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Das Forschungsmärchen

  • Autorenbild: Dr. Harald Wiesendanger
    Dr. Harald Wiesendanger
  • vor 5 Tagen
  • 12 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 5 Tagen

Warum sind Arzneimittel so teuer? Darüber lassen sich zwei Geschichten erzählen. Die erste schwärmt von gewaltigen Forschungsanstrengungen der Pharmaindustrie. Die zweite stellt klar, wie haarsträubend die erste lügt, verschweigt und übertreibt.



Wie entsteht eigentlich ein neues Medikament? Darüber kursieren zwei Erzählungen: ein Marketingprodukt und seine Klarstellung.


Die erste Erzählung kommt vielen, die unbedarft Pillen schlucken, kaum weniger glaubhaft vor als Darwins Evolutionslehre. Es ist jene Geschichte, welche die Hersteller verbreiten lassen, und sie trägt Züge eines antiken Heldenepos. Beseelt von der großartigen Vision, die Menschheit dereinst von der Geißel des Krankseins für immer zu erlösen, heuern kühne Unternehmer brillante Wissenschaftler an, welche jahrelang unermüdliche Forschung betreiben. Sie erkunden die biologischen Grundlagen aller erdenklichen Leiden, um anschließend eine neuartige chemische Substanz ausfindig zu machen, welche die entdeckten Defekte zuverlässig beseitigt, zumindest aber erheblich lindert, und das viel besser als alles bisher Dagewesene.


Dass diese Innovation wirksam, sicher und  gut verträglich ist, stellen vier obligatorische Überprüfungsschritte sicher: zunächst an Zellkulturen und Labortieren („Präklinische Entwicklung“), dann an wenigen gesunden Erwachsenen („Klinische Phase I“), dann an wenigen Kranken („Phase II“), dann an mehreren hundert bis tausend Patienten („Phase III“). Nur wenn diese Tests unzweifelhaft positiv ausfallen, kann die Zulassung beantragt werden. Die dafür zuständige, unbestechliche Behörde lässt ausgewiesene, ebenso unbestechliche Experten die Ergebnisse aller vorgelegten Studien sorgsamst überprüfen. Erst dann gibt sie grünes Licht.


Von der Idee für ein neues Heilmittel bis zu seiner Zulassung verstreichen somit durchschnittlich 11,8 Jahre (1), nach anderen Quellen 13,5 (2), ja sogar 15 Jahre. (3) Zeugt es nicht von bewundernswerter Charakterstärke, so lange beharrlich auf ein hehres Ziel hinzuarbeiten, dabei keine Kosten und Mühen scheuend?


Auch nach Markteinführung haben Hersteller, Staat und Ärzteschaft selbstverständlich stets ein waches Auge darauf, inwieweit sich das neue Präparat bewährt, ohne Schaden anzurichten („Phase IV“), und ob es für sich weitere Einsatzbereiche eignet, über die Erkrankung hinaus, für die es ursprünglich zugelassen worden ist. Dazu finden aufwendige Anwendungsbeobachtungen statt, unter Mitwirkung tausender von niedergelassenen Ärzten und Kliniken. Für deren immense Kosten kommen großzügigerweise ebenfalls die Hersteller aus eigener Tasche auf, obwohl die höchst aufschlussreichen Ergebnisse doch uns allen zugute kommen. Fallen im nachhinein besorgniserregende Nebenwirkungen auf, werden sie prompt gemeldet; daraufhin werden umgehend Beipackzettel geändert, Zulassungen notfalls widerrufen. Denn unser aller Leib und Leben zu schützen, ist natürlich oberstes Gebot.


Von wunderbarer Vision beseelt?


Getrieben von ihrer wunderbaren Vision, jeglicher Krankheit für immer den Garaus zu machen, von beispielhaftem unternehmerischen Wagemut, von wissenschaftlicher Exzellenz und dem hehren Geist der Innovation, nehmen Pharmahersteller uns zuliebe irrwitzige finanzielle Risiken und Belastungen auf sich. Denn nur einer von 5.000 bis 10.000 Wirkstoffkandidaten kommt am Ende auch tatsächlich auf den Markt (4); jeder tausendste übersteht die vorklinische Prüfung, von diesen bloß jeder fünfte auch die klinischen Tests. In einer umfangreichen Pharma-Datenbank lag die Likelihood of Approval (LOA), die Zulassungswahrscheinlichkeit, von Phase I bis zum letzlichen grünen Licht zwischen 2014 und 2023 bei mageren 6,7 %; größter Engpass bleibt Phase II.


