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  • Unfassbar glücklich - Was schwerstbehinderte Kinder ihren Eltern geben

    Ein behindertes Kind zur Welt bringen? Damit verbundene Belastungen, Sorgen und Ängste aushalten? Soziale Ausgrenzung ertragen? 94 Prozent aller schwangeren Frauen, bei deren Ungeborenem eine Trisomie 21, das Down-Syndrom festgestellt wird, entscheiden sich für eine Abtreibung. Dabei entgeht ihnen offenbar nicht nur eine schicksalhafte Chance zur Selbsterfahrung und Weiterentwicklung, sondern auch ein besonderes Lebensglück, worauf eine bemerkenswerte kanadische Studie hindeutet. Ein Forscherteam der Uni­versität Montreal, Kana­da, um die Neonatologin Annie Janvier befragte 332 Eltern von 272 Kin­dern, bei denen noch schwerwiegendere Behinderungen vorlagen als beim Down-Syndrom – Trisomie 13 (Pätau-Syndrom) oder 18 (Edwards-Syndrom) –, nach ihrer Lebenszufriedenheit. (1) Die Ergebnisse der Studie sind verblüffend. Bei einer Tri­somie kommen in jeder Körperzelle von einem bestimmten Chromosom – mit der Nummer 13, 18 oder 21 – drei statt der üblichen zwei Exem­plare vor. Diese Anomalie führt zu zahlreichen Besonderheiten: Down-Kinder sind geistig behindert, überaus anfällig für Infekte, fallen durch asiatisch anmutende Augen auf – daher die verbreitete Bezeichnung „Mongolismus“ -, in jedem zweiten Fall liegt ein Herzfehler vor. Noch gravierender wirken sich die Triso­mi­en 13 und 18 aus: Häufig sind innere Organe aufs Schwerste missgebildet. Wegen deformierter Kiefer- und Gesichtsknochen können die Kinder nicht selbstständig durch die Nase atmen, kaum oder gar nicht schlucken. Die meisten weisen Herz­fehler auf. Oft ist das Kleinhirn verkümmert, das unter anderem Gleich­gewicht, Wahrnehmung, Schmerz und Hunger steuert. Die Betroffenen sind blind oder gehörlos. Manche haben kein Zwerchfell, andere einen „offen Rücken“, und alle sind kleinwüchsig. Oftmals müssen sie künstlich ernährt und beatmet werden, weshalb sie ihre wenigen Lebenswo­chen, an Sonden und Kabeln hängend, auf der Intensivstation verbringen. Irgendwann glucksen und lachen manche zwar spontan, reagieren aber nicht, wenn man sie anlächelt oder anspricht, können den Kopf nicht heben, ihr Gesicht bleibt regungslos. Einige lernen, sich aufzusetzen, aber nur die allerwenigsten können jemals laufen oder sprechen. Viele kommen tot zur Welt oder sterben innerhalb der ersten zwölf Monate. (Zum Zeitpunkt von Janviers Datenerhebung lebten nur noch 79 der 272 Kinder, ihr Durchschnittsalter lag bei vier Jahren.) Im statistischen Durchschnitt überleben Kinder mit einer Trisomie 13 oder 18 gerade einmal 2,5 bis 14,5 Tage, bloß eines von zwölf lebend geborenen Kindern übersteht das erste Lebensjahr. Nur in seltenen Einzelfällen werden sie 12, 13, gar 18 Jahre alt. Die meisten Ärzte raten werdenden Müttern bei einem derart fatalen pränatalen Befund dringend zum Abort, versuchen ihnen auszureden, um ihr Kind zu kämpfen, und sträuben sich kategorisch gegen lebensrettende Maßnahmen, falls es doch zur Welt kommt – nicht unbedingt aus Hartherzigkeit, sondern im Bewusstsein persönlicher Risiken: Ein Arzt, der einem solchen Kind überleben hilft, läuft Gefahr, dass die Krankenkasse ihm einen „Behand­lungs­fehler“ vorwirft – er habe die Eltern offenkundig nicht ausreichend über die Folgen eines solchen Gendefekts aufgeklärt, andernfalls hätten sie selbstverständlich abgetrieben – und sich die Kosten lebensverlängernder Maßnahmen von seiner Haftpflichtversicherung zurückholt. Und auch die Eltern könnten ihn, falls sie ihr Ja zum Kind später bereuen, nachträglich haftbar ma­chen, gestützt auf ein neues Patien­ten­rechtegesetz: Weil er sie nicht eindringlich und vollumfänglich ge­warnt habe, müsse er die Unterhaltskosten mitfinanzieren. Dennoch können solche Kinder für ihre Eltern offenbar Glück bedeuten: Nicht weniger als 97 Prozent der befragten Mütter und Väter gaben an, nicht nur selber ein erfülltes Leben zu führen; sie meinten auch, dass ihr Kind glücklich sei – und dass seine Existenz das Familienleben und ihre Partnerschaft bereichere. Unfassbar? „Unsere Studie zeigt“, so Annie Janvier in der Fachzeitschrift Pediatrics, „dass Eltern, die einen Weg finden, ihr behindertes Kind zu akzeptieren und zu lieben, Glück und Bereicherung erfahren.“ Wie gut betroffene Eltern eine solche Ausnahmesituation bewältigen, hängt entscheidend davon ab, wieviel Verständnis und Unterstützung sie von Lebensgefährten, Verwandten und Freunden erfahren. In krassem Gegensatz dazu steht das düstere Bild, das Ärzte häufig malen: 87 Prozent der befragten Eltern gaben an, ihnen sei während der Schwangerschaft gesagt worden, ein solches Kind sei „nicht mit ihrem Leben vereinbar“. Und jedes zweite Paar musste sich anhören, das Kind werde bloß „da­hinvegetieren“ und „ein Da­sein in Leid fristen“, jedem vierten wurde prophezeit, ein solches Kind werde „unser Familien­leben und unsere Partnerschaft zerstören“. Und wenn ein schwerstbehindertes Kind früh stirbt? Nach seinem Tod sagen fast alle Eltern, die es begleiteten: „Wir sind froh, dass wir dieses Kind gehabt haben.“ (Harald Wiesendanger) Anmerkung 1 Annie Janvier, Barbara Farlow, and Benjamin S. Wilfond: “The Experience of Families With Children With Trisomy 13 and 18 in Social Networks”. Pediatrics, July 23, 2012. Eine neue­re, noch größere Studie der Queen-Mary-Universität von Lon­don berücksichtigte 326 Kinder mit Trisomie 18 und 142 mit Trisomie 13: Jianhua Wu/Anna Springett/Joan K. Morris, „Sur­vival of trisomy 18 (Edwards syndrome) and trisomy 13 (Patau Syndrome) in England and Wales 2004–2011“, American Journal of Medical Genetics 161 (10) 2013, S. 2512–2518. Dieser Betrag ist dem Buch von Harald Wiesendanger: Auswege – Kranken anders helfen (2015) entnommen.

  • Bedingungslos helfen - Plädoyer für eine karitative Medizin

    Nichts gibt es umsonst, schon gar nicht im Gesundheitswesen. Oder etwa doch? In den Therapiecamps meiner Stiftung Auswege helfen Ärzte, Heilpraktiker, Psychotherapeuten, Heiler, Pädagogen und weitere Fachkräfte chronisch Kranken ehrenamtlich. Was sie dabei erreichen, liefert beste Gründe für eine karitative Medizin. Schenken macht Freude – nicht nur dem Beschenkten. Kann es mehr? Angenom­men, das Geschenk besteht aus einer gesundheitlichen Dienstleistung: einer ärztlichen Sprech­stunde, einer psychologischen Beratung, einer psychotherapeutischen Sitzung, einer medizinischen Behandlung: Wächst diesen dann etwas zu, das ihnen abginge, falls sie in Rechnung gestellt würden? Nunmehr 15-jährige Erfahrungen (1) mit unseren Therapiecamps legen nahe: Mildtätigkeit ist heilsam. Sie bringt einen zusätzlichen the­rapeutischen Fak­tor ins Spiel, der die Wirkung der eingesetzten Behand­lungs­­weisen verstärkt. Warum ist das so? Die meisten Patien­ten sehen darin eine großzügige, liebevolle Geste, die sie zutiefst beeindruckt. Mehr als bloße Worte überzeugt es sie davon, dass es dem Therapeuten nicht „ums Geld geht“, sondern be­din­gungslose Zu­wen­dung, Fürsorge, Mitgefühl, Hilfs­bereitschaft für ihn oberste Priorität haben. Die Dankbar­keit dafür stärkt das Vertrauen in den Behand­ler; sie überzeugt davon, dass er selbst überzeugt ist vom Sinn und Nutzen dessen, was er anbietet; sie macht beson­ders offen für das, was er rät und tut; sie erzeugt eine Art von Sympathie, die in einem durch und durch kommerzialisierten, von Ge­büh­­renord­nungen geprägten Gesund­­­heits­­we­sen nicht mehr entstehen kann. „Wir wa­ren umgeben von En­geln, jeder war herzlich und hilfs­bereit“, schwärmte die Mutter eines 19 Mo­na­te alten, stark entwicklungsverzögerten Jun­gen am Ende eines Camp­aufenthalts. Die Mama eines achtjährigen, geistig und körperlich schwerbehinderten Epileptikers äu­ßerte abschließend: "Es war mir nicht möglich, mich in der Runde zu be­danken, sonst hätte ich nur geweint. Euer aller selbstlose Art ist fast nicht zu verstehen. Danke, dass es Euch gibt, und Danke dafür, was Ihr für uns alle tut!“ Wer so etwas sagt, hat sich auf Helfer und Hilfs­angebote zuvor in einer Weise eingelassen, die einer therapeutischen Beziehung fremd ist, wenn sie zwangsläufig in Geldtransfer mündet. Insofern widerlegen unsere Erfah­run­gen das Vorurteil, der typische Patient verfahre nach der Devise „Was nichts kostet, kann nichts wert sein“. In weiten Teilen der alternativen Gesundheitsszene kursiert die paraphysikalische Mutmaßung, eine „angemessene“ Bezahlung stelle einen „Energieausgleich“ dar, der für den Behand­lungserfolg unabdingbar sei. Daraus ist eine willkommene Ideo­logie der Heilerpraxis als Ge­schäfts­modell geworden, die bequemerweise von schlechtem Gewis­sen entlastet, bei Honorarsätzen ordentlich zuzulangen. Würden wir ebenso verfahren, dann müssten wir die durchschnittlich 400 Termine pro Camp, die wir Hilfesuchen­den an­bie­ten, jedesmal mit zusammengerechnet rund 20'000 bis 30'000 Euro in Rechnung stellen, marktübliche Prei­se vorausgesetzt. (Im Schnitt kom­­men fünfzehn Thera­peuten an sechseinhalb Be­hand­lungstagen pro Camp auf täglich sechs Einsätze.) Wir verzichten darauf. Aus Dumm­heit? „Liebe heilt“, versichern Eso­t­eriker. Aber erweist sich Liebe nicht auch im freiwilligen Verzicht auf finanzielle Vorteile? Honorarverzicht im Gesundheitswesen: weltfremd? Zum Stichwort „Medizin“ listet die weltgrößte Internet-Suchmaschine Google über 83 Millionen Fundstellen auf. Und für „karitative Medizin“? Gan­ze neun - vier davon entfallen auf die Stiftung Auswege. (1) Für den heutigen Stel­lenwert eines unentgeltlichen Dien­stes an Kranken, aus Mitgefühl und Barmherzigkeit, scheint die­­ses Zah­lenverhältnis bezeichnend. Längst ist unser Ge­sundheitswesen zur Pro­fitmaschine geworden, be­herrscht von ökonomischen Markt­gesetzen, denen Waren und Dienst­leistungen ohne Preisschilder fremd sind. Vor diesem Hintergrund wirkt karitative Medizin teils exotisch, teils antiquiert, jedenfalls weltfremd. Man denkt an Jesus, der keine Rechnun­gen ausstellte, wenn er Lahme gehen, Blinde sehen ließ; an christliche Mis­sionare, die im Geist jener Nächstenliebe, die er lehrte und vorlebte, Ungläubige in Regenwäldern, Steppen und Südseeparadiesen nicht nur mit frommen Bekeh­rungs­ver­suchen überzogen, sondern auch me­di­zinisch versorgten; man erinnert sich an Lazarette im antiken Grie­chen­land, an die ersten Kranken­häuser im byzantinischen Reich, an mittelalterliche Klöster, die niemanden abwiesen, der für Pflege und Behandlung nicht be­zahlen konnte. Die eindrucksvollsten Beispiele für karitativen Krankendienst stammen aus vorwissenschaftlichen Zeiten, in denen Krankheit noch als gottgewollt galt, Seelenheil als Heilungs­bedingung, Medizin als praktizierte Theologie. Wenn heut­zutage im Zusam­men­hang mit medizinischem Tun von „hu­manitärer Hilfe“ die Rede ist, fallen uns allenfalls noch jene Medi­ziner und Pflegekräfte ein, die für Organisationen wie „Ärzte ohne Grenzen“ in der Drit­ten Welt bei Seuchen, Na­tur­katastrophen oder Kriegen ehrenamtlich helfen; hierfür erhalten sie allerdings eine monatliche Auf­wands­entschä­di­gung im vierstelligen Bereich. Die be­kannteste medizinische Ein­rich­tung aus jüngerer Zeit, in der ehrenamtliches Helfen auf Spen­denbasis im Vorder­grund stand, liegt 8000 Kilo­me­ter weit weg, im westafrikanischen Ga­bun: das le­gendäre Urwald­hospital Lam­ba­réné, 1913 vom elsässischen Theo­logen, Arzt und Frie­densnobel­preisträger Albert Schwei­zer (1875-1965) gegründet. Aber ist humanitas (lat.: Menschlich­keit, Wohltätigkeit) nicht auch hierzulande angezeigt? Würden wir unsere Preisliste für Campangebote am Gesundheitsmarkt ausrichten: Nur ein Bruchteil der Teilnehmer könnte sie sich aus eigener Tasche leisten, denn keine Krankenkasse kommt dafür auf. Wenn „Auswege“ nicht nur ein Hilfs­projekt für Besser­verdienende sein soll, muss es auf Not­lagen von Hilfesuchenden Rück­sicht nehmen – aus Barm­­herzigkeit. Wir machen niemanden reich - aber wir bereichern jeden Allerdings muss man sich Geschenke leisten können. Der Haken an karitativer Medizin scheint: Anbieten kann sie nur, wer selber schon finanziell ausgesorgt hat. Stimmt das? Unter den mehr als fünfzig Therapeuten, die in „Auswege“-Camps bisher mindestens einmal im Einsatz gewesen sind, sucht man Millionäre vergebens; einer wie der andere betreibt daheim eine Praxis, auf deren Erträ­ge er angewiesen ist, um sich und seinen Näch­sten ein einigermaßen sorgenfreies Leben zu sichern. Trotz­dem verzichten unsere Campteam-Mit­glieder mindestens einmal pro Jahr auf den Erholungs­wert von neun Urlaubstagen oder die Einnah­men einer ganzen Praxiswoche – klaglos und freiwillig, keineswegs im Gefühl, sich „aufzuopfern“ und ausgenutzt zu werden. Denn der Campverlauf entschädigt sie reichlich dafür: Sie gehören einem Team an, das vorbildlich de­mon­striert, wie ein effektives, egofreies, wohlwollendes Miteinander von helfenden und hei­lenden Berufen funktionieren könn­te; sie werden Teil einer beispielhaften Gemeinschaft von Hilfe­suchenden und Helfern; sie erleben hautnah, wieviel mit unkonventionellen Heil­weisen zu erreichen ist, wenn ihnen optimale Bedingun­gen geschaffen werden, um ihre Stärken zu entfalten. Wäre ein rein karitatives Gesund­heitswesen möglich? Zumindest in Teilen – wenn mehrere tausend Thera­peuten so dächten, fühlten und handelten wie die paar Dutzend in unseren Camps. Gleichwohl sind wir zwar Idealisten, aber keine Träumer. In der besten aller möglichen Welten gleichen Hilfesuchende durch freiwillige Zuwendungen großzügig aus, was ihnen gratis zuteil wird. Im Hier und Jetzt würde ein derart betriebenes System medizinischer Versorgung im Nu kollabieren, weil es die Helfer in Not brächte, wie unsere Camps befürchten lassen. Zwar zeigen sich dort neun von zehn Teilnehmern am Ende durch Spen­den erkenntlich; mit diesen jedoch ließe sich jedes einzelne Teammit­glied im Durchschnitt gerade mal mit drei bis vier Euro pro Tag entlohnen – keineswegs, weil die Patienten knausrig und undankbar sind, sondern weil mehr ihrerseits zumeist nicht drin ist. Zu uns kommen Hilfe­suchende, denen es großteils schon schwerfällt, für die eigene Unter­kunft und Verpflegung während der Campwoche aufzukommen; vereinzelt müssen sie von uns bezuschusst werden, um überhaupt dabei sein zu können. Unter solchen Umständen kann mildtätiges Heilen nie mehr als ein Nischenangebot bleiben – eine leuchtende Ausnahme von der er­nüch­ternden Regel. Es deshalb ge­ring­zuschätzen, wäre töricht und un­fair. „Auf die Füße“, sagte Albert Schweitzer einmal, „kommt unsere Welt erst wieder, wenn sie sich beibringen lässt, dass ihr Heil nicht in Maßnahmen, sondern in neuen Ge­sin­nungen besteht.“ Für die Gesin­nung, die Helfer wie die „Auswe­ge“-Aktivisten beseelt, fand er weise Worte: „Wem eigene Schmerzen erspart bleiben, der muss sich aufgerufen fühlen, die Schmerzen anderer zu lindern.“ Sich darum unentgeltlich zu bemühen, bedarf keineswegs einer „höheren“ moralphilosophischen oder theologischen Rechtferti­gung – Helfen tut gut, es befriedigt und erfüllt, genügt das nicht? Unsere Camps machen niemanden reich. Aber sie bereichern jeden. Wenn das Selbstverständliche zum Rätsel wird „Warum macht ihr das?“ Verwun­dert fragen wir zurück: „Warum fragt ihr das?“ Ist es nicht erstaunlich, dass es Erstaunen auslöst, wenn jemand Gutes tut? Dass es für Fas­sungslosigkeit sorgt, wenn jemand selbstlos handelt? Was sind das bloß für Leute, die zu so etwas fähig sind, fragen sich Außenstehende – wobei sie zu fragen versäumen, was das über sie selber und eine Gesellschaft aussagt, in der das Gute zunehmend zum überraschenden, begründungsbedürftigen Sonderfall wird. Ist Alt­ruismus – selbstloses Denken und Handeln, das auf Mitmenschen Rücksicht nimmt, eigene Anliegen zurückstellt, den Interessen und dem Wohl Anderer dient (lat. alter) -, denn derart unwahrscheinlich geworden? Ist Eigennutz mittlerweile die einzig erwartbare Währung des Mitein­anders? Einer legt sich zur Blutspende ins Zelt des Roten Kreu­zes – kennt er denn nicht die Risiken von Kreis­lauf­pro­ble­men, einer Wundinfektion, eines Blutergusses an der Ein­stichstelle, einer Nervenverletzung? Ein Anderer springt einem verängstigten Ausländer bei, der von einer Gruppe Halbwüchsiger angepöbelt wird – ist ihm nicht klar, dass er zusammengeschlagen werden könnte? Ein Weiterer springt kurzerhand in den eiskalten Fluss, um jemanden herauszuholen, der unterzugehen droht – obwohl er dabei selber ertrinken könnte, zumindest riskiert er in seinen pitschnassen Klamotten eine Lungenentzündung. Im nächtlichen Wald sieht ein Vorbeifahrender jemanden am Straßenrand liegen, hält an, steigt aus, eilt zu ihm – ist er zu naiv, um damit zu rechnen, dass ein Wegelagerer ihm eine raffinierte Falle stellen könnte? Wie konnten die das bloß tun? Es werden also Gründe für das Gute eingefordert, als ob es an sich nicht genug wäre; als ob es sich nicht von selbst erklärte; als ob das Eigensüchtige, das Gleichgültige näher läge. Warum, so wundern sich „Auswege“-Aktivisten, kommt im­mer mehr Menschen Altruismus absonderlich vor, ja geradezu un­heimlich? Wieso werden die Motive derer, die Gutes tun, angezweifelt? Weshalb fällt vielen die Vorstellung schwer, dass jemand zugunsten Anderer auf einen persönlichen Vorteil verzichtet – ohne Zwang und ohne auf eine Gegenleistung zu spekulieren, ja womöglich ohne irgendeine rationale Begründung? „Aber irgendetwas musst du doch davon haben“, wird der Altruist angegangen: Bestimmt tut er das nur – „nur“? -, um sich selbst zu beweisen, wie ernst er seine moralischen Grund­sätze nimmt, wie sensibel er auf die Stimme seines Gewissens hört, wie pflichtbewusst er sich einer Ethik unterwirft; um Anerkennung und Bewunderung zu ernten; um beim Herrgott fürs Jüngste Gericht Plus­punkte zu sammeln; um seinem Ego zu schmeicheln, sein Selbstbild aufzupolieren. Solchen verschrobenen Sonderlingen wird neuerdings das spöttische, herabwürdigende Etikett des „Gutmenschen“ angeklebt. Es ist, als müssten sich diejenigen schämen und hinterfragen, die praktiziertes Mitgefühl – eines, das sich nicht in folgenlosen verbalen Empa­thiebekundungen erschöpft - für eine selbstverständliche Aus­drucks­form von Humanität halten – und nicht diejenigen, denen nicht einmal mehr aufzufallen scheint, dass es noch Andere gibt; als seien diejenigen seltsam, die beschäftigt, was moralisch geboten wäre, und nicht diejenigen, die moralischen Analphabetismus offenbar für „in“ erachten. Argwöh­nisch werden insgeheime Motive durchleuchtet: Wo liegt sein Vorteil? Welcher insgeheime Nutzen wiegt seine Kosten auf? Der „Gutmensch“ soll „überführt“, sein Handeln zum „Helfer­syndrom“ neurotisiert werden. Mit welchem Beweisziel? Ist Gutes, das nicht nur dem Anderen gut tut, es nicht wert, getan zu werden? Woher kommt der Eindruck des Ungewöhnlichen? Man hat sich an das Gegenteil gewöhnt. In einer Welt, die vom Primat des Ökonomischen durchdrungen ist, muss selbstloses Handeln zum Rätsel werden. Wie konnten wir annehmen, dass es folgenlos bleibt, wenn immer mehr Dienstleistungen, gewöhnlichen Wa­ren gleich, in den Bannkreis instrumentellen, nutzenkalkulierenden Den­kens geraten? Die Idee des zweck­freien Guten bleibt nicht unberührt, wenn selbst Bildung und Forschung, ja existentielle Lebensbereiche wie Gesundheit und Pflege vornehmlich auf Effizienz und Profitmaximierung ausgerichtet werden. Im Fremden den Nächsten zu sehen und dieses Lippenbekenntnis den alltäglichen Umgang mit Anderen inspirieren zu lassen, kommt Otto Normal­christ, nicht weniger als Ottmar Glaubnix, von Montag bis Samstag eher sozialromantisch-surreal vor, auch wenn er sonntags widerspruchslos Predigten und liturgischen Lesungen folgt, die ihm eben diese Geistes­haltung nahelegen. Sein Agape mag sich in Klin­gel­­beuteln und bisweilen im Bettel­hut eines Obdachlosen materialisieren, zu Weihnachten oder in Kata­strophenfällen das Spendenkonto irgendeiner Wohltätigkeitsorganisa­tion füllen – im übrigen delegiert er jedoch, im Zeitalter fortgeschrittenster Arbeitsteilung, das mildtätige Hel­fen vorzugsweise an Caritas, Mi­se­reor und andere Einrichtungen, die er dafür „zuständig“ sieht. Gegen einen solchen Zeitgeist hat es die Selbst­losigkeit schwer. Deshalb sorgt es immer häufiger für Ver­blüffung und Befremden, wenn einer nicht überlegt, ob es sich lohnt und auszahlt, was er tut; wenn er ein nicht vorab kalkuliertes Risiko eingeht; wenn er einen Verlust in Kauf nimmt, weil er keinen Gegenwert herausschlagen kann; wenn er er­klärt: „Mir geht es gut genug, um eine Weile ohne Lohn für Andere da zu sein, die schlechter dran sind als ich“, statt zu sagen: „Mir könnte es noch besser gehen, wenn ich weiterhin zuallererst an mich selber den­ke“. Fälle von Altruismus sorgen mittlerweile für Schlag­zeilen, locken Fern­sehreporter an, werden zum Stadt­gespräch, geraten auf die Tages­ordnung von Komitees, die für das Verleihen von Verdienstorden zu­ständig sind; kurzum: Sie werden hervorgehoben, überhöht, gefeiert. Dies steht nicht im Widerspruch zum Befund, das Gute sei aus der Mode geraten, sondern bestätigt ihn sym­ptomatisch. Derart weit scheint uneigennütziges Handeln inzwischen in den Dunstkreis des Unwahr­schein­lichen geraten, dass gerade übermenschlich heldenhaft erscheint, wer es auch nur versuchen will. Statt als selbstverständlicher Normalfall des Zusammen­lebens dazustehen, wird „die gute Tat“ in eine elitäre Olym­piade von moralingedopten Hoch­leistungsethi­kern ausgelagert. Folgt eine solche Glorifizie­rung nicht einer bequemen Entlastungsstrate­gie? Wenn Gutes als unerreichbar an­spruchs­voll gilt, kann es auch nicht erwartet werden. Wenn ein Journalist von mir wissen will, weshalb ich Schwerkranken helfen will, wäre meine ehrlichste Antwort: „Ein­fach so.“ Ich tue es beinahe reflexhaft: Jemand leidet, ich möchte beistehen. Gutes kann banal sein – manchmal genügt dazu das Wissen, was man tun könnte, und ein Impuls, es zu tun. Einfach so? Ja, einfach so. Nicht grundlos, aber keiner Begründung bedürftig. Sich darum unentgeltlich zu bemühen, bedarf keineswegs einer „höheren“ moralphilosophischen oder theologischen Rechtferti­gung – Helfen tut gut, es befriedigt und erfüllt, genügt das nicht? Anmerkung 1 Stand 2021. (Harald Wiesendanger) Dieser Betrag stammt aus dem Buch von Harald Wiesendanger: Auswege – Kranken anders helfen (2015).

