• Dr. Harald Wiesendanger

Das Ganze sehen

Vom ersten bis zum letzten Atemzug sind wir soziale Wesen: einbezogen in Systeme von Personen und Gruppen, in denen jedes Teil jedes andere beeinflusst, direkt oder mittelbar. Liegt nicht auf der Hand, dass diese Zusammenhänge kausal bedeutsam sind, wenn wir erkranken – und berück­sichtigt werden müssen, wenn Gesund­heit wieder­hergestellt werden soll? Deshalb setzt meine Stiftung AUSWEGE „systemisch“ an.


Zehn Punkte auf einem Blatt Papier. Gleichgültig, wie sie angeordnet sind, wie weit sie voneinander entfernt liegen: Mit einem Stift könnten wir jeden beliebigen mit allen übrigen verbinden.


Und wenn neun dieser Punkte für die wichtigsten Menschen in unserem Leben stünden, der zehnte für uns selbst? Dann müssten wir jeden mit dem unsrigen verbinden – falls wir auf diese Weise grafisch darstellen möch­ten, dass wir in wechselseitigen Beziehungen mit ih­nen stehen.


Diese Beziehun­gen können von Abhängigkeit ge­prägt sein, von Kon­flikten, von Schuld, von Verpflichtung, von Macht und Ohn­macht, von Gleich­gültigkeit, von Ge­ringschätzung, von Manipulation und Gewalt, von Furcht, Hass und Neid; aber auch von Verständ­nis, Zuneigung, Freundschaft, Be­geh­­ren, Liebe, Be­wun­derung, Dank­barkeit, Fürsorge und vielerlei anderem, was Menschen positiv miteinander verbindet. Selbst wenn einzelne Bezie­hungen zerbrechen – wegen Streit, Trennung, Tod -, wirken sie weiter: in uns. Versteht sich von selbst, oder?


Jener geschichtlichen Epoche, die „Neuzeit“ genannt wird, verdankt die Menschheit so be­eindruckende Errungen­schaf­ten wie die Atombombe, den Big Mac, den industrialisierten Massenmord, das Kon­dom mit Erdbeergeschmack, Klonschafe – und eine Medizin, die sich lieber auf mathematisch-naturwissenschaftlichen Erkenntnis­gewinn nach dem Vorbild der Physik verlässt als auf den Wissensschatz jahrhundertealter Heiltraditionen, auf die persönliche Erfahrung und Intui­tion von Anwendern. Com­mon Sense wird geringgeschätzt, und zur Belustigung von Stu­denten pflegen Profs ih­re Vor­lesungen gerne mit einer Fülle von Beispielen zu würzen, bei denen diese Missach­tung einleuchtet: Fälle, in de­nen der vermeintlich „gesunde Men­schenverstand“ haarsträubend danebenlag, gottlob geradegerückt durch neugieriges, ideologiefreies Forschen.


Aber wo immer Gering­schät­zung pauschal wird, schießt sie übers Ziel hinaus: Dieses Phä­nomen ist beispielsweise in der Geschichte der modernen Psy­chiatrie und Psychotherapie zu bestaunen. Ein rundes Jahrhun­dert benötigten diese Diszip­linen, um sich einer Erkenntnis anzunähern, über welche der Common Sense immer schon verfügte: der banalen Tatsache nämlich, dass keiner von uns auf seinem eigenen Planeten lebt. Vom ersten bis zum letzten Atemzug sind wir soziale Wesen: einbezogen in Syste­me (1), in denen jedes Teil jedes andere beeinflusst, direkt oder mittelbar. Was auch immer wir tun oder unterlassen: Wir wirken in sie hinein, und sie wirken auf uns zurück.


Liegt nicht auf der Hand, dass diese Zusammenhänge eine kausale Rolle spielen könnten, wenn wir erkranken – und nicht außer acht gelassen werden dürfen, wenn Gesundheit wiederhergestellt werden soll? Müssten sie nicht stets mitbedacht werden, wenn An­amnesen vorgenommen und The­rapiepläne erstellt werden? Ich verüble meinen Ärzten keineswegs, dass sie mein Kariesloch stopfen oder meinen gebrochenen Arm schienen, ohne mein Verhältnis zu meiner Mama zu hinterfragen. Aber je stärkere psychische Anteile eine Er­krankung aufweist, desto vordringlicher wird es, das soziale System zu verstehen und einzubeziehen, in dem sie entstand. Insofern führt an einem „systemischen“ Ansatz nichts vorbei – beson­ders bei Kin­dern, aber auch bei Erwach­se­nen. Und deshalb gehört er zum Konzept unserer „Aus­wege“-Camps. Wir legen großen Wert darauf, dass Angehörige einen Patienten nicht bei uns „abliefern“, sondern dableiben; wir möchten sie mitberaten, mitbehandeln. Das erhöht den Betreuungs­auf­wand erheblich, aber auch die Heilungschance.


In unserem Gesund­heits­wesen geschieht weithin: das krasse Gegenteil. Was passiert, sobald jemand zum Patienten wird? Er muss in die Praxis oder in die Klinik, ihm werden Medikamente verordnet, er hat sich therapeutischen Maßnah­men zu unterziehen; begleiten ihn Angehörige, dann selten mehr als einer, und dies überwiegend zu dem Zweck, ihm Langeweile und Ängste zu vertreiben, während er im Wartezimmer seines Termins harrt. Mit anderen Worten: Er wird von seinem sozialen System künstlich isoliert. Und damit ist vorprogrammiert, dass weder ganz verstanden noch optimal behandelt wird, woran er leidet.



Warum Abraham zum ADHS-Kind wurde


Beispiel ADHS, jene Verhal­tensstörung, bei der Aufmerk­samkeitsdefizite mit Hyper­aktivität einhergehen: Ob nun Psychotherapien oder pharmazeutische Ruhigsteller wie Ritalin zum Einsatz kommen - im Behandlungsfokus stehen die betroffenen Kinder und Jugendlichen.