Darf die Substanz endlich verkauft werden, verdienen die bedauernswerten Produzenten nur enttäuschend kurz daran. Denn in der Regel schon nach 20 Jahren läuft der Patentschutz aus, Exklusivvermarktungsrechte erlöschen; dann haben dreiste Ideenklauer freie Fahrt für billige Generika. Trotzdem nehmen es allein die Top-50-Pharmaunternehmen auf sich, zusammengerechnet 167 Milliarden US-Dollar pro Jahr in „Forschung und Entwicklung“ (F&E) zu investieren (5); allein in Deutschland sollen es rund 10 Milliarden Euro sein. Schon im Jahr 2001 sollen die F&E-Kosten für jedes neue Präparat im Schnitt bei schwindelerregenden 802 Millionen Dollar gelegen haben. (6) Jüngere Schätzungen gehen sogar von 2,6 Milliarden aus. (7)


Müssten der Branche dafür nicht allseitige Sympathie, Bewunderung und Dankbarkeit sicher sein? Entlastet sie den Staat nicht in nobelpreiswürdiger Großherzigkeit mit Unsummen von einer Herkulesaufgabe, die eigentlich die seine wäre: die Volksgesundheit zu bewahren, wiederherzustellen und zu mehren?


Stattdessen spielt man ihr übel mit: Da werden ihr Preisobergrenzen angedroht und Profit geneidet, ohne zu bedenken, wie dringend nötig Gewinne sind, um die horrenden Forschungsaufwendungen zu schultern. Auf die Früchte ihrer Pionierarbeit müssen Arzneimittelhersteller unverständlicherweise auch noch Steuern zahlen - als ob sie fürs Gemeinwohl nicht schon genug getan hätten. Ohnehin schikanöse Zulassungsverfahren werden ständig verschärft und in die Länge gezogen, ohne Rücksicht auf verzweifelte Patienten, denen pharmazeutische Durchbrüche doch möglichst rasch zugute kommen sollten. Wozu überhaupt noch irgendwelche lästigen staatlichen Checks, wo die vorangehenden, von den Herstellern selbst generös bezahlten Studien auf höchstem wissenschaftlichen Niveau Wirksamkeit, Sicherheit und Verträglichkeit doch bereits hieb- und stichfest bewiesen haben? Gleicht Big Pharma nicht Homers unglückseligem, bemitleidenswerten Sisyphos, der dazu verdammt ist, einen ungeheuren Felsblock bergauf zu wälzen, darauf gefasst, dass oben ein Dämon namens „schwere Nebenwirkung“, „ungünstige Kosten/Nutzen-Relation“ oder „auslaufende Patentfrist“ dafür sorgt, den Stein wieder talwärts rollen zu lassen?


An der Nase herumgeführt


Die zweite Geschichte entwickelt sich daraus, die erste ihrer Mythen zu entledigen. Übrig bleibt vom Heldenepos dann: heiße Luft. Und daraus folgt: Man führt uns an der Nase herum.


Das beginnt schon beim behaupteten Zeitaufwand. Wie eine Auswertung von Daten zu 168 Medikamenten ergab, schrumpfte der Zeitraum, der für die klinische Prüfung und Zulassung durch die US-Arzneimittelbehörde FDA erforderlich ist, zwischen 1992 und 2001 von durchschnittlich acht Jahren auf unter fünf. (8) Unter dem Druck der Pharmalobby, die unablässig die angeblich kleinlichen, schwerfälligen, patientenfeindlichen Zulassungsverfahren beschleunigen und vereinfachen will, hat sich die Zeitspanne seither weiter verkleinert – in Sonderfällen verkürzt sie sich auf 1 bis 2 Monate.


