„Evidenzbasiert“? Von wegen.
- Dr. Harald Wiesendanger

- vor 5 Tagen
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Aktualisiert: vor 2 Tagen
Weniger als sechs Prozent aller schulmedizinischen Maßnahmen beruhen auf einigermaßen gesicherten wissenschaftlichen Erkenntnissen; nur bei jeder dritten sind Nebenwirkungen hinlänglich bekannt. Diese blamablen Quoten ergeben sich aus einer gründlichen Auswertung von über 1000 Forschungsreviews. Dass „alternativer“ Medizin nicht zu trauen sei, weil es ihr an „Evidenz“ mangle, erweist sich insofern als Steinwurf aus dem Glashaus.

Wenn er Petrus wäre, so würde er nur zwei Arten von Ärzten in den Himmel lassen, nämlich Unfallchirurgen und Zahnärzte, ätzte einst der britische Medizinhistoriker Thomas McKeown (1912-1988). Denn das waren in seinen Augen die einzigen, die wirklich dazu beitrugen, Leiden zu lindern. Die eigentlichen Fortschritte der öffentlichen Gesundheit – längeres Leben, bessere Lebensqualität – verdanken wir seines Erachtens nicht den Errungenschaften der modernen Medizin, sondern breiten sozialen und wirtschaftlichen Fortschritten, höherem Lebensstandard, insbesondere besserer Ernährung, besserer Hygiene, einem Dasein ohne ständige Angst, Not und Lebensgefahr.
Das war Mitte der 1970-er Jahre, nachzulesen in McKeowns provokantem Buch The Role of Medicine. (1) Und heute, ein halbes Jahrhundert später? Wie schwach das Rückgrat der sogenannten „Evidenzbasierten Medizin“ weiterhin ist, stellt ein 12-köpfiges Autorenteam in einem aufwändigen Meta-Review fest: einer Auswertung von über 1000 Überblicksarbeiten zu medizinischen Studien. (2)
Arrogante Schulmedizin mit schwachem Rückgrat
Die berücksichtigten Reviews decken alle Bereiche der Medizin ab, von Kinderheilkunde bis Gerontologie, von Psychiatrie bis Chirurgie, von Pharmazeutika bis Diäten. Sie stammen von Cochrane, einer Anfang der 1990-er Jahre von dem Epidemiologen Archie Cochrane gegründeten unabhängigen, gemeinnützigen Organisation, in der ein weltweites Netzwerk von Wissenschaftlern medizinische Forschung systematisch zusammenfasst, um Ärzten und Gesundheitspolitikern wohlbegründete Entscheidungen zu ermöglichen. Dazu erstellen und pflegen Cochranes Forschungsgruppen und Zentren systematische Reviews und Meta-Analysen, die den Stand der Evidenz zu medizinischen Interventionen und teils auch Diagnostikfragen bewerten – inklusive Methodik, Bias-Risiken und Aussagekraft der Gesamtevidenz. Für den Umgang mit Interessenkonflikten gelten strenge Regeln – gekaufte Wissenschaft soll ausgeklammert bleiben. Die Ergebnisse erscheinen vor allem in der Cochrane Library. Mehr als 9000 Reviews umfasst sie mittlerweile.
Aus dieser riesigen Materialsammlung wählte das Forscherteam 1076 Reviews aus, veröffentlicht zwischen 2008 und 2021; sie deckten die insgesamt 1567 medizinische Maßnahmen ab. Wichtigstes Einschlusskriterium: Es wurde eine Intervention mit einem Placebo, keiner Behandlung oder der Standardtherapie verglichen.
Um ihre Qualität zu bewerten, kam GRADE zur Anwendung: ein gängiges Verfahren, das in systematischen Reviews für jedes Ergebnis (Outcome) ein “Vertrauens-Label” vergibt: hoch, moderat, niedrig, sehr niedrig.
