Die enteignete Seele
- Dr. Harald Wiesendanger

- vor 3 Tagen
- 12 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 2 Tagen
In der psychologisierten Gesellschaft geben sich Menschen Mühe, über ihr Innerstes so zu sprechen, wie der Profi es tut – und überlassen ihm somit die Zuständigkeit dafür. Macht sie das heiler? Eher verunsichert es sie. Und es trägt dazu bei, eine jahrtausendealte Lebensform zu zerstören, in der Menschen im Alltag eher ihrer Selbstkenntnis und Empathie trauten als fremden Sachverständigen. Psycho-Sprech liefert Geist und Seele einer Expertokratie aus. Das sichert in Deutschland immerhin rund 200.000 Arbeitsplätze. Lässt sich über weiteren Nutzen nicht streiten?

Wer ist heutzutage noch traurig, ständig oder zeitweilig? Wer fürchtet sich noch anhaltend? Wer ist unaufmerksam und zappelig? Nachhaltig erschüttert? In sich gekehrt? Unausgeglichen? Missmutig? Launisch?
Natürlich geraten wir weiterhin in solche Zustände, nicht anders als unsere Vorfahren seit Hunderttausenden von Jahren. Bloß nennen wir sie nicht mehr so. Eher sagen wir von uns, wir hätten eine Depression, zumindest aber eine depressive Episode. Eine Angststörung. ADHS. Eine Posttraumatische Belastungsstörung, PTBS. Wir bezeichnen einander als introvertiert, als autistisch, als bipolar, als Borderliner. Vorbei sind die Zeiten, in denen wir uns unwillkürlich an etwas Schmerzliches erinnern – es sind „Flashbacks“, die uns nun überkommen. Man ist nicht mehr schlecht gelaunt, sondern „dysreguliert“. Eine plötzliche Veränderung unserer Befindlichkeit wird nicht einfach ausgelöst – wir werden „getriggert“. (1)
Noch bis weit ins vorige Jahrhundert hinein wäre niemand auf die Idee gekommen, derartige Begriffe auf sich und andere anzuwenden. Es gab sie noch gar nicht. Und keiner vermisste sie. Niemand hatte den Eindruck, unsere Sprache sei ärmer ohne sie, es mangele uns an Ausdrucksmöglichkeiten. Unter seinen bis zu 500.000 Wörtern bietet das Deutsche rund 2000 allein für Emotionen. Dostojewski und Kafka, Marcel Proust und Oscar Wilde, Virginia Woolf und James Joyce, Thomas Mann und Hermann Hesse waren Meister der Kunst, zerrissene Psychen wortgewaltig zu sezieren; keiner benötigte dafür Fachjargon, die Umgangssprache bot ihnen umfassende Ausdrucksmittel. Was in ihren Figuren vorgeht, präsentieren ihre Werke subtiler, tiefer und nuancierter als jede Expertise psychologischer Gutachter. Wie unsensibel, oberflächlich, staubtrocken, sprachlich minderbemittelt lesen sich demgegenüber typische Anamnesen, Befund- und Entlassberichte aus psychiatrischen Praxen und Kliniken. Um für Geist und Seele die rechten Worte zu finden, statt sie zu verschubladen, sucht man besser in literarischer Prosa als in Lehrbüchern und Fachjournalen.
Aus dem Elfenbeinturm aufgeschnappt
Wie kam Psycho-Sprech überhaupt in Mode? Wir übernehmen ihn aus jener Etage des akademischen Elfenbeinturms, von dem es heißt, dort befasse man sich „wissenschaftlich“ mit unsereinem. Das Sprachspiel, das wir uns dabei aneignet haben, war unseren Großeltern fremd, wie allen Generationen vor ihnen. Es durchdringt und prägt die Alltagskultur erst seit Mitte des 20. Jahrhunderts – seit die Nervenheilkunde die Irrenanstalten verließ, um draußen zu einer zunehmend selbstverständlichen, allgemein anerkannten, recht einträglichen, pharmagestützten Dienstleistung zu werden: Psychiatrie für harte Fälle, Psychotherapie für weichere.
