• Dr. Harald Wiesendanger

Medizin-Nobelpreis für Xi – wen sonst?

Am 4. Oktober wird der nächste Nobelpreis für Medizin vergeben. Noch nie hat ihn ein Nichtwissenschaftler gewonnen. Die sogenannte Corona-Pandemie bietet dringenden Anlass, von dieser Tradition ausnahmsweise abzurücken. Für sein überragendes Krisenmanagement mittels Erfindung des „Lockdown“ gebührt dem chinesischen Staatspräsidenten Xi Jinping nämlich mindestens die höchste Auszeichnung, welche die Welt für eine medizinische Glanzleistung zu vergeben hat. Die leisesten Zweifel daran verstoßen voraussichtlich gegen Facebooks und Twitters Gemeinschaftsstandards, sie qualifizieren ohne weiteres für einen kostenlosen Bildungsurlaub in den fabelhaften Umerziehungslagern von Xinjiang.


Seit 1901 erhielten 222 Persönlichkeiten den Nobelpreis für Medizin. (1) Nach dem Willen seines Stifters, des schwedischen Chemikers und Erfinders Alfred Nobel (1833-1896), gebührt er alljährlich demjenigen, dem im vergangenen Jahr auf diesem Gebiet „die wichtigste Entdeckung“ gelungen ist – eine, die „den größten Nutzen für die Menschheit erbracht“ hat.


Dass dafür nur Wissenschaftler in Frage kommen, gilt als ungeschriebene Regel. Aber ist sie denn in Stein gemeißelt?


Kann es angesichts der Coronakrise zwei Meinungen darüber geben, wer den nächsten Medizin-Nobelpreis am allermeisten verdient hat? Wenn am 4. Oktober ab 11:30 Uhr bekanntgegeben wird, wer ihn 2021 erhalten soll, kommt selbstverständlich einzig und allein der Generalsekretär der Kommunistischen Partei Chinas in Frage, Staatspräsident Xi Jinping. Denn in einem Geniestreich ohnegleichen erfand er, kaum dass ein Killerkeim von Wuhan aus den Planeten zu entvölkern drohte, ein höchst originelles, an Kühnheit nicht zu überbietendes Seuchenschutzkonzept namens „Lockdown“.


In der Geschichte der Infektionsmedizin sucht es seinesgleichen. Niemals zuvor hatten Wissenschaftler, Ärzte oder Gesundheitsbehörden es erprobt oder auch nur in Erwägung gezogen, geschweige denn empirisch überprüft und bestätigt. Kein Pandemieplan sah ihn jemals vor. Die WHO empfahl es ebensowenig wie die amerikanische CDC oder das Robert-Koch-Institut.


Vor 2020 hatte sich Seuchenschutz vielmehr darauf konzentriert, Infizierte und Kranke zu isolieren, besonders Gefährdete zu schützen – beschränkt auf bestimmte Orte und Regionen, begrenzt auf Zeiträume von wenigen Wochen. Stets galt, was Donald Henderson – jener amerikanische Epidemiologe, der sich in den sechziger und siebziger Jahren um die Ausrottung der Pocken verdient machte – vor 15 Jahren schrieb: „Die Erfahrung lehrt, dass Gemeinschaften, die mit Epidemien (…) konfrontiert sind, am besten und mit der geringsten Angst reagieren, wenn ihr normales soziales Funktionieren möglichst wenig gestört wird.“ (2)


Erst Rotchinas Zuìgāo Lǐngdǎorén, sein „Überragender Führer“, begriff, dass SARS-CoV-2 in seiner monströsen Schrecklichkeit einen weitaus radikaleren Ansatz erforderte: einen, der die gesamte Bevölkerung einbezog, einschließlich der Kerngesunden. Auch sie mussten, als potentielle Überträger, ungeachtet ihrer Symptomfreiheit auf Schritt und Tritt kontrolliert, massenhaft und immer wieder getestet, maskiert, eingesperrt und Impfungen zugeführt werden. Schulen, Betriebe und Geschäfte mussten geschlossen, alles öffentliche Leben eingefroren, ganze Städte in Hochsicherheitsgefängnisse verwandelt werden – je rücksichtsloser, desto besser. Wie ein WHO-Vertreter bemerkte, „ist der Versuch, eine Stadt mit 11 Millionen Menschen abzuriegeln, neu für die Wissenschaft (…), beispiellos in der Geschichte des öffentlichen Gesundheitswesens“. (3)