  • Mit Bodenhaftung – Auf Abstand zur Esoterik

    Weil meine Stiftung Auswege auch Geistheiler vermittelt und in ihre Therapiecamps einbezieht, riskiert sie, als „esoterisch“ abgestempelt zu werden. Die üble Nachrede erträgt sie mit Gleichmut – wer sich die Mühe macht, sie näher kennenzulernen, merkt rasch, welch großen Abstand sie zur Esoterikszene hält, programmatisch wie praktisch. „Esoterik“ ist weithin zum Schimpfwort geworden, fast schon zu einem Syno­nym für wolkige Schwarm­geisterei, für abstruse An­sichten und Praktiken in kilometerweiter Flughöhe oberhalb jedes wissenschaftlichen Fundaments, für ge­heimniskrämerische, wichtigtuerische Spinnerei, verbunden mit einem missionarischen Sendungsbewusst­sein, das sich umgekehrt proportional zu seiner Rationalität und Kritik­fähigkeit verhält, gepaart mit der Ar­ro­ganz besserwisserischer Auser­wähl­ter – und insbesondere auf dem alternativen Gesundheitsmarkt fatal verknüpft mit Quacksalberei und Scharlatanerie, die Gutgläubigen skrupellos das Geld aus der Tasche zieht. Dabei schießen Otto Normal­versteher reflexhaft Bilder durch den Kopf, mit denen Zeitungsjournali­sten ganz unjournalistisch ihre Pau­schalverrisse zu illustrieren pflegen: vorzugsweise Kristallkugeln und Wün­schelruten, verbogene Löffel und das „Oui-ja“-Brett von Geister­beschwörern. Die Polemik ist ebenso billig wie geschichtsvergessen. Der ursprünglichen Wortbedeutung nach steht „Esoterik“ für Wissen, das nur Ein­geweihten, einem begrenzten „inneren“ Personenkreis zugänglich ist (1) (altgriech. esoterikos: „dem inneren Be­reich zugehörig“) – und das muss­te es jahrhundertelang sein. Denn sein Besitz war im christlichen Abend­land lebensgefährlich. Es lief Lehr­meinungen zuwider, welche die Kir­chen, im Bund mit weltlichen Herr­schern, nicht nur mit unerschütterli­cher Dogmatik verteidigten, sondern auch mit Folterwerkzeugen, Galgen und Fallbeilen. Wer unvorsichtig genug war, sein Gedankengut nicht konsequent im Ver­bor­genen, „Ok­kul­ten“ zu hal­ten, riskierte Leib und Le­ben, er schweb­te in ständiger Ge­fahr, vom nei­di­schen Be­kann­ten, vom argwöhnischen Nachbarn, vom glaubensfanatischen Angehörigen bei der In­qui­si­tion denunziert zu werden. Bloß weil sie Dinge glaubten und wussten, die für häretisch, „nicht rechtgläubig“ be­funden wurden, und er­staunliche Dinge konnten, die mutmaßlich einem Bund mit Dämo­nen oder Sa­tan höchstselbst ent­spran­gen, wurden nach neueren Schätzungen vom 13. Jahrhundert an in Europa drei Millionen „Esoteri­kern“ der Prozess gemacht – und 40’000 bis 60'000 von ihnen gnadenlos als Ketzer und Hexen auf Schei­ter­haufen verbrannt, gesteinigt und gevierteilt, in Flüssen ertränkt, bei lebendigem Leib begraben, gehängt oder auf Guillotinen geköpft, sofern sie nicht in finsteren Verliesen verreckten (2) – in nomine pat­ris et filii et spiritus sancti. Nur Wahn­sinnige und Lebensmüde outen sich unter solchen Umständen. Diese finsteren Zeiten sind gottlob vor­bei, weshalb Esoterik im eigentlichen Sinne inzwischen so gut wie ausgestorben ist, spätestens seit in den sechziger Jahren eine „Welle“, die ihren Namen trägt, die westliche Welt erfasst hat. Was weiterhin penetrant so genannt wird, ist ein gigantisches Sammelsurium der unterschiedlichsten Weltanschauungen und Verfahrensweisen außerhalb des akademisch Anerkannten; das Spek­trum reicht vom Wahr­sagen über Magie, Wie­der­geburt, Ufosichtungen und Rutengehen bis hin zu Nume­ro­logie, Reiki, Gläserrücken, Astrolo­gie und Aura-Soma-Essen­zen. Dieses Kun­ter­bunt verbindet am ehesten der Umstand, dass es längst, ganz und gar unesoterisch, öffentlich zur Schau gestellt wird: auf Messen und Kon­gressen, in Seminaren und Work­­shops, in Illu­strierten und TV-Sen­dern, im Anzei­gen­teil von Print­medien, in Flyern und Broschü­ren, neuerdings abermillionenfach im Internet. Aus Eso­terik ist Exoterik geworden (3): ein jedermann ohne Ein­gangskontrollen zugänglicher Ge­mischt­warenladen voller Sachen, Ideen und Praktiken, dessen Wert­hal­tig­keit, je nach Standpunkt, ir­gendwo zwischen dem von Fäka­lien und purem Gold taxiert wird. Heikler Berührungspunkt Dass der Stiftung Auswege, und insbesondere ihren Therapiecamps, von Skeptikern „Esoterik“ vorgehalten wird, ertragen wir mit heiterer Gelas­senheit. Der Eindruck entsteht in erster Linie durch einen heiklen Be­rührungspunkt mit Vorlieben der Eso­szene: dem Vertrauen auf Geisti­ges Heilen. Doch dazu stehen wir, aus denselben Gründen, aus denen wir uns gegen die pauschale Verun­glimpfung alles „Esoterischen“ wehren: - Soweit es „Esoterik“ an wissenschaftlicher Absicherung mangelt, hat Geistiges Heilen es nicht länger verdient, in dieser Schublade zu landen. Durch Hunderte kontrollierter Studien, die seit den sechziger Jahren stattfanden – von Medizinern, Psy­cho­logen, Biologen, Chemikern, Phy­sikern (4) – ist es mittlerweile empirisch besser abgesichert als so manche schulmedizinisch anerkannte und weithin praktizierte Maßnahme. Gleiches gilt für Phänomene wie Hellsehen, Telepathie, Präkognition und andere Formen von außersinnlicher Wahrnehmung sowie für Psy­cho­kinese, nach einem Jahrhundert parapsychologischer Forschung. - Empirische oder theoretische Defizite und Widersprüche zu anerkannten Lehrmeinungen kennzeichnen jedes neue Wissenschafts­para­digma im Frühstadium. (5) Wer sie deswegen als „esoterisch“ belächelt, hätte dies seinerzeit auch mit der koper­nikanischen Astronomie, mit Lavoisiers Sauerstoffchemie, mit Ein­steins Relativitätstheorie tun müssen, ehe sie das ptolemäische Welt­bild, die Phlogistontheorie bzw. die Newton´sche Physik ablösten. Steckt die Wissenschaftshistorie, und insbesondere die Geschichte der Medizin, nicht voller Indizien dafür, dass es sich bei allem, was man sicher zu wissen meint, immer nur um den aktuellen Stand des Irrtums handelt? Jede neue Erkenntnis wird zunächst ignoriert, dann verspottet, dann bekämpft – und schließlich waren immer schon alle dafür. (6) - Bei jeder Therapie, ob konventionell oder „alternativ“, sollten drei Aspekte auseinandergehalten werden: 1. der Evidenzwert, d.h. die Qua­­­li­tät der empirischen Daten, auf die sie sich gestützt; 2. der Erklä­rungs- und Prognosewert ihrer zu­grun­deliegenden Theorie; 3. ihr Nutzwert für Patienten. Wenn wir Gei­stiges Heilen in unsere Camps einbezogen werden, so aus letzterem Grund. Um festzustellen, dass Behandlungsweisen wie Hand­auflegen, Gebets- und Fernheilen, Aura- und Chakratherapie Sympto­me günstig beeinflussen, müssen wir uns keineswegs vorgängig Glau­bensinhalte wie feinstoffliche Zweit­körper und göttliche Energien zu eigen machen. In unsere Campteams beziehen wir Heiler nicht aus religiöser Neigung ein, sondern aus pragmatischen Erwägungen, geleitet von einem vorurteilsfreien Blick auf er­ziel­te Ergebnisse. - Dass Hilfesuchende vor der esoterischen Heilerszene mittlerweile eher gewarnt und in Schutz genommen werden müssen, muss uns niemand erst noch vor Augen führen; in unseren Schriften (7), im Internet, bei Veran­stal­tungen, auch während der Camps tun wir es selbst mit Nach­druck. Mit der Esoterikwelle hat sich die Zahl sogenannter "Geistheiler" in der westlichen Welt vervielfacht. Damit einher ging allerdings ein bestürzender Qualitätsverfall. Inzwi­schen überwiegen aufrichtig bemühte Dilettanten: unerfahrene, mäßig begabte, sich selbst überschätzende Möchtegerns, die mit überzogenen Erfolgsversprechen, wolkiger Esote­rik, fragwürdigen Diplomen und dubiosen Titeln ("Meister", "zugelassen", "anerkannt", "geprüft", "zertifiziert") wettzumachen versuchen, was ihnen an therapeutischer Befähi­gung fehlt - im Bund mit mehreren Heilerverbänden und den meisten Heilerschulen, denen Eigeninteres­sen vor Patientenwohl gehen. Solche Heiler bringen ihre Behandlungs­weise in Misskredit; sie ziehen den Ruf der wenigen Könner in Mit­leidenschaft; sie enttäuschen und ge­fährden unzählige Kranke, die bei ihnen arglos Hilfe suchen. Und letztlich verspielen sie die Zukunft Geistigen Heilens: Denn Menschen, die einmal an sie geraten sind - seien es Patienten oder auch kooperationswillige Ärzte, Therapeuten und Seel­sorger - werden es kein zweites Mal mehr tun und sich frustriert abwenden. Deshalb entstand 2005, parallel zur Stiftung Auswege und ihre Ver­mittlungstätigkeit unterstützend, die Internationale Vermittlungsstelle für herausragende Heilkundige (IVH) (8): als längst überfällige Einrichtung zum Ver­brau­cherschutz vor Nichts- und We­nig­könnern, vor Etikettenschwind­lern, Geschäftemachern, unheilen Pseudo-„Heilern“ und esoterischen Nebelwerfern. Die zwölf Irrtümer von Esoterikern Im übrigen brauchen weder Hilfesuchende noch Helfer irgendwelche esoterischen Glaubensbekenntnisse zu teilen, um an unseren Therapie­camps teilzunehmen (auch wenn manche sie mitbringen) - andernfalls würden Verlauf und Ergebnisse eher gefährdet als gefördert. Denn die esoterische Subkultur krankt, bislang therapieresistent, an zwölf grundlegenden Irrtümern. (9) Jeder entsteht aus einem durchaus nachvollziehbaren Ansinnen, das zu einer abstrusen Zumutung an kritische Rationalität aufgebläht und überdehnt wird – und schlimmstenfalls zur Gefahr für die geistige und seelische Gesund­heit werden kann. Die Geringschätzung von Wissen­schaft. Für die Polemik, die ihnen aus akademischen Kreisen entgegengeschlägt – am heftigsten von seiten der als „Skeptiker“ getarnten Skep­tizistenfraktion, die vor gehässigen, herabwürdigenden Diffamierungen bis zum gezielten Rufmord nicht zurückschreckt -, revanchieren sich Esoteriker mit herzlicher Verach­tung. Ihnen gilt Wissenschaft als destruktiv, oberflächlich, seelenlos, das Wesen ihrer Erkenntnisobjekte verfehlend. Völlig daneben liegen sie dabei durchaus nicht. Wenn Akademiker „die“ Wissenschaft zum Hort der Rationalität schlechthin verklären, preisen sie tatsächlich ein System der Erkenntnisgewinnung, das aus der neuzeitlichen Physik und benachbarten Naturwissenschaften stammt. Dort hat es sich bewährt, dort liegt seine Domäne. Dass es auf alle übrigen Forschungsbereiche ausgedehnt werden muss, versteht sich keineswegs von selbst. Nicht nur Ah­nungslose mit Bildungsdefiziten, auch viele Geistes- und Sozialwis­sen­schaftler sträuben sich mit klugen Argumenten dagegen, Menschen mit grundsätzlich denselben Methoden zu ergründen wie einen Pflanzen­samen oder ein Metall, ein Gestein oder eine chemische Substanz. Von dieser Form von geistigem Imperia­lismus rühren womöglich die Gren­zen her, an welche die westliche Medi­zin gerade bei chronischen Erkrankungen stößt: vom Ausblen­den aller Aspekte, die sich einem rein physikalischen Zugang entziehen. Andererseits verkennen Esoteriker einen Wesenszug von Wissenschaft: Es handelt sich um ein weithin be­währtes Vorgehen, systematisch und intersubjektiv überprüfbar Erkennt­nisse zu sammeln – nach Regeln, die helfen, fragliche Sachverhalte zu klären; Tatsachen zu dokumentieren und von Täuschungen zu unterscheiden; Meinungsverschieden­hei­ten zu klären; herauszufinden, wa­rum etwas geschieht, vor sich geht, besteht; Voraussagen zu treffen - mit der technischen Umsetzung der ge­wonnenen Erkenntnisse als Nagel­probe auf ihre Stichhaltigkeit. Wer eine wissenschaftliche Vorgehens­weise in Bausch und Bogen verdammt, verabschiedet sich mit Stern­zeichen Vage, Aszendent Großer Nebel von rationalem Diskurs, in eine entgeistigte Parallelwelt, in der abwägendes Argumentieren und kritisches Hinterfragen unerwünscht und ungefähr so aussichtsreich sind wie das Projekt, eine Wolke an die Wand zu nageln. Wer sich dorthingezogen fühlt, wird anfällig für autoritäre Ideologien. Am Horizont dämmert eine Diktatur von unantastbar Erleuchteten. Die Privatisierung vermeintlicher Gewissheit. Esoterik stiftet dazu an, allgemein an­erkannte Erkenntniswege, wie unser Bildungssystem sie uns vermittelt hat, bedenkenlos zu verlassen. Induktives Schließen aus Erfah­rungen, logisches Schlussfolgern, rationales Begrün­den von Behauptun­gen fallen in den Herrschaftsbereich des Verstandes und unterliegen seinen Beschränkungen, so heißt es. Wahres Wis­sen erschließe sich vielmehr in einem privaten Erkenntnis­akt: sei es durch Me­di­tation, eine Initia­tion (Erleuchtung) oder durch Offenbarung aus „höheren“, medial zu erschließenden Quel­len. Auf fruchtbaren Boden fallen solche Lehren bei Menschen, die nachvollziehbar bedrückt, dass die Vergöt­terung der Wissen­schaft, ihre Überhöhung zum alleinigen Erkenntnis­produzenten, unsere Gesellschaft mehr und mehr in eine Expertokratie verwandelt, in der die Einschätzun­gen einer akademischen Elite den Ausschlag dafür geben können, dass sich Institutionen über sozialen Kon­sens und persönliches Gutdünken hinwegsetzen. Immer größere Berei­che des öffentlichen und privaten Lebens, über die früher die Beteilig­ten selbst entschieden, werden mittlerweile von Sachverständigenmei­nun­gen beeinflusst: wie Kinder zu er­ziehen sind, unter welchen Um­stän­den sie ihren Eltern weggenommen werden dürfen, wann ein Täter schuldfähig ist, worin guter Sex be­steht, wo die Grenze zwischen Nor­ma­lität und Erkrankung überschritten ist usw. Je stärker das ungute Gefühl ist, dabei übergangen und ent­mündigt zu werden, desto attraktiver erscheint die Aussicht, sich neue, noch höhere Erkenntnisquellen zu erschließen, in die kein Experte mehr hineinreden kann. Denn wissenschaftlicher Krittelei sind sie von vornherein entzogen. Andererseits: Am Ende jedes Er­kennt­nisprozesses, gleichgültig aus welchen Quellen dabei geschöpft wurde, steht eine Behauptung. Wie erweist sie sich im Zweifelsfall als wahr oder irrig? Wer sie rationalem Argumentieren entzieht, vereitelt jegliche Auseinandersetzung damit. Er macht sie unantastbar, eine Wider­legung ist ausgeschlossen. Nicht weiter schlimm wäre das in einer Welt, deren Bewohner nicht nur allesamt bereits esoterisch be­kehrt, sondern auch auf esoterischem Weg zu exakt denselben Einsichten gelangt sind. Dann er­übrigt sich die Forderung nach intersubjektiver Überprüfbarkeit, weil eh schon alle einer Mei­nung sind. Das heillose Durchein­ander von Über­zeu­gungen in Ge­schichte und Ge­gen­wart der esoterischen Subkultur, erst recht die Kluft zwischen ihnen und dem, was Com­mon Sense und Wissenschaft für richtig halten, zeigt indes, dass er­heblicher Diskussions­bedarf besteht. Denn manche Verblendung erreicht erst in der ver­meint­lichen “Erleuch­tung” ihren Höhepunkt. Allzuoft besteht “spirituelles Erwachen” im Übergang ausgedehnter Areale der Großhirnrinde in die Tiefschlaf­pha­se. Die Geringschätzung des Ego. Beeinflusst von östlichen Weltanschauungen, gilt das Ich in Esoterikerkreisen als etwas, das überwunden werden muss. Für den gläubigen Buddhisten ist Atman, das Selbst, die schwerwiegendste aller Il­lu­sionen und Wur­zel allen menschlichen Leids, von der man sich auf einem Erkenntnis­weg zu befreien hat, an dessen En­de man in Brahman, den ewi­gen, transzendenten Ur­grund ein­geht, sich darin auflösend wie ein Tropfen im Ozean. Geistesverwandtes lehren das hinduistische Advaita Ve­dan­ta und islamische Sufi-Traditio­nen. Wie Außenstehen­de durchaus einräumen können, rüh­­­ren einige Grund­übel auf diesem Planeten in der Tat von Ich-Proble­men her: Sie entstehen, wenn das Ego sich in Egoismus und Ego­zen­tris­mus zum Nabel seiner Welt macht; alles nur aus der eigenen Per­spektive wahrnimmt; selbstsüchtig und selbstverliebt, gierig und rück­sichtslos denkt und handelt; immer nur auf den eigenen Vorteil aus ist. Aber als das kognitive Ordnungs­prin­zip des Men­schen, als Kontroll­instanz seiner äußeren und inneren Er­fahrungen, als Korrektiv seiner un­bewussten Triebe und Neigungen, als Kom­man­­­­do­zentrale seines be­wussten Handelns ist das Ich unentbehrlich; ohne abgrenzendes Selbst-Bewusstsein würden wir psychotisch. Die Abwertung des Bewertens. Jeg­liches Bewerten gilt Esoterikern als schlecht: Vielmehr komme es darauf an, alles im Leben so anzunehmen, wie es ist. Auf breite Zustimmung dürften sie stoßen, wenn sie damit auf das Ab­werten abzielen: das Fällen negativer Urteile ohne ausreichendes Vorwis­sen. Das Bewerten an sich hingegen ist ein notwendiger Bestandteil unseres Daseins, keineswegs beschränkt auf Worte und Gedanken. Es ge­schieht, wann immer wir wählen und entscheiden – ob es sich dabei um ein Nahrungsmittel handelt oder um ein Kleidungsstück, eine Lektüre, einen Einrichtungsgegenstand, einen Partner, eine Ausbildung, eine Ar­beit, einen Standpunkt, eine Äußerung, eine Geste, eine Wegstrecke. Jeder unserer Handlungen gehen, zumeist unbewusst, negative Urteile voraus, die mögliche Alternativen aussortieren. Ein Mensch, der sich kon­sequent jeglichen Bewertens enthielte, würde nicht nur apathisch, son­dern in absurdem Selbstwider­spruch vor sich hindämmern - verleitet von einer Negativbewertung des Bewer­tens. Zudem: Wie kann einer, der nicht bewerten will, das Bewerten abwerten? Die Romantisierung des Herzens. Den angeblich „zersetzenden“, unsere wah­ren Bedürfnisse verleugnenden Verstand verabscheuend, huldigen Esoteriker geradezu überschwänglich der Macht von Gefühl und In­tuition. Nur wer „auf sein Herz hört“, lebe „von seiner Mitte aus“, heißt es. Insofern knüpft die Eso­terik­szene an die deutsche Romantik des 18. Jahrhunderts an, die als Gegen­­bewegung zu den Ansprüchen rationaler Aufklärung entstand. Richtig ist: Eines der zuverlässigsten Rezepte zum Unglücklichsein be­steht darin, „verkopft“ zu leben, unter dem Diktat logisch-analytischen Denkens, gegen innere Wider­stände, vorbei an dem, wonach man sich im Grunde sehnt, was einem gut täte. Auch sind Herzenswärme und Herzensgüte feine, wenngleich kardiologisch unverdächtige Charakter­züge. Und mitunter helfen Emotio­nen und Eingebungen tatsächlich eher als noch so komplexe Grübe­leien, die richtigen Entscheidungen zu treffen; denn für ein logisches Ab­wägen aller möglichen Optionen sind die meisten Situationen viel zu komplex; Intuition hingegen kann, unterhalb der Bewusstseinsschwelle, sekundenschnell integrieren und aus­­werten, was man wahrnimmt und weiß. Wer allerdings meint, ohne kritisch durchleuchtenden, kühl abwägenden, sorgfältig planenden Verstand durchs Leben zu kommen, den wird es schmerzlich bestrafen. Ein metaphysischer Idealismus. Eso­te­riker wähnen das Universum durchdrungen von einem geistigen Prinzip – sei es Gott oder ein unpersönliches Etwas -, das alles weise und liebevoll zu unserem Besten lenkt: beispielsweise nach den „Ge­setzen“ der gegenseitigen Anzie­hung von Gleichem (Resonanz) und der ausgleichenden Gerechtigkeit (Karma). Von den Naturgesetzen unserer empirischen Wissenschaften unterscheiden sich diese mutmaßlichen Prinzipien in einer gravierenden Hinsicht: Unter keinen Umständen können sie an der Erfahrung scheitern – immer lassen sich Hilfs­hypothesen zurechtkonstruieren, mit denen sie rhetorisch zu verteidigen sind. Und in eben dieser Nicht­falsifizierbarkeit besteht ein Haupt­merkmal von ideologischen Leer­formeln. (10) Ein teleologisches Weltbild. Nichts geschehe zufällig, versichern Esoteri­ker – alles und jegliches habe einen tieferen Sinn, es folge einem höheren Zweck, den es zu entdecken gilt. Die Überschätzung des Geistigen. In die grenzenlose Macht des menschlichen Geistes setzen Esoteriker ein ebenso grenzenloses Vertrauen. Mit ihm Ber­ge zu versetzen, sei nur eine Frage des richtigen Bewusstseins, heißt es. Was Geistheiler bisweilen zustande bringen, scheint diese These ein­drucks­voll zu bestätigen. Doch selbst die erfahrensten, fähigsten Heiler stoßen an Grenzen, in unseren The­rapie­camps ebenso wie in ihrem Pra­xis­all­tag. Und solange noch niemand einen Berg mental beiseite geschoben hat, tun Bauunternehmer gut daran, auf Bulldozer und Sprengladungen zu setzen. Ein radikaler Konstruktivismus. Eine „objektive“ Realität gibt es nicht, meinen Esoteriker. Was wir dafür hal­­ten, sei ein bloßes Produkt unserer subjektiven Wahrnehmungen, Empfindungen, Überzeugungen und Gedanken. Das hat relativistische Folgen: Es gibt nur persönliche Sicht­weisen, keine unabhängig davon gültige Wahrheit, an der sie zu messen wären. In Streitereien zwischen Eheleuten und Nachbarn, bei Gerichtsver­handlungen, in politischen Konflik­ten zeigt sich immer wieder: Tat­sachen können Ansichtssache sein. Wer allerdings behauptet, subjektive Standpunkte verfehlen prinzipiell die wahren Verhältnisse, führt sich selbst ad absurdum: Ob etwas verzerrt wahrgenommen wird, kann nur entscheiden, wer schon unperspektivisch weiß, wie dieses Etwas objektiv beschaffen ist. Und wenn alles relativ ist, dann auch dies. Die Überhöhung des Positiven Den­kens. Weil alles, was ist, aus Sicht eines metaphysischen Idealisten letztlich gut ist, muss unser Denken dem entsprechen, meinen Esoteriker. Gelinge uns das, so sei uns nichts unmöglich - uns winken immerwährendes Glück, Gesund­heit und Erfolg im Überfluss. Was immer schiefläuft in unserem Leben: Durch negatives Den­ken, durch Zweifel, Ängste und Kritik, haben wir es „angezogen“. Die Aussicht auf Selbsterlösung. Theologen sprechen von „Soteriolo­gie“ (von griech. soteria: Rettung, Erlösung, Heil): einer Lehre vom vollendeten Heil bzw. der Erlösung des Menschen. Eine solche beinhaltet Esoterik: Auch sie verspricht Heil – nicht erst in einem nachtodlichen Jenseits, sondern bereits im Hier und Jetzt. Die frohe Botschaft lautet: Werde Teil der Bewegung, verinnerliche ihr Weltbild, beachte die spirituellen Gesetzmäßigkeiten – dann wirst du vollkommene Erkenntnis und größtmögliches Glück erreichen, die phantastischsten Fähigkeiten er­langen, dich von allem befreien, was dich bedrückt und ängstigt, und zur Ent­faltung bringen, was an Großarti­gem, geradezu Göttlichem in dir steckt. Die Lebenswege vieler esoterisch Bekehrter, zumal besonders inbrünstiger, wecken indes Zweifel daran, ob es wirklich immer klug, ergiebig und zum eigenen Besten ist, dem Heilsversprechen zu trauen. Und sie zeigen, wie leicht man nach Abkehr von traditionellen Kirchen in den Bannkreis neuer geraten kann: Die Esoterikszene ist geprägt von Guru­kult und reichlich Offenbarungs­literatur, deren Wahrheitsanspruch der Heiligen Schrift in nichts nachsteht. Die Verherrlichung des Einsseins in Liebe. Uralte Mystik und romantische Naturphilosophie leben im Esoterikerglauben auf, letztlich sei „alles eins“, jegliches Getrenntsein eine Täuschung, von der schlimmste Übel herrühren. Nicht von ungefähr kommt auf esoterischen Websites, neben Meister Eckhart und Goethe, die Dichtkunst eines Novalis zu neuen Ehren, der die Natur als großes, lebendiges Ganzes zelebrierte, mit welchem der Mensch im Zuge einer Initiation erkennend verschmelzen kann. Das einigende Band besteht für Esoteriker aus Liebe in ihrer reinsten Form: bedingungslos, allumfassend, immerwährend. Wenn aus Trennung Ab- und Aus­grenzung, das Anderssein zum Ma­kel, zur Zielscheibe von Vorurteilen, Gleichgültigkeit, Verachtung und Hass zu werden droht, bevorzugen auch Nichtesoteriker gerne das Ge­fühl von Verbundenheit, Respekt und Wertschätzung sowie solidarisches, das Fremde einbeziehendes Handeln. Aber die mystische Ver­einigung hat ihre Grenzen, psychologische ebenso wie logische. Wer alles und jegliches in Liebe umarmt, liebt nicht nur Schnaken, Erdbeben, Adolf Hitler, Ebola-Viren, Landminen, Ver­kehrsunfälle, Zecken samt ihren Bor­relien, Vergewaltigungen, Auschwitz und Hiroshima, sondern auch Dinge, die einander wechselseitig ausschließen – Krieg und Frieden, Krankheit und Gesundheit, Faulheit und Fleiß, Dürre und Fruchtbarkeit, Armut und Reichtum -, womit er den Liebes­begriff jeglichen Gehalts entleert. Wieso kommt Außenstehenden die universelle Liebe, von der sich Esoteriker beseelt wähnen, häufig un­echt, aufgesetzt, ja heuchlerisch und zynisch vor? Wem alles gleich gültig ist, dem wird vieles gleichgültig. Bei vielen, die mit Vorliebe die ganze Welt umarmen, reicht die Spannweite ihrer oberen Extremitä­ten noch nicht einmal aus, den Allernächsten in Liebe festzuhalten. Esoterik schließt die Ideologie einer insgeheimen, umfassenden Verbun­denheit zwischen uns allen ein, die jegliche raumzeitlichen Grenzen sprengt. Telepathische Brücken, morphische Felder, Aura-Kontakte, Schwin­­­gungsresonanzen, karmische Bande, Seelenverwandtschaften, Be­ziehungen aus früheren Inkarnatio­nen, ein alles durchdringender Geist: All dies verbindet uns angeblich aufs Innigste, wer, wo und wie immer wir sind. Eben hierin liegt ein Schlüssel zur Antwort auf die Frage, woher die überbordende Sozialromantik der Esoterikbewegung rührt – wie sie aus­gerechnet Ende des zweiten Jahrtausends und ausgerechnet in der westlichen Welt Furore machen konnte. Sie ist ein romantischer Abwehrreflex auf den schmerzlichen Verlust von sozialer Gemeinschaft, auf die Atomisierung des öffentlichen Raums in Miniparzellen von Egozentrikern, Karrieristen und Nar­zissten, und kompensiert die alltägliche Erfahrung von Rücksichtslo­sig­keit, Gefühlskälte, Lieblosigkeit, Aus­grenzung und Vereinzelung. Je isolierter du bist, desto sehnlicher dürstest du nach neuer Wir-Erfah­rung, um nicht psychisch vor die Hunde zu gehen. Esoterik bietet hochwillkommene Selbsthilfe gegen Vereinsamung. Die fünf Verlockungen der Esoterikszene Wie mehrere Studien belegen, sind überdurchschnittlich Gebildete be­son­ders anfällig dafür, derartigem Gedankengut zu erliegen. Spricht dieser Befund dafür, dass Esoterik intelligent ist – oder eher dafür, dass Intelligenz nicht vor Unfug schützt, sofern er menschliche Grund­bedürf­nisse befriedigt? Vor allem fünf Fak­to­ren sind es, die der Eso­terikszene Zulauf bescheren: Zu ihr finden in erster Linie - spirituell Hei­matlose, bei denen die christlichen Kirchen an Autorität verloren ha­ben (11); - Orientie­rungslose, die sich nach „Reduktion von Komplexität“ in einer immer unübersichtlicheren Welt sehnen; - von einschneidenden Lebensereig­nis­sen Traumatisierte, die durch Ver­luste, Schicksalsschläge oder schwere Krankheit aus der Bahn geworfen wurden; - Frustrierte, die nicht länger befriedigt und erfüllt, womit sie allzu lange beschäftigt gewesen waren, sei es in der Arbeitswelt oder in der Familie; - und Vereinsamte, die sich nach Gebor­gen­heit in einer Sub­kultur Alles­liebender sehnen. Dass unter Eso­terikern nur erbauliche Botschaften Gehör finden, verrät, welche Nöte sie kompensieren müssen. Polemisch zugespitzt: Wenn “alles Karma” ist, dann gewiss auch das Vorhanden­sein einer Esoterik­szene - und der Umstand, dass man ihr angehört. Welche spirituelle Lek­tion erwächst einem daraus? Drin ist man womöglich, weil man andernfalls seine besonderen Glaubens-, Zugehörig­keits- und Wärmebedürf­nisse nicht so exzessiv ausleben könn­te; weil Verblendung erst auf die Spitze getrieben werden muss, ehe es dem Heimgesuchten wie Schuppen von den Augen fallen kann. Und vielleicht trägt der esoterische Mitläufer ein in früheren Leben angehäuftes Karma ab, in dem er An­de­ren der Guru war. Dass unsere Campteams weitgehend frei von solchen Charakteren sind, ist ein Hauptgrund für den Erfolg ihrer therapeutischen Arbeit. (Harald Wiesendanger) Anmerkungen 1 Wohl als erster verwendete ihn der griechische Arzt und Philosoph Galen von Pergamon im 2. Jahrhundert vor Christus. Im Sinne von „geheim“ benutzte den Begriff esoterikos erstmals der Kirchenvater Clemens von Alexandria (150-215 n. Chr.). 2 Gerd Schwerhoff: „Vom Alltagsver­dacht zur Massenverfolgung. Neuere deutsche Forschungen zum frühneuzeitlichen Hexenwesen“, Geschichte in Wis­sen­schaft und Unterricht 46/1995, S. 359–380. 3 Als „exoterisch“ - „nach außen gerichtet“ - bezeichnete Aristoloteles (384-322 v. Chr.) seine vorbereitenden, für Fachfrem­de und Anfänger bestimmten Kurse. 4 s. dazu die im Anmerkungsteil des Essays „Wie ‚wissenschaftlich’ muss Me­di­zin sein?“ genannten Quellen. 5 Thomas S. Kuhn: The Structure of Scien­tific Revolutions, Chicago 1962; dt.: Die Struktur wissenschaftlicher Revolutio­nen. rankfurt am Main 1967, 2. Aufl. 1976. 6 Nach einem Aphorismus des Philo­so­phen Arthur Schopenhauer. 7 s. Harald Wiesendanger: Heilen ‚Heiler’? Ein Wegweiser für Hilfesuchende, Schönbrunn 4. Aufl. 2011 8 s. IVH-Site so­wie Heilen ‚Heiler’?, a.a.O., S.84 ff. 9 siehe Harald Wiesendanger: Auf der Suche nach Sinn, Schönbrunn 2005, Kap. „Esote­rik – Im Drüben gefischt“, S. 107-138. 10 s. Ernst Topitsch/Kurt Salamun: Ideo­lo­gie - Herrschaft des Vor-Urteils, Mün­chen/Wien 1972. 11 Zu den Hintergründen dieser Abkehr s. H. Wiesendanger: Wie Jesus heilen. Geistiges Heilen: ein Akt christlicher Nächstenliebe. Schönbrunn, 4. Aufl. 2008, S. 9 ff. Dieser Betrag stammt aus dem Buch von Harald Wiesendanger: Auswege – Kranken anders helfen (2015).

  • Heilen „Heiler“?