Nehmen wir zum Beispiel den Cochrane-Review zu Statinen, besonders häufig verschriebenen Medikamenten, welche das „schlechte“ LDL-Cholesterin im Blut reduzieren, indem sie die Cholesterinproduktion in der Leber hemmen, um das Risiko für Herzinfarkte und Schlaganfälle zu senken. Zu diesem Thema findet sich in der Cochrane Library der Rapid Review von Health Quality Ontario. Hier bewertet GRADE zwei Outcomes:
- Major coronary events, z. B. nicht-tödlicher Herzinfarkt + koronare Todesfälle;
- Stroke: tödlicher + nicht-tödlicher Schlaganfall.
Wie „rechnet“ GRADE hier? Weil es sich um besonders hochwertige Untersuchungen handelt – RCTs, randomisierte kontrollierte Studien -, startet GRADE pro Outcome zunächst bei „hoch“.
Dann fragt GRADE pro Outcome: “Muss ich wegen Problemen eine Stufe (oder mehr) runter?”
Die fünf typischen Prüfstellen sind: Risk of Bias (Verzerrungsrisiko), Inconsistency (Uneinheitlichkeit der Ergebnisse), Indirectness (fehlende direkte Übertragbarkeit auf die Fragestellung), Imprecision (breite Unsicherheitsspannen; zu wenige Daten/Ereignisse) und Publication Bias (Veröffentlichungsverzerrung; „positive“ Studien eher publiziert als negative).
Bei Outcome A: „Herzinfarkt/koronare Todesfälle“: 10 RCTs. Risk of bias: „serious limitations (–1)” Wieso wurde um 1 Stufe abgewertet? In mehreren Studien war die Randomisierung der Teilnehmer und ihre Verblindung nicht sauber dokumentiert; man weiß nicht sicher, ob die Gruppen wirklich „fair“ gebildet wurden. Eine Studie war nicht verblindet und wertete „on-treatment“ aus (wer abbricht, zählt weniger/anders) – das kann Effekte verzerren. Zwei Studien wurden seltsam früh abgebrochen - das kann den Nutzen „zu gut“ aussehen lassen. - Ansonsten keine Einschränkungen. Publication bias: undetected. Qualität: MODERAT.
Bei Outcome B: „Schlaganfall“. 7 RCTs. Risk of bias: ebenfalls „serious limitations (–1)“, zusätzlich Imprecision: „serious limitations (–1)“. Warum? Schlaganfälle ereignen sich im Laufe von Studien selten. Die Datenlage ist zu dürftig, um sicher zu sein. → Qualität: NIEDRIG.
Das Ergebnis: Lediglich 5,6 % aller medizinischen Maßnahmen hatten einen statistisch signifikanten “HIGH QUALITY”-Outcome.
Hingegen war bei 58 % der untersuchten Reviews die Qualität “NIEDRIG” oder gar “SEHR NIEDRIG”, bei weiteren 30 % “MÄSSIG”.
“Diesem bescheidenen Wirksamkeitsprofil”, so stellt die Walach/Ioannidis-Gruppe fest, “stehen die Nebenwirkungen gegenüber. Nur bei 577 oder 37 % aller Interventionen wurden auch die Nebenwirkungen so sorgfältig dokumentiert, dass sie in den Reviews erfasst werden konnten.” Inwieweit Medizin schadet, bleibt demnach viel zu oft unerwähnt.
Ihr Fazit: “Jedenfalls wissen wir jetzt, dass ein bisschen mehr Skepsis im Umgang mit dem medizinischen Erlösungsnarrativ nicht nur angebracht und sachlich richtig ist, sondern eigentlich die aufgeklärtere und besser informierte Haltung.”