Sträubt sich inzwischen noch irgendjemand dagegen? Wer Psycho-Sprech nachplappert, tut es mit geschwellter Brust. Man gibt sich wissenschaftlich, wähnt sich gebildet. Man demonstriert, dass man bestimmte Begriffe kennt und anzuwenden versteht, und imponiert damit. Wer sie in geselliger Runde nicht parat hat, steht blamiert da. Follow the Science – oder was man dafür hält.
Was geschieht dabei? Zuständigkeiten verlagern sich. Mit ihrer Traurigkeit haben sich Menschen immer schon ausgekannt. Sie drückten auf vielfältige Weise aus, was dabei in ihnen vorging. Sie fanden Worte dafür, von denen Romane voll sind. Sie verstanden, trösteten und ermutigten einander, halfen sich gegenseitig über Enttäuschungen und Schicksalsschläge hinweg. Wie es ist, traurig zu sein, wusste niemand besser als der Trauernde selbst. Und niemand konnte eher nachempfinden, was ihn bedrückt, als seine Nächsten, zumindest die einfühlsamen. Hätte ein Fremder so getan, als kenne er jemanden besser als nächste Verwandte, engste Freunde oder jahrzehntelange Lebensgefährten, nachdem er ihn zwei Dutzend Kästchen in einem Fragebogen ankreuzen ließ – man hätte ihn ausgelacht.
Doch was wird aus der Traurigkeit, sobald wir beginnen, sie „Depression“ zu nennen? Was geschieht mit der Zappeligkeit, wenn wir sie zu ADHS umetikettieren? Die tiefe Erschütterung, die nachwirkt, zu PTBS? Das Grübeln zur „Ruminationsneigung“? Der Liebeskummer zum „Affektregulationsdefizit“? Da wechseln nicht bloß Worte. Es ändern sich Kompetenzen. Richtig zu benennen, was in uns vorgeht, und damit angemessen umzugehen, überlassen wir auf diese Weise Experten – schließlich ist es ihre Sprache.
Im Genauigkeitswahn zur Expertokratie
Warum haben wir es so weit kommen lassen? Der lizenzierte Psycho-Experte scheint es genauer zu wissen als wir. Die meisten von uns haben Mühe zu beschreiben, was in ihnen und ihren Mitmenschen vorgeht; es fällt ihnen schwer, die Begriffe zu definieren, die sie dabei verwenden; sie sind sich unsicher, ob andere darunter dasselbe verstehen wie sie. Der akademisch geschulte Fachmann hingegen ist imstande, die Semantik einer Depression klipp und klar zu umreißen, anhand einer Liste von Merkmalen und Äußerungsformen, über die er sich mit den allermeisten Kollegen einig ist. Indem er sie abzählt, kann er feststellen, ob eine Depression vorliegt und wie ausgeprägt sie ist. Sein Weg zum Ergebnis beeindruckt durch mathematische Präzision. Und je genauer, desto besser: Versteht sich das nicht von selbst?
„Stellen Sie sich genau hierhin!“, weist der Fotograf seine Kundin an, während sein Zeigefinger auf eine Stelle vor der Leinwand deutet. „Neigen Sie den Kopf leicht zur Seite. Und bitte lächeln.“ Diese Vorgaben klingen unmissverständlich, sind genaugenommen aber: ungenau. Soll die Kundin nun 10, 20 oder 30 Zentimeter vor der Leinwand stehen? Wären 9 Zentimeter schon zuwenig, 31 zuviel? Oder erst 35? Vielleicht erst ab 353 Millimetern? Oder schon ab 351? Ab 350,1? Müsste man nicht auf den Winkelgrad genau festlegen, welche Kopfneigung noch als „leicht“ durchgeht? Und wie breit soll das Lächeln ausfallen? Wie viele Zehntel Millimeter sollten die Mundwinkel dabei von der Position entfernt sein, die sie bei neutralem Gesichtsausdruck einnehmen?
