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  • Dr. Harald Wiesendanger

Durch die Nase!

Aktualisiert: 1. Mai

Ein. Aus. Es geschieht über 20.000 Mal pro Tag, gedankenlos, unwillkürlich, instinktiv. Vielleicht aber falsch. Wie wir Luft holen, beeinflusst unser Gehirn nämlich weitaus mehr, als wir ahnen. Eine bahnbrechende Studie zeigt auf: Ständiges Atmen durch den Mund beeinträchtigt unsere geistigen Fähigkeiten, während Nasenatmung für einen neuronalen Schub sorgt.




30 bis 50 Prozent aller Erwachsenen atmen überwiegend durch den Mund, sei es wegen einer verstopften Nase, stressbedingt oder einfach aus Gewohnheit.


Na und?


Wie wir Luft holen, wirkt sich ganz erheblich auf unsere Hirnfunktionen aus, insbesondere auf Gedächtnis und Denkleistung, Aufmerksamkeit und Konzentration. Zu diesem Schluss kommt eine Forschergruppe der Gachon University in Südkorea. In der angesehenen Fachzeitschrift Healthcare berichtet sie, wie sie darauf kam:


22 gesunde Teilnehmer sollten eine Übung zum Arbeitsgedächtnis durchführen, das dafür zuständig ist, Informationen lediglich vorübergehend zu speichern. Zu lösen war die sogenannte „Zwei-Zurück“-Aufgabe („2-back“): Die Versuchspersonen betrachteten nacheinander eine Reihe von Zahlen – und sollten entscheiden, wann eine aktuell gesehene Zahl mit der übereinstimmt, die ihnen zwei Schritte zuvor präsentiert worden war. Dabei atmeten sie entweder durch die Nase oder den Mund. Währenddessen verfolgte das Forscherteam ihre Gehirnaktivität mit Hilfe der funktionellen Magnetresonanztomografie (fMRT); dieses Verfahren misst Veränderungen der Gewebsdurchblutung in den verschiedenen Hirnregionen, die vom Energiebedarf aktiver Nervenzellen herrühren.


Mundatmung schadet dem Gehirn


Die fMRT-Scans offenbarten Erstaunliches: Während fortgesetzter Mundatmung waren mehrere Hirnregionen, in denen das Arbeitsgedächtnis sitzt, weniger aktiv – so der Nucleus caudatus und der Gyrus occipitalis inferior. Im Gegensatz dazu führte die Nasenatmung zu einer höheren Aktivität in 15 Bereichen - darunter das Kleinhirn, die Insula und der Gyrus parietalis inferior -, die allesamt eine wichtige Rolle bei Erinnerung, Aufmerksamkeit und Informationsverarbeitung spielen. (1)


Außerdem waren verschiedene Hirnareale bei der Nasenatmung deutlich stärker als bei der Mundatmung miteinander funktionell verbunden. Der linke und rechte inferiore parietale Gyrus, zwei wichtige Gedächtniszentren, wiesen nur während der Nasenatmung eine erhöhte Konnektivität zu anderen Regionen auf. Dies deutet darauf hin, dass Nasenatmung die neuronale Kommunikation und Synchronisation optimiert, die dem Erinnerungsvermögen zugrunde liegen.




Woran könnte das liegen? Wie die koreanischen Forscher vermuten, liefert die Sinnesempfindung des Luftstroms durch die Nasengänge dem Gehirn wichtige Rückmeldungen, welche ihm kognitives Verarbeiten erleichtern. Dass diese nasale Stimulation bei der Mundatmung fehlt, könnte umgekehrt die beobachteten Defizite bei der Hirnaktivierung und Konnektivität erklären.


Dass eine gelegentliche Mundatmung, beispielsweise bei einer Erkältung oder Allergie, bleibenden Schaden im Gehirn anrichtet, halten die Wissenschaftler für unwahrscheinlich. Allerdings deuten ihre Ergebnisse darauf hin, dass eine chronische Mundatmung die Hirnfunktion auf Dauer beeinträchtigen könnte.


