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320 Ergebnisse gefunden für „“

  • Hyperinflation des Seltenen

    „Selten“: das klingt nach vernachlässigbar wenig. Doch zumindest im Gesundheitswesen trügt dieser Eindruck gewaltig. Auch wenn jede „seltene Krankheit“ höchstens 0,05 % der Bevölkerung heimsucht, explodiert ihre Artenvielfalt neuerdings regelrecht: Über 17.000 sind es inzwischen. Und immer mehr Menschen sind betroffen: vier Millionen allein in Deutschland, bis zu einer halben Milliarde weltweit. Dafür verantwortlich sind in erster Linie Lebensverhältnisse, die systematisch krank machen. Eine Mitschuld tragen Politiker, die dabei tatenlos zusehen. Es war am 15. August 2015, als ich Kim zum ersten Mal begegnete: einem achtjährigen Mädchen, das ihre Eltern zu einem Therapiecamp meiner Stiftung Auswege begleiteten. Im Mai 2007 kerngesund zur Welt gekommen, waren bei ihr nach vier Monaten erste heftige Krämpfe aufgetreten, wie sie für das „West-Syndrom“ charakteristisch sind, eine besonders schwer zu behandelnde Form von Epilepsie. Die Diagnose, bestätigt durch eine DNA-Analyse, lautete auf „tuberöse Sklero­se“ (TSC): eine seltene Erbkrankheit, die zu Wuche­run­­gen und Fehlbildungen von Gewebe in nahezu allen Organen führt, häufig an der Haut, aber auch im Gehirn. Nur eines von 6000 Kindern ist betroffen. Aus der Hirnrinde können „Tubera“ wachsen, beulenartige Vorwölbungen, welche Anfälle auslösen und die geistige Entwick­lung beeinträchtigen. Kim wies autistische Züge auf. Sie sprach kein Wort. Ein Jahr zuvor, in einem weiteren „Auswege“-Therapiecamp, lernte ich den 18-jährigen Marvin kennen. Sein Risiko, mit einem Gendefekt in den Abschnitten q1.2 bis q11.13 auf Chromosom 15 zur Welt zu kommen, hatte bei 1 zu 20'000 gelegen – aber was nützt Betroffenen wie ihm eine statistische Unwahr­scheinlichkeit? Der junge Mann leidet am „Angelman-Syndrom“, benannt nach dem britischen Arzt Harry Angelman (1915-1996). Happy-Puppet-Syndrome heißt es auch, anspielend auf einen seltsam puppenhaften, unentwegt freudigen Gesichtsausdruck, grundloses Lachen, regelrechte Lachanfälle. Diese Erkrankung äußert sich unter anderem in geistiger und körperlicher Behinderung - vor allem einer stark zurückgebliebenen Sprachentwicklung -, Wahrneh­mungsstörungen sowie Hyperaktivität. Als seine Diagnose endlich feststand, war Marvin schon sieben Jahre alt. Er ist geistig stark behindert, kann nicht sprechen, hat Schwierigkeiten beim Gehen, ist inkontinent. Seine Bewegungskoordination ist gestört. Aus seinem Mund, den er nicht schließen kann, tropft unentwegt Speichel. Seit März 2013 treten epileptische Anfälle auf, bei denen beide Arme minutenlang zucken. Oft steigern sie sich zu stundenlangen Myoklonien, unwillkürlichen Zuckungen der Muskulatur in allen vier Extremitäten. Ausnahmen als Massenphänomen Mysteriös häufen sich neuerdings derartige „Seltene Krankheiten“, definitionsgemäß mit jeweils weniger als fünf Betroffenen pro 10.000 Einwohnern. (1) Manchmal leiden weltweit bloß eine Handvoll Menschen unter einem bestimmten Typus. In 27 Jahren wurde bloß bei vier Patienten der Ribose-5-Phosphat-Isomerase-Mangel festgestellt: Genetisch bedingt fehlt ein bestimmtes Enzym, was für eine schwere Stoffwechselstörung sorgt, die sich vor allem auf die weiße Substanz des Gehirns auswirkt; die Entwicklung verläuft verzögert, die Motorik ist nur eingeschränkt kontrollierbar. Noch seltener ist die „Fields-Krankheit“: ein Muskelschwund, mit dem bisher bloß zwei Zwillingsschwestern aus Südwales aufgefallen sind, Kirstie und Catherine Fields. Mit vier Jahren setzten Bewegungsstörungen ein. Mit 9 benötigten sie Gehhilfen. Mit 14 verloren beide ihre Stimme. Mittlerweile sitzen sie im Rollstuhl. Pro Tag erleiden die unglückseligen Mädchen mehr als 100 unkontrollierbare, schmerzhafte Muskelkrämpfe. In der Summe belasten solche medizinischen Raritäten Abermillionen. Insgesamt 17.000 verschiedene derartige Erkrankungen listet die Fachliteratur inzwischen auf, für 5000 bis 8000 sind Fälle in Deutschland bekannt (2) – ein wahres Horrorkabinett. Nach Angaben des Global Genes Project weisen weltweit 350 Millionen Menschen eine seltene Krankheit auf – also rund fünf Prozent der Weltbevölkerung. (3) Die Europäische Organisation für seltene Krankheiten (EURORDIS) schätzt, dass zwischen 3,5 und 5,9 % der gesamten Menschheit betroffen sind; das entspräche 263 bis 446 Millionen. Und in Europa? Die EU geht davon aus, dass zwischen 6 und 8 % der Bevölkerung irgendwann in ihrem Leben von einer seltenen Krankheit betroffen sein könnten. (4) Zwischen 27 und 36 Millionen sind es aktuell. In Deutschland sollen es drei bis vier Millionen sein (5), jüngste Schätzungen gehen von 4,3 Millionen Bundesbürgern aus. (6) Damit sind seltene Krankheiten zum Massenphänomen geworden. Aus dem nüchternen Zahlenwerk, den lieblosen Prävalenz-Nullen vor dem Komma, springen jedem Empathiefähigen nicht bloß biologische Kuriositäten entgegen – es geht um unsägliche, herzzerreißende Tragödien. Viele Betroffene – zu 75 % Kinder - erleben ihre Einschränkungen, ihr Anderssein bei vollem Bewusstsein mit, für den Rest ihres Lebens unentrinnbar eingesperrt im Gefängnis eines genetisch verunstalteten Körpers. Zwar ist, mit intensiver Behandlung und reichlich Geduld, beim einen oder anderen Symptom durchaus Linderung möglich, wie ich in den Therapiecamps meiner Stiftung staunend miterleben durfte. Doch nur für etwa 400 „seltene Krankheiten“ gibt es überhaupt irgendwelche Therapien. (7) Diese dämpfen allenfalls Begleiterscheinungen. Vollständige Heilung bleibt eine Illusion. Fast immer. Zu diesen düsteren Aussichten trägt bei, dass die Entwicklung von „Orphan Drugs“, wie Medikamente gegen seltene Krankheiten heißen, für die Pharmaindustrie aufgrund der winzigen Zielgruppen wirtschaftlich weitaus unattraktiver ist, als beispielsweise Krebspatienten, Hypertoniker, Diabetiker und Rheumatiker anzuvisieren. Also müssen Wucherpreise für Ausgleich sorgen: Orphan Drugs sind durchweg so irrwitzig teuer, dass sie für so gut wie alle Betroffenen unerschwinglich bleiben, falls ihre Ersparnisse nicht ausreichen und keine Krankenkasse einspringt. Für wenig therapeutischen Ertrag fließt trotzdem üppig Geld: So schätzten Marktforscher von Evaluate Pharma den Umsatz mit Arzneimitteln gegen seltene Krankheiten 2021 auf 156 Milliarden US-Dollar - das entspricht rund 16 Prozent des Marktes für verschreibungspflichtige Arzneimittel; bis 2024 wurden daraus 217 Milliarden. Nicht nur die Patienten selbst, auch ihre Familien belastet die trostlose Perspektive immens. Mit der Schwere der Krankheit nimmt die Bedrückung zu. Stets gibt es Angehörige, die ohnmächtig mitfühlen, vergeblich Therapiechancen erkunden, sich im Betreuen und Pflegen aufopfern, dafür eigene Lebenspläne über den Haufen werfen, der Sinnfrage sinnlos nachgrübeln. Bedrückt malen sie sich eine Zukunft aus, in der sie ihr zeitlebens gehandicapptes Kind fremden Händen anvertrauen müssen, weil sie mit ihren Kräften am Ende sind, irgendwann auch mit ihrer Lebenszeit. Zermürbende Odyssee Ehe die Hoffnung stirbt, treibt sie zur verzweifelten Suche. Mit den ersten rätselhaften Beschwerden beginnt für die Betroffenen und ihre Angehörigen zumeist eine zermürbende Odyssee von Praxis zu Praxis, Klinik zu Klinik; bis zu acht Ärzte suchen sie auf. Findet sich keine organische Erklärung, unterstellen ahnungslose Schulmediziner allzu oft ein psychosomatisches Problem. 40 Prozent der Patienten erhalten mindestens einmal eine Fehldiagnose. Bis endlich die richtige Diagnose gefunden ist, verstreichen im Schnitt 4,8 Jahre. (8) Mit durchschnittlich 147.000 Euro übertreffen die Behandlungskosten von seltenen Leiden jene des Durchschnitts chronischer Erkrankungen um rund das Fünffache. (9) Vier von fünf seltenen Krankheiten sind genetisch bedingt, rühren also von Schäden am Erbgut her, die körpereigene Reparaturmechanismen nicht mehr beheben können. Je nachdem, in welchen Chromosomenabschnitten und DNA-Sequenzen die Anomalien auftreten, sind Erscheinungsbild, Organe und Körperfunktionen aufs Sonderbarste beeinträchtigt: von kognitiven Einschränkungen über Veränderungen des äußeren Erscheinungsbilds bis hin zu Erblindungen. So leiden weltweit drei Millionen Menschen – in Deutschland etwa 30.000 bis 40.000 – an Retinitis pigmentosa (RP): Während Netzhautzellen allmählich absterben, verengt sich das Gesichtsfeld, bis es völlig ausfällt. LHON, die „Lebersche Hereditäre Optikus-Neuropathie“, beginnt bei rund 80 Deutschen pro Jahr damit, dass in der Mitte des Gesichtsfelds dauerhaft schwarze Flecken auftreten. Binnen weniger Wochen und Monate weitet sich diese Sehstörung fast immer auf das zweite Auge aus. Nach kurzer Zeit fällt die Sehkraft unter zehn Prozent. Auch unheilbar fortschreitende Lähmungen kommen vor. Bei 3600 bis 6000 deutschen Kindern mit Duchenne-Muskeldystrophie (DMD) beispielsweise wird kein funktionsfähiges Muskelprotein Dystrophin mehr gebildet. Es kommt zu einem unaufhaltsamen Muskelabbau, zunächst im Bewegungsapparat, dann in der Atmung und im Herz. Häufig handelt es sich um exotische Stoffwechselstörungen. Die Ahornsirupkrankheit beispielsweise - Maple Syrup Urine Disease, MSUD -, die bei einem von 140.000 bis 200.000 Neugeborenen vorliegt, verdankt ihren Namen dem würzig-süßlichen Geruch von Urin und Atem. Bei ihr führt die verminderte Aktivität eines Enzyms dazu, dass die Aminosäuren Leuzin, Isoleuzin und Valin nicht ausreichend abgebaut werden; stattdessen reichern sie sich im Blut und Gewebe stark an. Betroffene Kinder wirken schläfrig bis apathisch oder lethargisch; sie leiden an Trinkschwäche, neigen zu Durchfall und Erbrechen, ihre Muskelspannung ist zu niedrig, ihre Reflexe sind geschwächt. Schlimmstenfalls führt MSUD zu Krampfanfällen, Koma und lebensbedrohlichen Atmungsstörungen. Ein Gendefekt auf Chromosom 8 beschwört bei drei von einer Million Menschen ein „Werner-Syndrom“ herauf, auch Progeria adultorum genannt. Erst Anfang dreißig macht es sich bemerkbar, dann aber Schlag auf Schlag: Die Haut wird faltig, wirkt dünn und durchscheinend; die Stimme klingt schwach und hoch; die Haare ergrauen und fallen aus, die Muskeln bilden sich zurück, der Gang ist gekrümmt statt aufrecht. Man sieht nicht nur aus wie ein 60-jähriger, man benimmt sich auch so. Mit vierzig sieht man aus wie achtzig. Die meisten Erkrankten erleben ihren 50. Geburtstag nicht mehr. Erst 1965 fiel zwei amerikanischen Neurologen eine Erbkrankheit auf, die seither ihren Namen trägt: das Flynn-Aird-Syndrom: Einer unter einer Million Menschen wird gegen Ende des Jugendalters schwerhörig, die Muskelmasse schwindet, Gelenke versteifen; die Augenlinse trübt ein, Bewegungen werden unkoordiniert, die Zähne stark kariös, Knochen osteoporös; Epilepsie oder Demenz treten auf. Mutationen im ABCA 12-Gen auf Chromosom 2, Genort q35 verursachen eine Harlekin-Ichthyose. Bei einem von 300.000 Menschen sorgen sie dafür, dass er langsam zu Stein zu werden scheint. Bei dieser Krankheit erneuert sich die oberste Hautschicht sieben Mal schneller als normal. Dies führt dazu, dass sie sich abschält; dicke Narben bilden sich. Schließlich verhornt die Haut so sehr, dass sie panzerartig aussieht - wie die Oberfläche eines Steins. Von wegen schicksalhaft Überwiegend treten die genetischen Abweichungen in den Familien der Betroffenen erstmalig auf. Demnach war mindestens ein Elternteil oder sie selbst, womöglich noch im Mutterleib, genotoxischen Einflüssen ausgesetzt, die auf vorherige Generationen kaum bis überhaupt nicht einwirkten. Die allermeisten seltenen Erkrankungen tauchten in der medizinischen Fachliteratur erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts auf, zuvor waren sie unbekannt. Um die katastrophale Entwicklung kleinzureden, finden rhetorische Winkelzüge statt, wie man sie aus der Autismusdebatte zur Genüge kennt: „Keine Bange, es trügt der Schein“, so macht man uns weis – in Wahrheit würden Fälle bloß öfter erkannt, weil Ärzte sie häufiger diagnostizieren, Daten besser gesammelt werden, Eltern sensibilisiert sind, Definitionen sich geändert haben, Journalisten vermehrt berichten, das öffentliche Bewusstsein dafür gewachsen sei. Schließlich gibt es seit 2008 ja den Internationalen „Tag der seltenen Krankheiten“, begangen an jedem letzten Februartag. Alberner an der Nase herumführen geht kaum. Hat der Tag der Jogginghose am 21. Januar, der Tag der Geschwister am 10. April, der Tag des Baumes am 25. April, der Tag der Hängematte am 22. Juli etwa erheblich mehr Aufmerksamkeit für gewisse Kleidungsstücke, Verwandtschaftsverhältnisse, Pflanzen und Ruhegelegenheiten erzeugt? Seltene Krankheiten haben tatsächlich inflationär zugenommen – im selben Maße, wie sich die unnatürlichen Belastungen des menschlichen Organismus vervielfachten. Nie zuvor in seiner sechs Millionen Jahre langen Entwicklungsgeschichte musste er mit mehr Einflüssen fertig werden, die das Erbgut schädigen – und zugleich die körpereigenen Reparaturmechanismen für solche Defekte schwächen. Künstliche Strahlung aus immer mehr Quellen, Schadstoffe in Luft, Wasser und Boden, Chemikalien in Nahrungsmitteln, Pestizide, Mikro- und Nanoplastik, mutagene Arzneimittel: Kaum mehr als ein halbes Jahrhundert verschlafenen Umwelt- und Verbraucherschutzes haben ausgereicht, die Lebensbedingungen von Homo sapiens so unentrinnbar pathogen werden zu lassen, dass allenfalls Cyborgs und Roboter sie schadlos überstehen werden. Zumindest sie bleiben von „seltenen Erkrankungen“ zuverlässig verschont. Passt die Agenda von Transhumanisten nicht vortrefflich zu solchen Aussichten? (Harald Wiesendanger) Dieser Beitrag enthält Auszüge aus dem 2019 erschienenen Buch von Harald Wiesendanger: Das Gesundheitsunwesen – Wie wir es durchschauen, überleben und verwandeln, dort S. 32-35. Anmerkungen (1) Dieses Prävalenzkriterium verwenden EU-Behörden in ihrer Definition einer „seltenen Krankheit“. In den USA wird von 7,5 pro 10.000 Einwohnern ausgegangen. (2) RARE List, https://globalgenes.org/rarelist, 15. April 2016. (3) https://globalgenes.org/rarelist (4) Nguengang Wakap u.a.: "Estimating cumulative point prevalence of rare diseases: analysis of the Orphanet database". European Journal of Human Genetics. 28 (2) 2020, S. 165–173. doi:10.1038/s41431-019-0508-0. (5) Public Health – European Commission. https://ec.europa.eu/health; Deutsches Ärzteblatt, 19. November 2010, S. A 2272. (6) Plus Drei, No. 52, Februar 2019, S. 8. (7) Ana Sanfilippo/Jimmy Lin: Rare Diseases, Diagnosis, Therapies, and Hope, St. Louis, MO 2014, S. 6. (8) Nach Shire Deutschland, zit. in Plus Drei, a.a.O., S. 11. (9) Nach Evaluate, Statista; zit. in Plus Drei, a.a.O., S. 9.

  • Raumschiff Erde: ein Lazarett

    Falls Außerirdische tatsächlich seit langem den blauen Planeten umschwirren: Warum landen sie nicht endlich? Bestimmt fürchten sie die Infektion mit einem Hirnvirus, das Befallene anscheinend in den Irrsinn treibt: sich einem Gesundheitswesen auszuliefern, das von Krankheit lebt. Das eine oder andere Ufo bestaunten schon die alten Ägypter und Römer, die Azteken und Mayas. Doch massenhaft am Himmel tummeln sich die flinken Dinger seltsamerweise erst seit der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts – just als die terrestrische Gesundheitskrise einsetzte, die immer mehr Erdbewohner in chronisch Kranke verwandelt. Kann dieser zeitliche Zusammenhang Zufall sein? Gewiss fand die Erde damals Aufnahme in den UWHTA-Reisekatalog (Universal Worm Hole Travel Agency) – als Hauptattraktion des intergalaktischen Ferntourismus, denn sie dürfte der einzige bewohnte Planet im Universum sein, dessen Bewohner (a) gelegentlich zwar ansatzweise Intelligenz erkennen lassen, jedoch (b) seit Jahrzehnten anscheinend ein Gesundheitszerstörungsprogramm verfolgen, worin sie (c) unverdrossen wissenschaftlich-technischen Fortschritt erkennen. Aber wieso landen neugierige Außerirdische nicht scharenweise bei uns, für Sightseeings und Shakehands? Warum schwirren sie weiterhin in sicherem Abstand über unseren Köpfen herum, um nach einer kurzen Weile beinahe lichtgeschwind wieder das Weite zu suchen? Vermutlich weil die ET-Touristen befürchten, sie könnten sich mit jenem Hirnvirus infizieren, das unser unsägliches Medizinsystem hervorgebracht hat und aufrechterhält: eine monströse Maschine, die umso besser funktioniert, je schlechter wir es tun – je mehr wir verlieren, was wir für unser höchstes Gut erachten. Diese Medizin hat so gewaltige Fortschritte gemacht, dass in ihren Hochburgen, westlichen Industrieländern, inzwischen jeder Zweite chronisch krank ist – Tendenz steigend. Schon 20 bis 30 Prozent leiden an mehreren Krankheiten gleichzeitig. (1) Und je älter, desto öfter und schlimmer: In Deutschland beispielsweise liegen bei 76 Prozent der Frauen und  68 Prozent der Männer in der Altersgruppe der 65- bis 74-Jährigen zwei und mehr chronische Erkrankungen gleichzeitig vor. Ab 75 Jahren steigt der Anteil auf 82 Prozent bei Frauen und 74 Prozent bei Männern. (2) In der Altersgruppe der 65- bis 74-jährigen liegen bei jeder vierten Frau und jedem fünften Mann fünf und mehr chronische Erkrankungen gleichzeitig vor; ab 75 Jahren sind 35 Prozent der Frauen und 26 Prozent der Männer betroffen. Je mehr Multimorbide es gibt, desto häufiger werden Arztbesuche (3) und Klinikaufenthalte. Desto häufiger ist der Arzt überfordert – denn ein  Patient mit  mehreren Diagnosen ist nicht  das gleiche wie mehrere Patienten mit jeweils einer. Oft beeinflussen sich die Krankheiten gegenseitig. Gleiches gilt für die Behandlungen. Und je mehr Krankheiten auftreten, desto mehr Rezepte und Überweisungen werden ausgestellt. (4) Desto mehr Kosten fallen an. (5) Desto öfter sorgt Polypharmazie, der gleichzeitige Einsatz mehrerer Arzneimittel, für unkontrollierte, gefährliche Nebenwirkungen, über jene hinaus, die jedes einzelne Präparat ohnehin schon mit sich bringt. Ein Medikament kann Effekte von anderen verstärken oder abschwächen. Neuartige Effekte können auftreten, die keines der Präparate aufgewiesen hätte, wenn es einzeln eingesetzt worden wäre. Mit der Multimedikation steigt in der Regel auch die psychische Belastung. Raumschiff Erde ist dabei, sich in ein Lazarett zu verwandeln. Die meisten Passagiere sind schon drinnen, der Rest steht anscheinend kurz davor. Wo bleibt der allgemeine Aufschrei des blanken Entsetzens über solche grauenvollen Zustände und Aussichten? Warum finden von New York bis Tokio, von London bis Sydney nicht längst Massenproteste statt – gegen eine offenkundig verfehlte Gesundheitspolitik, gegen unterlassene Aufklärung, gegen mangelhaften Schutz vor alledem, was uns und unsere Liebsten krank macht? Wenn Schüler weltweit den Unterricht schwänzen, um für den Klimaschutz an „Fridays for Future“ auf die Straße zu gehen – müssten sie ihrem eigenen Gesundheitsschutz zuliebe dann nicht schleunigst ganze „Weeks for Future“ stattfinden lassen? Und wo bleibt die Empörung ihrer Eltern darüber, welche medizinische Zukunft ihrem Nachwuchs blüht? Warum schweigen die Lämmer? Sie lassen sich ablenken, einlullen und täuschen. Es ist ihnen lästig, Verantwortung zu übernehmen. Sie versäumen es, die richtigen Fragen zu stellen – beispielsweise nach den wahren Ursachen des weltweiten Gesundheitsnotstands. Die Wahrheit ist einfach „Die Wahrheit ist einfach“, lehrte Buddha. An das moderne Gesundheitswesen dachte er dabei eher nicht, hätte aber auch hierbei goldrichtig gelegen. Die simple Wahrheit lautet: An Gesunden gibt es nichts zu verdienen. An Toten ebensowenig. Lukrativ sind die dazwischen: die chronisch Kranken. Das Geschäft mit ihnen läuft umso besser, je mehr es davon gibt. Je früher sie es werden. Je länger sie es bleiben. Je mehr medizinische Waren und Dienstleistungen sie währenddessen konsumieren. Dem Geschäft abträglich sind: Wissen um den wahren Nutzen dieser Güter, um das tatsächliche Ausmaß ihrer Nebenwirkungen und Risiken; effektive Vorsorge; und bewährte, preiswerte Behandlungsalternativen. Was folgt aus alledem logisch über das wahre, oberste Ziel der irdischen Gesundheitsökonomie? Über Behörden, die deren Profiteure gewähren lassen? Über Politiker, die nichts ändern? Über Wähler, die solchen Politikern ihre Stimme geben? Über Medien, die schweigen? Über Ärzte, die Beihilfe leisten? Und über Patienten, die mitspielen? Unter solchen Umständen kann niemand es ET verübeln, dass er sich nähere Begegnungen mit Homo insapiens möglichst ersparen will – und seine Neugier lieber auf sichere Distanz befriedigt, vom schwebenden Ufo aus. (Harald Wiesendanger) Auszüge aus Harald Wiesendanger: Das Gesundheitsunwesen - Wie wir es durchschauen, überleben und verwandeln (2019), S. 7, 9, 38 und 42-45. Anmerkungen 1 „Multimorbidität: Wenn Krankheiten interagieren“, Deutsches Ärzteblatt 114 (20) 2017, A-998/B-830/C-812, https://www.aerzteblatt.de/archiv/188825/Multimorbiditaet-Wenn-Krankheiten-interagieren 2  J. Fuchs u.a.: „Prevalence and patterns of morbidity among adults in Germany. Results of the German telephone  health  interview  survey  German  Health  Update  (GEDA)  2009“. Bundesgesundheitsblatt - Gesundheitsforschung – Gesundheitsschutz 55(4) 2012, S. 576-586, https://link.springer.com/article/10.1007%2Fs00103-012-1464-9. 3  A. Hessel u.a.: „Inanspruchnahme medizinischer Leistungen und Medikamenteneinnahme bei über 60-Jährigen in Deutschland –  gesundheitliche, sozialstrukturelle, soziodemographische und subjektive Faktoren.“ Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie 33/2000, S. 89–99; G. Laux u.a.: „Co- and multimorbidity patterns in primary care based on episodes of care: results from the German CONTENT project“,BMC Health Services Research 8/2008, S. 14–21. 4  T. Kühlein u.a.: „Kontinuierliche Morbiditätsregistrierung in der Hausarztpraxis. Vom Beratungsanlass zum Beratungsergebnis“, München 2008. 5  G. Anderson u.a.: „The growing burden of chronic disease in America“, Public Health Report 119/2004, S. 263–270, https://journals.sagepub.com/doi/reader/10.1016/j.phr.2004.04.005

  • Macht Impfen gesünder?

    Sorgen Impfstoffe tatsächlich für mehr Gesundheit? Mit fadenscheinigen Ausflüchten weigern sich Behörden seit eh und je, dem behaupteten Zusammenhang wissenschaftlich sauber nachzuforschen. Doch inzwischen belegen hunderte Studien: Geimpfte tragen ein weitaus höheres Risiko für vielerlei chronische Krankheiten. Es wächst, je häufiger, je früher „gepikst“ wird. Eltern muss klar sein, was sie ihrem Kind womöglich antun, wenn sie diese Tatsache ignorieren. Ja, ein Großteil der Impfstoffe scheint weitgehend sicher – innerhalb der sechs Wochen, oft aber auch bloß während zwei bis vier Tagen, in denen ihre Nebenwirkungen in klinischen Studien kontrolliert werden. Ausschließlich Einzelimpfungen kommen dabei auf den Prüfstand, obwohl Säuglinge inzwischen bis zu neun Vakzine auf einmal erhalten. (1) Wozu führt das auf längere Sicht? Was richten Impfstoffe Monate, Jahre, Jahrzehnte nach den „Piksen“ an? Es gibt nur einen Weg, das festzustellen: mittels eines Vergleichs von Geimpften mit Ungeimpften. Doch bis heute weigern sich Gesundheitsbehörden, entsprechende Untersuchungen zu veranlassen. Neugierigen, couragierten Wissenschaftlern ist es zu verdanken, dass solche Studien trotzdem längst vorliegen. Nicht bloß ein paar. Es sind Hunderte – methodisch hochwertig, mit Peer-Review, veröffentlicht in angesehenen Fachzeitschriften. Übereinstimmend und glasklar belegen sie: Impfstoffe erhöhen das Risiko, chronisch zu erkranken – nicht bloß ein statistisches Bisschen, sondern hochsignifikant. Geradezu dramatisch. Eine der angeblich „größten Errungenschaften in der Geschichte der Medizin“ (2) entlarven sie als schreckliches Debakel – mehr noch, als ein monströses Verbrechen, soweit Verantwortliche es bewusst in Kauf nehmen. Zu den Augenöffnern zählen sechs neuere Studien, erschienen zwischen 2017 und 2022. Mit unterschiedlichen Forschungsansätzen kommen sie, unabhängig voneinander, zu ein und demselben Ergebnis: Sogenannte „Schutzimpfungen“ schützen unsere Gesundheit mitnichten. Im Gegenteil. Die beiden Mawson-Studien: Ungeimpft sind Sechs- bis Zwölfjährige eindeutig besser dran Was man Kindern antut, wenn man offizielle Impfkalender gnadenlos an ihnen abarbeitet, brachte im Jahr 2017 Anthony Mawson zum Vorschein, Professor am Institut für Epidemiologie und Biostatistik der Universität von Jackson, Mississippi. Sein Forschungsteam befragte die Eltern von 666 sechs- bis zwölfjährigen Kindern, die zu Hause unterrichtet wurden. Von ihnen waren 197 vollständig geimpft, 208 teilweise, 261 überhaupt nicht. (3) Unter den Geimpften traten Windpocken und Keuchhusten zwar auffallend seltener auf. Dafür zahlten sie gesundheitlich aber einen hohen Preis: Weitaus häufiger als Ungeimpfte waren sie von allergischer Rhinitis betroffen (30-mal höheres Risiko), von Lernbehinderungen (5,2-mal), von ADHS und Autismus (jeweils 4,2-mal), von Allergien (3,9-mal), von neurologischen Entwicklungsstörungen (3,7-mal), von Dermatitis (2,9-mal). Auch bei Lungenentzündungen (6,4 % gegenüber 1,2 %) und Ohrentzündungen (19,8 % gegenüber 5,8 %) waren die Gruppe der vollständig Geimpften krass im Nachteil. Teilweise geimpfte Kinder erreichten in der Regel „eine mittlere Position“. Im selben Jahr bestätigte Mawson diese Ergebnisse in einer Folgestudie. (4) Die Hooker/Miller-Studien: „Pikse“ im ersten Lebensjahr sind besonders fatal An wissenschaftlichem Sachverstand dürfte es Brian Hooker schwerlich mangeln. Immerhin ist er emeritierter Professor für Biologie an der Simpson University in Redding, Kalifornien. Gemeinsam mit dem Wissenschaftsautor Neil Miller untersuchte er Erkrankungsraten von 2047 Kindern aus drei amerikanischen Arztpraxen. (5) Zwischen 2005 und 2015 geboren, waren die Kleinen zum Zeitpunkt der Studie 3 bis 12 Jahre alt. 69 % waren im ersten Lebensjahr gegen eine beliebige Krankheit geimpft worden, 31 % nicht. Um sicherzugehen, dass eine Störung oder Erkrankung tatsächlich der Impfung folgte – und ihr nicht etwa vorausging -, bezogen die Autoren nur solche ein, die nach dem ersten Geburtstag des Kindes auftraten. Bei ausnahmslos allen Diagnosen, zu denen aussagekräftige Daten vorlagen, stellte das Forscherteam fest: Kinder, denen in ihren ersten zwölf Lebensmonaten „Pikse“ erspart geblieben waren, erkrankten weitaus seltener. Im Alter von fünf Jahren war die Wahrscheinlichkeit von Entwicklungsverzögerungen und Ohrentzündungen bei den früh Geimpften mehr als doppelt so hoch; von Asthma 4,5-mal höher. Ein Jahr später, 2021, ließen Hooker und Miller eine zweite Studie folgen, diesmal mit Daten von 1565 Kindern. (6) Von diesen waren 8,7 % vollständig geimpft – d.h. „korrekt“ nach Impfkalender -,  30,9 % teilweise, 60,4 % gar nicht. Vollständig Geimpfte litten mit einer weitaus höheren Wahrscheinlichkeit an Asthma (17,6 % gegenüber 4,9 %), an Magen-Darm-Erkrankungen (13,8 zu 2,5 %), an chronischen Ohrenentzündungen (27,8 % zu 2,13 %). Auch schwere Allergien, Autismus und AD(H)S traten bei ihnen viel öfter auf. Die Lyons-Weiler/Thomas-Studie: Geimpfte Kinder sind viel häufiger beim Arzt Gemeinsam mit dem Wissenschaftler James Lyons-Weiler führte Dr. Paul Thomas, Facharzt für Pädiatrie aus Portland im US-Bundesstaat Oregon, eine Studie über 3.324 kleine Patienten durch, die er im Laufe von über zehn Jahren in seiner Praxis betreute. (7) Dabei verglichen sie die Anzahl der Arztbesuche bei geimpften und ungeimpften Kindern. Wie oft bekam der Thomas sie wegen bestimmter Diagnosen zu sehen? Ob wegen Asthma, Heuschnupfen oder allergischer Rhinitis – einer Entzündung der Nasenschleimhaut -, Ekzeme, Dermatitis, Urtikaria (Nesselsucht), Bindehautentzündung, Gewichts-/Essstörungen, Anämie, Infektionen der Atemwege, ADHS, Autismus: Mit all diesen Problemen erschienen geimpfte Kinder deutlich häufiger beim Arzt. Alles in allem ließen die Daten nur einen Schluss zu: “Ungeimpfte Kinder sind in der Regel gesünder als geimpfte”. Erstaunlicherweise fand der Arzt eine angesehene Fachzeitschrift, die seine Ergebnisse nach Peer-Review veröffentlichte. Doch nur fünf Tage nach Erscheinen verlor er seine ärztliche Zulassung – er stelle eine “Bedrohung” für die öffentliche Gesundheit dar. Prompt wurde sein Studienbericht zurückgezogen. Die „Control Group“-Studie: Völlig Ungeimpfte sind bei weitem gesünder Eine fünfte hochspannende Studie (8) stammt von The Control Group, einer amerikanischen Bürgerinitiative, die sich zum Ziel gesetzt hat, „realistische und kontrollierte Forschung und Dokumentation über die Auswirkungen von Impfungen zu betreiben – auf der Suche nach der Wahrheit über die Gesundheit und das Wohlergehen unserer Kinder, unserer Familien, unserer Freunde und von uns selbst“. Nicht weniger als 99,74 % der US-amerikanischen Bevölkerung sind geimpft. Lediglich 0,26 % - schätzungsweise 832.000 US-Amerikaner – haben bislang keinerlei Vakzine im Körper. Aus dieser Minderheit zogen die Forscher eine Stichprobe von 0,178 % - insgesamt 1.482 Kinder und Erwachsene aus 48 US-Bundestaaten. Die Fragestellung lautete: Wie häufig kommen unter diesen vollständig Ungeimpften schwere Erkrankungen vor, verglichen mit der geimpften Mehrheit? Wie es um deren Gesundheit steht, ist öffentlich zugänglichen nationalen Statistiken zu entnehmen. Erneut zeigte sich zweifelsfrei: Ungeimpfte, gleich welchen Alters, sind gesünder - bei weitem. Unter geimpften Kindern leidet mittlerweile jedes Zweite an chronischen Gesundheits­störungen; im Jahr 2010 waren es erst 27 % gewesen. Um ein Vielfaches häufiger treten bei ihnen auf: Asthma, Ekzemen, Nahrungsmittelallergien, Ohrensausen, Augenfehlstellungen, ADHS, Autismus, Epilepsie, zerebrale Lähmung, Mukoviszidose. Die Wahrscheinlichkeit für mindestens eine solche Diagnose liegt 3,5 Mal höher als bei ungeimpften Kindern. Die Wahrscheinlichkeit, von mehreren chronischen Krankheiten betroffen zu sein, ist sogar 5,7 Mal so hoch. Weil Impfungen Erwachsene im Laufe des Lebens kumulativ belasten, stellt sich ihre gesundheitliche Situation noch viel beunruhigender dar. Sie tragen ein 9,5-mal höheres Risiko, an chronischen Krankheiten wie Asthma und Arthritis sowie an einigen der führenden Todesursachen wie Diabetes, Krebs, Herz- und Atemwegserkrankungen zu leiden. 43-mal häufiger haben sie zwei chronische Erkrankungen. 12 % von ihnen sogar fünf. Bei Geimpften im allgemeinen, über alle Altersklassen hinweg, traten 44 Mal häufiger Verdauungsstörungen auf, 207-mal häufiger chronische Sinusitis oder Infektionen der Nasennebenhöhlen. Besonders erstaunlich ist das Spektrum der Krankheiten, die bei den ungeimpften Probanden überhaupt nicht festzustellen waren. Kein einziges Baby in den untersuchten Familien war an  Plötzlichem Kindstod (SIDS) verstorben, kein einziges an Krebs erkrankt. Bei ungeimpften Erwachsenen trat kein ADHS auf, kein Asthma, keine Arthritis, keine Diabetes, keine Herzerkrankungen, keine bösartigen Tumoren. „Was bedeuten also all diese Daten?“, fragt der US-Arzt Peter McCullough in einer hervorragenden, von Facebook und YouTube prompt wegzensierten Videodokumentation, in der er die erwähnten Studien zusammenfassend vorstellt. “Ganz einfach: Sie deuten darauf hin, dass Impfstoffe insgesamt zu einem kränkeren Leben führen. Tatsächlich sind es die Ungeimpften, deren Leben in der Regel mit hervorragender Gesundheit und wenigen Arztbesuchen gesegnet ist.“ Das RKI lügt – es vertuscht eigene Erkenntnisse Welch hohes Risiko von Impfungen ausgeht, belegte – unfreiwillig - ausgerechnet Deutschlands oberste Gesundheitsbehörde, das Robert Koch-Institut (RKI). Von 2003 bis 2006 führte es eine aufwändige Langzeitstudie („KiGGS“) zur körperlichen und seelischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen zwischen 0 und 17 Jahren durch. Die 17.641 Studienteilnehmer bzw. ihre Eltern füllten dazu einen umfangreichen Fragebogen aus, Ärzte führten Interviews mit ihnen, Blut- und Urinproben wurden analysiert – und Impfpässe kopiert, soweit vorhanden. Bereits ein Jahr nach Abschluss des Datensammelns präsentierte das RKI die Ergebnisse im Bundesgesundheitsblatt auf über 900 Seiten. Die Rohdaten stellte es Interessenten als „public use file“ zur Verfügung, gegen eine Schutzgebühr von 90 Euro. (9) So viel war Angelika Müller die Sache wert. Akribisch nahm die Informatikerin, vierfache Mutter und Leiterin der Interessengemeinschaft „Eltern für Impfaufklärung“, das RKI-Material – rund 1500 Datenwerte pro Teilnehmer – unter die Lupe. Dabei stieß sie auf „grob fehlerhafte Auswertungen“, manipulierte Zahlen, verschwiegene Zusammenhänge. Was aus den RKI-Rohdaten in Wahrheit hervorgeht, übertraf ihre schlimmsten Befürchtungen. Geimpfte Kinder leiden fast doppelt so häufig an Neurodermitis und Heuschnupfen, fünf Mal häufiger plagt sie eine Nickelallergie. (Siehe unten, Abb. 1.) ADHS wird ihnen öfter diagnostiziert. Sie sind anfälliger für Infekte, benötigen öfter eine Brille sowie Sprachtherapie bei einem Logopäden (Abb. 2, 3). Mittelohr- und Lungenentzündungen treten bei ihnen häufiger auf. (Abb. 4) Bei keinem einzigen ungeimpften Kind, aber bei 5,3 % der geimpften ist die Wirbelsäule verdreht oder verkrümmt (s. Abb. 4). Was könnten Impfungen mit einer Skoliose zu tun haben? Zu den möglichen Mitursachen, die in fast allen Beipackzetteln von Impfstoffen als Nebenwirkung erwähnt wird, zählen Nervenerkrankungen, sogenannte Neuropathien. Durch andauernd falsch gesteuerte Anspannungen der Muskeln nahe des Rückgrats könnte sich im Laufe der Zeit eine Fehlstellung der Wirbel ergeben. Verblüffenderweise sind geimpfte Kinder erheblich anfälliger für Windpocken und Scharlach – also ausgerechnet für jene Infektionskrankheiten, vor denen sie ein „Piks“ schützen sollte (Abb. 5). Masern, Mumps und Röteln treten bei Geimpften zwar etwas seltener auf (Abb. 6) – aber dürften sie überhaupt vorkommen? Von hundert MMR-Geimpften erkranken trotzdem 10 an Masern, vier an Mumps, acht an Röteln. Entsprechend eindeutig fällt Angelika Müllers Fazit aus: „Ungeimpfte Kinder sind in jeder Hinsicht gesünder als geimpfte.“ (10) Wie dreist Wissenschaftler und Behörden tricksen, um genehme Statistiken zu liefern, führte das Robert-Koch-Institut bald darauf, zwischen 2005 und 2008, ein weiteres Mal vor: mit der  TOKEN-Studie zur Sicherheit von Babyimpfungen. Ihr vollmundiger Anspruch: Lückenlos sollte sie sämtliche ungeklärten Fälle von „Plötzlichem Kindstod“ (SIDS) zwischen zwei und 24 Monaten erfassen, die zwischen Sommer 2005 und Sommer auftraten – und prüfen, ob diese Tode mit vorausgegangenen Impfungen zusammenhängen. Schon die Finanzierung der Studie machte stutzig: Für einen Sponsorbetrag von 2,5 Millionen Euro erkauften sich die Hersteller zweier zu testender Impfstoffe, Sanofi Pasteur und GlaxoSmithKline, das Recht, „unverzüglich über relevante Ergebnisse oder Bewertungen unterrichtet zu werden“ – und „Gelegenheit zur wissenschaftlichen Stellungnahme zu den zur Publikation vorgesehenen Texten zu erhalten“, ehe diese veröffentlicht werden. In die Auswertung einbezogen wurden nur 254 Fälle, in denen betroffene Eltern bereit waren, einen umfangreichen Fragebogen auszufüllen. Von 667 Müttern und Vätern, deren Kind im Untersuchungszeitraum verstarb, verweigerten aber zwei Drittel ihre Teilnahme, trotz mehrfacher Kontaktnahme. Warum wohl? Wer ist nach einem derart schmerzlichen Verlust noch erpicht darauf, die Neugier von Datensammlern zu befriedigen? Zu schlechter letzt gelang der TOKEN-Studie das Kunststück, gleichzeitig zwei diametral entgegengesetzte Erkenntnisse zu liefern: die offizielle sowie eine, die erst bei Analyse der Basisdaten zum Vorschein kam – das RKI versteckte sie in der 160-seitigen Langfassung des Studienberichts, den sie nur auf Englisch zur Verfügung stellte. Die deutsche Kurzversion gab erwartungsgemäß Entwarnung: Die Impfstoffe seien ungefährlich – schuld an den Todesfällen scheinen demnach vielmehr unaufmerksame, sorglose Eltern. Dabei rückte das RKI nichtsignifikante, aber genehme Details in den Vordergrund seiner Berichterstattung; und statt SIDS-Fälle einfach auszuzählen, „gewichtete“ es sie, bis sich politisch korrekte Schlussfolgerungen ergaben. Bei genauerem Hinsehen belegen die RKI-Daten in Wahrheit: - In den ersten 14 Tagen nach einer Impfung ist ein SIDS-Fall drei Mal wahrscheinlicher als in den darauffolgenden Wochen. - Drei Tage nach einer Sechsfachimpfung ist das Sterberisiko um das 2- bis 3-Face erhöht, nach einer Fünffachimpfung sogar um das 8,1-Fache. - Während des zweiten Lebensjahrs steigt die Wahrscheinlichkeit, binnen 72 Stunden nach einer Impfung zu sterben, um beinahe das 14-Fache. „Fakt“ ist es laut RKI, dass „Impfungen besonders bei Säuglingen und Kleinkindern wichtig sind“, weshalb sie „zum frühestmöglichen Zeitpunkt“ stattfinden sollen. Zumindest die Aktionäre von Vakzinherstellern dürften da ohne weiteres zustimmen. Wie machen Impfstoffe krank? Wie wirken Vakzine? Das Prinzip scheint einfach und logisch. Bei der „aktiven Impfung“ erhält der Körper abgeschwächte, noch vermehrungsfähige Erreger (“Lebendimpfstoffe”), abgetötete Erreger oder lediglich Bruchstücke davon (“Totimpfstoffe”). Beide Vorgehensweisen soll ihn anregen, Antikörper dagegen zu bilden. Bei der “passiven Impfung” wird ein Serum injiziert, das solche Antikörper bereits in hoher Konzentration enthält. Auf diese Weise, so heißt es, trainieren Impfungen das Immunsystem für den Ernstfall: eine Infektion mit gefährlichen Bakterien oder Viren. Falls es dazu kommt, kann es sie abwehren, weil es über die dafür nötigen Antikörper schon verfügt. Eltern lassen ihr Kind “piksen”, weil ihnen diese Erklärung einleuchtet. Aber sie kennen bloß die halbe Wahrheit. Zum einen bergen Impfstoffe die Gefahr, eben jene Erkrankung heraufzubeschwören, vor der sie schützen sollen. (Dies geschieht regelmäßig z.B. bei Polio-Impfkampagnen.) Zum anderen geraten mit Vakzinen noch viele weitere Inhaltsstoffe in den Körper – ins Blut, ins Gehirn, in alle übrigen Organe. Über sie pflegen Ärzte im Aufklärungsgespräch hinwegzugehen. Allenfalls im Beipackzettel tauchen die fragwürdien Substanzen auf. Sie stehen im dringenden Verdacht, für einen Großteil der Impfschäden verantwortlich zu sein, die Hersteller und Behörden unter den Teppich kehren. Was tatsächlich in den Spritzen steckt, ließ die “Arbeitsgemeinschaft Bürgerrecht und Gesundheit” (AGBUG) zwischen 2017 und 2019 von unabhängigen Laboren untersuchen. 83 Vakzine, ein Großteil immer noch im Handel, kamen dabei unter die Lupe. Die Befunde sind haarsträubend: Fast alle Impfstoffe enthalten in Spuren Aluminium und Quecksilber. Hinzu kommen artfremde Eiweiße, Hormone und Stoffwechselprodukte aus Herstellungsprozessen, bei denen nichtmenschliche Zellkulturen, Hühnereier oder Versuchstiere infiziert werden. Auch Antibiotika, Pestizide und nichtdeklarierte Nanopartikel fanden sich schon darin. Häufig erweisen sie sich als verunreinigt mit Viren aus jenen Zellkulturen, auf denen sie gezüchtet worden sind: von Varianten des Schweinevirus über SV-40  - aus Nierenzellen von Rhesusaffen – bis zu Viren aus Hühnerzellen, die bei Vögeln Leukämie auslösen können. Wie harmlos sind diese Ingredienzien auf längere Sicht? Sicherheitskontrollen stehen aus, es fehlen Vorschriften hierfür. Von besorgten Eltern abgesehen, scheint niemand interessiert, näher hinzuschauen. Im Verdacht, krank zu machen, stehen unter anderem sogenannte “Wirkverstärker” (Adjuvantien, von lat. adiuvare: unterstützen”): künstliche Substanzen, ohne die eine Abwehrreaktion zu schwach ausfiele, um anhaltende Immunität aufzubauen. Weiterhin am häufigsten als Adjuvans dient hochgiftiges Aluminium. Es macht die Blut-Hirn-Schranke durchlässiger, verursacht vielfältige neurologische Erkrankungen, chronische Entzündungen und Autoimmunerkrankungen; es kann zur sogenannten Makrophagischen Myofasziitis (MMF) führen, einer besonders heimtückischen Muskelerkrankung. Neuere Adjuvantien wie “AS04” oder  “MF59” enthalten Squalen und Polysorbat 80. Im Laborversuch erzeugen sie MS-Symptome, fördern Tumore, lassen die schützenden Myelinhüllen um Nervenzellen ebenso degenerieren wie die Schleimhäute des Darms. Nicht anders als Aluminium lösen sie Autoimmunerkrankungen wie Arthritis und Lupus erythematodes aus.Sie lassen Sexualorgane beschleunigt reifen, gleichzeitig beeinträchtigen sie deren Funktion. (11) Auch Konservierungsmittel in Impfstoffen sind höchst bedenklich. Als Ersatz für das früher übliche Quecksilber kommt neuerdings Phenoxyethanol zum Einsatz: eine Chemikalie, mit der Fische eingeschläfert, Körper- und Schönheitspflegemittel länger haltbar gemacht werden. Wie aus Datenbanken von Kosmetikherstellern ersichtlich, kann Phenoxyethanol Allergien, Hautausschläge, neurologische Erkrankungen, Immundefizite und Organschäden auslösen. In Tierversuchen führt es zu Gendefekten und Krebs. Laut Sicherheitsdatenblatt darf es weder in den Hausmüll noch ins Grundwasser geraten. In so “minimalen” Mengen wie in Vakzinen, bei denen geltende Grenzwerte weit unterschritten werden, seien die erwähnten Zusatzstoffe völlig “unbedenklich”, so wiegeln Gesundheitsbehörden ab. Um nachvollziehen, wie dreist man uns etwa über die Gefährlichkeit von verimpftem Aluminium täuscht, genügt ein Taschenrechner.  Laut EFSA, der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit, liegt die tolerierbare wöchentliche Aufnahmemenge (TWI) von Aluminium bei einem Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht. (12) Nahrungsmittel nehmen wir aber oral auf, darin enthaltenes Aluminium resorbiert unser Körper nur zu 0,1 % - hingegen zu 100 %, wenn wir es in einen Muskel oder direkt ins Blut gespritzt bekommen. Demnach müsste der Grenzwert eher 0,001 mg betragen. Der Aluminiumgehalt der in Europa zugelassenen Vakzine liegt zwischen 0,125 und 0,82 mg pro „Piks“. Bei einer Injektion von 0,8 mg nimmt ein fünf Kilo schwerer Säugling also rund das 160-fache (0,8 : 0,005) der zulässigen wöchentlichen Höchstdosis auf. Aufs ganze Jahr hochgerechnet – 1 mg mal 52 Wochen mal 7 kg (durchschnittliches Körpergewicht) -, wird der Grenzwert schon mit einer einzigen Sechsfach-Impfung um mehr als das Doppelte überschritten. Kein Grund zur Sorge? Warum wohl gilt “ASIA”, das “autoimmune/inflammatory syndrome induced by adjuvants”, in der Medizin inzwischen als eigenständiges Krankheitsbild? Je früher, je mehr – desto schlimmer Noch im Jahr 1970 empfahl das Robert-Koch-Institut für die ersten zwölf Monate eine einzige Impfdosis, bis zum sechsten Lebensjahr weitere fünf. Dreieinhalb Jahrzehnte später, im Jahr 2006, waren daraus 30 vor dem ersten Geburtstag geworden, weitere zehn in den fünf darauffolgenden Jahren. Und heute? Gegen 17 verschiedene Infektionskrankheiten soll ein Kind in Deutschland  inzwischen geimpft werden, „zum frühestmöglichen Zeitpunkt“. Hinzu kommen, „Auffrischungen“ eingerechnet, bis zur Volljährigkeit sage und schreibe 53 Impfdosen  – davon 37 im ersten Lebensjahr. Noch impfwütiger geht es in den Vereinigten Staaten zu. Dem Impfkalender der Seuchenschutzbehörde CDC zufolge (13) sollen Kinder mindestens 73 Impfungen gegen 17 verschiedene Krankheiten erhalten; allein bis zu ihrem ersten Geburtstag sind ihnen 28 Injektionen zu verabreichen. Bereits mit zwei Monaten blühen einem Säuling bis zu sechs Impfungen gegen acht Krankheiten. Noch 1962 hatte der Impfkalender für die gesamte Kindheit bloß fünf Impfdosen vorgesehen: gegen Polio, Pocken, Diphtherie, Tetanus und Keuchhusten. (14) Über hundert weitere Vakzine hat die Pharmaindustrie allein in Europa momentan in der Pipeline (15) – von dieser Art „präventiver Medizin“ träumt sie. Was derartiger Gesundheits“schutz“ anrichtet, führen zahlreiche Studien jedem, der sehen will, überdeutlich vor Augen: Je früher, je öfter Kinder „gepikst“ werden, desto größer ist ihr Risiko für gesundheitliche Einschränkungen, schwere chronische Erkrankungen und vorzeitigen Tod. (16) Diese Tendenz zeigt sich seit langem in allen Industrieländern. Warum liegt der Impfweltmeister USA bei der Kindersterblichkeit weit abgeschlagen auf Platz 55, noch hinter den Malediven, Russland und Kuba? (Deutschland belegt Rang 25.) Spitzenreiter, mit der niedrigsten Quote, ist ausgerechnet Montenegro: Dort sterben pro Jahr unter 1000 Neugeborenen im statistischen Mittel 1,46, in den USA sind es 6,3. (In Deutschland 3,6.) In Montenegro glaubt nicht einmal jeder zweite Einwohner, Vakzine seien wirksam und sicher – in  den Vereinigten Staaten tun es hingegen drei Viertel. Obwohl die USA bei weitem das meiste Geld für Kindergesundheit ausgeben, ist die Wahrscheinlichkeit für ein Baby, in seinem ersten Lebensjahr dem “Plötzlichen Kindstod” (SIDS) zum Opfer zu fallen, dort um 76 % höher als in 19 anderen wohlhabenden Ländern. (17) Ausgerechnet im März und April 2020, als wegen Corona-“Lockdowns” kein Baby in Arztpraxen zum “Piksen” vorstellig wurde, fiel die SIDS-Rate in den Vereinigten Staaten um rund 35 %. Was geschieht mit solchen Informationen? Facebook blockiert sie. Twitter löscht sie. Google versteckt sie. YouTube verbannt sie. Medien schweigen darüber – oder brandmarken sie als Verschwörungstheorie. Talkshows plappern über sie hinweg, Nachrichtensendungen klammern sie aus. Das nährt den Verdacht, dass sie stimmen. Warum schweigen Ärzte? Warum klären impfende Ärzte ihre Patienten nicht darüber auf? Weil sie selber aufklärungsbedürftig sind. Weshalb? Weil sie während ihres Studiums, in Vorlesungen von Professoren auf Honorarlisten von Pharmakonzernen, ebensowenig von Risiken und Gefahren des Impfens erfahren wie aus Lehrbüchern, die pharmafinanzierte Autoren verfasst haben; weder in pharmagesponserten Fortbildungsveranstaltungen und Kongressen noch aus pharmafinanzierten Fachzeitschriften, Online-Infoportalen und Verlautbarungen von Standesorganisationen. (18) Falls ein Arzt Sie wieder einmal bedrängt, Ihr Kind schleunigst impfen zu lassen: Empfehlen Sie ihm die folgenden beiden Bücher – und versprechen Sie ihm, dem „Piks“ zuzustimmen, sobald er die darin vorgestellten rund 500 Studien zur Kenntnis genommen und überzeugend widerlegt hat: Robert F. Kennedy Jr./Brian Hooker: Geimpft versus ungeimpft – Jetzt spricht die Wissenschaft! (2023) Neil Z. Miller: Der Große Impfreport – 400 kritische Studien für Eltern und Forscher (2021) Eigentlich müsste jeder Arzt sie bereits kennen, ehe er sich über das Grundrecht seiner Patienten auf körperliche Unversehrtheit hinwegsetzt. Wie kann er Ihre „informierte Zustimmung“ einholen, solange es ihm selber an entscheidenden Informationen mangelt, die er ihnen zu bedenken geben müsste? Scheuen Sie sich nicht, respektlos seine Kompetenz zu testen – schließlich steht nichts Geringeres auf dem Spiel als die Zukunft Ihres Kinds. Wer hinterfragt, erscheint ahnungslos. Wer darauf verzichtet, bleibt es. Lassen Sie ihn die „Ärztliche Impferklärung“ unterzeichnen, die das schweizerische „Netzwerk Impfentscheid“ entworfen hat – ein Arzt, der sich seiner Verantwortung bewusst ist, dürfte nicht zögern. Schaden von der Bevölkerung abzuwenden, ist im übrigen nicht bloß Ärztesache. Der Bundespräsident, der Kanzler und jedes Regierungsmitglied leistet seinen Amtseid darauf, insbesondere der Gesundheitsminister. Wo bleiben staatliche Forschungsinitiativen, um endlich Klarheit zu schaffen? Weshalb sperren sich Gesundheitsbehörden dagegen, allen voran das Robert-Koch-Institut? Faule Ausreden Aufwändige Nachforschungen anzustellen, sei überflüssig, so macht man uns weis – denn die Wahrscheinlichkeit schwerer Nebenwirkungen liege ja bekanntlich bei gerade mal „eins zu einer Million“. Um uns diese Beruhigungspille zu verabreichen, setzen Behörden die Gesamtheit der Geimpften ins Verhältnis zu jenem Personenkreis, dessen Impfschäden staatliche Anerkennung gefunden und zu Entschädigungszahlungen geführt haben. Das ist tatsächlich eine verschwindende Minderheit – was niemanden verwundert, der weiß, welch schikanösen, zeitaufwändigen, nervenaufreibenden Hürdenlauf Impfopfer bewältigen müssen, um zu ihrem Recht zu kommen. Seriöse Studien schätzen die Rate unerwünschter Nebenwirkungen eher auf 1 zu 38 (19), ja auf 1 zu 10. (20) Um Risiken abzuschätzen, fänden die hochwertigsten aller wissenschaftlichen Untersuchungen statt, so versichert man uns: randomisierte kontrollierte Studien (RCT). Dabei werden Versuchspersonen nach dem Zufallsprinzip in zwei Gruppen eingeteilt: Die eine erhält das Medikament („Verumgruppe“), die andere bloß ein Placebo („Kontrollgruppe“). Um Erwartungseffekte auszuschließen, werden alle Teilnehmer „verblindet“: Sie bleiben im Ungewissen darüber, welcher Gruppe sie angehören. Damit der Vergleich aussagekräftig ist, schreibt das RCT-Design vor, dass ein Placebo „inert“ sein muss, also ohne pharmakologische Wirkung, beispielsweise neutrale Kochsalzlösung. Bei den meisten Impfstoffstudien kommen in den Kontrollgruppen aber skandalöserweise gar keine echten Placebos zum Einsatz, sondern andere Vakzine. Oder das Placebo enthält die gleichen Inhaltsstoffe, außer den jeweiligen Antigenen, d.h. ohne die Viren oder Bakterienbestandteile, gegen die Antikörper gebildet werden sollen: von Aluminium über Formaldehyd bis Polysorbat 80. So war es bei Gardasil, einem Impfstoff gegen das humane Papillomavirus, das vermeintlich Gebärmutterhalskrebs auslöst: Es durfte gegen AAHS antreten, einen hochtoxischen Wirkverstärker („Adjuvans“). (Adjuvantien sind Substanzen, die Impfstoffen zugesetzt werden, um eine „robustere Immunantwort“ hervorzurufen, als das Antigen allein zustande brächte.). Zur „Kontrolle“ eines Grippeimpfstoffs bei Schwangeren kam ein Meningokokken-Vakzin zum Einsatz. (21) Ein solch hanebüchener Griff in die Trickkiste, im Grunde ein plumper Betrug, führt regelmäßig dazu, dass das Schadensprofil der getesteten Substanz vergleichsweise harmlos erscheint, weil auch die Placebogruppe vergiftet wird  – zur nachvollziehbaren Freude der Hersteller, die derartige Pseudostudien zumeist finanzieren. Im übrigen stehen andere Analysemethoden zur Verfügung, die nicht minder zuverlässige Ergebnisse liefern: seien es prospektive, auf künftige Gesundheitsfolgen ausgerichtete, oder retrospektive, die schon vorliegende medizinische Daten auswerten. (22) Mit solchen Verfahren arbeiten Gesundheitsbehörden routinemäßig. Nur wenn es ums Impfen geht, ergreifen sie schlagartig Berührungsängste. Oft heißt es, Vergleichsstudien mit Geimpften und Ungeimpften seien „unethisch“. Denn zur Placebokontrolle müsste man einem Teil der Versuchspersonen ein Medikament vorenthalten, das „womöglich eine schwere, nicht behandelbare oder tödliche Infektion verhindern kann“, wie es auf der Website einer Kinderklinik heißt. (23) Dies könne man keinesfalls verantworten. Doch genauso argumentieren lässt sich doch bei allen Arzneimitteltests: Wie kann man es unterlassen, Patienten der Kontrollgruppe ein neues Herz- oder Krebsmittel zu geben, das möglicherweise ihr Leben rettet? Dass Impfbefürworter nur bei Vakzinstudien plötzlich ganz arg moralische Bedenken plagen, deutet auf eine Agenda hin, die herzlich wenig mit Wissenschaft und Logik zu tun hat. Absurd ist das Ethik-Argument auch deshalb, weil man vor Beginn einer RCT-Studie ja noch gar nicht weiß, wie ein Impfstoff wirkt. Bedeutet er für die Verumgruppe eher Segen als Fluch? Wäre es für die Kontrollgruppe daher eher nützlich als schädlich, ihn ebenfalls verabreicht zu bekommen? Eben dies gilt es ja erst herauszufinden. Geimpfte und ungeimpfte Kinder seien allein schon deshalb nicht miteinander vergleichbar, weil sie in unterschiedlichen sozialen Milieus großwerden, die ihre gesundheitliche Entwicklung maßgeblich mitbeeinflussen. Wenn Ungeimpfte seltener krank sind, verdanken sie das womöglich weniger der Impfskepsis ihrer Eltern als vielmehr deren Erziehungsverhalten. Womöglich machen sie sich mehr Sorgen um ihren Nachwuchs, nehmen Symptome ernster, betreuen sie im Krankheitsfall aufmerksamer, bringen sie notfalls rascher zum Arzt, achten auf bessere Ernährung und mehr Bewegung. An Kuriosität ist dieses Argument kaum zu überbieten. Legt es nicht vielmehr die Empfehlung nahe?: „Liebe Mamas und Papas, wenn ihr gesunde Kinder wollt – nehmt euch impfkritische Eltern zum Vorbild!“ Ausgerechnet von Anthony Fauci, Amerikas Impfpapst und jahrzehntelanger Big-Pharma-Darling, stammt die eindringliche Warnung: Falls Zulassungsbehörden es versäumen, längerfristige Auswirkungen von Impfungen zu kontrollieren, „dann könnte sich herausstellen, dass es zwölf Jahre dauert, bis die Hölle richtig losbricht – und was hat man dann angerichtet?“ (24) Recht hat er. „Die Hölle“ ist aber längst da. „Seit 225 Jahren wiederholt sich immer wieder dieselbe Geschichte“, wie die amerikanische Internistin Dr. Suzanne Humphries feststellt (25): „Impfstoffe kommen auf den Markt und verschlimmern Krankheiten, die früher eigentlich nicht sehr problematisch waren. (…) Die Erzählung von der ‚sicheren und wirksamen‘ Impfung ist eine sorgfältig fabrizierte Illusion. (…) Es ist eine dunkle Nacht der Seele, wenn du aufwachst. Deine ganze Welt gerät aus den Fugen, weil du erkennst, dass das gesamte medizinische System korrupt ist.“ Der US-Ganzheitsmediziner Joseph Mercola pflichtet ihr bei: „Die Impfstoffindustrie täuscht uns absichtlich über die Risiken und Vorteile von Impfstoffen, um Profit zu machen, ohne Rücksicht auf menschliches Leid und die Zerstörung der öffentlichen Gesundheit im Laufe der Zeit.“ (26) „Manchmal fragen mich die Leute: 'Was ist der Antrieb? Warum tun sie das?'“, so Humphries. „Meine Antwort ist, dass ich das Warum nicht vollständig beantworten kann. Sicherlich spielt Gier eine Rolle, aber ich denke, es sind wahrscheinlich noch viel schlimmere Dinge im Spiel.“ (27) Von der Pharmalobby gesponsert (28), sieht die Weltgesundheitsorganisation in Impfgegnern wie Humphries und Mercola eine „globale Bedrohung“. Sie zählt Impfzurückhaltung zu den „zehn schwerwiegendsten Gefahren für die Gesundheit der Menschheit“. Im Ernst? Der Forschungsstand legt vielmehr die Vermutung nahe: Weitaus gefährlicher wäre es, Impfzurückhaltung aufzugeben. Zumeist überwinden Infektionen nicht das Immunsystem, sondern stärken es. Am ehesten fürchten muss sie, wer es hartnäckig vernachlässigt. Spätestens seit der Coronakrise wissen wir: Angst gefährdet die Gesundheit, Wissen stärkt die Abwehrkräfte. (Harald Wiesendanger) Anmerkungen 1        Zur Sechsfach-Impfung -  gegen Diphtherie, Tetanus, Pertussis, Poliomyelitis, Haemophilus influenzae Typ b und Hepatitis B - kommen neuerdings Impfungen gegen Rotaviren, Meningokokken und Pneumokokken. 2        https://www.unicef.de/informieren/aktuelles/blog/-/elf-dinge-ueber-impfungen-zur-weltimpfwoche/275230; https://www.ardalpha.de/wissen/gesundheit/gesund-leben/die-erfolgsgeschichte-des-impfens-impfung-100.html 3        Anthony R. Mawson u.a.: „Pilot Comparative Study on the Health of Vaccinated and Unvaccinated 6- to 12-year-old U.S. Children“, Journal of Translational Science 3 (3) 2017, S. 1-12, DOI: 10.15761/JTS.1000186, 4        Anthony R. Mawson u.a.: „Preterm Birth, Vaccination and Neurodevelopmental Disorders: A Cross-Sectional Study of 6- to 12-Year-Old Vaccinated and Unvaccinated Children“, Journal of Translational Science 3 (3) 2017, S. 1-8, DOI:10.15761/JTS.1000187 5        Brian Hooker/Neil Z. Miller: „Analysis of Health Outcomes in Vaccinated and Unvaccinated Children: Developental Delays, Asthma, Ear Infections and Gastrointestinal Disorders“, SAGE Open Medicine 8/2020, DOI:10.1177/2050312120925344 6        Brian Hooker/Neil Z. Miller: „Health Effects in Vaccinated versus Unvaccinated Children“, Journal of Translational Science 7/2021, S. 1-11, DOI:10.15761/JTS.1000459 7        James Lyons-Weiler/Paul Thomas: “Relative Incidence of Office Visits and Cumulative Rates of Billed Diagnoses along the Axis of Vaccination”, International Journal of Environmental Reseach and Public Health 17 (22) 2020, 8674, DOI:10.3390/ijerph17228674, 8        Joy Garner: „The Control Group: Pilot Survey of Unvaccinated Americans. Statistical Evaluation of Health Outcomes in the Unvaccinated: Full Report“, 9. Februar 2021 9        Public-Use-File KiGGS, Kinder- und Jugendgesundheitssurvey 2003-2006, Robert-Koch-Institut, Berlin 2008 10    https://efi-online.de/wp-content/uploads/2014/01/UngeimpfteGesuender.pdf, S. 6. 11    Siehe zusammenfassend Harald Wiesendanger: Das Gesundheitsunwesen, a.a.O, S. 334 ff. und die dort zitierten Quellen. 12    Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA), EFSA-Beratung zur Sicherheit von Aluminium in Lebensmitteln, 15. Juli 2008, abrufbar unter https://www.efsa.europa.eu/de/news/efsa-advises-safety-aluminium-food. 13    Centers for Disease Control and Prevention: „Birth-18 Years Immunization Schedule“ 14    Siehe Robert F. Kennedy Jr./Brian Hooker: Geimpft versus ungeimpft – Jetzt spricht die Wissenschaft! (2023), S. 20, 15    https://web.oevih.at/unser_fokus/forschungsausblick-impfstoff-pipeline/; https://pharma-fakten.de/grafiken/rsv-grippe-covid-19-und-co-neue-loesungen-dank-impfstoffforschung-in-sicht/ 16    Siehe Robert F. Kennedy Jr./Brian Hooker: Geimpft versus ungeimpft – Jetzt spricht die Wissenschaft! (2023), S. 34-61 17    https://www.klartext-online.info/post/damit-sein-tod-nicht-sinnlos-war; https://www.klartext-online.info/post/blo%C3%9F-ein-piks-zwei-tage-sp%C3%A4ter-tot 18    Siehe Harald Wiesendanger: Das Gesundheitsunwesen - Wie wir es durchschauen, überleben und verwandeln (2019) sowie die zehnteilige Serie „Dressierte Halbgötter“ in seinem Blog „Klartext“ 19    Ross Lazarus u.a.: „Electronic Support for Public Health-Vaccine Adverse Event Reporting System (ESP: VAERS), The Agency for Healthcare Research and Quality (AHRQ), Mech2011 20    Kennedy/Hooker: Geimpft versus ungeimpft, a.a.O., S. 6. 21    https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4985566/, DOI.10.1016/S1473-3099(16)30054-8 22    DOI:10.1002/14651858. MR000034.pub2, https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC8191367/ 23    The College of Physicians of Philadelphia: „Vaccines 101: Ethical Issues and Vaccines“ 24    Nova, PBS, „Surviving AIDS“, 2. Februar 1999. 25    Suzanne Humphries/Roman Bystrianyk: Die Impf-Illusion. Infektionskrankheiten, Impfungen und die unterdrückten Fakten (2015) 26    Joseph Mercola in mercola.com, 25. Februar 2024 27    Elizabeth Humphries im Interview mit Joseph Mercola: „Dissolving Illusions About Vaccine Safety“ 28    Wolfgang Wodarg: Falsche Pandemien, 2. Aufl. 2021, S. 314 ff.

  • Hat Alternativmedizin Zukunft?