Wieviel mehr mit einem „systemischen“ Ansatz zu erreichen wäre, erweist sich seit Jahren in unseren Thera­piecamps: Von 30 Minderjähri­gen, die mit der ADHS-Dia­gnose von ihren Eltern dorthin gebracht wurden, waren 28 am Ende völlig symptomfrei, einer weitgehend. Warum? Noch mehr als andere Kinder benötigen ADHS-betroffene: Zeit; Geduld; liebevolle Zuwen­dung; viel Bewegung; ein harmonisches, konfliktfreies Um­feld; klare Regeln - sowie deren konsequentes Umsetzen; und einen stark eingeschränkten Zugang zu Unterhaltungs­elek­tronik. Dafür sorgen müsste ihr primäres System: die eigene Familie. Während eines Camps werden unsere Therapeuten zu Bezugspersonen, die all dies sicherstellen. Aus ihrer Vorge­hens­weise lernen Mütter und Väter, ihr Erziehungsverhalten zu ändern. Ein ganzes System wird „heil“, und die Sympto­matik verschwindet – wenn auch nur kurzfristig, falls es anschließend in alte Muster zurückfällt.


Wie uneinsichtige Eltern verhindern können, dass Therapieerfolge bei ADHS an­halten, führte uns Abraham* vor Augen, als er im August 2012, damals acht Jahre alt, an einem „Auswege“-Camp im Schwarzwald teilnahm, begleitet von Mama, Papa und seiner zwei Jahre jüngeren Schwester. Dem aufgeweckten, kontaktfreudigen Jungen „fällt es äußerst schwer, sich zu konzentrieren. Er ist leicht ablenkbar, seine Aufmerksamkeit springt unentwegt von einem zum anderen“, berichtete uns seine Mutter vorweg. „Kaum beginnt er etwas, da braucht er schon wieder etwas Neues.“ In der Schule bereitete ihm diese Unart erhebliche Probleme: Lehrer klagten über sein extrem langsames Arbeitstempo; für Hausaufgaben, die Mitschüler in einer Viertelstunde erledigen, benötigte er mitunter drei bis vier. Generell „akzeptiert er keinerlei Regeln“, klagten die Eltern. Anfang 2012 nahm sich eine Psychotherapeutin des Jungen an, diagnostizierte ADHS – und drückte der Mut­ter sogleich eine Pillenschach­tel mit Methylphenidat in die Hand, das unter dem Handels­namen Ritalin als chemisches Allheilmittel für chronisch un­aufmerksame, hyperaktive Kinder vermarktet wird. Vom Camp erhofften sich Abrahams Eltern eine nebenwirkungsfreie Alternative.


Vom ersten Camptag an staunten sie über Abrahams „wundersame“, geradezu augenblickliche Verwandlung: Plötz­lich wirkte er ausgeglichen, hochkonzentriert befasste er sich stundenlang damit, Auf­gaben zu erledigen, die ihm unsere Kinderbetreuer stellten, und mit anderen Kindern zu spielen. Von Verhaltensauffäl­lig­keiten keine Spur mehr.


Doch kaum war die Familie wieder zu Hause, war mit Abraham wieder „alles beim alten – rückblickend hat das Camp also nichts gebracht, von ein paar schönen Ferien­tagen abgesehen“, bemängelten die Eltern im nachhinein. Was sie verkannten: „Beim alten“ blieben ihre eigenen fa­talen Verhaltensmuster. In den neunziger Jahren waren sie aus Kasachstan nach Deutschland ausgewandert. Einer besseren Zukunft im vermeintlich goldenen Westen hat­te der Vater eine beachtliche Karriere geopfert: In seiner al­ten Heimat hatte er Hochschul­studien zum Be­triebswirt und Juristen absolviert; in Polizei­behörden hatte er es bis zum Dienstgrad eines Oberleutnants gebracht, mit bis zu dreißig Un­tergebenen; auch eine Ausbil­dung zum Masseur konnte er vorweisen. Doch „in Deutsch­land wurde ich plötzlich zum Nichts“: Seine Abschlüsse wurden hier nicht anerkannt; er kämpfte mit der schwierigen Sprache und langer Arbeitslo­sig­keit – bis er sich für ein paar Euro als Wellness-Masseur in einem Bordell verdingte. All das nagte an seinem Selbstbe­wusst­sein, machte ihn chronisch unzufrieden, gereizt, aggressiv; immer öfter griff er zu Wodka, schließlich zu Rauschgift. Zeit für Abraham nahm er sich zumeist nur, um den Jungen anzubrüllen, zum Versager zu erklären, Befehle zu erteilen, manchmal auch körperlich zu züchtigen. Um den Lebensunterhalt der Fami­lie kümmerte sich überwiegend seine Frau, als Alten­pfle­gerin in einem Senio­ren­heim. Mit Erziehungs­auf­gaben überfordert, pflegten die Eltern Ab­ra­ham mit Unter­haltungselektronik aller Art „ruhigzustellen“: Sein Zimmer statteten sie mit Großbildfernseher, Playstation und Gameboy aus – und damit verbrachte der Junge beinahe jede freie Minute. Daran änderte sich auch nach dem Camp­aufenthalt nichts. Die vermeintliche ADHS-Symptomatik hat sich seither noch zugespitzt. Weder das Wiederholen einer Klasse noch ein Schulwechsel noch eine weitere Psychothera­pie halfen.



Wem will Erwin etwas husten?


Beispiel Atemwegserkran­kun­gen: Einer der jüngsten Teilneh­mer zweier „Auswege“-Thera­piecamps 2013/14, der zweijährige Erwin*, litt seit über einem Jahr an einer immer wiederkehrenden Bronchitis. Nach zwei Campaufenthalten ist sie so gut wie abgeklungen. Ärzte hatten dem Kleinen zuvor nutzlos Antibiotika verschrieben – eine immer noch weithin übliche, aber törichte Maßnahme in solchen Fällen, weil nahezu alle Atemwegsinfekte durch Viren verursacht werden, während Antibiotika nur gegen Bakte­rien helfen.


