• Dr. Harald Wiesendanger

Nur eine Frage der Zeit - Geistiges Heilen in der ärztlichen Praxis

Humanmedizin muss humaner werden, energetisch und ganzheitlich, um effektiver zu sein. Geistiges Heilen kann dazu beitragen. Denkanstöße dazu sollen von meiner Anthologie Geistiges Heilen in der ärztlichen Praxis ausgehen. Darin berichten Ärzte verschiedener Fachrichtungen über ihre persönlichen Erfahrungen mit Geistigem Heilen – zur Ermutigung von Standeskollegen, von Krankenkassen, von Gesundheitspolitikern, von Patienten.


Wem unklar ist, wozu Geistiges Heilen ins Gesundheitswesen integriert werden muss, der sollte einmal mit Jost Kundert sprechen - denn sprechen kann er inzwischen wieder. Im Jahr 2000 hingegen, als er ins Kantonsspital Glarus eingeliefert wurde, hatte der Bauer aus dem Glarner Land seine Stimme verloren, und laufen konnte er auch nicht mehr. Ein Vierteljahr lang fand kein Arzt die Ursache dafür, keiner wuss­te dem Mann zu helfen. Doch in der Klinik traf Kundert auf eine Geistheilerin, die dort seit Jahren mithelfen darf. Sie "sah" ihn von einer weißen Wolke umgeben - und er erinnerte sich an einen geplatzten Sack Düngemittel. Zwei Stunden später, nach einer einzigen Sitzung, war der Landwirt vollständig geheilt.


Dutzende Fälle dieser Art haben Professor Dr. Kaspar Rhyner, damals Chef­arzt der Inneren Abteilung des Kantonsspitals Glarus, nach Jahren distanzierten Beobachtens mittlerweile veranlasst, auf die Zusammen­arbeit mit der Heilerin Alena Jöstl zu schwören - auch vor laufender Kamera. Dass sein mutiges öffentliches Bekennt­nis zwar schon wiederholt ein gefundenes Fressen für das journalistische Boulevard und TV-Infotainment hergab, bisher aber in keiner ärztlichen Fachzeitschrift nach­klang, geschweige denn Gesundheitspolitiker hellhörig werden ließ, ist ebenso bedauerlich wie merkwürdig. Was Geistheiler bisweilen zustande bringen: muss es denn nicht jeden Mediziner faszinieren, dem das Wohlergehen von Patienten wichtiger ist als die Lebensdauer von vorherrschenden universitären Lehrmeinungen? Insofern führt an der Annäherung beider Seiten nichts vorbei.


Um sie einzuleiten, brauchen wir Ärzte, die aufgeschlossen zur Kennt­nis nehmen, was an wissenschaftlichen Untersuchungen über die Effekte Geistigen Heilens mittlerweile vorliegt (1), auch wenn sie noch in keinem akademischen Lehrbuch stehen, und im Lichte dieser Befunde eigene Vorurteile überdenken. Wir brauchen Ärzte, deren Neugier durch solche Resultate beflügelt wird und sie zu eigenen Nachforschungen anregt. In diesem Geist entstand in Berlin schon kurz nach dem Ersten Weltkrieg eine "Ärztliche Gesellschaft für parapsychologische For­schung", die Heilmagnetismus, hellsichtige Diagnostik und viele andere medizinisch bedeutsame Psi-Phänomene experimentell zu ergründen versuchte. (Dreieinhalb Jahre widmete sie allein der Untersuchung eines Mediums, das imstande schien, Krankheitszustände auf außersinn­lichem Wege zu erkennen. (2) Wo gibt es bei uns heute vergleichbare Initiativen?