    Je wirkungsvoller Alternativmedizin hilft, je mehr Zulauf sie findet, desto eher ist ihr Fortbestand bedroht. Denn ihr Erfolg gefährdet Profite eines übermächtigen Gegenspielers, der sie vernichten kann. Ihre bescheidene Zukunft liegt in der gesundheitsökonomischen Nische, zu der Mundpropaganda führt – unter dem Radar von Big Business. Positivdenkern droht ein böses Erwachen. Hat Alternativmedizin Zukunft? „Selbstverständlich! Blöde Frage!“, empören sich Anwender – erleben sie in ihren Praxen nicht Tag für Tag, wie viel Natur- und Erfahrungsheilkunde, ganzheitliches, energetisches, spirituelles Heilen erreichen kann? „Ja, blöde Frage!“, stimmen dankbare Patienten zu. Denn erst dort fanden sie, worauf sie vergeblich hofften, solange sie ausschließlich konventionellen Ärzten vertrauten. Dürfen sie sich durch Umfrageergebnisse nicht bestätigt fühlen? Demnach findet Alternativmedizin in der Bevölkerung wachsenden Zuspruch. Inwischen bezeichnet sich eine deutliche Mehrheit als aufgeschlossen für unkonventionelle Heilverfahren, hat sich schon auf mindestens eines eingelassen und wünscht sich, dass sie ins öffentliche Gesundheitswesen einbezogen werden. Bereits 2002 hatte der Gesundheitsmonitor ergeben, dass weniger als ein Drittel der Bevölkerung noch gar nicht mit alternativer Medizin in Berührung gekommen war; schon damals erklärten 37 %, einem guten Freund mit anhaltenden Gesundheitsbeschwerden würden sie alternative Heilverfahren “ganz sicher” oder “wahrscheinlich” weiterempfehlen. (1) Im Jahr 2010 erhob das Institut für Demoskopie Allensbach: 70 % der erwachsenen Bevölkerung in Deutschland haben schon einmal Naturheilmittel benutzt - 1970 waren es erst 52 % gewesen. Lediglich 8 % halten Naturheilmittel generell für unwirksam. Als das Meinungsforschungsinstitut Kantar im Frühjahr 2018 eine repräsentative Stichprobe von 1050 Deutschen zwischen 16 und 64 Jahren befragte, ergab sich: 75 % der Befragten befürworten das Miteinander aus Schulmedizin und „ergänzenden Therapien wie Naturmedizin und Homöopathie“. Immerhin 65 % aller Bundesbürger würden sich notfalls sogar auf Geistiges Heilen einlassen, die wohl umstrittenste, am übelsten beleumundete alternative Heilweise. (2) Selbst künstliche Intelligenz verbreitet Zuversicht. Als ich mit der Überschrift dieses Artikels kürzlich die gefeierte KI „ChatGPT“ fütterte, legte diese sich sekundenschnell fest: „Alternativmedizin hat definitiv eine Zukunft, bleibt ein wichtiger Bestandteil des Gesundheitswesens“ und werde „weiterhin an Bedeutung gewinnen“. Wieso? Weil „viele Menschen nach ganzheitlichen Ansätzen zur Behandlung von Krankheiten oder zur Verbesserung ihres allgemeinen Wohlbefindens suchen“. (3) Ärzteschaft steuert um – so scheint es. Seit Jahrtausenden bilden Ärzte die Eliteeinheit des öffentlichen Gesundheitsschutzes. Hat nicht gerade in ihren Reihen ein bemerkenswerter Gesinnungswandel stattgefunden? Strenge "Schulmediziner" befinden sich in Wahrheit innerhalb der deutschen Ärzteschaft bereits in der Minderheit. (4) 95 Prozent aller niedergelassenen Allgemeinärzte wenden bereits sogenannte "alternative" Verfahren an: im Durchschnitt vier. Das Spektrum reicht von Homöopathie über Neuraltherapie und Akupunktur bis zu anthroposophischen Heilmethoden. Drei von vier Ärzten arbeiten mit solchen Verfahren bereits seit mindestens zwei Jahren, knapp die Hälfte sogar schon seit über fünf Jahren. Nur 41 Prozent bezeichnen sich selbst noch als reine "Schulmediziner". 48 Prozent sehen sich eher als "Schulmediziner mit alternativer Tendenz", acht Prozent sogar als ausgesprochene "alternative Mediziner". Mehr als die Hälfte erachtet Kritik an der Schulmedizin für notwendig, weitere 43 Prozent halten sie zumindest im Einzelfall für angebracht. Drei von vier Ärzten bemängeln, ihre Ausbildung sei einseitig naturwissenschaftlich ausgerichtet gewesen. 83 Prozent meinen, bei der Fortbildung durch die Ärztekammern kämen alternative Behandlungsmethoden zu kurz. (5) In den benachbarten Niederlanden überweisen neun von zehn Allgemeinärzten ihre Patienten an Alternativtherapeuten (6); ebenso verfahren immerhin schon 59 Prozent ihrer britischen Kollegen. (7) Diese Umfragewerte stammen vom Ende des vorigen Jahrhunderts. Dürfte Alternativmedizin inzwischen unter Ärzten nicht noch auf ausgeprägtere Sympathie stoßen? Wird ihr Umdenken nicht zwangsläufig hohe Wellen schlagen? Schließlich genießen Ärzte seit eh und je ein überragendes Ansehen – rund 90 Prozent der Bevölkerung haben eine hohe Meinung von ihnen. Allein Feuerwehrleute übertreffen ihr Sozialprestige. Von wegen Kehrtwende. Zunächst gilt es zu berücksichtigen: Die zitierten Umfragen fanden unter niedergelassenen Ärzten statt. Dirigiert wird das öffentliche Gesundheitssystem aber von den Universitäten und angeschlossenen Kliniken aus. Seit eh und je stehen dort die Festungen einer materialistischen, technophilen, pharmalastigen Schulmedizin. Und daran hat sich in den vergangenen Jahrzehnten herzlich wenig geändert, im Gegenteil. Wer dort ausschert, riskiert einen Karriereknick. Lehrstühle für Alternativmedizin, großangelegte „alternative“ Forschungsprojekte haben weiterhin Seltenheitswert. Wer sich dort zum Arzt ausbilden ließ, findet in der Regel völlig normal und alternativlos, wie sein Berufsstand in sogenannten Krankenhäusern mit Hilfesuchenden umgeht. Er neigt dazu hinzunehmen, dass sich die moderne Medizin von der Heilkunst zur Industrie entwickelt hat, die mit immer höherem Technikeinsatz und Materialverbrauch das Produkt "Symptomfreiheit" zu erzeugen versucht - und dabei immer häufiger an ihre Grenzen stößt. Ein modernes Krankenhaus ähnelt heute eher einer Fabrikanlage, die sich von Großbetrieben der Gebrauchsgüterindustrie nur noch im Erzeugnis, nicht aber grundsätzlich in der Arbeitsorganisation unterscheidet. In dieser Produktionsmaschine wird der Arzt zum kleinen, fremdgetriebenen Rädchen mit begrenzter Funktion; häufiger ist er mit der Kontrolle bürokratischer und technischer Abläufe befasst als mit den Menschen, an denen sie sich vollziehen. Flieht er davor in eine eigene Kassenpraxis, so muss er nicht mehr nur seine Sprechstundenhilfen, sondern vor allem seine Maschinen ernähren. Der Zwang, immer teurere Geräte zu amortisieren, wird zum nervenaufreibenden Kostenjoch - und handlungsleitend für Diagnostik und Therapie. Solche Verhältnisse begünstigen einen Typ von Arzt, der die Befindlichkeit seiner Patienten aus der Quersumme von Vitaldaten, Laborwerten und digitalen Indizes abliest - und alles durch das Raster fallen lässt, was sich nicht als messbare, in Zahlen darstellbare Abweichung von der Datennorm festmachen lässt. Nichts verstört einen solchen Arzttypus mehr als der Aspekt eines Leidens, den er nur im Gesicht seines Patienten erkennt, nicht aber auf dem Computermonitor wiederfindet. Auf der Strecke bleibt dabei ausgerechnet jene Tätigkeit, die sich als einzige nicht industrialisieren und an Automaten delegieren lässt: das geduldige, einfühlsame, anteilnehmende Gespräch mit dem Kranken. Mit der Stoppuhr stellte der Hamburger Mediziner Dr. Stephan Ahrens in drei Praxen von Kollegen fest, dass die "vom chronisch kranken Patienten dominierte Gesprächsphase durchschnittlich 0,11 Minuten" betrug - sieben Sekunden. (8) Nur 28 Prozent der Ärzte gehen auf die Anliegen, die ihre Patienten zu schildern versuchen, überhaupt ein - und unterbrechen nach durchschnittlich 23 Sekunden. (9) Kaum ein Kassenarzt genießt solche Arbeitsbedingungen. Die Mehrheit ächzt darunter, sieht jedoch keine andere Wahl, fügt sich – und tröstet sich damit, wie stattlich sie verdient. Unter solchen Umständen kann es mit dem „Praktizieren von Alternativmedizin“ nicht weit her sein. Allzu oft erschöpft es sich daran, hin und wieder natürliche Wirkstoffe gegenüber synthetischen zu bevorzugen: beispielsweise bei innerer Unruhe und Schlafstörungen erst mal Baldrian und Melatonin zu verordnen statt Benzodiazepine, bei fiebrigen Erkältungen Pulsatilla statt Paracetamol, bei Bluthochdruck Kiefernrindenextrakt statt eines ACE-Hemmers. Nein, das ist noch längst keine andere Medizin – bloß eine gelegentliche Präferenz für ein anderes Produktsegment. “Für eine Medizin mit mehr Geist und Seele”: Das plakative Motto meiner Stiftung Auswege trifft sicherlich ein Hauptanliegen der allermeisten Ärzte, einschließlich der niedergelassenen Vertragsärzte und der klinisch tätigen. Ohne Hirn und Herz arbeitet keiner. Die meisten geben wahrlich ihr Bestes – aber sie dienen einem abartigen ökonomischen System, dem es umso besser geht, je schlechter es Hilfesuchenden geht. Um nicht daran zu verzweifeln, abzustumpfen und auszubrennen, flüchten viele davor in die relative Freiheit einer Privatpraxis. Was sie ebenso schmerzlich vermissen wie wir, ist der Geist des Helfens und Heilens – und „Seele“ im Sinne von Mitgefühl und Empathie, Wertschätzung und Fürsorge. Einem Therapeuten, der sich beides bewahrt, geht es nicht bloß um Symptome, sondern in erster Linie um deren Träger. Das Befinden ist ihm wichtiger als der Befund. Er ist nicht nur darauf aus, eine defekte Biomaschine möglichst profitabel zu reparieren – er sieht und achtet im kranken Mitmenschen die ganze Person, als gestörte Einheit von Körper, Geist und Seele, die es wiederherzustellen und zu bewahren gilt. Und dabei macht er die Humanmedizin nicht bloß humaner, sondern auch effektiver. Werden es demnach in erster Linie ganzheitlich orientierte Privatärzte sein, welche die Alternativmedizin in eine rosige Zukunft führen, im Bund mit erfahrenen, erfolgreichen Heilpraktikern, Heilern und anderen unkonventionellen Therapeuten? Umfragen täuschen Wunschdenker Der beachtliche Zuspruch, den Alternativmedizin seit längerem in demoskopischen Erhebungen findet, täuscht darüber hinweg, dass Begegnungen mit Alternativmedizin in der Regel oberflächlich und flüchtig bleiben. Viele Hilfesuchende schlucken Globuli in derselben Geisteshaltung wie eine Tablette; sie lassen sich Akupunkturnadeln stechen, wie sie sich eine Injektion verpassen lassen – ohne tieferes Verständnis, was da geschieht, allerdings in der Erwartung, dass es Symptome umgehend zum Verschwinden bringt. Bleibt die blitzschnelle Linderung aus, wendet sich ein Großteil rasch wieder ab. Auch Monetäres trübt alsbald die Begeisterung. Alternative Heilverfahren sind Teil einer Zwei-Klassen-Medizin: Weil Krankenversicherungen nur ausnahmsweise und bei teuren Zusatztarifen für sie aufkommen, bleibt Patienten zumeist nichts anderes übrig, als sie aus eigener Tasche zu bezahlen. Und das überfordert einen Großteil über kurz oder lang. Denn gerade bei chronischen Leiden ist es kaum je mit ein, zwei Sitzungen getan. Rasch werden Rechnungsbeträge vierstellig. Nur Wohlhabende lässt das kalt. Die ernüchternde Lektion der Corona-Jahre Wer sich trotzdem weiterhin Illusionen über das Wachstumspotenzial der Natur- und Erfahrungsheilkunde macht, hat noch zuwenig aus drei unsäglichen Corona-Jahren gelernt. In der Pandemie lag die Chance, ein neues Kapitel in der Geschichte der Medizin aufzuschlagen: die weltweite Heilung kranker Gesundheitssysteme. Denn sie bot bietet reichlich Gelegenheit, sich darauf zurückzubesinnen, was Gesundheit eigentlich bedeutet, was sie bewahrt und wiederherstellt. Sie hätte der Menschheit vor Augen führen können, wie töricht und teuer, wie unergiebig und gefährlich es sein kann, einseitig auf die industriegesteuerte, pharmalastige Schulmedizin zu setzen. Denn Naturheilkundige wussten immer schon, was uns vor Infektionskrankheiten aller Art schützt – und wie sie hochwirksam zu behandeln sind, falls sie uns erwischen. Dass wir dem vermeintlichen „Killerkeim“ aus Wuhan „schutzlos ausgeliefert“ waren, solange es keine Impfstoffe gab, hätten sie als hirnrissige Phrase enttarnen können – mit dem Hinweis, dass unsereins durchaus weiterhin über ein Immunsystem verfügt, das sich auf längst bekannte Weise stärken lässt, um Abwehrkämpfe gegen Erreger aller Art zu gewinnen. Doch Alternativmediziner kamen erst gar nicht zu Wort. Stattdessen wurden sie zensiert, verhöhnt, denunziert, mundtot gemacht. Zur traurigen Wahrheit der coronoiden Krisenjahre gehört das nüchterne Eingeständnis, welch erschütternd unbedeutende Rolle Politik und Medien einer ganzheitlichen, auf Prävention und ganzheitliches Heilen ausgerichteten Medizin mittlerweile beim Gesundheitsschutz der Bevölkerung zutrauen und gewähren. Sie bleibt im Abseits, ausgesperrt von maßgeblichen Expertenkommissionen und TV-Diskussionsrunden, belächelt als evidenzferner Placebo-Glaube, ja als Gefahr für die Volksgesundheit. Das Wort führten Andere. Ab Frühjahr 2020 rollte über den Erdball eine Propagandawalze, die gnadenlos alles plattmachte, was sich ihr in den Weg stellte. Du empfiehlst allen Ernstes Vitamin D und Zink gegen eine SARS-CoV-2-Infektion? Desinformant! Fake-News-Produzent! Schwurbler! War es vorher anders? Könnte man daran künftig etwas ändern? In der alternativen Gesundheitsszene kursieren rührend naive Vorstellungen darüber. Manche meinen, man müsse halt lernen, wie man einen professionellen Pressetext aufbaut, mit pfiffiger Überschrift und knackigem Lead, mit weniger Fachchinesisch und Satzbandwürmern. Andere sind dafür, sich mal ein teures Inserat zu leisten, eine PR-Büro einzuspannen, Flyer zu verteilen, Plakate aufzuhängen, Infoveranstaltungen durchzuführen, fleißig Leserbriefe zu schreiben, hübsche Newsletter zu versenden, eine ansprechende Website designen zu lassen. In Wahrheit gleicht man dabei jemandem, der einen herannahenden Tsunami aufzuhalten versucht, indem er ihm am Strand mit vollen Backen entgegenpustet. Bei dem Goliath, gegen den der David der Alternativmedizin antritt, handelt es sich um eine der mächtigsten Industrien dieses Planeten, mit Jahresumsätzen weit jenseits der Billionenmarke, traumhaften Gewinnspannen – und schier unbegrenzten finanziellen Möglichkeiten, sich alles gefügig zu machen oder beiseite zu räumen, was die Marktchancen ihrer Produkte beeinflussen könnte: von den Meinungsführern der Ärzteschaft über Fachgesellschaften und Leitlinienkommissionen bis hin zu Fachzeitschriften, Kongressveranstaltern und Medienhäusern, Ministerien und Behörden. Eine Armee von Lobbyisten arbeitet ihr zu, wie auch global agierende Marketingkonzerne, allen voran die berüchtigten „Big Four“: WPP, Omnicon, IPG und Publicis. (10) Längst ist daraus ein weltumspannendes Netz der Korruption entstanden. Nach Einschätzung des dänischen Medizinprofessors Peter Goetzsche sind ihre skrupellosen Strippenzieher „schlimmer als die Mafia“. (11) Um Gewinne zu maximieren, geht sie buchstäblich über Leichen. (12) Dieser Mafia ist eine „komplementäre“ Medizin, oder gar eine „integrative“, selbstverständlich zuwider. Wie könnte sie eine „Ergänzung“ hinnehmen oder gar „einbeziehen“, die ihre Profite gefährdet? Ihr Geschäftsmodell funktioniert umso besser, je mehr Menschen zu Patienten werden, je früher sie es werden, je länger sie es bleiben. Ihr grandioser Gewinnbringer ist der chronisch Langzeitkranke, der aufwändig diagnostiziert und operiert, medikamentös und medizintechnisch versorgt werden kann. Alternativmedizin sabotiert dieses Business: Sie setzt auf Prävention, auf die Stärkung von Selbstheilungskräften, auf das Aufdecken und Beseitigen zugrundeliegender Ursachen, auf nachhaltiges Gesundwerden und Gesundbleiben. Was gäbe es daran am Ende für den medizinisch-industriellen Komplex und seine Investoren noch zu verdienen? So ein ökonomisches Debakel gilt es zu verhindern. Mit allen Mitteln. Eine fatale Schlüsselrolle dabei spielt eine käufliche Institution namens „die“ Wissenschaft. „Definitiv eine Zukunft“ sieht ChatGPT, den szientistischen Zeitgeist widerspiegelnd, für Alternativmedizin nämlich nur, falls sie „auf soliden wissenschaftlichen Erkenntnissen basiert“. Deshalb sei es „wichtig, dass Forschung und Studien durchgeführt werden, um die Wirksamkeit dieser Therapien zu bewerten“. (13) Die Maßstäbe für „Wissenschaft“ zu setzen, beansprucht die Mafia freilich für sich, wie auch die Deutungshoheit darüber, was als verlässliche „Evidenz“ und „Wirksamkeitsnachweis“ gelten darf. Die Heilige Kuh der Medizinforschung ist die randomisierte kontrollierte Studie (RCT), am besten multizentrisch und mit mehreren tausend Probanden. Die horrenden Kosten dafür kann Big Pharma locker aufbringen. Doch kaum ein „Alternativer“ stemmt sie jemals. Ohne üppige Forschungsgelder aber keine Forschung. Und daraus ergibt sich das Totschlagargument, Alternativmedizin mangle es an „Evidenzbasierung“ – so als sei der gesammelte Wissenschatz jahrhundertealter Heiltraditionen, ärztliche Erfahrung, das Befinden von Behandelten, umfangreiche Fallsammlungen von vornherein minderwertige  „Evidenz“. (14) Wenngleich zuletzt: Die Hoffnung stirbt. Auch wenn, einem Lieblingsmotto von Positivdenkern zufolge, „die Hoffnung zuletzt stirbt“, spricht unter solchen Umständen herzlich wenig dafür, dass sie unbeschadet überlebt. Wir steuern auf eine Welt zu, in der jegliche Kritik an der pharmagesteuerten Schulmedizin, jeder Hinweis auf alternative Behandlungsmöglichkeiten als „Fake News“, als „Desinformation“ verfolgt wird. Wer sie vertritt, wird am Veröffentlichen gehindert, diskreditiert, der Lächerlichkeit preisgegeben, ausgegrenzt, existentiell bedroht. Die Kontrollinstrumente hierfür sind weitgehend vorhanden. Teilweise kamen sie bereits während der Pandemie zum Einsatz. Wie selbstverständlich finden sie weiterhin Anwendung – und werden systematisch ausgebaut. Nachrichtenagenturen, große Printmedien, öffentlich-rechtliche Sender: Einst Vierte Gewalt im Staat, agieren sie inzwischen überwiegend wie auf Linie gebracht, zum Fremdschämen für kritische Journalisten, die sich weiterhin ihrer Standesethik verpflichtet fühlen. Und außerhalb, im Internet? Nach wie vor fallen gekaufte „Faktenchecker“ über bekennende Alternativmediziner und ihre Fürsprecher her; Wikipedia und Online-Dreckschleudern wie „Psiram“ ruinieren ihren Ruf; Facebook, YouTube, Instagram machen missliebige Beiträge unsichtbar, verhindern ihre Weiterverbreitung. Aufmüpfige Accounts werden mit einem „Shadow Ban“ belegt, der Posts aus dem Newsfeed ihrer Follower verschwinden lässt und oder überall, wo sie auftauchen, kilometerweit nach unten schiebt, wohin kaum jemand mehr scrollt, der noch ganz bei Trost ist. Google platziert Links zu nichtkonformen Websites so weit hinten, dass sie bei Suchanfragen erst irgendwo zwischen dem hundertsten und tausendsten Treffer auftauchen. In Arbeit sind Upload-Filter, die dafür sorgen, dass „böse“ Inhalte erst gar nicht ins Netz geraten; Schnüffel-KI, die das Web unentwegt nach anrüchigen Stichworten und Wortkombinationen absucht, um Urheber von „irreführenden“ Beiträgen aufzuspüren, jegliche Information zu markieren und zu tilgen, die nicht aus „vertrauenswürdigen“, sprich systemkonformen Quellen stammt; Überwachungssysteme sogar für private E-Mails, Handynachrichten und Chats (15). Führende Politiker fordern „verwirkbare Lizenzen“, die Social-Media-Nutzern zugeteilt, aber auch entzogen werden können, sobald sie „gegen Recht und Gesetz“ verstoßen. Deutschlands Innenministerin will eine zentrale „Beratungsstelle“ schaffen, an die sich Bürger vertrauensvoll wenden können, die bei Familienmitgliedern, Freunden oder Kollegen «eine Radikalisierung aufgrund eines wachsenden Verschwörungsglaubens beobachten beziehungsweise vermuten». (16) EU-weit sorgt der Digital Services Act (DSA) dafür, dass Netzbetreiber jeglichen Content, der als „Desinformation“, „Hassrede“ oder „Hetze“ gilt, unerbittlich entfernen müssen, sonst drohen ihnen drakonische Geldbußen. Um den DSA auch in Deutschland durchzusetzen, entsteht innerhalb der Bundesnetzagentur gerade eine „Koordinierungsstelle“, die ein „benutzerfreundliches Beschwerdemanagement-System“ einrichten wird – mit anderen Worten: eine Anlaufstelle für Denunzianten. Etliche davon bestehen seit längerem, so etwa „Respect“, Jugendschutz.net, die Internet-Beschwerdestelle, der Jugend-Support, das „Kompetenznetzwerk Hass im Netz“ und „HessenGegenHetze“. (17) Auf anonyme Anzeigen hin, die bei solchen Sammelstellen eingehen, finden gelegentlich bereits polizeiliche „Gefährder-Ansprachen“ und Hausdurchsuchungen statt; dazu genügt es, in einem sozialen Medium eine mutmaßliche „Desinformation“ zu posten oder auch nur zu teilen. Wer gegen Regierung und Justiz allzu vernehmlich wettert – beispielsweise weil er in der Gesundheitspolitik der Coronajahre wohlbegründet ein Staatsverbrechen sieht -, kann wegen „Delegitimierung staatlicher Organe“ zum Fall für den Verfassungsschutz werden. Bis zu drei Jahren Gefängnis und Geldstrafen bis zu 45.000 Euro drohen in Frankreich neuerdings Impfgegnern und Verfechtern der Alternativmedizin. Am 14. Februar 2024 verabschiedete die Nationalversammlung den Gesetzesentwurf 2157, der die medizinische Informations- und Meinungsfreiheit faktisch beendet: Er verbietet  jegliche Kritik an „medizinischen Behandlungen“, die „nach dem Stand der Wissenschaft offensichtlich geeignet“ sind, Krankheiten zu behandeln bzw. „schwerwiegende Folgen für die physische oder psychische Gesundheit“ abzuwenden. „Der „Kampf gegen sektiererische Abweichungen“ müsse „verstärkt“ werden („Renforcer la lutte contre les dérives sectaires“). Dieses Pariser Zensurmonster, von Kritikern „Pfizer-Gesetz“ getauft, lässt das Schlimmste befürchten, denn es könnte international Schule machen. Darauf arbeiten die Vereinten Nationen (18), die WHO, das Weltwirtschaftsforum (19), milliardenschwere, sendungsbewusste Menschheitsbeglücker wie Bill Gates (20) zielstrebig hin. Die globale Kontrolle des Informationsflusses, auf die sie aus sind, bedroht jeden, der die Schulmedizin, Nutzen und Sicherheit ihrer Maßnahmen und Medikamente noch zu hinterfragen wagt, auf ihre Risiken und Gefahren hinweist, von ihnen abrät. Wird in Kürze zum „sektiererischen Abweichler“, wer unkonventionelle Heilverfahren lobt? Steht mit einem Bein im Gefängnis, wer sich noch zu warnen traut, dass ein neuer Impfstoff weniger wirksam und gefährlicher sein könnte, als der Gesundheitsminister, der RKI-Präsident und willfährige Experten behaupten? Und falls solches Fehlverhalten mit einem Social-Credit-System nach chinesischem Vorbild verbunden (21) wird – wovon etliche westliche Technokraten träumen -, dann riskieren penetrante Querdenker Aus- und Zugangssperren, Reiseverbote, den Entzug von Kommunikationsmitteln; sie riskieren, keine öffentlichen Verkehrsmittel mehr benutzen zu dürfen, keinen Kredit, Sozialleistungen und Subventionen zu bekommen, bei der Wohnungssuche den kürzeren zu ziehen. Ganz zu schweigen von gesellschaftlicher Ächtung. Von solchen Entwicklungen werden alternative Ärzte nicht verschont bleiben, sobald sie den Mund aufmachen. Und ein weiteres Mal werden ihre Standesorganisationen keinen Finger für sie rühren. In Arbeit sind Richtlinien, die einschränken, was sie online sagen dürfen. (22) Falls sie Gesundheitsbehörden zu widersprechen wagen, soll ihnen künftig der Verlust der Zulassung drohen. Vorerst bestehen wachsende Kontrollmöglichkeiten. Doch haben uns die Coronajahre nicht hinlänglich vor Augen geführt, wie zügig ein mit Biosicherheitserfordernissen begründeter Totalitarismus über uns hereinbrechen kann – zu 90 Prozent mitgetragen von erfolgreich verängstigten, aufgehetzten Mitbürgern? Ist ausgeschlossen, dass sie sich erneut dazu verführen lassen, als Mitläufer, Claqueure und nützliche Idioten voll blindem Hass und bodenlos dumm auf “Maskenmuffel”, “Impfmüde” und sonstige “Sozialschädlinge” loszugehen? (23) Werden Politiker, Journalisten, Wissenschaftler, Mediziner und sogar Kirchenvertreter und Künstler dann nicht nochmals gemeinsame Sache mit Regierung und Pharmaindustrie machen? Was, bitteschön, werden Ärzte und Therapeuten, die anders vorbeugen und heilen, dieser Übermacht entgegenzusetzen haben? Mehr als während der Fauci-Grippe? Die nächste Pandemie ist bloß eine Frage der Zeit. Wer rechnet denn ernsthaft damit, dass Alternativmedizin von da an eine bedeutendere Rolle spielen wird? „Leave it.“ Bloß wohin? Was tun? In jeder misslichen Lage, so machte mir ein weiser Freund klar, gibt es genau drei Optionen: „Change it. Leave it. Or love it.“ Versuche die Situation zu ändern. Wenn das nicht geht, versuche ihr zu entkommen. Wenn auch dies unmöglich ist: Versuche sie zu lieben. Das chronisch kranke Gesundheitssystem revolutionieren, ihre Profiteure und Strippenzieher entmachten, einer wahrhaft heilsamen, mitmenschlichen Medizin den Stellenwert verschaffen, den sie verdient? Luftschlösser. Sollen wir uns demnach besser mit der traurigen „neuen Normalität“ abfinden, sie gar „lieben“? Ausgeschlossen. Wer kann sich schon selbst dazu überreden, Masochismus zu frönen? Entkommen? Zumindest im räumlichen Sinne gab es keines, während Coronoia wütete: Die Hygienediktatur herrschte überall, von Madeira bis Alaska, von Neuseeland über Südafrika bis Bolivien. Und sie könnte bloß ein Vorspiel gewesen sein. Am Horizont zeichnet sich der permanente Pandemienotstand ab, ausgerufen und gemanagt von der WHO – völkerrechtlich verbindlich für all ihre Mitgliedsstaaten. Und wenn nicht? Um alternatives Heilen zu marginalisieren, müssen die Marketingprofis von Big Business nicht erst eine Pandemie abwarten. Welcher Ausweg bleibt dann überhaupt noch? Keine Flucht nach Weiß-nicht-Wo, sondern strategischer Rückzug – in eine kulturelle Nische, in der Systemverweigerer weitgehend in Ruhe gelassen werden. Öffentliche Aufmerksamkeit, wachsender Zulauf, reichlich Medienpräsenz  - die Top Drei auf der Wunschliste von Fans der Alternativmedizin - wären das Schlimmste, was den Nischenbewohnern passieren könnte. Dann nämlich würden sie für Goliath eine Bedrohung darstellen, weil sie seine Profite nennenswert schmälern. Vielleicht werden Alternativmediziner bald aufhören müssen, öffentlich im Geringsten aufzufallen – immer auf der Hut vor einer neuen, unheiligen Inquisition, ihren Schergen und Anschwärzern. Vielleicht werden neun von zehn Praxen dichtmachen müssen, weil Rufmordpropaganda ihre Wartezimmer leert. Vielleicht wird ein Großteil die Zulassung verlieren, gar im Gefängnis sitzen, sofern sie nicht aufhören, idiotische Desinformationen über Grenzen und Gefahren der Schulmedizin zu verbreiten. Vielleicht werden Hilfesuchende zu den übrigen bald nur noch über Flüsterpropaganda finden – wie einst, im finstersten Mittelalter, zu Hexen, die bekanntlich Fake News über die Heilkraft von Kräutern und aufgelegten Händen verbreiteten. Wer die Zukunft rosiger sieht, der träumt sie sich zurecht. Es gilt aufzuwachen. Wann war Gesundheitswirtschaft jemals ein Wunschkonzert? (Harald Wiesendanger) Anmerkungen 1        SwissLight, PDF; 62 kB, https://web.archive.org/web/20071218204712/http://www.forum-gesundheitspolitik.de/dossier/PDF/AlternativmedizinBilanz.pdf. Vgl. G. Marstedt: “Die steigende Popularität alternativer Medizin – Suche nach medizinischen Gurus und Wunderheilern?”, in: J. Böcken/B. Braun/M. Schnee (Hrsg.): Gesundheitsmonitor 2002 – Die ambulante Versorgung aus Sicht von Bevölkerung und Ärzteschaft, Gütersloh 2002, S. 130-149. 2        Nach Harald Wiesendanger: Geistheiler – Der Ratgeber, 5. erw. Aufl. 2007. 3        Die Frage „Hat Alternativmedizin Zukunft?“ stellte ich ChatGPT, Version 3.5, am 25. April 2024. 4        Die Studienlage Ende des vorigen Jahrhunderts fasst zusammen: Walter Andritzky, "Unkonventionelle Heilweisen in der ärztlichen Praxis", Zeitschrift für Allgemeinmedizin 74/1998, S. 608-614. 5        Gunter Haag u.a., "Unkonventionelle medizinische Verfahren. Verbreitung bei niedergelassenen Ärzten - Ergebnis einer Fragebogenumfrage", Zeitschrift für Allgemeinmedizin 68/1992, S. 1184-1187. Eine Studie des Sozialmediziners Dr. Horst Haltenhof von der Universität Marburg stelle ich vor in H. Wiesendanger, "Jeder zweite Arzt heilt ‚alternativ'", Der Heiler 1/1996, S. 35. 6        G. J. Visser / L. Peters, "Alternative medicine and general practitioners in the Netherlands: towards acceptance and integration", Family Practitioners 7/1990, S. 227-233. 7        E. Anderson / P. Anderson, "General practitioners and alternative medicine", Journal of the Royal College of General Practitioners 37/1987, S. 52-55. 8        Hans Halter: Vorsicht, Arzt! Krise der modernen Medizin, Reinbek 1981, S. 219. 9        Gesundheit 5/2000, zit. nach Pulsar 5/2000, S. 28: “Ärzte sind schlechte Zuhörer”. 10    https://www.klartext-online.info/post/die-hohe-kunst-der-panikmache; Siehe H. Wiesendanger: Das GesundheitsUNwesen - Wie wir es durchschauen, überleben und verwandeln (2019). 11    Siehe Peter Goetzsche: Tödliche Medizin und organisierte Kriminalität  - Wie die Pharmaindustrie das Gesundheitswesen korrumpiert (2014). 12    John Virapen: Nebenwirkung Tod. Korruption in der Pharma-Industrie – Ein ex-Manager packt aus, 4. Aufl. 2008; Peter Yoda: Ein medizinischer Insider packt aus (2008), Kap. „Timothys Story“, S. 123-142;  Harald Wiesendanger: Das GesundheitsUNwesen (2019), S. 603 ff. 13    Laut ChatGPT 3.5 am 25. April 2024 auf die Frage hin „Hat Alternativmedizin Zukunft?“ 14    Siehe hierzu Harald Wiesendanger: Außer Kontrolle. Warum die Stiftung Auswege "unwissenschaftlich" vorgeht - und dazu steht (2016). 15    Siehe https://netzpolitik.org/2023/staendige-vertreter-eu-staaten-wollen-chatkontrolle-trotz-warnung-ihrer-juristen/; https://www.deutschlandfunknova.de/beitrag/gesetzentwurf-zur-chatkontrolle-eu-will-alle-privaten-chats-durchleuchten; https://www.zeit.de/digital/2021-11/chatkontrolle-eu-kommission-kindesmissbrauch-ueberwachung-nachrichten-messenger-anbieter-faq; https://reclaimthenet.org/the-eu-wants-to-scan-all-chat-messages/ 16    https://weltwoche.ch/daily/probleme-mit-der-meinung-von-nachbarn-oder-kollegen-kein-problem-innenministerin-nancy-faeser-schafft-eine-beratungsstelle-fuer-denunzianten/; https://blaulichtblog.de/12352-2 17    Im Februar 2022 startete das Bundeskriminalamt eine „Zentrale Meldestelle“ für „Hass“postings (“Gemeinsam gegen Hass und Hetze im Internet”). Damit soll “eine effektive Strafverfolgung der dort begangenen Straftaten wie Propagandadelikten, Volksverhetzungen oder Bedrohungen ermöglicht” werden 18    https://reclaimthenet.org/un-provides-platforms-with-guidelines-for-regulating-online-speech; https://reclaimthenet.org/un-works-with-tech-media-and-government-to-tackle-misinformation/; https://reclaimthenet.org/the-uns-ominous-ai-misinformation-control-tool; https://reclaimthenet.org/un-official-condemns-health-misinformation-advocates-for-digital-integrity-code 19    https://childrenshealthdefense.org/defender/wef-schlaegt-globalen-plan-zur-ueberwachung-von-online-inhalten-durch-kuenstliche-intelligenz-vor/?lang=de&eType=EmailBlastContent&eId=040a285d-23d6-479f-8c3c-7a8ebdaa61a5; https://reclaimthenet.org/wef-calls-definitions-of-hate-speech-misinformation 20    https://www.klartext-online.info/post/dieses-zeug-muss-weg; https://www.naturalblaze.com/2022/05/bill-gates-wants-to-create-a-3000-person-social-media-unit-to-quash-vaccine-misinformation.html 21    https://www.heise.de/tp/features/Sozialkredite-als-Zukunftstrend-6120666.html?wt_mc=rss.red.tp.tp.atom.beitrag.beitraghttps://reitschuster.de/post/auf-dem-weg-ins-digitale-umerziehungslager/; https://transition-news.org/wie-von-zauberhand-sozialkreditsysteme-in-europa 22    https://reclaimthenet.org/federation-of-state-medical-boards-introduces-misinformation-policy/; https://reclaimthenet.org/uks-general-medical-council-to-restrict-what-doctors-can-say-online/ 23    Gegen das Vergessen empfehle ich das gleichnamige Buch von Werner Reichel. Es versammelt 400 Zitate, die Lügen, Hass und Hetze während der Coronakrise dokumentieren. Titelbild: geralt/Pixabay

  • Durch die Nase!

    Ein. Aus. Es geschieht über 20.000 Mal pro Tag, gedankenlos, unwillkürlich, instinktiv. Vielleicht aber falsch. Wie wir Luft holen, beeinflusst unser Gehirn nämlich weitaus mehr, als wir ahnen. Eine bahnbrechende Studie zeigt auf: Ständiges Atmen durch den Mund beeinträchtigt unsere geistigen Fähigkeiten, während Nasenatmung für einen neuronalen Schub sorgt. 30 bis 50 Prozent aller Erwachsenen atmen überwiegend durch den Mund, sei es wegen einer verstopften Nase, stressbedingt oder einfach aus Gewohnheit. Na und? Wie wir Luft holen, wirkt sich ganz erheblich auf unsere Hirnfunktionen aus, insbesondere auf Gedächtnis und Denkleistung, Aufmerksamkeit und Konzentration. Zu diesem Schluss kommt eine Forschergruppe der Gachon University in Südkorea. In der angesehenen Fachzeitschrift Healthcare berichtet sie, wie sie darauf kam: 22 gesunde Teilnehmer sollten eine Übung zum Arbeitsgedächtnis durchführen, das dafür zuständig ist, Informationen lediglich vorübergehend zu speichern. Zu lösen war die sogenannte „Zwei-Zurück“-Aufgabe („2-back“): Die Versuchspersonen betrachteten nacheinander eine Reihe von Zahlen – und sollten entscheiden, wann eine aktuell gesehene Zahl mit der übereinstimmt, die ihnen zwei Schritte zuvor präsentiert worden war. Dabei atmeten sie entweder durch die Nase oder den Mund. Währenddessen verfolgte das Forscherteam ihre Gehirnaktivität mit Hilfe der funktionellen Magnetresonanztomografie (fMRT); dieses Verfahren misst Veränderungen der Gewebsdurchblutung in den verschiedenen Hirnregionen, die vom Energiebedarf aktiver Nervenzellen herrühren. Mundatmung schadet dem Gehirn Die fMRT-Scans offenbarten Erstaunliches: Während fortgesetzter Mundatmung waren mehrere Hirnregionen, in denen das Arbeitsgedächtnis sitzt, weniger aktiv – so der Nucleus caudatus und der Gyrus occipitalis inferior. Im Gegensatz dazu führte die Nasenatmung zu einer höheren Aktivität in 15 Bereichen - darunter das Kleinhirn, die Insula und der Gyrus parietalis inferior -, die allesamt eine wichtige Rolle bei Erinnerung, Aufmerksamkeit und Informationsverarbeitung spielen. (1) Außerdem waren verschiedene Hirnareale bei der Nasenatmung deutlich stärker als bei der Mundatmung miteinander funktionell verbunden. Der linke und rechte inferiore parietale Gyrus, zwei wichtige Gedächtniszentren, wiesen nur während der Nasenatmung eine erhöhte Konnektivität zu anderen Regionen auf. Dies deutet darauf hin, dass Nasenatmung die neuronale Kommunikation und Synchronisation optimiert, die dem Erinnerungsvermögen zugrunde liegen. Woran könnte das liegen? Wie die koreanischen Forscher vermuten, liefert die Sinnesempfindung des Luftstroms durch die Nasengänge dem Gehirn wichtige Rückmeldungen, welche ihm kognitives Verarbeiten erleichtern. Dass diese nasale Stimulation bei der Mundatmung fehlt, könnte umgekehrt die beobachteten Defizite bei der Hirnaktivierung und Konnektivität erklären. Dass eine gelegentliche Mundatmung, beispielsweise bei einer Erkältung oder Allergie, bleibenden Schaden im Gehirn anrichtet, halten die Wissenschaftler für unwahrscheinlich. Allerdings deuten ihre Ergebnisse darauf hin, dass eine chronische Mundatmung die Hirnfunktion auf Dauer beeinträchtigen könnte. Weitere Pluspunkte für Nasenatmer Und nicht nur geistig profitieren wir davon, durch die Nase zu atmen. Darüber hinaus bietet es uns mehrere weitere Vorteile. Als natürlicher Filter fängt die Nase mit winzigen Härchen und Schleim Staubteilchen, Keime, Allergene und andere schädliche Partikel ab, bevor sie die Lunge erreichen. "Die Nase ist unsere erste Verteidigungslinie gegen Bakterien und Viren", betont der US-Wissenschaftsjournalist James Nestor in seinem Buch Breath (2021). Indem die Nasengänge die eingeatmete Luft befeuchten, schützen sie das empfindliche Gewebe der Atemwege und der Lunge vor Trockenheit. Diese Funktion ist besonders wichtig in Klimazonen, in denen trockene und kalte Luft die Lunge und die Atemwege reizt und für Infektionen anfälliger machen kann. Auch spielen die Nasengänge eine Rolle dabei, die aufgenommene Luftauf Körpertemperatur zu erwärmen. Außerdem hilft die Nasenatmung, die Menge an Sauerstoff und Kohlendioxid, die in den Blutkreislauf gelangt, besser zu regulieren. Dem Luftstrom setzt Nasenatmung einen um 50 Prozent höheren Widerstand entgegen als die Mundatmung, was das Lungenvolumen vergrößert und die Sauerstoffaufnahme um 10 bis 20 Prozent erhöht. Dieser Widerstand optimiert den Sauerstoff-Kohlendioxid-Austausch und sorgt dafür, dass die lebenswichtigen Organe effizienter mit Sauerstoff versorgt werden. Das wirkt sich positiv auf die allgemeine Gesundheit und Ausdauer aus. Auch wird bei der Nasenatmung Stickstoffmonoxid freigesetzt, ein gefäßerweiternder Stoff, der die Sauerstoffversorgung im Körper verbessert. Gelangt dieses Gas durch die Nase in den Körper, so vergrößern sich die Lungenbläschen; somit kann mehr Blut durch die Gefäße strömen und mehr Sauerstoff aufgenommen werden. Ferner optmimiert Stickstoffmonoxid die Funktionen des Nerven- und Immunsystems, unterstützt Schutz und Reparatur von Zellen, lindert Schmerz, hemmt Entzündungen, verbessert die Verdauung. Sogar zum biologischen Reinigungssystem des Mundes trägt Nasenatmung bei. "Die Nasenatmung schafft eine feuchte Umgebung im Mund”, erklärt der Zahnarzt Dr. Kyle Gernhofer in der Zeitschrift Epoch Times. “So kann der Speichel seine Aufgabe erfüllen und verhindern, dass sich schädliche Bakterien auf deinen Zähnen und deinem Zahnfleisch ansammeln. Die Nasenatmung hilft auch, abnormales Kieferwachstum bei Kindern zu verhindern", Manche Studien bringen orales Atmen mit einem erhöhten Säuregehalt im Mund in Verbindung, der Zahnschmelz erodieren lässt und zu Karies beiträgt. Umgekehrt weisen Nasenatmer, dank der schützenden Rolle des Speichels, eine bessere Mundgesundheit auf. Auf Nasenatmung umzustellen, könnte darüber hinaus der Schlüssel zu mehr Schlafqualität sein. Mundatmung im Schlaf führt oft zu einem trockenen Hals und stört die Erholung. Im Gegensatz dazu fördert die Nasenatmung einen ununterbrochenen und tieferen Schlaf, indem sie für einen optimalen Sauerstoff- und Kohlendioxidspiegel im Blut sorgt. Dass Mundatmung mit Schlafapnoe zusammenzuhängen scheint, macht sie sogar gefährlich. Nasenatmung hilft, Stress abzubauen. Wenn wir durch die Nase atmen, tun wir es langsamer und tiefer. Dies aktiviert das parasympathische Nervensystem und führt zu einem ruhigeren, entspannteren Zustand. Einer Studie der Florida State University in Tallahassee zufolge wirkt sich Nasenatmung auch auf den Blutdruck und andere Faktoren aus, die mit Herzkrankheiten zusammenhängen: Die komplexe Dynamik zwischen dem Herz-Kreislauf- und dem Atmungssystem des Körpers beeinflusst gängige Marker für Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Blutdruck, Herzfrequenzvariabilität, Blutdruckvariabilität und Veränderungen des arteriellen Drucks. Verblüffend: Wie Menschen atmen, spiegelt sich sogar in ihrem Aussehen. Vor allem in jungen Jahren spielt Nasenatmung eine entscheidende Rolle dabei, die Gesichtsstruktur zu gestalten, wie die Cleveland Clinic erklärt: "Die Mundatmung kann die Gesichtsentwicklung von Kindern beeinträchtigen und ein sogenanntes ‚Mundatmungsgesicht‘ verursachen“ – es ist „oft schmal, mit einem fliehenden Kinn oder Kiefer." Wie Studien belegen, trägt die Nasenatmung zu einem breiteren Gaumen und einem ausgewogeneren Gesichtsausdruck bei. Neuronaler Schub für geistige Höhenflüge Müssten uns all diese Zusammenhänge nicht Anlass genug bieten, uns bewusst darum zu bemühen, so oft wie möglich durch die Nase zu atmen? Gewohnheitsmäßige Mundatmer sollten mögliche zugrundeliegende Ursachen wie Nasenpolypen oder eine Nasenscheidewandverkrümmung ärztlich überprüfen und beseitigen lassen. (Dabei gilt es die Vorteile einer solchen Maßnahme abzuwägen gegen die Risiken und unbeabsichtigten Nebenwirkungen, die mit jedem chirurgischen Eingriff verbunden sind.) Sich den Mund vor dem Schlafen zuzukleben - das trendige „Mouth Taping“ -, ist nicht jedermanns Sache, erst recht tagsüber. Yoga-Übungen wie die „Wechselatmung“ können dazu beitragen, den Körper auf die Nasenatmung umzustellen. (Dabei hält man sich ein paar Minuten lang abwechselnd ein Nasenloch zu und atmet durch das andere. Dazu nutzt man den Daumen und Ringfinger einer Hand.) „Wenn du dich das nächste Mal auf eine geistig anstrengende Aufgabe vorbereitest, kann es sich lohnen, auf deinen Atem zu achten“, rät der Online-Infodienst GreenMedInfo. „Wenn du den Mund schließt und durch die Nase einatmest, könnte das den neuronalen Schub geben, den du brauchst, um Höchstleistungen zu vollbringen. Auf der Suche nach einer besseren Gehirnfunktion scheint die Nase am besten Bescheid zu wissen.“ Wer fortan auf Nasenatmung umstellt, dürfte kognitiv davon auf längere Sicht profitieren – mit umgehenden geistigen Höhenflügen sollte er allerdings nicht rechnen. Auch dies macht die koreanische Studie klar: Unter den Versuchspersonen lösten Nasenatmer die gestellte 2-back-Aufgabe nämlich weder korrekter noch schneller als Mundatmer. Keine Regel ohne Ausnahme Manchmal ist Mundatmung unvermeidlich, etwa wenn wir uns intensiv körperlich betätigen, oder bei bestimmten Erkrankungen. „Es gibt auch Momente, in denen das Atmen durch den Mund dein Leben retten kann", erklärt der Atemexperte Stuart Sandeman. „Wenn du unerwartet vor ein entgegenkommendes Auto gerätst, löst ein scharfes Einatmen durch den Mund eine schnelle Durchblutung deiner Beinmuskeln aus, so dass du dich schnell in Sicherheit bringen kannst.“ Ausgerechnet dann mit zugeklebtem Mund herumzulaufen, ist eher keine gute Idee. (Harald Wiesendanger) Anmerkungen 1        https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3079584/; https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S1053811911011992 2        James Nestor: Breath - Atem: Neues Wissen über die vergessene Kunst des Atmens | Über das richtige Atmen und Atemtechniken,  Gebundene Ausgabe 2021. Titelbild: Element Nase: Von LHOON - Eigenes Werk, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=658211; Element Mund: Freepik.com.

  • Einsam? Ein guter Arzt fragt danach.

    Einsamkeit macht auf Dauer krank – nicht bloß psychisch, auch körperlich. Studien belegen: Sie schadet gesundheitlich sogar mehr als Fettleibigkeit und Rauchen. Kein guter Arzt unterlässt es, nach ihr zu fragen, wenn er erkundet, woher bestimmte Symptome kommen. „Was fehlt dir?“ Eigentlich sind das zwei Fragen in einer. Und stets müssten sie gemeinsam gestellt werden. Die eine zielt auf gesundheitliche Beschwerden. Die andere erkundigt sich nach einem Defizit: Woran mangelt es dir? Oft lautet ein wesentlicher Teil der Antwort: an sozialer Nähe und Wärme, an Beachtung, Verständnis und Wertschätzung, an Zugehörigkeit und Einbezogensein, an Freundschaft, an Liebe. Kurzum: Man ist einsam. Wie viele Ärzte machen sich die Mühe zu erkunden, ob ein solcher Mangel vorliegt – und wie sehr er den Patienten belastet? Sie sollten es. Denn Einsamkeit macht auf Dauer krank. Solange sie anhält, nützen Pillen und Spritzen zuwenig. Dabei geht es nicht um bloßes Alleinsein, soziale Isolation: Manche Menschen sind gerne für sich, gelegentlich oder meistens, und genießen es geradezu. „Um die Einsamkeit ist’s eine schöne Sache, wenn man mit sich selbst in Frieden lebt und was Bestimmtes zu tun hat“, befand Goethe. (1) Franz Kafka bekannte: „Ich muß viel allein sein. Was ich geleistet habe, ist nur ein Erfolg des Alleinseins.“ (2) Umgekehrt fühlen sich viele einsam, obwohl sie in ein großes soziales Netzwerk eingebunden scheinen. Entscheidend ist etwas Emotionales: der Leidensdruck, der entsteht, wenn man seine sozialen Beziehungen als zutiefst ungenügend empfindet. Sich insofern mindestens einmal pro Woche einsam zu fühlen, bekennt in den Vereinigten Staaten fast jeder dritte Erwachsene. 72 Prozent taten es schon mindestens einmal in ihrem Leben. (3) In Deutschland gibt jeder Zehnte an, sich einsam zu fühlen. (4) Zumeist verflüchtigt sich das Elend so zügig, wie es kommt. Doch falls es anhält? Mit zunehmendem Alter wächst die Zahl der Betroffenen: 20 bis 40 % der über 55-Jährigen bezeichnen sich als ständig einsam. Dann drohen chronische Belastungen, von Depressionen über Alkoholmissbrauch bis Drogensucht. Das Suizidrisiko wächst. (6) Aber Einsamkeit, wie jede negative Emotion, beinträchtigt unweigerlich auch das körperliche Wohlbefinden. (7) Im Gehirn von Menschen, die unter sozialer Isolation leiden, stellen Neurologen bereits nach 24 Stunden den Beginn struktureller Veränderungen fest. (8) Die innere Anspannung steigt (9) - Einsamkeit sei „gleichbedeutend mit permanentem Stress”, konstatiert das Deutsche Ärzteblatt. (10) Man schläft schlechter. (11) Entzündungswerte steigen. (12) Das Immunsystem schwächelt. (13) Den Blutdruck kann Einsamkeit um bis zu 14 Punkte erhöhen - umso mehr, je länger sie anhält. Damit steigt das Risiko für Herzkrankheiten. Es kommt eher zu Herzinfarkten und Schlaganfällen. (14) Aber auch eine Demenz wird wahrscheinlicher (15),  einschließlich Alzheimer. (16) Von 2002 an beobachteten amerikanische Forscher vier Jahre lang 823 ältere Menschen aus Seniorenheimen in Chicago und Umgebung. Anfangs war kein Beteiligter an einer Alzheimer-Demenz erkrankt. Im weiteren Verlauf jedoch kam es bei denjenigen, die sich einsam fühlten, wesentlich rascher zu einem geistigen Abbau als bei den sozial Aktiveren. Ja, Einsamkeit ist sogar lebensbedrohlich. Das zeigen zwei Meta-Analysen (17), die 2017 auf der Jahrestagung der American Psychological Association vorgestellt wurden. Zusammengenommen erfassten sie 218 Studien mit mehr als 3,7 Millionen Personen. Einsamkeit korrelierte mit einem bis zu 50 % erhöhten Risiko, vorzeitig zu sterben. Damit ist sie nicht weniger tödlich als Fettleibigkeit oder das Rauchen von 15 Zigaretten pro Tag. (18) Bei Brustkrebspatientinnen verringert Einsamkeit die Überlebensrate (19), ebenso bei Herzoperierten. (20) Lektion von Methusalems Worin besteht das Geheimnis von Methusalems? Wie gelingt es manchen Menschen, bei verblüffend guter Gesundheit über hundert Jahre alt zu werden – ohne Ärzte, ohne Medikamente, ohne Operationen? Alternsforscher sind sich einig: Solche Greise haben nicht bloß in der Genlotterie das große Los gezogen, ernähren sich gut, sind körperlich aktiv, meiden Umweltgifte, trinken und rauchen allenfalls in Maßen. Darüber hinaus sind so gut wie alle Langlebigen bis zuletzt eingebunden in soziale Netzwerke: die Familie, der Freundeskreis, die Nachbarschaft, der Verein. Sie pflegen und genießen Kontakte. Sie fühlen sich nicht abgeschoben, ausgegrenzt, alleingelassen – sondern beachtet, gebraucht und wertgeschätzt, beliebt und geliebt. Befragt, worauf sie selber ihre Langlebigkeit zurückführen, hört man von ihnen besonders häufig: Sie haben sich nie längere Zeit einsam gefühlt. (21) Seit 1938 sammeln Forscher der amerikanischen Elite-Universität Harvard Daten zur Frage: Was ist der Schlüssel zu einem guten Leben? Wie muss es sein, damit es Menschen erfüllt und glücklich macht? Als wichtigster Faktor haben sich funktionierende Beziehungen erwiesen. Menschen seien soziale Wesen, deswegen bedeuten ihnen Freundschaften, Familie und Partnerschaft besonders viel, so erklärt Robert Waldinger, Professor für Psychiatrie an der Harvard University und derzeit Leiter der Harvard Study of Adult Development, in seinem Zwischenbericht The Good Life. (22) Was ihn besonders erstaunte: Beziehungen haben einen emormen Einfluss auf die Gesundheit. Und mehr als das: "Für mich war überraschend, wie stark die Herzlichkeit von Beziehungen vorhersagt, wie lange wir gesund sind, wie lange wir leben und wie glücklich wir sind." (23) Epigenetik liefert Erklärungen – und lässt hoffen Jedes Erlebnis, jeder Gedanke, jede Überzeugung, jedes Gefühl, jede Aktion, die Einsamkeit bannt, wirkt auch auf der körperlichen Ebene heilsam. Wie ist das überhaupt möglich? Immer mehr Wissenschaftler finden Hinweise darauf in der Epigenetik: einem noch jungen Forschungsbereich, der überraschende Erkenntnisse darüber verspricht, wie Umweltfaktoren - aber auch die Art und Weise, wie wir sie verarbeiten - unsere Zellen und die Aktivität unserer Gene beeinflussen. Diesem hochspannenden Zusammenspiel hat der amerikanische Bewusstseinsforscher und Wissenschaftsautor Dawson Church, Gründer und Leiter des National Institute for Integrative Healthcare, ein erhellendes Buch gewidmet: The Genie in Your Genes: Epigenetic Medicine and the New Biology of Intention. Gestützt auf Hunderte von Studien erklärt er, wie Überzeugungen und Emotionen die Expression von DNA-Strängen beeinflussen können. Dabei konzentriert er sich auf eine besondere Klasse von Genen, die sogenannten Immediate Early Genes, kurz IEGs: Diese schalten sich innerhalb weniger Sekunden nach einem Stimulus ein. Auch durch Gedanken oder Gefühle lassen sie sich aktivieren. („Über das unerwartete Geschenk meines Nachbarn habe ich mich sehr gefreut“ oder „Es macht mich traurig und wütend, was meine Schwester auf der Weihnachtsfeier gesagt hat".) Viele IEGs sind regulatorisch: Sie schalten andere Gene an, die bestimmte Aspekte unseres Immunsystems beeinflussen, beispielsweise die Produktion von weißen Blutkörperchen, die angreifende Bakterien und Viren zerstören. Womöglich können wir jahrelange Therapien, schädliche Medikamente und invasive Operationen vermeiden, umgehen können, indem wir die Kontrolle über unser Bewusstsein übernehmen und es nutzen, um unsere genetische Ausprägung zu beeinflussen – und somit unseren eigenen Körper kontinuierlich genetisch verändern. Dies kann sowohl zu einer sofortigen Linderung langjähriger Ängste und Neurosen führen als auch zu einer geradezu wundersamen Heilung anhaltender körperlicher Beschwerden. Was fehlt dem Patienten, den der Arzt vor sich hat? Was benötigt er am dringendsten? Auf dem Rezept müsste in vielen Fällen stehen: Begegnungen. Verbindungen. Miteinander. Gemeinschaft. Den Rest hilft dann Epigenetik zu erledigen. (Harald Wiesendanger) Anmerkungen 1        J. W. Goethe: Briefe. An Charlotte von Stein, Dornburg, 4. März 1779. 2        Franz Kafka: Tagebücher, 21. Juli 1913. 3        Nach dem Harris Poll, einer US-Umfrage aus dem Jahr 2016, siehe American Osteopathic Association, 11. Oktober 2016, https://osteopathic.org/2016/10/11/survey-finds-nearly-three-quarters-72-of-americans-feel-lonely/ 4        Theresa Eyerund, Anja Katrin Orth: Einsamkeit in Deutschland: Aktuelle Entwicklung und soziodemographische Zusammenhänge. IW-Report, Nr. 22. Institut der deutschen Wirtschaft (IW), Köln 2019, https://www.econstor.eu/bitstream/10419/198005/1/1667352865.pdf 5        M. Aartsen, M. Jylhä: „Onset of loneliness in older adults“, European Journal of Ageing 8 (3) 2011, S. 31–38; C. Luanaigh, B. Lawlor: „Loneliness and the health of older people“, International Journal of Geriatric Psychiatry 23 (12) 2008, S. 1213–1221. 6        American Osteopathic Association, 11. Oktober 2016, https://osteopathic.org/2016/10/11/survey-finds-nearly-three-quarters-72-of-americans-feel-lonely/ 7        G. Miller: „Why loneliness is hazardous to your health“, Science 331 (6014) 2011,  S. 138–140, https://www.science.org/doi/10.1126/science.331.6014.138; A. Shankar u.a.:  „Loneliness, social isolation, and behavioral and biological health indicators in older adults“, Health Psychology 30 (4) 2011, S. 377–385, https://lateadulthoodstage.weebly.com/uploads/1/5/0/5/15050912/biological_health_indicators_pdf.pdf 8        New York Times, 5. September 2016, https://www.nytimes.com/2016/09/06/health/lonliness-aging-health-effects.html 9        Psychology Today 9. Juni 2016, https://www.psychologytoday.com/articles/200308/the-dangers-loneliness; Psychological Bulletin 140 (6) 2014, S. 1464-1504, https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/25222636/ 10    “Einsamkeit – Einfluss auf den Therapieerfolg”, www.aerzteblatt.de. PP 1/2012, https://www.aerzteblatt.de/pdf.asp?id=118236 11    Social Science and Medicine, 74 (6) März 2012, S. 907-914, https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0277953612000275 12    PNAS 19. Januar 2016; 113 (3), S. 578-583, https://www.pnas.org/content/113/3/578.abstract 13    Washington Post, 31. Januar 2016, https://www.washingtonpost.com/national/health-science/loneliness-grows-from-individual-ache-to-public-health-hazard/2016/01/31/cf246c56-ba20-11e5-99f3-184bc379b12d_story.html?utm_term=.2ddaa25cc6df 14    The Telegraph 24. August 2016, https://www.telegraph.co.uk/science/2016/08/24/having-no-friends-could-be-as-deadly-as-smoking-harvard-universi/ 15    Archives of General Psychiatry, Februar 2007;64, S. 234-240, https://archpsyc.ama-assn.org/cgi/content/abstract/64/2/234 16    Medical News Today, 2. November 2016, https://www.medicalnewstoday.com/articles/313858.php 17    Business Insider, 7. August 2017, https://www.businessinsider.com/loneliness-greater-public-health-hazard-than-obesity-2017-8; APA.org, 5. August 2017, https://www.apa.org/news/press/releases/2017/08/lonely-die.aspx 18    Forbes, 18. Januar 2017, https://www.forbes.com/sites/quora/2017/01/18/loneliness-might-be-a-bigger-health-risk-than-smoking-or-obesity/ 19    Medical News Today, 12. Dezember 2016, https://www.medicalnewstoday.com/articles/314675.php 20    Nach Dawson Church: The Genie in Your Genes: Epigenetic Medicine and the New Biology of Intention (2007). 21    Näheres in Dan Buettner: Das Geheimnis der 100-Jährigen: Entdeckungsreise in die Blue Zones der Welt. Wie man es schafft gesund und länger zu leben (2023). 22    Robert Waldinger/Marc Schulz: The Good Life ... und wie es gelingen kann: Erkenntnisse aus der weltweit längsten Studie über ein erfülltes Leben (2023). 23    Zit. nach dem Podcast "The Written Word” der Harvard-Universität, siehe https://magazine.hms.harvard.edu/articles/good-life: "The Good Life: Lessons from the World’s Longest Scientific Study of Happiness by Robert Waldinger, MD, and Marc Schulz, PhD" Titelbild: Freepik.

  • Hochstapler unter Hochstaplern

    Jede Wette: Begabte Laienhelfer brächten psychotherapeutisch noch weitaus mehr zustande als ohnehin, wenn sie in einen weißen Kittel schlüpfen, sich einen hochtrabenden Titel zulegen und bedrückte Seelen in Räumlichkeiten empfangen dürften, die wie eine Praxis aussehen. Jedem, der sehen will, führten erfolgreiche Hochstapler dies eindrücklich vor Augen. Die triftigsten Anhaltspunkte für diesen frechen Verdacht stammen von besonders erfolgreichen Hochstaplern: pfiffigen Zeitgenossen, die jahrelang unerkannt als vorgebliche Psycho-Profis praktizierten. Enttarnt wurden sie nicht etwa, weil sie versagten, Patienten mangelhaft versorgten oder gar schädigten, ihre Aufgaben erkennbar schlechter erledigten als „echte“ Psychologen, Psychotherapeuten und Psychiater. Sie flogen auf, weil irgendwann eher zufällig auffiel, dass sie Urkunden gefälscht oder gar nicht erst vorgelegt hatten. Der „maßgeschneiderte Begleiter“ von Hessisch Oldendorf Am 26. Februar 2015 wurde in Hessisch Oldendorf der 47-jährige Stefan Brandt verhaftet: Als falscher Diplom-Psychologe und Psychotherapeut hatte er ein knappes Jahr lang im Sana-Klinikum in Hameln, einem Akademischen Lehrkrankenhaus der Medizinischen Hochschule Hannover, als freier Mitarbeiter rund 180 Patienten, nachdem sie ihm als psychisch auffällig gemeldet worden waren, untersucht, Diagnosen gestellt, Beratungen durchgeführt und sie begutachtet – auf der Grundlage eines „Kooperationsvertrags“. In seinem Heimatort betrieb Brandt zudem jahrelang eine gutgehende „Praxis für ganzheitliche Psychotherapie und Lebensberatung“. Deren Schwerpunkt war die „Maßgeschneiderte Begleitung an Lebenswendepunkten“. (1) Sogar Ausbildungskurse bot er an. Auch für Zeitungsredakteure stand Brandts Fachkompetenz recherchefrei außer Frage. So zitierten ihn die Schaumburger Nachrichten als Experten für psychische Hintergründe von Ernährungsgewohnheiten. („Tiefenpsychologisch gesehen ist das Essen am stärksten mit unserem jeweiligen Lebensgefühl verbunden.”) Das Stadtmagazin Rintelner präsentierte ihn als “Psychotherapeut, Systemischer Coach und Transformationspsychologe. Außerdem verfügt er über eine Ausbildung als Supervisor (DGSv) und Mediator, Coach für gewaltfreie Kommunikation und Meditationslehrer.” (1) Über Patienten erstellte er Gutachten für Krankenkassen. Auf die Schliche kam man dem gerissenen Möchtegern keineswegs aufgrund offenkundiger Kunstfehler, im Gegenteil: Weder seine Patienten noch Leitung und Kollegenkreis der Sana-Klinik schöpften den geringsten Verdacht. Vorzüglich schien Brandt dem online betonten Klinikanspruch zu genügen, „in den Mittelpunkt die bestmögliche Diagnostik und Therapie für eine qualifizierte medizinische Versorgung der uns anvertrauten Patienten“ zu stellen, gewährleistet „durch interne und externe Qualitätssicherung“. (2) Zum Verhängnis wurden dem dreisten Großtuer, nach Angaben einer Kliniksprecherin, vielmehr „Hinweise aus der Bevölkerung über die fehlende berufliche Qualifikation“. (3) Die Staatsanwaltschaft warf ihm gewerbsmäßigen Betrug und Titelmissbrauch vor: „Insgesamt werden dem Mann 188 Straftaten zur Last gelegt“, sagte ein Sprecher. (3) 23 Jahre als falsche Psychiaterin 23 Jahre lang arbeitete Zholia Alemi, eine eingewanderte Neuseeländerin, mit einem gefälschten Diplom als Psychiaterin in englischen Kliniken. Darüber hinaus war sie Direktorin einer Firma namens Healthy Minds and Wellbeing Limited in Huddersfield, die Privatpatienten aufnahm. In Wahrheit hatte sie 1992 ein Medizinstudium bereits im ersten Jahr abgebrochen, nachdem sie bei Prüfungen durchgefallen war; bis dahin konnte sie allenfalls ein paar einführende Vorlesungen über Grundlagen der Psychologie mitgekriegt haben. Ihr einziger Abschluss war ein Diplom in Humanbiologie. Trotzdem kümmerte sich Alemi offenbar so gut um Abertausende von psychisch Kranken, dass niemand den geringsten Verdacht schöpfte: kein Arzt, kein Patient. Sie galt als hochintelligent und charmant. Als Zholia Alemi im Herbst 2018, inzwischen 56-jährig, endlich aufflog, war ihr nicht etwa ein Kunstfehler zum Verhängnis geworden – sondern eine weitere dreiste Urkundenfälschung: Das Testament einer 84-jährigen Demenzpatientin, deren Vertrauen sie gewonnen hatte, änderte sie allzu plump ab, um sich als Alleinerbin von 1,3 Millionen englischen Pfund einzusetzen. Wie reagierte das General Medical Council (GMC) darauf, die britische Aufsichtsbehörde für Ärzte? Aus dem Skandal zog sie nicht etwa den naheliegenden Schluss, dass begabte Laien wie Alemi die Psychiatrie zur allseitigen Zufriedenheit bereichern können, ohne Schaden anzurichten, und eine unbürokratische Zulassung verdienen. Nein, die Kammer beschloss, umgehend die Urkunden aller 3000 ausländischen Ärzte auf Echtheit zu überprüfen. (4) Was lehrt uns das über die Art der Qualifikationen, auf die es in der Psychiatrie ankommt? Peinlich, bezeichnend: Wie ein Postbote die Psychiatrie blamierte Die Köpenickiaden eines Stefan Brandt sind vergleichsweiser Pipifax, wenn wir sie an jenem schier unfassbaren Skandal messen, der zwei Jahrzehnte zuvor Deutschlands wissenschaftliche Seelenheilkunde aufs Beschämendste bloßstellte: die Postel-Affäre. Mit gefälschten Urkunden ergatterte Gert Uwe Postel, ein gelernter Postbote mit Hauptschulabschluss, zwischen 1980 und 1997 mindestens sechs Anstellungen als Psychiater, zum Teil in leitenden Positionen. Auf seine Rolle als falscher Arzt vorbereitet hatte sich der ehrgeizige Sohn eines Kfz-Mechanikers und einer Schneiderin, geboren 1958 in Bremen, indem er ein paar Vorlesungen besuchte, Fachbücher las und sich mit psychiatrischem Expertensprech vertraut machte. Stattliche 1,94 Meter groß, schlank, selbstsicher auftretend, sprachlich gewandt, einfühlsam, mit schmalrandiger Brille und flinker Auffassungsgabe: Mehr brauchte er nicht, um in der deutschen Seelenheilkunde fast zwei Jahrzehnte lang eine imposante Karriere hinzulegen. Sie beginnt Anfang 1981 in einem Fachkrankenhaus für Psychotherapie nahe Oldenburg. Dort stellt er sich als junger Arzt frisch von der Uni vor, legt eine getürkte Approbationsurkunde vor, macht Eindruck und wird eingestellt. Ein Vierteljahr lang behandelt er dort zur allseitigen Zufriedenheit, ehe es ihn in seine Heimatstadt Bremen zurückzieht. Dort gibt er ein kurzzeitiges Gastspiel als leitender Arzt in einem Reha-Zentrum. Dann liest er in einem Ärzteblatt, die Stadt Flensburg habe im Gesundheitsamt eine Stelle frei. Daraufhin bewirbt er sich als „Dr. med. Dr. phil. Clemens Bartholdy, Sohn eines Medizinalrats und einer Medizinaldirektorin“. Prompt wird er, gerade mal 24 Jahre alt, zum stellvertretenden Amtsarzt in der drittgrößen Stadt Schleswig-Holsteins – übrigens mit dem Internisten, späteren Bundestagsabgeordneten und Europaratsmitglied Dr. Wolfgang Wodarg als unmittelbarem Vorgesetzten. (5) Von September 1982 bis April 1983 reüssiert Postel dort. Unter seiner Leitung und Aufsicht sinkt die Quote der psychiatrischen Zwangseinweisungen von über 95 auf zehn Prozent. (6) Legt irgendwer Beschwerde dagegen ein, wie er entscheidet, bestätigt das Landgericht seinen Befund. Die Arbeit bei der Behörde empfindet Postel bald als zu anstrengend, hier will er nicht versauern. Er bewirbt sich bei der psychiatrischen Klinik der Universität Kiel – und erhält einen Anstellungsvertrag. Nächste Station ist die Privatklinik von Julius Hackethal in Riedering bei Rosenheim. (6) Als psychiatrischer Sachverständiger ist Postel unter anderem für das Berliner Berufsförderungswerk und die Stuttgarter Landesversicherungsanstalt tätig; er erstellt Gerichtsgutachten, unter anderem in Mordprozessen, und tritt in Hauptverhandlungen auf. (7) Die Postel-Affäre: schallende Ohrfeige für Psycho-Profis Im November 1995 tritt er im sächsischen Zschadraß eine Stelle als Oberarzt im dortigen Fachkrankenhaus für Psychiatrie mit 140 Betten an. Er ist Vorgesetzter von 28 Ärzten, bestimmt über Entlassungen und Einstellungen. Obendrein ist er Weiterbildungsbeauftragter, Gutachter und Vorsitzender der fachärztlichen Prüfungskommission. Die weiterhin gültigen Zeugnisse einiger Fachärzte tragen bis heute seine Unterschrift. Seine Kompetenz bleibt unbestritten. Keinem einzigen Patienten habe Postel geschadet, wie der Chefarzt der Klinik, Dr. Horst Krömker, im nachhinein als Zeuge vor Gericht betonte. (8)  Vielmehr bewährt sich Postel dort mit „überdurchschnittlichen Leistungen“ (9) dermaßen, dass ihm, von Sachsens Sozialminister Dr. Hans Geißler (CDU) persönlich unterstützt, eine C4-Professur als Chefarzt in der forensischen Abteilung am Sächsischen Krankenhaus Arnsdorf im Landkreis Bautzen angeboten wird. Von seinem Chefarzt nach dem Thema seiner Dissertation befragt, gibt Postel an: „Die Pseudologia phantastica am literarischen Beispiel der Figur des Felix Krull nach dem gleichnamigen Roman von Thomas Mann.“ Pseudologia phantastica? Das bedeutet: pathologisches Lügen. Wie dick hätte der Zaunpfahl denn noch sein müssen, damit der Chefarzt den Wink damit nicht übersieht? Wie damalige Arztkollegen berichten, habe sich Postel hin und wieder arrogant und aufbrausend benommen. Seine Exzellenz scheint er in Weißkittelkreisen damit eher unterstrichen als beschädigt zu haben. Zwanzig Monate hält sich Postel in Zschadraß in der Position eines Oberarztes. Zielfahnder schnappen Postel am 12. Mai 1998 in einer Telefonzelle am Stuttgarter Hauptbahnhof. Am 22. Januar 1999 wird er wegen mehrfachen Betrugs, Urkundenfälschung, Täuschung und Missbrauchs von akademischen Titeln zu vier Jahren Gefängnis verurteilt. Zuvor hatte kein einziger Fachkollege, kein Vorgesetzer, kein Patient, kein Richter den leisesten Verdacht geschöpft. Dieser gewitzte Zeitgenosse überflog das Kuckucksnest nicht bloß – er inszenierte sich darin perfekt. Nie ist er eines Fehlers überführt worden – vielmehr gingen seine Diagnosen, seine Einweisungen, seine Behandlungen, seine Gutachten überall durch, unbeanstandet und vielgelobt. Postel, charmant und eloquent, galt als hochkompetenter „Artist der Einfühlung“ (10), der niemandem Schaden zufügte und allenthalben brillierte. Lob kam selbst vom Vorsitzenden Richter des Ersten Strafsenats des Bundesgerichthofs, Armin Nack: „Postel war Obergutachter und ich sage Ihnen eines: Der war der beste Gutachter, besser als die beiden gelernten Psychiater.“ (11) Allein während seines Oberarzt-Auftritts in Sachsen strich Postel über 200.000 Mark an Gehalt ein – inflationsbereinigt wären dies heute rund 160.000 Euro. Die zusätzlichen knapp 44.000 Mark, die er für psychiatrische Gerichtsgutachten in 23 Strafverfahren einstrich, durfte er behalten. Zwar prüfte das sächsische Justizministerium eine Rückforderung, leitete jedoch kein Verfahren ein. Denn um das Geld einzuklagen, hätte es nachweisen müssen, dass die Gutachten fehlerhaft waren. Doch kein einziges Gericht hat irgendeine von Postels Expertisen jemals zurückgewiesen oder angefochten. (12) Ehre, wem Ehre gebührt: Postels Geschichte wurde verfilmt (13), bis heute widmen ihm Fans eine eigene Website. In der Antipsychiatriebewegung genießt Postel bis heute Kultstatus. Was es über seine Doktorspiele gedruckt und online zu erfahren gibt, stellt hinsichtlich seines antidepressiven Werts vermutlich hundert Lachyoga-Stunden locker in den Schatten. Auf „X“, vormals Twitter, ist Postel seit August 2023 nach längerer Pause erneut präsent: „Es ist an der Zeit, Twitter wieder mit meinen geistreichen Tweets zu erfreuen. Dieser niveaulose Ort braucht wieder einen eloquenten Menschen wie mich.“ (14) Mit „Schwafelkunst“ den Spiegel vorgehalten „Gert Postel ist für die Psychiatrie, was Jürgen Schneider für die Banken und das Geschäft mit Immobilien darstellt - ein Alptraum, ein Gespenst”, schrieb Der Spiegel 1997. (15) Dass der vermeintlich wissenschaftliche Seelenheilbetrieb über diesen haarsträubenden Fall am liebsten den Mantel des Schweigens ausbreitet, ist ihr ohne weiteres nachzufühlen. In kaum einem anderen Berufszweig wäre es dem Hochstapler möglich gewesen, derart lange unbehelligt zu arbeiten. „[Alle] diese Leute müssen konkret etwas können, um ihrem Beruf zu genügen“, ätzt der Kulturkritiker Burkhard Müller. „Die Psychiatrie […] beglaubigt sich hinlänglich in einem gewissen Auftreten und einem bestimmten Jargon.“ (16) Postel selbst meinte zum Berufsbild des Seelendoktors abfällig: "Auch eine dressierte Ziege kann Psychiatrie ausüben.“ Wörter machen Leute: „Wer die psychiatrische Sprache beherrscht, der kann grenzenlos jeden Schwachsinn formulieren und ihn in das Gewand des Akademischen stecken.“ Es herrsche ein unermessliches „Genügen an Worten“, samt einer unstillbaren „Sehnsucht nach Etikettierung“. Psychiatrie sei “Schwafelkunst”, “Sprachakrobatik plus ein wenig Inszenierung“ – hohles Wortgeklingel. Sie “lebt vom Hin- und Herwerfen leerer, das heißt keiner Anschauung entnommener Begriffe. Ich kann mit Hilfe der psychiatrischen Sprache alles beweisen, jeweils auch das Gegenteil und das Gegenteil vom Gegenteil. Das ist alles sehr unseriös.” Das begrenzte Fachidiom sei schnell erlernt. Wer sich auffällig lebhaft gebärde, leide halt an einer „akuten Psychose aus dem schizophrenen Formenkreis“, wer sich still verhalte, an einer „symptomschwachen autistischen Psychose“. In einem Vortrag vor Psychiatern führte Postel unsinnigen Fachbegriff ein, die bipolare Depression dritten Grades – es wird unwidersprochen geschluckt. (17) (“Ich wollte ausreizen, wie weit ich gehen kann.”) Im Anschluss daran “fragte ich einen Universitätsprofessor, den damaligen ärztlichen Direktor der Universitätsklinik Münster, ob er die bipolare Depression dritten Grades im universitären Alltag häufig erlebe. Er sagte mit einem überheblichen, ordinarientypischen Gestus, das sei nicht häufig, aber es komme mitunter vor. Damit war mir klar: Ich bin als Hochstapler unter Hochstaplern gelandet.” (18) Als Ex-Oberarzt sei er "sehr seltsamen" Personen unter den Ärzten begegnet, sagt Postel: "Einer stellte die Diagnose für einen Patienten, ohne mir die Symptome nennen zu können. Da verliert man jeden Respekt, ich habe die Ärzte alle verachtet“, und das beruht auf Gegenseitigkeit: Psychoprofis und ihre Interessenverbände empören sich einhellig über den Totalschaden, den der Pfiffikus ihrem Image zufügte. Denn dieser Till Eulenspiegel führte ihnen aufs Schmerzlichste die Narrheit ihrer Fachwelt vor: Was Profis Laien voraus haben, erschöpfte sich in seinem kuriosen Fall darin, im Besitz von Titeln, Urkunden und dem damit verbundenen Sozialprestige zu sein. In Postels Spiegel sahen sie hässlich aus – und so schlugen sie empört darauf ein. Doch was kann der Spiegel dafür, was er zeigt? Dieser Kaiser, der einer akademischen Scheinwelt seine neuen Kleider vorführte: Ist er ein Lügner? „Nicht jede unwahre Behauptung die sittliche Qualität einer Lüge”, findet Postel. (18) “Manchmal muss man der Wahrheit mit den Mitteln der ‘Lüge’ zum Durchbruch verhelfen. Es gibt jedenfalls höhere Güter als das Gut der Wahrhaftigkeit um jeden Preis. (…) Die Betrüger zu betrügen war schon immer eine List der Schwachen gegen die vermeintlich Starken.” Worauf beruht dann die Macht des Psycho-Experten? “Er spricht mit seinem Patienten in einem Hierarchieverhältnis”, erklärt Postel. Dieses erwächst daraus, “dass der Psychiater nach seiner Selbsteinschätzung der Gesunde ist, während der Patient die Rolle des Kranken zu spielen hat. Daraus ergibt sich die Macht des Psychiaters und seine Definitionshoheit über die emotionale Verfassung des ihm ausgelieferten ‘Patienten’.” (18) Einen Großteil seiner kriminellen Energie schöpfte Postel aus einer familiären Tragödie: Seine schwer depressive Mutter beging Suizid. Dem behandenden Psychiater warf er vor, ihr die falschen Medikamente verschrieben zu haben. (18) „Es gibt nur einen Beweis für das Können: das Tun.“ Hätte in den Strafprozessen gegen Brandt und Postel nicht auch die sogenannte „moderne Seelenheilkunde“ auf die Anklagebank gehört? Hätte den drakonisch Verurteilten nicht Lob und Anerkennung für ihre unbestrittenen Verdienste um die Volksgesundheit gebührt? Gehört bestraft, wer erfolgreich Geburtshilfe leistet, ohne staatlich anerkannte Hebamme zu sein – oder jemanden vor dem Ertrinken bewahrt, ohne ein Rettungsschwimmer-Diplom zu besitzen? Zum vermeintlichen Kompetenzvorsprung von Psychoprofis gegenüber Laien fällt mir kaum eine lehrreichere Diskussionsgrundlage ein als Postels eigene Rückblicke Die Abenteuer des Dr. Dr. Bartholdy – Ein falscher Amtsarzt packt aus (1985) und Doktorspiele – Geständnisse eines Hochstaplers (2001). Verlogenheit und Wichtigtuerei als Schlüssel zu gewissen Kreisen - damit fällt ein vernichtendes Urteil über diese Kreise. Was fähige Laienhelfer daran hindert, als vollwertige Psychotherapeuten tätig zu sein, ist demnach in erster Linie eines: die Rechtslage, welche Standesinteressen schützt. Denn damit würden sie sich einer seit 1999 geschützten Berufsbezeichnung bedienen, was sie teuer zu stehen käme: Nach § 132a des Strafgesetzbuchs und §1 des Psychotherapeutengesetzes riskieren sie beträchtliche Geldstrafen, im hartnäckigen Wiederholungsfall bis zu einem Jahr Gefängnis. Aber Psychotherapie ist vorrangig kein juristischer Sachverhalt, sondern ein allgegenwärtiges Geschehen im sozialen Raum: ein unterstützendes, fürsorgliches Miteinander in seelischen Nöten, so alt wie die menschliche Zivilisation. Über die notwendigen und hinreichenden Fähigkeiten dafür verfügt jener elitäre Personenkreis, dessen Standesorganisationen ihm die alleinige rechtliche Befugnis verschafft haben, sich entsprechend zu betiteln, weder ausschließlich noch garantiert. Die österreichische Schriftstellerin Marie von Ebner-Eschenbach (1830-1916) lag goldrichtig: „Es gibt nur einen Beweis für das Können: das Tun.“ (Harald Wiesendanger) Dieser Text ist ein Auszug aus Harald Wiesendanger: Psycholügen, Band 3: Seelentief: ein Fall für Profis?, Schönbrunn 2017, 2. erw. u. aktualisierte Aufl. 2024; 124 S., auch als PDF. Die Folgen dieser Serie („Helfen Psycho-Profis wirklich besser?“) 1        Reichlich erforscht: Viele Laien können mehr 2        Unter den Teppich gekehrt 3        Vogel Dodo beim Wettlauf der Psychotechniker 4        Wie viel bringt Psychotherapie wirklich? 5        Warum nützt Psychotherapie? 6        Warum manche Laien die besseren Therapeuten sind 7        Hochstapler unter Hochstaplern 8        Psychotherapie als Gefahrenherd 9        Nase vorn: Was viele Profis besser können – und weshalb 10    Pragmatismus statt Lobbyismus - Für eine weise Psycho-Politik Anmerkungen 1        https://der-rintelner.de/wp-content/uploads/2014/06/DR_03_12_LR.pdf, S. 22 2        Laut der Klinik-Homepage www.sana-hm.de/ueber-uns/qualitaetsbericht.html, abgerufen am 16.6.2016. 3        https://www.abendblatt.de/region/niedersachsen/article205192449/Falscher-Psychotherapeut-begutachtet-Klinik-Patienten.html 4        Näheres zum Fall Alemi: https://www.newsandstar.co.uk/news/17230748.doctor-who-faked-will-of-west-cumbrian-widow-led-life-of-deception/, https://www.bbc.com/news/health-46258687; https://www.bbc.com/news/uk-england-cumbria-45894587; https://www.bbc.com/news/uk-england-cumbria-45881079 5          Hamburger Abendblatt 4.3.2015: “Falscher Psychotherapeut begutachtet Klinik-Patienten”, https://www.abendblatt.de/region/niedersachsen/article205192449/Falscher-Psychotherapeut-begutachtet-Klinik-Patienten.html, abgerufen am 2.1.2023; MK Kreiszeitung, 4.3.2015: „Falscher Psychotherapeut begutachtet in Hameln Klinik-Patienten“; Hannoversche Allgemeine, 17.5.2015: „Falscher Psychotherapeut angeklagt“; DeWeZet: “Top 10 der Hochstapler”, https://www.dewezet.de/lokales/top-10-der-hochstapler-FZAFZFF5Z5CA76AY66D6FDECYD.html, abgerufen am 2.11.2023 6        „Dr. Clemens Bartholdy – als der falsche Doktor aufflog”, Flensburger Tageblatt, http://www.shz.de/lokales/flensburger-tageblatt/dr-clemens-bartholdy-als-der-falsche-doktor-aufflog-id11051411.html, 27. Oktober 2015, abgerufen am 2.11.2023. 7        Eckhard Rohrmann: Mythen und Realitäten des Anders-Seins – Gesellschaftliche Konstruktionen seit der frühen Neuzeit, 2. Aufl. Wiesbaden 2011, S. 192. 8        https://www.abendblatt.de/archiv/1999/article204569285/Die-Possen-des-Dr-Postel.html; „Die Possen des Gert Postel”, http://archiv.rhein-zeitung.de/on/99/01/20/topnews/postelhin.html, Rhein-Zeitung, 20. Januar 1999, abgerufen am 16. Januar 2016.) 9        So urteilte der damalige Klinikleiter über Postel während dessen Probezeit. 10    Der Spiegel 29/1997: „Ein Gaukler, ein Artist“, https://www.spiegel.de/politik/ein-gaukler-ein-artist-a-de8925d4-0002-0001-0000-000008742708 11    In einem Vortrag bei der juristischen Fakultät der Universität Passau am 31. Mai 2012, zit. nach www.zwangspsychiatrie.de/2013, abgerufen am 17.6.2016. 12    https://www.gert-postel.de/Buch%20Rezension%20Psychotherapie.htm 13    „Der Unwiderstehliche – Die tausend Lügen des Gert Postel“ (2002), https://www.tvspielfilm.de/kino/filmarchiv/film/der-unwiderstehliche-die-tausend-luegen-des-gert-postel,1302172,ApplicationMovie.html 14    https://twitter.com/Postel_X 15    https://www.spiegel.de/politik/ein-gaukler-ein-artist-a-de8925d4-0002-0001-0000-000008742708 16    Burkhard Müller: „Postel - Die Einsamkeit des Hochstaplers“, Merkur - Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken 801 (70) 2016, S. 21-23. 17    https://www.gert-postel.de/clinicum.htm 18    Zit. in https://www.rhetorikmagazin.de/?p=4408 Titelbild: Erzeugt von Microsofts KI „Bing Image Creator“ nach meiner Vorgabe “Münchhausen leitet eine psychiatrische Klinik”.