In Anbetracht des atemberaubenden Tempos, in dem Xi Jinping auf früheste Anzeichen der sich anbahnenden Katastrophe reagiert haben soll, darf zurecht von einem „Geistesblitz“ gesprochen werden. Kaum hatte er Anfang 2020 davon Wind bekommen, machte er den Ausbruch umgehend zur Chefsache, so heißt es. Sofort habe er sich umfassend informieren lassen, sich eingehend mit den besten Experten seines Landes beraten und dann schnellstmöglich alle notwendigen Maßnahmen ergriffen. Bereits vom 23. Januar 2020 an wurden sämtliche Zug- und Flugverbindungen aus Wuhan wie auch in der 70 km östlich gelegenen Millionenstadt Huanggang eingestellt, ebenso alle Bus-, U-Bahn- und Fährverbindungen. Die Einwohner Wuhans wurden angewiesen, die Stadt nicht zu verlassen. Bibliotheken, Museen und Theater sagten Veranstaltungen ab. In Wuhan wurde ein Koordinierungszentrum für Maßnahmen zur Eindämmung der Epidemie eingerichtet.


Zu diesem Zeitpunkt waren in der gesamten Provinz Hubei, einschließlich Wuhan, erst 500 Infektionen und 17 Todesfälle offiziell bestätigt. Zeugt es nicht von geradezu prophetischer Sehschärfe, dass Chinas oberstem Kommunisten im Nu schwante, zu welcher Lawine dieses epidemiologische Schneeflöckchen bald anwachsen wird?


Schon für den 29. Januar ließ Xi Behörden eine Massenquarantäne für die 11-Millionen-Metropole Wuhan ankündigen. Vom 17. Februar an galt sie für die gesamte Provinz Hubei. (4) Alle nicht wesentlichen öffentlichen Orte werden geschlossen, Massenveranstaltungen untersagt. Apotheken und Supermärkte blieben geöffnet, mussten aber bei jedem Eingelassenen die Körpertemperatur messen, außerdem von jedem Käufer von Husten- oder Fiebermitteln alle Personaldaten erfassen. Die Zufahrten zu allen Dörfern und Gemeinden blieben gesperrt, um Ausreisen zu kontrollieren und Auswärtigen den Zugang zu verwehren. Autofahren war untersagt, Ausnahmegenehmigungen galten nur für Transport-, Feuerwehr-, Rettungs- und Polizeifahrzeuge. (5) 57 Millionen Einwohner wurden zu Häftlingen in ihren Wohnhäusern. Eine dreitägige Tür-zu-Tür-Erfassungsaktion in allen Gemeinden zielte darauf ab, ausnahmslos alle bisher unerkannten Fälle zu identifizieren und aufzunehmen. (6)


Ab Mitte Februar 2020 begann China, mit Hilfe von Handy-Apps die Bewegung der Bevölkerung zu überwachen, um die Quarantänemaßnahmen durchzusetzen und um Kontaktpersonen zu identifizieren. (7) Dazu muss jeder Bürger eine App auf sein Smartphone installieren, die mit den verschiedenen Online-Diensten, wie Alibaba oder Tencent, verknüpft ist und alle Daten ausliest. Anhand dieser Daten erhalten die Smartphone-Besitzer einen Farbcode auf ihr Handy. Rot bedeutet zwei Wochen Isolation, gelb sieben Tage Quarantäne und grün freier Zugang. Diese App muss bei Polizei-, Laden- und Hauseingangskontrollen vorgezeigt werden. (8)


„Vollständig eliminiert“


Klappte die Eindämmung nicht geradezu phänomenal? Schon ab Februar 2020 konnte die Kommunistische Partei Chinas (KPCh) vermelden, dass die Zahl der Corona-Neuinfektionen rapide sinkt. Am 18. Februar lag die Zahl der Neuinfektionen pro Tag in China unter 2000; am 20. Februar sank sie unter 1.000, und laut WHO-Bericht vom 26. Februar gab es erstmals mehr Neuinfektionen außerhalb Chinas als innerhalb. (9) In Wuhan konnten alle 16 zuvor errichteten Notkrankenhäuser wieder schließen. (10)


