• Dr. Harald Wiesendanger

„Unheilbar“ – Wenn ein Wort zum Hammer wird

Manchmal genügt ein einziges Wort, um ein Gegenüber mit der Wucht eines Vorschlaghammers zu treffen. Die ärztliche Einschätzung, eine Heilung sei ausgeschlossen, zählt dazu.



Falls mir ein Arzt eines Tages eröffnet, meine Erkrankung sei „unheilbar“: Wie ginge ich damit um? Verharre ich in Schockstarre? Falle ich psychisch ins Bodenlose? Gebe ich auf?


Statt zu verzweifeln, würde ich seine Äußerung hinterfragen. Er sagt: Er kenne keine effektive Behandlungsweise mehr, seine Mittel reichen nicht aus.


Aber wie steht es mit anderen?


„Da kann ich Ihnen leider keine Hoffnung machen“, erwidert er vermutlich. „Die Möglichkeiten der Medizin sind in Ihrem Fall ausgeschöpft.“


Welche Medizin meint er? Die konventionelle, die er sich während seines Studiums angeeignet hat? Sie kennt 30'000 Krankheiten, aber nur einem Drittel davon kommt sie vollständig bei oder kann sie zumindest lindern. An Grenzen – ihre Grenzen – stößt sie, trotz eines immer gigantischeren technischen und finanziellen Aufwands, bei einer Vielzahl von chronischen Leiden, mit denen Expertenschätzungen zufolge allein in Deutschland über mindestens zwanzig Millionen Menschen leben müssen.


Was bei Betroffenen aber selbst dann noch möglich ist, belegen verblüffende Behandlungserfolge in den Therapiecamps meiner Stiftung Auswege ebenso wie in den Praxen von Therapeuten, die dem “Auswege”-Netzwerk (IVH) angehören: sei es bei Multipler Sklerose oder fortgeschrittenem Krebs, bei Allergien, bei Tinnitus, bei Stoffwechselstörungen, bei vermeintlich „therapieresistenter“ Epilepsie oder Fibromyalgie, bei rheumatischen Leiden, bei Lähmungen und anderen körperlichen Behinderungen, bei schweren psychischen Erkrankungen wie chronischen Depressionen, Ängsten, Autismus. Und noch in jedem unserer Therapiecamps konnten wir aus nächster Nähe mitverfolgen, wie segensreich ganzheitliche, spirituelle, energetische Ansätze gerade in vermeintlich „ausweglosen“ Fällen wirken können. Aus Erfahrung wissen wir: Es gibt keine unheilbaren Krankheiten – nur unheilbare Patienten.


Aber ist weniger als Heilung nie genug? Auch bei „Auswege“-Therapeuten werden die wenigsten Hilfesuchenden vollständig symptomfrei. Doch erstaunlich häufig lassen Beschwerden nach; verbessern sich psychische Verfassung, Allgemeinbefinden und Lebensqualität; werden Medikamente und belastende Therapien besser vertragen; wachsen Fähigkeit und Bereitschaft, die eigene Erkrankung anzunehmen: als Signal, als Lektion, als Weg, als Chance.


Wie human verfährt ein Arzt, der Schwerkranke nötigt, in seinem Sinne „vernünftig“ zu sein - und zu resignieren?


Ein Arzt, der mich für „unheilbar krank“ erklärt, meint darüber hinaus in der Regel: „Ich kann nichts mehr für Sie tun.“ Doch selbst wenn seine fragwürdige Prognose zuträfe, Heilung oder auch nur eine Besserung sei in meinem Fall ein für allemal ausgeschlossen, liegt er mit einer solchen Bemerkung falsch. Selbst für Sterbenskranke, für Todgeweihte könnte ein Arzt durchaus immer etwas tun – mit etwas Empathie und der Bereitschaft, sich Zeit zu nehmen. Gerade dann, wenn das kurative Potenzial aller verfügbaren Therapien ausgeschöpft ist, beginnen einige der anspruchsvollsten ärztlichen Aufgaben: die Fürsorge, das Vermitteln von Sinn, die liebevolle Zuwendung, das einfühlsame Begleiten bis zum letzten Atemzug. Auch insofern handeln viele „Auswege“-Therapeuten vorbildlich – sie machen die Humanmedizin humaner.


