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  • Dr. Harald Wiesendanger

Der gläserne Doc

Aktualisiert: 27. Feb. 2023

Was für Arzneimittelhersteller am Arzt letztlich zählt, ist sein „Verschreibungswert“: Wie emsig stellt er Rezepte aus? Aber woher wissen Pharmareferenten das überhaupt, ehe sie ihm zum ersten Mal auf die Pelle rücken? Wie finden ihre Auftraggeber heraus, bei welchen Ärzten sich die Mühsal des Anbaggerns lohnt? Durchblick verschaffen gigantische Datenbanken, anzuzapfen gegen horrende Gebühren. Durchblick verschaffen dubiose Datenbanken, zugänglich gegen horrende Gebühren.



Woher weiß Big Pharma, welchen Arzt ihre Abgesandten worauf ansprechen müssen? Wie sie ihn einfangen, bei der Stange halten und motivieren können? Woher kennen sie seinen „Verschreibungswert“, den Prescribing Value, kurz PV? (1)


Dazu bedarf es keiner Wanzen, keiner Lauschangriffe, keiner eingeschleusten Spione. Durchblick verschaffen Firmen wie IQVIA, ein monströser, weltweit agierender Unternehmensdienstleister mit Stammsitz in Durham, North Carolina. Mit 79.000 Mitarbeitern, verteilt auf über hundert Länder, erzielt er einen Jahresumsatz von knapp 14 Milliarden US-Dollar. (2)


Dieser Goliath steht auf zwei Beinen. Zum einen hat es Iqvia zur weltweit größten Contract Research Organisation (CRO) gebracht; als solche betreibt sie klinische Auftragsforschung für die Pharma-, Biotech- und Medizingeräte-Industrie. Zum zweiten fungiert sie als beinahe allwissender Beschaffer jeglicher Art von Informationen, die für Medizinmarketing von Bedeutung sein könnten. Seine Datenpools, 56+ Petabytes umfassend, gelten branchenintern als pures Gold, so gut wie jeder Pharmakonzern greift darauf zu. (3)


Eine Goldgrube namens IQVIA


Dabei heißt „Iqvia“ erst so, seit der Firmenvorläufer Quintiles im Oktober 2016 einen 17,6 Milliarden Dollar teuren merger mit einer Geistesverwandten vollzog: der umstrittenen Marktforschungsfirma IMS Health, dem damals weltweit führenden Lieferanten von Informationen über ärztliches Verschreibungsverhalten sowie zu Verkaufszahlen von Arzneimitteln. (4) Mit jährlich 45 Milliarden Daten über „Transaktionen im Gesundheitswesen“, die 14.000 Mitarbeiter zusammentrugen oder anderswo einkauften, dann auswerteten und aufbereiteten – davon über 300 in der deutschen Zentrale in Frankfurt am Main -, setzte IMS pro Jahr 2,6 Milliarden Dollar um. (5) Nach eigenen Angaben erfasste IMS „85 Prozent der weltweiten Verschreibungen“ und bot „annähernd 400 Millionen umfassende Langzeitberichte über Patienten“. (6) Zu ihren Kunden zählten die Top 100 der Pharma- und Biotech-Branche. Ab April 2014 wurden IMS-Aktien an der New Yorker Börse gehandelt.


Wie überaus kostbar diese Schätze für Big Pharma sind, lassen die verlangten Preise erahnen. Um auch nur einen elektronischen Zugang zu einer von rund 40 angebotenen Datenbanken zu erhalten – der „IMS DPM“, die minutiös Verkaufszahlen und Umsätze jedes einzelnen Medikaments auflistete -, wurden 40.000 bis 60.000 Euro pro Jahr fällig.


Was IMS Health konnte, kriegt Iqvia erst recht hin. Seine „OneKey“-Datenbank verschafft minutiöse Verhaltens- und Einstellungsprofile von 14,3 Millionen Heilberuflern in über hundert Ländern, darunter 2,1 Millionen prescribers; präzise erfasst sie Verschreibungs- und Überweisungsverhalten von niedergelassenen und Klinikärzten. Wer Iqvias Service nutzt, weiß genauestens, wie viele Rezepte über welche Wirkstoffe welcher Marken ein Arzt welchen Patienten mit welcher Indikation ausstellt, welche Therapieentscheidungen er trifft oder eher vermeidet. Er kennt „Arztcharakteristika und Praxismuster“, wie Iqvia hervorhebt. Er weiß, wie rasch oder zögerlich ein Arzt „neue“ Behandlungsweisen einsetzt, von altbewährten Mitteln auf „Innovationen“ umsteigt, Originalpräparate oder Generika bevorzugt.