Ein Lob des Pragmatismus


Wo solche Untersuchungen an Grenzen stoßen, dürfen Ärzte allerdings nicht stehenbleiben. Denn Medizin muss keineswegs zwangsläufig dort enden, wo der Boden "harter" Wissenschaft verlassen wird. Dass ärztliche Heilkunst sich auf Tätigkeiten zu beschränken hat, die durch experimentelle Studien nach physikalischem Vorbild abgedeckt sind, und nur dann ihr höchstes Niveau erreicht, wenn sie sich strikt innerhalb eines von Naturwissenschaftlern vorgegebenen Rahmens bewegt, ist ein fatales Vorurteil. Es entsteht, wenn Mittel und Zweck verwechselt werden. Lautet das oberste Ziel der Medizin denn nicht, Leiden vorzubeugen, zu lindern und zu beseitigen? Dazu kann Wissenschaft nur als Instrument dienen. Sobald die Befriedigung ihrer Ansprüche zum wichtigsten Maßstab für ärztliches Tun gerät, wird der individuelle Patient in seiner Notlage sekundär - und zum Mittel für abstrakte Forschungsziele degradiert.


Alles zu versuchen und nichts zu versäumen, was einem Kranken helfen könnte: Diese Pflicht allein obliegt Ärzten. Insofern muss ihr Berufsethos pragmatisch sein, in erster Linie an voraussichtlichem Nutzen ausgerichtet. Um diesen Nutzen abzuschätzen, ist wissenschaftliche Forschung ein unentbehrliches Instrument, aber beileibe nicht das einzige. Erfahrung ist ein weiteres, deshalb verdient auch sie Respekt. Schmackhaft und gesund gekocht wird auf der Erde nicht erst, seit es die moderne Ernährungswissenschaft gibt. Nachdem Johannes Kepler um 1620 die günstigsten Maße für Weinfässer berechnet hatte, mußte er feststellen, daß solche Behältnisse längst von Winzern verwendet wurden. Als Sadi Carnot 1824 seine Theorie der Dampfmaschine entwickelte, waren seine Vorschläge zur Konstruktionsverbesserung längst Maschi­nen­baupraxis. Dass eine pyramidenförmige Anordnung die dichteste Packung von Sphären im dreidimensionalen Raum ist, konnte erst im Herbst 1998 mathematisch bewiesen werden - eine platzsparende Ein­sicht, die den Orangenstapeln an Obstständen, der Lagerung von Kanonen­kugeln in Wehrtürmen freilich immer schon anzusehen war. Haben Mediziner aus solchen Beispielen nicht abzuleiten, dass Intuition und Erfahrungswissen, handwerkliches und künstlerisches Vermögen dem wissenschaftlichen Erkenntnisstand mitunter weit vorauseilen? Dass eine vermeintlich "unwissenschaftliche" Behandlungsmethode, wie sie Geistheiler einsetzen, segensreich wirken kann, lehrt das in allen Kulturkreisen der Erde seit Jahrtausenden angesammelte heilkundliche Wissen; die oft jahrzehntelangen Erfahrungen der fähigsten Geistheiler; die glaubwürdigen Berichte Abertausender von Patienten; und nicht zuletzt die Beobachtungen vieler Ärzte, die getreu einem Leitspruch des österreichischen Philosophen Ludwig Wittgenstein verfahren: "Denk nicht, sondern schau!"


Erfahrung geringzuschätzen, scheint berechtigt, solange eine Person auf ihren Körper und der Körper auf eine biochemische Maschine reduziert wird. Als solche lässt sie sich erforschen und manipulieren wie jeder andere Mechanismus auch. Doch immer mehr Ärzten schwant, welch verhängnisvollen Irrweg die Wegbereiter der neuzeitlichen Medizin einschlugen, als sie begannen, sich einseitig an ein mechanistisches Menschenbild zu klammern, das eine Transformation von Heilkunde in Humanphysik nahelegte. Medizin war und ist primär keine Naturwissenschaft, ebensowenig wie sich ärztliche Heilkunst in Medizintechnik erschöpft; denn ihr Gegenstand, der Mensch, ist mehr als ein Mechanismus. Er entzieht sich Modellen, Untersuchungen und Eingriffen, wie sie bei Robotern angemessen wären. Wenn bei einem Roboter ein Defekt auftritt, dann deshalb, weil gewisse Teile versagen - und diese können repariert oder ausgewechselt werden. Aber um zu verstehen, warum ein Mensch erkrankt, genügt es nicht herauszufinden, welche Funktionen beeinträchtigt, welche Organe geschädigt sind. Er muss als Ganzes betrachtet und verstanden werden, als einmalige Ein­heit von Physis und Psyche, in besonderen Lebensumständen, mit einer einmaligen Geschichte. Und nur als Ganzheit ist er auch zu heilen.


