• Dr. Harald Wiesendanger

Seelenqual: ein Fall für Profis? – Wie Psychotherapie ohne Psychotherapeuten funktioniert

Besonders gut tun „Auswege“-Camps seelisch Belasteten – selbst jenen, die ihren Psychiatern und Psychotherapeuten zufolge unter schwersten psychischen Erkrankungen leiden. Jahrelang, manchmal sogar seit Jahrzehnten waren sie erfolglos behandelt worden – doch zumeist genügen neun Camptage, um ihnen erhebliche Erleichterung zu verschaffen. Oft verschwindet ihr Leidensdruck sogar vollständig. Wie ist das möglich, wo in den Camps doch zumeist nur psychologische Laien im Einsatz sind?


„Meine fünfzehn Heilsitzungen bei euch haben mir viel, viel besser getan als die vorherigen 480 bei meinem Analytiker“, befand ein 47jähriger Schwerstdepressiver. Eine Lehrerin (62), die das frühkindliche Trauma wiederholten sexuellen Missbrauchs durch den eigenen Vater nie ­losgeworden war, schwärmte: „Ich habe schon so viele Psychotherapien gemacht, die mir nullkommanix gebracht haben. Was ihr bei mir in Gang gesetzt habt, ist unglaublich. So intensiv!“ - „Es war, als hätte ich meine vergangenen vier Jahrzehnte in einem fenster­losen Raum zugebracht“, verglich Ludwig (55), den ­fortwährende Ängste mit heftigen körperlichen Begleitsymptomen quälten, seit er Augenzeuge der Ermordung von Mutter und Vater wurde. „Ihr habt mir ein Fenster geöffnet, und endlich sehe ich Licht.“


Wie diesen Drei, so ergeht es na­hezu allen psychisch Schwer­­belasteten, die den Weg in ein Therapiecamp der Stiftung Aus­wege finden. Ob bei anhaltenden Depressionen oder Äng­sten, Ess- oder Schlafstörungen, Zwängen oder Süchten, bei ADHS, Hyperaggressivität oder sonstigen Verhaltensstö­rungen, bei einem Trauma, Burn­out oder Autismus: Weni­ger als zwei Prozent der betroffenen Teilnehmer verlassen uns nach neun Tagen mit unveränderter oder gar verschlimmerter Symptomatik. Dieselbe Quo­te stellen wir bei Patienten fest, denen eine körperliche Erkrankung arg aufs Gemüt schlägt, sowie bei mitgereisten Angehörigen, die ständige Sor­ge und Fürsorge derart bedrückt, dass sie oftmals nicht minder behandlungsbedürftig sind wie die angemeldeten Pati­enten, die sie begleiten.


Was für hochwirksame Psy­cho­therapien kommen da zum Ein­satz? Welche fabelhaften Psy­cho­therapeuten kon­nten wir für einen Campeinsatz gewinnen?


Zumeist gar keine. An zwei Drittel der 34 „Auswege“-Camps, die zwischen 2007 und 2021 stattfanden, wirkte kein einziger professioneller Psy­chologe, Psychotherapeut oder Psychia­ter mit. Die erwähnten Erfolge er­zielte in der Regel ein Helfer­team, das ausnahmslos aus psy­chologischen Laien bestand: überwiegend Geist­hei­ler, ge­meinsam mit einzelnen Heil­praktikern und Ärzten ohne psy­chiatrische oder psy­chothera­peutische Spezialisie­rung. Und wo Profis im Einsatz waren, blieb stets fraglich, ob erzielte Fortschritte ausschließlich oder hauptsächlich ihr Verdienst waren.


Wollen wir damit etwa weismachen, Laienhilfe könne jenen fachkundigen Leistungen gleich­­wertig oder gar überlegen sein, die ausgebildete Psy­cho­logen, Psychotherapeuten und Psychia­ter zu erbringen ver­stehen?


In der Tat – im Einklang mit ei­ner Vielzahl von wissenschaftlichen Studien.


Laien: oft die besseren Therapeuten


Längst lassen Massenmedien besorgte Ärzte und Psycholo­gen schrillen Dauer­alarm schlagen: In Windeseile greifen „psy­chi­sche Störungen“ schein­bar wie eine ansteckende Seuche um sich, allen voran De­pressionen, Ängste und Süch­te. Von mindestens einer soll schon jeder dritte bis vierte Deutsche behandlungsbedürftig betroffen sein. (1) Im EU-Durchschnitt liegen an­geb­lich sogar bei 38,2 Prozent „klinisch bedeutsame“ seelische Proble­me vor. (2) Im Verlauf des Lebens soll das Risiko auf 50 Prozent steigen. (3) Und es könnte noch viel schlimmer kom­men: In einer jüngeren Stu­die erfüllten bestürzenderweise vier von fünf jungen Er­wachse­nen die Kriterien einer psychischen Stö­rung. (4) In den Klinik­ab­tei­­lun­gen für Psychia­trie und Psy­chotherapie stieg die Zahl von Eingewiesenen seit Anfang der neunziger Jahre bis 2010 um annähernd hundert Prozent auf 407'000 Fälle pro Jahr, bei Kindern und Ju­gend­lichen so­gar um 130 Pro­zent auf über 20'000 Fälle. (5) Die Rede ist be­reits von einer „Epi­de­mie des 21. Jahrhun­derts“, die „zur größten ge­sund­heits­politischen Heraus­for­de­rung ge­worden“ sei. (6)

So gewaltige Fortschritte hat die moderne Psychiatrie demnach gemacht, dass es kaum noch psychisch Gesunde gibt. Dass trotzdem nur jeder fünfte Betroffene professionelle Hilfe sucht (7), erscheint neuerdings als unverzeihliche Unterlas­sungs­sünde. Die 80 Prozent, die um den Psychiatriebetrieb einen Bogen machen, stehen zunehmend als ahnungslose, uneinsichtige, starrköpfige „Thera­pie­ver­weigerer“ da, als verantwortungslose Drückeberger auf einer Stufe mit Schul­schwänzern und Arbeitsunwil­li­gen, die sich ihrer Pflicht zu sozialverträglicher Normalität und Funktionstüchtigkeit zu entziehen trachten. Wer eine Psychotherapie ablehnt, ob­wohl er doch die allseits be­kannten Symptome einer „psychischen Erkrankung“ aufweist, gerät unter wachsenden Rechtfertigungsdruck.


Angesichts der nahen Psycho-Apokalypse beruhigt Otto Normalversteher ungemein, dass sich inzwischen eine „gi­gantische Seelenheilindustrie“ (Welt am Sonntag), in der bereits mehr Menschen arbeiten als in der Automobilbranche, der globalen Bedrohung heroisch entgegenstemmt. Kranker Seelen nehmen sich in Deutschland ambulant 18'000 niedergelassene Fachärzte für Psychiatrie, Psychotherapie und Nerven­heil­kunde an, 15'000 ärztliche und knapp 16'000 psychologische Psychotherapeuten, ein erheblicher Teil der 35'000 Heil­praktiker. Wer so übel dran ist, dass er stationär betreut werden muss, legt sich in eines von 63'000 Betten, die über 450 Fachkliniken für Psychiatrie und Psychotherapie bzw. All­gemeinkrankenhäuser mit entsprechenden Fachabteilungen für seinesgleichen aufgestellt haben. (8) Die Seelenklempnerei wird mit Vorliebe chemisch un­terstützt: Innerhalb eines Jahr­zehnts, von 2003 bis 2012, hat sich die Zahl ambulant verordneter Psychopharmaka in Deutschland fast verdoppelt, auf 2,1 Millionen Tagesdosen. (9) Jährlich werden weltweit Prä­pa­rate für „psychische Gesund­heit“ im Wert von knapp 42 Mil­liarden Dollar verkauft, wo­mit sie bereits die fünftstärkste Therapieklasse auf dem Phar­ma­markt bilden; nur an Arznei­mitteln gegen Krebs, Schmerz, Bluthochdruck und Diabetes wird noch mehr verdient. (10) In Deutschland wurden 2009 mit rund 80 Millionen Packungen 1,1 Milliarden Euro umgesetzt, zu drei Vierteln mit Antide­pres­si­va. (11)

Muss das alles sein?


Er mutet geradezu grotesk an, an den Haaren herbeigezogen, vom Stammtisch aufgeschnappt. Und doch zählt er zu den bestbestätigten Erkenntnis­sen psychologischer For­schung, mittlerweile gesichert durch Hunderte von Studien und Dut­zende von Metaanaly­sen: der Befund, dass Laien beim Beraten und Behandeln von Menschen, die als psychisch krank gelten, nicht weniger zustande bringen als professionelle Psychotherapeuten – vorausgesetzt, sie sind „interpersonal kompetent“, wie Sozi­alwissenschaftler sagen: offen, herzlich, einfühlsam, verständnisvoll, kommunikativ. Dies gilt sowohl im allgemeinen als auch für einzelne „Störungs­bilder“, wie z.B. soziale Fehlan­passung, Phobien, Psychosen und Übergewicht. (12) Manche Stu­dien ergaben sogar einen deutlichen Trend, dass Laien effektiver sind. (13)

Minimales Training reicht aus, um Laien im Umgang mit psychisch Belasteten sogar noch erfolgreicher zu machen. So küm­merten sich in einer britischen Studie Krankenschwe­stern, nachdem sie in zwei Workshops mit Verhaltensthe­ra­pie vertraut gemacht worden waren, um 222 Hypochon­dri­ker, die zuvor unter 29'000 stationär Aufgenommenen in eng­lischen Fachkliniken als hochgradig ängstlich in Bezug auf eigene Krankheiten identifiziert worden waren; zur Kon­trolle blieben 222 weitere unbehandelt, sie wurden lediglich regelversorgt. Nach fünf bis zehn Sitzungen hatten die Krankheitsängste in der Be­handlungsgruppe signifikant ab­genommen, und dieser Ef­fekt war noch ein Jahr später nachweisbar: Von den Laienbe­handelten sorgten sich weiterhin 13,9 Prozent nicht übermäßig um die eigene Gesundheit, in der Kontrollgruppe nur 7,3 Prozent. Auch auf allgemeine Ängstlichkeit und Depressio­nen hatten sich die Bemühun­gen der Nichtprofis vorteilhaft ausgewirkt. (14) In den sechziger Jahren waren Laien im Groß­raum Hamburg bemerkenswert erfolgreich im Einsatz, nachdem sie von dem Ehepaar Reinhardt und Anne-Marie Tausch mit Grundlagen der Ge­sprächspsychotherapie vertraut gemacht worden wa­ren. (15)

In über 100'000 Selbsthilfegrup­pen kommen in Deutschland 3,5 Millionen Laien zusammen (16), um einander in gesundheitlichen Nöten beizustehen, häufig auch bei seelischen. Wie etliche Studien belegen (17), ge­lingt ihnen das in der Regel keineswegs schlechter als Grup­pen­psychotherapien oder ir­gendeiner anderen Variante pro­fessionellen Seelenheilens. Je länger die Mitgliedschaft, je regelmäßiger die Teilnahme, desto größer der persönliche Nutzen: Konsequente Besucher von Selbsthilfegruppen können mit ihrer Erkrankung besser um­­gehen, schätzen sich als selbstbewusster ein, fühlen sich besser verstanden und weniger isoliert, erfahren einen Zuge­winn an Kompetenz, Lebens­mut und Wohlbefinden. Unter ihresgleichen fanden sie also, wonach viele von ihnen zuvor bei Profis vergeblich gesucht hatten.


