• Dr. Harald Wiesendanger

Die Blitzheilung - Was eine Schwerstdepressive bei Psycho-Profis erlebte

Wenn einer jungen Frau eine „Depression höchsten Schweregrades“ diagnostiziert wird, ist das ein glasklarer Fall für die moderne Psychiatrie, nicht wahr? Ihr eigener Vater erlebte fassungslos mit, was dabei herauskam.

Anfang Januar 2015 wandte sich der 60jährige Martin* an mich, in heller Aufregung: Soeben sei bei seiner 18jährigen ­Tochter Nora*, nach einem miss­glückten Selbstmordversuch kurz vor Silvester, in einer psychiatrischen Klinik eine „De­pression höchsten Schwe­regrades“ diagnostiziert ­worden. Eine ambulante Behand­lung wurde ihr strikt verweigert, das sei viel zu riskant. Stattdessen wurde ihr dringend geraten, sich mindestens einen Monat lang stationär therapieren zu lassen.


„Ich bezweifle so­wohl die Diagnose als auch die Notwendigkeit, sie in die Psychiatrie einzuweisen“, sagte der Vater. „Viel lieber hätte ich sie für ein ‘Auswege’-Camp angemeldet. Aber Nora besteht darauf: Nur in der Klinik könne ihr geholfen werden, meint sie. Was soll ich tun? Könnten Sie nicht mal mit ihr reden?“


Weil der Mann nicht allzu weit von mir entfernt wohnte, bot ich ihm ein sofortiges Treffen an. Am darauf­folgenden Tag schilderte er mir ­weitgehend ge­fasst und doch ­zwischendurch sichtlich bewegt, mit Trä­nen in den Augen, bebender Stimme und leicht zitternden Hän­den, ein bezeichnendes Geschehen, an dem sich wie un­ter einer Lupe studieren lässt, wie die Psychiatrie eine akute Lebenskrise, die offenkundig bedrückende äußere Umstände auslösten, in eine be­handlungsbedürftige „Krank­heit“ umdeutet und entsprechend mit ihr verfährt, mit gutgläubigem Einverständnis der Betroffenen.


„Was haben Sie denn gegen die moderne Psychiatrie?“, wollte ich zunächst von Martin wissen.


„Weil ich ihre Segnungen aus Erfahrung kenne“, erklärte er. Schon im Sommer 2010 hatte seine Tochter zwei Monate in der geschlossenen Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie einer Universitätsklinik zugebracht. Ihre Einweisung betrieben hatte die Mut­ter, eine Grundschullehrerin, die seit Ende der neunziger Jahre an schweren Depressionen litt, mit heftigen Panikattacken und massiven körperlichen Begleiterscheinungen, die sie immer wieder arbeitsunfähig machten - was sie Nora verheimlichte.


Bei Nora liege eine ausgeprägte „Anpassungsstörung“ vor, wie Klinikärzte im Nu herausfanden, mittels mehrerer psychodiagnostischer Testverfahren, bei denen Noras Werte „im klinisch hoch auffälligen Bereich“ lagen. Woran vermochte sich das Mädchen nicht „anzupassen“? Vor kurzem war, wie aus heiterem Himmel, die Scheidung der Eltern über sie hereingebrochen. Noch weitaus schlimmer als der Um­stand, dass die geliebte Mama nach zwanzig Beziehungsjah­ren den geliebten Papa verließ, war für sie, dass Mama sie und ihre zwei Jahre ältere Schwester Sandra* fortan ­unablässig ge­gen Papa aufwiegelte. Dazu griff sie zu ab­strusen Lügen: ‘Immer hat er mich furchtbar unterdrückt, ­manipuliert und kontrolliert’, ‚‘Kinder gehören gesetzlich zur Mutter’, ‚‘Er hat dich, als du noch klein warst, in der Bade­wan­ne ganz oft sexuell ­miss­braucht, in deinen Zeichnun­gen haben Ärzte und Psycholo­gen eindeutige Hinweise darauf entdeckt’, ‚‘Er ist ein Betrü­ger und hat Mil­lionen Schwarz­geld in der Schweiz’, ‚‘Er hatte heimlich Geliebte, mit denen er mich betrogen hat’. Permanent setzte sie die Kinder unter Erwartungsdruck, sich mit ihr gegen den bösen Papa zu verbünden und ausschließlich bei ihr zu wohnen. Sandra ging der mütter­li­chen Propaganda auf den Leim; für diesen Papa, mit dem sie zuvor 14 Jahre lang ein ebenso inniges, liebevolles Ver­hältnis verband wie Nora, hatte sie fortan nur noch Verachtung und Hass übrig. Nora hingegen hing weiterhin an mir. Tapfer setzte sie sich gegen die Entfremdungsbemü­hun­gen zur Wehr. Dafür nahm sie in Kauf, von ihrer Mama un­entwegt mit Vorwürfen und Lie­besentzug bestraft zu werden. Deren düstere Prophe­zeiung, in meiner Obhut werde sie ‘zugrundegehen’, ignorierte Nora.“


Dieses verhängnisvolle Spannungsfeld fiel den Klinikpsychiatern durchaus auf. Ihr Befundbericht erwähnt ein „angespanntes, disharmonisches Familiensystem. Die Patientin erscheint durch die schwierige Trennung der Eltern sehr belastet. Sie beginnt zu weinen, wenn das Gespräch darauf kommt.“ Immer wieder „the­ma­tisiert sie das angespannte Verhältnis zwischen und zu ihren Eltern, worunter sie stark leidet“. Doch anstatt dieses Verhältnis anzugehen, um die äußeren Ursachen von Noras desolatem Zustand zu beseitigen – was erfordert hätte, die zerstrittenen Eltern „systemisch“ in die Therapie einzubeziehen -, ging es während der gesamten Klinikzeit vorrangig um Noras Unvermögen, damit klar­zukommen. Kein Wunder, dass die­ses Manko trotz siebenwöchiger Internierung fortbestand, nicht bloß unvermindert, sondern eher noch verschärft.


