top of page

Schuster, operier!

Autorenbild: Dr. Harald Wiesendanger
Dr. Harald Wiesendanger
vor 3 Tagen
7 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 2 Tagen

Neunzehn Gesundheitsminister seit 1961, zwei davon Ärzte. Rekordausgaben, hintere Plätze bei der Lebenserwartung, ein Masken-Milliardengrab – und ein frisch ernannter Minister, der ein Jahr zuvor selbst erklärt hatte, er tauge nicht für das Amt. Das ist kein Zufall, sondern Betriebsanleitung. Eine Glosse über Kuchen, Listenplätze und eine Minusstimme, mit der sich Wähler endlich wehren könnten.

Im Mai 2025 tat Carsten Linnemann etwas, das in Berlin seltener vorkommt als ein pünktlicher ICE: Er gab zu, von etwas nichts zu verstehen. Als Gesundheitsminister, sagte der CDU-Generalsekretär, wäre er wohl gescheitert. Die Leute hätten gefragt: Was hat der damit zu tun? Schuster, bleib bei deinem Leisten. (1)


Vierzehn Monate später war er Gesundheitsminister. (2)


Der Schuster operiert jetzt.


538 Milliarden für Platz 15


Deutschland gab 2024 für Gesundheit 538 Milliarden Euro aus, 12,4 Prozent seiner Wirtschaftsleistung. (3) Und bekam dafür? Platz 15 von 16 bei der Lebenserwartung westeuropäischer Männer, Platz 14 bei den Frauen. (4) Seit 2000 wuchs der Rückstand von 0,7 auf 1,7 Jahre – vor allem, weil hierzulande mehr Menschen an Herz und Kreislauf sterben, also an Leiden, denen man vorbeugen kann. (5) Sogar die Briten, deren Gesundheitsdienst als Dauerpatient gilt, überholen uns. (4) Ein Spanier zahlt weniger für seine Gesundheit und lebt länger. Ein Deutscher zahlt mehr – und ist eher tot. Wir bestellen das teuerste Menü in ganz Westeuropa – und müssen als Erste vom Tisch aufstehen.



Galerie der Nebenwirkungen


Die Ahnengalerie der Gesundheitsminister liest sich wie ein Beipackzettel: Die Nebenwirkungen beginnen beim ersten Namen und hören beim neunzehnten nicht auf. Horst Seehofer beerdigte 1995 die Arzneimittel-Positivliste, die der Pharmaindustrie Milliarden gekostet hätte; Rot-Grün wollte sie wiederbeleben und scheiterte ebenso. (6) Unter Ulla Schmidt kamen die Fallpauschalen; seither zählen Kliniken Diagnosen statt Genesungen. Daniel Bahr heuerte nach dem Amt bei der Allianz-Krankenversicherung an – kaum hatte er das Ministerbüro geräumt, nahm er die Drehtür. Jens Spahn kaufte in der Pandemie gegen den Rat seiner Fachabteilungen Masken für 5,9 Milliarden Euro; das Prozessrisiko für den Steuerzahler liegt bei rund 2,3 Milliarden. (7) Karl Lauterbach versprach eine Krankenhaus-Revolution; Schwarz-Rot schob sie prompt um ein Jahr auf. Und für 2027 klaffte in den Kassen ein Loch von 18,8 Milliarden Euro. (8) Zu Coronazeiten drängte derselbe Karl verängstigten Schafen eine angeblich nebenwirkungsfreie „Schutz“impfung auf – Zehntausende starben daran oder erlitten dauerhafte Schäden, maskiert als angebliches Long Covid.


Und die Prävention? Bekommt Krümel. Man kann ihr halt keine Rechnung schreiben. Die Komplementärmedizin? Wird verteufelt oder verschlafen, selten geprüft. Dass es anders geht, zeigt die Akupunktur: Große Studien belegten Nutzen bei Knie- und Rückenschmerz, seit 2007 zahlen die Kassen. (9) Wenigstens einmal hat man nachgemessen statt nachgebetet. Und dabei blieb es.


Wer saß am Steuer? Von 19 Gesundheitsministern seit 1961 hatten zwei Medizin studiert, Philipp Rösler und Karl Lauterbach. Der Rest: Juristen, Ökonomen, Pädagoginnen, Bankkaufleute, ein Verwaltungswirt. Nina Warken, Juristin ohne gesundheitspolitische Vorgeschichte, hatte sich gerade eingearbeitet, da beförderte Merz sie ins Kanzleramt. (10) Das Gesundheitsministerium ist in Berlin, was das Fegefeuer im Katholizismus ist: Man bleibt nur so lange, bis man für Höheres geläutert ist.