Laien kämen bloß vergleichsweise harmlosen „Alltagspro­ble­men“ bei, Profis hingegen auch „schweren, tiefgehenden, komplexen und weitreichenden Problemen“, heißt es gelegentlich. (18) Wer bedenkt, wie oft Probleme beliebiger „Störungs­tie­fe“ unter Lebensgefährten, Freunden und Familienmit­gliedern erfolgreich angegangen werden, während sie in Profipraxen unbewältigt liegenbleiben, kann darin nur ein Marketinggerücht sehen, solange empirische Forschung ihn nicht eines besseren belehrt.


Laien können allenfalls beraten, aber nicht behandeln, wenden Profis ein und warnen vor einer „Vermischung“. (19) Doch was trennt beides denn grundsätzlich?


Psychotherapie biete einen „Heilungsdiskurs“; „be­handelt Menschen, die an Krank­heiten leiden“; verwende „deutende und aufdeckende Techniken“. Beratung hingegen bringe bloß einen „offenen Hilfediskurs“ zustande; „unterstützt Menschen in Krisen, mit Problemen oder schwierigen Fragen und dient dazu, eine gute Lösung zu finden“; setze allenfalls „unterstützende Tech­ni­ken“ ein. (20) Diese Ab­gren­zungen sind willkürlich und wirklichkeitsfremd; im Alltag, wie auch in „Auswege“-Camps, verschwimmen sie, die Übergänge sind fließend. Lai­en, die einfühlsam und verständnisvoll einen Nächsten beraten – ob im Zweierge­spräch oder in der Gruppe -, können dabei ebenfalls deuten, aufdecken, heilsam wirken. Bewusst oder unreflektiert, jedenfalls erstaunlich erfolgreich nutzen sie Methoden der Psychotherapie, auch bei als „krank“ Etikettierten. Anderer­seits intervenieren berufsmäßige Therapeuten natürlich auch offen, unterstützend und lösungsorientiert. (21) Im übrigen zeigen etliche Vergleichsstudi­en: Beratung und Psychothera­pie sind gleich wirksam. (22)

Ungeheuerlich, aber wahr: Nach heutigem Forschungs­stand können professionelle Psychotherapeuten nicht für sich beanspruchen, bessere Leistungen zu erbringen als sogenannte „blutige“ Laien mit keinerlei oder bloß minimalem Training.


In dieser Tatsache steckt gesundheitspolitischer und –ökonomischer Sprengstoff ohnegleichen, weshalb sich in Therapeutenkreisen ein heimlicher Konsens herausgebildet zu haben scheint, es sei klüger, sie nicht an die große Glocke zu hängen. Sie bedeutet nämlich:


- In der Psychotherapie führt langjährige, kostspielige Aus­bildung zu keinem nennenswerten Effizienzvorsprung – bestätigt durch zwei umfangreiche Meta-Analysen, die nicht weniger als 375 Studien über den Zusammenhang zwischen Ausbildungsdauer und Thera­pie­erfolg einbezogen. (23)

- Ebenso unerheblich ist die Fachrichtung. Ob Arzt, Psy­cho­loge, Heilpraktiker oder Le­bensberater: Keiner hilft wirkungsvoller als die anderen.

- Im Umgang mit psychischen Belastungen spielt Berufs­er­fahrung keine Rolle. (Hingegen könnte Erfahrung damit durchaus bedeutsam sein – hierzu spä­ter.)


- Der Nachweis, dass Psycho­therapeuten tatsächlich „Exper­ten“ darin sind, mit welchen Mitteln man psychischen Er­kran­kungen entgegenwirken kann, steht aus.


- Es gibt keinen plausiblen Grund, Laien von der medizinischen Versorgung psychisch Kranker auszuschließen.


- Zur Eindämmung der Ko­stenexplosion im Gesund­heitswesen könnte wesentlich beitragen, Ärzten und Psycho­therapeuten das Behandlungs­monopol für psychische Leiden zu entreißen und Laien einzubeziehen.


Für die Stiftung Auswege folgt daraus: Nichts spricht dagegen, in ihren Therapiecamps psychisch Belastete durch psychotherapeutisch Unausgebildete betreuen zu lassen – und nichts dafür, für die Campteams un­bedingt Psychoprofis anzuwerben.


Auf Forschungsergebnisse, die uns darin bestärken, reagieren Standesorganisationen von Ärz­ten, Psychologen und Psy­chotherapeuten seit eh und je überaus gereizt und beleidigt. Wie kann man allen Ernstes be­haupten, ein mindestens dreijähriges Universitätsstudium sorge für keinerlei Kompe­tenzvorsprung? Wie könnte eine fundierte akademische Ausbildung, die 20'000 bis 40'000 Euro kostet, mit mindestens 600 Stunden Theorie, 600 Stunden Behandlung unter min­destens 150 Stunden Super­vision, 120 Stunden Selbster­fah­rung und 1800 Stunden praktische Tätigkeit, davon ein Drittel in einer psychiatrischen Einrichtung (24), weitgehend für die Katz sein? Ihren empörten Widerstand stützen Fachkreise vor­nehmlich auf drei Argu­mente:


1. Bloß Experten wissen, wie psychische Erkrankungen entstehen – aber nur wer Ursachen kennt, kann sie auch beheben.


2. Nur Experten verfügen über geeignete Techniken, um psychischen Erkrankungen beizukommen. Welcher Laie be­herrscht schon die filigranen Vorgehensweisen eines Freud­schen Analytikers, eines Tie­fenpsychologen nach C. G. Jung, eines kognitiven Verhal­tenstherapeuten?


3. Nur Experten können psychische Erkrankungen erkennen – die richtige Diagnose stellen. Welcher Laie kennt schon das klinische „Stö­rungsbild“ einer depressiven Episode, eines Borderline-Syndroms, einer Angststörung, eines chronischen Erschöp­fungs­syndroms usw.?


Mich überzeugt keines dieser Argumente. Denn aus wissenschaftlicher Sicht steht eines wie das andere auf tönernen Füßen:


1. Wie und warum die Psyche erkrankt, ist weiterhin rätselhaft.


Angenommen, Naturwissen­schaftler böten uns fünfzig verschiedene Theorien dafür an, weshalb ein Gegenstand senkrecht und beschleunigt nach unten fällt, dem Blitz der Don­ner folgt, ein Magnet Eisen­feilspäne anzieht, Planetenbah­nen elliptisch verlaufen, Laub­bäume im Herbst ihre Blätter verlieren. Würden wir ihnen bescheinigen, sie könnten uns die Welt erklären? Ein unverbundenes Nebeneinander von Theorien kennzeichnet das vorwissenschaftliche Stadium ei­ner Disziplin, und in eben diesem kümmerlichen Zustand be­finden sich bis heute die klinische Psychologie, Psychothe­rapie und Psychiatrie. Wer in irgendeinem ihrer Lehrbü­cher25 über Störungstheorien nachliest, dem schwirrt nach we­nigen Seiten der Kopf: Un­ter­schiedlicher, widersprüchlicher, verquaster könnten die dort vorgestellten intellektuellen Luftschlösser kaum sein. Dennoch vertreten ihre An­hänger die jeweils bevorzugte Lehre mit der gleichen unerschütterlichen Gewissheit. All diese Glaubensbekenntnisse können aber unmöglich gleichzeitig zutreffen. Solange ein derartiges Wirrwarr anhält, zeigt es an, dass unsere See­lenheilkunde im Grunde nicht weiß, wie psychische Krankhei­ten zustande kommen.


2. Techniken sind im psychotherapeutischen Prozess weitgehend unerheblich.


Wer Lewis Carrolls Kinderbuch „Alice im Wunderland“ kennt, wird sich an jenen Wettlauf er­innern, bei dem niemand feststellt, wie weit und wie lange die Teilnehmer gelaufen sind. Als der putzige Vogel Dodo gefragt wird, wer denn nun der Sieger sei, sagt er: „Jeder hat ge­wonnen und alle müssen Preise bekommen.“


In solch wunderländischem Wettbewerb stehen all die Hun­derte von psychotherapeutischen Verfahren, die Hilfesu­chen­de vor die schweißtreibende Qual der Wahl stellen. Eine Metaanalyse (26) von fast 400 The­ra­pie-Vergleichsstudien er­gab: Keine bringt rein gar nichts, keine nützt immer, kei­ne ist den übrigen deutlich über­legen - sie alle sind annähernd gleich wirksam (27), und dieser Sachverhalt wird als „Do­do-Bird-Verdikt“ (28) be­zeich­­net, gelegentlich auch als „Äqui­valenzparadox“.


In diesem Licht erweist sich die sogenannte „Differentielle In­dikation“ – die Beurteilung, wel­che Form der Psychothe­rapie bei welchem Hilfesuchen­den angezeigt ist – als windige Luftnummer. Wenn keine Me­thode mehr ausrichtet als die andere, machen jene den Unterschied, die sie anwenden; Patienten brauchen den passenden Therapeuten. Zwar sollen vereinzelte Studien ergeben haben, dass Patienten mit ho­her „Direktivität“ – einem ausgeprägtem Bedürfnis nach Selbstbestimmung bzw. starker „Reaktanz“, einem deutlichen Abwehrverhalten auf den Ein­druck hin, unter Druck gesetzt zu werden – eher von mäßig strukturierten, nichtdirektiven Ansätzen wie z.B. der Ge­sprächstherapie profitieren, wäh­rend „submissiven“ Pati­enten, die zur Unterordnung neigen, direktive Verfahren wie z.B. die Verhaltenstheorie eher nützen. (29) Doch letztlich ist es kein methodisches Abstrak­tum, das Hilfsbedürftige „dirigiert“, „unterwirft“ oder ihnen Freiraum lässt, sondern die individuelle Persönlichkeit des jeweiligen Behandlers. Worauf er aus ist, kann er mit jeder beliebigen Technik erreichen.


3. Psychodiagnostik stellt nicht fest, sondern schreibt zu – sie ist unwissenschaftlich, willkürlich und überflüssig.


In „Auswege“-Camps werden weder psychiatrische Diagno­sen gestellt, noch gestellte handlungsleitend gemacht. Aber wie sollten wir seelisch Belasteten dort überhaupt helfen können, solange wir nicht genau wissen, was ihnen fehlt?


Das wissen wir freilich immer. Seit längerem geht es ihnen schlecht, ohne dass ihre Ärzte eine organische Ursache dafür gefunden haben, und bei ihren Campterminen lassen wir sie ihr Unwohlsein ausführlich schildern: Wie fühlt es sich für sie an? In welcher Weise belastet es sie? Wann und unter welchen Umständen ist es entstanden? Wie hat es sich im Laufe der Zeit entwickelt? Wie wirkt es sich auf ihr Leben aus? Ihre Angaben lassen wir von mit­gereisten Angehörigen be­stä­tigen, ergänzen oder einschränken. So erhalten wir ein recht detailliertes Bild von ihrem Problem. Darauf gehen wir ein, und was wir mit Hil­fesuchenden anschließend tun – wir reden, lachen, tanzen mit ihnen, wir berühren, umarmen und massieren sie, legen ihnen Hände auf, lassen sie basteln, Bilder malen und Klänge hö­ren, entspannen, die Gemein­schaft Mitbetroffener erleben, eine idyllische Natur genießen -, führt offenkundig binnen weniger Tage dazu, dass es den meisten erheblich besser geht, in der Regel weit über die Camp­woche hinaus. An keinem Punkt dieses Geschehens muss notwendig festgestellt werden, welche psychische Krankheit bei einem Teilnehmer vorliegt – ja, ob es sich überhaupt um eine Krankheit handelt, die ihn zum „Patienten“ macht. Dass sich ein Betroffener selber krank fühlt, bedeutet nicht zwingend, dass er es ist.


