• Dr. Harald Wiesendanger

„Nur Diebe und Terroristen tragen Masken“

Aktualisiert: Juni 2

„Nur Diebe und Terroristen tragen Masken“, meint Vittorio Sgarbi. Deswegen verbot er jegliche Mund-Nasen-Bedeckungen in der italienischen Gemeinde, deren Bürgermeister er ist. Das war im September 2020. Politik und Medien reagierten einhellig entsetzt. Doch ein Dreivierteljahr später belegen Statistiken: Um die Volksgesundheit steht es in Sutri keineswegs schlechter als anderswo.


Dieser Mann ist ein Lautsprecher. Ein eitler, theatralischer Selbstdarsteller. Ein geborener Provokateur. Ein Narziss. Starrsinnig. Unversöhnlich. Rücksichtslos. Oft geradezu obszön. Mehrfach verurteilt wegen Beleidigung, Verleumdung und Widerstand gegen Amtsträger. Kein Fettnäpfchen lässt er aus. Um so mehr ärgert Vittorio Sgarbis zahlreiche Gegner: Dieser Kerl hat womöglich recht. Zumindest mit jener spektakulären, staatlichen Seuchenschutz verhöhnenden Verordnung, die ihn im September 2020 auf einen Schlag berühmt machte, weit über die Grenzen Italiens hinaus.


Die Rede ist von Vittorio Sgarbi, Bürgermeister eines Städtchens namens Sutri, 50 km nordwestlich Rom. Bei seiner Verordnung für die 6600 Einwohner, aber auch für Zugereiste berief er sich auf ein Gesetz aus dem Jahr 1975, das Italien zur Bekämpfung des Terrorismus erlassen hatte. Darin heißt es, niemand dürfe mit Helm, Maske oder auf andere Weise vermummt auf die Straße gehen. Denn das Gesicht der Person müsse jederzeit erkennbar sein. (1)


„Nur Diebe und Terroristen setzen Masken auf", so hieß es in einer Pressemitteilung Sgarbis. Wer trotzdem damit „an öffentlichen Orten“ herumläuft, ohne dass ein „Bedarf“ dafür besteht, muss seither ein Bußgeld zahlen. (1)


Der streitbare Bürgermeister, seit Juni 2018 im Amt, findet es beispielsweise „widersinnig, dass man ohne Maske isst, sie jedoch aufsetzt, sobald man vom Tisch aufsteht. Dies ist eine lächerliche Prozedur, die nichts mit gesundheitlichen Erfordernissen zu tun hat.“


Der 69-jährige Sgarbi, ein landesweit bekannter Kunstkritiker und Politiker, ist seit 1994 Mitglied der Abgeordnetenkammer. Von 1999 bis 2001 war er Abgeordneter des Europäischen Parlaments, von 2001 bis 2002 Staatssekretär für Kulturgüter und kulturelle Aktivitäten in der Regierung Berlusconi. In der Coronakrise gilt er als scharfer Gegner der Maskenpflicht und sonstiger Corona-Maßnahmen.


Unermüdlicher Provokateur


Seit seinem aufsehenerregenden Vermummungsverbot hat Sgarbi nie aufgehört, sich als Fahnenträger der Anti-Lockdown-Widerstandsbewegung zu inszenieren. Mit Vorliebe flammend empört, ergeht er sich in Schimpftiraden gegen den staatlichen Seuchenschutz, wo immer sich ihm eine öffentlich beachtete Gelegenheit dazu bietet. AHA-Hygiene ignoriert er kaltblütig, Ausgangssperren und Versammlungsverbote ebenfalls. Und so sammelte er bis Mai 2021 bereits acht Bußgeldbescheide. Jedem hat er widersprochen, bezahlen will er keinesfalls.


Über den Maskenzwang setzt sich Sgarbi selbst im römischen Parlament beharrlich hinweg. Ermahnungen von Sitzungsleitern ignoriert er. Wenn ihn Saalordner deswegen gewaltsam von seinem Sitz wegzerren und an Händen und Füßen hinaustragen, ist ihm ein Platz in den Hauptnachrichtensendungen gewiss.