Den Schlüssel zum Erfolg könnte unser Campteam darin gefunden haben, im Symptom ein Signal, in der Krankheit eine Bedeutung zu sehen. Was „sagen“ Bronchien, wenn sie „hyperreagibel“ sind, wie es in einem Befundbericht über Erwin hieß? „Die Lunge hat mit Trauer zu tun“, so deutet unser Camparzt Dr. Horst Schöll ihre „Organsprache“. Der kleine Erwin „reagiert hochsensibel auf die seelischen Belastungen der alleinerziehenden Mutter“, die merkwürdigerweise ebenfalls mit Lungenproblemen zu tun hatte, genauso wie ihr Vater, Erwins Opa. Sie „benötigt ein gesundes Umfeld, in dem alle Familienmitglieder eine vertrauensvolle Einheit bilden und sie so sein darf, wie es ihr entspricht. Dann wird sie stark, braucht nicht mehr traurig zu sein, kann mit Erwin so umgehen, wie der es braucht – und beide müssen niemandem mehr ‚etwas husten’.“


Auf dem Weg zu einer solchen Einheit erlebten wir Mutter, Oma und Opa, die gemeinsam mit Erwin angereist waren, schon während ihres ersten Aufenthalts bei uns; unter dem Eindruck der allgegenwärtigen Campharmonie und vieler intensiver Beratungsgespräche, offen für ein neues, tieferes Verständnis der Hintergründe von Erwins Belastung, beflügelt von eigenen gesundheitlichen Fortschritten wurden Erwins wichtigste Bezugspersonen ge­lassener und zuversichtlicher, legten Ängste ab, fanden zu gegenseitiger Akzeptanz und Vertrauen. Und spätestens bei seinem zweiten Auswege-Camp, Anfang Mai 2014, „hat dieser Junge aufgehört, ein Patient zu sein“, wie unser Camparzt abschließend konstatierte; „seine Bronchitis ist offenbar weitestgehend abgeklungen“. Während der sieben Camptage beobachteten die fünfzehn Teammitglieder keinen einzigen Anfall von Husten und Atemnot mehr. Nach An­gaben der Mutter hustet Erwin „nur noch morgens nach dem Aufwachen“, weitaus weniger heftig als früher. Hat sich die Prognose des Camparztes be­wahrheitet? Diesmal hatte Er­wins Mutter ihren neuen Lebens­gefährten mitgebracht, sie wirkte frisch verliebt, unbeschwert und glücklich – womit sie ihrem Jungen eben jenes harmonische Umfeld schenkte, auf dessen Fehlen er psychosomatisch reagiert haben könnte.


Können sich familiäre Spannungen in epileptischen Anfällen entladen?


Beispiel Epilepsie: Beim jüngsten Teilnehmer unseres Aus­we­­ge-Camps Ende Juli 2013, dem damals zweijährigen Bernd*, war sie anschließend monatelang vollständig verschwunden. Hatte er zuvor sechsmal täglich heftig ge­krampft, verringerte sich die Anzahl der Anfälle bis vier Wochen nach Campende auf vier, in der darauffolgenden Woche auf einen. Ab Oktober war der Kleine anfallsfrei. Doch um Ostern 2014 kehrte die Epi­lepsie zurück. Weshalb? Just zu diesem Zeit­punkt besiegelten die Eltern, deren schwere Be­ziehungskrise für uns schon während des Camps spürbar gewesen war, ihre Trennung – anscheinend reagierte Bernd sensibel darauf, was nebenbei darauf hindeutet, dass auch Epilepsien keineswegs losgelöst von psychischen Belastun­gen betrachtet werden dürfen. Um Pfingsten 2014 war die Trennung halbwegs gütlich vollzogen, die Familienverhält­nis­se geklärt, es kehrte wieder ei­nigermaßen Frieden in Bernds häusliche Umgebung ein – prompt verschwanden seine Anfälle wieder.


Autismus: systemisch mitbedingt?


Bis in die sechziger Jahre vertraten Fachleute die These, Autismus entstehe aufgrund der emotionalen Kälte mütterlicherseits („Kühlschrank­mut­ter“), durch lieblose Erzie­hung, mangelnde Zuwendung oder psychische Traumata. Seit nachfolgende Studien diese Annahme als haltlos erwiesen, blendete die Forschung systemische Zusammenhänge weitgehend aus – und konzentrierte sich auf mögliche Verur­sa­cher im betroffenen Kind; vermutet wurden genetische Ano­malien, Hirnschädigun­gen, biochemische Besonder­hei­ten wie erhöhte Dopamin-, Adre­nalin- oder Testosteron­spiegel; „Gefühlsblindheit“, „Auf­merk­samkeitstunnel“ und an­dere kognitive Defizite. Dass das primäre Sozialsystem – die Familie – bei Anamnese und The­rapie auch bei diesem Krankheitsbild nicht außer acht gelassen werden darf, haben uns unter anderem Benny* und Martin* vor Augen geführt.



Ein ruhiges, pflegeleichtes Ba­by sei er von Geburt an gewesen, berichtet Bennys Mutter Doreen*. Allerdings fiel ihr beim Stillen auf, dass er stets wegschaute; er sei immer nur auf dem Boden gelegen, habe nie gelacht, keinerlei Motiva­tion zum Krabbeln gezeigt. Erst mit 17 Monaten lief er ohne fremde Hilfe. Bis zu seinem zweiten Lebensjahr gab er keinen Laut von sich – und bis heute keinerlei verständliche Worte. „Er möchte sprechen, kann aber nicht“, glauben seine Eltern. Benny hält keinen konstanten Blickkontakt, reagiert nicht auf Zurufen seines Na­mens. Will man mit ihm spielen, dreht er sich weg. Auf dem Schoß sitzen mag er nicht. Als er mit vier Jahren, im Oktober 2012, erstmals Kinder­psychiatern ei­ner Universitäts­klinik vorgestellt wurde, vermochten diese „nicht zu beurteilen, inwiefern der Junge wach, bewusstseinsklar und orientiert ist“; sie sa­hen die Kri­terien für die Dia­gnose „Autis­mus“ erfüllt. Auch seine Grob- und Feinmotorik ist beeinträchtigt. Ein sonderpädagogisches Gutachten vom April 2014 geht von einer „muskulären Hypo­to­nie“ aus.