Warum meint er, krank zu sein? Sein Empfinden, Erleben und Fühlen, seine Erinnerungen und Vorstellungen, sein Den­ken und Verhalten belasten ihn seit längerem, ohne dass er daran willentlich etwas ändern könnte; sie sorgen für Leidens­druck und weichen auf merkwürdige, schwer nachvollziehbare Weise von der Norm ab, womit sie Anderen und ihm selbst Rätsel aufgeben. Wer ihm als Ursache dafür eine „psychische Krankheit“ unterstellt, äußert eine Hypothese: eine Mutmaßung, die erst einmal zu beweisen wäre.


Die moderne Psychotherapie versteht sich als behandelnder Teilbereich der Psychiatrie, die­se wiederum als Fachgebiet der Medizin, die allergrößten Wert darauf legt, als „empirische Wissenschaft“ zu gelten. Eine Krankheit im medizinischen Sinn ist ein im Individuum be­stehender Zustand oder ablaufender Prozess, der sich in typischen Zeichen, „Symptomen“, bemerkbar macht. (Liegen gleichzeitig verschiedene solche Zeichen vor, sprechen Me­di­ziner von einem „Syndrom“, von griech. syndromos: begleitend, zusammentreffend.) Dass überhaupt eine Krankheit vorliegt, lässt sich demnach nur dann behaupten, wenn dieser Zustand bzw. Prozess entweder unmittelbar festgestellt oder aus Indikatoren erschlossen werden kann. Wissenschaftlich ist eine solche „Diagnose“, wenn die dazu verwendeten Verfahren objektiv, zuverlässig und valide sind. Und in diesem Sinne ist fraglich, ob unseren Campteilnehmern, ja irgendeinem Menschen jemals eine „psychische Krankheit“ nachgewiesen worden ist – mehr noch, ob es eine derartige Enti­tät überhaupt gibt. An entsprechenden Methoden mangelt es der Psy­chiatrie nämlich bis heute.


Den ungetrübten Blick darauf verstellt ein Zwillingspaar aus monströsen Begriffsgebilden von den Ausmaßen turmhoher Apothekerschränke, jeweils mit Hunderten von fein säuberlich etikettierten Schubladen: eine für jede „psychische Krank­heit“. Welche das sein sollen, ist in zwei voluminösen Katalogen zusammengestellt worden, an denen sich Psychodiagnostiker mittlerweile weltweit orientieren: Das DSM (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Dis­orders) wird seit 1952 von der American Psychiatric Association herausgegeben, einem 50'000 Mitglieder starken Berufsver­band, und ist vor allem im angelsächsischen Raum maßgebend. 2013 erlebte es die fünfte Auflage; anfangs ein schlankes Heft von 130 Seiten, kommt es inzwischen als zwei Kilo schwerer Wälzer mit 1298 Seiten daher. In Deutschland ge­bräuchlicher ist die ICD (In­ter­national Classification of Dis­eases), die „Psychische und Ver­haltensstörungen“ einschließt. Für Deutschlands Vertragsärzte ist die ICD-Verwendung seit dem Jahr 2000 Pflicht, nur dann können sie mit ihren Kassen abrechnen. Die Ursprünge der ICD reichen bis ins ausgehende 19. Jahrhundert zurück; von der Weltgesundheitsorganisati­on übernommen und stetig weiterentwickelt, liegt sie seit 2012 in der zehnten Version vor. Psychodiagnostik legt fest, wem diese darin befindlichen Etiketten angeklebt werden dürfen – wer sie zurecht trägt.


Herauszufinden versucht sie das, indem sie mit Verdäch­tigen standardisierte schriftliche und mündliche Interviews führt, sie diversen Tests unterzieht, Einschätzungen von anderen „Experten“ - beispielsweise Ärzten - und nahestehenden Personen einholt. Verdient diese Vorgehensweise das Prä­dikat „wissenschaftlich“? Er­füllt es die allgemeingültigen Gütekriterien für wissenschaftliche Erkenntnismethoden, insbesondere die drei wichtigsten?:


Ist Psychodiagnostik objektiv?


Das heißt, sind ihre Ergebnisse unabhängig von Einflüssen und subjektiven Eindrücken der Untersucher oder der Un­ter­suchungssituation, sei es bei der Durchführung, der Aus­wer­tung oder Interpretation?


Es begann 2004 als Feierabend­spielerei: Zwei russische Phy­siker an der Universität Man­che­ster, Konstantin Novoselov und Andre Geim, lösten von einem Block gewöhnlichen Gra­­phits, wie es in Bleistiften verwendet wird, mit Hilfe von Kle­be­streifen hauchdünne Schich­ten ab. Als sie diese Pro­ben un­tersuchten, stießen sie auf Gra­phen: nur eine Atomla­ge dicke, somit gleichsam zweidimensionale, wabenförmig strukturierte Kohlenstoff­schich­ten mit faszinierenden mechanischen und elektrischen Eigenschaften, was den beiden Forschern sechs Jah­re später einen Nobelpreis ein­brachte. Seither gilt Graphen als wahres „Wundermaterial“, das einen regelrechten „wissen­schaftli­­chen Goldrausch“ (Wall Street Journal) ausgelöst hat: Einer­seits ultradünn, leicht und flexibel, ist es andererseits härter als ein Diamant und bis zu 300mal zugfester als Stahl; es lässt positiv geladene Wasser­stoff­atome (Protonen) durch, während es alle anderen Atome und Moleküle am Durchtritt hindert; es ist transparent und temperaturstabil, leitet Wärme und Strom ausgesprochen gut und lässt sich zu winzigen Halb­leitern formen. Von Gra­phen versprechen sich Exper­ten flexible Displays, schnellere Sensoren und bessere Batterien, leichtere Fahrzeug- und Flug­zeugteile, leistungsfähigere elektronische Bauelemente und bessere Datenspeicher.


Aber gibt es dieses Graphen wirklich? Weist es tatsächlich die ihm zugeschriebenen Ei­gen­schaften auf? Wer auch immer die behaupteten Er­kennt­nisse bezweifelt, kann sie überprüfen, jederzeit und überall: Sofern er genauso verfährt wie Novoselov und Geim, kommt er zu denselben Ergeb­nis­sen. Nun weiß er: Da wurden tatsächlich objektive Tat­sachen verbreitet, nicht bloß Hirngespinste zweier professoraler Wodkatrinker. So funktioniert Wissenschaft.


Die Psyche eines Menschen ist aber kein materielles Objekt. Beobachten lässt sich bloß ihr äußeres Verhalten, einschließlich seiner sprachlichen Äußerungen; jegliche Schlüsse daraus sind fragwürdige Deu­tungen. Wer ihn befragt, löst bei ihm zwangsläufig Wahr­nehmungen, Empfindungen, Ge­fühle, Gedanken aus, die er andernfalls nicht hätte. Jede Diagnostik erzeugt und betritt ein komplexes Faktorenfeld, in dem sich Menschen anders benehmen, als sie es außerhalb tun würden.


Ist Psychodiagnostik zuverlässig („reliabel“)? Das heißt, kommen verschiedene Diagnostiker hinsichtlich desselben Patien­ten zur selben Meinung? Keine zwei Untersucher beeinflussen einen Menschen in exakt derselben Weise; selbst wenn sie perfekte Klone wären und ihm gegenüber in absolut identischer Weise aufträten – mit den gleichen Äußerungen, dem gleichen nonverbalen Verhal­ten, derselben äußeren Er­scheinung -, würde die veränderte Situation einen mentalen Unterschied machen. Standar­disierte Tests, die für alle Un­tersuchten dieselben sind, nach denselben Regeln ausgewertet und interpretiert werden, beseitigen nicht eine grundsätzliche Schwierigkeit: Sie bleiben Mo­mentaufnahmen, von denen un­klar ist, ob der festgestellte Zustand nur kurzzeitig oder fortwährend besteht, denn die menschliche Psyche befindet sich in unentwegtem Fluss. Weil sie kein hermetisch abgeschottetes, gänzlich autonomes Eigenleben führt, sondern von ihrer Umgebung und ihrem sozialen Umfeld beeinflusst wird, bleibt darüber hinaus offen, inwieweit sich die ge­messenen Merkmale aus ihren inneren Besonderheiten ergeben oder aus den jeweiligen Le­bensumständen und momentanen Einflüssen; ob eine festgestellte Merkwürdigkeit einer individuellen Pathologie entspringt – oder durch die Um­welt konditioniert wird. Wie die englische Psychothera­peu­tin Lucy Johnstone, Mitautorin einer kritischen Stellungnahme des Britischen Psychologenver­bands zum DSM, nachdrück­lich betont, „liegen nun überwältigende Hinweise dafür vor, dass Menschen infolge einer komplexen Mischung aus sozialen und psychischen Um­ständen zusammenbrechen: Trauer und Verlust, Armut und Diskriminierung, Trauma und Missbrauch“30 – und eben nicht allein aufgrund inwendiger Prozesse, die unabhängig davon ablaufen, was um sie herum geschieht.


Immerhin ermögliche DSM und ICD „exaktes“ Diagnosti­zieren, heißt es: „Durch aufmerksames Zuhören, Wahrneh­men und zielgerichtetes Fra­gen“ könne genauestens festgelegt werden, welcher Störungs­typ vorliegt. (31) Eine solche „Exaktheit“ stelle ich hiermit beim NBGN-Syndrom sicher („Null-Bock-auf-gar-nix“), mittels folgender zehnteiliger Liste von Symptomen, deren gemeinsames Vorliegen ver­mut­­lich statistisch signifikant ist und eine erhebliche Präva­lenz aufweisen dürfte: Inner­halb der zurückliegenden 14 Tage sind Betroffene mindestens einmal mindestens eine halbe Stunde zu spät zu einer Verabredung erschienen; waren mehr als zweimal um die Mit­tagszeit noch unrasiert; boten in öffentlichen Verkehrsmitteln Senioren nicht den eigenen Sitz­platz an; spuckten einen Kaugummi auf den Gehweg; beseitigten Fuß- und Achsel­schweiß nicht binnen 48 Stun­den körperhygienisch; popelten pro Tag durchschnittlich dreimal oder öfter genussvoll in der Nase; wechselten im An­amnesezeitraum höchstens einmal die Unterwäsche; empfanden am Arbeitsplatz mehr als zweimal pro Tag Unbehagen, Lustlosigkeit und Müdigkeit; übernahmen nur einmalig, be­gleitet von ausgeprägten Un­wil­ligkeitsemotionen, den Ab­wasch, das Staubsaugen oder das Entleeren voller Mülleimer; nahmen an mindestens sieben der vergangenen 14 Tage zwischen Frühstück und Abendes­sen stundenlang be­vor­zugt ei­ne horizontale Kör­per­position auf weicher Unter­lage ein. Liegen mindestens drei dieser Merkmale vor, ist von NBGN auszugehen, bei sieben und mehr von einer „schweren“ Störung. Jedes wä­re durch „aufmerksames Zu­hören, Wahrnehmen und zielgerichtetes Fragen“ zu verifizieren. Brächte ich dieses „Syn­drom“ in einem der beiden Diagnostikmanuale unter, so wäre sichergestellt, dass Fach­leute es fortan genauso definieren und attribuieren wie ich.