  • Wenn schon Gendern, dann gnadenlos!

    Bewusstseinserweiternde Maßnahmen zu geschlechtergerechter Sprachbereinigung fordert die Woke-Akademie für Antisexistische Genderlinguistik (WAAGL) in einem verdienstkreuzwürdigen öffentlichen Aufruf, der vom 1. April nicht allzu weit entfernt ist. „Liebe Erwachtinnen und Erwachte, lasst uns feiern! Haben wir nicht Großartiges, ja geradezu Revolutionäres erreicht, und das in atemberaubender Geschwindigkeit: das öffentliche Sprachbewusstsein auf ein ganz neues Niveau zu heben? Immer mehr Mitmenschinnen und Mitmenschen gendern immer konsequenter, mit Sternchen und Doppelpunkten, mit Schräg- und Unterstrichen, mit Gerundiven und Sprechpausen  – wie wundervoll! Welcher Mann traut sich noch, männerzentriert zu sprechen? Vom Schuldirektor über den Pfarrer, den Richter, den Bürgermeister, den Hochschuldozenten und den Nachrichtensprecher bis zum Abgeordneten, zum Minister, zum Kanzler, zum Bundespräsidenten: Inzwischen machen fast alle mit. Wer in Betrieben und Behörden, bei der Polizei oder der Bundeswehr etwas werden will, kommt kaum noch drum herum. Vom Pressetext über den Toast auf einen Jubilar, die Festrede bei der Hochzeit bis zum Nachruf beim Begräbnis: Kaum jemand wagt es noch, sich diskriminierend querzulegen. Er riskiert befremdete Blicke, deutliche Zurechtweisungen, ja einen Karriereknick. Der Druck wächst, und das natürlich völlig zurecht. Je mehr sich staatliche Organe um geschlechtergerechte Formulierungen bemühen, desto unerbittlicher muss jeglicher Versuch, sie deswegen lächerlich zu machen, als „verfassungsschutzrelevante Delegitimierung“ verfolgt werden. Keine Gnade mit ewig Gestrigen, die mittels sprachsexistischer Hassrede Volksverhetzung betreiben! Die Anti-Gender-Szene, wie jedes Querdenker-Milieu, hat zweifellos Berührungspunkte zum Antifeminismus und anderen Ideologien der Ungleichwertigkeit. Das verbindet sie mit dem Rassismus, dem Antisemitismus und sonstiger gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit – auch Hitler genderte bekanntlich nicht. Aber das ist erst der Anfang! Seht euch heutige Stellenangebote an – was fällt euch auf? Auf ein „m“ und ein „w“ folgt: ein „d“! Es steht für „Diversgeschlechtliche“, für „Queers“. So muss es sein. Doch wie wir momentan gendern, vernachlässigen wir diese Gruppe rücksichtslos. Eine Schande! Das muss sich schleunigst ändern. Um Nichtbinäre in gesprochenes und geschriebenes Deutsch gebührend einzubeziehen, empfiehlt das Institut für transformative Sexuallinguistik (ITSL), die Endsilbe „-qui“ zu verwenden, in Anspielung auf die Phonetik des Wortes queer, „kwiiiier“. Folglich muss eine gendertechnisch unbedenkliche Rede künftig ungefähr so beginnen: „Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger und Mitbürgequi“. Kürzer geht´s halt nicht. Doch hierbei können wir es unmöglich bewenden lassen. Setzt sich besagtes „qui“ nicht unsensibel hinweg über die ganze Vielfalt von nichtheterosexuellen Orientierungen und nichtbinären Geschlechtsidentitäten? Welcher Asexuelle will schon mit Schwulen und Lesben, mit Bi- und Pansexuellen in einen Topf geworfen werden? Welcher gewöhnliche Homosexuelle mag sich über einen Kamm scheren lassen mit Leuten, deren sexuelle Vorlieben auf Kinder, Tiere oder Leichen zielen? Laut Medical News Today gibt es über 25 verschiedene Sexualitäten. Höflichkeit und Empathie gebieten es, sie alle separat anzusprechen, damit sich niemand ausgeschlossen, niemand in seiner besonderen Diversität unbeachtet und mit Andersartigen in dieselbe Schublade gepfercht fühlen muss. Zugegeben, Reden und Texte werden dadurch ein bisschen länger als gewohnt – aber so viel Zeit sollte uns ein höheres, genderpolitisch korrektes Bewusstsein doch wert sein, nicht wahr? Im nächsten Schritt müssen wir uns den bestimmten Artikel vorknöpfen: eine schier unerschöpfliche Quelle von sexistischen Herabwürdigungen. Ist es nicht eine ungeheuerliche Zumutung, dass der Mut, der Verstand männlich sein soll, die Schwäche, die Dummheit hingegen weiblich? Lasst uns von den Engländern lernen! Wozu eine hirnrissige „der-die-das“-Dreifaltigkeit, wo doch ein einziger Artikel vollauf genügt! Die Akademie für antidiskriminierende Grammatikoptimierung (AAGO) schlägt dafür ein geschlechtsneutrales „sus“  vor – „sus Mitbürger, sus Mitbürgerin, sus Mitbürgequi-lesb, sus Mitbürgequi-pan, sus Mitbürgequi-pädo“ undsoweiter. Schluss mit Schriftzeichensexismus! Auf einen noch haarsträubenderen Skandal hat uns dankenswerterweise das Institut für sublimen Schriftzeichensexismus (ISSS) aufmerksam gemacht. Wie ISSS-Forschende in hochwertigen kontrollierten Studien herausfanden, neigen weibliche Leser:innen dazu, den Buchstaben „l“, wie auch ein großgeschriebenes „I“, über kurz oder lang mit einem erigierten Penis zu assoziieren – und zwar umso häufiger und intensiver, je mehr Zeit sie haben, die Möglichkeit dieses Zusammenhangs ungestört zu bedenken. Die Kombination eines obszön steilgestellten Strichs mit einem daraufgesetzten Punkt – wie im „i“ -, ließ 74,39 Prozent aller derart sensibilisierten Betrachterinnen innerhalb eines 60-minütigen Kontemplationszeitraums unwillkürlich an eine Ejakulation denken; im Ausrufezeichen „!“ erkannten 58,12 Prozent einen pinkelnden Schniedel. Weniger ausgeprägt zeigten sich derartige Phänomene auch bei Buchstaben, in denen sich ein emporgereckter Strich mit weiteren Elementen verbindet, etwa im „B“, im „D“, im „H“, im „K“, im „L“, im „M“, im „N“, im „P“ oder im „T“. Vom „V“ und „W“ war es nach weiteren 30 Minuten Bedenkzeit für 17,32 Prozent nur ein imaginativer Katzensprung bis zur grässlichen Vorstellung, von zwei bis drei Tätern exhibitionistisch bedrängt zu werden. Männliche Probanden wiederum tendieren dazu, nach ausreichender Bedenkzeit bei einem kleinen oder großen „O“ an eine Vagina zu denken, wie das ISSS an minimalen Größenveränderungen gewisser Schwellkörper messtechnisch hochsignifikant verifizieren konnte. Am ausgeprägtesten trat dieser Effekt bei jenen Versuchspersonen auf, die generell dazu neigen, beim Anblick von offenen Kreisen und Halbkugeln binnen weniger als 120 Sekunden an weibliche Geschlechtsteile zu denken. Somit besteht zweifelsohne die Gefahr, dass die Konfrontation mit Schriftsprache bei weiblichen Lesern permanent Vergewaltungsängste oder –erinnerungen mikrotriggert und Minitraumata heraufbeschwört, während sie bei männlichen Lesern ein latentes Sexismuspotential der widerlichsten Sorte weckt. Mit solchen sprachimmanenten Versuchungen muss endlich Schluss sein! Weg mit all den subtil obszönen „l“s und „i“s, „D“s, „H“s „K“s und „T“s, mit kleinen und großen „O“s! Lasst uns das Alphabet entsexualisieren! Somit, liebe Erwachtinnen, Erwachte und Erwachqui, lesen sich die ersten beiden Sätze dieser Rede in der final entsexualisierten Fassung folgendermaßen: „Ass uns feern aen wr nch Grßarges, ja geraezu evouonäres errec, un as n aemerauener Gescwnge: sus ffenche Sracewusssen auf en ganz neues veau zu een?“ In diesem Sinne: Packen wir´s an! Let´s Woke the World!“ (Harald Wiesendanger) P.S.1: Wer meint, meine Glosse übertreibe, der ist vermutlich noch nicht über das Lebenswerk des nichtbinären Sprachwissenschaflers Lann Hornscheidt gestolpert: Er schlägt vor, Endungen mit “-x” zu bilden, anstelle der beiden geschlechtsspezifischen Endungen -er und -in: einx gutx Lehrx (ein guter Lehrer/eine gute Lehrerin). Der Wiener Aktionskünstler und Kolumnist Hermes Phettberg verwendet die geschlechtsneutrale Wortendung „-y“ in Verbindung mit dem grammatischen Geschlecht Neutrum: das Lesy für „Leser/Leserin“, mit Plural-s bei die Lesys. (Entsprechend: “das Lehry” statt Lehrer/Lehrerin.) Für Bezeichnungen, die nicht auf -er enden, fügt er das -y dem ganzen Wort hinzu: das Ingenieury, die Köchys, die Studentys. Nein, das ist kein Aprilscherz. P.S.2: Warum wird in diesem Blog nicht gegendert? Weil ich seit meiner Schulzeit weiß, dass grammatikalisches und natürliches Geschlecht nichts miteinander zu tun haben, verzichtet KLARTEXT auf woke Sternchen, Doppelpunkte, Schräg- und Unterstriche. Auch das neuerdings inflationär missbrauchte Gerundiv, um dem vermeintlich männlichen Plural zu entkommen und Geschlechtsneutralität herzustellen (“Lesende”, “Studierende”, “Lehrende”, “Richtende”, “Fußgehende”, “Kochende”, “Radfahrende”), vermeide ich. Bloß von "Lesern" zu schreiben, bedeutet selbstverständlich keineswegs, dass man weibliche ausschließt – das Maskulinum ist geschlechtsübergreifend. Wer sich von so viel Zeitgeistlosigkeit psychisch destabilisiert fühlt, ist in den Therapiecamps meiner Stiftung Auswege herzlich willkommen, falls ihm die folgende Lektüre nix nützt: Alexander Glück: Gendern wird nichts ändern - Fünfzig wertschätzende Argumente gegen die gewaltsame Deformierung unserer Sprache - in reformneutraler Rechtschreibung (2023).

  • Antistar mit Riesenherz

    Kein Schicksal ist schlimm genug, sich davon unterkriegen zu lassen. Und Reichtum verpflichtet. Für beide Maximen steht der Schauspieler Keanu Reeves ebenso glaubwürdig wie bewundernswert. Du vermisst Vorbilder? Hier wäre eines. Er war drei, als sein Vater ihn verließ. Mit drei verschiedenen Stiefvätern wuchs er auf – bis zur nächsten Scheidung dauerte es nie länger als vier Jahre. Bis er vierzehn war, hatte ihm der unstete Lebensweg seiner Mutter drei große Umzüge beschert: von Beirut über Sydney nach New York, von dort nach Toronto. Vier verschiedene High Schools besuchte er, von einer flog er wegen mangelhafter Disziplin. Er leidet an Legasthenie. Aus seinem Jugendtraum, Eishockeyspieler zu werden, wurde nichts. Mit siebzehn brach er die Schule ab, um Schauspieler zu werden; doch statt auf der Bühne zu brillieren, schlug er sich als Schlittschuhschleifer, Koch, Gärtner und Manager einer Pasta-Bude durch. Als er endlich die ersten Rollen erhielt, fiel er bei vielen Kritikern durch – sie bezeichneten seine Darbietungen als hölzern und ausdruckslos. Seine Tochter wurde tot geboren, vier Wochen vor dem errechneten Entbindungstermin; die Mutter kam 14 Monate später bei einem Autounfall ums Leben. Sein bester Freund starb 23-jährig an einer Überdosis Drogen; er brauchte Jahre, um diesen Verlust zu verkraften. Seine jüngere Schwester erkrankte an Leukämie. An alledem hätte Keanu Reeves verzweifeln können. Sich gehenlassen. An der bösen Welt verzweifeln, mit dem ungerechten Schicksal hadern. Zum Verzweifeln? Aber er ließ sich nicht unterkriegen. Hartnäckig bemühte er sich um Engagements. Schließlich bot ihm das Stadttheater von Toronto die Chance, Bühnenerfahrung zu sammeln. Mit 22 verließ er seine kanadische Heimat – mit 3000 US-Dollar, einem alten Volvo und der Adresse seines ersten Stiefvaters, eines Regisseurs. Es folgten erste Fernseh- und Kinoauftritte in Low-Budget-Produktionen. Mit der Science-Fiction-Komödie „Bill & Teds verrückte Reise durch die Zeit“, in der Rolle des trottelig-faulen Teenagers Ted, gelang ihm 1989 der Durchbruch in Hollywood. Weltbekannt machte ihn 1994 der Blockbuster „Speed“, als waghalsiger Polizist an der Seite von Sandra Bullock. Fortan erhielt er Gagen in Millionenhöhe. Die Rolle des Computerhackers Neo in der mit vier Oscars ausgezeichneten „Matrix“-Trilogie, 1999 bis 2003, machte Keanu Reeves zu einem der bestbezahlten Filmstars des Planeten. Auch als Auftragskiller John Wick in der gleichnamigen vierteiligen Filmreihe, als Familienvater in dem Erotikthriller „Knock Knock“ wurde er von der Fachpresse gelobt, von Fans enthusiastisch gefeiert. 2020 setzte ihn die New York Times auf Platz vier ihrer Liste der 25 größten Schauspieler des 21. Jahrhunderts. Anfang 2005 erhielt Reeves den Stern Nummer 2277 auf dem berühmtesten Gehweg der Filmwelt, dem Hollywood Boulevard, dem „Walk of Fame“. 2021 wurde ein Asteroid nach ihm benannt: „Keanureeves“. Auch in der Biologie fungierte er schon als Namensgeber: „Keanumycin“ heißt seit 2023 eine chemische Verbindung, die aus Vertretern der Bakteriengattung Pseudomonas isoliert wurde und für Pilze tödlich ist. Seine atemberaubende Karriere hätte Keanu Reeves längst gewaltig zu Kopf steigen können. Seinen aberwitzigen Reichtum könnte er sinnlos verprassen. Einer wie er könnte sich alles leisten. Eine eigene Karibikinsel mit riesiger Villa drauf. Eine protzige Yacht. Bodyguards und Hauspersonal in Truppenstärke. Seine Garage könnte er sich mit Luxusschlitten vollstellen. In einem Privatjet jedes noch so ferne Event der High Society ansteuern. Auf 380 Millionen US-Dollar wird sein Vermögen geschätzt. „Von dem, was ich bereits verdient habe, könnte ich die nächsten Jahrhunderte leben“, sagt er. „Geld ist das Letzte, woran ich denke“ Aber „Geld ist das Letzte, woran ich denke“. Allüren sind Keanu Reeves fremd und zuwider. Stattdessen hat er sich für ein bescheidenes, bodenständiges Leben entschieden, in dessen Mittelpunkt etwas Unkäufliches steht. Etwas, das keinen Preis hat, aber unendlichen Wert: ein guter Mensch zu sein. Oft zeigt sich das bloß in kleinen Gesten der Mitmenschlichkeit. Eines frühen Morgens im Jahr 1997 spürten ihn Paparazzi auf, wie er in Begleitung eines Obdachlosen in Los Angeles ein paar Stunden lang spazierenging, Essen mit ihm teilte, ihm zuhörte und an seinem Leben Anteil nahm. Am 2. September 2010, seinem 46. Geburtstag, kaufte Keanu Reeves in einer Bäckerei eine Brioche, steckte eine Kerze darauf und aß sie vor dem Laden. Als Passanten  anhielten, um mit ihm zu sprechen, bot er ihnen Kaffee an. Ein paar Tassen Kaffee auszuschenken, dürfte ihn nicht viel mehr als zehn, zwanzig Dollar gekostet haben. Auf mehr als 50 Millionen Dollar hingegen belief sich seine spontane Spende an die Mitwirkenden im Hintergrund der „Matrix“-Produktion, die für Kostüme und Spezialeffekte gesorgt hatten – „die wahren Helden der Trilogie“, wie er sie nannte. Jedem Stunt (Wo)Man von „Matrix Reloaded“ schenkte er ein 15.000 Dollar teures Harley-Davidson-Motorrad, was ihm zusammengerechnet weitere Millionen Dollar wert war; alle 800 Mitwirkenden am Set erhielten von ihm eine teure Flasche Champagner – die Gesamtrechnung hierfür belief sich auf 50.000 Dollar. Einem Kulissenbauer, von dessen Geldnöten er erfahren hatte, überreichte er als Weihnachtspräsent 20.000 Dollar. Für mehrere erfolgreiche Filme verzichtete Reeves auf bis zu 90 Prozent seines Honorars, damit die Produzenten weitere Stars engagieren konnten. So konnte Al Pacino an dem Mystery-Thriller „The Devils´s Advocate“ erst mitwirken, nachdem Reeves den Produzenten dafür zwei Millionen Dollar abtrat. Der Überlebenskampf seiner leukämiekranken Schwester Kim bewegte Reeves dazu, eine eigene Krebsstiftung ins Leben zu rufen, die Kinderkrankenhäuser und Forschung unterstützt. (1) 80 Millionen US-Dollar – dieser Betrag entspricht 70 Prozent seiner „Matrix“-Gage -, verwendete Keanu Reeves bislang dafür. Aber „ich mag es nicht, meinen Namen damit zu verbinden, ich lasse die Stiftung einfach tun, was sie tut", erklärte Reeves im Interview mit dem Ladies Home Journal 2009. Darüber hinaus spendet Reeves an SCORE (Spinal Cord Opportunities for Rehabilitation Endowment), eine Wohltätigkeitsorganisation, die Eishockeyspieler mit Wirbelsäulenverletzungen unterstützt. Kranke Kinder liegen Keanu ganz besonders am Herzen. Millionen Dollar ließ er unter anderem der kanadischen SickKids Foundation zukommen, um ein hochmodernes Krankenhaus zu bauen, das neue Heilmethoden erforschen und kleinen Patienten eine optimale Versorgung bieten soll. Reeves soll sich vorgenommen haben, für die SickKids 1,5 Milliarden Dollar zu sammeln. Auch für die Rechte von Tieren setzt sich Keanu Reeves ein. Immer wieder betont er, wie sehr er Tiere liebt - und wie sehr sie es verdienen, freundlich behandelt zu werden. Über eine Million Dollar spendete er deswegen der Tierschutzorganisation PETA. Am liebsten hilft er stillschweigend Mit alledem will er kein gefeierter Gutmensch sein, der darauf aus ist, möglichst lauten Applaus für demonstrative Mildtätigkeiten einzuheimsen. Er bestellt keine Reporter und Kamerateams ein, um seine gemeinnützigen Gesten öffentlichkeitswirksam zu inszenieren. Als „Hollywoods ultimativen Introvertierten“, als „entsetzlich schüchternen“ Workaholic und „undurchschaubar“ charakterisiert ihn das Time Magazine: „Könnte er als einer der reichsten Menschen in einer Stadt, in der Ruhm und Geld die wichtigsten natürlichen Ressourcen sind, auch einer der einsamsten sein?“ (2) Sein Manager und Produzent Erwin Stoff, der Reeves seit dessen 13. Lebensjahr kennt, rätselt immer noch über ihn: "Er hat für sich selbst eine Art und Weise perfektioniert, sich von Menschen fernzuhalten.“ Keanu Reeves mag es nicht, interviewt zu werden, weil es für ihn darauf hinausläuft, "mit Fremden über mein Privatleben reden" zu müssen. „Ich bin nicht daran interessiert, jemandem zu zeigen, was hinter dem Vorhang ist. Ich sehe mir gerne eine gute Dokumentation darüber an, wie etwas gemacht wurde - ich will nur nicht, dass es mein Leben ist." Beim Anblick eines Wandgemäldes in Santiago de Chile, das ihn zum zweiten Jesus verklärt (s.o.), dürften ihm eher die Haare zu Berge stehen. Am liebsten hilft er stillschweigend. Er tut dies, weil es sich für ihn gut und richtig anfühlt. Wie Keanu Reeves lebt, so schreibt er. Sein Buch Ode to Happiness (2012), zur Zeit nur noch zum irren Preis von 198 Euro bzw. 944,67 Euro erhältlich (Stand 13.2.2024), ist keine biografische Selbstbeweihräucherung – es soll undogmatisch Weisheiten vermitteln, die zum Nachdenken anregen. Der Autor erläutert darin, wie man mit schwierigen Lebensumständen umgehen kann – und alles nicht so ernst nehmen sollte. Dazu führt Reeves einen melancholischen inneren Dialog, den er subtil auf die Schippe nimmt. (3) Zwar gehört er keiner Religion an, bezeichnet sich aber als „sehr spirituell“ und fühlt sich zum Buddhismus hingezogen. „Die meisten Dinge, die ich vom Buddhismus mitgenommen habe, sind menschlicher Natur - das Verstehen von Gefühlen, von Vergänglichkeit, wie auch das Bemühen, andere Leute zu verstehen und zu wissen, woher sie kommen." (4) Der Name Keanu kommt aus dem Hawaiianischen (ke anu), er bedeutet „der Kühle“ – womit er ganz und gar nicht zur Herzenswärme seines prominentesten Trägers passt. Es sind großzügige, empathische Mitmenschen wie Keanu Reeves, die meiner Stiftung Auswege das Helfen überhaupt erst ermöglichen. (Harald Wiesendanger) Anmerkungen 1        https://www.buzzfeed.at/buzz/popkultur/wick-keanu-reeves-bester-mensch-charity-leukaemie-matrix-john-91215993.html , aufgerufen am 13. Februar 2024; https://www.gala.de/stars/news/keanu-reeves--er-spendet-hohe-gagensumme-fuer-schicksal-seiner-schwester-22577074.html , aufgerufen am 13. Februar 2024 2        Lev Grossman: "Keanu Reeves: The Man Who Isn't There". Time 14.2.2005, abgerufen am 13.2.2024. 3        Im Jahr 2016 folgte Shadows. Darin philosophiert Reeves über das Wesen des Schattens – als projizierte Figur, aber auch als Metapher für die dunklen, unbewussten Abgründe eines Menschen, in denen er Geheimnisse verbirgt oder verdrängt. 4        "Keanu Reeves on the small screen". Foundation for the Preservation of the Mahayana Tradition, Mandala Publications. Juni 2001. Bildnachweis Titelbild: Collage aus Porträtfoto Keanu_Reeves_2013_(10615146086)_(cropped)By Anna Hanks from Austin, Texas, USA - Keanu Reeves & Tiger Chen & Tim League, CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=83644147 + Foto krebskrankes Kind (Freepik). Im Text: Collage aus Porträtfoto Reeves (By Governo do Estado de São Paulo - Reunião com o ator norte-americano Keanu Reeves, CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=83910220) und dem Foto eines Wandgemäldes von Keanu Reeves in Santiago de Chile (By Carlos Teixidor Cadenas - Own work, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=114124986)

  • Der Scharlatan Seiner Majestät

    Englands König hat Krebs. Prompt treibt Leitmedien einhellig die Sorge um: Wird Alternativmedizin ihn umbringen? Schließlich schwört er auf sie, sein Leibarzt ebenfalls. Am Montag, 5. Februar 2024, ließ der Buckingham-Palast die Bombe hochgehen: König Charles III. ist an Krebs erkrankt. Womöglich die Prostata? Die Klatschpresse weiß nichts Genaues. Eines jedoch meint sie auf jeden Fall zu wissen: Ihre Majestät schwebt in allerhöchster Gefahr. Denn seit den achtziger Jahren tritt er als entschiedener Befürworter der Alternativmedizin auf, insbesondere der Homöopathie. (1) Diese sollte ins National Health System (NHS), das staatliche Gesundheitssystem Großbritanniens, einbezogen werden, so forderte er wiederholt. (2) 2019 übernahm er die Schirmherrschaft der „Londoner Fakultät für Homöopathie“. (3) Der Schulmedizin steht Charles eher distanziert gegenüber. Er sei stolz darauf, als „Feind der Aufklärung“ beschimpft zu werden, so bekannte er 2010. (4) 2004 hatte er sich öffentlich für Kaffee-Einläufe und reichlich Fruchtsaft bei Krebs ausgesprochen – „bizarr“, wie die Bild-Zeitung findet. (5) Ab 2008 vermarktete Charles Duchy Herbals Detox Tincture, ein Nahrungsergänzungsmittel mit Artischocke und Löwenzahn, das einer „Entgiftung “ dienen sollte. (6) Britische Gesundheitsexperten bezeichneten die Wirkung als „nicht plausibel, unbewiesen und gefährlich“, ja als „Quacksalberei“. (7) In seinen „esoterischen“ Extravaganzen bestärken lässt sich der König von einem Arzt, den er seit 22 Jahren zu seinen engen Beratern zählt: Dr. Michael Dixon. 2022 ernannte Charles ausgerechnet ihn zum Leiter des medizinischen Teams der Königsfamilie, der „Palast-Praxis“. Auch Dixon befürwortet Homöopathie, hält viel von Aromatherapie und Heilkräutern. Wie der journalistische Boulevard herausgefunden haben will, schreckt Dixon nicht einmal davor zurück, mit Teufelskralle und Ziegenkraut zu therapieren. Ja, skandalöserweise arbeitet er sogar mit Geistheilern zusammen. Für die Journaille ein gefundenes Fressen Als bekannt wurde, wen der König da zu seinem persönlichen Leibarzt auserkoren hatte, hagelte es geharnischte Kritik. Der Guardian zitierte Wissenschaftler und Ärzte, welche die Personalie „besorgniserregend und unangemessen“ fanden. Doch Charles ließ sich nicht beirren. „Dr. Dixon glaubt nicht, dass Homöopathie Krebs heilen kann“, so bezog das Königshaus öffentlich Stellung. „Aber er vertritt die Position, dass komplementäre Therapien eingesetzt werden können, vorausgesetzt, sie sind sicher, angemessen und evidenzbasiert.“ Wie viel Erfahrung und Sachkenntnis Dr. Dixon für seine Leitungsposition im Royal Medical Household mitbringt, hat bisher keine Redaktion gewürdigt – dass er ein Scharlatan sein muss, stand von vornherein fest. Seit vierzig Jahren leitet er in Cullompton, Grafschaft Mid Devon, eine große hausärztliche Praxisgemeinschaft, in der er gemeinsam mit sieben Ärztekollegen ein Gebiet von 1600 Quadratkilometern mit rund 13’500 Patienten medizinisch betreut. Hier machte er sich einen Namen als Pionier des Social Prescribing: des „sozialen Miteinanders auf Rezept“, um nichtmedizinischen, aber für die körperliche und psychische Gesundheit von Patienten bedeutsamen Bedürfnissen gerecht zu werden. Die Care Quality Commission des Nationalen Gesundheitsdienstes (NHS) zeichnete Dixons Praxis als „exzellent“ aus. Achtzehn Jahre lang, von 1998 bis 2015, war Dixon Vorsitzender der NHS Alliance. Deren Aufgabe ist es, bei der Planung von Krankenhäusern und kommunalen Gesundheitsdiensten den Allgemeinmedizinern und ihren Patienten „eine Stimme zu geben“. Darüber hinaus war Dixon Honorary Research Fellow an den Universitäten Exeter und Birmingham, mit Komplementärmedizin als Forschungsschwerpunkt. Sein anregendes Buch The Human Effect in Medicine. Return of the Physician Healer - Theory, Research and Practice erschien 2000. Darin wirbt er für eine „patientenzentrierte Medizin“, welche den Selbstheiler im Kranken zu wecken versteht. Ab 1992 ließ Dixon in seinem Ärztezentrum stundenweise eine Geistheilerin mitarbeiten - insbesondere bei chronisch Kranken, denen anscheinend weder mit Schulmedizin noch mit unkonventionellen Maßnahmen anderer Art mehr zu helfen war. Vielbeachtete Berichte darüber veröffentlichte Dr. Dixon in angesehenen ärztlichen Fachzeitschriften wie dem British Journal of General Practice (45/1995 und 49/1999) sowie dem Journal of the Royal Society of Medicine (91/1988). Zu Harald Wiesendangers Anthologie Geistiges Heilen in der ärztlichen Praxis trug Dr. Dixon einen Essay bei, der bei unvoreingenommenen Lesern keineswegs den Eindruck hinterlässt, er stamme von einem esoterischen Spinner. (8) Würde Dr. Dixon Geistiges Heilen selbst bei Krebs empfehlen? Vermutlich ja, und er hätte gute Gründe dafür. (9) Zum 1001. Mal  die  Gebetsmühle gedreht Ist Dr. Dixons Ruf ruiniert, weil er Homöopathie ernstnimmt und einsetzt? Der aktuelle Forschungsstand blamiert eher die Rufmörder, einen gewissen Karl Lauterbach vorneweg. (Siehe KLARTEXT „Homöopathie ‚nutzlos‘?“) Erst kürzlich bestätigte der erste systematische Review (10) zu allen sechs vorliegenden Meta-Analysen von kontrollierten Homöopathiestudien: Globuli wirken besser als Placebos. Die methodische Qualität der ausgewerteten Studien stand schulmedizinischen keineswegs nach. (11) Homöopathika wirken im übrigen auch auf Zellen und Pflanzen, die eher nicht im Verdacht stehen, Überzeugungen über Arzneimittelwirkungen zu hegen und dazu zu neigen, auf Placebos hereinzufallen. (12) Und auch die 1001. Umdrehung der Gebetsmühle macht das vermeintliche Killerargument nicht durchschlagender: “Das kann unmöglich wirken, weil die Verdünnung viel zu hoch ist”. Das Prinzip, nach welchem Homöopathika wirken, hat Prof. Stephan Baumgartner vom Institut für Integrative Medizin der Universität Witten/Herdecke unlängst in Laborexperimenten eingehend untersucht, nach hohen wissenschaftlichen Standards: verblindet, randomisiert, kontrolliert, multizentrisch wiederholt. Mittels Kupferchlorid ließ er eine Lösung mit (D30) und ohne potenzierte Substanz auskristallisieren; dann analysierte er die entstandenen Muster mittels einer KI-Software. Die künstliche Intelligenz fand signifikante Unterschiede, selbst wenn keine Moleküle mehr nachweisbar waren. (13) Das “Potenzieren” – Verdünnen und Dynamisieren in regelmäßiger Abfolge – scheint die elektromagnetische Struktur von Wasser zu verändern. (14) Teufelskralle und Ziegenkraut: selbstverständlich Humbug? Wie abwegig ist, was Dr. Dixon ansonsten therapeutisch hilfreich findet, je nach Krankheitsbild? Aromatherapie setzt ätherische, leicht flüchtige  Öle ein, die aus Pflanzenteilen gewonnen werden; sobald sie mit Luft in Berührung kommen, löst sich ihre Flüssigkeit im Nu auf, und ihr Duft verbreitet sich im Raum. Eingeatmet wirken sie unmittelbar aufs Gehirn – und wirken sich wohltuend aus, körperlich wie psychisch. Für Massageöle, Kräuter- und Blütenbäder, Umschläge und Inhalationen eingesetzt, lindern sie erfahrungsgemäß vielerlei Beschwerden – von Hautausschlag über Hämorrhoiden und Harnwegsinfekten, Menstruations- und Wechseljahresbeschwerden bis zu Schlafstörungen, Ängsten und Depressionen. Sowohl die alten Ägypter als auch traditionelle chinesische Ärzte nutzten sie schon vor Jahrtausenden. Im Grunde gehören sie in jede Hausapotheke. (15) „Teufelskralle“: das klingt wie aus einer mittelalterlichen Hexenküche, und diese lächerliche Assoziation ist natürlich beabsichtigt. Sie beim wissenschaftlichen Namen zu nennen - Harpagophytum procumbens –, klänge zu seriös, die billige Polemik liefe ins Leere. Dabei werden die Wurzeln des Sesamgewächses, das in den Savannen Afrikas gedeiht, seit langem medizinisch genutzt (16), etwa bei Arthrose und anderen Einschränkungen der Beweglichkeit, bei vielerlei Schmerzen, Geschwüren und Wunden. Ihre Bitterstoffe regen den Appetit an und fördern die Verdauung. (17) Zur Verwendung als traditionelles pflanzliches Arzneimittel hat selbst das Komitee für pflanzliche Medizinprodukte der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) die Teufelskralle offiziell anerkannt. (18). Vermutet man „Ziegenkraut“ nicht eher in Methusalix´ Zaubertranktopf als in einer modernen Apotheke? Auch sein Zweitname „Elfenblume“ eignet sich vortrefflich dazu, lächerliche Assoziationen zu wecken – und darüber hinwegzutäuschen, welch wertvolle therapeutische Dienste das Berberitzengewächs, dank seines Inhaltsstoffs Icarin, seit Jahrhunderten in der Volksmedizin leistet. Die traditionelle chinesische Medizin setzt es vor allem bei Rheumatismus ein, wie auch gegen hohe Cholesterinwerte und verstopfte Arterien; Frauen nach der Menopause hilft es gegen Bluthochdruck und Osteoporose. (19) Und ja, Artischocke und Löwenzahn, zwei altbewährte Heilpflanzen, sind der Gesundheit in der Tat förderlich, wie die Volksmedizin seit Jahrhunderten besser weiß als der Otto Normalversteher unter heutigen Medizinjournalisten. Insbesondere entgiften und schützen sie die Leber. Hat Seine Majestät eine Meise, wenn sie auf Kaffee-Einläufe schwört? Nein, sie weiß bloß Bescheid. Weil Kaffee entgiftet, eignet er sich zur Darmreinigung. Für Einläufe besorgt man ihn sich freilich nicht bei Tchibo, sondern verwendet den noch grünen, ungerösteten. Schon der deutsche Arzt Dr. Max Gerson (1881-1959) behandelte in den dreißiger Jahren auf diese Weise degenerative Erkrankungen wie Hauttuberkulose, Diabetes - und vor allem Krebs. Auch zur Entgiftung der Leber eignen sich Kaffee-Einläufe vorzüglich. Fruchtsäfte bei Krebs? Betroffenen liefern sie reichlich Vitamine, die das Immunsystem stärken, auch im Abwehrkampf gegen entartete Zellen - besonders C, D und E, entgegen anderslautender Gerüchte. Mit alledem therapiert Dr. Dixon nicht „alternativ“, sondern komplementär: Er will bewährte Schulmedizin keineswegs ersetzen, wohl aber undogmatisch ergänzen, wo dies erfahrungsgemäß nützt. Wie kommt das Königshaus dazu, so etwas „evidenzbasiert“ zu nennen? Es kann, weil es anscheinend besser verstanden hat als seine Kritiker, wie viel der Begriff der Evidenz umfasst: nicht nur, was erst klinische Studien zum Vorschein bringen, sondern ebenso den gesammelten Erfahrungsschatz von Ärzten und Behandelten. Was hat die Schulmedizin Seiner Majestät zu bieten? „Umstritten“ ist das Adjektiv, das in Pressetexten momentan mit Abstand am häufigsten vor Dixons Namen steht. Wäre es im Zusammenhang mit jener pharmalastigen, technophilen, profitorientierten Medizin, die unser Gesundheitswesen beherrscht, etwa weniger angebracht? (20) Kein einziges „Qualitätsmedium“, das den königlichen Leibarzt an den Pranger stellte, hat bislang auch nur ansatzweise hinterfragt, was Englands König denn zu erwarten hätte, falls er auschließlich auf Schulmedizin setzen würde. Dass diese garantiert die aussichtsreicheren, sichereren Waffen gegen Krebs zu bieten hätte, ist seit eh und je ein lukratives PR-Märchen, gestreut durch Heerscharen von Lobbyisten. Natürlich sind Operationen oftmals sinnvoll, weil dabei möglichst viel Tumormasse entfernt wird – aber nicht immer ratsam, falls sie zu Verstümmelungen führen, die Lebensqualität zerstören. Die Erfolgsaussichten einer Chemotherapie sind erfreulich gut bei Leukämie, lymphatischen Krebsarten und Hodenkrebs, bei vielen anderen Krebsarten hingegen erheblich niedriger als versprochen: nämlich bei den meisten Organtumoren wie Leberkrebs, Nierenkrebs, Lungenkrebs, Hautkrebs sowie bei Brustkrebs in fortgeschrittenem Stadium. Wirklich Verlass ist nur auf ihre üblen Nebenwirkungen. Intensive Bestrahlung führt oft zu schweren Spät- und Dauerschäden. Auch die sündhaft teuren Immunonkologika, als „neue Wunderwaffen“ gefeiert, können massive Kollateralschäden mit sich bringen. Trotzdem würde kein verantwortungsbewusster Komplementärmediziner - und Dr. Dixon ist wahrlich einer - dem König von konventioneller Krebsmedizin pauschal abraten. Im Unterschied zu seinen Verleumdern weiß so jemand allerdings, wie sie sich „alternativ“ ergänzen und unterstützen lässt. Um beispielsweise Nebenwirkungen einer Chemotherapie zu dämpfen, könnten Charles III. Bitterstoffe gegen Appetitlosigkeit helfen, das homöopathische Mittel Nux vomica gegen Übelkeit und Erbrechen. All dies und mehr würde Dr. Dixon wohl liebend gerne seinen Rufmördern erläutern, um ihre klaffenden Bildungslücken zu schließen. Wann darf er endlich zu Wort kommen? (Harald Wiesendanger) Anmerkungen 1 Sarah Boseley: “Prince Charles: I use homeopathy in animals to cut antibiotic use”, The Guardian, 12. Mai 2016, abgerufen am 10. Februar 2024; Brian Brady: “He’s at it again: Prince Charles accused of lobbying health secretary over homeopathy”, The Independent, 21. Juli 2013, abgerufen am 10. Februar 2024; Edzard Ernst: “What Prince Charles tells us about complementary medicine -   an essay by Edzard Ernst”,  British Medical Journal (Clinical research ed.), Band 376, 21. Februar 2022, S. o310, doi:10.1136/bmj.o310, PMID 35190373. 2  »Was er sich rauspickt, ist alles Quacksalberei« , Der Spiegel, 15. September 2022, abgerufen am 10. Februar 2024. 3  Haroon Siddique: “Prince Charles becomes patron of homeopathy group”, The Guardian, 25. Juni 2019, abgerufen am 10. Februar 2024. 4  “Prince proud to be 'enemy of Enlightenment'”,  Yorkshire Post, 4. Februar 2010, abgerufen am 10. Februar 2024. 5 Bild, 8.2.2024, S. 3. 6  Sarah Boseley: “Make-believe and outright quackery”—expert’s verdict on prince’s detox potion”, The Guardian, 10. März 2009, abgerufen am 10. Februar 2024. 7  Sarah Boseley: “Make-believe and outright quackery …”, a.a.O. (s. Anm. 6); Robert Booth: “Prince Charles’s aide at homeopathy charity arrested on suspicion of fraud”, The Guardian, 26. April 2010, abgerufen am 10. Februar 2024. 8  Michael Dixon: „Was bringt Geistiges Heilen für chronisch Kranke? Erfahrungen aus einem englischen Ärztezentrum“, in Harald Wiesendanger (Hrsg.): Geistiges Heilen in der ärztlichen Praxis – Damit die Humanmedizin humaner wird, 5. erw. Aufl. 2005, S. 71-76. 9 Siehe dazu Harald Wiesendanger: Geistiges Heilen bei Krebs – Ein unkonventioneller Ausweg, Schönbrunn 2004. Zur „Evidenzbasis“ Geistigen Heilens allgemein s. H. Wiesendanger: Das Große Buch vom Geistigen Heilen - Möglichkeiten, Grenzen, Gefahren, 4. Aufl. 2004; H. Wiesendanger: Fernheilen, Band 2: Fallbeispiele, Forschungen, Einwände, Erklärungen, 2004 10  H. J. Hamre u.a.: „Efficacy of homoeopathic treatment: Systematic review of meta-analyses of randomised placebo-controlled homoeopathy trials for any indication“, Systematic Reviews 2023; 12(191). DOI 10.1186/s13643-023-02313-2; https://doi.org/10.1186/s13643-023-02313-2; als PDF: https://link.springer.com/content/pdf/10.1186/s13643-023-02313-2.pdf 11  Robert T. Mathie u.a.: „Randomised placebo-controlled trials of individualised homeopathic treatment: Systematic review and meta-analysis“, Systematic Reviews December 2014, 3(1):142, DOI:10.1186/2046-4053-3-142; Robert T. Mathie u.a.: „Clinical Evidence for Homeopathy“ (2017), NHS Specialist Pharmacy Service; Robert T. Mathie u.a.: „Model validity of randomised placebo-controlled trials of non-individualised homeopathic treatment“, Homeopathy 2017 Nov;106(4):194-202, doi: 10.1016/j.homp.2017.07.003, https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/29157469/ 12  C. M. Witt/S: Baumgartner u.a.: „The in vitro evidence for an effect of high homeopathic potencies – a systematic review of the literature“, Complementary Therapies in Medicine 2007, 15(2):128-138, https://doi.org/10.1016/j.ctim.2007.01.011; A. Ucker u.a.: „Systematic review of plant-based homeopathic basic research: an update“, Homeopathy 2018, 107(2):115-129, DOI: 10.1055/s-0038-1639580; A. Ucker/S. Baumgartner u.a.: „Critical Evaluation of Specific Efficacy of Preparations Produced According to European Pharmacopeia Monograph 2371“, Biomedicines 2022, 10(3): 552, doi: 10.3390/biomedicines10030552 13  A. Ucker/S. Baumgartner u.a.: „Critical Evaluation of Specific Efficacy of Preparations Produced According to European Pharmacopeia Monograph 2371“, Biomedicines 2022, 10(3): 552, doi: 10.3390/biomedicines10030552 14  C. M. Witt/S: Baumgartner u.a.: „The in vitro evidence for an effect of high homeopathic potencies – a systematic review of the literature“, Complementary Therapies in Medicine 2007, 15(2):128-138, https://doi.org/10.1016/j.ctim.2007.01.011 15  Näheres: https://www.zentrum-der-gesundheit.de/bibliothek/naturheilkunde/aetherische-oele-uebersicht/aetherische-oele, https://www.naturheilkunde.de/naturheilverfahren/aroma-therapie.html 16  Volker Fintelmann/Rudolf Fritz Weiss: Lehrbuch der Phytotherapie, 11. Auflage, Stuttgart 2006, S. 276–277. 17  Näheres: https://www.medikamente-per-klick.de/apotheke/heilpflanze/teufelskralle/#:~:text=Die%20Teufelskralle%20(Harpagophytum%20procumbens)%20ist,verleiht%20Gerichten%20eine%20bittere%20Note; https://www.apotheken-umschau.de/medikamente/heilpflanzen/lindert-teufelskralle-gelenkschmerzen-733503.html; https://de.wikipedia.org/wiki/Afrikanische_Teufelskralle#Verwendung 18  “Teufelskrallenwurzel”, Sachverständigen-Ausschuss für Apothekenpflicht des Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte, abgerufen am 10. Februar 2024. 19  Näheres siehe  https://www.nq-online.de/anzeige-ziegenkraut-anbau-wirkung-wunderstrauches-id526748.html , https://de.wikipedia.org/wiki/Elfenblumen#Sonstige_Verwendung_und_Inhaltsstoffe 20  Siehe Harald Wiesendanger: Das Gesundheitsunwesen - Wie wir es durchschauen, überleben und verwandeln, Schönbrunn 2019. Porträtfoto Michael Dixon: By Issikkles - Own work, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=46386184

  • Lithium für alle?

    Lithium, ein altbewährtes Antidepressivum, täte nicht bloß psychisch Kranken gut, so meint ein Fachmann für Nahrungsergänzungsmittel nach einem Selbstversuch. Einen Stimmungsaufheller könnte die bedrückte Republik wahrlich gut gebrauchen – vorausgesetzt, es drohen keine Nebenwirkungen. Gerade mal einen Millimeter lang und sieben Hundertstel Millimeter dick, bakterienfressend im Erdboden gemäßigter Klimazonen unterwegs, meistens schon nach 20 Tagen tot: So ein kurzlebiger Winzling scheint zu einem überaus belanglosen Dasein verdammt. Für Caenorhabditis elegans jedoch, einen Fadenwurm, gilt dies mitnichten. Seit über sechzig Jahren ermöglicht er als Modellorganismus forschenden Biologen und Medizinern bahnbrechende Erkenntnisse. Eine davon fesselte die Aufmerksamkeit von Lorenz Borsche, einem Hobbyforscher aus Heidelberg, dessen Neugier immer schon viel zu groß war, als dass ein einziger Tätigkeitsbereich ausgereicht hätte, sie zu befriedigen. Physik und Mathe hatte er zunächst studiert, dann Soziologie und Politologie. Bald darauf befasste er sich beruflich mit Energie- und Umweltforschung, Laborsoftware, Produktionsplanungs- und Steuerungssystemen, Internetshops und Marktforschung. Über ein Vierteljahrhundert Lebenszeit widmete er dem Verkauf des gedruckten Worts; er gründete und leitete die größte Genossenschaft im deutschen Sortimentsbuchhandel. Dann wechselte er in den erfüllten Unruhestand, machte Gesundheit zum Hauptthema, entdeckte sein Autorentalent, veröffentlichte 2018 ein erstes Buch über Zucker – Tödliche Versuchung. (1) Drei Jahre später folgte sein zweites: Nahrungsergänzung im Selbstversuch. (2) Und ab Seite 81 dieses Buchs wird klar, wie Caenorhabditis elegans, jenes unscheinbare Würmchen, es geschafft hat, für Lorenz Borsche bedeutsam zu werden. Das war 2017. Da stieß Borsche auf Studienergebnisse (3) einer Forschergruppe der Unis Jena und Potsdam aus dem Jahre 2011, die ihn verblüfften: Fadenwürmer der Gattung C. elegans lebten länger, wenn sie etwas Lithium ins Futter bekamen. Ohne diesen Zusatz im Nährmedium, in dem man sie hielt, segneten sie schon 12 Tage nach Versuchsbeginn das Zeitliche. Fünf Millimol Lithium verlängerten ihre Lebensspanne durchschnittlich um ein Viertel, zehn Millimol sogar um bis zu 45 %. Was schert dieser Zusammenhang einen Nichtwurm wie unsereins? Dieselben Forscher, gemeinsam mit japanischen Kollegen, zeigten in einer weiteren Studie auf: Je mehr Lithium das Trinkwasser von 19 japanischen Regionen enthielt, desto höher war dort die Lebenserwartung. Zugleich kam es dort zu weniger Suiziden. (4) Dasselbe Phänomen beschrieb eine österreichische Studie, ebenfalls im Jahr 2011. (5) Zehn Jahre später bestätigte diesen Zusammenhang eine iranische Metaanalyse von 13 Studien. Schon eine 1990 in den USA veröffentlichte Untersuchung hatte in Regionen mit erhöhten Lithiumkonzentrationen im Trinkwasser eine deutlich verringerte Suizidrate festgestellt. (6) Folgt aus alledem nicht: Die ständige Aufnahme von Lithium in niedriger Dosis kann menschliches Leben nicht bloß verlängern, sondern erheblich aufhellen? Lithium? Ausgerechnet jenes Leichtmetall, das die meisten von uns eher in Batterien, Röntgenfilmen und Kupferlegierungen, in Glas und Keramik vermuten würden als in nahrhaftem Essen? Borsche war fasziniert. Denn die Forschung, auf die er gestoßen war, betraf zwei seiner Hauptanliegen. Möglichst lange möglichst gesund leben – dazu befasste er sich schon seit längerem mit Ernährungsweisen und Nahrungsergänzungsmitteln. Und endlich besser drauf sein wollte er. Eine Frohnatur war er nämlich nicht unbedingt. Er neigte dazu, sich über Enttäuschungen und Misserfolge ausgiebig zu ärgern. Jahr für Jahr setzte ihm der “Winterblues” übel zu. Zur “dunklen Stunde”, zwischen drei und vier Uhr morgens, lag er allzu oft schlaflos im Bett, düstere Gedanken wälzend. Womöglich waren seine psychischen Tiefs familiär mitbedingt, denn “ich komme aus einer Familie, in der die bipolare Krankheit, also Manie und Depression, nicht unbekannt ist”. (7) Schon zu Borsches Jugendzeit war Lithium – in Form von Salzen wie dem Lithiumcarbonat - die Standardarznei gewesen, um bipolar schwer gestörte Patienten recht rasch, binnen weniger Wochen, aufzufangen und zu stabilisieren. Warum sollte sein Einsatz auf die Psychiatrie beschränkt bleiben? Könnte es nicht uns allen zugute kommen, gerade hierzulande? Nirgendwo ist das irdische Jammertal tiefer als zwischen Flensburg und Garmisch. Keine Bange vor Nebenwirkungen Wäre das nicht gefährlich? Eine Lithiumtherapie kann recht unangenehme Nebenwirkungen mit sich bringen: Sie reichen von Gewichtszunahme, Kreislaufproblemen, Zittern, Übelkeit und Erbrechen über Veränderungen des Blutbilds, Müdigkeit und Durchfall bis hin zu einer Unterfunktion der Schilddrüse. Eine überhöhte Dosis kann zu Herzrhythmusstörungen, Krämpfen, Nierenschäden, einem Koma führen. Schwangere, die mit zuviel Lithium behandelt wurden, brachten in seltenen Fällen Kinder mit Herzfehlern zur Welt. Aber wie überall in der Pharmazie ist es die Dosis, die das Gift macht. Für einen bipolar erkrankten 70-Kilo-Normpatienten liegt die therapeutische Tagesdosis nach einer Einschleichphase bei rund 200 Milligramm metallisches Lithium. Könnte nicht schon eine weitaus geringere Menge ausreichen, uns allen gut zu tun, und das risikofrei? Davon ist Lorenz Borsche überzeugt, seit er ängstlichen Zeitgenossen eines voraus hat: Gründlich recherchierte er den Forschungsstand. Seither weiß er: Lithium vollständig zu vermeiden, in Sorge wegen seines toxischen Potenzials, ist ohnehin ebenso unmöglich wie unnötig. Ein Liter Grundwasser enthält bis zu 500 Mikrogramm (= 0,5 mg) Lithium. In unseren Mineralwässern steckt fast immer Lithium, zumeist unter oder um ein Milligramm pro Liter, vereinzelt aber auch mehr als zehn Milligramm. Gar mit 21 Milligramm kann der Bonifaciusbrunnen im hessischen Bad Salzschlirf aufwarten. Auch über viele Nahrungsmittel nehmen wir Lithium auf. Am meisten steckt in Vollwertgetreide, Reis, Milch und Gemüse wie Zwiebeln, Knoblauch, Zuckerrüben und Kartoffeln, mit 0,5 bis 3,4 mg/kg. Wesentlich geringer ist der Lithiumgehalt von tierischen Lebensmitteln wie Fleisch, Eier und Butter; er liegt ungefähr bei 12 Mikrogramm (µg) = 0,012 mg pro Kilo. Lithium zu verteufeln, wäre folglich Humbug. Dieses Spurenelement steckt in jedem von uns, zeitlebens – offenkundig ohne uns zu schaden oder gar umzubringen. Welche Mengen wären nützlich und unbedenklich? Wie viel wäre zuviel? Das erkundet Lorenz Borsche in einem spannenden Selbstversuch: Seit fünf Jahren nimmt er täglich zehn Milligramm Lithium zu sich – ungefähr ein Zwanzigstel der Dosis, die in der Psychiatrie zum Einsatz kommt, somit fernab jeglicher Bedenklichkeit. Seither fühlt er sich wie verwandelt: ausgeglichener, gelassener, lebensfroher, viel öfter als früher in heiterer Grundstimmung. Depressive Episoden haben sich zwar nicht vollständig verflüchtigt – aber sie kommen seltener, kürzer, schwächer vor. Setzt Borsche da nicht voreilig seine Gesundheit aufs Spiel? Wie töricht ein Alltagseinsatz wäre, scheint sich bereits in den 1940-er Jahren in den USA herausgestellt zu haben. Weil Lithiumchlorid salzig schmeckt, wurde es dort als Ersatz für Kochsalz eingesetzt. Die Folge waren schwere, vereinzelt sogar tödliche Vergiftungen. Dieser Skandal verhinderte lange Zeit, dass Lithium als Psychopharmakon Karriere macht. (8) Über Langzeiteffekte einer niedrig dosierten Dauereinnahme von Lithium liegen tatsächlich so gut wie keine wissenschaftlichen Studien vor. Die braucht Lorenz Borsche aber auch nicht. Mehr als zehn Milligramm Lithium pro Tag: So viel könnten ihm bereits ein bis zwei Liter Mineralwasser liefern. Muss er davor Angst haben? In der Fachliteratur stieß Borsche auf die Einschätzung, der tägliche Lithiumbedarf des menschlichen Organismus liege bei etwa zehn Milligramm (9) – das entspräche exakt seiner gewählten Dosierung. Zugleich würde es bedeuten, dass die meisten von uns ganz erheblich unterversorgt mit diesem Spurenelement sind, wie auch mit Magnesium, Eisen, Selen, Vitamin D und B12, Folsäure (B9) und weiteren Mikronährstoffen. Im Durchschnitt nimmt ein Deutscher nämlich bloß 0,8 Milligramm Lithium auf. Das dürfte uns kaltlassen, falls Lithium “keine biologische Funktion hat”, wie Wikipedia behauptet. Doch hier streut unser “digitales Weltgedächtnis” womöglich Fake News, wie so oft, sobald es um Gesundheitsthemen geht. Unter Experten mehren sich Stimmen, die dieses Spurenelement, weil es auf vielfältige Weise unsere Gesundheit fördert, für ebenso “essentiell” erachten wie Eisen, Fluor, Jod, Kupfer, Mangan, Chrom, Molybdän, Selen und Zink. Selbst vor Demenz scheint es zu schützen. (10) “Wunderbarer Schutzschirm” – für 4 Cent pro Tag Wie kommt man an Lithium, wenn nicht als Patient? Schwer bis gar nicht, jedenfalls in den Ländern der Europäischen Union. Ein Anhang der EU-Richtlinie für Nahrungsergänzungsmittel Nem-RL, 2002/46/EG, listet alle erlaubten Vitamin- und Mineralstoffverbindungen auf – Lithium zählt nicht dazu. Internetrecherchen führen zu Versandhändlern in England, den USA und der Schweiz. Lithium aus dem Ausland zu beziehen, ist freilich teuer, obendrein riskant: Der Zoll fängt solche Warensendungen immer zuverlässiger ab. Nicht registrierte Arzneimittel zu importieren, ist zwar (noch) nicht verboten, zum persönlichen Bedarf dürfen sie in einer Drei-Monats-Dosis eingeführt werden. Bei argwöhnischen Zollbeamten vorzusprechen, ihnen die Sachlage zu erklären und den dringenden Eigenbedarf nachzuweisen, kann allerdings reichlich Nerven kosten. Auf absehbare Umstände will sich Lorenz Borsche gar nicht erst einlassen. Er beschafft sich das Mittel aus deutschen Apotheken auf Rezept, entgegenkommenderweise ausgestellt von einem verständigen Hausarzt, der Borsches Selbstversuch unbedenklich findet. Bis vor kurzem griff er zu “Lithiofor”; neuerdings ist es jedoch zumindest vom deutschen Markt verschwunden – “außer Handel” – und bloß noch in der Schweiz erhältlich, als Lithiumsulfat mit 83 mg Lithium. Hierzulande nach wie vor erhältlich sind hingegen “Quilonorm” und “Quilonum”, beide mit je 450 mg Lithiumcarbonat. Eine Tablette enthält rund 85 mg Lithium. Ein weiteres Präparat, “Hypnorex”, mit 400 mg Lithiumcarbonat, liefert 75 mg pro Tablette; bei “Neurolepsin”, mit 300 mg Lithiumcarbonat, sind es 56 mg je Tablette. (11) Mit einem Tablettenteiler stückelt Borsche die Pillen so, dass er auf täglich 10 mg kommt - das entspricht exakt jener Menge, die Forscher zum Grundbedarf erklärt haben (s.o.). Somit schluckt er nur ein Zwanzigstel der Dosis, die in der Psychiatrie zum Einsatz kommt - fernab der Gefahrenzone, aber offenbar in seiner Komfortzone, denn die dunklen Stunden, versichert er, gibt's nicht mehr. Mit umgerechnet ein paar Cent pro Tag “kaufe ich mir einen wunderbar wirksamen Schutzschirm gegen die dunklen Stunden und den immer lauernden Winterblues.” (12) Diesen “Schutzschirm” empfindet Lorenz Borsche keineswegs als pharmazeutisch-künstlich. “Für mich ist Lithium ein existenziell notwendiger Mikronährstoff”, stellt er klar. “Dessen Mangel hat nachweisliche Auswirkungen, ebenso wie ein Mangel an D3 bei Depressionen. Unser Grundzustand sollte heiter, optimistisch und empathisch sein, nicht misslaunig oder gar aggressiv. Unter Mikronährstoffmangel leiden einige Organe spezifisch. Auch unser Gehirn tut es, wenn ihm Lithium fehlt.” (13) Mit Lithium zur “Schönen neuen Welt”? Eine Psychodroge für alle? Dazu fällt einem unwillkürlich Huxleys Dystopie  einer “Schönen neuen Welt” (14) im Jahr 2540 ein, in welcher die Massen mit der Glücksdroge “Soma” ruhiggestellt werden. Mit einer ähnlichen Idee fiel kürzlich der isaelische Zukunftsforscher Yuval Harari auf, ein Vordenker des Weltwirtschaftsforums: Er sagt voraus, die Vierte Industrielle Revolution, in der Künstliche Intelligenz bald so gut wie jegliche Arbeit besser erledigt als unsereins, werde Milliarden von “nutzlosen Essern” hervorbringen. Wie stellt man sie zufrieden, solange Euthanasie ausscheidet? Wie hält man sie davon ab, sinnentleert auf systemkritische Gedanken zu kommen und aufmüpfig zu werden? Mit Computerspielen und Drogen. Solche Hintergedanken einem Lorenz Borsche zu unterstellen, wäre allerdings ebenso gemein wie daneben. In Sachen Lithium, wie bei Nahrungsergänzungsmitteln allgemein, betont er bei jeder Gelegenheit, er habe keine Patentrezepte für jedermann – vielmehr beschreibe er seinen eigenen Weg. Was für ihn persönlich genau das Richtige war, muss es keineswegs für all seine Mitmenschen sein. “Ich bin weder ein Arzt noch ein Heiler, und ich werde tunlichst vermeiden zu sagen: ‘Sie müssen nur dies und jenes tun, dann wird ganz sicher …’ Ich erzähle meine Geschichte.” (15) Im übrigen macht anhaltendes psychisches Wohlergehen nicht zwangsläufig unkritisch, im Gegenteil: Erst wer sich überwiegend wohl in seiner Haut fühlt, ist stark genug, sich mit der unheilen Welt auseinanderzusetzen. Wen erfreut nicht diese Aussicht, abgesehen vom Fadenwurm? (Harald Wiesendanger) P.S.: Bitte beachten Sie auch bei diesem Artikel den Abschnitt „Haftungsausschluss und allgemeiner Hinweis zu medizinischen Themen“ im Impressum vom KLARTEXT. Anmerkungen 1        Braumüller: Wien 2018, https://www.braumueller.at/t?isbn=9783991002413 2        Braumüller: Wien 2021, https://www.braumueller.at/t?isbn=9783991003250 3        K. Zarse u.a.: “Low-dose lithium uptake promotes longevity in humans and metazoans”, European Journal of Nutrition 50/2011, S. 387-389, https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/21301855/ 4        H. Ohgami u.a.: “Lithium levels in drinking water and risk of suicide”, British Journal of Psychiatry 194/2009, S. 464-465, https://doi.org/10.1192/bjp.bp.110.091041 5        Nestor D. Kapusta u.a.: “Lithium in drinking water and suicide mortality”, British Journal of Psychiatry: The Journal of Mental Science, 198 (5) 2011, S. 346–350, doi:10.1192/bjp.bp.110.091041, PMID 21525518. 6        Gerhard N. Schrauzer, Krishna P. Shrestha: “Lithium in drinking water and the incidences of crimes, suicides, and arrests related to drug addictions”, Biological Trace Element Research 25, Mai 1990, S. 105–113, PMID 1699579. 7        Borsche: Nahrungsergänzung, a.a.O, S. 83 8        https://de.wikipedia.org/wiki/Lithiumtherapie, Abschnitt “Geschichte” 9        Reis 1960, nach Lutz Schneider: Lithium und Lithiumcarbonat (2019),  S. 17, https://d-nb.info/1215942850/34 10    Sean M. J. McBride u. a.: “Pharmacological and Genetic Reversal of Age-Dependent Cognitive Deficits Attributable to Decreased presenilin Function”, The Journal of Neuroscience 30 (28) 2010, S. 9510–9522, doi:10.1523/JNEUROSCI.1017-10.2010; Lars Vedel Kessing u.a.: “Association of Lithium in Drinking Water With the Incidence of Dementia”, JAMA Psychiatry 74 (10) 2017, S. 1005, doi:10.1001/jamapsychiatry.2017.2362.) 11 Nach Angaben von Lorenz Borsche in einer privaten E-Mail vom 30. Januar 2024. 12    Borsche: Nahrungsergänzung, a.a.O, S. 91 13 Zit. Lorenz Borsche, aus einer privaten E-Mail vom 2. Februar 2024. 14    Aldous Huxley: Schöne neue Welt. Ein Roman der Zukunft, 7. Auflage Frankfurt a.M. 2018. 15    Borsche: Nahrungsergänzung, a.a.O, S. 13 Titelbild: Collage aus Bildern von Ajale/Pixabay und 8385/Pixabay

  • Kompass verrutscht

    Es mehren sich Stimmen, die Ukraine im Krieg gegen Russland nicht länger zu unterstützen. Nichts für ungut, liebe Friedensbewegte, aber euer moralischer Kompass ist gewaltig verrutscht. Auch Nichtstun ist Handeln. Verantwortung werden wir nicht los, indem wir schweigen, wegsehen, die Hände in den Schoß legen. Das gilt auch für Publizisten. Und so drängt es mich, zum Ukrainekrieg Stellung zu nehmen, auch wenn er außerhalb des üblichen Themenspektrums meines Blogs stattfindet. Ich tue es mit einem Gedankenspiel. Falls dir das zustieße 24. Februar, vier Uhr morgens. Du und deine Familie liegen nichtsahnend im Tiefschlaf. Da erschüttert eine gewaltige Explosion euer Haus: Ein Geschoss hat gerade euer Dach durchschlagen. Ihr hört, dass jemand eure Eingangstür aufbricht. In heller Aufregung eilst du dorthin. Da erkennst du P., einen Nachbarn, der dir schon seit längerem nicht wohlgesonnen ist. Schwerbewaffnete Männer begleiten ihn. Vor deinen Augen erschießen sie deinen Ehepartner. Sie vergewaltigen deine Schwester. Sie verschleppen eines deiner Kinder. Ein anderes zerren sie in den Keller und foltern es. Du hörst seine gellenden Schreie. Die Eindringlinge beschlagnahmen in deinem Haus mehrere Zimmer. In den übrigen richten sie größtmöglichen Schaden an. Sie zerschlagen Fensterscheiben, durchtrennen Stromkabel, kappen die Wasserzufuhr, sprengen euren Heizofen. Eure Wertsachen schaffen sie fort. Auch deinen Garten besetzen sie teilweise, nachdem sie deinen Zaun niedergerissen haben. Sie heben dort Gräben aus. Auf Schritt und Tritt verlegen sie Minen. Obst und Gemüse, das ihr angebaut habt, stehlen sie. Verzweifelt reißt du ein Fenster auf und rufst nach Hilfe, so laut du kannst. Wie du feststellst, hat der Lärm inzwischen sämtliche Nachbarn aufgeweckt. Neugierig verfolgen sie aus sicherem Abstand, was dir und deiner Familie gerade widerfährt. Manche schütteln den Kopf, falten die Hände zu einer Fürbitte oder ballen aufgebracht die Fäuste, rufen eurem Angreifer ein empörtes „Aufhören!“ zu. Jeder erklärt euch, er bedaure euer Schicksal zutiefst und nehme Anteil. Ihr Mitgefühl versichern euch manche auf eurem Anrufbeantworter, andere werfen eine Beileidskarte in euren Briefkasten. Alle hören, wie in eurem Haus Schüsse fallen. Alle hören euch weinen. Alle hören, wie ihr vor Schmerzen schreit. Alle sehen, wie  P. und seine Leute zerstören, was euch gehört. Allen ist klar: Ihr seid die Schwächeren. Aber niemand eilt euch zu Hilfe. Kein einziger. Verzweifelt rufst du ihnen zu: „Bitte helft uns wenigstens, uns selber zu schützen!“ Unverzüglich geschieht daraufhin: nichts. Es vergehen Tage, Wochen, Monate, bis wenigstens ein paar Nachbarn deinem Aufruf folgen. Nach und nach spendieren sie euch einen Verbandskasten, damit ihr eure Wunden versorgen könnt. Einen neuen Heizofen. Einen Stromgenerator. Schusssichere Westen. Neue Fenster. Stahltüren, damit ihr es dem Angreifer schwerer machen könnt, in eure übrigen Zimmer einzudringen. Taschentücher, um eure Tränen zu trocknen. Ein paar Schwerter, Steinschleudern und Schrotflinten. „So kann ich P. aus meinem Haus, von meinem Grundstück aber nicht vertreiben“, lässt du deine Nachbarn wissen. „Dazu benötigen wir dringend bessere Waffen und mehr Munition. Ihr habt sie, und ihr benötigt sie zur Zeit nicht. Ich flehe euch an: Gebt sie uns.“ Schließlich ringen sich vereinzelte Nachbarn dazu durch, dir geeigneteres Material auszuhändigen – aber viel zu langsam, viel zu wenig, als dass du dein Zuhause damit befreien könntest. „Warum bekomme ich von euch nicht, was ich benötige?“, fragst du. „Weil du damit prinzipiell die Möglichkeit bekämst, P.´s Haus zu beschießen“, so hörst du. „So etwas könnte ihn stinksauer auf uns machen, und das möchten wir nicht riskieren.“ Manche Nachbarn haben sich von vornherein geweigert, dich beim Verteidigen zu unterstützen. Weshalb? Sie konfrontieren dich mit Unterstellungen: In Wahrheit seist du ein Nazi. Obendrein eine Marionette eines gewissen U. Angeblich hast du U. deinen Keller vermietet, um darin ein Labor einzurichten. Und dieser U. habe sich schon öfters ähnlich verhalten wie jetzt P. Eigentlich seist du ein Schauspieler, der bloß so tut, als könne er Oberhaupt seiner Familie sein. Es sei dir nicht recht, dass ein Mitbewohner deines Hauses weiterhin seinen Dialekt spricht. Außerdem gelte es zu bedenken, dass Ahnen des Angreifers einst den Grund und Boden bewohnten, dessen Eigentümer du jetzt bist. „Da plappert ihr doch bloß nach, was P. euch einflüstert“, gibst du zu bedenken. „Muss ein Verbrechensopfer in höchster Not denn erst alle kursierende Gerüchte entkräften und Unbedenklichkeitsprüfungen bestehen, ehe er Beistand verdient? Lautet eure Devise: ‚Jeden in Not retten wir selbstverständlich – es sei denn, er hat keine Rettung verdient, weil es uns so vorkommt, als sei er irgendwie mitschuldig‘?“ „Wozu dir noch beistehen? Du kannst sowieso nicht gewinnen!“, bekommst du zu hören. „Es verhält sich genau andersherum“, widersprichst du: „Ich kann unmöglich gewinnen, falls ihr mir nicht beisteht.“ „Das wird uns allmählich zu teuer“, so jammern deine Nachbarn. „Falls ihr P. jetzt gewähren lasst, könnte es für euch bald noch viel teurer werden“, erwiderst du. „Denn ihr könntet die nächsten sein, die er überfällt. Gedroht hat er manchen von euch ja schon.“ „Verhandle endlich!“, so wird dir zugerufen. Worüber denn? Um des lieben Friedens willen müssest du „Zugeständnisse machen“, heißt es. „Das bedeutet? Sollten wir demnach eures Erachtens Teile unseres Gartens abtreten?“,  so empörst du dich. „Empfehlt ihr uns, künftig auf unser Wohnzimmer zu verzichten? Seid ihr dafür, dass wir P. unsere Küche überlassen? Unser Bad räumen? Oder ein Kinderzimmer, da es ja leer steht, seit P. unsere Jüngste entführt hat? Was fällt euch ein, euch darüber unseren Kopf zu zerbrechen? Wozu wärt ihr denn bereit, wenn es um euer Zuhause ginge?“ „Und wozu verzichten? Um den Konflikt mit P. vertraglich beizulegen? Mit einem, der jeden Vertrag zu brechen pflegt, wenn es ihm passt? Hatte er nicht schon längst schriftlich zugesichert, die Grenzen unseres Grundstücks zu respektieren?“ Betreten schweigt die Nachbarschaft. Und so bleibt dir nichts anderes übrig, als dich weiterhin alleine zu wehren, mit ungenügenden Mitteln. „Aber ich kämpfe doch letztlich auch für euch“, gibst du deinen Nachbarn zu bedenken. „Falls ich verliere, wird P. als nächstes über einen von euch herfallen.“ „Quatsch, das würde er sich niemals trauen.“ Vergeblich widerspricht du: „Habt ihr vergessen, was Adolf sich vor ungefähr achtzig Jahren alles traute, nachdem Leute wie ihr ihn gewähren ließen?“ Immerhin darfst du gewiss sein: Falls du und deine Liebsten den Überfall nicht überleben, werden eure Nachbarn euch feierlich zu Grabe tragen, üppige Kränze niederlegen, fromme Lieder singen und eurer salbungsvoll gedenken. Sind solche Aussichten nicht tröstlich? Und die Moral von der Geschichte? Nochmals: Auch Nichtstun ist Handeln. Nichts, aber auch wirklich gar nichts gibt dir das Recht, einen Mitmenschen anzugreifen, zu quälen oder gar umzubringen, der dich nicht im geringsten bedroht hat. Und nichts entlastet dich von der moralischen Pflicht, jemandem beizustehen, wenn er vor deinen Augen zum Opfer eines Angriffs wird, den er aus eigener Kraft nicht abwehren kann. Kurzum: Wer die überfallene Ukraine im Stich lässt, macht sich unterlassener Hilfeleistung schuldig – mit fadenscheinigen Ausflüchten, aus einem Mangel an Empathie und Geschichtsbewusstsein. Solch unverblümten KLARTEXT erlaube ich mir – an die Adresse aller Mitmenschen, die seit nunmehr fast zwei Jahren beharrlich meiner Frage ausweichen: Wie wäre es, wenn P. am 24. Februar über dich hergefallen wäre? Was würdest du von mir dann zurecht erwarten, wenn ich dein Nachbar wäre? Vor all den lautstarken Pazifisten hierzulande, welche die Ukraine lieber heute als morgen im Stich lassen würden, zöge ich erst dann den Hut, wenn sie heroisch prinzipientreu bereit wären, sich selbst und ihre Liebsten von bewaffneten Angreifern abschlachten zu lassen, ohne Gegenwehr, mit weißer Fahne in der einen Hand und einer weißen Taube auf der anderen. Andernfalls käme mir ihre inbrünstige Friedensliebe, zelebriert aus einer sicheren Entfernung von zweitausend Kilometern zum grässlichen Geschehen, reichlich verlogen vor. (Harald Wiesendanger) Illustration: Collage aus Bildern von Kellepics und MarandaP (beide Pixabay)