„Zur Begrüßung gibt man einander die Hand.“ Ist das nicht ganz arg ungenau? Wie weit sollte die Hand dabei vom Körper entfernt sein? In welchem Rahmen muss sich die Schüttelfrequenz bewegen? Wie stark abgewinkelt ist der Arm? Wie lange dauert der Händedruck? Wie kräftig sollte er mindestens und höchstens sein? Angaben in Sekundenbruchteilen, Winkelgraden, Newton pro Quadratzentimeter würden die Geste des Händedrucks zweifellos viel präziser machen. Zur Kontrolle böten sich Quarzuhren, Gelenk-Goniometer und Handkraftmessgeräte an.
Wie sähe ein Alltag aus, der in diesem Sinne von optimierter „Genauigkeit“ bestimmt würde? Hollywood fände darin reichlich Stoff für eine Science-Fiction-Comedy: Überall im öffentlichen Raum, aber auch an Arbeitsplätzen, in Privatwohnungen stünden Schränke voller Messgeräte, um jegliche Ungenauigkeiten umgehend ausräumen zu können. An jeder Ecke stünden professionelle Metriker bereit, um solche Geräte zum Einsatz zu bringen, falls sich Otto Normalversteher überfordert fühlt. Drohnen, Video- und KI-Systeme, Apps und Wearables könnten mithelfen. Verbraucher-Hotlines böten Auskunft über Normierungen und Messtechniken aller Art.
Warum löst eine solche Vision bei den allermeisten von uns eher Unbehagen als Begeisterung aus? Was spräche dagegen, diesen Sprung vom Ungefähren und Missverständlichen zum Eindeutigen und Exakten freudig zu begrüßen? Warum würde uns der Vorwurf befremden, wir seien „rückständig“, „unwissenschaftlich“ und „technophob“, solange wir uns ihm verweigern?
Weil wir fänden, dass die Nachteile überwiegen, ohne ersichtlichen Nutzen. Unser Alltag würde grauenvoll umständlich, soziale Interaktion noch viel schwieriger als ohnehin. Abläufe aller Art würden enorm verlangsamt und verkompliziert. So viel wäre uns das Genauigkeitsideal dann doch nicht wert, zumal uns nicht einleuchtet, dass wir vorher etwas falsch gemacht haben. Wo Sprache vage, unscharf bleibt, ist sie keineswegs defekt. „Wenn ich Einem sage: ‚Halte dich ungefähr hier auf!‘ – kann denn diese Erklärung nicht vollkommen funktionieren?“, fragt Ludwig Wittgenstein in seinen Philosophischen Untersuchungen, § 88. „Unexakt“ bedeutet nicht „minderwertig“ und „unbrauchbar“. Es gibt kein allgemeines „Ideal der Genauigkeit“ unabhängig vom Zweck. In manchen Kontexten ist „ungefähr“ genau das Richtige, nicht obwohl, sondern weil es semantisch unscharf bleibt und Spielraum lässt.
Eben diese Spielräume gehören zur menschlichen Lebensform, seit es Sprache gibt.
Die vier Säulen des Psycho-Profitums
Wie kommt es dann, dass wir uns einem Genauigkeitsideal unterwerfen, wenn es um unser Innerstes geht? Ausgerechnet hierbei? Weshalb neigen wir dazu, diplomierten Psycho-Profis eher zuzutrauen als uns selbst, über es Bescheid zu wissen? Das menschliche Innenleben ist ein wilder Garten – warum assistieren wir dabei, daraus eine verwaltete Grünanlage zu machen?
Wir tun es, weil wir vermeintlichen Experten unbesehen glauben, was sie uns in Aussicht stellen: dass sie (1.) zuverlässig erkennen, (2.) plausibel erklären, (3.) wirksam behandeln und (4.) treffsicher vorhersagen können, was in uns vorgeht - jedenfalls weitaus besser als Laien wie unsereins.
