wäschetrocknern blasen Kunstfasern in die Luft. Unzählige Mikrofasern lösen sich aus Teppichen und Polstermöbeln – erst recht, wenn wir sie ausklopfen - sowie aus Kleidung, während wir sie tragen. Farben. Bei den modischen Latex- und Acrylfarben handelt es sich im wesentlichen um flüssiges Plastik, dem Pigmente beigemengt wurden. Beim Auswaschen der Pinsel gerät es in die Kanalisation. Autoreifen. Annähernd zwei Milliarden werden weltweit pro Jahr produziert. Mehrere zehntausend Tonnen synthetischen Kautschuks bleiben jedes Jahr als Abrieb auf den Straßen liegen. Regen wäscht ihn in Abflüsse und Bäche, die leichtesten Partikel wirbeln in die Luft. Reinigungsmittel, sei es für die Säuberung von Maschinen oder für die Bodenpflege. Körperpflegeprodukte. Mikroperlen, die in Zahnpasta und Flüssigseifen, in Duschgels und Shampoos, in Hautpeelings und Gesichtscremes schleifend und scheuernd für mechanischen Abrieb sorgen sollen, spülen wir am Waschbecken, unter der Dusche, in der Badewanne ins Abwasser; über acht Billionen waren es im Jahre 2015 allein in den Vereinigten Staaten. Bei manchen Produkten liegt der Anteil der Plastikkügelchen am Gesamtinhalt nahe zehn Prozent. Ins Abwasser geraten, wandert Mikroplastik durch die Kanalisation in Kläranlagen, die es bloß teilweise herausfiltern können. Der Rest, nach Expertenschätzungen 10 bis 30 Prozent, verbleibt im Klärschlamm, von dem in Deutschland 40 Prozent auf Felder ausgebracht wird. Von trockenen Böden nimmt der Wind die leichten Fasern auf und verweht sie großflächig, wie auch von luftgetrockneter Wäsche. Über Atemluft, Trinkwasser und Nahrungsmittel schleicht sich Kleinstkunststoff in unseren Körper. In einer zehnmonatigen Untersuchung auf fünf Kontinenten fanden Wissenschaftler im Auftrag des US-Medienunternehmens Orb Mikroplastikfasern in vier von fünf Proben, die sie Leitungswasser an 159 Orten entnahmen. In Europa waren es 72 %, in den USA sogar 94 %. Entwicklungs- und Schwellenländer sind nicht minder betroffen wie Industriestaaten: von Quito, Ecuador (75 %) und Jakarta, Indonesien (76 %) über Kampala, Uganda (81 %) und New Delhi, Indien (82 %) bis nach Beirut, Libanon (94 %). Der deutsche Forscher Gerd Liebezeit, emeritierter Professor am Institut für Chemie und Biologie des Meeres der Universität Oldenburg, entdeckte Mikroplastik in zahlreichen Lebensmitteln, die er unter die Lupe nahm. Fasern und Fragmente aus Plastik tauchten sogar in 19 Honigproben auf; vermutlich trieb sie der Wind auf Blüten, wo Bienen sie einsammelten. Auch in Deutschlands beliebtesten Biersorten wurden Forscher fündig: Zwischen 42 und 79 Mikropartikel pro Liter mussten sie feststellen. Zwei von drei Shrimps aus der Nordsee sind mit Mikroplastik verseucht. Die Übeltäter lauern überall Beinahe schon im Monatsrhythmus verlängert freie Marktwirtschaft ungebremst innovativ die Liste der Übeltäter. Besonders verbreitet sind Polyvinylchlorid (PVC): Es steckt in Nahrungsmittelverpackungen, Plastikfolien, Kosmetik, Stoßschutz in Kinderbetten, Schnullern, Spielsachen, Bodenfliesen, Duschvorhängen, Sitzbezügen u.a. Phthalate (DEHP, DINP u.a.): Sie finden sich als Weichmacher in Kleidung, Emulsions- und Druckfarbe, Schuhwerk, Spielzeug, Lebensmittelverpackungen, Blutbeuteln, Atemmasken und anderen medizinischen Geräten. Polycarbonate, am häufigsten mit Bisphenol A als Bestandteil: Enthalten sind sie unter anderem in Trinkflaschen; in CDs, DVDs und Blu-ray Discs; in Brillengläsern und Kontaktlinsen; in der Verglasung von Wintergärten und Gewächshäusern; in Schutzhelmen; in Campinggeschirr; in medizinischen Einmalprodukten. Polystyrol (PS) mit Styrenen: Es verbirgt sich unter anderem in Lebensmittelbehältern für Wurst, Fisch, Käse, Joghurt; in Verpackungen von Nüssen und Chips; in Trinkbechern, Geschirr und Besteck; in Spielzeug. Polyethylen (PE): der weltweit mit Abstand am häufigsten verwendete Kunststoff, in erster Linie für Verpackungen verwendet, etwa für Frischhaltefolien, Tragetaschen, Milchkartonbeschichtungen und Müllsäcke. Polypropylen (PP): Der am zweithäufigsten eingesetzte Kunststoff wird häufig für Verpackungen verwendet, aber auch für Armaturen, Kindersitze und Fahrradhelme, für Draht- und Kabelummantelungen, für Rohrleitungen. PP-Fasern stecken in Heim- und Sporttextilien, in Teppichen, in medizinischen und Hygieneprodukten; in Bechern, Flaschenverschlüssen, Gespirrspülern, Warmhaltebehältern, Trinkhalmen und Klebefolien, sogar in Geldscheinen mancher Länder. Polyethylen-Terephthalat (PET) befindet sich in Getränkeflaschen, Teppichfasern, Kaugummi, Kaffeemaschinen, Essensbehältern, Plastiktaschen, Spielzeug. Polyester: Es lauert in Bettzeug, Kleidung, Windeln, Lebensmittelverpackungen, Tampons, Sitzbezügen u.a. Formaldehyd (Methanal): Es steckt in Anstrichfarben, Span-, Sperrholz- und Dämmplatten; in Bodenbelägen und Möbeln. Darüber hinaus dient es zur Textilveredelung („knitterfrei“); für Farb- und Arzneistoffe; als Konservierungsstoff in Kosmetika; in Impfstoffen zur Inaktivierung von Impfviren oder Bakteriengiften; als Bindemittel; als