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  • Dr. Harald Wiesendanger

Psychotherapie als Gefahrenherd

Aktualisiert: 7. Jan.

Die Fachwelt ist sich einig, Medien hinterfragen sie nicht: Angeblich gehören psychisch Belastete unbedingt in die Hände von wissenschaftlich ausgebildeten Profis. Denn Laien könnten gewaltigen Schaden anrichten, so heißt es. Verschwiegen werden Risiken und Nebenwirkungen von Psychotherapie – oft macht sie alles nur noch schlimmer.




 „Kommt eine Psychotherapie für Sie in Betracht?“ Jeder Fünfte, den ernste seelische Nöte plagen, antwortet darauf mit einem „Nein“. Häufigste Begründungen: Man halte nichts von ihr, man habe Angst vor ihr. (1) „Die Dunkelziffer liegt hier wohl noch sehr viel höher“, vermutet die Psychologin Kirsten von Sydow von der Uni Hamburg, die 103 Studien über das öffentliche Image der Psycho-Berufe aus den Jahren 1948 bis 2006 auswertete. (2)


Der Argwohn ist wohlbegründet, auch die restlichen vier Fünftel täten gut daran, ihn zu hegen. Denn vermeintliche Professionalität bewahrt sie nicht zuverlässig davor, Schaden zu nehmen. Fast jedem zweiten Patienten geht es, Studien zufolge (3), nach einer Psychotherapie nicht besser als vorher. (4) „Etwa zehn Prozent der Psychotherapie-Patienten erfahren schwerwiegende und länger andauernde Nebenwirkungen“, erklärt Michael Linden, Neurologe, Psychiater und Psychotherapeut an der Charité in Berlin. (5) Das gängige Stereotyp „Reden schadet nicht“ führt in die Irre.


Die Risiken und Nebenwirkungen sind vielfältig. Seit Januar 2012 zwingt das neue Patientenrechtegesetz Therapeuten dazu, vor Beginn der Behandlung auf sie hinzuweisen, ausführlich und verständlich.


Schiefgehen kann viel


Weil Klienten immer auch Einkommensquellen darstellen, erliegen manche Therapeuten der Versuchung, sie an sich zu binden. Durch Versprechungen oder Drohungen üben sie auf Hilfesuchende mehr oder minder sanften Druck aus, eine Behandlung auch dann noch fortzusetzen und keinesfalls abzubrechen, wenn immer offenkundiger wird, dass sie nichts bringt.


Oftmals versäumen sie es, mögliche körperliche Ursachen in Betracht zu ziehen. So ist nicht jede Depression psychischen Ursprungs. Dahinter können vielerlei körperliche Erkrankungen stecken: Stoffwechselstörungen der Schilddrüse und im Gehirn, chronische Entzündungen, Vitamin-B12/D3-Mangel, Hormonmangel und andere pathologische Prozesse. (6)


Manche Psycho-Profis unternehmen zuwenig, um eine unnötig starke emotionale Bindung des Hilfesuchenden an sie zu verhindern. Gegen seinen Willen und Widerstand verfolgen sie Therapieziele, die ihnen erstrebenswerter erscheinen als ihm. Sie genießen die Machtstellung, die ihnen die Hilfsbedürftigkeit des Klienten verschafft: den Besserwisser geben, bloßstellen und dirigieren, Aufmerksamkeit gewähren oder entziehen.


Oder sie reden ihm Phantasiegebilde ein. Vor allem in den neunziger Jahren liefen in den USA mehrere Gerichtsverfahren gegen Analytiker, deren Patienten nach bohrenden Suggestivfragen Verwandte fälschlicherweise des sexuellen Missbrauchs bezichtigt hatten. (7) Hierzulande berät der Verein False Memory Deutschland Menschen, die aufgrund einer Pseudoerinnerung des Missbrauchs beschuldigt werden.


Freud selbst hatte sich auf die groteske Behauptung verstiegen, vermeintliche Erinnerungen von Patientinnen daran, in ihrer Kindheit sexuell missbraucht worden zu sein, würden niemals auf realen Geschehnissen beruhen, sondern grundsätzlich auf Hirngespinsten – zum Leidwesen unzähliger Frauen, denen tatsächlich Gewalt widerfahren war. (8)


Sexuelle Übergriffe, fast immer gegenüber weiblichen Klienten, kommen in psychotherapeutischen Praxen weitaus häufiger vor, als Fachkreise wahrhaben wollen: Je nach Definition des Begriffs „sexueller Kontakt“ bleiben einem bis zwölf Prozent derartige Erfahrungen nicht erspart. (9)