Doch nichts davon versteht sich von selbst:
(1.) Die Diagnostik, die Psycho-Profis heranziehen, ist ein willkürliches, schädliches und überflüssiges Industrieprodukt. Näheres 𝐡𝐢𝐞𝐫 »
(2.) Verstehen uns Profis wirklich besser? Die blamable Qualität psychologischer Gutachten deutet darauf hin, dass der Einzelfall Experten grundsätzlich überfordert – und Freud richtig lag, als er in einem seiner seltenen selbstkritischen Momente argwöhnte, Seelenexperten wie er begingen „jämmerliche Pfuschereien“. Sie versagen nicht wegen vorläufiger Wissenslücken, die wissenschaftlicher Erkenntnisfortschritt irgendwann schließen könnte. Sie scheitern aus Prinzip: Ihr naturwissenschaftlicher Ansatz verfehlt zwangsläufig, was uns ausmacht. Denn Menschen sind keine gewöhnlichen Forschungsobjekte, sondern bewusste Subjekte: Wesen mit einer jeweils einmaligen Geschichte, besonderen Lebensumständen und einer einzigartigen Erlebnisperspektive. Was sie bewegt, erschließt erst Empathie: eine fabelhafte Kulturtechnik, die Laien von Kindesbeinen an erwerben, vor und unabhängig von einem Hochschulstudium. Vor allem daran liegt es, dass manche Amateure mit Profis mithalten können. Eine akademische Ausbildung beeinträchtigt einfühlendes Nachvollziehen eher, als es zu verbessern. Näheres 𝐡𝐢𝐞𝐫 »
(3.) Wie hilfreich, überlegen und unentbehrlich sind Psycho-Experten wirklich, wenn seelische Krisen andauern? Wie gut tun sie Betroffenen? Weithin unbekannte Ergebnisse der Therapieforschung belegen: Viele Laien helfen seelisch Belasteten mindestens ebenso gut. In Wahrheit bringt professionelle Psychotherapie weitaus weniger, als ihre Anwender uns weismachen. Soweit sie nützt, verdankt sie dies keineswegs wissenschaftlich abgesicherten Methoden und Theorien, sondern sogenannten „allgemeinen Wirkfaktoren“, die manche Amateure hervorragend handhaben: darunter aufmerksame Zuwendung, Anteilnahme, Wertschätzung, freundliches Auftreten, glaubhaftes Engagement, geschickte Gesprächsführung, Herzlichkeit und Einfühlungsvermögen. Daran liegt es, dass sich in mehreren Dutzend Therapiecamps meiner Stiftung Auswege an Hunderten seelisch Schwerbelasteter erweisen konnte: Es geht auch ohne Profis - oft sogar besser. Näheres 𝐡𝐢𝐞𝐫 »
(4.) Wissen Psycho-Experten über unsere Zukunft wirklich mehr als der Laie? Weil ihnen allgemeine Gesetze menschlichen Verhaltens fehlen, können sie bloß von statistischen Wahrscheinlichkeiten ausgehen. Diese ermöglichen zwar aufschlussreiche Prognosen für größere Gruppen – den Einzelfall jedoch verfehlen sie zwangsläufig. Daran liegt es, dass Psychoprofis allzuoft haarsträubend danebenliegen, sobald ihre Vorhersagen eine bestimmte Person betreffen: im Gerichtssaal, im Strafvollzug, in Jugend- und Sozialämtern, bei der Verbrechensbekämpfung, im therapeutischen Bereich. Sie leiden an prognostischer Impotenz – behandlungsresistent, unheilbar. Näheres 𝐡𝐢𝐞𝐫 »
Und deshalb haben wir uns der Psycho-Expertokratie womöglich voreilig unterworfen. Dafür zahlen wir einen zu hohen Preis.
Die unheile psychologische Gesellschaft
Die kollektive Verneigung vor professioneller Besserwisserei beschert uns nichts Geringeres als eine neue Lebensform. Menschen verlernen, ihrem eigenen Erleben zu trauen; um ernstgenommen zu werden, müssen sie es erst „fachsprachlich“ legitimieren. In einer Welt aus lauter Therapiegläubigen lastet sich die eine Hälfte mit dem Erlernen ihrer eigenen Gefühle aus. Die andere Hälfte lebt davon, sie dabei anzuleiten. Zugehörigkeit gibt’s jetzt in ICD-Codes, die Diagnose wird zum Statussymbol. Wenn etwas als „höhere Wahrheit“ gilt und von tieferer Einsicht zeugt, sobald es in psychologischer Begrifflichkeit daherkommt, verschiebt sich Autorität vom Subjekt zum Deuter.