Im Verlauf eines Auswege-Camps im August 2014 konnte der ärztliche Leiter Dr. Horst Schöll bei Bennys Symptomatik keine nennenswerte Besserung feststellen. Immerhin fiel der Mutter auf, dass ihr Junge „ab und zu mehr lautierte“, und ihres Erachtens verbesserte sich zumindest seine seelische Ver­fassung erheblich: Er wirkte auf sie entspannter, was der Camp­arzt allerdings darauf zurück­führte, dass „Benny hier mehr Bewegungsfreiheit als zu Hau­se hatte, dadurch schien er friedlicher“. An der Autismus-Diagnose wurden im Team Zweifel laut: „In den Sitzungen bei mir“, berichtete eine Heilerin, „ließ er sich von mir umarmen, schmiegte sich an mich. Mit Menschen, die er kennt, nimmt er Körperkontakt auf.“ Fraglich erschien unserem Camparzt auch die „muskuläre Hypotonie“, in der er eher Ko­or­dinationsstörungen sah.


Bemerkenswerte Fortschritte machten hingegen die beiden Eltern, wie dem Arzt auffiel: „Durch zahlreiche Gespräche nahmen die Spannungen zwischen ihnen ab, ihr Sohn empfand das offenbar als angenehm.“ Eine „neue Entwick­lungs­chance für Benny“ hing nach seiner Einschätzung da­von ab, dass „die Eltern schnellst­­möglich ihre Bezie­hung klären“. Damit begannen sie schon während der Camp­tage: In ihrer Ehe fühle sie sich nun weniger „verloren“ als zuvor, erklärte Bennys Mama abschließend; sie sehe klarer und fühle sich erleichtert, ihr seien Auswege aufgezeigt worden. Ihren Mann Alexander* erlebte sie im Camp „weicher – er hat angefangen, sich zu spüren“.


Fünf Wochen später erreichte uns eine überschwängliche E-Mail von Doreen*: „So viel hat sich geändert. Benny hat nie gut geschlafen - besser zwar als viele autistische Kinder, aber für uns war es ein endloser Albtraum. Jeden Tag stand er zwischen 5 und 6 Uhr auf, egal wann er ins Bett gegangen war. Doch seit dem Camp steht Benny jeden Tag nach 7:15 Uhr auf. Jeden Tag! Und nachts schläft er durch. Vor dem Camp hatte Alexander ein Jahr lang den ‚Frühdienst’ für Benny übernommen - und mir damit ein schlechtes Gewissen gemacht. Jetzt, da wir beide schlafen und Energie tanken können, haben wir beide Kraft, den Alltag zu schaffen – und Benny Liebe und Ruhe zu geben.

Zweiter Punkt, ebenfalls unheimlich wichtig: Noch nie hat Benny alleine gespielt. Immer musste er jemanden dabei haben, und wenn wir kochen oder sonst etwas ma­chen mussten, war es die Hölle. Seit dem Camp spielt Benny regel­mäßig auf dem Teppich allein. Er lautiert ohne Ende, war früher ebenfalls selten vorkam. Er spielt und lautiert und lautiert und spielt. Spielen bedeutet in seinem Fall, auf dem Boden zu rollen und mit Lego- und Duplo-Klötzchen bauen, aber trotzdem!!! Diese Erleichterung ist mehr wert, als ihr euch vielleicht vorstellen könnt.


Dritter Punkt: Benny ist einfach mehr ‚anwesend’. Er ist so wach, er steht gerade und ist anders ‚da­bei’ als früher. Er ist geistig präsenter. Toby, sein Bruder, beachtet ihn jetzt zum ersten Mal, so als falle ihm erst jetzt auf: „Oh, da ist ja jemand!” Es ist so anders!!!!“

Was steckt hinter Bennys Ver­än­derung? Doreen ist sich sicher: „Unsere neue Ruhe und Friede wirken sich positiv auf ihn aus.“ Denn „die Beziehung zwischen Alexander und mir hat sich sehr geändert. Wir nutzten die Werkzeuge, die ihr uns im Camp mitgegeben habt, und entdeckten die Ruhe und Lust in uns wieder, die doch zu uns gehörte. Unsere Familiendynamik hat sich geändert – in Richtung Familie. Ale­xan­der lächelt mehr. Er ist ein glücklicher Mensch geworden. Frü­her lächelte er nie in die Kamera, wenn ich ihn fotografierte – jetzt tut er es unaufgefordert. Er und ich sind jetzt endlich wieder ein Team. Zuvor hatte ich immer gedacht, dass ich ihn verlassen muss, um meine Seele zu befreien und meine Träume zu leben. Aber seit dem Camp ist alles in mir ruhiger und zufriedener geworden.“


Oh - noch etwas“, merkt Do­reen an: „Seit 25 Jahren kämpfe ich gegen eine Essstörung. Immer war Essen meine Sucht. Ich stopfe und stopfe und stopfe mich mit Essen voll, danach fühle ich mich immer schlecht. Doch seit dem Camp habe ich nur Lust zu essen, wenn ich Hunger habe; und wenn ich satt bin, will ich nicht mehr essen. Seit meiner Kindheit habe ich das nicht mehr erlebt. Was für ein Wunder!“


Ein Schüchterner wird zum „Autisten“ gestempelt


Mit testpsychologisch bestätigtem „Autismus“ war der 14jährige Martin* im Früh­jahr 2014 in ein Therapiecamp der Stiftung Auswege gekommen. Zu Beginn erwies er sich dort als überaus schüchtern, unsicher, verschlossen, still; doch im Campverlauf blühte er auf, suchte Sozialkontakte – keine Spur von krankhaften Verhaltensauffälligkeiten. Schon in früheren Camps hatten ähnliche „Autismus“-Fälle unter unseren Therapeuten für fassungsloses Kopfschütteln über angeblich „wissenschaftlich fundierte“ Psychotesterei und voreilige Schlüsse daraus gesorgt. Schlimmstenfalls werden solche von psychometriegläubigen „Experten“ verpass­ten Etikettierungen zu fatalen Prophezeiungen, die sich selbst erfüllen.