Ein Iqvia-Service namens „Patient Journey“ zeichnet „die Reise des Patienten von der Diagnose zur Therapie“ nach, insbesondere „die Rollen der mitwirkenden Ärzte“.


Ein weiterer Dienst, „Expert Profiling“, hilft Unternehmen einzuschätzen, wie wertvoll ein Arzt fürs Marketing sein könnte; er analysiert dessen „wissenschaftlichen, indikationsspezifischen Footprint“, messbar „zum Beispiel an Publikationen, klinischen Studien, Kongressaktivitäten“.


So „können Sie Ihre Marketingmaßnahmen punktgenau ausrichten und entscheiden, wen Ihre Botschaften erreichen“, versichert Iqvia auf seiner Homepage.


Und natürlich gibt es auch Tools, mit denen sich „die Außendienst-Performance messen“ lässt – was taugt der Pharmareferent?


Gnadenlos ausgespäht


„OneKey“ knüpft an einen noch von IMS Health entwickelten Datenpool an: ScripTrac, welches mittlerweile der US-Unternehmensdienstleister Medacist fortführt. Auch hiermit bot IMS „Informationen zur treffsicheren Arztbeschreibung“ – einschließlich Namen und Adressen von über 31.000 niedergelassenen Ärzten in Deutschland, also jedem dritten. (7) Gefüttert wurde „ScripTrac“ zum Teil mit den Einträgen aus Formularen, die Ärzte einmal pro Jahr gegen Honorar ausfüllten. Sage und schreibe 600 Fragen erkundeten nicht nur das Verschreibungsverhalten, sondern auch die Patientenstruktur der Praxis, ihre Organisation, ja sogar Interessenschwerpunkte, Einstellungen und Charakterzüge. So bekundete der ausgespähte Arzt auf einer fünfteiligen Skala - von 1: „stimme nicht zu“ bis 5: „stimme völlig zu“ -, inwieweit er mit Aussagen einig geht wie: „Ich habe gerne viele Leute um mich“, „Ich probiere etwas Neues aus, auch wenn mal ein kleines Risiko dabei ist“, „Ich habe Spaß, mich mit neuen Theorien und neuen Ideen zu beschäftigen“, „Wenn ich Erfolg habe, möchte ich das auch nach außen zeigen“, „Das Ansehen, das man als Arzt genießt, ist mir wichtig“, „Es gelingt mir meistens, andere von meiner Meinung zu überzeugen“.


ScripTrac steht für „Prescription Tracking“: das Nachverfolgen ärztlicher Verschreibungen, mit geradezu erkennungsdienstlicher Tiefenschärfe. Welcher Arzt stellte welche Rezepte aus, wie oft, wofür? Verordnet er Pharmazeutika besonders häufig, durchschnittlich oft oder eher selten? Welche Originale, welche Generika? Über welchen Zeitraum? Wie rasch ab Markteinführung einer „Innovation“ begann er sie zu verordnen? Bei welchen Indikationen? Verschrieb er ein bestimmtes Medikament ausschließlich für zugelassene Anwendungen, oder auch darüber hinaus, off label? Wie weit ging er dabei? Bevorzugte er Präparate bestimmter Hersteller? Solche aufschlussreichen Einblicke schätzt die Pharmaindustrie dermaßen, dass sie kein noch so dreistes Preisschild abschreckt.


