• Dr. Harald Wiesendanger

Positives Denken - die schwierige Balance zwischen Zuversicht und Schönfärberei

Optimisten sind gesünder. Also sollten Patienten positiv denken? Kann man das lernen? In den Therapiecamps meiner Stiftung Auswege wird versucht, Kranke von übersteigertem Pessimismus zu befreien und ihnen eine Zuversicht zu vermitteln, die auf einer realistischen Einschätzung der eigenen Möglichkeiten beruht – nicht auf rosarotem Wunschdenken.


W er schwerkrank in ein „Auswege“-Camp kommt, betritt kein Jammertal, in dem gemeinsam Wunden geleckt, eimerweise Tränen vergossen und Klagelieder auf das ungerechte, grausame Schicksal angestimmt werden. Ihn erwartet Mitgefühl, aber kein Mit-Leid. Seine Beschwernisse werden ernstgenommen, Vorrang hat aber, ihn davon zu entlasten – nicht nur, indem seine Symptome gelindert werden, sondern auch durch eine geistige Befreiung, hin zu neuen Perspektiven, Hoffnung und Zuversicht.


Denn ausufernder Pessimismus tut niemandem gut, schon gar nicht Menschen, denen es krankheitsbedingt ohnehin schon schlecht geht. Unter den Campteilnehmern treffen wir immer wieder auf Charaktere, die sich meisterlich aufs Schlechtreden ihrer selbst („Das schaffe ich ja doch nicht!“, „Da ist nichts mehr zu machen!“), auf krea­­tives Zersetzen („Das bringt unmöglich etwas!“) und das Rollen­spiel des hilflosen Opfers verstehen. Allen Übeln dieser Welt fühlen sie sich wehr­los ausgesetzt: dem ungerechten Herr­gott, dem grausamen Schick­sal, blindem Zufall oder bösen Anderen. Stets sind sie aufs Schlimm­­ste gefasst, unternehmen aber wenig bis gar nichts, es zu verhindern – es nützt ja sowieso nix.


In solchen Patienten Optimismus zu wecken, hat beachtliche medizinische Gründe. Eine Vielzahl von wissenschaftlichen Studien deutet übereinstimmend darauf hin, dass zuversichtliche Menschen sich rascher von Operationen erholen; nach Verlet­zun­­gen heilen ihre Wunden schneller; nach Infektionen und Impfungen produzieren sie mehr Antikörper; sie spüren weniger Schmerz, gehen seltener zum Arzt, stecken sich weniger häufig mit Erkältungserregern an, entwickeln seltener Hypertonie - krank­haft hohen Bluthochdruck -, ein Herzleiden oder die Parkinson-Krankheit; ihr Risiko, depressiv und dement zu werden, ist geringer. Weil sie gelassener auf Stress reagieren, sich weniger sorgen, bei Problemen eher an Lösungen glauben und kreativ nach solchen suchen, schüttet ihr Körper weniger Stresshormone wie Adrenalin aus, ihr Herzschlag bleibt ruhiger, der Blutdruck niedriger.


Optimismus, so nehmen Evoluti­onsbiologen und Neurologen an, ist mehr als bloß eine intellektuelle Option neben anderen. Er entwickelte sich schon früh in der Mensch­heits­geschichte, hat sich in unserem Genom verankert und tief in unser Gehirn eingebrannt: in den ausgeprägten Frontallappen, mit deren Ent­wicklung unsere fernen Vorfah­ren begannen, Werkzeuge herzustellen, neue Problemlösungen zu finden, Handlungen zu planen, durch die ihre Ziele leichter erreichbar wurden – und vor allem Selbstbewusst­sein zu erlangen, einschließlich der Fähigkeit zur bewussten Vor­aus­schau.


Damit verschaffte sich homo sapiens einen klaren Überlebensvorteil, allerdings zu einem hohen Preis: Die Gewissheit, dass uns irgendwann in der Zukunft Alter, Krank­heit, das Nachlassen geistiger und körperlicher Kräfte, schließlich der Tod erwarten, stimmt nicht sonderlich optimistisch. Nach Ansicht des US-Mediziners Ajit Varki von der Uni­versität San Diego hätte das Wis­sen um die eigene Sterblichkeit für sich genommen die Evolu­tion in eine Sackgasse gef­ührt (1): Existenzielle Ver­zweif­­lung hätte die all­täglichen Funk­tio­­nen beeinträchtigt, die zum Überleben not­wendigen Aktivi­tä­ten und kognitiven Vorgänge zum Erlie­gen ge­bracht. Ein zö­gernder, grüblerischer Melancholiker, der nie­dergeschlagen durch die Steppe schlurft und der letztlichen Vergeb­lich­keit allen Trachtens und Mühens nachsinnt, wäre im evolutionären Überlebenskampf gewiss kein Sie­ger­typ gewesen. Die Fähigkeit zu be­wussten mentalen Zeitreisen, so Var­ki, konnte im Laufe der Evolu­tion nur dann begünstigt werden, wenn sich gleichzeitig geistige Mecha­­nismen ausbildeten, Übles zu verdrängen, das auf einen zukommt. Mit anderen Worten: Mit dem Ver­mö­gen, sich die Zukunft auszumalen, musste sich zeitgleich die Nei­gung zum Optimismus entwickeln – um Wissen zu verdrängen, das im Daseinskampf belasten würde. „Ein Gehirn, das bewusst durch die Zeit reisen kann, wäre ohne realistischen Optimismus eine evolutionäre Bar­riere“, meint die Neurologin Tali Sharot von der Universität London: Bewusste Vorausschau mit Optimis­mus zu paaren, war notwendig, weil „eines ohne das andere nicht überdauert hätte.“ (2)

Hinweise darauf, dass uns allen ein genetisch mitgesteuerter Akku des inneren Sonnenscheins in die Wiege gelegt worden ist, liefert die Zwil­lings­forschung. Etliche Studien an ein- und zweieiiigen Zwillingen, die getrennt in teilweise recht unterschiedlichen Milieus aufgewachsen sind (3), deuten darauf hin: Ein be­trächtlicher Teil des Optimismus liegt im menschlichen Erbgut. (Ex­per­tenschätzungen bewegen sich in einer Bandbreite von 25 bis 50 Pro­zent.)


Diese angeborene Zuversicht, unserem Gehirn regelrecht imprägniert, beschert uns viele Vorzüge, sie erleichtert das Leben, das Selbst­gewisse eher belohnt als Zögerer. Optimisten sind beliebter, werden als attraktiver wahrgenommen, haben mehr Freunde, ihre Ehen funktionieren besser, sie finden leichter Arbeit, kommen auf Karriereleitern zügiger voran. Milde Verblendungen lindern Angst, bewahren vor Zaghaftigkeit und unnötigen Selbstzweifeln, stärken den Mut, vertraute Pfade zu verlassen, Neues in Angriff zu nehmen, sich ehrgeizige Ziele zu setzen. Ein frohgemuter Charakter stabilisiert die Psyche, vertreibt Missstimmun­gen zügiger. Statt über die Dunkel­heit zu jammern, zündet der Opti­mist eine Kerze an; um Schatten hinter sich zu lassen, wendet er sich einfach der Sonne zu; dass das Licht am Ende des Tunnels auch ein entgegenkommender Zug sein könnte, beunruhigt ihn nicht. Erfolge hält er sich selber zugute, Misslungenes hingegen führt er eher auf Zufall, widrige Umständen oder sabotierende Mit­men­schen zurück – das hilft Rück­schläge wegzustecken, stärkt das Durch­haltevermögen, wappnet ge­gen Minderwertigkeitsgefühle, po­liert das Selbstbild auf. Von daher rät einer der weltweit angesehensten Psy­chologen unserer Zeit, der Nobel­preisträger Daniel Kahneman: „Wenn Sie einen einzigen Wunsch frei haben für Ihre Kinder, ziehen Sie ernsthaft Optimismus in Betracht.“ (4)

Nicht erst bewusste Entscheidungen aufgrund gesammelter Erfahrungen, sondern neuronale Vorprogrammie­rungen machen uns von Kindes­beinen an dazu geneigt, unangenehme Informationen eher flüchtig zur Kenntnis zu nehmen, uns Unerfreu­liches nur dürftig und distanziert vor­zustellen, während wir uns Posi­tives lebhaft ausmalen, in Details schwelgen, absehbar Schönes im voraus auskosten. Die Tendenz zur Schönfärberei ist uns allen angeboren – erst häufige, langanhaltende Frustrationen können sie kippen und ins Gegenteil umschlagen lassen.