Zusatz in Desinfektionsmitteln, wie auch in Klebstoffen, Düngemitteln, Gerbstoffen, Giessharzen, Fungiziden. Polyurethane: Sie finden Verwendung als Schaumstoffe in Kissen, Matratzen, Polstern; für Isolierungen, Wärmedämmung und Flammschutz; in Lacken und Beschichtungen; für Textilfasern; für Fussbälle und Bowlingkugeln; für Gummistiefel, Kondome, Schuhsohlen und Stehmatten, in Lederimitaten, in Farbkosmetik-, Sonnenschutz-, Haut- und Haarpflegeprodukten. Acryl: Es befindet sich in Farben, Lacken und Klebstoffen; im Dentalbereich dient es als Werkstoff. Tetrafluoroethylen (TFE): Es versteckt sich in Bügeleisen, Bügelbrettbezügen, Rohr- leitungen; in Kochtöpfen und Pfannen, als Antihaft-Beschichtung; in Gefässprothesen und anderen Implantaten; in der Zahnmedizin als Barrieremembran zum Knochenaufbau; es ummantelt Metallsaiten für Gitarren und andere Musikinstrumente; es innenbeschichtet Ventile, Rohrleitungen und Behälter. Polyamide (PA) wie Nylon und Perlon: Sie werden überwiegend für Textilien verwendet, aber auch für Fallschirme, Ballons, Segel, Seile, Angelschnüre, zur Bespannung von Tennisschlägern, für Saiten von Streich- und Zupfinstrumenten; für Dübel, Schrauben, Gehäuse, Isolatoren, Kabelbinder; für Kellen, Löffel und andere Küchenutensilien; für Borsten von Zahnbürsten. Ethylenvinylacetat (EVA): Es verbirgt sich unter anderem in Einschweissfolien, Dusch- vorhängen, Fussbodenbelägen, Elektrokabeln, Klebstoffen, Tuft-Teppichen, Schuhsohlen, als Mikropellets in kosmetischen Peelings. Wie gefährlich für unsere Gesundheit sind diese Substanzen, wenn sie sich als synthetische Winzlinge durch Mund, Nase und Haut in uns einschleichen? Sind die Verunreinigungen am Ende harmlos? Immer mehr Hinweise auf Gesundheitsgefahren Die Industrie forscht emsig über Kunststoffe: über Zusammensetzung, Einsatzbereiche und Zweckoptimierung, über Verbraucherbedürfnisse und Marktakzeptanz. Herstellerstudien zu Gesundheitsgefahren hingegen machen sich rar: die veröffentlichten geben Entwarnung, besorgniserregende dürfen, als „Betriebsgeheimnisse“, folgenlos unter Verschluss bleiben. Kunden spielen schließlich nur mit, solange sie sich in Sicherheit wiegen. Behörden wiegeln ab, Regierungen zaudern, unabhängigen Wissenschaftlern fehlt das Geld für die dringend nötige Erforschung von Risiken und Nebenwirkungen. Die wenigen Ergebnisse jedoch, die bislang vorliegen, sorgen mühelos für Alarmstimmung. Bei Versuchen mit Miesmuscheln, Austern und Ringelwürmern, mit Ratten, Hasen und Hunden stellten mehrere Forschergruppen fest: Partikel, die kleiner als fünf bis 15 Mikrometer (10 hoch -6 = 0,000001 m) sind, können durch den Verdauungstrakt wandern, die Eingeweide und Magenwände durchdringen, sich in Lymphknoten, das Gehirn und andere Organe einnisten. Das Material reichert sich im Zellgewebe an, wo es den Stoffwechsel verändert und Entzündungen hervorruft. Bei kleinen Fischen, die über Wasser und Nahrung den Tüten- und Folienkunststoff Polyethylen aufnahmen, stellte eine Forschergruppe der University of California in Davis schon nach acht Wochen erhebliche Leberschäden fest. Auch bei Fischen, Fröschen, Meeresschnecken und bestimmten Alligatorenarten ergab sich: Phthalate und polychlorierte Biphenyle hemmen männliche Geschlechtshormone, verringern die Testosteronproduktion, beeinträchtigen die Hodenfunktionen, führen zu genitalen Missbildungen. Französische und belgische Biologen verglichen Austern, die in sauberem Wasser lebten, mit Artgenossen, deren Umgebung mit Mikroplastikteilchen verseucht war. Bereits in den ersten Wochen des Experiments hatten letztere knapp 20 Prozent weniger Nachwuchs. Nach zwei Monaten war das Minus auf rund 40 Prozent angewachsen, die Anzahl der Eizellen um 38 Prozent gesunken, ihr Durchmesser um 5 Prozent; die Spermien bewegten sich um 23 Prozent langsamer. Es entwickelten sich 41 Prozent weniger Larven. Von ähnlich besorgniserregenden Beobachtungen berichten Meeresbiologen des Alfred-Wegener-Instituts (AWI) in Bremerhaven, nachdem sie Muscheln in Aquarien mit winzigen Polyethylen-Teilchen fütterten: „Bereits innerhalb von zwölf Stunden reichern sich diese Partikelchen im Magen auch in den Leberepithelien an, wie auch in einem vakuoligen Apparat in der Zelle, den wir ‚Mülleimer‘ nennen; von da aus werden sie wieder rausgeschmissen ins umgebende Körpergewebe“, wo sie „ganz extreme Entzündungsreaktionen auslösen. Es bilden sich bindegewebige Kapseln, um diese Fremdkörper einzuschließen.