Am 9. März lag die Zahl der Neuinfektionen in ganz China offiziell bei gerade mal 45. (11) Nachdem an mehreren darauffolgenden Tagen keinerlei weitere Fälle hinzukamen, verkündete das Politbüro am 19. März: Der kompromisslose Lockdown habe Fälle von SARS-CoV-2 vollständig eliminiert. (12)


Neue Infektionen, so verbreitete Peking, würden nur noch von Einreisenden eingeschleppt. Daher schloss die Volksrepublik China am 28. März die eigenen Grenzen für Ausländer. (13) Die Einreise aus EU-Staaten ist erst seit dem 11. August 2020 wieder möglich. (14)


In der ersten Märzhälfte 2020 zeigte das Staatsfernsehen jubelnde Ärzte und Pflegekräfte, die vor ihren Krankenhäusern Freudentänze aufführten, nachdem sie die letzten Covid-19-Patienten als geheilt entlassen hatten. „Lernt von China!“, titelten Medien. Umgehend bot Peking an, allen übrigen Staaten beim Krisenmanagement beizustehen.


Atemberaubend, phänomenal, unfassbar: Vom Wuhan-Lockdown am 23. Januar bis zum offiziellen Pandemie-Ende vergingen gerade mal zwei (!) Monate. Hat die Volksrepublik da nicht eine Leistung vollbracht, die in der Geschichte der Seuchenbekämpfung ihresgleichen sucht? Erhebt diese Bilanz das Reich der Mitte nicht zum leuchtenden Vorbild für die Welt?


Wer will da noch Staats- und Parteichef Xi Jinping widersprechen, wenn er bei jeder Gelegenheit dick unterstreicht, welch herausragenden Beitrag sein Land zur weltweiten Bekämpfung der Corona-Seuche geleistet hat? „Mit seinen praktischen Maßnahmen hat China geholfen, das Leben von Dutzenden Millionen Menschen auf der Welt zu retten“, erklärte er Anfang September 2020 bei einer Veranstaltung, auf der er zum Gedenken an Covid-19-Opfer die Ehrengarde marschieren ließ und verdiente „Corona-Helden“ auszeichnete. Mit der Abriegelung Wuhans habe Peking der Welt „Zeit erkauft“. Inmitten einer beispiellosen globalen Krise habe sich China als verantwortungsvolle Führungsmacht erwiesen, der die „Schicksalsgemeinschaft der Menschheit“ ganz arg am Herzen liege. „Papa Xi“, wie sich Jinping daheim nennen lässt, erwies sich als strenger, aber fürsorglich-gütiger Beschützer der ganzen Welt. Hat er den gigantomanischen Personenkult, den er maogleich um sich treiben lässt, nicht global verdient? Gehören nicht endlich auch ins Westfernsehen Bilder, wie sie bisher nur innerhalb Chinas auf Monitoren flimmern: Aufnahmen von unzähligen Zuhörern, die mit weit aufgerissenen Augen und offenen Mäulern an seinen Lippen hängen, in Ehrfurcht erstarrt, den Tränen nahe?


Merkmal eines Geniestreichs: Der Erfolg steht fest, ehe er eintritt.


So grandios war Xis seuchenmedizinische Innovation, dass ihr Erfolg schon feststand, ehe er eintrat. Geradezu prophetisch nahmen ihn führende Vertreter der Weltgesundheitsorganisation vorweg. Schon Ende Januar 2020, wenige Tage nach Beginn der Abriegelung Wuhans und Hubeis, hatte der WHO-Koordinator der „Notfallhilfe“, Michael Ryan, nach einem eiligen Ortstermin, seinen Gastgebern uneingeschränkte Anerkennung zukommen lassen. „Sehr beeindruckt“ hätten ihn die Anstrengungen der chinesischen Regierung, so betonte Ryan bei einer Pressekonferenz. Dass eine Regierung so entschieden gegen eine Epidemie vorgehe, hätten weder er noch der WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus jemals erlebt.