Ein neues Medikament zu entwickeln, bleibt trotzdem eine aufwändige Angelegenheit, fürwahr. Über ihre eigene Rolle dabei macht uns die Pharmaindustrie aber etwas vor. Das „F“ im „F&E“ – den langwierigsten, schwierigsten und kreativsten Part – erledigen, neben kleinen Biotechnologiefirmen, häufig staatliche Labore in Hochschulinstituten und Forschungseinrichtungen, finanziert mit Steuergeldern. Das bedeutet: Für die meisten Medikamente zahlen wir doppelt. In erster Linie dort wird bis hinab auf die molekulare Ebene ergründet, was im Körper schiefläuft, wenn wir erkranken. Und ebenfalls dort finden in der Regel die wichtigsten ersten Schritte beim „E“ statt: im Bemühen, ein Molekül zu entdecken oder zu synthetisieren, das ein bestimmtes Glied in der Kette des Erkrankungsprozesses zielsicher repariert, ohne anderswo größeren Schaden anzurichten. Erst wenn solche Substanzen anschließend an Zellkulturen, Tieren und Menschen getestet werden, pflegen sich Pharmakonzerne einzuschalten. Immer häufiger übernehmen sie die Regie erst im Stadium der klinischen Prüfung


Alle erdenklichen Wirkstoffkandidaten einzeln unter die Lupe zu nehmen, ob sie hilfreich sein könnten, würde eine halbe Ewigkeit dauern. Die Branche verfährt da viel ökonomischer: Ihre Firmen und Zulieferer verfügen über gigantische Datenbanken mit potenziell wirksamen Substanzen und ihren jeweiligen Wirkungsprofilen. Computerprogramme mustern sie blitzschnell daraufhin durch, ob sie sich eignen könnten, in das Krankheitsgeschehen genau dort einzugreifen, wo sie es gemäß Grundlagenforschung tun sollten. Eher selten werden hingegen gänzlich neue Moleküle konstruiert oder aus Tieren, Pflanzen, Mineralien gewonnen. Statt dies durchweg im eigenen Haus zu erledigen, greifen Pharmakonzerne lieber auf öffentlich finanzierte Forschung zurück. Oder sie erwerben Lizenzen, um sie dann zu vermarkten und für zusätzliche Anwendungsgebiete patentieren zu lassen.


So geschah es bei einigen der umsatzstärksten Arzneimittel weltweit, etwa beim Aids-Therapeutikum Retrovir (Zidovudin, AZT), beim Krebsmittel Taxol (Paclitaxel), bei Epoetinen - Mitteln, welche die Bildung und Entwicklung von roten Blutkörperchen (Erythropoese) stimulieren -,  wie auch bei Imatinib (Glivec), das bestimmte Enzyme (Tyrosinkinasen) hemmt. (9) Dann fallen lediglich ein Viertel bis ein Fünftel der durchschnittlichen Kosten von Eigenentwicklungen an. (10) „Die großen Pharmafirmen wie Novartis und Pfizer“, so prangert der US-amerikanische Linguist und Kapitalismuskritiker Noam Chomsky an, „brauchen sich nur umzusehen und sich dann die lukrativsten Ideen unter den Nagel zu reißen. Würde der Staat das selber machen, könnten die Gesundheitskosten gewaltig sinken.“ (11)


Alter Wein in neuen Schläuchen


Wirklich „innovativ“ sind Verpackungsdesigns und Handelsnamen - aber nur die wenigsten zugelassenen Präparate. Kaum eines enthält eine noch nie dagewesene molekulare Substanz. Zwischen 1998 und 2002 gab die US-Aufsichtsbehörde FDA grünes Licht für 415 Medikamente, also im Schnitt für 83 pro Jahr; aber nur in jedem dritten, 133, steckte ein neuer Wirkstoff, und nur bei 58 dieser 133 erkannte die FDA „einen nennenswerten Vorteil im Vergleich zu Präparaten, die schon auf dem Markt sind“. Von 23 Präparaten gegen Krebs, die 2013 auf den Markt kamen, befanden Wissenschaftler der Uni Bremen ein einziges für wirklich innovativ - Pertuzumab („Perjeta“) gegen eine besonders aggressive Art von Brustkrebs -, neun bloß „begrenzt“, ansonsten überhaupt nicht. (12) Das ist zumindest eines nicht: zuviel.


Lieber wird alter Wein in neue Schläuche gefüllt. Ein Großteil enthält dieselben Substanzen wie die Vorgänger, nur geringfügig modifiziert (13) - hier ein Molekülbaustein verrückt, dort einer herausgeschnitten, da einer ergänzt -, gerade genug, um als „Neuerung“ durchzugehen, für die sich ein abermaliger Patentschutz durchsetzen lässt; Me-too´s, auch „Analogpräparate“ heißen sie branchenintern. „Forschung dient hier dazu, Patent-Reviere zu schaffen und zu erhalten, und nicht der raschen und sicheren Hilfe für Patienten“, desillusioniert uns ein Ex-Pharmamanager. (14)