“ Diese pathologischen Vorgänge „erinnern uns sehr an das, womit im Menschen eine Asbestose anfängt“ - eine unheilbare, durch Asbestfasern ausgelöste Krankheit, die zumeist tödlich endet. Dass sich Menschen ahnungslos Mikroplastik einverleiben, wenn sie belastetes Fleisch essen, steht außer Frage. Die Menge kann stattlich sein, wie die Biologin Liesbeth van Cauwenberghe von der Universität Gent vorrechnet: „Wenn man zwölf Austern isst, dann nimmt man etwa hundert Mikroplastikpartikel auf; dasselbe gilt für 250 Gramm Muschelfleisch. Das scheint nicht sehr viel. Aber wenn man sich anschaut, was Europäer im Jahr an Schalentieren essen, dann schätzen wir, dass ein Topkonsument, der sehr viele Schalentiere isst, etwa 11.000 Mikroplastikpartikel pro Jahr aufnimmt. Das ist schockierend." Macht es auch krank? Weil sämtliche bisherigen Studien zur Bioverträglichkeit von Mikroplastik nur wenige Wochen dauerten, fehlen solide wissenschaftliche Erkenntnisse über langfristige gesundheitliche Folgen seines Verzehrs – bei Tieren, und erst recht beim Menschen. Immerhin häuften sich im vergangenen Jahrzehnt Beobachtungen von besorgniserregenden Zusammenhängen. Im September 2008 sorgten Mediziner der Universität Exeter für Aufsehen, als sie eine Studie an einem repräsentativen Querschnitt der US-Bevölkerung veröffentlichten, bestehend aus 1455 Erwachsenen zwischen 18 und 74 Jahren. Anhand der Blut- und Urinproben stellte sich heraus: Die 25 Prozent mit dem höchsten Anteil von Bisphenol A im Körper trugen ein doppelt so hohes Risiko für Herzleiden und Diabetes wie die 25 Prozent mit der niedrigsten BPA-Belastung. Ein australisches Forscherteam von der Universität Adelaide entdeckte Phthalate in 99,6 Prozent aller Urinproben, die sie von 1500 Männern über 35 Jahren genommen hatten. Mit höheren Plastikkonzentrationen stieg die Wahrscheinlichkeit von Koronarerkrankungen, Diabetes Typ 2 und Bluthochdruck. Wie vorangegangene Studien ergeben hatten, treten hohe Phthalatspiegel vornehmlich bei Menschen auf, die besonders oft plastikverpackte und industriell verarbeitete Lebensmittel zu sich nehmen. Immer länger wird die Liste von Gesundheitsrisiken, die Mediziner mit Plastik in Verbindung bringen: Polyvinylchlorid (PVC): Krebs, Geburtsschäden, genetische Veränderungen, chronische Bronchitis, Geschwüre, Hautkrankheiten, Taubheit, Sehstörungen, Verdauungsstörungen, Funktionsstörungen der Leber. Phthalate: Hormonstörungen, Asthma, Entwicklungs- und Fortpflanzungsstörungen, Krebs, Geburtsschäden, Endometriose, Beeinträchtigungen des Immunsystems. Polycarbonat mit Bisphenol A: Krebs, Immunschwäche, vorzeitige Pubertät, Fettleibigkeit, Diabetes, Hyperaktivität. Styrene: Reizung von Augen, Nase und Hals, Benommenheit, Bewusstlosigkeit, Nieren-, Magen- und Leberschäden, Veränderungen der roten Blutkörperchen, Lyphome, Leukämie. Polyethylen: Krebs. Polyester: Reizung von Augen und Atemtrakt, Hautausschlag. Formaldehyd: Krebs, Geburtsschäden, genetische Veränderungen, Atemnot, Kopfschmerzen, Hautleiden, Müdigkeit. Polyurethan: Bronchitis, Haut-, Augen- und Lungenprobleme. Acryl: Atembeschwerden, Übelkeit mit Erbrechen, Durchfall, Kopfschmerzen, Erschöpfung. Tetrafluoroethylen: Reizungen von Auge, Nase und Hals, Atembeschwerden. Experimentelle Forschungen am Menschen stehen bislang völlig aus – aber wie sollten sie denn aussehen? Wollen wir Probanden zu Testzwecken mutmasslich toxische Substanzen einflößen, um dann interessiert zu beobachten, wie sie unheilbar erkranken? Untersuchen lässt sich eine Plastikbelastung lediglich im nachhinein. Selbst wenn sich dann zeigt, dass sie mit bestimmten Gesundheitsproblemen einhergeht – ein ursächlicher Zusammenhang lässt sich damit nie beweisen. Stets wiegeln Skeptiker ab, verweisen auf mögliche andere krankmachende Faktoren. Zu den routinierten Verharmlosern zählt, ausgerechnet, die Bundesanstalt für Risiko- bewertung (BfR) – dieselbe staatliche Einrichtung, die sich kürzlich dabei ertappen ließ, aus einem Unbedenklichkeitsgutachten des Glyphosat-Herstellers Monsanto abzuschreiben. „Nach jetzigem Kenntnisstand ist ein gesundheitliches Risiko für Verbraucher unwahrscheinlich“, beschwichtigt sie in einer Stellungnahme von 2014, die bis heute unaktualisiert geblieben ist. Noch sei es zu früh, um irgendwelche Einschätzungen über die mögliche Gesundheitsgefährdung durch Mikroplastik abzugeben, erklärt sie – eine verquere Form der Verniedlichung. Solange kein Geld in Forschung fließt, kann es auch keine Forschungsergebnisse geben, die eine fundierte Risikoabschätzung erlauben. Klar scheint immerhin: Die meisten Kunststoffe wirken auch im menschlichen Körper als „endokrine Disruptoren“ - sie stören den Hormonhaushalt, weil ihre Struktur das Östrogen nachahmt. Phthalate und Polyethylen fördern höchstwahrscheinlich hormonbedingte Tumorerkrankungen wie Brust-, Prostata- und Hodenkrebs, Fettleibigkeit und Diabetes Typ 2, verminderte Spermienqualität, Endometriose, vorzeitige Pubertät und Fehlbildungen der Fortpflanzungsorgane, wie neuerdings sogar die US-Umweltschutzbehörde EPA einräumt. Das in Polystyrol enthaltene Styren gilt als krebserregend. Plastikflaschen als Massenvergifter Zu den tückischsten Plastikgiftquellen zählen Getränkebehälter. Drei von vier Mineral- wasserflaschen, die wir den Herstellern abkaufen, bestehen nicht mehr aus Glas, sondern bequemerweise aus Plastik, vornehmlich PET. Wie praktisch, wie bequem, es erleichtert uns das Herumtragen, erst recht das Wegwerfen. Aus den Plastikhüllen lösen sich jedoch hochgiftige Chemikalien, insbesondere Bisphenol A, neben Acetaldehyden, Weichmachern wie DEHP, das strukturähnliche DEHF (Diethyhexylfumarat) und