Am 29. Januar meldete sich Ghebreyesus selbst zu Wort: Er sei "sehr beeindruckt und ermutigt von den detaillierten Kenntnissen des Präsidenten [Xi Jinping] über den Ausbruch". Tags darauf pries er China dafür, dass es mit der Abriegelung, "beispiellos in der Geschichte der öffentlichen Gesundheit", einen „neuen Standard für die Reaktion auf den Ausbruch gesetzt" habe.


Eine von der WHO vom 16. bis 24. Februar 2020 in China durchgeführte „gemeinschaftliche Mission“ („Joint Mission on Coronavirus Disease 2019“) kam zu dem Ergebnis, Pekings radikale Maßnahmen seien geeignet gewesen, das Virus einzudämmen. (15) Die chinesischen Missionsmitglieder durften der WHO-Report mehrfach überarbeiten, bevor er veröffentlicht wurde. In der Endfassung heißt es, Parteichef Xi Jinping habe persönlich und ohne Verzögerung alle notwendigen Maßnahmen ergriffen, um die Lage unter Kontrolle zu bringen.


Missionsleiter Bruce Aylward, ein kanadischer Epidemiologe, äußerte sich hinterher hellauf begeistert: „Hunderttausende Menschen in China haben Covid-19 wegen dieses aggressiven Vorgehens“ – er meinte den schärfstmöglichen Lockdown – „nicht bekommen“. Am 26. Februar rief Aylward die Welt unverblümt dazu auf: „Kopieren Sie Chinas Antwort auf Covid-19!“


Xis „Triumph“ ließ die WHO in ihrem Bericht vom 24. Februar 2020 regelrecht ins Schwärmen geraten: "Chinas kompromissloser und rigoroser Einsatz nicht-pharmazeutischer Maßnahmen, um die Übertragung des Covid-19-Virus in vielerlei Settings einzudämmen, liefert der Welt lebenswichtige Lehren für die richtige Reaktion." China habe „eine der ambitioniertesten, schnellsten und offensivsten Anstrengungen zur Krankheitseindämmung in der Menschheitsgeschichte unternommen".

Was es geleistet habe, sei „nicht weniger als exzellent“, lobte WHO-Chef Ghebreyesus im März 2020. Die Welt stehe tief in Pekings Schuld.


Anfang April vergab die WHO ein weiteres Mal Bestnoten an Peking: Dank konsequent durchgesetzter Maßnahmen wie Social Distancing, Quarantäne und Selbsthygiene könne China nun bereits von der Eindämmungs- in die Entspannungsphase übergehen. Alle Länder sollten schleunigst aus diesen Erfahrungen lernen.


Die WHO-Lobeshymnen setzten eine Kettenreaktion in Gang. Nun begannen Wissenschaftler in aller Welt rasch damit, Pläne in vielen Sprachen zu entwerfen, um Chinas Abriegelungen nachzuahmen. Der Bericht der WHO-Mission wurde auch Grundlage der Handlungsempfehlungen des Robert-Koch-Instituts.


Kleinliche Bedenken


Darf eine preiswürdige Erfindung beträchtliche Kollateralschäden mit sich bringen?

Dass man das nicht so eng sehen darf, bewiesen die Nobel-Juroren 1948, als sie den Schweizer Chemiker Paul Hermann Müller ehrten. Sein DDT hatte sich einerseits als hochwirksames, Ernteerträge sicherndes Insektizid bewährt. Andererseits hat es, als endokriner Disruptor und Kanzerogen, unzählige Menschen vergiftet, weshalb es zumindest in den westlichen Industrieländern seit en 1970-ern verboten ist.


Aber hat Xis Erfindung letztlich nicht mehr geschadet als genützt?


Für einen Nobelpreis disqualifiziert dies keineswegs. Die Zahl derer, bei denen ein neurochirurgischer Radikaleingriff namens „Lobotomie“ mehr Segen als Fluch war, dürften die Mitglieder des Nobelpreiskomitees an den Fingern ihrer Hände abzählen können. Hingegen verloren bis Mitte der fünfziger Jahre weit über eine Million psychiatrisch auffällig Gewordener so gut wie alles, was Menschsein ausmacht, nachdem Ärzte die Nervenbahnen zwischen Thalamus und Frontallappen durchtrennten sowie Teile der grauen Hirnsubstanz zerschnitten. „Diese Psychochirurgie“, so konstatierte ihr Fließbandanwender, der amerikanische Psychiater Water Freeman, ohne Schönfärberei, „erlangt ihre Erfolge dadurch, dass sie die Phantasie zerschmettert, Gefühle abstumpft, abstraktes Denken vernichtet und ein roboterähnliches, kontrollierbares Individuum schafft.“ (16) Trotzdem erhielt der Miterfinder, der Portugiese António Egas Moniz, 1949 den Nobelpreis für Medizin. (17) Zurückgeben musste er ihn nie.