Ein solcher Ansatz verbindet die meisten natur- und erfahrungsheilkundlichen Therapierichtungen. Und je mehr Ärzte sich für sie öffnen, desto mehr verbreitet sich unter ihnen eine Denkweise, die sie Geistigem Heilen näherbringt. Der Trend in dieser Richtung ist unübersehbar: Strenge "Schulmediziner" befinden sich in Wahrheit innerhalb der deutschen Ärzteschaft bereits in der Minderheit. (3) 95 Prozent aller niedergelassenen Allgemeinärzte wenden bereits sogenannte "alternative" Verfahren an: im Durchschnitt vier. Das Spektrum reicht von Homöopathie über Neuraltherapie und Akupunktur bis zu anthroposophischen Heilmethoden. Drei von vier Ärzten arbeiten mit solchen Verfahren bereits seit mindestens zwei Jahren, knapp die Hälfte sogar schon seit über fünf Jahren. Nur 41 Prozent bezeichnen sich selbst noch als reine "Schulmediziner". 48 Prozent sehen sich eher als "Schul­mediziner mit alternativer Tendenz", acht Prozent sogar als ausgesprochene "alternative Mediziner". Mehr als die Hälfte erachtet Kritik an der Schulmedizin für notwendig, weitere 43 Prozent halten sie zumindest im Einzelfall für angebracht. Drei von vier Ärzten bemängeln, ihre Ausbildung sei einseitig naturwissenschaftlich ausgerichtet gewesen. 83 Prozent meinen, bei der Fortbildung durch die Ärztekammern kämen alternative Behandlungsmethoden zu kurz. (4)


Mehr Humanität in der Humanmedizin


Die Motive für diese bemerkenswerte Entwicklung liegen einerseits in einem pragmatischen Abschied von szientistischen Dogmen, im Interesse der Patienten, andererseits in einer wachsenden Unzufrieden­heit der Ärzte mit ihrer eigenen Berufsrolle. Diese Unzufriedenheit hat vor allem zwei Ursachen: die Übergewichtung des Medikaments - und die zunehmende Industrialisierung ärztlicher Tätigkeit. Beides ist Geistigem Heilen fremd, wie überhaupt allen Ansätzen ganzheitlicher Medizin.


Die pharmazeutische Revolution ist dabei, aus Heilkundigen zunehmend Aussteller von Arzneimittelgutscheinen zu machen. Mit ihren dreieinhalb Millionen Rezepten pro Werktag bewegen Deutschlands 300’000 praktizierende Ärzte einen jährlichen Medikamentenberg in private Hausapotheken, dessen Wert dem Jahresumsatz der Deutschen Bundesbahn entspricht. Über 21 Milliarden Euro werden pro Jahr für Tabletten, Pillen, Zäpfchen, Tinkturen und Salben in der Bundesrepublik allein zu Lasten der gesetzlichen Krankenversicherung ausgegeben. (5) Damit die Verschreibungswut nicht erlahmt, hat die Pillenbranche ein klebriges Netz von Vergünstigungen für Wohlverhalten und Marken­treue ausgeworfen - und ein flächendeckendes Heer von über 15.000 Pharmareferenten rekrutiert, deren Tüchtigste Ministergehälter dafür ein­­streichen, vor den Sprechzimmern beharrlich Schlange zu stehen. (6) Zwar zog nicht nur die Industrie, sondern auch die Ärzteschaft daraus immensen Profit; denn "nicht zuletzt das Medikament hat es ermöglicht", wie der Medizinsoziologe Professor Christian von Ferber feststellt, "in die Arbeitsstunde eines Arztes eine früher unvorstellbare Anzahl von Patienten einzubringen." (7) Doch auf der Strecke blieb dabei, was den Arzt vom Pharmatechniker unterscheidet und für Patienten unentbehrlich macht: die zeitaufwendige, liebevolle Wegbegleitung eines Notleidenden, aus der das notwendige Vertrauen erwächst - die Humanität in der Humanmedizin.


