Wenn aus Zufallszahlen Wunder werden

Aktualisiert: vor 3 Tagen
Ein Saal voller Meditierender, die gemeinsam heilen wollen – und rund um den Globus geraten elektronische Zufallsgeneratoren aus dem Takt? Allein durch die Kraft des Geistes, unter wissenschaftlicher Aufsicht? So jedenfalls feiert die Esoterikszene eine Studie, die dies angeblich beweist. Wer genauer hinsieht, begegnet keinem Wunder, sondern einer erklärungsbedürftigen Zahl: 0,27. Und jeder Menge offener Fragen.

Eine vermeintliche Sensation geistert durchs Netz: Kollektiv gebündelt, wirken Gedanken wie eine weltweite Fernbedienung – ein- bis zweitausend Meditierende sollen es hingekriegt haben, durch gemeinsame Absicht elektronische Zufallsgeneratoren rund um den Globus zu beeinflussen. (1)
Dafür verbürgt sich jedenfalls das HeartMath Institut, eine 1991 gegründete private Forschungs- und Bildungseinrichtung in Boulder Creek, Kalifornien. Seit langem begleitet es Veranstaltungen von Joe Dispenza, einem prominenten US-amerikanischen Autor und Seminaranbieter. Nach eigener Auskunft (1) besitzt er einen naturwissenschaftlichen Bachelorabschluss mit Schwerpunkt Neurowissenschaften sowie einen Doctor of Chiropractic der Life University in Marietta, Georgia, deren wissenschaftliches Profil seit eh und je in der Kritik steht. (2) In ihrem offiziellen Leitbild bekennt sie sich zum Vitalismus und damit zur „Einsicht“, das Universum habe ein Bewusstsein. (3)
Bekannt wurde Dispenza durch Auftritte in spirituellen Dokumentationsfilmen wie What the Bleep Do We Know!? sowie durch Bestseller wie Ein neues Ich, Du bist das Placebo oder Werde übernatürlich. Kerninhalt von Dispenzas froher Botschaft: Wer anders denkt, fühlt und meditiert, könne sein Gehirn “transformieren” und seinen Körper heilen. Dabei beruft er sich auf die Neuroplastizität, die Fähigkeit des Gehirns, seine Verbindungen umzubauen. Auf seinen Retreats geht er noch weiter: Dort soll die gebündelte Absicht einer ganzen Gruppe Kranke heilen.
Was lag für das HeartMath-Institut also näher, als Dispenza in sein „Global Consciousness Project 2.0“ einzubeziehen, nach einem Zusammenhang zwischen menschlichem Bewusstsein und elektronischen Zufallsprozessen fahndet? Die Forscher analysierten Daten, die sie zwischen Januar und Juni 2024 bei 15 Gruppenmeditationen gesammelt auf fünf Retreats gesammelt hatten (4); jeweils 1000 bis 2200 Menschen nahmen an den Veranstaltungen teil, um einander zu heilen.
Bei den Sitzungen liegen ausgewählte Teilnehmer mit gesundheitlichen Beschwerden inmitten einer Gruppe, während die Umstehenden positive Gefühle und ihre Aufmerksamkeit auf sie richten. Dispenza nennt das “Coherence Healing”: gemeinsames Heilen in einem Zustand inneren Einklangs.
Ob es den Kranken danach besser ging? Danach hat die Studie gar nicht erst gefragt.
Den Zufall aus dem Takt gebracht?
Im Saal standen zehn Geräte mit insgesamt 40 Zufallsgeneratoren. Gleichzeitig lief das weltweite Netzwerk mit über 700, später fast 1.000 Generatoren. Man stelle sie sich als unermüdliche elektronische Münzwerfer vor: Statt Kopf oder Zahl spucken sie Nullen und Einsen aus. (5)
Jeder Generator wirft pro Sekunde 200-mal seine elektronische Münze; im Schnitt sollten etwa 100 Einsen fallen, mal ein paar mehr, mal ein paar weniger. Die Forscher notierten Sekunde für Sekunde, wie weit die Zählungen danebenlagen, verrechneten das für den Saal und für das Weltnetz zu je einer Kennzahl und addierten diese fortlaufend auf. So entstanden zwei Zickzacklinien, eine aus dem Saal, eine aus der Welt. Die Frage: Schlagen sie ungewöhnlich oft im Gleichtakt aus?
