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  • Dr. Harald Wiesendanger

Hat Alternativmedizin Zukunft?

Aktualisiert: 13. Mai

Je wirkungsvoller Alternativmedizin hilft, je mehr Zulauf sie findet, desto eher ist ihr Fortbestand bedroht. Denn ihr Erfolg gefährdet Profite eines übermächtigen Gegenspielers, der sie vernichten kann. Ihre bescheidene Zukunft liegt in der gesundheitsökonomischen Nische, zu der Mundpropaganda führt – unter dem Radar von Big Business. Positivdenkern droht ein böses Erwachen.



Hat Alternativmedizin Zukunft? „Selbstverständlich! Blöde Frage!“, empören sich Anwender – erleben sie in ihren Praxen nicht Tag für Tag, wie viel Natur- und Erfahrungsheilkunde, ganzheitliches, energetisches, spirituelles Heilen erreichen kann? „Ja, blöde Frage!“, stimmen dankbare Patienten zu. Denn erst dort fanden sie, worauf sie vergeblich hofften, solange sie ausschließlich konventionellen Ärzten vertrauten.


Dürfen sie sich durch Umfrageergebnisse nicht bestätigt fühlen? Demnach findet Alternativmedizin in der Bevölkerung wachsenden Zuspruch. Inwischen bezeichnet sich eine deutliche Mehrheit als aufgeschlossen für unkonventionelle Heilverfahren, hat sich schon auf mindestens eines eingelassen und wünscht sich, dass sie ins öffentliche Gesundheitswesen einbezogen werden. Bereits 2002 hatte der Gesundheitsmonitor ergeben, dass weniger als ein Drittel der Bevölkerung noch gar nicht mit alternativer Medizin in Berührung gekommen war; schon damals erklärten 37 %, einem guten Freund mit anhaltenden Gesundheitsbeschwerden würden sie alternative Heilverfahren “ganz sicher” oder “wahrscheinlich” weiterempfehlen. (1) Im Jahr 2010 erhob das Institut für Demoskopie Allensbach: 70 % der erwachsenen Bevölkerung in Deutschland haben schon einmal Naturheilmittel benutzt - 1970 waren es erst 52 % gewesen. Lediglich 8 % halten Naturheilmittel generell für unwirksam. Als das Meinungsforschungsinstitut Kantar im Frühjahr 2018 eine repräsentative Stichprobe von 1050 Deutschen zwischen 16 und 64 Jahren befragte, ergab sich: 75 % der Befragten befürworten das Miteinander aus Schulmedizin und „ergänzenden Therapien wie Naturmedizin und Homöopathie“. Immerhin 65 % aller Bundesbürger würden sich notfalls sogar auf Geistiges Heilen einlassen, die wohl umstrittenste, am übelsten beleumundete alternative Heilweise. (2)


Selbst künstliche Intelligenz verbreitet Zuversicht. Als ich mit der Überschrift dieses Artikels kürzlich die gefeierte KI „ChatGPT“ fütterte, legte diese sich sekundenschnell fest: „Alternativmedizin hat definitiv eine Zukunft, bleibt ein wichtiger Bestandteil des Gesundheitswesens“ und werde „weiterhin an Bedeutung gewinnen“. Wieso? Weil „viele Menschen nach ganzheitlichen Ansätzen zur Behandlung von Krankheiten oder zur Verbesserung ihres allgemeinen Wohlbefindens suchen“. (3)


Ärzteschaft steuert um – so scheint es.


Seit Jahrtausenden bilden Ärzte die Eliteeinheit des öffentlichen Gesundheitsschutzes. Hat nicht gerade in ihren Reihen ein bemerkenswerter Gesinnungswandel stattgefunden? Strenge "Schulmediziner" befinden sich in Wahrheit innerhalb der deutschen Ärzteschaft bereits in der Minderheit. (4) 95 Prozent aller niedergelassenen Allgemeinärzte wenden bereits sogenannte "alternative" Verfahren an: im Durchschnitt vier. Das Spektrum reicht von Homöopathie über Neuraltherapie und Akupunktur bis zu anthroposophischen Heilmethoden. Drei von vier Ärzten arbeiten mit solchen Verfahren bereits seit mindestens zwei Jahren, knapp die Hälfte sogar schon seit über fünf Jahren. Nur 41 Prozent bezeichnen sich selbst noch als reine "Schulmediziner". 48 Prozent sehen sich eher als "Schulmediziner mit alternativer Tendenz", acht Prozent sogar als ausgesprochene "alternative Mediziner". Mehr als die Hälfte erachtet Kritik an der Schulmedizin für notwendig, weitere 43 Prozent halten sie zumindest im Einzelfall für angebracht. Drei von vier Ärzten bemängeln, ihre Ausbildung sei einseitig naturwissenschaftlich ausgerichtet gewesen. 83 Prozent meinen, bei der Fortbildung durch die Ärztekammern kämen alternative Behandlungsmethoden zu kurz. (5) In den benachbarten Niederlanden überweisen neun von zehn Allgemeinärzten ihre Patienten an Alternativtherapeuten (6); ebenso verfahren immerhin schon 59 Prozent ihrer britischen Kollegen. (7)


