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  • Dr. Harald Wiesendanger

Warum manche Laien die besseren Therapeuten sind

Aktualisiert: 7. Jan.

Wenn Laien beim Beraten und Behandeln psychisch Belasteter weniger zustande bringen als Profis, dann häufig deshalb, weil ihnen von vornherein nicht mehr zugetraut wird – aufgrund von Defiziten, die für den Therapieerfolg im Grunde unerheblich sind.




Zumindest in westlichen Industrieländern ist der Prestigevorsprung berufsmäßiger Seelenheiler inzwischen so gewaltig, dass es geradezu wundersam anmutet, wie heutzutage überhaupt noch irgendwelche Studien ergeben können, dass Laien vergleichbar gut helfen. Denn Titeln und Urkunden, akademischem Wissen und Können vertrauen Versuchspersonen schließlich nicht minder als der Rest der Bevölkerung.


Wie kann es Laien überhaupt gelingen, das Ansehensplus von Profis wettzumachen? Was zeichnet sie aus, was könnten sie berufsmäßigen, wissenschaftlich geschulten Psychotherapeuten und Psychiatern sogar voraushaben?


Nichts geht über Empathie


Der Schlüssel dazu liegt in einer fabelhaften Kulturtechnik: dem zwischenmenschlichen Verstehen. (1) Von frühester Kindheit an erwarben und trainierten wir die Fähigkeit, das Erleben und Fühlen, Denken und Handeln unserer Mitmenschen nachzuvollziehen und es aus seinen Gründen heraus zu erklären. Damit begannen wir, lange bevor wir sprechen lernten.


Wie das Beherrschen von Sprache und jede sonstige Fähigkeit, so prägt sich allerdings auch diese unterschiedlich stark aus: Je nach individueller Begabung, sozialem Umfeld und Herausforderungen im Lebenslauf kann sie wachsen, aber auch verkümmern. Eine gewaltige Bandbreite tut sich da auf, nicht anders als zwischen dem „Was-geht-ab-ey-isch-geh-Dissko“-Gestammel des digitaldementen Prolls und der Wortgewalt eines Literaturpreisträgers. Deshalb wäre es Humbug, „den“ Laien schlechthin zur ernsthaften Konkurrenz für professionelle Psychotherapeuten zu verklären. Um uns herum wimmelt es von Zeitgenossen, deren Empathie himmelschreiend unterentwickelt ist. Manche unter uns beherrschen sie andererseits derart herausragend, dass sie viele Psychoprofis locker in den Schatten stellen. Gestützt auf Intuition und Lebenserfahrung, reagieren sie spontaner, ihre Anteilnahme wirkt emotionaler und glaubhafter, leiseste Befindlichkeitssignale beachten und bewerten sie feinfühliger. Ihre Emotionale Intelligenz (2) – die Fähigkeit, eigene und fremde Gefühle wahrzunehmen, zu verstehen und zu beeinflussen - ist häufig ausgeprägter, und darin liegt ein entscheidender Vorteil: In Hilfekontexten schlägt der EQ den IQ um Längen.


Ungefördertes Talent


Begabungen fürs Helfen und Heilen werden von unserem Bildungssystem eher unterdrückt als gefördert - mit absehbarem Ergebnis. In ihrem Umgang mit Hilfesuchenden vermittelt ein Großteil unserer professionellen Psychotherapeuten und Psychiater den Eindruck: Je erfolgreicher sie den Bildungsbetrieb durchlaufen haben, desto weniger eignen sie sich für ihren Beruf.