Nicht minder frustriert immer mehr Ärzte, dass sich die moderne Medizin in diesem Jahrhundert zunehmend von der Heilkunst zur Industrie entwickelt hat, die mit immer höherem Technikeinsatz und Materialverbrauch das Produkt "Symptomfreiheit" zu erzeugen versucht - und dabei immer häufiger an ihre Grenzen stößt. Ein modernes Krankenhaus ähnelt heute eher einer Fabrikanlage, die sich von Großbetrieben der Gebrauchsgüterindustrie nur noch im Erzeugnis, nicht aber grundsätzlich in der Arbeitsorganisation unterscheidet. In dieser Produktionsmaschine wird der Arzt zum kleinen, fremdgetriebenen Rädchen mit begrenzter Funktion; häufiger ist er mit der Kontrolle technischer Abläufe befasst als mit den Menschen, an denen sie sich vollziehen. Flieht er davor in eine eigene Kassenpraxis, so muss er nicht mehr nur seine Sprechstundenhilfen, sondern vor allem seine Maschi­nen ernähren. Der Zwang, immer teurere Geräte zu amortisieren, um nicht zuviel Kundschaft an den niedergelassenen Kollegen von nebenan zu verlieren, wird zum nervenaufreibenden Kostenjoch - und handlungsleitend für Diagnostik und Therapie.


Solche Verhältnisse begünstigen einen Typ von Arzt, der die Befindlichkeit seiner Patienten aus der Quersumme von Vitaldaten, Laborwerten und digitalen Indizes abliest - und alles durch das Raster fallen lässt, was sich nicht als messbare, in Zahlen darstellbare Abweichung von der Datennorm festzumachen ist. Nichts verstört einen solchen Arzttypus mehr als der Aspekt eines Leidens, den er nur im Gesicht seines Patienten erkennt, nicht aber auf dem Computermonitor wiederfindet. Auf der Strecke bleibt dabei ausgerechnet jene Tätigkeit, die sich als einzige nicht industrialisieren und an Automaten delegieren lässt: das geduldige, einfühlsame, anteilnehmende Gespräch mit dem Kranken. Mit der Stoppuhr stellte der Ham­burger Mediziner Dr. Stephan Ahrens in drei Praxen von Kollegen fest, dass die "vom chronisch kranken Patienten dominierte Gesprächsphase durchschnittlich 0,11 Minuten" betrug - sieben Sekunden. (8) Nur 28 Prozent der Ärzte gehen auf die Anliegen, die ihre Patienten zu schildern versuchen, überhaupt ein - und unterbrechen nach durchschnittlich 23 Sekunden. (9)


Doch nicht alles, was zählt, lässt sich zählen. Immer mehr Ärzte sträuben sich gegen diese Selbstentfremdung, organisieren ihre Praxen neu, nehmen dafür auch Einkommenseinbußen in Kauf - und rücken den Kranken wieder in den Mittelpunkt des Geschehens. Wer den Mut dazu aufbringt, riskiert zwar, an erheblich weniger Patienten zu verdienen; dafür wächst aber seine Berufszufriedenheit, und seine Klientel erweist sich im allgemeinen als weitaus praxistreuer, kooperativer und leichter behandelbar.

Dieser Trend macht Hoffnung. Sobald ein Arzt seine Berufsauffassung - und entsprechend auch sein Praxisangebot - zu ganzheitlichen An­sätzen hin erweitert, findet er eine Fülle von Berührungspunkten mit der Arbeitsweise Geistiger Heiler; er entdeckt verwandte Ziele und komplementäre Vorgehensweisen; und er anerkennt, in welchen Hinsichten sich viele Geistheiler vorbildlich verhalten: in der Geduld, der Einfühlsam­keit, der liebevollen Anteilnahme, auch der Weisheit, in der ein Großteil von ihnen auf Hilfesuchende eingeht, auf ihr Schicksal, ihre Sorgen, ihre Lebensumstände. Viele Patienten fühlen sich von ihren Heilern als Ein­heit von Körper, Geist und Seele behandelt. Mit einem Wort: mitmenschlich. Mag sein, dass darauf ein erheblicher Prozentsatz der Erfolge beruht, die Geistiges Heilen erzielt. Aber selbst wenn es ausschließlich auf diesem psychologischen Wege helfen würde - könnte es damit die ärztliche Praxis nicht bereichern?