Mit zehn Jahren war dem Jungen von einer Kinderklinik im Allgäu eine „emotionale Störung“ bescheinigt worden, woraus dort im Februar 2014 die Diagnose „Autismus“ wur­de. Nicht weniger als sechs verschiedene psychologische Tests hätten nämlich „auffällige Er­geb­nisse“ gezeigt, wie drei Ärz­te und eine Psychologin in ihrem gemeinsamen Befundbe­richt darlegten: unter anderem eine „schwere Beeinträchti­gung der wechselseitigen sozialen Interaktion, Aufzwingen von Routinen, Ritualen und In­ter­essen, Sprech- und Sprach­auffälligkeiten, nonverbale Kom­­munikationspro­ble­me sowie motorische Unge­schick­lich­keit“. Alles in allem liege „eine tiefgreifende Ent­wick­lungs­störung“ vor. Der Mutter wurde nahegelegt, für ihren Sohn einen Behinderten­aus­weis zu beantragen.


Kaum war Martin im Camp eingetroffen, da wollte er un­bedingt wieder weg. Doch schon am nächsten Tag „platzte der Knoten“, wie seine Mama in ihrem Tagebuch festhielt. Martins Verhalten während der Heilwoche veranlass­te alle Therapeuten, die sich um ihn kümmerten, zu einhelligem Zweifel an der Autis­mus-Diagnose: Immer öfter lächelte der angeblich schwer Verhaltensgestörte andere Per­sonen an, hielt Blickkontakt mit ihnen, umarmte sie, scherz­te mit ihnen, ließ sich auf längere Gespräche ein, hörte aufmerksam zu; unsere Kinderbetreuerin hörte ihn an einem Abend „wie ein Wasser­fall reden“. Wie „offenherzig“ er sich gab, versetzte seine Mutter in Erstaunen: Hier habe er „sich mehr als bisher geöffnet, seine Scheu gegenüber Fremden wurde deutlich besser. Sogar beim Tanzen mit Anderen hatte er Freude, was früher undenkbar gewesen wäre. Überall war er dabei, ohne sich abzukapseln.“


Verhaltensweisen, die von Psychologen als „autistisch“ etikettiert worden waren, wertete der ärztliche Leiter des Auswege-Camps als „Schüch­ternheit, geringes Selbst­bewusst­sein und starke Mut­ter-Bezogenheit“ – doch „im Camp taute Martin langsam auf“. Wer diese Form des „An­ders­seins“ als therapiebedürftig einstuft, verkennt anscheinend, dass im weiten Spektrum von Persön­lichkeitszügen, die Menschen aus unterschiedlichen Gründen unterschiedlich ausgeprägt, unterschiedlich stabil entwickeln, die „Abwei­chung von der Norm“ eher die Norm als die Ausnahme ist.


Offenbar hatte kein klinischer Psychologe, mit dem Martin zu tun bekam, je in Betracht gezogen, dass die eingesetzten Testverfahren ihren besorgniserregenden Befund überhaupt erst hervorgebracht haben könn­ten. Wie finden wir heraus, welche Persönlichkeit in einem Jugendlichen am Beginn seiner Pubertät steckt, der offenbar stiller, unsicherer, vorsichtiger, ängstlicher, zurück­haltender ist als andere? Sollten wir ihn dazu nötigen, in ungewohnter Umgebung, in einem kühl-funktionalen Kli­nik­zim­mer, unter den Augen weißbekittelter, wissenschaftlich-distanzierter Mediziner mit zweifelhafter Empathie stun­denlang Items auf Frage­bögen anzukreuzen – oder sich von diesen Medi­zinern „interviewen“ zu lassen, wobei sich ihr Blick häufiger auf die Unter­lagen richtet, in denen sie die Äußerungen des Getesteten pro­tokollieren, als auf den Ge­te­steten selbst? Das „Aus­wege“-Team zieht es vor, ihm eine Umgebung zu bie­ten, in der er Wohlwollen, Anerken­nung, Ermutigung, Ge­duld und liebevolle Zuwen­dung spürt: eine Umgebung, die seiner psychischen Gesund­heit auch daheim – in der Fami­lie, in der Schule, im Freundes- und Bekanntenkreis – förderlich wäre. Wenn in einem solchen Rahmen seine Verhaltens­auf­fälligkeiten deutlich nachlassen oder gar gänzlich verschwinden: Sind dann nicht eher seine Lebensumstände „behandlungsbedürftig“ als er selbst?


In ihrem Bericht erwähnte die Kinderklinik „zerrüttete Fami­lienverhältnisse nach Schei­dung der Eltern, starke Dishar­monie zwischen den Erwach­senen“. Auf Martins Wunsch hin besteht seit Ende 2012 keinerlei Umgang mehr mit dem Vater, zu dem er schon zuvor ein belastetes Verhältnis hatte. Beide Eltern teilen sich zwar das Sorgerecht für Martin, haben aber jeglichen Kontakt zueinander abgebrochen. Dass allein schon solche Verhält­nisse ein hochsensibles Kind psychisch extrem verunsichern und belasten können, ist nachvollziehbar.