In der deutschen Bevölkerung allgemein liegt der Anteil derer, die erfolgreich ein Hochschulstudium abgeschlossen haben, bei fünfzehn Prozent. (3) Unter psychotherapeutisch tätigen Ärzten und Psychologen gelang dies hingegen hundert Prozent. Dafür mussten sie anfangs mehr oder minder hohe Zulassungshürden überspringen. Je nach Universität benötigt momentan einen Notendurchschnitt zwischen 1,0 und 1,9 im Abiturszeugnis, wer sich dort für ein Psychologiestudium einschreiben will. (Es sei denn, er nimmt Wartezeiten bis zu acht Jahren in Kauf. (4) Für den Traumberuf Psychiater ist zuallererst eine Abi-Traumnote nahe 1,0 erforderlich, so hoch liegt bundesweit der Numerus clausus für ein Medizinstudium seit langem. Woher nimmt unser Kultuswesen die Zuversicht, dass aus allerbesten Abiturienten eines Tages allerbeste Ärzte und Psychologen werden?


Ein Einserabitur zeigt ziemlich zuverlässig die Fähigkeit an, sich jenes umfassendes Fachwissen anzueignen, das auf Unis verlangt wird. Aber womöglich versäumt es ein Großteil der gymnasialen Klassenprimusse ihrer beharrlichen Streberei wegen, jene sozialen Kompetenzen zu trainieren, die Patienten von ihren berufsmäßigen Helfern nicht minder erwarten: Mitgefühl, Perspektivenwechsel, kommunikatives Geschick, Achtsamkeit, Wertschätzung, Anteil- und Rücksichtnahme. Während ihres verkopften, alltagsfernen Studiums erhalten angehende Psychoprofis darin kaum Nachhilfe, im Gegenteil. Die begehrte Eintrittskarte in die seelenheilkundliche Berufswelt, das Hochschuldiplom, ergattert nur, wer sich von seinen Lehrern einbleuen lässt, ausgerechnet jenes Erkenntnisinstrument als „bloß subjektiv“ geringzuschätzen, das mehr als jedes andere erhellt, was im Gegenüber vorgeht: Empathie. Damit nötigt der Hochschulbetrieb angehende Seelenhelfer, in einem Akt der Selbstvergewaltigung eine soziale Schlüsselkompetenz zu unterdrücken, um sich dem Vorrang der reinen Methode zu unterwerfen, für die Stimme des Herzens taub zu werden und evidenzbasierte Lehrmeinungen möglichst willfährig umzusetzen. Insofern betätigen sich unsere psychologischen und psychiatrischen Fakultäten seit jeher als Kastrationsanstalten.


Polemik ist unsachlich. Deftige Kritik an unserem unseligem Hochschulwesen hingegen hat vorzügliche Gründe. Sie bestehen aus empirischen Untersuchungen, die übereinstimmend belegen: Während Studienanfänger im Fach Psychologie seelisch Belasteten besser helfen als Laien, liegt ihr Kompetenzniveau nach dem Studium niedriger - übrigens auch im Vergleich mit den eigenen Ausgangsleistungen. (5)


Für den Therapieforscher Robert Carkhuff lässt diese Rückentwicklung nur einen Schluss zu: „Im Laufe ihrer Ausbildung widerfährt den Studenten etwas Zerstörerisches.“ (6) Dieses „Etwas“ vermutet er in der Verkopftheit des Studiums: Es verenge ihren Blick auf Gedankensysteme und abstrakte Methodik. Es vermittle ihnen stereotype Vorstellungen von der eigenen Beziehung zu Hilfesuchenden. Und es erziehe ihnen Berufsrollen an, die sie zu folgsamen Anwendern systematisierten Wissens machen, ausgerichtet am Ideal einer ebenso wortlastigen wie zuwendungsarmen professionellen Distanz.


Dabei missachten Hochschulen gesicherte Erkenntnisse der Psychotherapieforschung: Intellektuelle Haltung und Wissen hängen demnach wenig bis gar nicht mit jenen Fähigkeiten zusammen, auf die es für hilfreiches Beistehen ankommt. (7) Wie schädlich sich das übliche Psychologiestudium auf Empathie, Wahrnehmung und Einschätzungsvermögen gegenüber Mitmenschen auswirkt, haben seit den fünfziger Jahren etliche Studien zum Vorschein gebracht. (8) Was Profis zustande bringen, führen sie selbst vor allem auf erlernte Theorien und Techniken zurück - Patienten hingegen in erster Linie auf Art und Qualität des Verhältnisses, das zwischen den beiden entsteht. Die menschliche Seite des Helfers, die persönliche Beziehung zu ihm erachten sie als besonders wichtig. (9) Recht haben sie.