Liebe als ärztliche Grundhaltung predigt nicht nur, sondern praktiziert der amerikanische Arzt Dr. Norman Shealy, ein früherer Neuro­chirurg, in seinem Zentrum zur Schmerzrehabilitation in La Crosse, Wisconsin, schon seit den siebziger Jahren - in Zusammenarbeit mit Geist­heilern. Sein Durchschnittspatient, so weist eine Vierjahres­statistik aus, hat vier Operationen hinter sich, ist seit über sechs Jahren Invalide, hat für seine medizinische Betreuung bisher zwischen 50’000 und 70’000 Dollar aufgewendet, nimmt bis zu vierzehn verschiedene Medikamente gleichzeitig ein. Shealy setzt autogene Visualisierungen, gelenkte Imaginationen, Biofeedback-Techniken und Meditations­übungen ein - doch hinter all seinen Hilfsangeboten steht "etwas, das ich als 'Liebesenergie' bezeichne. Dabei beschäftigen wir uns auch mit dem Ehepartner, den Kindern und allen anderen Personen der häuslichen Umgebung, um den Lebensentwurf zu ersetzen, der die Krankheit in erster Linie ausgelöst hat." Achtzig Prozent seiner Patienten verlassen die Klinik nach durchschnittlich zwölf Tagen erheblich gebessert. (10)


"Liebesenergie", so verstanden, kann ein Arzt sicherlich auch ohne den Beistand eines Geistheilers in seine Praxis einfließen lassen, sofern er sich Zeit dafür nimmt. Aber der Einsatz von "Energie" ist vielleicht mehr als bloß eine Metapher - sie könnte eine noch unerforschte physikalische Realität bezeichnen. Geistheilern gelingt es möglicherweise, zu ihr vorzudringen - und eine heilsame Kraft zu entfesseln, die dort ihre Quelle hat.


Die Offenheit gegenüber Geistigem Heilen wächst


Freilich ist es vom natur- und erfahrungsheilkundlich arbeitenden, von holistischen Idealen beseelten Arzt bis zum überzeugten Befür­worter von Handauflegen und Gesundbeten, Besprechen oder Fern­behandeln immer noch ein großer Schritt. Doch immerhin beginnt die Einheitsfront von Kritikern, die Geistiges Heilen als okkulten Humbug abtun, innerhalb der Ärzteschaft mehr und mehr zu bröckeln.


Auch Vorurteile haben sprichwörtlich kurze Beine. Dass Ärzte nichts vom Geistheilen halten, ist eines, das schon beinahe auf den Hinter­backen daherkommt - allen Dementis von Ärztekammern zum Trotz. Welch erstaunliche Aufgeschlossenheit vor allem unter niedergelassenen Ärzten um sich greift, belegt die Studie einer Arbeitsgruppe der Abteilung für Theoretische Medizin der Universität Osnabrück. (11) Nicht nur befürworten demnach 73 Prozent aller hausärztlich tätigen Mediziner (Allgemeinmediziner, praktische Ärzte und Ärzte für Innere Medizin) alternative Heilmethoden - immerhin jeder Vierte von ihnen steht Geistigem Heilen "positiv" gegenüber (25,8 Prozent); unter den weiblichen Ärzten sind es sogar 59 Prozent. Fast jeder Zweite (49,2 Prozent) könnte sich "Geistiges Heilen als sinnvolle Therapie bei chronischen Erkrankungen" vorstellen; speziell bei psychischen Erkrankungen halten sogar 77 Prozent der Ärzte Geistiges Heilen für empfehlenswert. Drei von fünf Ärzten hätten sich gewünscht, während ihrer Ausbildung mehr darüber zu erfahren. (12)