    Auf dem alternativen Gesundheitsmarkt boomt Geistiges Heilen mehr denn je. Weit über zehntausend Anbieter werben in Deutschland mittlerweile um notleidende Kundschaft. Doch wie viele halten, was ihr Name verspricht? Mit dem enormen Zuwachs an Quantität, den die Heilerszene dank der Esoterikwelle erlebt, ging ein dramatischer Qualitätsverfall einher. Inzwischen überwiegen aufrichtig bemühte Dilettanten, hervorgebracht und gefördert von geschäftstüchtigen Schulen und Verbänden. Fehlentwicklungen und Missstände prangere ich in der Schrift Heilen ‚Heiler‘? an: einer Bilanz der zwei Jahrzehnte, in denen ich eine aufregende Subkultur aus kritischer Distanz begleitet habe. Wie ergeht es einem esoterisch unvorbelasteten Hilfesuchenden, den verheißungsvolles Medientamtam über wundersame Genesungen ver­anlasst, sich in die Esoterikszene hineinzuwagen, um dort nach sogenannten "Geist­heilern" zu suchen? In welch tragikomische Notlage er dabei heutzutage gerät, führen Analogien mit einem gar nicht so weit hergeholten Gedankenspiel vor Augen. Stellen wir uns jemanden vor, der sich unter dem Eindruck von Karl-May-Lektüre, den Bad Segeberger Festspielen und etlichen Kinofilmen in den Wilden Westen aufmacht, um dort echten Indianern leibhaftig zu begegnen. Dort eingetroffen, wird er von einer Menge Bleichgesichter begrüßt, die auf Indianerschulen gelernt haben, sich wie Indianer zu kleiden und zu sprechen, sich Haut und Haare indianermäßig zu färben usw. Als zahlende Mitglieder von Vereinen für Indianerwesen können sie Diplome als "Anerkannter Indianer" vorweisen, nachdem sie vor Prüfungs­kommissaren, um deren indianische Herkunft nur diese selbst sicher wissen, binnen einer Stunde einen Indianerkodex auswendig aufsagten, die Ewigen Jagdgründe und andere Facetten des indianischen Weltbilds erläuterten sowie ihr Indianersein "demonstrierten", indem sie wie Indianer tanzten, trommelten, Schminke auftrugen, Lagerfeuer entfachten und an einer Friedenspfeife nuckelten. Von solchen karnevalistischen Winnetous ist unser fiktiver Wilder Westen voll. Doch wo stecken die echten Ureinwohner? Von dem Mummenschanz befremdet und angewidert, haben sie sich längst in entlegene Gegenden zurückgezogen, in die keine bequem asphaltierte Straße führt; in Branchenbüchern, in Aus­stellerverzeichnissen, im Internet sucht man sie vergebens, keine Landkarte gibt Aufschluss über ihre Aufenthaltsorte. Der Vergleich hinkt, weil der Wildwesttourist, sobald ihn Zweifel plagen, verkleideten Pseudoindianern auf die Schliche kommen kann, indem er ihnen mit Waschlappen und Seife zuleibe rückt. Pseudoheiler zu entlarven, fällt ungleich schwerer: Wessen therapeutische Taten nicht annähernd halten, was sein Name in Aussicht stellt, der kann sich auf dem Esoterikmarkt, Kreißsaal wie Friedhof ungezählter Universalheilungsphantasien, aus einem schier unerschöpflichen Vor­­rat an Ausflüchten bedienen: Eine göttliche Vorse­hung, das Kar­­ma des Pati­enten, seine mangelnde Offenheit oder eine ausstehende Lektion, die er aus seiner Krankheit erst noch lernen muss, verhindern halt, dass die mächtigen Heil­impulse zu ihm durchdringen. Einmal angeeignet, ist der Heiler­status unan­fecht­bar, weil er in ein ideologisches Überzeugungsgeflecht eingesponnen ist, das ihn gegen Zweifel hermetisch abschottet; er stützt sich auf nicht­­falsifi­zierbare Leerformeln, wie der Wissenschaftsphilosoph Karl Popper gesagt hätte. Heutige Heiler an ihrem Unver­mögen zu messen, gleicht daher dem Be­mü­hen, eine Wolke an die Wand zu nageln. Wie die Heilerszene derart verkommen konnte; wovor Hilfesuchende deswegen auf der Hut sein müssen; wie sie die raren Könner ausfindig machen können: all dies soll mein Buch Heilen ‚Heiler‘? verdeutlichen. Es entstand aus einem Vortrag, den ich im März 2006 in der Stuttgarter Liederhalle hielt. Die Reso­nanz darauf - von frustrierten Patienten, denen erste “Heiler”kontakte die Haare zu Berge stehen ließen, aber auch von erfahrenen älteren Heilern, die sich ihres Berufs­­standes allmählich zu schämen beginnen - hat mich darin bestärkt, daraus ein Buch zu machen. Zum Leidwesen chronisch Kranker ist eine wunderbare Behandlungsform namens “Geistiges Heilen” vor unseren Augen dabei, vor die Hunde zu gehen. Sie stirbt nicht an den Giftpfeilen äußerer Feinde - böswilliger Skeptiker, beton­köpfiger Schul­mediziner, futterneidischer Heilpraktiker -, sondern verfault von innen her. Wer sie retten will, muss sie inzwischen vor deutlich über 95 Prozent ihrer Anwender, und einem Großteil ihrer dubiosen Institutionen, in Schutz nehmen. Einer Geist­heilung bedarf heutzutage zuallererst die Heilerszene selbst. Um nicht nur zu lamentieren, sondern zu handeln, habe ich 2006 die “Inter­nationale Vermittlungsstelle für herausragende Heilkundige” (IVH) ins Leben gerufen. In ihr sehe ich eine vielver­sprechende Chance für die Heilerbewegung, nach Jahrzehnten fataler Fehl­ent­wicklungen gerade noch rechtzeitig die Kurve zu kriegen, ehe sie in der Bedeu­tungs­losigkeit einer neoreligiösen Subkultur versinkt. Geistiges Heilen - eine echte Chance Was ist Geistiges Heilen eigentlich? Jedenfalls eine ziemlich große Familie von merkwürdigen Außenseitertherapien aus allen Kulturkreisen und Epochen. Das Spektrum reicht vom Handauflegen, Gebetsheilen und Exorzismus - also Heil­weisen, die schon Jesus Christus praktizierte - über das Besprechen, das Fern­behandeln und schamanisches Heilen bis hin zu Importen aus Fernost, wie Reiki, bestimmte Qi Gong-Varianten, Prana-Heilen oder Chakra-Therapie. Ihr kleinster gemeinsamer Nenner ist etwas Geistiges, nämlich eine Intention, die Absicht, einem Anderen zu helfen. Allein eine solche Absicht scheint manchmal tatsächlich auszureichen, um Genesungsprozesse in Gang zu setzen oder zu beschleunigen, auch gegen ärztliche Prognosen. Dabei werden keinerlei physische Hilfsmittel eingesetzt, die nach gegenwärtigem medizinischem Erkennt­nisstand im beobachteten Ausmaß und Tempo wirksam sein könnten. Was heilt, scheint insofern "purer Geist". Dabei sollte das Wort "Geist" in uns keine cartesianischen Reflexe auslösen. Gemeint ist damit nicht ein Gespenst in der Maschine, ein immaterielles Überhirn im Hirn, eine einzigartige Substanz, die in unüberwindlichem Gegensatz zur physischen Welt steht. "Geist" ist hier einfach ein Sammelbegriff für all jene inneren Ereignisse, Vorgänge und Zustände, die uns unkörperlich scheinen: Ge­danken, Vorstellungen, Absichten, Erinnerungen, Empfindungen, Gefühle usw. Was all diese Dinge ihrer Natur nach sind, sollten und können wir offenlassen: Vielleicht kommen wir eines Tages zu dem Schluss, dass sie sich auf bestimmte neuronale Aktivitäten in unseren Gehirnen reduzieren lassen; vielleicht auch auf Vorgänge in feinstofflichen Feldern, die mit unserem Körper aufs engste verbunden sind, solange er lebt - aber irgendwie fortbestehen, wenn er stirbt. Oder vielleicht steht "Geist" einfach für die subjektive Perspektive - für die Art und Weise, wie einem Gehirn bestimmte physiologische Prozesse erscheinen, die seine eigenen sind. Jedenfalls müssen wir uns keineswegs auf einen philosophischen Dualismus festlegen, wenn wir von "Geistigem" Heilen sprechen. Im Gegenteil: Der Geist, der heilt, und die Körper, die er heilt, sind Aspekte der einen Welt. Wäre "der Geist" etwas ganz und gar Außerweltliches, so bliebe rätselhaft, wie er es überhaupt anstellen könnte, in der Welt eine kausale Rolle zu spielen - in sie hineinzuwirken. Das Erfahrungswissen von Jahrtausenden, eine Fülle von beeindruckenden, medizinisch dokumentierten Fallbeispielen, eine zunehmende Zahl von wissenschaftlichen Studien respektabler Qualität legen nahe: Diese sonderbare Heil­weise kann - die Chance auf Heilung, oder zumindest auf Linderung, beträchtlich er­höhen; - das Risiko von Rückfällen senken; - Nebenwirkungen konventioneller Therapien lindern; - die Lebenserwartung erhöhen; - Allgemeinbefinden und Lebensqualität verbessern; - sie ist mit jeder ärztlichen Maßnahme verträglich, - frei von schädlichen Nebenwirkungen, - vergleichsweise preiswert. Wäre “Geistiges Heilen” ein patentierbares Medikament - es hätte daher längst die Zulas­sung. Dass Geistiges Heilen hilft, bestreitet ernstlich niemand mehr, nicht einmal der hartgesottenste Schulmediziner. Strittig ist, warum es hilft. Skeptiker führen “geistige” Behandlungserfolge vorzugsweise auf bekannte psychosomatische Effek­te eines starken Glaubens an Heilung zurück - und werden dem Phänomen da­mit nicht gerecht. Ist Geistiges Heilen tatsächlich bloß ein Placebo, sozusagen ein Schein­medikament ohne wirksame Inhaltsstoffe, das nur dem hilft, der da­ran glaubt: so ähnlich wie eine Zuckerpille oder eine Spritze, die nur Koch­salz­lösung enthält? Im Heileralltag ist das kaum zu entscheiden. Denn hier spielen natürlich immer auch viele psychologische Faktoren mit: die Wahrnehmungen, Überzeugungen und Erwartungen des Patienten; die Suggestionen des Heilers, sein Cha­risma, sein Erscheinungsbild, die Art und Weise, wie er mit dem Patienten kommuniziert, die Umgebung, in der er ihn empfängt. Und mit Sicherheit ist all das der Heilung förderlich - wie übrigens auch in der Praxis von Ärzten und Psycho­therapeuten. Die spannende Frage lautet: Ist das schon alles, was hinter Geistigem Heilen steckt? Wer den Forschungsstand kennt, zögert mit einem Ja; denn dieser lässt vermuten, dass neben psychologischen auch bisher unbekannte physikalische Fak­to­ren mitspielen. Erstens deutet eine wachsende Zahl von Studien darauf hin, dass manche Heiler auch dann Wirkungen erzielen, wenn Patienten gar nicht wissen, ob und wann sie behandelt werden – zum Beispiel bei Angina Pec­to­ris und anderen Herzleiden, bei Schmerzen, bei unerfülltem Kinder­wunsch, bei Aids in fortgeschrittenem Stadium. Darüber hinaus legen Dutzen­de von Labortests nahe, dass manche Heiler auch Tiere und Pflanzen beeinflussen können, Pilze und Bakterien, isolierte Zellen, Enzyme, DNS, ja sogar Kri­stalle, Wasser­proben und anderes anorganisches Material – also Objekte, denen wir schwer­lich zutrauen würden, dass sie für Suggestionen anfällig sind und dazu neigen, auf Placebos hereinzufallen. Auch wenn es einem Teil dieser Stu­dien an methodologischer Qualität mangelt - z.B. fehlende Replikation, fehlende statistische Auswertung, fehlende Rando­misierung, kein Kontroll­grup­pen­vergleich, keine oder bloß teilweise Verblin­dung, Veröffentlichungen ohne peer review -, liefern sie doch vielversprechende erste Anhaltspunkte, die eingehendes Nach­forschen verdient hätten. Keine Frage: Jede einzelne Behauptung der vorherigen Abschnitte bedürfte der eingehenden Dis­kussion, detaillierter Belege und umfangreicher Quellen­angaben. Weil ich mich darum in vielen anderen Büchern bemüht habe, bitte ich um Nachsicht, wenn ich hier vollständig darauf verzichte. Im Folgenden konzentriere ich mich vielmehr auf eine einzige Frage: Gesetzt der Fall, Geistiges Heilen wäre tatsächlich eine echte, effektive Behand­lungsweise: Darf Patienten infolgedessen geraten werden, sich darauf einzulassen? Eine Therapie ist nie besser als ihre Anwender. Mangelt es diesen an Qualität, so bleibt ihr Potential ungenutzt. Eben dies ist beim Geistigen Heilen zunehmend der Fall. Im ganzen Rest meines Buchs geht es darum, Symptome und Ursachen dieses Missstands aufzuzeigen - und darzulegen, was für Hilfe­suchende daraus folgt. Ausgangspunkt ist die Frage: Wie finden Sie einen guten Heiler? Dieser Text enthält die ersten Abschnitte des Vorworts zu Harald Wiesendanger: Heilen ‚Heiler? Ein Wegweiser für Hilfesuchende (2008, 4. Aufl. 2011).

  • Chronisch kranke Kinder verdienen mehr Geist

    Ob Asthma oder Neurodermitis, Allergien oder Rheuma, Diabetes oder Essstörungen: Millionen Kinder sind chronisch krank. Bestürzend viele gelten aus schulmedizinischer Sicht als "therapieresistent", wenn nicht gar als unheilbar. Eröffnet ihnen Geistiges Heilen Auswege? Darum geht es in meinem Buch Geistiges Heilen bei Kindern - Ein Ratgeber für Angehörige. Der Anstoß - Wie sechs Kinder zu diesem Buch beigetragen haben Wer meint, besonders gute Gründe zu haben, nennt sie gerne "gewichtig". Aber wie schwer wiegen sie wirklich? Zumindest bei diesem Buch hier fällt die Antwort leicht. Mein erster Grund, es zu schreiben, wiegt exakt 3120 Gramm. Zumindest tat er das am 29. Juli 1994: So viel brachte nämlich meine Tochter Sarah auf die Waage, als sie um 19.14 Uhr im Kreiskran­ken­haus Eberbach zur Welt kam. Während meine Frau noch in Narkose lag, äugte ich argwöhnisch der Hebamme über die Schulter, während sie das kleine, feuchte Bündel Mensch abtrocknete - viel zu grob, fand ein empfindsamer Papa - und dann, zu meinem Befremden, die winzigen Finger und Zehen abzählte: "Eins, zwei, drei ... zehn! Ja, alles dran!" Auch sonst war alles bestens mit Sarah. Und so ist es bis heute geblieben. Elf Jahre später ist sie ein aufgewecktes, selbstbewusstes Mädchen auf dem Sprung zur Pubertät. Kerngesund. 3800 Gramm: So gewichtig lag, knapp 23 Monate später, Sarahs Schwester Anna auf meiner nackten Brust, auf die sie gleich nach der Entbindung von einer fürsorglichen Kranken­schwester gelegt worden war. Und auch Annas Gesundheit hat seither nicht den geringsten Anlass zur Sorge gegeben. Wie Sarah, so machte auch sie ein paar der üblichen Kinderkrank­heiten durch - von Masern bis Windpocken -, die sie ohne Komplikationen überstand. Ansonsten haben meine Kinder einen Arzt bisher, von ein paar Impfungen abgesehen, nur bei vergleichsweisen Lappalien gesehen: einer Prellung nach einem Treppen­sturz, einem Wespenstich, ein paar hartnäckigen Warzen. Eltern, die so viel Glück hatten, neigen dazu, es als Selbstverständlichkeit zu betrachten, so als hätten sie einen natürlichen Anspruch darauf. Aber auch David hätte mein Kind sein können. Als ich ihn kennenlernte, ein paar Wochen vor Sarahs Geburt, war er zwölf Jahre alt. Zwei Drittel davon hatten ihm ein Martyrium beschert. Denn seit 1986 litt er an Asthma bronchiale in seiner schlimmsten Form: mit anfallsweise wiederkehrenden Erstickungsanfällen aufgrund stark verengter Atemwege. Im selben Jahr hatte bei ihm die gefürchtete Neurodermi­tis eingesetzt, mit quälendem Juckreiz und entstellendem Hautausschlag. Schulmedizinische Maß­nahmen halfen ihm immer nur vorübergehend, ohne ihm mehr als leichte Linderung zu verschaffen. "Bis heute", so schrieb mir seine verzweifelte Mutter damals, "hat sich Davids Zustand nicht verbessert, eher verschlechtert. Er leidet sehr unter der Krankheit, weil er neben den körperlichen Leiden auch in anderen Dingen eingeschränkt wird, wie zum Beispiel beim Vereinssport." David war der jüngste von elf chronisch Kranken, die ich im Sommer 1994, gemeinsam mit einem Heidelberger Arzt für Allgemeinmedizin, von einem Geistheiler acht Wochen lang mittels Handauflegen behandeln ließ. (1) Und er war der erste Patient, bei dem es vor meinen Augen zu einer Spontanremission kam: Von der allerersten Sitzung an - sie dauerte bloß wenige Minuten - war der Junge vollständig symptomfrei. Sieben Medikamente, die er zuvor gleichzeitig wegen seines Asthmas einnehmen musste, konnte er bis zum Ende des Tests, am 5. September 1994, vollständig absetzen. Bereits nach der zweiten Behandlung nahm David wieder am Schulsport teil (und schaffte dort prompt die Note Eins), joggte wieder durch den Wald, spielte Fußball und war körperlich voll belastbar. "Aber auch andere Schulleistungen haben sich enorm verbessert", hielt Davids Schwester am 19. Oktober 1994 in ihrem Tagebuch fest, "weil David viel ausgeglichener und aktiver am Unterricht teilnimmt, wie seine Lehrerin bestä­tigt hat. David kann sich jetzt viel besser konzentrieren, was auch durch die Medika­mente, die er sonst immer einnehmen musste, sehr beeinträchtigt worden war." - "Die klinische Untersuchung der Lungen", so befand der begutachtende Arzt, "ergibt ein klares Atemgeräusch und somit keinen Hinweis auf Spasmen im Lungen- und Bronchialbereich. Auch nach Belastung ist dieses Ergebnis unverändert." Neurodermitische Schübe kehrten im Testzeitraum ebenfalls nicht wieder. Sechseinhalb Jahre später, im Januar 2001, fragte ich nach. Von einem Geist­heiler hatte sich David, inzwischen 19, seither nicht mehr behandeln lassen. Aber auch auf ärztliche Therapien konnte er in all den Jahren, die seither vergangen waren, gänzlich verzichten. Denn nach wie vor, so erklärte David nun, fühle er sich geheilt. Nicht nur bei der Arbeit, auch im Sport sei er "voll belastbar". Vor zwei Jahren habe er sogar problemlos an einem Wettlauf über 7000 Meter teilgenommen. "Und beim Fuß­ball­spielen bin ich inzwischen der letzte, der vom Platz geht. Früher, bevor ich an Ihrem Test teilnahm, schnürte es mir beim Kicken regelrecht die Lungen zu." Lediglich ein Heuschnupfen mache ihm alljährlich im Frühjahr zu schaffen - und aus diesem Grund hat er "ein einziges Mal wieder einen Arzt aufgesucht; das liegt schon drei Jahre zurück". Damit sich aus dieser Allergie nicht wieder Schlim­meres entwickelt, nimmt David "ab und zu vorbeugend ein Medikament namens Fora­dil - das aber bloß sicherheitshalber, ohne akute Beschwerden". Auch Linda hätte meine Tochter sein können: ein sechsjähriges Mädchen, das ich im Oktober 1995 in der Praxis eines Mannheimer Arztes kennenlernte. Dieser hatte Ungewöhnliches vor: Elf chronische Asthmatiker ließ er über einen Zeit­raum von acht Wochen von einem Hand­aufleger behandeln - und gerade bei Linda stellte er daraufhin eine erstaunlich rasche, weitreichende Besserung fest. (Er berichtete darüber in der traditionsreichen medizinischen Fachzeitschrift Erfahrungsheilkunde.) (2) Mit zweieinhalb Jahren hatte sich bei dem bildhübschen blonden Lockenköpfchen ein sogenanntes "Mischasthma" entwickelt, mit beängstigenden Anfällen von Atemnot, die durch zahlreiche Allergene, vor allem Ross­­­haar, ausgelöst wurden, aber auch durch Infekte. "Vor Testbeginn", so berich­­tet der Arzt, war bei Linda "drei- bis viermal pro Woche eine ausgeprägte Bronchospastik" aufgetreten, die jedesmal "einen halben Tag bis zu drei Tagen lang" anhielt. "Seit Beginn der Erkrankung hatte das Kind keine Nacht ohne Hustenanfall durchgeschlafen." Bei jedem Anfall wurde ihr "eine Dreierkombi­na­tion aus Beta-Mimetikum inhalativ und oral, Antihistaminikum und - bei schwerer Spastik - auch Corticoid rectal" verabreicht. Schon von der ersten Testwoche an schlief Linda jede Nacht durch. In der zweiten Woche kam sie in Kontakt mit dem Hauptallergen Rosshaar: Ihre Eltern führten sie in unmittelbare Nähe eines Pferds. Doch weder Dyspnoe noch Bron­chospastik traten noch auf. Nach zwei Testmonaten waren sämtliche asthmatypischen Symptome - Atemnot, quälender Husten­reiz, Herzrasen, Auswurf von zähem Schleim - nahezu vollständig abgeklungen; der Medikamenten­verbrauch verringerte sich entsprechend. Von Mai bis September 1998 führte ich einen weiteren, größer angelegten Test durch, diesmal mit 55 Geistheilern aus sieben Ländern sowie 120 chronisch Kran­ken; zur wissenschaftlichen Beglei­tung stellte ich ein neun­köpfiges Team von Ärzten verschiedener Fach­rich­tun­gen, Heilprakti­kern und Psychologen zusammen. (3) Kein Pati­en­ten­schicksal berührte mich dabei mehr als das der 13jährigen Co­rin­na: eines von Geburt an körperlich und geistig schwerstbehinderten Mädchens. Zur Ver­suchs­person war es mit einer niederschmet­tern­den Befundliste ge­wor­den: "infantile Cere­bral­parese (spasti­scher Typ), Tetrapa­re­se (Läh­mung an allen vier Ex­tre­mitä­ten), Hirn­atro­phie (Schrump­fung), Microcephalie (pathologisch verkleinerter Umfang des Schädels, im Vergleich zu altersentsprechenden Größenverhält­nissen der übrigen Körperteile); Sprachstö­run­gen; ausgeprägte Skoliose (Verkrümmung der Wirbelsäule)". Behandelt wurde sie teils durch Hand­auf­legen, teils durch Fernbehandlungen. Von der ersten Testwoche an fielen der Familie erstaunliche Veränderungen bei dem schwerstbehinderten Mädchen auf: Corinna sei "aufgeschlossener" gewor­den, "macht in der Schule alles besser, ist am Unterricht interessierter und sehr aufmerksam. Sie redet mehr und macht verbale Äußerungen. Die Aus­sprache ist besser geworden", manche Sätze spreche Corinna bereits "laut und deutlich". Insgesamt wirke sie "vitaler" und fröhlicher, zwischendurch sei ihr Gesichtsausdruck "ruhig und strahlend". "Sie zeigt sehr viel mehr Inter­esse für alles, früher wäre es ihr egal gewesen, was ist. Man kann mit ihr sprechen, und sie gibt die passenden Antworten darauf." Zeitgleich mit Fernbehandlungen, von deren Terminen sie nichts wissen konnte, reagierte das schwerstbehinderte Mädchen wiederholt mit "einem mehrmaligen Zucken der Arme und Beine", wie die Angehörigen versicherten. Besonders stark sprach Corinna auf die Bemühungen des Heilers an, wenn sie zu ihm gebracht wurde. Während eines Besuchs bei ihm am 1. September 1998, so berichtete die begleitende Großmutter, "blieb sie etwa zwei Minuten auf ihren Beinchen stehen. So lange hat sie es noch nie ausgehalten." Gegen ihre Krampfbereitschaft musste Corinna seit ihrem ersten Lebensjahr schon 12’000 Tabletten (Phenemaletten) schlucken, wie ihre Oma ausgerechnet hat. Ende Juni 1998, knapp zwei Monate nach Beginn der Geistheilung, konnten die krampfhemmenden Medikamente abgesetzt werden. In einem Kontroll-EEG am 7. August "war nicht mehr Krampfbereit­schaft zu sehen als zu der Zeit, als sie noch Medikamente nehmen musste", wie die Angehörigen berichteten. Seit Jahren verunstalteten großflächige rote Flecken Corinnas Gesicht; der Haut­arzt hatte nichts dagegen tun können. Anfang Juni 1998 traten die gleichen Flecken auch an beiden Händen auf, anfangs hellrot, dann tiefbraun. Bis Anfang August 1998 waren die Handflecken wieder weg - und die Flecken im Gesicht "fast verschwunden". Entsprechend positiv fiel die ärztliche Beurteilung bei Testende aus: "Weitge­hend gebessert: Allgemeinzustand, Wachsamkeit, Kooperationsbereitschaft. Antikonvulsiva konnten abgesetzt werden, seit drei Monaten keine Krampf­anfälle (nach Angaben der Angehörigen)." Oder was hätte es für mich bedeutet, als Vater Tag für Tag hilflos die Leiden des kleinen Jérémie mitzuerleben? Er spielte eine Hauptrolle bei einem "48-Stunden-Test", den ich im November 2001 organisierte, anlässlich des Fünften Welt­kongresses für Geistiges Heilen in Basel: Mehrere besonders erfahrene Hei­ler sollten dabei versuchen, binnen zweier Tage chronisch Kranken zu helfen, die - aus Sicht ihrer Ärzte "therapieresistent" - an Lähmungen und anderen schwe­ren Einschränkungen des Bewegungsapparats, an Atemwegserkrankun­gen oder an Allergien litten. Das Schweizer Fernsehen DRS wollte den Test begleiten - unter der Bedingung, dass als kritischer Beobachter ein vom Sender bestellter Arzt zugelassen wird, Dr. Beat Schaub, ein Internist aus Binningen bei Basel. Dagegen gab es nichts einzuwenden. Zum Testbeginn brachte der Arzt seinen elfjährigen Sohn Jérémie mit. Seit seinem dritten Lebensjahr litt der Junge an einer besonders tückischen Lebensmittelallergie: Marzipan, Nüsse, Scho­kolade, ja selbst Äpfel waren für den aufgeweckten, tapferen Jungen tabu; ein einziger Biss hätte ihn bereits in Lebensgefahr gebracht. "Wissen Sie, was das für ein Kind in seinem Alter bedeutet?", fragte sein Vater. "Zu Kindergeburtstagen musste er seinen eigenen Kuchen mitbringen, und an Süßes war gar nicht zu denken." Ein Köfferchen mit Medikamenten für den Notfall trug Jérémie stets bei sich. Notge­drun­gen lautete für ihn tagein, tagaus die Devise: "Pass auf, was du isst!" Doch "trotz aller Vorsicht gab es zwei, drei Mal kritische Situationen, die eine sofortige Behandlung auf der Notfallstation im Spital erforderten", erinnert sich der Arzt. Während des Basler Kongresses legte ein Heiler dem Jungen ein einziges Mal die Hände auf Brust und Rücken. Dann erklärte er, die Allergie sei "gelöscht". Einfach so. Vor den Augen von über tausend Besuchern nahm Jérémie jetzt einen angebotenen Marzipanriegel, biss hinein, begann zu kauen, schluckte das Nasch­werk hinunter. Nervös griff sein Vater nach einem Notfall-Set, das er vorsorglich ins Kongresszentrum mitgebracht hatte. Aber es erwies sich als überflüssig. Denn nicht die geringsten Probleme traten bei dem Jungen auf: keine Rötung an seinem Hals, kein Jucken an Armen und Beinen, kein Anschwellen des Gesichts, keine tränenden Augen, keine Atemnot, kein Herzrasen, kein Hustenanfall. Jérémie war symptomfrei. Und dabei blieb es bis heute, fünf Jahre später: "Die Allergie ist seither spurlos verschwunden", versichert Dr. Schaub. Jede dieser Begegnungen ging mir ziemlich unter die Haut. Was ich angesichts der betroffenen Kinder zunächst an hilflosem Mitleid, dann an fassungsloser Freude über die unerwarteten Fortschritte empfand, ist mir bis heute gegenwärtig, und das unverdiente Glück, mit derartigen Schicksalen nur außerhalb meiner Familie konfrontiert worden zu sein, macht mich demütig. Eindringlicher als jede wissenschaftliche Studie haben mir diese persönlichen Erfahrungen vor Augen geführt, wie segensreich Geistiges Heilen bei chronisch kranken Kindern wirken kann - auch dann noch, wenn Ärzte mit ihrem schulmedizinischen Latein am Ende sind. Das ist die Botschaft dieses Buchs: Auch in vermeintlich "hoffnungslosen" Fällen besteht für Eltern selten Grund zu resignieren. Geistiges Heilen bietet Chancen - nicht bei jeder Diagnose, nicht immer im erhofften Aus­maß, aber viel häufiger, als Skeptiker wahrhaben wollen. Anmerkungen 1 Siehe www.psi-infos.de, "Geistiges Heilen"/Tests & Experimente. 2 Dr. med. Andreas Wacker, "Geistheilen im Test bei Asthma bronchiale - eine Pilotstudie", Erfahrungsheilkunde 7/1996, S. 428-433. 3 Über diese Studie berichte ich in Fernheilen, Band 2, S. sowie in Heilen ohne Grenzen. Bei diesem Text handelt es sich um die Einführung von Harald Wiesendangers Buch Geistiges Heilen bei Kindern - Ein Ratgeber für Angehörige (2006, 2. Aufl. 2014).