Für den Vergleich betrachteten die Forscher jeweils die ersten 30 Minuten. Bei zehn der 15 Sitzungen verliefen die Saal- und Weltkurve tendenziell gleichläufig. (Das klingt nach mehr, als es ist. Wer immer wieder 15-mal eine Münze wirft, sieht in rund 15 Prozent der Durchgänge mindestens zehnmal Kopf. ) Über alle Sitzungen gemittelt erreichte ihre Ähnlichkeit den Wert 0,27 auf einer Skala von minus 1 bis plus 1: Plus 1 steht für vollständig gleichläufige, minus 1 für vollständig gegenläufige Veränderungen; 0 für keinen geradlinigen Zusammenhang.
Hinzu kommt eine Tücke aufsummierter Zufallskurven. Sie benehmen sich wie zwei Betrunkene auf dem Heimweg: Keiner weiß vom anderen, und doch torkeln beide oft ein gutes Stück in dieselbe Richtung. Statistiker sprechen von Scheinkorrelation; schon 1926 warnte der Brite George Udny Yule davor. (6) Simuliert man zwei solche Kurven, die nichts voneinander wissen, ein paar tausend Mal am Computer, ähneln sie sich in gut einem Drittel der Fälle stärker als 0,27. Deshalb taugt so ein Wert erst etwas, wenn man ihn gegen Kontrolldaten hält.
Nach dem verwendeten Kontrolltest war dieser Mittelwert statistisch auffällig; die Autoren geben einen einseitigen p-Wert unter 0,01 an. Was verrät dieser Wert und was nicht? Dazu gleich mehr.
Dies, so die Forscher, deute darauf hin, dass selbst relativ kleine, „hochkohärente“ Gruppen mit gebündeltem Fokus und „emotionaler Kohärenz“ das globale Bewusstseinsfeld „messbar und zum Guten beeinflussen können.
Dann stapelten die Forscher die Saalkurven aller 15 Sitzungen übereinander, jeweils ab Beginn der Meditation, und bündelten sie zu einer einzigen Kurve. Heraus kam eine Form, die sie an ein “evoziertes Potenzial” erinnerte, an jenen kleinen Ausschlag also, den ein EEG zeigt, wenn das Gehirn auf einen Lichtblitz oder einen Ton reagiert.
Wo die Belege enden
„Small Healer Groups Override Random Devices Globally – Just by Meditating“: Kleine Heilergruppen übersteuern weltweit Zufallsgeräte, allein durch Meditation. So tönt es von Dispenzas eigener Website (7) Esoterikportale machen daraus Geräte, die nachweislich beeinflusst, ja „ausgeschaltet“ oder „außer Kraft gesetzt“ worden seien.
Mit den Daten hat das wenig zu tun. Ausgefallen ist kein einziges Gerät. Nirgendwo.
Zum Vorschein kam lediglich ein statistisch auffälliges Muster, und das belegt noch keine Geistesmacht. Wenn zwei Boote im Hafen gleichzeitig schaukeln, schubst keines das andere an. Meist rollt einfach dieselbe Welle unter beiden durch.
Auch dass sich die Zufallsgeneratoren „synchronisiert“ hätten, wie es in der Pressemitteilung heißt (8), geben die Daten nicht her. Ähnlich verliefen lediglich zwei errechnete Sammelkurven.