Ein Lehrstück: “Evidenz” gegen HCQ
Wie sich “Evidenz” herbeitricksen lässt, um missliebige Standpunkte und Praktiken in Verruf zu bringen, zeigt beispielhaft der “Surgisphere”-Skandal zu Beginn der Corona-“Pandemie”. Zuvor hatten zahlreiche Ärzte über verblüffende Behandlungserfolge mittels HCQ bei Covid-19 berichtet; selbst US-Präsident Donald Trump warb dafür. Prompt tauchte am 22. Mai 2020 in Lancet - einer der weltweit angesehensten medizinischen Fachzeitschriften - eine Studie auf, die behauptete, dass HCQ Covid-Patienten mehr schadet als nützt – ja, für Infizierte erhöhe es das Sterberisiko im 100 %. Dies ergebe angeblich die Analyse der Krankendaten von 96.032 Patienten aus 671 Kliniken auf sechs Kontinenten. Faktenchecker weltweit beriefen sich auf das imposante Zahlenwerk, Mainstream-Medien verbreiteten es unbesehen. Der Effekt war durchschlagend: In vielen Ländern wurden schon begonnene HCQ-Studien daraufhin abgebrochen.
Später stellte sich heraus: Die Daten waren gefälscht. Die Firma Surgisphere, von der die Daten stammten, konnte nie nachweisen, dass die „1200 Krankenhäuser auf der ganzen Welt" überhaupt existierten. Als Andrew Gelman, ein renommierter Statistiker von der Columbia University, die Surgisphere-Daten unter die Lupe nahm, stieß er auf Absurdes: Der Studie waren in Australien 73 Covid-Todesfälle in Chirurgischen Krankenhäusern auftraten - aber ganz Australien hatte bis April 2020 zu diesem Zeitpunkt weniger als 102 Covid-Tote Todesfälle verzeichnet; die meisten waren in Altenheimen vorgekommen, nicht in Krankenhäusern.
Von welchen 1200 Krankenhäusern stammten die Surgisphere-Daten? Die Studie nannte kein einziges beim Namen. Nachforschungen ergaben, dass viele von ihnen gar nicht existierten oder noch nie von Surgisphere gehört hatten.
Nach einem Protestbrief von über 200 Medizinern, Statistikern und Ethikern zog Lancet die Studie zurück. Bis heute ist unklar, wer sie überhaupt in Auftrag gegeben und finanziert hatte. Dies aufzuklären, scheint nur “Verschwörungstheoretikern” wichtig.
Ein Großteil klinischer Forschung ist: nutzlos.
An der gebetsmühlenhaft beschworenen „Evidenzbasierung“ des Medizinbetriebs zweifelt der Mediziner, Epidemiologe und Biostatistiker Ioannidis, einer der weltweit bekanntesten Wissenschaftsforscher, seit langem. (3) Das EBM-Ideal hält er zwar für richtig und nötig. Doch die Evidenz, auf die man sich beruft, kann systematisch verzerrt sein. Häufig wird sie nicht neutral gefunden, sondern produziert, gefiltert und vermarktet. Allzuoft ist sie durch Anreizsysteme und Interessenkonflikte kontaminiert. Einflussreiche randomisierte Studien wurden häufig von/zugunsten der Industrie durchgeführt. Da zeigt beispielsweise ein Medikament in mehreren Studien einen imposanten Effekt auf einen Laborwert, z. B. LDL und HbA1c. In Leitlinien klingt das dann nach „starker Evidenz“. Ioannidis würde fragen: Wurden Endpunkte ausreichend erhoben, die für Patienten relevant sind: Tod, Herzinfarkt, Lebensqualität? Sind die Studien groß genug, unabhängig genug, transparent genug? Oder drückte man den „EBM-Stempel“ auf einen schmalen, gut verkäuflichen Ausschnitt der Evidenz? Manche Befunde sind schlicht unzuverlässig – mehrfach verzerrt, zu klein angelegt, zu großzügig ausgewertet.
Ein großer Teil klinischer Forschung ist nutzlos, nicht unbedingt wegen „falscher“ Resultate, sondern weil Design, Relevanz und Transparenz nicht ausreichen, um Entscheidungen wirklich zu verbessern. Ioannidis kritisiert nicht „zuwenig Forschung“, sondern zuviel Forschung mit zu geringem Informationsgewinn.
