• Dr. Harald Wiesendanger

Heilen „Heiler“?

Auf dem alternativen Gesundheitsmarkt boomt Geistiges Heilen mehr denn je. Weit über zehntausend Anbieter werben in Deutschland mittlerweile um notleidende Kundschaft. Doch wie viele halten, was ihr Name verspricht?



Mit dem enormen Zuwachs an Quantität, den die Heilerszene dank der Esoterikwelle erlebt, ging ein dramatischer Qualitätsverfall einher. Inzwischen überwiegen aufrichtig bemühte Dilettanten, hervorgebracht und gefördert von geschäftstüchtigen Schulen und Verbänden. Fehlentwicklungen und Missstände prangere ich in der Schrift Heilen ‚Heiler‘? an: einer Bilanz der zwei Jahrzehnte, in denen ich eine aufregende Subkultur aus kritischer Distanz begleitet habe.


Wie ergeht es einem esoterisch unvorbelasteten Hilfesuchenden, den verheißungsvolles Medientamtam über wundersame Genesungen ver­anlasst, sich in die Esoterikszene hineinzuwagen, um dort nach sogenannten "Geist­heilern" zu suchen?


In welch tragikomische Notlage er dabei heutzutage gerät, führen Analogien mit einem gar nicht so weit hergeholten Gedankenspiel vor Augen. Stellen wir uns jemanden vor, der sich unter dem Eindruck von Karl-May-Lektüre, den Bad Segeberger Festspielen und etlichen Kinofilmen in den Wilden Westen aufmacht, um dort echten Indianern leibhaftig zu begegnen. Dort eingetroffen, wird er von einer Menge Bleichgesichter begrüßt, die auf Indianerschulen gelernt haben, sich wie Indianer zu kleiden und zu sprechen, sich Haut und Haare indianermäßig zu färben usw. Als zahlende Mitglieder von Vereinen für Indianerwesen können sie Diplome als "Anerkannter Indianer" vorweisen, nachdem sie vor Prüfungs­kommissaren, um deren indianische Herkunft nur diese selbst sicher wissen, binnen einer Stunde einen Indianerkodex auswendig aufsagten, die Ewigen Jagdgründe und andere Facetten des indianischen Weltbilds erläuterten sowie ihr Indianersein "demonstrierten", indem sie wie Indianer tanzten, trommelten, Schminke auftrugen, Lagerfeuer entfachten und an einer Friedenspfeife nuckelten. Von solchen karnevalistischen Winnetous ist unser fiktiver Wilder Westen voll.


Doch wo stecken die echten Ureinwohner? Von dem Mummenschanz befremdet und angewidert, haben sie sich längst in entlegene Gegenden zurückgezogen, in die keine bequem asphaltierte Straße führt; in Branchenbüchern, in Aus­stellerverzeichnissen, im Internet sucht man sie vergebens, keine Landkarte gibt Aufschluss über ihre Aufenthaltsorte.


Der Vergleich hinkt, weil der Wildwesttourist, sobald ihn Zweifel plagen, verkleideten Pseudoindianern auf die Schliche kommen kann, indem er ihnen mit Waschlappen und Seife zuleibe rückt. Pseudoheiler zu entlarven, fällt ungleich schwerer: Wessen therapeutische Taten nicht annähernd halten, was sein Name in Aussicht stellt, der kann sich auf dem Esoterikmarkt, Kreißsaal wie Friedhof ungezählter Universalheilungsphantasien, aus einem schier unerschöpflichen Vor­­rat an Ausflüchten bedienen: Eine göttliche Vorse­hung, das Kar­­ma des Pati­enten, seine mangelnde Offenheit oder eine ausstehende Lektion, die er aus seiner Krankheit erst noch lernen muss, verhindern halt, dass die mächtigen Heil­impulse zu ihm durchdringen. Einmal angeeignet, ist der Heiler­status unan­fecht­bar, weil er in ein ideologisches Überzeugungsgeflecht eingesponnen ist, das ihn gegen Zweifel hermetisch abschottet; er stützt sich auf nicht­­falsifi­zierbare Leerformeln, wie der Wissenschaftsphilosoph Karl Popper gesagt hätte. Heutige Heiler an ihrem Unver­mögen zu messen, gleicht daher dem Be­mü­hen, eine Wolke an die Wand zu nageln.


Wie die Heilerszene derart verkommen konnte; wovor Hilfesuchende deswegen auf der Hut sein müssen; wie sie die raren Könner ausfindig machen können: all dies soll mein Buch Heilen ‚Heiler‘? verdeutlichen. Es entstand aus einem Vortrag, den ich im März 2006 in der Stuttgarter Liederhalle hielt. Die Reso­nanz darauf - von frustrierten Patienten, denen erste “Heiler”kontakte die Haare zu Berge stehen ließen, aber auch von erfahrenen älteren Heilern, die sich ihres Berufs­­standes allmählich zu schämen beginnen - hat mich darin bestärkt, daraus ein Buch zu machen.