So gerissen verfuhr beispielsweise der dänische Pharmariese Lundbeck bei seinem Kassenschlager Citalopram (Cipramil, Seropram u.a.), zeitweilig einem der meistverordneten Antidepressiva weltweit, aus der angeblich „neuen Generation“ der SSRIs, der „Selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer“. Just als 2003 der Patentschutz auslief, hatte Lundbeck ein trickreiches neues Patent parat. Citalopram setzt sich chemisch aus zwei Hälften (Isomeren) zusammen, die jeweils Spiegelbilder voneinander sind. Bloß eine davon ist aktiv. Nun entfernte Lundbeck die inaktive Hälfte, patentierte die aktive als „Neuheit“ und benannte sie in Escitalopram um (Lexapro, Cipralex, Seroplex u.a.). (15)


Gelegentlich ist auch Genosse Zufall kostendämpfend zu Diensten: In der klinischen Testphase vor Markteinführung der Substanz, oder im anschließenden Praxiseinsatz, fallen an Versuchs- personen und Patienten oftmals unverhofft zusätzliche Effekte und Anwendungsmöglichkeiten auf. Stellt sich nachträglich etwa heraus, dass ein Blutdrucksenker beruhigend wirkt, so kann daraus, schwuppdiwupp, ein Angstdämpfer werden. Ein Medikament, das zunächst als Leberschutz vermarktet wurde, kam später nur noch gegen „Missempfindungen“ bei diabetischen Nervenleiden zum Einsatz. Aus einem Prostatamittel wurde plötzlich eine Arznei gegen Haarausfall. (16) 


Ähnlich kuriose Vorgeschichten weisen Antidepressiva auf. Als dem Deutschen Reich gegen Ende des Zweiten Weltkriegs die Kraftstoffe für seine V2-Raketen ausgingen, entwickelten Chemiker eine neue Verbindung, Hydrazin, die sich als Treibstoffersatz eignete. Aber auch in Brennstoffzellen und Notstromaggregaten sowie als Korrosionsschutz bewährte sie sich bestens. Nach Kriegsende landeten Proben davon in den Forschungsabteilungen einiger Pharmafirmen. Dort fragte man sich, ob das Raketenbenzin womöglich zu neuen Medikamenten führen könne. Und tatsächlich: Im Jahre 1951 gelang es Chemikern des Schweizer Konzerns Hoffmann-La Roche, aus Hydrazin ein Derivat namens Iproniazid zu gewinnen, das Tuberkulose-Bakterien wirkungsvoll bekämpft. Aus Spitälern, welche die Substanz daraufhin an Tb-Patienten testeten, drang seltsame Kunde: Der Wirkstoff beflügelte anscheinend. Obgleich schwerkrank, tanzten manche Infizierte ausgelassen auf den Fluren, nachdem sie Iproniazid eingenommen hatten. Was lag näher, als damit fortan Depressive zu behandeln? (17)


Beispiel Chlorpromazin, das weltweit erste Antipsychotikum: Einzug in die Psychiatrie hielt es, wie die meisten modernen Seelendrogen, auf bizarren Umwegen, nachdem unverhofft unbeabsich- tigte Nebenwirkungen zum Vorschein gekommen waren. Die zugrundeliegenden Verbindungen, Phenothiazine, waren im ausgehenden 19. Jahrhundert als Farbstoffe synthetisiert worden. In den Dreißigerjahren bewährten sie sich als Insektizide und gegen Schweineparasiten. In den Vierzigern lähmten sie Ratten in Fluchtexperimenten derart durchschlagend, dass die Tiere Elektroschocks nicht mehr ausweichen konnten. Nun griffen Chirurgen zu ihr, um die betäubende Wirkung von Anästhetika zu verstärken. Bald darauf erwies sich Chlorpromazin als nützlich, um Allergien zu mildern. Dabei fiel auf, dass viele  Patienten emotional abstumpften, jegliches Interesse verloren; sie äußerten keine Sorgen, Wünsche und Vorlieben mehr. Und sie hörten auf, Fragen zu stellen - ein hochwillkommener Effekt bei Manikern und sonstigen „schwierigen“ Psychiatrieinsassen. (18)


