• Dr. Harald Wiesendanger

Das Vertrauensparadox - Je verlogener, desto glaubhafter

Aktualisiert: Mai 1

Ist es möglich, um so mehr zu vertrauen, je übler man an der Nase herumgeführt wird? Die Coronakrise beweist eindrucksvoll: Das geht. Die Erklärung ergibt sich aus der Psychologie der Meinungsbildung – und einer zunehmenden Einöde namens Medienlandschaft. Ohne sie wäre der Corona-Albtraum längst vorbei.

Ist es zu fassen? Noch nie haben sich mehr Bundesbürger auf ihre Medien verlassen als 2020, im ersten Jahr der SARS-CoV-2-Pandemie. Dies wollen Meinungsforscher der Universitäten Mainz und Düsseldorf in einer Langzeitstudie herausgefunden haben. Demnach vertrauen 56 % aller Deutschen darauf, was Presse, Funk und Fernsehen ihnen vermitteln – deutlich mehr als in den fünf Jahren vor der Coronakrise. Bis 2020 hatte dieser Wert zwischen 28 und 44 % gelegen.


Nur noch 11 % glauben, Medien würden systematisch lügen; in den Vorjahren waren es 13 bis 19 % gewesen.


65 % erklären, die Medienberichterstattung helfe ihnen „zu verstehen, was gerade passiert“.


Wie verständlich ist dieses massenhafte „Verstehen“?


Wer die Krise seit den ersten Horrormeldungen aus Wuhan wachen Geistes mitverfolgt hat, kann über solche Umfragewerte nur fassungslos den Kopf schütteln. Denn von Anfang an benahm sich die vielbeschworene Vierte Gewalt wie gleichgeschaltet. „Die Maske ist ein Instrument der Freiheit“ (Markus Söder), „Glauben Sie nur offiziellen Mitteilungen“ (Angela Merkel), „Diese Maßnahmen dürfen niemals hinterfragt werden“ (Lothar Wieler), „Was wir brauchen, ist für lange Zeit eine neue Normalität“ (Olaf Scholz): Für solche Ungeheuerlichkeiten wären Politgrößen im vorigen Jahrhundert noch auf allen Kanälen medial gegrillt, geteert und gefedert worden; jede Pressekonferenz wäre für sie zum angstschweißtreibenden Spießrutenlaufen geraten. Und heute?


Ohne kritische Distanz reichen so gut wie alle Redaktionen, zahnlos und ohne Rückgrat, das offizielle Narrativ weiter: Das böse Virus muss auf natürliche Weise entstanden sein. Covid-19 ist viel tödlicher als Influenza. Es „wütet“, nicht seine Bekämpfer. Der PCR-Test kann Infektionen feststellen. Die bloße Anzahl positiver Tests ist aussagekräftig. Positiv Getestete sind krank, danach „genesen“; sterben sie, dann als „Covid-Opfer“. Symptomfreie sind ansteckend. Das Gesundheitswesen steht kurz vor dem Kollaps. Lockdowns sind alternativlos und nützen – es sei denn, sie fallen noch zu lasch aus. Kollateralschäden sind hinzunehmen. Opfer müssen sein, keines ist zu groß. Einschränkungen sind zumutbar, auch für Kinder. Mund-Nasen-Bedeckungen schützen und sind gesundheitlich unbedenklich. Parlamente und Justiz lassen die Exekutive weitgehend gewähren – gut so. Maßnahmenkritiker sind „Corona-Leugner“, rechtsradikal und antisemitisch, gewaltbereit, geistig verwirrt und asozial, Impfskeptiker egoistisch und verantwortungslos. Das Berichtenswerteste an Demonstrationen sind Verstöße gegen Verordnungen und Auflagen. Auf WHO, Johns-Hopkins-University und Robert-Koch-Institut ist Verlass. Drosten irrt nie. Lauterbach kennt sich aus. Gates will doch nur helfen. Es besteht eine Notlage, die tiefe Einschnitte in Grundrechte rechtfertigt. Es geht allein um den Schutz unserer Gesundheit. Allein Impfstoffe können die Seuche beenden, bis dahin sind wir ihr schutzlos ausgeliefert; sie sind wirksam und sicher. Es gilt zu testen, testen, testen. Je höher die Inzidenz, desto schlimmer. Mutanten sind gefährlicher. Aufenthalte in Hochrisikogebieten sind hochriskant. Impfpässe und sonstige Immunitätsausweise sind wünschenswert, ohne sie gibt es kein Zurück zur Normalität. Hinter alledem steht „die Wissenschaft“. Undsoweiter undsofort.