Wer hierbei mitmacht, huldigt einer Ersatzreligion. Schamanen, Orakel und Priester teilen mit Therapeuten dieselbe Erkenntnis: Nichts ist, wie es scheint, außer man deutet es sachkundig. Während frühere Generationen an Gott glaubten, orientiert sich der moderne Homo reflectus an seiner „inneren Heilungsreise“. Alles wird pathologisiert: der Montag, der Partner, die Hemdfarbe, der Versprecher, der Busfahrer, der nicht grüßt. Wer morgens müde ist, hat nicht zu wenig geschlafen, sondern eine „latente Erschöpfungsdynamik aus der Kindheit“.Wut wird „integriert“, Trauer „begleitet“, Freude „bewusst zugelassen“. Früher hatten Menschen einfach einen schlechten Tag. Heute ist es ein Muster. Ein Gespräch läuft unschön? „Kommunikationsblockade aus der Kindheit.“ Probleme bei der Arbeit? „Überangepasstes Schema.“
Das neue „Credo“ lautet: Ich fühle, also bin ich – aber nicht ohne professionelle Begleitung. Nur wer gelernt hat, über seine Emotionen zu sprechen, darf sie auch haben. Der Rest leidet irrational.
Therapie ist heute Kulturtechnik. Früher bekam man zur Kommunion den Rosenkranz, heute gibt’s das Arbeitsblatt zum inneren Kind als Download: „Male dein Bedürfnis in warmen Farben aus!“
Wie ein Virus hat sich psychologische Terminologie durch die Umgangssprache gefressen. Immer wieder hört man, jemand sei „emotional unavailable“, „toxisch“ oder „nicht im Flow“. Früher hieß das: „Der hat keine Lust auf dich.“ Aber das klang natürlich grausam. Heute reicht eine harmlose SMS nicht mehr. Wer auf eine Antwort wartet, denkt nicht „Vielleicht hat er viel zu tun“, sondern „Vielleicht hat er Angst vor Nähe, ausgelöst durch frühkindliche Grunderfahrungen von Zurückweisung“. Und dann: „Ich sollte das nicht persönlich nehmen – es ist sein Prozess.“ So wie alles heute ein Prozess ist. Beziehungen, Karrieren, selbst die Mittagspause. Niemand lebt mehr einfach, alle „arbeiten an sich“. Die Welt ist eine riesige Werkstatt des Ichs, und überall liegen halb zusammengeschraubte Persönlichkeitsfragmente herum.
Der gewöhnliche Mitmensch ist, wie sich herausgestellt hat, hoffnungslos überfordert mit der Komplexität der neuen Psyche. Früher reichte ein gutes Gespräch, vielleicht ein Umarmen nach drei Bier. Heute braucht es dafür Fachpersonal. Empathie ist zu wichtig, um sie Amateuren zu überlassen.
„Tools“ statt Trost, Etiketten statt Empathie
Das Vertrauen in das eigene Einfühlungsvermögen ist zuverlässig zerstört. Statt Trost gibt’s nur noch „Tools“, statt Verständnis „validierende Kommunikation“. Und niemand hört dir einfach zu, weil er dich mag – sondern weil er das als Modul in seiner Coaching-Ausbildung hatte.
Menschen werden zu Diagnoseträgern. Das senkt Empathie – obwohl es mit dem Anspruch auf Empathie daherkommt.
Kummer, Krisen, Langeweile, Sinnverlust, Überforderung – früher oft als Teil des Lebens verstanden, heute schnell zum behandlungsbedürftigen Problem befördert. Gewöhnliche Lebensphasen werden pathologisiert. Der Toleranzraum für das „normale Elend“ schrumpft. Jede Dissonanz wirkt wie ein Defekt, der „bearbeitet“ werden muss. Paradoxerweise senkt das die erhoffte „Resilienz“: Wenn jedes Tief Alarm auslöst, wird das Sein fragiler.