  • Nur eine Frage der Zeit - Geistiges Heilen in der ärztlichen Praxis

    Humanmedizin muss humaner werden, energetisch und ganzheitlich, um effektiver zu sein. Geistiges Heilen kann dazu beitragen. Denkanstöße dazu sollen von meiner Anthologie Geistiges Heilen in der ärztlichen Praxis ausgehen. Darin berichten Ärzte verschiedener Fachrichtungen über ihre persönlichen Erfahrungen mit Geistigem Heilen – zur Ermutigung von Standeskollegen, von Krankenkassen, von Gesundheitspolitikern, von Patienten. Wem unklar ist, wozu Geistiges Heilen ins Gesundheitswesen integriert werden muss, der sollte einmal mit Jost Kundert sprechen - denn sprechen kann er inzwischen wieder. Im Jahr 2000 hingegen, als er ins Kantonsspital Glarus eingeliefert wurde, hatte der Bauer aus dem Glarner Land seine Stimme verloren, und laufen konnte er auch nicht mehr. Ein Vierteljahr lang fand kein Arzt die Ursache dafür, keiner wuss­te dem Mann zu helfen. Doch in der Klinik traf Kundert auf eine Geistheilerin, die dort seit Jahren mithelfen darf. Sie "sah" ihn von einer weißen Wolke umgeben - und er erinnerte sich an einen geplatzten Sack Düngemittel. Zwei Stunden später, nach einer einzigen Sitzung, war der Landwirt vollständig geheilt. Dutzende Fälle dieser Art haben Professor Dr. Kaspar Rhyner, damals Chef­arzt der Inneren Abteilung des Kantonsspitals Glarus, nach Jahren distanzierten Beobachtens mittlerweile veranlasst, auf die Zusammen­arbeit mit der Heilerin Alena Jöstl zu schwören - auch vor laufender Kamera. Dass sein mutiges öffentliches Bekennt­nis zwar schon wiederholt ein gefundenes Fressen für das journalistische Boulevard und TV-Infotainment hergab, bisher aber in keiner ärztlichen Fachzeitschrift nach­klang, geschweige denn Gesundheitspolitiker hellhörig werden ließ, ist ebenso bedauerlich wie merkwürdig. Was Geistheiler bisweilen zustande bringen: muss es denn nicht jeden Mediziner faszinieren, dem das Wohlergehen von Patienten wichtiger ist als die Lebensdauer von vorherrschenden universitären Lehrmeinungen? Insofern führt an der Annäherung beider Seiten nichts vorbei. Um sie einzuleiten, brauchen wir Ärzte, die aufgeschlossen zur Kennt­nis nehmen, was an wissenschaftlichen Untersuchungen über die Effekte Geistigen Heilens mittlerweile vorliegt (1), auch wenn sie noch in keinem akademischen Lehrbuch stehen, und im Lichte dieser Befunde eigene Vorurteile überdenken. Wir brauchen Ärzte, deren Neugier durch solche Resultate beflügelt wird und sie zu eigenen Nachforschungen anregt. In diesem Geist entstand in Berlin schon kurz nach dem Ersten Weltkrieg eine "Ärztliche Gesellschaft für parapsychologische For­schung", die Heilmagnetismus, hellsichtige Diagnostik und viele andere medizinisch bedeutsame Psi-Phänomene experimentell zu ergründen versuchte. (Dreieinhalb Jahre widmete sie allein der Untersuchung eines Mediums, das imstande schien, Krankheitszustände auf außersinn­lichem Wege zu erkennen. (2) Wo gibt es bei uns heute vergleichbare Initiativen? Ein Lob des Pragmatismus Wo solche Untersuchungen an Grenzen stoßen, dürfen Ärzte allerdings nicht stehenbleiben. Denn Medizin muss keineswegs zwangsläufig dort enden, wo der Boden "harter" Wissenschaft verlassen wird. Dass ärztliche Heilkunst sich auf Tätigkeiten zu beschränken hat, die durch experimentelle Studien nach physikalischem Vorbild abgedeckt sind, und nur dann ihr höchstes Niveau erreicht, wenn sie sich strikt innerhalb eines von Naturwissenschaftlern vorgegebenen Rahmens bewegt, ist ein fatales Vorurteil. Es entsteht, wenn Mittel und Zweck verwechselt werden. Lautet das oberste Ziel der Medizin denn nicht, Leiden vorzubeugen, zu lindern und zu beseitigen? Dazu kann Wissenschaft nur als Instrument dienen. Sobald die Befriedigung ihrer Ansprüche zum wichtigsten Maßstab für ärztliches Tun gerät, wird der individuelle Patient in seiner Notlage sekundär - und zum Mittel für abstrakte Forschungsziele degradiert. Alles zu versuchen und nichts zu versäumen, was einem Kranken helfen könnte: Diese Pflicht allein obliegt Ärzten. Insofern muss ihr Berufsethos pragmatisch sein, in erster Linie an voraussichtlichem Nutzen ausgerichtet. Um diesen Nutzen abzuschätzen, ist wissenschaftliche Forschung ein unentbehrliches Instrument, aber beileibe nicht das einzige. Erfahrung ist ein weiteres, deshalb verdient auch sie Respekt. Schmackhaft und gesund gekocht wird auf der Erde nicht erst, seit es die moderne Ernährungswissenschaft gibt. Nachdem Johannes Kepler um 1620 die günstigsten Maße für Weinfässer berechnet hatte, mußte er feststellen, daß solche Behältnisse längst von Winzern verwendet wurden. Als Sadi Carnot 1824 seine Theorie der Dampfmaschine entwickelte, waren seine Vorschläge zur Konstruktionsverbesserung längst Maschi­nen­baupraxis. Dass eine pyramidenförmige Anordnung die dichteste Packung von Sphären im dreidimensionalen Raum ist, konnte erst im Herbst 1998 mathematisch bewiesen werden - eine platzsparende Ein­sicht, die den Orangenstapeln an Obstständen, der Lagerung von Kanonen­kugeln in Wehrtürmen freilich immer schon anzusehen war. Haben Mediziner aus solchen Beispielen nicht abzuleiten, dass Intuition und Erfahrungswissen, handwerkliches und künstlerisches Vermögen dem wissenschaftlichen Erkenntnisstand mitunter weit vorauseilen? Dass eine vermeintlich "unwissenschaftliche" Behandlungsmethode, wie sie Geistheiler einsetzen, segensreich wirken kann, lehrt das in allen Kulturkreisen der Erde seit Jahrtausenden angesammelte heilkundliche Wissen; die oft jahrzehntelangen Erfahrungen der fähigsten Geistheiler; die glaubwürdigen Berichte Abertausender von Patienten; und nicht zuletzt die Beobachtungen vieler Ärzte, die getreu einem Leitspruch des österreichischen Philosophen Ludwig Wittgenstein verfahren: "Denk nicht, sondern schau!" Erfahrung geringzuschätzen, scheint berechtigt, solange eine Person auf ihren Körper und der Körper auf eine biochemische Maschine reduziert wird. Als solche lässt sie sich erforschen und manipulieren wie jeder andere Mechanismus auch. Doch immer mehr Ärzten schwant, welch verhängnisvollen Irrweg die Wegbereiter der neuzeitlichen Medizin einschlugen, als sie begannen, sich einseitig an ein mechanistisches Menschenbild zu klammern, das eine Transformation von Heilkunde in Humanphysik nahelegte. Medizin war und ist primär keine Naturwissenschaft, ebensowenig wie sich ärztliche Heilkunst in Medizintechnik erschöpft; denn ihr Gegenstand, der Mensch, ist mehr als ein Mechanismus. Er entzieht sich Modellen, Untersuchungen und Eingriffen, wie sie bei Robotern angemessen wären. Wenn bei einem Roboter ein Defekt auftritt, dann deshalb, weil gewisse Teile versagen - und diese können repariert oder ausgewechselt werden. Aber um zu verstehen, warum ein Mensch erkrankt, genügt es nicht herauszufinden, welche Funktionen beeinträchtigt, welche Organe geschädigt sind. Er muss als Ganzes betrachtet und verstanden werden, als einmalige Ein­heit von Physis und Psyche, in besonderen Lebensumständen, mit einer einmaligen Geschichte. Und nur als Ganzheit ist er auch zu heilen. Ein solcher Ansatz verbindet die meisten natur- und erfahrungsheilkundlichen Therapierichtungen. Und je mehr Ärzte sich für sie öffnen, desto mehr verbreitet sich unter ihnen eine Denkweise, die sie Geistigem Heilen näherbringt. Der Trend in dieser Richtung ist unübersehbar: Strenge "Schulmediziner" befinden sich in Wahrheit innerhalb der deutschen Ärzteschaft bereits in der Minderheit. (3) 95 Prozent aller niedergelassenen Allgemeinärzte wenden bereits sogenannte "alternative" Verfahren an: im Durchschnitt vier. Das Spektrum reicht von Homöopathie über Neuraltherapie und Akupunktur bis zu anthroposophischen Heilmethoden. Drei von vier Ärzten arbeiten mit solchen Verfahren bereits seit mindestens zwei Jahren, knapp die Hälfte sogar schon seit über fünf Jahren. Nur 41 Prozent bezeichnen sich selbst noch als reine "Schulmediziner". 48 Prozent sehen sich eher als "Schul­mediziner mit alternativer Tendenz", acht Prozent sogar als ausgesprochene "alternative Mediziner". Mehr als die Hälfte erachtet Kritik an der Schulmedizin für notwendig, weitere 43 Prozent halten sie zumindest im Einzelfall für angebracht. Drei von vier Ärzten bemängeln, ihre Ausbildung sei einseitig naturwissenschaftlich ausgerichtet gewesen. 83 Prozent meinen, bei der Fortbildung durch die Ärztekammern kämen alternative Behandlungsmethoden zu kurz. (4) Mehr Humanität in der Humanmedizin Die Motive für diese bemerkenswerte Entwicklung liegen einerseits in einem pragmatischen Abschied von szientistischen Dogmen, im Interesse der Patienten, andererseits in einer wachsenden Unzufrieden­heit der Ärzte mit ihrer eigenen Berufsrolle. Diese Unzufriedenheit hat vor allem zwei Ursachen: die Übergewichtung des Medikaments - und die zunehmende Industrialisierung ärztlicher Tätigkeit. Beides ist Geistigem Heilen fremd, wie überhaupt allen Ansätzen ganzheitlicher Medizin. Die pharmazeutische Revolution ist dabei, aus Heilkundigen zunehmend Aussteller von Arzneimittelgutscheinen zu machen. Mit ihren dreieinhalb Millionen Rezepten pro Werktag bewegen Deutschlands 300’000 praktizierende Ärzte einen jährlichen Medikamentenberg in private Hausapotheken, dessen Wert dem Jahresumsatz der Deutschen Bundesbahn entspricht. Über 21 Milliarden Euro werden pro Jahr für Tabletten, Pillen, Zäpfchen, Tinkturen und Salben in der Bundesrepublik allein zu Lasten der gesetzlichen Krankenversicherung ausgegeben. (5) Damit die Verschreibungswut nicht erlahmt, hat die Pillenbranche ein klebriges Netz von Vergünstigungen für Wohlverhalten und Marken­treue ausgeworfen - und ein flächendeckendes Heer von über 15.000 Pharmareferenten rekrutiert, deren Tüchtigste Ministergehälter dafür ein­­streichen, vor den Sprechzimmern beharrlich Schlange zu stehen. (6) Zwar zog nicht nur die Industrie, sondern auch die Ärzteschaft daraus immensen Profit; denn "nicht zuletzt das Medikament hat es ermöglicht", wie der Medizinsoziologe Professor Christian von Ferber feststellt, "in die Arbeitsstunde eines Arztes eine früher unvorstellbare Anzahl von Patienten einzubringen." (7) Doch auf der Strecke blieb dabei, was den Arzt vom Pharmatechniker unterscheidet und für Patienten unentbehrlich macht: die zeitaufwendige, liebevolle Wegbegleitung eines Notleidenden, aus der das notwendige Vertrauen erwächst - die Humanität in der Humanmedizin. Nicht minder frustriert immer mehr Ärzte, dass sich die moderne Medizin in diesem Jahrhundert zunehmend von der Heilkunst zur Industrie entwickelt hat, die mit immer höherem Technikeinsatz und Materialverbrauch das Produkt "Symptomfreiheit" zu erzeugen versucht - und dabei immer häufiger an ihre Grenzen stößt. Ein modernes Krankenhaus ähnelt heute eher einer Fabrikanlage, die sich von Großbetrieben der Gebrauchsgüterindustrie nur noch im Erzeugnis, nicht aber grundsätzlich in der Arbeitsorganisation unterscheidet. In dieser Produktionsmaschine wird der Arzt zum kleinen, fremdgetriebenen Rädchen mit begrenzter Funktion; häufiger ist er mit der Kontrolle technischer Abläufe befasst als mit den Menschen, an denen sie sich vollziehen. Flieht er davor in eine eigene Kassenpraxis, so muss er nicht mehr nur seine Sprechstundenhilfen, sondern vor allem seine Maschi­nen ernähren. Der Zwang, immer teurere Geräte zu amortisieren, um nicht zuviel Kundschaft an den niedergelassenen Kollegen von nebenan zu verlieren, wird zum nervenaufreibenden Kostenjoch - und handlungsleitend für Diagnostik und Therapie. Solche Verhältnisse begünstigen einen Typ von Arzt, der die Befindlichkeit seiner Patienten aus der Quersumme von Vitaldaten, Laborwerten und digitalen Indizes abliest - und alles durch das Raster fallen lässt, was sich nicht als messbare, in Zahlen darstellbare Abweichung von der Datennorm festzumachen ist. Nichts verstört einen solchen Arzttypus mehr als der Aspekt eines Leidens, den er nur im Gesicht seines Patienten erkennt, nicht aber auf dem Computermonitor wiederfindet. Auf der Strecke bleibt dabei ausgerechnet jene Tätigkeit, die sich als einzige nicht industrialisieren und an Automaten delegieren lässt: das geduldige, einfühlsame, anteilnehmende Gespräch mit dem Kranken. Mit der Stoppuhr stellte der Ham­burger Mediziner Dr. Stephan Ahrens in drei Praxen von Kollegen fest, dass die "vom chronisch kranken Patienten dominierte Gesprächsphase durchschnittlich 0,11 Minuten" betrug - sieben Sekunden. (8) Nur 28 Prozent der Ärzte gehen auf die Anliegen, die ihre Patienten zu schildern versuchen, überhaupt ein - und unterbrechen nach durchschnittlich 23 Sekunden. (9) Doch nicht alles, was zählt, lässt sich zählen. Immer mehr Ärzte sträuben sich gegen diese Selbstentfremdung, organisieren ihre Praxen neu, nehmen dafür auch Einkommenseinbußen in Kauf - und rücken den Kranken wieder in den Mittelpunkt des Geschehens. Wer den Mut dazu aufbringt, riskiert zwar, an erheblich weniger Patienten zu verdienen; dafür wächst aber seine Berufszufriedenheit, und seine Klientel erweist sich im allgemeinen als weitaus praxistreuer, kooperativer und leichter behandelbar. Dieser Trend macht Hoffnung. Sobald ein Arzt seine Berufsauffassung - und entsprechend auch sein Praxisangebot - zu ganzheitlichen An­sätzen hin erweitert, findet er eine Fülle von Berührungspunkten mit der Arbeitsweise Geistiger Heiler; er entdeckt verwandte Ziele und komplementäre Vorgehensweisen; und er anerkennt, in welchen Hinsichten sich viele Geistheiler vorbildlich verhalten: in der Geduld, der Einfühlsam­keit, der liebevollen Anteilnahme, auch der Weisheit, in der ein Großteil von ihnen auf Hilfesuchende eingeht, auf ihr Schicksal, ihre Sorgen, ihre Lebensumstände. Viele Patienten fühlen sich von ihren Heilern als Ein­heit von Körper, Geist und Seele behandelt. Mit einem Wort: mitmenschlich. Mag sein, dass darauf ein erheblicher Prozentsatz der Erfolge beruht, die Geistiges Heilen erzielt. Aber selbst wenn es ausschließlich auf diesem psychologischen Wege helfen würde - könnte es damit die ärztliche Praxis nicht bereichern? Liebe als ärztliche Grundhaltung predigt nicht nur, sondern praktiziert der amerikanische Arzt Dr. Norman Shealy, ein früherer Neuro­chirurg, in seinem Zentrum zur Schmerzrehabilitation in La Crosse, Wisconsin, schon seit den siebziger Jahren - in Zusammenarbeit mit Geist­heilern. Sein Durchschnittspatient, so weist eine Vierjahres­statistik aus, hat vier Operationen hinter sich, ist seit über sechs Jahren Invalide, hat für seine medizinische Betreuung bisher zwischen 50’000 und 70’000 Dollar aufgewendet, nimmt bis zu vierzehn verschiedene Medikamente gleichzeitig ein. Shealy setzt autogene Visualisierungen, gelenkte Imaginationen, Biofeedback-Techniken und Meditations­übungen ein - doch hinter all seinen Hilfsangeboten steht "etwas, das ich als 'Liebesenergie' bezeichne. Dabei beschäftigen wir uns auch mit dem Ehepartner, den Kindern und allen anderen Personen der häuslichen Umgebung, um den Lebensentwurf zu ersetzen, der die Krankheit in erster Linie ausgelöst hat." Achtzig Prozent seiner Patienten verlassen die Klinik nach durchschnittlich zwölf Tagen erheblich gebessert. (10) "Liebesenergie", so verstanden, kann ein Arzt sicherlich auch ohne den Beistand eines Geistheilers in seine Praxis einfließen lassen, sofern er sich Zeit dafür nimmt. Aber der Einsatz von "Energie" ist vielleicht mehr als bloß eine Metapher - sie könnte eine noch unerforschte physikalische Realität bezeichnen. Geistheilern gelingt es möglicherweise, zu ihr vorzudringen - und eine heilsame Kraft zu entfesseln, die dort ihre Quelle hat. Die Offenheit gegenüber Geistigem Heilen wächst Freilich ist es vom natur- und erfahrungsheilkundlich arbeitenden, von holistischen Idealen beseelten Arzt bis zum überzeugten Befür­worter von Handauflegen und Gesundbeten, Besprechen oder Fern­behandeln immer noch ein großer Schritt. Doch immerhin beginnt die Einheitsfront von Kritikern, die Geistiges Heilen als okkulten Humbug abtun, innerhalb der Ärzteschaft mehr und mehr zu bröckeln. Auch Vorurteile haben sprichwörtlich kurze Beine. Dass Ärzte nichts vom Geistheilen halten, ist eines, das schon beinahe auf den Hinter­backen daherkommt - allen Dementis von Ärztekammern zum Trotz. Welch erstaunliche Aufgeschlossenheit vor allem unter niedergelassenen Ärzten um sich greift, belegt die Studie einer Arbeitsgruppe der Abteilung für Theoretische Medizin der Universität Osnabrück. (11) Nicht nur befürworten demnach 73 Prozent aller hausärztlich tätigen Mediziner (Allgemeinmediziner, praktische Ärzte und Ärzte für Innere Medizin) alternative Heilmethoden - immerhin jeder Vierte von ihnen steht Geistigem Heilen "positiv" gegenüber (25,8 Prozent); unter den weiblichen Ärzten sind es sogar 59 Prozent. Fast jeder Zweite (49,2 Prozent) könnte sich "Geistiges Heilen als sinnvolle Therapie bei chronischen Erkrankungen" vorstellen; speziell bei psychischen Erkrankungen halten sogar 77 Prozent der Ärzte Geistiges Heilen für empfehlenswert. Drei von fünf Ärzten hätten sich gewünscht, während ihrer Ausbildung mehr darüber zu erfahren. (12) Gewiss bilden jene Ärzte, die Geistiges Heilen ablehnen, nach wie vor eine deutliche Mehrheit - doch lässt die Osnabrücker Studie ahnen, wie leicht diese Abwehrfront bröckeln kann. Denn die Gründe der Nicht­akzeptanz sind dürftig: Jeder dritte befragte Arzt räumt freimütig ein "Informationsdefizit" ein - dem lässt sich abhelfen. Ein weiteres Drittel der negativ eingestellten Ärzte argumentiert mit "Unwissenschaftlich­keit" und dem "Placebo-Effekt" - beidem entziehen neuere Forschungen den Boden. (13) 31 Prozent wittern "Scharlatanerie"; dabei sorgen sie sich um eine Randerscheinung, die statistisch kaum ins Gewicht fällt - und sich in ihren eigenen Berufsreihen nicht minder stellt. (14) Und dass Geistiges Heilen "gefährlich" sei, wie 26 Prozent argwöhnen, bleibt ein Gerücht ohne wissenschaftliche Grundlage. (15) Im anhaltenden Boom, den Geistiges Heilen und seine Anwender erleben, sehen immer mehr Ärzte eher eine Mahnung als eine Bedrohung - unter ihnen der österreichische Medizinhistoriker Professor Dr. Hans Bankl, Leiter eines Pathologischen Instituts in einem Großkrankenhaus: "Die Ärzte werden wachgerüttelt, ihre Bemühungen um den Patienten als lebendes Individuum zu verstärken." Die zunehmende Zahl von Geistheilern deutet er als "ein Zeichen für eine schlechter werdende medizinische Versorgung. Die Ärzte müssen versuchen, es besser zu machen. Das ist schwer, denn worauf es ankommt, ist: anhören, mitfühlen, miteinander reden, persönlich etwas tun, nachfragen, stets bereit sein ... und all die anderen zeitraubenden, aber schließlich ärztlichen Aufgaben." Dazu müssen Schulmediziner durchaus nicht zu esoterisierenden Nebelwerfern konvertieren: “Ich bin durch und durch Schul­mediziner”, stellt der Osnabrücker Internist Professor Dr. med. Winfried Hardinghaus klar, Ärztlicher Leiter des Krankenhausverbun­des St. Georgsstift. “Aber für manche Heilungen haben wir einfach keine Erklärung. (...) Die oft plötzliche Genesung anscheinend unheilbar kranker Menschen ist noch viel zu wenig erforscht.” Der Schulmedizin würde beileibe “kein Zacken aus der Krone brechen, wenn sie angesichts vieler unerklärlicher Genesungen anerkennen würde, wie wichtig der ganz­heitliche Blick auf die Patienten für die Therapie ist”. Aus vermeint­lichen Heil“wundern” sei immerhin zu lernen, dass Arzt und Pati­ent auch auf spiritueller Ebene zusammenkommen - “auf der Suche nach dem letzten Geborgen­sein, nach dem großen Ganzen, nach dem Schöpfer.” (16) Aus diesem Blickwinkel machen sich Ärzte immer häufiger für Geistiges Heilen stark, nachdem sie oft jahrelang kritisch mitverfolgten, wie gut es Patienten tut (17) - so auch die 17 Mitautoren dieses Buchs, die beileibe nicht alleine stehen. "Ich habe eine Reihe erstaunlicher Heilun­gen erlebt, die schulmedizinisch nicht erklärbar waren", räumt etwa der Allgemeinmediziner Dr. Klaus Döhner aus Midlum, Kreis Cuxhaven, ein. Als er nach dem Zweiten Weltkrieg dort seine Praxis eröffnete, muss­te er es schnell als "völlig zwecklos" erkennen, Patienten, die an Handaufleger, Gesund­beter und Fernheiler glaubten, davon abzubringen. "Im Gegenteil. Ich habe mir über deren Behandlungsmethoden berichten lassen, um mir ein eigenes Urteil bilden zu können." Dabei habe er feststellen müssen, dass manche Geistheiler "zum Beispiel Haut­erkrankungen, Wund- und Gürtelrosen, selbst von Bakterien und Pilzen verursachten Leiden" in Einzelfällen verblüffend rasch beikamen, nachdem schulmedizinische Maßnahmen versagt hatten. "Nach langjährigen und sehr kritischen Beobachtungen muss ich das zugeben." (18) Ein Jahr lang verfolgte der Schweizer Mediziner Dr. M. B. - er will anonym bleiben - neugierig, was die Geistheilerin Emma Zoller aus Zürich zustande brachte: eine gelernte Krankenschwester, aus einer Familie stammend, die bereits in der siebten Generation geachtete Heiler hervorgebracht hat. "Ihre Behandlung", so fasste der Arzt am Ende des Beob­achtungszeitraums zusammen, "waren oft weitaus erfolgreicher als ärztlicherseits. Selbst in Fällen, bei denen die Schulmedizin keine Lösungen wusste, behandelte sie noch mit Erfolg. Ich kann sie meinen Berufskollegen nur wärmstens empfehlen." Einen Antrag Emma Zollers auf Kassenzulassung unterstützte er vorbehaltlos mit einem Gutachten, in dem er "ihrer Arbeit hohe Qualität und Seriosität" zusprach. (19) Als wertvolle Ergänzung beispielsweise in der Krebsnachsorge wird Geistiges Heilen von dem niedergelassenen Allgemeinmediziner Reinald Specker hochgeschätzt. In Steinfurt, Nordrhein-Westfalen, betreibt er eine onkologische Schwerpunktpraxis, in der ständig 30 bis 50 Krebskranke betreut werden. "Von einer ganzen Reihe meiner Patienten", so berichtet der Arzt im Fachblatt Medical Tribune (20), "ist mir bekannt, dass sie sich zusätzlich von einem Geistheiler behandeln lassen. Ich unterstütze sie dabei! Natürlich hinterfrage ich, wieviel Geld verlangt wird, ob es Hinweise auf sektenmäßiges Verhalten gibt und ob ihnen die Behandlung Besserung bringt. Wenn dies alles gegeben ist, habe ich keine Bedenken, sie darin zu unterstützen." Denn Geistiges Heilen passe gut zu einer "aktiven Nachbehandlung", bei der auch andere erfahrungsheilkundliche Verfahren eine größere Rolle spielen müssten, "auch wenn deren Wirksamkeit (noch) nicht nachgewiesen werden konnte. Und selbst wenn - wie mir viele eingefleischte Schulmediziner mit Sicherheit vorwerfen werden - alles nur Placebo-Effekt und Suggestion sein sollte, so freue ich mich mit meinen Patienten, dass diese ‚Placebos' so gut wirken und ich so suggestibel bin. Schade, dass es viele der Kollegen, die dies mir vorwerfen, nicht sind. Aber vielleicht lässt sich ja daran arbeiten." Anmerkungen 1 Daniel Benor, “Geistiges Heilen erforschen - ein Überblick”, in Geistiges Heilen für eine neue Zeit - Vom “Wunderheilen zur ganzheitlichen Medizin, Harald Wiesendanger (Hrsg.), Kösel: München 1999, S. 89-127; ders.: Healing Research, Vol. I-II, Helix: München 1991 ff.; Harald Wiesendanger: Das Große Buch vom Geistigen Heilen - Möglichkeiten, Grenzen, Gefahren, Lea Verlag: 4. Aufl. Schön­brunn 2003, Kap. IV.; ders.: Geistheiler - Der Ratgeber, Lea Verlag: 2. Aufl. Schön­brunn 2000, Kap. 1: “Die Statistik des ‘Wunders’”; ders.: Fernheilen, Band 1. 2 Siehe Fanny Moser: Der Okkultismus, Bd. 2, München 1935, S. 585-606 ("Die ärztlichen Medien"), ib. S. 586 ff. 3 Jüngste Studien hierüber faßt zusammen: Walter Andritzky, "Unkonventio­nelle Heilweisen in der ärztlichen Praxis", Zeitschrift für Allgemeinmedizin 74/1998, S. 608-614. 4 Gunter Haag u.a., "Unkonventionelle medizinische Verfahren. Verbreitung bei niedergelassenen Ärzten - Ergebnis einer Fragebogen­umfrage", Zeitschrift für Allgemeinmedizin 68/1992, S. 1184-1187. Eine neuere Studie des Sozialmediziners Dr. Horst Haltenhof von der Universität Marburg stelle ich vor in H. Wiesen­danger, "Jeder zweite Arzt heilt ‚alternativ'", Der Heiler 1/1996, S. 35. In den benachbarten Niederlanden überweisen neun von zehn Allgemeinärzten ihre Patienten an Alternativtherapeuten (G. J. Visser / L. Peters, "Alternative medicine and general practitioners in the Netherlands: towards acceptance and integration", Family Practitioners 7/1990, S. 227-233); ebenso verfahren immerhin schon 59 Prozent ihrer britischen Kollegen (E. Anderson / P. Anderson, "General practitioners and alternative medicine", Journal of the Royal College of General Practitioners 37/1987, S. 52-55.) 5 HP-Heilkunde 11/2002, S. 4: “Pharma-Produzenten: Klagen auf hohem Niveau”, S. 4. 6 Harald Wiesendanger, "Eine Frage der Moral", Der Heiler 3/1997, S. 5. 7 Zit. nach Hans Halter: Vorsicht, Arzt! Krise der modernen Medizin, Reinbek 1981, S. 219. 8 a.a.O., S. 219 (s. Anm. 3) 9 Gesundheit 5/2000, zit. nach Pulsar 5/2000, S. 28: “Ärzte sind schlechte Zuhörer”. 10 Zit. nach George W. Meek: Heiler und der Heil-Prozess, München 1980, S. 264 f. 11 H. Wiesendanger, "Erstaunlich aufgeschlossen: Was Ärzte von geistigem Heilen halten", Der Heiler 3/1997, S. 33. 12 Noch erheblich aufgeschlossener gegenüber Geistigem Heilen äußern sich Ärzte in Großbritannien, wie eine Umfrage unter 594 Allgemeinpraktikern belegt: D. E. King / J. Sobal / J. Haggerty u. a., "Experiences and attitudes about faith healing among family practitioners", Journal of Family Practitioners 35/1994, S. 158-162. 13 Zum Vorwurf der "Unwissenschaftlichkeit" vgl. Harald Wiesendanger: Das Große Buch vom Geistigen Heilen, a.a.O., S: 259-303 ("Geistheilung im Zerrspiegel der Wissenschaft"). Zur Dürftigkeit des Placebo-Arguments siehe Harald Wiesendanger, "Geistheilung: bloß ein Placebo?", Erfahrungsheilkunde 1/1998, S. 9-12, sowie in ders.: Geistiges Heilen für eine neue Zeit - Vom “Wunderheilen zur ganzheitlichen Medizin, a.a.O.: “Nur ein Placebo? Auseinandersetzung mit einem dürftigen Argument, S. 203-214. 14 Zum Vorwurf der "Scharlatanerie" siehe Harald Wiesendanger, "Von Mücken und Elefanten", Der Heiler 1/1998, S. 5; ders.: Geistheiler - Der Ratgeber, a.a.O., Kap. 41; ders.: Das Große Buch vom Geistigen Heilen, a.a.O., S. 306-307. 15 H. Wiesendanger: Das Große Buch vom Geistigen Heilen, a.a.O., S. 384-387. 16 Dr. med. Hans Bankl: Der Pathologe weiß alles ... aber zu spät. Heitere und ernsthafte Geschichten aus der Medizin, Wien 1997, ib. S. 105-107. W. Hardinghaus zit. nach Ärztliche Praxis - das Online-Magazin für Arzt und Patient, 18.12.2002 (“Ärzte, nehmt endlich die Wunder ernst!”) 17 Siehe z.B. die Beiträge von Dr. med. Pierre Bovet, Dr. med. György Irmey und Dr. med. Barbara Schliecker in Geistiges Heilen für eine neue Zeit - Vom “Wunderheilen” zur ganzheitlichen Medizin, hrsg. v. Harald Wiesendanger, Kösel: München 1999. 18 In einem Interview mit der in Bremerhaven erscheinenden Nordsee-Zeitung, 23.1.1992: "Heiler - sind sie Helfer oder Scharlatane?" 19 H. Wiesendanger, "Dickes Lob für Zürcher Heilerin von mehreren Ärzten", Der Heiler 1/1998, S. 9. 20 Medical Tribune Nr. 25 / 20.6.1997; Der Heiler 3/1997: "Krebsmediziner verteidigt Geistheilung". Mit diesem Text beginnt das Vorwort von Harald Wiesendangers Anthologie Geistiges Heilen in der ärztlichen Praxis – Damit die Humanmedizin humaner wird (2003, 5. Aufl. 2005).

  • Der „Wiedergeborene“ der ARD: gefallen, begraben und zurückgekehrt?