Einigermaßen „reliabel“ haben RSM und ICD die Psychiatrie lediglich in einem Sinne ge­macht: Ihnen gemäß benutzen Kliniker inzwischen weltweit dieselben Begriffe in weitgehend derselben Weise. Aber sind diese Begriffe mehr als bloße Konstrukte, verkappte Er­findungen, willkürliche Un­terstellungen? Entsprechen ih­nen reale Phänomene? Dazu müsste die dritte Frage bejaht werden können:


Ist Psychodiagnostik valide („gültig“)? Das heißt, misst sie tatsächlich, was sie messen soll? Stehen Bezeichnungen „psychischer Krankheiten“, die Menschen aufgrund solcher Mes­sungen zugeschrieben werden, für reale Entitäten? Vali­dität ist ein Maß dafür, ob und inwieweit „da draußen in der Wirklichkeit“ dem diagnostischen Urteil etwas Handfestes, unabhängig Feststellbares entspricht. Ist das so?


Auch in der somatischen Medi­zin sind pathologische Zustän­de selten direkt beobachtbar. Der Arzt erschließt sie aus bestimmten Merkmalen, deren Vorliegen sie eindeutig anzeigen. Dasjenige Merkmal, das sich am besten dafür eignet, eine Erkrankung nachzuweisen oder auszuschließen, wird als „Goldstandard“ bezeichnet. Die Medizin verfügt über viele derartige Entscheidungshilfen: Bei Darmerkrankungen sind es koloskopische Bilder, bei Asth­ma bronchiale spirometrische Prüfungen, bei Osteoporose be­stimmte Biomarker und Kno­chen­dichtemessungen, bei Dia­betes der orale Glukose-Tole­ranztest, bei arterieller Hyper­tonie Blutdruckmessungen, bei Skoliose und anderen Skelett­erkrankungen ein jeweils typisches Röntgenbild.


An solchen objektiv messbaren Parametern mangelt es der Psychiatrie ganz und gar. Ihre Diagnosen basieren auf Be­richten von Patienten, auf Be­obachtungen und Deutungen von Dritten; selbst wenn diese vollständig übereinstimmen würden – was sie selten tun -, kumulieren dabei womöglich bloß einmütige Vorurteile. Subjektive Einschätzungen wer­den nicht dadurch wahrer, dass sie sich stattlich häufen.

Zumindest, so wenden Psy­chia­ter ein, sei ihre Dia­gnostik „inhaltsvalide“: Sie mes­se die relevanten Merkmale des jeweiligen „Krankheits­bilds“. Aber stellt dieses „Bild“ etwas Reales dar oder ein Fan­tasieprodukt? „Krankheitsbil­der“ sind Be­schrei­bungen, auf die sich Fach­gremien geeinigt haben – keineswegs wirklichkeitsgetreue Abbilder, denn ihre mutmaßliche Wirklichkeit, die Psy­che, entzieht sich der unmittelbaren Beobachtung.

Als „valide“, so heißt es ferner, dürfe ein Diagnoseverfahren gelten, wenn seine einzelnen Maße hochgradig zusammenhängen. Wenn eine bestimmte „psychische Krankheit“ sehr oft die Merkmale x, y und z aufweist, dann erkennt ein gu­ter Test sie auch häufig als gemeinsam vorliegend; und wenn ein Merkmal theoretisch zwei verwandte „Krankheits­bilder“ voneinander abgrenzt, dann spiegelt ein guter Test dies auch im Befund wieder.


Doch hier wird multiple Augen­wischerei betrieben (32):


- Menschen entsprechen so gut wie niemals idealtypisch dem vorgefertigten „Krankheits­bild“ auch nur annähernd.


- Häufig trifft kein „Krank­heitsbild“ vollständig zu, mehrere hingegen bloß zum Teil. Viele vermeintliche „Patienten“ weisen Symptome diverser „Stö­rungen“ auf, gehören aber keinem eindeutig zu. (33) Solche „Komorbidität“ steht aber im Widerspruch zu der grundlegenden Behauptung, psychische „Syndrome“ seien diskrete „Krankheitsbilder“.


- Manchen „Patienten“ muss lehrbuchkonform ein und dieselben Diagnose gestellt werden, obwohl sie keinerlei „Sym­pto­me“ gemeinsam haben. Die DSM-Kriterien für eine „Major Depressive Order“ etwa erfüllt ein Anton, der niedergeschlagen ist, zuwenig und unruhig schläft, stark abnimmt, sich schlecht konzentrieren kann und ständig aufgewühlt („agitiert“) ist, aber auch eine Adel­heid, die unentwegt schläft, stark zunimmt, sich nicht mehr freuen und Lust empfinden kann („Anhedonie“), sich wertlos und schuldig fühlt, an Selbstmord denkt. (34) Gänzlich schleierhaft ist, wieso die beiden ein und dasselbe „Krank­heitsbild“ teilen sollten.


- Weil häufig nur ein mehr oder minder kleiner Teil der Dia­gnosekriterien erfüllt sein muss, wird ein Krankheitsbild häufig Personengruppen zugeschrieben, die wenig gemeinsam haben. Beispielsweise ge­nü­gen DSM-gemäß drei von 15 Kriterien, um einem Kind eine „Conduct Disorder“ zu bescheinigen; nach Adam Riese ergeben sich daraus 455 unterschiedliche Kombinationen von Merkmalen. Das Einheitsetikett kaschiert eine gewaltige Hete­rogenität.


- Häufig kranken die Diagno­sekriterien an Mehrdeutigkeit. Dem DSM zufolge soll von einer „Generalisierten Angst­stö­rung“ betroffen sein, wen exzessive Ängste plagen, die er schwer kontrollieren kann. Was heißt da „exzessiv“, was genau ist mit „schwer“ gemeint?


- Die Schwellenwerte der Diagnosetests sind willkürlich, häufig stufen sie fälschlich po­si­tiv ein. Ein Großteil von ihnen erfordert nicht, dass sämtliche Kriterien eines „Krankheits­bilds“ erfüllt sind, sondern bloß ein paar; wieviele, wurde willkürlich festgelegt. Und je weniger Merkmale erhoben wer­den, desto wahrscheinli­cher werden Menschen seinetwegen irrtümlich für „krank“ erklärt.


- Ebenso willkürlich sind die diagnostischen Trennlinien zwischen „Normalem“ und „Krank­haftem“. Mit jeder neu­en Auflage von DSM und ICD hat sich der Radius des „Patho­logischen“ stetig erweitert, Mil­lionen ahnungsloser Zeitgenos­sen wurden dabei buchstäblich über Nacht zu „Patienten“ er­klärt - nicht etwa, weil auf psy­chonautischer Tauchstation in den Untiefen der menschlichen Seele neue „Störungen“ zum Vor­schein gekommen sind, sondern weil in Fachgremien be­schlossen wurde, eine be­stimmte Kombination von Ei­genschaften von nun an „Stö­rung“ zu nennen, womit „Ge­stör­te“ neuer Art zu Zielobjek­ten für Therapien und Medika­mente werden. Die Abschaf­fung des Nor­malen wird zum Mega­trend.


So verwandelte 2013 das DMS-5 gewöhnliche Trauer, falls sie nicht zügig wieder vergeht, in eine Krankheit: Wem der Tod eines geliebten Menschen den Appetit verschlägt, wer wenig Antrieb verspürt, unruhig schläft und sich mit gedrückter Stimmung durch den Alltag quält, dem muss seither schon nach zwei Wochen eine therapiebedürftige „Depression“ dia­gnostiziert werden. Aus dem leidenschaftlichen Sam­meln von Dingen, die Anderen weder besonders knapp noch besonders kostbar vorkommen, ist die „obsessiv-kompulsive“ (zwanghaft besessene) Hoar­ding-Störung (vom englischen Wort für „Horten“) geworden; aus häufigem Berühren, Quet­schen und Kratzen bestimmter Hautstellen eine „abnorme Im­pulskontrollstörung“ namens „Skin-Picking Disorder“. Gele­gent­li­cher Heißhunger wurde zur „Binge Eating Disorder“ (von engl. binge: Gelage), schlech­te Laune zur „Dysthy­mie“ - mit angeblich drei Mil­lio­nen betroffener „Patienten“ -, ausgeprägte Schüchternheit zur „Sozialphobie“, Eigenbrö­te­lei zur „schizoiden Persön­lichkeit“. Wer ungewöhnlich lan­ge mit etwas Unerfreuli­chem hadert, der gehört zu je­nen zwei Prozent der Bevölke­rung, die eine „posttraumatische Verbitterungsstörung“ (PTED) ereilt haben soll. (35) Und allen Ernstes werden in Fach­kreisen diskutiert: das „Dorian-Gray-Syndrom“ bei Menschen, die mehr als Andere auf ihr Kör­pergewicht und Erschei­nungs­bild achten (36); sowie das „Käfig-Tiger-Syndrom“, weitverbreitet unter Männern, die mürrisch, unausgeglichen und leicht ausfallend sind, weil sie sich wie ein Tiger im Käfig eingesperrt fühlen (37). Unentwegte Lügner sind bedauernswerte, therapiebedürftige Opfer einer „antisozialen Persönlichkeitsstörung“ namens Pseudologia phantastica. Die „Paradies-Depression“ be­fällt vornehmlich vornehmlich Pen­sionäre, die ihren Le­bens­abend an traumhaften Fe­ri­en­orten in südlichen Gefilden ver­bringen, wo sie inneren Taten­drang verlieren, abstumpfen, sich langweilen und leer fühlen – Nichtstun wird für sie zur Qual38. Die ersten chronisch De­pressiven in der Ge­schich­te der Menschheit dürften demnach Adam und Eva gewesen sein. Man kommt schwerlich umhin, diesem karnevalesken Treiben eine hochgradige IAS zu diagnostizieren (von lat. inutilis: überflüssig; abundantia: Überschuss, Überangebot), die fraglos Eingang ins näherrückende DSM-6 finden sollte: eine obsessiv-kompulsive Störung mit einer Prä­valenz von 99,9 Pro­zent unter Psychiatern, die entweder in DSM-Gremien be­rufen werden oder noch keine neue Krank­heit erfunden haben oder beides – gekennzeichnet durch einen inneren Zwang, Überflüssiges im Übermaß zu produzieren.