  • Die Gedankenpolizei naht

    Im Kampf gegen vermeintliche „Falschinformation“ und „Hassrede“ rückt eine weltweite Zensur des Internets immer näher: Was wir in sozialen Medien äußern, lesen und teilen dürfen, soll künftig umfassender Kontrolle unterliegen. Daran arbeiten zielstrebig die Vereinten Nationen mit ihren Unterorganisationen UNESCO und WHO, gemeinsam mit dem Weltwirtschaftsforum und der EU. Diesen Blog könnte es demnach bald nicht mehr geben, sein Herausgeber würde zum Straftäter. Es sei denn, er hält endlich die Klappe. „Unsere größte Sorge für die nächsten zwei Jahre“, so gab EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen soeben auf dem Weltwirtschaftsforum 2024 in Davos von sich, „sind Fehlinformationen und Desinformationen“. Hört, hört: Vordringlicher, als gegen Kriege und Klimawandel, gegen Armut und Hunger vorzugehen, ist demnach die Zerstörung der Meinungsfreiheit. Ist dieses Vorhaben nicht von vornherein aussichtslos, zumindest in entwickelten Demokratien der westlichen Welt? Scheitert es nicht an der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte? „Die Meinungsfreiheit“, so stellt Wikipedia klar, „ist ein Menschenrecht und wird in Verfassungen als ein gegen die Staatsgewalt gerichtetes Grundrecht garantiert, um zu verhindern, dass die öffentliche Meinungsbildung und die damit verbundene Auseinandersetzung mit Regierung und Gesetzgebung beeinträchtigt oder gar verboten wird. In engem Zusammenhang mit der Meinungsfreiheit sichert die Informationsfreiheit den Zugang zu wichtigen Informationen, ohne die eine kritische Meinungsbildung gar nicht möglich wäre. Das Verbot der Zensur verhindert die Meinungs- und Informationskontrolle durch staatliche Stellen. Im Unterschied zu einer Diktatur sind der Staatsgewalt in einer Demokratie die Mittel der vorbeugenden Informationskontrolle durch Zensur ausdrücklich verboten.“ Glasklar, oder? Spätestens die Coronakrise hat uns jedoch vor Augen geführt, wie rasch Demokratien Grundrechte opfern, wenn vermeintliche Bedrohungen dies erforderlich zu machen scheinen. Die Pandemie ist vorbei – die Einschränkungen des Informationsflusses jedoch, die zur Seuchenkontrolle angeblich nötig waren, setzen Internetgiganten wie Google, Facebook und YouTube nicht nur ungeniert fort. Die UNESCO, die Kulturorganisation der Vereinten Nationen, will sie schleunigst auf die Spitze treiben und zum weltweiten Dauerzustand machen. Missliebige Meinungen unterdrücken: Darum geht es. Daran lassen ihre „Leitlinien für die Verwaltung digitaler Plattformen“ keinen Zweifel. Sie umfassen eine Reihe von “Pflichten, Verantwortlichkeiten und Rollen für Staaten, digitale Plattformen, zwischenstaatliche Organisationen, die Zivilgesellschaft, Medien usw.”, um "Des- und Fehlinformationen, Hassreden und Verschwörungstheorien" den Garaus zu machen. (1) Dieses haarsträubende Dokument bedeutet einen weiteren Schritt hin zu einer Zensur und Kontrolle jeglicher Kommunikation im Internet. Würden die UNESCO-Leitlinien umgesetzt, so wären die Vereinten Nationen befugt, für das gesamte Internet weltweit zu bestimmen, was als “Fehlinformation” oder “Hassrede” einzustufen ist. Sie dürfte Ansichten und Informationen unterdrücken, die den Narrativen der UN oder der mit ihr zusammenarbeitenden Regierungen, Unternehmen und Organisationen widersprechen. “Im Wesentlichen”, warnt die Menschenrechtsinitiative CitizenGO, “wollen sie entscheiden, welche Informationen wir austauschen können, und diktieren, was wir online sagen dürfen und was nicht. Das ist nicht nur Meinungsmache - es ist ein gefährlicher Versuch, eine Ideologie durchzusetzen, die alle abweichenden Gedanken und Überzeugungen unterdrückt.” Dasselbe Ziel verfolgt die WHO mit der Neufassung der “Internationalen Gesundheitsrichtlinien” (International Health Regulations, IHR), auf die sie momentan ihre Mitgliedsstaaten hinter verschlossenen Türen, unter höchster Geheimhaltung, einzuschwören versucht. Ein früherer Entwurf hatte noch vorgesehen, dass jegliche Änderungen am Text “unter voller Achtung der Würde, der Menschenrechte und der Freiheit der Person" erfolgen müssen. Dieser Passus wurde inzwischen gestrichen. Die Grundrechte gelten selbstverständlich weiter, bloß anders Keine Bange, so versucht uns UN-Generalsekretär António Guterres zu beruhigen – fundamentalen Freiheitsrechten fühle er sich selbstverständlich weiterhin verpflichtet: Fein. Und wie gedenkt die UN das menschliche Grundrecht auf Information zu „schützen“? Indem sie die freie Meinungsäußerung einschränkt und uns jegliche Informationen vorenthält, die den Zensoren nicht passen. Es geht um absolute Kontrolle über das Narrativ – insbesondere in Bezug auf Gesundheit und Krankheit, Prävention und Therapie, Medikamente und Impfungen, wie der geplante Pandemievertrag vorsieht. „Die Grundrechte gelten weiter, bloß anders“, würde vermutlich Stefan Harbarth kommentieren, Bundesverfassungsgerichtspräsident von Merkels Gnaden: „Eine Beschränkung von Freiheitsrechten kann legitim sein.“ Überaus gelegen kommt der UN, dass niemand genau weiß, was denn eine „Desinformation“ ausmacht. Sie selbst stellt fest: "Es gibt keine allgemeingültige Definition von Desinformation. Angesichts der zahlreichen und unterschiedlichen Kontexte, in denen Desinformation eine Rolle spielt, wie z. B. bei Wahlen, im Gesundheitswesen, bei bewaffneten Konflikten oder beim Klimawandel, ist eine Definition allein nicht ausreichend." Dieses Manko kommt insofern wie gerufen, als die Meinungskontrolleure ihre eigenen Definitionen erfinden und sie nach Belieben anwenden können. Und natürlich wird dies zu unserem Besten geschehen. Wer kann schon etwas dagegen haben, dass ihm Lügen und Hass erspart bleiben? Den Gipfel der Heuchelei erklimmt der UN-Generalsekretär, wenn er ausgerechnet mit der Coronakrise zu belegen versucht, wie dringend nötig die Zensur ist: „Die COVID-19-Pandemie hat (…) die dunkle Seite der digitalen Technologie verdeutlicht: die blitzschnelle Verbreitung von Fehlinformationen, die Manipulation des Verhaltens der Menschen und vieles mehr.“ Zu besagter „Dunkelheit“ maßgeblich beigetragen haben die UN selbst, die WHO, Regierungen und Gesundheitsbehörden: mit einer manipulativen Flut von Fehlinformationen über den Ursprung und die Gefährlichkeit des SARS-CoV-2-Virus, die Sicherheit und Wirksamkeit von Impfungen, den Nutzen sonstiger staatlicher „Schutz“maßnahmen, die Aussagekraft der PCR-Diagnostik, den Wert von alternativer Vorsorge und Behandlung. Millionen von „Gepieksten“ hat diese Desinformation von oben das Leben gekostet. Europaweiter Kreuzzug gegen querdenkende Schädlinge Im Kreuzzug gegen Fake News marschiert die EU-Kommission vorneweg – kein Verfassungsgericht bremst sie bisher. Ab 17. Februar 2024 gilt in sämtlichen EU-Mitgliedsstaaten ihr Digital Services Act (DAS), der alle großen sozialen Netzwerke knebelt. Wer „hasserfüllte Inhalte“ und „ernste Gefahren“ nicht sofort löscht, dem drohen horrende Geldbußen, wenn nicht gar die Abschaltung. Denn “die heimtückische Verbreitung von Fehlinformationen und Desinformationen bedroht den Zusammenhalt der Gesellschaften” - so orakelte von der Leyen soeben in Davos - und gefährde ernsthaft “die globale Geschäftswelt”, die im Publikum hochkarätig vertreten war. Im Kampf gegen “Desinformation” müsse Big Business daher in eine “öffentlich-private Partnerschaft” eingebunden werden. Pfizer & Co. werden da uneingeschränkt zustimmen, die Gates-Foundation ebenfalls. Vor einem Ende der Meinungs- und Informationsfreiheit in Europa, eingeleitet vom Digital Services Act, warnt der ehemalige Richter Manfred Kölsch in der Berliner Zeitung. Nutzer von sozialen Medien würden dazu getrieben, ihre Beiträge so zu verfassen, dass sie «in den aktuellen politischen Meinungskorridor» passen. Alles andere könnte als «schädlich» definiert werden. Eine “Überwachungsbürokratie” werde Beiträge löschen, Nutzer sperren oder gar strafrechtlich verfolgen, weil sie allzu hartnäckig gegen den Mainstream schwimmen. Denunzianten werden gnadenlos Beihilfe leisten. “Damit Menschen besser miteinander auskommen” Künstliche Intelligenz soll die Zensur umfassend und lückenlos machen. Dies werde die Einheit in der Gesellschaft fördern, die globale Freundschaft stärken, geopolitische Polarisierung überwinden helfen und dazu beitragen, „dass Menschen besser miteinander auskommen“, so schwärmte WHO-Hauptsponsor Bill Gates in einem am 11. Januar 2024 ausgestrahlten Studiogespräch mit Sam Altman, dem Geschäftsführer des „ChatGPT“-Entwicklers OpenAI. Wahrlich genial: Wo keine zwei Meinungen mehr zulässig sind, kann es auch keinen Streit mehr darüber geben. Seinen friedenstiftenden Beitrag zu diesem wesentlichen Aspekt des Great Reset leistet Gates seit langem. Um „Desinformation“ weltweit noch wirksamer zu bekämpfen, schmiedete er ein Bündnis großer Medien- und Tech-Unternehmen. Microsoft, Adobe, Intel und Sony machen ebenso mit wie die BBC. Auch Publicis ist dabei, eines der übelsten Propaganda-Monster unseres Planeten, mit einem Jahresumsatz über zehn Milliarden Dollar, zu dem Großkunden aus der Pharmabranche beitragen. Gates´ Coalition for Content Provenance and Authenticity (C2PA) soll die technischen Voraussetzungen dafür schaffen, das Internet von Fake News und „Verschwörungstheorien“ zu säubern – umfassend und ein für allemal. Dieser vervollkommneten Zensur wird kein Querdenker mehr entkommen. (2) Womöglich erfährt man dann nicht einmal mehr von Initiativen wie der Westminster Declaration, in der sich 137 Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Kultur und Medien kürzlich “zutiefst besorgt über zunehmende Zensur” geäußert haben -  solche Querdenkerei trägt schließlich zur “verfassungsschutzrelevanten Delegitimierung” von Zensoren bei. Fehlinformationen stoppen – Ein Leitfaden Was sollten Regierungen vielmehr gegen Fehlinformationen tun? Der US-Blogger Steve Kirsch, Gründer der Vaccine Safety Research Foundation, hat am Beispiel der Covid-19-Impfstoffe einen kostenlosen Leitfaden hierfür zusammengestellt: "1.      Hör auf, die Menschen anzulügen. 2.      Sobald du bemerkst, dass du einen Fehler gemacht hast, gib ihn öffentlich zu. 3.      Hör auf, die Daten zu verstecken. Datentransparenz ist der Schlüssel. Fordere eine glaubwürdige Opposition auf, alle verfügbaren Datenbanken abzufragen. Wenn die Regierungen die Wahrheit sagen, sollten sie nichts zu befürchten haben. 4.      Beende die Zensur. 5.      Sprich dich gegen jede Organisation aus, die Zensur oder Einschüchterungstaktiken einsetzt, um abweichende Meinungen zum Schweigen zu bringen. (…) 6.      Ein wissenschaftlicher Konsens sollte niemals dadurch erreicht werden, dass abweichende Meinungen durch Zensur und Einschüchterungstaktiken zum Schweigen gebracht werden. Alle Fachleute in allen Bereichen sollten die Möglichkeit haben, sich frei und ohne Angst vor Repressalien an die Öffentlichkeit zu wenden. 7.      Führe regelmäßig öffentliche Debatten mit qualifizierten Personen, die anderer Meinung sind als du, damit die Öffentlichkeit direkt sehen kann, wer die Wahrheit sagt und wer nicht. 8.      Führe einen regelmäßigen öffentlichen Dialog mit Regierungsvertretern und den wichtigsten Verbreitern von Fehlinformationen, um die Differenzen offen zu diskutieren und herauszufinden, wie sie am besten gelöst werden können. 9.      Setze dich für die Wahrheit ein und sprich öffentlich darüber, wenn der Wahrheit nicht nachgegangen wird. Es gibt zum Beispiel viele Whistleblower, die aussagen, dass klinische Studiendaten für den Impfstoff von Pfizer gefälscht wurden. Stimmt das? Das US-Justizministerium weigert sich, diese Whistleblower zu befragen. (…) 10.  Arbeite mit den "Fehlinformationsverbreitern" zusammen, um gemeinsame Projekte zu entwerfen, bei denen beide Seiten zustimmen, um Unklarheiten zu beseitigen. Wie viele Haushalte (…) haben zum Beispiel ein oder mehrere Covid-impfgeschädigte Mitglieder? (…) 11.  Schaffe den Haftungsschutz für Impfstoffhersteller ab - er ist lächerlich. Jeder Arzt weiß doch, dass Impfstoffe die sichersten Medikamente sind, die es gibt. Das wird ihnen im Medizinstudium beigebracht, also muss es wahr sein. Warum ist es also notwendig, dass Impfungen der einzige medizinische Eingriff sind, der einen Haftungsschutz benötigt? Die Behörden tun nichts von alledem. Das ist der Grund, weshalb Fehlinformationen immer noch ein Problem sind.“ (Harald Wiesendanger) Anmerkungen 1 Näheres: https://netzpolitik.org/2023/kampf-gegen-desinformation-unesco-veroeffentlicht-leitlinien-zur-regulierung-sozialer-plattformen/ und https://www.bakom.admin.ch/bakom/de/home/das-bakom/medieninformationen/bakom-infomailing/infomailing-60/regulierung-von-online-plattforme.html 2  Näheres im KLARTEXT “Dieses Zeug muss weg”. Titelbild: NoName_13/Pixabay

  • Wie bestellt

    Da hat die Bundesregierung endlich mal eine prima gesundheitspolitische Idee: Weniger Zucker, Salz und Fett sollen wir essen. Doch Focus widerspricht: Es mangele an „kausaler Evidenz“. Geht es nach Cem Özdemir, sollten wir weniger Zucker, Fett und Salz essen, um gesünder zu leben - vor allem Kinder. Dies erklärte der Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft soeben bei der Vorstellung des „Ernährungsreports 2023“. Was fängt Deutschlands bekennender „Fakten-Fakten-Fakten“-Lieferant Focus mit diesem hehren Vorhaben an? Er lässt es zerpflücken. Dazu spannt das heruntergekommene Nachrichtenmagazin einen „Experten“ namens Uwe Knop ein, einen „evidenzfokussierten Ernährungswissenschaftler, Buchautor und Referent für Vorträge bei Fachverbänden, Unternehmen und auf Ärztefortbildungen“. Knop erklärt: „Der Begriff ‚ungesunde‘ Lebensmittel ist nicht offiziell definiert und wird oft ideologisch verwendet. (…) Es fehlt kausale Evidenz.“ Im übrigen „zeigen aktuelle Daten, dass der Großteil der deutschen Kinder nicht fettleibig ist“. Wie sich Özdemirs Vorschläge auf die Gesundheit der Bevölkerung auswirken, „weiß niemand", so verbreitet Knop, "und das wird auch niemals jemand herausfinden, denn: Es wird keine wissenschaftliche Evaluation ("Wirksamkeits-Analyse") geben, um die gesundheitlich relevanten Effekte zu bewerten (wie Auswirkungen auf Herzinfarkte, Schlaganfall, Krebs, Lebenszeit). Warum? Diese Analysen sind praktisch nicht durchführbar. (…) Die Ernährungswissenschaft kann keine Belege im Sinne von echter Kausalität liefern - weder für gesunde Ernährung im Allgemeinen noch ob Lebensmittel generell gesund oder ungesund sind. (…) Niemand weiß, ob und was eine solche staatliche Vorgabe bringen wird - weder in positiver Hinsicht noch ob sie vielleicht schadet.“ Zweifellos mangelt es an ausreichender kausaler Evidenz dafür, dass Ernährungswissenschaftlern, die weder mit Uwe Knop identisch sind noch auf der Honorarliste von Big Food stehen, wegen Knops Ausführungen sämtliche verbliebenen Haare zu Berge stehen. Und falls sich nach Jahrzehnten mit Pommes und Cola, Pizza und Gummibärchen irgendwann auch bei Knop, Jahrgang 1972, Arteriosklerose und Bluthochdruck, Diabetes und Krebs, Herzinfarkte und Schlaganfälle einstellen, würde er bestimmt der Versuchung widerstehen, da eine „unechte Kausalität“ hineinzudeuten. "Vielleicht schadet" es ja sogar, Junk Food abzusetzen. Dass Knop laut Wikipedia „als medizinischer PR-Berater für verschiedene Unternehmen aktiv“ ist  - wozu er selbst die „Medizin- und Gesundheitsbranche” zählt -, tut nichts zur Sache? Welche Unternehmen haben ein Interesse daran, dass käufliche Schreibtischtäter dem Staat vorwerfen, er „zahle für die Verbreitung pseudowissenschaftlicher Phantasien”, und Sprüche klopfen wie “Iss, was du willst – alles andere ist Käse!”? Unterdessen investieren Lebensmittelkonzerne Milliarden, um die perfekte Mischung an Salz, Zucker und Fett zu finden, die uns süchtig macht. Diesen „evidenzfokussierten“ Kausalitätsguru zählt Focus allen Ernstes zur „besten und breitesten Auswahl an Experts“. (Experten für korrekte deutsche Pluralbildung hat die Redaktion anscheinend nicht auftreiben können.) Spätestens jetzt muss einem ob des Sachverstands von Deutschlands Fachleuten angst und bange werden, sofern jegliches Restvertrauen nicht schon während der Coronakrise verlorenging. (Harald Wiesendanger) Foto Özdemir: Von © Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons), CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=86905057

  • Der Irrsinn geht weiter

    SARS-CoV-2 war kein Einzelfall: Mindestens 16 Krankheitserreger sind zwischen 2000 und 2021 aus Forschungslabors entwichen, wie eine neue Studie nachweist. Ein Großteil stammte aus Gain-of-Function-Experimenten, die Pathogene noch ansteckender, noch tödlicher machen sollten. Statt diese teuflische Perversion von Wissenschaft sofort zu beenden, fördern Regierungen, Militärs und Geheimdienste sie skrupellos weiter. Und Medien schweigen, die Bevölkerung schläft. Während sie sich vom „menschengemachten Klimawandel“ verängstigen lässt, könnte die menschengemachte Bio-Apokalypse schon morgen über sie hereinbrechen – mit der Corona-P(l)andemie als vergleichsweise harmlosem Vorspiel. Keine Fledermaus, sondern ein Biolabor in Wuhan brachte den Covid-19-Erreger in die Welt. Jeder, der hinsehen wollte, fand triftige Anhaltspunkte dafür bereits wenige Wochen nach dem offiziellem Ausbruch der Seuche; ich präsentierte sie in meinem im Juni 2020 erschienenen Buch Corona-Rätsel, das in den sozialen Medien prompt der Zensur zum Opfer fiel; Amazon sperrte es aus seinem Sortiment aus. Was der Öffentlichkeit damals verborgen blieb, enthüllt nun Robert F. Kennedy jr. in seinem Doku-Thriller The Wuhan Cover-Up. Doch das Laborleck von Wuhan war längst nicht das einzige, wie eine neue Studie verdeutlicht, die soeben in The Lancet Microbe erschienen ist. In begutachteten Artikeln und Online-Berichten, die zwischen 2000 und 2021 erschienen waren, fand das internationale Autorenteam Hinweise auf 16 Fälle, in denen ein Erreger aus einem Labor entwichen war. Darüber hinaus stießen die Forscher auf 309 Fälle von Infektionen, die als „im Labor erworben” eingestuft worden waren. Bakterien verursachten 77% Prozent davon, Viren 13,9%, Parasiten 7,1% durch, Pilze 1,6%, Prionen (1) verfügen weniger als 1%. Acht Fälle verliefen tödlich; sechs davon waren Bakterien wie Yersinia pestis, der Erreger der Pest, oder Neisseria meningitidis beteiligt – sie verursachen eine eitrige Hirnhautentzündung, seltener auch eine Blutvergiftung. Ein weiteres Mal war das Ebola-Virus der Auslöser. Die erschütterndsten Beispiele von Pannen in vermeintlichen „Hochsicherheit“slaboren schildere ich in Corona-Rätsel. (Kap. 15: „Die Uhr tickt“.) -          Dazu zählte im Jahr 1976 ein Ausbruch der Schweinegrippe, die seit 1957 als ausgerottet galt, aus Fort Dix in New Jersey. -          Auch das menschliche H1N1-Virus, das im darauffolgenden Jahr in Russland und China um sich griff, stammte aus dem Labor. -          1979 forderte ein Leck in einer Anthrax-Produktionsanlage in Swerdlowsk, UdSSR, rund 60 Todesopfer. -          1995 infizierte der Erreger der venezolanischen Pferdeenzephalitis nach einer Laborflucht 85.000 Menschen in Venezuela und Kolumbien, tötete 300, schädigte 3.000 und führte zu zehn Fehlgeburten. -          Aus einer militärischen Forschungseinrichtung auf Taiwan entwich 2003 ein SARS-Virus. -          Und es gibt stichhaltige Beweise dafür, dass der Ebola-Ausbruch 2014 bis 2016 in Westafrika ebenfalls von einem nahen BSL4-Labor ausging. (Näheres im KLARTEXT  „Vertuscht: Auch Ebola kommt aus dem Labor“.) -          2019 trat aus einer biopharmazeutischen Anlage in Lanzou, China, der Brucellose-Erreger aus, der Fieber und Muskelschmerzen verursacht, welche wochen- und jahrelang anhalten können; mehr als 10.000 Menschen infizierten sich. -          Im gleichen Verdacht stehen die Affenpocken, die 2022 plötzlich um sich griffen, mit 16.000 registrierten Fällen in 75 Ländern. Damit erübrigen sich zwei gängige Mythen: Weder entweichen Erreger bloß äußerst selten aus Labors. Noch sind die meisten Pandemien zoonotisch, d.h. beruhen darauf, dass ein Erreger auf natürlichem Weg von Tieren auf Menschen übergreift. Warum wohl treten  Pandemien seltsam gehäuft und in immer kürzeren Abständen erst auf, seit immer mehr biologische Hochsicherheitslabore in Betrieb sind? Weltweit sollen es bereits 60 sein, geheimgehaltene Anlagen nicht mitgerechnet. Nur „die Spitze des Eisbergs“ Alle bekannt gewordenen Fälle repräsentieren „nur die Spitze des Eisbergs“, wie die Wissenschaftler vermuten: Zum einen gibt es keine standardisierten Meldevorschriften. Zum anderen sind die Labore und ihre Auftraggeber in der Regel darauf aus, Sicherheitspannen möglichst zu vertuschen. Der Anreiz dafür ist hoch: Es drohen Verluste von Investitionen und hohe Ausgaben für verschärfte Sicherheitsvorkehrungen, schlimmstenfalls die Laborschließung. Die ermittelten Infektionen rührten großteils von „Verfahrensfehlern” her: Es wurde gegen Biosicherheits- oder Risikominderungsvorschriften verstoßen, z. B. indem die falsche Schutzausrüstung verwendet wurde, eine unzureichende Schulung stattfand oder man Proben unsachgemäß handhabte. Zu den übrigen Infektionen kam es durch Nadelstichverletzungen, Verschüttungen, Spritzer, offene Fläschchen, Tierbisse, abgelaufene Desinfektions- und Reinigungsmittel oder aus „unbekannten Gründen”. Was hinter solchen Vorfällen steckt, liegt für den Biowaffen-Experten Francis Boyle, Professor für internationales Recht an der University of Illinois, auf der Hand. Im Online-Magazin The Defender erklärte Boyle, der 1989 in den USA den Biological Weapons Anti-Terrorism Act entworfen hatte: „Ganz allgemein deuten diese Lecks darauf hin, dass die beteiligten Labors an der Erforschung, Entwicklung, Erprobung und Lagerung von biologischen Angriffswaffen beteiligt sind und damit gegen internationale Übereinkommen verstoßen.” Sie versehen Pathogene mit einem “Zugewinn an Nutzen” (gain of function) – mit anderen Worten, sie machen sie noch gefährlicher für die Menschheit, als sie ohnehin schon sind. Gesundheitsbehörden pflegen die mit der Gain-of-Function-Forschung verbundenen Risiken herunterzuspielen. Es gehe darum, potenzielle Pandemieauslöser zu modifizieren, um dann Impfstoffe dagegen zu entwickeln, so heißt es. Boyle erkennt darin die „Standardpropaganda dieser Todesforscher. Wir alle wissen, dass ,Gain-of-Function’ ein Euphemismus für biologische Angriffswaffen wie Covid-19 ist.“ Das ganze Gerüst ihrer Argumentation sei irreführend, so Boyle, denn „sie setzten Gain-of-Function ein, um die biologische Angriffswaffe überhaupt erst zu entwickeln, und entwickeln sie dann zurück, um einen ,Impfstoff’ für den Fall eines Bumerangs zu entwickeln.“ Der Medizinhistoriker Dr. Martin Furmanski sieht darin eine „sich selbst erfüllende Prophezeiung“, bei der die Labors angeblich mit Krankheitserregern arbeiten, um genau die Ausbrüche zu verhindern, die sie letztlich verursachen. Der US-Mediziner Prof. Paul R. Goddard spricht von „MAD-Forschung“. Das Kürzel steht für Make Another Disease. Wie von Sinnen Es bedarf keiner überschäumenden Phantasie, um sich lebhaft auszumalen, welch irrwitziges Risiko davon ausgeht. Im März 2021, während die Welt vom Corona-Pandemiehorror ergriffen war, feierte ein 18-köpfiges Forscherteam der Universität Siena den wahnsinnigsten Durchbruch des Jahres: Im Labor erzeugten sie aus SARS-CoV-2 ein neues, noch viel gefährlicheres Coronavirus. Es entgeht den Antikörpern, die unser Immunsystem auf eine Infektion hin produziert. Das macht es extrem tödlich. (Näheres im KLARTEXT „Hurra, SARS-CoV-3 ist da!“) Und soeben melden chinesische Wissenschaftler ein weiteres Exempel von perverser Spitzenforschung – an Mäusen, die sie gentechnisch so verändert hatten, dass ihre Lungen den menschlichen eher ähneln. Mit einem mutierten Coronavirus erzielten sie bei diesen Versuchstieren eine 100%-ige Tötungsrate. In verschiedenen Organen, darunter in den Lungen und Augen, fanden sich bei der Obduktion hohe Mengen an viraler RNA – das meiste im Gehirn. Wen lässt die Aussicht kalt, dass solche Ausgeburten suizidalen Irrsinns bald ebenso rasant über die Menschheit herfallen könnten wie vor kurzem der Covid-19-Erreger? Wer mag nicht auf der Stelle alles unternehmen, um vorzubeugen? Mir fallen nur drei mögliche Profiteure ein: die Hersteller von Gegenmitteln. Deren Besitzer. Sowie alle, die ihrer Vision einer schönen neuen Welt näherzukommen meinen, indem sie eine verängstigte Bevölkerung mittels totaler Kontrolle „schützen“. Von der Pandemie zur Plandemie Glänzende Geschäfte mit der jüngsten Pandemie haben eine baldige nächste noch wahrscheinlicher gemacht. Bis 2027 werden sich die weltweiten Umsätze mit Corona-Impfstoffen auf 348 Milliarden Euro belaufen, wie IQVIA prognostiziert, ein führender Informationsdienstleister der Gesundheitsbranche; Covid-19-Therapeutika wie Paxlovid werden bis dahin mit weiteren 110 Milliarden Euro zu Buche schlagen. Zusammengerechnet knapp eine halbe Billion Euro: Macht ein derartiger Reibach nicht jegliches Verbrechen verlockend? Warum sollten Konzerne, die notorisch über Leichen gehen, däumchendrehend abwarten, bis der nächste hochansteckende Erreger versehentlich irgendeiner Forschungseinrichtung entweicht? Bei der Freisetzung nachzuhelfen, wäre mit Geld und Beziehungen ein Kinderspiel. Dazu genügt ein einziger korrupter Laborant. „All diese Labore sofort schließen!“ Für Boyle steht fest: Alle biologischen Hochsicherheitslabore weltweit „müssen sofort geschlossen werden, bevor es zu einer weiteren Pandemie kommt”. Ist es nicht zum Haareraufen? Da kommt es im März 2011 auf einer Pazifikinsel, die seit eh und je von Erdbeben und Tsunamis bedroht ist, in einem AKW eines bekanntermaßen unsicheren Typs zu einer Kernschmelze – und prompt beschließt 8750 km weiter westlich die panische Regierung einer ebenso tsunami- wie erdbebensicheren Republik, aus der Atomenergie auszusteigen (um sich anschließend Atomstrom von unmittelbaren Nachbarn zu besorgen). Die weltweite Katastrophe hingegen, die von Wuhan ausging, löst in derselben Republik bis heute keinerlei politische Initiativen aus, um das drohende Übel endlich an der Wurzel zu packen. Der Super-GAU von Fukushima forderte geschätzte 18.500 Todesopfer, jener von Tschernobyl rund 4.000. Bei einem versehentlich oder absichtlich freigesetzten Killervirus hingegen könnten es Milliarden sein. Tschernobyls „Todeszone“ erstreckt sich über einen Radius von etwa 30 Kilometern um den zerstörten Reaktor. SARS-CoV-X oder irgendein anderes teuflisches Biotech-Konstrukt hingegen könnte den gesamten Planeten unbewohnbar machen – oder in eine unmenschliche Hygienediktatur verwandeln, aus der es kein Entrinnen mehr gibt. Wen juckt dann noch ein „CO2-Fußabdruck“ und dergleichen? (Harald Wiesendanger) Anmerkung 1  Prionen sind entartete Eiweiße, die bei Menschen und Tieren Krankheiten auslösen können; anders als Viren, Bakterien oder Pilze verfügen sie über keine DNA bzw. RNA. Sie vermehren sich nicht durch Teilung, sondern dadurch, dass sie in benachbarten Molekülen Veränderungen induzieren. Titelbild: Freepik

  • Ist bald Schluss mit Kinderkriegen?

    Um rund 80 Prozent müsse die Geburtenrate weltweit bis zum Jahr 2100 sinken, so fordert ein einflussreicher “Think Tank” der Vereinten Nationen und des Weltwirtschaftsforums. Kein Problem: Die Menschheit ist ohnehin dabei, unfruchtbar zu werden. Sich fortzupflanzen, werden sich womöglich bald nur noch Reiche leisten können. Als der Club of Rome, eine interdisziplinäre Expertenrunde aus mehr als 30 Ländern, der Menschheit 1972 mittels Computermodellen “Die Grenzen des Wachstums” aufzeigte, sandte er eine Schockwelle rund um den Planeten. In naher Zukunft, so weissagte er, werde das System Erde kollabieren, wenn wir seine endlichen Ressourcen weiterhin ungebremst konsumieren. Ein halbes Jahrhundert später scheint diese düstere Zukunft da. So jedenfalls kommt es “Earth4All” vor, einem einflussreichen, aus dem Club of Rome hervorgegangenen Think Tank, der vom schweizerischen Winterthur aus für das Davoser Weltwirtschaftsforum und die Vereinten Nationen hochpreisige Konzepte für eine bessere, nachhaltige Zukunft entwickelt. “Viele Menschen waren schockiert von der Schlussfolgerung (des Club of Rome), dass das Überschreiten der Grenzen des Planeten zum Kollaps führen könnte”, so erklären die Vordenker. “In den letzten 50 Jahren ist die Welt dem Worst-Case-Szenario des Berichts gefolgt, und wir sehen nun tiefe Risse im System Erde und in den Gesellschaften.” Um fünf vor zwölf gegenzusteuern, wirbt Earth4All für nichts Geringeres als einen Giant Leap, einen “Riesensprung”. Statt auf weiteres Wirtschaftswachstum aus zu sein, um für eine weiterwachsende Weltbevölkerung genügend Arbeit, Einkommen und Nahrung sicherzustellen, müsse schleunigst “Degrowth” stattfinden: Um Ressourcen zu schonen, könnte es angebracht sein, dass “Menschen in den reichen Ländern ihre Ernährung ändern, in kleineren Häusern leben, weniger Auto fahren und reisen”, weniger Energie verbrauchen. (Ob diese Einschränkungen auch für die führenden Köpfe der UN, des Weltwirtschaftsforums sowie ihre Sponsoren gelten, lässt Earth4All unerwähnt.) “In den nächsten zehn Jahren muss der schnellste wirtschaftliche Wandel der Geschichte stattfinden, wenn wir die Menschheit vor einer sozialen und ökologischen Katastrophe bewahren wollen. Es ist an der Zeit, unser Wirtschaftssystem zu modernisieren.” (1) Unter anderem bedürfe es dazu einer drastischen Bevölkerungsreduktion. Earth4All schlägt Maßnahmen vor, um die Zahl der Geburten in den nächsten 70 Jahren um 81 % zu senken, von 130 auf 24 Millionen pro Jahr – ein Rückgang um das Fünffache. Wie wäre das hinzukriegen? Die Lösung sieht Earth4All, zur Enttäuschung von allzu argwöhnischen “Verschwörungsideologen”, weder in Impfstoffen noch giftigen Chemikalien, weder in 5G noch in Sterbehilfe für Hochbetagte und sonstige nutzlose Esser. Vielmehr sieht der Plan vor, die gewichtigsten Gründe fürs Kinderkriegen zu beseitigen. Ärmere produzieren reichlich Nachwuchs, um ihn in Familienbetrieben mithelfen zu lassen und das eigene Alter abzusichern – also müsse ein massiver Wohlstandstransfer von reichen zu Entwicklungsländern stattfinden. Überall sollen Frauen dazu “ermächtigt” (empowered) werden, sich erstrebenswertere Lebensziele zu setzen als Mutterschaft. Die Menschheit wird unfruchtbar Bis Winterthur hat sich anscheinend noch nicht herumgesprochen: Schon bald könnte sich das Schreckgespenst, vorbildlich ressourcenschonend, von alleine verflüchtigen, ganz ohne Aktionsplan. Während schwarzmalende Reset-Prediger weiterhin vor den schrecklichen Folgen der Überbevölkerung warnen, macht sich nämlich ein gegenläufiger, nicht minder fataler Trend immer deutlicher bemerkbar: Die Menschheit ist dabei zu schrumpfen. In Kürze wird das globale Bevölkerungswachstum ein Plateau erreichen und danach rückläufig sein; in “entwickelten Regionen”, zu denen Europa, Nordamerika, Australien, Neuseeland und Japan zählen, erwartet die UN schon ab etwa 2025 einen drastischen Rückgang. Weltweit ist bereits jeder Sechste im zeugungsfähigen Alter von Fruchtbarkeitsproblemen betroffen, in Deutschland jedes zehnte Paar, in den USA ebenfalls. Selbst bei gesunden Paaren unter 30 Jahren misslingt es dort 40 bis 60 %, innerhalb des ersten Vierteljahrs nach Beginn ungeschützten Geschlechtsverkehrs für eine Schwangerschaft zu sorgen. Schon heute haben die Geburtenraten weltweit ein Rekordtief erreicht. Zwischen 1960 und 2018 sank die Zahl der geborenen Kinder um 50 %. Der beispiellose Niedergang betrifft beide Geschlechter gleichermaßen, am ausgeprägtesten in wohlhabenden Ländern. Bei Männern befindet sich dort die Spermienmenge schon seit Jahrzehnten im statistischen Sinkflug. Wie die Epidemiologin Dr. Shanna Swan vom Mount Sinai Health System - einem Kliniknetzwerk in New York - feststellte, lag die Zahl im Jahr 2011 mit durchschnittlich 47 Millionen pro Milliliter bei weniger als der Hälfte des Werts von 1973 – damals waren es noch 99 Millionen/ml. Fällt die Kurve weiter im bisherigen Tempo, so läge sie im Jahre 2045 bei Null. So köstlich ließ die US-Epidemiologin Dr. Shanna Swan (Foto) zwei vorzügliche Aufklärungsvideos illustrieren: “A Global Fertility Crisis” und “Endocrine Disruptors - Common Chemicals That Severely Alter Your Hormones”. Swans erschütternden Befund teilt Hagai Levine, Professor für Epidemiologie an der Hebräischen Universität Jerusalem. Nach seiner im Frühjahr 2023 veröffentlichten Studie ist die Spermienzahl zwischen 1973 und 2018 um durchschnittlich 1,2 % pro Jahr gesunken. Dabei hat sich der Rückgang beschleunigt: Seit dem Jahr 2000 beträgt er 2,64% pro Jahr. "Wir stehen vor einer Krise der öffentlichen Gesundheit und wir wissen nicht, ob sie umkehrbar ist", erklärte Levine in einem Interview mit BBC News im März 2023. Bei 40 % der ungewollt kinderlosen Paare liegen die Ursachen allein bei der Frau. (Zu weiteren 20 % tragen beide Partner gleichermaßen zum Problem bei.) Am häufigsten sorgen hormonelle Störungen dafür. Schon bald wird Paaren mit Kinderwunsch nichts anderes übrigbleiben, als sich von ihrem Herzenswunsch zu verabschieden und sich mit einem Haustier zu begnügen – oder sich beim Fortpflanzen medizintechnisch helfen zu lassen. Das Online-Nachrichtenmagazin Salon kommentiert: „Wenn unsere durchschnittliche Spermienzahl weniger als 15 Millionen pro Milliliter beträgt, werden nur noch diejenigen Menschen in der Lage sein, sich fortzupflanzen, die sich teure medizinische Technologien wie die In-vitro-Fertilisation (IVF) leisten können.“ (Levine setzt die Schwelle für die nötige Spermienzahl bei 40 Millionen pro Milliliter an.) Könnten Zeugung, Schwangerschaft und Geburt auf eine verhältnismäßig kurze, recht unhygienische Frühphase der menschlichen Reproduktionsgeschichte beschränkt bleiben, die technologisch noch zu unterentwickelt war, um das Wesentliche außerhalb des Körpers stattfinden zu lassen? Zumindest Transhumanisten hätten kein Problem mit solchen Aussichten. Von EDCs bis PFAS: Chemikalien machen unfruchtbar Welche Faktoren die Krise heraufbeschworen haben und weiter zuspitzen, weiß jeder, der den Forschungsstand zur Kenntnis nimmt. Zu den Hauptverantwortlichen zählen endokrin wirksame Chemikalien (EDCs) wie Phthalate und Bisphenole, die in Kunststoffen, Körperpflegeprodukten, Kosmetika, verarbeiteten und verpackten Lebensmitteln vorkommen. Sie beeinträchtigen unmittelbar die Funktion unserer Steroidhormone: jener Botenstoffe, die Informationen zwischen Geweben vermitteln; die wichtigsten sind Testosteron und Östrogen, die männlichen bzw. weiblichen Geschlechtshormone. Viele EDCs ahmen diese natürlichen Hormone nach und ersetzen sie - leider alles andere als vollwertig. Zum einen drängeln sie sich bei deren Rezeptoren vor (von lat. recipere = aufnehmen): Proteine oder Proteinkomplexe, an die bestimmte Signalmoleküle andocken können, um Prozesse im Zellinneren in Gang zu setzen. EDCs binden an Androgen- oder Östrogenrezeptoren, wobei sie gleichgerichtet oder entgegengesetzt wirken. Dadurch erhöht oder verringert sich die Expression geschlechtsspezifischer Gene: die Art und Weise, wie ein Gen in Erscheinung tritt, um jene biologischen Strukturen und Funktionen auszubilden, die an der Fortpflanzung mitwirken. Betroffen sein können auch P450-Enzyme in der Leber, die Steroidhormone verstoffwechseln. Zudem manipulieren EDCs beteiligte Enzyme -  unter anderem die Cytochrome P450 in der Leber, die Steroidhormone verstoffwechseln. Auch hemmen EDCs die Aktivität der 5-α-Reduktase; sie ist das wichtigste Enzym bei der Produktion von Dihydrotestosteron (DHT), der biologisch wirksamsten Form des männlichen Sexualhormons Testosteron. Somit reguliert 5-α-Reduktase die Vermännlichung der äußeren Genitalien und der Prostata. Wie Dr. Shanna Swan ausführt,  drohen mehrere Probleme, wenn es an Testosteron mangelt, während sich ein männlicher Fötus entwickelt. Seine Genitalien können sich nicht richtig entwickeln. Wenn er älter wird, verfügt er womöglich nicht über genügend Spermien, um fruchtbar zu sein. Auch besteht ein erhöhtes Krebsrisiko. Für all diese negativen Auswirkungen ist die Beweislage längst erdrückend. "In mehreren Studien auf der ganzen Welt wurde ein Rückgang des Testosterons festgestellt”, so stellt Shanna Swan fest. “Wir sehen eine Zunahme der erektilen Dysfunktion. Wir sehen einen Anstieg der Raten von Genitalanomalien. Wir sehen einen Anstieg der Hodenkrebsraten." Damit nicht genug: EDCs können die DNA in Spermien fragmentieren, was zu frühen Fehlgeburten beitragen kann. Natürlich sind auch Frauen betroffen: Bei hoher EDC-Belastung bilden ihre Ovarien ungewöhnlich früh nicht mehr genügend Eizellen, um schwanger zu werden. Eine weitere Klasse von chemischen Übeltätern stellen per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen (PFAS) dar. Sie stecken in fett- und schmutzabweisenden Produkten wie Lebensmittelverpackungen, Kleidung, Kosmetika und Haushaltsgegenständen wie Kochgeschirr. Ziemlich treffend werden sie umgangssprachlich als „ewige Chemikalien“ bezeichnet: Extrem stabil, sind sie so gut wie gar nicht abbaubar. Deshalb verschmutzen sie nicht nur dauerhaft Wasser und Boden – über die Nahrung und Kontakt mit Verbraucherprodukten reichern sie sich auch in unserem Körper an. Eine 2022 veröffentlichte Studie fand "einen statistisch signifikanten Zusammenhang zwischen der Exposition gegenüber einer Mischung von PFAS in der Frühschwangerschaft und einer geringeren Spermienkonzentration und Gesamtspermienzahl sowie einem höheren Anteil an nicht-fortpflanzungsfähigen und unbeweglichen Spermien" bei männlichen Nachkommen. Auch stören PFAS nachweislich die Fortpflanzungshormone. Sie verzögern den Beginn der Pubertät. Bei Frauen erhöhen sie das Risiko für Endometriose: Gewebeteile der Gebärmutterschleimhaut wachsen dann außerhalb des Uterus; dabei können sie Eileiter und Eierstock derart verstopfen, dass der Eisprung verhindert wird. Darüber hinaus fördern PFAS das polyzystische Ovarsyndrom, bei Frauen mit 5 bis 10 % die häufigste Hormonstörung im gebärfähigen Alter: Weil sie die Reifung der Eizellen beeinträchtigt, finden keine regelmäßigen Eisprünge statt, was den Eintritt einer Schwangerschaft erschwert. Sogenannte “Pflanzenschutzmittel” spielen ebenfalls mit. Organophosphate und N-Methylcarbamate, zwei gängige Insektizidklassen, verringern die Spermienzahl, wie die Fachzeitschrift Environmental Health Perspectives im November 2023 Erkenntnisse aus 20 Studien mit insgesamt 1774 erwachsenen Männern zusammenfasste. Mit einer verminderten Fruchtbarkeit bei Frauen sowie mit Störungen der Eierstöcke, Totgeburten, Frühgeburten und Entwicklungsanomalien werden Pestizide ebenfalls in Verbindung gebracht. Auch Elektrosmog steht im Verdacht Zum beobachteten Rückgang der männlichen Spermienzahl könnten Belastungen durch elektromagnetische Felder (EMF) ebenfalls beitragen. Einen bisher unbekannten Mechanismus, mit dem die von Mobiltelefonen und anderen drahtlosen Technologien ausgestrahlten Mikrowellen biologische Schäden anrichten können, entdeckte Martin L. Pall, Professor für Biochemie und medizinische Grundlagenwissenschaften an der Washington State University: Sie aktivieren spannungsgesteuerte Kalziumkanäle (VGCCs), die in den Zellmembranen eingebettet sind. Wenn das geschieht, werden innerhalb der Zelle im Nu rund eine Million Kalziumionen pro Sekunde freigesetzt. Dieser massive Überschuss an Kalzium führt dazu, dass sich Stickstoffmonoxid (NO) bildet – in der Zelle ebenso wie in den Mitochondrien.  Gemeinsam mit Superoxid verwandelt sich NO in Superoxid. Diese hochreaktive Verbindung richtet nicht nur oxidative Verwüstungen an, sondern bildet auch freie Hydroxylradikale; diese zerstören die mitochondriale und nukleare DNA, ihre Membranen und Proteine. Das führt zu Dysfunktionen, die sich auf Menge und Funktion der Spermien auswirken, insbesondere auf ihre Beweglichkeit. Wie auf einem Expertengremium für Kindergesundheit im Jahr 2013 festgestellt wurde, ist "die Hodenschranke, die die Spermien schützt, das empfindlichste Gewebe im Körper“; deshalb setzt ihr Handystrahlung besonders stark zu. Je häufiger es zu einer Exposition kommt, je länger sie andauert, je stärker das EMF ist, desto schlimmer wirkt es sich aus. Wer weiterhin bestreitet, dass die Strahlung von Smartphones, Tablets, WLAN-Routern & Co. unserer Gesundheit schadet, hat vom aktuellen Forschungsstand keinen blassen Schimmer - oder er steht vermutlich auf der Honorarliste der Mobilfunklobby. 130 Studien und 13 Reviews belegen Auswirkungen auf die Konzentration, Vitalität, Form und Beweglichkeit der Spermien; die Umwelt- und Verbraucherschutzorganisation diagnose:funk hat sich die Mühe gemacht, einen Großteil davon in einer Datenbank zusammenzutragen. Selbst der Technologiefolgen-Ausschuss des EU-Parlaments sieht den Zusammenhang mittlerweile als erwiesen an – nachzulesen in seinem Forschungsüberblick „Health Impact of 5G“. Kürzlich bestätigt hat ihn eine aufwändige Meta-Analyse von Wissenschaftlern der Elite-Uni Pusan in Südkorea. Politische Konsequenzen daraus wären überfällig. Wird der Notstand herbeigeimpft? Impfstoffe könnten den Unfruchtbarkeitstrend verstärken. Frühzeitig haben besorgte Ärzte und Wissenschaftler darauf hingewiesen, dass eben diese Gefahr von den Covid-Spritzen ausgeht: In Spermien, Eizellen und Plazenta könnten die Vakzine mit Syncytin – einem Protein, das bei der Entwicklung der Plazenta eine entscheidende Rolle spielt - und reproduktiven Genen in einer Weise reagieren, welche die Fortpflanzung behindert. Wie berechtigt die Warnung war, bestätigt inzwischen eine im Fachjournal Andrology veröffentlichte Studie (2): Die mRNA-Spritze von Pfizer beeinträchtigt die Konzentration und Beweglichkeit von Spermien rund ein Vierteljahr lang. Frauen aller Altersgruppen klagten über eine veränderte Menstruation nach der Impfung, was sich auf die Fruchtbarkeit auswirken könnte; allein in Großbritannien wurden über 30.000 entsprechende Berichte dokumentiert. Je häufiger sich Frauen „piksen“ ließen, desto öfter litten sie unter Fertilitätsproblemen. Es häuften sich Meldungen über Todesfälle bei Neugeborenen und gestillten Babys (3). Österreichische Hebammen berichteten über eine Zunahme von Komplikationen während der Schwangerschaft und Entbindung nach einer Covid-Impfung. Rund um den Globus fiel die Geburtenrate nach Beginn der Covid-Impfkampagne – ausgeprägter als je zuvor in den vergangenen hundert Jahren. Daten aus 19 Ländern Europas belegen für die erste Jahreshälfte 2022 ein mittleres Minus von 7 %: Das sind 110.059 Geburten weniger als im Durchschnitt der Jahre 2019 bis 2021. In fünf Ländern lag die Quote über 10 %. In Deutschland sank die Geburtenrate im ersten Quartal 2022 um 10 % (4), bis Jahresende um 12,2 %. In der Schweiz lag sie zwischen Januar und April 2022 um 15 % niedriger als erwartet, in Großbritannien um 10 %,  in Taiwan um 23 %. In den Niederlanden sank sie um 11 %, in Schweden um 14 %, in Neuseeland und Australien um rund 15 %, in Ungarn um 22 %, auf Taiwan um 28 %. (5) Auch die meisten US-Bundesstaaten verzeichneten einen Rückgang der Lebendgeburten. Für North Dakota beispielsweise weisen Statistiken ein Minus von 10% im Februar 2022 aus, von 13% im März und von 11% im April, verglichen mit den entsprechenden Monaten im Vorjahr. In den fünf Ländern mit den höchsten Covid-Impfquoten ging die Geburtenrate im Durchschnitt um 15,2 % zurück. Hingegen sank sie in den fünf Ländern mit dem niedrigsten Bevölkerungsanteil Geimpfter im Durchschnitt nur um 4,66 %. Unfruchtbarkeit als Impfschaden: Handelt es sich da selbstverständlich um eine allerseits bedauerte, völlig unbeabsichtigte Nebenwirkung? Daran zweifeln lässt der erschütternde Dokumentarfilm „Infertility: A Diabolic Agenda“. Wie er 2022 aufdeckte, arbeitet die Weltgesundheitsorganisation seit den 1970er Jahren an Vakzinen, die unfruchtbar machen. Mitte der neunziger Jahre kam heraus, dass die UNICEF in Afrika einen Tetanus-Impfstoff verwendete, der mit “humanem Choriongonadotropin” versetzt war, kurz hCG. Die Ausschüttung dieses Hormons sendet dem Körper einer Frau das erste Schwangerschaftssignal. Er reagiert darauf, indem die Eierstöcke Progesteron produzieren, das die Schwangerschaft bis zum Ende aufrechterhält. Mit Tetanus-Toxin kombiniert, wurde dieses hCG vom Immunsystem der “Gepiksten” angegriffen und zerstört. So kam es zur massenhaften Sterilisation afrikanischer Frauen – ohne deren Wissen und Zustimmung. (6) Ein mutiger Arzt aus Kenia, Dr. Stephen Karanja, schlug damals verzweifelt Alarm: “Wenn sie mit Afrika fertig sind, seid ihr und eure Kinder dran.” Pflanzen sich bald nur noch Reiche fort? Das Fertilitätsgeschäft boomt. Bis 2030 wird es voraussichtlich ein Marktvolumen von rund 48 Milliarden Dollar erreichen, mit enormem weiteren Wachstumspotenzial. Denn Reproduktionsmedizin ist sündhaft teuer – ihre Anbieter profitieren umso mehr, je zaghafter Gesundheitsbehörden die Ursachen angehen. Ein einziger Zyklus der In-vitro-Fertilisation (IVF), bei der in einem Reagenzglas einzelne Eizellen mit aufbereiteten Spermien zusammengebracht werden, kann 2000 bis 3000 Euro kosten, aber auch zwischen 15.000 und 30.000 Euro.  Und weil die Chance, dabei schwanger zu werden, nach dem ersten Zyklus nur 29 % beträgt und selbst beim sechsten Zyklus erst auf 43 % steigt, können schwindelerregende Beträge zusammenkommen. In Deutschland springen Krankenkassen ein, aber bloß unter bestimmten Voraussetzungen und meist nur anteilig. Lediglich Verheiratete können darauf hoffen; beide Ehepartner müssen mindestens 25 Jahre alt sein, die Frau aber höchstens 40, der Mann maximal 50. Im allgemeinen beteiligen sich die Gesetzlichen dann zur Hälfte an den Behandlungs- und Medikamentenkosten für insgesamt acht Zyklen einer Insemination ohne vorherige hormonelle Stimulation plus drei Zyklen einer Insemination mit hormoneller Stimulation plus drei Zyklen einer IVF oder einer Intrazytoplasmatischen Spermieninjektion (ICSI), bei welcher ein einzelnes Spermium mit einer Mikropipette direkt in das Zytoplasma einer Eizelle injiziert wird. Private Krankenkassen verfahren nach dem „Verursacherprinzip“; ist beispielsweise der Mann steril, so bezahlen sie die gesamte Behandlung, auch wenn die Ehefrau gesetzlich versichert ist. Anderswo müssen Betroffene aus eigener Tasche bezahlen. Ein Großteil ist damit überfordert. Und es werden immer mehr. "Unsere Spezies steht vor einer Zukunft, in der nur noch die Reichen in der Lage sein werden, sich zu vermehren", befürchtet Salon. Wer sonst wird sich noch teure Reproduktionstechnik leisten können? Zwei neue soziale Klassen könnten entstehen: Wenigen vermögenden Fortpflanzern würde eine Masse finanziell minderbemittelter Steriler gegenüberstehen – mit enormem Konfliktpotential. Um für eine solche Zukunft vorzusorgen, kommen immer ausgefeiltere Technologien zur sozialen Kontrolle wie gerufen. (Harald Wiesendanger) Anmerkungen (1)   Eingehend beschreibt Earth4All das “Riesensprung”-Szenario in seinem knapp 100-seitigen Konzept “People and Planet”. Noch ausführlicher präsentiert es die Ko-Präsidentin des Club of Rome, Sandrine Dixson-Declѐve, in ihrem Buch Earth for All – A Survival Guide for Humanity (2022); es fügt sich vorzüglich in die Great Reset-Vision des WEF-Lenkers Klaus Schwab ein. Weitgehend entspricht es zudem den “Sustainable Development Goals” der Vereinten Nationen, s. auch https://expose-news.com/2022/06/26/new-study-pfizer-docs-depopulation-infertility/ (3)   Zu 60 gemeldeten Fällen aus Deutschland s. hier (4)   https://expose-news.com/2022/07/18/germany-birth-rates-drop-dramatically-in-2022/; https://igorchudov.substack.com/p/dramatic-decrease-in-births-in-germany (5)   Für das Gesamtjahr 2022 siehe die Tabelle in https://swprs.org/covid-vaccines-and-fertility/#foobox-5/0/birth-data-2022-july.png?ssl=1 (6)   Siehe Auswege Infos Nr. 99 / 2. August 2022 Titelbild: Freepik.

  • Homöopathie "nutzlos"?

    Gesundheitsminister Lauterbach will Homöopathie als Kassenleistung streichen. Wieso? Weil "Leistungen, die keinen medizinisch belegbaren Nutzen haben, nicht aus Beitragsmitteln finanziert werden dürfen“. Es fällt schwer, ein derartiges Statement weder auf Inkompetenz noch auf Lobbysteuerung zurückzuführen. Eine „gefährliche Pseudowissenschaft“ sei die Homöopathie, so twitterte Karl Lauterbach 2022. Dabei hätte er robuste Belege dafür, wie wirksam diese Therapierichtung sein kann, spätestens sechs Jahre zuvor einer Metaanalyse entnehmen können, die placebo-kontrollierte, doppelblinde, randomisierte, kontrollierte Studien auswertete. Dabei ergab sich: Bei homöopathischen Arzneimitteln ist die Wahrscheinlichkeit um eineinhalb bis zwei Mal höher, dass sie im Vergleich zu Placebo eine Wirkung erzielen, wenn sie bei einer individuell abgestimmten Behandlung verschrieben werden. Mittlerweile liegen rund 170 hochwertige Studien über den medizinischen Nutzen der Homöopathie vor - in den meisten hat sie sich gegenüber einem Placebo als überlegen erwiesen. Keine davon berücksichtigte der „Nationale Gesundheits- und Forschungsrat“ (NHMRC), als er die Homöopathie „überprüfte“. Ebenso ignorierte sie der “Wissenschaftliche Beirat der Europäischen Akademien” (EASAC), der die EU-Kommission berät, in seiner skandalösen Stellungnahme zur Homöopathie. Unfassbar, ungefähr nach dem Motto: "Meine Augen sind zu, also ist es dunkel." Übrigens würde Lauterbach mit seiner Maßnahme die Gesetzlichen um gerade mal zehn Millionen Euro entlasten. Hätte er sich auf der Jagd nach “Leistungen ohne medizinisch belegbaren Nutzen“ nicht eher die „Schutz“masken und „Schutz“impfungen der Corona-Jahre vorknöpfen müssen? Allein damit hätte sich ein zweistelliger Milliardenbetrag einsparen lassen, mit dem man locker jedem deutschen Haushalt eine Wärmepumpe spendieren könnte – und jedem Bauernhof seinen Billigdiesel. Ebensowenig wie eine Krankheit mit Globuli - so konstruiert unser Gesundheitsminister den hinkendsten aller Vergleiche - "lässt sich der Klimawandel mit der Wünschelrute bekämpfen“ – oder eine virale Infektwelle mit der Gesichtswindel. Im übrigen dürfte es jeder Fan wissenschaftlicher Evidenzbasierung außerordentlich begrüßen, wenn das Kriterium des „medizinisch belegbaren Nutzens“ endlich einmal gnadenlos auf sämtliche Produkte und Leistungen der Schulmedizin angewandt würde. Geschähe das konsequent: Wo lägen dann wohl unsere Beitragssätze zur Krankenversicherung? Warum es Homöopathie weiterhin so schwer hat, Skeptiker zu überzeugen, brachte schon 1991 eine niederländische Forschergruppe auf den Punkt, nachdem sie 107 kontrollierte Studien ausgewertet hatte:  „Wir sind von der Menge an positiven Nachweisen, sogar unter den besten Studien, überrascht. Aufgrund der Datenlage wären wir bereit, zu akzeptieren, dass Homöopathie wirksam sein kann, wenn nur der Wirkmechanismus plausibler wäre.“ Aber ist denn ausgeschlossen, dass ein Phänomen existiert, solange unklar ist, warum? Wer beides nicht auseinanderhalten kann, hat keine Ahnung von Wissenschaft. Dann wird er besser Pharmareferent als Gesundheitsminister. Worum es hier in Wahrheit gehen könnte, lässt ein Ausblick der US-Marktforschungsfirma Transparency Market Research ahnen. Der weltweite Umsatz von homöopathischen Produkten, der im Jahr 2021 bei 10,7 Milliarden US-Dollar lag, dürfte demnach bis Ende 2031 auf 32,4 Milliarden wachsen. Ist es nicht ärgerlich, dass Big Pharma dadurch Marktanteile verlorengehen? (Harald Wiesendanger) Titelbild: Collage aus Fotos von Bruno/Pixabay und Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons), CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=110143015

  • Für immer jung – dank NMN?

    Für Anti-Aging-Produkte kann man ein Vermögen loswerden – bei fraglichem Nutzen und ungewissen Nebenwirkungen. Eine rühmliche Ausnahme scheint NMN darzustellen. Je eingehender diese Substanz erforscht wird, desto deutlicher tritt ihr geradezu spektakuläres Potential zutage, uns auch in höherem Alter gesund und vital zu halten. „Ich möchte mit dir alt werden“, so heißt es auf einer witzigen Postkarte, die ein betagtes Paar beim gemächlichen Spaziergang auf einem Feldweg zeigt, Rollatoren vor sich herschiebend. „Es hat aber keine Eile.“ Alt werden will nämlich fast jeder – alt sein hingegen kaum jemand. Denn zumindest in westlichen Industrieländern gilt höheres Alter beinahe schon als Synonym für körperliche Einschränkungen und geistigen Abbau, für chronische Krankheit und Behinderung, für Krückstock, Pillendose und Hörgerät, für Freiheitsverlust und Pflegebedürftigkeit – mit scheinbar naturnotwendiger Unerbittlichkeit. „Altersbedingt“ eben. Bei solch trüben Aussichten beglückt umso mehr die frohe Botschaft des wohl berühmtesten Alternsforschers unseres Planeten: David Sinclair, in Australien geborener Biologe und Professor für Genetik an der Harvard Medical School in Cambridge, Massachusetts. Altwerden sei eine heilbare Krankheit, so lehrt er. (1) Den nahen Sieg über das vermeintliche Schicksal verkörpert niemand überzeugender als er selbst: Mit vollem, nicht einmal ansatzweise ergrauten Haar und nahezu faltenfreier Haut, schlank, energiegeladen und topfit wirkt der mittlerweile 54-Jährige mit dem verschmitzt grinsenden Lausbubengesicht, als sei er gerade erst Anfang Dreißig. Worin besteht Sinclairs Geheimnis? Er hat mehrere. Für eines stehen drei Buchstaben: NMN, eine Abkürzung für Nicotinamid-Mononukleotid. Einige hundert Milligramm davon schluckt er jeden Morgen, neben einer Handvoll Blaubeeren in hausgemachtem Joghurt. Wie kommt er dazu? NMN ist nichts Künstliches. Es handelt sich um ein Molekül, das in Pflanzen ebenso vorkommt wie in Säugetieren, einschließlich des Menschen – in jeder einzelnen Zelle. Als Nukleotid ist es der kleinste Baustein von Nukleinsäuren, chemischer Grundbestandteil der DNA und RNA. Unser Körper ist imstande, es selber zu bilden: aus Vitamin B3, aus der Aminosäure Tryptophan, auch mit Hilfe von Darmbakterien. Dieses NMN wandelt unser Organismus in Nicotinamid-Adenin-Dinucleotid um, kurz NAD+: einen sogenannten Cofaktor, das notwendige Nicht-Protein-Element eines Enzyms und unerlässlich für dessen Aufgabe, in uns biochemische Reaktionen auszulösen. Unser Organismus benötigt NAD für eine Vielzahl von Funktionen, unter anderem für die Energiegewinnung aus Nahrung. Als vielseitiges Informationsshuttle befördert es Protonen und Elektronen kreuz und quer durch jede Zelle. Es stärkt die Mitochondrien, die Kraftwerke unserer Zellen. Darüber hinaus hilft NAD, beschädigtes Erbgut zu reparieren, die Gene zu regulieren, die Abwehrsysteme der Zellen zu stärken und unsere innere Uhr einzustellen. NAD wirkt an der Tätigkeit von mehr als 500 Enzymen mit; ohne es wären wir binnen 30 Sekunden tot. Mit fortschreitendem Alter bildet sich in uns leider immer weniger NAD, und das wirkt sich fatal aus: Ein sinkender NAD-Spiegel beschleunigt den Alterungsprozess und trägt zu zahlreichen chronischen Erkrankungen bei, von Arteriosklerose über Typ-2-Diabetes bis zu Alzheimer. Was geschieht, wenn man den Mangel kurzerhand behebt – dem Organismus einfach mehr NAD zuführt? Das erforschte David Sinclair mit seinem Team von der Harvard Medical School in Cambridge, Massachusetts, anfangs an Mäusen. Dabei stellte sich heraus: Ein ausreichernd hoher NAD-Nachschub über das Futter kann die schädlichen Abbauvorgänge nicht bloß aufhalten, sondern zum Teil sogar rückgängig machen. Schon nach einer Woche bildeten sich die Anzeichen der Alterung zurück, ablesbar an Parametern wie Entzündungsreaktionen, Insulinresistenz und Muskelschwund. Die Zellen von zwei Jahre alten Mäusen glichen nach der NAD-Kur plötzlich jenen von sechs Monate alten Artgenossen. Mausgreise verwandelten sich in Renntiere, die Laufräder so rasant und ausdauernd drehten wie nie zuvor. Bei Vorträgen präsentiert Sinclair gerne Bilder zweier Labormäuse nebeneinander: die eine grau und struppig, die andere braun und keck – beide geboren am selben Tag. Seit Sinclairs bahnbrechenden Experimenten hat reichlich weitere Forschung an Mäusen und Ratten bestätigt, wie positiv sich die Gabe von NAD bzw. seines Vorläufers NMN auf deren Gesundheit auswirkt: Der Energiestoffwechsel steigt, die körperliche Aktivität nimmt zu; das Erbgut wird vor Mutationen geschützt, eine altersbedingte Gewichtszunahme vermieden, die Insulinsensitivität erhöht, das Risiko für Typ-2-Diabetes gesenkt. Entzündungen und degenerative Veränderungen im Nervensystem werden seltener. (2) Neue Blutgefäße bilden sich. Die Muskeln werden mit mehr Sauerstoff versorgt, Milchsäure und Giftstoffe daraus besser abtransportiert. Die Gebrechlichkeit verschwindet. Und nicht zuletzt: Die Lebensspanne der Versuchstiere verlängert sich erheblich. Von diesen Beobachtungen ermutigt, befassen sich Langlebigkeitsforscher zunehmend damit, NMN am Menschen zu testen – mit verblüffenden Ergebnissen. NMN macht allgemein gesünder In einer Ende 2022 veröffentlichten Studie erhielten 80 gesunde Erwachsene in mittleren Jahren, mit alterstypischen NAD-Werten, zwei Monate lang täglich 300 mg, 600 mg oder 900 mg NMN – oder ein Placebo. Im Vergleich mit der Kontrollgruppe waren NMN-Konsumenten bei Testende körperlich fitter – innerhalb eines Sechs-Minuten-Zeitraums bewältigten sie eine längere Gehstrecke. Ihren allgemeinen Gesundheitszustand bewerteten sie signifikant besser: Beispielsweise fühlten sie sich wohler in ihrer Haut, emotional stabiler, zufriedener, leistungsfähiger. Ihre Insulinresistenz, eine Hauptursache von Typ-2-Diabetes, war geringer ausgeprägt: Auf Signale des Hormons Insulin sprachen ihre Körperzellen eher an. Ihre biologische Alterung war verlangsamt, wie ihre Blutproben anhand von 19 Laborparametern verrieten, von Albumin und Hämatokrit über HDL- und LDL-Cholesterin bis hin zu Thrombozyten und Erythrozyten. Am ausgeprägtesten traten diese Vorteile bei NMN-Dosierungen von 600 und 900 mg auf. NMN bremst den Alterungsprozess Auch bei Menschen kann NMN das biologische Altern verlangsamen, womöglich sogar umkehren. Es wirkt über Sirtuine, eine Familie von Proteinen, die in allen Lebewesen vorkommen. Unter Stress wie zum Beispiel bei Nährstoffmangel, Kälte, körperlicher Anstrengung lassen sie sich von NMN aktivieren. Dann schalten sie Langlebigkeitsgene ein, die schützen, reparieren und erneuern. Sie „unterdrücken epigenetische Veränderungen und lassen das Jugendprogramm weiterlaufen“, wie Sinclair feststellte. (3) „NAD+ kommt einem Jungbrunnen am nächsten“, schwärmte er im Time Magazine. Unter anderem beeinflusst NMN die Länge der Telomere: der Endkappen unserer Chromosomen, die diese vor Schäden aller Art schützen, etwa durch oxidativen Stress und freie Radikale. Während wir altern, werden sie immer kürzer. In einer chinesischen Studie nahmen acht gesunde Männer, zwischen 45 und 60 Jahre alt, ein Vierteljahr lang täglich zum Frühstück 300 mg NMN ein. Bereits nach dem ersten Monat hatten sich die Telomere der Immunzellen im Blut erheblich verlängert. NMN schützt vor Diabetes In zwei Studien erhielten Versuchspersonen 10 bzw. 12 Wochen lang täglich 250 mg NMN. Am Ende hatte sich ihre Insulinsensitivität deutlich verbessert, ihr Blutzuckerspiegel reguliert. (4) NMN heilt den Darm Worauf Tierversuche hindeuteten, bestätigt sich mehr und mehr in Humanstudien: Die tägliche Einnahme von NMN über mehrere Wochen hinweg genügt, um chronisch entzündlichen Darmerkrankungen entgegenzuwirken und ihnen vorzubeugen, eine gestörte Darmflora zu sanieren, eine geschwächte oder durchlässiger gewordene Darmbarriere – beim Leaky-Gut-Syndrom – wiederherzustellen. Die Verdauung verbessert sich, und es wird vermehrt Gallensäure produziert. Außerdem sorgt NMN dafür, dass sich nützliche Darmbakterien vermehren, darunter Laktobazillen, Bifidobakterien, Firmicuten, Akkermansia. (5) Diese tun unserem Darm auf mehrerlei Weise gut: Sie produzieren eine Schleimschicht, die ihn auskleidet und die Darmbarriere schützt – diese wird stabiler und lässt weniger Schadstoffe durch. Indem die Bakterien die Darmwand besiedeln, hindern sie schädliche Keime daran, sich zu vermehren. Sie bilden kurzkettige Fettsäuren (SCFAs) wie Butter- und Propionsäure, die unter anderem die Zellen der Darmwand nähren. Über die Darmschleimhaut ins Blut aufgenommen, bekämpfen sie im ganzen Körper Entzündungen, ja sie schützen sogar die Blut-Hirn-Schranke. NMN schützt vor Demenz Wie sich die Darmflora zusammensetzt, wirkt sich über die sogenannte „Darm-Hirn-Achse“ – die Verbindung, die beide Organe neuronal vernetzt – auf das zentrale Nervensystem aus. Zumindest im Tierversuch zeigte sich bereits, dass nach NMN-Gaben mehrere Anzeichen von Alzheimer im Gehirn deutlich zurückgingen: weniger Entzündungen, eine verbesserte Funktion der Mitochondrien, eine effizientere Signalübertragung zwischen Nervenzellen, ein geringerer kognitiver Leistungsabfall. NAD-Booster als medizinische Universalwaffe Auf Sinclairs Homepage findet sich eine Grafik, die veranschaulicht, wie viel der Popstar der Longevity-Forschung mittels NAD-Boostern über die genannten Anwendungen hinaus für erreichbar hält: Mittels NAD-Gaben ließe sich die Leber dazu bringen, Fettsäuren besser abzubauen. Das Endothel, die Zellschicht an der Innenseite der Blut- und Lymphgefäße, könnte optimiert werden, wie auch die Insulinproduktion der Bauchspeicheldrüse und die Lipogenese in Fettgewebe. Herz und Nieren bekämen mehr Schutz. Verjüngte Fortpflanzungsorgane könnten die Phase der Fruchtbarkeit verlängern oder zurückbringen. Mitochondriale Funktionen könnten angekurbelt, Zellen verjüngt, das Immunsystem gestärkt, Krebs verhindert werden; Nerven könnten regenerieren, Wunden schneller heilen, Entzündungen rascher abklingen. Was auch immer in unserem Körper zunehmend schlechter funktioniert – die Ursache scheint zumeist ein und dieselbe: das Altern. Für Sinclair steht fest: Es gibt kein ärgeres gesundheitliches Risiko, als den zeitlichen Abstand zur eigenen Geburt zu vergrößern. „Meine Mutter war Raucherin“, sagt er. „Das erhöhte ihr Krebsrisiko um das Fünffache. Aber: Durch das Altern von 20 auf 70 Jahre erhöhst du dein Krebsrisiko um das Tausendfache. Wir müssen das Altern selbst anvisieren.“ (6) Wer den Schlüssel dafür findet, altersbedingten Verfall aufzuhalten oder gar rückgängig zu machen, der hat nicht bloß die eine oder andere chronische Krankheit besiegt, sondern das chronische Kranksein an sich. Sobald dies möglich ist, muss es geschehen. Denn „jeder Mensch“, so lautet Sinclairs Credo, „hat das Recht auf die beste medizinische Versorgung und eine maximale Lebenserwartung”. Anscheinend frei von Nebenwirkungen Keine Wirkung ohne Nebenwirkung? Zumindest hinsichtlich NMN scheint vielmehr zu gelten: Keine Regel ohne Ausnahme. Weder im Tierversuch noch in Humanstudien kamen bisher irgendwelche schädlichen Effekte zum Vorschein – jedenfalls nicht bei den üblicherweise verabreichten Mengen zwischen 250 und 900 Milligramm pro Tag. (David Sinclair bevorzugt für sich persönlich 1000 mg.) Bei Ratten traten Unverträglichkeitsreaktionen erst bei enorm hoher NMN-Zufuhr von 2000 Milligramm pro Kilo Körpergewicht auf: Dann fraßen sie weniger und verloren an Gewicht. Nach einem gängigen Umrechnungsverfahren, um die „humane Äquivalenzdosis“ (HED) zu ermitteln, entsprechen 2000 mg pro Kilo Rattenkörper 323 mg/kg menschliches Körpergewicht. Wer von uns 60 Kilo auf die Waage bringt, könnte demnach bedenkenlos bis zu 19.380 mg NMN pro Tag zu sich nehmen. In den erwähnten Studien lagen die wirksamen Dosierungen aber um ein Vielfaches niedriger. Was ist von den im Internet kursierenden Gerüchten zu halten, NMN erhöhe das Krebsrisiko? Keine Studie hat dies bisher belegt, im Gegenteil: Weil NMN bzw. das daraus gebildete NAD+ daran mitwirkt, DNA-Schäden zu beheben, beseitigt es zugleich eine wesentliche Ursache für die Entstehung von Krebs. Bei bereits erkrankten Tieren zeigte sich, dass NMN-Gaben das Tumorwachstum keineswegs fördern, sondern eher hemmen. Denn sie aktivieren natürliche Killerzellen. Warum nicht auf natürlichem Weg? Wenn wir in jüngeren Jahren unseren NMN-Bedarf weitgehend übers Essen decken: Könnte nicht eine konsequente Ernährungsumstellung genügen, wenn wir älter werden? Warum nehmen wir dann nicht einfach mehr Lebensmittel zu uns, die NMN enthalten – oder Vitamin B3 bzw. Aminosäure Tryptophan, woraus unser Körper anschließend NMN und NAD bilden kann? Ergiebige Quellen für Vitamin B3 sind Mungobohnen, Erdnüsse, Pilze, Hülsenfrüchte und Kartoffeln, Eier, Innereien, Fische wie Sardelle, Thunfisch, Lachs und Makrele. (7) NMN kommt besonders reichlich vor in Edamame, einer japanischen Sojabohne (bis 1,88 mg pro 100 Gramm), aber auch in Avocados (bis 1,60 mg), Brokkoli (bis 1,12 mg), Kohl (bis 0,9 mg), rohem Rindfleisch (bis 0,42 mg) und Tomaten (bis 0,3 mg). Täglich etwas davon auf den Teller zu bekommen, und das in üppigen Mengen, ist freilich nicht jedermanns Sache. Zudem deutet experimentell bisher nichts darauf hin, dass es Nachteile bringt, stattdessen NMN als Nahrungsergänzungsmittel zu sich zu nehmen. Ein kulinarischer Genuss ist damit allerdings nicht verbunden: Handelsübliches NMN ist ein feines, schneeweißes, nahezu geschmackfreies Pulver, das sich im Mund wie Haushaltsmehl anfühlt. Hervorragend bioverfügbar Was fängt unser Körper mit zugeführtem NMN an? Inwieweit kann er es überhaupt verwerten? Scheidet er es womöglich umgehend wieder aus – wie etwa das neuerdings gehypte Spermidin, ein Botenstoff, der als hervorragendes Anti-Aging-Mittel gilt. “Man kann es zwar einnehmen, aber es kommt gar nicht im Körper an”, wie eine Studie der Uni Lübeck nahelegt. Aber auch diese Bedenken scheinen zumindest bei isoliertem NMN unbegründet. Als Nahrungsergänzungsmittel geschluckt, wird es vom Darm binnen weniger Minuten aufgenommen und gelangt in den Blutkreislauf. In Tierversuchen zeigten sich schon nach 10 bis 30 Minuten erhöhte NMN-Gehalte im Gewebe. Nach nur einer Stunde war der NAD-Gehalt angestiegen. (8) Bei gesunden Menschen zwischen 20 und 65 Jahren ergab eine japanische Studie: Wer täglich 250 mg NMN zu sich nimmt, erhöht seinen NAD-Spiegel um stattliche 40 %. Sobald er das Präparat absetzt, kehren die Blutwerte wieder zum Ausgangspunkt zurück. Wie sollte man es einnehmen? Sinclair empfiehlt, es nicht sofort herunterzuschlucken, sondern ein, zwei Minuten lang unter der Zunge zu belassen. Dann kann bereits die Schleimhaut im Mundraum es teilweise aufnehmen und dem Blutkreislauf zuführen. Happiger Preis Zertifiziertes, durch akkreditierte Analyse-Labore laufend getestetes NMN in bester Qualität – mit einem Reinheitsgrad über 99 % - gibt es leider nicht in der Schnäppchenhalle. Bei einem vielgelobten Online-Händler, Age-Science, kosten 100 Gramm happige 129 Euro, inklusive Versand und Mehrwertsteuer. (Die kleinste Beutelgröße, mit 12,5 Gramm NMN-Pulver, war im November 2023 dort für 30 Euro zu haben.) Kühl und ungeöffnet gelagert, ist es mindestens zwei Jahre haltbar. Wer es deutlich billiger haben will, geht ins unkalkulierbare Risiko. Es häufen sich Klagen, dass Lieferanten aus Übersee und Billigstheimer ihr angeblich “reines” NMN mit Ascorbinsäure, Milchpulver oder sonstwie strecken. Im Herbst 2021 wurden in den USA 22 verschiedene Anbieter getestet – mit niederschmetterndem Ergebnis: Fast zwei Drittel boten kein echtes oder nur minderwertiges NMN an. Zum Abmessen verwendet man am besten eine Milligramm-Waage. Im Online-Handel sind Laborwaagen schon ab 15 Euro zu haben. Erst besinnen, dann kaufen Rund um den Globus erreichen Menschen bei guter Gesundheit, frei von allen gefürchteten Zivilisationskrankheiten, fit und vital ein geradezu biblisches Alter – ganz ohne NMN und sonstige angesagten Anti-Aging-Produkte. Anstatt schnurstracks in jeden vermeintlichen pharmazeutischen Jungbrunnen zu hüpfen, täten wir gut daran, dem Geheimnis der “Centenarians” nachzuspüren, der putzmunteren Hundertjährigen. (9) Es ist ebenso unoriginell wie zeitlos wahr: weniger und vollwertig essen, ausreichend reines Wasser ertrinken, an frischer Luft körperlich aktiv sein, gut schlafen, Genussgifte meiden, Stress abbauen, eingebunden sein in stabile soziale Netze, befasst mit einer Aufgabe, erfüllt von einem Sinn. (Siehe KLARTEXT: “Selbst Methusalems pfeifen auf Corona”.) All dies berücksichtigt David Sinclair durchaus, anstatt sich bloß ein ausgeklügeltes Pillengemisch einzuflößen, von dem noch längst nicht zweifelsfrei bewiesen ist, dass es das Leben wirklich bei jedem wohltuend verlängert, der keine Maus ist. (Neben NMN schluckt er immer nach dem Aufstehen auch ein Gramm Resveratrol - den mutmaßlichen Anti-Aging-Bestandteil von Rotwein - sowie ein Gramm Metformin, ein Diabetesmittel, das Studien zufolge auch gegen Demenz, Krebs und Herzerkrankungen wirkt.) (10) Er fastet regelmäßig, isst eher zuwenig als zuviel, verzehrt viel Gemüse und nur selten rotes Fleisch, lässt die Finger von Fertiggerichten. Zumeist lässt er die Mittagsmahlzeit ausfallen. Zucker und Kohlenhydrate meidet er. Er supplementiert Vitamin D und K2; zur Blutverdünnung verabreicht er sich jeden Abend 83 mg Aspirin. Er trinkt reichlich grünen Tee. Er raucht nicht. Für Sport fehlt ihm zwar meistens die Zeit – aber er lässt keine Treppe aus; am Wochenende trainiert er im Fitnessstudio und schwitzt in einer Sauna, bevor er in eiskaltes Wasserbecken steigt. Nicht nur nachts beim Schlafen, auch tagsüber ist er bemüht, sich in einer kühlen Umgebung aufzuhalten. Alle paar Monate lässt er sich Blut abnehmen, um Dutzende von Biomarkern zu checken; sind die Werte nicht optimal, so korrigiert er sie mittels Ernährungsumstellung und Sport. (11) Er ist stolzer Vater dreier Kinder, hat einen großen Freundeskreis und Charlie, einen verhätschelten Pudelmischling. Er genießt höchste Anerkennung in seinem beruflichen Umfeld. Nicht nur als Wissenschaftler, auch als Geschäftsmann brilliert er: Im Jahr 2008 verkaufte Sinclair seine Firma Sirtris Pharmaceuticals für sage und schreibe 720 Millionen US-Dollar an den Pharmariesen GlaxoSmithKline (12); bis heute leitet er fünf weitere selbstgegründete Biotech-Unternehmen. Er ist erfüllt von einer Arbeit, mit der er Bedeutsames, ja Bahnbrechendes leistet. Ewig jung bleibt man mit alledem gewiss nicht. Aber womöglich bis zuletzt wohlauf. Wie erstrebenswert wäre der wissenschaftliche Sieg über einen Tod, der einem solch erfüllten Leben ein sinnvolles Ende setzen könnte? (Harald Wiesendanger) Anmerkungen 1 Siehe David A. Sinclair: Das Ende des Alterns. Die revolutionäre Medizin von morgen, Köln 2019. 2 X. Zhu u.a.: „Nicotinamide mononucleotides alleviated neurological impairment via anti-neuroinflammation in traumatic brain injury. International Journal of Medical Sciences 2023;20(3):307-317, https://www.researchgate.net/publication/367969386_Nicotinamide_mononucleotides_alleviated_neurological_impairment_via_anti-neuroinflammation_in_traumatic_brain_injury; X. Zhao u.a.: „Nicotinamide mononucleotide improves the Alzheimer's disease by regulating intestinal microbiota“, Biochemical and Biophysical Research Communications 2023;670:27-35, https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0006291X23006538) 3 Das Ende des Alterns, a.a.O., S. 197. 4 T. Yamane u.a.: „Nicotinamide mononucleotide (NMN) intake increases plasma NMN and insulin levels in healthy subjects“ Clinical Nutrition ESPEN. 2023;56:83-86, https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S2405457723001249; M. Yoshino u.a.: „Nicotinamide mononucleotide increases muscle insulin sensitivity in prediabetic women“ Science. 2021;372(6547):1224-1229, https://www.science.org/doi/10.1126/science.abe9985 5 P. Huang u.a.: „NMN Maintains Intestinal Homeostasis by Regulating the Gut Microbiota“, Frontiers in Nutrition 2021;8:714604. https://www.readcube.com/articles/10.3389/fnut.2021.714604; 26: Huang P, Wang X, Wang S, et al. Treatment of inflammatory bowel disease: Potential effect of NMN on intestinal barrier and gut microbiota“, Current Research in Food Science 2022;5:1403-1411, https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S2665927122001289?via%3Dihub 6 Zit. nach Nach SZ-Magazin Heft 37/12.9.2019: “Für immer jung!”, https://sz-magazin.sueddeutsche.de/gesundheit/david-sinclair-harvard-alter-forschung-jung-bleiben-87755?reduced=true, leider nur hinter einer Bezahlschranke. 7 M. Hrubša u.a.: „Biological Properties of Vitamins of the B-Complex, Part 1: Vitamins B1, B2, B3, and B5“, Nutrients 2022;14(3):484, https://www.mdpi.com/2072-6643/14/3/484; siehe auch https://www.gesundheit.gv.at/leben/ernaehrung/vitamine-mineralstoffe/wasserloesliche-vitamine/niacin.html#wo-ist-niacin-enthalten 8 K. F. Mills u.a.: „Long-Term Administration of Nicotinamide Mononucleotide Mitigates Age-Associated Physiological Decline in Mice“, Cell Metabolism 2016;24(6):795-806, https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/28068222/ ; J. Yoshino u.a.:N“icotinamide mononucleotide, a key NAD(+) intermediate, treats the pathophysiology of diet- and age-induced diabetes in mice“, Cell Metabolism 2011;14(4):528-536, https://profiles.wustl.edu/en/publications/nicotinamide-mononucleotide-a-key-nad-supsup-intermediate-treats- 9 https://www.spiegel.de/fotostrecke/langes-leben-hundertjaehrige-verraten-ihr-geheimnis-fotostrecke-143844.html; https://www.focus.de/gesundheit/longevity/langes-leben-das-steckt-hinter-dem-geheimnis-der-100-jaehrigen_id_193860574.html 10 Nach SZ-Magazin Heft 37/12.9.2019: “Für immer jung!”, a.a.O., https://sz-magazin.sueddeutsche.de/gesundheit/david-sinclair-harvard-alter-forschung-jung-bleiben-87755?reduced=true Siehe auch https://fastlifehacks.com/david-sinclair-supplements/ 11 Näheres über Sinclairs persönliches Gesundheitsprogramm in Das Ende des Alterns, a.a.O., S. 401. 12 Kate Holdsworth: Cosmos Bright Sparks: Australia’s top 10 young minds (Memento vom 26. Dezember 2013 im Internet Archive), Cosmos, 26. Juli 2006 Titelbild: Freepik. Porträtfoto Sinclair: Von Editor5627 - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=128703620 P.S.: Den allgemeinen Haftungsausschluss unterstreiche ich bei diesem Artikel. Verfasst habe ich ihn auf der Grundlage von Studien, die zur Zeit der Veröffentlichung aktuell waren. Er dient aber nicht zur Selbstdiagnose oder Selbstbehandlung, ersetzt also nicht den Besuch bei Ihrem Arzt. Besprechen Sie daher jede medizinische Maßnahme, um die es in diesem oder einem anderen Artikel meines Blogs geht, immer zuerst mit dem Arzt Ihres Vertrauens.

