• Dr. Harald Wiesendanger

Aufklärer vom Panikvirus infiziert

Verblüffend: Selbst der TV-Oberlehrer der Nation streut jetzt Fake News. Das „exponentielle Wachstum“, mit dem er sein Millionenpublikum das Gruseln lehrt, kennzeichnet am ehesten die Panikviren, mit denen er sich selbst infiziert hat.


Viral geht seit dem 20. März 2020 eine 9-Minuten-Ansprache, in welcher der TV-Aufklärer der Nation, der Astrophysiker und Moderator Harald Lesch, uns klarzumachen versucht, weshalb allergrößte Corona-Sorgen angebracht und die staatlichen „Schutz“maßnahmen vollauf berechtigt sind. Innerhalb von zwei Tagen wurde der Videoclip über 2 Millionen Mal abgerufen – leider, denn offenbar befindet sich auch Lesch mittlerweile voll im Griff des Panikvirus.



Entsprechend dürftig kommen seine fünf Argumente daher:

1) Italiens Todesstatistik. Bei 60 Millionen Einwohnern sterben dort täglich im Durchschnitt 2000. „Am 18. März waren es aber 475 mehr – eine Steigerung von deutlich mehr als 20 %!“, referiert Lesch entsetzt. Dass unter 365 Tagen jeder einzelne und viele hintereinander vom statistischen Mittelwert abweichen, ihn mehr oder minder deutlich übertreffen können, zumal in einer Grippesaison: Ist das etwa sensationell und zutiefst besorgniserregend? Im Ernst?

2) Das Massensterben in Bergamo. Bei 120.000 Einwohnern, so berichtet Lesch, sterben im Schnitt 10 pro Tag. Gegenwärtig seien es aber 20, also doppelt so viele. Ist das etwa nicht ganz arg schlimm? Doch, natürlich – aber statistisch vorerst erwartbar, insofern belanglos, siehe Punkt 1.) Hat Lesch Bergamos tägliche Todeszahlen aus frühen Grippewintern zum Vergleich herangezogen? Erwägt er weitere mögliche Faktoren? Wenn ja, schweigt er sich im Clip darüber beharrlich aus.

3) Das Amok-Argument. Auch niedrige Opferzahlen rechtfertigen sofortige, einschneidende Gegenmaßnahmen, meint Lesch. Dazu bemüht er einen haarsträubenden Vergleich, der bloß deshalb nicht mehr hinken kann, weil ihm mehr als ein Bein fehlt: „Wenn ein Amokläufer 10 Leute abknallt, dann unternehmen wir ja auch etwas, obwohl die Erschossenen in der Statistik verschwinden.“

Ja, natürlich sollte man dagegen vorgehen. Aber verhältnismäßig muss es sein. Verhängt man etwa über alle potentiellen Amok-Zielscheiben vorsorglich eine Ausgangssperre?

4) Das Argument der drohenden „Überforderung des Gesundheitswesens“. Eine „totale Mangelsituation“ würde ein sogenanntes „Triagieren“ erzwingen: ein grausames Aussortieren, wer beatmet wird und wer nicht – „und das wäre das Ende der Zivilgesellschaft“. Dann „kommen in den Krankenhäusern viel mehr Patienten an, als dort überhaupt noch behandelt werden können.“


In Deutschland stehen 28.000 Intensivbetten zur Verfügung, von denen momentan die Hälfte, also 14.000 noch zur Beatmung von Corona-Infizierten genutzt werden könnten. Beatmet werden muss im Schnitt etwa eine Woche lang – also könnten pro Tag 2000 neue Patienten auf diese Weise versorgt werden. Die Neuinfektionsrate, weiß Lesch, steige täglich um ein Viertel bis ein Drittel an. Aus 4000 Neuinfizierten heute werden also, bei einem 1/3-Zuwachs, morgen etwa 5300, übermorgen 7000. „Und in 8 Tagen hätten wir 39.000 Neuinfizierte – ohne Gegenmaßnahmen, bei ungebremstem exponentiellen Wachstum.“ Und bei einem ¼-Anstieg wäre das Gesundheitswesen „nach 11 Tagen an seine Grenzen gekommen.“ Nach Lesch wäre dann ein Punkt erreicht, an dem „acht Mal mehr Intensivbetten benötigt würden, als vorhanden sind“.