Was Ioannidis allerdings nicht hinterfragt, ist der Begriff der „Evidenz“ selbst. Abgeleitet vom lateinischen Substantiv „evidentia“, bedeutet er Sichtbares, Deutliches, Augenscheinliches. Sind allein Wissenschaftler imstande, deutlich zu sehen, wodurch sich unsere Gesundheit wiederherstellen und erhalten lässt? Gibt es hierfür nichts Aufschlussreicheres als jene Art von Untersuchungen, die in Reviews und Meta-Analysen einbezogen werden – zualleroberst RCTs, randomisierte, kontrollierte Studien? Ist vernachlässigbar, was dort niemals auftaucht?
Die Heilige Kuh schlachten
Wie es sich für eine Heilige Kuh gehört, wohnt sie nicht unbehaust. Nein, standesgemäß residiert sie in den obersten Etagen eines Bauwerks, das für die moderne Medizin kaum weniger bedeutsam ist als die Dreifaltigkeit für das Christentum. Von ihrem ersten Unisemester an gewöhnen sich Mediziner an, beim bloßen Anblick dieses Gebildes ehrfürchtig zu erschaudern: die „Evidenzpyramide“. Für eine Medizin, die sich ausschließlich von forschend beigebrachten „Beweisen“ leiten lässt, macht sie anschaulich, worauf Ärzte ihre Bewertungen, ihre Entscheidungen, ihre Handlungen stützen sollten; was als ernstzunehmende „Evidenz“ durchgeht; und welches Gewicht sie verschiedenen Arten von Evidenzen beizumessen haben.
Der geringste Stellenwert kommt demnach In-vitro-Untersuchungen zu, salopp gesagt der „Reagenzglas-und Petrischalen-Forschung“, etwa mit isolierten Zellen. Als höherwertig gelten Tierversuche. Es folgen: Expertenmeinungen, kundgetan etwa in Editorials, in Kongressbänden, in Lehrbüchern; einzelne Fallberichte; ganze Fallserien, bei denen eine Stichprobe von Patienten mit einer bestimmten Krankheit beobachtet wird; sowie Fall-Kontrollstudien, bei denen eine solche Patientengruppe mit einer anderen verglichen wird, die aus gesunden Personen besteht. Noch größeres Gewicht haben Kohortenstudien; sie verfolgen über einen längeren Zeitraum – prospektiv oder rückblickend – eine oder mehrere Gruppen von Personen, die ein bestimmtes Merkmal verbindet, beispielsweise Veganer, Singles, Raucher.
Auf sie alle blickt die Heilige RCT-Kuh hochmütig herab. Als noch respektabler als einzelne kontrollierte Studien gelten bloß noch „Reviews“, systematische Überblicke, welche die Ergebnisse zahlreicher solcher Studien zusammenfassen; und Meta-Analysen, die eine Vielzahl von RCTs statistisch auswerten.
Man muss nicht erst tagelang angestrengt über diese Pyramide sinnieren, ehe einem drei Merkwürdigkeiten auffallen. Zum einen sperrt sie qualitative Studien aus, obwohl gerade solche Arbeiten Einblicke und Einsichten vermitteln können, an die kein quantitativer Ansatz heranreicht.
Zweitens ist in diesem Gebäude keinerlei Platz für Patienten vorgesehen. Tut denn nichts zur Sache, wie sie eine Behandlung, eine Arznei subjektiv erleben, wie sie daraufhin Veränderungen ihrer Symptomatik und ihres Befindens, Missempfindungen und Beeinträchtigungen, die Auswirkungen der Therapie auf ihr gesamtes Leben beschreiben? Jedenfalls zählt all dies nicht zu jenen „Evidenzen“, von denen auszugehen eine „evidenzbasierte“ Medizin für erforderlich hält. Dies ist, gelinde gesagt: befremdlich. Was denn sonst sollte Maßstab guter Medizin sein, wenn nicht der Nutzen, den sie Kranken beschert – nach ihrer höchstpersönlichen Einschätzung?