Diese Umfragewerte stammen vom Ende des vorigen Jahrhunderts. Dürfte Alternativmedizin inzwischen unter Ärzten nicht noch auf ausgeprägtere Sympathie stoßen? Wird ihr Umdenken nicht zwangsläufig hohe Wellen schlagen? Schließlich genießen Ärzte seit eh und je ein überragendes Ansehen – rund 90 Prozent der Bevölkerung haben eine hohe Meinung von ihnen. Allein Feuerwehrleute übertreffen ihr Sozialprestige.


Von wegen Kehrtwende.


Zunächst gilt es zu berücksichtigen: Die zitierten Umfragen fanden unter niedergelassenen Ärzten statt. Dirigiert wird das öffentliche Gesundheitssystem aber von den Universitäten und angeschlossenen Kliniken aus. Seit eh und je stehen dort die Festungen einer materialistischen, technophilen, pharmalastigen Schulmedizin. Und daran hat sich in den vergangenen Jahrzehnten herzlich wenig geändert, im Gegenteil. Wer dort ausschert, riskiert einen Karriereknick. Lehrstühle für Alternativmedizin, großangelegte „alternative“ Forschungsprojekte haben weiterhin Seltenheitswert.


Wer sich dort zum Arzt ausbilden ließ, findet in der Regel völlig normal und alternativlos, wie sein Berufsstand in sogenannten Krankenhäusern mit Hilfesuchenden umgeht. Er neigt dazu hinzunehmen, dass sich die moderne Medizin von der Heilkunst zur Industrie entwickelt hat, die mit immer höherem Technikeinsatz und Materialverbrauch das Produkt "Symptomfreiheit" zu erzeugen versucht - und dabei immer häufiger an ihre Grenzen stößt. Ein modernes Krankenhaus ähnelt heute eher einer Fabrikanlage, die sich von Großbetrieben der Gebrauchsgüterindustrie nur noch im Erzeugnis, nicht aber grundsätzlich in der Arbeitsorganisation unterscheidet. In dieser Produktionsmaschine wird der Arzt zum kleinen, fremdgetriebenen Rädchen mit begrenzter Funktion; häufiger ist er mit der Kontrolle bürokratischer und technischer Abläufe befasst als mit den Menschen, an denen sie sich vollziehen.


Flieht er davor in eine eigene Kassenpraxis, so muss er nicht mehr nur seine Sprechstundenhilfen, sondern vor allem seine Maschinen ernähren. Der Zwang, immer teurere Geräte zu amortisieren, wird zum nervenaufreibenden Kostenjoch - und handlungsleitend für Diagnostik und Therapie. Solche Verhältnisse begünstigen einen Typ von Arzt, der die Befindlichkeit seiner Patienten aus der Quersumme von Vitaldaten, Laborwerten und digitalen Indizes abliest - und alles durch das Raster fallen lässt, was sich nicht als messbare, in Zahlen darstellbare Abweichung von der Datennorm festmachen lässt. Nichts verstört einen solchen Arzttypus mehr als der Aspekt eines Leidens, den er nur im Gesicht seines Patienten erkennt, nicht aber auf dem Computermonitor wiederfindet. Auf der Strecke bleibt dabei ausgerechnet jene Tätigkeit, die sich als einzige nicht industrialisieren und an Automaten delegieren lässt: das geduldige, einfühlsame, anteilnehmende Gespräch mit dem Kranken. Mit der Stoppuhr stellte der Hamburger Mediziner Dr. Stephan Ahrens in drei Praxen von Kollegen fest, dass die "vom chronisch kranken Patienten dominierte Gesprächsphase durchschnittlich 0,11 Minuten" betrug - sieben Sekunden. (8) Nur 28 Prozent der Ärzte gehen auf die Anliegen, die ihre Patienten zu schildern versuchen, überhaupt ein - und unterbrechen nach durchschnittlich 23 Sekunden. (9)


Kaum ein Kassenarzt genießt solche Arbeitsbedingungen. Die Mehrheit ächzt darunter, sieht jedoch keine andere Wahl, fügt sich – und tröstet sich damit, wie stattlich sie verdient.