Zum Leidwesen chronisch Kranker ist eine wunderbare Behandlungsform namens “Geistiges Heilen” vor unseren Augen dabei, vor die Hunde zu gehen. Sie stirbt nicht an den Giftpfeilen äußerer Feinde - böswilliger Skeptiker, beton­köpfiger Schul­mediziner, futterneidischer Heilpraktiker -, sondern verfault von innen her. Wer sie retten will, muss sie inzwischen vor deutlich über 95 Prozent ihrer Anwender, und einem Großteil ihrer dubiosen Institutionen, in Schutz nehmen. Einer Geist­heilung bedarf heutzutage zuallererst die Heilerszene selbst.


Um nicht nur zu lamentieren, sondern zu handeln, habe ich 2006 die “Inter­nationale Vermittlungsstelle für herausragende Heilkundige” (IVH) ins Leben gerufen. In ihr sehe ich eine vielver­sprechende Chance für die Heilerbewegung, nach Jahrzehnten fataler Fehl­ent­wicklungen gerade noch rechtzeitig die Kurve zu kriegen, ehe sie in der Bedeu­tungs­losigkeit einer neoreligiösen Subkultur versinkt.


Geistiges Heilen - eine echte Chance


Was ist Geistiges Heilen eigentlich? Jedenfalls eine ziemlich große Familie von merkwürdigen Außenseitertherapien aus allen Kulturkreisen und Epochen. Das Spektrum reicht vom Handauflegen, Gebetsheilen und Exorzismus - also Heil­weisen, die schon Jesus Christus praktizierte - über das Besprechen, das Fern­behandeln und schamanisches Heilen bis hin zu Importen aus Fernost, wie Reiki, bestimmte Qi Gong-Varianten, Prana-Heilen oder Chakra-Therapie.


Ihr kleinster gemeinsamer Nenner ist etwas Geistiges, nämlich eine Intention, die Absicht, einem Anderen zu helfen. Allein eine solche Absicht scheint manchmal tatsächlich auszureichen, um Genesungsprozesse in Gang zu setzen oder zu beschleunigen, auch gegen ärztliche Prognosen. Dabei werden keinerlei physische Hilfsmittel eingesetzt, die nach gegenwärtigem medizinischem Erkennt­nisstand im beobachteten Ausmaß und Tempo wirksam sein könnten. Was heilt, scheint insofern "purer Geist".


Dabei sollte das Wort "Geist" in uns keine cartesianischen Reflexe auslösen. Gemeint ist damit nicht ein Gespenst in der Maschine, ein immaterielles Überhirn im Hirn, eine einzigartige Substanz, die in unüberwindlichem Gegensatz zur physischen Welt steht. "Geist" ist hier einfach ein Sammelbegriff für all jene inneren Ereignisse, Vorgänge und Zustände, die uns unkörperlich scheinen: Ge­danken, Vorstellungen, Absichten, Erinnerungen, Empfindungen, Gefühle usw. Was all diese Dinge ihrer Natur nach sind, sollten und können wir offenlassen: Vielleicht kommen wir eines Tages zu dem Schluss, dass sie sich auf bestimmte neuronale Aktivitäten in unseren Gehirnen reduzieren lassen; vielleicht auch auf Vorgänge in feinstofflichen Feldern, die mit unserem Körper aufs engste verbunden sind, solange er lebt - aber irgendwie fortbestehen, wenn er stirbt. Oder vielleicht steht "Geist" einfach für die subjektive Perspektive - für die Art und Weise, wie einem Gehirn bestimmte physiologische Prozesse erscheinen, die seine eigenen sind. Jedenfalls müssen wir uns keineswegs auf einen philosophischen Dualismus festlegen, wenn wir von "Geistigem" Heilen sprechen. Im Gegenteil: Der Geist, der heilt, und die Körper, die er heilt, sind Aspekte der einen Welt. Wäre "der Geist" etwas ganz und gar Außerweltliches, so bliebe rätselhaft, wie er es überhaupt anstellen könnte, in der Welt eine kausale Rolle zu spielen - in sie hineinzuwirken.