Drittens verwundert, dass auch der bewährte Wissensschatz jahrhundertealter Heiltraditionen aus der Pyramide ausgesperrt wird, ebenso wie die ärztliche Erfahrung, womöglich gesammelt in mehreren Praxisjahrzehnten an Abertausenden von Patienten. Keine Frage, ihnen mangelt es an statistischer Relevanz - trotzdem sind sie alles andere als nichtssagend und vernachlässigbar, sondern im allgemeinen überaus lehrreich und aussagekräftig. Das empirische Fundament nicht nur aller erfolgreichen ‘alternativen‘ Heilweisen, sondern auch eines Großteils der konventionellen Verfahren besteht aus unzähligen Case Reports, ob nun schriftlich dokumentiert oder bloß als Erinnerungen in den Köpfen von Behandlern und Behandelten gespeichert. Sie entstanden aus unmittelbarem Kontakt mit kranken Menschen und bewährten sich dabei recht ordentlich. Selbst mir geht es so: Vor der Frage, ob ich mich auf ein bestimmtes Therapieangebot einlassen soll, überzeugt mich eine Vielzahl von präzisen, weitgehend übereinstimmenden Erfahrungsberichten aus glaubhaften Quellen erheblich mehr als die aufwändigste multizentrische Doppelblindstudie, zumal eine industriegesponserte.
In den Therapiecamps meiner Stiftung Auswege, wie auch im medizinischen Alltag, überwiegen multimorbide Patienten, mit mehreren Erkrankungen und Medikationen zugleich; seelische Belastungen, die empathisch beachtet und verstanden werden wollen, sind zumindest in chronischen Fällen stets beteiligt. In der klinischen Forschung kommen solche Menschen aber nicht vor, weil sie die Ergebnisse verfälschen würden. Hochschulmediziner, Statistiker und Aktenforscher untersuchen genormte Standardprobanden, mit ausschließlich einem quantifizierbaren gesundheitlichen Problem. Was taugen Therapieempfehlungen aus diesem Wolkenkuckucksheim medizinischen Erkenntnisgewinns denn in der ärztlichen Praxis? Wie, wenn nicht aufgrund persönlicher Einschätzung des Einzelfalls, entscheidet ein Arzt letztlich, was warum diesem realen Mehrfachkranken, der jetzt gerade vor ihm sitzt, gut tut, in seiner besonderen Verfassung, unter seinen einmaligen Lebensumständen, mit seiner einzigartigen Vorgeschichte?
Der Kult um „Evidenzbasierung“: Teil eines Generalangriffs auf die ärztliche Entscheidungs- und Therapiefreiheit
Die Abwertung des Fallbeispiels, wie auch der darauf gestützten Erfahrung, scheint mir Teil eines wohldurchdachten, von langer Hand vorbereiteten Generalangriffs auf die ärztliche Entscheidungs- und Therapiefreiheit. Er zielt darauf, unsere Ärzte grundsätzlich misstrauen zu lassen, was Auge, Ohr und Großhirn ihnen vermitteln. Ihrer praktischen Vernunft sollen sie abschwören, um zum willigen Vollzugsorgan „der Wissenschaft“ zu werden – und damit jener, welche die Macht haben, diese Institution für eigene Zwecke zu instrumentalisieren. Der beste Arzt ist aber nicht derjenige, der die meisten Studien höchster Evidenzlevels rezitieren und leitlinienkonform umsetzen kann – sondern einer, der aufmerksam beobachtet, eingehend und kommunikativ geschickt befragt, empathisch mitdenkt und –fühlt, aus Gesehenem und Gehörtem naheliegende Schlüsse zieht, Besonderheiten mitbedenkt, vor voreiligen Verallgemeinerungen auf der Hut ist. Dabei schöpft er nicht bloß aus übernommenen Fremdwissen, sondern aus einem wachsenden persönlichen Datenschatz, den ihm Begegnungen mit Hunderten, wenn nicht Abertausenden von Hilfesuchenden im Laufe vieler Praxisjahre bescheren, wie auch ein achtsames, reflektiertes, Anteil nehmendes Leben in Gesellschaft.