Der eingebaute Zuversichtsgene­rator, mit dem wir zur Welt kommen, bleibt intakt, wenn frühkindliches Ur­vertrauen durch eine sichere, schützende, verlässliche Bindungen bietende Umgebung bestätigt wird, insbesondere durch eine Mut­ter, die liebevolle Zuwendung und Fürsorge bietet. Der Generator kann Schaden nehmen, wenn dieses Ur­vertrauen enttäuscht und zerstört wird, und schließlich ganz aussetzen: durch traumatische Schock­erleb­nisse oder wenn bedrückende Erfahrungen allzu lange, schmerzlich und scheinbar unabänderlich anhalten.


Wenn Optimismus dermaßen segensreich ist: Kann man ihn lernen, falls er verlorengegangen ist? Lässt sich die anscheinend so heilkräftige Zuver­sicht durch irgendwelche Übungen herbeibeschwören? Leiten wir in „Aus­wege“-Camps dazu an?


Täten wir es, so begäben wir uns in gefährliches Fahrwasser. Wir gerieten in ideologische Nähe zu einem aufsässigen Zeitgeistphänomen, das in den USA seit Jahrzehnten geradezu epidemisch immer größere Be­rei­che des öffentlichen Lebens durchdringt und längst auch in Westeuro­pa Fuß gefasst hat: die Bewegung des „Positiven Denkens“. In Gang ge­­­kommen kurz nach Ende des Zwei­ten Weltkriegs, nahm sie seit den sechziger Jahren rasant Fahrt auf, propagiert von wortgewandten Lebenshelfern mit Gespür für griffige, eingängige Slogans und Parolen - namentlich Dale Carnegie, Joseph Murphy, Norman Vincent Peale und Fre­derick Bailes. Verunsicherten, des­illusionierten, verzagten Mit­bürgern verkündeten sie eine frohe Bot­schaft von beeindruckender Schlichtheit: Gesund, glücklich, erfolgreich und steinreich zu werden, ist weder Zu­fall noch Schicksal noch das Ergebnis langwierigen, angestrengten Bemü­hens, sondern kinderleicht zu haben - durch konsequente Änderung der Denkweise. Blende Negatives systematisch aus, sei immer nur positiv. Der Rest ergibt sich wie von selbst.


So verlockend klang diese Verhei­ßung, dass daraus im Nu ein florierender Markt der Selbstbeglückung erblühte. In Bestsellerlisten schießen die Ratgeber der Chefpropagan­di­sten seither zuverlässig auf Spit­zenpositio­nen (5); bereitwillig räumen Fernseh­sen­der für sie Programm­plätze, Illustrierte Titelseiten frei; mit Kick-offs, Push-ups und Tsjakkaa!-Gebrüll füllen Motivationstrainer mühelos ganze Säle; „Coaches“ werden die Praxistüren eingerannt, so als hielte dort Pinocchios blaue Fee Audienz (6), Workshops von Selbst­hilfe-Gurus sind zuverlässig ausgebucht, zu stetig steigenden Preisen. Unter­stüt­zende „Mental-CDs“ mit Subliminals, unterschwelligen Bot­schaften, sind zu Kassenschlagern ge­worden, auch Kalender, Gruß­karten, T-Shirts, Schlüsselanhänger, Kugelschreiber, Geschirr, selbst be­druckte Autoreifen mit erbaulichen Sinnsprüchen, „wissenschaftlichen Gebeten“ und „positiven Affirmatio­nen“ zur Selbst­manipulation, finden reißenden Ab­satz. Hotlines machen stimulierende Kurztexte abrufbar. Das Grinse-Smiley ist zum meistverwendeten Ausdrucksmittel der Internetkom­munikation geworden, in Montana eröffnete ein Lokal als „Positive Pizza and Pasta Place“ – offenbar in Ab­grenzung von all den missmutigen, trübsinnigen Pizza­bäckern andernorts -, eine Ein­zel­handelskette wirbt mit dem Motto „Das Leben ist schön“, Bobby McFer­rins Überraschungshit „Don´t Worry, Be Happy!“ ist zum zeitlosen Ohr­wurm geworden, und der kernige Slogan „Yes, we can!“ bahnte Barack Obama den Weg ins Weiße Haus.


Willkommene Schützenhilfe leistete die in den sechziger Jahren aufkommende Esoterikwelle, ins Rollen gebracht teils durch aufsehenerregende „übernatürliche“ Phänomene, teils durch den Import fernöstlicher Weisheitslehren und Selbstopti­mie­rungstechniken. Ein Großteil dessen, was Buddha unter „richtigem Den­ken“ verstand, fügt sich vortrefflich in den Zitatenschatz von Murphy­anern und Carnegisten ein. Auf dem Pfad zur Erleuchtung verbindet der Buddhist positives Denken mit Me­di­tation. Im Yoga beispielsweise finden sich zwei Übungen namens „Ge­hen“ und „Radfahren“, bei der man denken soll: „Ich gehe den Weg des Positiven“; bei der einen geht man wäh­renddessen auf der Stelle und be­wegt die Arme wie die Treib­stangen einer Dampfloko­mo­tive, bei der anderen imitiert man mit Armen und Beinen die Bewegungs­abläufe beim Radfahren. im zweiten Fall wählt man zusätzlich „meinen positiven Satz für heute“: Welcher gibt mir Kraft und Mut? Was stimmt meinen Geist positiv?


Wenn man psychokinetisch Löffel verbiegen, durch konzentrierte Willenskraft ohne Schmerzen barfuß über glühende Kohlen laufen, stundenlang auf Nagelbrettern ausharren, sich an eisernen Haken in den Brustwarzen aufhängen lassen oder mit bloßen Händen einen Stapel Zie­gelsteine zertrümmern kann: Erweist sich darin nicht die grandiose Macht des menschlichen Geistes? Dass Psi-Phänomene, soweit sie nicht auf Tricks und Täuschungen beruhen, überaus selten und nie berechenbar auftreten; dass die weitgehende Schmerzunempfindlichkeit von Fa­ki­ren, die monströse Kraft­meierei von Eisenhemd-Qigonglern, Shaolin-Mönchen und anderen asiatischen Kampfkünstlern jahrelanges, hartes Training voraussetzen; dass Spek­takel wie der Feuerlauf sehr wohl durch physikalische Faktoren erklärbar sind, deren Missachtung auch bei Positivstgestimmten zu schweren Verbrennungen führen kann: All dies ist Salz in der rosa Suppe, das sich im rechten Neugeist mühelos wegschmecken lässt.


Seit den achtziger Jahren erfasst der Selbstoptimierungsboom zunehmend das Big Business. Immer mehr Firmen lassen Mitarbeiter in Semi­naren zu Positivdenkern schulen, holen Motivationsgurus ins Haus; großformatige Motivationsposter zieren Bürowände, in Werkskantinen stehen Kaffeetassen mit anspornenden Sprüchen herum. Führungs­kräf­te lernen, durch positives Denken zu kreativeren Problemlösern und erfolgreicheren Performern zu werden. („The Sky is the Limit.“) In die amerikanische Unternehmenskultur hat „positive“ Kommunikation Ein­zug gehalten, mit dem Dauerlächeln potentieller „Gewinner“ gepflegt von jederzeit ausnahmslos „positiv“ gestimmten Belegschaften. Gekün­digte werden nicht mehr gefeuert, sondern „freigestellt“, um anderswo „eine Chance zum Neuanfang“ nutzen zu können.


Diesen Boom mit akademischen Weihen zu versehen, nahm der US-Psychologe Martin Seligman Ende der neunziger Jahre mit seiner „Positiven Psychologie“ in Angriff. Mit seinem Anspruch, die Verspre­chen der Bewegung „wissenschaftlich“ abzusichern, verlieh er ihr zu­sätzliche Schubkraft, öffnete ihr sogar Türen in Regierungsstellen. 145 Millionen Dollar stellte das Pentagon 2009 für ein maßgeblich auf Seligman zurückgehendes Pro­gramm namens „Comprehensive Sol­dier Fitness“ bereit, um Soldaten der U.S. Army für den Kriegsfall künftig auch inwendig zu rüsten. Dass sich die „Positive Psychologie“ längst aus der seriösen Wissenschaft ins kommerzielle Psychodoping verabschiedet hat und mit allerlei schlichtem Heimwerkerzeug zur Stimmungs­optimierung hausieren geht, beunruhigt die Auftraggeber anscheinend nicht.