Hier bringt Lesch peinlicherweise „Infektion“ und „Erkrankung“ durcheinander. Unter jenen, die sich SARS-Cov-2-Viren eingefangen haben, entwickelt bloß ein Teil überhaupt Symptome, und diese fallen häufig milde aus; intensiv therapiebedürftig, in lebensbedrohlichem Zustand, sind fast nur Senioren, Vorerkrankte und Immunschwache. Dass „5 % der Covid-19-ERKRANKTEN beatmungspflichtig sind“, ist eine Horrorspekukation, die Lesch an allen verfügbaren Kopf-, Brust- und Schamhaaren herbeizieht. Und schon gar nicht belegen irgendwelche Studien, dass womöglich sogar jeder 20. INFIZIERTE (5%) aufs Intensivbett gehört. Von dieser haarsträubenden Verwechslung ausgehend, füllt Lesch sich und uns die Sorgenfalten mit Angstschweißperlen. Mit demselben Verwirrspiel versuchen uns Regierung, Behörden, WHO, Institute, Mainstream-Medien seit Krisenbeginn zu beeindrucken. Ja, SARS-Cov-2 verbreitet sich in Windeseile - wie es „Grippe“erreger alljährlich zu tun pflegen. Und wie immer infizieren sich Millionen – na und?

Entscheidend ist doch: Produziert diese angebliche „Jahrhundert-Pandemie“ weitaus mehr schwer Atemwegserkrankte und Tote als gewöhnliche Grippewellen früherer Jahre? Dafür liefert auch Lesch nicht den Hauch eines Beweises; sollten ihm empirische Studien vorliegen, die seinen Alarmismus stützen, so versteckt er sie neun Minuten lang erfolgreich.


Und auch Lesch versucht uns zu einem Denkfehler zu verleiten, den Studenten schon im ersten Semester vermeiden lernen: zum Kurzschluss von Korrelation auf Kausalität. Man kann MIT einem Virus sterben, ohne AN ihm zu sterben. Ein positiver SARS-Cov2-Test allein ist klinisch irrelevant. In wie vielen Fällen konnten Mediziner denn plausibel feststellen, dass der SARS-Cov2-Virus alleinverantwortlich dafür war, dass ein Infizierter starb? Mir ist bisher kein einziger zu Ohren gekommen.


Diesem Coronavirus die Alleinschuld zuzuschieben, ist nicht nur falsch – weil es von anderen, nicht minder wichtigen Todesursachen ablenkt -, sondern gefährlich irreführend. Wieso? Weil es zu übereilten, törichten, weitgehend nutzlosen Gegenmaßnahmen verleitet, die uns allen, der gesamten Welt einen irrwitzigen sozialen und wirtschaftlichen Schaden zufügen. Im übrigen: Überall, wo ein Bedarf nicht (mehr) befriedigt werden kann, trifft eine zu hohe Nachfrage auf ein zu geringes Angebot. Je mehr Betten, je mehr Beatmungstechnik, je mehr Personal, desto kleiner der Behandlungsengpass. Wer ein Gesundheitssystem hemmungslos privatisiert, der Profitmaximierung unterwirft und einspart, wo es geht, der braucht sich hinterher nicht zu wundern, wenn es rasch an Grenzen stößt.

5) Die gruselige Hochrechnung des Imperial College in London. Ohne jegliche staatlichen Gegenmaßnahmen, so macht es uns soeben weis, würde Covid-19 allein in Großbritannien zu 500.000 Todesopfern führen, in den USA zu 2,2 Millionen. Selbst MIT schärfsten Einschnitten ließe sich die Sterberate bestenfalls noch halbieren.


Hier, wie auch mit Argument 4), beschwören Zahlenjongleure Panikstimmung herauf und stiften zu Maßnahmen an, die von den gegenwärtig verfügbaren epidemiologischen Daten in keiner Weise gedeckt sind. In Wahrheit weiß bisher NIEMAND, wie viele Menschen bereits infiziert sind; wie rasch sich die Infektion in der Allgemeinbevölkerung verbreitet; wie hoch der Anteil der schwer Erkrankten ist; wie viele davon tatsächlich intensivmedizinisch zu versorgen wären. Dazu müsste eine repräsentative Stichprobe der Allgemeinbevölkerung wiederholt getestet und laufend beobachtet werden. Nirgendwo, auch nicht in Deutschland, Großbritannien und den USA, hat ein solches Monitoring bisher stattgefunden. Stattdessen konzentriert man sich auf Personen, die schon durch Symptome auffällig geworden sind, und deren Kontaktpersonen; man checkt Kranke, Schwerstkranke und Tote. Dieser Selection Bias sorgt für eine enorme Unsicherheit bezüglich des wahren Risikos, an Covid-19 zu sterben.


Und so könnte Leschs klügster Satz sein allererster gewesen sein: „Möglicherweise reden wir heute über etwas, worüber wir in einem Monat nur milde lächeln können.“


(Harald Wiesendanger)


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