Wie kann ein mündiger, mutmaßlich mit einer intakten Großhirnrinde ausgestatteter Bürger derartige Einflüsterungen ungeprüft für bare Münze nehmen? Wie kann er bedenkenlos sein Leben daran ausrichten, nunmehr seit über einem Jahr? Wie kann er sich verheerende Kollateralschäden ausblenden oder kleinreden lassen?


Er kann es, solange er meint, es sei Verlass auf die Mainstream-Journalisten, deren Absonderungen er sich aussetzt. Wie kommt er dazu?


Gegenseitig beglaubigt


Quellen erscheinen glaubhaft, wenn sie einander gegenseitig bestätigen. Eben dies zählt zu den Besonderheiten dieser seltsamen Pandemie: Niemals seit dem Untergang des Dritten Reichs waren sich Massenmedien derart einig darüber, wie eine Krise darzustellen und zu bewerten, wie ihr zu begegnen ist. Der Konsens könnte kaum breiter sein.


Das beeindruckt und überzeugt Otto Normalversteher. Was ihm die „Tagesschau“ meldet, steht so auch in seiner Tageszeitung. Worüber sich die Expertenrunde bei Anne Will einig ist, deckt sich mit dem Grundkonsens unter Maybrit Illners Gästen. Der Kommentar im „heute journal“ passt zu jenem in den „Tagesthemen“, „Monitor“ liegt auf einer Wellenlänge mit „Report“, „Spiegel“ und „Focus“ berichten weitgehend übereinstimmend. Überall tauchen gleiche oder ähnliche Bilder auf, kommen dieselben mutmaßlichen Experten zu Wort, werden dieselben Forschungsergebnisse zitiert. Panikmacher haben Vortritt, Mahner kommen zu kurz, entschiedenste Kritiker bleiben gänzlich ausgesperrt. Andere Studien, konträre Meinungen fallen unter den Tisch, und so scheint es, als gäbe es keine. „Strittigen Thesen (wie denen von Professor Bhakdi) im öffentlich-rechtlichen Rundfunk eine Plattform zu bieten, widerspricht unserem Auftrag“, stellt ein ARD-Intendant klar. (1) Echter Dissens findet demnach auftragsgemäß nicht statt, weshalb es dem Publikum so vorkommt, als erübrige er sich von vornherein.


Und weil das so ist, tun Querdenker der Bevölkerungsmehrheit Unrecht, wenn sie ihr „Coronoia“ und „Massenhysterie“ unterstellen. Im Gegenteil, sie urteilt und verhält sich völlig rational – auf der Grundlage der Informationen, mit denen Journalisten sie füttern. Dass sich Hinz und Kunz ganz arg fürchtet, bestmöglich behütet sein will und jede noch so drakonische Freiheitsbeschränkung nicht bloß mitträgt, sondern mehr davon fordert: das sind durchaus vernünftige Reaktionen auf eine Nachrichtenlage, wie sie eindeutiger kaum sein könnte. Je öfter man sich ihr aussetzt, je länger man sie auf sich wirken lässt, desto besser meint man Bescheid zu wissen. Die Virenpanik wächst proportional zum Medienkonsum.


Wie kommt die Journaille zur Schere im Kopf?


So systemkonform wie in der Coronakrise verhielten sich Medien bisher nur in totalitären Staaten. Wenn es keine Regierung ist, die sie gleichschaltet – wie kommt es dann zu dem Einheitsbrei?


Lügen sie, weil sie „alle gekauft“ sind? Wer lügt, sagt absichtlich die Unwahrheit. Auch Journalisten sind käuflich, wie Vertreter jedes Berufsstands. Dass in der Medienlandschaft einzig und allein flächendeckende Korruption für vorsätzliche Täuschung sorgt, ist allerdings eine absurde Unterstellung. Ob Magazinredakteur, TV-Moderator oder Zeitungskolumnist: Die meisten pflegen hinter alledem zu stehen, was sie unters Volk bringen.


Aber woher wissen sie eigentlich, dass stimmt, was sie verbreiten?


Alle schöpfen aus denselben Quellen


Der Eindruck der Gleichschaltung entsteht, weil alle letztlich aus denselben Quellen schöpfen – überall im Mainstream fließt dasselbe Wasser vom selben Ursprung in dieselbe Richtung. Es geht zu wie im Supermarkt: die Regale voll mit Zehntausenden von Artikeln, vielfältig verpackt und benannt – hergestellt jedoch von wenigen Marktführern.