Entsprechend heiß umkämpft ist der Markt. Mit Iqvia und Medicast wetteifern etliche weitere Serviceunternehmen, die meisten mit mehreren hundert bis tausend Mitarbeitern und Umsätzen mindestens im dreistelligen Millionenbereich. Sie tragen Namen wie Dendrite – seit 2007, nach einer Übernahme, Cegedim Dendrite -, SDI Health und Wolters Kluwer. Der älteste Arztdatenhändler, Medical Marketing Service (MMS), agiert von Schaumburg, Illinois aus seit 1929. Manche bieten Zusatzleistungen wie E-Mail-Marketing; spezielle Software, welche die Performance der Außendienstler ebenso einschätzen hilft wie den Ertrag bestimmter Maßnahmen zur Verkaufsförderung; oder Statistiken darüber, wonach ein Arzt im Internet suchte, wie oft er beispielsweise die Website eines bestimmten Pharmaunternehmens besuchte. Manche beschränken sich auf den Hauptmarkt USA, andere verschaffen Einblicke in viele weitere nationale Märkte. Manche konzentrieren sich auf niedergelassene Ärzte, andere beziehen auch Kliniken, Heime, Apotheken ein. Doch eines verbindet sie alle: ihr Kerngeschäft, das Bereitstellen von Daten, Daten, Daten.


Woher stammen die Daten?


Woher die Daten stammen, lässt sich großteils bloß erahnen. Die meisten Quellen liegen im Dunkeln, die Anbieter hüten sie wie einen Goldschatz, und das ist er auch.


Zumindest eine Hauptquelle ist allerdings seit langem hinlänglich bekannt: die älteste und größte Standesvertretung der US-amerikanischen Ärzteschaft, die American Medical Association (AMA). Ihre Ärztedatenbank, das Physician Masterfile, gilt weithin als die ausgefeilteste der Welt. Sie bietet demografische Angaben über sämtliche 900.000 US-Ärzte, lebende wie verstorbene, AMA-Mitglieder wie Nichtmitglieder, praktizierende und im Ruhestand befindliche. Und damit betreibt die AMA ein einträgliches Geschäft: Allein im Jahr 2005 verdiente sie daran 44,5 Millionen Dollar. (8) Die allererste Nutzungslizenz vergab sie bereits im Jahr 1929 – an MMS.


Datenschutz pflegt man in Amerika eher locker zu handhaben. Aber selbst dort nahmen seit der Jahrtausendwende die Widerstände gegen den ausufernden Datenhandel zu. Im Jahr 2006 verbot New Hampshire den Verkauf von Verschreibungsdaten zu kommerziellen Zwecken (9), weitere Bundesstaaten folgten inzwischen diesem Beispiel. Daraufhin sah sich die AMA veranlasst, ein offizielles „Prescribing Data Restriction Program“ zu beschließen. (10) Seither können US-Ärzte auf einer AMA-Website per Online-Formular Widerspruch dagegen einlegen, dass ihre Daten an Reps und ihre Firmen weitergegeben werden.


Doch weiterhin floriert das Datenbusiness prächtig. Denn der AMA liegt daran, dass Verschreibungsdaten nach wie vor „für nutzbringende Zwecke“ verfügbar bleiben, zum Beispiel „für evidenzbasierte medizinische Forschung, zum Strukturieren von klinischen Studien, für wirksame Arzneimittelrückrufe, zur Abschätzung von Nutzen und Risiken nach erfolgter Zulassung und für viele weitere Zwecke“. (11) Und irgendeiner dieser Zwecke findet sich für clevere Datenbeschaffer weiterhin immer. Das erklärt, dass Reps heutzutage kein bisschen weniger als Jahrzehnte zuvor im Bilde darüber sind, wie das Verschreibungsverhalten von Ärzten aussieht.


Zudem stellt der Datenschatz ärztlicher Standesorganisationen nur eine Quelle unter mehreren dar. Die Analysekunst besteht darin, sie mit dem zu verknüpfen, was andere liefern. So verfügte IMS Health über Protokolle von über 70 Prozent aller Rezepte, die in Apotheken eingelöst wurden. Die Namen von Patienten sind darin zwar anonymisiert. Trotzdem lassen sich die verschreibenden Ärzte ausfindig machen, auch wenn sie darin nicht namentlich auftauchen - nämlich über ihre staatliche Lizenzierungsnummer, einen von der US-amerikanischen Drogenvollzugsbehörde (DEA) zugeteilten Code ( „Drug Enforcement Administration Number“) oder einen „Identifier“, den jede Apotheke vergibt. (12)


Aber woher wissen Reps vorab, noch ehe sie erstmals eine Praxis betreten, darüber hinaus genauestens Bescheid über Einstellungen, Gewohnheiten, Interessen, Vorlieben des besuchten Arztes?


