Geistheiler zähmen Krebszellen – tatsächlich?

Ein Heiler streckt die Hände über eine Schale voller Krebszellen aus, hält dabei 15 bis 67 Zentimeter Abstand. Kein Medikament, keine Strahlung, keine Berührung. Wochen später sind die Zellen träger, die Tumore in den Mäusen kleiner, Metastasen in der Leber seltener. Klingt nach Jahrmarkt. Steht aber im angesehenen Fachblatt Cancer Medicine – bestätigt von Wissenschaftlern eines renommierten Krebsforschungszentrums, abgesegnet durch Peer Review.

Schauplatz der verblüffenden Versuchsreihe: nicht irgendein Wellness-Institut, sondern das MD Anderson Cancer Center in Houston, Texas – eine der ersten Adressen der Onkologie weltweit. Dort setzten Forscher um Peiying Yang und Lorenzo Cohen Zellen des duktalen Pankreasadenokarzinoms – der aggressivsten Form von Bauchspeicheldrüsenkrebs, die vier von fünf Erkrankten binnen fünf Jahren tötet – der sogenannten „Biofeldtherapie“ aus, einer Form des Handauflegens.
Drei verschiedene Heiler folgten einem standardisierten Ablauf: Sie strecken ihre Hände über Schalen voller Krebszellen aus, hielten dabei 15 bis 67 Zentimeter Abstand. Die Forscher verglichen behandelte Zellen mit zwei Kontrollgruppen: einer echten Kontrolle im Brutschrank und einer Schein-Kontrolle – Zellen, über denen jemand nur so tat, als heile er. Ein Kunstgriff, der einen simplen Wärme- oder Placeboeffekt ausschließen soll.
Dann wurde gemessen. Nicht geglaubt – gemessen.
Der Therapeut berührt nichts – die Zellen reagieren trotzdem
Die behandelten Krebszellen teilten sich langsamer. Ihre Mitochondrien – die Kraftwerke der Zelle – schwollen an.
Die Zellteilung stockte in einer frühen Phase. Ein Gen namens FOXM1, das wie ein Gaspedal für Krebswachstum wirkt, wurde heruntergefahren. Die Zellen wurden zahmer: weniger fähig, ins Nachbargewebe einzudringen. Die elektrische Spannung an der Zellhülle – ja, jede Zelle hält zwischen innen und außen eine winzige Spannungsdifferenz aufrecht – brach um 36,7 Prozent ein.
Ob dies Ursache, Begleiterscheinung oder schlicht Vorbote des Zelltods ist, verrät die Studie nicht.
In lebenden Mäusen schrumpften die Tumore, die Lebermetastasen wurden weniger.
All dies trat statistisch signifikant auf – die Unterschiede lassen sich also kaum als Zufall abtun.
Zellen wissen nichts von Esoterik. Sie sind weder gutgläubig noch skeptisch – sie tun, was sie tun. Die ehrliche Antwort auf die Frage, was da geschah, lautet vorerst: Wir wissen es nicht.
Wo der Haken sitzt
Und nun die kalte Dusche.
Hier fand Laborforschung an Zellen und Mäusen statt – kein einziger Mensch wurde behandelt. Der Weg von der Petrischale zur Klinik führt über einen Friedhof gescheiterter Hoffnungen; die meisten „vielversprechenden" Mausbefunde verpuffen am Menschen.
Hinzu kommt: Es fehlt ein Mechanismus, der Medizinern einleuchtet. Niemand kann sagen, welche physikalische Kraft hier durch die Handflächen fließen soll. Und wer misst, was er zu finden hofft, muss besonders streng mit sich sein – Reproduktion durch fremde, unbeteiligte Labore ist bei solchen Grenzbefunden Pflicht, nicht Kür.
Rasender Bilderkreisel: die „Bengston-Methode"
Die hierbei eingesetzte Bengston Energy Healing Method ist ein Verfahren der Energieheilung – eine Form des „Handauflegens", bei der ein Behandler ohne Medikamente, Instrumente oder Berührung im medizinischen Sinne einen Heilungsprozess anzuregen versucht. (1) Entwickelt hat sie der US-Amerikaner William Bengston: kein Mediziner, sondern ein Soziologieprofessor am St. Joseph's College in New York, der an der Fordham University mit Schwerpunkt Statistik und Forschungsmethoden promovierte. Rund 40 Jahre lehrte er dort. Von 2010 bis 2022 war Bengston Präsident der Society for Scientific Exploration, einer Vereinigung, die wissenschaftliche Anomalien untersucht. Im Jahre 2010 veröffentlichte er das populärwissenschaftlich-autobiografische Buch The Energy Cure. Zeitlebens war Bengston eine schillernde Grenzfigur: ein ausgebildeter Wissenschaftler mit ernsthaftem Interesse an kontrollierten Experimenten – zugleich der Urheber einer Heilmethode, deren behaupteter Übertragungsweg bis heute rätselhaft und deren klinische Wirksamkeit unbewiesen ist. Bengston starb am 16. April 2025 im Alter von 75 Jahren.
Das Herzstück der Bengston-Methode heißt Image Cycling, „Bilderkreisen“. Dabei erstellt der Behandler vorab eine Liste von rund 20 persönlichen Wunschzielen – etwa zu Gesundheit, Beruf oder Lebensträumen –, übersetzt jedes in ein inneres Bild und lässt diese Bilder dann wie eine mentale Filmschleife immer schneller im Kopf rotieren. Die Idee: Nicht Konzentration auf den Kranken heilt, sondern dieser rasende Bilderstrom soll einen „Energiefluss" durch die Hände auslösen.
Bengston nennt seine Technik „belief-free". Der Glaube an die Wirkung ist also angeblich nicht Voraussetzung. Auch Skeptiker können als Heiler auftreten.
Von Anfang an suchte Bengston die Bühne des Labors statt der Esoterik-Praxis. Im Laufe von über 35 Jahren erforscht er die Wirksamkeit in zehn kontrollierten Tierversuchen an sieben Universitätslaboren; dabei will er die ersten „vollständigen Heilungen" von transplantiertem Brustkrebs und chemisch erzeugten Weichteiltumoren bei Labormäusen erzielt haben. Geheilte Mäuse seien danach dauerhaft immun gewesen.
Das alles ist wissenschaftlich hochumstritten. Ein physikalischer Mechanismus, über den solche „Biofelder" wirken sollten, ist nicht bekannt; die meisten Publikationen hierüber erschienen in Nischenjournalen der Parawissenschaft. Um so bemerkenswerter ist es, dass ein renommiertes Krebszentrum das Prinzip nun ins Labor geholt hat. Dass Bengstons Befund in einem seriösen Blatt landet - das ist die eigentliche Nachricht.
Anmerkung (1) Näheres in H.Wiesendanger: Das Große Buch vom Geistigen Heilen - Möglichkeiten, Grenzen, Gefahren.




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