Was geschähe, wenn er sich vornehmlich darauf verließe? Seelisch Belasteten beispielsweise würde er Psychopharmaka mit Sicherheit bloß ausnahmsweise verordnen, auf dem Höhepunkt einer schweren Krise, möglichst niedrig dosiert und nur für kurze Zeit. Denn seine eigene Wahrnehmung führt ihm erschütternd vor Augen, was das Zeug über kurz oder lang in Leib und Seele von Betroffenen anrichten kann. Verfahren allzu viele Fachkollegen ebenso, dann gefährden sie ökonomische Interessen: die Profite eines der umsatzstärksten, mächtigsten Industriezweige auf diesem Planeten. Die ärztliche Erfahrung kann zum geschäftsschädigenden Ärgernis werden, sie bedroht Umsätze.
Nicht minder gefährlich ist dem Geschäft mit Psychopillen, was die Konsumenten mit ihnen erleben. Hätte der Doktor sie ihnen nicht nachdrücklich aufgedrängt, so würden die meisten sie nach wenigen Tagen absetzen, weil die Nebenwirkungen so schlimm sind, spätestens aber, wenn sich die ersten chronischen Schäden an Körper, Geist und Seele einstellen. Ihre persönlichen Erfahrungen mit Psychopharmaka fallen überwiegend enttäuschend bis verheerend aus. Also muss dafür gesorgt werden, dass diese Erfahrungen nicht zählen. Es darf nicht von Belang sein, dass Depressive und Angstgeplagte dreimal häufiger psychologische Hilfe als Medikamente nennen, wenn sie nach ihrer bevorzugten Therapie gefragt werden. Das Präparat macht dich unkonzentriert, unruhig, aggressiv, antriebs- und teilnahmslos? Du fühlst dich schwach und müde? Du schwitzt, zitterst und zuckst, deine Muskeln versteifen, du krampfst? Du hast ständig Kopfweh? Du siehst verschwommen? Du nimmst enorm zu? Dir vergeht die sexuelle Lust? Du wirst noch niedergeschlagener und ängstlicher, öfter als je zuvor denkst du an Selbstmord, oder du reagierst sonstwie paradox? Du wirst dir selbst fremd? Macht nix, denn es liegen allerbeste Evidenzen dafür vor, dass du sie trotzdem einnehmen, weiterhin „kompliant“, „therapieadhärent“ sein musst.
Die Erfahrungen des Behandelten wie auch des praktizierenden Arztes geringzuschätzen, wurde im selben Maße zum Inbegriff medizinischer Professionalität, wie sich ein sonderbares Prüfverfahren nach und nach zur ultimativen Messlatte klinischer Forschung mauserte, zum wahren Quell gesicherter Erkenntnis: die „kontrollierte Studie“. Ursprünglich bloß für Arzneimitteltests ersonnen und darauf beschränkt, schaffte sie es irgendwie, zum „Goldstandard“ für jegliche Art von Behandlung aufzusteigen – ungeachtet des offenkundigen Irrwitzes, der sich dabei austobt. Denn von Medikamentengaben und dem Einsatz medizintechnischen Geräts abgesehen, lassen sich nirgendwo beim Helfen und Heilen Therapeut und Therapeutikum fein säuberlich auseinanderdividieren, wie es strikte Placebokontrolle verlangt: Gesagtes nicht vom Sprecher, Gesten nicht vom Gestikulierer, Berührung, Aufmerksamkeit und Zuwendung nicht von dem, der sie gibt. Überall sonst, und ganz besonders in der Psychotherapie und allen Formen von sozialer Unterstützung, wären andere Testverfahren und Qualitätsstandards weitaus angemessener, die ernstnehmen, was Behandelte erfahren.