Dazu trugen geradezu surreale Schreckenserlebnisse bei, die sich tief in Noras Gedächtnis einbrannten: etwa demütigende Bloßstellungen wegen einer angeblichen „Sexualisierung“. Einziger diagnostischer Anhaltspunkt hierfür: Das Mädchen, eine ebenso leidenschaftliche wie hochbegabte Zeichnerin, bildete am liebsten nackte menschliche Körper ab, deren Anatomie sie faszinierte - Körper, die nicht etwa obszön posierten oder gar sexuell aktiv waren, sondern schlicht unbekleidet. (Fünf Jahre später begann das Mädchen eine Ausbildung zur Designerin.) Schon mit Zwölf hatte Nora, dank einer Sondererlaubnis der Schulleitung, einen VHS-Kurs im Aktzeichnen besuchen dürfen, an dem ansonsten nur ältere Erwachsene teilnahmen. Um sich die quälend lange Wartezeit zwischen den spärlichen Klinikterminen zu vertreiben, malte sie auch auf ihrem Zimmer in beinahe jeder freien Minute. Als das auffiel, veranstaltete der Chefarzt bei der nächsten Visite, umgeben von Assistenzärzten, Psychologen und Pflegern, ein regelrechtes Tribunal: Noras „unanständige“ Bilder wurden an die Wand gepinnt und minutiös auf pathologische Sexualmotive hin analysiert - wieviele nackte Hintern, wieviele entblößte Brüste? -, während das Mädchen vor Scham schier im Erdboden versank. („Ich kam mir vor wie eine Schweinkram produzierende Triebtäterin.“) Im Anschluss daran erhielt sie ein striktes Malverbot; Zeichnungen, Block und Stifte wurden ihr weggenommen.


Viele weitere traumatische Erinnerungen sind ihr bis heute ebenso lebhaft präsent. Einem netten Pfleger – dem „einzigen Menschen auf der ganzen Station, der wirklich auf mich einging“ – hatte sie beiläufig anvertraut, dass sie gerne singt. Ein paar Tage später tauchte eine Frau in ihrem Zimmer auf, führte sie in den Keller, wies ihr einen fensterlosen Raum zu und meinte dann: „Ich hab‘ gehört, dass du gerne singst. Das kannst du jetzt gerne eine halbe Stunde lang machen.“ Dann ließ sie Nora stehen, sperrte die Tür zu und hielt davor auf einem Hocker genau dreißig Minuten lang Wache. Drinnen wimmerte unterdessen das verängstigte Kind.


Im Nebenzimmer war ein zwölfjähriges Mädchen untergebracht, das mehrmals täglich von „hypochondrischen Asthmaanfällen“ gepeinigt wurde. „Als ich sie wieder einmal grauenvoll husten hörte, lief ich vor ihr Zimmer, und durch die halb geöffnete Tür sah ich sie zusammengekauert auf ihrem Bett liegen, die Hände auf ihren Brustkorb gepresst. In Todesangst rang sie keuchend nach Luft. Irgendwann tauchte kurz ein Pfleger auf, baute sich im Türrahmen auf, die Hände in den Hüften, und brüllte sie an: „Nun hab´ dich mal nicht so, Lisa! Man kann´s auch übertreiben!“ Dann verzog er sich wieder.


Kurz darauf erlebte Nora mit, wie eine Mitgefangene auszubüchsen versuchte: ein dort seit Monaten interniertes Mädchen, das sich nicht bloß oberflächlich „ritzte“ - ihre Arme und Beine richtete sie mit Messern und Scheren derart zu, dass sie mit tiefen, blutroten Schnittwunden übersät waren, „manche zentimetertief bis auf die Knochen; an manchen Stellen fehlte die Haut großflächig“. Therapieerfolg: null - die Selbstverstümmelungen hatten eher noch zugenommen. Der verzweifelte Fluchtversuch scheiterte nach wenigen Metern: „Zwei Pfleger packten sie brutal, schrien sie an, zerrten sie zurück in ihr Zimmer, fesselten sie ans Bett, ließen sie dort einfach liegen.“ Niemand beruhigte, niemand tröstete, niemand kümmerte sich um das Kind.


Hatten die Kinder auf der Station Hunger, weil die Mahlzeiten spärlich portioniert waren, so mussten sie sich mit lauwarmem Tee begnügen.


Kurzum: moderne Psychiatrie vom Feinsten, „leitlinienorientiert und evidenzbasiert“, wie die Klinik auf ihrer Homepage versichert.