Dass ausgerechnet die USA zur Brutstätte des „positiven Denkens“ wurde, hat religionsgeschichtliche Gründe, die ihr bereits in die Wiege gelegt worden waren. In die Neue Welt hatten die ersten weißen Siedler den Calvi­nismus mitgebracht: das krasse Gegen­teil von weltlicher Zuversicht, denn ihr Gott verdammte jegliche diesseitigen Freuden, nur harte, selbst­quälerische Arbeit ließ er gelten; das Dasein auf Erden ist gottgewollt hart, und Sünder erwartet die ewige Hölle. Gegen diese moralinsaure, zutiefst deprimierende Form von Protestan­tismus, die über zwei Jahrhunderte lang das amerikanische Denken prägte, regte sich im 19. Jahr­hundert zunehmend geistiger Wider­stand: Die Transcenden­ta­lists um den Philosophen Ralph Waldo Emer­son, die daran anknüpfende „Neu­geist“-Bewegung des Heilpraktikers Phine­as Quimby, des Lehrers Ralph Trine und des Journalisten Prentice Mul­ford setzten dagegen eine Idee, die vor diesem Hintergrund geradezu re­volutionär anmutete: Ganz so schlimm sei das Leben doch gar nicht, man dürfe sich getrost ein wenig besser fühlen. Gott sei keineswegs ein unerbittlicher Schinder und Rächer, sondern liebe seine Kinder, weshalb er wolle, dass es ihnen gut geht.


Vom Calvinismus übernahm diese Gegenbewegung freilich die Überzeugung, dieses Wohlergehen sei aus eigener Kraft, durch eifriges Bemü­hen sicherzustellen: auch sie verhieß Selbsterlösung, auch sie huldigte einer vermeintlich grenzenlosen schöpferischen Kraft eines jeden Menschen, sämtliche Übel und Miss­stände zu überwinden und Größt­mögliches hinzukriegen. Mangel ist nur eine Kopfgeburt: Arm oder krank sind wir bloß, weil und solange wir in armen oder kranken Gedanken gefangen bleiben. Einem jeden steht es frei, sich daraus zu be­freien. Vom Teller­wäscher zum Milli­ar­där – durch schiere Willenskraft. Und wie der Calvinismus, so nahm auch die Positivdenkerei zwanghafte Züge an: Wo die einen unentwegt nach Sünde gesucht hatten, ergingen sich die an­de­ren nun in permanenter Selbst­beobachtung, ob sich nicht doch irgendwo, sei es inwendig oder bei Mitmenschen, ein schlechtes Gefühl, ein negativer Gedanke regt, die es zu eliminieren gilt.


Ebenfalls verständlich wird vor diesem Hintergrund, wie das „Positive Denken“ in den USA nicht bloß ein modischer „Way of Life“ bleiben, sondern zu einer neuen Erlösungs­reli­gion überhöht werden konnte. Was im ausgehenden 19. Jahrhundert mit der „Church of Divine Science“ um Nona Brooks, der „Unity Church“ des Ehepaars Filmore, in den zwanziger Jahren gefolgt von der „Science of Mind“ des Schriftstellers Ernst Hol­mes, eher sektiererisch begann, hat sich mittlerweile zu einer uramerikanischen Heilsbewegung aufgeblasen, von der sich die Massen elektrisieren lassen. Mit Mottos wie „Gott will, dass du reich wirst“ und „Seid die Sieger, nicht die Opfer“ erreichen neue Megakirchen und Fernsehpre­di­ger Abermillionen von Zukurzge­kom­menen. Ihre Predigten klingen wie Motivationstrainings, frei vom gängigen Sünde- und Schmerz-Re­per­toire; ihre „Kirchen“ sehen aus wie übliche Bürogebäude; ihre „Got­tesdienste“ verzichten weitgehend auf „negative“ Accessoires wie das Kreuz oder Bilder vom Leidensweg Jesu. Zum Beten wird nicht mehr an­ge­halten – es genügt ja, die Ein­stel­lung zu ändern, mit dem Zweifeln aufzuhören und an sich selbst zu glauben, damit sich der Wille Gottes erfüllt, dass all seine Kinder in Villen wohnen und dicke Autos fahren. Als Wahrheitsbeweise führen die säkularen Glücksmissio­nare durchaus auch mal die eigenen Rolexuhren, protzige Edelkarossen, Privatjets, Traum­villen, eine 23’000-Dollar-Toilette aus Marmor oder einfach ihre Konto­auszüge vor.


Wie konnte derart seichtes Gedan­ken­gut so unfassbar rasch die Mas­sen faszinieren? Das Erfolgs­rezept besteht aus fünf Zutaten: Die Bot­schaft ist eingängig simpel, frei von jeglichen IQ-Zugangshürden. („Alles ist ganz einfach.“) Sie kommt der Bequem­lich­keit entgegen. („Es ist kinderleicht.“) Sie appelliert an die Gier. („Du kannst alles haben, was du willst.“) Sie bietet charismatische Leitfiguren und Idole, geistige Füh­rer, die Verunsicherten zeigen, wo es lang gehen muss. Und sie befriedigt religiöse Bedürfnisse: Positives Den­ken verspricht gottgewolltes Heil durch mentale Selbst­erlösung.


Vor dem Gesundheitswesen machte diese Bewegung natürlich nicht Halt – im Gegen­teil erschloss sie sich gerade dort einen hochlukrativen Markt. Auch hierbei leistete Seligmans „Posi­tive Psychologie“ Pionierarbeit. Getreu der Devise „Bisher haben wir immer nur Kranke behandelt – jetzt soll es endlich auch den Gesunden bessergehen“ dehnte sie die Ziel­gruppe über die Klientel von Psy­chotherapeuten und Lebenberatern hin­aus mit einem Schlag auf die Gesamtbevölkerung aus, zumal nun beinahe jeder Zeitgenosse in Ver­dacht gerät, er sei nicht „wirklich“ gesund, solange er nicht aufhöre, sich mit „Negativem“ zu befassen. Und wer im herkömmlichen Sinne krank ist, erlebt in Selbsthilfe­grup­pen, in welchem neuen Geist er mit seinem Leiden umzugehen hat. Als die US-Schriftstellerin Barbara Eh­ren­reich im Jahre 2002 an Brustkrebs erkrankte, „ging es mir beschissen, ich war verzweifelt und suchte Un­ter­­stützung bei anderen Patientinnen und entsprechenden Organisationen. Und da tat sich diese Welt der rosaroten Ansteckschleifchen auf: Statt dass ich meine Angst mit jemandem teilen konnte, prasselte von allen Seiten das Kommando auf mich ein, das Ganze positiv zu sehen – weil einen die Krankheit ja zwingt, sein Leben zu überdenken, spirituelle Ein­kehr zu halten. Eine Selbst­hilfe­gruppe druckte sogar ‚Danke, Krebs!’ auf T-Shirts. Ich bekam beinahe ein schlechtes Gewissen, weil ich meinen Krebs nicht willkommen hieß.“ (7) Auch ihr Freundeskreis stimm­te darin ein: „Viele kamen mir mit solchen Sprüchen: Hey, du verlierst deine Haare! Wie aufregend“ – sie werden kräftiger, voller, weicher nachwachsen, vielleicht sogar in einem anderen, hübscheren Farbton, und leichter zu bändigen sein. „Du hast so eine schöne Kopfform, jetzt sieht man die endlich mal.“ (8) „Think Pink!“, verlangt das Neue Denken – und so gelten Operationsnarben als „sexy“, und Chemotherapie erhält Lobpreisungen dafür, dass sie Diäten unterstützt, die Haut strafft und glättet.