  • Dieser Tsunami wird BILLIONEN kosten

    Ein Tsunami von Autismusfällen bricht über die westliche Welt herein. Während er der Gesundheitswirtschaft rosige Wachstumsaussichten beschert, wird er die Gesellschaft unfassbar teuer zu stehen kommen: Die Ausgaben für medizinische Versorgung, Betreuung und Folgekosten könnten bis 2060 auf 5,5 Billionen Dollar pro Jahr ansteigen – allein in den USA, wie eine neue Studie vorrechnet. Wird die Katastrophe herbeigeimpft? Um ungefähr ein Jahrzehnt, so heißt es, sei Amerikas Entwicklung der übrigen Welt voraus. Soweit diese Vorreiterrolle im Gesundheitswesen ebenso gilt wie für soziale und kulturelle Trends, wird auch auf Deutschland und das restliche Europa zukommen, worin immer mehr Fachleute in den Vereinigten Staaten eine nahe Katastrophe ohnegleichen sehen: Die Zahl der Autismusfälle explodiert geradezu. Bis in die sechziger Jahre hinein war die Krankheit so gut wie unbekannt. Noch Anfang der Siebziger betraf sie in den USA erst eines von 10.000 Kindern, Ende der achtziger Jahre eines unter 2000. Als das Autism and Developmental Disabilities Monitoring Network (ADDM)  - eine Einrichtung der CDC, der behördlichen “Zentren für Krankheitskontrolle und –prävention” – im Jahr 2000 damit begannen, entsprechende Daten zu erheben, wurde bei einem von 250 Kindern eine “Autismus-Spektrum-Störung” diagnostiziert. Bis 2021 stieg die Rate auf 1 von 44; bei 2,27 % der US-amerikanischen Achtjährigen lag Autismus vor. Die jüngste Statistikbericht von 2023 stellt fest: Schon 1 von 36 Achtjährigen, 2,8 %, sind betroffen. Allein rund um die Metropole New York haben die Diagnosen seit der Jahrtausendwende um 500 % zugenommen. Dieser haarsträubende Anstieg dürfte sich fortsetzen, so prognostizieren die US-Forscher Mark Blaxill, Cynthia Nevison und Toby Rogers in der jüngsten Ausgabe der Fachzeitschrift Science, Public Health Policy and the Law in einem peer-geprüften Artikel. Sein Titel spricht für sich: “Autism Tsunami: The Impact of Rising Prevalence on the Societal Cost of Autism in the United States”. Die drei Wissenschaftler erwarten, dass sich der aktuelle Horrortrend mittelfristig fortsetzt: 2024 wird die Autismusrate 6 % erreichen. Bis zum Jahr 2032 wird sie 7 % überschreiten. Auch danach wird sie voraussichtlich weiter ansteigen, wenn auch langsamer. Schlimmstenfalls könnte im Jahr 2060 jeder Zehnte ein Autist sein. (1) “Es droht ein Gesundheitsnotstand.” Welche Kosten entstehen daraus? Dabei geht es nicht nur um die medizinische Versorgung, sei es stationär in psychiatrischen, psychosomatischen und Rehabilitationszentren, sei es in Ambulanzen und Tageskliniken, sei es in Praxen von Ärzten und Psychotherapeuten, Logopäden, Physio- und Beschäftigungstherapeuten, sei es für Pflegedienste, sei es für Medikamente. Zu berücksichtigen gilt es darüber hinaus Ausgaben für Frühförderung, für Sonderschulen, auch Produktivitätsverluste seitens der zumeist erheblich beanspruchten Eltern. Werden autistische Kinder erwachsen, so kommen Faktoren wie Heimunterbringung und eigene Produktivitätsverluste hinzu. Sterben die Eltern, die zuvor einen Großteil der Pflege finanziert haben, so verlagern sich die Kosten auf den Staat. Geschieht nichts, um den Autismus-Tsunami aufzuhalten, so werden allein in den Vereinigten Staaten die gesellschaftlichen Kosten der Autismus-Spektrum-Störung bis zum Jahr 2030 auf 589 Milliarden Dollar ansteigen, bis 2040 auf 1,36 Billionen Dollar, bis 2060 auf 5,54 Billionen Dollar, schlimmstenfalls 7 Billionen – jeweils pro Jahr. Neben diesem “Basisszenario”, das von der Fortsetzung gegenwärtiger Trends ausgeht, rechnet die Forschergruppe allerdings auch ein “Präventionsszenario” durch; es geht davon aus, dass Gegenmaßnahmen möglich sind und ergriffen werden, um die Ursachen von Autismus einzudämmen. Doch selbst in diesem Fall würden die Gesamtkosten bis 2060 auf 3,7 plus/minus 0,8 Billionen Dollar pro Jahr anwachsen. Denn die enorme Anzahl von Autisten, die in den jüngsten Jahrzehnten geboren wurden, werden auch die effektivsten Maßnahmen nicht schlagartig verschwinden lassen; die demografische Dynamik dieser Bevölkerungsgruppe gilt es mitzuberücksichtigen. Weltweiter Albtraum In Deutschland könnte inzwischen mindestens ein Prozent der Bevölkerung betroffen sein. Das wären Hunderttausende. Pro Fall entstehen hierzulande derzeit Kosten von durchschnittlich 3287 Euro pro Jahr, wie eine Studie der Uni Bremen schätzt. Das entspräche einer Gesamtbelastung von 2,6 Milliarden Euro, womit die Bundesrepublik vorerst noch weitaus glimpflicher davonkäme als die Vereinigten Staaten. Und international? “Ungefähr seit dem Jahr 2000 ist weltweit eine steigende Prävalenz von Autismus-Spektrum-Störungen zu verzeichnen, von vormals Promille- und heute Prozentbereich", erklärt Sven Bölte, Leiter des Zentrums für Neuroentwicklungsstörungen und der Abteilung für Neuropsychiatrie am Karolinska-Institut in Stockholm. "Dabei gibt es teils große Unterschiede beim Tempo in den verschiedenen Regionen, aber es ist ein internationales Phänomen". Weltweit, so der Wissenschaftler, liege die Rate mittlerweile bei etwa ein bis drei Prozent. Nicht auszudenken, was aus der Menschheit nicht nur in finanzieller Hinsicht würde, falls sich der Planet früher oder später amerikanischen Verhältnissen annähert. “Ohne Interventionen, um die Prävalenzraten zu verlangsamen, wird die Zahl der Betroffenen so schnell wachsen, dass das System zusammenbricht”, erwartet Blaxill. Was tun? Was für Maßnahmen könnten den Tsunami eindämmen? Gentechnik, womöglich schon pränatal? Genetische Faktoren scheinen bei Autismus in der Tat mitzuspielen: Unter Achtjährigen sind in den USA 4 % der Jungen betroffen, aber nur 1 % der Mädchen. Doch allein Veränderungen im Erbgut erklären den Fall-Tsunami schwerlich – denn dieser begann erst seit den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts dramatisch anzuschwellen. Was setzte just zu jener Zeit ein? Immer mehr Schwangere griffen arglos zu gefährlichen Medikamenten, die ihnen Ärzte pharmagesteuert verordneten. Wie mehrere Studien belegen, erhöhen werdende Mütter, wenn sie Paracetamol einnehmen, das Autismusrisiko ihres Nachwuchses um bis zu 214 % (2) - und noch mehr, wenn sie es Babies und Kleinkindern verabreichen. Schwangere, die Antidepressiva schlucken, verdoppeln damit das Autismusrisiko ihres ungeborenen Kinds, wie die Universität von Montreal herausfand, als sie Daten von über 145.000 Frauen analysierte. (3) Auch mit Asthmamitteln und Antiepileptika gefährden sie ihr Ungeborenes. Selbst Medikamentenreste im Trinkwasser stehen in begründetem Verdacht, Autismus zu fördern. Auch Umweltgifte tragen zu Autismus bei. Dazu zählen Blei, Arsen und Kupfer, sogar in der Babynahrung, wie auch Phthalate, die häufig als Weichmacher in Polyvinylchlorid (PVC) und anderen Kunststoffen stecken, etwa in Bodenbelägen, Kinderspielzeug und Gummiprodukten. (4) Wird die Katastrophe herbeigeimpft? Blaxill, Nevison und Rogers erachten einen anderen Tsunami-Auslöser allerdings für noch viel schwerwiegender: ausufernde Impfkampagnen. Seit 2021 erhalten US-amerikanische Kinder 72 Impfstoffdosen, über 250 weitere sind in Vorbereitung. Bis heute stecken in Vakzinen Aluminium und Quecksilber, sei es als Wirkverstärker, als Konservierungsmittel oder als Verunreinigung aus dem Herstellungsprozess. Sie richten Gehirnschäden an. Im Hirngewebe von Autisten stellte eine Studie einen konstant erhöhten Aluminiumgehalt fest. (Siehe den tragischen Fall von Sawyer im KLARTEXT “Damit sein Tod nicht sinnlos war”.) Allein schon “der Aluminiumgehalt von Kinderimpfstoffen ist absurd hoch”, konstatiert Christopher Exley, Professor für Biochemie, in seinem Buch Imagine You Are an Aluminum Atom (2020). Dass Vakzine zurecht hauptverdächtig sind, verrät ein bemerkenswertes statistisches Detail: Während die Autismusraten für alle US-Kinder, die zwischen 1993 und 2000 zur Welt gekommen waren, stetig anstiegen, sind unter jüngeren Jahrgängen vor allem Kinder von ethnischen Minderheiten – Schwarze, Hispanics, Einwanderer aus dem asiatisch-pazifischen Raum – und von einkommensschwachen Eltern betroffen. Hingegen zeigt sich zumindest bei einer Bevölkerungsgruppe neuerdings erfreulicherweise ein gegenläufiger Trend: nämlich bei weißen Familien aus wohlhabenden Wohngegenden. Dort stagnieren die Raten, teilweise gehen sie sogar zurück. Warum? Vermutlich nahmen diese Familien Veränderungen vor, die das Autismusrisiko ihres Nachwuchses senkten: Sie vermieden Arznei- und Genussmittel während der Schwangerschaft, schützten ihre Kinder vor Umweltgiften, ließen seltener, später oder gar nicht impfen. Nur vereinzelt trauen sich Ärzte, die fatale Rolle der Vakzine öffentlich anzuprangern – wohlwissend, dass sie damit ihre Zulassung aufs Spiel setzen. Wie der pädiatrische Neurologe Dr. Andrew Zimmerman schätzt, haben 20 bis 30 % seiner Patienten aufgrund von Impfungen Autismus entwickelt. Nach Beobachtungen der Kinderärztin Dr. Elizabeth Mumper, Präsidentin des auf Autismus ausgerichteten Rimland Center For Integrative Medicine, liegt der Anteil bei 40 bis 45 %. Die gleiche Quote fand der Kinderarzt Dr. Douglas Hulstedt bei 150 Autismusfällen, mit denen er seit dem Jahr 2000 in seiner Praxis nach Impfungen tun bekam. Sogar von 80 bis 90 % geht Dr. Stephanie Cave aus, eine Hausärztin aus Louisiana, die 8000 Autismusfälle gesehen hat. Autismus-Industrie lässt die traurige Wahrheit zensieren Ihren brisanten Artikel über den “Autismus-Tsunami” hatten Blaxill, Nevison und Rogers schon 2021 veröffentlicht, damals im Journal of Autism and Developmental Disorders (JADD). Doch knapp zwei Jahre später machten Verlag und Herausgeber die Veröffentlichung rückgängig, wegen “Bedenken” aufgrund nicht offengelegter “nichtfinanzieller Interessen”. Und welche “Voreingenommenheit” wäre das? Die Impfskepsis der Autoren. "Dieser feige Akt der Zensur durch das JADD und den Verlag“, kommentiert Tony Rogers, „ist ein verblüffendes Schuldeingeständnis der Mainstream-Torwächter. Sie können einfach kein Gespräch über die Fakten führen, weil sie wissen, dass sie verlieren werden. Zensur ist alles, was ihnen bleibt." Dieser Meinungsterror wird weitergehen und zunehmen. „Das größte Hindernis bei der Bewältigung dieser Krise“, so erklärte Rogers gegenüber dem Online-Magazin The Defender, „ist nicht nur Big Pharma. Es ist eine ganze Autismus-Industrie entstanden, zu der auch Forscher, gemeinnützige Organisationen, akademische Fachzeitschriften und mehr gehören. Di ese Industrie ist mehr als eine Billion Dollar wert, und sie will keine Gespräche über die Ursachen oder die Prävention führen - sondern an der Krankheit verdienen." (Harald Wiesendanger) P.S.: Näheres zu diesem Thema in den KLARTEXT-Beiträgen „Autismus-Seuche – Big Pharma frohlockt“ und „Lästige Kurve – Echte Autismusforschung stört Geschäftsinteressen“. Anmerkungen (1)   Siehe https://www.publichealthpolicyjournal.com/_files/ugd/adf864_231644ca239249dc9ac579b5d332d872.pdf, S. 238. (2)   https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/31664451/, siehe auch https://www.zentrum-der-gesundheit.de/bibliothek/medikamente/nebenwirkungen-medikamente/autismus-paracetamol-schwangerschaft (3)   (https://www.deutsche-apotheker-zeitung.de/daz-az/2016/daz-4-2016/autismus-durch-antidepressiva; https://www.zentrum-der-gesundheit.de/krankheiten/weitere-erkrankungen/autismus-uebersicht/autismus-antidepressiva (4)   Neurotoxikologie 30 (5) September 2009, S. 822–831, https://translate.google.com/website?sl=en&tl=de&hl=en&u=https://www.ncbi.nlm.nih.gov/entrez/eutils/elink.fcgi?dbfrom%3Dpubmed%26retmode%3Dref%26cmd%3Dprlinks%26id%3D19822263 Titelbild: Collage aus zwei Illustrationen von vecstock bei Freepik

  • Für eine weise Psycho-Politik

    Nie stand es um die psychische Volksgesundheit schlechter als heute. Warum sollten begabte Laienhelfer nicht dazu beitragen dürfen, den Notstand zu lindern? Dagegen hat der Rechtsstaat irrationale Barrieren errichtet, die Standesinteressen über Gemeinwohl stellen. Es wird Zeit für mehr Pragmatismus statt Lobbyismus. Nirgendwo scheint das irdische Jammertal tiefer als zwischen Flensburg und Passau. 69 % aller erwachsenen Deutschen sind “unruhig und aufgewühlt”, 69 % “können nicht mehr richtig abschalten”, 67 % “fühlen sich niedergeschlagen”, wie der Versicherer AXA für seinen Mental Health Report 2023 mittels einer Repräsentativumfrage unter 2000 Personen zwischen 18 und 74 Jahren herausfand. (1) Ferner geben 58 % an, dass sie sich “über nichts mehr freuen können”. 49 % haben “keine positiven Gefühle mehr”. 44 % verspüren “ohne erkennbaren Grund Angst”. Auf einer Skala von 0 bis 10 schätzen sie ihr persönliches Stresslevel im Schnitt auf 5,5, junge Erwachsene sogar auf 6,7. “Mitten in einer Mental-Health-Pandemie” Je bedrückter das Gemüt, desto eher entwickelt es, was Fachleute “psychische Störung” nennen. Zumindest in dieser Hinsicht zählt Deutschland weiterhin zur Weltspitze, wie Statistiken übereinstimmend belegen: Mit rasant steigenden Wachstumsraten strebt es hierbei immer neuen Allzeithochs entgegen. Inzwischen soll jedes Jahr schon rund ein Drittel der erwachsenen Bevölkerung von einer psychischen Erkrankung betroffen sein - die Angaben schwanken zwischen 28 und 32 % -, allen voran Ängste, Depressionen, Anpassungsstörungen und Süchte. (2) Neben Herz-Kreislauf-Erkrankungen, bösartigen Tumoren und Muskel-Skelett-Erkrankungen zählen sie zu den vier Hauptursachen für den Verlust gesunder Lebensjahre. „Menschen mit psychischen Erkrankungen”, so konstatiert die Deutsche Gesellschaft für Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN), “haben zudem im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung eine um zehn Jahre verringerte Lebenserwartung“. (3) „Wir befinden uns mitten in einer Mental-Health-Pandemie, deren Auswirkungen erst nach und nach sichtbar werden“,  erklärt Prof. Dr. med. Christoph Correll, Direktor der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie für Kinder und Jugendliche an der Berliner Charité. In bestürzendem Maße betrifft diese Pandemie schon junge Menschen. Bei 10- bis 17-Jährigen sind psychische Erkrankungen inzwischen der häufigste Grund für stationäre Krankenhausbehandlungen. Unter 15- bis 24-Jährigen werden sie jeden Fünften diagnostiziert. In der Arbeitswelt macht sich die Psycho-Seuche immer deutlicher bemerkbar. Zwei von drei Arbeitnehmern in Deutschland fühlen sich mittlerweile aufgrund psychischer Belastungen in ihrem Job eingeschränkt - 29 Prozent andauernd oder oft, weitere 34 Prozent zumindest manchmal. (4) Jedem fünften Berufstätigen ist schon einmal eine Depression diagnostiziert worden; weitere 19 % vermuten, schon einmal davon betroffen gewesen zu sein. (5) Rund 16 % aller Fehltage gehen auf psychische Erkrankungen zurück. Innerhalb eines Jahrzehnts, zwischen 2012 und 2022, stiegen sie um 48 %. (6) Die Fehlzeiten von Betroffenen am Arbeitsplatz summierten sich schon 2012 auf 60 Millionen Tage - ein Anstieg um über 60 Prozent innerhalb eines Jahrzehnts. In den vergangenen 20 Jahren hat sich die Zahl der Krankheitstage wegen seelischer Nöte verdreifacht; seit Anfang der sechziger Jahre verfünffachte sie sich, ihr Anteil an sämtlichen Fällen von Arbeitsunfähigkeit liegt seither sieben Mal höher. Allein im ersten Halbjahr 2023 sind im Vergleich zum Vorjahreszeitraum die Fehlzeiten aufgrund psychischer Erkrankungen um 85% gestiegen, die Anzahl der psychisch bedingten AU-Fälle um 32%. Während Seelenleiden noch vor drei Jahrzehnten statistisch kaum ins Gewicht fielen, bilden sie heute unter Frauen die häufigste Diagnosegruppe bei Krankschreibung und Arbeitsunfähigkeit, unter Männern die zweithäufigste, hinter Muskel-Skelett-Erkrankungen. (7) Diese Entwicklung ist umso besorgniserregender, als psychisch bedingte Krankheitsfälle mit durchschnittlich 39 Tagen dreimal länger andauern als andere (13 Tage). Bei Angststörungen sind es mehr als 43 Tage; bei Depressionen über 25. (8) Darüber hinaus sind psychische Störungen inzwischen der häufigste Grund, krankheitsbedingt in Frührente zu gehen: Seit Anfang der neunziger Jahre stieg der Anteil der Personen, die wegen eines seelischen Leidens vorzeitig aus dem Erwerbsleben ausscheiden, von 14,5 auf 41,9 Prozent. (9). Dabei sind sie durchschnittlich erst 49 Jahre alt. (10) Haarsträubende Kostenfalle Die Bundesregierung geht mittlerweile davon aus, dass psychische Erkrankungen unsere Volkswirtschaft mit insgesamt 99,6 Milliarden Euro pro Jahr belasten. (11) Dazu rechnet sie einerseits die direkten Kosten für Behandlung, Vorsorge, Wiedereingliederung, Pflege sowie den Verwaltungsaufwand der Krankenkassen (28,6 Mrd. Euro) – und diese dürften sich bis zum Jahr 2030 mindestens verdoppeln. (12) Hinzu kommen indirekte Kosten aufgrund von Arbeitsunfähigkeit und dem dadurch bedingten Produktionsausfall (26 Mrd. Euro) sowie entgangener Bruttowertschöpfung in Höhe von weiteren 45 Mrd. Euro. (13) Europaweit gehen dadurch nach EU-Schätzungen drei bis vier Prozent des Bruttosozialproduktes verloren; allein Psychosen wie Schizophrenie belasten mit jährlich 207 Milliarden Euro die Gesundheitssysteme Europas. (14) Weltweit, so die düstere Prophezeiung von Wissenschaftlern, werden die Gesamtkosten für psychische Erkrankungen von 2,5 Billionen US-Dollar 2010 auf sechs Billionen 2030 steigen. (15) Es sind Laien, die den Kollaps des Systems verhindern Diese alarmierenden Zahlen aus dem gesundheitsökonomischen Horrorkabinett lägen bestimmt noch um ein Vielfaches höher, wenn nicht an allen Ecken und Enden der Republik ungesetzlicherweise Psychotherapie betrieben würde: durch unqualifizierte, titellose Bürger ohne Praxisräume, ärztliche Approbation, Psychologiediplom oder Heilpraktikerzulassung, die seelisch belasteten Mitmenschen mit Rat und Tat beistehen. Und das honorarfrei. Die Therapieorte, zugleich Trainingsstätten für Laienpsychologen, sind Kneipen und Friseursalons, Parkbänke und Spazierwege, Küchen und Wohnzimmer, Betten und Beichtstühle, Mensen und Kantinen, Busse und Zugabteile, Cafés und Kneipen. Es gibt sie überall, wo Menschen gelegentlich darüber reden, was sie bedrückt. Sind sie voneinander räumlich getrennt, finden Fernheilsitzungen oftmals über Telefon, Smartphones und Internet, über E-Mails und altmodische Briefe statt. Selbst in den USA suchen weiterhin 80 Prozent aller Menschen in Lebenskrisen zuallererst Hilfe bei Lebensgefährten, Freunden, Nachbarn, dem Hausarzt oder dem Pfarrer (16) - und das in einem Land, das als Hochburg professioneller Seelenhelfer gilt, in der man sich zumindest in Großstädten einen Therapeuten schon mit beinahe der gleichen Selbstverständlichkeit zulegt wie ein Haustier, eine Waffe oder ein Pay-TV-Abo, Einer Untersuchung Mitte der siebziger Jahre zufolge werden mehr als 95 Prozent aller psychischen Probleme ohne Fachleute therapiert. (17) Nach einer Schätzung Anfang der achtziger Jahre sind es Laien, die sich um 75 Prozent aller seelischen Erkrankungen kümmern. Nur jeder fünfte Betroffene geht lieber zum Arzt, nur jeder Zwanzigste in eine Klinik. (18) Psychotherapie war immer schon soziales Alltagsgeschehen, und das ist sie bis heute. Müssten Gesundheitspolitiker, zusatzmotiviert durch sparwillige Finanzminister und chronisch klamme Krankenversicherer, diese kostenfreie, flächendeckende Heilpraxis nicht geradezu euphorisch begrüßen? Sollten sie Forschungsergebnisse, die einhellig die annähernde Gleichwertigkeit laienhafter und berufsmäßiger Hilfestellung im psychischen Störungsfall belegen, nicht unverzüglich zum Anlass nehmen, Amateure in die Versorgung seelisch Belasteter intensivstmöglich einzubeziehen? Sänken die irrwitzigen Kosten, für die professionelle Honorarsätze sorgen, dadurch nicht gewaltig? Handlangerdienste für Standesinteressen Nichts dergleichen geschieht. Stattdessen bewerben sich Regierungsvertreter stets aufs neue eindrucksvoll um den Ehrenvorsitz der Interessenverbände, die ihnen mit Lobbyisten auf die Pelle rücken. Wie sonst haben wir jene unsägliche Aufklärungsbroschüre mit dem Titel „Seele aus der Balance“ aufzufassen, die das Bundesministerium für Bildung und Forschung in zwei Auflagen 2010 und 2011 hunderttausendfach unters Volk brachte? „Wenn die Seele krank ist“, so wird deren Inhabern darin nachgefühlt, „fällt es vielen Menschen schwer zu entscheiden, an wen sie sich am besten wenden“. Gottlob weist ihnen die Bundesregierung den rechten Weg, in den sie huldvoll „Einblicke gewährt“: natürlich zu „anerkannten und rechtlich geschützten (…) Profis für die Seele: Psychotherapeuten, Psychiater, Psychologen, Psychoanalytiker“. (19) Keine Werbeagentur hätte auftragsgemäßere Worte gefunden. Und keiner hätte für genehmere Rechtsverhältnisse sorgen können. Seit 1999 gilt in Deutschland das Psychotherapeutengesetz (PTG). Mit ihm schreibt der Gesetzgeber für Psychotherapie bestimmte Grundberufe und Ausbildungsgänge vor – bar jeglicher wissenschaftlichen Grundlage, wie schon beim zuvor geltenden „Delegationsverfahren“, demgemäß ausschließlich Ärzte Psychotherapie durchführen durften, Psychologen erst aufgrund ärztlicher Überweisung und nur dann, wenn sie dafür eine Zulassung nach dem Heilpraktikergesetz erlangt hatten. (20) Warum schufen Parlamentarier eine solche Rechtslage, obwohl ihnen der neuere Forschungsstand schwerlich verborgen geblieben sein konnte? Sie taten es im Gefühl, Psychotherapie könne nicht einfach so, von Hinz und Kunz, drauflospraktiziert werden. Nein, sie müsse auf wissenschaftlicher Grundlage erfolgen. Folglich definiert das PTG „Psychotherapie“ als psychologische "Tätigkeit zur Feststellung, Heilung oder Linderung von Störungen mit Krankheitswert" mittels "wissenschaftlich anerkannter Verfahren". (21) Doch in diesem Sinne ist Psychotherapie: inexistent. Was ihre diplomierten Anwender selbstgefällig mit Hilfesuchenden anstellen, entbehrt sowohl des empirischen Fundaments als auch des versprochenen Mehrwerts. Die geschilderten Fakten sprechen für sich. Der Kult um den Profi Wenn „professionelle Seelenheilkunde“ insofern tatsächlich ein Märchen, der daraus abgeleitete Expertenstatus eine dreiste Anmaßung darstellt: Wie können Politik und Gesellschaft blind dafür sein? Die Ansicht, kranke Seelen seien bei Profis gut aufgehoben, ergibt sich aus der vielfach bewährten Überzeugung, man könne etwas besser, wenn man es von Berufs wegen tut, nachdem man darin ausgiebig unterrichtet und geprüft worden ist. Eine Brücke konstruieren, ein Gebäude errichten, ein Flugzeug steuern, einen Impfstoff entwickeln lassen wir aus triftigen Gründen nur ausgebildete Ingenieure, Architekten, Piloten und Pharmakologen. Professionalisierung, so scheint uns, garantiert höhere Effizienz, mehr Sicherheit und bessere Qualität. Der neuzeitliche Trend hierzu erfasste immer mehr Tätigkeitsbereiche, nach und nach bezog er nicht nur Handwerk, Forschung und Technik ein, sondern griff auf Dienstleistungen aller Art über. Inzwischen darf ohne Lizenz niemand mehr für seine Mitbürger gegen Entgelt backen oder kochen, sie frisieren, ihre Kinder unterrichten, ein Haus für sie bauen. Und insbesondere vom Gesundheitswesen sind Laien mittlerweile vollständig ausgesperrt. Vom Masseur über die Krankenschwester und den Altenpfleger bis zum Arzt: In der westlichen Medizin gibt es keine unbefugten Akteure mehr, jegliche heilungsbezogene Tätigkeit hat inzwischen alle fünf Stadien der Verberuflichung durchlaufen (22): 1. Aufgaben, die man bisher privat oder ehrenamtlich erledigte, werden aus dem sozialen Alltagsgeschehen herausgelöst und zum Kern einer dauerhaften Erwerbstätigkeit. 2. Das dafür erforderliche Wissen und Können vermitteln spezielle Unterrichtsstätten in einer längeren, festgelegten Ausbildung. Nur wer diese erfolgreich abschließt, darf die betreffende Tätigkeit ausüben. 3. Die Ausgebildeten schließen sich in Berufsverbänden zusammen, um ihre Interessen wirksam zu vertreten und zu schützen, insbesondere vor unqualifizierten Wettbewerbern. 4. Für die Berufsausübung entstehen Regeln, deren Einhal­tung Standesgerichte und Kammern überwachen. 5. Die Tätigkeit wird gesetzlich geregelt. Sie unerlaubt auszuüben, die Berufsbezeichnung unbefugt zu verwenden, wird zur Straftat. Sobald nur noch lizenzierte Heilberufler heilen dürfen, nutzt eine um sich greifende Furcht vor einer mutmaßlichen Epidemie ausschließlich ihnen. Je ärger die Seuche, desto willkommener. Denn ihnen allein gibt die gefühlte Bedrohung reichlich zu tun, nur sie sind berechtigt, sich darum zu kümmern. Je schlimmer die vermeintliche Gefahr, desto vordringlicher eine professionelle Abwehr. Also können Profis Sachzwänge beibringen, eine angebliche Unterbesetzung beklagen, eine zügige Erhöhung der Versorgungsdichte und mehr staatliche Mittel fordern. Und der Gesetzgeber spurt. Anstatt im Namen und zum Wohle seines angeblich psychopandemisch bedrohten Volkes zu entscheiden, macht er sich zum Handlanger von Interessengruppen. Ohne ihren Wissenschaftlichkeitsanspruch und ihre tatsächliche Leistung zu hinterfragen, überlässt er ihnen die Deutungshoheit über unsere seelische Gesundheit –und die Zuständigkeit für sie. Mustergültig führt das der Entscheidungsprozess vor Augen, den der Gesetzgeber im September 2014 für eine geplante Neufassung des Psychotherapeutengesetzes festlegte. (23) Wer sollte dabei gehört werden, wer durfte da alles zu Wort kommen, den Forschungsstand darlegen, Probleme aufzeigen, Bedenken vortragen oder entkräften, Vorschläge machen, mitreden und mitentscheiden? Jedenfalls keine Patienten, schon gar nicht Psychiatriegeschädigte und sonstige Therapieopfer; noch irgendwelche grundsätzlichen Kritiker der vorherrschenden Verhältnisse. Beteiligt wurden ausschließlich: die Bundespsychotherapeutenkammer, denn sie biete „die Gewähr für ausreichende Kenntnis der beruflichen Anforderungen in Theorie und Praxis“; außerdem die „Arbeitsgemeinschaft der Landeskammern der Psychologischen Psychotherapeut/innen sowie der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut/innen“. Sie weuden „ermächtigt, Empfehlungen festzulegen“. Dabei galt es als „erforderlich, die Expertise des Wissenschaftlichen Beirats Psychotherapie (WBP) sowie der ‚Deutschen Gesellschaft für Psychologie zu berücksichtigen. (24) Was die Genannten ausheckten, sollte dann von den beiden Bundesministerien für Gesundheit bzw. Bildung und Forschung genehmigt und durch Erlass einer Rechtsverordnung verbindlich gemacht werden. Wem oblag es anschließend, „sowohl regelmäßig als auch anlassbezogen (…) zu überprüfen“, ob die Empfehlungen weiterhin gelten sollen oder „erforderliche Anpassungen vorzunehmen“ sind? Der Bundespsychotherapeutenkammer, wem sonst? Hier kommt ein weiteres Lehrstück über Expertokratie zur Aufführung: eine Regierungsform, die der Sozialpsychologe Harald Welzer treffend kennzeichnet als „eine Kombination aus Verwaltung und Sachverständigen, in der unentwegt irgendwelche Strategiepapiere mit mundgerechten Informationen darüber verfasst werden, was aus Expertensicht die Politiker wissen müssten. Das politische Gemeinwesen, das sind die Bürgerinnen und Bürger, ist bei diesem Prozess völlig außen vor. Das Verhängnisvolle daran ist, dass auf der technischen Ebene alle parlamentarischen Verkehrsformen eingehalten werden - aber zugleich die Planungsprozesse immanent undemokratisch sind. (…) Am Ende heißt es dann: Was wir entschieden haben, war alternativlos.“ (25) Expertengläubige Einheitsfront Gegen die Einheitsfront von wissenschaftsgläubigen Volksvertretern, wehrhaften Verbänden, gewieften Lobbyisten, Vertretern des akademischen Establishments und Abertausenden von professionellen Nutznießern der Ausgrenzungsstrategie, mitgetragen von einer expertenhörigen Öffentlichkeit, sind Kritiker machtlos. Noch so triftige, wohlbegründete Argumente verhindern nicht, dass unter dem Vorwand, Qualität zu sichern, den Verbraucher zu schützen und die Einhaltung wissenschaftlicher Standards sicherzustellen, der Gesundheitsmarkt zugunsten seiner finanziellen Hauptprofiteure abgeschottet, deren Pfründe gesichert werden. Deutschland und ein Großteil der 26 weiteren EU-Staaten haben die Ausübung von Psychotherapie mittlerweile gesetzlich geregelt, die übrigen dürften in Kürze folgen. Überall dort haben Laien nicht die geringste Chance mehr, als psychologische Berater oder Psychotherapeuten tätig zu werden – auch dann nicht, wenn sie nachweisbare Erfolge erzielen. Wegen immer häufigerer Wohnungseinbrüche, die eine überforderte Polizei weder verhindern noch aufklären kann, schlug Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) im Juni 2016 eine ungewöhnliche Gegenmaßnahme vor: Er regte an, problembewusste, engagierte Bürger – nämlich Polizeianwärter, die an der Aufnahmeprüfung gescheitert sind -, als gering bezahlte Schutzleute uniformiert in Wohnvierteln auf Streife zu schicken. Vorausgegangen waren vielversprechende Modellversuche zweier Bundes­länder; sie beschäftigen über 500 derartige Aufpasser, nachdem diese ein dreimonatiges Intensivtraining durchlaufen hatten. Die Erfahrungen damit waren prima. Müssten Gesetzeshüter nicht heilfroh darüber sein, derart entlastet zu werden? Mitnichten. Vielmehr regte sich prompt heftiger Widerspruch, am lautesten seitens der Standesvertretung der „richtigen“ Sicherheitskräfte, der Deutschen Polizeigewerkschaft. Aber auch Nordrhein-Westfalens Innenminister bemängelte, es sei „rückwärtsgewandt“, in „Amateure“ statt in „professionell ausgebildete“ zusätzliche Polizeibeamte zu investieren. Ebenso heftig unter Beschuss geriet, was das Bundesland Sachsen, um den Lehrermangel auszugleichen, berufserfahrenen Quereinsteigern anbot: ohne Lehramtsprüfung an Schulen zu unterrichten. (26) Jede Wette: Nicht minder vehement, und mit vergleichbaren Begründungen, würde jede Initiative abgewürgt, Laien in der psychotherapeutischen Versorgung einzusetzen. Mir fällt ein einziger triftiger Sachgrund ein, der dagegen spräche: Betroffene empfänden Laienhelfer nicht als „echt“. Dass Uni-Diplom und staatliche Anerkennung fehlen, nähmen sie als Beweis dafür, dass da keine „richtige“ Therapie stattfinden kann. Demselben Denkfehler erliegt der Gesetzgeber. Statt berufsständische Abgrenzung zu zementieren, müsste verantwortungsvolle Gesundheitspolitik darauf aus sein, Mauern einzureißen, Türen zu öffnen, Könner jeglicher Herkunft zusammenzuführen. Viele Laien, aber auch Nichtmediziner wie Sozialarbeiter, Lehrer und Erzieher, Ergotherapeuten, Pflegekräfte, Lebensberater, Seelsorger und andere Berufsgruppen verstehen sich nicht minder gut aufs Helfen und Heilen wie jene, die per Gesetz dazu befugt sind. Deshalb sollten schleunigst Formen des Beratens, Behandelns und Betreuens gefördert werden, in denen alle Beteiligten ohne Expertendünkel am selben Strang ziehen. Dazu muss einer wie der andere fähig und willens sein, jene allgemeinen Wirkfaktoren einzubringen, auf die es erwiesenermaßen weitaus mehr ankommt als auf Titel, Diplome und Sozialprestige. In unserem Gesundheitssystem steht für Abermillionen Patienten zuviel auf dem Spiel, als dass Volksvertreter wenigen mächtigen Akteuren willfährig gestatten sollten, es nach Gutsherrenart zu vereinnahmen, in penetranter Darbietung der hohen Kunst, mit niederen Lebensformen möglichst herablassend umzugehen. Am mühelosen Miteinander, das in den Therapiecamps meiner Stiftung Auswege Helfer und Hilfesuchende aller Art im Nu zu einer heilsamen Gemeinschaft zusammenschweißt, erweist sich, wie leicht es wäre, überfällige Schritte in eine andere Richtung zu tun. (Harald Wiesendanger) Dieser Text ist ein Auszug aus Harald Wiesendanger: Psycholügen, Band 3: Seelentief: ein Fall für Profis?, Schönbrunn 2017, 2. erw. u. aktualisierte Aufl. 2024; 124 S., auch als PDF. Die Folgen dieser Serie („Helfen Psycho-Profis wirklich besser?“) 1        Reichlich erforscht: Viele Laien können mehr 2        Unter den Teppich gekehrt 3        Vogel Dodo beim Wettlauf der Psychotechniker 4        Wie viel bringt Psychotherapie wirklich? 5        Warum nützt Psychotherapie? 6        Warum manche Laien die besseren Therapeuten sind 7        Hochstapler unter Hochstaplern 8        Psychotherapie als Gefahrenherd 9        Nase vorn: Was viele Profis besser können – und weshalb 10    Pragmatismus statt Lobbyismus - Für eine weise Psycho-Politik Anmerkungen 1 https://www.axa.de/presse/axa-mental-health-report-2023; https://www.axa.de/presse/mediathek/studien-und-forschung/mental-health-report-2023 2  DGPPN: Basisdaten – Psychische Erkrankungen, Stand: Januar 2023; DPtV: Report Psychotherapie 2021 und 2023; https://www.dgppn.de/_Resources/Persistent/f80fb3f112b4eda48f6c5f3c68d23632a03ba599/DGPPN_Dossier%20web.pdf 3  DGPPN: Basisdaten – Psychische Erkrankungen, Stand: Januar 2023. 4  Ärzteblatt, 23.10.2012: „Psychische Probleme schränken jeden Vierten im Job ein“. 5  Stiftung Deutsche Depressionshilfe: Deutschland-Barometer Depression https://www.deutsche-depressionshilfe.de/pressematerial-barometer-depression, November 2021. 6  DAK_Psychreport 2022 und 2023, https://www.rehadat-statistik.de/statistiken/behinderung/behinderungsarten/psychische-erkrankung/ 7  DAK Gesundheit, 27.1.2017: „Psychische Erkrankungen: Höchststand bei Ausfalltagen“; BKK Gesundheitsreport 2014 – Zahlen, Daten, Fakten der Betriebskrankenkassen BKK, online bei www.bkk-dachverband.de/publikationen/bkk-gesundheitsreport; M. Meyer/H. Weirauch/F. Weber: „Krankheitsbedingte Fehlzeiten in der deutschen Wirtschaft im Jahr 2011“, in B. Badura u.a. (Hrsg.): Fehlzeiten-Report 2012, Heidelberg/Berlin 2012, S. 291-467. 8  DAK Gesundheit, 27.1.2017: „Psychische Erkrankungen: Höchststand bei Ausfalltagen“; sowie nach Berechnungen des Gesundheitsökonomen Wolfgang Bödeker und des Mathematikers Michael Friedrichs: „Kosten der psychischen Erkrankungen und Belastungen in Deutschland“, in: Lothar Kamp/Klaus Pickshaus (Hrsg.): Regelungslücke psychische Belastungen schließen, Düsseldorf 2011. DAK_Psychreport 2022 und 2023, https://www.rehadat-statistik.de/statistiken/behinderung/behinderungsarten/psychische-erkrankung/ 9  Deutsche Rentenversicherung Bund (Hrsg.): Rentenversicherung in Zeitreihen, Berlin 2012; C. Hagen u.a.: Zugang in Erwerbsminderungsrente wegen psychischer Erkrankungen: Entwicklungen, Gemeinsamkeiten und Unterschiede, Berlin 2012. 10  DAK_Psychreport 2022 und 2023, https://www.rehadat-statistik.de/statistiken/behinderung/behinderungsarten/psychische-erkrankung/ 11  In ihrer Antwort vom 30. April 2012 auf eine Anfrage mehrerer Abgeordneten der Fraktion Die Linke, veröffentlicht als Drucksache 17/9478 des Deutschen Bundestags, dort S. 12. 12  Nach http://psyga.info/psychische-gesundheit/daten-und-fakten/ 13  Unter Bruttowertschöpfung (BWS) verstehen Ökonomen den Gesamtwert aller erzeugten Waren und Dienstleistungen, abzüglich des Werts der Vorleistungen. 14  Nach Deutsches Ärzteblatt, PP Heft 1, Januar 2006, S. 25: „Psychische Erkrankungen in Europa – Lebenszeitrisiko mehr als 50 Prozent“, sowie www.pronia.eu. 15  World Economic Forum/Harvard School of Public Health: The Global Economic Burden of Noncommunicable Diseases. A Report, Genf, September 2011. 16  Nach Surin u.a. 1960, zit. bei Michael Dietrich: „Laien und/oder Profis in Psychotherapie und Seelsorge?“, Seelsorge 2/1999, S. 41-49; J. Veroff/R, Kulka/E. Douvan: Mental health in America: Patterns of help seeking from 1957 to 1976, New York 1981, S. 60. 17  M. L. Moeller: „Selbsthilfegruppen in der Psychotherapie“, Praxis der Psychotherapie 20/ 1975, S. 181. 18  F. Scheuch: Dienstleistungsmarketing, München 1982, S. 67. 19  Bundesministerium für Bildung und Forschung: Seele aus der Balance – Erforschung psychischer Störungen, 2. Aufl. Berlin 2011, S. 9, 11. 20  In der Schweiz hingegen dürfen Psychotherapeuten weiterhin nur tätig werden, wenn sie vom Psychiater „delegiert“ sind. Noch rigider verfährt Österreich: Ausschließlich Ärzte dürfen dort Psychotherapie ausüben. 21  Psychotherapeutengesetz der Bundesrepublik Deutschland, § 1, Abs. 3, Sätze 1,2. 22  s. H. L. Wilensky: „The Professionalization of Everyone?“, American Journal of Sociology 70 (2) 1964, S. 137 ff.; vgl. E. Stooß: „Die Systematik der Berufe und der beruflichen Tätigkeiten“, in Heinz  Seifert u.a. (Hrsg.): Handbuch der Berufspsychologie, Göttingen 1977. 23  Im „Entwurf eines Gesetzes über die Berufe des Psychologischen Psychotherapeuten und des Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten“, http://dgpt.de/fileadmin/download/Aus-_Weiterbildung/2014-09-22_Bericht_ zur_aktuellen_Ausbildungsdiskussion/2014-10-15_Begruendung_Forschergruppe_fuer_Gesetzes­entwurf-PsychThG.pdf 24  Auch die „Deutsche Gesellschaft für Erziehungswissenschaften“ und der „Fachbereichstag Soziale Arbeit“ sollten „eingebunden“ werden, siehe S. 3 des Gesetzesentwurfs. 25  In einem Interview mit der Tageszeitung taz vom 22. Oktober 2010. 26  Zit. nach Süddeutsche Zeitung Nr. 138, 17.6.2016: „Hilfspolizisten gegen Einbrecher“; welt.de, 20.12.2014: „Wenn der Quereinsteiger den Lehrermangel ausgleicht“, abgerufen am 8.11.2016.

  • Nase vorn: Was manche Psycho-Profis besser können – und warum

    Keine Frage: Viele Psychotherapeuten helfen seelisch Belasteten ganz hervorragend. Dank ihres wissenschaftlichen Hintergrunds? Eher beruhen ihre Erfolge auf ausgeprägten Fähigkeiten, die sie mit Laien gemeinsam haben – und schon besaßen, ehe sie zum ersten Mal ein Hochschulgebäude betraten. Es klingt fast schon zu banal, um der Rede wert zu sein: Beileibe nicht jeder Amateur eignet sich gleichermaßen als Stütze in seelischen Nöten. Kein Psychiatriekritiker, der noch recht bei Trost ist, versteift sich auf den himmelschreienden Unfug, alle Laien könnten genauso viel wie Profis. Selbstverständlich bringt ein Großteil von ihnen Defizite mit, und diese schränken ihre therapeutischen Möglichkeiten ein. Aber der springende Punkt ist doch: Bestehen diese Defizite zwangsläufig, mangels Fachstudium? Beruhen sie darauf, dass der Amateur von wissenschaftlichen Studien, Methodik und Theorien keine Ahnung hat? Werden sie an der Uni behoben, und nur dort? Wie professionelle Psychotherapeuten, so unterscheiden sich auch Amateure enorm hinsichtlich Eigenschaften und Fähigkeiten, von denen abhängt, ob ihre Hilfe gut tut: etwa in puncto Geduld, Aufmerksamkeit, Einfühlungsvermögen, Unvoreingenommenheit, Verzicht auf Wertungen, Offenheit, Freundlichkeit, Warmherzigkeit, Authentizität, geschickte Gesprächsführung - also in alledem, worauf es beim Beistehen entscheidend ankommt. Solche allgemeinen Wirkfaktoren zu handhaben, gelingt vielen Laien kaum besser als ein Klaviersolo oder ein sternewürdiges Fünfgangmenü, ein dreifacher Wurfaxel oder ein Roman. Andere hingegen bringen besagte Faktoren virtuos ins Spiel, ohne erst einiger hundert Vorlesungen, Seminare und Supervisionen zu bedürfen. Denn die Fähigkeiten dazu entwickeln sich in den beiden ersten Lebensjahrzehnten, im Zuge der Sozialisation. Sie harren nicht erst einer Immatrikulation, ehe sie zum Vorschein kommen und sich voll entfalten. Zu welchen Fehlern der Laie neigt Viele Laien verkennen, dass kein Fall dem anderen gleicht. Hinweise, Empfehlungen und Maßnahmen, die dem einen Belasteten gut tun, sind beim anderen, oder beim selben unter anderen Umständen, nutzlos bis schädlich. Wie lernt man, jeweils das Richtige zu tun? Im einfühlsamen Miteinander, bei dem im Gegenüber ein einmaliges Subjekt zum Vorschein kommt. Das geschieht im sozialen Raum unentwegt und überall, nicht erst auf dem Campus. Weitverbreitete Belastungen wie Ängstlichkeit, Niedergeschlagenheit, Trauer, Anspannung, Verbitterung, Antriebslosigkeit, Stimmungsschwankungen, Selbstzweifel, Unruhe und Erschöpfung kennen Laien aus leidvoller eigener Erfahrung, und bei Sozialkontakten begegnen sie ihnen ein ums andere Mal. Daraus kann sich ein tiefes Verständnis für solche Probleme entwickeln – und Erfahrung damit, was Betroffenen gut tun könnte. Doch was fängt unsereins mit extrem abweichendem Erleben und Verhalten an, das ihm noch nie begegnet ist? Da hört jemand auf zu essen, mutiert zum wandelnden Skelett – und will weiter abnehmen, um sich noch schöner zu finden. Ein anderer wäscht sich mehrere Dutzend Mal pro Tag die Hände, hört bedrohliche Stimmen aus dem Nichts, findet Tiere oder Leichen sexuell erregend, wähnt sich unentwegt verfolgt, ritzt sich lustvoll mit Scheren, Küchenmessern oder Rasierklingen. Ein Weiterer will sich ein Bein amputieren lassen, weil er es als fremd empfindet, nicht seinem Körper zugehörig (1). Jemand verabreicht seinem Kind Gift, um Krämpfe und Erbrechen zu erzeugen, oder drückt ihm die Hauptschlagader ab, um einen epileptischen Anfall auszulösen. (2) Unbekanntes verunsichert und erschreckt, hier stößt der Psychoamateur gewöhnlich an seine Grenzen. So ergeht es dem Profi übrigens häufig ebenfalls. Was er dem Laien in derart befremdlichen Fällen allerdings voraus hat, ist schlicht: Erfahrung. Mit äußerst Ungewöhnlichem bekamen er und seine Fachkollegen bereits zu tun, und allein dieser Umstand verschafft ihnen Vorteile: Sie bleiben gefasster, behalten eher kühlen Kopf, reagieren bedachter. Und sie wissen schon, was da manchmal geholfen hat. Das ist es, wovon sie und ihre Klienten gelegentlich profitieren - und nicht etwa von universellen Gesetzmäßigkeiten, einer alles erklärenden Theorie, einer stets durchschlagenden Technik. “Gesunder Menschenverstand” hat Grenzen Das psychologische Alltagswissen des Laien, von Profis verächtlich als „Küchen-“ oder „Stammtischpsychologie“ abgetan, deckt sich zwar in vielerlei Hinsichten damit, was wissenschaftliche Studien ergeben; daran liegt es, dass Laien ein Großteil psychologischer Forschung nichtssagend und überflüssig vorkommt. Andererseits steckt es voller verbreiteter Vorurteile, an denen vermeintlich gesunder Menschenverstand oftmals hartnäckig festhält, obwohl sie empirisch widerlegt sind (3). Beispielsweise an Thesen wie: „Frauen reden mehr als Männer“, „Die Pubertät ist immer eine Phase der Rebellion, der Konflikte mit Erwachsenen und erhöhter Risikobereitschaft“, „Intellektuell Hochbegabte haben mehr Probleme im Umgang mit Anderen“, „In der Handschrift spiegelt sich die Persönlichkeit“, „Stress verursacht Magengeschwüre“, „Wenn Kleinkindern regelmäßig Mozart vorgespielt wird, steigt ihre Intelligenz“, „Bei Vollmond werden mehr Gewalttaten begangen“, „Wenn Kinder gleich erzogen werden, entwickeln sie später auch die gleiche Persönlichkeit.“ (4) Dass nichts dergleichen stimmt, erfahren professionelle Psychologen während ihres Studiums. Das verschafft ihnen einen Informationsvorsprung. In einer neueren Studie erwiesen sich Experten – Personen, die Psychologie studieren oder ein solches Studium bereits abgeschlossen haben – im Vergleich mit Laien allerdings als kaum weniger anfällig für die oben erwähnten, inzwischen klar widerlegten Common-Sense-Ansichten. Andererseits erkannten mehr als die Hälfte der befragten Laien zehn von dreizehn Irrtümern als solche, 80 Prozent fünf und mehr, über 90 Prozent mindestens drei. (5) Der Laie hilft unflexibler Mit psychischen Nöten ihrer Mitmenschen konfrontiert, pflegen Laien überwiegend einen bestimmten Beratungs- und Behandlungsstil. In ihm spiegeln sich ihre eigenen Überzeugungen, Einstellungen, Erfahrungen und Gewohnheiten wider, aber auch ihr Naturell. Der eine gibt sich eher als hochempathischer Allesversteher (Typ „seelischer Mülleimer“), der andere eher als gewiefter Einflüsterer, als zupackender Verhaltensänderer, als funkensprühender Motivator. Ein Seelenhelfer erreicht aber umso mehr, je vielfältigere Strategien und Werkzeuge ihm zur Verfügung stehen, die er je nach Problem und Situation flexibel einsetzt. Hier haben Profis die Nase vorn. Denn im Laufe ihrer Ausbildung bekommen sie ein solches Instrumentarium an die Hand und üben es unter Aufsicht ein. Mit zunehmender Praxiserfahrung erweitert sich anschließend nicht nur die Bandbreite möglicher Vorgehensweisen. Zugleich wachsen Mut und Selbstvertrauen, sich ihrer zu bedienen. Lasse ich einen Hilfesuchenden reden und halte mich mit Kommentaren möglichst zurück? Löchere ich ihn mit Fragen, oder bin ich eher schweigsam? Konfrontiere ich ihn, womit, wie ausgiebig? Lasse ich ihn auf einem Berggipfel seine Wut herausschreien? Oder im Wald Bäume umarmen? Lasse ich ihn malen? In „Aufstellungen“ szenisch darstellen, welches Verhältnis er zu wichtigen Bezugspersonen hat? Duze ich ihn, oder beharre auf einem distanzierten „Sie“? Biete oder vermeide ich Körperkontakt? Lasse ich ihn liegen oder sitzen? Grabe ich in seiner Vergangenheit, oder richte ich seinen Blick aufs Hier und Jetzt sowie nach vorne? Provoziere ich ihn zwischendurch? Setze ich Humor ein? Wieviel Beachtung schenke ich seinen Träumen, seinen Versprechern? Gebe ich ihm Leitsätze vor? Lasse ich ihn ein Tagebuch führen? Einen Brief an sein künftiges Selbst schreiben? Bleibe ich betont sachlich und nüchtern, oder engagiere ich mich emotional? Wieviel Sympathie und Mitgefühl zeige ich? Wann breche ich ab? Setze ich ausschließlich auf Bewährtes, oder probiere ich ganz neue Wege aus - wie etwa jener Südkoreaner, der Selbstmordgefährdete ihre eigene Beerdigung vorbereiten, Abschiedsbriefe an ihre Lieben verfassen und im Sarg probeliegen lässt? Patentrezepte gibt es nicht. Wieviel eine Maßnahme bringt, erweist sich immer nur individuell und meist erst im nachhinein, vom Ergebnis her; dabei entpuppt sich die scheinbar abwegigste bisweilen als die hilfreichste. Die Sargtherapie vermittelt den Teilnehmern eine „derart schockierende Erfahrung“, dass sie danach für einen Neustart bereit seien, versichert ihr Erfinder Jeong Yong-mun vom Hyowon Healing Centre in Seoul. (6) Wann welche Strategie Sinn macht, entscheidet ein guter Therapeut eher intuitiv, keine Fachliteratur nimmt ihm das ab. Dass er um eine Vielzahl möglicher Vorgehensweisen weiß, verschafft ihm gegenüber Amateuren einen erheblichen Vorteil - allerdings keinen, der sich zwangsläufig aus höheren akademischen Weihen ergibt. Eine Begegnung flexibel zu gestalten, auf wechselnde Situationen kreativ reagierend, wird Studenten an der Uni eher ausgetrieben als beigebracht. Es bedürfte weniger Wochenendkurse, um engagierte Laien dafür fit zu machen, soweit sie es überhaupt noch nötig haben. Der Vorteil des Profis: ein voller Werkzeugkasten Wenn Profis hier kopfschüttelnd abwinken, verkennen sie, worin ihr Kompetenzvorsprung letztlich besteht. Auf ihrem Ausbildungsweg ist ihnen ein stattlicher Werkzeugkasten überreicht worden, prallgefüllt mit Dutzenden, wenn nicht Hunderten von unterschiedlichen Instrumenten. Der Laie hingegen, wie sie selbst vor Studienbeginn, kennt und nutzt im allgemeinen nur ein paar wenige. Jegliche allgemeinen Bedienungsanleitungen, wie sie wissenschaftliche Ausbildungen zu vermitteln vorgeben, erweisen sich im alltäglichen Gebrauch, beim Helfen und Heilen, freilich als weitgehend nutzlos. Denn die Instrumente müssen in einer Welt zum Einsatz kommen, in der verwirrenderweise kein Werkstoff, kein zu reparierender Gegenstand dem anderen gleicht. Im Laufe der Zeit dämmert manchen Profis, wie sinnfrei die Frage ist, welches Instrument denn nun das allerbeste sei. Ist ein Schraubenzieher besser als ein Hammer oder eine Feile, eine Säge oder ein Lötkolben? Im Handwerk wie beim Psychotherapieren lautet die Antwort: Kommt drauf an. Wirkliche Könner gehen nach und nach dazu über, ihr Werkzeug pragmatisch einzusetzen, je nach Einzelfall und Umständen - wie, lehrt sie nicht der Prof, das Lehrbuch und die Fachzeitschrift, sondern das pralle Leben. Erweist sich ein Instrument als ungeeignet, greifen sie undogmatisch zu einem anderen, oder sie kombinieren mehrere miteinander. Je ausgiebiger sie damit hantieren, desto sicherer, erfinderischer und spontaner werden sie darin. Dabei verdrängt Intuition zunehmend Deduktion. So, und niemals nach Schema-F-Methodik und Schema-G-Theorie, funktioniert Psychotherapie, die hilft - einerlei, ob ein Profi oder ein Amateur sie ausübt. Vielen Laien fällt es schwerer, objektiv zu sein Je näher Laien dem Hilfesuchenden stehen, desto eher sind sie voreingenommen und befangen, wenn sie einzuschätzen versuchen, was ihm aus welchen Gründen fehlt. Ihr Urteilsvermögen könnten Sympathien trüben, vielleicht auch ein handfestes Interesse daran, einen Gesunden für krank oder einen Kranken für gesund zu erklären. An einen Therapeuten wendet man sich in ähnlicher Erwartung, die man einem Richter entgegenbringt: Man sieht in ihm eine neutrale Instanz, frei von vorgefassten Meinungen (worin man sich hin und wieder täuscht). Therapeuten fehlt in der Regel ein Motiv, sich nicht um Objektivität zu bemühen. Jeder beliebige Befund kann ihnen gleichermaßen recht sein, es sei denn, sie haben zuwenig zu tun, weshalb sie Kundschaft an sich binden wollen. Aber auch manche Laien sind durchaus imstande, eine innere Notlage sachlich zu betrachten und Bindungen vorübergehend auszublenden. Profis nützt ein größerer Erfahrungsschatz Profis verbringen mehr Zeit mit seelisch Belasteten. So wahr wie banal: Je öfter und länger man sich mit einer Sache befasst, desto besser kennt man sich im allgemeinen mit ihr aus. Wer täglich stundenlang TV-Gekicke guckt, im Zoo vor dem Schimpansenkäfig hockt oder seine Briefmarkensammlung pflegt, weiß weitaus mehr über Fußball, Affen und Postwertzeichen als jemand, der das bloß gelegentlich oder niemals tut – auch ohne DFB-lizenzierter Fußball-Lehrer, Diplom-Zoologe oder Philatelist zu sein. Dem psychologischen Laien hat der Profi voraus, dass er mit seelisch Belasteten von morgens bis abends zu tun hat, nicht bloß ab und zu stundenweise. Kein Wunder, dass er aus einem weitaus größeren Erfahrungsschatz schöpfen kann. Und weil ihm psychische Einschränkungen vertrauter sind, geht er von vornherein gelassener mit ihnen um. Auf Überraschungen ist er eher vorbereitet, unabsehbare Gesprächsverläufe und plötzliche Gefühlsausbrüche bringen ihn weniger aus der Fassung, und so wirkt er souveräner. Profis kommt Expertengläubigkeit zugute Hilfesuchende öffnen sich eher für einen Helfer, in dem sie einen Experten sehen, ob zurecht oder voreilig. Man kennt das von Parties, man erlebt es in Reisegruppen: Kaum hat sich einer als Psycho-Profi geoutet, da legen Anwesende hemmungslos einen Seelenstriptease hin: Sie enthüllen intime Probleme, spitzen die Ohren, lauschen gebannt. Die Hemmschwelle, sich vor Fachleuten zu entblößen, liegt erheblich niedriger. Dem Gynäkologen zeigt man im Krankheitsfall ziemlich ungeniert seine Geschlechtsteile – wer würde das vor einem Bekannten, einem Kollegen, einem Nachbarn tun? Einem Psycho-Profi gewährt man im allgemeinen tiefere Einblicke ins eigene Innere, auch in Begebenheiten, Neigungen und Phantasien, derer man sich gewöhnlich schämt. Das verschafft ihm einen Informationsvorsprung - einen, der freilich nicht auf wahrer Wissenschaft beruht, sondern auf einem Statusgefälle und eingefleischten Rollenerwartungen. Dem Laien fehlt das Informationsnetz Unter Laienpsychologen überwiegen Einzelgänger. Begegnen sie fremdem Leid, so beraten und behandeln viele drauflos, auf eigene Faust, ausgehend von persönlichen Erfahrungen. Beim Helfen schöpfen sie vornehmlich aus sich selbst. Professionelle Psychologen, Psychotherapeuten und Psychiater hingegen werden im Laufe ihrer Ausbildung in eine gut vernetzte Großgruppe eingeführt, in der man rege Informationen austauscht und Rückmeldungen gibt: die scientific community. In Fachzeitschriften und Newslettern, auf Kongressen, Tagungen und Weiterbildungsveranstaltungen werden Erfahrungen berichtet, verglichen, zur Diskussion gestellt: Wie machen es Andere? Was hat bei einer bestimmten Störung geholfen, was nützte weniger bis nichts, was richtete eher Schaden an? Wissenschaft ist eine kollektive Lebensform. Von der Anbindung an sie zehren praktizierende Seelenheilkundige weiterhin, nachdem sie den Hochschulbetrieb hinter sich gelassen haben. Jede Wette: Würden psychologisch interessierte Laien in großer Zahl beschließen, gemeinsame Plattformen des Erfahrungsaustauschs zu schaffen – auch ohne akademische Vorbildung brächten sie noch weitaus mehr zustande als ohnehin. Eine organisierte, auf ständigen Austausch ausgerichtete Gemeinschaft hat noch einen weiteren Vorteil: Erworbenes Wissen kann sie systematisch anhäufen – und daran wachsen. Wissenschaft entwickelt sich kumulativ: Jede neue Generation baut darauf, was vorherige hinterlassen haben. Sie übernimmt deren Erkenntnisse, modifiziert oder erweitert sie, macht sich schon gefundene, bewährte Lösungen zunutze. Wer daran teil hat, gleicht dem Zwerg, der auf den Schultern von Riesen steht: Er sieht weiter. Brächte es die Multimillionenschar fähiger Laienpsychologen außerhalb des Wissenschaftsbetriebs zustande, ihre gesammelten Erfahrungen ebenso zu bewahren und daran anzuknüpfen: Im Wettbewerb mit akademischen Psychologen schnitte sie noch erheblich besser ab. Die meisten Profis waren von vornherein begabter Die Nase vorn haben Psycho-Profis durchweg bereits, ehe ihre akademischen Lehrjahre begannen. Im Kümmern um psychisch Belastete eine Berufung zu sehen und einen entsprechenden Beruf anzustreben, anstatt lieber Handwerker, Ingenieur oder Bankkaufmann, Chemiker, Dolmetscher oder Programmierer zu werden: das zeichnet junge Leute aus, die brennend daran interessiert waren, was in Anderen vorgeht, lange bevor sie ein Hochschulgebäude betraten. Immer schon fielen sie durch ein besonderes Geschick auf, ihre Mitmenschen aufmerksam zu beobachten und einzuschätzen, feinfühlig auf sie einzugehen, sich in sie hineinzuversetzen, sie aufzurichten. Immer schon konnten sie besonders achtsam zuhören und beobachten, sich einfühlen und kommunizieren. Es gelingt ihnen eher, sich selbst zurückzunehmen und Fehler zu vermeiden, die Verstehen erschweren: beispielsweise ein Anderssein abzuwerten, recht haben wollen, manipulieren, Respekt verweigern, vom eigenen Fall kurzschließen, sich von eigenen Vorurteilen, Abneigungen und Denkgewohnheiten beherrschen lassen. Die Befähigung hierfür, die ihnen angeblich erst ein Studium vermittelt, brachten sie bereits ins erste Semester mit. Kein Wunder, dass vortreffliche Menschenversteher unter ihnen häufiger vorkommen als im Bevölkerungsdurchschnitt. In Leistungstests zum sozialen Verstehen und Unterstützen würde ein Großteil der Diplom-Psychologen, psychiatrischen Fachärzte und staatlich anerkannten Psychotherapeuten vermutlich höher performen als andere Berufsgruppen - doch das täten sie auch, wenn solche Vergleiche schon vor Beginn ihrer akademischen Laufbahn stattfänden. Sollten wir eine Tauchschule für Fische loben, wenn ihre Absolventen unter Wasser klarkommen? Mehr  Optionen Was geben jungen Leuten ein Hochschulstudium, psychotherapeutische und psychiatrische Zusatzausbildungen dann an die Hand? Keine zuverlässigen Bedienungsanlei­tun­gen, sondern günstigstenfalls weitere Handlungsoptionen, über jene hinaus, mit denen sie vorher schon vertraut waren. Keine schlüssigen Erklärungen, sondern eine Vielfalt von Deutungsmöglichkeiten – Schablonen, Textbausteine und Bilder für Geschichten, mit denen sie Unverstandenen Sinn vermitteln. Langjährige Berufstätigkeit beschert ihnen obendrein reichlich Erfahrungen damit, wie sich bestimmte Vorgehensweisen auswirken können; Gelegenheiten, eigene soziale Fähigkeiten weiterzuentwickeln; praktische Lektionen darin, Mitgefühl nicht in Mitleid abgleiten zu lassen, Nähe nicht in plumpe Vertraulichkeit, gegenseitige Sympathie nicht in eine Bindung, die abhängig macht. Außerdem zehren sie von dem erheblichen Vorsprung an Prestige und Autorität, den ihnen das Wissen Hilfesuchender um ihren akademischen Hintergrund verschafft. Das ist es, was sie den Laienhelfern in unseren Camps voraushaben. Wenn sie es Patienten zugute kommen lassen, dann weniger aufgrund ihrer universitären Ausbildung, sondern an ihr vorbei, über sie hinweg, ja gegen sie. Was Psychologen verstehen hilft, sind in erster Linie grundlegende psychosoziale Fähigkeiten, die im Wissenschaftsbetrieb nicht nur keine Förderung erfahren, sondern im Gestrüpp von „Varianzanalysen“ und „Signifikanztests“, „Kreuzvalidierungen“ und „Cronbachs Alpha“, „Intervallskalierungen“ und „kumulativen Verteilungsfunktionen“ eher verkümmern. Hochschulpsychologie ist der organisierte Versuch, angehende Psychologen vergessen zu lassen, worum es ihnen ging, als sie welche werden wollten, und ihnen auszutreiben, was sie dringend benötigen, um zu helfen. So löst sich ein vermeintlicher Widerspruch auf: Nicht die Psychologie, wohl aber manche Psychologen können seelisch Belasteten eine große Hilfe sein. Ein Psychologe, egal wie wissenschaftlich sein Selbstverständnis ausfällt, ist nicht fleischgewordene Wissenschaft. Er ist ein Subjekt wie wir. Er hatte ein Leben vor seiner Begegnung mit der universitären Psychologie. Er hatte eines während seines Studiums. Er hat es außerhalb seiner Praxis, aber auch während seiner Sprechstunden in jedem Moment, in dem er intuitiv und spontan agiert und reagiert, ohne sein Handeln lehrbuchkonform aus angelernten Studiendaten, Methoden und Theorien herzuleiten – also so gut wie immer. Über all die sozialen Fähigkeiten, die Laienhelfer in Beziehungen einzubringen haben, verfügt auch er – allerdings oft in erheblich höherem Maße als Vertreter anderer Berufsgruppen. Kurzum: Seine Praxis gestaltet er mittels Fähigkeiten, die ihn immer schon ausgezeichnet haben. Nun wird ein übereinstimmender Befund mehrerer Wirksamkeitsstudien verständlicher: Zumindest ein Teil der professionellen Therapeuten bringt erheblich zustande als üblich. Wie in jeder Berufsgruppe, so finden sich auch unter ihnen wenige herausragende Könner - Supershrinks, wie amerikanische Therapieforscher sie salopp getauft haben. Die Fähigsten erzielen bei ihren Klienten Besserungsraten, die zehnmal höher sind wie im Therapeutendurchschnitt (7), die Abbruchquoten sind in ihren Praxen weniger als halb so hoch. (8) Worin besteht ihr Erfolgsgeheimnis? Sie sind imstande, eben jene allgemeinen Wirkfaktoren geschickt ins Spiel zu bringen, dank derer auch manche psychologischen Amateure zu vortrefflichen Seelenhelfern werden. Nach Aristoteles sind Tugenden ideal ausgeprägt, wenn sie die Mitte zwischen den Extremen halten: die Freigebigkeit beispielsweise zwischen Geiz und Verschwendungssucht, die Tapferkeit zwischen Feigheit und Tollkühnheit. Mit dieser Richtschnur in Händen sollte es unterschätzten Laienpsychologen gelingen, die Waage zu halten, wann immer sie mit Psychoprofis zu tun bekommen: zwischen lächerlichem, respektlosen Größenwahn und vorauseilender Selbstverzwergung. Zur Ehrenrettung der Putzkraft „Ist das alles dein Ernst?“, entfuhr es meinem alten Bekannten, einem Psychologie-Dozenten, nachdem er sich die Gefälligkeit angetan hatte, das Manuskript dieses Buchkapitels mir zuliebe gegenzulesen. „Du würdest also eher zur Putzfrau gehen als zum Psychotherapeuten“, spöttelte er kopfschüttelnd, „und eher zum Stammtisch als in die psychiatrische Fachklinik, falls du aus einem seelischen Tief aus eigener Kraft nicht mehr herauskämst?“ Damit brachte er mich im Nu auf die Palme: „Zeugt es nicht eher von küchenpsychologischer Voreingenommenheit und der Arroganz des Akademikers als vom Geist der Wissenschaft, wenn du Reinigungskräfte und gesellige Lokalrunden pauschal abwertest? Wenn die Putzfrau mit mir so umzugehen verstünde, wie ich mir das von jemandem wie dir wünschen würde: Warum eigentlich nicht? Was sie dazu in erster Linie bräuchte, lernt man schließlich nicht erst und ausschließlich an der Uni.“ Weil ich dafür einen entgeisterten Blick erntete, fuhr ich fort: „Lass mich empirisch werden. Aus eigener Erfahrung kann ich unter Eid beschwören: Obwohl ich in den vergangenen vierzig Jahren bestimmt eine dreistellige Zahl von professionellen Seelenheilkundigen kennenlernte, verdanke ich einige der psychologisch tiefgründigsten, bewegendsten, hilfreichsten Begegnungen: einem Physiklehrer, einer Erzieherin, einer Sozialarbeiterin, einer Buchhalterin, einer Mathematikerin, einem Radiologen, einer Zahnarzthelferin sowie einer Werbefachfrau mit Hauptschulabschluss. Sie erreichten, berührten und bewegten mich – übrigens mehr als du, offen gestanden.“ Seither ist unser Kontakt abgerissen. (Harald Wiesendanger) Dieser Text ist ein Auszug aus Harald Wiesendanger: Psycholügen, Band 3: Seelentief: ein Fall für Profis?, Schönbrunn 2017, 2. erw. u. aktualisierte Aufl. 2024; 124 S., auch als PDF. Die Folgen dieser Serie („Helfen Psycho-Profis wirklich besser?“) 1        Reichlich erforscht: Viele Laien können mehr 2        Unter den Teppich gekehrt 3        Vogel Dodo beim Wettlauf der Psychotechniker 4        Wie viel bringt Psychotherapie wirklich? 5        Warum nützt Psychotherapie? 6        Warum manche Laien die besseren Therapeuten sind 7        Hochstapler unter Hochstaplern 8        Psychotherapie als Gefahrenherd 9        Nase vorn: Was viele Profis besser können – und weshalb 10    Pragmatismus statt Lobbyismus - Für eine weise Psycho-Politik Anmerkungen 1  Ein Merkmal der Body Integrity Identity Disorder (BIID). 2  Zu solch grausamen Methoden greifen Eltern mit sog. „Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom“, um die Aufmerksamkeit von Ärzten und Mitmenschen zu bekommen; rund 15 Prozent der betroffenen Kinder überleben solche Torturen nicht. 3  S. O. Lilienfeld u.a.: 50 Great Myths of Popular Psychology: Shattering Widespread Misconceptions about Human Behaviour, Chichester 2010. 4  Dreizehn nicht zutreffende Aussagen dieser Art, neben drei richtigen, bewerteten in einer 2013 veröffentlichten Studie 1688 Laien zwischen 16 und 82 Jahren sowie 142 psychologische Experten, s. U. P. Kanning/F. Rist/M. T. Thielsch: „Mythen der Alltagspsychologie – Was wissen Laien über (vermeintliche) Forschungsergebnisse?“, Skeptiker 26 (1) 2013, S. 10-15. 5  Kanning u.a., a.a.O., Anm. 108. 6  Südwest Presse, 15.12.2015: „Sarg-Schock soll vor Selbstmord schützen.“ 7  J. Okiishi u.a.: „Waiting for Supershrink: An Empirical Analysis of Therapist Effects“, Clinical Psychology and Psychotherapy 10/2003, S. 361-373. 8  Barry Duncan/Scott Miller: „Supershrinks: What is the secret of their success?“, Psychotherapy Networker, Nov/Dez 2007, https://www.researchgate.net/publication/284394201_Supershrinks_What_is_the_secret_ of_their_success Das Titelbild ließ ich von Microsofts KI „Bing Image Creator“ generieren.