Verräterische Surf-Spuren


Das Internet macht´s möglich. Auch Ärzte nutzen es, während der Arbeit wie auch in ihrer knappen Freizeit. Wie wir alle, so hinterlassen sie dabei aufschlussreiche Spuren, für die sich gewisse Unternehmen brennend interessieren. Auch solche Daten sammeln und speichern sie – und verkaufen sie meistbietend weiter. Davon leben sie, allen offiziellen Beteuerungen zum Trotz; ihr Geschäftsmodell beruht darauf. Ob eingetippte Anfragen in Suchmaschinen oder Bestellungen in Online-Warenhäusern, Aufrufe bestimmter Websites, das Liken gewisser Posts, das Folgen bestimmter Links, Eingaben in Chatrooms und Foren, das Downloaden von Dokumenten, Bildern und Filmen: In Hülle und Fülle liefert all dies den Stoff, aus dem sich beklemmend präzise Persönlichkeitsprofile erstellen lassen. Dem professionell vorbereiteten Rep des 21. Jahrhunderts liegen sie selbstverständlich vor.


Weitere Daten liefern manche Ärzte unentwegt online, oft freiwillig, manchmal auch unwissend. Praxissoftware, die sie sich von Pharmafirmen schenken lassen, leitet über eine installierte Schnittstelle Verschreibungsdaten zu Analysezentren (13); von dort geraten sie auf die Monitore der auftraggebenden Konzerne, schließlich erscheinen sie auf den Laptops der Vertreter. Die sind folglich bestens vorbereitet: Im voraus wissen sie, wo anzusetzen ist.


Auch kommt es vor, dass dem Arzt die Dienste eines „Sachverständigen für ärztliche Abrechnung“ ans Herz gelegt werden. Das Angebot: Der Arzt kopiert seine sämtlichen Patientendaten auf einen Stick, den der Pharmareferent an einen Firmenmitarbeiter weiterleitet; dieser erteilt dem Arzt daraufhin unentgeltlich Tipps, wie sich Abrechnungskosten senken lassen. Eine Kontrolle, was letztlich mit den Daten geschieht, gibt es nicht. Recherchen des Spiegel förderten 2012 diese krasse Verletzung des Arztgeheimnisses zutage. (14)


Am Horizont: der RoboDoc als industriegesteuerter Vollzugshelfer


Es gehört wenig Phantasie zur Prognose, dass in Kürze Daten auch in Gegenrichtung fließen – von Iqvia-Rechnern auf Praxis- und Klinikcomputer. Es wird so kommen, weil die Medizin dabei ist, ins Zeitalter der Digitalisierung einzutreten. Während es über die Arbeitswelt hereinbricht, entmündigt es den praktizierenden Arzt, der empathische Heilkünstler endet als industriegesteuerter Vollzugshelfer, den die KI eines RoboDoc irgendwann überflüssig machen könnte. Denn einerseits soll der Arzt möglichst „evidenzbasiert“ handeln – andererseits besteht diese „Evidenz“ aus einer stetig anschwellenden Informationsmenge, die auch das brillanteste menschliche Hirn überfordert; jährlich kommen weltweit 9000 klinische Studien hinzu. Um Big Data auszuwerten und die richtigen Schlüsse daraus zu ziehen, bieten sich Dienstleister wie Iqvia an, dazu beauftragt von übermächtigen Industrien, welche Big Business wittern.


In die Zukunft sehen hilft der Wirtschaftsingenieur Frank Wartenberg, Iqvias Deutschland-Repräsentant und Vorsitzender einer „Bundesfachkommission Digital Health“, die „eine zukunftsfähige E-Health-Strategie für Deutschland entwickeln“ und „konkreten Nutzen für Big Data schaffen“ will. (15) Die Behandlungspläne des Arztes „werden stärker überprüfbar“, freut sich Wartenberg. „Denn je besser die Dokumentation über Therapieansätze und Behandlungen ist, desto besser lässt sich nachvollziehen, ob die richtigen Entscheidungen getroffen wurden.“