    Hatte die ARD 1992 tatsächlich einen reinkarnierten Panzerkommandanten ausfindig gemacht, der im Zweiten Weltkrieg an der italienischen Front umgekommen war? Nachdem ich die Fernsehredaktion als wissenschaftlicher Berater zu diesem Fall hingeführt hatte, forschte ich ihm weiter nach. Ich befragte den vermeintlich Wiedergeborenen ausgiebig, stellte ihn auf die Probe, besuchte Zeitzeugen seines angeblichen früheren Lebens. Mit jeder weiteren Recherchewoche wuchsen meine Zweifel. Untoter Panzerkommandant? In den Jahren 1991/92 bereitete das Bayerische Fernsehen eine Sendereihe über Psi-Phänomene vor; als wissenschaftlicher Berater versorgte ich es damals mit Themenvorschlägen, Kontakten und Hintergrundinformationen. Für eine Folge über “Wiedergeburt” empfahl ich der Redaktion unter anderem, Deutschlands erstes Hypnose-Fachkrankenhaus aufzusuchen: die Felsenlandklinik im pfälzischen Dahn. Vom damaligen ärztlichen Leiter, Claus H. Bick, wusste ich, dass er Patienten hypnotisch auch zu “früheren Leben“ zurückführte. Daraufhin stattete ein BR-Kamerateam am 9. Februar 1992 der Klinik einen Besuch ab - und filmte ein “Regressionsexperiment” Bicks mit dem damals 29-jährigen Patienten Roland Gerster*. Kurz darauf rief mich der Produktionsleiter Peter Kropf an: In Dahn sei “tatsächlich etwas Sensationelles herauskommen”, so berichtete er mir. Ich staunte. In den Monaten davor hatte ich ihn als eher cool-distanziert gegenüber Psi-Phänomenen erlebt. Was daran “sensationell” schien, konnte ein Jahr später die deutsche Fernsehnation bestaunen: In der ARD-Reihe “PSI”, moderiert von Thomas Hegemann und Gertrud Wirschinger - alias “Penny McLean”, einem untergegangenen Schlagersternchen der siebziger Jahre -, wurde am 2. März 1993 ein mehrminütiger Ausschnitt aus Roland Gersters Rückführung gezeigt. In Hypnose schien sich der Patient an eine Reinkarnation als deutscher Panzerkommandant erinnern, der im Zweiten Weltkrieg umkam. Wie hieß er damals? “M-e-i-s-s-n-e-r”, buchstabiert er langsam. Vorname? “Richard.” Geboren? 1920. Wo? In Hessen. Den dramatischen Höhepunkt der Rückführung gebe ich nun im Wortlaut wieder, ohne Bicks Zwischenfragen und Kommentare: “Vormarsch. Bin im Turm. Kommandant (im Panzer). 24 (Jahre). Fahren, Schnee, durch den Schnee. Wald. Ausgebrannt. Feindpanzer, den soll er abschießen, der Schütze. Er kann´s nicht. Feindpanzer schießt. Explosion. Fall ´raus, ja. Auf den Panzer fall´ ich, auf den Boden. Schmerzen, brennt” (deutet auf den linken Oberschenkel und auf den Bauch). “Splitter, das Bein ist ab. Der GI, groß, korpulent, bullig, Pistole, läuft an mir vorbei und schießt, Genick.” In der “PSI”-Sendung folgte nun ein kurzes Studiointerview mit dem stellvertretenden Leiter der “Deutschen Dienststelle für die Benachrichtigung der nächsten Angehörigen von Gefallenen der ehemaligen deutschen Wehrmacht” (WASt) in Berlin, Herrn Gerhard. Allem Anschein nach bestätigte er Roland Gersters Angaben. Zwar sei er zunächst “einigermaßen verdutzt und überrascht” gewesen und “meinte, man wolle mich auf den Arm nehmen.” Trotzdem notierte er sich die Personalien, die Peter Kropf ihm angab. “Daraufhin habe ich Unterlagen heraussuchen lassen - und zu diesen Angaben einige Akten gefunden.” Der Moderator hakt nach: “Das heißt, es gibt bei Ihnen wirklich einen Herrn Meissner...?” Gerhard bestätigt: “Herr Kropf hatte mir dazu ja noch einige nähere Angaben gegeben, nämlich Geburtsdatum und Geburtsort, und diese stimmen überein.” Moderator: “Also in der Tat, die gibt es bei Ihnen?” Gerhard: “Ja.” Moderator: “Gab es noch weitere Übereinstimmungen?” Erneut stimmt Gerhard zu: “Es gab weitere Übereinstimmungen. Ich habe Herrn Kropf dann noch einmal gesprochen und ihn gefragt, ob er mir bestätigen könnte, dass dieser Herr Meissner irgendwelche Verwundungen aufweisen würde, ohne ihm vorher zu sagen, welche ich in den Akten gefunden habe. Und da bestätigte er mir, er hätte Splitter- bzw. Schußverletzungen an beiden Beinen.” Moderator: “Und das stimmte mit Ihren Akten überein?” Gerhard: “Es stimmte überein. Dieser Richard Meissner, der bei uns verzeichnet ist, war 1941 verwundet worden durch Bombensplitter am linken Oberschenkel und rechten Unterschenkel.” Zehn Tage nach der mitgefilmten Rückführung bestätigte Peter Kropf dem Rückführer Bick schriftlich, das Berliner Zentralarchiv habe ihm “folgende Daten übermittelt: Es gab tatsächlich einen Richard Meissner, der 1921 in Obereisenhausen, Kreis Biedenkopf, in Hessen geboren wurde. Er diente in einer Panzeraufklärungsabteilung der Wehrmacht und wurde ab 29.1.1944 vermisst. Sein letzter Einsatz war bei Belmonte in Italien. Er wurde vermutlich von Amerikanern getötet. Der Soldat wurde bereits 1941 durch Bombensplitter verletzt (linker Ober-, rechter Unterschenkel). Der Vater hieß Heinrich Meissner und lebte damals in Obereisenhausen.” (1) Reinkarnationsbeweis geglückt? Moderator Hegemann fand die anscheinende Bestätigung “verblüffend”. Und TV-Kollegin Penny MacLean beharrte in einer späteren Fernsehdiskussion (2) darauf, es lägen “haargenaue” Übereinstimmungen zwischen “Reinkarniertem” und dem historischen Richard Meissner vor. Genauso sah dies Gersters Rückführer: Als Gast der ARD-Sendung “Fliege” (3) behauptete Claus Bick Ende 1994, Gersters Angaben über die Todesumstände von Meissner seien zweifelsfrei bewiesen; er bezeichnete diesen Fall als bisher einzigartigen Beweis für Reinkarnation: “Es ist übrigens der erste Fall”, so Bick wörtlich, “der in dieser Form dokumentiert so nachzuverfolgen war und so beweisbar war, wie der. Es gibt auch in der Literatur derartige Fälle überhaupt nicht.” Schon in einem 1992, noch vor der “PSI”-Sendung, veröffentlichten Aufsatz hatte Bick, kaum zurückhaltender, dem Fall Gerster “weitgehend belegbare Reinkarnationsphänomene von äußerster Wichtigkeit” attestiert. (4) Seither gilt in der deutschen Esoterikszene der Fall Gerster als “Reinkarnationsbeweis” allererster Güte. Und ebenso selbstsicher tun ihn Skeptiker als unglaubhaft ab - aufgrund vermeintlicher Ungereimtheiten, die in der “PSI”-Sendung stillschweigend übergangen worden seien. Zu den Zweiflern zählt der Lüneburger Studienrat Gerhard Glombik. Argwöhnisch forschte der studierte Theologe, Politikwissenschaftler und Historiker bei der WASt-Dienststelle nach; im Juli 1994 will er vom WASt-Leiter Herrn Gerhard eine schriftliche Erklärung erhalten haben, aufgrund derer er die Identität von Gersters “früherem Selbst” mit dem historischen Richard Meissner “stark bezweifeln” müsse. Sechs Einwände macht er geltend (5): 1. Die Altersangabe ist falsch. Als er im Körper Meissners starb, will Gerster 24 Jahre alt gewesen sein. Richard Meissner jedoch wurde am 12. November 1921 geboren; am 29. Januar 1944, dem Datum seiner Verlustmeldung, war er 22. Mit 24 hätte er schwerlich im Zweiten Weltkrieg umkommen können - der war schon ein Jahr vorher zu Ende. 2. Zwei Ereignisse werden vermengt. An den Beinen verwundet wurde der historische Richard Meissner am 25.11.1941 in Rußland; vermisst gemeldet wurde er am 29.1.1944 bei Belmonte de Castello in Italien. Folglich, so wendet Glombik ein, handle es sich um zwei getrennte Ereignisse an zwei verschiedenen Orten, zwischen denen eine zeitliche Distanz von über zwei Jahren liegt. 3. Umstände und Art von Meissners Tod bleiben in Wahrheit unbestätigt. Den “Reinkarnationserinnerungen” Gersters zufolge wurde Meissner 1944, nach Beschuss durch einen Feindpanzer, von Splittern am Bauch verletzt und sein linkes Bein am Oberschenkel abgetrennt; dann habe ihn ein GI ins Genick geschossen. Gemäß der WASt-Auskunft, die Glombik erhalten haben will, liegen jedoch “über seinen Tod (Genickschuss) keine Erkenntnisse vor. Meissner gilt hier als vermisst”, und ein Aktenvermerk ergänzt: “wahrscheinlich gefangen”. Woher die Version vom Tod durch Genickschuss stamme, sei also offen, schließt der Skeptiker. Fest steht nur, was Meissner drei Jahre zuvor, in Russland nahe Orel widerfahren war: Durch Fliegerbeschuss hatte er leichte Verwundungen am linken Oberschenkel und rechten Unterschenkel. Daraufhin kam er ins Lazarett, von wo er - mit beiden Beinen - nach seiner Genesung 1942 wieder an die Front geschickt wurde. 4. Auch die Angabe des militärischen Rangs stimmt nicht. Laut Gerster war Meissner “Panzerkommandant”. Doch den Akten zufolge stand Meissner 1941 in der 4. Kompanie des Krad-Schützen-Bataillons 40, im Rang eines Schützen; 1944 war er Obergefreiter bei der Panzeraufklärungsabteilung 103. “Nach den hier vorliegenden Unterlagen”, soll Herr Gerhard nachträglich dem Anfrager Glombik erklärt haben, “ist es nicht beweisbar und mehr als unwahrscheinlich, dass Meissner als Obergefreiter Panzerkommandant war”. 5. Die Zuordnung von Gersters “früherem Selbst” zum echten Meissner ist alles andere als eindeutig. In Wahrheit lagen der WASt seinerzeit “Karteimittel usw. über 117 Namensträger vor”, wie Herr Gerhard später gegenüber Glombik klargestellt haben soll. “Diese wurden aufgrund der Angaben des Bayerischen Rundfunks überprüft. Die weitestgehenden Übereinstimmungen ergaben sich zu dem Genannten.” Heißt dies nicht, dass aus 117 Kandidaten derjenige herausgesucht wurde, auf den Gersters Angaben am ehesten passten – weit entfernt von einem Volltreffer? 6. Amerikanischen Soldaten dürfte Richard Meissner gar nicht begegnet sein - somit auch nicht seinem vermeintlichen Mörder. Zum Zeitpunkt seiner Vermisstmeldung am 29. Januar 1944 hielt sich Meissner rund zwei Kilometer südlich von Belmonte auf, wo er in die erste von vier schweren Schlachten um den Klosterberg Monte Cassino verwickelt war. Doch “die einzige amerikanische Einheit, die auf eine Entfernung von ca. 3 km Luftlinie an die Aufklärungsabteilung 103 herangekommen sein könnte, nämlich das 142. Infanterieregiment, startete erst am 30.1.1944 seinen Vorstoß”, will Glombik herausgefunden haben. (6) In jener Gegend, in der sich die deutsche Aufklärungsabteilung 103 aufhielt, seien ihre Gegner vielmehr “französische Einheiten, nämlich Tunesier und Algerier der 3. algerischen Division des Französischen Expeditionskorps” gewesen. An diese gewichtigen Einwände hätte sich eine eingehende Aufarbeitung des Falls anschließen können - und müssen. Stattdessen war die Diskussion kläglicherweise schon wieder beendet, augenscheinlich zur Zufriedenheit aller Beteiligten, und eben dies wirft ein bezeichnendes Licht auf die unsäglichen Grabenkämpfe zwischen Esoterikbeseelten und chronischen Zweiflern im allgemeinen: Ambitionen, die wenigstens entfernt an Forscherdrang erinnern, entwickeln beide in der Regel nur so lange, bis sie ihre Lieblingstheorie “bestätigt” finden. Als Glombik die Fernsehverantwortlichen mit seinen Argumenten konfrontierte, erhielt er von der PSI-Redaktion überhaupt keine Antwort, von der ‘Fliege’-Redaktion bloß ein nichtssagendes Standardschreiben, das ihm für sein Interesse an der Sendung dankte. (7) Andererseits hatte auch der Skeptiker selbst zu gründlicher Recherche keine Lust: “Zu keinem Zeitpunkt”, räumte er mir gegenüber ein, “habe ich Herrn Gerster oder Herrn Bick gekannt. Weder vor noch nach der Fernsehsendung habe ich irgendwelchen Kontakt“ zu den beiden „gehabt. Ich habe auch keine Anfragen an sie gerichtet.” Wieso eigentlich nicht? Im Fernsehen war schließlich bloß ein kümmerlicher Ausschnitt aus einer “Rückführung” mitzuerleben gewesen, die vorher begann und später endete. Könnten in Gerster dabei nicht noch weitere, aufschlussreiche Erinnerungsbilder aufgestiegen sein, die zu überprüfen wären - und seine Glaubwürdigkeit entweder erhöhen oder erschüttern? Hatten Gersters Rückführungserlebnisse womöglich eine Vorgeschichte, die weitere Aufschlüsse geben könnte - spontane Erinnerungen beispielsweise? Und wieso eigentlich gaben sich Überzeugte ebenso wie Skeptiker mit der WASt als einziger Informationsquelle zufrieden? Warum machte sich keiner die Mühe, nach Hinterbliebenen Richard Meissners, nach ehemaligen Freunden, Schul- und Kriegskameraden zu suchen, die bestimmt noch weitaus mehr über Gersters angebliches “früheres Selbst” wussten als die Berliner Archivare? Als ich Gerster persönlich kennenlernte, bot er mir reichlich Gelegenheiten, der Sache endlich auf den Grund zu gehen. Mehrfach suchte ich ihn zu Interviews auf, beschaffte mir historische Fachliteratur, richtete eine erneute Anfrage an die WASt, fahndete nach Angehörigen Richard Meissners und besuchte auch sie. Ein ums andere Mal erlebte ich dabei Überraschungen, die Esoteriker wie Skeptiker veranlassen sollten, den Fall zu überdenken. Tatsächlich widerlegt? Doch zunächst zu den skeptischen “Widerlegungen”: Wie schlüssig sind sie wirklich? Von Erinnerungen an frühere Leben, falls es sie gibt, sollte keine größere Präzision verlangt werden als von Erinnerungen, die sich auf das gegenwärtige Leben beziehen. Haben die meisten von uns denn nicht schon Mühe, selbst einschneidende Ereignisse zeitlich einzuordnen: zum Beispiel spontan das Datum anzugeben, an dem unsere erste Liebe endete; an dem wir unsere erste eigene Wohnung bezogen; an dem wir unsere erste Stelle antraten; an dem wir in einen Unfall verwickelt waren usw. Auch hier plagen uns zunächst oft Unsicherheiten, die wir ausräumen, indem wir die fraglichen Ereignisse in ein Raster weiterer Geschehnisse einzuordnen versuchen, deren Zeitpunkt und Abfolge wir uns schon gewiss sind, oder indem wir Zeugen befragen. Bezogen auf Vorinkarnationen fällt beides schwer. Sich in der Altersangabe um zwei Jahre vertan zu haben, kann Roland Gerster schwerlich angelastet werden. Zwei örtlich und zeitlich getrennte Vorkommnisse miteinander zu verschmelzen, gehört ebenfalls zu jenen Gedächtnisfehlern, die uns bisweilen unterlaufen, wenn wir uns auf unsere Biographie besinnen. Gäste, die wir in der Erinnerung bei unserem letztjährigen Geburtstag sehen, waren in Wahrheit vorletztes Jahr da; Ferienepisoden verschieben wir von einem Urlaubsort zum anderen; wir verwechseln Anlässe von Bekanntschaften usw. Von daher wäre es eher verwunderlich, wenn Reinkarnationserinnerungen frei davon wären, Ereignisse durcheinanderzubringen. Doch zumindest Gersters Erinnerungen an seine Kriegsverletzungen ist dieser Fehler nicht nachzuweisen: Denn in seiner Rückführung schilderte er eben nicht die Wunden am linken Ober- und rechtem Unterschenkel, die er sich 1941 in Rußland zuzog. Er sprach von Splitterverletzungen am Bauch und einem abgetrennten Bein. Damit könnte er recht haben - denn bisher weiß niemand, wie Richard Meissner starb, und bis heute wurde nicht einmal seine Leiche gefunden. Bestätigt sind seine behaupteten Todesumstände bisher nicht, widerlegt aber ebensowenig. Standen im Berliner Zentralarchiv wirklich zunächst 117 Kandidaten zur Auswahl, aus denen derjenige herausgefiltert wurde, auf den Gersters spärliche Angaben am ehesten passten? Dann könnten die wenigen Übereinstimmungen zufällig zustande gekommen sein, in der Tat. Vorsichtshalber fragte ich deswegen sowohl bei WASt in Berlin als auch bei Herrn Glombik nach - und beide hatten für mich Überraschungen parat. Dreimal ersuchte ich den Skeptiker ebenso höflich wie vergeblich, mir eine Kopie der Gerhard-Auskunft zuzusenden; zunächst speiste Glombik mich mit einer sinngemäßen Zusammenfassung ab, danach brach er den Briefkontakt ab, wenngleich ich ihn um Verständnis dafür gebeten hatte, dass ich wegen der Widersprüche in den WASt-Auskünften an ihn und das Bayerische Fernsehen seine “Quelle direkt begutachten und mich nicht auf ein briefliches Konzentrat verlassen will”. (8) Für Glombiks Weigerung, so schrieb ich ihm offen, “fallen mir nur drei Erklärungen ein: Entweder es gab dieses Schreiben nie; oder Sie haben es mittlerweile verlegt oder weggeworfen; oder es stützt Ihre Argumentation nicht in der von Ihnen behaupteten Weise.” Nun richtete ich in Sachen Richard Meissner selbst eine Suchanfrage an die WASt, mit denselben Daten, die Peter Kropf acht Jahre zuvor nach Berlin durchgegeben hatte: Name, Vorname; geboren in Hessen; Jahrgang ca. 1920; Kriegsverletzungen am linken Ober- und rechten Unterschenkel. Zu meinem Erstaunen teilte mir die WASt (9) daraufhin mit, dass “in der Kartei unseres Zentralnachweises kein Namensträger ermittelt werden konnte, auf den Ihre Angaben zutreffen könnten. Für weitere Nachforschungen ist entweder die Kenntnis des genauen Geburtsdatums oder die vollständige Bezeichnung der Einheit erforderlich” - doch beides hatte ja auch Peter Kropf nicht angeben können. Wie war die WASt dann trotzdem fündig geworden? Eine telefonische Nachfrage bei der Sachbearbeiterin ergab, dass meine Namensangabe auf 25 dort aktenkundige Personen paßte - und nicht etwa auf 177, wie von Glombik behauptet. (Vermutlich werden dort 177 Meissners, aber nur 25 Richard Meissners geführt.) Dabei hatte man sich meinetwegen wohl nur die Mühe eines ersten Rechercheschritts von vielen möglichen weiteren gemacht: Man warf einen Blick in die alphabetisch geordnete WASt-Zentralkartei, die über 18 Millionen Karteikarten von Teilnehmern des Zweiten Weltkriegs enthält. Darüber hinaus verwaltet die WASt aber unter anderem noch über 250 Millionen personenbezogene Meldungen in Erkennungsmarkenverzeichnissen, Personalveränderungslisten und Verlustunterlagen der einzelnen Truppenteile der Wehrmacht. In diesen Heuhaufen sucht auch der dienstbeflissenste Beamte nur ungern auf Verdacht nach einer Stecknadel - es sei denn, ihn motiviert eine so brisante Anfrage wie jene des Bayerischen Fernsehens, die der WASt-Leitung die seltene Chance bot, öffentlich auf sich aufmerksam zu machen und etwas fürs Image zu tun. Wohl aus diesem Grund wies Gerhard seine Mitarbeiter an, allen 25 Namenshinweisen nachgehen - und dabei fand sich in der Tat ein Soldat, und nur dieser eine, auf den Gersters wichtigste “Reinkarnationserinnerungen” einigermaßen passten. Dass eine Ernennung Meissners zum Panzerkommandanten nirgendwo in den Akten einen offiziellen Niederschlag gefunden hat, schließt keineswegs aus, dass er in seinen letzten Tagen faktisch in einer solchen Funktion diente. Zu Gersters unveröffentlichten Erinnerungen gehört, “dass unsere Einheit ... Verluste hatte, die nicht schnell genug durch qualifizierte Soldaten ersetzt werden konnten. Daher hatte ich ... die Funktion des Panzerkommandanten für eine dringend benötigte Aufklärungsfahrt zu übernehmen, weil ein feindlicher Angriff gemeldet worden war und unsere militärischen Stellen dringend Einzelheiten über Position, Bewaffnung und Truppenstärke (des Gegners) brauchten.” (10) So könnte es gewesen sein. Historisch äußerst fragwürdig ist die Behauptung, Meissner könne am 29. Januar 1944 überhaupt nicht auf amerikanische GI´s gestoßen sein. Die beiden Quellen, auf die sich Skeptiker Glombik beruft, stammen aus den Jahren 1944 bzw. 1956. Sachbücher neueren Datums hingegen beschreiben übereinstimmend US-Truppenbewegungen im Gebiet von Monte Cassino, die in unmittelbarer Nähe von Meissners Einsatzbereich liegen. Der Historiker Dan Kurzman stellt fest (11), dass “das amerikanische Korps vom 24. Januar bis 12. Februar 1944 die erste Cassino-Schlacht kämpft”. Auch nach Hart (12) “suchte das amerikanische II. Korps” schon Ende Januar 1944 “die Gustav-Linie durch einen nördlichen Angriff auf Cassino zu durchbrechen. Am 24. Januar führte die amerikanische 54. Division den Angriff, mit Hilfe der Franzosen an ihrer Flanke.” “Am 25.1.1944”, so schreiben Zentner/Bedürftig, “gingen die Alliierten zur Daueroffensive über. Vergeblich jedoch versuchte die 34. US-Infanteriedivision, den Monte Cassino im Norden zu umgehen. (13) Eben dort, nördlich von Monte Cassino, liegt das Gebiet, in dem Meissner seit 29.1.1944 vermisst wird. - Auf einer Karte bei Peter Young (14) kennzeichnen zwei parallele Pfeile zwei Angriffe amerikanischer Truppen - offenbar jenes 142. Regiments, das Glombik selbst erwähnt -, die sie von Sant Elia westwärts zum Colle (Berg) Belvedere führten; dort trafen sie vermutlich auf deutsche Truppen, die zwischen dem Monte Cairo und dem Monte Abate ostwärts vorstießen. Am Mittwoch, 26.1.1944, kam es zu “einem deutschen Gegenangriff auf die Höhe 862 und den Berg Colle Abate”, dessen Rückeroberung am 27.1.1944 gelang. “Zwischen den deutschen Verbänden Kesselrings und den Amerikanern des Generals Clark sowie den Franzosen des Gernerals Juin wüteten verbissene Kämpfe.” (15) Am Freitag, dem 28. Januar 1944, “übernimmt die deutsche 90. Panzergrenadier­division den Kampfabschnitt der 44. Infanteriedivision der ‘Hoch- und Deutschmeister’ beiderseits Tarelle bis zum Secco-Tal und somit den gesamten Cassino-Abschnitt” (16). “Bei Sonnenaufgang des 27.1.1944”, heißt es bei Piekalkiewicz weiter (17), “versucht das US-Infanterieregiment 168, den kleinen Brückenkopf, den das US-Infanterieregiment 133 hält, zu verbreitern.” Offenkundig befanden sich also amerikanische Truppen in Meissners letztem Einsatzgebiet. Am Samstag, dem 29. Januar 1944 - mutmaßlich Meissners Todestag -, “rücken, nachdem US-Pioniere die Panzerstraßen im Vorfeld der Stadt Cassino hergerichtet haben, stärkere Panzereinheiten vor. Mit ihrer Unterstützung erreicht die US-Infanterie die Anhöhen 56 und 213. Bei Anbruch der Dunkelheit können beide Hügel erobert werden.” (18) Am Sonntag, dem 30.1.1944, “gelingt es dem US-Infanterieregiment 168, den Rapido zu überschreiten und am Abend das Dorf Cairo zu Füßen des Monte Cairo zu erobern.” (19) Am selben Tag führten amerikanische Panzer einen Angriff westwärts über den Fluß Rapido zum Colle Maiola. (20) Der Feldweg, der von der Ortschaft Cairo nach Süden führt, weist zwei T-förmige Kreuzungen auf; die südlichere von beiden, so glaubt Gerster, ist “wahrscheinlich diejenige, hinter welcher der Abschuß des Panzers erfolgte”. - “Montag, 31. Januar 1944. Aus dem Feldhauptquartier von General Clark: Nach schweren, 24 Stunden dauernden Kämpfen sind amerikanische und französische Truppen im nördlichen Abschnitt von Cassino in die deutsche Verteidigungslinie eingebrochen und haben eine Reihe von Stützpunkten besetzt, (...) kämpften Amerikaner und Franzosen Seite an Seite.” (21) Meissners letzter bekannter Aufenthaltsort lag bei Belmonte di Castello, ca. 8 km nördlich von Monte Cassino und 2 km südlich von Belmonte Castello. Wie soll er dann aber südlich von Cairo mit dem US-Panzer zusammengetroffen sein - fünf Kilometer weiter? Fest steht lediglich die letzte bekannte Position Meissners; und diese hat kein außenstehender Beobachter fortlaufend registriert, sondern wurde von Meissner selbst während seiner Panzerfahrt in regelmäßigen Abständen per Funk gemeldet. Dabei konnte er seinen Standort sicherlich immer nur ungefähr wiedergeben, zumal auf unbekanntem Gebiet. Und selbst wenn sein Panzer nur mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 15 km/h vorankam, “so könnte er die fünf Kilometer von der letzten bekannten Position - 2 km südlich von Belmonte di Castello - bis zum Zusammentreffen mit dem US-Panzer südlich der Ortschaft Cairo in nur zwanzig Minuten zurückgelegt haben”, folgert Gerster. Der Ort Cairo ist vom letzten bekannten Standort Richard Meissners (2 km südlich von Belmonte) nur etwa 3 km Luftlinie entfernt. Soweit ist Gersters Glaubwürdigkeit also mitnichten erschüttert, wie Skeptiker meinen - deswegen aber noch lange nicht bestätigt, wie Reinkarnationsgläubige flugs unterstellen würden. Denn zwei bisher unveröffentlichte Details seiner “Rückführungen” bei Bick, mit denen er auf den ersten Blick haarsträubend danebenlag, hätte Glombik erst recht frohlocken lassen. Als Einsatzgebiet gab Gerster in Trance nicht etwa Monte Cassino oder wenigstens Italien an - er sprach von der Eifel, dem Westwall, den Ardennen; und er erinnerte sich an den Ortsnamen “Spa”. (22) Auf die Idee, dass er stattdessen an der “Gustav-Linie” gekämpft haben könnte, brachte ihn erst die WASt-Auskunft. Vermutlich schlich sich hier in Gersters “Reinkarnationserinnerungen” ein, was zur Biographie seines eigenen leiblichen Vaters gehörte: Denn dieser war tatsächlich 1944 als Funker bei der Ardennen-Offensive eingesetzt gewesen, und eine der deutschen Angriffswellen dürfte ihn ganz in die Nähe des bekannten belgischen Heilbads Spa geführt haben. Ein Foto hört nicht auf, ein Abbild der Wirklichkeit zu sein, wenn sich herausstellt, dass auf ein paar Quadratmillimeter davon Teile eines zweiten Fotos montiert worden sind; es hört lediglich auf, ein getreues zu sein. Nicht strenger sollten wir mutmaßliche Reinkarnationserinnerungen bewerten, wenn sich herausgestellt hat, dass sie Versatzstücke aufweisen, die nachweislich aus anderen Quellen stammen. Vermutlich sind sämtliche Erinnerungen, die wir an komplexe Vorgänge unserer ferneren Vergangenheit im Kopf haben, durchsetzt von Verzerrungen, phantasievollen Vervollständigungen von Lücken, Weglassungen und Hinzufügungen aus Gedächtnisinhalten, die sich auf andere, aber irgendwie bedeutsame Ereignisse beziehen. Würde eine nach der anderen nach strengsten Maßstäben durchleuchtet, so müsste wohl geschlussfolgert werden, dass kein Mensch auch nur eine einzige Erinnerung hat, da doch alles, was man dafür hält, bei genauerer Betrachtung irgendwelche Fehler aufweist. Selbst wenn Gersters “Erinnerungen an ein früheres Leben” im übrigen echt wären, könnten Eifel, Ardennen und Spa assoziativ ins Spiel gekommen sein und ihm beim Rekonstruieren von Meissners Vergangenheit einen Streich gespielt haben. Gerster “sah” in Trance Ereignisse, deren Schauplatz er nicht lokalisieren konnte; er vermutete den Zweiten Weltkrieg; dieser hatte persönliche Bedeutung für ihn durch den Fronteinsatz seines Vaters; und so könnte er aus dessen Kriegsbiographie die fehlenden Ortsangaben unbewusst übernommen haben, um “seine”, Meissners, eigene Geschichte zu vervollständigen, wo sie Lücken aufwies. So ähnlich funktioniert unser Gedächtnis auch, wenn es innerhalb der Grenzen des jetzigen Lebens zurückgeht. Manche Details aus Gersters Erinnerungsbild, die zunächst unwahrscheinlich anmuten, haben sich im nachhinein bestätigt - und dadurch das Bild als ganzes glaubhafter gemacht. So war sich Gerster von Anfang an sicher, dass Meissners Panzer durch eine verschneite Landschaft rollte. Schnee hundert Kilometer südlich von Rom? Doch mehrere Historiker bestätigen eine ungewöhnliche Wetterlage um jene Zeit. Bei Piekalkiewicz (23) ist ein Foto nachzuschlagen, das deutsche Soldaten im Februar 1944 am Monte Abato “auf dem Marsch durch Schnee” zeigt. Zudem enthalten Gersters Erinnerungen etliche weitere Details, deren Überprüfung zwar noch aussteht; dass sie mit Hilfe von Zeitzeugen eines Tages doch noch gelingt, ist aber keineswegs ausgeschlossen. Dazu zählt der Name des Schützen, der dem Panzerkommandanten Meissner unterstellt war und im entscheidenden Moment versagte (“Das war der Kurt”, ist sich Gerster sicher), aber auch charakteristische Einzelheiten der Landschaft, in der sich der Panzer zuletzt bewegte: Sie dürften nur jemandem bekannt sein, der schon einmal dort war - und Gerster war es nicht, zumindest nicht in diesem Leben. (Seine erste Reise in das Gebiet um Monte Cassino plante er für 2001.) Die vernachlässigte Vorgeschichte der Rückführung Die Rückführungen 1992 legten im übrigen nur nochmals Bilder frei, die Gerster schon viel früher beschäftigt hatten. Schon mindestens zwanzig Jahre vorher, irgendwann zwischen 1969 und 1972 - Gerster war damals sieben bis zehn Jahre alt -, waren sie in ihm hochgestiegen, “zweimal spontan, einmal im Traum”, wie er berichtet. “Beim ersten Mal war ich ins Spiel mit Plastikfiguren versunken, die Soldaten darstellten; zu ihnen stellte ich andere Objekte, die für Panzer standen. In diesem Moment driftete ich dann plötzlich ab und hatte kurz eine Vision.” Die gleichen Bilder, die jetzt bruchstückhaft an seinem inneren Auge vorbeizogen, kehrten später wieder: “Panzer. Abschuss. Falle aus dem Panzer heraus. Liege da. Genickschuss.” Dieses Faktum dürfte für Skeptiker ein gefundenes Fressen sein. Mehr als zwei Jahrzehnte, so mag man argwöhnen, sind für einen neugierigen, aufgeweckten, von seinen eigenen Visionen überwältigten Jungen eine Menge Zeit, sich stapelweise Literatur über die berühmte Schlacht von Monte Cassino zu besorgen, Dokumentarfilme auf sich wirken zu lassen, Kriegsteilnehmern genau zuzuhören - und aus alledem die Bausteine für eine dramatische, detailreiche und denkbar nah an der historischen Wirklichkeit gebaute Fiktion namens “Richard Meissner” zu zimmern, in die er sich so lange hineindachte und einfühlte, bis er sich voll und ganz eins mit ihm wähnte - und in der hypnotischen Rückführung dann auslebte. Unter die Haut gehende Kinofilme wie “Schlachtgewitter am Monte Cassino” (The Story of G.I. Joe), der dem Hauptdarsteller Robert Mitchum seine erste “Oscar”-Nominierung eintrug, könnten Gerster dafür vorzügliche Identifikationsfiguren geboten haben. Doch einem solchen Verdacht mangelt es an Anhaltspunkten. Nach Gersters Aussage fehlte seinen frühen Erinnerungsbildern jeglicher geographische und zeitliche Bezug; er “sah” Szenen von Krieg, Panzer, Soldaten, er spürte die grauenvollen Verletzungen, den tödlichen Schuss - mehr nicht. “Ich hatte ja keine Daten”, versicherte er mir im Interview. “Keine Namen. Keine Orte. Nichts. Nur diese Bilder.” Dass sie aus einem “früheren Leben” stammen könnten, zog er gar nicht erst in Erwägung; sie waren einfach da, sie waren sonderbar, ganz anders als gewöhnliche Phantasien oder Traumbilder, und sie beunruhigten ihn. Mit einer möglichen Vorinkarnation, die bei Monte Cassino endete, begann er sie erst in Verbindung zu bringen und nachzuforschen, nachdem ihm die Hypnoseärzte von Dahn Anstöße dazu gegeben hatten. Allerdings hat Gerster, wie er einräumt, der Themenkomplex “Krieg-Zweiter Weltkrieg-Wehrmacht” schon als Kind besonders fasziniert. “Immer drängte es mich danach, mit meinen Plastikfiguren Kriegsszenen zu spielen.” Wenn er im Fernsehen Ausschnitte aus alten Wochenschauen des Dritten Reichs sah, kam es ihm stets so vor, “dass das Gezeigte noch gar nicht so lange her war” - es war ihm, als habe es sich erst kürzlich zugetragen. Im Technikmuseum von Sinsheim bestieg er einmal einen ausgestellten Panzer und kletterte in den Kommandoturm, woraufhin ihn ein seltsam mulmiges Gefühl beschlich, “eine rätselhafte Beklemmung”. All dies könnten Katalysatoren von Wiedergeburtsphantasien gewesen sein - aber auch Wiedergeburtssymptome. Phantasie? Wichtigtuerei, Betrug? Stutzig macht, dass Gersters Bilder seines Vorlebens “nie in Farbe waren. Da waren nur Grautöne, schwarz-weiß.” Schwarz-weiß sind fast alle Fotos und Dokumentarfilme, die uns aus der Zeit vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs vorliegen. Erhärtet dies nicht den Kryptomnesie-Verdacht? Gestaltete Gerster phantasievoll Eindrücke aus, die er in diesem Leben aufschnappte? Gegen die Phantasie-Hypothese sprechen die inneren Widerstände, die Gerster spürte, wann immer er versuchte, mehr Licht in die vielen dunklen Bereiche von Meissners Biographie zu bringen. Nachdem die Therapie in Dahn abgeschlossen war, bemühte er sich “mindestens zwanzig Mal”, aus seinem Unterbewussten “durch Selbsthypnose und Meditation” weitere Informationen über Meissner hervorzuholen - “aber es klappte nicht”. Solche Hemmnisse kennt freie Phantasie nicht. Noch abwegiger ist ein Betrugsverdacht. Wer betrügt, täuscht vorsätzlich - dafür ist bei Gerster keinerlei Motiv offensichtlich. Wer ein paar Stunden mit ihm verbringt, lernt einen zurückhaltenden, eher schüchternen Mann von überdurchschnittlicher Intelligenz und ausgesprochen analytischem Verstand kennen, der sich als Wirtschaftsingenieur mit Fachhochschulabschluss eine gesicherte Existenz in einem völlig unesoterischen Umfeld aufgebaut hat. Was hätte er davon, ein Lügenmärchen über frühere Leben zurechtzuspinnen? Bis zu jener “Psi”-Sendung hatte er nicht einmal die eigene Mutter eingeweiht - sein Vater war 1988 verstorben -, geschweige denn andere Personen. Vom Fernsehen 1992 schlagartig ins Licht der Öffentlichkeit gerückt, hatte er nur Nachteile. Mit Unverständnis bis hin zur Häme begegneten ihm die meisten Nachbarn und Kollegen, die davon Wind bekommen hatten; zeitweilig musste er sogar um seinen Arbeitsplatz fürchten. Neigt so jemand zu Wichtigtuerei mit Reinkarnation? Beachtung verdienen zwei sonderbare Hautveränderungen bei Gerster. Bei seiner Geburt fielen fünf Leberflecken an seinem linken Oberschenkel auf, angeordnet wie die fünf Augen eines Würfels. Am Genick, leicht rechts oberhalb der Wirbelsäule, zeigten sich mehrere kleine tote Punkte, kreisförmig angeordnet, mit einem Durchmesser von etwa einem Zentimeter. Von Gersters Mutter ließ ich mir Lage und Größe dieser Hautanomalien schriftlich bestätigen und zeichnen (siehe Abb. xx). Während die Leberflecken inzwischen verschwunden sind, sind die Punkte bis heute sichtbar. Könnten die fünf Leberflecken am linken Oberschenkel mit jenen Verletzungen zusammenhängen, die sich Panzerkommandant Meissner zuzog, als die feindliche Granate explodierte? Verweist das merkwürdige Mal in seinem Genick auf den tödlichen Einschuß, mit dem Meissner hingerichtet wurde? Bei Kindern, die sich anscheinend an frühere Leben erinnern, fand der amerikanische Psychiater Ian Stevenson vielfach sonderbare Male an exakt jenen Körperstellen, an denen ihr angebliches “früheres Selbst” eine tödliche Verletzung erlitt; er sieht in ihnen eines der überzeugendsten Indizien für Reinkarnation. (24) Bis hierher könnte es den Anschein haben, als beschränkten sich Gersters “Reinkarnationserinnerungen” ausschließlich auf Meissners letzte Kriegserlebnisse. Diesen gelten sie tatsächlich überwiegend - “zu 90 Prozent”, wie Gerster selbst schätzt, “der ganze Rest blieb irgendwie im Dunkeln”. Darin unterscheiden sie sich nicht von den glaubwürdigsten Fällen aus Stevensons Sammlung; auch sie kreisen vorwiegend um die Todesumstände angeblicher früherer Inkarnationen. Doch etliche Angaben Gersters beziehen sich auch auf Meissners Vorgeschichte, was die “Psi”-Sendung unterschlug. Um herauszufinden, was Gerster über den ausgestrahlten Zusammenschnitt hinaus “erinnert” hatte, bemühte ich mich, an die Tonbandaufzeichnungen der insgesamt drei Rückführungen heranzukommen, die 1992 mit Gerster in Dahn stattgefunden hatten; die Audiocassetten waren noch im Besitz Bicks, der inzwischen nach München umgezogen war. Auch wandte ich mich an den damaligen Produktionsleiter Peter Kropf, um das gesamte gefilmte Material, vor allem das nicht gesendete, sichten zu können; eine Videokopie lagerte tatsächlich jahrelang in Kropfs Privatarchiv, war dort aber leider nicht mehr auffindbar. So blieben als einzige Quellen eine wortwörtliche Transkription von Teilen der Rückführungssitzungen, angefertigt von Gerster selbst; und mündliche Angaben, die mir Gerster im nachhinein darüber machte, woran er sich deutlich “erinnerte”, ehe mit Hilfe der WASt die Identität des historischen Richard Meissner sichergestellt war. Hochpräzise daneben Von diesen Behauptungen waren, was “Psi”-Zuschauer nie erfuhren, gerade die präzisesten falsch: 1. Als Geburtsdatum nannte Gerster den “21. Februar 1920”. Der Meissner, zu dem die Spurensuche bei der WaSt führte, kam aber am 12. November 1921 zur Welt. 2. Gefragt nach dem Tag, an dem er stirbt, nannte Gerster ebenso dezidiert den “18. Dezember 1944”. Zu diesem Zeitpunkt jedoch konnte er an der Gustav-Linie mit Sicherheit noch gar nicht auf amerikanische GI´s getroffen sein. Weil Zeitangaben schon in der Rückschau auf das gegenwärtige Leben notorisch unsicher sind, sollte entsprechenden Fehlern bei “Reinkarnationserinnerungen” allerdings nicht allzu großes Gewicht beigemessen werden. Aber auch mit einer wesentlichen Ortsangabe vertat sich Gerster nachweislich. Zwar gab er richtig an, dass Richard Meissner “in einem kleinen Ort in Mittelhessen” zur Welt kam. Als Geburtsort nannte er allerdings nicht etwa Obereisenhausen, wie die “Psi”-Macher suggerierten, sondern “Friedberg”. Obereisenhausen, mit heute rund 500 Einwohnern, ist seit 1972 Teil der Gemeinde Steffenberg, die im hessischen Landkreis Marburg-Biedenkopf, Regierungsbezirk Gießen, liegt. Ebenso daneben lag Gerster anscheinend, als er als Kriegsschauplatz die Ardennen und insbesondere Spa angab. Indes enthalten seine Ortsangaben eine Ungereimtheit, hinter der sich möglicherweise besseres Wissen verbirgt. Auf seiner letzten Panzerfahrt, so berichtet er, habe er an einer T-förmigen Kreuzung ein Hinweisschild “Capella” gesehen, dem er folgte. (Daraus, und aus “Belmonte di Castello”, machte ein anscheinend hörbehinderter “Psi”-Fernsehredakteur dann den angeblichen, von Glombik angezweifelten Todesort “Capello”, von dem Gerster selbst nie gesprochen hatte.) Einen “Capella”-Wegweiser wird ein Soldat aber schwerlich in Belgien vorfinden, wohl aber in Italien. Grundsätzlich sollten sich Reinkarnationsforscher nicht voreilig von geographischen Verwechslungen entmutigen lassen. Immerhin liegt Friedberg nicht allzuweit von Obereisenhausen entfernt, und so könnte der Ortsname in seinen Gedanken, Plänen und Erlebnissen seinerzeit durchaus eine Rolle gespielt haben, die die Verwechslung nachvollziehbar macht. Im übrigen verdient die Leistung, den Geburtsort korrekt in einer bestimmten Region eines bestimmten Bundeslands zu lokalisieren, durchaus Beachtung - hätte Gerster nicht ebensogut auf Oberbayern oder das nördliche Schleswig-Holstein tippen können, wenn bloß herumraten würde? “Bei meinen Erinnerungen überwiegt das emotionale Erleben gegenüber Zahlen und Daten”, schrieb mir Gerster (25) - und so viel sollte ihm zugestanden werden. Was “wusste” Gerster über emotional bedeutsame Ereignisse “seines” Lebens vor dem Krieg? Im Verlauf seiner Rückführungen nannte er zahlreiche weitere Einzelheiten, die niemand der Erwähnung und Überprüfung für wert befunden hatte. 