  • Psychotherapie als Gefahrenherd

    Die Fachwelt ist sich einig, Medien hinterfragen sie nicht: Angeblich gehören psychisch Belastete unbedingt in die Hände von wissenschaftlich ausgebildeten Profis. Denn Laien könnten gewaltigen Schaden anrichten, so heißt es. Verschwiegen werden Risiken und Nebenwirkungen von Psychotherapie – oft macht sie alles nur noch schlimmer. „Kommt eine Psychotherapie für Sie in Betracht?“ Jeder Fünfte, den ernste seelische Nöte plagen, antwortet darauf mit einem „Nein“. Häufigste Begründungen: Man halte nichts von ihr, man habe Angst vor ihr. (1) „Die Dunkelziffer liegt hier wohl noch sehr viel höher“, vermutet die Psychologin Kirsten von Sydow von der Uni Hamburg, die 103 Studien über das öffentliche Image der Psycho-Berufe aus den Jahren 1948 bis 2006 auswertete. (2) Der Argwohn ist wohlbegründet, auch die restlichen vier Fünftel täten gut daran, ihn zu hegen. Denn vermeintliche Professionalität bewahrt sie nicht zuverlässig davor, Schaden zu nehmen. Fast jedem zweiten Patienten geht es, Studien zufolge (3), nach einer Psychotherapie nicht besser als vorher. (4) „Etwa zehn Prozent der Psychotherapie-Patienten erfahren schwerwiegende und länger andauernde Nebenwirkungen“, erklärt Michael Linden, Neurologe, Psychiater und Psychotherapeut an der Charité in Berlin. (5) Das gängige Stereotyp „Reden schadet nicht“ führt in die Irre. Die Risiken und Nebenwirkungen sind vielfältig. Seit Januar 2012 zwingt das neue Patientenrechtegesetz Therapeuten dazu, vor Beginn der Behandlung auf sie hinzuweisen, ausführlich und verständlich. Schiefgehen kann viel Weil Klienten immer auch Einkommensquellen darstellen, erliegen manche Therapeuten der Versuchung, sie an sich zu binden. Durch Versprechungen oder Drohungen üben sie auf Hilfesuchende mehr oder minder sanften Druck aus, eine Behandlung auch dann noch fortzusetzen und keinesfalls abzubrechen, wenn immer offenkundiger wird, dass sie nichts bringt. Oftmals versäumen sie es, mögliche körperliche Ursachen in Betracht zu ziehen. So ist nicht jede Depression psychischen Ursprungs. Dahinter können vielerlei körperliche Erkrankungen stecken: Stoffwechselstörungen der Schilddrüse und im Gehirn, chronische Entzündungen, Vitamin-B12/D3-Mangel, Hormonmangel und andere pathologische Prozesse. (6) Manche Psycho-Profis unternehmen zuwenig, um eine unnötig starke emotionale Bindung des Hilfesuchenden an sie zu verhindern. Gegen seinen Willen und Widerstand verfolgen sie Therapieziele, die ihnen erstrebenswerter erscheinen als ihm. Sie genießen die Machtstellung, die ihnen die Hilfsbedürftigkeit des Klienten verschafft: den Besserwisser geben, bloßstellen und dirigieren, Aufmerksamkeit gewähren oder entziehen. Oder sie reden ihm Phantasiegebilde ein. Vor allem in den neunziger Jahren liefen in den USA mehrere Gerichtsverfahren gegen Analytiker, deren Patienten nach bohrenden Suggestivfragen Verwandte fälschlicherweise des sexuellen Missbrauchs bezichtigt hatten. (7) Hierzulande berät der Verein False Memory Deutschland Menschen, die aufgrund einer Pseudoerinnerung des Missbrauchs beschuldigt werden. Freud selbst hatte sich auf die groteske Behauptung verstiegen, vermeintliche Erinnerungen von Patientinnen daran, in ihrer Kindheit sexuell missbraucht worden zu sein, würden niemals auf realen Geschehnissen beruhen, sondern grundsätzlich auf Hirngespinsten – zum Leidwesen unzähliger Frauen, denen tatsächlich Gewalt widerfahren war. (8) Sexuelle Übergriffe, fast immer gegenüber weiblichen Klienten, kommen in psychotherapeutischen Praxen weitaus häufiger vor, als Fachkreise wahrhaben wollen: Je nach Definition des Begriffs „sexueller Kontakt“ bleiben einem bis zwölf Prozent derartige Erfahrungen nicht erspart. (9) Manche Patienten verleitet Psychotherapie zu einem Egotrip. Womöglich erstmals in ihrem Leben lernen sie, auf die eigenen Bedürfnisse achtzugeben. Anschließend sind sie so sehr auf sich selbst bezogen, dass sie am Arbeitsplatz und zu Hause nicht mehr klarkamen: Sie trennten sich vom Partner, kündigten den Job, brachen Kontakt zu Familie und Freunden ab - und entwickelten Züge einer narzisstischen Persönlichkeit. (10) Je nach eingesetztem Verfahren drohen weitere üble Nebenwirkungen. Ein schweres Trauma - etwa bei Kriegsveteranen, Opfern von Unfällen, Gewaltverbrechen oder Katastrophen - durch Konfrontation mit dem schrecklichen Erlebnis anzugehen, kann extreme Reaktionen auslösen. Zusätzlich zur „posttraumatischen“ Störung entwickeln Patienten dann eine „dissoziative“: Erinnerung an einzelne belastende Erlebnisse oder ganze Teile ihrer Persönlichkeit, die mit diesen Erlebnissen verbunden sind, spalten sie ab. Symptome reichen von Amnesie über Wahrnehmungs- und Empfindungsstörungen bis hin zu Krampfanfällen und Lähmungserscheinungen. Häufiger kontraproduktiv als entlastend ist das sogenannte „Debriefing“, bei dem der Psycho-Profi Betroffene und Zeugen eines schrecklichen Geschehens vor einer Posttraumatischen Belastungsstörung zu schützen versucht, indem er es unmittelbar anschließend mit ihnen aufarbeitet. Tatsächlich erlebten derart Behandelte nach drei Jahren deutlich häufiger noch belastende Erinnerungen an die Katastrophe als unbehandelte Beteiligte. (11) Schiefgehen kann bei einer kognitiven Verhaltenstherapie auch eine „Exposition“: Um eine Angststörung zu überwinden, wird der Betroffene schrittweise der Situation ausgesetzt, die ihn peinigt. Michael Linden, Neurologe, Psychiater und Psychotherapeut an der Charité in Berlin, erinnert sich an einen Patienten, den offene Räume ängstigten. Im Verlauf der Behandlung lernte er, kurze Spaziergänge bis zur nächsten Straßenecke zu machen. Doch bei einer Autofahrt mit seinem Therapeuten erlitt er aus unerfindlichen Gründen eine Panikattacke. Fortan wagte er sich gar nicht mehr aus dem Haus. Die Therapie brach er ab. (12) Auch Gruppentherapien bergen ihre eigenen Risiken. Ansteckungsgefahr zählt dazu: Wer die bisweilen dramatischen Geschichten anderer hört, schöpft aus dem geteilten Leid nicht immer Kraft, sondern fühlt sich demoralisiert. Bloß ausnahmsweise? Therapeutenkreise lassen solche Mängellisten freilich kalt. Schwarze Schafe, Anfänger und Stümper, Nichts- und Wenigkönner tummeln sich schließlich in jedem Berufsfeld, wiegeln sie ab. Selbstverständlich, so räumen sie bereitwillig ein, leisten sich Psychotherapeuten, nicht anders als Ärzte, immer wieder mal schwerwiegende Patzer. Doch diese, beruhigen sie, lassen sich grundsätzlich abstellen: durch noch gründlichere Ausbildung und Supervision, durch eine noch strengere Standesgerichtsbarkeit, durch verschärfte Kontrollmaßnahmen, gerne auch dadurch, dass der Gesetzgeber Patientenrechte stärkt. Im übrigen gehören Risiken und Nebenwirkungen halt zu jeder effektiven Therapie; was nützt, kann immer auch schaden. Hauptsache, der Nutzen überwiegt. Dabei verkennen sie: Psychotherapie weist Merkmale auf, die sie grundsätzlich gefährlich machen. Sie droht immer Schaden anzurichten. Erstens: Psychotherapie brandmarkt. Als Teil des medizinischen Versorgungssystems stempelt sie Belastete zu Patienten. Wer sich ihr unterzieht, erklärt sich einverstanden damit, verschubladet zu werden: als Betroffener einer „psychischen Störung“. Dazu wird ihm eine Diagnose verpasst, andernfalls zahlt die Krankenkasse nicht. Diese Etikettierung grenzt ihn aus der Welt der Normalen aus, sie definiert ihn als therapiebedürftigen Symptomträger. Zweitens: Psychotherapie kann das Selbstbild beschädigen. Denn sie wertet ab. Ehe sie beginnt, fällt ein Urteil, das wissenschaftlich einzuordnen scheint, in Wahrheit aber geringschätzt: „Was du tust und erlebst, weicht von üblichem Erleben und Verhalten ab – es ist abnorm. Derart lange, derart stark darfst du nicht trauern, dich fürchten, dich zurückziehen, hadern, unaufmerksam, wütend, lustlos, launisch, erschüttert sein. So, wie du bist, darfst du nicht bleiben.“ Unter dem verstörenden Eindruck, nicht mehr normal zu sein, verändert sich das Selbstbild des Klienten schleichend in Richtung verbreiteter Vorurteile. Beschleunigt und verstärkt wird dieser Prozess, wenn die Therapie seine tatsächlichen oder vermeintlichen Schwächen in den Vordergrund rückt. Das verleitet ihn dazu, alles und jegliches als Symptom seiner Krankheit zu betrachten. Gilt er erst einmal als gestört, so wird alles verdächtig, was er tut oder sagt, weil er nun unter verschärfter Beobachtung steht - durch Außenstehende, aber auch durch sich selbst. Aus einer ersten, vielleicht vorläufigen Diagnose, die sich womöglich bald als übereilt erwiesen hätte, wird dann allzu leicht eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. Drittens: Psychotherapie kann unselbstständig machen. Zum psychisch Kranken erklärt, wird dem Betroffenen die Fähigkeit abgesprochen - und entsprechendes Bemühen erspart -, aus eigener Kraft zu genesen. Der Medizinbetrieb, in den er sich begeben hat, weckt und bestärkt seinen Glauben, dazu bedürfe es unbedingt des Beistands von Experten – ohne sie kriege er das unmöglich hin. Spötter sprechen vom „Woody-Allen-Syndrom“, so benannt nach dem berühmten amerikanischen Schauspieler und Regisseur, der sich zum Lebensmotto bekennt: „Da muss ich erst mal meinen Therapeuten fragen.“ Viertens: Psychotherapie kann dazu verleiten, soziale Bindungen zu vernachlässigen. Wer sich darauf einlässt, sucht und findet oft niemanden, von dem er sich angenommen und verstanden fühlt. Niemanden, bei dem er sich aussprechen kann, dem er voll und ganz Vertrauen schenkt. Niemanden, der Interesse und Anteilnahme zeigt. Niemanden, der bereit ist, auch bei unerfreulichen, belastenden Themen stundenlang und öfter als einmal zuzuhören, ohne Langeweile oder Überdruss zu zeigen. Niemanden, der ihm Ermahnungen und Vorhaltungen erspart. Von Verwandten, Freunden und Bekannten, im Kollegenkreis, selbst vom Lebensgefährten wähnt er sich unverstanden und missachtet, er fühlt sich einsam. Im Gegensatz dazu erscheint ihm Psychotherapie als Geschenk des Himmels: Endlich ist da einer, der ihm seine volle Aufmerksamkeit widmet. Dass der Therapeut sich ihm bloß von Berufs wegen und ausschließlich gegen Bezahlung zuwendet, verdrängt er. Psychotherapie ist bequem, im Gegensatz zu dem anstrengenden, zeitraubenden und stets mit Unsicherheiten verbundenen Bemühen, verständnisvolle, hilfsbereite Freunde zu gewinnen. Und weil es der menschlichen Natur entspricht, sich Mühsal möglichst zu ersparen, besteht das Risiko, dass man den angenehmen Weg dem aufwändigeren vorzieht, zumal wenn die Krankenversicherung dafür aufkommt oder solange der eigene Kontostand es zulässt. Insofern gleicht der Besuch beim Psychoprofi durchaus dem Gang ins Bordell, wie der  Psychiatriekritiker Hans Ulrich Gresch bissig anmerkt. Die Gefahr, die bequeme Lösung zu bevorzugen, sei bei der Psychotherapie „sogar noch größer als beim käuflichen Sex, weil letzteren die Kasse nicht bezahlt“. (13) Sie verkauft die Illusion von Freundschaft wie die Hure die Illusion von Liebe. Fünftens: Weil die Zuwendung des Therapeuten eine professionelle, keine wahrhaftige ist, mangelt es ihr an Tiefe und Echtheit. Die zeitweilige Erleichterung und Befriedigung, die sie verschafft, wirkt nicht dauerhaft nach, sondern verblasst bald wieder. 45 Therapieminuten vergehen schnell. Diese Konstellation hat Suchtpotential, verbunden mit dem Zwang, immerzu die Dosis zu steigern, und zunehmenden Entzugserscheinungen. Psychotherapie kann zum Nikotin der Seele werden, ebenso rasch wie Zigaretten weckt und steigert ihr Konsum das Verlangen nach mehr. „Im Grunde“, räumt die US-Psychologin Catherine Johnson ein, „müsste es längst Spezialbehandlungen für Therapiesüchtige geben.“ (14) Sechstens: Psychotherapie kann verblenden. Lebensprobleme entstehen nie bloß „im Inneren“. Sie ergeben sich aus einem hochkomplexen Wechselspiel: zwischen allem, was eine Person ausmacht – ihren eigenen Erlebnissen, Erfahrungen, Wahrnehmungen, Erinnerungen, Gefühlen, Einstellungen, Überzeugungen, Erwartungen, Gewohnheiten, Fähigkeiten, Bedürfnissen, Wünschen, allen Stärken und Schwächen ihrer Persönlichkeit –, mit ihrer sozialen Umgebung, ihren finanziellen Verhältnissen, ihrem soziokulturellen Rahmen in Vergangenheit und Gegenwart. Diese äußeren Umstände klammert Psychotherapie in aller Regel aus. Sie konzentriert sich auf den Betroffenen selbst – und verleitet ihn, dasselbe zu tun. Wer oder was ihn kränkt, bedrängt, überfordert oder quält, gerät aus dem Blick - als Hauptproblem erscheint seine persönliche Unfähigkeit, damit klarzukommen. Siebtens: Psychotherapie kann Schuldgefühle nähren, und das erhöht den Leidensdruck. Wenn ein psychisches Problem nicht in erster Linie von belastenden äußeren Umständen herrührt, sondern vom Unvermögen des Betroffenen, sich ihnen anzupassen, so liegt der schwarze Peter bei ihm. Er soll sich ändern, während seine Lebensumstände objektiv dieselben bleiben. Je belastender sie sind, desto eher fühlt er sich überfordert, zumal dann, wenn er sie als unabänderlich und unentrinnbar wahrnimmt (womit er recht haben könnte). Anders als die Organmedizin zieht das Unternehmen Psychotherapie Nutzen daraus, dass es offenkundige Fehlschläge stets auf das Versagen dessen schieben kann, der sie in Anspruch nimmt. „Während ein Chirurg bei jedem Schnitzer mit einem ruinösen Kunstfehlerprozess rechnen muss“, bemängelt der Wissenschaftspublizist Rolf Degen, „kann ein Seelendoktor einen Misserfolg mit dem ‘Widerstand’ oder der ‚‘fehlenden Krankheitseinsicht’ seines Anvertrauten bemänteln oder im Fachkauderwelsch entschärfen.“ (15) Kurzum, Psychotherapie hat das Zeug zum brandgefährlichen Krankmacher. Allzuoft erzeugt, verstärkt und verlängert sie eben jene seelischen Belastungen, denen sie beizukommen vorgibt. (Harald Wiesendanger) Dieser Text ist ein Auszug aus Harald Wiesendanger: Psycholügen, Band 3: Seelentief: ein Fall für Profis?, Schönbrunn 2017, 2. erw. u. aktualisierte Aufl. 2024; 124 S., auch als PDF. Die Folgen dieser Serie („Helfen Psycho-Profis wirklich besser?“) 1        Reichlich erforscht: Viele Laien können mehr 2        Unter den Teppich gekehrt 3        Vogel Dodo beim Wettlauf der Psychotechniker 4        Wie viel bringt Psychotherapie wirklich? 5        Warum nützt Psychotherapie? 6        Warum manche Laien die besseren Therapeuten sind 7        Hochstapler unter Hochstaplern 8        Psychotherapie als Gefahrenherd 9        Nase vorn: Was viele Profis besser können – und weshalb 10    Pragmatismus statt Lobbyismus - Für eine weise Psycho-Politik Anmerkungen 1  M. Franz u.a.: „Warum ‘Nein’ zur Psychotherapie?“, Psychotherapie - Psychosomatik - Medizinische Psychologie 43/1993, S. 278-285. 2  Kirsten von Sydow: „Das Image von Psychologen, Psychotherapeuten und Psychiatern in der Öffentlichkeit. Ein systematischer Forschungsüberblick“, Psychotherapeut 52/2007, S. 322-333. 3  Immerhin liegen mittlerweile eine Reihe von Studien vor – aus Europa, https://www.cambridge.org/core/journals/bjpsych-open/article/negative-effects-of-psychotherapy-estimating-the-prevalence-in-a-random-national-sample/1C4E7F900F5CAF2CFAD129D54E4CC00C den USA, https://psycnet.apa.org/doiLanding?doi=10.1037%2Fa0015643  und Australien. https://journals.sagepub.com/doi/10.1080/00048670903107559 4  Zusammenfassend: https://www.spiegel.de/gesundheit/psychologie/psychotherapie-hat-kaum-bekannte-risiken-und-nebenwirkungen-a-869344.html 5  Zit. in https://www.welt.de/wissenschaft/plus241837735/Gesundheit-Die-unerwuenschten-Nebenwirkungen-der-Psychotherapie.html 6  Siehe https://www.schlosspark-klinik-dirmstein.de/depression-koerperliche-ursachen/ 7  Der Spiegel 30/1994, S. 76. 8  Solche bestürzenden Fälle schildert Jeffrey Masson, ehemals selbst Psy­cho­analytiker und Forschungsdirektor der Sigmund-Freud-Archive, in seiner Streit­schrift Die Abschaffung der Psycho­therapie - Ein Plädoyer, München 1991. 9 Siehe die umfangreichen Quellenangaben bei www.christianeeichenberg.de/SUEPP_seminar.pdf 10  Mehrere solche Fälle schildert das Buch von Michael Linden und Bernhard Strauß (Hrsg.): Risiken und Nebenwirkungen von Psychotherapie: Erfassung, Bewältigung, Risikovermeidung (2012), https://www.amazon.de/Risiken-Nebenwirkungen-von-Psychotherapie-Risikovermeidung/dp/3941468642/ref=sr_1_2?__mk_de_DE=%C3%85M%C3%85%C5%BD%C3%95%C3%91&crid=11A7S7APNEGXT&keywords=Linden+%E2%80%9ERisiken+und+Nebenwirkungen+von+Psychotherapie&qid=1699033452&s=books&sprefix=linden+risiken+und+nebenwirkungen+von+psychotherapie%2Cstripbooks%2C114&sr=1-2 11  Siehe https://www.spiegel.de/gesundheit/psychologie/psychotherapie-hat-kaum-bekannte-risiken-und-nebenwirkungen-a-869344.html 12  Zit. nach https://www.welt.de/wissenschaft/plus241837735/Gesundheit-Die-unerwuenschten-Nebenwirkungen-der-Psychotherapie.html 13  Hans Ulrich Gresch: Lexikon der Psychiatrie-Kritik, online bei http://lexikon.ppsk.de. 14  Nach Der Spiegel 25/1998, S. 194. 15  Rolf Degen: „Die hilflosen Helfer“, Der Spiegel 36/2000, S. 118-132, dort S. 119.

  • Warum manche Laien die besseren Therapeuten sind

    Wenn Laien beim Beraten und Behandeln psychisch Belasteter weniger zustande bringen als Profis, dann häufig deshalb, weil ihnen von vornherein nicht mehr zugetraut wird – aufgrund von Defiziten, die für den Therapieerfolg im Grunde unerheblich sind. Zumindest in westlichen Industrieländern ist der Prestigevorsprung berufsmäßiger Seelenheiler inzwischen so gewaltig, dass es geradezu wundersam anmutet, wie heutzutage überhaupt noch irgendwelche Studien ergeben können, dass Laien vergleichbar gut helfen. Denn Titeln und Urkunden, akademischem Wissen und Können vertrauen Versuchspersonen schließlich nicht minder als der Rest der Bevölkerung. Wie kann es Laien überhaupt gelingen, das Ansehensplus von Profis wettzumachen? Was zeichnet sie aus, was könnten sie berufsmäßigen, wissenschaftlich geschulten Psychotherapeuten und Psychiatern sogar voraushaben? Nichts geht über Empathie Der Schlüssel dazu liegt in einer fabelhaften Kulturtechnik: dem zwischenmenschlichen Verstehen. (1) Von frühester Kindheit an erwarben und trainierten wir die Fähigkeit, das Erleben und Fühlen, Denken und Handeln unserer Mitmenschen nachzuvollziehen und es aus seinen Gründen heraus zu erklären. Damit begannen wir, lange bevor wir sprechen lernten. Wie das Beherrschen von Sprache und jede sonstige Fähigkeit, so prägt sich allerdings auch diese unterschiedlich stark aus: Je nach individueller Begabung, sozialem Umfeld und Herausforderungen im Lebenslauf kann sie wachsen, aber auch verkümmern. Eine gewaltige Bandbreite tut sich da auf, nicht anders als zwischen dem „Was-geht-ab-ey-isch-geh-Dissko“-Gestammel des digitaldementen Prolls und der Wortgewalt eines Literaturpreisträgers. Deshalb wäre es Humbug, „den“ Laien schlechthin zur ernsthaften Konkurrenz für professionelle Psychotherapeuten zu verklären. Um uns herum wimmelt es von Zeitgenossen, deren Empathie himmelschreiend unterentwickelt ist. Manche unter uns beherrschen sie andererseits derart herausragend, dass sie viele Psychoprofis locker in den Schatten stellen. Gestützt auf Intuition und Lebenserfahrung, reagieren sie spontaner, ihre Anteilnahme wirkt emotionaler und glaubhafter, leiseste Befindlichkeitssignale beachten und bewerten sie feinfühliger. Ihre Emotionale Intelligenz (2) – die Fähigkeit, eigene und fremde Gefühle wahrzunehmen, zu verstehen und zu beeinflussen - ist häufig ausgeprägter, und darin liegt ein entscheidender Vorteil: In Hilfekontexten schlägt der EQ den IQ um Längen. Ungefördertes Talent Begabungen fürs Helfen und Heilen werden von unserem Bildungssystem eher unterdrückt als gefördert - mit absehbarem Ergebnis. In ihrem Umgang mit Hilfesuchenden vermittelt ein Großteil unserer professionellen Psychotherapeuten und Psychiater den Eindruck: Je erfolgreicher sie den Bildungsbetrieb durchlaufen haben, desto weniger eignen sie sich für ihren Beruf. In der deutschen Bevölkerung allgemein liegt der Anteil derer, die erfolgreich ein Hochschulstudium abgeschlossen haben, bei fünfzehn Prozent. (3) Unter psychotherapeutisch tätigen Ärzten und Psychologen gelang dies hingegen hundert Prozent. Dafür mussten sie anfangs mehr oder minder hohe Zulassungshürden überspringen. Je nach Universität benötigt momentan einen Notendurchschnitt zwischen 1,0 und 1,9 im Abiturszeugnis, wer sich dort für ein Psychologiestudium einschreiben will. (Es sei denn, er nimmt Wartezeiten bis zu acht Jahren in Kauf. (4) Für den Traumberuf Psychiater ist zuallererst eine Abi-Traumnote nahe 1,0 erforderlich, so hoch liegt bundesweit der Numerus clausus für ein Medizinstudium seit langem. Woher nimmt unser Kultuswesen die Zuversicht, dass aus allerbesten Abiturienten eines Tages allerbeste Ärzte und Psychologen werden? Ein Einserabitur zeigt ziemlich zuverlässig die Fähigkeit an, sich jenes umfassendes Fachwissen anzueignen, das auf Unis verlangt wird. Aber womöglich versäumt es ein Großteil der gymnasialen Klassenprimusse ihrer beharrlichen Streberei wegen, jene sozialen Kompetenzen zu trainieren, die Patienten von ihren berufsmäßigen Helfern nicht minder erwarten: Mitgefühl, Perspektivenwechsel, kommunikatives Geschick, Achtsamkeit, Wertschätzung, Anteil- und Rücksichtnahme. Während ihres verkopften, alltagsfernen Studiums erhalten angehende Psychoprofis darin kaum Nachhilfe, im Gegenteil. Die begehrte Eintrittskarte in die seelenheilkundliche Berufswelt, das Hochschuldiplom, ergattert nur, wer sich von seinen Lehrern einbleuen lässt, ausgerechnet jenes Erkenntnisinstrument als „bloß subjektiv“ geringzuschätzen, das mehr als jedes andere erhellt, was im Gegenüber vorgeht: Empathie. Damit nötigt der Hochschulbetrieb angehende Seelenhelfer, in einem Akt der Selbstvergewaltigung eine soziale Schlüsselkompetenz zu unterdrücken, um sich dem Vorrang der reinen Methode zu unterwerfen, für die Stimme des Herzens taub zu werden und evidenzbasierte Lehrmeinungen möglichst willfährig umzusetzen. Insofern betätigen sich unsere psychologischen und psychiatrischen Fakultäten seit jeher als Kastrationsanstalten. Polemik ist unsachlich. Deftige Kritik an unserem unseligem Hochschulwesen hingegen hat vorzügliche Gründe. Sie bestehen aus empirischen Untersuchungen, die übereinstimmend belegen: Während Studienanfänger im Fach Psychologie seelisch Belasteten besser helfen als Laien, liegt ihr Kompetenzniveau nach dem Studium niedriger - übrigens auch im Vergleich mit den eigenen Ausgangsleistungen. (5) Für den Therapieforscher Robert Carkhuff lässt diese Rückentwicklung nur einen Schluss zu: „Im Laufe ihrer Ausbildung widerfährt den Studenten etwas Zerstörerisches.“ (6) Dieses „Etwas“ vermutet er in der Verkopftheit des Studiums: Es verenge ihren Blick auf Gedankensysteme und abstrakte Methodik. Es vermittle ihnen stereotype Vorstellungen von der eigenen Beziehung zu Hilfesuchenden. Und es erziehe ihnen Berufsrollen an, die sie zu folgsamen Anwendern systematisierten Wissens machen, ausgerichtet am Ideal einer ebenso wortlastigen wie zuwendungsarmen professionellen Distanz. Dabei missachten Hochschulen gesicherte Erkenntnisse der Psychotherapieforschung: Intellektuelle Haltung und Wissen hängen demnach wenig bis gar nicht mit jenen Fähigkeiten zusammen, auf die es für hilfreiches Beistehen ankommt. (7) Wie schädlich sich das übliche Psychologiestudium auf Empathie, Wahrnehmung und Einschätzungsvermögen gegenüber Mitmenschen auswirkt, haben seit den fünfziger Jahren etliche Studien zum Vorschein gebracht. (8) Was Profis zustande bringen, führen sie selbst vor allem auf erlernte Theorien und Techniken zurück - Patienten hingegen in erster Linie auf Art und Qualität des Verhältnisses, das zwischen den beiden entsteht. Die menschliche Seite des Helfers, die persönliche Beziehung zu ihm erachten sie als besonders wichtig. (9) Recht haben sie. Verkopfte Psychotechniker Allzu viele Seelenklempner fremdeln mit ihrer Kundschaft aus demselben Grund wie manche Geistlichen mit ihrer Kirchengemeinde: Sie treten ihr gegenüber als wortgewandte, hochgebildete Medizinfunktionäre, deren Gelehrsamkeit Mühe hat, zwischen zwei Buchdeckel zu passen – gedankenschwere, grübelfaltige Großhirnrindler, die mit Fachchinesisch erheblich weniger Mühe haben als mit der Sprache des Herzens. Seelischer Beistand scheint ihnen seine reifste, vollendetste Form erst zu erreichen, wenn er sich als Conclusio aus einem mindestens quadratkilometergroßen Geflecht von evidenzbasierten Argumentationsfäden ergibt. Helfen und Heilen entspringen somit nicht mehr in erster Linie einer mit gewissen spontanen Emotionen, intuitiven Fähigkeiten, persönlichen Erfahrungen, Werthaltungen und wahrhaftiger Nächstenliebe verbundenen Lebensform, sondern ergeben sich aus intellektuellen Höchstleistungen eines akademisch geschärften Verstandes. Und das befremdet Hilfesuchende. Vertrautheit erleichtert Verstehen und Helfen Hinzu kommt: Mit dem Belasteten, seinen Problemen und deren Vorgeschichte, seiner Vergangenheit und momentanen Lebenssituation sind Laien, die ihm nahestehen, in der Regel weitaus länger und eingehender vertraut als ein Profi, zu dem der Hilfesuchende als Wildfremder kommt. Kein Kennerblick ist scharf genug, um binnen weniger Stunden, wenn nicht Minuten mehr von einer Person zu erfassen als jemand, der dem Betreffenden jahre-, manchmal jahrzehntelang zur Seite stand. (10) Wenn Menschen in seelischer Not Hilfe suchen, ist das spürbare Interesse des Helfers einer der wichtigsten allgemeinen Wirkfaktoren, von denen abhängt, wieviel er erreicht. Kann jemand, der von Berufs wegen nur gegen Bezahlung arbeitet, Hilfesuchenden eine aufrichtige Neugier glaubhaft machen? Stets stellt sich die Frage, ob seine Zuwendung, seine Anteilnahme echt sind - oder des Honorars wegen vorgetäuscht werden. Laienhelfer haben es da einfacher: Die bloße Tatsache, dass sie sich ehrenamtlich eines Problems annehmen, macht ihre Anteilnahme glaubhafter. Allein dies kann positive Veränderungen auslösen. Zu den entscheidendsten Vorzügen vieler Laienhelfer zählt: Herzlichkeit. Sie wirken mitfühlender, liebevoller. In einer Umfrage unter Teilnehmern von Therapiecamps meiner Stiftung Auswege würde dieser Pluspunkt bestimmt unter den Top Fünf der Eigenschaften auftauchen, die Patienten an den dortigen Laienhelfern am allermeisten schätzen. Typische Stimmen lauten: „Danke für die Liebe, die ihr uns entgegengebracht habt“, meinte abschließend die Mutter der entwicklungsverzögerten Anja* (8). „Euer aller Hingabe ist kaum zu begreifen. Ich habe mich wie unter Engeln gefühlt“, schwärmte die Mutter eines zehnjährigen Jungen mit Cerebralparese. „Ich habe so unfassbar viel von euch bekommen: Liebe, Fürsorge, Immer-für-mich-da-sein“, lobte die 60-jährige Sofia*, Opfer eines sexuellen Missbrauchs. (11) Natürlich sind auch Profis dazu imstande, so viel zu geben. Die meisten waren es, ehe sie aus dem Helfen einen Beruf machten, und außerhalb ihrer Arbeit sind sie es vermutlich weiterhin. In ihrem Praxisalltag wäre es allerdings Gift für sie, allzu viel Herzblut einfließen zu lassen. Wer Tag für Tag Menschen zuhören und beistehen will, die sich auf dem Höhepunkt einer psychischen Krise an ihn wenden, der blickt unentwegt in Abgründe. Er erfährt von unsäglichem seelischen Ballast, lernt tragische Schicksale kennen, erfährt von bedrückenden, schier ausweglosen Lebensumständen. Ließe er all das zu sehr an sich heran, ginge er auf die Dauer vor die Hunde, recht bald würde er selbst zum Fall für die Psychiatrie. Was Psychotherapeuten riskieren, die mit allzu großer Anteilnahme bei der Sache sind, führen Filme wie „The Unsaid“ (2001) und „Shut In“ (2016) vor Augen. Innerlich Abstand zu halten, bloß kein Mitleid aufkommen zu lassen, cool bleiben: Für Profis ist das zum Selbstschutz unabdingbar. Falls sie nicht schon während mehrerer hundert praktischer Ausbildungsstunden unter Aufsicht gelernt haben, nur so zu „tun als ob“, gehen sie spätestens im ersten Berufsjahr dazu über. Doch selten wirkt dieses „Als ob“ echt. Ein Großteil ihrer Klienten ist feinfühlig genug, das Spiel zu durchschauen. Vermissen sie Gefühlswärme, so frieren sie und verschließen sich. Der Laienhelfer kennt den Kontext besser – oft ist er Teil davon Anders als soziale Unterstützung durch Laien findet Psychotherapie zudem „weithin seltsam kontextentrückt“ und alltagsfern statt, gleichsam in einem „Kokon“, beklagt erstaunlich nestbeschmutzend die Deutsche Gesellschaft für Verhaltenstherapie. (12) Viele Psychoprofis tun so, als gäbe es für ihre Klienten kein Dasein außerhalb der Therapiestunden, keinerlei hilfreiche oder belastende Beziehungen, keine bedeutsamen Lebensumstände. Deshalb haben sie oftmals keine Ahnung, ob das soziale Umfeld die Behandlung stört oder fördert. Folglich versäumen sie es, günstige Einflüsse aus dem privaten Umfeld zu nutzen, um angestrebte Thera­piewirkungen zu verstärken. Schädliche Hierarchien und Rollenmuster Wer angstgeplagt, antriebslos oder verzweifelt einen Psycho-Profi aufsucht, trifft oftmals auf jemanden, der unnahbar über ihm thront: Da unten ein armes Würstchen, das sein Innenleben jämmerlicherweise nicht auf die Reihe kriegt – dort oben ein allem Anschein nach gefestigter, in sich ruhender, durch nichts zu erschütternder Helfer, der mit sich selbst im reinen ist. Wie könnte es auch anders sein? Dank seiner wissenschaftlichen Ausbildung weiß der Profi ja schließlich ganz genau, wie man so etwas hinkriegt, oder nicht? Allzuoft trügt der Schein aber. Auch Psychologen durchleben Tiefs, Selbstzweifel und Sinnfragen nagen an ihnen; Beziehungskrisen und Konflikte, manchmal auch Existenzängste belasten sie. Um ihre psychische Gesundheit steht es keineswegs besser als in anderen Berufsgruppen. In Scheidungsstatistiken belegen Psychologen Spitzenplätze, neben Schauspielern, Schriftstellern und bildenden Künstlern. (13) Burnouts, Alkoholismus, Medikamentenabhängigkeit und emotionale Tiefs, die Psychiater zu ernsthaften Störungen erklären würden, treten bei ihnen gehäuft auf. Die Selbstmordrate liegt unter ihnen dreimal höher als in der übrigen Bevölkerung. (14) Bloß: Was ihn bedrückt, verbirgt der Profi, das gehört zum sozialen Rollenspiel – was geht derart Privates einen Klienten an? Ein guter Freund ist da wahrhaftiger. Es fällt ihm leichter, sich selbst zu offenbaren, sein Gegenüber in eigene innere Abgründe blicken zu lassen. Wenn dabei zum Vorschein kommt, wie schlecht es auch ihm hin und wieder geht, so kann das jemanden, der Hilfe sucht, enorm erleichtern. Denn es verbindet – man findet eher zueinander, wenn sich nicht bloß einer entblößt. Zu hören, wie es der Ratgeber selbst angestellt hat, schwere Zeiten durchzustehen, gibt dann oft entscheidende Anstöße und Fingerzeige. Weisheit schlägt Wissen Einfühlsamkeit ergänzt jenes Bündel von emotionalen und geistigen Eigenschaften, das wir Weisheit nennen. In diesem vorbildlichen Wesenszug, der über angehäuftes Wissen weit hinausgeht, liegt nicht nur der Schlüssel zu einem glücklichen Leben. In Begegnungen eingebracht, erweist er sich als überaus heilsam. Der Weise strahlt heitere Gelassenheit aus. Er verlässt sich nicht auf erste Eindrücke, er schwimmt nicht mit dem Strom, handelt nicht aus dem Affekt heraus. Er ereifert sich nicht. Er ruht in sich selbst, nichts bringt ihn so schnell aus der Fassung. Aus schmerzlichen Erlebnissen, die auch ihm nicht erspart bleiben, zieht er konstruktive Lehren, die er anderen zugute kommen lässt. Er ist imstande, Personen und Sachverhalte aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten, ohne vorschnell zu urteilen, geschweige denn abzuwerten. Es gelingt ihm, gleichsam innerlich einen Schritt zurückzutreten, auf Abstand zu sich selbst zu gehen, eigene Überzeugungen zu hinterfragen. Auch schwierige Probleme erfasst er in ihrer ganzen Komplexität, bringt sie auf den Punkt, findet klare, ausgewogene, einleuchtende Antworten. Der Weise nimmt sich nicht allzu wichtig und widersteht dem schwer zu bändigenden Drang, in möglichst gutem Licht dazustehen. Er bringt es fertig, eigene Fehler und Schwächen freimütig einzugestehen – und über sie zu lächeln. Statt an Gewohntem festzuhalten, ist er offen für Neues und Fremdes. Er achtet Mitmenschen, die anders denken und fühlen, aussehen und sich verhalten. Nur einer von 300 Erwachsenen besitze diese Grundtugend in höchster Ausprägung, schätzt die Weisheitsforscherin Ute Kunzmann von der Universität Leipzig. (15) Einem von ihnen zu begegnen, tut jedem seelisch Belasteten gut. Dass Psychoprofis diese Tugend eher auszeichnet als lebenserfahrene, besonnene Laien, bezweifle ich. Lehrreiche “Auswege”-Camps Weitere Hinweise darauf, was Laien Profis außerdem voraushaben könnten, verdanke ich vereinzelten „Auswege“-Camps, in denen professionelle Seelenheilkundige dem Gesamtergebnis eher abträglich als förderlich waren. Dort, wie auch im Praxisalltag, wirken Profis manchmal allzu routiniert und abgebrüht. Bei unserem 17. Therapiecamp im Oktober 2014 wurde ein überaus erfahrener kognitiver Verhaltenstherapeut von unseren Teilnehmern regelrecht boykottiert: Während die Terminlisten der übrigen Teammitglieder, allesamt nichtlizenzierte Laienpsychologen, von morgens bis abends durchgehend voll waren, blieb er vom zweiten Camptag an weitgehend beschäftigungslos, weshalb er frustriert vorzeitig ab­reisen wollte. Patienten und Angehörige störten sich unter anderem an seinem maskenhaften Dauergrinsen und unentwegten Kopfnicken. Aus ihrer Ausbildung und Berufserfahrung leiten Profis einen Erkenntnisvorsprung ab, der sie zur Besserwisserei neigen lässt, doktrinär und kritikunfähig machen kann. Als Vertreter einer bestimmten Schule halten sie oftmals verbissen an ihrer Lieblingstheorie fest, über begründete Ahnungen des Hilfesuchenden hinweg, woher seine Belastungen rühren könnten. An die speziellen Methoden, die sie im Laufe ihrer Ausbildung erlernt haben, klammern sich viele Profis auf Teufel komm raus: So, und keinesfalls anders, müsse vorgegangen werden, beharren sie - auch dann noch, wenn die Nutzlosigkeit ihrer Anstrengungen immer offenkundiger, die Widerstände des Klienten immer stärker werden. Nach einmal gestellten Diagnosen verengt sich ihr Blick auf Symptome, Ereignisse und Vorgänge, die dazu lehrbuchgemäß passen. Deshalb neigen sie dazu, Merkmale und Umstände des Klienten zu übersehen oder zu unterschätzen, die darüber hinausreichen. So vermitteln sie ihm das ungute Gefühl, in eine Schublade gezwängt zu werden. Wer nicht, wie Psychoamateure, bloß gelegentlich seelischen Beistand leistet, sondern unentwegt zu helfen versucht, läuft Gefahr, dabei abzustumpfen und auszubrennen. Nach vier bis sechs Berufsjahren, das belegen Studien (16), schwindet bei einem Großteil professioneller Psychotherapeuten die emotionale Anteilnahme. Die meisten fühlen sich „ausgelaugt und fertig“, haben „das Mitleid verlernt“, ihre „Spontaneität verloren“, sagen sie. Das Bedürfnis wächst, sich von ihrer Kundschaft innerlich zu distanzieren. An Erlebnissen von Hilflosigkeit und Ohnmacht leiden sie zunehmend. Dass sie kaum je Rückmeldungen von ihren Klienten bekommen, frustriert sie. 14 Prozent geben an, nicht mehr an die eigene Wirksamkeit zu glauben. Was haben sie dann noch in ihrem Beruf verloren? All diese Faktoren tragen dazu bei, dass in „Auswege“-Camps die Erfolgsquote bei seelisch Belasteten weder deutlich anstieg, sobald Psychoprofis mitwirkten, noch in deren Abwesenheit gravierend absackte. An Standesehre gekratzt Dass ein gestandener Psychotherapeut derartige Befunde als Schlag ins Gesicht empfinden muss, ist ihm mühelos nachzufühlen. Sie bringen sein Selbstverständnis ins Wanken, sie kratzen an seiner Standesehre, sie untergraben seine Autorität, sie nagen an seinem Selbstwertgefühl. Was empfände ein gelernter Koch, wenn er einräumen müsste, dass Oma Berta den Sauerbraten besser hinkriegt als er? Wie erginge es einem Zahnarzt, wenn er mitansehen müsste, wie Hinz und Kunz ein malades Gebiss mindestens ebenso gut saniert wie er? Wie wäre einem Piloten zumute, wenn er im Cockpit kurz vor dem Abflug erfährt, dass seine Boeing heute von einem aeronautischen Quereinsteiger gesteuert wird? Der startet sicher, fliegt um den halben Globus, landet butterweich, heimst den Applaus der Passagiere ein – und erst jetzt stellt sich heraus: Der Kollege ist ein blutiger Amateur, der sich das Fliegen selber beigebracht hat. „Wenn das so einfach wäre“, würde sich der professionelle Pilot zurecht fragen, „wozu habe ich dann eine jahrelange anspruchsvolle Ausbildung durchlaufen?“ Wie sehr eine solche Erfahrung kränken kann, führte mir Beate K.* vor Augen, eine Diplom-Psychologin Ende Dreißig. Anlässlich des 22. Therapiecamps meiner Stiftung im Juni 2016, eines speziell für Betroffene von Burn-out, Depressionen und Lebenskrisen, hatte ich sie in unser 14-köpfiges Helferteam einbezogen. Drei Tage lang erlebte Beate aus nächster Nähe mit, dass ein Großteil der psychisch Schwerbelasteten – 16 Patienten zwischen 36 und 73 Jahren – im Nu Fortschritte machten wie zuvor seit Monaten und Jahren nicht. Weder staatlich anerkannte Psychotherapeuten noch psychiatrische Fachärzte, weder stationäre Klinikaufenthalte noch rezeptgemäß eingenommene Psychopharmaka hatten zuvor deren Pein gelindert. Während dreier abendlicher Teambesprechungen hatte Beate Gelegenheit, unsere Helfer aus deren Sitzungen durchweg Hocherfreuliches berichten zu hören. Von frühmorgens bis spätabends liefen ihr im und ums Camphaus unentwegt Teilnehmer über den Weg, in deren strahlenden Gesichtern sie lesen konnte, um wieviel besser es ihnen seit ihrer Ankunft ging. Trotzdem packte Beate schon am Abend des dritten Camptags ihre Koffer: „Das alles hier kann ich nicht länger mittragen.“ Wieso denn? Hier werde „nicht fachgerecht“ vorgegangen, bemängelte sie. Es gebe „einfach ein Grund-ABC, ein Handwerkszeug, gewisse Regeln und Strategien im Umgang mit bestimmten Diagnosen, die sich auf professioneller Ebene seit Jahrzehnten bewährt haben“. Damit „das alles hier professionell wird“, müsste „auf Strukturebene einiges umgestellt werden“. Schmerzlich vermisste sie „eine grundlegendere, professionellere Haltung“. Meinte sie mit „unprofessionell“, ihrer Lieblingsvokabel, nicht eher „unkonventionell“? Hat denn nicht recht, wer heilt? Unser Tempo sei „zu hoch“, „schnell ist nicht gleich gut“. Also wären keine Erfolge oder solche, die auf sich warten lassen, wünschenswerter als rasche – und pauschale Tempolimits für therapeutisches Vorwärtskommen dringend geboten? „Ihr könnt euch nicht abkoppeln vom Gesundheitssystem“, warf sie ein, „denn dorthin müssen eure Patienten ja anschließend wieder zurück.“ Müssen wir uns dafür entschuldigen, Systemgeschädigten die hilfreichere Medizin zu bieten, und danach trachten, bei uns drinnen dem Draußen nachzueifern? Wo in Wahrheit der Hase im Pfeffer lag, brachte Beate schließlich selbst auf den Punkt: Sie sei „eben von meiner Berufssozialisation geprägt“, „ich hab´s halt anders gelernt“ und „kann einfach nicht aus meiner Haut“. Was sie letztlich das Weite suchen ließ, nennen ihre Fachkollegen eine „kognitive Dissonanz“: jenen unangenehmen Gemütszustand, der sich einstellt, wenn man mehrere Kognitionen hegt – Wahrnehmungen, Gedanken, Meinungen, Einstellungen, Wünsche, Werte oder Absichten -, die miteinander unvereinbar sind. Um wie viel unbehaglicher muss Beate da erst in Anbetracht des nächsten Kapitels zumute sein? (Harald Wiesendanger) Dieser Text ist ein Auszug aus Harald Wiesendanger: Psycholügen, Band 3: Seelentief: ein Fall für Profis?, Schönbrunn 2017, 2. erw. u. aktualisierte Aufl. 2024; 124 S., auch als PDF. Die Folgen dieser Serie („Helfen Psycho-Profis wirklich besser?“) 1        Reichlich erforscht: Viele Laien können mehr 2        Unter den Teppich gekehrt 3        Vogel Dodo beim Wettlauf der Psychotechniker 4        Wie viel bringt Psychotherapie wirklich? 5        Warum nützt Psychotherapie? 6        Warum manche Laien die besseren Therapeuten sind 7        Hochstapler unter Hochstaplern 8        Psychotherapie als Gefahrenherd 9        Nase vorn: Was viele Profis besser können – und weshalb 10    Pragmatismus statt Lobbyismus - Für eine weise Psycho-Politik Anmerkungen 1  Näheres in Band 4 meiner Schriftenreihe Psycholügen, Schönbrunn 2017: Stochern im Nebel - Psycho-Profis erklären nicht besser, was in uns vorgeht. 2  Daniel Goleman: Emotionale Intellgenz, München 1996; Peter Salovey/John D. Mayer: “Emotional Intelligence”, Imagination, Cognition, and Personality, Band 9. S. 185–211; John D. Mayer/P. Salovey/D. R. Caruso: “Emotional Intelligence: Theory, Findings and Implications”, Psychological Inquiry 15/2004. S. 197–215. 3 Nach Erhebungen der OECD: Bildung auf einen Blick – OECD-Indikatoren 2006, Paris 2006. 4  Nach www.nc-werte.info/studiengang/psychologie, Stand: Februar 2015. 5  R. Carkhuff/B. G. Berenson: Beyond counseling and therapy, New York 1967; R. Carkhuff/D. Kratochvil/T. Friel: „The effects of graduate training“, Journal of Counseling Psychology 15/1968, S. 117-126. 6  Zit. R. Carkhuff: „Differential functioning ...“, a.a.O., S. 120 7  R. Carkhuff, ebda., S. 121 8  F. N. Arnhoff: „Some factors influencing the unreliability of clinical judgments“, Journal of Clinical Psychology 10/1954, S. 272-275; E. Taft: „Ability to judge people“, Psychological Bulletin 52/1955, S. 1-23; J. E. Chance/W. Meaders: „Needs and interpersonal perception“, Journal of Personality 28/1960, S. 200-210; J. H. Weiss: „Effect of professional training and amount of accuracy of information on behavioral prediction“, Journal of Consulting Psychology 27/1963, S. 257-262; R. Melloh: Accurate empathy and counselor effectiveness, unveröffentlichte Dissertation 1964, zit. nach B. J. Kalisch: „Strategies for developing nurse empathy“, Nursing Outlook 11/1971, S. 714-718. 9  Irvin D. Yalom: Gruppenpsychotherapie - Ein Handbuch, München 1974, S. 80 f. 10  Ein besonders eindrückliches Fallbeispiel schildere ich in Band 10 meiner Schriftenreihe Psycholügen: Der Psychofalle entkommen - Wie psychisch Belastete einen Ausweg fanden - ohne professionelle Seelenhelfer und Chemikalien, Schönbrunn 2017, darin das Kapitel “Die Blitzheilung einer Schwerstdepressiven”, S. 92-108, https://stiftung-auswege-shop.gambiocloud.com/der-psychofalle-entkommen-auswege-schriftenreihe-psycholuegen-band-10-printausgabe.html 11 Stimmen von Campteilnehmern zitiert die Stiftung Auswege in ausführlichen Dokumentationen ihrer Therapiecamps, s. www.stiftung-auswege. de/veranstaltungen/fruehere-camps.html. 12 In einem Schwerpunktheft über „Extratherapeutische Wirkfaktoren“ ihrer Zeitschrift Verhaltenstherapie & Psychosoziale Praxis 46 (2) 2014. 13 Hans-Ulrich Ahlborn: „Psychotherapie und ihre Risiken“, Paracelsus-Magazin 6/1997. 14 James D. Guy/Gary P. Liabuc: „The impact of conducting psychotherapy on psychotherapists´ interpersonal functioning“, Professional Psychology: Research and Practice 17 (2) 1986, S. 111-114. 15  Nach Süddeutsche Zeitung Nr. 24, 30.1.2017, S. 16: „Vernunft mit Gefühl“, U. Kunzmann: „Wisdom“, in R. Schulz (Hrsg.): The Encyclopedia of Aging, 4. Aufl. New York 2006. 16  Dieter Kleiber (Hrsg.): Die Zukunft des Helfens. Neue Wege und Aufgaben psychosozialer Praxis, Weinheim 1986; ders. mit A. Kuhr (Hrsg.): Handlungsfehler und Misserfolge in der Psychotherapie, Tübingen 1988. Titelbild: erzeugt mittels Microsofts KI „Bing Image Creator“.

  • Warum nützt Psychotherapie?

    Soweit Psychotherapie wirkt: Weshalb tut sie das? Wenn Profis mit unterschiedlichsten Vorgehensweisen und Theorien weitgehend gleich viel erreichen, kann ihr Erfolgsrezept wenig damit zu tun haben, was sie während ihrer jeweiligen Ausbildung gelernt haben. Worin besteht es dann? Aus dem “Dodo-Bird-Paradox” folgt: Der Ertrag verschiedener Psychotherapierichtungen hängt kaum bis gar nicht davon ab, auf welchen Wegen er erzielt wird. Also muss er auf anderen Faktoren beruhen: solchen, die sie alle gemeinsam haben, allen Abgrenzungsgefechten zum Trotz. Der Forschungsstand hierüber lässt an Eindeutigkeit kaum zu wünschen übrig: Den Ausschlag geben sogenannte unspezifische Wirkfaktoren, wie Fachleute sie nennen. Psychotherapie, egal welche,  gelingt nur dann, wenn die Hauptbeteiligten, der Behandler ebenso wie der Behandelte, mehrerlei dazu beitragen: Auf den Klienten kommt es an Der Hilfesuchende profitiert am ehesten, wenn er fähig und willens ist, sich zu verändern. Er ist zuversichtlich, dass der Therapeut ihm helfen kann und will. Er vertraut ihm. Er ist offen. Er hegt keine überzogenen Erwartungen, rechnet nicht mit einer blitzschnellen, vollständigen Genesung biblischen Ausmaßes. Den äußeren Rahmen der Behandlung, das healing setting, empfindet er als geeignet, angemessen und angenehm. Er sieht wesentliche Bedürfnisse durch die Therapie befriedigt. Er spürt Wertschätzung, fühlt sich angenommen und verstanden, entwickelt ein Gefühl von Zusammengehörigkeit. Die vorgeschlagene Erklärung seines Problems macht er sich zueigen. Er akzeptiert die eingesetzte(n) Methode(n). Von seinem Umfeld, einschließlich seiner wichtigsten Bezugspersonen, lässt er sich nicht beirren. Er ist kooperativ, übernimmt Therapieziele und strebt sie beharrlich an. Was einen guten Psychotherapeuten auszeichnet Und wie steht es mit dem Helfer? Sein Einsatz nützt, wenn es ihm gelingt, Sympathie und Vertrauen des Klienten zu gewinnen. Er ist optimistisch und vermittelt seine Zuversicht überzeugend. Er gibt sich nicht streng, distanziert und kalt, sondern freundlich, zugewandt, warmherzig und emotional beteiligt. Er strahlt Sicherheit, Gelassenheit und Erfahrung aus. Er wirkt offen und ehrlich. Das Problem benennt er in einer Weise, die dem Klienten einleuchtet. (Ob die Diagnose tatsächlich zutrifft, ist zweitrangig.) Er stellt dessen Problem in den Vordergrund und bietet für es eine Erklärung an, die der Klient nachvollziehen kann: einen einleuchtenden Mythos. (Ob sie stimmt, ist unerheblich.) Er wirkt nicht abwesend, sondern bei der Sache; nicht verkrampft, sondern entspannt. Er ist empathiefähig, das heißt, er kann die Perspektive des Hilfesuchenden übernehmen, sich in ihn hineinversetzen und einfühlen. (Dazu mehr im Band 4 meiner Schriftenreihe Psycholügen: Stochern im Nebel.) Er versteht es, ein lebendiges Gespräch in Gang zu bringen und aufrechtzuerhalten. Er setzt keine Leichenbittermiene auf, sondern gibt sich humorvoll. Er motiviert dazu, am therapeutischen Prozess mitzuwirken; der Hilfesuchende soll zum bewussten, aktiven Selbstheiler werden, kein untätig Aufnehmender bleiben. Dabei berücksichtigt der Helfer persönliche Stärken des Hilfesuchenden; er ermutigt ihn dazu, sie sich bewusst zu machen, zu nutzen und stolz darauf zu sein: Fähigkeiten, Erfahrungen, Interessen und positive Charaktereigenschaften. (Sozialwissenschaftler sprechen von Empowerment.) Er bringt ihm Wertschätzung entgegen und stärkt sein Selbstwertgefühl, statt ihn wegen Schwächen und Fehlern schlechtzureden. Er vermittelt den Eindruck, aufmerksam zuzuhören und interessiert Anteil zu nehmen. Unvorhergesehenen Situationen und überraschenden Wendungen im Therapieverlauf passt er sich flexibel an. Missverständnisse räumt er behutsam aus. Beim Einsatz von Methoden, beim Anbieten von Deutungen erweist er sich als kreativ. Es gelingt ihm, dem Klienten eine neue Sichtweise auf das Problem zu vermitteln und Hinweise zu geben, wie er es aus eigener Kraft bewältigen kann. Er führt ihm Chancen vor Augen, zeigt Auswege auf. Er fördert tragfähige soziale Beziehungen. Nichts von alledem überfordert Laienhelfer grundsätzlich. Nichts von alledem kann der Profi nur dank eines wissenschaftlichen Studiums. Nichts von alledem kann er erst, seit er Prüfungen bestanden hat. Nichts von alledem kann er anschließend besser als vorher. Stimmt die Beziehung? Nicht minder kommt es auf die Qualität der Beziehung an, die Helfer und Hilfesuchender zueinander aufbauen. Auf ihr gemeinsames Ziel hin, eine innere Belastung zu beseitigen, vollziehen sie miteinander ein Ritual, über dessen Spielregeln sie sich einig sein müssen. Gleichgültig, wieviel Wirkungsmacht Psychotherapien von ihren Anhängern zugetraut wird: Eine wie die andere scheitert, wenn die Hauptbeteiligten, Helfer und Hilfesuchender, einander misstrauisch, ablehnend, feindselig gegenüberstehen. Wenn sie nicht recht ins Gespräch miteinander kommen. Wenn einer, oder gar beide, hinsichtlich der Erfolgsaussichten schwarz sehen. Sie scheitert, wenn der Hilfesuchende mit der gestellten Diagnose nichts anfangen kann, ihm die angebotene Erklärung seines Problems nicht einleuchtet, die eingesetzten Methoden widerstreben. Sie scheitert, wenn ihm sein Therapeut unsicher, desinteressiert, teilnahmslos, gleichgültig vorkommt. Sie scheitert, wenn er seine Mitwirkung verweigert, täuscht und lügt. Der entscheidende Faktor ist bei jeder beliebigen Psychotherapie nicht etwa der Anwender, sondern der Behandelte – an ihm liegt es, die eigentliche Arbeit zu leisten. Wie in der Medizin allgemein, so gilt auch in der Psychotherapie: Jegliche Heilung ist letztlich Selbstheilung. Der Klient muss fähig und willens sein, sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen, andernfalls scheitert auch der vielversprechendste Ansatz. Der Therapeut kann Anregungen, Rückmeldungen und Ratschläge geben, neue Ideen einbringen, auf Bewährtes hinweisen, Fehleinschätzungen berichtigen, neue Perspektiven eröffnen, Handlungsoptionen aufzeigen, motivieren, vor Risiken und Gefahren warnen – das eigene Denken, Fühlen, Handeln verändern kann letztlich nur der Klient selbst. Darüber hinaus unterschätzen viele Psychoprofis, wie wichtig sogenannte „Unterstützungsnetze“ - Support Networks - im sozialen Umfeld sind. Konflikte in der Partnerschaft und Familie, aber auch Ärger am Arbeitsplatz, anhaltende Spannungen im Freundeskreis, im Verein, in der Gemeinde, in der Nachbarschaft können Fortschritte erschweren, verhindern oder zunichte machen. (1) „Vierzig Prozent der Unterschiede in Behandlungsergebnissen gehen auf Faktoren außerhalb der Behandlung zurück“, schätzt der US-Therapieforscher Michael J. Lambert. (2) Psychotherapie scheitert zuverlässig, wenn das soziale Umfeld alle Bemühungen zunichte macht. Leistungsunterschiede zwischen Therapeuten, gleich welcher Schule, haben demnach so gut wie nichts mit der Methode zu tun, die sie bevorzugen. Hauptsächlich rühren sie daher, dass ihre Persönlichkeitsmerkmale und sozialen Fähigkeiten sie unterschiedlich geeignet machen, Belastete auf ihrem mühseligen Weg zu begleiten. Die Eignung hierzu muss keineswegs notwendig auf besonders positiven Charaktereigenschaften beruhen. Mitunter kriegen es ausgesprochene Hallodris und Scharlatane besonders gut hin, Hilfesuchende zu Veränderungen zu bewegen, wenn sie den Alleswisser geben, der mit sonorer Stimme von oben herab Durchhalteparolen ausgibt. Seit Sigmund Freud, dem unübertroffenen Charismatiker, tummeln sich in der Seelenheilkunde etliche solcher gewiefter Psychodirigenten. Allgemeine Wirkfaktoren befähigen Laienhelfer – wie “Auswege”-Camps lehren Allgemeine Wirkfaktoren (3) erklären, warum viele Laien psychisch Belasteten ebensogut helfen können wie Psycho-Experten: Die Kompetenzen, auf die es dabei ankommt, erwirbt ein jeder von uns nicht erst in Universitäten und Akademien, sondern von Kindesbeinen an, im Laufe seiner Sozialisation. Die Fähigkeit, solche Faktoren in die Behandlung einzubringen, zeichnet Laienhelfer in den Therapiecamps meiner Stiftung Auswege aus. Mit einem Durchschnittsalter deutlich über Fünfzig und mittleren zwanzig Jahren Praxis bringen sie jede Menge Erfahrung im Umgang mit Hilfesuchenden mit. Auf die Bedürfnisse, Fragen, Sorgen und Ängste von Patienten gehen sie vorbildlich ein, wie Auswertungen von abschließend ausgefüllten Fragebögen belegen: Über 98 Prozent der Campteilnehmer charakterisieren ihre Helfer darin als „sicher“, „geduldig“, „höflich“, „einfühlsam“ und „ermutigend“, nehmen sie als „kompetent“, „vertrauenserweckend“, „bescheiden“, „überzeugend“ und „unaufdringlich“ wahr. Ebensoviele würden sie deshalb „uneingeschränkt weiterempfehlen“. Gleichermaßen dickes Lob ernteten Christine, Ulrike, Verena und Regine, vier ausgebildete, erfahrene Psychotherapeutinnen, wie auch Gisa und Milan, zwei erfahrene Fachärzte für Psychiatrie. Jene „Auswege“-Camps, an denen sie mitwirkten, bereicherten sie enorm: allerdings nicht in erster Linie durch Informationsvorsprünge dank überlegenen Fachwissens und psychotechnischer Raffinesse, sondern durch ihre herzliche, einfühlsame Art, mit Hilfesuchenden umzugehen, gepaart mit Selbstsicherheit und Erfahrung – durch Vorzüge indes, die andere, vermeintlich unqualifizierte Teammitglieder nicht minder einzubringen verstanden. Unter den vielerlei Zutaten, die zusammen das Erfolgsrezept der „Auswege“-Camps ausmachen (4), geben diese allgemeinen Wirkfaktoren vermutlich den Ausschlag. Von der Eröffnungsveranstaltung an prägen sie das Miteinander aller Beteiligten durchgängig. Atemberaubend rasch lassen sie eine Atmosphäre entstehen, deren Intensität mich jedesmal aufs Neue fasziniert und bewegt. Ein Blick auf die offiziellen Programmpunkte eines typischen Camptags, mit bis zu fünf Einzelterminen für jeden Teilnehmer bei verschiedenen Teammitgliedern, verleitet deshalb zu falschen Schlüssen. Beraten und behandelt werden unsere Patienten und ihre Angehörigen im Grunde nicht bloß vier- bis fünfmal 30 bis 60 Minuten pro Tag – eine einzige Heilsitzung findet statt, und sie dauert zwei Drittel des ganzen Tages, ohne Pause: beginnend am frühen Morgen, mit dem gemeinsamen Frühstück ab acht Uhr, bis kurz vor Mitternacht, wenn sich die letzten Gesprächsrunden im Anschluss an das Abendprogramm aufgelöst haben. 15 bis 16 Stunden lang wird ununterbrochen geheilt: von den 15 bis 20 Teammitgliedern, aber auch von den 20 bis 30 Patienten samt Angehörigen, gleich welchen Alters. Miteinander bilden sie eine heilsame Gemeinschaft, in der jeder reichlich zurückbekommt, was er einbringt: Aufmerksamkeit, Anteilnahme, Zuwendung, Mitgefühl, Wohlwollen, Wertschätzung. Diese Mixtur bringt binnen einer Woche die meisten psychisch Belasteten eher ins Gleichgewicht als alle vorherige, oft jahrelange professionelle Betreuung – mehr als etliche mehrwöchige Klinikaufenthalte, als diverse, oft jahrelange Psychotherapien, als nebenwirkungsreiche Medikamente. Führt das nicht eindrücklich vor Augen, wieviel mehr angewandte Seelenheilkunde erreichen könnte, wenn sie aus den Therapiecamps der Stiftung Auswege lernen würde, worauf es dabei am allermeisten ankommt? Was Psychotherapie wirksam erscheinen lässt Vielen Patienten, denen unstrittig eine professionelle Psychotherapie außerordentlich gut getan hat, mag eine derartige Sichtweise unerhört vorkommen, ja geradezu absurd. „Ohne meinen Therapeuten wäre ich bis heute ein seelisches Wrack, vielleicht würde ich nicht mehr leben“, sagen manche. „Weder mein Lebensgefährte noch irgendein Verwandter, nicht einmal meine allerbesten Freunde hatten mir zuvor helfen können.“ Aber solche subjektiven Gewissheiten sind womöglich voreilig. Zum einen ist nie auszuschließen, dass dankbare Patienten einem der meistverbreiteten Fehlschlüsse erliegen: post hoc ergo propter hoc – „weil es mir nach der Therapie besser ging, muss es mir ihretwegen besser gegangen sein“. Sie verkennen, dass selbst schwerstes seelisches Elend im Laufe der Zeit von alleine abklingen kann. „Die Zeit heilt alle Wunden“, so versichert der Volksmund, und darin steckt durchaus ein Quentchen Wahrheit. Intensitätsschwankungen kennzeichnen die allermeisten psychischen Störungen. Zum Psychotherapeuten eilt man im Befindlichkeitstief, und auch ohne ihn ginge es früher oder später höchstwahrscheinlich wieder aufwärts. Ferner könnte die Besserung von therapiebegleitenden Umständen herrühren, mit denen die Behandlung überhaupt nichts zu tun hatte: beispielsweise eine neue Partnerschaft, Veränderungen am Arbeitsplatz, ein Wohnungswechsel, familiäre Ereignisse, einschneidende Begegnungen und Erfahrungen, eine glückliche Fügung, eine unverhoffte Chance. Die Unterlegenheit des Laienhelfers: eine “self-fulfilling prophecy”? Im übrigen pflegt kaum ein Klient spezifische und allgemeine Wirkfaktoren auseinanderzuhalten. Der mit Abstand wichtigste allgemeine Faktor ist er selbst: Seine Bereitschaft, sich auf die Therapie ein- und von ihr verändern zu lassen, gibt letztlich den Ausschlag. Wenn Betroffene in ihrem unmittelbaren sozialen Umfeld nicht jene Hilfe fanden, für die sie ihren Therapeuten lobpreisen, so möglicherweise deshalb, weil sie Menschen, die ihnen nahestehen, eine solche Hilfe gar nicht erst zutrauten. Therapeuten genießen bei psychisch Belasteten im allgemeinen einen gewaltigen Vertrauensvorschuss. Wenn deren Überlegenheit, wie erläutert, herzlich wenig von irgendwelchen Techniken und Theorien herrührt: woher dann? Des Rätsels Lösung liegt zum Teil in einem Placebo-Effekt: Erst der feste Glaube des Patienten, Psychotherapie bringe mehr, macht sie deutlich wirkungsvoller als das, was mancher Laie an Rat und Unterstützung anzubieten hätte. Entscheidend ist der Entschluss, die Erfolgserwartung des Therapeuten zu übernehmen und ihn für kompetent genug zu erachten, eine effektive Behandlung hinzukriegen. Dazu verleiten all jene Statusmerkmale, die Profis Laien voraushaben: Sie haben Psychologie oder Medizin studiert, können neben der theoretischen auch eine ausgiebige praktische Ausbildung vorweisen, tragen akademische Titel, müssen folglich hochqualifiziert sein. Psychotherapie ist schließlich ihr Beruf. Sie empfangen Hilfesuchende in besonderen Räumlichkeiten mit besonderem Ambiente. Neben ihrer Türklingel hängt ein mehr oder minder ansprechendes Praxisschild. In ihren Bücherregalen stapelt sich Fachliteratur. Ins Gespräch streuen sie imposantes Fachchinesisch ein. Im Gesundheitswesen gelten sie als geachtete Akteure, auch der Herr Doktor empfiehlt sie mitunter, häufig kommen Krankenkassen für die Kosten auf. Sie treten mit dem Selbstbewusstsein von Sachverständigen auf, erstellen Befundberichte, Gutachten und Rechnungen auf ansprechenden Briefbögen, beeindrucken mit Visitenkarten und Flyern. Aber, um dies nochmals zu unterstreichen: Wie die Therapieforschung der vergangenen Jahrzehnte lehrt, ist in Wahrheit kein einziges dieser Merkmale aussagekräftig. Bedeutsam wird es erst als Gutgläubigkeit förderndes Drumherum. Warum neigt der Problembelastete trotzdem dazu, einen Profi dem Laienhelfer vorzuziehen? Zum Placebo-Effekt gesellen sich etliche weitere Gründe, die meisten rühren von Kurzschlüssen aus unhinterfragten Vorurteilen her, die im Zeitalter der Expertokratie geradezu dogmatisch gelten: Profis seien kompetenter. Ihre Ausbildungen und Diplome bürgten für Qualität. Von Berufs wegen hätten sie mehr Erfahrung. Sie könnten besser feststellen und erklären, was mit ihm los ist. Sie verfügten über weitaus wirksamere Techniken, seinem Problem beizukommen. Weder er noch seinesgleichen könnten beurteilen, was ihm fehlt. Massenmedien schüren unkritisch solche Überzeugungen, Mitmenschen sorgen für zusätzlichen Druck. Ausgangspunkt des kurzen Wegs zum professionellen Helfer ist eine Kapitulation vor dem Zeitgeist: Man erklärt sich einverstanden damit, sein Lebensproblem als psychische Krankheit definieren, sich zum Patienten erklären zu lassen. Wer krank ist, wird zum Fall für die Medizin; wer psychisch krank ist, für den ist das Fachgebiet Psychiatrie zuständig - und fürs nichtmedikamentöse Behandeln eine ihrer Hauptsäulen, die Psychotherapie. Dass sie Teil des offiziell anerkannten Gesundheitssystems ist, verschafft ihr Glaubwürdigkeit und Autorität. Sich ihr auszuliefern und unterzuordnen, sie die Verantwortung für sich übernehmen zu lassen, ist eine nachvollziehbare Tendenz von Menschen, die sich in akuten Lebenskrisen, erst recht bei chronischen Seelentiefs damit überfordert wähnen, mündige Bürger zu bleiben. Sie fühlen sich inkompetent, ratlos und schwach, und keines Laien Schultern sind breit genug, ihnen beim Anlehnen so viel vermeintliche Sicherheit zu vermitteln, wie das jemandem gelingt, der sich selbstbewusst traut, als Experte aufzutreten, weil alle ihn dafür halten. (Harald Wiesendanger) Dieser Text ist ein Auszug aus Harald Wiesendanger: Psycholügen, Band 3: Seelentief: ein Fall für Profis?, Schönbrunn 2017, 2. erw. u. aktualisierte Aufl. 2024; 124 S., auch als PDF. Die Folgen dieser Serie („Helfen Psycho-Profis wirklich besser?“) 1        Reichlich erforscht: Viele Laien können mehr 2        Unter den Teppich gekehrt 3        Vogel Dodo beim Wettlauf der Psychotechniker 4        Wie viel bringt Psychotherapie wirklich? 5        Warum nützt Psychotherapie? 6        Warum manche Laien die besseren Therapeuten sind 7        Hochstapler unter Hochstaplern 8        Psychotherapie als Gefahrenherd 9        Nase vorn: Was viele Profis besser können – und weshalb 10    Pragmatismus statt Lobbyismus - Für eine weise Psycho-Politik Anmerkungen 1  S. M. Monroe/D. F. Imhoff/B. D. Wise/J. E. Harris: „Prediction of psychological  symptoms under high-risk psychosocial circumstances:  Life events, social support,  and  symptom specificity“, Journal of Abnormal Psychology 92/1983, S. 338–350. 2  Michael J. Lambert: „ Implications of outcome research for psychotherapy integration“, in  J. C. Norcross/ M. R. Goldstein (Hrsg.): Handbook of Psychotherapy Integration, New York 1992, S. 94-129. 3  Siehe Jerome D. Frank: Persuasion and Healing. A Comparative Study of Psychotherapy (1961), 3. Aufl. Baltimore 1991. Franks „unspezifische Wirkfaktoren“ finden sich weitgehend wieder bei Hilarion G. Petzold: „Integrative Therapie – Transversalität zwischen Innovation und Vertiefung. Die Vier Wege der Heilung und Förderung’ und die ‚14 Wirkfaktoren’ als Prinzipien gesundheitsbewusster und entwicklungsfördernder Lebensführung“, Integrative Therapie 3/2012. 4  Siehe Harald Wiesendanger: Heilzauber oder was? Das Erfolgsgeheimnis der „Auswege“-Camps,  Schönbrunn 2014. Titelbild: Drazen Zigic/Freepik

  • Wie viel bringt Psychotherapie wirklich?