Verkopfte Psychotechniker


Allzu viele Seelenklempner fremdeln mit ihrer Kundschaft aus demselben Grund wie manche Geistlichen mit ihrer Kirchengemeinde: Sie treten ihr gegenüber als wortgewandte, hochgebildete Medizinfunktionäre, deren Gelehrsamkeit Mühe hat, zwischen zwei Buchdeckel zu passen – gedankenschwere, grübelfaltige Großhirnrindler, die mit Fachchinesisch erheblich weniger Mühe haben als mit der Sprache des Herzens. Seelischer Beistand scheint ihnen seine reifste, vollendetste Form erst zu erreichen, wenn er sich als Conclusio aus einem mindestens quadratkilometergroßen Geflecht von evidenzbasierten Argumentationsfäden ergibt. Helfen und Heilen entspringen somit nicht mehr in erster Linie einer mit gewissen spontanen Emotionen, intuitiven Fähigkeiten, persönlichen Erfahrungen, Werthaltungen und wahrhaftiger Nächstenliebe verbundenen Lebensform, sondern ergeben sich aus intellektuellen Höchstleistungen eines akademisch geschärften Verstandes. Und das befremdet Hilfesuchende.


Vertrautheit erleichtert Verstehen und Helfen


Hinzu kommt: Mit dem Belasteten, seinen Problemen und deren Vorgeschichte, seiner Vergangenheit und momentanen Lebenssituation sind Laien, die ihm nahestehen, in der Regel weitaus länger und eingehender vertraut als ein Profi, zu dem der Hilfesuchende als Wildfremder kommt. Kein Kennerblick ist scharf genug, um binnen weniger Stunden, wenn nicht Minuten mehr von einer Person zu erfassen als jemand, der dem Betreffenden jahre-, manchmal jahrzehntelang zur Seite stand. (10)  


Wenn Menschen in seelischer Not Hilfe suchen, ist das spürbare Interesse des Helfers einer der wichtigsten allgemeinen Wirkfaktoren, von denen abhängt, wieviel er erreicht. Kann jemand, der von Berufs wegen nur gegen Bezahlung arbeitet, Hilfesuchenden eine aufrichtige Neugier glaubhaft machen? Stets stellt sich die Frage, ob seine Zuwendung, seine Anteilnahme echt sind - oder des Honorars wegen vorgetäuscht werden. Laienhelfer haben es da einfacher: Die bloße Tatsache, dass sie sich ehrenamtlich eines Problems annehmen, macht ihre Anteilnahme glaubhafter. Allein dies kann positive Veränderungen auslösen.


Zu den entscheidendsten Vorzügen vieler Laienhelfer zählt: Herzlichkeit. Sie wirken mitfühlender, liebevoller. In einer Umfrage unter Teilnehmern von Therapiecamps meiner Stiftung Auswege würde dieser Pluspunkt bestimmt unter den Top Fünf der Eigenschaften auftauchen, die Patienten an den dortigen Laienhelfern am allermeisten schätzen. Typische Stimmen lauten: „Danke für die Liebe, die ihr uns entgegengebracht habt“, meinte abschließend die Mutter der entwicklungsverzögerten Anja* (8). „Euer aller Hingabe ist kaum zu begreifen. Ich habe mich wie unter Engeln gefühlt“, schwärmte die Mutter eines zehnjährigen Jungen mit Cerebralparese. „Ich habe so unfassbar viel von euch bekommen: Liebe, Fürsorge, Immer-für-mich-da-sein“, lobte die 60-jährige Sofia*, Opfer eines sexuellen Missbrauchs. (11)