Weitere Pluspunkte für Nasenatmer


Und nicht nur geistig profitieren wir davon, durch die Nase zu atmen. Darüber hinaus bietet es uns mehrere weitere Vorteile.


Als natürlicher Filter fängt die Nase mit winzigen Härchen und Schleim Staubteilchen, Keime, Allergene und andere schädliche Partikel ab, bevor sie die Lunge erreichen. "Die Nase ist unsere erste Verteidigungslinie gegen Bakterien und Viren", betont der US-Wissenschaftsjournalist James Nestor in seinem Buch Breath (2021).


Indem die Nasengänge die eingeatmete Luft befeuchten, schützen sie das empfindliche Gewebe der Atemwege und der Lunge vor Trockenheit. Diese Funktion ist besonders wichtig in Klimazonen, in denen trockene und kalte Luft die Lunge und die Atemwege reizt und für Infektionen anfälliger machen kann. Auch spielen die Nasengänge eine Rolle dabei, die aufgenommene Luftauf Körpertemperatur zu erwärmen.


Außerdem hilft die Nasenatmung, die Menge an Sauerstoff und Kohlendioxid, die in den Blutkreislauf gelangt, besser zu regulieren. Dem Luftstrom setzt Nasenatmung einen um 50 Prozent höheren Widerstand entgegen als die Mundatmung, was das Lungenvolumen vergrößert und die Sauerstoffaufnahme um 10 bis 20 Prozent erhöht. Dieser Widerstand optimiert den Sauerstoff-Kohlendioxid-Austausch und sorgt dafür, dass die lebenswichtigen Organe effizienter mit Sauerstoff versorgt werden. Das wirkt sich positiv auf die allgemeine Gesundheit und Ausdauer aus.


Auch wird bei der Nasenatmung Stickstoffmonoxid freigesetzt, ein gefäßerweiternder Stoff, der die Sauerstoffversorgung im Körper verbessert. Gelangt dieses Gas durch die Nase in den Körper, so vergrößern sich die Lungenbläschen; somit kann mehr Blut durch die Gefäße strömen und mehr Sauerstoff aufgenommen werden. Ferner optmimiert Stickstoffmonoxid die Funktionen des Nerven- und Immunsystems, unterstützt Schutz und Reparatur von Zellen, lindert Schmerz, hemmt Entzündungen, verbessert die Verdauung.


Sogar zum biologischen Reinigungssystem des Mundes trägt Nasenatmung bei. "Die Nasenatmung schafft eine feuchte Umgebung im Mund”, erklärt der Zahnarzt Dr. Kyle Gernhofer in der Zeitschrift Epoch Times. “So kann der Speichel seine Aufgabe erfüllen und verhindern, dass sich schädliche Bakterien auf deinen Zähnen und deinem Zahnfleisch ansammeln. Die Nasenatmung hilft auch, abnormales Kieferwachstum bei Kindern zu verhindern", Manche Studien bringen orales Atmen mit einem erhöhten Säuregehalt im Mund in Verbindung, der Zahnschmelz erodieren lässt und zu Karies beiträgt. Umgekehrt weisen Nasenatmer, dank der schützenden Rolle des Speichels, eine bessere Mundgesundheit auf.


Auf Nasenatmung umzustellen, könnte darüber hinaus der Schlüssel zu mehr Schlafqualität sein. Mundatmung im Schlaf führt oft zu einem trockenen Hals und stört die Erholung. Im Gegensatz dazu fördert die Nasenatmung einen ununterbrochenen und tieferen Schlaf, indem sie für einen optimalen Sauerstoff- und Kohlendioxidspiegel im Blut sorgt. Dass Mundatmung mit Schlafapnoe zusammenzuhängen scheint, macht sie sogar gefährlich.


Nasenatmung hilft, Stress abzubauen. Wenn wir durch die Nase atmen, tun wir es langsamer und tiefer. Dies aktiviert das parasympathische Nervensystem und führt zu einem ruhigeren, entspannteren Zustand.