Unter solchen Umständen kann es mit dem „Praktizieren von Alternativmedizin“ nicht weit her sein. Allzu oft erschöpft es sich daran, hin und wieder natürliche Wirkstoffe gegenüber synthetischen zu bevorzugen: beispielsweise bei innerer Unruhe und Schlafstörungen erst mal Baldrian und Melatonin zu verordnen statt Benzodiazepine, bei fiebrigen Erkältungen Pulsatilla statt Paracetamol, bei Bluthochdruck Kiefernrindenextrakt statt eines ACE-Hemmers. Nein, das ist noch längst keine andere Medizin – bloß eine gelegentliche Präferenz für ein anderes Produktsegment.


“Für eine Medizin mit mehr Geist und Seele”: Das plakative Motto meiner Stiftung Auswege trifft sicherlich ein Hauptanliegen der allermeisten Ärzte, einschließlich der niedergelassenen Vertragsärzte und der klinisch tätigen. Ohne Hirn und Herz arbeitet keiner. Die meisten geben wahrlich ihr Bestes – aber sie dienen einem abartigen ökonomischen System, dem es umso besser geht, je schlechter es Hilfesuchenden geht.

 Um nicht daran zu verzweifeln, abzustumpfen und auszubrennen, flüchten viele davor in die relative Freiheit einer Privatpraxis. Was sie ebenso schmerzlich vermissen wie wir, ist der Geist des Helfens und Heilens – und „Seele“ im Sinne von Mitgefühl und Empathie, Wertschätzung und Fürsorge. Einem Therapeuten, der sich beides bewahrt, geht es nicht bloß um Symptome, sondern in erster Linie um deren Träger. Das Befinden ist ihm wichtiger als der Befund. Er ist nicht nur darauf aus, eine defekte Biomaschine möglichst profitabel zu reparieren – er sieht und achtet im kranken Mitmenschen die ganze Person, als gestörte Einheit von Körper, Geist und Seele, die es wiederherzustellen und zu bewahren gilt. Und dabei macht er die Humanmedizin nicht bloß humaner, sondern auch effektiver.


Werden es demnach in erster Linie ganzheitlich orientierte Privatärzte sein, welche die Alternativmedizin in eine rosige Zukunft führen, im Bund mit erfahrenen, erfolgreichen Heilpraktikern, Heilern und anderen unkonventionellen Therapeuten?


Umfragen täuschen Wunschdenker


Der beachtliche Zuspruch, den Alternativmedizin seit längerem in demoskopischen Erhebungen findet, täuscht darüber hinweg, dass Begegnungen mit Alternativmedizin in der Regel oberflächlich und flüchtig bleiben. Viele Hilfesuchende schlucken Globuli in derselben Geisteshaltung wie eine Tablette; sie lassen sich Akupunkturnadeln stechen, wie sie sich eine Injektion verpassen lassen – ohne tieferes Verständnis, was da geschieht, allerdings in der Erwartung, dass es Symptome umgehend zum Verschwinden bringt. Bleibt die blitzschnelle Linderung aus, wendet sich ein Großteil rasch wieder ab.


Auch Monetäres trübt alsbald die Begeisterung. Alternative Heilverfahren sind Teil einer Zwei-Klassen-Medizin: Weil Krankenversicherungen nur ausnahmsweise und bei teuren Zusatztarifen für sie aufkommen, bleibt Patienten zumeist nichts anderes übrig, als sie aus eigener Tasche zu bezahlen. Und das überfordert einen Großteil über kurz oder lang. Denn gerade bei chronischen Leiden ist es kaum je mit ein, zwei Sitzungen getan. Rasch werden Rechnungsbeträge vierstellig. Nur Wohlhabende lässt das kalt.