Phthalate. Dieses „Auslaugen“ ist zeit- und wärmeabhängig: Je länger sich eine Flüssigkeit in der Kunststoffverpackung befindet, desto mehr geht in sie über. Die austretende Giftmenge steigt mit der Temperatur. Je wärmer sie werden, je länger Lebensmittel Kontakt mit ihnen haben, desto mehr Kunststoffbestandteile gehen darauf über. Wer einmal bei Sommerhitze eine Plastikwasserflasche im Auto liegen ließ und anschließend daraus trank, der weiß: Diese Flüssigkeit schmeckt seltsam chemisch. Dafür sorgen Acetaldehyde, die der Kunststoff freigesetzt hat. Wer damit unbedarft seinen Durst löscht, ignoriert den Forschungsstand. In neun von zehn Urinproben, die 190 Männer mit Fruchtbarkeitsproblemen ablieferten, fand sich BPA; bei jenen, die besonders hohe BPA-Konzentrationen aufwiesen, ließen sich unter anderem eine um 23 Prozent geringere Samenkonzentration sowie rund 10 Prozent mehr DNA-Schäden feststellen. Besonders auffällig waren Störungen der Sexualfunktion bei Fabrikarbeitern, die Bisphenol A laufend ausgesetzt sind. Neue Studien deuten auf Zusammenhänge zwischen einem erhöhten BPA-Spiegel im Blut und Diabetes, Herz-Kreislaufproblemen, fehlender Libido, Fettleibigkeit hin. Darüber hinaus fanden Mediziner Zusammenhänge zwischen einer frühzeitigen Bisphenol-A-Exposition und Ängsten, Depressionen sowie ADHS bei Jugendlichen. Auch an Funktionsstörungen der Schilddrüse, an Hashimoto-Thyreoditis und anderen Autoimmunerkrankungen, an Demenz und Alzheimer, an Fehlgeburten und Brustkrebs könnte BPA beteiligt sein. Ferner steht es im Verdacht, die Bildung von Zahnschmelz zu stören („Molaren-Inzisiven-Hypomineralisation“, MIH). Es beeinträchtigt die Funktion von Proteinen, die entscheidend für Wachstumsprozesse in Zellen sind, und fördert so eine Tumor- entwicklung. Zudem entfaltet Bisphenol A hormonähnliche Wirkungen: Bei Versuchstieren stört es die Sexual- und Hirnentwicklung. Männliche Mäuse gingen nach Bisphenol-A-Gaben zu weiblichen Verhaltensweisen über, woraufhin Artgenossinnen sie mieden. Viele Verbraucher lassen sich von der Werbung für „Bispenol-A-freie“ Kunststoffflaschen beeindrucken. In dem neuartigen Ersatzmaterial Tritan fand ein amerikanisches Forscherteam allerdings ebenfalls östrogenartige Substanzen. Welche weiteren langfristigen Wirkungen von ihnen ausgehen, weiß bisher niemand. „Tickende Zeitbombe“ Giftig sind nicht bloß die Mikroplastikteilchen selbst, sondern auch die im Wasser schwebenden Schadstoffe, die an sie andocken: darunter Spuren von Brandschutzmitteln, Pestiziden aus der Landwirtschaft, Abrieb von bioziden Anstrichen, Medikamentenrückstände, organische Chlorverbindungen, Schwermetalle wie Blei, Cadmium, Chrom, Arsen, Zink, Quecksilber und Nickel. Auch vielerlei Mikroorganismen besiedeln die Kunststoffoberfläche. Darunter fand der Mikrobiologe Gunnar Gerdts vom Alfred-Wegener-Institut (AWI) etliche Krankheitserreger – etwa das Bakterium Vibrio parahaemolyticus, das Magen-Darm-Entzündungen und Brechdurchfall auslösen kann. „Wer weiss“, sagt er, „vielleicht wird das massenweise im Meer vorhandene Mikroplastik künftig zur Verbreitung von Krankheiten beitragen.“ Geraten Kunststoffpartikel in unseren Organismus, haben sie solche blinden Passagiere häufig im Gepäck. Viele stehen im Verdacht, ihrerseits krebserregend oder hormonell wirksam zu sein. Die Fähigkeit der Mikropartikel, andere Stoffe zu binden, machen sich Pharmahersteller zunutze, um Arzneimittel zeitverzögert im Körper freizusetzen. Die Plastikteilchen, so versichern sie, würden anschließend wieder ausgeschieden. Woher wissen sie das? Kurzum, Mikroplastik ist „eine tickende Zeitbombe", warnt Rolf Buschmann vom Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND). „Im schlimmsten Fall müssen wir einige hundert Jahre mit diesem Zeugs leben“, schwant dem Oldenburger Biochemiker Gerd Liebezeit. Dementieren, verharmlosen, hinhalten Freiwillige Selbstverpflichtungen der Industrie, auf welche die Bundesregierung wie schon im Diesel-Skandal blauäugig setzt, sprechen dem Ernst der Lage Hohn. Soll es einer Müllschleuder überlassen bleiben, nach eigenem Gutdünken darüber zu entscheiden, ob sie weitermachen darf? Zumal einer, die so tut, als gäbe es kein Problem? „Nach eingehender Überprüfung der Sachlage“, so stellt sich etwa der Spitzenverband der Lebenswirtschaft (BLL) blind und taub, „ist für uns ein kausaler Zusammenhang zwischen potentiellen Mikropartikeln in einzelnen Lebensmitteln und durch Kosmetika oder Textilien freigesetzte Kunststoffpartikel jedoch nicht ersichtlich. Es ist auszuschließen, dass Partikel aus Gewässern und Meeren ins Grundwasser und folglich über das Trinkwasser in die Lebensmittelverarbeitung bzw. Nahrungskette gelangen.