Wie human verfährt andererseits ein Arzt, der Schwerkranke nötigen will, in seinem Sinne „vernünftig“ zu sein? "Damit müssen Sie sich abfinden", so bekommen Betroffene dann zu hören; bei einer lebensbedrohlichen Erkrankung wird ihnen, statistisch sauber und menschlich unterkühlt, sogar vorgerechnet, "wieviel Zeit Ihnen noch bleibt". Solche entmutigenden Äußerungen, zumal aus dem Mund von Ärzten, sind verantwortungslos. Sie deprimieren, rauben jegliche Hoffnung, zerstören Lebensqualität. Bei Betroffenen richten sie oft schlimmeren seelischen Schaden an, als es ihrer Erkrankung je gelänge. Der ärgste Schmerz, die fürchterlichste Entstellung, die schwerste Behinderung kann immer noch leichter zu ertragen sein als der Verlust jeglicher Zuversicht, es könnte eines Tages doch noch eine Wende zum Besseren eintreten. So werden medizinische Prognosen letztlich zu Prophezeiungen, die sich selbst erfüllen, ähnlich der Unfallvision des Wahrsagers oder der Warnung des Charttechnikers vor "Widerständen" bei Aktienkursentwicklungen.


"Hoffnung", so meinte der Philosoph Arthur Schopenhauer einst aufklärerisch, sei "die Verwechslung des Wunsches nach einer Begebenheit mit ihrer Wahrscheinlichkeit" - und verkannte dabei, dass Begebenheiten um so wahrscheinlicher werden, je beharrlicher sich Hoffnung auf sie richtet. Ist es nicht besser, eine Kerze anzuzünden, als bloß zu konstatieren, wie dunkel es ist? Unbeirrbarer Optimismus ist eine weithin unterschätzte therapeutische Größe, die mitentscheidet, welchen Verlauf eine Erkrankung nimmt. Wer um seine Gesundheit kämpft, kann verlieren, zugegeben. Doch wer nicht kämpft, hat schon verloren.


Dem Münchner Komiker Karl Valentin wird das Bonmot zugeschrieben: „Prognosen sind immer heikel – besonders wenn sie die Zukunft betreffen.“ Wenn ein Arzt sich zur Vorhersage hinreißen lässt, für mich gebe es keinen therapeutischen Ausweg mehr, versagt er mehrfach: Er entmutigt. Er verweigert sich. Und er verschweigt Chancen, um die er wissen müsste. Das Phänomen der „Spontanremission“ legt nahe: Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist.


Die Statistik des „Wunders“


Als "Spontanremission" bezeichnen Mediziner eine Genesung (lat. remittere = sich erholen) ohne erkennbare äußere Ursache, insbesondere ohne dass eine anerkannte Therapie stattfand - sozusagen von selbst. (Das lateinische Wort sponte bedeutet wörtlich "aus eigenem Willen", "von innen heraus".) Obwohl von Ärzten seit über einem Jahrhundert dokumentiert (1), waren Spontanremissionen in der Medizin bis vor kurzem ein Tabuthema: Weil vorherrschende Lehrmeinungen sie nicht erklären konnten, wurden sie schlichtweg als Phantom abgetan, als Produkt unseriöser Sensationsmeldungen, und auf Fehleinschätzungen der Patienten oder Diagnoseirrtümer der behandelnden Ärzte zurückgeführt.


Einen Stimmungsumschwung leitete erst das Jahr 1974 ein: mit einer ersten wissenschaftlichen Konferenz über Spontanheilungen bei Krebs in Baltimore, USA. Seither haben sich größere Forschungsprojekte des Phänomens angenommen. Übereinstimmend gelangten sie zum Ergebnis, dass es in der Unmenge von berichteten Spontanheilungen tatsächlich einen harten Kern gibt, an dessen Echtheit und Glaubwürdigkeit kein vernünftiger Zweifel besteht.


Pionierarbeit leistete dabei die amerikanische Biochemikerin Caryle Hirshberg vom Institute of Noetic Sciences in Kalifornien: Gemeinsam mit ihrem Kollegen Brendan O´Regan - er starb bald darauf an einem malignen Melanom, bösartigem Hautkrebs - durchforstete sie nahezu die gesamte medizinische Weltliteratur der vorangegangenen 120 Jahre nach medizinisch unerklärbaren Heilungen. Dabei stieß sie auf rund 4000 Fälle aus 20 Ländern, davon 1051 Spontanremissionen bei Krebs. (2) (Fünfzig besonders überzeugende Fälle stellte sie in ihrem Buch "Unerwartete Genesungen" vor.) (3) Als die Deutsche Krebsgesellschaft im April 1997 zu einem vielbeachteten Symposium über "Spontanremissionen bei Krebserkrankungen" nach Heidelberg lud, gehörte Caryle Hirshberg zu den Stargästen.


Bei derselben Veranstaltung machte eine deutsche Forschergruppe um Professor Dr. Walter Gallmeier und dem Oberarzt Dr. Herbert Kappauf auf sich aufmerksam, die am Klinikum Nürnberg seit 1990 unerwartete Heilungen bei Krebspatienten erforschte. (4) "Unser wichtigstes Anliegen ist zu zeigen, dass diese Phä­nomene real sind", erklärte Kappauf. Aus seiner stattlichen Fallsammlung stellte er 20 gutdokumentierte Beispiele vor, für welche die Schulmedizin keine plausible Erklärung anbot.