Manche Patienten verleitet Psychotherapie zu einem Egotrip. Womöglich erstmals in ihrem Leben lernen sie, auf die eigenen Bedürfnisse achtzugeben. Anschließend sind sie so sehr auf sich selbst bezogen, dass sie am Arbeitsplatz und zu Hause nicht mehr klarkamen: Sie trennten sich vom Partner, kündigten den Job, brachen Kontakt zu Familie und Freunden ab - und entwickelten Züge einer narzisstischen Persönlichkeit. (10)


Je nach eingesetztem Verfahren drohen weitere üble Nebenwirkungen. Ein schweres Trauma - etwa bei Kriegsveteranen, Opfern von Unfällen, Gewaltverbrechen oder Katastrophen - durch Konfrontation mit dem schrecklichen Erlebnis anzugehen, kann extreme Reaktionen auslösen. Zusätzlich zur „posttraumatischen“ Störung entwickeln Patienten dann eine „dissoziative“: Erinnerung an einzelne belastende Erlebnisse oder ganze Teile ihrer Persönlichkeit, die mit diesen Erlebnissen verbunden sind, spalten sie ab. Symptome reichen von Amnesie über Wahrnehmungs- und Empfindungsstörungen bis hin zu Krampfanfällen und Lähmungserscheinungen.


Häufiger kontraproduktiv als entlastend ist das sogenannte „Debriefing“, bei dem der Psycho-Profi Betroffene und Zeugen eines schrecklichen Geschehens vor einer Posttraumatischen Belastungsstörung zu schützen versucht, indem er es unmittelbar anschließend mit ihnen aufarbeitet. Tatsächlich erlebten derart Behandelte nach drei Jahren deutlich häufiger noch belastende Erinnerungen an die Katastrophe als unbehandelte Beteiligte. (11)


Schiefgehen kann bei einer kognitiven Verhaltenstherapie auch eine „Exposition“: Um eine Angststörung zu überwinden, wird der Betroffene schrittweise der Situation ausgesetzt, die ihn peinigt. Michael Linden, Neurologe, Psychiater und Psychotherapeut an der Charité in Berlin, erinnert sich an einen Patienten, den offene Räume ängstigten. Im Verlauf der Behandlung lernte er, kurze Spaziergänge bis zur nächsten Straßenecke zu machen. Doch bei einer Autofahrt mit seinem Therapeuten erlitt er aus unerfindlichen Gründen eine Panikattacke. Fortan wagte er sich gar nicht mehr aus dem Haus. Die Therapie brach er ab. (12)


Auch Gruppentherapien bergen ihre eigenen Risiken. Ansteckungsgefahr zählt dazu: Wer die bisweilen dramatischen Geschichten anderer hört, schöpft aus dem geteilten Leid nicht immer Kraft, sondern fühlt sich demoralisiert.


Bloß ausnahmsweise?


Therapeutenkreise lassen solche Mängellisten freilich kalt. Schwarze Schafe, Anfänger und Stümper, Nichts- und Wenigkönner tummeln sich schließlich in jedem Berufsfeld, wiegeln sie ab. Selbstverständlich, so räumen sie bereitwillig ein, leisten sich Psychotherapeuten, nicht anders als Ärzte, immer wieder mal schwerwiegende Patzer. Doch diese, beruhigen sie, lassen sich grundsätzlich abstellen: durch noch gründlichere Ausbildung und Supervision, durch eine noch strengere Standesgerichtsbarkeit, durch verschärfte Kontrollmaßnahmen, gerne auch dadurch, dass der Gesetzgeber Patientenrechte stärkt. Im übrigen gehören Risiken und Nebenwirkungen halt zu jeder effektiven Therapie; was nützt, kann immer auch schaden. Hauptsache, der Nutzen überwiegt.


Dabei verkennen sie: Psychotherapie weist Merkmale auf, die sie grundsätzlich gefährlich machen. Sie droht immer Schaden anzurichten.


Erstens: Psychotherapie brandmarkt. Als Teil des medizinischen Versorgungssystems stempelt sie Belastete zu Patienten. Wer sich ihr unterzieht, erklärt sich einverstanden damit, verschubladet zu werden: als Betroffener einer „psychischen Störung“. Dazu wird ihm eine Diagnose verpasst, andernfalls zahlt die Krankenkasse nicht. Diese Etikettierung grenzt ihn aus der Welt der Normalen aus, sie definiert ihn als therapiebedürftigen Symptomträger.


