top of page

Lob des Absurden

Autorenbild: Dr. Harald Wiesendanger
Dr. Harald Wiesendanger
vor 5 Tagen
5 Min. Lesezeit

Eine besonders merkwürdige, beklemmende Art von Erfahrung konfrontiert uns ab und zu unvermittelt mit einer grundlegenden Wahrheit, die noch so ausgiebiges Grübeln nicht aus der Welt schafft. Sie kann zutiefst erschüttern und depressiv machen, manche treibt sie in den Suizid. An ihr scheitern Philosophen seit Jahrhunderten. Denn sie öffnet uns die Augen dafür, wie absurd unser Dasein unausweichlich ist. Um trotzdem glücklich weiterzuleben, müssen wir begreifen: Im Grunde ist es gut so.


Es trifft den Koch, der in der Mittagspause aufs WC muss. Dort erblickt und riecht er über einer schlampig gespülten Kloschüssel, was aus seinen kunstvoll kreierten Leckerbissen unvermeidlich geworden ist.


Es bewegt den Redakteur, der im Mülleimer eine zusammengeknüllte Ausgabe der Zeitung entdeckt, die gestern seinen brillanten Leitartikel veröffentlicht hat.


Es überwältigt den Vater, als er mit seinem Neugeborenen die Oma im Pflegeheim besucht. Dort wird ihm vor Augen geführt: In eine dieser dementen, sabbernden, schmerzgeplagten Rollstuhlfahrerinnen, an der Schwelle zum Tod, könnte sich sein süßes Kleines in wenigen Jahrzehnten verwandelt haben.


Was ist das für eine Art von Erfahrung, welche den dreien aufs Gemüt schlägt? Was lehrt sie? Wie geht man mit ihr um?


Offenbar geht es dabei um Sinn – und damit um eine Frage, die im Alltag doch mühelos gelöst scheint. Denn natürlich wissen der Koch und der Journalist, wozu sie kochen oder schreiben: Sie leisten Arbeit, für die sie bezahlt werden, und bestreiten damit ihren Lebensunterhalt. Natürlich weiß der Vater, wozu er einer geworden ist: Immer schon wünschte er sich eine eigene Familie, wollte sein Eheglück vervollständigen, sein Wissen ebenso an eine nächste Generation weitergeben wie irgendwann das Erarbeitete.


Aber warum berühren besagte Erfahrungen sie trotzdem so unangenehm? Sie betreffen einen vermeintlich höheren Sinn: jenen, den all ihr Tun und Streben, ja ihr ganzes Leben letztlich hat. Irgendwie scheinen sie es zu entwerten: Wozu das alles, wenn am Ende nichts davon bleibt – wenn es vergeht, stirbt, für immer spurlos verschwindet?



Staubkorn, Sterbefrist, Weltuntergang: die Einwände der Nihilisten


Eine Reihe von Philosophen hat behauptet, genau so sei es: Unser Leben sei, objektiv betrachtet, sinnlos – durch und durch absurd. Beruhigenderweise sind ihre Argumente sind alles andere als überzeugend.


Sind wir nicht winziger Staub in den unendlichen Weiten des Alls? Schleierhaft bleibt, ab welcher Größe solcher Kummer denn hinfällig würde. Füllten wir das ganze Universum aus – wäre das etwa weniger absurd? Nichts ist so gewaltig, dass es nicht winzig erscheinen könnte. Der Abstand entscheidet.


Macht unser sicherer Tod alles zunichte? Falls ein Leben von siebzig, achtzig Jahren wirklich keinen Sinn hätte – wäre dann ein ewiges nicht, nach Adam Riese, unendlich sinnlos? Wo der Endpunkt eines Weges liegt, sagt über den Weg selbst noch längst nicht alles. Bleibt jede Wurst unvollkommen, solange sie nicht bloß ein Ende hat, sondern zwei?


Und der fehlende letzte Zweck? Wir stellen den Wecker, um pünktlich aufzustehen; wir arbeiten, um zu leben – aber wozu das alles? Der englische Philosoph John Wisdom – er heißt wirklich so – erzählt von einem Kind, das wissen will, worauf die Welt steht. Auf einem Riesen. Und der Riese? Auf einem Elefanten. Und der Elefant? Auf einer Schildkröte. Und die Schildkröte? „Frag nicht so viel und verschwinde.“ Die Frage nach dem letzten Sinn ist von eben dieser Art: An jede denkbare Antwort lässt sich anschließen: „Und welchen Sinn hat das?“ Irgendwo muss Schluss sein mit dem Begründen. Und wer sagt eigentlich, dass dieser Punkt nicht mitten im Leben liegen darf – statt irgendwo im Transzendenten?


Der Schritt beiseite


Und doch spüren die Sinnsucher etwas, das zutrifft. Unser Leben ist absurd – nur anders, als die Nihilisten meinen.