1. Meissners Geburtsort war zugleich der Ort, in dem er zur Schule ging. 2. Die Mutter “hatte schwarzes Haar, mittellang”. 3. An der Dorfstraße stand “ein riesiger Baum, der mich als Kind sehr beeindruckt hat”. 4. Er hatte vier Geschwister. 5. Drei Geschwister waren jünger als er - eines, nämlich ein Bruder, älter. 6. Als Richard neun Jahre alt ist, “verliert der Vater seine Stelle, und wir hungern. Das Geld reicht nicht”. 7. Über die Not der Familie verzweifelt, wird der Vater zum Alkoholiker. 8. Daraufhin kommen die Kinder weg von zu Hause. “Meinen Bruder haben sie zur Tante gebracht.” Richard und die übrigen Geschwister müssen in “Heime”. (“Die Autofahrt mit dem Onkel könnte damit zusammenhängen. Vielleicht hat er mich dorthin gebracht”, mutmaßte Gerster mir gegenüber.) 9. Einmal fuhr Richard als Kind “Richtung Friedrichsberg oder so ähnlich”. (In Trance ‘sah’ er eine solche Aufschrift auf einem Wegweiser.) Dabei saß er in einem “damals seltenen Pkw”. Wer fuhr? Bei unserem ersten Treffen Anfang Oktober 2000 hatte Gerster von einem “Onkel” gesprochen, während er später von “einer Person” sprach, “die mir eher suspekt war”. (26) 10. Richard macht eine Lehre “in der Metallverarbeitung”, als Dreher. (“Da drehen wir Metallteile.”) 11. Mit 15 Jahren arbeitet er in einer Fabrik. 12. Diese Fabrik lag nördlich seines Heimatorts, möglicherweise “im Frankfurter Raum”. 13. Branche: Metallverarbeitung. 14. In dieser Fabrik wurden zunächst Zahnräder hergestellt. 15. Später wurden dort Getriebe für Lastwagen und Panzer produziert. 16. Mit 18 Jahren “miete ich mir ein Zimmerchen”. 17. Kriegseinsätze führen Richard unter anderem auch nach “Mähren, Iglau, Brünn, Olmütz”. Was ist von alledem zu halten? Dass ein Kind dort zur Schule geht, wo es geboren wird, ist eher die Regel als die Ausnahme, erst recht in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, wo beinahe jedes Dorf noch seine eigene Volksschule hatte, in der zumeist mehrere Jahrgänge im selben Klassenzimmer unterrichtet wurden. Insofern wäre ein Treffer bei der ersten Angabe kaum der Rede wert, ebenso bei der zweiten: In den Notzeiten der Weimarer Republik, wie auch in den Kriegswirren, gaben viele Eltern ihre Kinder weg, zu deren eigener Sicherheit oder aus wirtschaftlicher Not. Dass Fabriken ihre Produktion auf Kriegsgerät umstellten (Angabe 15), war im Nazi-Regime nichts Ungewöhnliches. Auch ein hoher Baum an einer Dorfstraße, wenigstens einer (Angabe 3), hat in deutschen Landen nicht gerade Seltenheitswert. Eine deutsche Mutter mit schwarzen Haaren zu haben, kommt des öfteren vor, und mittellange Haarschnitte entsprachen der vorherrschenden Frisurenmode der Weimarer Zeit (Angabe 2). Bemerkenswerter scheint Angabe 9, bezüglich einer nahen Stadt namens “Friedrichsberg oder so ähnlich”: Etwa 30 Kilometer nordöstlich von Steffenberg liegen Frankenberg und Friedrichshausen. Hat Gersters “Reinkarnationserinnerung” hier zwei Ortsnamen zu einem verschmolzen? Um beide Namen zu kennen, genügt freilich ein Blick in jeden Autoatlas. Auf der Suche nach Hinterbliebenen Beachtlich wäre hingegen, wenn sich die übrigen Angaben bestätigen ließen. Dazu machte ich mich auf die Suche nach Hinterbliebenen Richard Meissners, nach Schul- und Kriegskameraden, ehemaligen Nachbarn, Freunden, Arbeitskollegen. Für den Fall, dass ich sie ausfindig machen konnte, erwartete ich zudem weitere Angaben, mit denen ich Gerster anschließend auf die Probe stellen konnte. Wie Gerster glaubhaft versichert, hat er sich selbst niemals um solche Kontakte bemüht: “Die hätten mich wahrscheinlich ja nur ausgelacht, wenn ich mit meiner Reinkarnationsgeschichte angekommen wäre.” Außerdem habe er es nicht übers Herz gebracht, bei Meissners Angehörigen erneut schmerzliche Erinnerungen wachzurufen. (Hätte er entgegen dieser Beteuerungen insgeheim trotzdem dort Erkundigungen eingezogen, so wäre ich bei meinen Recherchen sicherlich auf entsprechende Hinweise gestoßen.) Anfang Oktober 2000 schrieb ich 32 Meissners bzw. Meißners an, von denen ich einen Eintrag im Telefonbuch fand: 12 in Steffenberg - davon 7 im Ortsteil Obereisenhausen - sowie 20 weitere in der Kreisstadt Biedenkopf. Als Anlass meines Briefs gab ich vorsichtshalber keine “Erinnerungen an frühere Leben” an, sondern ein psychologisches Forschungsprojekt, bei dem unter anderem Kriegserinnerungen überprüft würden. (Erst beim persönlichen Kennenlernen erklärte ich, worum es mir ging.) Auf meinen Rundbrief reagierten vier Meissners. Zwei gaben an, den Gesuchten nicht zu kennen. Spannender war ein dritter Brief, abgeschickt vom Ortsgerichtsvorsteher in Obereisenhausen. Er teilte mir mit, dass Richard Meißner “unser Nachbar war. Sein Elternhaus steht noch! Gekannt habe ich ihn nicht. Zur Zeit meiner Geburt war er schon vermisst. Sein Bruder Kurt Meißner lebt noch, als einziger Verwandter! Alle anderen Geschwister und die Eltern sind schon verstorben!” Und ein Anrufer meldete sich: “Richard Meißner war mein Onkel!” Mit ihm verabredete ich mich für den 21. und 22. Oktober 2000 in Obereisenhausen - in der Hoffnung, neben ihm auch Geschwister treffen und befragen zu können, womöglich sogar noch weitere Ortsbewohner, die den Vermißten gekannt hatten. Dort wollte ich Fakten und Bilder sammeln, mit denen ich anschließend Roland Gerster konfrontieren konnte. Dabei war ich nicht in erster Linie auf präzise historische Zeit- und Ortsangaben aus; es ging mir um die emotional bedeutsamsten Besonderheiten in Richards Leben - wenn überhaupt, so dürften sie am ehesten im Reinkarnationsgedächtnis haften geblieben sein. Neben acht Neffen und Nichten Richard Meißners empfingen mich sein noch lebender Bruder Kurt, sein einst bester Freund Heinrich Petri (“wir waren wie Brüder, noch besser - immer zusammen”) und dessen zwei Jahre jüngere Schwester Lina, mit der Richard ebenfalls viel Zeit verbrachte. Insgesamt sieben Stunden standen sie mir für Interviews zur Verfügung - offen, vorbehaltlos und hochmotiviert, mir bei der Aufklärung des Falls behilflich zu sein. Im Anschluss an unsere Gespräche führten sie mich zu Gebäuden und Orten in der Umgebung, die für Richard Meißner von besonderer Bedeutung gewesen waren. Unter anderem zeigten sie mir sein Elternhaus; ein Nachbarhaus auf der gegenüberliegenden Straßenseite, in der sein bester Freund Heinrich Petri und dessen zwei Jahre jüngere Schwester gelebt hatten; die evangelische Dorfkirche, in der Richard konfirmiert worden war; die alte Schule; der Bahnhof im Nachbarort Friedensdorf, von wo aus Richard nach Heimaturlauben stets den Zug zur Kaserne oder an die Front bestiegen hatte; eine Kohlehandlung und eine Käserei daneben, die Richard häufig besuchte und auf die er vom Bahnsteig aus blicken konnte; ein markanter Dorfbrunnen. All diese Gebäude befanden sich noch weitgehend in dem Zustand, in dem Richard sie in Erinnerung behalten haben müsste - abgesehen von neuen Fassadenanstrichen im einen oder anderen Fall. Von all diesen Motiven machte ich über 50 Aufnahmen. Hinzu kamen Fotos aus dem Familienalbum der Meißners; viele Schnappschüsse stammten von Richard selbst, dessen große Leidenschaft das Fotografieren gewesen war. Darüber hinaus überließ mir die Familie vertrauensvoll zur Auswertung mehrere Urkunden – unter anderem Konfirmationsurkunde, Prüfungszeugnis, Gesellenbrief, Kennkarte der Wehrmacht - sowie einen Stapel von drei Dutzend Feldpostbriefen, die Richard ab 1939 nach Hause geschickt hatte; der letzte datiert vom 29. November 1943, also genau zwei Monate vor seiner Verlustmeldung. Wie mir die Meißners bestätigten, hatte nach der “Psi”-Sendung niemand jemals mit ihnen Kontakt aufgenommen und sich nach “Richard Meißner” erkundigt. Eine Zeitlang hätten sie mit dem Gedanken gespielt, sich bei der Fernsehredaktion zu melden, zumal sie im Dorf mehrfach auf die Sendung angesprochen worden waren - es dann aber doch bleiben lassen. Dagegen, Gerster persönlich kennenzulernen, hätten sie nichts einzuwenden, im Gegenteil: Gespannte Neugier und erstaunliche Aufgeschlossenheit waren spürbar. Ich fand nicht die geringsten Anhaltspunkte dafür, dass Gerster während der acht Jahre, die seit der Identifizierung seines mutmaßlichen “früheren Selbst” verstrichen waren, zu irgendeinem Meißner Kontakt aufnahm. (“Hätte er sich bei einem von uns gemeldet, so hätten es am nächsten Tag alle gewusst.”) Und aufs Geratewohl dorthinzufahren und sich umzusehen, ohne Meißners Hinterbliebene ausfindig zu machen und anzusprechen, hätte für ihn wenig Sinn gemacht. Enttäuschend unergiebig Auf den Punkt gebracht: Die Gespräche waren ernüchternd. Nur eines stimmte: Richard hatte tatsächlich vier Geschwister. In allen übrigen aussagekräftigen und überprüfbaren Detailangaben, auf die sich Gerster bezüglich Meißners Obereisenhausener Dasein festgelegt hatte, lag nicht bloß haarscharf daneben, sondern mehr oder minder deutlich. Andererseits waren Gerster die wichtigsten Merkmale und Begebenheiten von Richards Leben entgangen. Richard Meißner kam am 12. November 1921 in Obereisenhausen zur Welt, als Sohn von Heinrich (Jg. 1881) und Anna Meißner (Jg. 1897), geb. Welsch. Er war das älteste - und nicht etwa das zweitälteste - von fünf Geschwistern. Wilhelm, zwei Jahre nach ihm geboren, fiel im Oktober 1942 in Rußland. (Anm.: Richard, der zu dieser Zeit bereits in Italien kämpfte, erfuhr davon spätestens Anfang Dezember 1942. In einem Feldpostbrief vom 1ß.12.1942 wendet sich ein Freund aus seiner Kompanie, Oberleutnant Victor Melzer, an Richards Vater mit einer Beileidsbekundung: “Ihr Herr Sohn ... meldete mir heute, welches Schicksal seinem jüngeren Bruder im Osten ereilte und es ist mir ein aufrichtiges Bedürfnis, nicht nur ihm, sondern auch Ihnen meine tiefempfundene Anteilnahme auszusprechen.”) Von zwei Zwillingsbrüdern, Kurt und Karl - geboren am 20. Mai 1930 -, lebt nur noch Kurt; Karl starb 1988. Anna, 1927 geboren, starb 1956 an den Folgen einer fehldosierten Arztspritze. Heinrich Meißner war Maurer - und zu keiner Zeit arbeitslos. Mit seinem Handwerk bescherte er der Familie zwar keinen Wohlstand, brachte sie aber leidlich durch die allenthalben schweren Weimarer Zeiten; ein festes Netz von Verwandten und Freunden linderte zudem die größte Not. Alkoholprobleme hatten ihm niemals zu schaffen gemacht. Und zu keiner Zeit mussten Richard und seine Geschwister das Elternhaus verlassen, niemals wurden sie aus diesem Grund voneinander getrennt. Nach der Schule in Obereisenhausen, die er mit mittelmäßigen Leistungen durchlief, begann Richard Meißner im August 1936, mit 14 Jahren, eine Schreinerlehre bei der Firma Pfeifer im Nachbardorf Günterod; in der nächstgrößeren Stadt Gladenbach besuchte er nebenbei die Berufsschule. Seine Ausbildung schloss er im April 1940 mit einer “ziemlich gut” bestandenen Gesellenprüfung vor der Tischler-Innung Biedenkopf ab. Ein Vierteljahr lang, bis Anfang August 1940, beschäftigte ihn Schreinermeister Pfeifer noch weiter, dann brach Richards Militärzeit an. Zu seiner Berufswahl hatte Richard vermutlich das Vorbild des Großvaters mütterlicherseits angeregt, eines Schreiners, in dessen Werkstatt Richard früh mithalf. Noch heute sind im Elternhaus ein Bett, ein Schrank und ein Nachttischchen zu besichtigen, die Richard eigenhändig zimmerte. Der Vater betrieb nebenbei eine bescheidene Landwirtschaft mit einem kleinen Getreide- und Kartoffelfeld, ein paar Kühen und Schweinen; hier mußte Richard kräftig mitanpacken, zumal nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs, in dem Vater Heinrich an der Westfront kämpfte; erst ein Jahr vor Richards Geburt kehrte er aus der Kriegsgefangenschaft heim. Richards Verhältnis zu beiden Elternteilen wird von allen Zeitzeugen als völlig unbelastet und spannungsfrei geschildert; vor allem der Vater wird als besonders gütig und liebevoll charakterisiert. (Heinrich und Anna Meißner starben kurz hintereinander im November 1973.) Sein Elternhaus hat Richard vor Kriegsausbruch nie längere Zeit verlassen, weder für einen Heimaufenthalt noch für eine Fabrikarbeit, und schon gar nicht in nördlicher Richtung. (Die Ausbildungsorte Günterod und Gladenbach liegen rund 15 km süd- bzw. südwestlich von Obereisenhausen.) Richards Kindheit und Jugendzeit waren hart, ausgefüllt mit Arbeit, fast ohne private Freiräume. Seine ganz große Leidenschaft war das Fotografieren, neben dem Laubsägen und Mundharmonikaspielen, ab und zu Fußball. Die meiste Zeit verbrachte er mit seinem besten Freund Heinrich Petri (Jg. 1922) und dessen zwei Jahre jüngerer Schwester Lina, die beide noch leben. Gemeinsam mit Heinrich ging er heimlich Forellen fischen, sammelte Brennholz für den Winter, spielte ab und zu Fußball mit ihm; gemeinsam nahmen sie an einem Zeltlager im Westerwald teil, gemeinsam gingen sie nach Dillenburg ins Kino; gemeinsam fuhren sie Ski, die Richard selbst gebastelt hatte. Obwohl er bei Kriegsausbruch immerhin schon 18 Jahre alt war, scheint das andere Geschlecht für ihn nie eine bemerkenswerte Rolle gespielt zu haben. (“Dafür war einfach nicht die Zeit da”, bestätigten mir mehrere Zeitzeugen. “Wir waren beide Spätentwickler”, erzählte mir Freund Heinrich Petri, “Mädchen kamen für uns nicht in Frage.”) Seine militärische Grundausbildung erhielt Richard in der Wehrmachtkaserne in Marburg, rund 30 Kilometer östlich seines Heimatorts. Von dort schrieb er öfters nach Hause, mit der dringenden Bitte, ihm “den runden Rührkuchen” und andere Lebensmittel zu schicken, weil er die Verpflegung erbärmlich fand. Daraufhin brachte ihm sein Bruder Kurt regelmäßig Pakete mit essbarem Inhalt nach Marburg, mal mit dem Fahrrad, mal zu Fuß. Dorthin, wie auch zu seinen späteren Fronteinsätzen, fuhr Richard stets mit dem Zug, den er im zehn Kilometer entfernten Friedensdorf bestieg. (Ob Gerster mit “Friedrichsberg oder so ähnlich” diesen Ort gemeint haben könnte, bleibt müßige Spekulation.) Zum Bahnhof kam Richard auf dem Fahrrad, aber bestimmt nie im Auto eines Onkels - niemand in der näheren Verwandtschaft konnte sich einen derartigen Luxusartikel leisten. Im ganzen Dorf besaß nur einer, der mit Abstand Wohlhabendste, einen fahrbaren Untersatz, nämlich einen VW. An eine sonstige bedeutsame Autofahrt mit einer Person, die Richard “suspekt” war, kann sich unter seinen Hinterbliebenen niemand erinnern. Mitte Februar 1942 wurde Richard Meißner von Marburg nach Meiningen in Thüringen versetzt, wo er mindestens bis zum Spätsommer blieb. (Das belegen Feldpostbriefe vom 12.2.1941, dem Tag seines Aufbruchs nach Meiningen, sowie vom 29.8., in dem sich Richard noch aus Meiningen meldet, wo er inzwischen bei einem Bauern einquartiert ist.) Über Richards Kriegseinsätze wissen seine Hinterbliebenen heute nicht viel mehr, als in den erhaltengebliebenen Feldpostbriefen nachzulesen ist - und das ist herzlich wenig. Kein Brief umfasst mehr als zwanzig Zeilen, die in nüchternen, schlichten Worten meist bloß neue Aufenthaltsorte und Einsatzgebiete vermelden, Grüße an diesen und jenen entsenden. Zur Erklärung reicht aber sicherlich nicht aus, dass der Verfasser ein eher unbeholfener, ungeübter Schreiber war. Offenbar wollte er seinen Angehörigen ersparen, was er an Greueln erlebte, und ihnen das Herz nicht schwerer machen, als es ohnehin schon war – wohl deshalb schwieg er sich über Kriegserlebnisse konsequent aus. Bezeichnend dafür ist sein vorletzter Brief vom 24. November 1943: Obwohl bereits seit September entlang der “Gustav-Linie” erbitterte Grabenkämpfe tobten, berichtete Richard über seinen Fronteinsatz nicht mehr, als dass “wir in der Nähe von Rom am blauen Meer liegen (Küstenschutz) ... Bunker gebaut mit sechs Mann, heimelig eingerichtet (...) und hoffen, dass wir das Weihnachtsfest hier feiern können.” Was in Richard wirklich vorging, ließ er nur Anfang 1943 durchblicken, als er in Frankreich stationiert war - denn dort gab es beinahe nichts zu essen, und so flehte Richard seine Eltern wieder und wieder an, ihm Essenspakete zu schicken. “Habe meine Portion für morgen schon heute abend gegessen”, schreibt Richard beispielsweise am 4. Januar 1943, “denn der Hunger treibt uns dazu. Wir hatten gedacht, in Frankreich würde es besser, aber im Gegenteil. Wenn Ihr keine Kilomarken habt, dann tut 100-Gramm-Päckchen schicken, denn die sind hier wieder frei. Am besten etwas gegen den Hunger - so was habe ich in Rußland noch nicht erlebt! Ich glaube, Ihr wißt jetzt, was bei uns los ist, lasst mich nicht so lange warten, denn wir blamieren uns ja bei den Franzosen mit unserem großen Hunger.” Elf Tage später beklagt er, dass es “in Frankreich nicht mal Kartoffel gebt!” (Feldpostbrief vom 15. Januar 1943.) In Italien hingegen war die “Versorgung gut. Haben nun genug zu essen.” (Feldpostbrief vom 19.9.1943.) Hier taucht eben jenes übermächtige Hungermotiv auf, das nach Gerbers Erinnerung für Meißners Leben prägend war - allerdings nicht in den Kriegsjahren, sondern im Elternhaus seiner Kindheit. Vertat sich Gerbers Reinkarnationsgedächtnis lediglich bei der zeitlichen und situativen Zuordnung? In Kampfpausen zwischen Fronteinsätzen sah Richard eine Menge von Europa: In Paris sah und fotografierte er den L´Arc de Triomphe und Schloß Versailles, er stand am Golf von Biskaya, rümpfte im “stinkenden” Neapel die Nase, sah Berlin und Warschau, Reims und Rom. In Russland kam es im März 1941 an einer Brücke über den Dnjepr zu einer bewegenden Zufallsbegegnung: In einer Kolonne nachrückender Soldaten erkannte Richard plötzlich seinen Freund Heinrich wieder. “Wir sprachen eine Stunde miteinander und brieten Eier, ehe wir weitermussten”, erinnert sich Heinrich Petri. Auch er, der zunächst als Fallschirmjäger auf Sizilien im Einsatz gewesen war, hat bei Monte Cassino gekämpft - zur selben Zeit wie Richard, allerdings ohne ihm dort zu begegnen oder auch nur von ihm zu hören. Nach Einzelheiten des Kampfgeschehens dort befragt, wich er immer wieder aus. (“Es war furchtbar. Kann´s nicht erzählen. Abends hatte ich noch zwölf Mann, am nächsten Morgen waren es nur noch vier.”) Die letzte Nachricht, die seine Familie von Richard erhielt, war ein auf 24. November 1943 datierter, fünf Tage später abgestempelter Feldpostbrief. Was ihm in den letzten zwei Monaten vor seinem vermutlichen Tod widerfuhr, bleibt somit im Dunkeln. Im März 1946 reichte Vater Heinrich eine Vermißtmeldung beim Suchdienst des Bayerischen Roten Kreuzes ein. Darauf trägt er, merkwürdigerweise, bei “Letzte Nachricht vom:” den 24.2.1944 ein, nicht den 24.1., und schreibt über den “Letzten bekannten Aufenthalt”: “Vermißt am 29.2.1944 in Italien südlich von Belmonte”, im Widerspruch zu den WASt-Akten. Hätte Richard tatsächlich bis Ende Februar 1944 gelebt, so wäre eine Begegnung mit US-Streitkräften, wie Gerster sie “erinnert”, noch wahrscheinlicher gewesen. Vermutlich hat sich der Vater, innerlich augewühlt, beim Ausfüllen aber einfach vertan. (Im selben Gesuch gibt er für seinen Sohn auch ein falsches Geburtsdatum an, nämlich den 11.12.1921 statt 12.11.) Auf die Probe gestellt Ist Gersters Glaubwürdigkeit nach alledem erschüttert? So rasch sollten Reinkarnationsforscher die Flinte nicht ins Korn werfen. Von allen Gedächtnisleistungen fällt uns aktives, freies Erinnern, ohne jegliche Anhaltspunkte, am allerschwersten; hingegen tun wir uns leichter, wenn wir vorgegebene Informationen oder Bilder von Vergangenem erläutern müssen; am besten schneiden wir ab, wenn wir zwischen mehreren Vorgaben wählen können. Mit Rücksicht darauf stellte ich Daten und Bildmaterial, das ich aus Obereisenhausen mitbrachte, zu einem vierteiligen Test zusammen: - 6 offene Fragen gaben mindestens eine biografische Information vor; - 14 Fragen boten jeweils 10 bis 20 Antwortmöglichkeiten an, von denen 1 bzw. 2 richtig sind; - 12 Fragen bezogen sich jeweils auf ein vorgelegtes Bild, das zu interpretieren war; - Bei 11 weiteren Fragen war jeweils eines unter 10 verschiedenen Bildern auszuwählen. In die ersten drei Teile war mindestens ein misleader eingebaut: eine Frage, die ein fiktives Lebensereignis als real unterstellt. Solche Fragen helfen, die Empfänglichkeit für Suggestionen und die Neigung, über das “frühere Leben” zu phantasieren, einzuschätzen. Bei den Bildertests verwendete ich neben eigenen Aufnahmen, die in und um Obereisenhausen entstanden waren, auch jahrzehntealte Fotos aus Alben der Meißners und meiner eigenen Familie. Diese Aufnahmen hätte Gerster allein schon aufgrund der Papierqualität, der Bildschärfe und des inzwischen unüblichen Kleinstformats identifizieren können - abgesehen davon, daß sie schwarzweiß waren, während die meisten Vergleichsfotos vierfarbig waren. Daher wurden alle Testfotos vorweg eingescannt, in Grautöne konvertiert, nöglichst einander im Format angepasst und dann auf Fotopapier ausgedruckt. Bei jedem Item konnte Gerster auf einer fünfstufigen Skala eine Einschätzung abgeben, wie sicher er sich bei der jeweiligen Angabe fühlte. Sie reichte von 1 = “sehr unsicher” bis 5 = “ganz sicher”. Zusätzlich forderte ich ihn auf, jegliche Gefühle und Intuitionen, die sich während des Aufgabenlösens einstellten, zu protokollieren. Die so entstandenen Testbögen brachte ich Gerster am 4. November 2000 persönlich vorbei - und gab ihm eine Woche Zeit, sie auszufüllen. Da er nach seinem Klinikaufenthalt in Dahn eingehend Selbsthypnose trainiert hatte, schlug ich ihm vor, diese Technik anzuwenden. Strikt untersagt war ihm natürlich, Kontakte zu den Meißners aufzunehmen; diese bat ich sicherheitshalber, vorerst jegliche Auskünfte zu verweigern und mich sofort zu benachrichtigen, falls er sich im Testzeitraum bei ihnen melden würde. Mancher Reinkarnationsgläubige wird diesen Test als unfair abtun wollen: Schließlich bezieht er sich - zwangsläufig, mangels anderer Daten - fast ausschließlich auf Richards Vorkriegsbiographie, während Gersters Erinnerungen vor allem um die letzten Stunden des unglücklichen Frontsoldaten kreisen. Dies stimmt zwar, erübrigt es aber keineswegs, auch die zahlreichen übrigen “Reinkarnationserinnerungen” sorgsam zu überprüfen. Denn diese, so betont Gerster selbst, sind keineswegs weniger klar, präzise und subjektiv gewiß, sondern bloß undramatischer und für sein heutiges Leben, wenn überhaupt, wohl von geringerer Bedeutung als die Kriegseindrücke. Die traumatischen Umstände “seines” Todes an der Gustav-Linie könnten, Wiedergeburt vorausgesetzt, für psychische Probleme verantwortlich sein, derentwegen Gerster 1991 Hilfe in der Hypnoseklinik Hilfe gesucht hatte; hingegen waren Richards Kindheit, Jugend und frühes Erwachsenenalter offenbar weitgehend von Ängsten und Konflikten mit seelischer Langzeitwirkung frei gewesen. Mein Fazit des Tests fällt ernüchternd aus: Soweit Gersters “Reinkarnationserinnerungen” heute noch nachprüfbar sind, erweisen sie sich als beinahe hundertprozentig falsch; soweit sie zutreffen könnten, entziehen sie sich der Überprüfung - vorerst zumindest. Denn bisher kann niemand bestätigen oder widerlegen, was mit Richard Meissner Ende Januar 1944 südlich von Belmonte wirklich geschah. Dazu müssten dortige Zeitzeugen ausfindig gemacht werden: deutsche Kriegskameraden jener letzten Tage. Der Ladeschütze, dessen Versagen Richard Meißner vielleicht das Leben kostete, dürfte den Angriff des amerikanischen Sherman-Panzers, falls er so stattfand, ebensowenig überlebt haben. Vielleicht aber lassen sich noch irgendwo in Deutschland ehemalige Wehrmachtsangehörige ausfindig machen, die Anfang 1944 zu Meißners Kompanie gehörten - und wissen, wann und unter welchen Umständen er zu seiner letzten Erkundungsfahrt im Panzer aufbrach, anschließend Funkkontakt mit ihm hielten, später die Trümmer seines Fahrzeugs fanden. (Meißners Leiche wurde nie gefunden, andernfalls hätte sie in den Wehrmachtsakten Spuren hinterlassen.) In Feldpostbriefen an die Familie Meißner werden vier mögliche Mitkämpfer Richards namentlich genannt: Oberleutnant Victor Melzer (27), Gerd Wagner (28), Gerd Backes (29) sowie ein Namensvetter, Obergefreiter Arno Meißner. (30) Um diese und weitere Zeugen ausfindig zu machen, gab ich ab Ende Oktober 2000 in drei bundesweiten Zeitungen mehrere Wochen lang eine Suchanzeige auf - bisher ohne Ergebnis. Folglich mangelt es Gerbers Todeserinnerungen vorerst an jeglicher Stützung. Für Frühjahr 2001 hatte sich Gerster eine erstmalige Reise nach Süditalien vorgenommen, um dort nach “Bestätigungen” für seine Erinnerungen zu suchen. Doch von Erkundungen vor Ort sollten sich Reinkarnationsforscher zumindest in diesem Fall nicht allzu viel versprechen. Das Gebiet um das Kloster von Monte Cassino kennt Gerster zumindest in groben Zügen bereits aus Dokumentarfilmen und Kriegsliteratur - schon deshalb können ihm Déja-vu´s im voraus garantiert werden. Zudem sind die wenigen Landschaftsmerkmale, die er zurückgeführt deutlich “sah” - T-förmige Kreuzung, Hinweisschild “Capella”, Kapelle mit Friedhof, Hügel - so allgemein, daß sie mit großer Wahrscheinlichkeit überall ausfindig zu machen sind, wo es in Italien hügelig wird. Kleiner Buchstabe, großes Fragezeichen Eine beachtenswerte Kleinigkeit steckt in der Schreibweise des Familiennamens. Als Gerster in Trance angeben sollte, wie er vormals hieß, buchstabierte er ohne das geringste Zögern “M-e-i-s-s-n-e-r”. Seine mutmaßliche Vorinkarnation hingegen schrieb sich zweifelsfrei mit altdeutsch “scharfem” ß, wie wohl die allermeisten seiner Namensvettern zu wilhelminischen und Weimarer Zeiten. Weder Gerster selbst noch irgendwer sonst, der mit der Überprüfung dieses Falls befaßt war, fand diese Abweichung der Rede wert. In sämtlichen mir vorliegenden Aufzeichnungen und Korrespondenzen Gerbers taucht durchgängig die “ss”-Schreibweise auf, ebenso in den Veröffentlichungen seines damaligen Rückführers Bick. TV-Produktionsleiter Kropf hatte bei der Berliner WASt nach einem “Richard Meissner” suchen lassen, und die WASt fahndete offenkundig von vornherein nach Namensträgern in beiden Schreibweisen. Wäre die Berliner Behörde rigider verfahren, so hätte sie Kropf erklären müssen, dass ihr über den Gesuchten keinerlei Daten vorliegen. Denn Großzügigkeit ist hier fehl am Platz. Von seinem allerersten Volksschuljahr an schrieb der Obereisenhausener wohl abertausendfach seinen Namen mit “ß”. Hätte sich diese Gewohnheit während der Rückführung nicht bemerkbar machen müssen, und sei es auch nur durch ein kurzes, unsicheres Innehalten, als er beim Buchstabieren seines einstigen Nachnamens zum vierten Buchstaben gekommen war? Stattdessen gab er selbstsicher Auskunft im Geiste eines erfolgreich rechtschreibreformierten Nachkriegsdeutschen - und auch dies macht stutzig. Und die Moral dieser verwickelten Geschichte? Vermeintliche Erinnerungen Erwachsener an frühere Leben zu überprüfen, erfordert bisweilen eine geradezu kriminalistische Aufklärungsarbeit. Esoteriker wie Skeptiker pflegen sie sich zu ersparen. Stattdessen Vorurteile zu pflegen, ist zweifellos weniger anstrengend. (Harald Wiesendanger) Anmerkungen * Ein Pseudonym, auf Wunsch des Betreffenden. (1) Aus einem Brief Peter Kropfs an Claus Bick vom 19.2.1992. (2) Am 31. Januar 1994 bei 3SAT. (3) Ausgestrahlt am 30. November 1994. (4) Claus H. Bick, “Wissenschaftliche Untersuchung von Reinkarnationsphänomenen”, Raum & Zeit 58/1992, S. 22-26, dort S. 25. (5) Gerhard Glombik, “Neues vom Panzerkommandanten - Kein Beweis für Reinkarnation”, Skeptiker 1/1995, S. 20-21. (6) Als Quellen nennt Glombik eine “Karte der ersten Schlacht vom 17.1.-18.2.1944 um Monte Cassino”, aus Katriel Ben Arie: Die Schlacht bei Monte Cassino, Verlag Rombach: Freiburg 1985, sowie Rudolf Böhmler: Monte Cassino, Verlag Mittler u. Sohn, Frankfurt 1956. (7) Laut einem Brief Glombiks vom 4. Oktober 2000. (8) Aus meinem Brief an Glombik vom 19.10.2000. (9) Schreiben vom 11.10.2000. (10) Brief vom 18.1.2000 an Bick. (11) The Race for Rome, übers. Volker Bradke, Bertelsmann: München 1975, S. 397. (12) History of the Second World War, dt. Econ: Düsseldorf/Wien 1972, S. 659. (13) Zentner/Bedürftig: Das große Lexikon des Zweiten Weltkriegs, S. 392, Punkt 2; siehe auch Piekalkiewicz: Die Schlacht von Monte Cassino, Bergisch Gladbach 1982, S. 101f. (14) Peter Young: Der große Atlas zum II. Weltkrieg, Südwest: München 1973, nach der Lizenzausgabe Weltbild: Augsburg 1998, S. 124. (15) Janusz Piekalkiewicz: Krieg der Panzer. 1939 – 1945 (1989), S. 138. (16) Piekaliewicz, S. 138, vgl. 103; s. auch die Karte bei Young, S. 124 (17) Piekalkiewicz, a.a.O. (18) Piekalkiewicz, a.a.O., S. 104 (19) s. Karte bei Piekalkiewicz, S. 144 (20) s. Karte bei Piekalkiewicz, S. 109 (21) Piekalkiewicz, S. 104 (22) Darüber berichtet Bick in „Wissenschaftliche Untersuchung von Reinkarnationsphänomenen“, a.a.O., S. 26. (23) a.a.O., S. 113 (24) Ian Stevenson: Reincarnation and Biology: Birthmarks (1997); ders.: „Birthmarks and Birth Defects Coresponding to Wounds on Deceased Persons“, Journal of Scientific Exploration 7 (4) 1993, S. 403-410. (25) Brief vom 24.10.2000. (26) Brief vom 24.10.2000. (27) Brief vom 10.12.1942 an den Vater: “Ihr Herr Sohn ist in meiner Kompanie.” (28) Brief vom 2.9.1943 an Richard: “Lag vom 10.9.1942 bis 28.3.1943 in Afrika, dort durch Tiefflieger verwundet, dann auch noch ein Autounfall, Gehirnerschütterung. Sodann Afrika verlassen, vier Wochen im Lazarett in Rosenheim, anschließend 14 Tage Urlaub, dann nach Italien berufen.” (29) Ihn erwähnt Richard im Brief vom 15.9.1943 und fügt hinzu, Backes sei “vor vier Wochen auch hier stationiert gewesen” (30) In einem Brief vom 10.7.1944 bittet Arno die Familie um Richards Adresse. Arno wurde am 14.10.1943 in Italien verwundet, “rechtes Bein am Oberschenkel ist weg”. Titelbild: Tama66/Pixabay