Dies mache Ärzten „verständlicherweise auch Angst“, räumt Wartenberg ein. „Die andere Seite ist die Vielfalt der Therapien. 300.000 Therapiealternativen hat heute ein Arzt für einen Krebspatienten. Vor 50 Jahren hat man noch „Erkrankungen des Blutes“ gesagt, heute unterscheidet man 200 verschiedene Blutkrebsarten. Die Vielfalt nimmt gigantisch zu, ebenso wie die Erkenntnisse und die Therapiealternativen. Das alles zu überblicken wird für Ärzte immer schwieriger, und dann die richtige Entscheidung zu treffen, ist nicht einfach. Dafür wird es Systeme geben, die Ärzten helfen können. Wenn der Patient z.B. bestimmte Eigenschaften hat, wenn man die Behandlungshistorie anschaut, dann kann man mit hoher Wahrscheinlichkeit abschätzen, ob eine bestimmte Therapie besser anschlägt als eine andere. (…) Die Ärzte werden sich auf Systeme verlassen müssen, die von anderen entwickelt und teilweise mit Inhalten gefüttert werden.“ (16)


Demnächst braucht ein Arzt bloß noch die ICD-verschlüsselte Diagnose eines Patienten sowie ein paar weitere personbezogene Daten einzugeben – Sekundenbruchteile später liefern ihm Algorithmen einen perfekt leitlinienkonformen, dem neuesten Stand der Wissenschaft entsprechenden Therapievorschlag. Da die „Evidenzen“ großteils aus pharmagesponserten Forschungsergebnissen bestehen, ist mühelos zu erahnen, wie der Vorschlag aussehen wird.


Vom Rep verschont: die „Forget-it-Praxis“


Schon heute verschaffen Datenpools wie „OneKey“ und „Scriptrac“ Pharmafirmen und ihren Abgesandten ein beklemmend genaues Bild jedes einzelnen erfassten Arztes. Der Medizinjournalist Hans Weiss fand darin Einträge wie (17)


- „Eine Forget-it-Praxis, klein, wenig innovativ, ohne ausgeprägte Praxisstärken, mit mittlerer bis niedriger Punktzahl, bevorzugt Generika.“


- „Allrounder, große, innovative Praxis, kein Interesse an Naturheilkunde, schwach bei Demenz und Gastro.“


- „Exzentriker, (…) verspricht viel, (…) probiert alles aus, Typ ‘Schmetterling‘, führt häufig Anwendungsbeobachtungen durch, reagiert mit überdurchschnittlichem Verordnungszuwachs.“


- „Vorsichtiger Introvertierter, (…) vermeidet Risiken, baut auf Gewohntes, wenig kommunikativ, (…) eher Nachzügler.“


Derart aufschlussreiche Konterfeis sollen „die Kommunikation zwischen Arzt und Hersteller bedarfsgerecht optimieren“, um „das Maximum an Wachstum herauszuholen“. Es eröffnet sich eine „neue Dimension, Arztprofile zu definieren und das Verordnungspotenzial auszuschöpfen“. (18)


Auf fünf Schubladen verteilt auch ein Topmanager von Eli Lilly die Ärzteschaft, je nach ihrem Verschreibungspotential, aber auch nach ihren charakterlichen Qualitäten. Seine Marketingpläne schneidet er auf zwei davon zu: „Überflieger“ (High Flyer) halten sich nicht an Regeln, probieren gerne neue Arzneien aus. „Sie neigen dazu, sehr aggressiv zu behandeln, mit sehr hohen Dosen und auch bei Anwendungsgebieten, die von der Behörde nicht zugelassen sind.“ „Konformisten“ (Rule Bound) hängen ihre Fähnchen nach dem Wind, und „meist verhalten sie sich sehr loyal gegenüber einer Marke“. (19)


„Fortbildungen“ zwischen Strand, Bordell und Casino


Vor allem gesellige Anlässe öffnen erfahrungsgemäß auch bei Halbgöttern in Weiß Ohren, Herz und Hirn. Industriegesponserte Reisen „schaffen gemeinsame Erinnerungen“, erklärt der frühere Geschäftsführer eines Pharmakonzerns den bestens bewährten Hintergedanken. „Auf Reisen kommt man Menschen näher, zu denen einem der Zugang sonst vielleicht verschlossen bleibt. Reisen schaffen Freiräume, man bewegt sich außerhalb des gewohnten Rahmens lockerer, und man entdeckt vernachlässigte Seiten seiner Persönlichkeit. Kurzum: Reisen können enthemmend wirken. Besonders wenn man ohne die bessere Hälfte reist.“