Doch auf eine Spontanheilung zu hoffen, so der Tenor des Heidelberger Symposiums, sei für Betroffene müßig. Denn allenfalls bei einem unter 60.000 bis 100.000 Krebspatienten trete eine solche Remission auf. Das wären gerade mal 0,001 Prozent.


Auf Hilfesuchende wirken solche Statistiken niederschmetternd: Bedeuten sie nicht, dass unter mehreren zehntausend Menschen, die schwerkrank und von Ärzten aufgegeben in „alternative“ Heilweisen ihre letzte Hoffnung setzen, am Ende bloß ein einziger nicht enttäuscht wird? Wenn beispielsweise alle 340’000 Deutschen, die jedes Jahr neu an Krebs erkranken, einen Heiler aufsuchen würden - fänden dann gerade mal drei bis vier von ihnen durchschlagende Hilfe? Und steht nicht zu befürchten, dass die Erfolgsbilanzen „alternativer“ Therapeuten bei anderen Erkrankungen kaum besser ausfallen, sobald ihnen mit wissenschaftlicher Akribie auf den Grund gegangen wird?


Man kann Patienten gar nicht eindringlich genug davor warnen, solche Zahlenspielereien allzu ernst zu nehmen - und sich von ihnen entmutigen zu lassen. Deren Datenbasis ist nämlich dünn: Sie besteht nur aus Fallschilderungen, die in den wichtigsten onkologischen Fachzeitschriften veröffentlicht werden; das sind jährlich nicht mehr als ein paar Dutzend. Doch wieviele Spontanheilungen bleiben unpubliziert - etwa weil der behandelnde Arzt sie nicht dokumentierte; weil er keine Redaktion fand, die seinen Bericht haben wollte; weil ihm die Zeit zur Auswertung und Veröffentlichung fehlte; oder weil sich der Patient außerhalb ärztlicher Aufsicht und Aufmerksamkeit erholte?


Hinterfragen sollten Patienten vor allem die angelegten Maßstäbe: Inwieweit taugen sie als Entscheidungshilfen? Als "spontan" erkennen Mediziner eine Heilung nur an, wenn sie durch eine aktuelle Diagnose gesichert ist und sich innerhalb eines Zeitraums ereignete, in dem keinerlei therapeutische Maßnahmen stattfanden, die nach gegenwärtigem medizinischem Erkenntnisstand wirksam sein könnten. Solche Kriterien benötigt die Forschung, um "reine" Fälle zu isolieren - aber benötigt sie der Patient? Für seine Urteilsbildung sind sie unrealistisch streng: Denn bei einem Großteil derer, die bei Geistheilern Hilfe suchen, liegt die letzte ärztliche Untersuchung schon Monate, wenn nicht Jahre zurück. Und vernünftigerweise schlägt kaum einer von ihnen, während er sich geistig behandeln lässt, jegliche sonstigen therapeutischen Chancen aus. Die bisherige Spontanremissionsforschung gleicht dem Fischer, der kaum etwas fängt: nicht weil es, wie er glaubt, zuwenig Fische gibt, sondern weil er Netze mit fehldimensionierter Maschengröße durchs Meer zieht.


In einem vergleichbaren Zustand befindet sich die Medizinforschung über die "Wunder"heilungen von Lourdes. Unter den drei bis vier Millionen Pilgern, die jedes Jahr in den berühmten Marienwallfahrtsort am Fuße der französischen Pyrenäen pilgern, vermuten Experten 30’000 bis 60’000 Kranke. Lächerlich gering scheint demgegenüber jene Zahl von rund 70 "Wunderheilungen" zu wiegen, die von der Kirche bislang offiziell abgesegnet wurden, nachdem ein internationales, aus dreißig Ärzten bestehendes Komitee sie gründlich durchleuchtet hat. Um Anerkennung zu finden, muss ein Fall strengsten Anforderungen genügen, die schon 1734 von Kardinal Lambertini, dem späteren Papst Benedikt XIV., in einem Kanon festgelegt wurden: Die Heilung muss plötzlich, unvorhersehbar, vollständig und ohne Rückfall erfolgt sein; das Leiden muss lebensbedrohlich und organischen Ursprungs gewesen sein; es muss gänzlich ausgeschlossen werden können, dass es nicht ärztliche Behandlung war, die zum Erfolg führte. Die Heilung muss "die Kräfte der Natur übersteigen, eine Umkeh­rung der Naturgesetze bedeuten und wissenschaftlich unerklärbar sein".