Am Ende verließ Nora die Psychiatrie eher noch belasteter, als sie eingeliefert worden war, weshalb der Kli­nikbericht abschließend dringend eine „mindestens teilstationäre“ Weiterbehandlung empfahl, „um eine weitere Chronifizierung der Symptomatik zu verhindern“. Die umgehende Verlegung in eine weitere Klinik, dies­mal für mindestens ein Jahr, versuchte die Mutter, unterstützt vom Ju­gendamt, daraufhin juristisch durchzusetzen, denn Martin stell­te sich quer, während die demoralisierte Nora zunächst hin- und hergerissen war. Weil eine wei­se Familienrichterin dafür war, erst noch eine Weile abzuwarten, holte er Nora zu sich, suchte eine neue Schule für sie, brachte sie jede Woche zu einer Bekannten, die in langen, einfühlsamen Gesprächen ihr erschüttertes Selbstbewusstsein stärkte. Ein halbes Jahr später war das Kind klinisch völlig symptomfrei. „Nora zog zu mir, der Kontakt zu Mutter und Schwester riss weitgehend ab, in einer neuen Schule war sie rasch integriert, sie fand Freun­de und ­Bekannte, ihr Verhältnis zu mir war zutiefst vertrauensvoll. So blühte sie von Woche zu Woche auf. Ab Anfang 2011 hatte sie sich restlos gefangen, sie war psychisch vollauf stabil.“


„Bis Mitte 2014“, so berichtete mir Martin weiter, „war aus Nora eine fröh­liche, selbstbewusste, un­be­schwerte junge Frau geworden, mit einem großen Bekanntenkreis, mehreren leidenschaftlich ­ge­pflegten Talenten – sie kann phan­tastisch zeichnen und foto­grafieren – und voller Stolz auf ihre erste ­eigene Wohnung in einer aufregenden Groß­stadt, die ich ein Jahr zuvor für sie angemietet hatte. Von dort aus erreichte sie eine Akademie für ­Modedesign, in der sie ihre Lieblingshobbies zum Traum­be­ruf ­machen wollte. Zuvor bestand sie eine ­Aufnahmeprüfung eben­so mühelos, wie sie zuvor die Real­schule ab­geschlossen hatte. In der Aka­de­mie begegnete sie nach wenigen Wochen ihrer ‘großen ­Lie­be’, einem Klassenkameraden. Mit ihm verbrachte sie fortan, auf Wolke Sie­ben schwebend, beinahe je­de freie ­Minute. Ihre gelegent­lichen Stim­mungs­tiefs waren nicht tiefer und länger als bei mir oder sonstwem, der als psychisch vollauf gesund gilt.“


Was änderte sich denn daran vom Sommer 2014 an? „Bei unseren regelmäßigen Treffen“, so ­erzählte mir der Vater, „wirkte Nora auf mich immer öfter niedergeschlagen, grüblerisch, antriebslos, ge­reizt. Sie klagte mir, dass sie sich an manchen Tagen ‘über nichts mehr richtig freuen’ und oft erst weit nach Mitternacht einschlafen könne. Ab Herbst hat­te sie dreimal einen ‘Zusam­men­bruch’, wie sie es nannte: Ihr wurde schwindlig, dann ver­lor sie kurz­zeitig das Be­wusstsein. Seit Ende 2014 be­rich­tete sie von ‘Essstörungen’ – ‚‘ich habe fünf Kilo zugenommen’ – und einem Gefühl, ‚‘nichts wert’ und ‚schuld’ zu sein.“ Was steckte dahinter?


„Da kamen kurz hintereinander ­mehrere Belastungsfakto­ren zu­sammen“, erläuterte mir der Vater. „Zum einen ernüchterte sie ihre Ausbildung. Da­von versprochen hatte sie sich, vor allem noch besser zeichnen und fotografieren zu lernen. ‘Dem Lehrplan nach’, klagte sie mir, ‚‘ist Medientechnik nur ein Fach neben vielen anderen. In Wahrheit aber ist beim Mode­de­sign alles Medientechnik! Selbst das sogenannte „Freie Zeichnen“ bedeutet nicht mehr ­Gestalten von Hand auf Papier, ­sondern elektronisches ‘Malen’ mit einem Ein­gabestift am Gra­fik­tablet oder mit der Maus am Computer, und dazu muss man komplizierte Software perfekt beherrschen’.“ Das hatte sich No­ra ganz anders vor­gestellt. Und so verlor sie jegliche Lern­motiva­tion, schwänzte, erledigte Haus­aufgaben nicht mehr, be­rei­tete sich nicht auf Tests vor. Entsprechend mies waren ihre Noten, das jüngste Halb­jahres­zeugnis fiel katastrophal aus. „Im Herbst“, so erinnerte sich ihr Vater, „äußerte sie mir ge­gen­­über erstmals, dass sie die Ausbildung ­abbrechen möchte. Doch ich bedrängte sie, weiterzumachen, weil ich fand, so schnell dürfe man nicht die Flinte ins Korn werfen, wenn etwas unangenehm und mühsam wird. Erst gestern gab ich ihr grünes Licht, nach einer Alternative zu ­suchen.“ Ab Au­gust 2014 – jenem Monat, von dem an dem Vater eine deutliche Veränderung in Noras ­psychischer Verfassung auffiel - rückte das neue Akademie-Schuljahr näher, und damit wuchs das Grauen vor tägli­chen neuen Erfahrungen der ei­genen Unzulänglichkeit. („All meine Mitschüler kommen mit ­Computern klar – bloß ich nicht.“) Damit einher ging die Angst, ihren Dad zu enttäuschen, gerade vor ihm, ­ihrem groß­zügigen Sponsor, als Ver­sa­gerin dazustehen. Das nährte Schuldgefühle.


Beides zusammengenommen vermit­tel­­te Nora das Gefühl, ausweglos in der Falle zu setzen: Setzt sie die Ausbildung fort, dann trotz allergrößten Wider­willens und ohne Zukunftsper­spektive. Bricht sie ab, steht sie vor ihrem Vater und sich selbst da als je­mand, der lustlos aufgibt, et­was nicht zu Ende bringt. Das weckte Existenz­äng­ste: Was sollte ohne Ausbil­dung, ohne Job bloß aus ihr werden, falls ihr Vater enttäuscht seine Un­terstützung ein­stellt, wenn sie die Schule ver­lässt? Wovon sollte sie leben? Würde sie ihre Woh­nung verlieren?