Natürlich sind auch Profis dazu imstande, so viel zu geben. Die meisten waren es, ehe sie aus dem Helfen einen Beruf machten, und außerhalb ihrer Arbeit sind sie es vermutlich weiterhin. In ihrem Praxisalltag wäre es allerdings Gift für sie, allzu viel Herzblut einfließen zu lassen. Wer Tag für Tag Menschen zuhören und beistehen will, die sich auf dem Höhepunkt einer psychischen Krise an ihn wenden, der blickt unentwegt in Abgründe. Er erfährt von unsäglichem seelischen Ballast, lernt tragische Schicksale kennen, erfährt von bedrückenden, schier ausweglosen Lebensumständen. Ließe er all das zu sehr an sich heran, ginge er auf die Dauer vor die Hunde, recht bald würde er selbst zum Fall für die Psychiatrie. Was Psychotherapeuten riskieren, die mit allzu großer Anteilnahme bei der Sache sind, führen Filme wie „The Unsaid“ (2001) und „Shut In“ (2016) vor Augen. Innerlich Abstand zu halten, bloß kein Mitleid aufkommen zu lassen, cool bleiben: Für Profis ist das zum Selbstschutz unabdingbar. Falls sie nicht schon während mehrerer hundert praktischer Ausbildungsstunden unter Aufsicht gelernt haben, nur so zu „tun als ob“, gehen sie spätestens im ersten Berufsjahr dazu über. Doch selten wirkt dieses „Als ob“ echt. Ein Großteil ihrer Klienten ist feinfühlig genug, das Spiel zu durchschauen. Vermissen sie Gefühlswärme, so frieren sie und verschließen sich.


Der Laienhelfer kennt den Kontext besser – oft ist er Teil davon


Anders als soziale Unterstützung durch Laien findet Psychotherapie zudem „weithin seltsam kontextentrückt“ und alltagsfern statt, gleichsam in einem „Kokon“, beklagt erstaunlich nestbeschmutzend die Deutsche Gesellschaft für Verhaltenstherapie. (12) Viele Psychoprofis tun so, als gäbe es für ihre Klienten kein Dasein außerhalb der Therapiestunden, keinerlei hilfreiche oder belastende Beziehungen, keine bedeutsamen Lebensumstände. Deshalb haben sie oftmals keine Ahnung, ob das soziale Umfeld die Behandlung stört oder fördert. Folglich versäumen sie es, günstige Einflüsse aus dem privaten Umfeld zu nutzen, um angestrebte Thera­piewirkungen zu verstärken.


Schädliche Hierarchien und Rollenmuster


Wer angstgeplagt, antriebslos oder verzweifelt einen Psycho-Profi aufsucht, trifft oftmals auf jemanden, der unnahbar über ihm thront: Da unten ein armes Würstchen, das sein Innenleben jämmerlicherweise nicht auf die Reihe kriegt – dort oben ein allem Anschein nach gefestigter, in sich ruhender, durch nichts zu erschütternder Helfer, der mit sich selbst im reinen ist. Wie könnte es auch anders sein? Dank seiner wissenschaftlichen Ausbildung weiß der Profi ja schließlich ganz genau, wie man so etwas hinkriegt, oder nicht?


Allzuoft trügt der Schein aber. Auch Psychologen durchleben Tiefs, Selbstzweifel und Sinnfragen nagen an ihnen; Beziehungskrisen und Konflikte, manchmal auch Existenzängste belasten sie. Um ihre psychische Gesundheit steht es keineswegs besser als in anderen Berufsgruppen. In Scheidungsstatistiken belegen Psychologen Spitzenplätze, neben Schauspielern, Schriftstellern und bildenden Künstlern. (13) Burnouts, Alkoholismus, Medikamentenabhängigkeit und emotionale Tiefs, die Psychiater zu ernsthaften Störungen erklären würden, treten bei ihnen gehäuft auf. Die Selbstmordrate liegt unter ihnen dreimal höher als in der übrigen Bevölkerung. (14)