Ähnlich verlief die Erfolgsstory des Potenzmittels Viagra. Der Wirkstoff Sildenafil war zunächst, erfolglos, zur Herz-/Kreislauf-Stärkung, bei Bluthochdruck und Angina pectoris erprobt worden. Dabei fiel eine Nebenwirkung auf, aus der schließlich die teuer verkaufte Hauptwirkung gemacht wurde: Erektionen nahmen zu. (19) Auf der Suche nach zusätzlichen Indikationen testete Pfizer unter anderem, ob Sildenafil den Jetlag mildern kann. Versuche mit Hamstern, denen durch vorzeitig ausgeschaltetes Licht die Zeitverschiebung bei einem Transatlantikflug vorgegaukelt wurde, sollen vielversprechend verlaufen sein. Im Erfolgsfall müssen Airlines künftig wohl den Sitzabstand vergrößern, damit Fernreisende einen Interkontinentaltrip mit Dauererektion unbeschadet überstehen. (20)


Pseudo-Innovationen als Geschäftsmodell


Die Versuchung, aus Pseudo-Innovationen ein Geschäftsmodell zu machen, ist umso größer, je seltener echte Neuheiten werden. Den Finger in die Wunde legt die US-Medizinerin Marcia Angell, langjährige Chefredakteurin des hochangesehenen New England Journal of Medicine und mittlerweile Dozentin für Sozialmedizin an der Harvard Medical School in Boston: „Die Unternehmen haben nur noch wenige Präparate in der Forschungspipeline, mit denen sie ihre Blockbuster nach Ablauf des Patentschutzes ersetzen könnten. Dies ist heute das größte Problem der Branche und gleichzeitig ihr bestgehütetes Geheimnis. Alle Werbeaussagen über Innovationen sollen dazu dienen, genau diese Tatsache zu verschleiern. Der Strom neuer Medikamente ist zu einem Rinnsal geworden, und nur die wenigsten davon sind in irgendeiner Form wirklich innovativ.“  Der Trend zu „individualisierten“ Therapien, abgestimmt auf den einzelnen Patienten, etwa auf seinen spezifischen Tumor, wird dieses Problem verschärfen, so befürchtet die Deutschland-Chefin von Boehringer Ingelheim. Anders als in der Vergangenheit werde es nicht mehr Medikamente geben, die bei einer großen Masse von Kranken einheitlich verwendet würden. «Die Zeit der großen Blockbuster wird die Zukunft nicht mehr sein.» (21)


Offiziell bestreitet die Pharmaindustrie zwar mit Nachdruck, dass ihnen die brandneuen Kassenschlager für Abermillionen ausgehen; hinter vorgehaltener Hand jedoch, bei internen Meetings und Konferenzen, erörtern ihre führenden Köpfe mit wachsender Panik, wie darauf zu reagieren wäre. Der österreichische Medizinjournalist Hans Weiss erlebte das bei einer Managertagung in Barcelona mit: „Wir wissen ja alle“, so hörte er dort einen Teilnehmer sagen, „dass unsere Produktivität gesunken ist. Es gibt kaum noch Innovationen, und wir haben ein Glaubwürdigkeitsproblem. Sollen wir einfach so weitermachen wie bisher? Unsere Vertretermannschaften weiter ausbauen? Weiterhin Me-too-Präparate auf den Markt werfen? Weiterhin von Line Extensions leben“ - von der Marketingstrategie der Produktlinienerweiterung, die darauf abzielt, sich kurz vor Ablauf der Patentfrist einer erfolgreichen Arznei irgendeine neue Anwendung oder ein Zusatzelement einfallen zu lassen? (22)


Mehr als eine Milliarde Dollar F&E-Kosten pro Präparat?


Und aus solchen Vorgeschichten sollen sich allen Ernstes F&E-Kosten von durchschnittlich 802 Millionen Dollar pro Präparat ergeben, nach anderen indstrienahen Schätzungen sogar 985 Millionen, 1,395 Milliarden oder gar 2,6 Milliarden Dollar?