Offiziell heißen solche Ausflüge, die für eingeladene Ärzte komplett kostenlos sind, natürlich „Fortbildung“, und selbstverständlich gibt es auch eine offizielle Agenda. „Aber glauben Sie, wir fliegen die sonnenentwöhnten Ärzte um den halben Globus, um sie zwei Wochen lang in einem Seminarraum einzusperren, in dem es wieder nur Neonlicht gibt (...) und Tabellen mit endlosen Zahlenkolonnen an die Wand geworfen werden? (...) Nein, die Herren sollen ihren Spaß haben, und sie bekommen ihn. Der Strand ist nicht weit, Bordell und Spielcasino auch nicht. Wir sorgen dafür, dass es ein herrliches Erlebnis wird. Und es funktioniert - die eingeladenen Ärzte erinnern sich gern an uns und haben immer ein offenes Ohr, wenn unsere Vertreter bei ihnen klingeln. Sie setzen unsere Produkte bei ihren Patienten ab.“ (20)


Auch ein kulturelles Highlight wie etwa ein Musikfestival zieht - „von da an haben unsere Vertreter leichtes Spiel“. Sie bringen entstandene Schnappschüsse vorbei, die man gemeinsam betrachtet. Man schwärmt nochmals vom tollen Abend, „man tauscht kleine Anekdoten aus, man versteht sich prächtig - unsere Produkte abzusetzen ist jetzt überhaupt kein Problem mehr. Ganz ohne jeglichen Austausch sachlicher Informationen.“ (21)


Karnevalesk: „Beratender Ausschuss“ aus 19.000 Ärzten


Auch niedergelassene Ärzte – insbesondere, wenn sie in der Fachwelt durch fleißiges Publizieren, Rednertalent, hohe Verschreibungszahlen und einen besonders guten Ruf unter Kollegen aufgefallen sind – kommen vielfach in den Genuss jener Wohltaten, mit denen die medizinische Elite bedacht und eingewickelt wird: sei es als „Autoren“ und „Sprecher“, sei es als „Berater“. Wer meint, das könnten nur ein paar wenige sein, unterschätzt den Branchenbedarf an freien Mitarbeitern gewaltig: Der „beratende Ausschuss“ der Firma Forest etwa umfasste 2009 sage und schreibe 19.000 Mitglieder. (22) Wie eine australische Umfrage ergab, gehörte jeder vierte Facharzt binnen eines Jahres dem Beratungsgremium mindestens einer Pharmafirma an. (23)


Prima pflegt bei der Ärzteschaft auch die Offerte anzukommen, einen Vortrag zu organisieren: sei es fürs breite Publikum, sei es vor Fachkollegen. Das schmeichelt dem Arzt: Immerhin wird ihm zugetraut, seine medizinische Kompetenz, seinen gesammelten Erfahrungsschatz, sein rhetorisches Geschick öffentlich unter Beweis zu stellen. Und es nützt ihm, weil es seinen Bekanntheitsgrad erhöht, neue Kundschaft aufmerksam macht. Obendrein bleibt ihm jegliche Mühsal erspart: Um die Durchführung kümmert sich der Pharmavertreter.


Für Big Pharma findet dabei ein aufschlussreiches Schaulaufen statt: Wie sicher tritt der Arzt auf? Wie gut kommt er bei seinen Zuhörern an? Wie souverän geht er mit kritischen Fragen um? Bewährt er sich als Referent in kleinerem Kreis, bei einer lokalen Veranstaltung, so hat er sich für höhere Aufgaben qualifiziert. Er verdient sich Einladungen, bei Kongressen oder im Rahmen der ärztlichen Fortbildung aufzutreten, als offizieller „Speaker“, wenn nicht gar als „Keynote Speaker“. Gegen stattliches Honorar, versteht sich.



Anmerkungen

Näheres in Harald Wiesendanger: Das GesundheitsUNwesen – Wie wir es durchschauen, überleben und verwandeln, Kap. 6: „Dressierte Halbgötter“ und Kap. 7 „Nimmersatte Mietmäuler“.