Welche „Erkrankung“ hat mo­mentan die besten DSM-Auf­nahmechancen? Meinen persönlichen Favoriten würde ich „RDS“ taufen („Resilienzdefi­zit­syndrom“). Reißenden Ab­satz finden neuerdings nämlich Lebenshelfer, die sich der sogenannten „Resilienz“ widmen: einer inneren Widerstands­kraft, die Rückschläge weg­stecken, Krisen durchstehen, sich Zumutungen widersetzen, Anfeindungen und Kritik un­beirrt abprallen, den Blick zu­versichtlich nach vorne richten lässt – die Strategie des Steh­aufmännchens.39 Ihrer weitgehenden Abwesenheit endlich Krankheitsstatus zuzuweisen, brächte multiplen Nutzwert: Betroffenen fiele es dann leichter, hypochondrisch eine Cha­rakterschwäche zu bejammern und faule Ausreden zu bemänteln. Beglückt würden alle El­tern, die auf Karriere- und Selbstverwirklichungstrips ihren Nachwuchs lieber der Krabbelgruppe, der Tagesmut­ti, dem Fernseher, dem Internet und der Playstation überlassen, statt ihn aufmerksam, konsequent und beharrlich, jedenfalls zeitaufwendig, mit dem nötigen Rüstzeug auszustatten, das Heranwachsende brauchen, um innerlich gefestigt durchs Leben zu gehen. Un­terbeschäftigten Psychoprofis erschlösse sich ein weiteres Be­tätigungsfeld, Neuropsycholo­gen ein neues Fahndungsziel, Arneimittelherstellern eine zu­sätzliche Zielgruppe – und ei­nem eitlen „Entdecker“ würde ge­schmeichelt, denn zu den ul­ti­mativen Daseinszwecken ei­nes forschenden Psychiaters ge­­hört es, auf eine neue Krank­heit zu stoßen, mit der sein Name verbunden ist.


Da gerät Medizin zur Real­satire, und als solche wird sie von den raren Psychiatern, die sich die Fähigkeit zur Selbst­ironie bewahrt haben, mitunter zwerchfellerschütternd auf die Schippe genommen. Der unbedarfte Nichtexperte, der bei ei­ner psychischen Störung zu­mindest einen gewissen Lei­densdruck voraussetzt, ahnt of­fenkundig nichts von der „ge­ne­ralisierten Heiterkeits­stö­rung“ (GHKS), von der etliche Mitglieder des „Auswege“-Campteams längst infiziert sind: Bei Anlässen, die für ge­wöhnlich „depressive Verstim­mung, Verzweiflung, große Angst, Selbstanklagen oder ge­gen Andere gerichtete Aggres­sionen“ auslösen, bleiben sie sonderbar ausgeglichen, gelassen und heiter. (40) Nicht einzudämmen ist bei unserem Nach­wuchs bislang das „Kindheits-Unselbständigkeits-Sprach­reduktions-Syndrom“ (KUSS), für das typisch sind: ein hartnäckiges Beharren auf der Durchsetzung eigener Wün­sche; ein deutlich retardiertes Vermögen, sich in die Sicht­weise Anderer hineinzudenken; sowie die Dominanz dysgrammatischer Äußerungen („Man muss nur die gratuliren, die man mag, und die Ferwan­ten“; „Böhse Onkelz gingten weg“). (41) Eine erschütternde Prävalenz von hundert Prozent innerhalb der Referenzpopula­tion weist das „Kindheits­syn­drom“ auf, bei dem Klein­wuchs, Unreife, Labilität und Wissenslücken mit einer Ess­störung einhergehen, die zu Ver­meidungsreaktionen gegenüber Gemüse und Salat führt. (42)


Bierernst folgen Krankheitser­fin­der immer demselben simplen Strickmuster:


Schritt 1: Man nehme ein beliebiges Merkmal, das der Bevölke­rungsmehrheit merkwürdig vorkommt: irgendeine Macke, ein Unwohlsein, ein Befindlich­keitstief.

Schritt 2: Man lasse sich weitere Merkmale einfallen, die dazu intuitiv passen. Schritt 3: Man nenne deren gemeinsames Auftreten „Syn­drom“ und kreiere eine eindruckschindende Bezeichnung dafür, im Rückgriff auf Latein oder Altgriechisch. Schritt 4: Man mache plausibel, dass dieses „Syndrom“ weit verbreitet ist, die Lebensqualität von Betroffenen beeinträchtigt und die soziale Umwelt belastet.


Schritt 5: Man schildere analoge Defizite in der Tierwelt, zitiere irgendwelche antiken oder mit­tel­alterlichen Heilkundigen, die historische Präzedenzfälle do­kumentierten, spekuliere über möglicherweise mitbeteiligte Hirnregionen und Gense­quen­zen.


Schritt 6: Man verbreite Zuversicht, dass das Problem psychopharmakologisch in den Griff zu kriegen ist.


Schritt 7: Man bombardiere Fach­gremien und Medienre­dak­­tio­nen so lange mit Ein­ga­ben, bis bei ihnen der Groschen fällt.


Spaß beiseite: Wie hanebüchen persönliche Vorurteile und subjektive Wertungen dabei als pseudomedizinische „Fakten“ verschleiert werden, zeigt sich am Fall von Homo-, Bi- und Transsexualität. Im ICD-8 bzw. 10 tauchen sie noch als „psychische Krankheiten“ auf (43), was Frank­reichs Regierung veranlasste, diese Einstufung per Dekret als stigmatisierend und diskriminierend zu verbieten.


Dass sich die Grenze zwischen „gesund“ und „krank“ immer weiter an normales Verhalten heranschiebt und immer mehr davon einschließt (44), erfreut unterbeschäftigte Therapeuten über alle Maßen, hat mit seriöser Wissenschaft aber kaum mehr zu tun als Astrologie mit Astronomie. Eine „imperialistische Ausweitung des Reiches der Psychiatrie um irgendwelche mehr oder weniger banale Befindlichkeitsstörungen“ pran­gert der Psychiater und Theologe Manfred Lütz an. (45) „Mir fehlt da eine Beschrän­kung“, beklagt Andreas Heinz, Direktor der Berliner Charité. Gewöhnliche „Leidenszustän­de werden pathologisiert“. Es sei „falsch, alle möglichen Be­findlichkeitsstörungen mit ei­nem Krankheitsbegriff zu belegen.“ (46) Selbst dem Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN), Wolfgang Maier, ist bei diesem Trend mittlerweile mulmig zu­mute; ihn bestürzen „Kollegen, die sich nicht scheuen, einen großen Anteil von Gesunden zu Kranken zu machen.“ (47) Immer neue Diagnosen einzuführen und „die Grenzen psychischer Störungen auszuweiten“, mahnte kürzlich ihr Präsi­dent Wolfgang Maier, „kann zu einer Medikalisierung von Pro­blemen unserer Gesellschaft und aller psychischer Leidens­zu­stände führen.“ (48) Selbst der US-Psychiater Allen Frances von der Duke-Universität im US-Bundesstaat North Caroli­na, unter dessen Kommissions­vorsitz die Vorgängerversion DSM-4 komponiert worden war, reiht sich inzwischen in das Lager der Kritiker ein: Schierer „Zufall, allmähliche Ver­wurzelung, Präzedenz und Trägheit“ bestimme, ob eine psy­chische Störung Eingang ins DSM findet; kein Wunder, dass dabei „ein ziemliches Sammelsurium ohne innere Logik“ entstehe, in dem „die Störungen sich teilweise gegenseitig ausschließen“. Die stetige Erweiterung der psychiatrischen Grenzen, so warnt er, befeure eine Inflation an psychiatrischen Diagnosen, die zu einer Übertherapie der „eingebildeten Kranken“ führe. Als hei­ßester Nachfolgekandidat für Modekrankheiten, sobald ADHS, „Asperger-Syndrom“ und „bipolare Störung“ out sind, erscheint ihm DMDD (Disruptive Mood Dysregulation Disorder); seit diese „schwere Stimmungsregulationsstörung“ Aufnahme ins DSM-5 fand, werden Kinder zu „Patienten“, wenn sie gelegentlich zu Wut­ausbrüchen neigen, dann aber auch wieder traurig und zu­rück­gezogen wirken. (49)

- DSM und ICD stufen Men­schen kategorial ein: Entweder liegt die „Krankheit“ bei ihnen vor, oder sie tut es nicht. Damit wird Psychiatrie zu hochspekulativer Ontologie: Es werden dis­krete Entitäten mit natürli­chen Grenzen unterstellt. Aus­nahmslos alle Merkmale der menschlichen Psyche sind aber dimensional ausgeprägt, mehr oder minder stark.


Unverbindlicher, windiger, schwammiger geht es kaum. Jeder Hausarzt, der mit seinen Diagnosen derart im Ungefäh­ren herumtappt und über den Daumen peilt, könnte sich vor Patientenklagen kaum noch retten, seine Zulassung wäre er zügig los.


Vielen Psychiatern ist diese missliche Lage vollauf bewusst und hochpeinlich; auch sie sehen ihr Fach in einer tiefen Legitimitätskrise.


Im südlichsten Zipfel des US-Bundesstaats Maryland, keine elf Kilometer nordwestlich von Washington, liegt eine der wohl­habendsten und gebildetsten Gemeinden des Landes: die 60’000-Einwohner-Stadt Bethesda, ein bevorzugter Wohn­vorort der Bundeshaupt­stadt, die man auf der Interstate 495 staufrei in zwanzig Auto­mi­nuten erreicht. Hier hat das weltweit größte psychiatrische Forschungszentrum seinen Sitz: das National Institute of Mental Health (NIMH), vom US-Gesundheitsministerium, dem es direkt untersteht, mit einem Jahresetat von über anderthalb Milliarden Dollar ausgestattet. Sein Direktor, der Psychiater und Neurowissen­schaftler Thomas Insel, zündete im Jahre 2013 eine Bombe, de­ren Explosionswellen die Fach­welt bis heute erschüttern: Das DSM, führendes Diagnose­handbuch der Psychiatrie, kran­ke an einem „Mangel an Vali­dität“ – es diagnostiziere nicht, was es zu diagnostizieren vorgibt, nämlich „psychische Krank­­heiten“. Denn „anders als bei un­­seren Definitionen der Ischä­mi­schen Herzkrankheit, des Lym­phoms oder von Aids“, so stellte Insel klar, „beruhen die DSM-Diagnosen auf dem Kon­sens über Muster klinischer Sym­ptome, nicht auf irgend­wel­chen objektiven Labor-Da­ten. In der übrigen Medizin ent­spräche dies dem Kreieren diagnostischer Systeme auf Basis der Natur von Brustschmerzen oder der Qualität des Fiebers. In der Tat, symptom-basierte Dia­­gnosen, die einst in anderen Gebieten der Medizin üblich wa­­ren, wurden im letzten halben Jahrhundert weitgehend er­setzt, weil wir verstanden ha­ben, dass Symptome selten die beste Wahl der Behandlung an­zeigen. Patienten mit psychischen Störungen haben Besse­res verdient.“ (50) Kurz darauf ap­pellierte Insel in einem Inter­view an seine Fachkollegen: „Wir müssen damit aufhören, Be­griffe wie Depression und Schizophrenie zu verwenden, weil sie uns im Weg stehen.“ Im Einklang damit plädierte die altehrwürdige, 1901 gegründete British Psychological Society (BPS), die über 50'000 Psycho­logen vertritt, kürzlich dafür, sich vom DSM und dem psy­chia­trischen Teil der ICD schleunigst zu verabschieden. In einem Grundsatzpapier (51) vom Mai 2013 plädiert die BPS-“Abteilung für Klinische Psy­chologie” nachdrücklich dafür, endlich “öffentlich klarzustellen, dass die im DSM und ICD um­rissenen psychiatrischen Dia­­gnosesysteme begrifflich und empirisch signifikant begrenzt sind”, und benannte ein Dutzend Problemfelder, auf denen diese grundsätzlichen Schwächen besonders krass zu­tage treten. Kurzum: Die psy­chiatrische Diagnostik ist nicht valide. (52)


Umso sehnsüchtiger hoffen Psy­chiater auf Erkenntnisfort­schritte in „handfesten“ naturwissenschaftlichen Disziplinen, die ihnen die schmerzlichst vermissten „Goldstandards“ endlich an die Hand geben könnten: unabhängig feststellbare biologische Sachverhalte, die den mutmaßlichen „psychischen Erkrankungen“ zugrunde liegen und für deren Sym­ptome und jeweiligen „Syndro­me“ kausal verantwortlich sind – typische Sachverhalte, die eine bestimmte „Erkrankung“ eindeutig von anderen unterscheiden. „Das Innere eines Men­schen offenbart sich in seinem Äußeren“, versicherte Goethe; doch leider tut es das kaum je in diagnostisch verwertbarer Weise. Kör­persäfte, Schädelformen, Ge­sten und Gesichtsausdrücke zieht dafür kein Psychiater mehr ernsthaft in Erwägung; Anwendungen von Humoral­me­dizin, Phreno­logie oder Psy­chophysiogno­mik, um mentale Störungen zu identifizieren, belächeln sie längst als historische Kuriositä­ten. In den vergangenen Jahr­zehnten richteten sich ihre Hoff­nungen vielmehr vor allem auf zwei For­schungs­gebiete: Psychogenetik und Psychoneurologie. Doch beide haben ihre Erwartungen enttäuscht:


- Sind psychische Krankheiten erblich, lassen sie sich aus unserem Genom ablesen? Bislang konnte für keine einzige dieser „Störungen“ eine genetische Grundlage einwandfrei nach­ge­wiesen werden, geschweige denn eine eineindeutige Kor­relation. (53) Klar scheint lediglich, dass bestimmte DNA-Ab­schnitte an manchen „psychischen Störungen“ irgendwie mehr oder minder mitbeteiligt sind, doch niemals determinierend.