Die ernüchternde Lektion der Corona-Jahre


Wer sich trotzdem weiterhin Illusionen über das Wachstumspotenzial der Natur- und Erfahrungsheilkunde macht, hat noch zuwenig aus drei unsäglichen Corona-Jahren gelernt. In der Pandemie lag die Chance, ein neues Kapitel in der Geschichte der Medizin aufzuschlagen: die weltweite Heilung kranker Gesundheitssysteme. Denn sie bot bietet reichlich Gelegenheit, sich darauf zurückzubesinnen, was Gesundheit eigentlich bedeutet, was sie bewahrt und wiederherstellt. Sie hätte der Menschheit vor Augen führen können, wie töricht und teuer, wie unergiebig und gefährlich es sein kann, einseitig auf die industriegesteuerte, pharmalastige Schulmedizin zu setzen. Denn Naturheilkundige wussten immer schon, was uns vor Infektionskrankheiten aller Art schützt – und wie sie hochwirksam zu behandeln sind, falls sie uns erwischen. Dass wir dem vermeintlichen „Killerkeim“ aus Wuhan „schutzlos ausgeliefert“ waren, solange es keine Impfstoffe gab, hätten sie als hirnrissige Phrase enttarnen können – mit dem Hinweis, dass unsereins durchaus weiterhin über ein Immunsystem verfügt, das sich auf längst bekannte Weise stärken lässt, um Abwehrkämpfe gegen Erreger aller Art zu gewinnen.


Doch Alternativmediziner kamen erst gar nicht zu Wort. Stattdessen wurden sie zensiert, verhöhnt, denunziert, mundtot gemacht. Zur traurigen Wahrheit der coronoiden Krisenjahre gehört das nüchterne Eingeständnis, welch erschütternd unbedeutende Rolle Politik und Medien einer ganzheitlichen, auf Prävention und ganzheitliches Heilen ausgerichteten Medizin mittlerweile beim Gesundheitsschutz der Bevölkerung zutrauen und gewähren. Sie bleibt im Abseits, ausgesperrt von maßgeblichen Expertenkommissionen und TV-Diskussionsrunden, belächelt als evidenzferner Placebo-Glaube, ja als Gefahr für die Volksgesundheit. Das Wort führten Andere. Ab Frühjahr 2020 rollte über den Erdball eine Propagandawalze, die gnadenlos alles plattmachte, was sich ihr in den Weg stellte. Du empfiehlst allen Ernstes Vitamin D und Zink gegen eine SARS-CoV-2-Infektion? Desinformant! Fake-News-Produzent! Schwurbler!


War es vorher anders? Könnte man daran künftig etwas ändern? In der alternativen Gesundheitsszene kursieren rührend naive Vorstellungen darüber. Manche meinen, man müsse halt lernen, wie man einen professionellen Pressetext aufbaut, mit pfiffiger Überschrift und knackigem Lead, mit weniger Fachchinesisch und Satzbandwürmern. Andere sind dafür, sich mal ein teures Inserat zu leisten, eine PR-Büro einzuspannen, Flyer zu verteilen, Plakate aufzuhängen, Infoveranstaltungen durchzuführen, fleißig Leserbriefe zu schreiben, hübsche Newsletter zu versenden, eine ansprechende Website designen zu lassen.


In Wahrheit gleicht man dabei jemandem, der einen herannahenden Tsunami aufzuhalten versucht, indem er ihm am Strand mit vollen Backen entgegenpustet. Bei dem Goliath, gegen den der David der Alternativmedizin antritt, handelt es sich um eine der mächtigsten Industrien dieses Planeten, mit Jahresumsätzen weit jenseits der Billionenmarke, traumhaften Gewinnspannen – und schier unbegrenzten finanziellen Möglichkeiten, sich alles gefügig zu machen oder beiseite zu räumen, was die Marktchancen ihrer Produkte beeinflussen könnte: von den Meinungsführern der Ärzteschaft über Fachgesellschaften und Leitlinienkommissionen bis hin zu Fachzeitschriften, Kongressveranstaltern und Medienhäusern, Ministerien und Behörden. Eine Armee von Lobbyisten arbeitet ihr zu, wie auch global agierende Marketingkonzerne, allen voran die berüchtigten „Big Four“: WPP, Omnicon, IPG und Publicis. (10) Längst ist daraus ein weltumspannendes Netz der Korruption entstanden. Nach Einschätzung des dänischen Medizinprofessors Peter Goetzsche sind ihre skrupellosen Strippenzieher „schlimmer als die Mafia“. (11) Um Gewinne zu maximieren, geht sie buchstäblich über Leichen. (12)