Zudem entstand die konkrete Vermutung erst, nachdem die Forscher erste Daten gesichtet hatten. Auch ihre Kennzahl wählten sie erst, nachdem diese bei ersten Auswertungen interessante Ergebnisse geliefert hatte. Auch die gewählte Kennzahl fiel ihnen durch interessante Ergebnisse auf. Das räumen sie selbst ein. Wer lange in den Sternenhimmel schaut, entdeckt Figuren; bestätigen muss sich das Muster anschließend an neuen Daten, nach vorher festgelegten Regeln.
Zuerst geschossen, dann die Zielscheibe gemalt
Erinnert das nicht an den sprichwörtlichen texanischen Scharfschützen aus Logik-Seminaren? Erst ballert er sein Magazin in Richtung Scheunenwand leer, dann sucht er die Stelle mit den meisten Löchern und pinselt eine Zielscheibe drumherum. Seriöse Forscher gehen umgekehrt vor: Sie legen fest, wohin sie zielen, bevor sie neue Daten erheben. Sonst hängt am Ende ein Zufallstreffer als Entdeckung an der Wand.
Dabei hätte man es besser wissen können, denn das Projekt hat eine Vorgeschichte. Schon 1998 hatte Roger Nelson von der Princeton University Zufallsgeneratoren rund um die Welt verteilt; 17 Jahre lang horchte sein Global Consciousness Project sie nach verdächtigen Ausschlägen ab. 2017 zog sein Mitarbeiter Peter Bancel, der die Daten jahrelang ausgewertet hatte, Bilanz, und zwar in Explore, demselben Blatt, in dem jetzt die Dispenza-Studie steht. Nein, ein globales Bewusstsein stecke keineswegs hinter den Ausschlägen, so stellte er klar. Entscheidend sei vielmehr gewesen, welche Ereignisse sich die Forscher herauspickten und wie sie rechneten. (9) Dafür hat Bancel allerdings eine übersinnliche Erklärung. Die Forscher hätten ihre Auswahl unbewusst per Psi gesteuert.
Was besagt der p-Wert unter 0,01, auf den sich die Autoren berufen? Er bedeutet bloß dies: Wäre allein der Zufall am Werk, käme ein mindestens so hoher Mittelwert in weniger als einem von hundert Fällen zustande. Wer daraus liest, die Meditation habe die Geräte mit 99-prozentiger Sicherheit beeinflusst, liest falsch. Demselben Denkfehler erliegen übrigens auch viele Ärzte und Journalisten. Steckt Geisteskraft dahinter? Oder bloß eine Macke in der Technik oder in der Auswertung? Darüber schweigt der Test. Er gleicht einem Rauchmelder, der anschlägt, aber nicht sagt, ob der Dachstuhl brennt oder bloß der Toast verkohlt. 2016 sah sich die amerikanische Statistikervereinigung ASA sogar genötigt, ihre Zunft öffentlich vor derartigen Kurzschlüssen zu warnen. Ein p-Wert, schrieb sie, sage nichts darüber, wie wahrscheinlich eine Hypothese stimmt, und auch nichts darüber, wie groß oder wichtig ein Effekt ist. (10)
„Nur“ während der Gruppenmeditationen seien die Korrelationen aufgetreten, betont die Pressemitteilung. (11) Dieses Wörtchen muss viel Beweislast schultern Zwar betrachteten die Autoren auch Zeiten außerhalb der Heilungsmeditationen, wo sie andere Kurvenverläufe fanden. Ihren p-Wert gewannen sie jedoch durch 1.000 Vergleichsdurchläufe mit unabhängig erzeugten Kontrollzahlen. Was fehlt, ist ein eigener Test, ob sich Meditations- und Vergleichszeiten tatsächlich verlässlich unterscheiden. Ein auffälliges Ergebnis hier und ein unauffälliges dort beweisen diesen Unterschied noch nicht. Die Statistiker Andrew Gelman und Hal Stern haben dafür eine griffige Formel geprägt: Der Unterschied zwischen „signifikant“ und „nicht signifikant“ ist selbst nicht unbedingt signifikant (12)
Und die „evozierte“ Kurve, die so schön an eine Hirnstromantwort erinnert und als Beleg für übertragene Energie herhalten muss? Statistisch signifikant ist sie nach eigenem Bericht der Autoren nicht – was sie freilich nicht davon abhält, weitreichende Schlüsse aus ihr zu ziehen.