Hinzu kam, dass Nora die Tren­nung von ihrer „großen Liebe“ verkraften musste. Ihr angehimmelter Märchenprinz hatte die Beziehung brutalstmöglich beendet, wobei er No­ra zu verstehen gab, sie sei zu blöd für ihn. Nachträglich kam heraus, dass er sie schon seit Monaten mit einer Klassenkameradin betrog. Über diese De­mü­­ti­­gung kam sie nicht hinweg, weiterhin war sie ­zutiefst verletzt und voller Hass. In ihrer Klasse fühlte sich Nora außerdem mehr und mehr ausgegrenzt – prompt lebten traumatische Erinnerungen an frühere Schulmobbings wieder auf. „Damit nicht genug“, fuhr ihr Va­ter fort: „Just in jenem ­Au­gust, in dem Nora zunehmend aus dem Gleichgewicht geriet, war es zu einer Aussprache und Versöhnung mit ihrer Mut­ter und Schwester gekommen.


Die Wiederannäherung an beide befriedigte einerseits ihre Sehnsucht nach deren Liebe – andererseits geriet sie wieder in den Bannkreis zweier Perso­nen, von denen sie sich nicht re­spektiert fühlte und die ihrem Selbstwertgefühl nicht gut ta­ten. Denn weiterhin ließ die Mutter kaum ein gutes Haar an ihr. Weiterhin hielt sie ihr vor, zu ‘diesem Schwein zu halten, den du Vater nennst’. Weiterhin wartete Nora vergeb­lich auf eine ­Entschuldigung. Wei­terhin, wie schon früher, gab die große ­Schwester ihr bei jeder Gelegenheit zu ­verstehen, wieviel intelligenter, ­grandioser, erfolgreicher sie doch ist“.


Hinzu kamen wie­derholte ­Misserfolgserlebnisse auch außerhalb der Akademie, bei der vergeblichen Suche nach einem Nebenjob, der Nora auch deshalb so wichtig war, weil sie ihren Vater finanziell ent­lasten wollte. Nur zweimal war sie angenommen wor­den: Als Bedienung in einem Bistro musste sie gehen, nachdem dieser im Frühjahr dichtmachte; als Aushilfskraft in einer Im­biss­bude nahm sie nach zwei Tagen reißaus, weil der Inhaber sie sexuell belästigte. Minde­stens ein Dutzend weiterer Vor­stellungs­- ­gespräche, oft mit stun­denlangem ­unbezahlten ‘Pro­be­arbeiten’, endeten in Absa­gen, zumeist mit faden­scheinigen Begründungen.“ All dies zu­sammengenommen hatte offenbar ausgereicht, um Noras Selbst­bewusstsein schwer zu erschüttern. Sie fühlte sich minderwertig.


Drei Tage vor Silvester 2014 spitzte sich Noras Krise dramatisch zu: „Überwältigt von ih­rem multiplen Elend, versuchte sie sich umzubringen - mit ‚‘Nikotintee’. Dazu löste sie den Tabak aus zwei Zigarettenschachteln heraus, kochte ihn in Wasser auf und trank den Sud. Als heftige Ver­giftungs­symptome einsetzten und sie sich ­unentwegt übergeben musste, bekam sie es mit der Angst zu tun. Sie rief einen Notarzt, der sie für eine Nacht ins Krankenhaus brachte. Dar­aufhin beschloss sie, professionelle Hilfe zu suchen. Bei der ­Ambulanz einer psychiatrischen ­Klinik besorgte sie sich einen Termin. Innerhalb von knapp zwei Stunden wurde dort von einer klinischen Psychologin mittels ­Standardinterview eine ‚‘schwerste depressive Episode’ festgestellt – und von einer hinzugezogenen Psychia­­t­e­rin nach nur zehn­minütigem Gespräch bestätigt. Das könne un­mög­lich bloß ambulant behandelt werden, ‘weil du dann vorsichtshalber sehr starke Psychopharmaka nehmen müsstest’, wie meine Tochter zu hören bekam. ‘Dringendst’ wurde ihr zu einer‚‘mindestens einmonatigen’ stationären Un­terbringung geraten. Einge­schüchtert und verängstigt willigte Nora sofort ein.“


Demnach war die Entschei­dung bereits gefallen. Welchen Sinn machte es da noch, dass ich Martins Wunsch nachkam und mit seiner Tochter sprach? Nach drei Stunden verabschiedete ich mich von ihm, bat ihn aber, mich auf dem laufenden zu ­halten.


Eine Woche später saßen wir erneut zusammen. Was, so frag­te ich Martin, hatte er denn dagegen einzuwenden, dass sich seine geliebte Tochter in ihrer offensichtlich desolaten Verfas­sung psychiatrisch versorgen lässt? Nahm er ihren alarmie­ren­den Suizid­ver­such etwa nicht ernst genug? Wollte er riskieren, sein Kind zu ­verlieren?


„Um Himmels willen!“, fuhr er mich aufgebracht an. „Wie können Sie so etwas fragen? Allerdings bezweifle ich, dass sie sich ernsthaft umbringen wollte, so planlos, aus einem Augen­blicks­affekt heraus und wider besseres Wissen. Denn schon vorher, so gestand sie mir nachträglich, sei ihr klargewesen, dass dazu der Tabak­inhalt von zwei Zigarettenschachteln un­möglich ausreichen konn­te; mindestens vier wären nötig gewesen. Mir das eher wie ein verzweifelter Hilfeschrei vor: ‚‘Schaut her, wie furchtbar schlecht es mir geht!’ Nehmt ihr meine Not jetzt endlich ernst?’“ Auf all das, was sie monatelang belastete, reagierte sie keineswegs krankhaft, sondern absolut angemessen, nach­­­vollziehbar und ­rational. Was ist denn neurotisch daran, sich von objektiv bestehendem Druck bedrücken zu lassen?“


Andererseits: Tot ist tot, egal ob ­sorgfältig und mit Bedacht vor­bereitet oder im Affekt herbeigeführt. Kennt der Vater denn nicht Statistiken, denen zufolge zwei Drittel aller Selbstmörder depressiv sind?