Einer Studie der Florida State University in Tallahassee zufolge wirkt sich Nasenatmung auch auf den Blutdruck und andere Faktoren aus, die mit Herzkrankheiten zusammenhängen: Die komplexe Dynamik zwischen dem Herz-Kreislauf- und dem Atmungssystem des Körpers beeinflusst gängige Marker für Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Blutdruck, Herzfrequenzvariabilität, Blutdruckvariabilität und Veränderungen des arteriellen Drucks.


Verblüffend: Wie Menschen atmen, spiegelt sich sogar in ihrem Aussehen. Vor allem in jungen Jahren spielt Nasenatmung eine entscheidende Rolle dabei, die Gesichtsstruktur zu gestalten, wie die Cleveland Clinic erklärt: "Die Mundatmung kann die Gesichtsentwicklung von Kindern beeinträchtigen und ein sogenanntes ‚Mundatmungsgesicht‘ verursachen“ – es ist „oft schmal, mit einem fliehenden Kinn oder Kiefer." Wie Studien belegen, trägt die Nasenatmung zu einem breiteren Gaumen und einem ausgewogeneren Gesichtsausdruck bei.


Neuronaler Schub für geistige Höhenflüge


Müssten uns all diese Zusammenhänge nicht Anlass genug bieten, uns bewusst darum zu bemühen, so oft wie möglich durch die Nase zu atmen? Gewohnheitsmäßige Mundatmer sollten mögliche zugrundeliegende Ursachen wie Nasenpolypen oder eine Nasenscheidewandverkrümmung ärztlich überprüfen und beseitigen lassen. (Dabei gilt es die Vorteile einer solchen Maßnahme abzuwägen gegen die Risiken und unbeabsichtigten Nebenwirkungen, die mit jedem chirurgischen Eingriff verbunden sind.) Sich den Mund vor dem Schlafen zuzukleben - das trendige „Mouth Taping“ -, ist nicht jedermanns Sache, erst recht tagsüber. Yoga-Übungen wie die „Wechselatmung“ können dazu beitragen, den Körper auf die Nasenatmung umzustellen. (Dabei hält man sich ein paar Minuten lang abwechselnd ein Nasenloch zu und atmet durch das andere. Dazu nutzt man den Daumen und Ringfinger einer Hand.) „Wenn du dich das nächste Mal auf eine geistig anstrengende Aufgabe vorbereitest, kann es sich lohnen, auf deinen Atem zu achten“, rät der Online-Infodienst GreenMedInfo. „Wenn du den Mund schließt und durch die Nase einatmest, könnte das den neuronalen Schub geben, den du brauchst, um Höchstleistungen zu vollbringen. Auf der Suche nach einer besseren Gehirnfunktion scheint die Nase am besten Bescheid zu wissen.“


Wer fortan auf Nasenatmung umstellt, dürfte kognitiv davon auf längere Sicht profitieren – mit umgehenden geistigen Höhenflügen sollte er allerdings nicht rechnen. Auch dies macht die koreanische Studie klar: Unter den Versuchspersonen lösten Nasenatmer die gestellte 2-back-Aufgabe nämlich weder korrekter noch schneller als Mundatmer.


Keine Regel ohne Ausnahme


Manchmal ist Mundatmung unvermeidlich, etwa wenn wir uns intensiv körperlich betätigen, oder bei bestimmten Erkrankungen. „Es gibt auch Momente, in denen das Atmen durch den Mund dein Leben retten kann", erklärt der Atemexperte Stuart Sandeman. „Wenn du unerwartet vor ein entgegenkommendes Auto gerätst, löst ein scharfes Einatmen durch den Mund eine schnelle Durchblutung deiner Beinmuskeln aus, so dass du dich schnell in Sicherheit bringen kannst.“ Ausgerechnet dann mit zugeklebtem Mund herumzulaufen, ist eher keine gute Idee.


Anmerkungen

Titelbild: Element Nase: Von LHOON - Eigenes Werk, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=658211; Element Mund: Freepik.com.

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