Dass zwei Kurven einander ähneln, beweist noch lange nicht, dass dieselbe Ursache dahintersteckt. Im Corona-März 2020 zackte der DAX auf und ab wie die Fieberkurve eines Patienten; angesteckt hatte er sich trotzdem nicht. Wer aus einer Formähnlichkeit auf übertragene Energie schließt, sollte wenigstens sagen können, welche Energie das sein soll, wie sie sich messen lässt und welche überprüfbaren Wirkungen sie hat. Die Arbeit bleibt alle drei Antworten schuldig.
Und selbst wenn es diese Energie gäbe, hätte ein Zufallsgenerator, der ein paar Einsen zu viel ausspuckt, damit noch keinen einzigen Kranken gesund gemacht.
„Das globale Bewusstseinsfeld wurde positiv beeinflusst“ – tatsächlich? Die Zahlen liefern weder einen eigenständigen Nachweis eines solchen Feldes noch einen Maßstab dafür, ob etwas Gutes bewirkt wurde, und wenn ja, bei wem und wieviel.
Unterm Strich bleibt ein statistisches Muster, dessen Ursache niemand kennt und das noch keiner bestätigt hat. Mehr nicht. Die spektakulären Schlüsse daraus sind wissenschaftlich nicht gedeckt. Dispenzas PR bläst ein vorläufiges Zahlenrätsel trotzdem zu einre Heldensage von der Macht des Geistes auf – zur klammheimlichen Freude aller Skeptiker, die Esoterikern ohnehin kein halbwegs seriöses Forschen zutrauen.
Begutachtet heißt noch nicht bewiesen
Aber die Studie hat doch die Fachbegutachtung bestanden, den „Peer-Review“! Zählt das nichts? Doch, nur weniger, als viele glauben. Weithin als zuverlässiger Lieferant eines wissenschaftlichen Heiligenscheins gerühmt, bietet das Verfahren eine fachliche Eingangskontrolle, kein Wahrheitszertifikat. Zwei, drei Fachkollegen lesen das Manuskript, meist unbezahlt und nebenher, und prüfen, ob Methode und Schlussfolgerung zusammenpassen. Die Experimente wiederholt dabei niemand, und an die Rohdaten kommen die Gutachter oft gar nicht heran. So rutschen Rechenfehler und geschönte Ergebnisse durch, gelegentlich sogar frei erfundene Daten. Die Datenbank von Retraction Watch zählt inzwischen über 67.000 zurückgezogene Fachartikel, überwiegend aus begutachteten Zeitschriften. (13) Ernst wird es erst, wenn ein anderes Labor den Versuch wiederholt und dasselbe herausbekommt. Davon ist bei Dispenzas Zufallsgeneratoren bislang nichts bekannt. Und wer prüft hier wen? Explore ist ein Fachblatt für alternative Heilkunde und Grenzwissenschaft; einer seiner beiden Chefredakteure ist der Parapsychologe Dean Radin, leitender Wissenschaftler des kalifornischen Institute of Noetic Sciences, der selbst seit Jahrzehnten über Bewusstseinseffekte auf Zufallsgeneratoren publiziert. Gegenwind sieht anders aus.
Dass dieser Härtetest noch aussteht, lässt sich nicht wegmeditieren. Auch nicht mit 2.000 Leuten.