“ Notfalls lancieren sie, wie der Deutsche Brauer-Bund, flugs gekaufte Gegengutachten, die „beweisen“, dass ihr Produkt unbedenklich sei – ohne offenzulegen, welche Untersuchungsmethoden dabei zum Einsatz kamen. Beim Dementieren, Verharmlosen, Hinhalten helfen Bundesregierung, Ministerien und Kontrollbehörden skandalöserweise mit. Auf die Orb-Media-Studie angesprochen, wiegelte das Umweltbundesamt ab: Die Befunde seien „nicht besorgniserregend“, ein paar Plastikteilchen pro Liter „sehr wenig – das sagt nichts aus, das ist Grundrauschen“. Eine Gesundheitsgefahr sei „sehr unwahrscheinlich“. Wie kann eine Gesundheitsschutzbehörde die Konzentration einer einzelnen Substanzgruppe isoliert betrachten? Kleinste Mengen unterschiedlichster Herkunft können sich gewaltig summieren – ganz zu schweigen von ihren unerforschten Wechselwirkungen untereinander. Auf eine Anfrage der „Grünen“ zu Mikroplastik in Kosmetika hin verwies die Bundesregierung Ende 2016 lapidar auf die Kennzeichnungspflicht für Inhaltsstoffe auf der Verpackung – so als wüsste der durchschnittliche Verbraucher mit der chemischen Nomenklatur dort etwas anzufangen und die richtigen Schlüsse zu ziehen. Über das „Verbraucherwissen bezüglich des Einsatzes und der Auswirkungen von Mikroplastik“ liegen der Bundesregierung indes „keine Erkenntnisse vor“. Sowohl das Bundesumweltministerium als auch das Bundesministerium für Ernährung erklärten auf eine Journalistenanfrage, für das Problem von Mikroplastik in Brauwasser nicht zuständig zu sein – und verwiesen jeweils auf das andere Ressort. Massenhafter Protest und Konsumverzicht, von geschäftsschädigendem Medienecho begleitet, beeindrucken die Industrie erheblich mehr als noch so viele alarmierende Studien – denn sie bedrohen ihren Profit unmittelbar. Mitunter denken sie dann verblüffend zügig um: Firmen wie Unilever, Body Shop, Johnson & Johnson, Procter & Gamble kündigten schon 2013 an, Plastik „in naher Zukunft“ aus ihren Produkten vollständig zu verbannen. Der Hersteller AOK ersetzte Mikroplastik in seinem Peelingprodukt bereits durch Silica, eine Art Sand, wie auch Elmex in seiner Zahncreme. Immerhin. Trotzdem ist Kontrolle besser als Vertrauen: Schon im Oktober 2015 hatten sich die Mitglieder des Branchenverbands Cosmetics Europe feierlich dazu verpflichtet, Mikroplastik aus ihren Produkten zügig auszuschleichen. Trotzdem fand Öko-Test sie Anfang 2017 in den meisten von 22 untersuchten Körperpeelings. Eine Liste des BUND auf dem Stand vom Juli 2017 zeigt, wie weitverbreitet Kunststoff nach wie vor in Körperpflegemitteln ist. Von gehaltenen Versprechen sei „nicht viel zu merken“, resümierte Codecheck, der größte deutschsprachige Online-Konsumentenratgeber, nachdem er knapp 103.000 Kosmetikprodukte der Jahre 2014 und 2016 vergleichen ließ. In vielen Erzeugnissen hatte der Einsatz von Polyethylenen sogar leicht zugenommen. Erst Ende 2017, über ein Vierteljahrhundert nach den ersten eindringlichen Warnungen von Wissenschaftlern, bequemte sich das Umweltbundesamt, der EU-Kommission ein europaweites Verbot von Mikroplastik zu empfehlen – kurioserweise beschränkt auf den Einsatz von Festpartikeln in Kosmetika. Keine Rede von allen anderen Einsatzgebieten, von flüssigen, gel- oder wachsartigen Kunststoffen. Da sind Connecticut und Kalifornien längst weiter. Im Jahr 2015 ordneten beide US- Bundesstaaten ein radikales Verbot durch, das fragwürdige Ersatzstoffe vorsorglich mit einschloss. Und anderswo? Wie meistens, wenn Wirtschaftsinteressen auf dem Spiel stehen, leisten staatliche Stellen hanebüchene Beihilfe, die Beweislast umzudrehen: „Solange nicht zweifelsfrei feststeht, dass ein Produkt gefährlich ist“, so lautet die Devise, „bleibt es auf dem Markt.“ Müsste für Volksvertreter, die lieber ihr Volk schützen als mächtige Konzerne, nicht andersherum gelten: „Solange begründete Zweifel an der Ungefährlichkeit eines Produkts nicht vollständig ausgeräumt sind, hat es in unserer Lebenswelt nichts zu suchen“? Sich berechtigte Bedenken nicht ausreden zu lassen, mag „innovationsfeindlich“ aussehen, ist aber klug und verantwortungsbewusst – bei Kunststoffen nicht weniger als bei Pestiziden, gentechnisch veränderten Lebewesen, Nanomaterialien, Strahlungsquellen und Arzneimitteln. Der gesetzliche Rahmen, in dem chemische Stoffe bewertet und zugelassen werden, öffnet der Bürger- und Umweltvergiftung weiterhin Tür und Tor. Im Jahre 2007 trat von Lissabon bis Athen REACH in Kraft (Verordnung 1907/2006): die Europäische Chemikalienverordnung, die „ein hohes Schutzniveau für die menschliche Gesundheit und die Umwelt sicherstellen“ soll, wie das Umweltbundesamt versichert. Dieser Schutz besteht worin genau? Dank REACH genügt es nicht mehr, dass Hersteller ihre neuen Substanzen bloß registrieren – nein, nunmehr müssen sie auch „Daten vorlegen“ und „Risiken selbst bewerten“. Selbst? In der Tat. Was sie einreichen, prüft die Europäische Chemikalienagentur (ECHA) in Helsinki lediglich auf formale „Vollständigkeit“. Ordnet die Behörde bestimmte Stoffe aufgrund der vorgelegten Unterlagen ausnahmsweise als „besonders besorgniserregend“ ein – etwa weil sie krebserregend, erbgutverändernd, fortpflanzungsgefährdend sind, sich in Organismen anreichern oder hormonell wirken -, so führt dies nicht etwa zu eigenen Studien und Kontrollen, zu Verboten und öffentlichen Warnungen, sondern lediglich dazu, die Einsatzbereiche zu „beschränken“ und „zeitlich