Zwar lag es womöglich überhaupt nicht an Xis Lockdowns, dass Infektionen, Erkrankungs- und Sterberaten zurückgingen, sondern an saisonalen Faktoren. Aber disqualifizieren Kausalirrtümer für den Medizin-Nobelpreis? 1926 bekam ihn der Däne Johannes Fibiger für die vermeintliche Entdeckung, dass warzenähnliche Auswüchse in den Mägen von Ratten, die er für Krebs hielt, von parasitären Würmern hervorgerufen wurden. In Wahrheit rührten sie jedoch von einem ausgeprägten Vitamin-A-Mangel her; die Parasiten verschlimmerten ihn bloß.


Ist ein Rassist nobelpreiswürdig? Aber auch diese ethische Messlatte liegt in Stockholm nicht zu hoch. Was die Uiguren für Xi, waren die Juden für Adolf Butenandt, ausgezeichnet 1939 für seine Analyse der chemischen Struktur von Sexualhormonen. Dabei scherte sich das Nobelkomitee nicht um den Verdacht, dass Butenandt, Mitglied der BSDAP, mit den Rassenhygienikern des Dritten Reichs kooperierte und von Mengeles Menschenversuchen wusste. Wer anschließend trotzdem noch Präsident der Max-Planck-Gesellschaft werden darf, wie Butenandt 1960, bleibt offenkundig weiterhin respektabel.


Und warum sollte man Xi kleinlicher bewerten als Fritz Haber, den Chemie-Nobelpreistrger 1918? Der hatte zwar einerseits herausgefunden, wie man aus Stickstoff und Wasserstoff Ammoniak synthetisiert, um ihn in Düngemitteln zu verwenden. Andererseits gilt Haber als Erfinder der industrialisierten Massentötung. Während des Ersten Weltkriegs machte er Chlor waffentechnisch verwendbar. Auf dem Schlachtfeld bei Ypern in Belgien beaufsichtigte er am 22. April 1915 persönlich den Einsatz von 6000 Gaszylindern; dabei kamen in weniger als zehn Minuten tausend französische und algerische Soldaten um.


In die Waagschale werfen darf das Nobelpreiskomitee auch einen moralischen Gesichtspunkt: Während andere Forscher für ihre Geistesblitze, kaum dass sie zuckten, flink Patente anmelden, um eigennützig Kohle zu scheffeln, stellte Xi sein Meisterwerk dem Rest der Welt rein karitativ als Handlungsvorlage zur Verfügung.


Für die Laudatio drängen sich zahlreiche Kandidaten auf. Ein würdiger Festredner wäre Richard Horton, Chefredakteur der hochangesehenen medizinischen Fachzeitschrift The Lancet. In einem Interview für das chinesische Staatsfernsehen lobte er schon im Mai 2020 nachdrücklich die chinesische Abriegelung: "Es war nicht nur das Richtige, sondern es zeigte auch anderen Ländern, wie sie angesichts einer so akuten Bedrohung reagieren sollten. Ich denke, wir haben China viel zu verdanken."


Aber vielleicht sollte Horton dem Generalsekretär der Weltgesundheitsorganisation den Vortritt lassen. Dessen Lobeshymnen klangen von Anfang an noch überschwänglicher.


