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  • Dr. Harald Wiesendanger

Raumschiff Erde: ein Lazarett

Aktualisiert: 27. Juni

Falls Außerirdische tatsächlich seit langem den blauen Planeten umschwirren: Warum landen sie nicht endlich? Bestimmt fürchten sie die Infektion mit einem Hirnvirus, das Befallene anscheinend in den Irrsinn treibt: sich einem Gesundheitswesen auszuliefern, das von Krankheit lebt.



Das eine oder andere Ufo bestaunten schon die alten Ägypter und Römer, die Azteken und Mayas. Doch massenhaft am Himmel tummeln sich die flinken Dinger seltsamerweise erst seit der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts – just als die terrestrische Gesundheitskrise einsetzte, die immer mehr Erdbewohner in chronisch Kranke verwandelt. Kann dieser zeitliche Zusammenhang Zufall sein? Gewiss fand die Erde damals Aufnahme in den UWHTA-Reisekatalog (Universal Worm Hole Travel Agency) – als Hauptattraktion des intergalaktischen Ferntourismus, denn sie dürfte der einzige bewohnte Planet im Universum sein, dessen Bewohner (a) gelegentlich zwar ansatzweise Intelligenz erkennen lassen, jedoch (b) seit Jahrzehnten anscheinend ein Gesundheitszerstörungsprogramm verfolgen, worin sie (c) unverdrossen wissenschaftlich-technischen Fortschritt erkennen.


Aber wieso landen neugierige Außerirdische nicht scharenweise bei uns, für Sightseeings und Shakehands? Warum schwirren sie weiterhin in sicherem Abstand über unseren Köpfen herum, um nach einer kurzen Weile beinahe lichtgeschwind wieder das Weite zu suchen? Vermutlich weil die ET-Touristen befürchten, sie könnten sich mit jenem Hirnvirus infizieren, das unser unsägliches Medizinsystem hervorgebracht hat und aufrechterhält: eine monströse Maschine, die umso besser funktioniert, je schlechter wir es tun – je mehr wir verlieren, was wir für unser höchstes Gut erachten.


Diese Medizin hat so gewaltige Fortschritte gemacht, dass in ihren Hochburgen, westlichen Industrieländern, inzwischen jeder Zweite chronisch krank ist – Tendenz steigend. Schon 20 bis 30 Prozent leiden an mehreren Krankheiten gleichzeitig. (1) Und je älter, desto öfter und schlimmer: In Deutschland beispielsweise liegen bei 76 Prozent der Frauen und  68 Prozent der Männer in der Altersgruppe der 65- bis 74-Jährigen zwei und mehr chronische Erkrankungen gleichzeitig vor. Ab 75 Jahren steigt der Anteil auf 82 Prozent bei Frauen und 74 Prozent bei Männern. (2) In der Altersgruppe der 65- bis 74-jährigen liegen bei jeder vierten Frau und jedem fünften Mann fünf und mehr chronische Erkrankungen gleichzeitig vor; ab 75 Jahren sind 35 Prozent der Frauen und 26 Prozent der Männer betroffen.


Je mehr Multimorbide es gibt, desto häufiger werden Arztbesuche (3) und Klinikaufenthalte. Desto häufiger ist der Arzt überfordert – denn ein  Patient mit  mehreren Diagnosen ist nicht  das gleiche wie mehrere Patienten mit jeweils einer. Oft beeinflussen sich die Krankheiten gegenseitig. Gleiches gilt für die Behandlungen. Und je mehr Krankheiten auftreten, desto mehr Rezepte und Überweisungen werden ausgestellt. (4) Desto mehr Kosten fallen an. (5) Desto öfter sorgt Polypharmazie, der gleichzeitige Einsatz mehrerer Arzneimittel, für unkontrollierte, gefährliche Nebenwirkungen, über jene hinaus, die jedes einzelne Präparat ohnehin schon mit sich bringt. Ein Medikament kann Effekte von anderen verstärken oder abschwächen. Neuartige Effekte können auftreten, die keines der Präparate aufgewiesen hätte, wenn es einzeln eingesetzt worden wäre. Mit der Multimedikation steigt in der Regel auch die psychische Belastung.