Dass an diesen Zahlen etwas oberfaul sein muss, ergibt sich bereits aus einer simplen Anwendung von Grundrechenarten: Man dividiert den Gesamtbetrag, den die Pharmabranche nach eigenen Angaben in F&E steckt, durch die Zahl neu zugelassener Präparate. Im Jahr 2000 beispielsweise will sie für F&E 26 Milliarden Dollar aufgewendet haben, ein Jahr darauf 30 Milliarden; 98 bzw. 66 „new drugs“ wurden in jenen beiden Jahren von Aufsichtsbehörden durchgewinkt. (Bloß bei jedem dritten handelte es sich um NMEs, „New Molecular Entities“.) Das ergäbe pro Arznei 265 bzw. 455 Millionen vor Steuern, 175 bzw. 300 Millionen nach Steuern. (23) Einer umfassenden Analyse der Verbraucherschutzorganisation Public Citizen zufolge liegen die wahren Kosten nach Steuern aber deutlich unter 100 Millionen Dollar (24). Andere Schätzungen kommen, nach Abzug von Steuerersparnissen, sogar auf lediglich 43 bis 59 Millionen (25) - das entspräche einem Achtzehntel der herstellerseits behaupteten Aufwendungen. Ein Klacks, gemessen an den branchenüblichen Verkaufserlösen. (26)


Und selbst 43 Millionen sind rausgeschmissenes Geld, wenn sie für nutzlose Scheininnovationen verbraten werden, die einem einzigen Ziel dienen: zusätzliche Umsatzbringer zu generieren. Warum müssen Arzneimittelhersteller nicht nachweisen, dass ihr neues Produkt besser ist als sein Vorgänger, besser als Produkte der Konkurrenz, besser als pharmafreie Therapien? Wozu finden überhaupt klinische Studien statt, die ein angeblich „innovatives“ Medikament nicht mit schon vorhandenen, jahrelang praxiserprobten und bewährten Mitteln vergleichen, sondern mit Placebos aus Zucker, Stärke oder Kochsalz? Wozu Studien, die irgendwelche klinisch unerheblichen Surrogatmarker wie Blutwerte, Stoffwechselprodukte oder Zellveränderungen messen (27), anstatt herauszufinden, worauf es ankommt: dass sich Beschwerden, Allgemeinbefinden und Lebensqualität von Patienten deutlich bessern? Aberwitzige Zulassungskriterien haben dafür gesorgt, dass rund 85 Prozent aller neu auf den Markt kommenden Arzneimittel keine nennenswerten Vorteile gegenüber vorhandenen Präparaten mit sich bringen. (28) Häufig erproben Pharmafirmen Medikamente, obwohl deren Erfolgschancen von vornherein absehbar schlecht stehen. So verbrannte Pfizer Abermillionen von Forschungsgeldern für das inhalierbare Insulin Exubera (29), um es schließlich 2007 wieder vom Markt zu nehmen. Dabei hatten Experten es schon über ein halbes Jahrzehnt zuvor als unsicher, unnötig und unbezahlbar eingestuft. (30)


Zurück zur weiterhin offenen Ausgangsfrage: Warum müssen Medikamente so teuer sein – trotz überschaubaren Aufwands für Forschung und Entwicklung? Weil PR, Werbung, Verwaltung teuer sind. Weil es Investoren und Aktionäre zufriedenzustellen gilt. Weil sich Spitzenmanager nicht mit edlen Visionen abspeisen lassen. Und weil die flächendeckende Korruption des Gesundheitswesens Unsummen verschlingt.

 

Anmerkungen

Dieser Beitrag ist eine aktualisierte Fassung des Kapitels „Das Forschungsmärchen – Der wahre Weg zur ‚innovativen‘ Pille“ aus Harald Wiesendanger: Das Gesundheitsunwesen – Wie wir es durchschauen, überleben und verwandeln (2019). S. 112 ff.

(1) Nach Joseph DiMasi u.a.: „The price of innovation: new estimates of drug development costs“, Journal of Health Economics 22 (2) 2003, S. 151-85, DOI: 10.1016/S0167-6296(02)00126-1, www.klinikfarmakoloji.com/files/RD%20COST-DiMassi.pdf 

(2) 13,5 Jahre nennt der Verband der forschenden Pharmaunternehmen in Deutschland (vfa) in der von ihm herausgegebenen Schrift Statistics 2014 – Die Arzneimittelindustrie in Deutschland, 28 S.

(3) 15 Jahre gab der US-amerikanische Lobbyverband PhRMA in den Nullerjahren an, zit. nach Arznei-Telegramm 5/2011. Neuerdings geht er von „mindestens zehn Jahren“ aus, s. www.phrma.org/advocacy/research-development/clinical-trials, abgerufen am 9.4.2017.

(4) Nach dem Jahresbericht des Branchenverbands Pharmaceutical Research and Manufacturers of America (PhRMA): „Pharmaceutical Industry Profile 2002“, www.phrma.org.