Dieser Mafia ist eine „komplementäre“ Medizin, oder gar eine „integrative“, selbstverständlich zuwider. Wie könnte sie eine „Ergänzung“ hinnehmen oder gar „einbeziehen“, die ihre Profite gefährdet? Ihr Geschäftsmodell funktioniert umso besser, je mehr Menschen zu Patienten werden, je früher sie es werden, je länger sie es bleiben. Ihr grandioser Gewinnbringer ist der chronisch Langzeitkranke, der aufwändig diagnostiziert und operiert, medikamentös und medizintechnisch versorgt werden kann. Alternativmedizin sabotiert dieses Business: Sie setzt auf Prävention, auf die Stärkung von Selbstheilungskräften, auf das Aufdecken und Beseitigen zugrundeliegender Ursachen, auf nachhaltiges Gesundwerden und Gesundbleiben. Was gäbe es daran am Ende für den medizinisch-industriellen Komplex und seine Investoren noch zu verdienen? So ein ökonomisches Debakel gilt es zu verhindern. Mit allen Mitteln.


Eine fatale Schlüsselrolle dabei spielt eine käufliche Institution namens „die“ Wissenschaft. „Definitiv eine Zukunft“ sieht ChatGPT, den szientistischen Zeitgeist widerspiegelnd, für Alternativmedizin nämlich nur, falls sie „auf soliden wissenschaftlichen Erkenntnissen basiert“. Deshalb sei es „wichtig, dass Forschung und Studien durchgeführt werden, um die Wirksamkeit dieser Therapien zu bewerten“. (13) Die Maßstäbe für „Wissenschaft“ zu setzen, beansprucht die Mafia freilich für sich, wie auch die Deutungshoheit darüber, was als verlässliche „Evidenz“ und „Wirksamkeitsnachweis“ gelten darf. Die Heilige Kuh der Medizinforschung ist die randomisierte kontrollierte Studie (RCT), am besten multizentrisch und mit mehreren tausend Probanden. Die horrenden Kosten dafür kann Big Pharma locker aufbringen. Doch kaum ein „Alternativer“ stemmt sie jemals. Ohne üppige Forschungsgelder aber keine Forschung. Und daraus ergibt sich das Totschlagargument, Alternativmedizin mangle es an „Evidenzbasierung“ – so als sei der gesammelte Wissenschatz jahrhundertealter Heiltraditionen, ärztliche Erfahrung, das Befinden von Behandelten, umfangreiche Fallsammlungen von vornherein minderwertige  „Evidenz“. (14)


Wenngleich zuletzt: Die Hoffnung stirbt.


Auch wenn, einem Lieblingsmotto von Positivdenkern zufolge, „die Hoffnung zuletzt stirbt“, spricht unter solchen Umständen herzlich wenig dafür, dass sie unbeschadet überlebt. Wir steuern auf eine Welt zu, in der jegliche Kritik an der pharmagesteuerten Schulmedizin, jeder Hinweis auf alternative Behandlungsmöglichkeiten als „Fake News“, als „Desinformation“ verfolgt wird. Wer sie vertritt, wird am Veröffentlichen gehindert, diskreditiert, der Lächerlichkeit preisgegeben, ausgegrenzt, existentiell bedroht.


Die Kontrollinstrumente hierfür sind weitgehend vorhanden. Teilweise kamen sie bereits während der Pandemie zum Einsatz. Wie selbstverständlich finden sie weiterhin Anwendung – und werden systematisch ausgebaut. Nachrichtenagenturen, große Printmedien, öffentlich-rechtliche Sender: Einst Vierte Gewalt im Staat, agieren sie inzwischen überwiegend wie auf Linie gebracht, zum Fremdschämen für kritische Journalisten, die sich weiterhin ihrer Standesethik verpflichtet fühlen. Und außerhalb, im Internet? Nach wie vor fallen gekaufte „Faktenchecker“ über bekennende Alternativmediziner und ihre Fürsprecher her; Wikipedia und Online-Dreckschleudern wie „Psiram“ ruinieren ihren Ruf; Facebook, YouTube, Instagram machen missliebige Beiträge unsichtbar, verhindern ihre Weiterverbreitung. Aufmüpfige Accounts werden mit einem „Shadow Ban“ belegt, der Posts aus dem Newsfeed ihrer Follower verschwinden lässt und oder überall, wo sie auftauchen, kilometerweit nach unten schiebt, wohin kaum jemand mehr scrollt, der noch ganz bei Trost ist. Google platziert Links zu nichtkonformen Websites so weit hinten, dass sie bei Suchanfragen erst irgendwo zwischen dem hundertsten und tausendsten Treffer auftauchen.