Wes Brot ich ess …
Dass HeartMath und Dispenza finanziell verbandelt sind, macht die Sensation nicht unbedingt glaubwürdiger. Seit langem bezahlt Joe Dispenza HeartMath-Studien aus seiner Community, über Spenden seiner Anhänger oder seine kommerziellen Einnahmen, etwa aus Buchverkäufen. Laut Pressemitteilung kam für die gesamte Datenerhebung Metamorphosis LLC auf: eine Forschungsfirma, die Dispenza 2021 gegründet und finanziert hat. Und die Analyse bei HeartMath? Bezahlt hat sie ein Zuschuss des InnerScience Research Fund, eines gemeinnützigen Fonds, der 2022 aus Dispenzas Unterstützerkreis hervorging. Laut Jahresbericht 2025 hatte der Fonds knapp sechs Millionen Dollar auf der hohen Kante. Eingenommen hatte er im selben Jahr rund 5,45 Millionen. Hier bezahlen also Überzeugte die Suche nach Belegen für ihre Überzeugung. Das macht die Ergebnisse nicht falsch. Aber es gehört auf den Beipackzettel.
Nicht zu vergessen: Dispenza ist Mitautor. Der Prüfling schreibt sein Zeugnis also gleich mit. Sollte ein Autobauer das Gutachten über seine eigenen Abgaswerte mitverfassen dürfen?
Wenn Geld und Weltbild am selben Ergebnis hängen, sieht man allzu gern, was man sehen möchte. Psychologen nennen das Bestätigungsfehler, Confirmation Bias. Für Dispenza sind solche Befunde jedenfalls Gold wert, denn sie geben seinen teuren Retreats den Anstrich von Wissenschaft. Das Geld läuft im Kreis: von den Anhängern über die Forscher zurück in Dispenzas Seminare, deren Einnahmen dann die nächste Studie bezahlen.
Bewiesen ist damit nichts, weder eine Fälschung noch ein gekauftes Ergebnis. Aber wer an einem Befund verdient, schaut erfahrungsgemäß nicht allzu genau hin, solange es ihm gefällt. Gerne zählt er die Treffer und übersieht die Nieten. Wie stark Geldgeber auf Resultate abfärben, ist aus der Pharmaforschung gut belegt: Vom Hersteller bezahlte Arznei- und Medizinproduktestudien melden rund ein Viertel häufiger günstige Ergebnisse und ein Drittel häufiger günstige Schlussfolgerungen als anders finanzierte, wie eine Cochrane-Übersicht belegt. (14) Umso dringender braucht es Prüfer, die nichts davon haben.
Das führt zu einem geschlossenen Kreislauf aus Community-Spenden, Event-Verkäufen und eigens beauftragter Forschung. Eine solche Interessenlage verlangt besondere Sorgfalt und unabhängige Bestätigung. Sie beweist weder eine Fälschung noch, dass ein gewünschtes Ergebnis gekauft wurde. Allerdings kann sie geneigt machen, bestätigende Muster stärker zu gewichten als widersprechende Befunde.
Und daraus folgt? Im Verbund mit einem wohlgesinnten Privatinstitut gelingt einem gefeierten Star der New-Age-Bewegung eine erstaunliche Verwandlung: Auf dem Weg von der Studie zur Pressemitteilung wächst ein dünnes Zahlenmuster zum weltumspannenden Bewusstseinswunder. Wie will das Alternativmilieu der Pharmaindustrie Gefälligkeitsforschung vorhalten, solange es seinen eigenen Gurus dasselbe durchgehen lässt?
Anzumerken gilt es fairerweise: Dispenzas geführte Meditationen und Atemübungen dürften ähnlich wirksam sein wie bewährte Entspannungsverfahren, etwa die „Stressbewältigung durch Achtsamkeit“ (MBSR) des US-Molekularbiologen Jon Kabat-Zinn. Sie können helfen, Anspannung abzubauen und zur Ruhe zu kommen. Teilnehmer schwärmen zuhauf von mehr Energie, innerer Ruhe, besserem Befinden.
Dafür braucht es freilich kein globales Bewusstseinsfeld. Ein ruhiger Atem genügt.