Nähe ist heute etwas, das man trainiert. Man öffnet sich nicht mehr spontan, man „kommuniziert verletzlich“. Womit man poetisch umschreibt: „Ich habe ein Vorgespräch mit meiner Therapeutin darüber geführt, welche Themen ich emotional teilen möchte.“
Natürlich dient die ganze Psychologisierung auch einem höheren Zweck: der Selbstoptimierung, um zur besten eigenen Version zu werden. Hinter jeder Achtsamkeitsübung lauert eine Leistungslogik mit Räucherstäbchen: Ich atme ganz zentriert im Hier und Jetzt, also performe ich besser. Man soll „Skills“ anwenden und “Ressourcen aktivieren”, als lägen sie in einem Regal neben dem Locher. Der Mensch als App: Wenn es ruckelt, Cache leeren, Glaubenssatz ersetzen, neu starten.
Während alle „ihre Glaubenssätze transformieren“, ist ADHS zu spiritueller Hypersensitivität geworden, Autismus zu einem Fall von "Neurodiversität", Depression zum Abzeichen der Empfindsamen. Man darf alles sein – aber bitte reflektiert. Therapie- und Coachinglogik kippt dabei in ein Leistungsregime, das verlangt, allzeit „Selbstarbeit“ zu betreiben und entwicklungsbereit sein. Permanent sollst du dich „verbessern“, „heilen“, „deine Muster auflösen“. Das Ich wird ein Projekt, das nie fertig ist.
Beziehungen verwandeln sich in psychodynamische Gefahrenzonen. Ein falsches Wort – und man hat „Grenzen überschritten“. Zustimmung? „Zu wenig validiert.“ Widerspruch? „Gaslighting!“ Ein Gespräch kann jetzt traumatisierend sein, selbst wenn man nur über Strompreise reden wollte.
So wächst ein neuer Typus Mensch heran: der maskierte Narzisst, der alle Schattierungen der Innenwelt kennt. Seine Gespräche beginnen mit „Ich nehme wahr, dass du gerade…“ und enden mit: „Das gehört aber zu deinem Prozess, nicht meinem.“
Das Internet hat die Psychologisierung vollendet. Ganze Communitys bestehen aus Menschen, die sich gegenseitig Diagnosen zuschieben wie Panini-Bilder: „Du bist total Disso!“, „Ich glaube, du hast ein Vermeidungsmuster!“ Wer mit einem Reel inflationär Likes sammeln will, schafft darin tränenreich „Raum für meine Schattenanteile“.
Was früher Kettenbriefe waren, sind heute Diagnose-Memes. Und was einst Freud ahnte, bestätigt sich auf Instagram: Die Triebe sind quicklebendig, aber diesmal mit Hashtag.
Der Selfie-Filter ist die neue Maske des „Selbst“. Man sieht nur, was man gerade „integriert hat“. In Wahrheit aber wird in jeder Story ein neues Trauma vertont, samt Affiliate-Link zum Online-Kurs: „Heile dein inneres Kind in nur 30 Tagen!“
Das Faszinierende an der Psychologisierung ist ihre perfekte Allianz mit der Ökonomie. Es gibt kaum noch ein Produkt, das nicht unser mentales Wohlbefinden adressiert. Smoothies sind „Mood-Booster“, Shampoos enthalten „Achtsamkeits-Essenzen“, und selbst Waschmaschinen „arbeiten empathisch im Öko-Modus“. Alles soll dir helfen, „wieder in deine Mitte zu kommen“. Ein Ort, den anscheinend noch niemand je gefunden hat – aber unermüdlich sucht, meist mit Kreditkarte. „Ihr authentisches Ich“ gibt´s zum Early-Bird-Tarif mit Zahlungsplan. Emotionale Nähe ist ausgelagert an Coaches, von denen man sich achtsam umarmen lassen kann – barrierefrei und mit Feedbackbogen.
Wie jeder Boom, so schafft und sichert auch dieser reichlich Arbeitsplätze; von ihr leben allein in Deutschland 100.000 Psychologen – davon 5.000 in Forschung und Lehre, 39.000 in eigener Praxis, 50.000 in Betrieben, Schulen, Kliniken, Beratungsstellen und anderen Einrichtungen -, 20.000 Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie, 16.000 Heilpraktiker für Psychotherapie, über 50.000 Coaches.