Tödliche Corona-Lektion
Wie viele SARS-CoV-2-Infizierte mussten sterben, weil abertausendfache Evidenz aus ärztlicher Praxis geringgeschätzt wurde? Wie viele Covid-Todesfälle wären andernfalls zu verhindern gewesen? Bereits ab März 2020, einen Monat nachdem die WHO einen weltweiten pandemischen Notfall ausgerufen hatte, versuchten unkonventionelle Ärzte sich verzweifelt Gehör zu verschaffen: von Didier Raoult und Vladimir Zelenko (4) über die FLCCC-Gruppe um Paul Marik und Pierre Kory (5), Richard Bartlett, Peter McCullough (6) und Thomas Borody bis zu Joseph Varon (7), Brian Tyson und George Fareed. Statt Infizierte tatenlos auf Impfstoffe warten zu lassen, behandelten sie diese mit Kombinationen von antiviralen Off-Label-Medikamenten wie Ivermectin und Hydroxychloroquin, Antibiotika (Azithromycin, Doxycyclin, Clarithromycin) gegen begleitende bakterielle Erkrankungen, Entzündungshemmern wie Quercetin, Steroiden wie Prednison, Mikronährstoffen wie Zink, Vitamin C und D3 sowie weiteren Wirkstoffen. Frühzeitig ambulant eingesetzt, starb unter Tausenden Infizierten kein einziger, Hospitalisierungen wurden vermieden. Selbst unter schweren Covid-19-Fällen musste kaum jemand sterben.
Doch diese Erkenntnisse wurden ignoriert, die betreffenden Ärzte als Scharlatane angeprangert, von Mainstream-Medien und Faktencheckern diskreditiert und übergangen, von Fachzeitschriften abgelehnt, von Standesorganisationen im Stich gelassen, ausgegrenzt und mit Entzug der Zulassung bedroht, vereinzelt mit horrenden Bußgeldern überzogen oder gar hinter Gitter gebracht. Warum wohl? Hätten sich die Therapieerfolge herumgesprochen, so hätten sie womöglich dem sich anbahnenden Multimilliardengeschäft mit experimenteller Spritzbrühe einen dicken Strich durch die Rechnung gemacht.
Den Einzelfall abzuwerten, gehört zum Geschäftsmodell der „forschenden“ Pharmaindustrie
Die Verherrlichung der Heiligen RCT-Kuh dient der Abwertung des Einzelfalls – und damit einer Hauptquelle von geschäftsschädigenden Argumenten dagegen, begrenzt wirksame, nebenwirkungsreiche, teure Arzneimittel zu schlucken. Ist es nicht merkwürdig und bezeichnend, dass dieselben Koryphäen, die seit den sechziger Jahren in Fachartikeln und Lehrbüchern, auf Kongressen, in Aus- und Fortbildungsveranstaltungen, in Ausschüssen und Behörden das RCT-Verfahren zur ultima ratio der Therapieforschung überhöhten, sich vehement dafür einsetzten, gesundheitlich Angeschlagene zuallererst und hauptsächlich mit chemischen Substanzen zu behandeln? Ist es Zufall, dass eben diese Opinion Leaders der westlichen Heilkunde, die namhaftesten Lautsprecher der Schulmedizin, fast ausnahmslos auf den Gehaltslisten von Pharmaunternehmen stehen? Erst aus der innigen Verflechtung von Ärzteschaft und Industrie wird der Triumph des praxisfernen, fehler- und manipulationsanfälligen RCT-Modells vollauf verständlich.
