• Dr. Harald Wiesendanger

„Sie wissen nicht, was sie tun“

Aktualisiert: Mai 1

Die Nase voll vom Berliner „Infektionsschutz“: Auch Stefan Aust, Welt-Herausgeber und Ex-Chefredakteur des Spiegel, rechnet nun mit dem absurden Krisenmanagement unserer übereifrigen Seuchenschützer ab. Warum erst jetzt?



„Sie wissen nicht, was sie tun“: So überschreibt einer der angesehensten Journalisten Deutschlands, der ehemalige Spiegel-Chefredakteur und jetzige Welt-Herausgeber Stefan Aust, einen bemerkenswerten Essay über das Krisenmanagement deutscher Behörden in der Corona-Pandemie. Auch ihm scheinen Angela, Jens Co. im Blindflug unterwegs.


Wie gefährlich ist das SARS-CoV-2-Virus tatsächlich? Wie viele Menschen sind denn bislang an Covid-19 gestorben? Wie erfolgreich waren die ergriffenen Maßnahmen? Dies und mehr wollte Aust von jenen drei Institutionen wissen, die hierzulande hauptzuständig für die Seuchenbekämpfung sind. In gleichlautenden Briefen stellte er ihnen neun konkrete Fragen.


Was weiß das Bundesministerium für Gesundheit darüber? „Leider“ habe es „keine eigenen Zahlen“, so antwortete es. Aust möge sich doch bitte an das Statistische Bundesamt wenden.


Und das Bundesinnenministerium? Jegliche Auskunft blieb es Aust schuldig.


Bloß das Robert-Koch-Institut (RKI) ging auf Austs Fragen im einzelnen ein – allerdings auf eher blamable Weise. Wie viele Sterbefälle gab es von Januar bis Juni 2020 in Deutschland? Wie hoch waren die Sterberaten 2016 bis 2019 jeweils im ersten Halbjahr? Was waren die Todesursachen? „Hier kann sicher das Statistische Bundesamt weiterhelfen“, bekam Aust jedesmal zu lesen. Wie sehen die Vergleichszahlen aus anderen Ländern aus? Auch da verwies das RKI auf fremde Quellen wie Eurostat. Wie viele Obduktionen fanden an mutmaßlichen Corona-Opfern statt, und was kam dabei heraus? Hier, so das RKI, „kann vielleicht der Bundesverband der Pathologen weiterhelfen“.


Aus der ziemlich unergiebigen Korrespondenz, bei der er „immer nur auf andere Stellen verwiesen wurde“, schließt ein frustrierter Stefan Aust: „Die Annahme, das Robert-Koch-Institut, das Bundesinnenministerium sowie das Bundesministerium für Gesundheit hätten die Vergleichszahlen parat, würden ihre Einschätzungen und Entscheidungen darauf stützen und auch keine Scheu haben, diese Zahlen der Öffentlichkeit mitzuteilen, war offenbar eine Fehlprognose.“


„SEHR AUSGEPRÄGTES NICHTWISSEN(-WOLLEN)“


„Ich bekomme den Eindruck“, so Aust, „dass in den Behörden das Nichtwissen oder auch das Nichtwissen-Wollen sehr ausgeprägt ist.“


Die vergeblich erfragten Zahlen ließ Aust sein Redaktionsteam nun selber recherchieren. Die zusammengestellten Daten legte er einem „höheren Beamten eines Bundesministeriums“ vor, der „seit Jahren mit den betreffenden Themen befasst ist“. Mit dem Vorbehalt, sein Name dürfe keinesfalls genannt werden, fand er gegenüber Stefan Aust deutliche Worte: „Von einer Übersterblichkeit kann keine Rede sein! Das wird von manchen Menschen als Erfolg der Regierungsmaßnahmen gesehen. Die Sterbezahlen wären in Deutschland voraussichtlich auch dann nicht anders ausgefallen, wenn weniger radikale Maßnahmen gegen die Pandemie getroffen worden wären, wie das schwedische Beispiel anschaulich belegt. (…) Es ist eher davon auszugehen, dass durch die Maßnahmen (Lockdown, …) teilweise andere Menschen gestorben sind als in den Vorjahren.“ Letztlich habe die Bundesregierung „also eine Umverteilung der Sterblichkeit vorgenommen“.