Am späten Abend des 5. April 2021, des Ostersonntags, postete Sgarbi auf seiner Facebook-Seite ein Video, das er selbst im Freien gedreht hatte. „Nur eine Regierung von Schwachköpfen kann die Menschen im Haus einsperren, um fernzusehen, während es an der frischen Luft so aussieht“, donnerte er. „Und im Fernsehen hört man einen Virologen, der sagt, dass man nach der Impfung auch im Freien eine Maske tragen muss. Die sind verrückt. Das sind Leute, die nur Ihre Krankheit wollen."


Tags darauf, am 6. April, legte Sgarbi auf Roms Piazza Montecitorio einen weiteren typischen Auftritt hin. Vor Hunderten versammelter Gastronomen, die artig maskiert und Abstand haltend gegen Corona-Auflagen protestierten, kletterte Sgarbi auf eine improvisierte Bühne, um ins Mikrofon zu brüllen: "Wer im Freien eine Maske trägt wie ihr, mit Sicherheitsabstand und Schiss, ist wie jemand, der mit Kondom S*x macht.“ Unter allen Vergleichen, die hinken, tut es dieser auf mindestens zwei Beinen – die Schutzwirkung von Präservativen ist immerhin erwiesen.



Kurz vor Weihnachten 2020 sorgte Sgarbi in Florenz für Empörung. Anlässlich der feierlichen Installation einer „Pop-Krippe“, mit Musikfiguren von Lucio Dalla bis Freddie Mercury, stand Sgarbi mit drei weiteren Festrednern beisammen – im Freien, vor den Uffizien. Wie eine Live-Übertragung bei Facebook dokumentierte, trug Sgarbi als einziger teils gar keine Maske, teils schob er sie demonstrativ unters Kinn. Damit sorgte er für einen kuriosen Kontrast, als sein Florentiner Amtskollege Dario Nardella an die Verantwortung der Bürger in Coronazeiten appellierte und wiederholt darum bat, „mit gesundem Menschenverstand die geltenden Regeln zu respektieren“.


Prompt handelte sich Sgarbi einen Shitstorm ein: „Schande über ihn", "absolut inakzeptabel", "verwerfliches Verhalten". Jemand erinnerte an eine Frau, die im Oktober nahe der Piazza della Repubblica in Florenz verhaftet und in Handschellen abgeführt wurde, weil sie keine Maske trug. Wieso verfährt die Polizei mit Sgarbi nicht ebenso?


Ein paar Wenige nahmen Sgarbi allerdings in Schutz. Wie gesund ist ein Menschenverstand, der von einem hohen Risiko ausgeht, dass Symptomfreie einander an der frischen Luft anstecken? Wie viel Respekt verdienen entsprechende Schutzvorschriften?



„Lächerliche Maßnahmen“


Als die italienische Regierung pünktlich vor Weihnachten 2020 Versammlungsauflagen verschärfte, tobte Sgarbi am 20. Dezember im Parlament über „lächerliche Maßnahmen“ gegen das Coronavirus: „Warum darf ich zuhause nicht mehr als zwei Gäste haben? Wieso nicht vier? Bis gestern haben sich hier im Parlamentssaal regelmäßig 500 Leute versammelt, ohne dass es einen einzigen toten Abgeordneten oder Minister gab - und zu mir können nicht mehr als zwei Leute kommen? F*** dich, du I***, du A***.“


Und wieso, fragt Sgarbi in Rage, gilt die Ausgangssperre bloß bis einschließlich Sonntag 27. Dezember, nicht aber für die Werktage ab Montag 28. Dezember? „Schaut das Virus, ob es ein Feiertag ist oder nicht?“


Falls in geschlossenen Räumen tatsächlich Lebensgefahr besteht – wieso, will Sgarbi wissen, setzt man dann nicht Luftfilter und Desinfektionsgeräte ein? „Es gibt sie, wir könnten sie seit März haben. Die Regierung könnte sie kaufen, um sie Schulen und Theatern zu geben, der private Sektor könnte sie kaufen. Ich kann ein Restaurant desinfizieren, warum lasst ihr mich das nicht machen, ihr Regierungssch***? Wie könnt ihr regieren, wenn ihr nichts kapiert, ihr Schwachköpfe?“