  • Ein Wiedergeborener auf Spurensuche

    Im Jahre 2000 versuchte mich ein Familienvater davon zu überzeugen, woran er selbst felsenfest glaubte: Er sei ein wiedergeborener Bahnarbeiter aus Nebraska, der um 1910 tödlich verunglückte. Seine vermeintlichen Reinkarnationserinnerungen waren verblüffend detailreich, viele fand er bei aufwändigen Nachforschungen „bestätigt“. Trotzdem blieb ich skeptisch. Wie bei allen „früheren Leben“, die mir Erwachsene in den vergangenen Jahrzehnten offenbarten, so vermisste ich auch in seinem Fall zwingende Beweise. Es geschah an einem späten Samstagnachmittag im Jahre 1961, als Hans Fandel* im Garten arbeitete. Plötzlich setzte Regen ein. In Gummistiefeln, an denen reichlich feuchte Erde klebte, rutschte er auf den nassen Steinplatten aus. Dabei verdrehte er sich das Knie. Ein herbeigerufener Arzt setzte ihm eine schmerzstillende Spritze und drückte ihm Butazolidin in die Hand, einen Schmerzstiller und Entzündungshemmer. Bis zum nächsten Morgen, nach einer unruhigen Nacht mit höllischen Knieschmerzen, hatte Fandel ein paar Tabletten davon geschluckt. Kurz darauf brach er am Eingang zum Badezimmer bewusstlos zusammen - und durchlebte eine jener “außerkörperlichen Erfahrungen”, wie sie von Menschen in Todesnähe häufig berichtet werden: “Plötzlich fühlte ich mich ohne Gewicht, ohne Schmerzen, in einem unbeschreiblich leichten Zustand - ein wahrhaft himmlisches Gefühl. Wie später die Astronauten, so schwebte ich frei im Raum. Unter mir konnte ich die Erde mit ihrer blauweißen Aura sehen”. Unvermittelt wähnte er sich in ein “außergewöhnlich helles, warmes Licht” getaucht, zu dem er sich unwiderstehlich hingezogen fühlte. Aus ihm vernahm er “Stimmen wie von Menschen”, “dann wieder Gesang, wunderbar ruhig, glasklar, erhebend wie Partien aus Händels ‘Messias’.” Von dieser “unbeschreiblich tröstlichen Harmonie” fühlte er sich “regelrecht eingehüllt und unsäglich glücklich”. Aus dieser Glückseligkeit riss Fandel eine Dusche kalten Wassers, das seine Frau geistesgegenwärtig über seinen reglos am Boden liegenden Körper goss, um ihn zu reanimieren. Von jenem Moment an, so bekennt der Vater dreier Kinder, habe er jahrelang seinen Tod herbeigewünscht, getrieben von einer “dauernden inneren Sehnsucht nach diesem paradiesischen Zustand, den ich erlebt hatte”. Je präziser, desto echter? Fandels „Erinnerungen“ Just zu jener Zeit setzte eine Serie von sonderbaren, äußerst lebhaften Träumen ein: “Nacht für Nacht träumte ich erstaunliche Erlebnisse.” Allem Anschein nach bezogen sie sich auf Ereignisse vor seinem jetzigen Leben; dabei waren sie “sehr präzise”, so dass sie Hans Fandel “eine zeitliche und räumliche Zuordnung ermöglichten”. Er "sah" sich als norddeutschen Bauern, der Mitte des 19. Jahrhunderts mit seiner Frau und drei Kindern in die Vereinigten Staaten auswandert; in Bremen besteigen die Emigranten ein Schiff namens "Garton", das sie nach New York bringt. In seiner zweiten Heimat stirbt der Familienvater bei einem Unfall in einem Eisenbahndepot in Omaha, Nebraska. Für Hans Fandel, Jahrgang 1932, einen Konstrukteur von Medizintechnik aus einem Vorort von Winterthur, steht Wiedergeburt inzwischen "völlig außer Zweifel". An Orte und Daten herausragender Ereignisse seines Vorlebens hat er verblüffend genaue "Erinnerungen". Und "weil ich als technisch ausgebildeter Mensch immer nach Beweisstücken suche", stellt der Schweizer Konstrukteur und Erfinder seit Jahren akribische Nachforschungen in deutschen und amerikanischen Quellen an. Unter anderem beschaffte er sich Geburts-, Heirats- und Einwanderungsdokumente, forschte in Kirchenarchiven und Akten von US-Eisenbahngesellschaften, bereiste mehrere mutmaßliche Aufenthaltsorte seiner Vorinkarnation, an der Ostsee, in Thüringen, in Oberbayern. Und tatsächlich: Schwarz auf weiß weist eine Passagierliste des New Yorker Hafens aus, dass am 1. Juni 1854 in Bremen an Bord eines Schiffes namens "Garton" ein damals 38-jähriger deutscher Bauer ging, dessen Familienname verblüffenderweise sogar mit dem von Hans Fandel identisch war: Johannes Gottlieb Fandel junior**, zusammen mit seiner sechs Jahre jüngeren Frau Dorothee sowie den Kindern Christiana (9), Daniel (7) und Adolph (4). Auch die Todesumstände seines "früheren Selbst" konnte Fandel derart präzise beschreiben und zeichnen, daß bei der US-Eisenbahngesellschaft Union Pacific recht schnell Dokumente aufzufinden waren, die bestätigen: In einem Lok-Depot in Omaha, Nebraska, war es seinerzeit tatsächlich zu einem Unfall jener Art gekommen, wie ihn Fandel "erinnert". Unsere Begegnung im Jahr 2000 So jedenfalls lautete Hans Fandels Geschichte, wie sie sich mir anfänglich darbot - aufgrund eines Briefs mit ein paar Aktenkopien, die ich von Fandel, nachdem er durch Presseberichte auf meine Veröffentlichungen zum Thema Reinkarnation aufmerksam geworden war, im Februar 2000 erhalten hatte. Ein erstes längeres Telefonat mit ihm kurz darauf deutete darauf hin, dass hier ein seltener, besonders spektakulärer Fall von “bestätigten” Reinkarnationserinnerungen vorlag. Die Esoterikszene würde ihn unbesehen als “Beweis für Wiedergeburt” feiern, sobald sie davon Wind bekäme. Im selben Telefonat kündigte mir Fandel die Zusendung eines dicken Stapels von “Beweismaterial” an, das er mittlerweile zusammengetragen hatte: akribische Aufzeichnungen seiner Reinkarnationsträume und ihrer Verifizierung, zusammen mit zahlreichen aufschlussreichen Dokumenten über sein “früheres Selbst”. Neugierig arbeitete ich mich durch die rund hundert Seiten, korrespondierte und telefonierte daraufhin mehrfach mit Hans Fandel; schließlich suchte ich ihn am 16. Oktober 2000 an seinem Wohnort auf. Je hartnäckiger ich nachfragte, desto illusionsloser wurde mein Bild von diesem Fall. Heute halte ich ihn für ein eindrückliches Lehrstück zur Entwicklungspsychologie „wiedergeborener Ichs“: An ihm zeigt sich, wie seelische Ausnahmezustände, soziale Verstärkung, Wunschdenken, selektive Wahrnehmung, rekonstruktive Erinnerung und Kurzschlüsse auf raffinierte, nur mühsam nachvollziehbare Weise zusammenwirken können, um vermeintliche Evidenzen für Wiedergeburt zu erzeugen und Betroffene, während sie “Nachforschungen” anstellen, schließlich von ihrer Triftigkeit zu überzeugen. Daher lohnt es sich, Fandels Fall unter die Lupe zu nehmen. Stutzig machte mich zunächst, dass der erste vermeintliche Reinkarnationstraum, den Fandel einer ausführlichen schriftlichen Aufzeichnung für wert befand, nicht weniger als 21 Jahre nach seinem Nahtodeserlebnis auftrat, nämlich 1982. Jenes Erlebnis selbst, so stellte sich bald heraus, hatte in Wahrheit keinerlei Rückblicke auf Vorleben enthalten; ebensowenig waren ihm derartige Rückblicke unmittelbar nachgefolgt. Was sollte es dann überhaupt mit seinen viel späteren Reinkarnationsträumen zu tun haben? Vielleicht löste es, in seiner nachhaltigen Eindrücklichkeit, eine radikale Veränderung von Fandels Blickwinkel auf “letzte Dinge” aus - und machte ihn geneigt, künftigen Erlebnissen, um sich herum wie in sich selbst, eine esoterische Deutung zu geben. Einschneidend genug war es dazu jedenfalls gewesen. Fandels mysteriöse Schiffsfahrt In jenem Traum von 1982 reiste Fandel auf stürmischer See auf einem “zur Vorderseite hin flachen Schiff, ähnlich einem Rhein-Transportschiff”, das aus Amsterdam kam. “Es mochte so gegen 22 Uhr gewesen sein.” Ein Uniformierter erklärte ihm, infolge des Sturms könne man nicht in Hamburg landen, weshalb man nach Lübeck weiterfahre, und steckte ihm einen Zettel mit der Adresse einer Unterkunft in Lübeck zu, in der man “auch nach Mitternacht noch ein Zimmer finden kann”. Ansonsten blieb Fandel von der unruhigen Schiffspassage nur noch im Gedächtnis, dass er sich über viele “große, lange, viereckige Gegenstände” wunderte, die “auf dem flachen Schiffsdeck festgezurrt waren”. Sie sahen wie Baumstämme aus - aber “wären sie nicht geschützter, wenn sie ungehobelt transportiert würden?”, so fragte er sich. Nach der Ankunft im Hafen “machte ich mich auf die Suche nach der auf dem Zettel notierten Unterkunft. Es war sehr dunkel. Um die Straßennamen an den Hausfassaden besser lesen zu können, musste ich immer wieder stehenbleiben und warten, bis das Mondlicht zwischen den Wolken durchbrach und die Straßenschilder erhellte”. Nach einem längeren, beschwerlichen Fußmarsch auf Kopfsteinpflaster erreichte er schließlich “ein Haus, dessen ungewöhnliche Fassade mit hohem Giebel gegen das Wasser schaute”. Eine ältere Frau öffnete: “Sind sie verheiratet?” Er bejahte. Erst jetzt realisierte er, dass er in weiblicher Begleitung war - “mit hohen Schnürstiefeln und einem Taftrock, der laut raschelte” -, offenbar seiner Ehefrau. Die Alte führte die beiden, ein Windlicht voraustragend, eine Wendeltreppe hinauf in ein großes Zimmer im obersten Stockwerk. Am folgenden Tag weckte ihn grelles Sonnenlicht. Er trat an ein großes, dreiflügliges Fenster, von wo aus sich ihm “eine prächtige Aussicht” bot: Vor ihm erstreckte sich der Hafen; er blickte “direkt auf eine gegenüberliegende Halbinsel”, mit “großen Beigen Rundholz vor den dortigen Holzschuppen”. In der Ferne “waren auffällig viele Kirchtürme mit spitzen Dächern” zu sehen. “Der Hausfassade entlang segelten Möwen”, Brotkrumen aufschnappend, die ihnen von Bewohnern der unteren Etagen zugeworfen wurden. Als er sich im Zimmer umsah, erkannte er d eutlich ein besonders großes, hohes Bett, das “an allen vier Ecken Türmchen trug”, welche jeweils “aus drei nach oben kleiner werdenden Kugeln bestanden”. Eine “schön gehäkelte Decke” lag darauf. Gleich nach dem Aufwachen fertigte Hans Fandel eine Strichzeichnung des Zimmers mit Aussicht an: Seiner Frau nannte er “die Straßennamen, die ich noch so in Erinnerung hatte”, nämlich drei: “Fischergrube”, “Beckergrube” und “Engelsgrube”. (Dies bestätigte mir Fandels Ehefrau im Gespräch vom 16. Oktober 2000.) Vor allem den Namen “Engelsgrube” empfand Fandel “nach dem Aufwachen als ganz lustig”, wie er sich erinnert: “Hatte man die Straße so genannt, weil Seeleute dort von ‘gefallenen Engeln’, nämlich Prostituierten, abgefangen worden sind?” Woher nahm Fandel die Gewissheit, dass dieser Traum mehr als ein Phantasieprodukt war, sondern Erlebnisse aus einem “früheren Leben” wiedergab? Ihn beeindruckte - eine “derartige Intensität”, die ihn “gleichzeitig erschreckte und ratlos machte”. - die Detailschärfe der Traumbilder, insbesondere hinsichtlich der Straßennamen, die er wiedergeben konnte. - sonderbare körperliche Empfindungen. Im Traum war Fandel, auf der Suche nach dem Seemannsheim, stundenlang auf kopfsteingepflasterten Gassen gelaufen. “Am Morgen danach war ich sehr müde, wie nach einer Bergwanderung, und spürte auch das gleiche Ziehen in den Waden.” Aber erleben nicht die meisten von uns Träume jeder erdenklichen Intensität und Detailliertheit, ohne uns je genötigt zu sehen, daraus esoterische Schlüsse zu ziehen? Und weil sich ein träumendes Gehirn nicht von der Physiologie des übrigen Körpers abkoppelt, verwundert es nicht weiter, dass nach dem Aufwachen manchmal Empfindungen nachwirken, die zu Trauminhalten passen. (Aus einem Wüstentraum können wir durchaus mit trockener Kehle aufschrecken.) Was veranlasste Hans Fandel, diesen drei Merkmalen ausgerechnet in seinem “Lübeck-Traum” besondere Bedeutung beizumessen? Erste „Bestätigungen“ machen Fandel sicher Mehrere Traumdetails schienen sich im nachhinein zu bestätigen. a) Zwei Jahre später, bei einem Kuraufenthalt auf Ischia 1984, begegnete er beim Baden am Thermalbecken zwei Damen, die gerade über ihre Heimatstadt Hamburg sprachen. “Da kam mir plötzlich eine Idee. Auf die Rückseite eines leeren Gemüsekartons, der von einem Haufen am Rande des Schwimmbeckens stammte, zeichnete ich meine Erinnerungen“ - an die Aussicht vom Traumzimmer aus – „und fragte sie, ob sie sagen könnten, wo der Ort sei. Beide erkannten sofort die Untertrave in Lübeck. Ein Irrtum sei absolut ausgeschlossen.” Ein paar Tage später wiederholte Fandel den Test bei einem Büronachbarn und dessen Frau, die in Lübeck aufgewachsen waren. Unabhängig voneinander identifizierten beide den Aussichtspunkt spontan als das Seemannsheim an der Untertrave in Lübeck. b) Im März 1985 reiste Fandel voller Neugier nach Lübeck, wo er die gut erhaltene, immer noch kopfsteingepflasterte Altstadt durchwanderte. Vieles kam ihm vertraut vor, obwohl er nie zuvor dort gewesen war. c) Zuallererst suchte er an der Untertrave nach dem Seemannsheim, in dem ihn sein Traum hatte übernachten lassen - und fand es tatsächlich. “Im dritten Stock entsprach der Blick aus dem Fenster in etwa meiner Zeichnung.” d) Bei einem anschließenden Besuch im Lübecker Rathaus fiel ihm ein Bild einer Kogge auf - des berühmten Handelsschiffs der Hanse, eines 1356 förmlich besiegelten Zusammenschlusses mehrerer Hafenstädte an Nord- und Ostsee. Dieses Schiff, so erläuterte ihm ein Reiseführer, sei zwischen 1680 und 1730 zum Transport von holländischem Sandstein für die Lübecker Sakralbauten eingesetzt worden, vor allem ab Amsterdam. “Endlich wusste ich, was es mit den viereckigen ‘Baumstämmen’ auf sich hatte. Das waren also Sandsteinquader.” Die Schiffe hätten “hin und wieder auch Passagiere mitgenommen”, so erfuhr er. d) Auf einem alten Stadtplan fand Fandel die Namen vieler Lübecker Straßen und Gassen wieder, die er im Traum durchschritten hatte. (Viele heißen noch heute so wie im Mittelalter.) Eine “Engelsgrube”, “Fischergrube” und “Beckergrube” gab es tätsächlich - allesamt in unmittelbarer Nähe der Untertrave. Wer vom Hafen aus zum Seemannsheim wollte, musste sie passieren. Verkannte Ungereimtheiten Etliche Ungereimtheiten hätten Fandel von vornherein davor bewahren können, den Traum für bare Münze zu nehmen, für ein getreues Abbild historischer Ereignisse. Wenn ein von Amsterdam kommendes Schiff kurz vor seinem Bestimmungsort Hamburg in einen Sturm gerät: Fährt es irrwitzigerweise dann weiter nach Lübeck? Der Nord-Ostsee-Kanal, der die Elbbucht mit der Kieler Förde verbindet, besteht erst seit 1919. Der Kapitän hätte also um Dänemark herumfahren müssen, um nach Lübeck zu gelangen. Im Traum hingegen verstrichen von der Mitteilung des Kapitäns, man fahre nach Lübeck weiter (“so gegen 22 Uhr”), bis zur nächtlichen Ankunft in Lübeck nur wenige Stunden. Wer jemals leibhaftig eine Schiffspassage Hamburg-Lübeck mitmachte, kann schwerlich annehmen, beide Städte wären einander unmittelbar benachbart. Eher spiegelt eine solche Annahme die mangelhaften Geographiekenntnisse von jemandem wieder, der die beiden Städte nur aus der Ferne kennt - so ähnlich wie bei einem japanischen Touristen, für den Schloss Neuschwanstein gleich hinter dem Eiffelturm liegt, ehe er dort war. Wenn Fandel tatsächlich Passagier einer Kogge war - nur so kann er sich die mittransportierten Sandsteinquader erklären, die er zunächst mit gehobelten Baumstämmen verwechselt hatte -, so reiste er jedenfalls nicht auf einem Schiff, das “zur Vorderseite hin flach war, ähnlich einem Rhein-Transportschiff”. Zum charakteristischen Aussehen der Kogge gehörten hohe, runde Bordwände und ein kurzer, gedrungener Zuschnitt. Sandsteintransporte mit Koggen fanden in der Zeit zwischen 1680 und 1730 statt, wie Fandel erfahren haben will, als er durchs Lübecker Rathaus geführt wurde. Sollte er bei einem solchen Transport wirklich dabeigewesen sein, so jedenfalls nicht in einem Leben, das er in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Amerika verbrachte. Nach anderen Quellen verkehrte die Kogge vornehmlich im 13. bis 15. Jahrhundert; in dieser Zeit entwickelte sie sich zum beherrschenden Handelsschiffstyp Nord- und Westeuropas. Mit Beginn des 15. Jahrhunderts jedoch wurde sie von der geräumigeren Hulk abgelöst, später durch die Karavelle. Dann aber kann Hans Fandel, wenn er in einem früheren Leben Koggenpassagier gewesen wäre, erst recht nicht in derselben Inkarnation 1854 nach Amerika ausgewandert sein. (1) Als Fandel nachts beim Seemannsheim anlangte, fiel ihm dessen “ungewöhnliche Fassade mit hohem Giebel” auf. Ein solches Erscheinungsbild wäre für die Lübecker Altstadt gewiss nichts Ungewöhnliches; die Außenfassade des Hauses freilich, die Fandel als seine einstige Unterkunft wiedererkannt haben will, sieht heute ganz anders aus. Die geträumte Ausstattung von Fandels Lübecker Zimmer, besonders seines Betts, mutet für ein Seemannsheim, zumal im 17. oder 18. Jahrhundert, allzu komfortabel an. Hübsch verzierte Bettpfosten, eine “schön gehäkelte” Decke entsprechen eher der schlichten Gemütlichkeit einer Alpenpension. Die geträumte Aussicht zweifelsfrei der Lübecker Untertrave zuzuordnen, dürfte nicht jedem so leicht fallen wie anscheinend den drei Ortskundigen, denen Fandel testweise seine Zeichnung vorlegte. In Städten an Nord- und Ostsee dürfte es Hunderte von Ausblicken geben, die nicht schlechter “passen”. Zu einer traditionsreichen Hansestadt gehört ein Seemannsheim ebenso wie eine Hafenspelunke, eine Kaimauer oder ein Lagerhaus. Entsprechend fündig wird man garantiert, auch ohne wegweisenden Wahrtraum. Aber wie steht es mit den “erinnerten” Straßennamen, den Déjà-vu-Erlebnissen von Hans Fandel beim Gang durch Lübeck? Lübeck, mit seiner vom Krieg weitgehend verschont gebliebenen Altstadt, zählt unbestritten zu den schönsten Deutschlands; nicht von ungefähr wird es von der UNESCO als “Weltkulturdenkmal” eingestuft. Unzählige Dokumentarfilme und Reportagen in Reiseteilen von Zeitungen, Bildbände und Zeitschriftenartikel, Postkarten und Plakate sind ihm gewidmet worden. Ist auszuschließen, dass Fandel wenigstens eine dieser Quellen zugänglich war - woraufhin er im Traum daraus schöpfte? Liegt also Kryptomnesie vor: die überraschende Wiederkehr vergessener oder verdrängter Erinnerungen aus diesem Leben? (2) Die gleichen Fragen hätte sich Hans Fandel, einst ein bodenständiger, nüchterner Klardenker, vor 1961 vermutlich selber gestellt. Aber seit seiner “Nahtodeserfahrung”, einem der einschneidendsten Ereignisse seines Lebens, mochte er nichts Wundersames mehr ausschließen - und darin bestärkten ihn spätere Begegnungen mit zahlreichen Personen, die er als glaubhaft empfand. Ein Arbeitskollege im Konstrukteursbüro überraschte ihn mit einer eigenen “Erinnerung” an ein früheres Leben als Soldat, der vor 150 bis 200 Jahren in einem polnischen Kloster gesundgepflegt wurde. Ein katholischer Pastor, den Fandel im Lübecker Seemannsheim traf, verblüffte ihn mit einem persönlichen Bekenntnis zur Wiedergeburt. 