Längst ist der „mentale Positivis­mus“ über den Atlantik zu uns herübergeschwappt. Ein Schüler Mur­phys, der österreichische Hypno­therapeut Erhard Freitag, gelernter Kaufmann, brachte in den achtziger Jahren einem Millionenpublikum in Deutschland die „Kraftzentrale Un­ter­bewusstsein“ nahe (9); die gelernte Grafikerin Bärbel Mohr instruierte, „Bestellungen beim Universum“ mit Liefergarantie aufzugeben. (10) Die „Gro­ßen Drei“ unter hiesigen Moti­vationstrainern – Jürgen Höller, Bo­do Schäfer, Ulrich Strunz – zählten zu den Starautoren ihrer Verlage, traten vor Tausenden in überfüllten Sä­len auf, schwelgten im Luxus. „Mr. Moti­vation“ Höller beriet die Deut­sche Telekom, IBM und die CSU, bei einer Tagesgage von 25'000 Euro (11); seiner Firma Inline AG traute er Milliardenumsätze zu und träumte davon, sie an die Börse zu bringen. „Ihr seid Adler, ihr könnt fliegen!“, versicherte er seinem Publikum. Rund neun Milliarden Euro pro Jahr geben Deutsche mittlerweile dafür aus, sich in Motivationskursen, Per­sönlichkeits­semi­na­ren und Selbst­beglückungs­work­shops uneingeschränkt optimistisch stimmen zu lassen. (12)


Sind „Auswege“-Camps Trai­ningslager zum Positivdenken? Gelegentlich scheint es so: Mehr­­fach schloss unser Programm einen Abendvortrag ein, bei dem ein Gastreferent – als Unternehmer, Coach und Heiler die hochsympathische Verkörperung mühelosen Maxi­malgewinns – eloquent die „Univer­sellen Gesetze von Gesundheit und Erfolg“ darlegte, als deren wichtigstes er das „Gesetz der Anziehung“ hervorhob: Positive Gedanken ziehen Gutes an, negative Schlechtes. Und gelegentlich kam bei uns das ci­ne­astische Manifest aller Positiv­denker zur Aufführung: „The Secret“ („Das Geheimnis“, 2006), ein sogenannter „Dokumentarfilm“ der Denk-dich-reich-Autorin Rhonda Byrne, die Erfolgscoaches, Motivati­ons­trainer und sogenannte „Wissen­schaftler“, angeblich Quantenphysi­ker, sogenannte „Beweise“ dafür ausbreiten lässt, dass uns alles wie von selbst zufliegt, sofern wir es nur hartnäckig genug haben wollen; schon Beet­hoven und Einstein sollen in dieses „Geheimnis“ eingeweiht ge­wesen sein. Der Evidenzwert von Byrnes Bildbelegen liegt auf dem Ni­veau einer Schlüsselszene, in der ei­ne Frau vor der Schaufensteraus­lage eines Juweliers steht und sehnsüchtig auf eine Halskette starrt – im näch­sten Moment hängt, schwuppdiwupp, die Kette an ihrem Hals, weil sie das Objekt der Begierde mit bloßer Gedankenkraft „angezogen“ hat.


Auf solche „Enthüllungen“ reagieren die Campteilnehmer zwiespältig. Man­che nicken zustimmend, ihre Diskussionsbeiträge verraten aufgeschlossene Nachdenklichkeit. Ein­zelne wirken regelrecht euphorisiert. Kaum jemand verdreht genervt die Augen, winkt verächtlich ab, verlässt vorzeitig den Raum.


Dabei wäre Protest mehr als angebracht. Denn „Positives Denken“ kann nicht bloß nutzlos, sondern brandgefährlich sein – im allgemeinen und ganz be­sonders für die meisten Patienten. (13)


Entgegen neugeistiger Gesund­heits­propaganda ist der Forschungsstand weit davon entfernt, eindeutig zu sein. Was Positivpsychologen als „harte Fakten“ ausgeben, ist eine waghalsige Mixtur aus märchenhaften Fallgeschichten, wolkigen State­ments dubioser Pseudo-Professoren und kreativ zurechtgebogenen Bibel­zitaten. Zwar scheinen Optimisten tatsächlich in vielerlei Hinsichten ge­sünder und erfolgreicher – ob das eine eher Ursache oder Folge des anderen ist, lassen statistische Kor­relationen freilich im Dunkeln.


Der Behauptung beispielsweise, Opti­misten sei ein höheres Alter ge­wiss, widersprechen neuere Studien, die im Gegenteil darauf hindeuten, dass es eher Pessimisten sind, die länger leben. Ein deutsch-schweizerisches Forscherteam analysierte Daten von rund 30'000 Befragten, die im Zeitraum zwischen 1993 und 2003 alljährlich angegeben hatten, wie zufrieden sie aktuell mit ihrem Leben sind – und wie sie es in fünf Jahren zu sein glauben. Entsprachen optimistische Erwartungen später der Realität? Im Gegenteil: Wer unter den älteren Teilnehmern seine zukünftige Zu­frie­denheit überdurchschnittlich hoch einschätzte, erhöhte damit sein Risiko für körperliche Beschwerden und den Tod um etwa zehn Prozent. „Möglicherweise”, er­klärt einer der Studienautoren, „er­muntern pessi­mi­stische Zukunftser­wartungen da­zu, noch besser auf die eigene Gesund­heit zu achten und sich vor Gefahren zu schützen.“14 Dies bestätigt eine einzigartige Stu­die mit über 1500 hochbegabten Kin­dern, die vor 90 Jahren begann; regelmäßig wurden sie von Psychologen seither über ihre Lebensumstände, Einstellungen und Gesundheit be­fragt. Am langlebigsten erwiesen sich nicht etwa optimistische Froh­naturen, sondern eher vorsichtige, arbeitsame, gewissenhafte Gemüter – vermutlich auch deshalb, weil sie im allgemeinen ein geregelteres Leben bevorzugten, weniger tranken und rauchten.15


Positives Denken: ein Therapeutikum mit Risiken und Nebenwirkungen


Wenn es um unsere Gesund­heit geht, ist „Positives Denken“ aber nicht nur weitaus weniger effektiv, als uns ihre Propagandisten weismachen, sondern hochriskant:


Bei vielen Patienten erzeugt Eiapo­peia-Getue das Gefühl, nicht ernstgenommen und bevormundet zu werden – so bei der brustkrebsbetroffenen Barbara Ehrenreich in Selbst­hilfe­gruppen und im Kreis von Freun­den: „Wir sind immer schnell dabei, den Leuten zu sagen, wie sie sich fühlen sollen. Nur: Mit so einer Diagnose klarzukommen, braucht Zeit.“16 Spätestens wenn die chemische Keule im Geiste zärtlich liebkost werden soll, kippt zuckerwattesüße Er­baulichkeit in den Au­gen vieler Be­­troffener in blanken Hohn. Sprü­che wie „Wenn dir das Leben eine Zitrone gibt, mach´ einfach Limo­na­de draus“ kommen ihnen widerwärtig zynisch vor.


Positives Denken vernachlässigt, wel­che unterschiedlichen Fähig­k­eiten und Persönlichkeits­merk­­male, welches soziale Umfeld und sonstige Lebensverhältnisse ein Patient mitbringt; es ignoriert oder unterschätzt individuelle Schwächen und Gren­zen. Es verleitet dazu, Be­schränkungen wegzugrinsen, die Fak­toren wie Herkunft, Bildung und finanzielle Verhältnisse, politische und wirtschaftliche Gegebenheiten dem Glücksstreben auferlegen. Unter den 27 Prozent der Deutschen, die Ende 2014 eher pessimistisch ins neue Jahr gingen17, fanden sich überdurchschnittlich viele Arbeits­lose, Einkommensschwache, unterdurchschnittlich Gebildete. Für manche unter ihnen mag in ihrer Misere mehr Zuversicht durchaus angebracht und hilfreich sein – andere hin­gegen haben ihre persönlichen Chancen aber wohl einfach realistisch eingeschätzt.


Es nötigt zur permanenten, zwanghaften Selbstüberwa­chung: „Bin ich positiv genug? Was sollte ich jetzt gerade denken? Welches Negative in mir verhindert noch, dass es mir besser geht?“


Labile Patienten verunsichert es zusätzlich. Bei Menschen mit gering aus­geprägtem Selbstwertge­fühl – also gerade jenen, die eine Auf­hellung am allernötigsten hätten - führen selbstaufgesagte Sätze wie „Ich bin eine liebenswerte Person“ zu schlechterer Stimmung, schwächen Optimismus und vermindern die Bereitschaft, an Aktivitäten teilzunehmen, wie sich in einer amerikanische Studie zeigte.18 Wieso? Vermutlich rufen solche Sätze bei Personen, die ohnehin schon an sich zweifeln, Beispiele eigenen Verhal­tens ins Gedächtnis, die dem Be­haup­teten besonders krass zuwiderlaufen.