Da es ein schwedisches Komitee ist, das über den Preisträger entscheidet, und die Verleihung in Stockholm stattfindet, wäre sie obendrein hervorragend geeignet, Schwedens arg ramponierte diplomatische Beziehungen zur Volksrepublik aufzupolieren. Als einziges größeres Land im Westen hat sich Schweden bis heute standhaft geweigert, Pekings Lockdown nachzuahmen. Böte die Preisverleihung nicht einen würdevollen Rahmen, sich für diesen unsolidarischen Affront endlich zu entschuldigen? Wie konnte Ministerpräsident Stefan Löfven, beharrlich irregeführt von seinem verbohrten Chef-Epidemiologen Anders Tegnell, alle Warnungen der Staatengemeinschaft in den Wind schlagen? Wie konnte er überhören, dass selbst die WHO seinen liberalen Sonderweg wiederholt als „verantwortungslos“ anprangerte und mahnte, es sei „zwingend erforderlich“, dass Stockholm seine „Maßnahmen verstärkt“? Die Neue Weltordnung braucht keine Querdenker.


Zum Festakt zugelassene Medienvertreter müssen selbstverständlich handverlesen sein. 1G plus Presseausweis und Rotes Fähnchen genügen nicht. Zu Ehren des Preisträgers dürfen ausschließlich Redaktionen teilnehmen, welche Xis Glanzleistung schon mindestens einmal im gebotenen Überschwang zu würdigen wussten. Für eine Sitzplatzreservierung im Festsaal qualifizieren sich insbesondere die New York Times: „Die USA sagen, dass das Virus nicht kontrolliert werden kann. China Ziel ist es zu beweisen, dass das nicht stimmt. (…) In einer aus den Fugen geratenen Welt offeriert es seine Version von Freiheit“.) Die Washington Post: "Die USA haben absolut keine Kontrolle über das Coronavirus. China hingegen hat selbst die kleinsten Risiken im Griff.“ Das Wallstreet Journal: "Wie China das Coronavirus verlangsamt hat: Abriegelungen, Überwachung, Vollstrecker“ – „Chinas Epidemie-Statistiken deuten darauf hin, dass seine Bemühungen effektiv waren.“


CNN, der weltweit erste reine Nachrichtensender, stellte fest: „Chinas Eindämmungsbemühungen scheinen erfolgreich gewesen zu sein, denn die Zahl der neuen Fälle ist (…) auf ein Rinnsal zurückgegangen.“) Das Magazin Politico: "Das Urteil steht fest: China hat überdurchschnittlich gut abgeschnitten, während das einst angesehene amerikanische System katastrophal versagt hat.“ Das Online-Portal The Conversation: ("China besiegt das Coronavirus mit Wissenschaft und starken Maßnahmen im Bereich der öffentlichen Gesundheit, nicht nur mit Autoritarismus.“ Das Internet-Magazin Salon.com: „China hat COVID-19 innerhalb weniger Monate ausgerottet. Warum will Amerika nicht von ihnen lernen?"


Nicht zu vergessen: Deutschlands Qualitätsmedien. Beispielsweise Die Zeit: „China hat die Corona-Epidemie nun scheinbar im Griff. Was lässt sich daraus für die deutsche Seuchenabwehr lernen?“ Die Welt: „Die Chinesen haben vorbildlich reagiert». Die Frankfurter Allgemeine: „Die chinesischen Antworten auf die Covid-19-Pandemie und die Bewältigung der Folgen der Corona-Krise erwiesen sich als besonders effektiv, wie ein Vergleich der großen Akteure des Weltgeschehens – die Vereinigten Staaten, Europa und China – eindrucksvoll zeigt.“ Und die Deutsche Welle: „China steht gegen Ende des Corona-Jahres 2020 als Sieger da: Das Virus ist eingedämmt, die Wirtschaft erholt, anfängliche Kritik an Pekings Krisenmanagement ist verblasst.“


Warum nicht zwei Nobelpreise auf einmal?


Zu Ehren von Chinas beinahe Himmlischen Vater sollte gleich noch ein weiterer alter Zopf abgeschnitten werden: Warum darf jemand nicht gleich zwei Nobelpreise auf einmal kriegen, falls er beide gleichermaßen verdient hat? Denn auch um den Weltfrieden hat sich Xi in famoser Weise verdient gemacht. Ist dieser nicht gesichert, sobald alle Länder dieser Erde, in vereinter Abwehrschlacht gegen eine apokalyptische Bedrohung, zu China werden, je länger und hingebungsvoller sie China nachahmen? Kriegsrisiken sinken gegen Null, sobald alle potenziellen Kriegsgegner eins werden. Stärker kann man nun wirklich nicht „auf die Verbrüderung der Völker hinwirken“: für Alfred Nobel das Hauptkriterium der Preiswürdigkeit.