- Werden „psychische Krank­heiten“ vom Gehirn erzeugt? Dass alle mentalen Vorgänge, „normale“ wie absonderliche, mit elektrochemischen Prozes­sen im Geflecht unserer Hirn­nerven einhergehen, bestreitet ernstlich niemand mehr. Aber eignen sie sich dazu, bestimmte „psychische Störungen“ zuverlässig zu identifizieren? Psy­chiatrieforscher der Universitä­ten Basel und London zogen kürzlich ein ernüchterndes Fa­zit: „Mehr als drei Jahrzehnte nach Johnstones erster computergestützter axialer Tomogra­phie der Gehirne von Personen mit Schizophrenie konnten kei­ne konsistenten anatomischen oder funktionellen Verände­run­gen eindeutig mit irgendeiner psychischen Krankheit assoziiert werden, keine neurobiologischen Veränderungen konnten durch psychiatrisches ‚Neuroimaging’ endgültig be­stä­tigt werden.“ (54) Die spärli­chen Befunde sind hochgradig widersprüchlich. (55) Ähnlich er­nüch­ternd bilanziert den For­schungsstand der dänische Me­di­ziner Peter Goetzsche, Mitbe­gründer der angesehenen Coch­rane Foundation, eine der weltweit größten gemeinnützigen Einrichtungen zur Qualitätssi­cherung in der Medizin: Bisher, so Goetzsche, sei es noch für kei­ne einzige „psychische Krank­heit“ gelungen, sie auf ir­gendeinen biochemischen De­fekt zurückzuführen; es existiere kein einziger biologischer Test, dem wir entnehmen könnten, ob jemand eine solche „Krankheit“ aufweist oder nicht. (56)


Aus alledem folgt: Die psychiatrische Diagnostik, handlungsleitend für Psychotherapien und Psychopharma-Verord­nun­gen aller Art, steht definitiv nicht auf einem soliden naturwissenschaftlichen Fundament – auf keinen nachprüfbaren Tat­sachen; sie ergibt sich ausschließlich aus der subjektiven Einschätzung des jeweiligen Dia­gnostikers. „Psychische Krankheit“ ist ein Mythos – und Psychiatrie eine Pseudo-Wissenschaft, die durch akademisches Imponiergehabe wettzumachen versucht, was ihr an empirischer Fundierung ab­geht. Soweit Medizin wissenschaftlich betrieben werden soll, hat sie darin nichts zu su­chen. Dass allein die Komplexi­tät eines Lehrgebäudes, das Verwenden eines imposanten Fachjargons, das Vorhanden­sein von Ausbildungsein­rich­tungen, Berufsverbänden und eigenen Fachjournalen, der Ein­satz komplizierter Verfahren mit reichlich Mathematik - wie bei der spitzfindigen „Validie­rung“ von Psychotests - nicht im entferntesten für Wissen­schaftlichkeit bürgen, führen uns Astrologie und Grapholo­gie, Numerologie und Chart­tech­nik vor Augen.


Die hochtourige Etikettenma­nu­faktur namens Psychiatrie beglückt Arzneimittelhersteller dermaßen, dass Verschwö­rungs­theoretiker leichtes Spiel ha­ben. Denn mit jeder neu „ent­deckten“ Störung, mit je­der weiteren Ausdehnung der Anwendungskriterien von Dia­gnosen wird der Kreis derer vergrößert, die psychopharmakologisch versorgt gehören, weil sie krank sind. Wie glaubhaft ist daher ein Pharma-Ma­na­ger, der kürzlich in einer psychiatrischen Fachzeitschrift er­klärte: Seine Branche nehme von der Psychopharmaka­for­schung zunehmend Abstand, weil Diagnose-Manuale wie das DSM mangels Validität keinerlei Anhaltspunkte dafür liefern, zulassungsfähige Arznei­mittel mit eigenständigem, auf bestimmte psychische Krank­heiten zugeschnittenen Wirk­me­chanismus zu entwickeln? (57) Das Erscheinungsdatum der Zeitschrift fiel vermutlich auf ei­­­nen 1. April: Wozu Hochprä­zisionswaffen entwickeln, so­lan­­ge Schrotflinten reißenden Absatz finden? Kein einziges Psy­cho­parmakon ist „indikati­ons­spezifisch“, wie etwa In­su­lin bei Diabetes; sie alle wirken bei den unterschiedlichsten Krankheitsbildern stimmungsaufhellend und antriebssteigernd (Antidepressiva), angst- und spannungslösend (Tran­quil­lanzien), schlaffördernd (Hy­­pnotika), dämpfend auf Wahrnehmungs-, Vorstellungs- und Denkprozesse (Neurolep­tika), zumeist übrigens kaum bis gar nicht effektiver als Pla­cebos. (58) Trotzdem werden sie massenhaft verordnet, weil sie dem Behandlungsfaktor Zu­wen­dung zweierlei voraushaben: minimalsten Zeit- und Per­sonalaufwand sowie die weitaus leichtere Quantifizierbar­keit in kontrollierten Tests. Mit Pillen gegen alles, einfach und schnell, lassen sich therapeutische Defizite bequem kompensieren. Ärztliche Verschrei­bungs­willigkeit sowie den Nach­frage­druck von Patientenseite fördern aggressive Werbestra­te­gien: In medizinischen Fach­zeit­schriften werden Inserate mit vollmundigen, auf über­wie­gend fragwürdige Studien ge­stützten Wirkungsverspre­chen geschaltet, Ärzten geldwerte Vorteile angeboten, Jour­nalisten mit professionell aufbereiteten „Sachinformatio­nen“ versorgt, renommierte Wis­sen­schaftler (opinion leaders) auf die Gehaltsliste gesetzt, „Kompe­tenz­netzwerke“ (Anti-Stigma- und „Aufklärung“skampagnen) als Werbeträger aufgebaut, Internet-PR als private Selbsterfahrungsforen getarnt.


Der Aufwand rechnet sich: Gleich hinter Krebsmedika­men­­ten bilden Psychopharma­ka, geschluckt von 3,3 Millio­nen Bürgern, in Deutschland mittlerweile die verordnungsstärkste Arzneimittelgruppe; knapp zwei Milliarden Euro pro Jahr werden damit hierzulande umgesetzt. (59) „Diese Mit­tel werden mit ungeheurer Macht beworben“, konstatiert der Berliner Arzt und Pharma­ko­loge Bruno Müller-Oerling­hausen, emeritierter Professor an der Freien Universität Berlin und selbst langjähriges Mit­glied der Arz­neimittelkommis­si­on der deutschen Ärzteschaft. „Die Ärzte glauben das und verschreiben die Mittel.“ (60) Das Propaganda­prinzip, dem sie da­­bei auf den Leim gehen, bringt ein hochrangiger Öffentlichkeitsarbeiter in Diensten von US-Pharma­kon­­zernen auf den Punkt: „Problem ist gleich psychische Störung ist gleich Diagnose ist gleich Medika­ment“, erklärte er. „Die PR-Aufgabe besteht darin, das zu verschleiern und das Ganze in einen wissenschaftlich klingenden Kontext zu stellen. Dazu streut man al­les Mögliche über ‚die For­schung’ mit ein – und schon hat man eine Industrie geschaffen.“ (61)


Zu den grundsätzlichen Pro­blemen jeglicher Psychodia­gnostik gesellen sich jene, die sich aus der hinlänglich valide gesicherten Hypothese ergeben, dass auch Psychiaterhirne menschlicher Natur sind. Als solche sind sie, wie alle, anfällig für vielerlei kognitive und af­fek­tive Verzerrungen, Denk­feh­ler und Kurzschlüsse, gegen die niemand gefeit ist, selbst wenn er sie kennt und durchschaut. (Siehe hierzu S. 133 ff.: „Auch nur Menschen“.)


Was bringt einen Menschen überhaupt dazu, eine psychia­tri­sche Diagnose zu akzeptieren?


- Unkenntnis. Wer weiß schon von den heftigen Grundsatz­debatten über die Grenzen der Psychodiagnostik, die in Fach­kreisen hinter den Kulissen toben? Wer kennt und versteht die Argumente der Kritiker vollauf?


- Täuschung. Wer vorgibt, etwas leisten zu können, von dem er wissen muss, dass er dazu gar nicht imstande ist – und das ist jedem psychiatrisch Tätigen klar, der während seines Studi­ums nicht Dauerschlaf gehalten hat -, und dafür üppige Hono­ra­re nimmt, führt Hilfesu­chende an der Nase herum. Ein Thermometer, das keine Tem­peraturen anzeigen kann, bringen wir zum Händler zurück; ein Rückgaberecht für psychodiagnostische Dienstleistungen hingegen ist leider nicht vorgesehen.


- Kulturelle Einflüsse. Vom ausgehenden 19. Jahrhundert an griff in westlichen Industriege­sellschaften ein Trend zur Me­di­ka­li­sierung um sich, der nach und nach immer größere Berei­che des menschlichen Erlebens und Verhaltens pathologisiert und zu behandlungsbedürftigen Krankheiten erklärt hat. (Neumodische Diagnosen wie Spiel- und Internetsucht, An­pas­sungsstörung, Messie-, Münch­hausen- oder ADHS-Syndrom waren bis vor kurzem unbekannt.) Von Kindesbeinen an sind wir mit der Vorstellung vertraut gemacht worden, dass „psychische Störungen“ existieren und jeden treffen können.


- Medieneinflüsse. Die vermeintlichen Krankheitsbilder sind dem „psychisch Kranken“ aus Presse, Funk und Fernse­hen bekannt, unzählige Inter­net­seiten befassen sich damit.