Bloß: Was ihn bedrückt, verbirgt der Profi, das gehört zum sozialen Rollenspiel – was geht derart Privates einen Klienten an? Ein guter Freund ist da wahrhaftiger. Es fällt ihm leichter, sich selbst zu offenbaren, sein Gegenüber in eigene innere Abgründe blicken zu lassen. Wenn dabei zum Vorschein kommt, wie schlecht es auch ihm hin und wieder geht, so kann das jemanden, der Hilfe sucht, enorm erleichtern. Denn es verbindet – man findet eher zueinander, wenn sich nicht bloß einer entblößt. Zu hören, wie es der Ratgeber selbst angestellt hat, schwere Zeiten durchzustehen, gibt dann oft entscheidende Anstöße und Fingerzeige.


Weisheit schlägt Wissen


Einfühlsamkeit ergänzt jenes Bündel von emotionalen und geistigen Eigenschaften, das wir Weisheit nennen. In diesem vorbildlichen Wesenszug, der über angehäuftes Wissen weit hinausgeht, liegt nicht nur der Schlüssel zu einem glücklichen Leben. In Begegnungen eingebracht, erweist er sich als überaus heilsam. Der Weise strahlt heitere Gelassenheit aus. Er verlässt sich nicht auf erste Eindrücke, er schwimmt nicht mit dem Strom, handelt nicht aus dem Affekt heraus. Er ereifert sich nicht. Er ruht in sich selbst, nichts bringt ihn so schnell aus der Fassung. Aus schmerzlichen Erlebnissen, die auch ihm nicht erspart bleiben, zieht er konstruktive Lehren, die er anderen zugute kommen lässt. Er ist imstande, Personen und Sachverhalte aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten, ohne vorschnell zu urteilen, geschweige denn abzuwerten. Es gelingt ihm, gleichsam innerlich einen Schritt zurückzutreten, auf Abstand zu sich selbst zu gehen, eigene Überzeugungen zu hinterfragen. Auch schwierige Probleme erfasst er in ihrer ganzen Komplexität, bringt sie auf den Punkt, findet klare, ausgewogene, einleuchtende Antworten. Der Weise nimmt sich nicht allzu wichtig und widersteht dem schwer zu bändigenden Drang, in möglichst gutem Licht dazustehen. Er bringt es fertig, eigene Fehler und Schwächen freimütig einzugestehen – und über sie zu lächeln. Statt an Gewohntem festzuhalten, ist er offen für Neues und Fremdes. Er achtet Mitmenschen, die anders denken und fühlen, aussehen und sich verhalten. Nur einer von 300 Erwachsenen besitze diese Grundtugend in höchster Ausprägung, schätzt die Weisheitsforscherin Ute Kunzmann von der Universität Leipzig. (15) Einem von ihnen zu begegnen, tut jedem seelisch Belasteten gut. Dass Psychoprofis diese Tugend eher auszeichnet als lebenserfahrene, besonnene Laien, bezweifle ich.


Lehrreiche “Auswege”-Camps


Weitere Hinweise darauf, was Laien Profis außerdem voraushaben könnten, verdanke ich vereinzelten „Auswege“-Camps, in denen professionelle Seelenheilkundige dem Gesamtergebnis eher abträglich als förderlich waren. Dort, wie auch im Praxisalltag, wirken Profis manchmal allzu routiniert und abgebrüht. Bei unserem 17. Therapiecamp im Oktober 2014 wurde ein überaus erfahrener kognitiver Verhaltenstherapeut von unseren Teilnehmern regelrecht boykottiert: Während die Terminlisten der übrigen Teammitglieder, allesamt nichtlizenzierte Laienpsychologen, von morgens bis abends durchgehend voll waren, blieb er vom zweiten Camptag an weitgehend beschäftigungslos, weshalb er frustriert vorzeitig ab­reisen wollte. Patienten und Angehörige störten sich unter anderem an seinem maskenhaften Dauergrinsen und unentwegten Kopfnicken.