(5) Laut Schätzung der IFPMA (International Federation of Pharmaceutical Manufacturers and Associations), des weltweiten Dachverbands der forschenden Pharma-Unternehmen mit Sitz in Genf, für das Jahr 2022: https://www.ifpma.org/wp-content/uploads/2025/02/IFPMA_Always_Innovating_Facts__Figures_Report.pdf 

(6) Die pharmazeutische Industrie in Deutschland. Ein Branchenporträt, 2. überarb. Aufl., hrsg. v. Verband der forschenden Pharmaunternehmen in Deutschland (vfa).

(7) Nach der vfa-Broschüre Statistics 2009 - Die Arzneimittelindustrie in Deutschland. Erstmals öffentlich wurde die Zahl in einem Artikel der New York Times vom 1.12.2001 (Robert Pear: „Research Cost For New Drugs Said to Soar“).

(8) Salomon Keyhani u.a.: „Trends: Are development times for pharmaceuticals increasing or decreasing?“, Health Affairs 25/2006, S. 461-468.

(9) Siehe Marcia Angell: Der Pharma-Bluff - Wie innovativ die Pillenindustrie wirklich ist, Bonn/Bad Homburg 2005.; H. Mitsuya u.a.: Leserbrief an die New York Times, 28.9.1989, zit. nach Arznei-Telegramm 5/2011; M. Goozner: The $ 800 Million Pill - The truth behind the cost of new drugs, London 2004, S. 160 f.

(10) Donald W. Light/Rebecca Warburton: „Demythologizing the high costs of pharmaceutical research“, BioSocieties 6 (1) 2011, S. 34-50, DOI: 10.1057/biosoc.2010.40,   http://link.springer.com/article/10.1057%2Fbiosoc.2010.40, abgerufen am 9.4.2017.

(11) Noam Chomsky im Interview mit der Süddeutschen Zeitung Nr. 244, 21.10.2016, S. 22: „Der Staat finanziert, die Privatwirtschaft kassiert“.

(13) Nach Marcia Angell: Der Pharma-Bluff, a.a.O.

(14) John Virapen: Nebenwirkung Tod - Korruption in der Pharma-Industrie. Ein Ex-Manager packt aus, Mazaruni Publishing, 4. Aufl. 2008, S. 204 f.

(15) Peter Gøtzsche: Tödliche Psychopharmaka und organisiertes Leugnen, München 2016, S. 282 f.

(16) Spiegel online, 23.5.2007: „Pharmaforschung absurd - Die Legende vom omnipotenten Viagra“.

(17) Nach Zeit Magazin, 24.6.2016: „Depressionen - Aus Schatten ans Licht“.

(18) Nach Gøtzsche: Tödliche Psychopharmaka, a.a.O., S. 237 f.

(19) Arznei-Telegramm Nr. 5, S. 50.

(20) Spiegel online, 23.5.2007: „Pharmaforschung absurd“, a.a.O.; Patricia V. Agostino u.a.: „Sildenafil accelerates reentrainment of circadian rhythms after advancing light schedules“, Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America 104 (23) 2007, S. 9834-9839.

(21) zit. nach Zeit online, 14.4.2019: „Boehringer-Managerin: Zeit der großen "Blockbuster" vorbei“, https://www.zeit.de/news/2019-04/14/boehringer-managerin-zeit-der-grossen-blockbuster-vorbei-190414-99-816748, abgerufen am 17.4.2019.

(22) Marcia Angell: Der Pharma-Bluff, a.a.O., S. 42; Hans Weiss: Korrupte Medizin - Ärzte als Komplizen der Konzerne, 3. Aufl. Köln 2008, S. 22.

(23) Nach Angell, a.a.O., S. 62 ff.

(24) Nach Angell, a.a.O., S. 61.

(25) Nach D. W. Light/R. Warburton: “Demythologizing the high costs of pharmaceutical research”, BioSocieties 5/2011, S.1-17.

(26) Nach Light/Warburton, a.a.O., sowie C. P. Adams/V. Brantner: “Estimating the cost of new drug development: is it really 802 million dollars?”, Health Affairs 25 (2) 2006, S. 420-428; 17 M. Goozner: The $ 800 Million Pill - The truth behind the cost of new drugs, London 2004, S. 160-161

(27) Arznei-Telegramm 42/2011, S. 33-35.

(28) Light/Warburton, a.a.O.

(29) Arznei-Telegramm 38/2007, S. 105.

(30) Arznei-Telegramm 32/2001, S. 29-30.

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