In Arbeit sind Upload-Filter, die dafür sorgen, dass „böse“ Inhalte erst gar nicht ins Netz geraten; Schnüffel-KI, die das Web unentwegt nach anrüchigen Stichworten und Wortkombinationen absucht, um Urheber von „irreführenden“ Beiträgen aufzuspüren, jegliche Information zu markieren und zu tilgen, die nicht aus „vertrauenswürdigen“, sprich systemkonformen Quellen stammt; Überwachungssysteme sogar für private E-Mails, Handynachrichten und Chats (15). Führende Politiker fordern „verwirkbare Lizenzen“, die Social-Media-Nutzern zugeteilt, aber auch entzogen werden können, sobald sie „gegen Recht und Gesetz“ verstoßen. Deutschlands Innenministerin will eine zentrale „Beratungsstelle“ schaffen, an die sich Bürger vertrauensvoll wenden können, die bei Familienmitgliedern, Freunden oder Kollegen «eine Radikalisierung aufgrund eines wachsenden Verschwörungsglaubens beobachten beziehungsweise vermuten». (16)


EU-weit sorgt der Digital Services Act (DSA) dafür, dass Netzbetreiber jeglichen Content, der als „Desinformation“, „Hassrede“ oder „Hetze“ gilt, unerbittlich entfernen müssen, sonst drohen ihnen drakonische Geldbußen. Um den DSA auch in Deutschland durchzusetzen, entsteht innerhalb der Bundesnetzagentur gerade eine „Koordinierungsstelle“, die ein „benutzerfreundliches Beschwerdemanagement-System“ einrichten wird – mit anderen Worten: eine Anlaufstelle für Denunzianten. Etliche davon bestehen seit längerem, so etwa „Respect“, Jugendschutz.net, die Internet-Beschwerdestelle, der Jugend-Support, das „Kompetenznetzwerk Hass im Netz“ und „HessenGegenHetze“. (17) Auf anonyme Anzeigen hin, die bei solchen Sammelstellen eingehen, finden gelegentlich bereits polizeiliche „Gefährder-Ansprachen“ und Hausdurchsuchungen statt; dazu genügt es, in einem sozialen Medium eine mutmaßliche „Desinformation“ zu posten oder auch nur zu teilen. Wer gegen Regierung und Justiz allzu vernehmlich wettert – beispielsweise weil er in der Gesundheitspolitik der Coronajahre wohlbegründet ein Staatsverbrechen sieht -, kann wegen „Delegitimierung staatlicher Organe“ zum Fall für den Verfassungsschutz werden.


Bis zu drei Jahren Gefängnis und Geldstrafen bis zu 45.000 Euro drohen in Frankreich neuerdings Impfgegnern und Verfechtern der Alternativmedizin. Am 14. Februar 2024 verabschiedete die Nationalversammlung den Gesetzesentwurf 2157, der die medizinische Informations- und Meinungsfreiheit faktisch beendet: Er verbietet  jegliche Kritik an „medizinischen Behandlungen“, die „nach dem Stand der Wissenschaft offensichtlich geeignet“ sind, Krankheiten zu behandeln bzw. „schwerwiegende Folgen für die physische oder psychische Gesundheit“ abzuwenden. „Der „Kampf gegen sektiererische Abweichungen“ müsse „verstärkt“ werden („Renforcer la lutte contre les dérives sectaires“).


Dieses Pariser Zensurmonster, von Kritikern „Pfizer-Gesetz“ getauft, lässt das Schlimmste befürchten, denn es könnte international Schule machen. Darauf arbeiten die Vereinten Nationen (18), die WHO, das Weltwirtschaftsforum (19), milliardenschwere, sendungsbewusste Menschheitsbeglücker wie Bill Gates (20) zielstrebig hin. Die globale Kontrolle des Informationsflusses, auf die sie aus sind, bedroht jeden, der die Schulmedizin, Nutzen und Sicherheit ihrer Maßnahmen und Medikamente noch zu hinterfragen wagt, auf ihre Risiken und Gefahren hinweist, von ihnen abrät. Wird in Kürze zum „sektiererischen Abweichler“, wer unkonventionelle Heilverfahren lobt? Steht mit einem Bein im Gefängnis, wer sich noch zu warnen traut, dass ein neuer Impfstoff weniger wirksam und gefährlicher sein könnte, als der Gesundheitsminister, der RKI-Präsident und willfährige Experten behaupten? Und falls solches Fehlverhalten mit einem Social-Credit-System nach chinesischem Vorbild verbunden (21) wird – wovon etliche westliche Technokraten träumen -, dann riskieren penetrante Querdenker Aus- und Zugangssperren, Reiseverbote, den Entzug von Kommunikationsmitteln; sie riskieren, keine öffentlichen Verkehrsmittel mehr benutzen zu dürfen, keinen Kredit, Sozialleistungen und Subventionen zu bekommen, bei der Wohnungssuche den kürzeren zu ziehen. Ganz zu schweigen von gesellschaftlicher Ächtung.