Im Klammergriff mütterlicher Fürsorge


Fatale „systemische“ Hinter­gründe von Erkrankungen veranschaulichten uns im Oktober 2014 drei Teilnehmer unseres 17. Therapiecamps na­he Göttingen: zwei Ge­schwi­ster, Kevin* (14) und Lara* (23) sowie ihre besorgte Mutter Ma­rianne*. Dass Kevin am As­perger-Syndrom leidet – einer milden Form von Au­tismus -, stand für die Mama nach eingehender Lektüre von Fach­literatur zweifelsfrei fest, auch wenn bisher kein Arzt ihre Laiendiagnose bestätigt hatte; in ihrer Ver­mutung ausreichend bestärkt fühlte sie sich nach einem Termin bei einer Autismus-Bera­tungsstel­le. Betroffene weisen Schwä­chen in der sozialen Interak­tion und Kommunika­tion auf, ihre Inter­essen sind stark eingeschränkt, ihre Aktivi­täten oft stereotyp, sie wirken „merkwürdig“ und ungeschickt.


All dies schien ihr auf Kevin zuzutreffen: „Von klein auf hat er überwiegend alleine gespielt, war sehr ruhig, zog sich stundenlang in seine Welt zurück, beschäftigte sich für Tage und Wo­chen nur mit einem be­stimm­ten Thema (Holzspiel­zeug, Lego, Autos, Schildkrö­ten, später Schach, neuerdings Bogenschießen)“, schilderte uns die Mutter vorab. Dabei habe er sich stets „sehr tollpatschig und unbeholfen“ angestellt. Eine Zeit­lang hielt sie ihn für schwerhörig, stellte dann aber fest, dass er „einfach alles ausblendet“. Er habe „überhaupt kein Zeitgefühl und kein richtiges Kälteempfinden“ und „braucht unbedingt strukturierte Tagesabläufe“. Seine Lehrer beschrieben ihn als „still und unauffällig“. Stundenlang „redet er über seine Spezialthe­men und merkt dabei nicht, dass sein Gegenüber schon lange nicht mehr hinhört“. Wie viele Autisten verblüfft Kevin durch ausgeprägte Sonderbe­ga­bungen: Einmal gehörte Ge­schichten „kann er eins zu eins wiedergeben“; beim Malen, Bauen, Basteln sei er „sehr kreativ“.


Und was war mit Kevins älterer Schwester Lara* los? Seltsam oft fühlte sich die junge Frau „müde, erschöpft, abgeschlagen“ – mitbedingt durch einen Heuschnupfen, der sie seit ih­rem neunten Lebensjahr plagt, aber auch in Zeiten ohne Pollen­flug“. Seit über einem Jahr machten ihr phasenweise Hautprobleme zu schaffen: „am Gesicht, am Hals, im Nacken, an den Oberarmen, am ganzen Rücken“. Dann „brennt und juckt es“. Kein Dermato­loge hatte ein Mittel dagegen gefunden. Als weitere gesundheitliche Belastungen gab die junge Frau „Schilddrüsenpro­bleme“ an – ein Heilpraktiker will eine Hashimoto-Thyreo­ditis festgestellt haben -, außerdem „chronisch entzündete Mandeln, Gliederschmerzen, Schweißausbrüche, Schlafstö­run­gen“. In einem ausführlichen Begleitbrief zu ihrer Anmeldung schilderte Lara ihre Lebensgeschichte, die geprägt war von Anspannung, Überforderung, Angst und mangelndem Selbstbewusst­sein. Mehrfach wechselte sie die Schule, weil sie sich „von Lehrern gestresst und ge­mobbt“ fühlte. Wiederholt versagte sie in Abschlussprüfun­gen. Ihre psychische Verfas­sung kennzeichnete sie so: „Kein Selbstvertrauen mehr; ständige Angst davor zu versagen; ohne Selbstbewusstsein, mich zu wehren; habe immer alles geschluckt; es fällt mir schwer, bestimmte Dinge an- oder auszusprechen; bin eher still und zurückhaltend, um Ärger aus dem Weg zu gehen.“


Was steckte hinter der Sym­ptomatik der beiden? Wie war ihnen zu helfen? Kevins mutmaßliches Asperger-Syndrom konnte kein Teammitglied bestätigen, das sich um den Jungen während des Camps kümmerte. Anfangs überaus schüchtern und wortkarg, öffnete er sich mit jedem Camptag mehr, wurde zutraulich, redete und spielte mit Anderen. „Kevin ist ein hochsensibler Junge mit hoher Auffassungs­gabe und vielen Talenten“, konstatierte unser Camparzt ab­schließend, „weniger autistisch als introvertiert“. Wovor zieht sich Kevin nach innen zurück?


Eher beiläufig hatte Lara bei ihrer Anmeldung „familiären Stress“ angegeben, ohne näher darauf einzugehen – und genau hier vermuteten wir die Wurzel des Übels. Kein Arzt und kein Heilpraktiker, denen Marianne ihre Kinder bisher vorstellte, hatte sich jemals eingehend mit dem Elternhaus befasst, insbesondere mit Marianne selbst, die ebenfalls gesundheitlich schwer angeschlagen zu uns gekommen war. Statt uns auf ihre Symptome zu konzentrieren, hinterfragten wir zuallererst ihre Lebensgeschichte, und die erwies sich als überwiegend unglücklich und belastet:


Die Eltern, die gemeinsam eine Firma leiteten, hatten Marianne von Anfang an vernachlässigt; ihr Vater war „oft sehr jähzornig“, so erinnerte sie sich – „als ich acht Jahre alt war, wollte er mich erschießen“; ihre Mutter „konnte kei­ne Gefühle zeigen, nie nahm sie mich in den Arm und tröstete mich, nie las sie mir ein Buch vor oder spielte mit mir“. Wegen schlechter Schulleistun­gen, die hauptsächlich von einer Legasthenie herrührten, erklärten ihre Eltern sie für „blöd“. Unauslöschlich ins Ge­dächtnis eingebrannt hat sich ihr ein Kindheitstag, an dem sie eine schwer depressive Tante, die „den größten Teil ihres Lebens in Kliniken verbrachte“, blutüberströmt und bewusstlos in der gemeinsamen Wohnung fand, nach einem missglückten Selbstmord­versuch. Während ihrer Kind­heit litt Marianne jahrelang unter starken Hals­schmerzen und einer Bauch­fellentzün­dung. Eine Lehre als Dekora­teurin brach sie nach einem Jahr ab, teils aus gesundheitlichen Gründen, teils we­gen eines schikanösen, daueralkoholisierten Chefs. Danach be­gann sie eine Ausbildung zur Arzt­helferin, bis sie einen selbstständigen Notarzt kennenlernte, der ihr Ehemann und Vater ihrer acht (!) Kinder wurde, die sie zwischen 1985 und 2003 gebar. „Das Leben mit ihm folgte dem gleichen Muster, das ich in meinem Elternhaus erlebt hatte: Es war geprägt von Erniedrigungen und seelischen Qualen, später kamen noch massive Existenz­ängste hinzu“, als dem Mann wegen Steuer­hinterziehung Ge­fängnis drohte. Obendrein starben innerhalb von vier Jahren zwei Omas und der Vater, an den sie immerhin auch „positive Erinnerungen hat: In schwie­rigen Situationen war er als Ein­ziger für mich da gewesen“.


All diese Belastungen blieben nicht ohne gesundheitliche Auswirkungen: „Ständig hatte ich Migräne – mit Erbrechen, Seh- und Wortfindungsstörun­gen -, chronische Nebenhöhlen­entzündungen, Magenge­schwü­­­re, ein (unoperierter) Band­scheibenvorfall, Heuschnup­fen, massive Aller­gien. Bei einer Körpergröße von 1,80 m wog ich nie mehr als 46 Kilo.“ Im Herbst 2009 „hatte ich einen völligen Zusammen­bruch mit Angstzuständen und Depres­sio­nen“. Bald darauf trennte sie sich endgültig von ihrem Mann – „und dann verschwanden von selbst fast sämtliche Krank­heiten, sogar der Heuschnup­fen. Geblieben ist eine Gluten­unverträglich­keit und meine massiven Schlaf­störungen.“ Zwar sollen ihr zwei Psycho­lo­ginnen mit Verhaltens- und Traumathera­pie geholfen ha­ben. Doch „ir­gendwie komme ich aus dem Schlamassel noch nicht heraus, es kehrt in keinster Weise Ruhe in mein Leben ein“. Weiterhin fühlt sich Marianne chronisch erschöpft.


Mit jedem Camptag wurde uns klarer: Die mysteriösen Krank­heitsbilder der Kinder hängen aufs engste mit Mariannes Unfähigkeit zusammen, ihren „Schlamassel“ zu verarbeiten. Unser Camparzt erlebte Lara als „wahnsinnig sensibel, völlig abhängig von der Mutter, ohne Selbstvertrauen und Selbst­wertgefühl. Trotz ihrer 23 Jahre traut sie sich kein eigenes Le­ben zu. Ich habe ihr nahezubringen versucht, dass es sich bei all ihren Sympto­men nur um angestaute Ag­gres­sionen handelt, bedingt dadurch, dass sie nicht aus sich herausgeht, viel zu bescheiden ist. Wenn sie insofern aufblüht, werden die Symptome verschwinden.“


Die heikle Familienkonstella­tion wird nach seinem Ein­druck geprägt von einer „sehr dominanten“ Mutter, die „alles weiß – besser! Das Bild, das sie von ihren Kindern hat, tragen diese wie einen Stempel auf ihrer Stirn. Sie akzeptieren die mütterliche Übermacht, leiden aber sehr darunter: Lara tut dies mit Mutlosigkeit, Minder­wertigkeit, Schwächegefühl“. (Tatsächlich erlitt sie am vorletzten Camptag einen Schwä­che­anfall.) Und ebenso wie bei ihrem kleinen Bruder äußert sich ihre seelische Belastung „in genau den gleichen Sym­ptomen: Beide kriegen die Schu­le nicht hin, versagen bei Prüfungen, trauen sich nichts zu, sind mut- und kraftlos“. Lara habe dies „durch die Ge­spräche mit mehreren Thera­peu­ten verstanden und angefangen, gegenüber ihrer Mutter eigene Vorstellungen vorzubringen. Lara wird ihren Weg gehen und möglichst bald von zu Hause ausziehen.“


Auch bei Kevin waren wir zu­versichtlich: „Sobald die Schwie­­rigkeiten in diesem Familienge­bil­de verschwinden, wird der Junge völlig ‚normal’“, sagte Hei­ler Dr. André Peter voraus. Unser Camparzt bemerkte abschließend: „Noch ist Kevin zu jung, um genügend Selbst­be­wusstsein zu entwickeln, sich gegen Mama zu stemmen. Darin haben wir ihn bestärkt.“


Mehr konnten wir für Kevin und Lara leider nicht tun – denn während der Camptage erwies sich ihre Mutter als ganz und gar „behandlungsresistent“: Ihre Therapiesitzungen gestaltete Marianne als Mono­loge, redete „ohne Punkt und Kom­ma, wie ein Maschinen­gewehr“ (so ein Therapeut), wich jeglichen Hinweisen, wie sie zur Symptomatik ihrer Kin­der beigetragen haben könnte, beharrlich aus. „Irgendwann habe ich´s aufgegeben“, resignierte nach drei Tagen ein Heilpraktiker aus unserem Team, „sie weiß sowieso alles besser.“ Ein Heiler empfand nach einem anstrengenden zweieinhalbstündigen Termin mit ihr: „Sie lebt ihre Krankheit und benutzt ihre Kinder als Schutzschild, will sie nicht loslassen.“ Unser Camparzt hielt ihr zugute, dass „ihr Leben sicher nicht einfach war“; aber „es wird dies auch nie werden, weil sie sich unentwegt um die Kinder sorgt und kümmert – und keine Zeit findet für sich.“ Andererseits „tut es ihr auch sehr gut, sich kümmern zu müssen und zu dürfen. So ist sie von sich abgelenkt und braucht bei sich nichts zu än­dern. Wenn die großen Kinder aus dem Haus sind, werden die kleinen ihre geballte Ladung ‚Kümmerei’ abkriegen. Oh, die Armen!“


Unter einem Vorwand reiste Marianne zwei Tage vor Camp­ende überstürzt ab, samt Kevin und Lara. Nahm sie reißaus vor unangenehmen Wahrheiten?