Und die beiden Ärzte? Bewiesen nur, dass ein Stethoskop allein nichts gegen den Apparat ausrichtet. Ihren Sachverstand, soweit vorhanden, gaben sie anscheinend ohnehin am ersten Tag an der Garderobe ab. Abgeholt hat ihn keiner. Wie sonst könnte einem Medizin“professor“ entfallen, dass unsereins auch zu Pandemiezeiten ein Immunsystem besitzt; dass ein PCR-Test keine Infektion nachweist; dass auch für Vakzine, zumal neuartige, das Prinzip „Keine Wirkung ohne Nebenwirkung“ gilt? Als er der panischen Nation weismachte, handelsübliche Mund-Nasen-Masken könnten Winzlinge wie hundert Nanometer große Viren aussperren, hätte er ebensogut empfehlen können, sich zum Schutz vor Stechmücken einen Maschendraht um den Kopf zu wickeln.



Kuchen statt Kompetenz


Warum herrscht so viel Inkompetenz im Politikbetrieb, bis hinauf zu den obersten Etagen? Nominiert wird nicht der Sachkundige, der sich gründlichst einarbeitet, Parteigenossen mit Wissensvorsprung blamiert und nicht umknickt, solange er recht hat, sondern der biegsame, liebedienernde Kuchenbringer mit Hausbesuchen bei den Delegierten. (11) Fachleute sprechen von negativer Selektion, der Volksmund nennt es Hochdienen: Nach oben kommt, wer dem Apparat nicht gefährlich wird. Ministerämter verteilt man nach Proporz – Landesverband, Flügel, Loyalität, Geschlecht, Farbe, demnächst wohl auch nach sexueller Orientierung. Mitmischen darf, wer ein telegenes Erscheinungsbild und demoskopisch ermittelte Beliebtheit mitbringt. Fachkunde rangiert irgendwo zwischen Haarfarbe und Sternzeichen. Das Gesundheitsressort gilt im Koalitionspoker als Schleudersitz, nicht als Krönung: Man nimmt es, wenn nichts Besseres übrig ist.


Das Wahlrecht macht den Betrieb wetterfest. Wer auf Listenplatz drei steht, muss nicht die Wähler überzeugen, sondern den Kreisvorstand. Ist nicht jede Listenwahl im Grunde unvereinbar mit der Unmittelbarkeit, die Artikel 38 des Grundgesetzes verlangt? (12)


Obendrein Amtszeiten von im Schnitt dreieinhalb Jahren; ein Facharzt braucht länger, bis er allein operieren darf. Dazu Verbände, die beim Gesetzeschreiben den Stift halten. Und eine Branche, deren Umsatz mit jedem Gesunden sinkt.


Staatsgefährdend ahnungslos


„Er weiß nichts, und er glaubt, alles zu wissen. Das deutet eindeutig auf eine politische Laufbahn hin”, ätzte George Bernard Shaw. Es gilt, solche Karrieren frühzeitig zu verhindern. Es muss Schluss sein mit Parteilisten, Schluss mit Staatsgeld für Parteien. Empört sich Karl Jaspers nicht völlig zurecht; „Die Staatsführung liegt in den Händen der Parteienoligarchie. Sie usurpiert den Staat” und behandelt das Wahlvolk „als Stimmvieh, das nur über das Maß der Beteiligung der einzelnen Parteien an der Regierung entscheidet“. (13) In solchen Gebilden pflegt sich das Peter-Prinzip auszutoben: „In a hierarchy, every employee tends to rise to his level of incompetence.“ 


Drei von vier deutschen Bundesministern saßen vorher als einfache Abgeordnete im Parlament – neuerdings für 11.833,47 Euro pro Monat an Diäten, plus 5.467,27 Euro steuerfreie Unkostenpauschale; diese allein übertrifft das durchschnittliche Bruttogehalt einer Vollzeit-Pflegekraft. Wie viel Qualität rückt aus diesem wohltemperierten Rekrutierungsbecken ins Kabinett nach? Von 630 Gewählten der Bundestagswahl 2025 nennt jeder Vierte als Beruf bloß sein politisches Amt, also keinen außerhalb der Politik; 52 verweigern in ihrer Vita hierzu jegliche Angabe. Laut Stuttgarter Zeitung haben 81 Prozent einen “akademischen Hintergrund” – Abbrecher zählte sie dabei mit. Weil die Angaben zur Person freiwillig sind und zwecks Datenschutz größtenteils unter Verschluss bleiben, weiß der Bundestag selbst nicht genau, wie viele seiner Mitglieder je außerhalb der Politik gearbeitet haben.


Die Minusstimme als Heilmittel


Nur Personen sollten zählen: ihre Erfahrung, ihr Wissen, ihr Können, ihr Charakter. Der Mathematiker Prof. Thomas Rießinger schlägt vor: Kandidieren darf nur, wer eine Ausbildung abgeschlossen und zwei Jahre außerhalb des Parteibetriebs gearbeitet hat; Lügen in der Selbstauskunft sind strafbar. Jeder Wähler vergibt bundesweit zehn Plus- und zehn Minusstimmen; ins Parlament ziehen die 300 Kandidaten mit der besten Nettobilanz ein. (12)