    Dass professionelle Seelenhilfe nützt, steht für Fachkreise außer Frage. Zweifel daran werden als völlig absurd und wissenschaftlich widerlegt abgetan. Zu Unrecht. „Die Psychotherapie zählt zu den wirksamsten Verfahren der Medizin”, so versichert uns ein Autorenteam um Professor Ulrich Schnyder, als Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsspitals Zürich und Ex-Vorsitzender dreier Branchenverbände in Fachkreisen eine große Nummer, in der Zeitschrift Der Nervenarzt. Eindrucksvolle Behandlungseffekte seien mittlerweile „für fast alle psychiatrischen Störungsbilder wissenschaftlich belegt“. (1) „Psychotherapie ist wirksam“, verbreitet natürlich auch die Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) und fügt hinzu: „Je länger, desto besser.“ Sie verweist auf „viele kontrollierte Studien“, in denen „der Nachweis“ für die Wirksamkeit von Psychotherapie „bei nahezu allen psychischen Erkrankungen erbracht wurde“ (2) Als Beweis führt sie ein aufwändiges „Qualitätsmonitoring“ aus dem Jahr 2011 an, mit 1708 Patienten und 400 Psychotherapeuten, in Auftrag gegeben von der Techniker Krankenkasse: Bei 65 Prozent sei „eine Abnahme der Problematik“ zu verzeichnen gewesen. (3) Wow. Eine solche Quote würde sogar bewährte medizinische Maßnahmen bei körperlichen Erkrankungen in den Schatten stellen, wie etwa eine Bypass-Operation bei verstopften Blutgefäßen oder Medikamente gegen Arthritis. Alles in allem scheint glasklar: Psychotherapie wirkt. Zu diesem Ergebnis kam unter rund 250 große Überblicksarbeiten zum Forschungsstand bezüglich ihres Nutzens immerhin fast jede vierte. (4) Kein Lehrbuch versäumt, auf diese angeblich solide Datenlage hinzuweisen. Die ganze Wahrheit verfehlen solche Eigenlobhudeleien, gelinde gesagt, nicht bloß haarscharf, sondern kilometerweit. Die vorgeblichen Beweise zerbröseln im Härtetest wie luftige Kekse unter kräftigem Daumendruck. Dürftige Beweislage Das erlebte beispielsweise Steven Hollon, ein namhafter Therapieforscher von der Vanderbilt-Universität in Nashville, Tennessee. (5) Gemeinsam mit zwei niederländischen Kollegen nahm er unter die Lupe, was an wissenschaftlichen Bestätigungen für die kognitive Verhaltenstherapie (KVT) bei Depressionen vorliegt: ein Behandlungsansatz, der Patienten dazu bewegen soll, düstere bis rabenschwarze Gedanken über sich und die Welt durch realistischere zu ersetzen und am Leben aktiv teilzunehmen. In den siebziger Jahren aufgekommen, gilt KVT inzwischen als „Goldstandard für die Behandlung zahlreicher Störungen“. (6) Hollons Team nahm sich sämtliche 55 Studien zur kognitiven Verhaltenstherapie bei Depressionen vor, welche der National Health Service (NHS), die oberste Gesundheitsbehörde der USA, zwischen 1972 und 2008 gefördert hatte. Dabei kam reichlich “Underreporting” zum Vorschein: Die Ergebnisse fast jeder vierten Studie waren nie publiziert worden. Warum verschwieg man sie? Auf Nachfrage bei den jeweiligen Studienleitern kam heraus: In den unveröffentlichten Untersuchungen hatte die KVT erheblich schlechter abgeschnitten als in den bekanntgewordenen. Würden alle ausgewertet, so müsste man die glänzende Erfolgsbilanz deutlich nach unten berichtigen – sie fiele noch schlechter aus als die fürs Verabreichen von Antidepressiva. Damit nicht genug: Die vermeintlich erfolgreichen Therapiestudien erschlichen sich ihre prächtige Statistik überwiegend durch methodische Schlampereien. Da wurden Versuchspersonen der Behandlungs- oder Vergleichsgruppe nicht streng randomisiert zugeteilt, durch einen unabhängigen Dritten, einen Zufallsgenerator oder versiegelte Umschläge. Daten wurden nicht „blind“ ausgewertet, also von jemandem, der über die Gruppenzuteilung nichts wusste. Man berücksichtigte nur diejenigen Patienten, die von Anfang bis Ende teilgenommen hatten, anstatt auch jene einzubeziehen, die vorzeitig ausgestiegen waren. Nach demselben Maßstab erwiesen sich von 115 weiteren Depressionsstudien 104 als schlecht gemacht. Dafür glänzte ihr Zahlenwerk: Psychotherapie schien jedem zweiten Depressiven zu helfen. Eher das Gegenteil bewiesen die elf einwandfrei durchgeführten Untersuchungen: Nur einer von acht Patienten profitierte. (7) Dieses Manko bleibt keineswegs auf die Behandlung von Depressionen beschränkt. „Die Fachliteratur zur Psychotherapie“, so räumt der Gesundheitspsychologe James Coyne von der niederländischen Universität Groningen ein, „ist derzeit von zu schlechter Qualität, als dass sie eine verlässliche Hilfe für Therapeuten, Patienten und Verantwortliche in den Entscheidungsgremien wäre.“ (8) Vangelis Evangelou kann da nur zustimmen. Im Jahr 2017 knöpfte sich der griechische Statistiker von der Universität Ioannina mehr als 247 Meta-Analysen von 5157 scheinbar hochwertigen Forschungsarbeiten über Psychotherapieffekte vor: sogenannte “kontrollierte” Studien (RCTs). 196 dieser Überblicksarbeiten waren zu dem Ergebnis gekommen, Psychotherapie habe signifikante positive Wirkungen. Evangelou interessierte sich vor allem für den Studienaufbau und das Kleingedruckte. Dabei fander zahlreiche Hinweise für Verzerrungen: Vielekleinere Studien vermeldeten Erfolge, die sich in größeren nicht bestätigen ließen. Führte ein Vertreter einer bestimmten Psychotherapieform die Studie selbst durch, so erschien sie erheblich wirksamer, als wenn andere sie prüften. Nur weniger als zehn Prozent der analysierten Studien wiesen keine derartigen Verzerrungen auf. (9) Aufgehübschte Erfolgsbilanz Dem Aufhübschen der Statistik dient eine oft bevorzugte Methode zur Datenerhebung: Die eine Hälfte der Versuchspersonen wird sofort behandelt, die andere kommt zunächst auf eine Warteliste, sie dient als Vergleichsgruppe. Die erzwungene Warterei tut aber nicht gut: Sie frustriert und legt den Hingehaltenen nämlich nahe, vorerst sei keine Besserung zu erwarten, weil die Therapie ja erst noch folgt. Das erzeugt fatalerweise einen Nocebo-Effekt (lat. „es wird mir schaden“), die dunkle Kehrseite des Placebo-Effekts. Schon allein dadurch wächst die gemessene Wirkdifferenz zwischen Behandlungs- und Vergleichsgruppe. Ein weiterer Dreh, um mit Statistik Eindruck zu schinden: Wer vorzeitig aussteigt, wird einfach nicht mitgezählt. Eingerechnet werden nur diejenigen, die bis zum Ende am Ball bleiben und anschließend bereit sind, Rückmeldung zu geben. Damit fällt immerhin jeder Fünfte unter den Tisch. (10) Therapieabbrüche können etliche Gründe haben: Geld wird knapp, man zieht um, zu einem anderen Profi ist der Weg kürzer, eine körperliche Erkrankung kommt dazwischen. Manchmal fühlt sich der Behandelte so viel besser, dass er weitere Sitzungen für überflüssig hält. Doch am häufigsten machen Hilfesuchende nicht weiter, weil die „Chemie“ zwischen ihnen und dem Therapeuten nicht stimmt, seine Bemühungen nichts bringen oder sich ihr Zustand gar verschlechtert. Damit nicht genug: Verzögerte Misserfolge erfasst ein Großteil der Studien gar nicht erst - Verschlimmerungen, zu denen es jenseits des Beobachtungszeitraums kommt. Was ist ein dickes Patientenlob am Ende der allerletzten Sitzung wert, wenn es den Betreffenden schon bald danach wieder elend geht? (11) Nachuntersuchungen beheben das Manko nur teilweise: Wer hat schon mehrere Monate später noch Lust darauf, sich von Wissenschaftlern ausgiebig interviewen zu lassen? Die Stabilgebliebenen wohl eher als jene, die sich weiterhin mies fühlen, wenn nicht gar bedrückter denn je. Bezeichnender Generationseffekt Noch dünner wird das Eis, sobald man ältere Effektstudien zu einzelnen Psychotherapien mit jüngeren vergleicht. Diese Mühe machten sich die norwegischen Therapieforscher Tom Johnsen und Oddgeir Friborg von der Universität Oslo. Die beiden nahmen sich 70 Studien zu den vermeintlichen Segnungen der kognitiven Verhaltenstherapie vor, die seit Ende der siebziger Jahre erschienen waren. (12) In den ersten Untersuchungen glänzte das Verfahren – zumindest auf dem Papier. Doch von da an ging es zügig bergab, mittlerweile hilft es nur noch halb so gut. Weshalb? Die frühesten Studien wurden weniger streng durchgeführt, unliebsame Ergebnisse eher unter den Teppich gekehrt. Die beteiligten Therapeuten zählten zur „ersten Generation“: Sie hatten die Therapie mitentwickelt oder noch von den geistigen Urhebern vermittelt bekommen. In ihrer Aufbruchstimmung, ihrer Euphorie, ihrem oft missionarischen Eifer behandelten sie durchweg engagierter, begeisterter, hingebungsvoller. Ihre Nachfolger hingegen waren eher darauf aus, sich geflissentlich an die methodischen Vorgaben zu halten, die ihnen die Gründergeneration eingeschärft hatte – auf Kosten von Intuition, Spontaneität, Kreativität, Flexibilität, Authentizität und Empathie. Davon abgesehen wissen heutige Patienten, dank Dr. Google, erheblich mehr über Grenzen und Schwächen von Psychotherapien. Darunter leidet vielfach ihr Vertrauen, ihr Glaube an Wirksamkeit und Nutzen des Angebotenen. Es leidet zurecht. So dürftig Psychotherapie tatsächlich abschneidet, sobald Wirkungsforschung sie auf den stellt – im Praxisalltag nehmen sich ihre behaupteten Erfolge noch kümmerlicher aus. Denn die allermeisten Untersuchungen finden an Universitätskliniken und Hochschulinstituten statt, wo Patienten sorgfältig vorausgewählt werden. Multimorbide – solche, die gleichzeitig an mehreren Störungen leiden – dürfen zumeist gar nicht erst mitmachen. Dabei sind gerade sie in der Praxis die Regel, therapeutisch stellen sie viel schwerer zu knackende Nüsse dar. Ist unentbehrlich, was sparen hilft? Wie kann man an wissenschaftlicher Psychotherapie zweifeln, wo sie doch prima sparen hilft? So argumentiert Jürgen Margraf, Professor an der Uni Basel, nachdem er 54 Studien mit insgesamt über 13.000 Patienten ausgewertet hatte, die in der ersten Dekade des 21. Jahrhunderts über Kosten und Nutzen ambulanter Psychotherapie erschienen waren. (13) “Dabei”, so fand er, “wurde in 95 % der einschlägigen Studien eine bedeutsame Kostenreduktion durch Psychotherapie festgestellt, in 86 % zeigte sich zudem eine Netto-Einsparung”, also ein “positives Kosten-Nutzen-Verhältnis nach Abzug der Psychotherapiekosten”. In 76 % der berücksichtigten Studien “war Psychotherapie gegenüber medikamentösen Strategien überlegen”. All dies ist erfreulich und lobenswert, lässt aber eine unverschämte Frage offen: Hätten 54 Studien über Kosten und Nutzen von Selbsthilfegruppen für psychisch Gestörte erheblich niedrigere Prozentzahlen ergeben? Trügerische Umfragewerte Alles in allem ist es mit der „wissenschaftlich erwiesenen“ Wirksamkeit von Psychotherapie also nicht weit her. Wie Metaanalysen der vorliegenden klinischen Studien übereinstimmend belegen, bessern sich bei 30 bis 50 Prozent der Patienten die Beschwerden überhaupt nicht, während sie eine Psychotherapie in Anspruch nehmen, und bei noch weniger, wenn diese schon ein paar Wochen zurückliegt. Bei fünf bis zehn Prozent verschlechtert sich ihr Zustand schon, während sie sich noch in Behandlung befinden. (14) Obwohl in den vergangenen Jahrzehnten Hunderte neuer Therapieverfahren hinzukamen, hat sich an diesen belämmernden Verhältnissen nichts geändert. Derart in der Zwickmühle, verweisen Fachkreise mit Vorliebe auf schmeichelhafte Umfragen unter Patienten. Denn letztlich komme es ja darauf an, was die Hilfesuchenden selbst von Psychotherapie halten, nachdem sie sich darauf eingelassen haben. Wenn ihr Leidensdruck nachlässt oder sich gar verflüchtigt: Ist es nicht das, was letztlich zählt - das Befinden, viel mehr als irgendein Befund? Auf den ersten Blick schinden die vorgelegten Zahlen wahrlich Eindruck. So versicherten Anfang 2012 in einer Erhebung unter 2129 ehemaligen oder momentanen Psychotherapie-Patienten ab 14 Jahren mehr als zwei Drittel, durch die Behandlung kämen sie mit ihren Problemen besser zurecht. Weitere 13 Prozent erklärten, ihre Schwierigkeiten hätten sich sogar gänzlich verflüchtigt. (15) Unter all jenen, die sich einer Psychotherapie unterziehen, geht es nach eigenen Angaben 70 bis 80 Prozent besser als denen, die nichts unternehmen -  eine stattliche Quote, findet der klinische Psychologe Sven Barnow, Professor an der Universität Heidelberg. Immerhin übertreffe sie die Erfolgsraten von Chemotherapie bei Brustkrebs (11 Prozent) und Aspirin zur Vorbeugung von Herzinfarkten (7 Prozent). „Psychotherapie wirkt sehr gut“, schlussfolgert er. (16) Unter 1212 Erwachsenen, die sich ambulant – also nicht tagesklinisch oder stationär - psychotherapieren ließen, äußerte sich in einer Umfrage der Universität Leipzig 2011 die deutliche Mehrheit rückblickend ebenfalls überaus zufrieden: 70 Prozent können seither besser mit Stress umgehen, 74 Prozent empfinden mehr Lebensfreude, 69 Prozent bewerten ihr Selbstwertgefühl als gestärkt, 67 Prozent fühlen sich auch körperlich wohler. Jeder Zweite gibt an, dank Psychotherapie sei er beruflichen Anforderungen wieder eher gewachsen. (17) Zwei Monate nach deren Abschluss liegt die Besserungsrate immer noch nahe 50 Prozent. (18) Womöglich noch höher? Sage und schreibe „80 Prozent der Patienten erfahren eine wesentliche Linderung ihrer Symptome“, verbreitet der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychologie (DGPs). (19) Ganz schön beachtlich, oder nicht? Wie überhaupt bei Umfrageergebnissen, so lohnt sich auch hier ein gründlicher Datencheck. Wie lautete die Fragestellung genau? Auf welche Weise wurde befragt? Wie wurde ausgewertet? Als Vorzeigestudie dient der Bundespsychotherapeutenkammer eine Erhebung der Stiftung Warentest von 2011 mit knapp 4000 Teilnehmern. (20) Demnach stufen 77 Prozent der psychisch Kranken, ehe sie eine Psychotherapie beginnen, ihren Leidensdruck als „sehr groß“ oder „groß“ ein; nach Abschluss der Behandlung sind es nur noch 13 Prozent. 61 Prozent versichern, seither könnten sie alltäglichen Stress leichter bewältigen. 53 Prozent geben an, am Arbeitsplatz seien sie leistungsfähiger geworden. Fast jeder Vierte ist mit seinem Psychotherapeuten „zufrieden“ oder „sehr zufrieden“. (21) Wie fein. Was die Kammer wohlweislich verschweigt: Die Umfrage war alles andere als repräsentativ, sie fand online statt. An solchen Erhebungen beteiligt sich am ehesten, wer dazu besonders motiviert ist – und das sind Hochzufriedene, die sich von argem Leidensdruck befreit wähnen und ihren Erlösern überaus dankbar sind, bestimmt eher als jene, bei denen sich nichts Nennenswertes getan hat. Alles in allem ergibt sich aus Befragungen im therapeutischen Alltag ein noch blamableres Bild von Psychotherapie, als klinische Studien nahelegen. Dieser ernüchternde Befund bestätigte sich, als ein Forscherteam der Berliner Humboldt-Universität um die Psychologin Jenny Wagner mehr als 4000 Schüler und Studenten vier Jahre lang begleitete. Fast 300 von ihnen hatten währenddessen eine Psychotherapie gemacht. Überrascht stellte Wagner fest: “Sie haben beschrieben, dass sie seither emotional instabiler sind, mehr Ängstlichkeit haben in ihrem Alltag, dass sie sich weniger gut einlassen können auf andere Menschen. Das sind also wirklich negative Effekte gewesen, die wir da gesehen haben. Wir haben auch einen Anstieg in Depressionen zum Beispiel gesehen und eine Abnahme in Lebenszufriedenheit.“ Weil ihm diese Ergebnisse unglaublich vorkamen, untersuchte Wagners Team zusätzlich, wie Psychotherapie bei einer anderen Gruppe wirkt, nämlich älteren Amerikanern. Aber “auch da haben wir diese negativen Effekte auf die Persönlichkeitsentwicklung gesehen.“ (22) Viel Tamtam, kaum Substanz Mächtig Tamtam veranstaltet die Psychobranche um „die größte jemals durchgeführte Psychotherapie-Studie“, 2015 durchgeführt. (23) Ein britisch-amerikanisches Forscherteam erfasste dabei nicht weniger als 26.430 Patienten zwischen 16 und 95 Jahren, die im Laufe von zwölf Jahren von 1400 britischen Psychotherapeuten behandelt worden waren. Am häufigsten litten sie unter Ängsten (56 %) und Depressionen (39 %), an Konflikten in ihren Beziehungen (39 %) und am Arbeitsplatz (23 %), an geringem Selbstwertgefühl (34 %), einem schwerwiegenden Verlust (23 %) oder einem Trauma, etwa nach sexuellem Missbrauch (15 %). Im Schnitt fanden acht Therapiesitzungen statt. Inwieweit halfen sie? Um das herauszufinden, kam der „CORE-OM“ zum Einsatz (24): ein 34-teiliger Fragebogen zur Selbsteinschätzung, bezogen auf die Bereiche subjektives Befinden, psychische Symptome, Funktionstüchtigkeit (functioning) im allgemeinen und insbesondere in sozialen Beziehungen; zudem wurde eine Risikoabschätzung verlangt. (In welchem Maße stellt der Patient für sich selbst und Andere eine Gefahr dar?) Heraus kamen grandiose Zahlen: Nicht weniger als 60 Prozent der Befragten fühlten sich bei Therapieende „bedeutend besser“, weitere 23 Prozent zumindest ein bisschen. Bloß 19 Prozent ging es unverändert schlecht. Sogar nur bei 1,3 Prozent verschlimmerte sich die psychische Verfassung. Derlei Zahlenwerk glänzt  – solange unhinterfragt bleibt, wie sich die Untersuchungsstichprobe zusammensetzte. Dazu hatte sich das Forscherteam aus einer 1993 aufgebauten Datenbank bedient, der CORE National Research Database. Aus ihr wählten sie in einem ersten Schritt rund 105.000 Patienten aus, deren Psychotherapeuten zwischen 1999 und 2011 ein Bewertungsformular (assessment form) eingereicht hatten. All diese Patienten sollten bei Beginn und unmittelbar nach Abschluss ihrer Therapie den CORE-OM-Fragebogen ausfüllen. Versäumten sie das, so kamen sie erst gar nicht in die Auswertung – immerhin fast jeder Zweite, knapp 50.000. Diese Vorauswahl verzerrt das Gesamtbild aber gewaltig: Wenn jemand bei Therapieende nicht wie gewünscht Daten abliefert, so deshalb, weil er es gar nicht erst abwartete. Wer aber vorzeitig reißaus nimmt, tut dies zumeist, weil ihm die Behandlung enttäuschend wenig bis gar nichts gebracht hat. Berücksichtigt man diese Aussteiger, so schrumpft die imposante 60-prozentige Besserungsquote schlagartig auf die eher kümmerliche Hälfte. Immerhin: 30 bis 50 Prozent Zufriedene ergeben doch immer noch einen stattlichen Leistungsbeleg, oder nicht? Eher nein. Wenn es jedem dritten bis zweiten Psychotherapierten nach zwei Monaten besser geht, so geht es der anderen Hälfte, wenn nicht gar zwei Dritteln, weiterhin gleich schlecht oder noch schlechter als zu Beginn. Da sich unter allen mutmaßlich Behandlungsbedürftigen nur jeder Fünfte überhaupt auf professionelle Seelenhelfer einlässt, wirft das Schicksal der restlichen 80 Prozent drängende Fragen auf. Was wird aus ihnen, wo sie doch so dringend in fachkundige Obhut gehören? Versinken sie für den Rest ihres jämmerlichen Daseins in einem schwarzen Loch? Verlängert sich ihre Psychopein endlos, weil sie die Segnungen moderner Seelenheilkunde ahnungslos, starrköpfig und törichterweise verschmähen? Besserungsresistenzen kommen innerhalb wie außerhalb von Praxen und Kliniken vor, draußen wohl etwas öfter als drinnen, aber gewiss nicht in übermäßiger Zahl. Unbehandelte erwartet im allgemeinen eher einer von drei Krankheitsverläufen: Bei der ersten Gruppe löst sich die Bedrückung irgendwann von selber auf, nach bloßem Abwarten. Anderen kommt jene schon erwähnte Charaktereigenschaft zugute, die Psychologen Resilienz nennen: eine psychische Robustheit, mit der erlernte Fähigkeiten verbunden sind, Krisen trotz schwieriger Bedingungen zu meistern. Sie helfen, sich zusammenzureißen, sich nicht gehen zu lassen, die Zähne zusammenzubeißen, ein Befindlichkeitstief tapfer und zuversichtlich durchzustehen. Einer dritten Gruppe kommt die Unterstützung durch vertraute Laien in ihrem näheren sozialen Umfeld zugute, die mit großem Geschick und Einfühlungsvermögen therapieren, ohne es zu wissen und so zu nennen. Eine derart „erfolgreiche“ Heilweise will ernstzunehmender Bestandteil des Medizinbetriebs sein? Was hielte ein Psychotherapeut etwa von seinem Orthopäden, falls dessen Leistungsbilanz bei Problemen im Stütz- und Bewegungsapparat folgendermaßen aussähe: Von hundert Patienten, die an seinem Praxisstandort betroffen sind, vertrauen sich ihm bloß zwanzig an. Helfen kann er bloß sieben bis zehn: den einen einigermaßen, den anderen ein kleines bisschen. Bei zehn bis dreizehn weiteren bleibt der Zustand teils unverändert, teils verschlechtert er sich: Wirbelsäulen werden noch krummer, rheumatische Gelenke noch deformierter, Knochenbrüche, Bänder- und Sehnenrisse noch gravierender. Die übrigen achtzig Patienten meiden ihn von vornherein, weil solche Probleme bei den allermeisten entweder von alleine oder durch Selbstbehandlung oder dank Hilfen aus Familie oder Freundeskreis verschwinden. Wie wertvoll, alternativlos und unverzichtbar käme dem Psychotherapeuten vor, was ein solcher Orthopäde leistet? „Aber ich sehe doch, dass ich helfen kann!“, protestiert der berufsmäßige Seelenhelfer aufgebracht. Da könnte er mit Betriebsblindheit geschlagen sein. Oft können sich Psychotherapeuten einfach nicht eingestehen, dass ihr Patient keinerlei Fortschritte macht; dass es ihm schlechter geht; dass er sich mit dem Gedanken trägt, die Behandlung abzubrechen. In nicht einmal drei Prozent aller Fälle wollen sie eine stattgefundene Verschlimmerung wahrhaben. (25) Die unter Profis weitverbreiteten Wahrnehmungsstörungen, was Wirksamkeit und Nutzen ihrer Bemühungen betrifft, dürften von dem allzu menschlichen Bedürfnis herrühren, vor sich selber möglichst gut dazustehen: Kein einziger befragter Psychotherapeut hält seine eigene Leistung für schlechter als durchschnittlich, über 96 Prozent hingegen für überdurchschnittlich. Was die Zunft tatsächlich drauf hat, überschätzt sie demnach maßlos. (26) (Harald Wiesendanger) Dieser Text ist ein Auszug aus Harald Wiesendanger: Psycholügen, Band 3: Seelentief: ein Fall für Profis?, Schönbrunn 2017, 2. erw. u. aktualisierte Aufl. 2024; 124 S., auch als PDF. Die Folgen dieser Serie („Helfen Psycho-Profis wirklich besser?“) 1        Reichlich erforscht: Viele Laien können mehr 2        Unter den Teppich gekehrt 3        Vogel Dodo beim Wettlauf der Psychotechniker 4        Wie viel bringt Psychotherapie wirklich? 5        Warum nützt Psychotherapie? 6        Warum manche Laien die besseren Therapeuten sind 7        Hochstapler unter Hochstaplern 8        Psychotherapie als Gefahrenherd 9        Nase vorn: Was viele Profis besser können – und weshalb 10    Pragmatismus statt Lobbyismus - Für eine weise Psycho-Politik Anmerkungen 1 U. Schnyder/R. M. McShine/J. Kurmann/M. Rufer: „Psychotherapie für alle? Zur Indikation für psychotherapeutische Behandlungen“, Der Nervenarzt 85 (12) 2014, S.1529-1535. 2 www.bptk.de, insbesondere www.bptk.de/aktuell/einzelseite/artikel/psychische-k.html, abgerufen am 30.6.2016. 3 W. W. Wittmann u.a.: Qualitätsmonitoring in der ambulanten Psychotherapie: Modellprojekt der Techniker Krankenkasse - Abschlussbericht, Hamburg 2011. 4  Siehe X E. Dragioti, V. Karathanos, B. Gerdle, E. Evangelou: “Does psychotherapy work? An umbrella review of meta-analyses of randomized controlled trials”, Acta Psychiatrica Scandinavica 136 (3) 2017, S. 236-246, https://onlinelibrary.wiley.com/doi/abs/10.1111/acps.12713 5 Ellen Driessen/Steven D. Hollon u.a.: „Does Publication Bias Inflate the Apparent Efficacy of Psychological Treatment for Major Depressive Disorder? A Systematic Review and Meta-Analysis of US National Institutes of Health-Funded Trials“, PLOS One 2015. 6 Tom J. Johnsen/Oddgeir Friborg: „The Effects of Cognitive Behavioral Therapy as an Anti-Depressive Treatment is Falling: A Meta-Analysis“, Psychological Bulletin 141 (4) 2015, S. 747-768, www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/25961373. 7 P. Cuijpers/D. Hollon u.a.: „The effects of psychotherapy for adult depression are overestimated: a meta-analysis of study quality and effect size“, Psychological Medicine 40/2010, S. 211-223. 8 James C. Coyne: „Salvaging psychotherapy research: a manifesto“, Journal of Evidence-Based Psychotherapies 14 (2) 2014, S. 105-124, http://s3.amazonaws.com/academia.edu.documents/38398481. 9  X E. Dragioti, V. Karathanos, B. Gerdle, E. Evangelou: “Does psychotherapy work? An umbrella review of meta-analyses of randomized controlled trials”, Acta Psychiatrica Scandinavica 136 (3) 2017, S. 236-246, https://onlinelibrary.wiley.com/doi/abs/10.1111/acps.12713 10 Jacobi u.a.: „Wie häufig ...“, a.a.O., S. 251. 11 W. Hiller/A. Schindler: „Response und Remission in der Psychotherapieforschung“, Psychotherapie - Psychosomatik - Medizinische Psychologie 61/ 2011, S. 170-176. 12 Johnsen/Friborg: „The Effects of Cognitive Behavioral Therapy …“, a.a.O. 13 Jürgen Margraf: Kosten und Nutzen der Psychotherapie – Eine kritische Literaturauswertung, Heidelberg 2009. 14 N. B. Hansen/M. J. Lambert/E. V. Forman: „The psychotherapy dose-response effect and ist implications for treatment delivery services“, Clinical Psychology: Science & Practice 9/2002, S. 329-343. 15 Das Gesundheitsmagazin Apotheken Umschau, die diese Befragung bei der GfK Marktforschung Nürnberg in Auftrag gegeben hatte, veröffentlichte die Ergebnisse in ihrer Ausgabe vom 23. April 2012; s. Cornelia Albani/Gerd Blaser/Bernd-Detlev Rusch/Elmar Brähler: „Einstellungen zu Psychotherapie. Repräsentative Befragung in Deutschland“, Psychotherapeut 58/2013, S. 466-473. 16 Sven Barnow: Therapie wirkt! So erleben Patienten Psychotherapie, Heidelberg 2012. 17 Elmar Brähler/Michael Geyer/Cornelia Albani: „Ambulante Psychotherapie in Deutschland aus Sicht der PatientInnen“, Psychotherapeut 55/2010, S. 503–514. 18 Cheryl L. McNeilly/Kenneth I. Howard: „The Effects of Psychotherapy: A Reevaluation Based on Dosage“, Psychotherapy Research 1 (1) 1991, S. 74-78. 19 Jürgen Margraf, zit. nach Focus, 20.2.2013: „Wie Psychotherapien wirken - und welche Nebenwirkungen drohen“. 20 www.bptk.de/presse/pressemitteilungen/einzelseite/artikel/umfrage-der.html, abgerufen am 30.6.2016. 21 Stiftung Warentest: „Ergebnisse der Umfrage Psychotherapie: Therapie hat vielen geholfen“, 27.10.2011. 22  Zit. nach Deutschlandfunk, 27. April 2017: “Wie gut hilft Psychotherapie wirklich?”, https://www.deutschlandfunkkultur.de/zweifel-an-studien-wie-gut-hilft-psychotherapie-wirklich-100.html 23  Scott D. Miller: „Do Psychotherapists Improve with Time and Experience?“, 27.10.2015, www.scottdmiller. com/feedback-informed-treatment-fit/do-psychotherapists-improve-with-time-and-experience; William B. Stiles, Michael Barkham, Sue Wheeler: „Duration of psychological therapy: relation to recovery and improvement rates in UK routine practice“, British Journal of Psychiatry 207 (2) 2015, S. 115-122. 24 „CORE“ steht für „Clinical Outcomes in Routine Evaluation“, „OM“ für „Outcome Measure“. 25 Wolfgang Wöller: „Auf den Therapeuten kommt es an!“, Psychologie heute 7/2016, S. 62-63. Er verweist auf eine Studie, in der Psychotherapeuten aus 550 Fällen lediglich einen von vierzig Patienten identifizierten, deren Zustand sich im Therapieverlauf verschlechtert hatte. 26 Michael J. Lambert: „Outcome Research: Methods for Improving Outcome in Routine Care“, in Omar Gelo/Alfred Pritz/Bernd Rieken (Hrsg.): Psychotherapy Research: Foundations, Process, and Outcome, Wien/Heidelberg/New York 2015, S. 593-610, dort S. 596; ders. u.a.: „Enhancing Psychotherapy through on Client Progress: A Replication“, Clinical Psychology and Psychotherapy 9/2002, S. 91-103; ders.: „Enhancing Psychotherapy through Feedback to Clinicians“, National Register of Health Service Psychologists, www.e-psychologist.org/index.iml?mdl=exam/show_article.mdl&Material_ID=3.

  • Vogel Dodo beim Wettlauf der Psychotechniker

    Auf Forschungsergebnisse, die ihr Monopol gefährden, reagieren die Standesorganisationen der Psycho-Profis seit eh und je überaus gereizt und beleidigt. Sie sollten einem weisen Vogel aus dem Wunderland lauschen. Wie kann man allen Ernstes behaupten, ein fünfjähriges Hochschulstudium (1), mit einem Arbeitsaufwand von mindestens 9000 Stunden - einschließlich “berufspraktischer Einsätze” von mindestens 570 Stunden (Bachelor) plus 750 Stunden (Master) - sorge bei wissenschaftlichen Psychologen für keinerlei Kompetenzvorsprung? Wie könnte eine anschließende therapeutische Ausbildung, die mehrere zehntausend Euro kostet - mit zusätzlichen Abertausenden Stunden weitere Theorie, Behandlung unter Supervision, Selbsterfahrung und praktische Tätigkeit - weitgehend für die Katz sein? Noch hirnrissiger muten Zweifel an Sachverstand von psychospezialisierten Ärzten an. Um einer zu werden, muss man erst mal zwölf bis dreizehn Semester Medizin studiert haben. Erst dann kann man sich auf Psychiatrie und Psychotherapie konzentrieren, und dabei vergehen fünf bis sechs weitere Jahre. Die Ausbildung zum Arzt kostet den Staat rund 200.000 Euro pro Student - mehr als jeder andere Studiengang (2) -, die anschließende Weiterbildung zum Facharzt nochmals das Doppelte bis Vierfache. (3) Sollte dieser gewaltige Aufwand nicht zuverlässig Könner hervorbringen, die Laienhelfer locker in den Schatten stellen? Ihren empörten Widerstand stützen Fachkreise vornehmlich auf den Standpunkt: Nur Experten konnten sich geeignete Techniken aneignen, um psychischen Erkrankungen beizukommen. Welcher Amateur beherrscht schon die filigranen Vorgehensweisen eines Freudschen Analytikers, eines Tiefenpsychologen nach C. G. Jung, eines kognitiven Verhaltenstherapeuten? Standesdünkel auf tönernen Füßen Doch bei näherer Betrachtung erweist sich überraschenderweise: Dieser Dünkel kommt auf tönernen Füßen daher. Denn in Wahrheit sind Techniken in der Psychotherapie weitgehend unerheblich. Wer Lewis Carrolls Kinderbuch Alice im Wunderland kennt, wird sich an jenen kuriosen Wettlauf erinnern, bei dem niemand herausfindet, wie weit und wie lange die Teilnehmer gerannt sind. Als der putzige Vogel Dodo gefragt wird, wer denn nun der Sieger sei, sagt er: „Jeder hat gewonnen und alle müssen Preise bekommen.“ In solch wunderländischem Wettbewerb stehen all die psychotherapeutischen Verfahren, die Hilfesuchende vor die schweißtreibende Qual der Wahl stellen. Auf 300 bis 400 schätzten Fachleute ihre Anzahl schon Ende der achtziger Jahre (4). Eine Metaanalyse von fast 400 Therapie-Vergleichsstudien ergab (5): Keine bringt rein gar nichts, keine nützt immer, keine ist den übrigen deutlich überlegen. Sie alle sind annähernd gleich wirksam (6), und dieser Sachverhalt wird als „Dodo-Bird-Verdikt“ (7) bezeichnet, gelegentlich auch als „Äquivalenzparadox“. In diesem Licht erweist sich die sogenannte „Differentielle Indikation“ – die Beurteilung, welche Form von Therapie bei welcher Störung angezeigt ist – als windige Luftnummer. Wenn im großen und ganzen keine Methode mehr ausrichtet als die andere, machen jene den Unterschied, die sie anwenden; Patienten brauchen den passenden Therapeuten. Zwar sollen vereinzelte Studien ergeben haben, dass ein psychisch Angeschlagener eher von einer mäßig strukturierten, zwanglos begleitenden Vorgehensweise wie der Gesprächstherapie profitiert, wenn sein Bedürfnis nach Selbstbestimmung besonders ausgeprägt ist, oder wenn er sich stark „reaktant“ gibt, d.h. auf Abwehr schaltet, sobald er sich unter Druck gesetzt fühlt. Andererseits scheinen einem Hilfesuchenden, der zur Unterordnung neigt, eher anleitende, auffordernde, Ziele vorgebende Verfahren wie die Verhaltenstherapie gutzutun. (8) Doch letztlich ist es kein methodisches Abstraktum, das Menschen an die Hand nimmt oder ihnen Freiraum lässt, sondern die individuelle Persönlichkeit des jeweiligen Behandlers. Worauf er aus ist, kann er mit jeder beliebigen Technik erreichen - oder verfehlen. (Harald Wiesendanger) Dieser Text ist ein Auszug aus Harald Wiesendanger: Psycholügen, Band 3: Seelentief: ein Fall für Profis?, Schönbrunn 2017, 2. erw. u. aktualisierte Aufl. 2024; 124 S., auch als PDF. Das Titelbild stammt von Microsofts KI „Bing Image Creator“. So illustrierte sie meine Vorgabe “Dodo Bird in Psychotherapy”. Die Folgen dieser Serie („Helfen Psycho-Profis wirklich besser?“) 1        Reichlich erforscht: Viele Laien können mehr 2        Unter den Teppich gekehrt 3        Vogel Dodo beim Wettlauf der Psychotechniker 4        Wie viel bringt Psychotherapie wirklich? 5        Warum nützt Psychotherapie? 6        Warum manche Laien die besseren Therapeuten sind 7        Hochstapler unter Hochstaplern 8        Psychotherapie als Gefahrenherd 9        Nase vorn: Was viele Profis besser können – und weshalb 10    Pragmatismus statt Lobbyismus - Für eine weise Psycho-Politik Anmerkungen 1  “Gesetz über den Beruf der Psychotherapeutin und des Psychotherapeuten” vom 15.11.2019, https://www.gesetze-im-internet.de/psychthg_2020/BJNR160410019.html, § 9, Absatz (2) 2  Nach www.praktischarzt.de: „Medizin - der teuerste Studiengang“, abgerufen am 5.1.2017. 3  Nach Zimmer Eins - das Patientenmagazin 2/2016, S. 56: „Hauptsache gesund“. 4  Eckhard Giese/Dieter Kleiber (Hrsg.): Das Risiko Therapie, Weinheim 1989, S. 20. 5 Mary Lee Smith/Gene V. Glass: „Meta-Analysis of Psychotherapy Outcome Studies“, American Psychologist Sept. 1977, S. 752-760. 6  Den Forschungsstand hierzu fassen zusammen: B. E. Wampold: The Great Psychotherapy Debate. Models, Methods, and Findings, Mahwah/ London 2001; R. Dawes: House of Cards. Psychology and Psychotherapy Built on Myth, New York 1996; L. J. Groß: Ressourcenaktivierung als Wirkfaktor in der stationären und teilstationären psychosomatischen Behandlung, Dissertation, Nürnberg 2013. 7   Lester Luborsky/Barton Singer/Lisa Luborsky: „Comparative studies of psychotherapies: Is it true that ‚everyone has won and all must have prizes’?“, Archives of General Psychiatry 32 (8) 1975, S. 995-1008; siehe auch J. Siev u.a.: “The Dodo Bird, Treatment Technique, and Disseminating Empirically Supported Treatments”, The Behavior Therapist 32 (4) 2009. 8 K. Grawe/F. Caspar/H. Ambühl: „Die Berner Therapievergleichsstudie: Wirkungsvergleich und differentielle Indikation“, Zeitschrift für Klinische Psychologie 19/1990, S. 338-361; K. Grawe: „Psychotherapieforschung zu Beginn der neunziger Jahre“, Psychologische Rundschau 43/1992, S. 132-162, dort ib. S. 148-150.

  • Unter den Teppich gekehrt

    Unterschätzte Amateure können mit Seelenheilberuflern zumeist mithalten, wann immer Therapieforscher beide gegeneinander antreten lassen. Diese oberpeinliche Faktenlage birgt gesundheitspolitischen und –ökonomischen Sprengstoff ohnegleichen. Deshalb scheint in Fachkreisen ein stillschweigendes Einvernehmen zu herrschen, sie tunlichst nicht an die große Glocke zu hängen. Viele Laien helfen psychisch Belasteten nicht schlechter als Psycho-Profis: In der Seelenheilbranche würde dies weiterhin zu den bestgehüteten Betriebsgeheimnissen zählen und tunlichst unter Verschluss gehalten, wie die Wahrheit um manipulierte Motorsteuerungen bei Deutschlands größten Autokonzernen - wenn nicht aufsässige Systemkritiker sie blöderweise in Fachzeitschriften und Internetportalen aufgestöbert hätten. Unter den Teppich kehren klappt nicht mehr. Der Geist ist aus der Flasche, darauf harrend, Nebelwerfer fortzuscheuchen und eine überfällige Debatte über den psychologischen Zweig unseres Gesundheitswesens anzuzetteln. Der Preis ist heiß: Auf dem Spiel stehen für die Akteure und Profiteure der heutigen Psychomedizin nicht weniger als Expertenstatus, Einkünfte und Einfluss, Pfründe und Privilegien, Sozialprestige und Selbstverständnis. Evidenzbasierte Blamage Den Stein ins Rollen brachte einer der in Fachkreisen meistzitierten Sozialwissenschaftler unserer Zeit: der US-Psychologe Robert Carkhuff, dessen Bestseller weltweit über eine Million Mal verkauft wurde. 1968 legte er eine Auswertung von 30 Studien vor, die verglichen hatten, was unausgebildete und akademisch geschulte Seelenhelfer zustande bringen. (1) An Eindeutigkeit ließ sie nichts zu wünschen übrig: Profis erwiesen sich durchweg als unterlegen. „Es ist offensichtlich“, so Carkhuff, „dass Laien in kurzer Zeit lernen können, günstige Veränderungen in Klienten hervorzurufen. (…) Wir können uns nicht länger, auf deren Kosten, den Luxus leisten, von einer höheren Wirksamkeit professioneller Behandlungen auszugehen.“ Sechs Jahre später nahm sich Averil Karlsruher, ein kanadischer Psychologe von der University of Manitoba in Winnipeg, 27 Untersuchungen vor, die professionelle und Laienbehandler in stationären psychiatrischen Einrichtungen verglichen hatten. In 26 schnitten die Profis schlechter ab, in einer einzigen erreichten sie annähernd gleich viel wie die Amateure. (2) Beide Arbeiten fanden in Fachkreisen zunächst keine nennenswerte Beachtung – erstaunlicherweise, in Anbetracht ihrer Brisanz. Ihr beschämender Befund erhitzte die Gemüter erst, als ein Professor für Klinische Psychologie an der Loyola-Universität von Chicago, Joseph A. Durlak, ihn mit einer weiteren, noch umfangreicheren und anspruchsvolleren Metaanalyse untermauerte. Er konzentrierte sich auf 42 Vergleichsstudien, die gewissen Mindestanforderungen zur Vorgehensweise genügt hatten, und gewichtete sie nach der Güte ihres Designs. Bloße Einzelfallschilderungen hatte er vorher aussortiert, ebenso Arbeiten, die als Erfolgskriterium lediglich die subjektive Einschätzung der Behandler herangezogen hatten. Aber auch nach dieser Vorauswahl - mit zwei Veröffentlichungen aus Carkhuffs Datenbasis, fünf aus der von Karlsruher und 35 weiteren – konnte Durlak keine Entwarnung geben, im Gegenteil: In zwölf Studien erwiesen sich Laienhelfer als deutlich überlegen, in 28 immerhin als gleichwertig; bloß in einer – einem Projekt mit 234 übergewichtigen Erwachsenen – hatten Profis ein bisschen mehr bewegt. Amateure, so fasste Durlak zusammen, „erreichen im klinischen Bereich gleiche oder deutlich bessere Ergebnisse als Professionelle“. Demnach sind „Ausbildung, Training und Erfahrung im klinischen Bereich keine notwendigen Voraussetzungen für eine wirksame Helferpersönlichkeit.“ (3) Jetzt endlich setzte in Fachkreisen eine heftige Auseinandersetzung ein. An Gehässigkeit war sie mitunter kaum zu überbieten. Aufgebrachte Kritiker unterstellten „Irreführungen“ und „betrügerische Darstellungen“. So kam es binnen acht Jahren zu vier weiteren aufwändigen Metaanalysen; allesamt zielten sie darauf ab, Durlak schwerwiegender Versäumnisse und Fehlschlüsse zu überführen. Der erste namhafte Zweifler, der sich Durlaks Ausgangsstudien vorknöpfte und vermeintlich unzulängliche ausklammerte, war Michael T. Nietzel, Professor an der Missouri State University in Springfield und sechs Jahre lang deren Präsident. Nach Maßstäben, die ihm streng genug vorkamen, musste er 1981 kleinlaut einräumen: Tatsächlich „erzielen Laienhelfer (…) gleiche oder bessere Ergebnisse als Therapeuten mit höchsten Abschlüssen.“ (4) 1984 machte sich ein Professor aus Neuseeland, John Allan Hattie von der Universität Auckland, ebenfalls daran, Durlaks Daten zu zerpflücken – und konnte dessen Schlüsse letztlich bloß bestätigen. (5) „Macht professionelles Training einen Therapeuten effektiver?“, fragte kurz darauf der Psychologieprofessor Jeffrey S. Berman von der Universität Memphis. „Wie wir einräumen müssen, lautet die Antwort: nein“, schloss 1985 auch dessen Metaanalyse. „Ausgebildete und unausgebildete Therapeuten erzielen vergleichbare Ergebnisse. (…) Die Überlegenheit des professionell ausgebildeten Therapeuten bleibt eine unbewiesene Behauptung.“ (6) Die größte Anzahl an Vergleichsstudien sichtete 1987 ein deutsches Forscherteam: Thomas Gunzelmann von der Abteilung für Medizinische Psychologie des Universitätsklinikums Leipzig, Günter Schiepek vom Institut für Synergetik und Psychotherapieforschung der Paracelsus-Universität Salzburg, sowie Hans Reinecker, Lehrstuhlinhaber für klinische Psychologie und Psychotherapie an der Uni Bamberg. Nach aufwändiger Literaturrecherche berücksichtigten sie nicht weniger als 184 Vergleichsstudien, neben Durlaks und Hatties Ausgangsmaterial noch 142 weitere. Und auch sie mussten Laienhelfern verschwurbelt eine „adäquate therapeutische Effektivität“ bescheinigen, weil sie „tatsächlich einige Argumente“ fanden, die sie „in einem günstigen Licht erscheinen lassen“. (7) Aus diesem Diskussionsverlauf zog der zuerst gescholtene, dann entlastete Durlak den naheliegenden Schluss: „Wenn widerstreitende Autoren zu ähnlichen Ergebnissen gelangen, dürfte dies besonderes Gewicht haben.“ (8) Nüchtern festzustellen, dass diese verstörende Sachlage von der Fachwelt seither „nicht gebührend aufgegriffen“ wurde (9), wäre krass untertrieben. Hätten Durlaks mehrfach bestätigte Erkenntnisse nicht umgehend höchste Wellen schlagen müssen, zumal sie dem akademischen Selbstverständnis krass zuwiderliefen? Still ruht der See Nichts dergleichen geschah. Still ruht der See seither, die Fachwelt schweigt. Seit nunmehr über einem halben Jahrhundert liegt Durlaks Diskussionsfaden abgerissen herum, und keiner denkt im Traum daran, ihn aufzuheben. Kongresse, Symposien, Tagungen darüber? Null. In Fachgremien und Ausschüssen: kein Thema. In Lehrplänen und Veranstaltungen der psychologischen Fakultäten: nicht vorgesehen. In gängigen Lehrbüchern für Studenten: inexistent. In Zeitschriften, Infobroschüren, Internetseiten der Standesorganisationen: kein Wort darüber. Branchenintern sorgt das Stichwort „Durlak“ freilich ebenso zuverlässig für steilgestellte Nackenhaare wie „Snowden“ bei amerikanischen Geheimdienstlern, „Küng“ bei katholischen Klerikern, „Wagenknecht“ bei Mitgliedern der “Linken”. Mucksmäuschenstill hütet die Zunft ein hochbrisantes Geheimnis: In ihrem Zuhause lagert tonnenweise Sprengstoff, mindestens so explosiv wie alles, was bombende Dschihadisten jemals herankarren können, zwar nicht tödlich, wohl aber existenzgefährdend. Hielte jemand ein Zündholz an die Lunte, flöge ihnen womöglich der ganze Laden um die Ohren. Offenkundig geht es hier um „die Unterdrückung von Erkenntnissen“, schwant der Erziehungs- und Kulturwissenschaftlerin Hildegard Müller-Kohlenberg von der Universität Osnabrück, die dem Thema „Laienkompetenz im psychosozialen Bereich“ ein fachkritisches Buch widmete. (10) Eine Revolution tut not Und deshalb tut eine Revolution not -  im ursprünglichen Wortsinn. Das spätlateinische Wort revolutio bedeutet ein „Zurückwälzen“, und eben darum geht es: nicht um ein utopieberauschtes Einführen von etwas noch nie Dagewesenem, sondern ums Rückbesinnen und Wiederherstellen. In der Betreuung psychisch Belasteter spielte Laienpsychotherapie nämlich jahrtausendelang eine überragende Rolle, bis vor kurzem war sie weitgehend konkurrenzlos, und außerhalb der Ersten Welt ist sie das weiterhin. Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein geriet ein psychisch Belasteter erst unter fachmännische Aufsicht, wenn er derart verwirrt, Anderen und sich selbst so gefährlich war, dass es seinen überforderten Angehörigen das beste schien, ihn einer Irrenanstalt zu überlassen. Minder schwere Seelennöte hingegen stand man entweder ohne fremde Hilfe durch, mittels Beten, Arbeiten, Selbstdisziplin, Ablenkung, geduldigem Abwarten. Oder ihrer nahm sich die Sippe an, der Familienverband, die besten Freunde, ein guter Nachbar, die Kirchengemeinde. Für professionelle Psychotherapie bestand weder Bedarf noch Nachfrage, und zumindest außerhalb der westlichen Industrienationen und aufstrebender Entwicklungsländer hat sich daran bis heute nichts geändert. Auf Haiti und Madagaskar, in Mali und der Mongolei, in Bolivien und Botswana, in Polynesien und Usbekistan boomt Seelenschürferei nicht im entferntesten. (11) Triumphzüge feiert sie hingegen, wo sich das soziale Bindegewebe auflöst. Wo zwischenmenschliche Nähe und Tiefe verlorengeht. Wo Freunde fürs Leben vornehmlich in Groschenromanen und alten Schwarzweißfilmen zu besichtigen sind. Wo verlässliche, krisenfeste, dauerhafte Beziehungen immer rarer werden, jederzeit aufkündbar und austauschbar erscheinen. Im Zeitalter von Single-Haushalten, Scheidungswaisen und in Heime entsorgten Alten, von Ich-AGs und LABs („Lebensabschnittsbegleitern“), von Facebook-Belanglosigkeiten, von 140-Zeichen-Tweets, SMS-Sprachfetzen und Smiley-Kommunikation, von Rivalität und Konkurrenzneid am Arbeitsplatz, von anonymem Nebeneinanderherwohnen zusammengewürfelter Mietparteien in Hochhausappartments oder Reihenhausparzellen strebt soziale Wärme einem eiszeitlichen Temperaturniveau entgegen, in dem Mühselige und Beladene noch rascher frieren als ohnehin. In persönlichen Krisenzeiten fühlen sie sich alleingelassen, unverstanden, ungeliebt, einsam. Dass mancher US-Psychotherapeut mit dem Slogan Rent a Friend erfolgreich Kundenfang betreiben kann, spricht Bände. Die vielgepriesene „psychoanalytische Revolution“, seit welcher ihr Begründer Sigmund Freud als welthistorischer Titan auf einer Stufe mit Darwin und Einstein gefeiert wird, trug das ihrige bei. Zuvor war unsereins, wenn es ihm schlecht ging, banalerweise bloß traurig, unsicher, ängstlich, mutlos, erschüttert, unbefriedigt, schüchtern, grüblerisch, wehmütig, wütend, verbittert, unausgeglichen, wankelmütig oder verschlossen gewesen. Doch nun hatten Ärzte herausgefunden, dass unsere Seele in Wahrheit ein äußerst zerbrechliches, hochkomplexes Etwas mit einem ungeahnten, geheimnisvollen, dem Bewusstsein unzugänglichen Eigenleben darstellt, voller rätselhafter Besonderheiten wie dunkler Triebe aus den Abgründen des „Es“, mächtiger Kontrollinstanzen, raffinierter Abwehrmechanismen und verdrängter Sehnsüchte. Staunend erfuhr man von der Bedeutungsschwere eines Versprechers, von infantiler Sexualität und fixierter Libido, vom Ödipuskomplex, vom Penisneid und der verkappten Erotik eines jeden Traums. Die Seele wurde zum minotaurischen Labyrinth, in dem ihr Besitzer ahnungslos umherirren muss. Versteht es sich nicht von selbst, dass nur der Fachmann im Besitz des Ariadnefadens sein kann, der aus der finsteren Wirrnis herausführt? Auch allgemeine Wissenschaftsgläubigkeit und Medienpropaganda trugen dazu bei, Laienhilfe in Verruf zu bringen. Besonders mächtig wirkt neuerdings zudem die Verheißung der „Selbstoptimierung“ als Schlüssel zum Glück: In die hängenden Köpfe von Leichtgläubigen, die sich schwach, minderwertig, erfolglos, unerfüllt, verzagt, ängstlich und unglücklich fühlen, pflanzte sie den festen Glauben ein, mittels geeigneter Psychotechniken könne man sich tiefgreifend wandeln, von lästigen Schwächen und Makeln freimachen, ein prachtvolles „wahres Selbst“ zum Vorschein bringen. Ungeahnte kreative Potentiale, bislang eingekerkert im Seelengrund, sollen unter sachkundiger Anleitung endlich entfesselt, ans Licht befördert und zur vollen Entfaltung gebracht werden können. Dem geduckten, gelähmten Ego sollen Flügel wachsen, um sich zu einem neuen, ganz wundervollen Dasein emporzuschwingen: eine Selbsterlösung verheißende Botschaft, die für kerngesunde Hausfrauen, Einzelhandelskaufleute, Bürohilfen und Manager ebenso verführerisch klingt wie in den Ohren von Neurotikern. Wie könnten Laien von den fabelhaften Techniken, die solches Heil zuverlässig herbeischaffen sollen, den blassesten Schimmer haben? Wacklige Grenzzäune Laien kämen bloß vergleichsweise harmlosen Alltagsproblemen bei, Profis hingegen auch „schweren, tiefgehenden, komplexen und weitreichenden Problemen“, heißt es gelegentlich. (12) Wer bedenkt, wie oft Probleme beliebiger Störungstiefe unter Lebensgefährten, Freunden und Familienmitgliedern erfolgreich angegangen werden, während sie in Profipraxen unbewältigt liegenbleiben, kann darin nur ein Marketinggerücht sehen, solange empirische Forschung ihn nicht eines besseren belehrt, Durlak widerlegend. Laien können allenfalls beraten, aber nicht behandeln, wenden Profis ein und warnen vor einer „Vermischung“. (13) Aber was unterscheidet beides denn grundsätzlich? Berät nicht jeder Behandler? Behandelt nicht jeder Berater? Psychotherapie, so belehrt man uns nebulös, biete einen „Heilungsdiskurs“; „behandelt Menschen, die an Krankheiten leiden“; verwende „deutende und aufdeckende Techniken“. Beratung hingegen bringe bloß einen „offenen Hilfediskurs“ zustande; sei lediglich auf „eine gute Lösung“ aus; setze allenfalls „unterstützende Techniken“ ein. (14) Sind solche Abgrenzungen nicht willkürlich und wirklichkeitsfremd? Im Alltag, wie auch in den Sommercamps meiner Stiftung Auswege, verschwimmen sie, die Übergänge verlaufen fließend. Laien, die einfühlsam und verständnisvoll einen Nächsten beraten – ob im Zweiergespräch oder in der Gruppe -, können dabei ebenfalls deuten, aufdecken, heilsam wirken. Größtenteils intuitiv, aber erstaunlich erfolgreich nutzen sie dabei Verfahrensweisen der Psychotherapie. Andererseits gehen natürlich auch berufsmäßige Therapeuten offen, unterstützend und lösungsorientiert vor. Im übrigen zeigen etliche Vergleichsstudien: Beratung und Psychotherapie sind alles in allem gleich wirksam. (15) Profis nähmen sich viel mehr Zeit, heißt es. Dies sei auch unbedingt geboten. Denn die inneren Prozesse, die sie auslösen, müssten ganz sachte in Gang kommen und behutsamst vorangetrieben werden. Aber welche zeitlichen Vorteile bringt eine Hilfe, die in der Regel nach 45 von mehr als 10.000 Wochenminuten pünktlich endet? Die nicht greifbar ist, wenn sie am allernotwendigsten wäre, sondern nur strikt nach Terminkalender zu haben ist? In den „Auswege“-Camps schaut jedenfalls kein unprofessioneller Helfer auf die Uhr. Ansprechbar ist er jederzeit. Und sind therapeutische Prozesse, die im Schneckentempo vorankriechen, grundsätzlich erstrebenswerter als solche, die zügig zu Lösungen führen? Beim Beistehen, wie überhaupt, ist Langsamkeit kein Wert an sich. Was allein zählt, ist das Ergebnis. Bei Psychoanalytikern liegen Patienten im Durchschnitt vier Jahre bzw. 371 Stunden auf der Couch. (16) Einem Großteil geht es hinterher erheblich schlechter als seelisch Belasteten nach ein bis zwei Dutzend Sitzungen im Laufe einer “Auswege”-Campwoche. Der Nachweis, dass akademisch geschulte, staatlich lizenzierte Helfer tatsächlich Experten darin sind, mit welchen Mitteln man psychischen Erkrankungen entgegenwirken kann, steht demnach aus. Also gibt es keinen vernünftigen Grund, Laien von der medizinischen Versorgung psychisch Kranker auszuschließen. Zur Eindämmung der Kostenexplosion im Gesundheitswesen könnte wesentlich beitragen, Ärzten und Psychotherapeuten das Behandlungsmonopol bei seelischen Nöten zu entreißen - und geeignete Amateure einzubeziehen. Für die Stiftung Auswege folgt daraus: Nichts spricht dagegen, in ihren Therapiecamps psychisch Belastete durch medizinisch und psychotherapeutisch Unausgebildete betreuen zu lassen, die längst unter Beweis gestellt haben, dass sie das können. (Harald Wiesendanger) Dieser Text ist ein Auszug aus Harald Wiesendanger: Psycholügen, Band 3: Seelentief: ein Fall für Profis?, Schönbrunn 2017, 2. erw. u. aktualisierte Aufl. 2024; 124 S., auch als PDF. Die Folgen dieser Serie („Helfen Psycho-Profis wirklich besser?“) 1        Reichlich erforscht: Viele Laien können mehr 2        Unter den Teppich gekehrt 3        Vogel Dodo beim Wettlauf der Psychotechniker 4        Wie viel bringt Psychotherapie wirklich? 5        Warum nützt Psychotherapie? 6        Warum manche Laien die besseren Therapeuten sind 7        Hochstapler unter Hochstaplern 8        Psychotherapie als Gefahrenherd 9        Nase vorn: Was viele Profis besser können – und weshalb 10    Pragmatismus statt Lobbyismus - Für eine weise Psycho-Politik Anmerkungen 1  Robert R. Carkhuff: „Differential functioning of lay and professional helpers“, Journal of Counseling Psychology 15 (2) 1968, S. 117-126, dort S. 122. 2  Averil E. Karlsruher: „The nonprofessional as a psychotherapeutic agent“, American Journal of Community Psychology 2 (1) 1974, S. 61-77. 3  Joseph A. Durlak: „Comparative effectiveness of paraprofessional and professional helpers“, Psychological Bulletin 86 (1) 1979, S. 80-92, dort S. 85. 4  s. M. T. Nietzel/S. G. Fisher: „Effectiveness of professional and paraprofessional helpers: A comment on Durlak“, Psychological Bulletin 89 (3) 1981, S. 555-565. 5  J. A. Hattie/C. R. Sharpley/H. J. Rogers: „Comparative effectiveness of professional and paraprofessional helpers“, Psychological Bulletin 95 (3) 1984, S. 534-541. 6  J. S. Berman/N. C. Norton: „Does professional training make a therapist more effective?“, Psychological Bulletin 98 (2) 1985, S. 401-407, dort S. 405. 7  T. Gunzelmann u.a.: „Laienhelfer in der psychosozialen Versorgung ...“, a.a.O., S. 379. 8  Joseph A. Durlak: „Evaluating comparative studies of paraprofessional and professional helpers: A reply to Nietzel and Fisher“, Psychological Bulletin 89 (3) 1981, S. 566-569. 9  Hildegard Müller-Kohlenberg: Laienkompetenz im psychosozialen Bereich, Opladen 1996, S. 5. 10  Müller-Kohlenberg, a.a.O., S. 19. 11  Hingegen wird aus Japan, China und Thailand, auch aus Teilen Afrikas neuerdings eine sprunghaft steigende Nachfrage nach Psychotherapien gemeldet – von überall, wo die industrielle Entwicklung rasant fortschreitet und die Sippengesellschaft zusammenbricht; s. Christina Fürst: „Psychotherapie boomt weltweit“, Focus Online 5.5.2006. 12  S. Schiersmann/H.-U. Thiel: „Beratung als Förderung von Selbstorganisationsprozessen - eine Theorie jenseits von „Schulen“ und „Formaten“, in dies. (Hrsg.): Beratung als Förderung von Selbstorganisationsprozessen, Göttingen 2012, S. 14-78. 13  R. Ningel: Methoden der Klinischen Sozialarbeit, Stuttgart 2011, S. 211. 14  Gesammelte Zitate aus F. Engel/F. Nestmann/U. Sickendiek: „’Beratung’ – ein Selbstverständnis in Bewegung“, in dies. (Hrsg.): Das Handbuch der Beratung, Band 1: Disziplinen und Zugänge, Tübingen 2004, S. 37; R. Schwing/A. Fryszer: Systemisches Handwerk – Werkzeug für die Praxis, Göttingen 2009, S. 12; H. Gutsche: „Abgrenzung und Gemeinsamkeiten von Psychologischer Beratung vs. Psychotherapie“, Paracelsus Magazin 1/1999. 15  Entsprechende Untersuchungen fasst die Erziehungswissenschaftlerin Hildegard Müller-Kohlenberg zusammen in ihrem Buch Laienkompetenz im psychosozialen Bereich, a.a.O.; dies.: „… hilfreich und gut!’ Die Kompetenz der Laien im psychosozialen Bereich“, in: Diözesan-Caritasverband für das Erzbistum Köln (Hrsg.): Laienkompetenz. Wirksame Arbeit von Ehrenamtlichen in psychosozialen Handlungsfeldern, Köln 2000, S. 19-35. 16  Nach Deutsches Ärzteblatt 98 (30) 2001: „Psychoanalyse: Schwierige Evaluation“. Titelbild: Drazen Zihic/Freepik

  • Helfen Psycho-Profis wirklich besser?