1985 nahm Fandel an einem dreitägigen Seminar über Reinkarnation teil, das der Schweizer Esoterikpapst Hans-Dieter Leuenberger abhielt. Dem Zürcher Lebensberater Alexander Gosztonyi, einem in Schweizer Esoterikkreisen hochgeachteten Reinkarnationsverfechter (3), reichte Fandel einen dicken Aktenordner zur Begutachtung ein; von dort erhielt er die lobende Rückmeldung, die Unterlagen seien “sehr interessant”, sowie die Empfehlung, durch eine “Rückführung” die Erinnerungen weiter zu “klären”; Gosztonyi könne sich vorstellen, “dass ein Buch zu einem großen Erfolg führen könnte”. (4) Auch “viele Fachbücher und Sendungen halfen mir weiter”, wie Fandel bekennt - weiter auf dem Weg zum überzeugten Reinkarnationsgläubigen, bei dem sich die Erfahrung der Überzeugung zu fügen hat. Gedächtnisspuren eines Vorlebens in Amerika Aber wie kommt Hans Fandel auf sein “deutsch-amerikanisches” Vorleben? Ob der Lübeck-Traum überhaupt etwas damit zu tun hat, blieb offen. Das erste “Indiz” hielt Fandel im September 1996 schriftlich fest; es betrifft einen weit zurückliegenden Vorfall aus dem Jahre 1951, dem er anscheinend erst jetzt Bedeutung beimaß. Damals besuchte er in der Gewerbeschule einen Englischkurs. Sein Lehrer war nach einem längeren USA-Aufenthalt gerade wieder in den Schuldienst zurückgekehrt. Er verteilte in der Klasse einen mitgebrachten Stapel Zeitungen. Daraus musste jeder Schüler einen kleinen Abschnitt laut vorlesen. Fandels Versuche sollen den Lehrer völlig verblüfft haben: Er habe “stilreinen Nebraska-Dialekt” gesprochen, “vor allem bei den Wortendungen” - ob er Verwandte dort habe oder dort schon längere Zeit verbracht habe? “Dieser Vorfall”, erklärt Hans Fandel, “hat in mir die Vermutung geweckt, dass ich einmal in Nebraska gewesen sein müsste.” Fortan hoffte er, “Zusammenhänge zu finden in Bezug auf eine beweisbare Existenz meiner Person mit den Stationen Amsterdam, Lübeck, USA”. Nebenbei bemerkt: Als ich Hans Fandel besuchte, ließ ich ihn zur Probe einen englischen Zeitungstext vorlesen; weder mir noch meiner Begleiterin fiel auf, dass seine Aussprache von der eines anderen Schweizers nennenswert abwich. Außer einer helvetischen Dialektfärbung hörten wir nichts Auffälliges heraus. Unter dem Eindruck seines Lübecker Traums maß Fandel nun Träumen allgemein allergrößte Bedeutung bei: Jeder von ihnen stand nunmehr im Verdacht, Spuren von Reinkarnationserinnerungen zu enthalten - erst recht dann, wenn in sie Bezüge zu Amerika, vor allem zu Nebraska, hineinzudeuten waren. Und solche Träume ließen nicht lange auf sich warten. In einem ersten "amerikanischen Traum" ist Fandel als Beifahrer in einem alten Auto auf einer steilen Bergstraße unterwegs. Schließlich parkt er auf einem gekiesten Platz. Hundert Meter entfernt stehen, in leichter Hanglage, drei alte Blockhäuser. Gleich neben dem Eingang des vorderen Hauses hängt eine rechteckige Gedenktafel aus Bronze, auf der in Englisch zu lesen steht, die drei Häuser seien der Rest einer ehemaligen Auswanderersiedlung. (“Nach dem Aufwachen”, versichert Fandel, “konnte ich meiner Frau den Text Wort für Wort rezitieren. Hingegen war ich mir bei der unten angebrachten Jahreszahl nicht mehr im Klaren; die ersten beiden Ziffern waren 18, die letzten zwei waren mir nicht mehr präsent”.) Hinter dem Haus, an dem ein Bach vorbeifließt, ist ein großes, unterschlächtiges Wasserrad angebracht. Zunächst wundert sich Fandel im Traum, wie ein solch kleines Rinnsal imstande sein könne, das große Wasserrad anzutreiben. Doch dann erblickte er weiter hinten im Tal eine Bogenstaumauer. Für Fandel enthielt dieser Traum zwei entscheidende Hinweise. Bei dem Auto, in dem er saß, “musste” es sich um einen Ford gehandelt haben - “gut erkennbar an der schräggestellten Scheibe vorne, die als Regenabweiser gute Dienste geleistet hat”. - Bogenstaumauern sind in Europa erst ab 1920 gebaut worden. Doch offenbar spielte der Traum in den USA, wie die Häuserarchitektur, der Autotyp und die Gedenktafel vermuten ließen. Und dort entstanden bereits ab 1850 zahlreiche Bogenstaumauern - dreizehn allein in Nebraska, wie Fandel. im Eidgenössischen Amt für Wasserbau in Zürich recherchierte. Und nach dem Staunen seines Gewerbeschullehrers über seinen “Nebraska-Dialekt” konnte der Traum nur von einem früheren Leben in diesem US-Bundesstaat handeln. In einem zweiten Traum befindet sich Fandel in einem großen Lokomotivdepot. Dort stehen mehrere Dampfloks mit markanten Stoßstangen, aufgereiht auf kurzen Gleisstücken. (Auch hiervon fertigte Fandel eine Zeichnung an: Mehrere Arbeiter, darunter auch Fandel, sind dort mit Wartungs- und Reparaturarbeiten beschäftigt. Dabei prägt er sich vor allem die Konstruktion von Kurbellagern ein: “Vor einer imposanten Maschine waren Holzböcke aufgestellt. Zwei Arbeiter hoben eine Kurbel von den Achsen, trugen sie auf die Holzböcke und legten sie so darauf, daß die Bohrungen nach oben zeigten. Diese wurden unten verschlossen. Dann traten zwei andere Arbeiter hinzu und ließen aus einer kleinen Gußpfanne flüssiges Material in die Bohrungen laufen.” Nun besteigt Fandel eine stark verschmutzte Lok, um sie zu säubern. Dabei gleitet seine rechte Hand an einem Klumpen Schmierfett ab, das an der blanken Röhre klebt. Er verliert den Halt und stürzt zu Boden. Im selben Moment, als er unten aufschlägt, endet der Traum abrupt. Hatte Fandel hier die Todesumstände seines früheren Selbst geträumt? Ihn plagten keine Zweifel daran, zumal er nach diesem Traum an rätselhaften, heftigen Kopfschmerzen litt, die mehrere Tage anhielten. Hatte die “Reinkarnationserinnerung” den Schmerz der tödlichen Verletzung von damals zurückgeholt? Klar war für Fandel darüber hinaus, dass auch dieser Traum in den USA spielte. Dafür sprachen typische Einzelheiten der Lokomotive: das als “Kuhfänger” bekannte Gitter davor, der konische Kamin, die viereckige Lampe vor dem Kamin. Wann? Im 19. Jahrhundert. Denn im Traum hatte Fandel einen Arbeitsvorgang beobachtet, bei dem es sich anscheinend um die Konstruktion von Kurbellagern handelte. (Erst um die Jahrhundertwende wurden sie von Kugellagern abgelöst. Vorher mussten die Lagerstellen mit Weißmetall - einer Mischung von Zinn, Blei, Kupfer und Zink - ausgegossen werden.) Wo? Wiederum suchte Fandel von vornherein nur in Nebraska. Dort wurde er fündig: In Omaha hatte die Union Pacific-Eisenbahngesellschaft am 10. Mai 1869 ein Depot eröffnet, das 1910 wieder abgebrochen wurde. In einem Internet-Bildarchiv stieß er auf mehrere Außenaufnahmen eben dieses Depots - und war sich “sicher, dass verschiedenste Baumerkmale mit meiner Rückerinnerung übereinstimmen”. Aber könnte jenes Depot nicht überall in den Vereinigten Staaten gestanden haben, wo sich das Schienennetz ausbreitete? Abgesehen von der wiederum vorschnellen Einengung der Suche auf Nebraska machte mich ein weiteres Detail stutzig: Wer eine Erfahrung macht - sei es in wacher Wahrnehmung oder im Traum -, muss nicht zwangsläufig die richtigen Worte dafür haben. (Befände ich mich in einem Lokdepot, wäre ich schwerlich imstande, Arbeiten an Kurbellagern und Kugellagern auseinanderzuhalten.) Die Begriffe jedoch, die Fandel in der Schilderung seines Lokdepot-Traums verwandte, zeugten in dieser Hinsicht von beträchtlichem Expertenwissen. Hatte er sich früher schon einmal eingehender mit dem Eisenbahnwesen befasst? (Zumindest in seiner Generation war für mindestens jedes zweite Kind Lokführer noch der Traumberuf.) “Ich habe zwar Freude an Eisenbahnen, bin aber kein Fan”, erklärte mir Fandel daraufhin. “Als Bub hatte ich eine Aufzieh-Eisenbahn.” Aus seinem dritten “amerikanischen Traum” erwachte Fandel am Morgen des 16. August 1996: Ein Bauer führt ihn in einen verlassenen Schuppen. Dort zeigt er ihm einen alten, von Spinnweben überzogenen Pferdewagen mit Speichenrädern, einer riesigen Ladebrücke und Kutscherbock. “Auf beiden Seiten der Ladefläche waren Deckel eingelassen. Durch Zug an einem Strick ließ sich jeder Deckel hochklappen, so daß er eine Rückenlehne bildete, und einen eingelassenen Sitz hochziehen. Mitfahrer konnten so Platz nehmen, statt in unbequemer Stellung lange Fahrten machen zu müssen; benötigte der Bauer diese Zusatzsitze nicht, so konnte er die gesamte Laderfläche wieder belegen. Der Mechanismus und die Konstruktion faszinierten mich.” Fandel hielt sie in einer Zeichnung fest: Dass auch dieser Traum in den USA spielte, schien Fandel klar, als er unter einem Stapel alter Säcke, die auf der Ladefläche des Pferdewagens lagen, eine vergraute Ledertasche fand. Darin fand er zehn Goldmünzen, “mit einem Durchmesser von ungefähr 8 bis 10 Zentimetern und etwa 5 Millimeter dick. Auf der Oberseite konnte ich einen Adler mit ausgebreiteten Flügeln erkennen. An weitere Aufschriften kann ich mich nicht erinnern.” Bei einem Münzhändler in Winterthur blätterte Fandel daraufhin neugierig in Bildkatalogen amerikanischer Goldmünzen, sogenannter “Eagles”. Alle waren aber deutlich kleiner als geträumt, nämlich mit etwa 6 Zentimetern Durchmesser. Daraufhin äußerte Fandel, er habe aber schon viel größere gesehen - woraufhin der Numismatiker meinte: Was Fandel offensichtlich in den Händen gehabt habe, sei eine Münze, die in den USA noch vor der offiziellen Münzprägung um 1731 hergestellt worden war; sie werde als “Kolonialgold” bezeichnet. “Meine Erinnerung”, schloß Fandel daraus, “hat mich also auch diesmal nicht getäuscht.” Sein vierter “amerikanischer” Traum führte ihn 1998 in ein Backsteingebäude, in dem lange Arbeitstische aufgestellt waren. Alle paar Meter war eine senkrecht stehende Achse montiert. Darauf konnten die Naben von Wagenrädern gesteckt werden. Ein Vorarbeiter, der Deutsch sprach und aus der Schweiz stammte - genauer gesagt, aus dem Berner Oberland -, erklärte Fandel, was er zu tun hatte. “Ich musste die Enden der Wagenradspeichen in Heißleim tauchen, der in großen Kübeln kochte und einen unangenehmen Geruch verbreitete. Mit kräftigen Hammerschlägen wurden die Speichenenden dann in die Nabe getrieben. Waren alle Speichen montiert, klopfte man gebogene Radsegmente auf die Speichenenden.” Der Traum endet mit einem Gespräch, in dem Fandel den Vorarbeiter fragt, ob es möglich sei, sich über den Sonntag Fahrräder zu mieten, um die Umgebung zu erkunden. Obwohl in diesem Traum jeder Amerika-Bezug fehlt, wurde er von Hans Fandel entsprechend gedeutet. Im August 1999 folgte ein fünfter “amerikanischer” Traum: “In stockdunkler Nacht stand ich auf freiem Feld am Rande eines Bahngeleises. Keine Bahnschranke, kein Feldweg führte über die Geleise. Von weit her hörte ich das Herannahen eines Zuges. (...) Es waren rund 25 Wagen, offenbar leer.” Fandel “erkannte” den Lokomotivtyp sofort: Er schien ihm identisch mit jenem, an dem er im Depot gearbeitet hatte und abgestürzt war. “Dieser Traum”, notiert Fandel, “ist nichts anderes als ein Erinnerungsfetzen aus einem Vorleben. Scheinbar hat diese Erinnerung keinen besonderen Zweck. Für mich ist sie aber ein kleiner Mosaikstein in einem Bild, das seinen Zweck vielleicht erst später offenbart.” Gehörten all diese Träume denn zu ein und demselben Mosaik? Bezogen sie sich auf ein Leben im 19. Jahrhundert in Nebraska? War dieses Leben sein eigenes? All dies waren von Anfang an die fragwürdigen, von den angestellten Nachforschungen nicht annähernd gedeckten Voraussetzungen Fandels auf seiner Identitätssuche. Zum Beispiel: Falls “er” tatsächlich in jenem Lok-Depot von Omaha, das er auf Fotos “wiedererkannt” haben will, tödlich verunglückte, so muss sich der Unfall vor 1910 zugetragen haben; in jenem Jahr nämlich wurde das Depot abgerissen und seither nicht wieder aufgebaut. In einem Ford andererseits, wie er im “Staumauer-Traum” vorkam, kann Fandel frühestens 1908 gefahren sein - erst dann lief die Massenproduktion des berühmten Modells T an. Dann aber kann das Auto nicht “alt” gewesen sein, wie er im “Staumauer-Traum” erlebte, sondern eher nagelneu. Sicherlich dürfen wir Hans Fandels Träumen nicht schon deshalb jegliche paranormalen Anteile absprechen, weil uns Inkonsistenzen auffallen. Auch bei Träumen, die offenkundig reale Geschehnisse nachvollziehen, kommen regel­mäßig Verzerrungen und Auslassungen, zeitliche Dehnungen und Verdichtungen vor. Eben dieser Umstand sollte Fandel und andere Wiedergeburtsgläubige davor bewahren, vermeintliche Reinkarnationsträume bis ins kleinste Detail als getreue innere Abbilder realer Geschehnisse anzusehen. Wer war Fandels „früheres Selbst“? Welche Vorgeschichte hatte Fandels “früheres Selbst”? Im vierten Traum verstand es Deutsch - also musste es wohl aus dem deutschen Sprachraum eingewandert sein. Aber woher? Die Suche erleichtert hätte es Hans Fandel, wenn zumindest in einem der Träume “sein” früherer Name gefallen wäre. Daran hatte er aber keinerlei Erinnerung. Trotzdem ist er sich sicher, dass er damals genauso hieß wie heute. Wie kommt er darauf? Dazu verleitete ihn Ahnenforschung, mit der er Ende 1996 begann - und ein Aha-Erlebnis nach dem anderen provozierte. Mit Hilfe der Mormonen-Gesellschaft in Zürich, die an ihrem Hauptsitz in Utah Milliarden Personendaten gespeichert hat, fand Hans Fandel zunächst heraus, dass die Fandels überwiegend aus Thüringen stammten. Als Herkunftsorte wurden immer wieder Orte wie Gneus, Großbockedra, Kahla genannt. Noch im Dezember 1996 erhielt Fandel von der Stadtverwaltung Stadtroda die Mitteilung, im Jahre 1854 seien 42 Personen aus den genannten Dörfern ausgewandert. Waren etwa auch Fandels darunter? In der Tat. Das Thüringische Staatsarchiv Altenburg bescheinigte am 30.12.1997: Im Februar 1854 waren “Johann Gottlieb Fandel jun., 38 J., mit Frau Dorothee, 32 J., und Christiane, 8 J., Daniel, 6 J., und Adolph, 3 3/4 Jahre, von Großbockedra” ausgewandert. Aber wohin waren sie ausgewandert? “Nach Amerika”, stand schwarz auf weiß in einer Amtlichen Bekanntmachung des “Herzoglich-Sachsen-Altenburgischen Amts- und Nachrichtenblatts” No. 18 vom 11.2.1854, S. 185, von der das Thüringische Staatsarchiv Fandel eine Kopie zusandte. Wie kamen die Fandels nach Amerika? Unermüdlich recherchierte Hans Fandel weiter - und machte 1998 mit Hilfe der Universität Oldenburg tatsächlich eine Passagierliste ausfindig, auf der die Namen des Ehepaars Johann Gottlieb und Dorothee Fandel sowie seiner drei Kinder auftauchen. Sie stammt aus dem Jahre 1854, wurde im Hafen von New York aufgestellt und führt alle 456 Passagiere der “Garton” auf - unter ihnen die fünf Fandels. Allerdings kann es sich bei diesen Fandels nur um Namensvettern gehandelt haben, keinesfalls um genetische Vorfahren. Hans Fandels eigener Stammbaum führt nämlich ins Allgäu, in die Nähe von Kempten: Dort, in einem Dorf namens Wiggensbach, lebten seine Ahnen über vier Generationen, ehe sein Großvater um 1900 in die Schweiz übersiedelte. Also, folgert Hans Fandel zurecht, “können meine Reinkarnationsträume nicht genetisch bedingt sein”. In jüngster Zeit konzentriert sich Fandel mehr und mehr darauf, nach Spuren zu fahnden, die Johann Gottlieb Fandel nach seiner Ankunft im New Yorker Hafen hinterließ. Dabei hofft er, in Nebraska fündig zu werden - und herauszufinden, ob Johann Gottlieb Fandel zumindest in ein paar Ereignisse jener Art verwickelt gewesen war, um die seine Träume kreisten - vor allem, ob er unter den geträumten Umständen tödlich verunglückte. Wie Hans Fandel inzwischen recherchierte, leben heute allein in Omaha, Nebraska, 15 Familien und Einzelpersonen, die den Namen “Fandel” tragen. Könnte es nicht sein, daß einer von ihnen von Johann Gottlieb Fandel abstammt - und weiterhelfen kann? Selbst wenn Hans Fandel derart fündig würde, ist wenig wahrscheinlich, dass auf Johann Gottlieb Fandel passt, was die “amerikanischen” Träume beinhalten. In jenen Träumen lebte und starb ein Bahnarbeiter. Johann Gottlieb Fandel hingegen war in seiner alten Heimat Bauer gewesen, wie die meisten deutschen Emigranten jener Zeit, “und es war nur natürlich, dass sie nach ihrer Ankunft in Amerika ihren alten Beruf wieder aufnahmen”, zumal dort nach der Indianervertreibung Land im Überfluss vorhanden war - auch und gerade in Nebraska mit seinen 200.000 Quadratkilometern fruchtbaren Bodens. (Noch 1846 hatten auf dem erst acht Jahre später festgelegten Territorium Nebraskas nahezu ausschließlich Omahas, Otoes, Poncas, Pawnees und Sioux gelebt.) (5) Welchen Grund sollte es für Johann Gottlieb Fandel gegeben haben, sich bei der Union Pacific als Bahnarbeiter zu verdingen, anstatt gemeinsam mit seiner Frau und den drei Kindern eine Farm zu bewirtschaften? Überhaupt fällt auf, dass die Familie in sämtlichen “amerikanischen” Träumen keinerlei Rolle spielt; in ihnen agiert einer, der Single sein könnte. Daran lassen sich trefflich die kühnsten Spekulationen anknüpfen: Kam die Familie womöglich kurz nach der Einwanderung bei einem Überfall rachsüchtiger Indianer, oder weißer Banditen, um? Wurde dabei vielleicht die Farm abgefackelt, woraufhin Johann Gottlieb Fandel beschloß, woanders ganz neu anzufangen, statt auf den rauchenden Trümmern einen zweiten Anlauf als landwirtschaftender, einsamer Witwer zu wagen? Oder wurde die Existenzgrundlage der Familie durch jene Heuschreckenplage biblischen Ausmaßes vernichtet, die Nebraska 1874 heimsuchte - woraufhin sie ihren Hof aufgab und das Familienoberhaupt bei der Bahn Zuflucht suchte? Wo nichts gewiss ist, darf alles gemutmaßt und geglaubt werden. Gesetzt der Fall jedoch, es fände sich zu guter letzt ein Johann Gottlieb Fandel, von dem sich bestätigen würde, dass er einst in all jene Vorfälle involviert war, von denen Hans Fandel so lebhaft träumte: Wäre damit “bewiesen”, dass Hans Fandel und Johann Gottlieb Fandel ein und dasselbe Ich in verschiedenen Körpern sind - dass Johann Gottlieb Fandel in Hans Fandel reinkarnierte? Auch dann würden andere Erklärungen - etwa durch verschiedene Formen außersinnlicher Wahrnehmung - unwiderlegt bleiben. (6) Doch die Chancen, dass Hans Fandel auf seiner Suche überhaupt so weit kommt, stehen schlecht. Dass es in seinen “amerikanischen” Träumen ausgerechnet um Episoden aus dem Vorleben eines Namensvetters in Nebraska gehen sollte, ist eine ziemlich aus der Luft gegriffene Hypothese, die sich auf ein einziges Faktum stützt: Irgendein Fandel emigrierte, urkundlich zweifelsfrei belegt, Mitte des 19. Jahrhunderts nach Amerika, und bis heute finden sich in Nebraska mindestens ein, zwei Dutzend Personen, die “Fandel” heißen. Aber zog es Johann Gottlieb Fandel mit den Seinen überhaupt nach Nebraska? Mitte Juli 2000 machte Hans Fandel eine frustrierende Entdeckung: In Dokumenten einer Volkszählung von 1856 machte er Johann Gottlieb Fandel, zusammen mit einem Kind, ausfindig - leider nicht in Nebraska, sondern in Dakota. Und ohne die Voraussetzung der Namensgleichheit verschwindet die Stecknadel vollends in einem interkontinentalen Heuhaufen. Im vorigen Jahrhundert, vor allem nach 1840, wanderten Hunderttausende von männlichen, deutschsprachigen Europäern in die Vereinigten Staaten aus: Schätzungen zufolge 800.000 in jedem der darauffolgenden sechs Dekaden. Im Jahre 1900 registrierte die zwölfte US-Volkszählung 2.663.418 gebürtige Deutsche. Schon 1909 lebten zwölf Millionen Deutschstämmige und deren Nachkommen in den Vereinigten Staaten. (7) Auf welchen passen alle oder wenigstens ein paar von Fandels “Reinkarnationsträumen”? Selbst wenn sich irgendein Hans Müller/John Miller oder Wilhelm Schmidt/William Smith ausfindig machen ließe, könnten Übereinstimmungen zwischen dessen Biographie und Fandels Traumdetails rein zufällig zustandegekommen sein - wobei die Zufallswahrscheinlichkeit wächst, je mehr deutschstämmige Amerikaner als potentielle “frühere Ichs” in Frage kommen. Aber auch wenn Fandels “amerikanische” Träume reine Phantasieprodukte wären, ist durchaus nachvollziehbar, wie er dazu kommt, sie für mehr zu halten. Wie Umfragen wiederholt zeigten, sind Träume, denen Menschen eine paranormale Deutung geben, fast immer außergewöhnlich lebhaft, intensiv und “hartnäckig” - sie haften besonders lange in der Erinnerung, beschäftigen und “verfolgen” den Betreffenden meist noch tagelang. Insofern unterscheiden sie sich von gewöhnlichen Traumbildern - und erscheinen als etwas ganz Besonderes. (8) Sind sie dies nicht auch, wenn man bedenkt, wie seltsam oft in Fandels Träumen “amerikanische” Motive auftauchten? Aber “Häufigkeit” ist ein relativer Begriff. Bei durchschnittlich drei bis sechs Träumen, die jeder von uns Nacht für Nacht durchlebt, hat Fandel allein in den vergangenen fünf Jahren rund fünf- bis zehntausendmal geträumt, wovon ihm bestimmt mehrere hundert kurz nach dem Aufwachen noch präsent waren. Obgleich darunter möglicherweise nicht weniger Flug- als US-Träume waren, sah sich Fandel jedoch nie veranlasst, eine Vorinkarnation als Pilot in Erwägung zu ziehen. Offenbar selektierte er Traumerinnerungen von vornherein danach, ob sie zur Nebraska-Vermutung passten oder nicht. Zu bedenken ist außerdem, dass sich unsere Traumwelten durchaus nicht abgeschottet davon entfalten, was wir erleben und denken, wollen und fühlen, bevor und nachdem wir in sie eintauchen. In unseren Träumen verarbeiten wir häufig “Tagesreste”; wen tagsüber Gedanken an ein mögliches früheres Leben in Amerika umtreiben, der erhöht die Chance, daß daraus in den folgenden Nächten Traumstoff wird. Zudem fühlte sich Fandel “zu Amerika schon als Kind hingezogen”, wie er einräumt. (9) “Ich kann mich noch erinnern, daß ich in der fünften Klasse einmal eine umfangreiche Liste schrieb, was für Werkzeuge ich mitnehmen müßte, um mir eine erste Unterkunft zu bauen. Diesen Gedanken habe ich aber recht schnell wieder verworfen, denn ich sah ein, dass das Gewicht viel zu groß wäre, und dass ich sowieso nichts mitnehmen müsste, weil alles Werkzeug in den USA vorhanden wäre.” Hat Fandels Affinität zu Amerika, die ebensogut von Büchern und Filmen herrühren könnte, Reinkarnationsphantasien miterzeugt? Oder klingt in dieser Affinität wahrhaftig ein früheres Leben nach, wie Esoteriker mutmaßen würden? Im Zweifelsfall, lehrte schon der Philosoph Occam, sollten wir der ontologisch sparsameren Hypothese stets den Vorzug geben. Wie moderne Gedächtnisforschung ferner zeigt, ist Erinnern keineswegs ein getreu abbildender Vorgang, sondern in höchstem Maße rekonstruktiv. Was wir erlebt haben, ordnen, benennen und deuten wir fortwährend neu, wann immer wir uns darauf besinnen. Für Geträumtes gilt dies noch mehr als für Wahrgenommenes. Denn typischerweise sind Trauminhalte bruchstückhaft, zusammenhanglos - sie müssen aufeinander bezogen und aneinandergereiht werden, ehe daraus eine Geschichte entsteht, die Sinn macht. Hans Fandel wäre der erste, der dagegen gefeit bliebe. Die Gefahr, dass Erlebtes rekonstruktiv verzerrt wird, wächst mit der Zeit, die zwischen Erlebnis und Erinnerung verstreicht. Und zwischen Fandels “amerikanischen” Träumen und ihrer Niederschrift liegen teilweise immerhin mehrere Jahre. Am ehesten erinnern wir uns an Träume, die unmittelbar vor dem Aufwachen auftraten. “Aufwachen” wird dabei oft als abrupt einsetzendes Ereignis missverstanden. Zumindest wenn wir nicht durch äußere Umstände plötzlich aus dem Schlaf gerissen werden, durchlaufen wir dabei einen allmählichen Prozess mit fließenden Übergängen zwischen mehreren Dämmerzuständen, ehe wir ganz wach sind. In dieser Übergangsphase, unmittelbar bevor das volle Tagesbewusstsein zurückkehrt, treten manchmal Halbschlafhalluzinationen auf, die von Schlafforschern als “hypnopompe Bilder” bezeichnet werden. Da sie in größerer Nähe zum Tagesbewusstsein auftreten, werden ihre Inhalte vermutlich noch stärker als Nachtträume von diesem mitkreiert und geprägt. Ein Geist, der tagsüber obsessiv um Wiedergeburt, Amerika und Eisenbahn kreist, will Hypnopompes mitgestalten, das dazu passt. Am Ende kondensiert eine riesige Wolke Esoterik zu einem Tröpfchen Psychologie. (Harald Wiesendanger) Anmerkungen * ein Pseudonym ** entsprechend angepasstes Pseudonym (1) Meyers Enzyklopädisches Lexikon, Band 14, Mannheim 1975, korrigierter Nachdruck 1980, S. 25. (2) Näheres zum Phänomen der Kryptomnesie in Harald Wiesendanger: Zurück in frühere Leben - Möglichkeiten und Grenzen der Reinkarnationstherapie (München 1991, erw. Neuaufl. 2003). (3) Alexander Gosztonyi: Die Welt der Reinkarnationslehre, Aitrang 1999. (4) Zit. aus einem Brief von Hans Fandel, 26.9.2000. (5) John P. Sutton, “Nebraska”, in: Catholic Encyclopedia, Vol. X, 1911. (6) Siehe Harald Wiesendanger: Zurück in frühere Leben, Kap. 6, “Wiedergeburt - was sonst?” (7) Francis M. Schirp, “Germans in the United States”, The Catholic Encyclopedia, Vol. VI, 1909. (8) Siehe Robert L. Van de Castle, “Sleep and Dreams”, in: Handbook of Parapsychology, hrsg. v. Benjamin B. Wolman, Jefferson, N.C. 1977, S. 473-499, dort ib. S. 481. (9) Zit. aus einem Brief von Hans Fandel, 26.9.2000. Titelbild: Gerd Altmann/Pixabay

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