1 Das Branchenmagazin Pharmaceutical Enquirer definiert diese Kennzahl als „eine Funktion der Gelegenheit zu verschreiben sowie der Einstellung dazu, plus äußere Einflüsse. Ärzteprofile, welche diese vielfältigen Dimensionen einbeziehen, ermöglichen es, das ‘Warum‘ hinter dem ‚‘Was‘ und ‚‘Wie‘ ärztlichen Verhaltens zu analysieren.“ C. Nickum/T. Kelly: „Missing the mark(et)“, Pharmaceutical Executive, 1.9.2005, www.pharmexec.com/pharmexec/article/articleDetail.jsp?id=177968, abgerufen am 30.5.2019.

2 https://en.wikipedia.org/wiki/IQVIA, abgerufen am 10.2.2023.

3 Siehe www.iqvia.com, www.thehealthcareprof.com, www.imshealth.com.

4 Zur Kritik an IMS Healths Datensammeln siehe DiePresse.com, 26.8.2013: „Patientendaten: Korruptionsstaatsanwalt ermittelt“; DiePresse.com, 22.8.2013: „Was Ärzte für 432 Euro verkaufen“; Kurier.at, 22.8.2013: „Ärztekammer will Datenhandel verbieten“.

5 Nach Wikipedia.com und Wikipedia.de, Einträge „IMS Health“, abgerufen am 29.12.2016.

6 Zit. Adam Tanner: "Company that Knows What Drugs Everyone Takes Going Public", Forbes 6.1.2014, www.forbes.com/sites/adamtanner/2014/01/06/company-that-knows-what-drugs-everyone-takes-going-public, abgerufen am 29.12.2016.

7 Siehe Hans Weiss: Korrupte Medizin - Ärzte als Komplizen der Konzerne (2008), S. 27 ff.

8 R. Steinbrook: „For sale: Physicians' prescribing data“, New England Journal of Medicine 354/2006, S. 2745–2747.

9 P. C. Remus: „First-in-the-nation law pits NH against drug industry“, New Hampshire Business Review, 10.11.2006.

10 https://assets.ama-assn.org/resources/doc/dbl-public/x-pub/pdrp_brochure.pdf, abgerufen am 29.5.2019.

11 https://apps.ama-assn.org/PDRP/, abgerufen am 29.5.2019.

12 Nach R. Steinbrook, aa.a.O.

13 Der Standard, 29.8.2013: „Softwarefirma installierte bei Ärzten Schnittstelle zu Marktforscher“, abgerufen am 17.5.2019.

14 Tagesanzeiger.ch, 26.3.2012: „Krasse Verletzung des Arztgeheimnisses“.

15 www.wirtschaftsrat.de/wirtschaftsrat.nsf/id/bundesfachkommission-digital-health-de, abgerufen am 17.5.2019.

16 Im Interview mit Health Relations, 11.10.2018: „Digitale Trends in Healthcare: Dr. Frank Wartenberg von IQVIA“, www.healthrelations.de/dr-frank-wartenberg-iqvia/, abgerufen am 17.5.2019.

17 Zit. nach Weiss: Korrupte Medizin, a.a.O., S. 30.

18 zit. nach Weiss: Korrupte Medizin, a.a.O., S. 28-30.

19 Zit. nach Hans Weiss: Korrupte Medizin, a.a.O., S. 130 ff.

20 John Virapen: Nebenwirkung Tod. Scheinwissenschaftlichkeit, Korruption, Bestechung, Manipulation und Schwindel in der Pharma-Welt (2012), S. 90 f.

21 Virapen: Nebenwirkung Tod, a.a.O., S. 92 f.

22 J. Edwards: „Suit vs. Forest Labs names execs linked to alleged lies about Lexapro, Celexa“, CBS News, Moneywatch 26.2.2009.

23 D. Henry/E. Doran/I. Kerridge u.a.: „Ties that bind: multiple relationships between clinical researchers and the pharmaceutical industry“, Archives of Internal Medicine 165/2005, S. 2493-2496.


Dieser Text ist Teil einer Artikelserie mit folgenden weiteren Beiträgen:

3) Der gläserne Doc


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