Kranke Pilger stützen ihre Hoffnungen zurecht auf andere Zahlen und Kriterien: In der Geschichte von Lourdes sind dem örtlichen Bureau Medical immerhin über 6’000 Heilungen gemeldet und dort registriert worden. Dass ihnen die Anerkennung letztlich versagt blieb, spricht nicht unbedingt gegen ihre Glaubwürdigkeit. Denn wieso soll sich ein "Wunder" nicht auch langsam, bloß teilweise, bei Leiden ohne erkennbare organische Ursache und von Rückfällen begleitet vollziehen? Warum soll es unangebracht sein, auch dann von einem "Wunder" zu sprechen, solange ein Leben nicht akut bedroht ist? Wieso, wundern sich Gläubige, sollten Spontanremissionen nicht auf nachvollziehbaren biologischen Vorgängen beruhen und Naturgesetzen folgen dürfen? Erweist sich die Macht Gottes denn erst in Verstößen gegen die Weltordnung, die er schuf? Viele Kranke melden in Lourdes eine positive Wende gar nicht erst, zumal dann nicht, wenn sich diese - und das ist die Regel - erst längere Zeit nach ihrer Rückkehr abzeichnet: sei es aus Bequemlichkeit, aus dem entmutigenden Wissen um die strengen ärztlichen Prüfungskriterien oder in der (möglicherweise irrigen) Meinung, eine vorausgegangene oder begleitende Therapie habe die Besserung herbeigeführt.


Solange die Medizinforschung nicht mit brauchbareren Entscheidungshilfen aufwarten kann, orientieren sich Patienten besser an Patienten: an persönlichen Eindrücken und Erfahrungen, welche Betroffene selbst sammelten, nachdem sie sich auf die „andere“ Medizin eingelassen haben. Zu finden sind sie beispielsweise unter jenen Tausenden von Hilfesuchenden, denen die Stiftung Auswege im vergangenen Jahrzehnt erfahrene, seriöse Therapeuten vermittelte – und unter jenen Hunderten, die ihre Therapiecamps besuchten. „Ob ich wieder gesund werde, weiß ich nicht“, sagte uns ein Campteilnehmer beim Abschied. „Aber ich weiß endlich wieder, dass ich eine Chance habe.“ Mit der Wucht des Hammers, der mit der „Unheilbar“-Prognose seines Arztes auf ihn niederging, reißt er die Mauer der Ausweglosigkeit ein.

(Harald Wiesendanger)

Dieser Betrag stammt aus dem Buch von Harald Wiesendanger: Auswege – Kranken anders helfen (2015).

Anmerkungen

1 Schon im Jahre 1918 beschrieb Rohdenburg 185 beobachtete Spontanremissionen („Fluctuations in the growth energy of tumors in man, with especial reference to spontaneous recession“, Journal of Cancer Research 3/1918, S.193-225); Fauvet berichtete über 202 Fälle zwischen 1960–1964 („Spontaneous cancer cures and regressions“, Revue du Practicien 14/1964, S. 2177–2180); Boyd stellte 1966 über 98 Fälle vor (The spontaneous regression of cancer, Springfield Ill. 1966); Cole und Everson berichten von 176 Fällen im Zeitraum von 1900–1960 (W.H. Cole: „Spontaneous regression of cancer and the importance of finding its cause“, National Cancer Institute Monographies 44/1976, S. 5-9; Cole WH, Everson TC: Spontaneous Regression of Cancer, Philadelphia, PA. 1966; „Spontaneous Regres­sion of Cancer: Preliminary Report“, Annals of Surgery 144/1956, S. 366–380); Challis präsentierte 489 Fälle aus den Jahren 1900-1987 („The spontaneous regression of cancer. A review of cases from 1900 to 1987“, Acta Oncologica 29/1990, S. 545–550).

2 Brendan O´Regan/Caryle Hirshberg: Spontaneous Remission - An Annotated Bibliography, Institute of Noetic Sciences, Sauso­lito 1993; darin berichten sie über 1385 Spontanremissionen bei Krebs im Zeitraum zwischen 1900 und 1987.

3 Caryle Hirshberg/Marc Ian Barasch: Unerwartete Genesung - Die Kraft zur Hei­lung kommt aus uns selbst, München 1995.

4 Zwischenergebnisse veröffentlichten Walter Gallmeier und Herbert Kappauf 1995 in ihrem Buch Nach der Diagnose Krebs - Leben ist eine Alternative, Freiburg 1995; s. auch Herbert Kappauf: Wunder sind möglich - Spontanheilung bei Krebs. Freiburg 2003; Manfred E. Heim/Reinhold Schwarz (Hrsg.): Spontanremissionen in der Onkologie. Schattauer, Stuttgart 1998.

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