„Selbstverständlich ist mir das ­bewusst“, erwiderte Mar­tin. „Und natürlich ist mir klar, dass meine Tochter dringendst Hilfe benötigt – aber nicht, weil sie ‘psychisch krank’ ist. Denn ich bezweifle sowohl die ­ge­stellte Diagnose als auch die ­Not­­wendigkeit, sie stationär zu versorgen.“


Was maßt sich dieser Laie an? Wie kommt er dazu?


„Natürlich interessierte mich ­brennend, wie der Befund einer ‘schwersten Depression’ zu­stan­de kam.“ Den Ausschlag gab der „QIDS-C 16“-Test - QIDS steht für „Quick Inventory of Depressive Sympto­ma­to­logy“ -, ein 2003 entwickelter Fragebo­gen, dessen 16 Items die Haupt­­symptome einer De­pres­sion ab­decken sollen: von Traurigkeit über vermindertes Selbstwert­gefühl, Kon­zentrations- und Entschei­dungsschwäche, Ener­gie- und In­teresselosigkeit bis hin zu Schlaf- und Essstörun­gen, innerer Unruhe und Selbstmord­­gedanken – „innerhalb der letzten sieben Tage“. Dabei hat sich der Pati­ent jeweils für eine von vier Ant­wort­mög­lichkeiten zu entscheiden. Erreicht er auf einer Werte­skala von 0 bis 27 einen Score von 21 oder höher, muss er als „sehr schwer“ depressiv gelten.


Wie könnte ein noch so ausgeprägtes seelisches Tief innerhalb der zurückliegenden Wo­che auf eine psychische Er­kran­kung „schwersten“ Aus­prä­gungs­grads hindeuten? Noras Vater berichtete: „Interessehal­ber habe ich diesen QIDS-16 für mich selbst ausgefüllt. Mein Punktwert lag bei 20, also nur knapp unterhalb der Schwelle zur allerdringendsten Behand­lungsbedürftigkeit. Demnach hätte ich mich am besten gleich ­gemeinsam mit meiner Tochter in die Psychiatrie einweisen las­sen sollen. Ich halte mich al­ler­dings für seelisch überaus sta­bil, und derselben Ansicht sind meine neue Lebensgefährtin, meine Ver­wand­ten, Freunde und Kolle­gen. Was mein ­Befinden in jüngster Zeit massiv ­beeinträchtigt hat, ist schlicht die tiefe Sorge um ein Kind, das ich über alles liebe. Sobald ich sehe, dass es sich wieder fängt und seinen Weg findet, punkte ich im QIDS prompt deutlich unter 5, jede Wette.“


Worauf Martin stieß, verdeutlicht ein Grundproblem jeglicher psy­-cholo­gischer Diagnostik. Bei der Unter­suchung einer Gesteinsprobe, eines Fos­sils, einer Flüssigkeit ist gleich­gültig, wer sie wann unter welchen Umständen vornimmt. Wer hingegen die Psyche einer Person erkundet, widmet sich Eigenschaften, die hochgradig situationsabhängig sind. Vier Tage vor dem Kliniktest war No­ra ihr Handy gestohlen worden. Nachdem der Dieb darin mehrere Nacktfotos von ihr entdeckt hatte, postete er sie, mit geknacktem Passwort, auf ihrer Facebook-Seite und verschickte sie, mit obszönen Kom­mentaren versehen, an alle ihre Verwandten, Freunde, Klassenkameraden und Lehrer, deren Adressen er im Handy gespeichert fand. Diese Bloß­stellung in ihrem engsten sozialen Umfeld hatte Nora zutiefst erschüttert, voller Scham dachte sie aber­mals an Selbstmord. Psychisch belastet war sie schon vorher gewesen; doch dieser Vorfall vergrößerte ihr Elend dramatisch. Dass eine Neurosenmessung, die inmitten einer derartigen Krise stattfindet, Spitzenwerte ergibt, liegt auf der Hand.