Aus ihrer Ausbildung und Berufserfahrung leiten Profis einen Erkenntnisvorsprung ab, der sie zur Besserwisserei neigen lässt, doktrinär und kritikunfähig machen kann. Als Vertreter einer bestimmten Schule halten sie oftmals verbissen an ihrer Lieblingstheorie fest, über begründete Ahnungen des Hilfesuchenden hinweg, woher seine Belastungen rühren könnten. An die speziellen Methoden, die sie im Laufe ihrer Ausbildung erlernt haben, klammern sich viele Profis auf Teufel komm raus: So, und keinesfalls anders, müsse vorgegangen werden, beharren sie - auch dann noch, wenn die Nutzlosigkeit ihrer Anstrengungen immer offenkundiger, die Widerstände des Klienten immer stärker werden. Nach einmal gestellten Diagnosen verengt sich ihr Blick auf Symptome, Ereignisse und Vorgänge, die dazu lehrbuchgemäß passen. Deshalb neigen sie dazu, Merkmale und Umstände des Klienten zu übersehen oder zu unterschätzen, die darüber hinausreichen. So vermitteln sie ihm das ungute Gefühl, in eine Schublade gezwängt zu werden.


Wer nicht, wie Psychoamateure, bloß gelegentlich seelischen Beistand leistet, sondern unentwegt zu helfen versucht, läuft Gefahr, dabei abzustumpfen und auszubrennen. Nach vier bis sechs Berufsjahren, das belegen Studien (16), schwindet bei einem Großteil professioneller Psychotherapeuten die emotionale Anteilnahme. Die meisten fühlen sich „ausgelaugt und fertig“, haben „das Mitleid verlernt“, ihre „Spontaneität verloren“, sagen sie. Das Bedürfnis wächst, sich von ihrer Kundschaft innerlich zu distanzieren. An Erlebnissen von Hilflosigkeit und Ohnmacht leiden sie zunehmend. Dass sie kaum je Rückmeldungen von ihren Klienten bekommen, frustriert sie. 14 Prozent geben an, nicht mehr an die eigene Wirksamkeit zu glauben. Was haben sie dann noch in ihrem Beruf verloren?


All diese Faktoren tragen dazu bei, dass in „Auswege“-Camps die Erfolgsquote bei seelisch Belasteten weder deutlich anstieg, sobald Psychoprofis mitwirkten, noch in deren Abwesenheit gravierend absackte.


An Standesehre gekratzt


Dass ein gestandener Psychotherapeut derartige Befunde als Schlag ins Gesicht empfinden muss, ist ihm mühelos nachzufühlen. Sie bringen sein Selbstverständnis ins Wanken, sie kratzen an seiner Standesehre, sie untergraben seine Autorität, sie nagen an seinem Selbstwertgefühl. Was empfände ein gelernter Koch, wenn er einräumen müsste, dass Oma Berta den Sauerbraten besser hinkriegt als er? Wie erginge es einem Zahnarzt, wenn er mitansehen müsste, wie Hinz und Kunz ein malades Gebiss mindestens ebenso gut saniert wie er? Wie wäre einem Piloten zumute, wenn er im Cockpit kurz vor dem Abflug erfährt, dass seine Boeing heute von einem aeronautischen Quereinsteiger gesteuert wird? Der startet sicher, fliegt um den halben Globus, landet butterweich, heimst den Applaus der Passagiere ein – und erst jetzt stellt sich heraus: Der Kollege ist ein blutiger Amateur, der sich das Fliegen selber beigebracht hat. „Wenn das so einfach wäre“, würde sich der professionelle Pilot zurecht fragen, „wozu habe ich dann eine jahrelange anspruchsvolle Ausbildung durchlaufen?“