Bei unkritischen Patienten kann es zu Realitätsverlust führen: Kritische Fragen werden ge­mieden, vorhandene Schwächen und einschränkende Umstände geleugnet, die objektiven Möglichkeiten zur Selbsthilfe übergewichtet, der Ein­fluss der Psyche auf die Erkrankung überschätzt. Im Widerspruch zu vielzitierten älteren Studien ergaben neuere, dass positives Denken Krebs­kranken zwar hilft, ihr Schicksal besser zu bewältigen, sich aber kaum bis gar nicht auf ihre Heilungschancen und Lebenserwar­tung auswirkt.


Positives Denken verleitet dazu, therapeutische Risiken einzugehen, Behandlungsangebote auszuschlagen.


Es kann depressiv machen und vorhandene Depressionen verstärken. („Wie unzulänglich muss ich sein, wenn ich es nicht hinkriege, gut drauf zu sein!“) Wer meint, nur „Neugeist“ helfe ihm aus dem schwarzen Loch, fühlt sich erst recht darin gefangen, wenn er an der inwendigen Gei­sterbeschwörung schei­tert.


Es stiftet zur Selbstverleug­nung und Verdrängung an, ent­gegen der in über einem Jahr­hundert Psychot­herapie abgesicherten Erkenntnis, dass das Wahrneh­men und Aus­drücken negativer Erlebnisse, Ge­danken und Gefühle wie Angst, Wut und Verzweiflung durchaus hilfreich und befreiend sein kann – nicht bei allen Patienten, wie Psychoanaly­tiker meinen, aber bei einem Groß­teil. Negative Emotio­nen zu spüren und zuzulassen, ist nicht bloß normal, sondern unab­ding­bar für ein erfülltes Leben, wie die US-Psychologin Barbara Fred­rick­son aus eigenen Studien schließt. (19) Nur wer sich beispielsweise der Trauer stellt, in die ihn der Tod eines geliebten Menschen stürzt, und sie zulässt, wird den schmerzlichen Verlust verarbeiten können.


Schlimmstenfalls kann es schizophren machen. „Positives Den­ken“, so warnt einer der heftigsten Kri­tiker, der Verhaltensthera­peut Günter Scheich, „spaltet den Men­schen in eine gute und eine schlechte Seele, so dass er Angst vor den eigenen Ge­danken bekommt“, vor dem Beden­kenträger und Schwarzmaler in sich. (20)

Es weckt quälende Schuldge­füh­le: „Krank bin ich nur, weil ich falsch denke. Es liegt allein an mir. Ich bin einfach nicht positiv ge­nug. Wäre ich nicht so negativ eingestellt, wäre ich gesund geblieben.“ (21) „Wie perfide!“, ereifert sich die „Neu­geist“-Kritike­rin Barbara Eh­ren­reich: „Da bin ich krank, fühle mich schlecht und soll dann auch noch alle negativen Ge­füh­le unterdrücken, weil ich ja sonst nie mehr gesund werde? Wenn der Krebs also weiterwächst, ist es meine Schuld!“ (22)


Fatal wirkt sich der „mentale Posi­tivismus“ nicht nur im Gesund­heitsbereich aus, sondern auf die Gesellschaft insgesamt.


Die Smiley-Industrie infantilisiert uns. Vorsätze wie „Ich denk´mich reich“ liegen auf dem intellektuellen Niveau zwei- bis fünfjähriger Kinder, die in diesem Alter eine Entwick­lungsphase durchlaufen, welche der französische Psycho­loge Jean Piaget „magisch“ genannt hat: Auch sie glauben an übernatürliche Fern­wirkung – wenngleich sie es nicht „Anziehung durch Resonanz“ nennen -, auch sie sind überzeugt davon, sie könnten die Außenwelt durch Worte, Formeln und Sprüche beeinflussen. (23)


Neugeister ignorieren, dass Den­ken keine Fähigkeiten und Erfah­rungen ersetzen kann – es ist bloß eine Nussschale auf dem Ozean der Psyche.


Nichts stiftet nachhaltiger Zuver­sicht als das Vertrauen auf die eigenen Kräfte – die Überzeugung der „Selbstwirksamkeit“ (engl. perceived self-efficacy), wie der kanadische Psychologe Albert Ban­du­ra sie nennt. (24) Ob ich meiner Kom­petenz trauen kann, kann ich aber nicht herbeiphantasieren; es erweist sich an meiner Lebens­erfah­rung, sie entscheidet mit darüber, was ich mir von der Zu­kunft erwarte. Erlebe ich im­mer wieder, dass sich An­stren­gung auszahlt, bin ich eher davon über­zeugt, dass ich mein Schicksal selbst in der Hand habe.


Positives Denken verleitet dazu, eigenes Bemühen zu vernachlässigen. In einer Studie der Universität Los Angeles wurden Studenten aufgefordert, sich jeden Tag mehrmals ein paar Minuten lang vorzustellen, dass sie beim nächsten Examen besser abschneiden. Doch die guten No­ten blieben aus – denn diese Stu­den­ten lernten we­niger. Deut­lich bessere Prü­fungsergebnisse erzielte eine Kontrollgruppe, die sich nicht auf bevorstehende gute Noten konzentriert hatte. (25) In einem anderen Test an der Uni­versität New York schrieben Absol­venten auf, wie oft sie sich ausmalen, nach dem College ihren Traumjob zu ergattern. Je häufiger sie von einem späteren Erfolg träumten, desto weni­ger Angebote erhielten sie daraufhin. (26)

Die Aufforde­rung zu permanenter Schön­färberei kann zu zwanghaftem Verhalten und Dauer­stress führen. Nicht jedem ge­lingt es, entspannt mit dem Druck umzugehen, jederzeit und überall po­si­tiv denken zu müssen.


Positives Den­ken verleitet dazu, zuviel Zeit und Energie für Ziele zu verplempern, die unerreichbar sind.


Es erschwert, Situationen zu erkennen, in denen man ob­jektiv geringe Kontroll­mög­lich­keiten hat, und sich an sie anzupassen.


Positives Denken trübt Reali­tätss­inn und Urteilskraft. Es macht leichtsinnig und kritikunfähig, lässt Ge­fahren ignorieren, verführt dazu, irrwitzige Risiken einzugehen, macht resistent gegen schlech­te Nach­rich­ten und verhindert, auf Rückschläge vorbereitet zu sein. „Neugeister“ verweisen gerne auf den biblischen David (1 Samuel 17). Als Goliath den Israeliten entgegentrat, dachten alle Soldaten: „Der ist so groß, den können wir niemals überwältigen.“ Positivdenker David hingegen sagte sich: „Der ist so groß, den kann ich gar nicht verfehlen.“ Tau­sende Andere, die sich zuvor dem Rie­sen entgegengestellt hatten, bezahlten ihren tollkühnen Wage­mut allerdings mit dem Leben. Aus deren jämmerlichem Schicksal sollten in einer Welt, der alttestamentarische Wunder abhanden gekommen sind, ratsamerweise eher pessimistische Schlüsse gezogen werden.


In einer wachsenden Zahl von Firmen sorgt „positiver“ Geist für ein Betriebsklima gekünstelten, zwanghaften Gut­drauf­seins. Wer nicht Tag für Tag acht Stunden lang durchgängig signalisiert, dass ihm alles wahnsinnig viel Spaß macht, sondern womöglich Unzufriedenheit oder gar Kri­tik äußert, riskiert Kolle­gen­schelte, Rüffel von Vorgesetzten, betriebsinterne Ächtung, sogar die Kündigung. Denn Bedenken „be­gren­­zen“. Zweifler und Warner gelten als Miesmacher, deren „negative“ Energien das Erreichen der Unter­nehmensziele gefährden. „Neu­gei­stige“ Betriebsführung verleitet da­zu, Mitbewerber zu unterschätzen, die Unsicherheiten des Marktes und die Unwägbarkeit der Zukunft zu verkennen, Anzeichen für Krisen zu übersehen, ernsthafte, wohlbegrün­de­te Warnungen in den Wind zu schlagen.