    Wie hilfreich, überlegen und unentbehrlich sind Experten wirklich, wenn seelische Krisen andauern? Wie gut tun sie Betroffenen? Weithin unbekannte Ergebnisse der Therapieforschung belegen Peinliches: Viele Laien helfen chronisch Ängstlichen, Depressiven, Aggressiven, Traumatisierten, Süchtigen und anderen seelisch Belasteten keineswegs schlechter als Psychiater, Psychologen und Psychotherapeuten mit Hochschulabschluss. Auch in Dutzenden Therapiecamps meiner Stiftung Auswege hat sich an mehreren hundert psychisch Schwerbelasteten erwiesen: Es geht auch ohne Profis - manchmal sogar besser. „Meine fünfzehn Heilsitzungen bei euch haben mir viel, viel besser getan als die vorherigen 480 bei meinem Analytiker“, befand ein 47-jähriger Schwerstdepressiver. Eine Lehrerin (62), die das frühkindliche Trauma wiederholten sexuellen Missbrauchs durch den eigenen Vater nie losgeworden war, schwärmte nach acht Camptagen: „Ich habe schon so viele Psychotherapien gemacht, die mir nullkommanix gebracht haben. Was ihr bei mir in Gang gesetzt habt, ist unglaublich. So intensiv!“ „Es war, als hätte ich meine vergangenen vier Jahrzehnte in einem fensterlosen Raum zugebracht“, bekannte Ludwig (55), den fortwährende Ängste mit heftigen körperlichen Begleitsymptomen quälten, seit er am selben Tag beide Eltern verlor. „Ihr habt mir ein Fenster geöffnet, endlich sehe ich Licht.“ Wie diesen Drei, so ergeht es nahezu allen psychisch Schwerbelasteten, die den Weg in ein Therapiecamp meiner Stiftung Auswege finden. Mehrere hundert waren es bisher. Ob bei anhaltenden Depressionen oder Ängsten, bei bipolaren, Ess- oder Schlafstörungen, Zwängen oder Süchten, bei ADHS, Hyperaggressivität, Anpassungs- und sonstigen Verhaltensstörungen, bei Sinnkrisen, Minderwertigkeitsgefühlen oder Beziehungskonflikten, bei einem Trauma oder Burn-out, bei Autismus oder Schizophrenie: Weniger als zwei Prozent der betroffenen Teilnehmer verabschieden sich nach gut einer Woche mit unveränderter oder gar verschlimmerter Symptomatik. Nicht anders ergeht es Campteilnehmern, denen ein langwieriges, unerbittlich fortschreitendes körperliches Leiden arg aufs Gemüt schlägt, sowie ihren mitgereisten Angehörigen, die ständige Sorge und Fürsorge derart bedrücken, dass sie oftmals nicht minder behandlungsbedürftig sind. Was für hochwirksame Therapien kommen da zum Einsatz? Welche großartigen Psychologen, Psychotherapeuten und Psychiater konnte die Stiftung für einen Campeinsatz gewinnen? Zumeist gar keine. An zwei Drittel der 38 „Auswege“-Camps, die zwischen 2007 und 2023 stattfanden, wirkte kein einziger professioneller Seelenhelfer mit. Die erwähnten Erfolge erzielte in der Regel ein Helferteam, das ausnahmslos aus psychologischen Amateuren bestand: überwiegend Geistheiler, gemeinsam mit einzelnen Heilpraktikern und spirituellen Lebenshelfern, unter Aufsicht von Ärzten ohne psychiatrische oder psychotherapeutische Spezialisierung. Und wo ausnahmsweise Profis im Einsatz waren, blieb stets fraglich, ob die erzielten Fortschritte ausschließlich oder hauptsächlich ihr Verdienst waren. Soll das etwa heißen, Laienhilfe sei jenen wissenschaftlich abgesicherten Leistungen häufig gleichwertig oder gar überlegen, die akademisch geschulte Fachleute zu erbringen verstehen? In der Tat – im Einklang mit einer Vielzahl neuer, weithin unbekannter wissenschaftlicher Forschungsergebnisse. Reichlich erforscht: Viele Laien können mehr Steht nicht völlig außer Frage, dass psychisch Belastete in die Hände von wissenschaftlich ausgebildeten Profis gehören? „Aber natürlich!“, trichtert Bedrückten eine massenmediale Einheitsfront ein, deren Schreibtischtäter sich seriös und gebildet vorkommen, wenn sie recherchefrei weiterreichen, was ihnen mutmaßliche Experten als „den Stand der Wissenschaft“ ausgeben. Aus diesem folgt angeblich: Glaub bloß nicht, du könntest dir selber helfen! Und baue bloß nicht auf Unbefugte! „Was Depressiven und ihren Angehörigen hilft“, weiß das Nachrichtenmagazin Stern: „Auf Profis vertrauen. Suchen Sie Hilfe bei einem Fachmann: dem Hausarzt, einem Psychiater oder Psychotherapeuten. (…) Im akuten Fall wenden Sie sich an einen Krisendienst bzw. eine psychiatrische Klinik.“ Auch Focus will die „Seele mit Medikamenten und Psychotherapie heilen“, wirbt nachdrücklich für „Kleine Helfer – Keine Angst vor Psychopillen“. Nach Spiegel online muss „der erste Gang dem Hausarzt gelten. Er kann die Schwere der Depression bestimmen und entsprechende Schritte einleiten.“ Die Welt warnt, „auf keinen Fall ‘Do-it-yourself‘-Therapieversuche zu starten“, das „gehört in die Hand von guten Psychotherapeuten“. Bei einem „ernsten depressiven Einbruch sollte die Behandlung auf jeden Fall in einer Klinik erfolgen“. Und auch Bild, eine der auflagenstärksten Tageszeitungen Europas, will „ermutigen, sich professionelle Hilfe zu suchen“. (1) Geprägt von der Enteignung seelischer Gesundheit, lässt sich der Zeitgeist prägnant von der aus Mainstream-Quellen gefütterten KI „ChatGPT“ zusammenfassen: “Schwere psychische Probleme erfordern professionelle Hilfe.” (2) Stimmt das wirklich? Wenn sich ein seelisch Belasteter unschlüssig ist, ob er eher auf Unterstützung im vertrauten Umfeld setzen oder einen Profi aufsuchen soll: Wie sähe eine brauchbare Entscheidungshilfe aus? Therapieforscher bemühen sich seit Jahrzehnten darum. Sie vergleichen, was eine größere Anzahl von Laienhelfern und berufsmäßigen Behandlern innerhalb eines festgelegten Zeitraums bei Menschen in Gang bringen, denen Ärzte und Psychologen die unterschiedlichsten Diagnosen verpasst haben: von A wie „Angststörung, generalisiert, ICD F 41.1“ bis Z wie „Zwangsstörung, vorwiegend Grübelzwang, ICD F 42.0“. Und sie überprüfen, ob und wie lange erzielte Besserungen hinterher andauern. Was kam dabei heraus? Er mutet geradezu grotesk an, an den Haaren herbeigezogen, vom Stammtisch aufgeschnappt. Und doch zählt er zu den bestbestätigten Erkenntnissen psychologischer Forschung: der Befund, dass Amateure beim Beraten und Behandeln von Menschen, die als psychisch krank gelten, in der Regel nicht weniger zustande bringen als professionelle Seelenheilkundige – vorausgesetzt, sie sind „interpersonal kompetent“, wie Sozialwissenschaftler sagen: offen, herzlich, engagiert, einfühlsam, verständnisvoll und geschickt in der Gesprächsführung. Ein Großteil der Laien erreicht mindestens gleich viel; dies gilt sowohl im allgemeinen als auch für einzelne „Störungsbilder“, wie z.B. soziale Fehlanpassung, Phobien, Psychosen und Übergewicht. (3) Darauf deuten mittlerweile mehrere hundert Vergleichstudien hin, obendrein über ein Dutzend Metaanalysen, statistische Zusammenfassungen von bereits stattgefundenen Untersuchungen. Manche Studien ergaben sogar einen deutlichen Trend, dass Laien mehr leisten. (4) Dies zeigte sich sowohl unmittelbar nach Abschluss ihres Einsatzes als auch längere Zeit danach. Und es trat auf den unterschiedlichsten Tätigkeitsfeldern zutage: von der Einzel- und Gruppenpsychotherapie über Krisenberatung bis hin zur gesundheitlichen, beruflichen und sozialen Rehabilitation. Woher die Laienhelfer kommen, erwies sich als unerheblich. Ob Studenten, Hausfrauen oder Rentner, Pfleger oder engagierte Bürger: Was den Ertrag ihrer Bemühungen betrifft, können viele von ihnen mit Profis zumindest mithalten, gleichgültig, welcher Erfolgsmaßstab dabei angelegt wird - seien es psychologische Tests, Verhaltensbeobachtungen oder Eindrücke von unabhängigen Beurteilern, Selbsteinschätzungen von Patienten oder Angaben von wichtigen Bezugspersonen, die Dauer des Klinikaufenthalts oder die Rückfallquote. Selbsthilfegruppen - Gemeinsam aus dem Abgrund Wie effektiv Psychoamateure helfen können, erweist sich unter anderem in Selbsthilfegruppen. Über 100.000 derartige Initiativen führen in Deutschland rund 3,5 Millionen Laien zusammen (5), um einander in gesundheitlichen Nöten beizustehen, häufig auch bei seelischen. Fast jeder zehnte Erwachsene hat daran schon mindestens einmal teilgenommen (6); bereits 2005 lag der Bevölkerungsanteil derer, die solche Gruppen besuchen, bei 2,8 Prozent. (7) Wie etliche Studien belegen (8), bringen diese losen, unverbindlichen Gemeinschaften von Gleichbetroffenen in der Regel keineswegs weniger zustande als Gruppenpsychotherapien oder irgendeine andere Spielart professionellen Seelenheilens. Je länger die Mitgliedschaft, je regelmäßiger die Teilnahme, desto größer der persönliche Nutzen: Wer laufend eine Selbsthilfegruppe besucht, kann mit seiner Erkrankung besser umgehen, schätzt sich als selbstbewusster ein, fühlt sich besser verstanden und weniger einsam, erfährt einen Zugewinn an Lebensmut, Wohlbefinden und Alltagstauglichkeit. Unter ihresgleichen finden seelisch Belastete also, wonach viele von ihnen zuvor bei Profis vergeblich gesucht haben. Bei 45 Prozent der Personen, die wegen psychischer Probleme an einer Selbsthilfegruppe teilnehmen, bessern sich die Symptome deutlich, wie eine Patientenbefragung der Universität Saarbrücken ermittelte. (9) Etliche weitere Studien bestätigen ebenfalls, wie gut das Gruppenerlebnis tut. (10) Telefonseelsorge tut gut Ebenso segensreich wirken in Deutschland rund 8000 Laien bei der Telefonseelsorge – seit 1995 auch im Internet -, ehrenamtlich und rund um die Uhr. Sie kommen aus allen Berufsfeldern, auch Arbeitslose sind darunter. Mit Hingabe, Herzensbildung und Engelsgeduld beruhigen, trösten und ermutigen sie pro Jahr 1,8 Millionen Ratlose, Verzweifelte und Lebensmüde. (11) Reichlich Lebenserfahrung und Einfühlungsvermögen, Belastbarkeit und „kommunikative Kompetenz“, wie Sozialwissenschaftler sagen, bringen sie dafür mit - hingegen kaum je ein Studium der Psychologie oder Medizin. Um sie auf ihren nervenaufreibenden Job vorzubereiten, reichen drei Wochenenden und rund dreißig Abende im Laufe von anderthalb Jahren aus. (12) Dass mehr zu erreichen wäre, wenn in den bundesweit 109 Anlaufstellen ausnahmslos Diplom-Psychologen und Psychiater am Telefon säßen, harrt des Beweises. Ein bisschen Training reicht aus, um Laien im Umgang mit psychischer Not sogar noch erfolgreicher zu machen, als viele es ohnehin schon sind. In der Regel genügen dazu weniger als fünfzehn Stunden. (13) Aus alledem folgt mit erschütternder Deutlichkeit: In der Psychologie führt eine langjährige, kostspielige akademische Ausbildung zu keinem nennenswerten Vorsprung gegenüber unausgebildeten Helfern. Die therapeutischen Leistungen von Laien sind mindestens ebenbürtig, wenn nicht gar überlegen. Bei Beginn ihres Studiums - auch dies belegen die vorliegenden Untersuchungen - waren Profis bessere Helfer als nach dessen Abschluss. Weder eine längere Ausbildung noch zunehmende Berufserfahrung führen dazu, dass sie psychischen Belastungen besser beikommen. (Hingegen könnte Lebenserfahrung durchaus bedeutsam sein – Näheres hierzu in meinem Buch Stochern im Nebel, Psycholügen Band 4.) Mehr Praxisjahre machen professionelle Seelenhelfer im allgemeinen keineswegs fähiger. (14) Eine großangelegte Studie an knapp 7000 Patienten von 170 Psychotherapeuten über einen Fünfjahreszeitraum belegt vielmehr: Von Ausnahmen abgesehen, stellen sich positive Therapiewirkungen sogar seltener und dürftiger ein, je länger der Profi bereits praktiziert. (15) Ungeheuerlich, aber wahr: Nach heutigem Forschungsstand können professionelle Psychotherapeuten nicht für sich beanspruchen, im allgemeinen besser zu sein als sogenannte „blutige“ Laien. Do-it-yourself: Auch im Seelentief keine grundsätzlich schlechte Idee Schlimmer noch: Professionelle Psychotherapie bringt in der Regel nicht einmal mehr als Selbsthilfe. Wie Vergleichstests belegen, nützt in Seelentiefs geeignete Lektüre nicht minder, seien es Ratgeber, Schicksalsberichte, Lebensgeschichten oder Romane. Gleiches gilt für Audio- und Videomaterial zum jeweiligen Problem auf CDs und DVDs, wie auch für geeignete Computerprogramme oder Online-Anleitungen. (16) Und mindestens ebenso gut wie Termine beim Psychotherapeuten oder Psychiatern tut es, eigene Texte zu verfassen und zu gestalten, etwa über aktuelle Erlebnisse, biographische Erfahrungen und Probleme, Symptome und Beschwerden, Sehnsüchte und Hoffnungen. Wie Metaanalysen von 40 bzw. 52 Vergleichsstudien hierüber ergaben, könnten Depressive, Angstgeplagte und Phobiker, Sexual- oder Schlafgestörte statt zum Psychoprofi ebensogut zum Buchhändler gehen, ein Tagebuch führen, Geschichten schreiben oder im Internet surfen. (17) Schreiben als Selbsttherapie Was wäre ohne diese unprofessionelle Selbsthilfe wohl aus dem 44. Präsidenten der Vereinigten Staaten geworden? In jungen Jahren durchlebte Barack Obama wiederholt bedrückende Zeiten. Falls er damals in die Fänge von Psychoprofis geraten wäre, wäre ihm wohl eine hochgradige „Identitätskrise“ bzw. ein „Entwurzelungssyndrom“ (ICD 10: F68.8) bescheinigt worden, vielleicht auch eine ausgeprägte „Anpassungsstörung“ (F43) in Verbindung mit einer „längeren depressiven Reaktion“ (F43.21). Er war Sechs, als seine Mutter mit ihm nach Indonesien zog, zu ihrem zweiten Ehemann. Dort litt Obama unter seiner Außenseiterrolle: „Ich war dieses große, dunkelhäutige Kind, das irgendwie auffiel.“ Im Seelentief steckte er auch zu Beginn seiner Studiums in New York: „Ich war abgekapselt (…), sehr ernsthaft, irgendwie humorlos.“ Beide Male benötigte er weder Psychotherapie noch Antidepressiva – er befreite sich selbst, indem er Tagebuch führte und Geschichten verfasste. „Ich bin davon überzeugt, dass mir das half, meine Identität zu verstehen. Über das Schreiben setzte ich mich mit vielem auseinander, was mein Leben beeinflusste (…) So konnte ich alle Einzelteile zu einem Ganzen zusammenfügen. (…) Worte sind mächtig, wenn es darum geht herauszufinden, wer man ist und was man denkt, was man glaubt und was wichtig ist. Und auch dabei, den Wirbel der Ereignisse, in dem man permanent steht, zu sortieren und zu deuten.“ (18) So ist es. Auf die heilsame Wirkung von „kreativ-biografischem Schreiben“ schwört die Hamburger Heilpraktikerin und Journalistin Beate Münchenbach, die auf diese Weise während mehrerer „Auswege“-Therapiecamps bei psychisch Belasteten enorm viel bewegte. Die Gründe liegen für sie auf der Hand: „Schreiben ist ein Vorgang mit allen Sinnen und spricht Körper, Geist und Seele an. Schreiben hilft der Bewusstwerdung von Themen, die uns beschäftigen, und damit der Veränderung. Schreiben ist mutig, denn jeder Text ist eine Botschaft an sich selbst oder an andere. Schreiben ist Probehandeln, denn wir können uns im Schreiben ausprobieren und so tun, als ob.“ Lesen als rezeptfreie Medizin Aufs Lesen als rezeptfreie Medizin schwört die Berliner Literaturwissenschaftlerin Andrea Gerk. Die besten Romane „befreien uns aus inneren Gefängnissen“, sagt sie, „und aktivieren die Selbstheilungskräfte. Sie entfalten mitunter eine magische Kraft, die uns im Innersten berührt.“ (19) In den USA ist Bibliotherapie seit 1939 als Heilverfahren anerkannt. In Großbritannien können sich Patienten Bücher gegen Depression verschreiben lassen. (20) Literatur als Selbsthilfe empfiehlt die Londoner School of Life, eine 2008 von dem Philosophen Alain de Botton eröffnete Anlaufstelle für Haltsuchende, in der „man das lernen kann, was man an Schulen und in Universitäten nicht lernt: ein gutes und erfülltes Leben zu führen“. (21) Etliche Studien belegen inzwischen, wie wirksam Lesen bei einer Vielzahl von psychischen Problemen hilft. (22) Das war schon immer so – nicht erst, seit daraus eine weitere verwissenschaftliche Behandlungsweise wurde, wie in der „Integrativen Poesie- und Bibliotherapie“ von Hilarion Petzold und Ilse Orth. (23) Filme als Psychotherapeutika Zur Selbsthilfe eignen sich auch gut gemachte Spielfilme hervorragend. Wer hat nicht schon eine Komödie wie „Der Vater der Braut“ als Stimmungsaufheller eingesetzt? Wer heulte sich bei Hollywood-Dramen wie „Love Story“ nicht den eigenen Kummer von der Seele? Selbst ein „Harry Potter“ oder „Fluch der Karibik“ , „Spider Man“ oder „X-Men“ können unserer geistigen Gesundheit förderlich sein, indem sie uns eine Weile davon abhalten, Trübsal zu blasen, und auf andere Gedanken bringen. Am eigentherapeutisch wertvollsten ist Kino, wenn es bewegende Lebensgeschichten von Figuren, mit denen wir uns mühelos identifizieren können, zu einem befriedigenden, einleuchtenden Ende bringt. Aus Zach Braffs „Garden State“ lernt ein Depressiver, dass es völlig in Ordnung ist, nicht immer glücklich zu sein. Filme wie Jonathan Demmes „Philadelphia“ und Randa Haines´ „Gottes vergessene Kinder“ machen klar, dass nicht einmal eine tödlich verlaufende Erkrankung, eine unbehebbare Behinderung ein selbstbewusstes Leben verhindern kann, das reichlich Gründe bietet, stolz auf sich zu sein. Oliver Haffners „Geschenk der Götter“ hilft Arbeitslosen, sich Selbstachtung, Würde und Zuversicht zu bewahren. Kay Pollacks „Wie im Himmel“ macht Mut, unerfüllten Träumen nachzuspüren, den eigenen Weg zu finden, dabei nichts zu erzwingen, wahrhaftig zu leben. Krzysztof Kieslowskis „Drei Farben: Blau“ führt vor Augen, dass auch der fürchterlichste Schicksalsschlag uns nicht in endlose Verzweiflung stürzen muss. Seine weibliche Hauptperson überlebt einen Autounfall, bei dem sie Mann und Kind verlor. Zunächst will sie sich umbringen, doch dann schafft sie es, neuen Sinn zu finden, in der Musik. Solche Filme bewegen und verändern oft erheblich mehr als so manche professionell verlaufende Therapiesitzung. Der Philosoph und Psychotherapeut Otto Teischel schwört auf die Kunstform Film als „Weg zum Selbst“, als „Hauptstraße zum Sinn“ bei der Gruppen- und Einzeltherapie: „Wie bei kaum einer anderen Kunstform verbergen sich gerade im Spielfilm ungeahnte Reichtümer der Erkenntnis: Er spricht uns, mit nahezu allen Sinnen gleichzeitig, im Kopf und im Herzen an.“ (24) Teischel empfiehlt über hundert Filme „mit psychotherapeutischer Relevanz“ für vielerlei psychiatrische Symptome. (25) Warum machen wir es nicht so wie einst er selbst? Auch ohne sachkundige Anleitung von außen berührte ihn vor vielen Jahren Wim Wenders´ „Paris, Texas“ zutiefst, immer wieder sah er sich den mitreißenden Roadmovie an. (26) Auch „Paraprofessionellen“ gebührt Respekt Auch sogenannte Paraprofessionelle - Betreuungskräfte wie Sozialarbeiter, Kranken- und Altenpfleger -, auf die gestandene Psychiater und Psychotherapeuten mit Vorliebe herabblicken, können mit akademisch geschulten Heilberuflern nachweislich mithalten, wie sich in Vergleichsstudien herausstellte. Selbst bei schweren Depressionen und Angstzuständen erreichen sie mindestens genauso viel. (27) So kümmerten sich in einer britischen Untersuchung Krankenschwestern, nachdem man sie in zwei Workshops mit Grundzügen der Verhaltenstherapie vertraut gemacht hatte, um 222 Hypochondriker - eingebildete Kranke -, die Ärzte zuvor unter 29.000 stationär Aufgenommenen in englischen Fachkliniken als hochgradig ängstlich in Bezug auf die eigene Gesundheit eingeschätzt hatten. Zum Vergleich blieben 222 weitere unbehandelt, sie wurden lediglich regelversorgt. Nach fünf bis zehn Sitzungen hatten die Krankheitsängste in der Behandlungsgruppe erheblich abgenommen. Noch ein Jahr später wirkte der Beistand nach: Von den Laienbehandelten sorgten sich weiterhin 13,9 Prozent nicht übermäßig um das eigene Wohlergehen, in der Kontrollgruppe nur 7,3 Prozent. Auch auf allgemeine Ängstlichkeit und Depressionen hatten sich die Bemühungen der Nichtprofis vorteilhaft ausgewirkt. (28) Ehrenrührige Ungeheuerlichkeit – na und? Und so müssen sich Psychoprofis mit wachsendem Entsetzen eingestehen: Auf ihren klassischen Tätigkeitsfeldern können vermeintlich Ahnungslose offenkundig mithalten. Schlimmer noch, vielfach performen sie besser. In zunehmender Zahl belegen Studien diese ehrenrührige Ungeheuerlichkeit. Beispiel Familienhilfe: Sozial engagierte Ruheständler betreuen, als „Stief-Großeltern“, vernachlässigte, verhaltensauffällige Kinder im Vorschulalter eher hilfreicher als Psychoprofis. (29) Beispiel Schulprobleme: Schwierige, unangepasste Schüler lassen sich durch Gleichaltrige, die gezielt als change agents im Einsatz sind - sinngemäß als „Auslöser von Veränderungen“ -, in einem Maße zu erwünschtem Verhalten bewegen, wie es kaum ein Schulpsychologe zuwege brächte: Sie werden hilfsbereiter, aufmerksamer und ausgeglichener, fühlen sich zugehöriger, stören seltener, hören besser zu. (30) Beispiel Suchtprävention: Kümmern sich um Drogensüchtige ehemals Abhängige, so sinkt die Rückfallquote auf sensationelle sechs Prozent, in einem Beobachtungszeitraum von immerhin dreieinhalb Jahren – verglichen mit 92 Prozent bei staatlichen Rehabilitationsprogrammen. (31) Beispiel Strafvollzug: Laienhelfer tragen zur psychischen Stabilisierung von Häftlingen nicht schlechter bei als Gefängnispsychologen, eher im Gegenteil. (32) Beispiel Resozialisierung: Wie häufig verstoßen Häftlinge gegen Bewährungsauflagen, wenn Laien sie ehrenamtlich betreuen? Eine Erhebung im Stadtstaat Hamburg ergab eine Misserfolgsquote von 24 Prozent - gegenüber 45 Prozent bei professionellen Bewährungshelfern. (33) Ebensowenig als überlegen erwiesen sich Profis in einer Studie der Universität von Long Beach, Kalifornien, in der sich Studenten und Frauen mittleren Alters um jugendliche Straffällige bemühten: Rückfälle, Jobverluste, Schulabbrüche und Problemverhalten wie Komasaufen kamen dabei nicht häufiger vor als in fachmännischer Obhut. (34) Beispiel Katastrophenhilfe: Nach dem verheerenden Erdbeben in Kobe 1995, wie auch nach dem Tsunami in Nordjapan 2011, kamen dort Hunderte Freiwillige als kokoro, „Herzenströster“, zum Einsatz. Fürsorglich nahmen sie sich der Überlebenden an, trösteten sie und führten eingehende Gespräche mit ihnen, um sie die schrecklichen Erfahrungen und Verluste verarbeiten zu lassen. Profis vermisste dabei keiner. Beispiel Flüchtlingshilfe: Unter den Hundertausenden, die aus Kriegsgebieten nach Deutschland flohen, gilt jeder Dritte als schwer traumatisiert von selbst erlebter oder beobachteter Gewalt: Misshandlungen, Vergewaltigungen, Folter, Entführungen, Zerstörungen, Erschießungen. Binnen zwei Kurstagen lernten Lehrer, ja sogar Kinder ohne weiteres, solchen zutiefst erschütterten Menschen wohltuend beizustehen. Im einfühlsamen Dialog regten sie die Betroffenen an, ihre fürchterlichen Erfahrungen in mündlichen und niedergeschriebenen Erzählungen aufzuarbeiten. (35) Beispiel Psychiatrie: Stationär untergebrachte Patienten öffneten sich, entdeckten vergessene Fähigkeiten neu, wurden lebhafter, ausgeglichener und lebensfroher, nachdem sie im Laufe eines siebenjährigen Förderprogramms von 280 Schülern zwischen 12 bis 15 Jahren über ein halbes Jahr lang allwöchentlich besucht und in Interessengruppen einbezogen wurden. Dort plauderte man miteinander, tanzte, trieb Gymnastik, sang, spielte, kochte, schminkte, spielte Theater. Im üblichen Klinikalltag hatte zuvor kein Profi mehr bewegt. (36) Patienten, die als „Tutoren“ auftreten dürfen, psychotherapieren Mitinsassen erfolgreicher als Profis. Derart Betreute werden aktiver, selbstständiger und entscheidungsfreudiger; sie stecken Enttäuschungen besser weg, beteiligen sich mehr an Problemlösungen, verhalten sich unauffälliger. (37) Selbst geistig Schwerbehinderte machen erstaunliche intellektuelle Fortschritte. (38) Dank Laienhelfern: Fürsorge und Mitgefühl mit langer Tradition Gerade in Deutschland hat Laienhilfe in der Psychiatrie eine lange, segensreiche Tradition. Sie reicht zurück bis ins Jahr 1829, als in der Herzoglich-Nassauischen Irrenanstalt in Eberbach am Neckar der erste sogenannte „Hilfsverein“ entstand. Ihm folgten bis zum Vorabend des Naziregimes Hunderte weiterer. Aus christlicher Nächstenliebe opferten Psychoamateure jede Menge Zeit und Herzblut, um Irren ihre menschenwürdige Isolationshaft erträglicher zu machen - und ihnen mehr zu bieten als Schläge, Zwangsjacken, Bettfesseln, Elektroschocks und hirnchirurgische Verstümmelungen. Auch entlassener Geisteskranker nahmen sich viele an. Die zunehmende Professionalisierung des Psychiatriebetriebs verdrängte sie nach und nach, die systematische Ausrottung „lebensunwerter“ Geisteskranker zu Zeiten des Nationalsozialismus erübrigte sie. Erst in den siebziger Jahren lebte die Bewegung wieder auf, angeregt durch die Psychiatriereform von 1975, auf die hin bundesweit gemeindepsychiatrische Dienste, Kontaktstellen und Betreuungsgruppen entstanden. Viele ehemalige Patienten riefen nun Selbsthilfe-Initiativen ins Leben, eine der ersten war die „Irrenoffensive“ in Berlin. Während Ärzte und Pflegekräfte in Krankenhäusern, die eher Straf- als Heilanstalten glichen, bis Mitte des 20. Jahrhunderts vorzugsweise körperlich misshandelten, leisteten Laienhelfer zum seelischen Wohlergehen der Patienten einen segensreichen Beitrag. Im Grunde waren allein sie es, die zur Psychiatrie das Psychische beisteuerten. Sie boten Fürsorge und Mitgefühl, hörten zu und standen bei, während Profis mit respektheischendem akademischen Titel, aber unterirdischem EQ verwahrten, quälten und zurichteten. Gegen herzlose Wissenschaft setzten sie Mitmenschlichkeit. „Durch Gründung von Hilfsvereinen“, schrieb der weise Arzt Caspar Brosius 1876 in der von ihm gegründeten Monatszeitschrift Der Irrenfreund, „macht die Gesellschaft pflichtmäßig möglichst wieder gut, was sie selbst verbrochen hat. (...) Die verständige Teilnahme, die den Irren geschenkt wird, rentiert sich nicht allein für die kranken Individuen - was die Humanität bezweckt -, sondern auch für die menschliche Gesellschaft.“ (39) (Harald Wiesendanger) Dieser Text ist ein Auszug aus Harald Wiesendanger: Psycholügen, Band 3: Seelentief: ein Fall für Profis?, Schönbrunn 2017, 2. erw. u. aktualisierte Aufl. 2024; 124 S., auch als PDF. Die Folgen dieser Serie („Helfen Psycho-Profis wirklich besser?“) 1        Reichlich erforscht: Viele Laien können mehr 2        Unter den Teppich gekehrt 3        Vogel Dodo beim Wettlauf der Psychotechniker 4        Wie viel bringt Psychotherapie wirklich? 5        Warum nützt Psychotherapie? 6        Warum manche Laien die besseren Therapeuten sind 7        Hochstapler unter Hochstaplern 8        Psychotherapie als Gefahrenherd 9        Nase vorn: Was viele Profis besser können – und weshalb 10    Pragmatismus statt Lobbyismus - Für eine weise Psycho-Politik Anmerkungen * Pseudonyme 1 Stern Nr. 43, 23.3.2017, S. 42; Focus 4.3.2005 und PDF-Ratgeber Depression: Leben am Tiefpunkt; Spiegel online, 25.9.2016: „Mein Partner ist depressiv – was tun?“; Welt/N24, 17.12.2009: „Depression – die Krankheit mit dem Mangel an Sinn“; Bild, 26.12.2016: „Tipps für den Umgang mit Depressiven“. 2  ChatGPT am 24.10.2023 auf meine Frage: “Können Laien bei psychischen Problemen helfen?” 3 Siehe zusammenfassend Hildegard Müller-Kohlenberg: Laienkompetenz im psychosozialen Bereich. Beratung – Erziehung – Therapie, Opladen 1996. 4 Siehe Robert R. Carkhuff: „Differential functioning of lay and professional helpers“, Journal of Counseling Psychology 15 (2) 1968, S. 117-126, dort S. 122. Averil E. Karlsruher: „The nonprofessional as a psychotherapeutic agent“, American Journal of Community Psychology 2 (1) 1974, S. 61-77; J. A. Durlak: „Comparative effectiveness of paraprofessional and professional helpers“, Psychological Bulletin 86/1979, S. 80-92. 5 Diese Zahlen nennt die Internetplattform www.selbsthilfe-wirkt.de 6  Robert Koch-Institut: Telefonischer Gesundheitssurvey des Robert Koch-Instituts zu chronischen Krankheiten und ihren Bedingungen. 7   Alf Trojan, Stefan Nickel, Robert Amhof, Jan Böcken: “Soziale Einflussfaktoren der Teilnahme an Selbsthilfezusammenschlüssen. Ergebnisse ausgewählter Fragen des Gesundheitsmonitors”, Gesundheitswesen 68/2006, S. 364–375. 8 M. Peböck/S. Doblhammer/J. Holzner: „Einblicke und Ausblicke – Selbsthilfe als Gegenstand wissenschaftlicher Forschung“, in O. Meggeneder (Hrsg.): Selbsthilfe im Wandel der Zeit. Neue Herausforderungen für die Selbsthilfe im Gesundheitswesen, Frankfurt/Main 2011, S. 227-255; B. Borgetto: Selbsthilfe und Gesundheit. Analysen, Forschungsergebnisse und Perspektiven, Bern 2004. 9 Stiftung Warentest: „Mehr Lebensfreude“, test 2/2003, S. 91-95. 10 M. L. Moeller: „Wodurch wirken Selbsthilfe-Gruppen? Zu einigen therapeutischen Prinzipien der Gruppenbehandlung“, Gruppenpsychologische Gruppendynamik 8/1977, S. 337-357; A. Bachl/R. B. Büchner/W. Stark: „Beratungskonzepte und Dienstleistungen gesundheitsbezogener Selbsthilfe-Initiativen“, Gesundheitswesen 58 (2) 1996, S. 120-124; E. Vonderlin: „Die Bedeutung von Gesprächsgruppen für die Bewältigung einer Frühgeburt durch die Eltern“, Frühförderung interdisziplinär 18/1999, S.19-27. 11 Nach Telefonseelsorge: „Gesamtstatistik für das Jahr 2015“, www.telefonseelsorge.de,  abgerufen am 18.12.2016. 12 Siehe www.telefonseelsorge-ostoberfranken.de : „Information über die Ausbildung zur ehrenamtlichen Mitarbeit“, abgerufen am 18.12.2016. 13 T. Gunzelmann u.a.: „Laienhelfer in der psychosozialen Versorgung: Meta-Analyse zur differentiellen Effektivität von Laien und professionellen Helfern“, Gruppendynamik 18/1987, S. 361-384, S. 379. 14 H. N. Garb: „Clinical judgment, clinical training, and professional experience“, Psychological Bulletin 105/1989, S. 387–396; Frank Jacobi u.a.: „Wie häufig ist therapeutischer Misserfolg in der ambulanten Psychotherapie?“, Zeitschrift für Klinische Psychologie und Psychotherapie 40 (4) 2011, S. 246-256, dort S. 252. 15 M. L. Smith/G. V. Glass: „Metaanalysis of Psychotherapy Outcome Studies“, American Psychologist 32/1977, S. 752 – 760, nach methodisch strengeren Kriterien bestätigt durch J. T. Land­man/R. M. Dawes: „Psychotherapy Outcome: Smith and Glass’ Conclusions Stand Up to Scrutinity“, American Psychologist 37/1982: 504-516. Carkhuff (s. Anm. 14), S. 120. 16 E. Mayo-Wilson u.a.: „Media-delivered cognitive behavioural therapy and behavioural therapy (self-help) for anxiety disorders in adults“, Cochrane Database Systematic Review 9/2013, CD005330. 17 F. Scogin u.a.: „Efficacy of selfadministered treatment programs. Meta-analytic review“, Professional Psychology Research and Practice 21/1990, S. 42-47; R. A. Gould/G. A. Clum: „A metaanalysis of self-help treatment approaches“, Clinical Psychology Review 13/1993, S. 169-186; Silke Heimes: Warum Schreiben hilft. Die Wirksamkeitsnachweise zur Poesietherapie, Göttingen 2012. 18 Barack Obama im Interview mit der New York Times, in deutscher Übersetzung veröffentlicht in der Süddeutschen Zeitung Nr. 14, 18.1.2017, S. 9. 19 Zit. nach Frankfurter Rundschau, 28.1.2015: „Lesen rettet uns vor uns selbst“; siehe Andrea Gerk: Lesen als Medizin. Die wundersame Wirkung der Literatur, Berlin 2015. 20 Cornelia Geissler: „Rettungsanker“, Frankfurter Rundschau, 26.3.2015. 21 www.theschooloflife.com/berlin/ueber-uns/#&panel1-3, abgerufen am 23.1.2017. 22 Silke Heimes u.a.: „Die Heilkraft der Sprache in der Poesietherapie“, Musik-, Tanz- und Kunsttherapie 19 (1) 2008, S. 36-47; dies.: „Kreative Bewältigung einer Lebenskrise mit Hilfe der Poesietherapie“, Musik-, Tanz- und Kunsttherapie 19 (2) 2008, S. 93-97, Karen A. Baikie/Kay Wilhelm: „Emotional and physical health benefits of expressive writing“, Advances in Psychiatric Treatment 11/2005, S. 338-346. 23 Hilarion Petzold, Ilse Orth (Hrsg.): Poesie und Therapie. Über die Heilkraft der Sprache. Poesietherapie, Bibliotherapie, Literarische Werkstätten. Aisthesis, 2005; Petzold, H. G., Leeser, B., Klempnauer, E. (Hrsg.): Wenn Sprache heilt. Handbuch für Poesie- und Bibliotherapie, Biographiearbeit, Kreatives Schreiben. Aisthesis Verlag, Bielefeld 2017. 24 www.teischel.com/filmtherapie, abgerufen am 23.1.2017; s. sein Buch Die Filmdeutung als Weg zum Selbst, Norderstedt 2007. 25 Teischel: Die Filmdeutung …, a.a.O., S. 221. 26 Susan Vahabzadeh: „Schau hin“, Süddeutsche Zeitung Nr. 17, 21.1.2017, S. 49. 27 P. Boer u.a.: „Paraprofessionals for anxiety and depressive disorders“, Cochrane Database Systematic Review 2/2005, CD004688. 28 Peter Tyrer u.a.: „Clinical and cost-effectiveness of cognitive behaviour therapy for health anxiety in medical patients: a multicentre randomised controlled trial“, Lancet 383/Januar 2014, No. 9913, S. 219–225. 29 Hildegard Müller-Kohlenberg: Laienkompetenz im psychosozialen Bereich, Opladen 1996, S. 129 f.; E. L. Cowen/E. Leibowitz/G. Leibowitz: „Utilization of retired people as mental health aides with children, American Journal of Orthopsychiatry 38/1968, S. 900-909. 30 J. R. Hilgard/D. C. Staight/U. S. Moore: „Better-adjusted peers as resources in group therapy with adolescents“, Journal of Psychology 73/1969, S. 75-100; D. K. O´Leary: „Der Einzug von Laienhelfern in das Klassenzimmer“, in G. Sommer/H. Ernst (Hrsg.): Gemeindepsychologie, München 1977, S. 120-131. 31 Efren Ramirez: „Help for the addict“, American Journal of Nursing 11/1967, S. 2348-2353. Professioneller Suchtprävention überlegen erwiesen sich „Ex-Addicts“ ebenfalls in einer Studie von Leonard Lo Sciuto u.a.: „Paraprofessional versus professional drug abuse counselors: Attitudes and expectations of the counselors and their clients“, International Journal of the Addictions 19 (3) 1984, S. 233-252. Andere Untersuchungen fanden zumindest keinen Erfolgsvorsprung von Profis: N. J. Konzel/B. S. Brown: „The counselor role as seen by ex-addict counselors, nonaddict counselors, and significant others“, Journal of Consulting and Clinical Psychology 41 (2) 1973, S. 315 ff.; B. S. Brown/R. F. Thompson: „The effectiveness of formerly addicted and nonaddicted counselors on client functioning“, Drug Forum 5 (2) 1975, S. 123-129; L. S. Aiken u.a.: „Paraprofessional versus professional drug counselors: Diverse routes to the same role“, International Journal of the Addictions 19 (2) 1984, S. 153-173 (Teil 1), 19 (4) 1984, S. 383-401 (Teil 2). 32 Hildegard Müller-Kohlenberg: Laienkompetenz im psychosozialen Bereich, Opladen 1996, S. 77-89. 33 H. J. Kerner u.a.: „Straf(rest)aussetzung und Bewährungshilfe“, Arbeitspapiere aus dem Institut für Kriminologie der Universität Heidelberg 3/1984. 34 D. A. Dowell: „Volunteers in probation: A research note on evaluation“, Journal of Criminal Justice 6/1978, S. 357-361. In einer weiteren Studie der Universität Nebraska wurden 32 zufällig ausgewählte Straftäter von Richtern, also ebenfalls Personen ohne übliche Vorbildung, nicht minder erfolgreich betreut wie von entsprechend vorgebildeten Fachleuten. John Berman: „The volunteer in parole program“, Criminology 13/1975, S. 111-113. 35 Ärzteblatt, 24.2.2016: „Traumata bei Flüchtlingen: Experte schlägt Laientherapie vor“. 36 Arié Schlosberg: „Seven-year follow-up of an adolescent volunteer program in a psychiatric hospital“, Hospital and Community Psychiatry 42 (6) 1991, S. 632-633. 37 W. E. Needham/H. White/B. J. Fitzgerald: „A patient-therapist program“, Hospital and Community Psychiatry 17 (3) 1966, S. 44-45; E. Pfeiffer: „Patients as therapists“, American Journal of Psychiatry 123 (11) 1967, S. 1413-1418; C. K. Whalen/A. B. Henker: „Creating therapeutic pyramids using mentally retarded patients“, American Journal of Mental Deficiency 74/1969, S. 331-337; M. Mercatoris u.a.: „Mentally retarded residents as paraprofessionals in modifying mealtime behavior“, Journal of Abnormal Psychology 84 (3) 1975, S. 299-302; P. Wagner/M. Sternlicht: „Retarded persons as teachers: retarded adolescents tutoring retarded children“, American Journal of Mental Deficiency 79/1975, S. 674-679. 38 Harold M. Skeels: „Adult status of children with contrasting life experiences“, Monograph of the Society for Research in Child Development 105/1966. 39 Caspar Brosius in Der Irrenfreund 18/1876, S. 73. Titelbild: Shutterstock

  • Bloß ein Piks – zwei Tage später tot

    Als Melody mit 15 Monaten eine Mehrfachimpfung erhält, ist sie kerngesund. Zwei Tage später bekommt das Baby plötzlich keine Luft mehr, sein Herz steht still, Leber und Nieren versagen. Seltsamer Zufall, meint der Impfarzt. Der 19. Oktober 2023, ein Donnerstag, beginnt für Katherine Palombi wie jeder Werktag. Doch „es wurde der schrecklichste Tag meines Lebens“, wie die junge Mutter aus Greenwood Lake, New York, heute weiß. (1) Frühmorgens bringt sie Melody Rain, ihre 15 Monate alte Tochter, zur Oma. Nach einem Abschiedskuss winkt das Mädchen seiner Mama fröhlich zu. Dann fährt Katherine weiter zur Arbeit. Kaum dort eingetroffen, erhält sie einen Anruf von der Großmutter – in Panik. Melody hat Atemnot, sie bekommt kaum noch Luft. „Ich war total geschockt“, erinnert sich Palombi. „Hat mein Kind sich an etwas verschluckt? Das war mein erster Gedanke. Denn es war ja völlig gesund.“ Weil Melody anscheinend zu ersticken droht, alarmiert Katherine den Notdienst. Während ein Krankenwagen unterwegs ist, leitet die Notrufzentrale die Großmutter telefonisch an, eine Herz-Lungen-Reanimation durchzuführen. Als endlich die Rettungskräfte eintreffen, schaffen sie Melody sofort ins St. Anthony´s Hospital. Dort versuchen Ärzte stundenlang, die Kleine zu retten – vergeblich. „Sie brachten mich in den Behandlungsraum und ich sah sie dort liegen“, sagt Katherine. „Todeszeitpunkt: 11:13 Uhr. Ich fiel einfach um – ohnmächtig.“ Wie aus den Krankenhausunterlagen geht, erlitt das Baby einen Herzstillstand, ein Leber- und Nierenversagen. Am 13. Juli 2022 zur Welt gekommen, endete sein Leben schon 459 Tage später. Warum? Zwei Tage vor Melodys Tod, am 17. Oktober, hatte in einer Kinderklinik in Warwick, New York, der Herbert Kania Pediatric Group, an ihr eine Vorsorgeuntersuchung stattgefunden. (Geschäftsmotto: „We provide all necessary immunizations.”) Zu jenem Zeitpunkt war sie „völlig gesund“, versichert die Mutter. Dabei erhielt das Mädchen einen Mehrfach-„Piks“: den Pentacel 5-in-1-Impfstoff gegen Diphtherie, Tetanus, Keuchhusten (DTaP), Kinderlähmung und Influenza Typ B. Im St. Anthony´s Hospital hörte die Mutter: Der enge zeitliche Zusammenhang zur Impfung sei reiner Zufall. Die Kinderklinik verweigerte eine Stellungnahme. Stattdessen sichtete die Medizinerin Dr. Elizabeth Mumper, Präsidentin des Rimland Center For Integrative Medicine, Melodys Krankenakte – und stellte betroffen fest: „Ein zuvor gesundes Baby starb in der Notaufnahme, nachdem es einen Atemstillstand erlitten hatte. Seine Laborwerte zeigten erhöhte Enzyme in Leber, Herz und Muskeln, was auf katastrophale Schäden hindeutet. Seine Elektrolyte waren abnormal, was darauf hindeutet, dass sein Körper die Fähigkeit verloren hat, die Homöostase - das Gleichgewicht der Körperchemie - aufrechtzuerhalten.“ (2) Dass die Todesursache die Impfung war, liegt für sie auf der Hand. „Als Engel geboren“ Ihrem verlorenen Baby hat Katherine einen rührenden Nachruf gewidmet: „Von dem Moment an, als sie in unser Leben trat, war Melody Rain ein Leuchtfeuer der Liebe und Freude. Ihr ansteckendes Kichern, ihr warmes Kuscheln und ihre süßen Küsse waren eine Quelle endloser Freude für ihre Familie. Sie wurde buchstäblich als Engel geboren. Sie war das perfekte Kind. Sie liebte das Meer. Sie liebte es, spazieren zu gehen. Sie liebte Tiere, besonders unseren Hund Sonya. Sie hat jeden, der sie kannte, zum Strahlen gebracht. Melody war eine leuchtende Seele, die ihr Glück in den einfachsten Dingen fand.“ Wie kommen Eltern, die ihr Kind dermaßen überschwänglich lieben, bloß dazu, in deren zarte Körper Substanzen injizieren zu lassen, ohne sich zuvor von deren Notwendigkeit und Unbedenklichkeit zu überzeugen? Blauäugig liefern sie es einer pharmagelenkten Schulmedizin aus, weil andere Familien es ja ebenfalls tun; weil der Kinderarzt ihnen ein schlechtes Gewissen macht; weil es sie erleichtert, Verantwortung an ihn zu delegieren. Das kann gutgehen – oder in einer Tragödie enden. Mamis und Papis, die es darauf ankommen lassen, spielen Russisches Roulett mit ihrem Nachwuchs. Warum recherchieren sie nicht ausgiebiger, statt es bei ein, zwei Klicks auf die Toplinks von Google-Trefferlisten zu belassen? Wie eine öffentlich zugängliche Studie belegt, kommen Fälle von „plötzlichem Kindstod“ bei geimpften Säuglingen innerhalb der ersten drei Tage nach dem „Piks“ 7,3-mal häufiger vor als nach einem Monat. (3) Auch eine Analyse der Sicherheitsdaten von VAERS, dem US-Meldesystem für Impfnebenwirkungen, legt nahe, dass Babies in den ersten Tagen nach einer Impfung deutlich öfter versterben als Wochen oder Monate danach. (4) Von 2.605 Todesfällen bei Säuglingen, die VAERS zwischen 1990 und 2019 registrierte, ereigneten sich 58 % innerhalb von drei Tagen nach der Impfung, 78 % innerhalb von sieben Tagen danach. (5) Obwohl die USA bei weitem das meiste Geld für Kindergesundheit ausgeben, ist die Wahrscheinlichkeit für ein Baby, in seinem ersten Lebensjahr zu sterben, dort um 76 % höher als in 19 anderen wohlhabenden Ländern. Zu den Top Five der Ursachen für Säuglingssterblichkeit zählt der sogenannte “Plötzliche Kindstod” (SIDS), der sich in erster Linie als fatale Impfnebenwirkung entpuppt; bis zu ihrem ersten Geburtstag müssen US-Babies, laut Empfehlung der Seuchenschutzbehörde CDC, Impfungen gegen elf verschiedene Krankheiten über sich ergehen lassen – mehr als irgendwo sonst auf unserem Planeten. Warum wohl kam es während des Covid-Lockdowns zu deutlich weniger SIDS-Fällen, in den Vereinigten Staaten ebenso wie in Westeuropa? Die Impfraten waren vorübergehend drastisch gefallen. (Siehe KLARTEXT: “Weniger Frühchen, weniger plötzliche Kindstode – warum?”) Impfgläubige Eltern spielen Russisches Roulette Wie Katherine Palombi gegenüber Journalisten einräumte, hatte Melody bereits auf eine frühere Impfung heftig reagiert. Da war sie zwei Monate alt gewesen. Unmittelbar nach der Spritze setzte hohes Fieber ein, bis zu 40 Grad. Am ganzen Körper bildeten sich rote Flecken. Mehrere Tage hielt der Ausschlag an. Hätte die Mutter daraus nicht lernen können: „Mein Kind reagiert auf Impfungen viel empfindlicher als andere – also ist besondere Vorsicht geboten“? Inzwischen weiß Katherine von Genmutationen, die manche Kinder dazu prädisponieren, auf Impfstoffe hyperallergisch zu reagieren. Melody könnte davon betroffen gewesen sein. Hätte ihre Mutter dies nicht schon früher feststellen lassen können? In einem Rundfunkinterview appellierte Katherine Palombi an andere Eltern: „Vertraut eurem Bauchgefühl und lasst euch nichts aufdrängen, was ihr nicht wollt. Informiert euch über die Gefahren von Impfungen.“ Warum nur hat sie selber damit nicht schon vor dem 17. Oktober angefangen? Kaum hatte sich ihr schrecklicher Verlust herumgesprochen, da meldeten sich andere betroffene Eltern bei ihr – darunter eine Mutter, deren zwei Monate altes Kind eine extreme Impfreaktion auf einen Impfstoff zeigte:  "Es hatte Blut im Stuhl. Also sagte ich ihr: 'Du musst dein Baby sofort in die Notaufnahme bringen. Und das tat sie. Der Kinderarzt sagte zu ihr: 'Wenn du es nicht hergebracht hättest, wäre es am Montag schon tot gewesen.'" Eine andere Frau erzählte Palombi, ihr Enkel sei im Alter von sechs Monaten nach einer ‚Schutzimpfung‘ gestorben. Man sagte ihr, es sei SIDS.“ Melody, ihr Engel, könnte noch eine „leuchtende Seele“ in einem lebendigen Körper sein, wenn ihre Mami solche Schicksale schon früher beachtet hätte. In Internetforen von Betroffenen wären sie bloß einen Klick entfernt gewesen. (6) (Harald Wiesendanger) P.S.: Über weitere Fälle von mutmaßlich totgeimpften Kindern berichte ich in den KLARTEXT-Beiträgen „Damit sein Tod nicht sinnlos war“ und „Yonatan ist tot. Warum?“ Anmerkungen 1 Nähere Einzelheiten: https://bronx.news12.com/orange-county-15-month-old-dies-2-days-after-well-visit-vaccinations und https://childrenshealthdefense.org/defender/melody-rain-palombi-malmgren-death-vaccination/?utm_id=20231113 2 Zit. nach https://childrenshealthdefense.org/defender/melody-rain-palombi-malmgren-death-vaccination/?utm_id=20231113 3 Siehe Robert F. Kennedy Jr./ Brian S. Hooker: Vax-Unvax: Let the Science Speak; dt.: Geimpft versus ungeimpft – Jetzt spricht die Wissenschaft!, Kopp: Rottenburg 2023. 4 Kennedy/Hooker (dt. Übers.), a.a.O, S. 156 f. 5 Neil Z. Miller: „Vaccines and sudden infant death: An analysis of the VAERS database 1990–2019 and review of the medical literature“, Toxicology 8/2021, S. 1324-1335 6 Internetforen zu Impfschäden nennt der KLARTEXT-Beitrag „Pandemie der vertuschten Impfschäden“.

  • Damit sein Tod nicht sinnlos war

    Keine zwei Tage nach einer Mehrfach-Impfung hört Sawyer auf zu atmen, für immer. Da ist er zwei Monate alt. Sein Blut enthält 95 Mikrogramm Aluminium pro Liter – ein Wert, der selbst für Erwachsene giftig wäre. Eine Toxikologin bestätigt: Diese Schwermetallbelastung kann nur von den Impfstoffen herrühren. Wie oft sich solche „plötzlichen Kindstode“ (SIDS) ereignen, weiß niemand genau. Ein kriminelles Schweigekartell aus Ärzten, Gerichtsmedizinern, Behörden, Pharmaindustrie, Wissenschaftlern und Medien sorgt dafür, dass die Hauptursache vertuscht wird, Eltern ahnungslos bleiben – und die Verantwortlichen ungestraft davonkommen. Am 20. Oktober 2022 bringen Melissa und Nick, ein junges Paar aus dem US-Bundesstaat Maine, ihren kleinen Sawyer, gerade mal 54 Tage alt, wegen eines hartnäckigen Ausschlags am Oberkörper zum Kinderarzt. Dieser diagnostiziert eine Virusinfektion und verschreibt Baby-Tylenol, eine medizinische Creme. (1) Eine Woche später steht die empfohlene Mehrfach-Impfung an: gegen Rotaviren, Haemophilus influenzae B, 13 Arten von Pneumokokkenbakterien, Diphtherie, Tetanus, Keuchhusten, Hepatitis B und Polio. Die Mutter, eine Krankenschwester, äußert Vorbehalte, denn der Ausschlag ist immer noch da. Doch der Arzt besteht darauf, wie vorgesehen zu spritzen. Unmittelbar nach dem „Piks“ beginnt Sawyer herzzerreißend zu schreien - unstillbar. Erst am nächsten Tag beruhigt er sich ein wenig. Gegen 18:15 Uhr schläft das Baby ein. Als Melissa vier Stunden später nach ihm sieht, bewegt es sich nicht, atmet nicht mehr. Entsetzt hebt sie seinen schlaffen, leblosen Körper aus dem Bettchen und beginnt zu schreien. Nick eilt herbei, greift sofort zum Telefon. Ein herbeigerufener Rettungsanitäter bemüht sich, das Kind wiederzubeleben – vergeblich. Weil es um einen toten Säugling geht, findet eine offizielle Untersuchung statt. Die Polizei sucht nach Hinweisen auf Kindesmissbrauch und Alkoholismus, kommt aber schnell zu dem Schluss, vermutlich habe es sich um einen Unfall gehandelt. Noch an Sawyers Todestag führt der leitende Gerichtsmediziner eine Autopsie durch. Dabei stellt er fest, dass Sawyer „gut entwickelt“ war und keinerlei Anzeichen von Verletzungen oder Quetschungen aufweist. Daraufhin schreibt er in den Totenschein, Sawyer sei aufgrund einer „suboptimalen Schlafumgebung“ erstickt – womit er im wesentlichen den Eltern die Schuld gibt. Wie kommt er darauf? Das lassen Melissa und Nick nicht auf sich sitzen. Sie beginnen im Internet zu recherchieren – endlich. In Infoportalen und sozialen Medien suchen sie nach Betroffenen und Sachverständigen. Schließlich stoßen sie auf eine Reihe von Pathologietests, mit denen festzustellen wäre, ob Impfstoffe eine Rolle bei Sawyers Tod gespielt haben. Diese Tests bestimmen das C-reaktive Protein, das auf eine Gehirnentzündung hinweist, Leberenzyme, Aluminium, Quecksilber und Formaldehyd im Gehirn- und Blutgewebe, neben verschiedenen Blutwerten und Impftitern. Melissa fordert den Gerichtsmediziner auf, diese Tests durchzuführen. Er lehnt jedoch ab, weist ihre Bedenken zurück und belehrt sie, dass Schwermetalle kein SIDS auslösen können. Weitere E-Mails von ihr blockt sein Büro als "unzustellbar" ab. Nun suchen die Eltern im ganzen Land nach einem kompetenten Pathologen, der bereit ist, die gewünschten Laboruntersuchungen durchzuführen - und einen Arzt, der sie anordnet. Doch der Hausarzt, der Kinderarzt, Melissas Gynäkologe lehnen ab. Über ein halbes Jahr lang erhält das Paar weitere Absagen. Dann endlich finden sie einen hilfsbereiten Pathologen. Am 21. Juni 2023 führt er die Tests durch. Obwohl sich einige von Sawyers Gewebeproben inzwischen zersetzt haben, findet er noch genügend Anhaltspunkte für einen ausführlichen Bericht. Im August trifft dieser bei den Eltern ein – voller labortechnischer Details, ohne Hinweise oder Empfehlungen, mit enttäuschend geringer Aussagekraft. Eine Toxikologin erklärt sich bereit, den Bericht auszuwerten. Anfang September 2023 verständigt sie die Eltern. “Sie teilte uns mit, dass Sawyers Aluminiumwerte sehr hoch waren". Das Baby hatte 95 Mikrogramm Aluminium pro Liter Blut - ein Wert, der selbst für Erwachsene giftig wäre. Die Toxikologin erklärt dem Paar, dass die Aluminium- und Antigenwerte im Blut auf die Impfstoffe zurückzuführen seien. Die akute Erkrankung könnte mitgespielt haben. „Sie riet uns, einen Rechtsbeistand zu suchen.“ Mutige Polizistin bricht ihr Schweigen Womöglich hören Melissa und Nick zu dieser Zeit von einer mutigen Polizistin, die sich just in jenem September mit einer brisanten Enthüllung an die Öffentlichkeit wagt. In einer Stadt mit 350.000 Einwohnern untersuchte Lynn Jennings (ein Pseudonym) drei bis vier SIDS-Fälle pro Monat. Frühzeitig erkannte sie, dass es aufschlussreich war, Impfdaten zu erfassen. Daraus ging hervor: Über die Hälfte der plötzlichen Kindstode – rund 300 - traten innerhalb einer Woche nach einer Impfung auf. Vorgesetzte wiesen Lynn an, darüber Stillschweigen zu bewahren. (2) Wie wahrscheinlich ist es, dass der Zusammenhang zwischen SIDS und Impfungen, den die Polizeibeamtin registrierte, rein zufällig zustande kam? (3) Gewaltige Dunkelziffer Wurden Melissa, Nick und Lynn Zeugen eines überaus seltenen Phänomens, das man nicht unnötig an die große Glocke hängen sollte? Schon 1965 hatte der Leipziger Pathologe Paul Mahnke bei einer Untersuchung von 394 plötzlichen Todesfällen im Kindesalter festgestellt, dass bei 22, also immerhin knapp sechs Prozent, eine „Schutz“impfung „ursächlich beteiligt“ war. (4) Übertrieb er? Laut Statistischem Bundesamt gab es im Jahr 2014 in Deutschland unter 715.000 lebend geborenen Kindern gerade mal 119 SIDS-Fälle; das Risiko läge demnach bei winzigen 0,017 Prozent. (5) Tatsächlich? Sobald es ums Impfen geht, wird Lügen mit Zahlen zur Lieblingsbeschäftigung von Behörden. Definitionsgemäß liegt SIDS dann vor, wenn beim plötzlichen Tod eines Säuglings oder Kleinkinds trotz Autopsie und Untersuchung des Auffindeortes keinerlei Ursache ermittelt werden kann. Es handelt sich demnach um eine Ausschlussdiagnose: Kinderärzte, Pathologen und Rechtsmediziner treffen sie erst dann, wenn alle erdenklichen natürlichen und nicht-natürlichen Todesursachen wie Infektionen, Stoffwechselstörungen, Blutungen, auch nach Schütteltrauma, Fehlbildungen und Unfälle - Vergiftung, Strom, Sturz, Unterkühlung, Ersticken usw. – definitiv ausscheiden; darüber hinaus darf auch in der klinischen Vorgeschichte sowie bei den konkreten Todesumständen nichts Verdächtiges zum Vorschein kommen. Anhaltspunkte dafür finden sich um so eher, je argwöhnischer und gründlicher man danach sucht. Impftermine zählen zuallerletzt dazu; schließlich steht für beteiligte Mediziner im allgemeinen felsenfest, dass Vakzine wirksam und sicher sind – also scheiden sie als Ursache von vornherein aus. Um das Ausmaß des Problems besser einzuschätzen, müssten near-SIDS bzw. near-missed-SIDS mitberücksichtigt werden: Beinahe-SIDS-Fälle, in denen ein betroffenes Kind im letzten Moment reanimiert werden konnte. (Oft ist auch von ALTE die Rede, eine Abkürzung für apparent life-threatening event – akutes lebensbedrohliches Ereignis mit Symptomen, die von plötzlichen Atemaussetzern über völlige Apathie bis zum Kreislaufkollaps reichen können.) (6) Die Dunkelziffer übersteigt die SIDS-Rate vermutlich um ein Zehnfaches. (7) Erst recht unbeachtet bleiben bislang Impfungen, die ein Kinder vor der Geburt erhält – sobald seine Mutter welche bekommt. Wo bleiben Risikostudien darüber? Zahlreiche Fallberichte deuten auf eine erhöhte Wahrscheinlichkeit von Fehlgeburten, von angeborenen Defekten sowie Autismus bei den Kindern von Müttern hin, die während der Schwangerschaft gegen Grippe geimpft wurden. SIDS durch Impfung – warum denn sonst? Wie seltsam häufig Impfungen und schlagartige Kindstode zeitlich eng zusammenhängen, ist keineswegs das einzige Indiz, das den Schluss von Korrelation auf Kausalität nahelegt. Es gibt weitere: SIDS-Raten im internationalen Vergleich: Je häufiger und je früher in Ländern rund um den Globus Kinder geimpft werden, desto mehr SIDS-Fälle sind dort zu registrieren. In Deutschland, der Schweiz und den USA finden die frühesten Impfungen gewöhnlich im ersten Vierteljahr nach der Geburt statt - eben dann tritt SIDS am häufigsten auf. Hierzulande ereignen sich 80 % der SIDS-Fälle vor dem sechsten Lebensmonat des Säuglings (8), ein Großteil davon zwischen dem zweiten und vierten. Japan hingegen verschob die Erstimpfungen auf das zweite Lebensjahr. Daraufhin sank die SIDS-Rate dort rapide. SIDS-Raten schwanken je nach Impftyp. Wie eine japanische Studie nachweist (9), werden bei bestimmten Vakzinen plötzliche Kindstode wahrscheinlicher. SIDS-Raten hängen vom zeitlichen Abstand zur Impfung ab. Die meisten Fälle treten innerhalb der ersten Woche nach einem „Piks“ auf. Je mehr Impfungen, desto höher das Todesrisiko. (10) Als Wissenschaftler Impfpläne und Säuglingssterblichkeitsraten in 34 Ländern verglichen, stellten sie "eine hohe statistisch signifikante Korrelation zwischen der steigenden Anzahl von Impfdosen und der steigenden Säuglingssterblichkeitsrate" fest. In den USA geborene Kinder sterben mit 76 % höherer Wahrscheinlichkeit vor ihrem ersten Geburtstag als Säuglinge in 19 anderen wohlhabenden Ländern – 26 Impfdosen sind ihnen bis dahin verabreicht worden, nirgendwo sonst wird eifriger gespritzt. Warum haben es amerikanische Kinder schwerer, ihren ersten Geburtstag zu erleben, als Kinder in Kanada, Australien, Neuseeland, Island oder Japan? Während der Corona-Lockdowns sanken die Impfraten drastisch – die Anzahl von SIDS-Todesfällen ebenfalls. (Siehe KLARTEXT: „Weniger Frühchen, weniger plötzliche Kindstode – warum?“) Forschungsarbeiten aus aller Welt, die im Laufe eines Jahrhunderts erschienen, wertete die australische Ärztin und Wissenschaftlerin Viera Scheibner in ihrem Buch Vaccination aus. (11) Ein längeres Kapitel widmet sie darin dem plötzlichen Kindstod. Auch sie kommt zu dem Ergebnis: Jährlich werden weltweit Zehntausende Kinder zu Tode „gepikst“. Aus den USA melden die Centers for Disease Control and Prevention soeben den größten Anstieg der Säuglingssterblichkeitsrate seit 20 Jahren – in vereinzelten US-Bundesstaaten um 57 % (Delaware), 30 % (Iowa) und 27 % (Maine) Wann setzte dieser Trend ein? Im Jahr 2021 – als die Covid-„Impf“stoffe für schwangere Frauen zugelassen wurden. (12) Ablenkungsmanöver mit Nebelkerzen Fallen Impfskeptiker auf Fake News herein? Einer US-Studie (13) zufolge, die 568 SIDS-Fälle aus den Jahren 1991 bis 2008 untersuchte, lag bei 99 % der betroffenen Kinder mindestens ein Risikofaktor vor, bei 75 % sogar zwei. Die Liste ist lang und vielfältig: Sie reicht vom höheren Alter und Drogenkonsum der Mutter, einer Frühgeburt und Passivrauchen, einem „sozial gestressten Milieu“ über den Verzicht aufs Stillen, eine bakterielle Infektion mit Staphylococcus aureus und Escherichia coli, einen „Defekt im gehirninternen Aufweckmechanismus“ bis hin zu einer nestartigen Bettumrandung, dem Zudecken des Kopfs, ungenügender Luftzirkulation und Überwärmung durch Heizung, Kleidung oder Decke. (14) Womöglich sind der Blutfluss zum Hirnstamm oder die Serotonin-Homöostase gestört. Oder es mangelt an Phosphat im Blut. Vielleicht ist der Krankheitserreger Clostridium botulinum schuld, der ein lähmendes Gift bildet; er kommt zum Beispiel in verunreinigtem Honig vor. Toxische Ausdünstungen von Tapeten und Matratzen stehen ebenfalls im Verdacht, SIDS auszulösen. Oder die Kinder fallen einem asymptomatischen Keuchhusten zum Opfer, der unerkannt bleibt, weil der Erreger, das Bakterium Bordetella pertussis, derart empfindlich ist, dass er sich an einer erkalteten Leiche nicht mehr nachweisen lässt. (15) „Fast jährlich erscheinen neue Theorien über mögliche Ursachen“, fiel dem Internisten Gerhard Buchwald auf, den ein schwerer Impfschaden im engsten Familienkreis zum engagierten Impfkritiker werden ließ. „Während meiner Studienzeit galt die Lehrmeinung von der vergrößerten Thymusdrüse, die die Luftröhre einenge und einen Erstickungstod verursache.“ (16) Mal sollte das Baby unbedingt im eigenen Zimmer schlafen, mal besser im Bett der Eltern. Mal stand die Rückenlage am Pranger und die Bauchlage wurde propagiert, mal galt die umgekehrte Empfehlung. All diese Faktoren mögen hie und da mitspielen. Aber warum sollten sie, einzeln oder gemeinsam, ausgerechnet in jenen Ländern zu mehr SIDS-Todesfällen führen, wo am eifrigsten und frühzeitigsten geimpft wird? Es müssen keine kausalen Einbahnstraßen sein, auf denen Vakzine Babies umbringen. Eher könnten sie der sprichwörtlich letzte Tropfen in ein Fass sein, das bestehende Vorbelastungen schon bis zum Rand gefüllt hatten. Im übrigen liegt die Beweislast nicht bei den Betroffenen, sondern bei den Tätern und ihren Handlangern. Es ist an ihnen, zweifelsfrei zu belegen, dass Ingredienzen wie Formaldehyd, Aluminiumverbindungen, Quecksilber, Gallium, Nickel, Zirkonium, Titan sowie artfremde Eiweiße in Kinderimpfstoffen unsere Jüngsten unmöglich schädigen oder gar umbringen können. Vakzine bringen Babies um? Uuuuuuuuuunmöglich. Der „Verdacht“ eines „möglichen“ Zusammenhangs des plötzlichen Kindstodes mit Impfungen sei „durch umfangreiche epidemiologische Studien widerlegt“, versichert uns Wikipedia. Untersuchungen des Paul-Ehrlich-Instituts wie auch der Europäischen Arzneimittelagentur EMA hätten keinerlei Hinweise darauf ergeben, dass von Kinderimpfstoffen eine SIDS-Gefahr ausgeht. (17) Vielmehr habe sich gezeigt, dass grundimmunisierte Säuglinge sogar ein geringeres SIDS-Risiko tragen als ungeimpfte. (18) Auch Sechsfach-Impfungen reduzieren es angeblich, um bis zu 50 %. (19) „Je höher die Impfquote, desto seltener der plötzliche Kindstod“, verkündet die Berliner Charité. In Schweden gebe es mehr plötzliche Kindstode, seit dort weniger gegen Keuchhusten geimpft werde. In den USA sei die SIDS-Häufigkeit zwischen 1975 und 2009 zurückgegangen, während die Impfquote für Diphtherie, Tetanus und Pertussis im gleichen Zeitraum anstieg. Vom Jahr 2002 bis 2021 fiel sie um beträchtliche 22 %. (20) Deutschland verzeichne ebenfalls eine rückläufige Inzidenz von SIDS: 1990 sollen auf 10.000 Lebendgeburten 15 SIDS-Fälle gekommen sein, 2013 nur noch 2,2 Fälle. Im selben Zeitraum wurden aber neue, zusätzliche Standardimpfungen eingeführt. (21) In den vergangenen 30 Jahren soll hierzulande die Fallzahl um sage und schreibe 93 % gesunken sein. Während sie im Jahr 1991 noch bei 1285 lag, fiel sie bis 2020 kontinuierlich auf 82. Scheinbar sinkende SIDS-Raten lassen sich allerdings mühelos herbeidefinieren, ebenso wie die „Infizierten“, die geimpft „Ungeimpften“ und die „Covid-Opfer“ der unsäglichen Corona-Pandemie. Im Laufe der zurückliegenden Jahrzehnte hatten Ärzte, wenn sie Säuglingen und Kleinkindern Totenscheine ausstellen, immer mehr Risikofaktoren und mögliche Sterbensursachen zu berücksichtigen. Gleichzeitig wuchs der Druck auf sie, den amtlichen Vermerk „SIDS“ möglichst zu vermeiden, um gar nicht erst Raum für Spekulationen und unerwünschte Nachfragen zu schaffen. Beide Entwicklungen haben dafür gesorgt, dass immer mehr plötzliche Kindstode immer seltener aktenkundig werden. Und Beinahe-SIDS wird gar nicht erst erfasst. In vielen Ländern nutzen die Behörden Schlupflöcher in der Klassifizierung aus, um die Rolle der Impfstoffe zu verschleiern. In Indien beispielsweise sollte ein nationaler Ausschuss 54 Todesfälle von Säuglingen untersuchen, die nach Verabreichung eines Fünffach-Impfstoffs aufgetreten waren; 52 der 54 Todesfälle stufte er kurzerhand entweder als zufällig oder als nicht klassifizierbar ein. Aus Großbritannien berichten Wissenschaftler, dass Pathologen, Leichenbeschauer und Gerichtsmediziner zunehmend zögern, den Begriff SIDS überhaupt zu verwenden, was die Auswertung von SIDS-Daten "potenziell ungenau und verwirrend" macht. In den USA führen nicht standardisierte Definitionen dazu, dass "Fälle, die früher als SIDS registriert wurden, jetzt als ‚versehentliches Ersticken und Strangulieren im Bett‘, als ‚Asphyxie‘ – Sauerstoffmangel im Blut - oder ‚Ursache unbekannt/unspezifiziert‘ gemeldet werden". Zum Frisieren von Daten steht eine reichhaltige Trickkiste bereit. So lassen sich Studienteilnehmer als „ungeimpft“ etikettieren, solange sie noch nicht „vollständig immunisiert“ sind, d.h. noch nicht sämtliche vorgesehenen Spritzen bekamen, sondern erst eine bis zwei. Oder man sortiert Probanden aus, die auf den „Piks“ besonders heftig reagiert haben, mit der Begründung, es habe sich nachträglich herausgestellt, dass sie bestimmte Aufnahmekriterien nicht erfüllt haben, z.B. frei von Grunderkrankungen zu sein – und solche Vorbelastungen finden sich ziemlich häufig, sofern man nur gründlich genug nach ihnen sucht. Oder man verabreicht der sogenannten „Placebo-Gruppe“ nicht etwa harmlose Kochsalzlösung, sondern einen anderen Impfstoff – im Vergleich zur Impfstoffgruppe (ver)schwinden dann Unterschiede bei Nebenwirkungen. Wie dreist Wissenschaftler und Behörden tricksen, um genehme Statistiken zu liefern, verdeutlicht die vielzitierte „Token-Studie“ zur Sicherheit von Babyimpfungen, die das Robert-Koch-Institut organisierte. Ihr vollmundiger Anspruch: Lückenlos sollte sie sämtliche ungeklärten SIDS-Fälle bei Kindern im Alter von zwei bis 24 Monaten erfassen, die zwischen Sommer 2005 und Sommer 2008 verstarben – und prüfen, ob diese Tode mit vorausgegangenen Impfungen zusammenhängen. Schon die Finanzierung der Studie machte stutzig: Für einen Sponsorbetrag von 2,5 Millionen Euro erkauften sich die Hersteller zweier zu testender Impfstoffe, Sanofi Pasteur und GlaxoSmithKline (GSK), das Recht, „unverzüglich über relevante Ergebnisse oder Bewertungen unterrichtet zu werden“ – und „Gelegenheit zur wissenschaftlichen Stellungnahme zu den zur Publikation vorgesehenen Texten zu erhalten“, ehe diese veröffentlicht werden. In die Auswertung einbezogen wurden nur 254 Fälle, in denen betroffene Eltern bereit waren, einen umfangreichen Fragebogen auszufüllen. Von 667 Müttern und Vätern, deren Kind im Untersuchungszeitraum verstarb, verweigerten aber zwei Drittel ihre Teilnahme, trotz mehrfacher Kontaktnahme. Warum wohl? Wer ist nach einem derart schmerzlichen Verlust noch erpicht darauf, die Neugier von Datensammlern zu befriedigen? Zu schlechter letzt gelang der „Token-Studie“ das Kunststück, gleichzeitig zwei diametral entgegengesetzte Erkenntnisse zu liefern: die offizielle sowie eine, die erst bei Analyse der Basisdaten zum Vorschein kam – das RKI versteckte sie in der 160-seitigen Langfassung des Studienberichts, den sie nur auf Englisch zur Verfügung stellte. Die deutsche Kurzversion gab erwartungsgemäß Entwarnung: Die Impfstoffe seien ungefährlich – schuld an den Todesfällen scheinen demnach vielmehr unaufmerksame, sorglose Eltern. Dabei rückte das RKI nichtsignifikante, aber genehme Details in den Vordergrund seiner Berichterstattung; und statt SIDS-Fälle einfach auszuzählen, „gewichtete“ es sie, bis sich genehme Schlussfolgerungen ergaben. Bei genauerem Hinsehen belegen die RKI-Daten in Wahrheit: - In den ersten 14 Tagen nach einer Impfung ist ein SIDS-Fall drei Mal wahrscheinlicher als in den darauffolgenden Wochen. - Drei Tage nach einer Sechsfachimpfung ist das Sterberisiko um das 2- bis 3-Facge erhöht, nach einer Fünffachimpfung sogar um das 8,1-Fache. - Während des zweiten Lebensjahrs steigt die Wahrscheinlichkeit, binnen 72 Stunden nach einer Impfung zu sterben, um beinahe das 14-Fache. (22) Würde der Forschungsstand tatsächlich Skeptiker widerlegen: Warum stoßen betroffene Eltern dann auf massivsten Widerstand, wenn sie darauf bestehen, die wahre Todesursache ihres geimpften Babies aufzuklären? Dass sie es hierbei „schwerer haben als Don Quichotte im Kampf gegen die Windmühlenflügel“, erlebte Helga Rühl, Vorstandsmitglied der „Eltern für Impfaufklärung“ (EFI) und selber betroffene Mutter. Mitte der neunziger Jahre reichte sie sowohl beim Petitionsausschuss der Bundesrepublik Deutschland als auch bei ihrer Landesregierung einen Antrag ein, eine Meldepflicht für plötzlichen Kindstod einzuführen, die zeitliche Nähe zu vorausgegangenen Schutzimpfungen zu untersuchen und grundsätzlich eine Obduktion der verstorbenen Kinder vorzunehmen. Mit einbezogen werden sollten Near-SIDS-Fälle. Zwei Mal wurde ihr Antrag abgelehnt. Damit Sawyers tragischer Tod einen Sinn bekommt Seit Melissa und Nick ihren kleinen Jungen verloren haben, setzen die beiden alles daran, die ganze Wahrheit über seinen Tod öffentlich zu machen – um andere Eltern zu warnen, ehe sie das gleiche Schicksal ereilt. „Sawyer ist der Grund, warum wir im Moment leben. Und er ist unsere Motivation", sagen sie. „Wir möchten andere Menschen darauf aufmerksam machen und dem Ganzen ein Ende setzen.“ Denn inzwischen ist ihnen klar: "Kinder brauchen keine Impfstoffe. Und wenn sie doch geimpft werden, brauchen sie sie nicht, bevor sie mindestens zwei Jahre alt sind. Das Problem ist, dass sich ihre Blut-Hirn-Schranke erst mit zwei Jahren oder später geschlossen hat. (…) Und wenn man vor dem zweiten Lebensjahr geimpft wird, kann das Aluminium diese Blut-Hirn-Schranke überwinden. Deshalb sind die Werte so hoch und es stoppt die Atmung und verursacht einen Herzstillstand." Nick fügt hinzu: "Ich würde niemandem sagen: 'Lasst eure Kinder nicht impfen.' Aber ich würde definitiv sagen: 'Recherchiert. Geht bis ans Ende des Internets und vergewissert euch, dass das, was ihr tut, richtig ist und dass ihr alle möglichen Folgen kennt. Denn es ist euer Baby, nicht das des Arztes." Auf die Frage, warum sich nicht mehr Mediziner zu Wort melden, antwortet Melissa mit einem einzigen Stichwort: „Karriereselbstmord.“ Inzwischen will sie „nicht einmal mehr Krankenschwester sein. Warum sollte ich das noch wollen? Aber ich muss meine Rechnungen bezahlen." Nun hat das Paar vor, eine Klage beim National Vaccine Injury Compensation Program (VICP) einzureichen; 1980 eingerichtet, entscheidet VICP über Entschädigungen für Impfopfer – in der Regel zu deren Ungunsten. Entsprechend skeptisch ist Melissa bezüglich der Erfolgsaussichten, "weil ich weiß, wie die Regierung und das medizinische System sind". (23) (Harald Wiesendanger) Anmerkungen 1 Deren Wirkstoff Acetaminophen steht im Verdacht, Autismus wahrscheinlicher zu machen, siehe https://childrenshealthdefense.org/defender/kids-acetaminophen-tylenol-autism/ 2 Der Online-Journalist Ben Tapper diskutiert Lynns Beobachtung mit dem impfkritischen Blogger Steve Kirsch hier: https://rumble.com/v37wtp4-ben-tapper-tells-the-story-of-sids-investigations-linking-sids-and-vaccines.html. Siehe auch https://childrenshealthdefense.org/defender/sudden-infant-deaths-vaccination/ 3 Zur statistischen Berechnung der Zufallswahrscheinlichkeit siehe https://kirschsubstack.com/i/135760531/too-many-sids-cases-happened-within-a-week-of-the-vaccine-for-the-vaccine-not-to-have-caused-the-deaths 4 Paul Mahnke: „Plötzlicher Tod im Kindesalter und vorausgegangene Schutzimpfung“, Deutsche Zeitschrift für die gesamte gerichtliche Medizin 56 (2) März 1965, S. 66-73, https://journals.scholarsportal.info/details?uri=/03670031/v56i0002/66_ptikuvs.xml 5 Statistisches Bundesamt: Todesursachen bei Säuglingen. 2015. (destatis.de/ archive.org (Memento vom 17. November 2017 im Internet Archive) 6 ICD-10-GM Version 2010 - R06.80 Akutes lebensbedrohliches Ereignis im Säuglingsalter. (dimdi.de (Memento vom 18. Mai 2015 im Internet Archive) 7 Nach https://www.impfkritik.de/sids/index.html 8 Karl H. P. Bentele: Der plötzliche Tod im Neugeborenen- und Säuglingsalter. S. 2 (aerztekammer-hamburg.de (Memento vom 21. Dezember 2005 im Internet Archive), PDF) 9 Motoki Osawa u.a.: „Sudden Infant Death After Vaccination: Survey of Forensic Autopsy Files“, 2010, American Journal of Forensic Medicine and Pathology 40(3): S. 232-237, September 2019.https://journals.lww.com/amjforensicmedicine/fulltext/2019/09000/sudden_infant_death_after_vaccination__survey_of.5.aspx 10 Siehe Bert Ehgartner: Gute Impfung – Schlechte Impfung, Steyr 2018, S. 39. 11 Die deutsche Übersetzung erschien im Januar 2000: Impfungen, Immunschwäche und Plötzlicher Kindstod, https://www.amazon.de/Impfungen-Immunschw%C3%A4che-Pl%C3%B6tzlicher-Kindstod-Scheibner/dp/3887211669/ref=sr_1_3?__mk_de_DE=%C3%85M%C3%85%C5%BD%C3%95%C3%91&crid=920LDYW9I6RF&keywords=Viera+Scheibner&qid=1699699290&s=books&sprefix=viera+scheibner%2Cstripbooks%2C104&sr=1-3, Leider vergriffen, auf dem Gebrauchtbüchermarkt zu horrenden Preisen angeboten. 12 Näheres hier: https://childrenshealthdefense.org/defender/cdc-largest-infant-mortality-rate-increase-twenty-years/?utm_id=20231113 13 (Felicia L. Trachtenberg et al. “Risk factor changes for sudden infant death syndrome after initiation of Back-to-Sleep campaign”, Pediatrics, Band 129, Nr. 4, April 2012, S. 630–638, doi:10.1542/peds.2011-1419, PMID 22451703, PMC 3356149 (freier Volltext). 14 M. Vennemann, D. Fischer, M. Findeisen: „Kindstodinzidenz im internationalen Vergleich“, Monatsschrift für Kinderheilkunde 151/2003, S. 510–513, https://link.springer.com/article/10.1007/s00112-003-0715-0 15 Medical Tribune vom 7. September 1993. 16 Gerhard Buchwald: Impfen – Das Geschäft mit der Angst (1994), 5. Aufl. Lahnstein 2008, S. 251. 17 Daten zur Pharmakovigilanz von Impfstoffen / Meldungen über tödliche Verläufe (PDF) Paul-Ehrlich-Institut, Bulletin für Arzneimittelsicherheit Nr. 1 (März 2014), S. 26. 18 R. Kurz, Th. Kenner, C. Poets, R. Kerbl, M. Vennemann, G. Jorch (Hrsg.): Der plötzliche Säuglingstod – Risikofaktoren – Prävention – Elternberatung. 2. Auflage. Springer, 2014, ISBN 978-3-7091-1444-5, S. 129. 19 K. Weißer et al.: Sicherheit von Impfstoffen. Bundesgesundheitsblatt - Gesundheitsforschung - Gesundheitsschutz, November 2009, abgerufen am 27. Oktober 2019; M. M. Vennemann et al.: Sudden infant death syndrome: No increased risk after immunisation. In: Vaccine. 2006. PMID 16945457; M. M. Vennemann et al.: Do immunisations reduce the risk for SIDS? A meta-analysis. In: Vaccine. Band 25, Nr. 26, 21. Juni 2007, S. 4875–4879, doi:10.1016/j.vaccine.2007.02.077, PMID 17400342. 20 https://www.cdc.gov/nchs/data/vsrr/vsrr033.pdf, dort S. 4 21 Doris Oberle et al.: Impfkomplikationen und der Umgang mit Verdachtsfällen. In: Bundesgesundheitsblatt. Band 62, Nr. 4, 1. April 2019, S. 450–461, doi:10.1007/s00103-019-02913-1. 22 Einzelheiten über Sawyers schrecklichen Fall sind hier nachzulesen: https://jennifermargulis.substack.com/p/autopsy-confirms-infant-died-from, https://childrenshealthdefense.org/defender/maine-baby-sawyer-vaccine-death-aluminum/?utm_id=20230917, https://childrenshealthdefense.org/wp-content/uploads/Sawyer-Death-Certificate.jpg; https://childrenshealthdefense.org/wp-content/uploads/Sawyer-Tox-Report.jpg Titelbild: Collage aus 3 Fotos (Freepik, childrenshealthdefense.org)

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