Wie sehr eine solche Erfahrung kränken kann, führte mir Beate K.* vor Augen, eine Diplom-Psychologin Ende Dreißig. Anlässlich des 22. Therapiecamps meiner Stiftung im Juni 2016, eines speziell für Betroffene von Burn-out, Depressionen und Lebenskrisen, hatte ich sie in unser 14-köpfiges Helferteam einbezogen. Drei Tage lang erlebte Beate aus nächster Nähe mit, dass ein Großteil der psychisch Schwerbelasteten – 16 Patienten zwischen 36 und 73 Jahren – im Nu Fortschritte machten wie zuvor seit Monaten und Jahren nicht. Weder staatlich anerkannte Psychotherapeuten noch psychiatrische Fachärzte, weder stationäre Klinikaufenthalte noch rezeptgemäß eingenommene Psychopharmaka hatten zuvor deren Pein gelindert. Während dreier abendlicher Teambesprechungen hatte Beate Gelegenheit, unsere Helfer aus deren Sitzungen durchweg Hocherfreuliches berichten zu hören. Von frühmorgens bis spätabends liefen ihr im und ums Camphaus unentwegt Teilnehmer über den Weg, in deren strahlenden Gesichtern sie lesen konnte, um wieviel besser es ihnen seit ihrer Ankunft ging.


Trotzdem packte Beate schon am Abend des dritten Camptags ihre Koffer: „Das alles hier kann ich nicht länger mittragen.“


Wieso denn? Hier werde „nicht fachgerecht“ vorgegangen, bemängelte sie. Es gebe „einfach ein Grund-ABC, ein Handwerkszeug, gewisse Regeln und Strategien im Umgang mit bestimmten Diagnosen, die sich auf professioneller Ebene seit Jahrzehnten bewährt haben“. Damit „das alles hier professionell wird“, müsste „auf Strukturebene einiges umgestellt werden“. Schmerzlich vermisste sie „eine grundlegendere, professionellere Haltung“. Meinte sie mit „unprofessionell“, ihrer Lieblingsvokabel, nicht eher „unkonventionell“? Hat denn nicht recht, wer heilt?


Unser Tempo sei „zu hoch“, „schnell ist nicht gleich gut“. Also wären keine Erfolge oder solche, die auf sich warten lassen, wünschenswerter als rasche – und pauschale Tempolimits für therapeutisches Vorwärtskommen dringend geboten?


„Ihr könnt euch nicht abkoppeln vom Gesundheitssystem“, warf sie ein, „denn dorthin müssen eure Patienten ja anschließend wieder zurück.“ Müssen wir uns dafür entschuldigen, Systemgeschädigten die hilfreichere Medizin zu bieten, und danach trachten, bei uns drinnen dem Draußen nachzueifern?


Wo in Wahrheit der Hase im Pfeffer lag, brachte Beate schließlich selbst auf den Punkt: Sie sei „eben von meiner Berufssozialisation geprägt“, „ich hab´s halt anders gelernt“ und „kann einfach nicht aus meiner Haut“. Was sie letztlich das Weite suchen ließ, nennen ihre Fachkollegen eine „kognitive Dissonanz“: jenen unangenehmen Gemütszustand, der sich einstellt, wenn man mehrere Kognitionen hegt – Wahrnehmungen, Gedanken, Meinungen, Einstellungen, Wünsche, Werte oder Absichten -, die miteinander unvereinbar sind.

Um wie viel unbehaglicher muss Beate da erst in Anbetracht des nächsten Kapitels zumute sein?

 

Dieser Text ist ein Auszug aus Harald Wiesendanger: Psycholügen, Band 3: Seelentief: ein Fall für Profis?, Schönbrunn 2017, 2. erw. u. aktualisierte Aufl. 2024; 124 S., auch als PDF.


Die Folgen dieser Serie („Helfen Psycho-Profis wirklich besser?“)

10    Pragmatismus statt Lobbyismus - Für eine weise Psycho-Politik

 

Anmerkungen

1  Näheres in Band 4 meiner Schriftenreihe Psycholügen, Schönbrunn 2017: Stochern im Nebel - Psycho-Profis erklären nicht besser, was in uns vorgeht.