Der Friedensnobelpreis wird sieben Tage nach jenem für Medizin verliehen, am 11. Oktober. Am besten also, Xi bleibt bis dahin vor Ort. Die Woche zwischen beiden Terminen könnten er und Löfven zur Intensivpflege der ramponierten chinesisch-schwedischen Beziehungen nutzen. Wie wäre es mit einer Wiedereröffnungstournee zu allen Konfuzius-Instituten, die Schweden im April 2020 dichtmachen ließ, nachdem China es wegen verantwortungslosem Abweichen vom Lockdown-Kurs rüde gemaßregelt hatte? Mit der Wiederbelebung von Städtepartnerschaften, die das Königreich aus demselben Grund aufkündigte? Chinas hundsmiserablem Image im Ikealand täte das sicherlich gut. Aktuell haben 85 Prozent der Schweden eine negative Meinung vom Reich der Mitte – da schneidet nur noch Japan schlechter ab, um ein Prozent.


Aber sprechen massenhafte Verbrechen gegen die Menschlichkeit, in Tibet wie in Xinjiang, nicht gegen einen Friedensnobelpreis für Xi? Das muss man nicht so eng sehen. Man kriegt ihn nämlich durchaus auch dann, wenn man Laos und Kambodscha bombardieren lässt, wie der ehemalige US-Außenminister Henry Kissinger. Wenn man tausende israelische Zivilisten auf dem Gewissen hat, wie der palästinensische Terroristenführer Yassir Arafat. Aus Protest traten zwei der fünf Nobel-Juroren vor der Preisverleihung 1994 zurück, einer von ihnen erklärte: „Der Träger des Friedenspreises legt heute die Friedenstaube auf die Schlachtbank und schwingt die Axt." (18) Ein weiterer befand, dass Arafats „Vergangenheit geprägt ist von Terror, Gewalt und Blutvergießen“ - da kann Xi ohne weiteres mithalten.


Oder muss man Xi Jinping strenger bewerten als Friedensnobelpreisträger Theodore Rosevelt? Dieser US-Präsident vermittelte zwar im russisch-japanischen Krieg, im übrigen fiel er aber als beinharter Imperialist auf.


Und falls es sich bei Xis Lockdown-Erfindung um nichts weiter handelt als eine rotchinesische Kriegslist, um die westliche Welt, allen voran den Erzfeind USA, zu maximaler Selbstschädigung zu verleiten, materiell wie ideell? (Siehe KLARTEXT „Im Dritten Weltkrieg“.)


Aber wer sagt denn, dass ein Nobelpreisträger nicht schlau sein darf?


(Harald Wiesendanger)

Anmerkungen

(1) Genauer gesagt: Es handelt sich um den Nobelpreis „für Physiologie oder Medizin“, nach dem testamentarischen Willen seines Stifters.

(2) Thomas V. Inglesby/Donald A. Henderson u.a.: „Disease Mitigation Measures in the Control of Pandemic Influenza“, Biosecurity and Bioterrorism: Biodefense Strategy, Practrice, and Science 4 (4) 2006, DOI: 10.1089/bsp.2006.4.366.

(3) Sinead Baker: „China extended its Wuhan coronavirus quarantine to 2 more cities, cutting off 19 million people in an unprecedented effort to stop the outbreak“, Business Insider 23.1.2020, https://www.businessinsider.in/science/news/china-extended-its-wuhan-coronavirus-quarantine-to-2-more-cities-cutting-off-19-million-people-in-an-unprecedented-effort-to-stop-the-outbreak/articleshow/73555367.cms

(4) „China coronavirus spread is accelerating, Xi Jinping warns“, BBC, 26.1.2020, https://www.bbc.com/news/world-asia-china-51249208

(5) Zhang Yangfei: „Hubei province steps up epidemic prevention, control efforts“, Website China Daily. 16.2.2020, https://www.chinadaily.com.cn/a/202002/16/WS5e491ffea310128217277dcf.html

(6) Wang Xiaoyu: „Progress seen in epidemic fight“, Website China Daily, 20.2.2020, https://www.chinadaily.com.cn/a/202002/20/WS5e4d91bba310128217278cc5.html