Übersieht oder verharmlost der Vater, dass bei Nora tatsächlich etliche ­klinische Merkmale einer Depression vorliegen? Wie kann er die Schlüsse be­zweifeln, die Psychiater daraus ­ziehen? „Gegenfrage“, erwi­der­te mir Martin: „Wie kann ein noch so erfahrener Experte meine Tochter besser kennen als ihr Vater, der sie all ihre bisherigen achtzehn Lebensjahre lang nicht nur fürsorglich begleitet, sondern auch aufmerksam beobachtet hat? Seit Noras Elternhaus kaputtging, führe ich Tagebuch über ihre weitere Entwick­- lung. Würden Sie es lesen, so fänden Sie zu beinahe jedem der über 2000 Tage, die seither ­vergangen sind, einen Eintrag über sie. Dieses Kind kenne ich besser als irgendwer sonst, keiner kann mir das ausreden. Und die klinischen Kriterien einer Depression“, fährt Martin fort, „sehe ich bei ihr definitiv nicht erfüllt. Keineswegs ist sie durchgängig niedergeschlagen und traurig ­gestimmt, unabhängig von Umständen und Situatio­nen. Jegliche Freude und Interesse hat sie nicht im entferntesten verloren. Sie ist durchaus nicht ohne jeglichen Antrieb. Weiterhin sucht und genießt sie ­aus­giebig Kontakte zu Freun­den, Verwandten und Bekann­ten, liebt Pubs und Parties, Shoppen und fein essen gehen. Sie verabredet sich gerne, empfängt gerne Besucher. Sie ist stolz auf ihr neues, riesiges ­Rü­cken-Tattoo und darauf, dass es in Kürze bei einer großen Fachmesse auf der Bühne prä­sentieren darf, wobei sie für ein Magazin fotografiert wird. Daheim hält sie eher viel besser Ordnung als noch vor einem halben Jahr. Sie streicht ihre Woh­nung neu und freut sich über das Er­gebnis. Weiter­hin zeichnet und fotografiert sie mit Leidenschaft, und gelegentliche bezahlte Aufträge aus ihrem Bekanntenkreis, die sie zügig und gewissenhaft ­erledigt, machen sie stolz. Vor zwei Wochen genoss sie, fröhlich und ­aus­-geglichen, einen dreitägigen Ausflug mit mir nach Düsseldorf und Köln. Sie sucht und genießt Sex­kontakte. Sie sehnt sich nach einem Freund, hält Ausschau und ‚‘testet’ ­etliche Kandidaten. Zwischendurch ist sie immer wieder mal verliebt, ­zuletzt in ihren charmanten Tätowierer. Sie bastelt, gemeinsam mit einem Bekann­ten, an einer eigenen Homepa­ge, auf der sie ihre Werke präsentieren kann. Sie freut sich auf einen bezahlten Hairsty­ling-Termin, bei dem ihr ein Top­coiffeur eine neue Frisur ver­passen will, für einen ­Wer­be­­ka­ta­log. Sie nimmt interessiert Anteil daran, was ihre Freunde und Verwandten tun, denken und fühlen. Arbeiten, die ihr Spaß machen, ­erledigt sie stundenlang hochkonzentriert. Undsoweiter.“


„Kurzum“, schlussfolgert Martin: „Die psychiatrischen Haupt­kriterien einer ‘depressiven Episode’ sind in keiner Weise erfüllt. Allenfalls, das gebe ich zu, bestehen ein paar Begleitsymptome. Innere Un­ru­he. Mangelndes Selbstwertbewusstsein. Schuldgefüh­le, vor allem gegenüber ihrem Vater. Pessimistische Zukunfts­­per­spekti­ven. Schlafstörungen - monatelang konnte sie nachts nicht ein­schlafen, wohingegen sie neuerdings ständig müde ist. Zeitweilige Gefühllosigkeit (‘Kann nichts mehr richtig empfinden’). Mal zu großer Appe­tit, mal gar keiner. All das recht­fertigt die Diagno­se aber nicht im entferntesten. Dazu verführen ließen sich Ärzte, weil sich No­ra in der Anamnese-Situation offenbar weitaus kranker und hilfsbedürftiger darstellte, als ich sie tatsächlich erlebe.“


Aber warum liegt Nora so viel daran, als dringendst behandlungsbedürftig dazustehen? „Wo­möglich, weil sie sich da­durch entlastet“, vermutet ihr Vater. „Ihr subjektiver Krank­heits­gewinn könnte da­rin be­stehen, ihre Schuld- und Versa­gensgefühle zu mildern: ‚‘Je schwerer ich krank bin, desto weniger kann mich mein Dad – und ich mich selbst – da­für verantwortlich machen, was ich in den ­vergangenen anderthalb Jahren aus meinem Leben gemacht habe: Ich war stinkfaul, habe nie richtig ge­lernt, habe unentwegt die Schu­le ­geschwänzt. Mein erstes Schul­halbjahr habe ich dadurch verbockt, dass ich in jeder frei­en Minute meine ‚‘große Lie­be’ genossen habe; das zweite Halbjahr, weil ich dieser Liebe un­- ent­wegt hinterherschmachtete, nachdem sie in die Brüche gegangen war; und das soeben zu Ende gegangene dritte, weil ich null Bock hatte, mich in Computerprogramme ein­zuarbeiten. Ich habe auf ganzer Li­nie versagt. Aber als Fall für die Psychiatrie kann ich daran nicht schuld sein, ich brauche kein schlechtes Gewissen zu haben, und Dad kann mir keine Vorwürfe machen.’ Der kläglich gescheiterte Nikotinsuizid passt dazu: ‘Wenn die Welt sieht, dass ich sogar zu so et­was fähig bin, muss sie mir end­lich glauben, wie furchtbar schlecht es mir geht.’ Könnte der ­gewaltige Leidensdruck, den vermeintliche Experten wahrzunehmen meinen, nicht Teil eines Rollen­spiels mit dem Titel ‘Ich, das Opfer’ sein, in das Nora sich hineinsteigert, wenn sie interviewt und getestet wird?“


Andererseits räumt der Vater durchaus ein, dass sein Kind schleunigst Hilfe braucht. Wenn nicht aufgrund einer „höchstgradigen depressiven Episode“ – weshalb dann?