Von solchen Entwicklungen werden alternative Ärzte nicht verschont bleiben, sobald sie den Mund aufmachen. Und ein weiteres Mal werden ihre Standesorganisationen keinen Finger für sie rühren. In Arbeit sind Richtlinien, die einschränken, was sie online sagen dürfen. (22) Falls sie Gesundheitsbehörden zu widersprechen wagen, soll ihnen künftig der Verlust der Zulassung drohen.


Vorerst bestehen wachsende Kontrollmöglichkeiten. Doch haben uns die Coronajahre nicht hinlänglich vor Augen geführt, wie zügig ein mit Biosicherheitserfordernissen begründeter Totalitarismus über uns hereinbrechen kann – zu 90 Prozent mitgetragen von erfolgreich verängstigten, aufgehetzten Mitbürgern? Ist ausgeschlossen, dass sie sich erneut dazu verführen lassen, als Mitläufer, Claqueure und nützliche Idioten voll blindem Hass und bodenlos dumm auf “Maskenmuffel”, “Impfmüde” und sonstige “Sozialschädlinge” loszugehen? (23) Werden Politiker, Journalisten, Wissenschaftler, Mediziner und sogar Kirchenvertreter und Künstler dann nicht nochmals gemeinsame Sache mit Regierung und Pharmaindustrie machen? Was, bitteschön, werden Ärzte und Therapeuten, die anders vorbeugen und heilen, dieser Übermacht entgegenzusetzen haben? Mehr als während der Fauci-Grippe?


Die nächste Pandemie ist bloß eine Frage der Zeit. Wer rechnet denn ernsthaft damit, dass Alternativmedizin von da an eine bedeutendere Rolle spielen wird?


„Leave it.“ Bloß wohin?


Was tun? In jeder misslichen Lage, so machte mir ein weiser Freund klar, gibt es genau drei Optionen: „Change it. Leave it. Or love it.“ Versuche die Situation zu ändern. Wenn das nicht geht, versuche ihr zu entkommen. Wenn auch dies unmöglich ist: Versuche sie zu lieben.


Das chronisch kranke Gesundheitssystem revolutionieren, ihre Profiteure und Strippenzieher entmachten, einer wahrhaft heilsamen, mitmenschlichen Medizin den Stellenwert verschaffen, den sie verdient? Luftschlösser.


Sollen wir uns demnach besser mit der traurigen „neuen Normalität“ abfinden, sie gar „lieben“? Ausgeschlossen. Wer kann sich schon selbst dazu überreden, Masochismus zu frönen?


Entkommen? Zumindest im räumlichen Sinne gab es keines, während Coronoia wütete: Die Hygienediktatur herrschte überall, von Madeira bis Alaska, von Neuseeland über Südafrika bis Bolivien. Und sie könnte bloß ein Vorspiel gewesen sein. Am Horizont zeichnet sich der permanente Pandemienotstand ab, ausgerufen und gemanagt von der WHO – völkerrechtlich verbindlich für all ihre Mitgliedsstaaten.


Und wenn nicht? Um alternatives Heilen zu marginalisieren, müssen die Marketingprofis von Big Business nicht erst eine Pandemie abwarten.


Welcher Ausweg bleibt dann überhaupt noch? Keine Flucht nach Weiß-nicht-Wo, sondern strategischer Rückzug – in eine kulturelle Nische, in der Systemverweigerer weitgehend in Ruhe gelassen werden. Öffentliche Aufmerksamkeit, wachsender Zulauf, reichlich Medienpräsenz  - die Top Drei auf der Wunschliste von Fans der Alternativmedizin - wären das Schlimmste, was den Nischenbewohnern passieren könnte. Dann nämlich würden sie für Goliath eine Bedrohung darstellen, weil sie seine Profite nennenswert schmälern.