2  Daniel Goleman: Emotionale Intellgenz, München 1996; Peter Salovey/John D. Mayer: “Emotional Intelligence”, Imagination, Cognition, and Personality, Band 9. S. 185–211; John D. Mayer/P. Salovey/D. R. Caruso: “Emotional Intelligence: Theory, Findings and Implications”, Psychological Inquiry 15/2004. S. 197–215.

3 Nach Erhebungen der OECD: Bildung auf einen Blick – OECD-Indikatoren 2006, Paris 2006.

4  Nach www.nc-werte.info/studiengang/psychologie, Stand: Februar 2015.

5  R. Carkhuff/B. G. Berenson: Beyond counseling and therapy, New York 1967; R. Carkhuff/D. Kratochvil/T. Friel: „The effects of graduate training“, Journal of Counseling Psychology 15/1968, S. 117-126.

6  Zit. R. Carkhuff: „Differential functioning ...“, a.a.O., S. 120

7  R. Carkhuff, ebda., S. 121

8  F. N. Arnhoff: „Some factors influencing the unreliability of clinical judgments“, Journal of Clinical Psychology 10/1954, S. 272-275; E. Taft: „Ability to judge people“, Psychological Bulletin 52/1955, S. 1-23; J. E. Chance/W. Meaders: „Needs and interpersonal perception“, Journal of Personality 28/1960, S. 200-210; J. H. Weiss: „Effect of professional training and amount of accuracy of information on behavioral prediction“, Journal of Consulting Psychology 27/1963, S. 257-262; R. Melloh: Accurate empathy and counselor effectiveness, unveröffentlichte Dissertation 1964, zit. nach B. J. Kalisch: „Strategies for developing nurse empathy“, Nursing Outlook 11/1971, S. 714-718.

9  Irvin D. Yalom: Gruppenpsychotherapie - Ein Handbuch, München 1974, S. 80 f.

10  Ein besonders eindrückliches Fallbeispiel schildere ich in Band 10 meiner Schriftenreihe Psycholügen: Der Psychofalle entkommen - Wie psychisch Belastete einen Ausweg fanden - ohne professionelle Seelenhelfer und Chemikalien, Schönbrunn 2017, darin das Kapitel “Die Blitzheilung einer Schwerstdepressiven”, S. 92-108, https://stiftung-auswege-shop.gambiocloud.com/der-psychofalle-entkommen-auswege-schriftenreihe-psycholuegen-band-10-printausgabe.html

11 Stimmen von Campteilnehmern zitiert die Stiftung Auswege in ausführlichen Dokumentationen ihrer Therapiecamps, s. www.stiftung-auswege. de/veranstaltungen/fruehere-camps.html.

12 In einem Schwerpunktheft über „Extratherapeutische Wirkfaktoren“ ihrer Zeitschrift Verhaltenstherapie & Psychosoziale Praxis 46 (2) 2014.

13 Hans-Ulrich Ahlborn: „Psychotherapie und ihre Risiken“, Paracelsus-Magazin 6/1997.

14 James D. Guy/Gary P. Liabuc: „The impact of conducting psychotherapy on psychotherapists´ interpersonal functioning“, Professional Psychology: Research and Practice 17 (2) 1986, S. 111-114.

15  Nach Süddeutsche Zeitung Nr. 24, 30.1.2017, S. 16: „Vernunft mit Gefühl“, U. Kunzmann: „Wisdom“, in R. Schulz (Hrsg.): The Encyclopedia of Aging, 4. Aufl. New York 2006.

16  Dieter Kleiber (Hrsg.): Die Zukunft des Helfens. Neue Wege und Aufgaben psychosozialer Praxis, Weinheim 1986; ders. mit A. Kuhr (Hrsg.): Handlungsfehler und Misserfolge in der Psychotherapie, Tübingen 1988.

Titelbild: erzeugt mittels Microsofts KI „Bing Image Creator“.

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