Auf diese Frage hin imponiert mir Nichtpsychiater Martin aufs Neue mit einer mustergültig differenzierten Einschätzung. „Zum einen belasten Nora weiterhin Erinnerungen daran, wie oft und grausam sie im Kindergarten und drei Schulen gemobbt wurde. Wann immer sie sich irgendwo unverstanden, abgewertet, unbeachtet, abgelehnt fühlt, leben diese Erinnerungen wieder auf.“ Zudem sei sie „hypersensibel, deshalb besonders leicht zu verletzen. Es mangelt ihr Selbstbewusst­sein, ­mitbedingt durch eine nör­gelnde, herrische, verbitterte, rachsüchtige Mutter, eine überhebliche Schwester, schikanöse Klassen­kameraden. Ihre Fru­strations­toleranz ist gering: Kritik nimmt sie grundsätzlich persönlich und empfindet sie als be­leidigend. Sie neigt dazu, vor ­Herausforderun­-gen davonzulaufen, statt sich ihnen zu stellen. (‘Das ist zu schwer für mich’, ‘Das schaffe ich ja doch nicht’.) Obendrein macht ihr zu schaffen, was Psychologen ‘Desorganisation’ und ‘Selbst­regulati­ons­schwäche’ nennen würden, nahe am ­sogenannten ‘Messie-Syn­drom’ – „und dies“, räumt Martin zerknirscht ein, „ruht zu einem ­Großteil von Erzie­hungsfehlern her. Meine Frau und ich hatten ihr ein ­extrem un­strukturiertes Elternhaus ge­boten. Es brachte Nora leider nicht bei, Dinge selber auf die Reihe zu bringen, planmäßig und zügig, statt der Aufschieberitis zu fröhnen. Auch mangelt es ihr an Ehrgeiz; für sie geht nichts über Ge­nießen, und was nicht unmit­tel­bar angenehm ist, wird eher gemieden, ‚‘darauf habe ich keinen Bock’.“


„All dies“, so glaubt der Vater felsenfest, „wäre mit einer einfühl­samen Wegbegleitung durch echte Freunde, auch durch mich selbst durchaus in den Griff zu bekommen. Eine Inter­nie­rung in Form eines statio­nären Klinikaufenthalts ist da doch eher kontraproduktiv. Denn sie verstärkt Noras fatales Grund­gefühl, sie selbst sei zu schwach, mit dem Leben klarzukommen, weshalb sie sich von ­Fachleuten, die sie vorgeblich besser kennen als sie selbst, an die Hand nehmen lassen muss.“


Zur Stressreduktion hat Martin ­inzwischen schon seinen Teil bei­getragen: „Seit ein paar Ta­gen weiß Nora von mir: Mit meinem Einverständnis kann sie die Akademie ­verlassen, in ihre belastende Klasse braucht sie nicht mehr zurückzu­kehren. Sie darf sich eine andere ­Be­rufsausbildung suchen, die ihr eher zusagt. Auch künftig unterstütze ich sie finanziell. Ih­re Woh­nung darf sie be­hal­ten. Und vor allem habe ich ihr überdeutlich klargemacht: Weiterhin liebe ich sie über alles. Ich bin ihr keineswegs böse und maßlos enttäuscht. Vielmehr verstehe ich jetzt, warum sie die Lust aufs Lernen verlor und verzweifelt war.“ Somit sind nach Martins plausib­- ler Einschätzung „mittlerweile mehrere der schwerwiegendsten Belastungsfak­to­ren entfallen. Nora hat ab sofort viele gute Grün­de, auf­zuatmen. Das wird sie in nächster Zeit realisieren - und sich bestimmt wie erlöst fühlen. Falls eine Diagnostik erst in ein, zwei Monaten stattfände, würde sie mit Sicher­heit zu ganz ­anderen Ergebnis­sen, einerlei ob mit professioneller Psycho­therapie oder ohne sie.“


Trotzdem zog es Nora in die Kli­nik, von der zweiten Febru­ar­woche 2015 an war sie stationär untergebracht. Ging es ihr dort etwa nicht gut? „Doch, durchaus“, räumt Mar­tin ein. „Wann immer ich sie be­suchte, wirkte sie ausgeglichen, zufrieden, zuversichtlich, zumeist vergnügt und zu jedem Späß­chen aufgelegt. Ihre Stim­mungs­tiefs wurden seltener, Schlaf- und Essverhalten be­gannen sich zu normalisieren. Die spannende Frage lautet für mich aber, weshalb. Ich meine, aus zwei Gründen: ­Erstens profitiert Nora schlicht von der sich selbst erfüllenden Prophe­zeiung, ausschließlich hier fän­de sie Hilfe. Zweitens atmet sie auf, weil sie meinen Erwar­tungs­druck und die Angst, mei­ne Liebe und Unter­stüt­­zung zu verlieren, losgeworden ist. Bietet eine psychiatrische Klinik meiner Toch­ter denn über synthetische Drogen hinaus irgend­etwas, was sie nicht auch von einem ‘Auswege’-Camp ha­ben könnte? So gut wie alles, was dort mit ihr stattfindet, kenne ich vom Konzept Ihrer The­rapiecamps her: Tapetenwechsel. Ständig greifbare, zugewandte Ansprechpartner. Enger Kontakt mit Leidensgenossen. Ein klar strukturierter Tagesablauf. Ab und zu ein sinnvoller Zeitvertreib. Kein Internetzugang. All das“, lobt der Vater, „ist prima und sinnvoll, meiner Tochter tut es bestimmt gut. Aber hätten ihr das nicht ebensogut Ihre Camps bieten können?“


„Haben Sie diese Frage Ihrer Tochter gestellt?“, erkundige ich mich.


„Natürlich. Die Camps Ihrer Stiftung kennt sie inzwischen aus dem Internet. Doch sie bevorzugt ‘Fachleu­te’, sagt sie. In den Camps hingegen trifft man keine Psychiater und Psychologen an, wie sie herausgefunden hat. Und ‘du als Vater stehst mir zu nahe, du hängst zu arg an mir. Ich traue dir nicht zu, dass du mich objektiv beurteilen kannst’, so erklärte sie mir“. Da dürfte sie sich täuschen.