Vielleicht werden Alternativmediziner bald aufhören müssen, öffentlich im Geringsten aufzufallen – immer auf der Hut vor einer neuen, unheiligen Inquisition, ihren Schergen und Anschwärzern. Vielleicht werden neun von zehn Praxen dichtmachen müssen, weil Rufmordpropaganda ihre Wartezimmer leert. Vielleicht wird ein Großteil die Zulassung verlieren, gar im Gefängnis sitzen, sofern sie nicht aufhören, idiotische Desinformationen über Grenzen und Gefahren der Schulmedizin zu verbreiten. Vielleicht werden Hilfesuchende zu den übrigen bald nur noch über Flüsterpropaganda finden – wie einst, im finstersten Mittelalter, zu Hexen, die bekanntlich Fake News über die Heilkraft von Kräutern und aufgelegten Händen verbreiteten.


Wer die Zukunft rosiger sieht, der träumt sie sich zurecht. Es gilt aufzuwachen. Wann war Gesundheitswirtschaft jemals ein Wunschkonzert?


Anmerkungen

1        SwissLight, PDF; 62 kB, https://web.archive.org/web/20071218204712/http://www.forum-gesundheitspolitik.de/dossier/PDF/AlternativmedizinBilanz.pdf. Vgl. G. Marstedt: “Die steigende Popularität alternativer Medizin – Suche nach medizinischen Gurus und Wunderheilern?”, in: J. Böcken/B. Braun/M. Schnee (Hrsg.): Gesundheitsmonitor 2002 – Die ambulante Versorgung aus Sicht von Bevölkerung und Ärzteschaft, Gütersloh 2002, S. 130-149.

2        Nach Harald Wiesendanger: Geistheiler – Der Ratgeber, 5. erw. Aufl. 2007.

3        Die Frage „Hat Alternativmedizin Zukunft?“ stellte ich ChatGPT, Version 3.5, am 25. April 2024.

4        Die Studienlage Ende des vorigen Jahrhunderts fasst zusammen: Walter Andritzky, "Unkonventionelle Heilweisen in der ärztlichen Praxis", Zeitschrift für Allgemeinmedizin 74/1998, S. 608-614.

5        Gunter Haag u.a., "Unkonventionelle medizinische Verfahren. Verbreitung bei niedergelassenen Ärzten - Ergebnis einer Fragebogenumfrage", Zeitschrift für Allgemeinmedizin 68/1992, S. 1184-1187. Eine Studie des Sozialmediziners Dr. Horst Haltenhof von der Universität Marburg stelle ich vor in H. Wiesendanger, "Jeder zweite Arzt heilt ‚alternativ'", Der Heiler 1/1996, S. 35.

6        G. J. Visser / L. Peters, "Alternative medicine and general practitioners in the Netherlands: towards acceptance and integration", Family Practitioners 7/1990, S. 227-233.

7        E. Anderson / P. Anderson, "General practitioners and alternative medicine", Journal of the Royal College of General Practitioners 37/1987, S. 52-55.

8        Hans Halter: Vorsicht, Arzt! Krise der modernen Medizin, Reinbek 1981, S. 219.

9        Gesundheit 5/2000, zit. nach Pulsar 5/2000, S. 28: “Ärzte sind schlechte Zuhörer”.

12    John Virapen: Nebenwirkung Tod. Korruption in der Pharma-Industrie – Ein ex-Manager packt aus, 4. Aufl. 2008; Peter Yoda: Ein medizinischer Insider packt aus (2008), Kap. „Timothys Story“, S. 123-142;  Harald Wiesendanger: Das GesundheitsUNwesen (2019), S. 603 ff.

13    Laut ChatGPT 3.5 am 25. April 2024 auf die Frage hin „Hat Alternativmedizin Zukunft?“

17    Im Februar 2022 startete das Bundeskriminalamt eine „Zentrale Meldestelle“ für „Hass“postings (“Gemeinsam gegen Hass und Hetze im Internet”). Damit soll “eine effektive Strafverfolgung der dort begangenen Straftaten wie Propagandadelikten, Volksverhetzungen oder Bedrohungen ermöglicht” werden

23    Gegen das Vergessen empfehle ich das gleichnamige Buch von Werner Reichel. Es versammelt 400 Zitate, die Lügen, Hass und Hetze während der Coronakrise dokumentieren.


Titelbild: geralt/Pixabay











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