zu befristen“. Da haben Lobbyisten in Brüssel mal wieder ganze Arbeit geleistet. Was Verbraucher tun können Wie werden wir Kunststoffbelastungen wieder los? Die Naturheilkunde kennt Ausleitungsverfahren für Schadstoffe aller Art – gegen Plastik scheint auch sie weitgehend machtlos. Ob ein „Anti-Plastik-Tee“ aus Königskerzen- und Olivenblättern, Zitronenmelisse und den Samen des Bockshornklees Abhilfe schafft, wie ein Heilerpaar aus Oberbayern in Aussicht stellt, harrt des Beweises. In Internetforen raten manche Heilpraktiker zu „regelmässigem Saunieren und Schwitzen“, zur Aminosäure Glycin als Kunststoffbinder, zu Fettsäuren mit möglichst hohem Omega-3-Anteil, zu Leber- und Gallenunterstützung, zu Bindemitteln im Darm. Wirksamkeitsstudien darüber stehen aus. Was ist dem Konsumenten in dieser vertrackten Lage zu raten? Zumindest dem Mikroplastik im Trinkwasser entkommt er weitgehend: Statt kistenweise PET-Flaschen aus dem Supermarkt heimzuschleppen, dreht er besser den häuslichen Wasserhahn auf. Sein Leitungswasser wird weitaus besser kontrolliert als die abgefüllten Durstlöscher der Getränkeindustrie, und billiger ist es allzumal. Will er noch mehr Sicherheit, so legt er sich eine hochwertige Filteranlage zu. Ansonsten bleibt ihm nur, mit gutem Beispiel voranzugehen: Weniger Fasern verliert Kleidung, wenn sie kürzer, bei niedrigeren Temperaturen und geringerer Drehzahl gewaschen wird. Für Plastikkosmetika bieten Bio-Supermärkte und Reformhäuser umweltfreundliche Alternativen. Farbpinsel sollten wir in Eimern reinigen, deren Inhalt zu einer Sammelstelle für Sondermüll gehört. Darüber hinaus kann jeder von uns beim Umwelt- und Selbstschutz ein wenig mithelfen. Machen wir aus unserem Haushalt, so gut es geht, eine plastikfreie Zone. Vermeiden wir aufwändig verpackte Waren, Plastiktüten und Kunststoffbehälter, eingeschweißtes Obst und Gemüse. Bevorzugen wir Mehrwegverpackungen aus Glas. Setzen wir unsere Kinder keinen Schnullern, Spielzeugen, Trinkflaschen, Essensbehältern aus Kunststoff aus. Verzichten wir auf Körperpflege mit Mikroplastik-Kügelchen, greifen wir zu Naturkosmetik; in zertifizierten Bio-Hautreinigern etwa schrubben zerkleinerte Nussschalen, Fruchtkerne, fein zerkleinertes Vulkangestein, Salze, gemahlene Aprikosen- oder Traubenkerne, Mandelkleie, Heilerde oder Kieselsäure abgestorbene Hautschüppchen vom Körper. Verwenden wir Flüssigwaschmittel statt Pulver, waschen wir möglichst kurz, bei möglichst niedriger Temperatur, mit möglichst wenig Umdrehungen – dann werden nicht so viele Fasern ausgewaschen. Entleeren wir das Flusensieb von Waschmaschine und Trockner niemals in den Abfluss. Verwenden wir keine Putztücher aus Mikrofasern. Bevorzugen wir beim Kleiderkauf Naturfasern wie Baumwolle, Wolle, Seide und Leinen, die sich abbauen können, verzichten wir auf Polyester, Acryl, Nylon, GoreTex und ähnliche Synthetikfasern. Zu Einweg-Rasierern gibt es langlebige Alternativen aus Holz und Metall. Bevorzugen wir Geschäfte, die Produkte unverpackt anbieten. Trennen und sammeln wir unseren Müll sorgfältig. Verlassen wir unsere Wohnung nur noch mit einem Stoffbeutel in der Hand- oder Aktentasche. Trinken wir Coffee to go nur noch aus dem mitgebrachten Glas- oder Keramikbecher. Greifen wir altmodisch zu Omas hölzernen Kochlöffeln und Pfannenwendern. Ersetzen wir Frischhaltefolien, Plastiktütchen und Plastikdosen durch Schraubgläser, Tupperdosen durch Brotboxen aus Edelstahl und Glas. Unterstützen wir Parteien und Initiativen, die das Problem tatkräftig angehen, statt bloß Worte zu machen. Das Plastik-Zeitalter hat uns zu ahnungslosen Versuchskaninchen eines einmaligen, unkontrollierten globalen Experiments gemacht: Wieviel halten unser Planet, und insbesondere unser Organismus, durch unentwegte Giftinfusionen in Minidosis aus? „Allein unsere Gleichgültigkeit hat das Plastikproblem erschaffen“, erklärt der bengalische Ökonom Muhammad Yunus, der als Begründer des Mikrokredit-Gedankens im Jahr 2006 den Friedensnobelpreis erhielt. „Was jetzt not tut, ist die feste Entschlossenheit, es zu beseitigen – ehe es uns beseitigt.“ Quellen Kanishka Bhunia u.a.: „Migration of Chemical Compounds from Packaging Polymers during Microwave, Conventional Heat Treatment, and Storage“ (Migration chemischer Verbindungen aus Verpackungspolymeren während der Mikrowellenbehandlung, der konventionellen Wärmebehandlung und Lagerung), Comprehensive Reviews in Food Science and Food Safety 12 (5) 2013, S. 523-545, DOI: 10.1111/1541-4337.12028, http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/1541-4337.12028/abstract# Werner Boote: Plastic Planet, Dokumentarfilm, USA 2013, 95 Min., Trailer: www.youtube.com/watch?v=mlgmG4OrdyU BUND: Mikroplastik – Die unsichtbare Gefahr. Der BUND-Einkaufsratgeber, Berlin 2017, www.bund.net/fileadmin/user_upload_bund/publikationen/meer/meere_mikroplastik_einkaufsfuehrer.pdf BUND: Mikroplastik-Studie 2016 – Codecheck-Studie zu Mikroplastik in Kosmetika, http://corporate.codecheck.info/wp-content/uploads/2016/10/Codecheck_Mikroplastikstudie_2016.pdf. Bundesanstalt für Risikobewertung (BfR): „Fragen und Antworten zu Mikroplastik“, FAQ des BfR vom 1. Dezember 2014, www.bfr.bund.de/cm/343/fragen-und-antworten-zu-mikroplastik.pdf Lisbeth van Cauwenberghe/Colin Janssen: „Microplastics in bivalves cultured for human consumption“ (Mikroplastik in Muscheln für den menschlichen Verzehr), Environmental Pollution 193/2014, S. 65-70; DOI:10.1016/j.envpol.2014.06.010; als PDF: www.expeditionmed.eu/fr/wp-content/uploads/2015/02/Van-Cauwenberghe-2014-microplastics-in-cultured-shellfish1.pdf. 