Nicht bieten würden wir Nora hin­gegen eine medikamentöse Versorgung: Wir hätten ihr kein Neuro­­leptikum wie Quetiapin verabreicht, von dem sie gleich nach ihrer Ein­weisung täglich 50 mg schlucken musste. „Mir helfen diese Pillen enorm“, schwärmte Nora anfangs – „sie schieben negative Gedanken nach hinten, wenn sie in mir hochkommen“. Von einer indikations­spezifischen Therapie kann hierbei allerdings keine Rede sein: Quetiapin zählt zu jenen chemischen Breitband­-Ruhig­stellern, die in den Gehir­nen vieler, die aus unterschiedlichsten Gründen psychisch down sind, entspannende und angstlösende Wir­kungen entfalten.


Nach unseren zwei langen Begegnungen stand für mich fest, dass Noras Vater mitnichten übertrieb: Niemand kennt sein Kind besser als er. Niemand sieht klarer, was ihm fehlt und woran das liegt. Niemand weiß besser, wie ihm zu helfen wäre. „Hat denn irgendein Arzt oder ­Psychologe, der in der Klinik mit ihrer Tochter befasst war, Sie zu einem Ge­spräch eingeladen?“, ­erkundigte ich mich. Daraufhin ­lächelte er gequält: „Kein einziges Mal - obwohl ich das mehrfach anbot.“


Keine zwei Wochen befand sich Nora in der Klinik, als mir ihr Vater erstaun­liche Neuigkeiten zu berichten hatte. Sie unterstrichen, wie treffend er sein Kind eingeschätzt hatte: „Schon nach fünf Tagen wurde ihr eine ‘weiße Karte’ ausgehändigt, mit der sie die Station jederzeit ohne Begleitung ­verlassen durfte. Drei Tage später bekam sie die Erlaubnis, wieder in ihrer Wohnung zu übernachten.“ So viel Freiheit für eine angeblich Schwerstdepressive, die akut selbstmordgefährdet sein soll? „Nora ­berichtete mir von einem weiteren Diagnose­test. Der habe bessere Werte ­ergeben. Außerdem habe der Ober­arzt eingesehen, dass ‘die The­rapien hier offenbar nicht ganz das Richtige für dich sind’. Daraufhin gab sie schlagfertig zurück­: ‘Welche ­Therapien denn? Es haben doch gar keine stattgefunden. Ich bekam bloß Tabletten. Ganze drei Mal sprach ein Psycho­lo­ge kurz mit mir, nie länger als 45 Minuten. Und Sie haben zweimal pro Woche bei mir zur ‘Visite’ vorbeigeschaut, nach ein paar Minuten waren Sie schon wieder weg. Die sogenannte ­Ergotherapie bestand darin, dass ich Tag für Tag eine Stunde lang mit den übrigen Sta­tionsinsassen in einem größeren Raum zusammensitzen und auf Kommando irgendetwas zeich­nen sollte. Das Essen war ein Fraß. Und schlafen konnte ich schlechter als vorher, nachdem man mir eine nach ranzigem Kü­chen­fett stinkende Türkin um die Sechzig ins Zimmer gelegt hat, die unentwegt schnarch­te, bei eingeschaltetem Licht und lautem Radio.’“


Noras Ver­trau­­en in die ­Psychiatrie blieb al­lerdings intakt: „Ich lasse mich jetzt ambulant weiterbehandeln“, mit Gesprächs- und ­Ver­hal­tenstherapie. Was brachten ihr die zweieinhalb Klinik­wo­chen? „Eine neue Freundin. Mehr Selbstdisziplin beim Es­sen und meinen Schlafens­zei­ten. Und mehrere Kilos zusätzlich, wegen dieser blöden Tab­letten. Die setze ich sofort ab.“ Ist sie vorab denn nicht über die Neben­wirkun­gen von Quetiapin aufgeklärt ­wor­den? „Mit keinem Wort.“


Was brachte die ambulante Weiter­betreuung? Sie bestand aus einer einzigen Sitzung - danach brach Nora eigenmächtig ab. „Das brauche ich jetzt nicht mehr“, entschied sie. Denn unverhofft taten sich zwei Lichtblicke auf: eine neue, schönere Wohnung, dank welcher sie ihr bisheriges Zuhause voller schlechter Erinnerungen hinter sich lassen konnte. Obendrein ein Job in einem Eiscafé, in dem sie eine perfekte Umgebung vorfand, mit netten Kollegen und einer Chefin, die sie sofort ins Herz schloss und beinahe wie eine eigene Tochter ­behandelte. Dort verdiente sie prächtig, so viel, dass sie davon zum ersten Mal in ihrem jungen Leben ihren gesamten Unterhalt ganz alleine bestreiten könnte, unabhängig von elterlichen Zuschüssen. Darauf war sie mächtig stolz.


Seit sich Nora eigenmächtig von der modernen Psychiatrie verabschiedete, sind bis Redaktionsschluss dieses Buches zwei Jahre vergangen. Weiterhin geht es der jungen Frau prächtig - ohne eine einzige weitere Therapiesitzung, ohne irgendein Psychopharmakon. „Wenn ich sie gelegentlich auf ihre Krisenzeit anspreche“, so der Vater, „dann lächelt sie nur: ‘Ach Dad, wie kann denn irgendwer ernsthaft glauben, dass ich jemals ‘psychisch gestört’ war?’“


(Harald Wiesendanger)


Dieser Beitrag stammt aus der 10-bändigen Schriftenreihe Psycholügen von Harald Wiesendanger, Bd. 10: Der Psychofalle entkommen (2018)

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