Kleine Psychologen ahmen große angestrengt nach
Früher war der Mensch einfach traurig. Heute muss er erst assistiert herausfinden, ob das noch normale Traurigkeit ist oder schon ein „depressiver Anteil mit dysregulierter Affektlage“. Spontaneität ist verdächtig geworden, Unüberlegtheit fast pathologisch. „Grenzüberschreitungen“ sind allgegenwärtig, „Selbstfürsorge“ hat Priorität. Es gibt keine schlichten Gefühle mehr, nur noch „innere Anteile mit spezifischen Bedürfnissen“. Man sagt nicht einfach „Nein“ – man „setzt eine Boundary“. Wer sich um den Abwasch drückt, folgt einer „maladaptiven Coping-Strategie“. Wenn man wütend ist, soll man „mit der Wut in den Dialog gehen“. Aber wehe, man schlägt mal auf den Tisch – dann ruft jemand die Traumatherapeutin.
Wir sind zu Analysten unseres eigenen Daseins geworden, hermeneutische Monaden in Jogginghosen. Statt zu leben, deuten wir. Und wenn uns das Leben etwas sagen will, machen wir daraus einen Podcast.
Vielleicht besteht das eigentliche Drama hierin: Wir glauben nicht mehr an die Echtheit des Unmittelbaren. Wer leidet, muss es einordnen. Wer liebt, muss es reflektieren. Und wer nichts fühlt, hat immerhin die Gewissheit, dass das „eine Reaktion auf alte Bindungsmuster“ ist.
Das Misstrauen gegen das eigene Empfinden sitzt tief. Der spontane Trost, der zufällige Witz, das unbedachte Wort – alles potenziell heikel, unprofessionell, retraumatisierend, triggernd.
So werden wir alle zu kleinen Psychologen, die große angestrengt nachahmen. Heutzutage herrscht eine Bürokratie des Inneren: standardisierte Diagnosesysteme, Screening, Psychometrie, evidenzbasierte Manuale, Outcome-Messung. Das Innenleben wird standardisiert, vergleichbar, abrechenbar, dokumentierbar. Jedes Gefühl verlangt einen Antrag in dreifacher Ausfertigung.
Besonders riskant ist die psychologische Herumdeuterei, wenn sie unwiderlegbar daherkommt („Wenn du widersprichst, ist das Abwehr“), Machtgefälle verschleiert („Ich helfe dir nur, dich zu erkennen“) und Strukturprobleme individualisiert („Du musst nur an dir arbeiten“).
Hat uns die Psychologisierung psychisch gesünder gemacht? Beständige Selbstreflexion kann Heilung verhindern. Wer immerzu nach innen schaut, verliert leicht aus dem Blick, was draußen passiert. Die Welt schrumpft zur eigenen Befindlichkeit, die Mitmenschen zu Spiegeln des Selbst. Ich-Bezug als Daueraufgabe. Endlose Innenschau statt Handeln. „Authentizität“ als Dogma.
Vielleicht bräuchte diese Gesellschaft weniger Selbstkenntnis, nicht mehr. Vielleicht wäre es gesünder, wieder ab und zu nicht ganz genau zu wissen, was man fühlt. Vielleicht sollten wir dem Nebel wieder trauen, der uns manchmal umgibt – ohne ihn pathologisch zu nennen. Wer jedes Gefühl mit Metabegriffen belegt, verliert irgendwann das Gefühl selbst. Wenn wir immer nur beobachten, wie wir fühlen, hören wir womöglich auf zu leben.
Das ist die paradoxe Pointe: Die Psychologisierung, die uns heilen sollte, hat uns hilfsbedürftiger gemacht. Statt uns „resilienter“ werden zu lassen, verunsichert sie uns. Wir sind emotional hochgebildet, aber praktisch orientierungslos. Die Seele ist zum Projekt geworden, das man nie abschließt, schon gar nicht aus eigener Kraft. Dafür gibt es ja Fachleute.
Anmerkung
(1) Alljährlich aufs Neue führen mir dieses Phänomen die Therapiecamps meiner Stiftung AUSWEGE vor Augen. Über 80 % der Teilnehmer kommen seelisch belastet zu uns. So gut wie alle füllen das Anmeldeformular mit psychodiagnostischem Fachchinesisch, wenn sie angeben, was sie zu uns führt – vereinzelt samt ICD-Code.










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