Unheilvoll verstrickt


Und bei erwachsenen Patien­ten? Häufig leiden auch sie unter einem unheilen sozialen System, und Behandlungsfort­schritte erfordern, sich mit dieser Situation auseinanderzusetzen. Oft erst in unseren Camps werden ihnen diese Zusam­men­hänge bewusst: Dorothea* und Gerald* beispielsweise, einem Ehepaar, das in den Jah­ren 2013/14 dreimal ein „Aus­wege“-Camp besuchte. Doro­thea (54) brachte zu uns eine chronisch-obstruktive Lungen­erkrankung mit (englisch chronic obstructive pulmonary disease, Abkürzung: COPD), die mit Husten, vermehrtem Auswurf und Atemnot bei Belastung einhergeht. „Ständig bin ich auf ein Beatmungsgerät angewiesen“, wie sie in ihr Anmelde­formular eintrug. Ihr Gatte Ge­rald, Verwaltungsange­stell­ter und sechs Jahre älter als sie, leidet seit 2000 an Bluthochdruck – „medikamentös gut eingestellt“, wie er sagt, allerdings mit häufigem Nasenbluten. Zu­dem plagen ihn Schmerzen im Knie und Muskelverkramp­fun­gen, die ihn beim Gehen be­hin­dern; weder diverse Schmerz­mittel - Tabletten und Salben - noch Physiotherapie brachten Linderung.


Während und nach ihren Camp­aufenthalten nahmen Doro­­theas Beschwerden einen sonderbaren Verlauf: Jedesmal besserte sich ihre Atemnot mehr oder minder deutlich, zeitweilig kam sie sogar ganz ohne Sauerstoffgerät aus – besonders, wie uns auffiel, in Momenten, in denen sie sich un­beobachtet wähnte oder ab­gelenkt war. Doch schon bald nach ihrer Heimkehr war alles wieder beim alten: „Warum geht es mir nicht besser, wo ich doch jeden Tag meditiere und an mir arbeite?“, so fragte uns Dorothea. „Dann kommt die Angst, und mit der Angst kommt die Atemnot.“


Das gleiche Auf und Ab beobachteten wir bei Gerald: Bei uns ließ seine Hypertonie deutlich nach, die Schmerzen klangen weitgehend ab – und kehrten zu Hause rasch wieder.


Was dahintersteckte, zeigt sich erst aus einer psychosomatischen und „systemischen“ Sicht­weise. Die beiden Schläu­che in Dorotheas Nase, über die sie sich künstlich beatmen lässt, kamen unserem Camparzt als „bloße Placebos“ vor: „Sie wä­ren überflüssig, wenn die Pati­entin lernen würde, durchgehend normal zu atmen“, wie ihr dies in besonderen Momen­ten gelang. Ihr zwanghafter Ein­­druck, auf das Beatmungs­gerät angewiesen zu sein, könnte nach Einschätzung meh­rerer Teammitglieder von subjektiven Krankheitsgewin­nen herrühren: Sie hat Angst vor Verlusten, die ihre Ge­nesung mit sich bringen könnte – bis zum Schlimmsten, dass ihr Mann sie verlassen könnte - und „Angst, eigenverantwortlich ins Leben zu treten“, wie unser leitender Camparzt ab­schließend konstatierte. Wie sie ihren Gerald kennt, zwingen ihn Loyalität und Pflichtgefühl, ihr beizustehen, solange sie leidet; eine schwerkranke Frau im Stich zu lassen, brächte er nicht übers Herz. Außerdem „braucht sie diese Krankheit womöglich, um eine Leere in ihrer Seele zu überdecken: Wäre sie gesund, dann müsste sie wieder für sich selbst sorgen – und ihr Mann bräuchte sie nicht mehr zu verwöhnen. Aber das will sie nicht.“


Umgekehrt hingen Geralds Be­schwerden offenkundig mit Do­­­ro­theas gesundheitlicher Ver­fassung zusammen. Als „nicht ernstlich krank“ schätzte ihn un­ser Camparzt ein: „In seinem Bluthochdruck spiegelt sich der hohe Druck, der sich aus der Sorge für seine schwerkranke Frau ergibt. Wenn er sieht, dass sie neuen Mut schöpft, erleichtert ihn das sehr.“


In weiter Ferne bleibt Hei­lung auch, solange sich Pati­en­ten als machtlose Op­fer ihrer wichtigsten Bezugssy­steme sehen und damit ha­dern. Unsere Botschaft lautet: Change it, leave it, or love it. Versuche das System zu verändern, das dich krank macht – deine Part­nerschaft bei­spielsweise, oder deinen Ar­beitsplatz. Wenn du das nicht kannst: Verlasse es. Wenn das nicht geht: Lerne es zu akzeptieren; hadere nicht nur mit seinen Schattenseiten, sondern mache dir klar, welche ange­neh­men Aspekte, welche Vor­teile es für dich hat. Ein Ge­sund­heitswesen, in dem Helfer und Hilfesuchende systemisch denken und handeln lernen, wird effektiver, davon sind wir fest überzeugt.


Anmerkung

1 Soziologen unterscheiden zwischen primären und sekundären Sy­stemen. Bei ersteren handelt es sich um die sozialen Gruppen, deren Mitglieder in Handlungsbeziehun­gen zueinander stehen, wie z. B. die Familie. „Sekundär“ heißen Organisationen wie Unternehmen, Vereine, Verbände, Parteien, Be­hörden und Schulen, die durch zweck­orientierte Strukturen und Funktionen gekennzeichnet sind.

(Harald Wiesendanger)


Dieser Betrag stammt aus dem Buch von Harald Wiesendanger: Auswege – Kranken anders helfen (2015).

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