Vom Klischee des „rasenden Reporters“ war der typische Redakteur nie weiter entfernt als heute. Eigenständige Recherche kommt unter News-Verbreitern nur noch ausnahmsweise vor. Zu personalintensiv, zu zeitaufwändig, zu teuer. Lieber übernimmt man, was gebrauchsfertig, in tadelloser Optik, von den Big Three kommt, den drei marktbeherrschenden Nachrichtenagenturen: Reuters, Associated Press (AP) und Agence France-Press (AFP). Mindestens eine dieser umfassenden Text- und Bildlieferanten bezieht so gut wie jede Redaktion rund um den Globus. Hinzu kommt in der Regel ein Abo beim inländischen Platzhirsch; in der Bundesrepublik ist dies die Deutsche Presse Agentur (dpa), bei den Eidgenossen die Schweizerische Depeschenagentur (SDA), in Österreich die Austria Presse Agentur (APA).


So kommt es, dass der Redakteur von heute eher Verarbeiter als Schöpfer ist; seine Eigenleistung beschränkt sich in der Regel darauf, eintreffende Agenturbeiträge zu sichten, eine Auswahl zu treffen, nach Bedarf zusammenzufassen, zu kürzen oder zu ergänzen, mit einer Überschrift zu versehen und geeignetes Bildmaterial hinzuzufügen. Bei den Moderatoren von Nachrichtensendungen und Talkshows handelt es sich in der Regel um hochdotierte, mehr oder minder telegene Schauspieler: Ihr Job ist es, die Journalistenrolle möglichst überzeugend zu verkörpern. In Wahrheit haben sie keine einzige Information, die sie an ihre Leser und Zuschauer weiterreichen, selbst recherchiert und gründlich gegengecheckt. Darf man von einer Karen Miosga, einer Marietta Slomka, einer Bettina Schausten, einem Claus Kleber erfahren, wann sie zuletzt irgendeines der Themen, die sie smart vor die Kamera bringen, selber auch nur ansatzweise investigativ ergründet haben? Wie viel Prozent der Fragen, die sie Interviewpartnern mehr oder minder schonungsvoll stellen, ergeben sich auf eigenen Recherchen? Die belämmernde Wahrheit lautet: Auch die Crème de la Crème von Deutschlands allabendlichen Welterklärern verlässt sich auf Zulieferer – nahezu blind, sofern diese nicht erheblich voneinander abweichen.


Den globalen Nachrichtenfluss steuert unangefochten ein Oligopol. Längst haben sich die Big Three zu monströsen Info-Konzernen entwickelt. Jeweils mehrere tausend Mitarbeiter, verteilt auf Hunderte von Büros, produzieren mehrere hunderttausend Text- und Bildbeiträge pro Jahr. Ihre Jahresumsätze liegen im höheren dreistelligen Millionenbereich.



Die Autorität dieser weltweit agierenden News-Fabriken ist schwerlich zu überschätzen. Sie setzen Themenschwerpunkte – „Agenda Setting“ - und legen Prioritäten fest. Sie definieren, was Fakt ist. Sie bestimmen, welche Informanten Gehör finden. Sie setzen Maßstäbe dafür, was berichtenswert und vertrauenswürdig ist, was vernachlässigbar und unglaubhaft. Was sie liefern, gilt unter Medienschaffenden geradezu kanonisch, kaum ein Redakteur hinterfragt es.


„Abgeschlossene Blase“


Die überragende Bedeutung der großen Agenturen unterstrich kürzlich ein langjähriger Redakteur und Nachrichtensprecher bei einem öffentlich-rechtlichen Sender: „Warum sind die ‚Mainstream-Medien‘ eine abgeschlossene Blase? Weil sie ihre Informationen aus den immer gleichen, vorsortierten Quellen beziehen – und das sind zum großen Teil die Agenturen, die zur selben Blase gehören. Sie sind so etwas wie die Gatekeeper der veröffentlichten Meinung. Das war natürlich immer schon so, aber in der Corona-Krise wird es deutlich wie noch nie. Die großen Agenturen berichten überwiegend das, was das offizielle Corona-Narrativ stützt und was von den allermeisten Regierungen der ganzen Welt vertreten und umgesetzt wird. (…) Für mich in meiner Arbeit bedeutet das, dass ich irgendwelche Studien oder Informationen, die ich selbst im Internet finde, nicht verwenden kann, denn mir würde mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit vorgeworfen, mich einer unsicheren Quelle zu bedienen. Würden aber dpa, AP, AFP oder Reuters die Studie vermelden, wäre ich quasi auf der sicheren Seite und könnte es vermelden. Bei Nachfragen würde ich auf die Agentur verweisen.“


Hinzu kommt „ein weit verbreiteter journalistischer Herdentrieb“, so beklagt der Informant, der ungenannt bleiben möchte. Dabei orientieren sich Kleinere an den Großen. Der Redakteur vom Hintertupfinger Boten, vom Wonnegau-Kurier, vom Allerseligenhäuser Tagblatt versäumt es nicht, einen Blick in den „Spiegel“ und die „Zeit“ zu werfen, in die FAZ und die Süddeutsche – all die Qualitätsmedien, die ihm täglich auf den Tisch flattern. Auch sie pflegen auf Agenturlinie zu liegen. „Am Abend wird ‚heute‘ und die ‚tagesschau‘ geguckt, danach die einschlägigen Talkshows, von Anne Will bis Maischberger. Auch dort ist fast ausnahmslos Mainstream zu finden.“ Denn auch dort ist es Agenturmaterial, das rund um die Uhr auf Monitoren flimmert und Mailboxen füllt.