Zweitens: Psychotherapie kann das Selbstbild beschädigen. Denn sie wertet ab. Ehe sie beginnt, fällt ein Urteil, das wissenschaftlich einzuordnen scheint, in Wahrheit aber geringschätzt: „Was du tust und erlebst, weicht von üblichem Erleben und Verhalten ab – es ist abnorm. Derart lange, derart stark darfst du nicht trauern, dich fürchten, dich zurückziehen, hadern, unaufmerksam, wütend, lustlos, launisch, erschüttert sein. So, wie du bist, darfst du nicht bleiben.“


Unter dem verstörenden Eindruck, nicht mehr normal zu sein, verändert sich das Selbstbild des Klienten schleichend in Richtung verbreiteter Vorurteile. Beschleunigt und verstärkt wird dieser Prozess, wenn die Therapie seine tatsächlichen oder vermeintlichen Schwächen in den Vordergrund rückt. Das verleitet ihn dazu, alles und jegliches als Symptom seiner Krankheit zu betrachten. Gilt er erst einmal als gestört, so wird alles verdächtig, was er tut oder sagt, weil er nun unter verschärfter Beobachtung steht - durch Außenstehende, aber auch durch sich selbst. Aus einer ersten, vielleicht vorläufigen Diagnose, die sich womöglich bald als übereilt erwiesen hätte, wird dann allzu leicht eine sich selbst erfüllende Prophezeiung.


Drittens: Psychotherapie kann unselbstständig machen. Zum psychisch Kranken erklärt, wird dem Betroffenen die Fähigkeit abgesprochen - und entsprechendes Bemühen erspart -, aus eigener Kraft zu genesen. Der Medizinbetrieb, in den er sich begeben hat, weckt und bestärkt seinen Glauben, dazu bedürfe es unbedingt des Beistands von Experten – ohne sie kriege er das unmöglich hin. Spötter sprechen vom „Woody-Allen-Syndrom“, so benannt nach dem berühmten amerikanischen Schauspieler und Regisseur, der sich zum Lebensmotto bekennt: „Da muss ich erst mal meinen Therapeuten fragen.“


Viertens: Psychotherapie kann dazu verleiten, soziale Bindungen zu vernachlässigen. Wer sich darauf einlässt, sucht und findet oft niemanden, von dem er sich angenommen und verstanden fühlt. Niemanden, bei dem er sich aussprechen kann, dem er voll und ganz Vertrauen schenkt. Niemanden, der Interesse und Anteilnahme zeigt. Niemanden, der bereit ist, auch bei unerfreulichen, belastenden Themen stundenlang und öfter als einmal zuzuhören, ohne Langeweile oder Überdruss zu zeigen. Niemanden, der ihm Ermahnungen und Vorhaltungen erspart. Von Verwandten, Freunden und Bekannten, im Kollegenkreis, selbst vom Lebensgefährten wähnt er sich unverstanden und missachtet, er fühlt sich einsam.


Im Gegensatz dazu erscheint ihm Psychotherapie als Geschenk des Himmels: Endlich ist da einer, der ihm seine volle Aufmerksamkeit widmet. Dass der Therapeut sich ihm bloß von Berufs wegen und ausschließlich gegen Bezahlung zuwendet, verdrängt er. Psychotherapie ist bequem, im Gegensatz zu dem anstrengenden, zeitraubenden und stets mit Unsicherheiten verbundenen Bemühen, verständnisvolle, hilfsbereite Freunde zu gewinnen. Und weil es der menschlichen Natur entspricht, sich Mühsal möglichst zu ersparen, besteht das Risiko, dass man den angenehmen Weg dem aufwändigeren vorzieht, zumal wenn die Krankenversicherung dafür aufkommt oder solange der eigene Kontostand es zulässt. Insofern gleicht der Besuch beim Psychoprofi durchaus dem Gang ins Bordell, wie der  Psychiatriekritiker Hans Ulrich Gresch bissig anmerkt. Die Gefahr, die bequeme Lösung zu bevorzugen, sei bei der Psychotherapie „sogar noch größer als beim käuflichen Sex, weil letzteren die Kasse nicht bezahlt“. (13) Sie verkauft die Illusion von Freundschaft wie die Hure die Illusion von Liebe.