Das Erfahrungswissen von Jahrtausenden, eine Fülle von beeindruckenden, medizinisch dokumentierten Fallbeispielen, eine zunehmende Zahl von wissenschaftlichen Studien respektabler Qualität legen nahe: Diese sonderbare Heil­weise kann

- die Chance auf Heilung, oder zumindest auf Linderung, beträchtlich er­höhen;

- das Risiko von Rückfällen senken;

- Nebenwirkungen konventioneller Therapien lindern;

- die Lebenserwartung erhöhen;

- Allgemeinbefinden und Lebensqualität verbessern;

- sie ist mit jeder ärztlichen Maßnahme verträglich,

- frei von schädlichen Nebenwirkungen,

- vergleichsweise preiswert.


Wäre “Geistiges Heilen” ein patentierbares Medikament - es hätte daher längst die Zulas­sung.


Dass Geistiges Heilen hilft, bestreitet ernstlich niemand mehr, nicht einmal der hartgesottenste Schulmediziner. Strittig ist, warum es hilft. Skeptiker führen “geistige” Behandlungserfolge vorzugsweise auf bekannte psychosomatische Effek­te eines starken Glaubens an Heilung zurück - und werden dem Phänomen da­mit nicht gerecht. Ist Geistiges Heilen tatsächlich bloß ein Placebo, sozusagen ein Schein­medikament ohne wirksame Inhaltsstoffe, das nur dem hilft, der da­ran glaubt: so ähnlich wie eine Zuckerpille oder eine Spritze, die nur Koch­salz­lösung enthält?


Im Heileralltag ist das kaum zu entscheiden. Denn hier spielen natürlich immer auch viele psychologische Faktoren mit: die Wahrnehmungen, Überzeugungen und Erwartungen des Patienten; die Suggestionen des Heilers, sein Cha­risma, sein Erscheinungsbild, die Art und Weise, wie er mit dem Patienten kommuniziert, die Umgebung, in der er ihn empfängt. Und mit Sicherheit ist all das der Heilung förderlich - wie übrigens auch in der Praxis von Ärzten und Psycho­therapeuten.


Die spannende Frage lautet: Ist das schon alles, was hinter Geistigem Heilen steckt? Wer den Forschungsstand kennt, zögert mit einem Ja; denn dieser lässt vermuten, dass neben psychologischen auch bisher unbekannte physikalische Fak­to­ren mitspielen. Erstens deutet eine wachsende Zahl von Studien darauf hin, dass manche Heiler auch dann Wirkungen erzielen, wenn Patienten gar nicht wissen, ob und wann sie behandelt werden – zum Beispiel bei Angina Pec­to­ris und anderen Herzleiden, bei Schmerzen, bei unerfülltem Kinder­wunsch, bei Aids in fortgeschrittenem Stadium. Darüber hinaus legen Dutzen­de von Labortests nahe, dass manche Heiler auch Tiere und Pflanzen beeinflussen können, Pilze und Bakterien, isolierte Zellen, Enzyme, DNS, ja sogar Kri­stalle, Wasser­proben und anderes anorganisches Material – also Objekte, denen wir schwer­lich zutrauen würden, dass sie für Suggestionen anfällig sind und dazu neigen, auf Placebos hereinzufallen. Auch wenn es einem Teil dieser Stu­dien an methodologischer Qualität mangelt - z.B. fehlende Replikation, fehlende statistische Auswertung, fehlende Rando­misierung, kein Kontroll­grup­pen­vergleich, keine oder bloß teilweise Verblin­dung, Veröffentlichungen ohne peer review -, liefern sie doch vielversprechende erste Anhaltspunkte, die eingehendes Nach­forschen verdient hätten.


Keine Frage: Jede einzelne Behauptung der vorherigen Abschnitte bedürfte der eingehenden Dis­kussion, detaillierter Belege und umfangreicher Quellen­angaben. Weil ich mich darum in vielen anderen Büchern bemüht habe, bitte ich um Nachsicht, wenn ich hier vollständig darauf verzichte. Im Folgenden konzentriere ich mich vielmehr auf eine einzige Frage: Gesetzt der Fall, Geistiges Heilen wäre tatsächlich eine echte, effektive Behand­lungsweise: Darf Patienten infolgedessen geraten werden, sich darauf einzulassen?


Eine Therapie ist nie besser als ihre Anwender. Mangelt es diesen an Qualität, so bleibt ihr Potential ungenutzt. Eben dies ist beim Geistigen Heilen zunehmend der Fall. Im ganzen Rest meines Buchs geht es darum, Symptome und Ursachen dieses Missstands aufzuzeigen - und darzulegen, was für Hilfe­suchende daraus folgt. Ausgangspunkt ist die Frage: Wie finden Sie einen guten Heiler?


Dieser Text enthält die ersten Abschnitte des Vorworts zu Harald Wiesendanger: Heilen ‚Heiler? Ein Wegweiser für Hilfesuchende (2008, 4. Aufl. 2011).





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