Wenn Sgarbi eine Corona-Infektion für zumeist harmlos erklärt, spricht er immerhin aus eigener Erfahrung. Als er sich im Dezember 2020 von seinem Hausarzt PCR-testen ließ, stellte sich heraus, dass er Antikörper gegen SARS-CoV-2 im Blut hatte. „Also hatte ich das Coronavirus wahrscheinlich. Aber es ging mir bestens. Ich war asymptomatisch, ohne es zu merken.“


Andererseits musste Sgarbi miterleben, wie kurz hintereinander sein alter Chauffeur, sein Assistent sowie der stellvertretende Bürgermeister von Sutri mit einer Corona-Diagnose starben. Ebenso erging es dem von Sgarbi hochgeschätzten Starfotografen Giovanni Gastel. Vor allem Gastels Tod habe ihn „zum Umdenken gebracht“, räumt Sgarbi ein. „Denn ich war überzeugt, dass er daran unmöglich sterben kann“. Inzwischen glaube er jedoch, dass es „zwei Covids gibt: eines, das dich erwischt, ohne dass du es sehen kannst, und eines, das aus dem Hinterhalt über dich herfällt und dich umhauen kann“. (2)


Kranke erster und zweiter Klasse


Anfang 2021 erhielt Sgarbi die Diagnose Prostatakrebs, noch ohne Metastasen (3); vom 12. April an unterzog er sich einer Strahlentherapie. Seither prangert er bei fast jedem öffentlichen Auftritt einen besonderen Kollateralschaden staatlichen Infektionschutzes an: die Vernachlässigung aller schweren Erkrankungen, die nicht „Covid-19“ heißen. „Ein Arzt, der Krebspatienten vernachlässigt, ist einer, der mir auf den Sack geht. Es gibt nicht nur Covid auf der Welt." „Alles ist dem Covid-Gott und seinen Bedürfnissen untegeordnet.“ „Eine Erkrankung wie meine scheint zweitrangig, weniger wichtig als die Mythologie um die Seuche“, und das findet er inakzeptabel. „Die Onkologie im Allgemeinen ist heute ein Opfer des Medienterrorismus, der für die Pandemie betrieben wird.“


Liegt Sgarbi damit denn völlig daneben? "Im Gerichtssaal zwingen sie mich, die Maske zu behalten, die mir als Krebspatient schadet und nicht dazu dient, das Covid zu bekämpfen, das ich nicht mehr haben kann, weil ich es bereits durchgemacht habe. Ein Paradoxon.“ Ein ärztliches Attest, das ihn vom Maskentragen befreit, schickte er an Roberto Fico, den Präsidenten der italienischen Abgeordnetenkammer: "Er kümmert sich nicht um Krebs oder Herzprobleme, nur um Covid, das weniger tödlich ist als Lungenkrebs durch Rauchen. Im Parlament sind wir mit einem logischen Paradoxon konfrontiert: sehr strenge Vorschriften für eine Krankheit, die für mehr als 90 Prozent der Menschen, die daran erkranken, nicht tödlich ist - aber wenn man eine andere hat, wie z. B. Krebs oder eine Herzkrankheit, interessiert das niemanden.“


Amtskollegen distanzieren sich von Sgarbi in aller Öffentlichkeit. So desavouierte ihn die Bürgermeisterin der Nachbargemeinde Sulmona, Annamaria Casini, Anfang Dezember 2020 vor Pressvertretern während eines gemeinsamen Spaziergangs: „Sgarbi sollte für die Einhaltung der Regeln werben und wissen, dass die Gesetze nicht kommentiert, sondern respektiert werden müssen. Wenn ein Mann wie er, der in Fragen der öffentlichen Gesundheit ein Beispiel geben sollte, sich über solche Regeln hinwegsetzt, so ist das wirklich besonders schlimm", betonte Casini. "Hier in Sulmona herrscht seit diesem Sommer Maskenpflicht, und gerade dank dieser restriktiven Maßnahme ist es unseren Bürgern gelungen, die Ansteckung einzudämmen.“