- Druck von Mitmenschen. An­ge­hörige, Freunde, Bekannte, Kollegen drängen ihn dazu, weil mit ihm „etwas nicht stimmt“. Steht die Diagnose, nützt sie der sozialen Umge­bung: Die fachmännische Fest­stellung, er sei „krank“, entlastet sie vom Gefühl, für seinen Zustand mitverantwortlich zu sein.


- Expertengläubigkeit. Die Dia­gno­se stammt von jemandem, der doch von Berufs wegen und aus Erfahrung wissen muss, was ihm fehlt – geradeso wie ein Kfz-Mechaniker be­stimmt viel besser weiß als der Werkstattkunde, welcher De­fekt bei dessen Auto vorliegt und wie dieser zu beheben ist.


- Ärztliches Ansehen. Seit eh und je belegen Ärzte in der Rang­liste des Berufsprestiges unangefochten den Spit­zen­platz, keiner anderen Pro­fession wird stärker vertraut. Das verschafft ihnen Definiti­ons­macht; was immer sie feststellen, bekommt für Hilfesu­chende gewaltiges Gewicht. Auf andere Berufsgruppen, mit denen sie formell zusammenarbeiten – Psychotherapeuten eingeschlossen -, strahlt dieses Renommee aus.


- Neutralitätsglaube. Im Psy­chia­ter oder Psychotherapeu­ten wird eine neutrale Instanz gesehen, der eine unabhängige Beurteilung zugetraut wird, frei von vorgefassten Meinun­gen und Absichten – im Gegen­satz zu Personen aus dem eigenen Umfeld.


- Erklärungsnot. „Was ist los mit mir?“ Wem ein Phänomen Rät­sel aufgibt, der sucht nach Er­klä­rungen, erst recht, wenn er sich selbst zum Rätsel wird. Und er neigt dazu, solche zu akzeptieren, die ihm einleuchten – ohne dass er sie überprüft und unabhängig davon, ob sie bewiesen sind. Davon geht er gutgläubig aus, weil jemand, in dem er einen Experten sieht, nachdrücklich versichert, sie seien es.


- Stress. Psychisch Belastete stehen gewöhnlich unter einem enormen inneren Druck – und der kann ihre Kritikfähigkeit ein­schränken, wenn nicht ausschalten. Dann neigen sie dazu, eine „Diagnose“ hinzunehmen und sich zu eigen zu machen, ohne rational zu hinterfragen, ob sie berechtigt ist.


- Ich-Schwäche. Akute Lebens­kri­sen, erst recht langanhaltende Lebensprobleme beeinträchtigen das Selbstwertgefühl. Sie verleiten dazu, sich selber we­nig zuzutrauen, vermitteln ein Gefühl von Hilflosigkeit und Ohnmacht. Umso dankbarer be­gibt man sich in die Obhut von Ärzten und Therapeuten, die Verantwortung für einen übernehmen, und ordnet sich ihrer Autorität unter.


- Persönlicher Nutzen. In einer Lebenskrise kann es, subjektiv wie objektiv, von Vorteil sein, in die Rolle des „psychisch Kran­ken“ zu schlüpfen. Wer leidet, gilt als „entschuldigt“; er kann sich unangenehmer Verpflich­tungen entledigen, Zumutun­gen entgehen, lästige Aufgaben liegenlassen. Und er erfährt Zu­wendung: Wem leuchtet nicht ein, dass mit einem „Kranken“ besonders behutsam und rücksichtsvoll umgegangen werden muss, dass ihm Uner­freu­liches und Belastendes, Vorhal­tun­gen und Forderungen möglichst erspart werden sollten?


(Harald Wiesendanger)


Dieser Betrag enthält Auszüge aus dem Buch von Harald Wiesendanger: Auswege – Kranken anders helfen (2015), Kapitel „Seelenqual – ein Fall für Profis?“, S. 114-177. Dem Kulturphänomen des Psycho-Professionalismus widme ich die zehnbändige Schriftenreihe Psycholügen.


Anmerkungen

* Pseudonyme

1 Der Bundes-Gesundheitssurvey von 2004 beziffert die Jahresprävalenz psychischer Erkrankungen auf 31 Prozent, die Nachfolgestudie „DEGS“ auf 28 Prozent. Siehe F. Jacobi, F./M. Ko­se/H.-U. Wittchen: „Psychische Stö­run­gen in der deutschen Allgemeinbe­völ­kerung: Inanspruchnahme von Ge­sundheitslei­stun­gen und Ausfalltage“, Bundesge­sund­heitsblatt – Gesundheitsfor­schung – Gesundheitsschutz 47/2004, 47, S. 736-744; H.-U. Wittchen u.a.: „Was sind die häufigsten psychischen Stö­run­gen in Deutschland? Erste Ergeb­nisse der ‚Zu­satzuntersuchung psychische Gesund­heit’ (DEGS-MHS)“, Bun­desgesundheits­blatt 55/2012, S. 988-989.

2 Nach Ärzte Zeitung online, 6. Sep­tember 2011: „Jeder dritte Europäaer hat ernste psychische Probleme“, und den dort erwähnten Studien. Etwas zurückhaltender schließen Wissen­schaft­ler der Technischen Universität Dresden aus einer Metaanalyse von 27 Studien mit mehr als 150'000 Teilneh­mern, erleide mindestens jeder vierte EU-Bürger innerhalb eines Jahres eine „psychische Erkrankung“: European Neuropsycho­phar­ma­co­logy 15/2005, S. 357-376.

3 Nach der Dresdner Studie, s. Anm. 2.

4 William Copeland u.a.: „Cumulative Prevalence of Psychiatric Disorders by Young Adulthood: a prospective Co­hort Analysis from the Great Smoky Moun­tain Study“, Journal of the Ameri­can Aca­de­my of Child and Adolescent Psychiatry 50 (3) 2011, S. 252-261.)

5 Thomas Graf: „20 Jahre Kranken­hausstatistik“, Statistisches Bundesamt, Wirtschaft und Statistik, Februar 2012, S. 112-139, ib. S. 118.

6 Ärzteblatt PP 5, April 2006, S. 169: „Psychische und Verhaltensstörungen: Die Epidemie des 21. Jahrhunderts?“

7 Nach jameda.de: „Wie verbreitet sind psy­chische Erkrankungen in Deutsch­land?“, 19.6.2014

8 Nach dem Tabellenanhang zum Bericht Psychiatrie in Deutschland – Struk­turen, Leistungen, Perspektiven der Arbeitsgemeinschaft Psychiatrie der Obersten Bundesbehörden an die Gesundheitsministerkonferenz 2012, Stand: 2010/2011; Sabine Herpertz u.a.: Studie zur Versorgungsforschung: Spezifi­sche Rolle der Ärztlichen Psychotherapie. Vorläufiger Abschlussbericht, September 2011; Statistisches Bundesamt: Gesund­heit – Personal, Destatis Fachserie 12, Rei­he 7.3.1, Wiesbaden 2013.

9 Nach einer Antwort der Bundesregie­rung vom 30. April 2012 auf eine Anfrage mehrerer Abgeordneter der Fraktion Die Linke, veröffentlicht als Drucksache 17/9478 des Deutschen Bundestags.

10 Nach IMS Health, Midas, www.imshealth.com.

11 Nach Der Spiegel 20/2011, S. 118.

12 Siehe hierzu die Übersichtsarbeiten von J. S. Berman/N. C. Norton, N. C.: „Does Professional Training Make a Therapist More Effective?“, Psychologi­cal Bulletin 98/1985, S. 401-407, sowie von J. A. Hattie u.a.: „Comparative ef­fec­tiveness of professional and para­pro­fessional helpers“, Psychological Bul­le­tin 95/1984, S. 534-541; T. Gunzel­mann/G. Schiepek/H. Reinecker: „Lai­en­helfer in der psychosozialen Ver­sor­gung: Meta-Analyse zur differentiellen Effektivität von Laien und professionellen Hel­fern“, Gruppendyna­mik 18/1987, S. 361-384; die vielzitierten „Vanderbilt-Stu­dien“ des deutsch-amerikanischen Psychotherapiefor­schers Hans Her­mann Strupp (1921-2006) und seiner Mit­­arbeiter, s. H. Strupp/J. Binder: Psychotherapy in a New Key, A Guide to Time-Limited Dyna­mic Psycho­the­ra­py, New York 1984; ferner die Stu­dien von H. H. Strupp/S. W. Hadley: „Specific Ver­sus Nonspecific Factors in Psycho­the­rapy“, Archives of General Psy­chiatry 36/1979, S. 1125-1136; J. A. Durlak: „Com­parative effectiveness of paraprofessional and professional helpers“, Psychological Bulletin 86/1979, S. 80-92; D. M. Stein/M. J. Lambert: „On the Re­lationship Be­tween Therapist Experien­ce and Psy­chotherapy Outco­me“, Clinical Psycho­logy Review 4/1984, S. 127-142; H. N. Garb: „Clinical judgment, clinical training, and professional experience“, Psy­chological Bulletin 105/ 1989, S. 387–396; B. Smith/L. Sechrest: „The Treat­ment of Aptitude X Treat­ment Inter­actions“, Journal of Consul­ting and Clini­cal Psychology 59/1991, S. 233-244; A. Christensen/N. Jacobson: „Who (or what) can do psychotherapy: The status and challenge of nonprofessional therapies“, Psychological Science 5/1994, S. 8-14; H. K. Wexler: „The success of Therapeutic Communities for substance abusers in American prisons“, Jour­nal of Psychoactive Drugs 27 (3) 1995, S. 57-66.

13 s. Durlak, a.a.O. (Anm. 12) sowie Man­­fred Zielke: „Ausbildungsziel: Trai­ning und Supervision von Laien­therapeuten“, in V. Birtsch/D. Tscheu­lin (Hrsg.): Ausbildung in klinischer Psycho­logie und Psychotherapie, Wein­heim 1980, S. 165-181.

14 Prof. Peter Tyrer u.a., „Clinical and cost-effectiveness of cognitive behaviour therapy for health anxiety in me­di­cal patients: a multicentre randomised controlled trial“, The Lancet 383/ Januar 2014, No. 9913, S. 219–225.

15 R. Tausch/A.-M. Tausch: Gesprächs­psycho­therapie, Göttingen 1979.

16 Diese Zahlen nennt die Inter­netplattform www.selbsthilfe-wirkt.de.

17 M. Peböck/S. Doblhammer/J. Holzner: „Einblicke und Ausblicke – Selbsthilfe als Gegenstand wissen­schaft­licher Forschung“, in O. Meggen­eder (Hrsg.): Selbsthilfe im Wandel der Zeit. Neue Herausforderungen für die Selbst­hilfe im Gesundheitswesen, Frank­furt/Main 2011, S. 227-255; B. Borgetto: Selbsthilfe und Gesundheit. Analysen, For­schungsergebnisse und Perspekti­ven, Bern 2004.

18 S. Schiersmann/H.-U. Thiel: „Bera­tung als Förderung von Selbst­organi­sationsprozessen - eine Theorie jenseits von „Schulen“ und „Forma­ten“, in dies. (Hrsg.): Beratung als För­derung von Selbstorganisationsprozessen, Göttingen 2012, S. 14-78.