Einerseits führen wir alle unser Leben mit großer Ernsthaftigkeit, im Gefühl, es komme darauf an, was wir sind und tun. Andererseits können wir jederzeit einen „Schritt beiseite“ treten und uns von außen betrachten, wie den Goldfisch im Aquarium oder die Ameise, die sich zielstrebig durch den Sand quält. Dann erscheint dasselbe Leben plötzlich belanglos, fragwürdig, geradezu lächerlich. In uns stoßen diese beiden Perspektiven aufeinander – und keiner kriegt sie je wieder auseinander. Wer besinnlich auf Abstand zum eigenen Leben geht, wird es dadurch nicht los. Es bleibt seines: ein Ganztagsjob ohne Ausstiegsklausel.


Sackgassen der Sinnsuche


Kann man dem Absurden entkommen? Die gängigen Fluchtwege erweisen sich samt und sonders als Sackgassen.


Den Schritt beiseite verlernen? Das objektive Selbst, welches auf das Wozu der eigenen Existenz reflektiert, lässt sich vom Rest unseres Ich nicht amputieren.


„Höheren“ Zwecken dienen – der Kultur, der Wissenschaft, der Weltgeschichte, Gott? Jedes übergeordnete Anliegen lässt sich auf dieselbe Weise hinterfragen wie die persönlichen Ziele des Einzelnen; das Rechtfertigungsproblem wird nicht gelöst, sondern bloß verschoben. Wäre einer grübelnden Sau geholfen, wenn man ihr ein paniertes Schnitzel in all seiner Köstlichkeit vorführte?


Sich aus der Welt zurückziehen, in Askese und Kontemplation? Auch der entrückteste Weise in einem entlegenen Himalayatal nimmt sein Leben ernst – und dabei ergeht es damit keinen Deut besser als unserer Putzfrau oder unserem Steuerberater.


Suizid? Wenn nichts es wert wäre, am Leben festzuhalten, dann wäre auch nichts es wert, es wegzuwerfen. Und Camus’ trotzige Verachtung, die geballte Faust des geschundenen Sisyphos? Viel Pathos – nur wofür? Die Lage, gegen die Sisyphos ankämpft, ist ja gar kein Fluch.


Warum es gut so ist


Denn eben jene Fähigkeit, die das Absurde in unser Leben bringt, gehört zu unseren wertvollsten. Der Schritt beiseite hebt jede ermattete Konversation schlagartig auf ein höheres Niveau – man frage auf der nächsten Grillfete einfach mal, wozu man überhaupt Urlaub macht, Kinder in die Welt setzt, morgens aufsteht. Er liegt den kreativsten Problemlösungen, den intelligentesten Erfindungen und den gelungensten Witzen zugrunde. Sollten wir das schade finden?


Was also tun? Gelassenheit üben: Ist es wichtig, ob mein Leben von oben betrachtet unwichtig erscheint? Besser milde Selbstironie als grimmige Verbissenheit. Denn wäre wirklich alles belanglos, dann auch der Befund, es sei so. Demut, diese altmodische Tugend: Eitelkeit, Neid und Stolz rühren allesamt vom Fehlen der Außenperspektive her. Und schließlich: Aktivität. David Hume, der große Skeptiker, kurierte seine philosophische Melancholie beim Essen, Plaudern und Tricktrackspielen; danach erschienen ihm die eigenen Grübeleien „so kalt, überspannt und lächerlich“, dass er sich nicht weiter auf sie einlassen mochte. Der Maler Franciszek Jazwiecki zeichnete Porträts, um zu vergessen – in Auschwitz. Kunst im KZ – absurder geht es kaum. Und doch war es genau das, was ihn über Wasser hielt. 


Der Koch darf also weiterkochen, der Redakteur weiterschreiben. Und der Vater? Der wiegt sein Kleines unbeschwert in den Schlaf, gleich anschließend arbeitet er an einem  Geschwisterchen für es. Gewiss: Die Torte wird verdaut, der Leitartikel landet im Altpapier, und am Ende droht uns allen die Pflegebedürftigkeit – oder Schlimmeres. Wer darüber verzweifeln will, trete ruhig einen Schritt beiseite. Und dann gleich noch einen zweiten, über den ersten hinaus: Von dort oben besehen, schrumpft selbst die Verzweiflung zur Petitesse.


Unser Leben ist absurd. Unausweichlich. Und das ist gut so.

 

Anmerkung

Dieser Essay ist die Kurzfassung eines Kapitels aus Harald Wiesendanger: Auf der Suche nach Sinn – Allerletzte Antworten auf letzte Fragen (2005), S. 227-300. Zu bestellen bei Lea Verlag, Zollerwaldstr. 28, 69436 Schönbrunn, 25,00 € incl. Versand.

Kommentare

Mit 0 von 5 Sternen bewertet.
Noch keine Ratings

Rating hinzufügen
"Auswege Infos" abonnieren
und keinen neuen KLARTEXT-Beitrag verpassen.
"Auswege Infos" ist der Gratis-Newsletter meiner Stiftung Auswege.

© 2021 by Harald Wiesendanger

bottom of page