(7) WHO: „Report of the WHO-China Joint Mission on Coronavirus Disease 2019 (COVID-19)“, 24.2.2020, https://www.who.int/docs/default-source/coronaviruse/who-china-joint-mission-on-covid-19-final-report.pdf

(8) Christoph Giesen: „Dem Algorithmus unterworfen“, Süddeutsche Zeitung. 26.3.2020, https://www.sueddeutsche.de/politik/china-dem-algorithmus-unterworfen-1.4857073; Franka Lu: „Leben mit dem Virus“, Zeit online, 15.3.2020, https://www.zeit.de/kultur/2020-03/coronavirus-china-leben-ausnahmezustand/seite-2

(9) WHO: „Coronavirus disease (COVID-2019) situation reports“, März 2020, https://www.who.int/emergencies/diseases/novel-coronavirus-2019/situation-reports

(10) Georg Fahrion/Wu Dandan: »Weckt mich auf, wenn alles vorbei ist«, Der Spiegel 12/2020, S. 66 f., online 14.3.2020, https://magazin.spiegel.de/SP/2020/12/169988530/index.html

(11) WHO: „Coronavirus disease (COVID-2019) situation reports“, März 2020, https://www.who.int/emergencies/diseases/novel-coronavirus-2019/situation-reports

(12) "Das Politbüro hat beschlossen, dass die Epidemie vorbei ist", Zeit online. 28.3.2020, https://www.zeit.de/politik/ausland/2020-03/china-coronavirus-propaganda-epidemie-wirtschaft-usa

(13) Außenministerium der Volksrepublik China: „Ministry of Foreign Affairs of the People's Republic of China National Immigration Administration Announcement on the Temporary Suspension of Entry by Foreign Nationals Holding Valid Chinese Visas or Residence Permits“, 26.3.2020, https://www.fmprc.gov.cn/mfa_eng/wjbxw/t1761867.shtml

(14) Jasper Habicht: „Die aktuelle Einreisesperre in die Volksrepublik China aufgrund der COVID-19-Epidemie und daraus erwachsende Probleme im Kontext von Beschäftigungsverhältnissen“, Zeitschrift für Chinesisches Recht 27 (1) 2020, S. 18–27, Vorabversion: https://ssrn.com/abstract=3671821

(15) Lars Fischer: „Covid-19: Wie China das neue Coronavirus ausbremste“, Spektrum.de, 3.3.2020, https://www.spektrum.de/news/wie-china-das-neue-coronavirus-ausbremste/1709842; Berit Uhlmann: „Coronavirus – WHO-Bericht lobt Chinas Reaktion“, Süddeutsche Zeitung, 2.3.2020, https://www.sueddeutsche.de/gesundheit/coronavirus-china-quarantaene-reisebeschraenkung-1.4827927; Fabian Kretschmer: „Propaganda: Xi Jinping gibt sich als Corona-Bezwinger“, RP online, 10.3.2020, https://rp-online.de/politik/ausland/chinas-praesident-gibt-sich-als-corona-bezwinger_aid-49482069; Lea Deuber: „Wie die WHO Lobeshymnen auf China singt“, Süddeutsche Zeitung, 14.3.2020, https://www.sueddeutsche.de/politik/coronavirus-china-who-1.4844104; STAT News: „WHO praises China's response to coronavirus, will reconvene expert panel“, 29.1.2020, https://www.statnews.com/2020/01/29/who-reconvene-expert-committee-coronavirus/; Sarah Karlin-Smith: „U.S. officials praise Chinese transparency on virus — up to a point“, Politico, 29.1.2020, https://www.politico.com/news/2020/01/29/officials-praise-china-transparency-virus-108926

(16) Nach Peter R. Breggin: Elektroschock ist keine Therapie, München 1989, S. 175.

(17) Florian Freistetter: Lobotomie: Ein gefährlicher Irrtum, gekrönt mit dem Nobelpreis, Der Standard, 13.2.2018.

(18) Zit. nach https://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/umstrittene-nobelpreise-brutale-effekte-und-bluff-a-654254.html

Foto Xi: Von Palácio do Planalto - 13/11/2019 Declaração à Imprensa, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=103834901; Lorbeerkranz: Gordon Johnson/Pixabay.

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