23 R. Ningel: Methoden der Klinischen Sozialarbeit, Stuttgart 2011, S. 211.

24 Gesammelte Zitate aus F. Engel/F. Nestmann/U. Sickendiek: „’Beratung’ – ein Selbstverständnis in Bewegung“, in dies. (Hrsg.): Das Handbuch der Bera­tung, Band 1: Disziplinen und Zugänge, Tübingen 2004, S. 37; R. Schwing/A. Fryszer: Systemisches Handwerk – Werk­zeug für die Praxis, Göttingen 2009, S. 12; H. Gutsche: „Abgrenzung und Ge­mein­­sam­keiten von Psychologischer Bera­tung vs. Psychotherapie“, Para­celsus Magazin 1/1999.

21 Jürgen Beushausen: „Sind Laien­helfer, Berater und Therapeuten gleich wirksam?“, online bei www.social­net.de/materialien/205.php, 12. De­zem­ber 2014, 52 S., dort S. 9-11.

22 Entsprechende Untersuchungen fasst die Erziehungswissenschaftlerin Hildegard Müller-Kohlenberg zusammen in ihrem Buch Laienkompetenz im psychosozialen Bereich. Beratung – Erzie­hung – Therapie, Opladen 1996; dies.: „… hilfreich und gut!’ Die Kompetenz der Laien im psychosozialen Bereich“, in: Diözesan-Caritasverband für das Erzbistum Köln (Hrsg.): Laienkompe­tenz. Wirksame Arbeit von Ehrenamtlichen in psychosozialen Handlungsfeldern, Köln 2000, S. 19-35.

23 M. L. Smith/G. V. Glass: „Meta-analysis of Psychotherapy Outcome Stu­dies“, American Psychologist 32/1977, S. 752 – 760, nach methodisch strengeren Kriterien bestätigt durch J. T. Land­man/R. M. Dawes: „Psychotherapy Outcome: Smith and Glass’ Conclusi­ons Stand Up to Scrutinity“, American Psychologist 37/1982: 504-516.

24 So regelt § 5 des Psychotherapeuten­ge­set­zes die Ausbildung zum Psycho­lo­­gischen Psychotherapeuten in Deutschland.

25 Man greife beispielsweise zu so voluminösen Wälzern wie dem zweibändigen Handbuch der Psychotherapie (1994) von Raymond Corsini oder dem dreibändigen Großen Lehrbuch der Psy­chotherapie (2004 ff.) von Hiller, Leibing u.a.

26 Mary Lee Smith/Gene V. Glass: „Meta-Analysis of Psychotherapy Out­come Studies“, American Psychologist Sept. 1977, S. 752-760.

27 Den Forschungsstand hierzu fassen zusammen: B. E. Wampold: The Great Psychotherapy Debate. Models, Methods, and Findings, Mahwah/London 2001; R. Dawes: House of Cards. Psychology and Psychotherapy Built on Myth, New York 1996; L. J. Groß: Ressourcenaktivierung als Wirkfaktor in der stationären und teilstationären psychosomatischen Behand­lung, Dissertation, Nürnberg 2013.

28 Lester Luborsky/Barton Singer/Lisa Luborsky: „Comparative studies of psychotherapies: Is it true that ‚everyone has won and all must have prizes’?“, Archives of General Psychiatry 32 (8) 1975, S. 995-1008; siehe auch J. Siev u.a.: (2009): “The Dodo Bird, Treatment Tech­nique, and Disseminating Empi­rically Supported Treatments”, The Be­ha­vior Therapist 32 (4) 2009. Zur seit Jahr­zehnten andauernden Kontroverse über das „Dodo Bird-Verdikt“ s. Bruce E. Wampold/Gregory W. Mondin u.a.: “A meta-analysis of outcome studies comparing bona fide psychotherapies: Empiricially, ‘all must have prizes’", Psychological Bulletin 122 (3) 1997, S. 203-215; Larry E. Beutler: “The dodo bird is extinct”, Clinical Psychology: Science & Practice 9 (1) 2002, S. 30-34.) Im Gegen­satz dazu scheinen ein paar wenige Studien darauf hinzudeuten, dass kognitive Verhaltenstherapie bei einzelnen Diagnosen tiefenpsychologischen An­sät­zen überlegen sind; diese ver­meint­lichen Unterschiede verschwinden aber fast gänzlich, wenn die theoretische Aus­richtung der Forscher („allegiance“) berücksichtigt wird. - Auch wurde bislang nur ein kleiner Teil der vielen hundert verschiedenen psy­chotherapeu­tischen Verfahren miteinander empirisch verglichen; es gibt aber keinen Grund zum Zweifel daran, dass deren Ergebnisse auf andere Me­tho­den übertragbar sind.

29 K. Grawe/F. Caspar/H. Ambühl: „Die Berner Therapievergleichsstudie: Wirkungsvergleich und differentielle In­dikation“, Zeitschrift für Klinische Psy­chologie 19/1990, S. 338-361; K. Grawe: „“Psychotherapieforschung zu Beginn der neunziger Jahre“, Psychologische Rundschau 43/1992, S. 132-162, dort ib. S. 148-150.

30 Lucy Johnstone in einem Zeitungs­interview, s. J. Doward: „Psychiatrists under fire in mental health battle“, The Guardian, 11. Mai 2013.

31 So der österreichische Mediziner Klaus Paulitsch in seinem Lehrbuch Grundlagen der ICD-10-Diagnostik, Wien 2009, Backcover-Text.

32 Die wichtigsten Aspekte haben drei amerikanische Professoren, Stuart Kirk, Tomi Gomory und David Cohen zu­sam­mengetragen in S. Kirk u.a.: Mad Science: Psychiatric Coercion, Diagnosis, and Drugs, Piscataway, N. J. 2013.

33 J. Strauss: ”Do psychiatric patients fit their diagnosis?”, Journal of Nervous and Mental Disease 167/1979, S. 105-113.

34 I. A. Cook: „Biomarkers in Psychia­try: Potentials, Pitfalls, and Pragma­tics“, Primary Psychiatry 15 (3) 2008, S. 54-59.

35 Ihr Erfinder, der US-Psychiater Michael Linden, beschreibt die PTED in “Die posttraumatische Verbitterungs­stö­rung (PTED)“, Der Nervenarzt 75/ 2004, S. 51-57.

36 Deutsche Gesellschaft für Psy­chiatrie, Psychotherapie und Nerven­heilkunde: „Das Dorian-Gray-Syn­drom“, Presse-Info Psychiatrie und Psy­cho­the­ra­pie, März 2002.

37 Klaus Wahle (Hrsg.): Deutschlands neue Männerkrankheit: „Käfig-Tiger-Syn­drom“, Münster 2003.

38 Nachzuschlagen bei Elmar Bräh­ler/Hans-Wolfgang Hoefert (Hrsg.): Lexikon der modernen Krankheiten, Berlin 2015.

39 Siehe z. B. Monika Gruhl: Resilienz – Die Strategie der Stehaufmännchen. Krisen meistern mit innerer Widerstandskraft, Freiburg i. Br. 2008. Der Spiegel-Bestsel­ler von Christina Berndt: Resilienz – Das Geheimnis der psychischen Widerstands­kraft, München 2013, ging nach zwei Jahren bereits in die 13. Auflage.

40 Ulrich Streeck: „Die generalisierte Heiterkeitsstörung“, Forum der Psycho­ana­lyse 16/2000, S. 116-122.

41 Hans Brügelmann: „’KUSS’ – fast jedes Kind ist betroffen!“, Theorie und Praxis der Sozialpädagogik 1/2004, S. 56.

42 Jordan Smoller: „The Etiology and Treatment of Childhood“, Journal of Polymorphous Perversity, undatiert. Weitere satirische Köstlichkeiten aus sei­ner fiktiven „Zeitschrift für Poly­morphe Perversität“ hat Smoller, US-Psychiater an der Harvard-Universität, zusammengestellt in Oral Sadism and the Vegetarian Personality: Reading from the Journal of Polymorphous Perversity (1987) sowie The Primal Whimper: More Readings from the Journal of Polymorphous Perversity (1989).

43 Für die Transsexualität nachzuschlagen unter F64.0 der ICD-10.

44 Jörg Blech: Die Krankheitserfinder – Wie wir zu Patienten gemacht werden, Frankfurt a. M. 2003.

45 In seinem Buch Irre! – Wir behandeln die Falschen: Unser Problem sind die Nor­malen, Gütersloh 2011.

46 Zit. nach Der Spiegel 4/2013: „Wahnsinn wird normal“.

47 Zit. in Zeit Online, 7. Mai 2013: „Heute noch normal, morgen schon verrückt.“

48 In einer Presseinformation der DGPPN vom 15. April 2013: „Psychi­sche Erkrankungen: sorgsame Diagno­stik notwendig“.

49 X A. Frances/B. Schaden: Normal - Gegen die Inflation psychiatrischer Diagnosen, Köln 2013.

50 Thomas Insel: „Director’s Blog: Transforming Diagnosis“, 29. April 2013, online abrufbar bei www.nimh. nih.gov/about/director/2013/transforming-diagnosis.shtml

51 “Position Statement on the Classi­fication of Behaviour and Experience in Relation to Functional Psychiatric Diagnoses - Time for a Paradigm Shift”, online abzurufen bei https://www. madinamerica.com/wp-content/uploads/2013/05/DCP-Position-State­ment-on-Classification.pdf

52 Siehe hierzu zusammenfassend J. Davies: Cracked. Why Psychiatry Is Doing More Harm Than Good, London 2013; S. A. Kirk u.a.: Mad Science: Psychiatric Co­er­ci­on, Diagnosis, and Drugs, Piscataway, N. J. 2013.

53 Jay Joseph: „The ‚Missing Heritabili­ty’ of Psychiatric Disorders: Elusive Ge­nes or Non-Existent Genes?”, Applied Developmental Science 16/2012, S. 65-83; ders.: "’Schizophrenia’ and heredity. Why the emperor still has no genes”, in: J. Read/J. Dillon, J. (Hrsg.): Models of Mad­ness: Psychological, Social, and Biolo­gi­cal Approaches to Madness, London 2013.

54 S. Borgwardt u.a.: „Why are psychiatric imaging methods clinically unreliable? Conclusions and practical guidelines for authors, editors and reviewers”, Behavioral and Brain Functions 8/2012, S. 46.

55 W. R. Uttal: Mind and Brain. A Critical Appraisal of Cognitive Neuroscience, Cam­brid­ge 2011.

56 P. Goetzsche: Deadly Medicines and Organised Crime: How Big Pharma has Corrupted Healthcare, Kapitel “The chemical imbalance hoax", London 2013.

57 H. C. Fibiger: “Psychiatry, The Phar­ma­ceutical Industry, and The Road to Better Therapeutics”, Schizophrenia Bulletin 38 (4) 2012, S. 649–650.

58 Dass die sechs meistverkauften Anti­depressiva eine Depression nicht signifikant stärker bessern als Placebos, zeigt eine Metaanalyse von 38 Studien mit zu­sammengerechnet rund 7000 Patien­ten. Kirsch u.a.: „The Emperors´ New Drugs“, Prevention & Treatment 5/2002.

59 Nach Gerd Laux/Otto Dietmaier: Psychopharmaka, 8. Aufl. Heidelberg 2009, S. 5 f.; Techniker Krankenkasse, unikosmos.de.

60 Zit. in Yahoo Nachrichten, 20. März 2013: „Milliardengeschäft Antidepres­siva: Glückspillen mit tödlichen Neben­wirkungen“.

61 Zitiert von dem investigativen Journalisten Jon Rappoport, dem der PR-Profi unter dem Decknamen „Ellis Medavoy“ 2006 ein Interview gab; http://nomorefakenews.com.

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