Was unerschütterliche Zuversicht im Großmaßstab an unermesslichem Schaden anrichten kann, wenn sie in maßlose Selbstüberschät­zung um­schlägt und ins Megalomane abhebt, hat uns das Platzen der Finanzblase, der krachende Absturz der New Eco­nomy vor Augen geführt. Ihre treibenden Kräfte waren umfassend verblendete Optimisten, die begründete Warnungen wie vernagelt in den Wind schlugen, Risikofaktoren kopflos ignorierten, tollkühn einem Machbarkeitswahn erlagen – wie Joseph Gregory, der damalige Präsi­dent der Investmentbank Lehman Brothers, deren Insolvenz den „Big Bang“ auslöste: Seine Mitarbeiter hatten ihm den Ehrentitel „Mr. Instinct“ verliehen, weil er sich gerne damit brüstete, Entscheidungen lieber nach seinem „Bauchgefühl“ zu treffen als nach rationaler, Chancen und Risiken umfassend abwägender Analyse. (27) An der Leine waghalsiger Oberbosse, die nicht annähernd ahnten, was sie alles nicht wissen, haben sich vor der Finanzkrise ganze Teams von hochqualifizierten Entscheidern frohgemut in Kollektivillusionen hin­einphantasiert.


Daniel Kahneman nennt Optimismus den “Motor des Kapitalismus”: Solange er wartungsfrei auf Hochtouren läuft, ergötzen wir uns an seinem lieblichen Schnur­ren; kommt die Krise, vermissen wir ein Lenkrad und zuverlässige Brem­sen. (28)


In der Politik sind es megagroße Bau­projekte, in denen sich positivistischer Leichtsinn mit Vorliebe aus­tobt. Ob der neue Hauptstadt­flug­hafen Berlin-Schönefeld, die Ham­burger Elbphilharmonie oder der unterirdische Bahnhof „Stuttgart 21“: Überall ließ blauäugiger Opti­mismus die Kosten explodieren. Wie verheerend er sich auf Regierungs­ent­scheidungen auswirken kann, führ­te der Irak-Krieg vor Augen: Präsident George W. Bush war bekannt dafür, keine Zweifler und Bedenkenträger in seiner Umgebung zu ertragen – so immunisierte er seine surreale Zuversicht, der Feld­zug sei binnen Tagen zu gewinnen. Wie Bushs damalige Sicherheits­beraterin Condoleezza Rice später einräumte, hatte sie sich nicht ge­traut, kritische Bemerkungen zum Irak-Abenteuer vorzutragen, weil ihr oberster Dienstherr Pessimisten zu­tiefst verabscheut habe.


Auch hierzulande ist es mitunter das eigene Leben, das Positivdenker be­straft. Was ist aus ihren Laut­spre­chern inzwischen geworden? Jürgen Höller pokerte zu hoch: 2002 wurde er wegen Untreue, vorsätzlichen Bankrotts und Meineids zu drei Jahren Haft verurteilt, nachdem er versucht hatte, vor der drohenden Insolvenz seiner Firma Geld beiseite zu schaffen. (29) Seit einer Herz­mus­kel­entzündung kann Bodo Schäfer höch­stens noch eine Stun­de pro Tag auftreten. Ul­rich Strunz wäre während eines Trainingslagers auf Mal­lorca beinahe gestorben, er kann nicht mehr. (30) Bärbel Mohr erlag, erst 46 Jahre alt, 2010 einer Krebs­er­kran­kung, nachdem sie ein Jahr zuvor ins Burn-out-Loch geraten war – hatte sie das etwa „beim Universum bestellt“?


Positivdenker machen den Erfolg­losen zum Sündenbock. Du bist ar­beits­­los, findest keinen Job? Offenbar denkst du nicht positiv genug. Du bist arm? Offenbar hast du das durch deine Negativität angezogen. Wer etwas nicht hinkriegt, wem es schlecht geht, der ist selber schuld.


Insofern trägt Positives Den­ken letztlich dazu bei, den ge­sellschaftlichen Status quo zu ze­men­tieren, weil es den Lebensum­stän­den eine vernachlässigbare Rolle beimisst; es hält davon ab, sich dagegen zu wehren. Sind Demonstra­tionen und Streiks, Protestbewe­gungen und Gewerkschaften nicht Ausgeburten und Brutstätten von törichtem Negativismus? Wozu für bessere Schulen und Jobs eintreten, für Rechte von Arbeitnehmern und Minderheiten kämpfen, wenn bloßes Positiv­denken doch so viel mehr zum Glück beitragen kann? „Du bist mit deinen Arbeitsbedingungen un­zufrieden? Mit positiver Geisteshal­tung wirst du schon bald bessere finden.“ „Du bist arm? Das kommt von den negativen Schwingungen deines Armuts­bewusst­seins, das du ausgesandt hast.“ Die Botschaft lautet: „Kla­ge nicht, ändere deine Einstellung, und alles wird gut werden.“ So droht ein Massenwahn, der vorschreibt, frohgemut alles Unglück zu ertragen – eine Gefahr, auf die der tschechische Schriftsteller Milan Kundera hinweist, wenn er eine Romanfigur sa­gen lässt: „Optimismus ist das Opi­um der Menschheit.“ (31) Insofern wirkt das positive Denken in der west­lichen Welt ähnlich wie der Hin­duismus in Indien: Es eignet sich vor­­­züglich als Werkzeug sozialer Kontrolle, um Ungleichheiten zu le­gitimieren. „Das Ganze wirkt wie ein gigantischer Manipulations­versuch“, spitzt Kritikerin Barbara Ehrenreich zu.


Das Menschenbild der Smiley-Opti­misten ist im Grunde un­menschlich. Es zeichnet uns als leicht umprogrammierbare Roboter, denen lediglich eine bessere Software im­plantiert werden muss, um perfekt zu funktionieren. Positivdenken „heißt doch: Ich kann den anderen Men­schen genau so manipulieren, dass er das macht, was ich gerne möchte“, warnt Kritiker Günter Scheich. (32) „Genauso kann ich mein Unbewuss­tes so program­mieren, dass es immer genau das macht, was ich mir vorher zurechtgelegt habe, auch wenn die Ziele noch so unreif sind: Ich bin der Größte, Schönste, Beste, Reichste und so weiter.“


Welch „schöne neue Welt“ uns die Wohlfühlindustrie bescheren könnte, malt Dave Eggers´ Roman The Circle gänsehautförderlich aus: Er be­schreibt eine Gesell­schaft, die sich völ­lig dem Diktat des positiven Den­kens unterworfen hat. (33) Mit den Schreckensutopien eines Aldous Hux­ley oder George Orwell hält rosaroter Gesinnungs­terror ohne weiteres Schritt.


Vor grenzenlosem Optimismus zu warnen, bedeutet mitnichten, für ausufernden Pessi­mismus zu plädieren. Grenzen und Gefahren des Positiven Denkens nicht außer acht zu lassen, auf dem Boden zu bleiben, Fakten zu berück­sichtigen, Umstände zu analysieren, sich des eigenen Verstandes zu bedienen, mit all seinen Potentialen statt bloß mit dem zum zuversichtlichen Erreichenwollen: Darum geht es. Was wir bei entmutigten, ratlosen, deprimierten Campteilnehmern wecken und fördern möchten, ist ein sogenannter „gesunder Optimis­mus“: einer, der auf vorhandenen Fä­higkeiten und Kenntnissen, auf der richtigen Einschätzung von Situa­tionen aufbaut.


Im übrigen kommt auch der nüchterne Realist, der gnadenlose Stim­mungs­töter aller Überschwängli­chen, nicht selten recht gut und durch­aus glücksfähig durchs Leben; er profitiert davon, sorgfältiger abzuwägen, Kehrseiten zu bedenken, Risiken mit klarem Blick wahrzunehmen. In eigener Sache erweist er sich deshalb zumeist als der bessere Futu­rologe. Wann immer Teams folgenschwere Entscheidungen treffen, sollten sie ihn einbeziehen. Denn er macht Pinkdenkern klar: Auch wenn das halbleere Glas „eigentlich“ halbvoll ist, ändert das nichts am Füll­stand.


