• Dr. Harald Wiesendanger

Tanzen gegen Corona-Tristesse

Aktualisiert: Mai 1

Ein französischer Protestsong geht viral: „Danser Encore“ geht zu Herzen und in die Beine. Er lädt ein, nicht länger stillzusitzen, sich isolieren zu lassen - sondern gemeinsam aufzustehen, sich in Bewegung zu setzen.


In Frankreich ist „Danser Encore“ zur Hymne des friedlichen Widerstands gegen die Coronapolitik geworden. Immer öfter bilden sich spontan Gruppen von Leuten aus allen Generationen, die ihre Masken herunterziehen, um gemeinsam das lebensfrohe Lied anstimmen, während sie dazu ausgelassen tanzen: auf Plätzen, in Fußgängerzonen, in Parks, vor Bahnhöfen, an Uferpromenaden. Viele Umstehende lassen sich mitreißen. „Wir wollen tanzen“, so singen sie, „sehen, wie unsere Gedanken unsere Körper umarmen, und unser Leben nicht in Raster pressen lassen. Wir sind wie Zugvögel, weder zahm noch gefügig. Wenn am Abend der König sein Urteil fällt, dann erweisen wir ihm keine Reverenz. Unser Vertrauen ist durch die autoritären Maßnahmen zerstört. Lassen wir uns nicht bange machen von den Verkäufern der Angst.“ Die aufrüttelnde Botschaft lautet: Leben bedeutet nicht warten, bis der Sturm vorüberzieht – sondern im Regen zu tanzen.


Für „Flashmobs“ eignet sich der mitreißende Song hervorragend. Weil die Performance nicht an Sicherheitsabständen scheitert, sind Ordnungshüter machtlos.


Das frech-fröhliche Lied stammt von dem französischen Musiker Kaddour Hadadi, Sohn algerischer Einwanderer, und seiner Gruppe HK et les saltimbanks. Saltimbanques: das sind Gaukler, Unterhaltungskünstler, die sich ihrem Publikum auf offener Straße präsentieren – lauter Corona-Geschädigte also, deren berufliche Existenzen staatlicher Hygieneterror massenhaft zerstört hat.


Zwei Millionen Mal wurde das offizielle Musikvideo bei YouTube bereits aufgerufen. Zahlreiche Clips von Aktionen, die Nachahmer zeigen, haben bis zu einer Million Klicks erreicht, siehe z.B. hier am 4. März im Pariser Bahnhof Gare du Nord, hier am 24. Februar in Marseille, hier am 21. März in der westfranzösischen Hafenstadt La Rochelle. Oder auch hier, hier, hier und hier.


Eine deutsche Version des Liedtexts findet sich unter anderem hier. Eine filmisch dürftig umgesetzte, stimmlich eher unterbemittelte Performance bietet eine Drei-Mann-Gruppe hier.


In den ersten Tagen seiner Amtszeit hatte Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron für Empörung gesorgt, als er jene demütigte, die „nichts sind“: „Il y a des gens qui réussissent et ceux qui ne sont rien — Es gibt Leute, die Erfolg haben, und solche, die nichts sind“. Diese menschenverachtende Bemerkung griff Hadadi auf, als er Macron einen musikalischen Entlassungsbrief schickte: „Les fainéants sont dans la rue — Die Nichtsnutze sind auf der Straße.“


„Eine Zeit lang war von der Protestmentalität der Franzosen nicht viel zu spüren“, schreibt die französische Autorin Kerstin Chavent in einer Laudatio auf „Danser Encore“. „Sie schien sich mit der zerschlagenen Gelbwestenbewegung und den durchwachten Nächten erschöpft zu haben. Doch mittlerweile zieht ein frischer Frühlingshauch durchs Land, der die Menschen wieder aus ihren Häusern und auf die Straße holt. Die Leute haben die Nase voll. Ras-le-bol! Es wird wieder demonstriert. Während manche Impfdose vergeblich auf Kunden wartet, brodelt und gärt die allgemeine Unzufriedenheit. Ob Resignation oder Revolution den Ton angeben, das wird gerade entschieden.“

Harald Wiesendanger

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