Ätsch - Die Katastrophe blieb aus


Hat Sgarbi all die verbalen Prügel verdient, die er öffentlich einstecken muss? Man muss diesen Proleten nicht mögen oder gar beklatschen. Man muss ihm nicht jede Ausfälligkeit durchgehen lassen. Man muss nicht jede seiner regierungskritischen Äußerungen mitunterschreiben. Eines allerdings sollte man fairerweise nicht versäumen: neugierig nachzuforschen, ob sich Sgarbis Umgang mit der Seuche wirklich so fatal auswirkt, wie seine Gegner unterstellen, ohne Beweise vorzulegen. Hat dieser Bürgermeister in seiner eigenen Gemeinde Unheil angerichtet? Füllen die schutzlos ausgelieferten Einwohner von Sutri seit der „ersten Welle“ zuhauf Arztpraxen, Kliniken und Intensivstationen? Pflastern Berge von Leichen die Gassen des malerischen Städtchens? Erkrankten und starben dort mehr Menschen an Covid-19? Stößt Sutris Friedhof coronabedingt an seine Kapazitätsgrenze?


Von alledem kann keine Rede sein. Bis Mitte Mai 2021 wurden unter den rund 6400 Einwohnern von Sutri 258 „Fälle“ aktenkundig. Acht (!) verstarben „an oder mit“ SARS-CoV-2. Das ergibt eine Covid-Mortalität von 0,124 %. Damit steht Sgarbis Städtchen besser da als viele umliegende Gemeinden, die auf Mund-Nasen-Bedeckung und Social Distancing achten: (4)



Falls Sgarbi völlig danebenläge: Wie müsste dann Italiens bisherige Covid-Bilanz aussehen, im Vergleich zu einem Land wie Schweden, das auf Lockdowns, Ausgangssperren und Maskenzwang verzichtete?



„Womit haben wir bloß Sgarbi verdient?“, fragt ironisch ein Journalist des Nachrichtenportals today.it. Die Antwort muss lauten: mit kollektivem Unterdrücken von berechtigten Zweifeln, mit denen der Provokateur aus Sutri die Nation zurecht nervt.


Harald Wiesendanger


Anmerkungen

(1) https://www.miss.at/buergermeister-in-italien-verbietet-das-tragen-von-masken/; https://www.derstandard.de/story/2000119675269/buergermeister-italienischer-kleinstadt-stellt-das-tragen-von-masken-unter-strafe; https://kurier.at/politik/ausland/buergermeister-in-italien-fuehrt-maskenverbot-ein/401015855; https://www.krone.at/2220517; https://www.unionesarda.it/de/articolo/news/italia/2020/08/29/sgarbi-a-sutri-multe-per-chi-indossa-la-mascherina-senza-necessit-137-1054214.html; https://www.romatoday.it/attualita/coronavirus-sgarbi-mascherine-sutri-multe-.html

(2) Sinngemäß von mir übersetzt. Das Originalzitat lautet: „In realtà ci sono due Covid, uno che ti prende e non si vede, un altro che ti prende di traverso". https://www.ilgiornale.it/news/cronache/vittorio-sgarbi-ho-avuto-covid-e-ho-cancro-p-1932578.html

(3) https://www.today.it/politica/vittorio-sgarbi-cancro-mascherina-parlamento.html; https://www.ilgiornale.it/news/cronache/vittorio-sgarbi-ho-avuto-covid-e-ho-cancro-p-1932578.html; https://www.ilgiornale.it/news/cronache/vittorio-sgarbi-far-radioterapia-e-aula-mi-fanno-tenere-1933631.html

(4) Statistik nach http://www.tusciaweb.eu/2021/04/riepilogo-3/, Stand: 17. Mai 2021.

Bildausschnitt Sutri: Von Croberto68 - Eigenes Werk, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5964841

Grafiken mit Vergleichen Schweden – Ialien: https://ourworldindata.org/coronavirus/country/italy

12. Mai 2021: Sgarbi empört sich über Maskenträger in der Kirche https://www.facebook.com/search/top?q=vittorio%20sgarbi

Porträtfoto Sgarbi (Zitatkasten): By Bruno Cordioli - Own work, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=39349954

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