Raumschiff Erde ist dabei, sich in ein Lazarett zu verwandeln. Die meisten Passagiere sind schon drinnen, der Rest steht anscheinend kurz davor. Wo bleibt der allgemeine Aufschrei des blanken Entsetzens über solche grauenvollen Zustände und Aussichten? Warum finden von New York bis Tokio, von London bis Sydney nicht längst Massenproteste statt – gegen eine offenkundig verfehlte Gesundheitspolitik, gegen unterlassene Aufklärung, gegen mangelhaften Schutz vor alledem, was uns und unsere Liebsten krank macht? Wenn Schüler weltweit den Unterricht schwänzen, um für den Klimaschutz an „Fridays for Future“ auf die Straße zu gehen – müssten sie ihrem eigenen Gesundheitsschutz zuliebe dann nicht schleunigst ganze „Weeks for Future“ stattfinden lassen? Und wo bleibt die Empörung ihrer Eltern darüber, welche medizinische Zukunft ihrem Nachwuchs blüht? Warum schweigen die Lämmer? Sie lassen sich ablenken, einlullen und täuschen. Es ist ihnen lästig, Verantwortung zu übernehmen. Sie versäumen es, die richtigen Fragen zu stellen – beispielsweise nach den wahren Ursachen des weltweiten Gesundheitsnotstands.


Die Wahrheit ist einfach


„Die Wahrheit ist einfach“, lehrte Buddha. An das moderne Gesundheitswesen dachte er dabei eher nicht, hätte aber auch hierbei goldrichtig gelegen. Die simple Wahrheit lautet: An Gesunden gibt es nichts zu verdienen. An Toten ebensowenig. Lukrativ sind die dazwischen: die chronisch Kranken. Das Geschäft mit ihnen läuft umso besser, je mehr es davon gibt. Je früher sie es werden. Je länger sie es bleiben. Je mehr medizinische Waren und Dienstleistungen sie währenddessen konsumieren. Dem Geschäft abträglich sind: Wissen um den wahren Nutzen dieser Güter, um das tatsächliche Ausmaß ihrer Nebenwirkungen und Risiken; effektive Vorsorge; und bewährte, preiswerte Behandlungsalternativen. 


Was folgt aus alledem logisch über das wahre, oberste Ziel der irdischen Gesundheitsökonomie? Über Behörden, die deren Profiteure gewähren lassen? Über Politiker, die nichts ändern? Über Wähler, die solchen Politikern ihre Stimme geben? Über Medien, die schweigen? Über Ärzte, die Beihilfe leisten? Und über Patienten, die mitspielen?


Unter solchen Umständen kann niemand es ET verübeln, dass er sich nähere Begegnungen mit Homo insapiens möglichst ersparen will – und seine Neugier lieber auf sichere Distanz befriedigt, vom schwebenden Ufo aus.

 

Auszüge aus Harald Wiesendanger: Das Gesundheitsunwesen - Wie wir es durchschauen, überleben und verwandeln (2019), S. 7, 9, 38 und 42-45.


Anmerkungen

1 „Multimorbidität: Wenn Krankheiten interagieren“, Deutsches Ärzteblatt 114 (20) 2017, A-998/B-830/C-812, https://www.aerzteblatt.de/archiv/188825/Multimorbiditaet-Wenn-Krankheiten-interagieren

2  J. Fuchs u.a.: „Prevalence and patterns of morbidity among adults in Germany. Results of the German telephone  health  interview  survey  German  Health  Update  (GEDA)  2009“. Bundesgesundheitsblatt - Gesundheitsforschung – Gesundheitsschutz 55(4) 2012, S. 576-586, https://link.springer.com/article/10.1007%2Fs00103-012-1464-9.

3  A. Hessel u.a.: „Inanspruchnahme medizinischer Leistungen und Medikamenteneinnahme bei über 60-Jährigen in Deutschland –  gesundheitliche, sozialstrukturelle, soziodemographische und subjektive Faktoren.“ Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie 33/2000, S. 89–99; G. Laux u.a.: „Co- and multimorbidity patterns in primary care based on episodes of care: results from the German CONTENT project“,BMC Health Services Research 8/2008, S. 14–21.

4  T. Kühlein u.a.: „Kontinuierliche Morbiditätsregistrierung in der Hausarztpraxis. Vom Beratungsanlass zum Beratungsergebnis“, München 2008.

5  G. Anderson u.a.: „The growing burden of chronic disease in America“, Public Health Report 119/2004, S. 263–270, https://journals.sagepub.com/doi/reader/10.1016/j.phr.2004.04.005

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