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Johannes Kaiser: „Mikroplastik: Gefährlich, unsichtbar und unerforscht“, Deutschlandfunk Kultur – Zeitfragen, 30.10.2014, www.deutschlandfunkkultur.de/mikroplastik-gefaehrlich-unsichtbar-und- unerforscht.976.de.html?dram:article_id=300248. 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Rochman u.a.: „Ingested plastic transfers hazardous chemicals to fish and induces hepatic stress“ (Verschluckter Kunststoff überträgt gefährliche Chemikalien auf Fische und stresst die Leber), Scientific Reports 3/2013, doi:10.1038/srep03263, https://www.nature.com/articles/srep03263. Neda Smith/Patrick Lovegrove: „How Plastic Makes Your Brain Sick“ (Wie Plastik dein Gehirn krank macht), www.bewellbuzz.com/journalist-buzz/mental-illness-plastic-byproducts-connection-may-make-brain-sick/ Rossana Sussarellu u.a.: „Oyster reproduction is affected by exposure to polystyrene microplastics“ (Polystyrol-Mikroplastik beeinträchtigt die Fortpflanzung von Austern), Proceedings of the National Academy of Sciences 113 (9) 2015, S. 2430-2435, www.pnas.org/content/113/9/2430.abstract US Environmental Protection Agency (EPA): „Toxilogical Threats of Plastic“ (Toxikologische Bedrohungen aus Kunststoff), Update 2017, www.epa.gov/trash-free-waters/toxicological-threats-plastic Umweltbundesamt (Hrsg.): Bisphenol A – Massenchemikalie mit unerwünschten Nebenwirkungen (PDF; 522 kB), Dessau-Rosslau, Juli 2010; CHEM Trust publications on obesity and diabetes, Stand: 2012. University of Missouri, 27.6.2011: „BPA-Exposed Male Deer Mice are Demasculinized and Undesirable to Females“ (Männliche Hirschmäuse, die BPA ausgesetzt sind, werden unmännlich und von Weibchen gemieden), http://munews.missouri.edu/news-releases/2011/0627-bpa-exposed-male-deer-mice-are-demasculinized-and-undesirable-to-females-new-mu-study-finds/

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    Über Harald Wiesendanger Noch Anfang 2020 konnte ich mich, nach über 35 Jahren als Wissenschaftsjournalist und Buchautor, in der Rückschau auf ein erfülltes Berufsleben ziemlich entspannt zurücklehnen, zufrieden und dankbar. Die unverdiente Gnade der Geburt zur rechten Zeit hatte mir bis dahin eine Medienwelt beschert, in der ich weitgehend ungehindert publizieren konnte. Das Gespenst der Zensur trieb sein Unwesen weit weg. In Moskau und Minsk, in Peking und Pyöngyang. Aber doch nicht hierzulande. Auch in dieser Hinsicht hat das Plandemie-Jahr 2020 eine Zeitenwende eingeleitet. Mehr denn je in Nachkriegsdeutschland, wie in allen übrigen vermeintlich gefestigten freiheitlich-demokratischen Rechtsstaaten, käme es seither auf eine starke, unabhängige Vierte Gewalt an, die kritische Distanz zu Mächtigen hält, um sie im vermeintlichen Notstand, auch und gerade dann, wirkungsvoll kontrollieren zu helfen – erst recht, wenn Volksvertretungen und Gerichte dabei jämmerlich versagen. Aber auch Journalisten versagen, in einem Ausmaß, das ich bis vor kurzem für völlig ausgeschlossen hielt. „Ich schäme mich. Meines Berufsstands “: So überschrieb ich schon im April 2020 einen entsetzten Facebook-Post, der damals noch 1,2 Millionen Leser erreichte – heute würden ihn Faktenchecker und Schnüffelalgorithmen im Nu löschen, meinen Account blockieren oder gleich dichtmachen. In Leitmedien überwiegen mittlerweile Hofberichterstattung und blindwütiger Alarmismus, expertengläubige Gesinnungsprosa und moralintriefende Volkserziehung. Fast durchweg verzichten sie auf investigative Hintergrundrecherche, leisten Beihilfe zur Panikmache, ignorieren und verschweigen missliebige Fakten, applaudieren zu hanebüchenen Verfassungsbrüchen, reichen manipulierte Statistiken unverdaut weiter. Sie unterdrücken überfällige Debatten, anstatt sie anzustoßen. Die Regierung loben sie, an deren Kritikern betreiben sie unerhörten Rufmord; Andersdenkende werden von ihnen als Spinner, Rechtsradikale, Gewissenlose und Psychopathen ausgegrenzt und verächtlich gemacht, hart an der Grenze zur Volksverhetzung, vereinzelt schon darüber hinaus. Ein Großteil ihrer Machwerke mutet an wie vorproduziert für eine alsbaldige Bewerbung: um einen Platz beim Zentralorgan der coronistischen Einheitspartei oder im Wahrheitsministerium. Es zeugt vom bestürzend raschen, tiefgreifenden Qualitätsverfall der sogenannten Leitmedien, dass man, um noch echten, unabhängigen Journalismus zu erleben, neuerdings besser den Fernseher ausschaltet und seine Zeitung in die grüne Tonne entsorgt. Eher liefern ihn mittlerweile Online-Magazine wie Rubikon, Multipolar und Achgut , oder Blogs von unverdrossenen Einzelkämpfern wie Reitschuster und Tichy, denen bei der fortschreitenden Selbstparalyse der Vierten Gewalt das Herz blutet. Auch meines blutet. Deshalb „Klartext“. Denn die Hoffnung stirbt zuletzt. Was mache ich außerdem, was tat ich zuvor? 