Ein “Doc” mit edler Vision: ein Herz für die ganze Welt
Auch das HeartMath-Institut verfolgt durchaus hehre Absichten. Seit 35 Jahren setzt es die Vision seines Gründers Doc Childre um, eines Musikers, Beraters und Unternehmers, Jahrgang 1945, dessen Biografie kein Hochschulstudium ausweist, geschweige denn einen akademischen Grad. (“Doc” ist kein abgekürzter “Doktor”, sondern Teil eines Vornamens: “Doc Lew”.) Childre wollte Methoden entwickeln, mit denen Menschen ihre Gefühle besser regulieren, Stress bewältigen und Gesundheit sowie zwischenmenschliche Beziehungen verbessern können. (15) Was in unserer Brust schlägt, ist für ihn mehr als eine Pumpe: nämlich ein „energetisches Herz“, Tor zu höheren Bewusstseinsfähigkeiten. Wie dessen Kräfte Gesundheit, gesellschaftliche Harmonie und den Umgang mit einer belastenden Welt fördern könnten, lässt er erforschen.
Nach Childres Vorgaben arbeitet HeartMath heute vor allem an drei Zielen:
· Menschen unterstützen, mit Stress umzugehen. Atemübungen, bewusst hervorgerufene positive Gefühle und Rückmeldungen über den eigenen Herzrhythmus sollen innere Ausgeglichenheit fördern. Bei diesem Biofeedback macht ein Sensor Körpervorgänge sichtbar, damit man in Echtzeit beim Üben verfolgen kann, wie sie sich verändern. Ein geordnetes, wellenförmiges Muster der Herzschlagabstände bezeichnet HeartMath als „Herzkohärenz“.
· Mitgefühl und Zusammenarbeit verbreiten. Das Institut möchte Menschen, Gruppen und Gemeinschaften zu einem fürsorglicheren Miteinander bewegen. Seine erklärte Mission: Seine erklärte Mission: mit Herzforschung die Welt freundlicher und mitfühlender machen
· Erforschen, ob und wie gemeinsame Gefühle und Absichten weltweit wirken. Die 2008 gestartete Global Coherence Initiative organisiert gemeinsame Meditationen und untersucht mögliche Verbindungen zwischen Menschen und dem Erdmagnetfeld. Das Global Consciousness Project 2.0 untersucht Zusammenhänge zwischen Aufmerksamkeit, Emotionen und physikalischen Zufallsprozessen – hierzu gehört die Dispenza-Studie.
Müssen Zufallsgeneratoren erst beeindruckt mitmachen, ehe man diese Ziele wertvoll finden kann? Für Gelassenheit, Mitgefühl und ein freundlicheres Miteinander braucht kein Gerät strammstehen. Ob die elektronischen Münzen dabei Kopf oder Zahl zeigen, kann einem herzlich egal sein.
Anmerkungen
(1) Entsprechende Sensationsmeldungen berufen sich hauptsächlich auf einen Beitrag auf Dispenzas eigener Website vom 16. Januar 2026 („Consciousness Has No Limits: Small Healer Groups Override Random Devices Globally – Just by Meditating“). Eine ähnliche Pressemitteilung veröffentlichte seine Firma Encephalon am 23. Januar. Es handelt sich somit um die Darstellung der Beteiligten. Die HeartMath-Studie („Correlations between onsite and global networks of random number generators during group healing meditations“, mit Dispenza als Koautor, erschien im März 2026 in der Zeitschrift Explore
(2) Joe Dispenza: Selbstauskunft zu Studium und Abschlüssen, Blogbeitrag auf drjoedispenza.com, https://drjoedispenza.com/dr-joes-blog/can-you-change-your-brain-by-thinking-differently
(3) Mit ihren Prüfern hatte die Chiropraktik-Hochschule schon Ärger: 2002 entzog ihr der zuständige Akkreditierungsrat CCE die Anerkennung des Chiropraktik-Studiengangs; bemängelt wurde unter anderem, wie die Studierenden lernten, wann ein Patient zum Arzt gehört. Erst ein Bundesrichter erzwang 2003 die vorläufige Wiederzulassung. Siehe „Life University Loses Accreditation From Chiropractic Council“, The Chronicle of Higher Education, 12.6.2002, https://www.chronicle.com/article/life-university-loses-accreditation-from-chiropractic-council/; Beth McMurtrie: „Life U. Settles Lawsuit With Accreditor of Its Chiropractic Program“, ebd., 26.6.2003, https://www.chronicle.com/article/life-u-settles-lawsuit-with-accreditor-of-its-chiropractic-program/; zu den Beanstandungen: AccessWDUN, 11.6.2002, https://accesswdun.com/print/2002/6/193680.