Zwei Berufsjahre vorzuschreiben, wäre übrigens die Weichspülfassung. Rom ließ zum untersten Amt erst zu, wer zehn Jahre Kriegsdienst hinter sich hatte, Konsul wurde man nicht vor 42; China siebte seine Beamten 1300 Jahre lang durch dreistufige Prüfungen in verriegelten Zellen, bestanden haben zwei bis fünf Prozent. Venedig wählte seinen Dogen in zehn Runden, fünfmal Los, fünfmal Abstimmung, damit niemand wusste, wen er bestechen sollte; das Verfahren hielt 529 Jahre. Und Athen prüfte jeden Amtsträger vor dem Antritt und zog ihn nach dem Abgang vor das Volksgericht – eine Sitte, bei der Jens Spahn nach vier Jahren als Großeinkäufer der Nation nicht die Fraktion übernommen hätte, sondern einen Strafverteidiger. (14)


Es droht Idiokratie


Wenn die Stimmen von Ahnungslosen darüber entscheiden können, wer uns regiert, droht Idiokratie, die Herrschaft von Vollpfosten. Was tun? Rießingers Eintrittsprüfung fürs Wahllokal – zwölf Fragen zu Allgemeinbildung und Politik, mindestens neun richtige Antworten, sonst bleibt die Urne zu – dürften Karlsruher Verfassungswächter zügig in Ablage P entsorgen, ehe der Kaffee kalt ist. Aber allein schon die Minusstimme wäre Gold wert: Endlich könnte man eine Niete aus dem Parlament hinausbefördern, statt ihm bloß ein Kreuzchen auf dem Wahlzettel vorzuenthalten. Ein Abgeordneter, der seine Wähler mehr fürchtet als seinen Kreisvorstand und seine Fraktion – das wäre die eigentliche Gesundheitsreform.


Fürs Gesundheitsministerium sollten fünf Regeln in keinem Koalitionsvertrag fehlen:

  • Medizinische Fachkunde als Amtsvoraussetzung - nachgewiesen durch Berufsjahre, nicht durch Parteitage.

  • Anhörung vor Amtsantritt wie bei EU-Kommissaren. Wer im Ausschuss durchfällt, wird nicht vereidigt.

  • Fünf Jahre Karenz vor dem Wechsel zu Pharma und Versicherern.

  • Ein fester, stattlicher Anteil des Budgets für Vorbeugung – ins Gesetz geschrieben, nicht in die Sonntagsrede.

  • Ein unabhängiges Institut, das Schul- und Komplementärmedizin am selben Maßstab misst: dem Nutzen für den Patienten. (Meine Stiftung Auswege hilft dabei gerne mit.)


Linnemann hatte ja recht. Nur liest man in Berlin das Sprichwort von hinten: Schuster, nimm jedes Amt – bloß nicht das, von dem du etwas verstehst.



Anmerkungen

(1) Nordkurier, 25.07.2026: „Schuster der Macht: Warum Carsten Linnemann jetzt Gesundheitspolitik macht“ – mit Linnemanns Zitat vom Mai 2025.

(2) Bundesministerium für Gesundheit, Meldung vom 29.07.2026: „Carsten Linnemann neuer Gesundheitsminister“.

(3) Statistisches Bundesamt (Destatis), Gesundheitsausgabenrechnung 2024: 538,2 Mrd. Euro, 12,4 % des BIP; zit. n. Berliner Zeitung.

(4) Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB) / Max-Planck-Institut für demografische Forschung: Studie im European Journal of Epidemiology (2023) zum Lebenserwartungsranking in 16 westeuropäischen Ländern; zit. n. ihre-vorsorge.de und zm-online.

(5) Grigoriev, P. et al.: Bundesgesundheitsblatt 2024, DOI 10.1007/s00103-024-03867-9; zit. n. Deutsches Ärzteblatt, 22.05.2024.

(6) Ärzte Zeitung, 22.05.2012: „Die Positivliste – ein Zombie“.

(8) GKV-Finanzlücke 2027 von 18,8 Mrd. Euro: krankenkasseninfo.de; Verschiebung der Krankenhausreform um ein Jahr: Der Freitag.

(9) Gemeinsamer Bundesausschuss, Beschluss vom 18.04.2006 zur Aufnahme der Akupunktur bei chronischen Knie- und Lendenwirbelsäulenschmerzen in den GKV-Leistungskatalog (in Kraft seit 1.1.2007), gestützt auf die GERAC-Studien (u. a. Haake, M. et al., Archives of Internal Medicine 2007; Scharf, H.-P. et al., Annals of Internal Medicine 2006).

(10) Zahnärztliche Mitteilungen (zm-online), „Nina Warken wird neue Gesundheitsministerin“ (2025); Volksstimme/dpa, 23.07.2026: „Nina Warken vor Wechsel ins Zentrum der Macht“.

Kommentare

Mit 0 von 5 Sternen bewertet.
Noch keine Ratings

Rating hinzufügen
"Auswege Infos" abonnieren
und keinen neuen KLARTEXT-Beitrag verpassen.
"Auswege Infos" ist der Gratis-Newsletter meiner Stiftung Auswege.

© 2021 by Harald Wiesendanger

bottom of page