Nach Austs Einschätzung „ist es noch nicht gelungen, aus dem Panikmodus zur Rationalität zu kommen. Nach einer kurzen Sommerpause werden jetzt wieder die unterschiedlichsten Ansichten und Empfehlungen laut, dabei würde sich doch vor allem ein Blick auf die Zahlen lohnen. (…) Wir müssen sehr aufpassen, dass die Schutzmaßnahmen nicht schlimmere Folgen haben als die eigentliche Ursache.“


„DAS VERSTEHE, WER WILL“


Auch den Maskenzwang hinterfragt Aust. „Auf dem Höhepunkt der Corona-Welle wurden alle Läden außer Lebensmittelgeschäften geschlossen. Doch eine Maskenpflicht gab es dort nicht. (…) Erst mit der Öffnung der Möbelgeschäfte und Autohäuser galt plötzlich die Maskenpflicht auch in Supermärkten. Das verstehe, wer will. Vielleicht hatte Richard Wagner recht, als er sagte, es sei deutsch, ‚die Sache, die man treibt, um ihrer selbst willen‘ zu treiben. Die Maske muss der Maske wegen getragen werden. Als Symbol für Gehorsam den Maßnahmen der Regierenden gegenüber.“


Die Debatte, ob Demonstrationen von „Corona-Leugnern“ gar nicht erst zugelassen werden sollten, empört Aust: „Es geht nicht, dass wir darüber befinden, warum jemand demonstriert – es ist ein Recht an sich, die Inhalte kann man grundfalsch oder richtig finden. Dann also kann es bei Verboten nur um die Gefährdungslage gehen, und hier wäre interessant zu wissen, ob in Berlin die Zahl der Infektionen nun nach oben gegangen ist, weil diese Demo stattfand. Auch hier würde ich gern mehr Rationalität auf allen Seiten sehen.“


„SELBSTMORD AUS ANGST VOR DEM TODE“


„Irgendwann“, so der Welt-Herausgeber, „muss der Blick vom Panik-Modus in den Realitäts-Modus zurückfinden. Die von manchen berühmt gewordenen Virologen vorausgesagten apokalyptischen Zahlen sollten langsam mit den tatsächlichen verglichen werden. Und es muss die Frage erlaubt sein, ob die Maßnahmen noch im angemessenen Verhältnis zu den Ursachen stehen, ob der Kollateralschaden nicht inzwischen höher ist als der Nutzen.“ (War er denn irgendwann niedriger, Herr Aust?) „Es gibt ja auch Selbstmord aus Angst vor dem Tode.“


„VOM HORRORTRIP HERUNTERKOMMEN“


Austs essayistische Ohrfeige für das Berliner Panikorchester endet mit der Mahnung: „Der Blick auf die Realität sollte der Maßstab für Handlungen sein. Nicht die Angst und die Vernebelung der Tatsachen. Und je mehr Horrorszenarien von Wissenschaft und Politik verbreitet werden – umso schwerer wird es, von diesem Trip wieder herunterzukommen.“


Mit Verlaub, auf welchem Trip befand sich Stefan Aust bis Anfang September? Weshalb ließ er sich über ein halbes Jahr Zeit damit, auf Abstand zu einem hyperaktiven, wissenschaftsfernen Hygieneregime zu gehen? Reichlich Anlass dazu, die Vierte Gewalt aus ihrem Pandemie-Koma herausholen zu helfen, hätte der vielfach preisgekrönte Journalist schon seit März gehabt.


Dürfen wir davon ausgehen, dass ab sofort zumindest Austs „Welt“ endlich aufhört, ihre Leser täglich aufs Neue mit unseriöser Horror-Arithmetik zu verstören: mit „Infizierten“-Statistik, die nicht ins Verhältnis gesetzt wird zur Anzahl der durchgeführten Tests; mit PCR-Befunden, die zur Krankheitsdiagnostik gar nicht taugen; mit „Genesenen“, die niemals krank waren; mit „Corona-Toten“, bei denen SARS-CoV-2 kaum je die alleinige oder auch nur die ausschlaggebende Ursache war; mit kumulierten Zahlen angeblicher Opfer, die bis in alle Ewigkeit im Abertausenderbereich bleiben werden?


Stefan Aust, Jg. 1946, war von 1994 bis 2008 Chefredakteur des Nachrichtenmagazins Der Spiegel. Seit 2014 ist er Herausgeber der Tageszeitung Die Welt, bis September 2016 war er auch ihr Chefredakteur. Für seine journalistische Arbeit erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Adolf-Grimme-Preis (1989), die Goldene Feder (2003) und die „Goldene Kamera“ (2005) sowie den Niedersächsischen Staatspreis (2018). Als Vorsitzender der Jury vergab er den Deutschen Medienpreis, der „Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens ehrt“, 2009 an Angela Merkel. Ob er sich dazu auch noch 2020 hinreißen ließe?

Harald Wiesendanger



Porträtfoto Aust: Von © Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons), CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=33317717

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