Fünftens:

Weil die Zuwendung des Therapeuten eine professionelle, keine wahrhaftige ist, mangelt es ihr an Tiefe und Echtheit. Die zeitweilige Erleichterung und Befriedigung, die sie verschafft, wirkt nicht dauerhaft nach, sondern verblasst bald wieder. 45 Therapieminuten vergehen schnell. Diese Konstellation hat Suchtpotential, verbunden mit dem Zwang, immerzu die Dosis zu steigern, und zunehmenden Entzugserscheinungen. Psychotherapie kann zum Nikotin der Seele werden, ebenso rasch wie Zigaretten weckt und steigert ihr Konsum das Verlangen nach mehr. „Im Grunde“, räumt die US-Psychologin Catherine Johnson ein, „müsste es längst Spezialbehandlungen für Therapiesüchtige geben.“ (14)


Sechstens: Psychotherapie kann verblenden. Lebensprobleme entstehen nie bloß „im Inneren“. Sie ergeben sich aus einem hochkomplexen Wechselspiel: zwischen allem, was eine Person ausmacht – ihren eigenen Erlebnissen, Erfahrungen, Wahrnehmungen, Erinnerungen, Gefühlen, Einstellungen, Überzeugungen, Erwartungen, Gewohnheiten, Fähigkeiten, Bedürfnissen, Wünschen, allen Stärken und Schwächen ihrer Persönlichkeit –, mit ihrer sozialen Umgebung, ihren finanziellen Verhältnissen, ihrem soziokulturellen Rahmen in Vergangenheit und Gegenwart. Diese äußeren Umstände klammert Psychotherapie in aller Regel aus. Sie konzentriert sich auf den Betroffenen selbst – und verleitet ihn, dasselbe zu tun. Wer oder was ihn kränkt, bedrängt, überfordert oder quält, gerät aus dem Blick - als Hauptproblem erscheint seine persönliche Unfähigkeit, damit klarzukommen.


Siebtens: Psychotherapie kann Schuldgefühle nähren, und das erhöht den Leidensdruck. Wenn ein psychisches Problem nicht in erster Linie von belastenden äußeren Umständen herrührt, sondern vom Unvermögen des Betroffenen, sich ihnen anzupassen, so liegt der schwarze Peter bei ihm. Er soll sich ändern, während seine Lebensumstände objektiv dieselben bleiben. Je belastender sie sind, desto eher fühlt er sich überfordert, zumal dann, wenn er sie als unabänderlich und unentrinnbar wahrnimmt (womit er recht haben könnte). Anders als die Organmedizin zieht das Unternehmen Psychotherapie Nutzen daraus, dass es offenkundige Fehlschläge stets auf das Versagen dessen schieben kann, der sie in Anspruch nimmt. „Während ein Chirurg bei jedem Schnitzer mit einem ruinösen Kunstfehlerprozess rechnen muss“, bemängelt der Wissenschaftspublizist Rolf Degen, „kann ein Seelendoktor einen Misserfolg mit dem ‘Widerstand’ oder der ‚‘fehlenden Krankheitseinsicht’ seines Anvertrauten bemänteln oder im Fachkauderwelsch entschärfen.“ (15)


Kurzum, Psychotherapie hat das Zeug zum brandgefährlichen Krankmacher. Allzuoft erzeugt, verstärkt und verlängert sie eben jene seelischen Belastungen, denen sie beizukommen vorgibt.

 

Dieser Text ist ein Auszug aus Harald Wiesendanger: Psycholügen, Band 3: Seelentief: ein Fall für Profis?, Schönbrunn 2017, 2. erw. u. aktualisierte Aufl. 2024; 124 S., auch als PDF.


Die Folgen dieser Serie („Helfen Psycho-Profis wirklich besser?“)

10    Pragmatismus statt Lobbyismus - Für eine weise Psycho-Politik

 

Anmerkungen

1  M. Franz u.a.: „Warum ‘Nein’ zur Psychotherapie?“, Psychotherapie - Psychosomatik - Medizinische Psychologie 43/1993, S. 278-285.

2  Kirsten von Sydow: „Das Image von Psychologen, Psychotherapeuten und Psychiatern in der Öffentlichkeit. Ein systematischer Forschungsüberblick“, Psychotherapeut 52/2007, S. 322-333.

7  Der Spiegel 30/1994, S. 76.

8  Solche bestürzenden Fälle schildert Jeffrey Masson, ehemals selbst Psy­cho­analytiker und Forschungsdirektor der Sigmund-Freud-Archive, in seiner Streit­schrift Die Abschaffung der Psycho­therapie - Ein Plädoyer, München 1991.

9 Siehe die umfangreichen Quellenangaben bei www.christianeeichenberg.de/SUEPP_seminar.pdf

13  Hans Ulrich Gresch: Lexikon der Psychiatrie-Kritik, online bei http://lexikon.ppsk.de.

14  Nach Der Spiegel 25/1998, S. 194.

15  Rolf Degen: „Die hilflosen Helfer“, Der Spiegel 36/2000, S. 118-132, dort S. 119.


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