Als Arzt insofern gegen den Mainstream zu schwimmen, unbeirrt auf der eigenen Erfahrung mit einzelnen Patientenschicksalen zu beharren, obwohl, nein gerade weil sie angeblich gesichertem „evidenzbasiertem“ Wissen krass zuwiderläuft: das mutet mitunter starrköpfig und fahrlässig an, ist aber weder stets rückschrittlich noch stets ignorant, sondern häufig zutiefst weise und segensreich, in der Psychiatrie noch weitaus mehr als in jedem anderen Teilgebiet der Medizin.
Nein, dies ist kein Plädoyer, das Rad zurückzudrehen. Niemand sehnt sich nach einer Vergangenheit, in der jeder Arzt mit vergleichbaren Patienten unterschiedlich verfuhr, je nach seinem persönlichen Gutdünken, Vorurteilen und Vorlieben – und je nachdem, ob er Pharmavertreter empfing oder aussperrte. So kam es, dass Ärzte veraltete Maßnahmen, schwache und gefährliche Medikamente verschrieben, weil ihr Fachwissen nicht auf dem neuesten Stand war. Inzwischen schlägt das Pendel aber zu krass in die entgegengesetzte Richtung aus. Mittlerweile arbeiten Ärzte unter dem stetigen Umsetzungsdruck von klinischen Leitlinien, die ihnen immer detaillierter nahelegen, was sie tun sollen – Leitlinien wohlgemerkt, die überwiegend industrienahe Autoren ausgeheckt haben.
Viele Ärzte, zumal junge, wähnen sich verpflichtet, diese Vorgaben strikt zu befolgen; auf diese Weise ersparen sie sich Ärger mit Kollegen und Vorgesetzten, wie auch Haftungsrisiken.
Bequemerweise verfahren sie so aber selbst dann, wenn besondere Umstände dringend nahelegen, einem bestimmten Patienten zuliebe von den Leitlinien abzuweichen. Mit solchen Konformismus beginnen bisweilen fahrlässige Körperverletzungen mit Invaliditäts- und Todesfolge.

Wann folgt die Ursache der Wirkung? Wenn ein Arzt hinter dem Sarg seines Patienten läuft.
Anmerkung
Der letzte Abschnitt dieses Artikels („Die Heilige Kuh schlachten“) stammt teilweise aus Harald Wiesendanger: Das Gesundheitsunwesen - Wie wir es durchschauen, überleben und verwandeln (2019), S. 163 ff.
(1) Thomas McKeown: The Role of Medicine: Dream, Mirage, or Nemesis?, London 1976; dt.: Die Bedeutung der Medizin: Traum, Trugbild oder Nemesis?, Frankfurt/Main 1982.
(2) Howick J, Koletsi D, Ioannidis JPA, et al.: „Most healthcare interventions tested in Cochrane Reviews not effective according to high quality evidence: a systematic review and meta-analysis“, Journal of Clinical Epidemiology 2022;148 doi: https://doi.org/10.1016/j.jclinepi.2022.04.017. Zusammengefasst hier: Harald Walach: „Meta-Review: Das Rückgrat der Evidence Based Medicine ist schwach.“
(3) https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/28532611/, https://journals.plos.org/plosmedicine/article?id=10.1371%2Fjournal.pmed.0020124, https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC4915619/, https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/11405896/
(4) https://drelef.org/zelenko/Vladimir-Zelenko-treatment.pdf, https://drelef.org/zelenko/Zelenko-memo-August-protocol.pdf
(5) https://jeffreydachmd.com/wp-content/uploads/2020/09/MATH-protocol-for-the-treatment-of-SARS-CoV-2-infection-the-scientific-rationale.pdf, https://www.hsgac.senate.gov/wp-content/uploads/imo/media/doc/Testimony-Kory-2020-05-06-REVISED.pdf, https://www.hsgac.senate.gov/wp-content/uploads/imo/media/doc/Testimony-Kory-2020-12-08.pdf










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