Berufsbedingt müssen Journalisten all das, was sie für die aktuelle Nachrichtenlage halten, besonders intensiv auf sich wirken lassen. Von morgens bis abends tauchen sie in den vorgefilterten Fluss von Corona-Infos ein, in den News-Agenturen sie werfen. Kein Wunder, dass manchem Redakteur kritische Distanz neuerdings schwerer zu fallen scheint als seiner Putzfrau, sofern sie nie Zeitung liest und den Fernseher bloß für Soaps einschaltet.


Die Illusion der „freien“ Mitarbeit


Die Big Three betreiben ein Netz von tausenden Korrespondenten in aller Welt. Haben diese nicht vor Ort in Erfahrung gebracht und überprüft, was ihre Auftraggeber rund um den Globus streuen?


Kein Korrespondent berichtet ohne Vorgaben. Im voraus steht fest, worüber er berichten soll. Eine eigene Meinung kann sich „unser Reporter vor Ort“ nur innerhalb der Grenzen leisten, die ihm seine Zentralredaktion vorgibt; diese Vorgaben wiederum berücksichtigen, was andere Agenturen melden. Was er mit eigenen Augen sieht oder von Gesprächspartnern erfährt, hat Gewicht, wiegt im Konfliktfall aber zumeist weniger schwer. Nach welchen Informationen ein Korrespondent sucht, mit wem er spricht, wem er das Mikrofon vor die Nase hält, worauf er die Kamera richten lässt: Darüber entscheidet mitnichten er alleine. Bekennende Freigeister und Querköpfe haben in diesem Metier auf Dauer keine Chance.


Neben den Festangestellten gibt es natürlich noch die sogenannten „freien“ Journalisten – rund 10.000 hauptberufliche allein in Deutschland, weltweit wohl mehr als eine Million.


Der „Freie“ heißt so, weil er grundsätzlich schreiben kann, für wen er will, worüber er will, was er will. Aber kann er es auch verkaufen? Wer seinen Lebensunterhalt damit bestreiten muss, Beiträge gegen Honorar irgendwo unterzubringen, ist gut beraten, nicht penetrant quer zur Redaktionslinie zu liegen. In Coronazeiten kritische Auseinandersetzungen mit dem Hygieneregime loszuwerden, ist kaum leichter, als Abnehmer zu finden für ein Plädoyer für die Wiedereinführung der Todesstrafe oder für freien Sex mit Kindern, gegen die CO2-Hypothese des Klimawandels oder die Genderneutralisierung der Sprache.


Die Nachrichtenwelt global auf Linie zu bringen, ist demnach ein strategisches Kinderspiel: Man braucht nichts weiter als die Kontrolle über die Marktführer unter den Agenturen.


Geht das überhaupt? Wie könnte man sich diese Macht verschaffen?


Teil 2 (folgt):

Die 7 Werkzeuge zur Gleichschaltung der Medien

(Harald Wiesendanger)

Anmerkung

(1) Zit. nach https://ddrwebquest.wordpress.com/2020/09/29/der-marchenerzahler-der-ard-kai-gniffke/


Quellenangaben in der Tabelle "Nachrichtenagenturen": 1 https://ir.thomsonreuters.com/static-files/da652026-f444-4d77-bdfc-93f77a3a6f79

2 https://de.wikipedia.org/wiki/Agence_France-Presse

3 https://de.wikipedia.org/wiki/Associated_Press

4 https://www.ap.org/about/annual-report/2019/ap-by-the-numbers

5 https://de.wikipedia.org/wiki/Deutsche_Presse-Agentur

6 https://www.dpa.com/de/unternehmen/zahlen-fakten

7 "2019 Annual Report". Thomson Reuters, https://ir.thomsonreuters.com/static-files/e16cf13e-228b-4abf-97f2-e626fda56871

8 "Home - Reuters News - The Real World in Real Time". Reuters News Agency; "Careers". www.reuters.tv.

9 https://en.wikipedia.org/wiki/Agence_France-Presse

10 https://en.wikipedia.org/wiki/Associated_Press

11 "Consolidated Financial Statements" (PDF). Associated Press, April 2015.


Bild Zeitungsleser: rawpixel.com


Aktuelle Beiträge

Alle ansehen

Lügen mit Zahlen