1956 in Lörrach/Südbaden geboren, studierte ich Philosophie, Psychologie und Soziologe an den Universitäten Basel und Heidelberg. Seit Ende der achtziger Jahre veröffentlichte ich rund 50 Bücher, vorwiegend zu medizinischen und psychologischen Themen, neben über 5000 Artikeln in Zeitungen und Zeitschriften, Nachrichtendiensten und Internetportalen. Beeindruckt von wissenschaftlichen Studien über das umstrittene Geistige Heilen, wie auch von Begegnungen mit Hunderten von Anwendern und Patienten, rief ich 1994 eine Dachorganisation für Heilerverbände (DGH) ins Leben; bis 1998 leitete ich sie, zog mich dann aber zurück, weil auch Geisteskinder mitunter derart missraten, dass man sie schließlich mit einem Seufzer der Erleichterung zur Adoption freigibt. Ich gab eine Fachzeitschrift für Geistiges Heilen heraus (Der Heiler 1996-1998) und war an der EU-geförderten Fernheilstudie EUHEALS beteiligt (2001-2004). Von 1991 bis 2005 war ich Mitorganisator der „Basler Psi-Tage“, des seinerzeit größten Publikumskongresses für Grenzgebiete der Wissenschaft. 2005 gründete ich die Stiftung „Auswege“ für chronisch Kranke sowie die „Internationale Vermittlungsstelle für Herausragende Heilkundige“ (IVH ), die in der alternativen Gesundheitsszene mit einem aufwändigen Auswahlverfahren die Spreu vom Weizen trennen und die raren Könner herausfiltern will. Die meisten Buchtitel habe ich Medizinthemen gewidmet, zuletzt Corona-Rätsel (2020), Das Gesundheitsunwesen - Wie wir es durchschauen, überleben und verwandeln (2019), die zehnbändige Schriftenreihe Psycholügen (2017), Auswege - Kranken anders helfen (2015) sowie Heilen „Heiler“? Ein Wegweiser für Hilfesuchende (4. Aufl. 2011). In jüngster Zeit beschäftigten mich unter anderem die Expertengläubigkeit der psychologischen Gesellschaft, die unterschätzten Fähigkeiten von Laienhelfern, die Maßstäbe für Normalität und psychische Störung. Auf eine menschlichere Psychiatrie , wie auch auf eine neue Impfpolitik , drängt meine Stiftung in Petitionen an die Bundesregierung. Vor allem befasse ich mich seit über einem Jahrzehnt mit den gesundheitspolitischen und ökonomischen Hintergründen unseres kranken Gesundheitswesens – eines regelrechten Tummelplatzes organisierter Kriminalität, der es Ärzten immer schwerer macht, kompromisslos ihren Hippokratischen Eid zu befolgen. Die Chancenlosigkeit ganzheitlicher Behandlungsansätze in der profitorientierten westlichen Schulmedizin, die schier unerschöpflichen Propaganda- und Schmiermittel von Big Pharma, Big Food und Big Tech, ihre Lobbymacht erschütterten mich. Im Rückblick auf ein Vierteljahrhundert, in dem ich über das verkannte Potential von alternativen Heilweisen journalistisch aufzuklären versuchte, muss ich inzwischen einräumen: Ich war zu blauäugig. Egal, wie viele vorbildlich durchgeführte Studien zu Außenseiterverfahren man zitiert; egal, wie viele Patienten man präsentiert, denen eine solche Behandlung offenkundig nützte; egal, wie viele Ärzte unerwartet erfreuliche Heilungsverläufe bestätigen; egal, mit welch geringen Kosten und wenig bis keinen Nebenwirkungen alternative Ansätze verbunden sind; egal, wie zuverlässig sie Menschen vor Krankheit bewahren – Heilkunst, die sich nicht industriell vermarkten lässt, aber Geschäfte gewisser Industrien stört, bleibt im Abseits. Sie wird belächelt, verhöhnt, bekämpft, ebenso wie jeder, der sie praktiziert oder auch nur publik macht – absurderweise umso aggressiver, je mehr Menschen sie gut tut. Denn an Gesunden gibt es nichts zu verdienen. Meine Stiftung Auswege trägt im Namen ihr Programm: Chronisch Kranken versucht sie therapeutische Auswege in unkonventioneller, ganzheitlicher Medizin zu eröffnen – und vorbeugen zu helfen, damit sie erst gar nicht zu Patienten werden. Mit „Auswege“ will ich etwas von meinem unbegreiflichen Glück zurückgeben: selber drei gesunde Kinder zu haben. Die neue Normalität, die ihnen blüht, falls die Drahtzieher dieser unsäglichen Plandemie ihre „Reset“-Visionen umsetzen können, wünsche ich allenfalls meinem ärgsten Feind – aber gewiss nicht all jenen geliebten Menschen, die ich demnächst, ob nun mit, wegen oder ohne Covid-19, in einer drohenden zutiefst inhumanen Zukunft alleine lassen muss. „Je weiter sich eine Gesellschaft von der Wahrheit entfernt, desto mehr wird sie jene hassen, die sie aussprechen.“ George Orwell Eine Auswahl meiner Bücher GesundheitsUNwesen AUSWEGE - Kranken anders helfen Corona-Rätsel Unheilkunde - Die 12 Märchen der Psychiatrie Teufelszeug Psycholügen Seelentief - Ein Fall für Profis? Heilen "Heiler"? Geistheiler - Der Ratgeber Show More Psychofalle Das Märchen von der Psycho-Seuche Stochern im Nebel Küchenpsychologie Selbstvergessen Was nun? Heilzauber oder was? 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