Denkbare Probleme nicht neugeistig wegzuschieben, sondern sich ihnen zu stellen, hilft insbesondere Furcht­samen. Die US-Psychologin Julie Norem rät ihnen dringend zu einem „defensiven Pessimismus“ (34): Stellen sich Menschen mit ausgeprägten Ängsten vor, was alles schief­gehen könnte, so sind sie auf heikle Situa­tionen besser vorbereitet, gewinnen ein Gefühl von Kontrolle, werden ruhiger und sicherer, bringen daraufhin bessere Leistungen. Vor Prü­fungen, Präsentationen und anderen Herausforderungen, die vorweg für Beklemmungen, Herz­rasen und Angstschweiß sorgen, versäumt man es besser nicht, in Ge­danken Worst-Case-Szenarien durch­zuspielen und sich Gänsehaut­fak­toren zu vergegenwärtigen: mögliche Wissenslücken, Fehler, Verspre­cher, Gedächtnis-Blackouts, Fang­fragen und ironische Kommentare. Sich Strategien auszumalen, wie man trotz Patzer und Pan­nen zurechtkommt, erhöht Wohl­befinden und ob­jektive Chancen. Der Nutzen erhöht sich, wenn man sich mit Nega­tivem vorab schriftlich auseinandersetzt. Solches „expressive Schreiben“, um negative Emotionen zu bewältigen, empfiehlt der US-Psy­chologe James Penne­baker von der Universität Austin/Texas, ge­stützt auf mehrere Studien. (35)


Selbst eine negative Erwartungs­haltung ist keineswegs nur destruktiv, sondern ein wertvolles Korrektiv: Der Opti­mist erfand das Flug­zeug, der Pessimist den Fallschirm. Ein­ge­fleischte Bedenkenträger müssen im übrigen durch­aus nicht, lebenslänglich zaudernd und zagend, in Trübsal und Angststarre verharren. Den melancholischen Schwarzseher verkörpert geradezu idealtypisch einer der flei­ßig­sten und erfolgreichsten Filmema­cher unserer Zeit, Woody Al­len. „Was immer wir tun zu Leb­zeiten“, lautet sein Credo, „ist am Ende sinnlose Illu­sion, weil nichts von Be­stand sein wird. Gar nichts. Ich wünschte, ich läge falsch, aber der gesun­de Menschen­ver­stand spricht dagegen.“ Nur seiner Familie zuliebe mimt er daheim manch­mal den Optimi­sten: "Wenn meine Frau mal seufzt, dass das Leben kurz und traurig ist, dann bin ich es, der sagt, dass sie nicht albern sein soll. Dass es viel Wun­dervolles zu erleben gibt. Aber tief in meinem Herzen spiele ich ihr etwas vor." Sein Lebenselixier bleibt auch nach rund fünfzig Film­produk­tio­nen das Kino: "Wir Men­schen be­sitzen glücklicherweise einen Überlebenstrieb. Käme gleich jemand mit einer Pistole durch die Tür, würde ich um mein Leben kämpfen, das liegt in unserem Blut. Für mich ist das Filmemachen Teil dieses Überlebenskampfes, es ist eine wundervolle Ablenkung, um nicht schreckli­chen Gedanken nachhängen zu müssen." (36)


Aber was denn sonst, wenn nicht Gehirnwäsche zum Zweck geistiger Selbstver­gewaltigung, findet in „Auswege“-Camps statt?


Die Alternative zur rosa Brille ist keine schwarze, sondern eine farblos transparente. Wir verleiten Kranke keineswegs dazu, ihre Lebens­um­stände, ihre Geschichte, ihre Aus­sichten schönzufärben – wir bemühen uns lediglich, sie von Denk­blockaden zu befreien, die sie daran hindern, sich selber realistisch zu betrachten, bestehende Möglich­keiten wahrzunehmen, Chancen zu erkennen – kurzum, wir versuchen sie von Pessimismus zu erlösen, der bei Schwerkranken mitunter extreme, geradezu masochistische Aus­maße annimmt. Wir tun es, weil eine solche Geisteshaltung das Be­finden mas­siv beeinträchtigt, Le­bens­quali­tät zerstört und einer Hei­lung im Wege steht. Der Opti­mis­mus, den wir Camp­teilnehmern nahelegen, ist kein weiteres chronisches Denk­muster, bei dem jede Abweichung unter Neu­roseverdacht steht – sondern eine Wahlmöglich­keit in Situa­tionen, in denen nach nüchterner Abwägung aller Pros und Contras, aller Licht- und Schatten­seiten nicht weniger Grund zur Zuversicht als zur Schwarzmalerei besteht.


Psychologen, die in dieser Richtung arbeiten, wären in unseren Camp­teams hochwillkommen. Einen praxisbewährten Ansatz, der unsere Be­mü­hungen optimal ergänzen würde, hat die deutsche Psychologin und Motivationsforscherin Gabriele Oet­tingen entwickelt, Professorin an den Universitäten Hamburg und New York. Ihr WOOP („Wish Out­come Obstacle Plan“) ist eine Vier-Stufen-Strategie, sich über erreichbare Wün­sche klar zu werden und sie zu erfüllen. (37) Dabei werden Chan­cen ebenso bedacht wie Wider­stände und Hin­dernisse.


WOOP beginnt mit der Frage: Was ist mein Wunsch, was will ich wirklich? Wie wichtig ist er mir? (Das „W“.) Im zweiten Schritt malt man sich möglichst lebhaft die erwünschte Zu­kunft aus: Was wäre das schönste Er­gebnis (outcome), wenn sich der Wunsch erfüllt? (Das erste „O“.) Darauf folgt das zweite „O“ (für obstacle): Welche Hinder­nisse stehen im Weg, sei es umstän­de­halber, sei es in mir? Was hält mich davon ab, den Wunsch zu erfüllen? Ist es Angst, mangelnde Vorberei­tung, eine Ge­wohnheit, Unkonzent­riertheit, Träg­heit? Abhängig von der Antwort verabschiede ich mich von dem Wunsch, delegiere ihn, verschiebe ihn auf später – oder schmiede einen Plan, wie ich die Hin­der­nisse beiseite räume. (Das „P“.) Dabei zerlege ich einen längeren Weg zum an­gestrebten Ziel sinnvollerweise in mehrere kleine Zwischen­­schritte, die der Reihe nach zu be­­wäl­tigen sind. Jeden Fort­schritt sollte ich gebührend verbuchen, um mir bewusst zu machen, wie ich vorankomme – so wächst Selbstvertrau­en. Kom­me ich im Laufe dieses WOOP-Prozesses zu dem Schluss, ein Wunsch sei mir gar nicht so wich­tig oder unerreichbar, muss ich mir keineswegs eine persönliche Nieder­lage oder einen Man­gel an der rechten Geistes­hal­tung eingestehen – ich werde frei, meine Energien in andere, vielversprechendere Vorhaben zu investieren.


Was Campteilnehmer am Ende ihres Auf­enthalts an persönli­chen Resümees zu Papier bringen (38), deutet darauf hin, dass wir unser Motivationsziel nahezu ausnahmslos erreichen, selbst bei Patienten, die neun Tage zuvor zu­tiefst niedergeschlagen, verängstigt, hoff­nungs­los bei uns angekommen sind – wie die Mutter einer 15jährigen Epileptikerin, die „dankbar und froh“ ist, „dass ich dabei war; es kommt mir vor wie der erste Schritt in einen neuen Lebensabschnitt“; wie die depressive Mutter einer 30jährigen MS-Kranken, die „viele An­re­gungen, Lösungs­ansätze und –möglichkeiten mitnehmen konnte“; wie der von Tinnitus, schmerzenden Hand­gelenken und Schlafstörungen geplagte Gabriel*, 56, der sich „inspiriert und durch das Camp positiv aufgestellt“ fühlte; wie die Mutter des entwicklungsgestörten, inkontinenten Simon*, 7, die sich „auf den Weg ge­bracht fühlt“; wie Johannes*, 53, den eine schwere chronische Nie­renent­zündung belastete: „Hier bin ich ein anderer Mensch geworden. Alles, was früher dunkel, bedrohlich und perspektivlos war, kann ich jetzt posi­tiv sehen - das Camp gibt mir so viel Kraft“. Für den rheumakranken Martin*, 67, „war es, als hättet ihr mir einen dunkelgrauen Schleier von den Augen gerissen“. Ludwig*, 59, hatte zu uns gefunden mit schweren Depressionen und Angstzuständen, medikamentös nicht einzudämmenden Herzrhythmusstörungen und einem mysteriösen heftigen Druck­schmerz auf der Brust – seit er aus nächster Nähe miterleben musste, wie beide Eltern erschossen wurden; nach neun Camptagen kam es ihm „so vor, als wäre ich in einem stock­dunklen Gefängnis eingemauert ge­wesen – nun hat sich endlich ein Fen­ster geöffnet, und Licht fällt herein“. Auch Marta*, 62, eine durch sexuellen Missbrauch in früher Kind­heit schwer traumatisierte Lehrerin, fühlte sich nach wenigen Camptagen „wie befreit, wie neugeboren“: „Ich habe schon so viele Psychotherapien hinter mir, die nix gebracht haben. Was ihr hier mit mir gemacht habt, ist unglaublich. So intensiv! Mich hat dieses Camp auf den Weg gebracht“ – nicht unter dem perfiden Druck eines rosa Gesin­nungsterrors, sondern weil sie helfende Hände fand, die sie aus der Dunkelheit herausführten.