(4) Life University: Mission, Vision & Values, https://www.life.edu/about/mission-and-values/mission/ Vitalismus als „recognition that the Universe itself is self-conscious“.
(5) Nachum Plonka, Scott Davies, Mike Atkinson, Kevin Crowe, Joe Dispenza, Rollin McCraty: „Correlations between onsite and global networks of random number generators during group healing meditations“, Explore – The Journal of Science and Healing (Elsevier) 2026, DOI 10.1016/j.explore.2025.103312, PubMed-ID 41485440, https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S1550830725002034
(6) Waren die zehn Saalgeräte zugleich Teil des Weltnetzes? Falls die Studie sie dort nicht herausrechnet, wäre ein Teil der Ähnlichkeit schlicht eingebaut – das wäre ein Kernargument.
(7) G. Udny Yule: „Why do we sometimes get nonsense-correlations between time-series?“, Journal of the Royal Statistical Society 89 (1926), Heft 1, S. 1–63.
(8) Joe Dispenza: „Consciousness Has No Limits: Small Healer Groups Override Random Devices Globally – Just by Meditating“, drjoedispenza.com, 16.1.2026, https://drjoedispenza.com/scientific-research/consciousness-has-no-limits-small-healer-groups-override-random-devices-globally-just-by-meditating – auf diesen Beitrag berufen sich die meisten Sensationsmeldungen; es ist die Darstellung der Beteiligten.
(9) Encephalon (Dispenzas Firma): gleichlautende Pressemitteilung, PR Newswire, San Diego, 23.1.2026, https://www.prnewswire.com/news-releases/consciousness-has-no-limits-small-healer-groups-override-random-devices-globally--just-by-meditating-302669209.html.
(10) Peter A. Bancel: „Searching for global consciousness: A 17-year exploration“, Explore 13 (2017), Heft 2, S. 94–101, DOI 10.1016/j.explore.2016.12.003.
(11) Ronald L. Wasserstein, Nicole A. Lazar: „The ASA’s Statement on p-Values: Context, Process, and Purpose“, The American Statistician 70 (2016), Heft 2, S. 129–133, DOI 10.1080/00031305.2016.1154108.
(12) Encephalon: gleichlautende Pressemitteilung, PR Newswire, San Diego, 23.1.2026, https://www.prnewswire.com/news-releases/consciousness-has-no-limits-small-healer-groups-override-random-devices-globally--just-by-meditating-302669209.html.
(13) Andrew Gelman, Hal Stern: „The Difference Between ‚Significant‘ and ‚Not Significant‘ is not Itself Statistically Significant“, The American Statistician 60 (2006), Heft 4, S. 328–331, https://sites.stat.columbia.edu/gelman/research/unpublished/signif3.pdf.
(14) Retraction Watch Database, Stand Oktober 2026.
(15) Andreas Lundh, Joel Lexchin, Barbara Mintzes, Jeppe B. Schroll, Lisa Bero: „Industry sponsorship and research outcome“, Cochrane Database of Systematic Reviews 2017, Heft 2, MR000033, DOI 10.1002/14651858.MR000033.pub3.


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