(Harald Wiesendanger)

Anmerkungen


* Pseudonyme

1 Ajit Varki/Danny Brower: Denial: Self-Deception, False Beliefs, and the Origins of the Human Mind, 2013

2 Tali Sharot: Das optimistische Gehirn. Warum wir nicht anders können, als positiv zu denken. Ber­lin/Heidelberg 2014; or.: The Optimi­stic Bias (2012).

3 Die noch laufende Minnesota-Studie berücksichtigte zwischen 1979 und 1988 sechzig eineiige und 34 zweieiige Zwil­lin­ge, dazu drei Drillinge; jedes Jahr be­zieht sie im Schnitt zehn weitere Zwil­lings­paare ein: Thomas J. Bouchard/ D.T. Lyk­ken u.a.: “Sources of human psychological differences: the Min­ne­sota Study of Twins Reared Apart”, Science 250/ 1990, S. 223-228; Thomas J. Bouchard/J. Thomas: “Twins reared apart and together - What they tell us about human individuality”, in Sidney W. Fox (Hrsg.): Individua­lity and Determinism. New York NY 1984, Seite 147-184. Eine weitere um­­fang­reiche Untersu­chung erfasste 850 Zwillingspaare: John C. Loeh­lin/Robert C. Nichols: Heredity, En­vironment and Personali­ty, Au­stin/Texas 1976.

4 zit. in Der Spiegel 1/2012, S. 117.

5 Allein von Carnegies Sorge Dich nicht – lebe (1948) wurden über 50 Millionen Exemplare verkauft, davon 2,8 Millionen in Deutschland, wo es sich über tausend Wochen in Bestsellerlisten hielt. Mur­phys Die Macht Ihres Unterbewusst­seins (1962), einer der erfolgreichsten Longseller der Buchgeschichte, er­lebte nicht weniger als 65 Auflagen.

6 Der Jahresumsatz 2005 auf dem amerikanischen Coaching-Markt wurde auf 21 Milliarden Dollar ge­schätzt; nach Der Tagesspiegel, 22.8. 2010.

7 In einem Interview mit der Zeit­schrift Stern, 6.12.2010.

8 In einem Interview mit der Zei­tung Der Tagesspiegel, 22.8.2010.

9 Erhard F. Freitag: Die Macht der Gedanken - Kraftzentrale Unterbewusst­­sein, München 1987. Seine elf Bücher wurden über zehn Millionen mal ver­­kauft.

10 Bestellungen beim Universum. Ein Hand­buch zur Wunscherfüllung, Aachen 1998; Der kosmische Bestell­ser­vi­ce. Eine Anleitung zur Reakti­vie­rung von Wundern, Aachen 1999.

11 www.taz.de/!33306

12 Nach Anna Gielas, „Gute Laune auf Befehl“, Zeit Wissen 1/2011.

13 Günter Scheich: Positives Denken macht krank. Vom Schwindel mit ge­fähr­lichen Erfolgs­versprechen, Frank­furt am Main 2001; Barbara Ehren­reich: Smile or Die - Wie die Ideologie des positiven Denkens die Welt verdummt, München 2010

14 Frieder R. Lang/David Weiss u.a.: „Forecasting life satisfaction across adult­hood: Benefits of seeing a dark future?“, Psychology and Aging 28 (1) 2013, S. 249-261.

15 Leslie R. Martin/ Howard S. Friedman u.a.: „A Life Course Perspective on Child­­­hood Cheerfulness and Its Relation to Mortality Risk“, Personality and Social Psychology Bulletin 28 (9) 2002, S. 1155-1165.

16 Barbara Ehrenreich im Tagesspiegel-Interview, a.a.O.

17 Dagegen äußerten sich 45 Prozent optimistisch. Nach einer Repräsentativ­umfrage des Hamburger Zukunfts­for­schers Horst Opaschowski im De­zember 2014, zit. in Frankfurter Allge­meine, 26.12.2014. Wer die Umfrage­ergebnisse näher betrachtet, stellt fest: Zuversicht­lich ins neue Jahr gingen in erster Linie jene, die Arbeit haben und in relativem Wohlstand leben.

18 Joanne Wood u.a.: „Positive Self-Statements - Power for Some, Peril for Others”, Psychological Science 20 (7) 2009, S. 860-866.

19 Barbara Fredrickson: Die Macht der guten Gefühle. Wie eine positive Haltung Ihr Leben dauerhaft verändert, Frankfurt/New York 2011

20 In einem ARD-Interview im Rahmen einer „Themenwoche“ im November 2013.

21 Solch brutale „Selber-schuld“-Zu­weisung prangerte die US-Publizistin Susan Sontag, prominente Menschen­recht­lerin und Sozialkritikerin, schon Ende der siebziger Jahre in ihrem Essay Krankheit als Metapher an. (Im Jahre 2004 er­lag sie 71jährig einer Krebs­erkran­kung.) Das Original Illness as Metaphor (1978) erschien 1981 in deutscher Übersetzung.

22 Im Stern-Interview, a.a.O.

23 s. Thomas Grüter: Magisches Denken. Wie es entsteht und wie es uns beeinflusst. Frankfurt am Main 2010.

24 Albert Bandura, A.: Self-efficacy: The exercise of control. New York 1997.

25 Lien B. Pham/Shelley E. Taylor: „From Thought to Action: Effects of Pro­cess-Versus Outcome-Based Mental Si­mu­lations on Performance“, Personality and Social Psychology Bulletin 25/1999, S. 250-260.

26 G. Oettingen/D. Mayer: „The motivating function of thinking about the future: expectations versus fantasies“, Journal of Personality and Social Psychology 83 (5) 2002, S. 1198-1212.

27 Barbara Czarniawska: „New plots are badly needed in finance: Accounting for the financial crisis of 2007-2010“, GRI-Rapport 2/ 2011, S. 20.

28 Der Publizist Manfred Dworschak in Der Spiegel 1/2012, S. 118.

29 www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/0,1518,246819,00.html, 9. Januar 2007.

30 http://www.taz.de/!33306/

31 Milan Kundera: Der Scherz, München 2004.

32 Im Interview mit dem bvvp-Magazin des Bundesverbands der Vertragspsy­cho­therapeuten, Nr. 1/2006, S. 32 f.

33 Dave Eggers: Der Circle, Köln 2014; das englische Original erschien ein Jahr zuvor.

34 Julie K. Norem: The Positive Power of Negative Thinking: Using Defensive Pessi­mism to Harness Anxiety and Perform at Your Peak (2002)

35 James Pennebaker: Writing to Heal: A guided journal for recovering from trauma & emotional upheaval (2004)

36 Woody Allen im Interview mit der Süddeutschen Zeitung, 4.12.2014 ("Die Sonne wird erlöschen")

37 Gabriele Oettingen: Rethinking Positive Thinking: Inside the New Science of Moti­vation, New York 2014.

38 Die abschließenden Stellungnahmen von Campteilnehmern geben wir auf unserer Homepage www.stiftung-auswege.de unter der Rubrik „Veranstal­tungen“/“Frühere Camps“ wieder.


Dieser Betrag enthält Auszüge aus dem Buch von Harald Wiesendanger: Auswege – Kranken anders helfen (2015)




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