Gewiss bilden jene Ärzte, die Geistiges Heilen ablehnen, nach wie vor eine deutliche Mehrheit - doch lässt die Osnabrücker Studie ahnen, wie leicht diese Abwehrfront bröckeln kann. Denn die Gründe der Nicht­akzeptanz sind dürftig: Jeder dritte befragte Arzt räumt freimütig ein "Informationsdefizit" ein - dem lässt sich abhelfen. Ein weiteres Drittel der negativ eingestellten Ärzte argumentiert mit "Unwissenschaftlich­keit" und dem "Placebo-Effekt" - beidem entziehen neuere Forschungen den Boden. (13) 31 Prozent wittern "Scharlatanerie"; dabei sorgen sie sich um eine Randerscheinung, die statistisch kaum ins Gewicht fällt - und sich in ihren eigenen Berufsreihen nicht minder stellt. (14) Und dass Geistiges Heilen "gefährlich" sei, wie 26 Prozent argwöhnen, bleibt ein Gerücht ohne wissenschaftliche Grundlage. (15)


Im anhaltenden Boom, den Geistiges Heilen und seine Anwender erleben, sehen immer mehr Ärzte eher eine Mahnung als eine Bedrohung - unter ihnen der österreichische Medizinhistoriker Professor Dr. Hans Bankl, Leiter eines Pathologischen Instituts in einem Großkrankenhaus: "Die Ärzte werden wachgerüttelt, ihre Bemühungen um den Patienten als lebendes Individuum zu verstärken." Die zunehmende Zahl von Geistheilern deutet er als "ein Zeichen für eine schlechter werdende medizinische Versorgung. Die Ärzte müssen versuchen, es besser zu machen. Das ist schwer, denn worauf es ankommt, ist: anhören, mitfühlen, miteinander reden, persönlich etwas tun, nachfragen, stets bereit sein ... und all die anderen zeitraubenden, aber schließlich ärztlichen Aufgaben." Dazu müssen Schulmediziner durchaus nicht zu esoterisierenden Nebelwerfern konvertieren: “Ich bin durch und durch Schul­mediziner”, stellt der Osnabrücker Internist Professor Dr. med. Winfried Hardinghaus klar, Ärztlicher Leiter des Krankenhausverbun­des St. Georgsstift. “Aber für manche Heilungen haben wir einfach keine Erklärung. (...) Die oft plötzliche Genesung anscheinend unheilbar kranker Menschen ist noch viel zu wenig erforscht.” Der Schulmedizin würde beileibe “kein Zacken aus der Krone brechen, wenn sie angesichts vieler unerklärlicher Genesungen anerkennen würde, wie wichtig der ganz­heitliche Blick auf die Patienten für die Therapie ist”. Aus vermeint­lichen Heil“wundern” sei immerhin zu lernen, dass Arzt und Pati­ent auch auf spiritueller Ebene zusammenkommen - “auf der Suche nach dem letzten Geborgen­sein, nach dem großen Ganzen, nach dem Schöpfer.” (16)


Aus diesem Blickwinkel machen sich Ärzte immer häufiger für Geistiges Heilen stark, nachdem sie oft jahrelang kritisch mitverfolgten, wie gut es Patienten tut (17) - so auch die 17 Mitautoren dieses Buchs, die beileibe nicht alleine stehen. "Ich habe eine Reihe erstaunlicher Heilun­gen erlebt, die schulmedizinisch nicht erklärbar waren", räumt etwa der Allgemeinmediziner Dr. Klaus Döhner aus Midlum, Kreis Cuxhaven, ein. Als er nach dem Zweiten Weltkrieg dort seine Praxis eröffnete, muss­te er es schnell als "völlig zwecklos" erkennen, Patienten, die an Handaufleger, Gesund­beter und Fernheiler glaubten, davon abzubringen. "Im Gegenteil. Ich habe mir über deren Behandlungsmethoden berichten lassen, um mir ein eigenes Urteil bilden zu können." Dabei habe er feststellen müssen, dass manche Geistheiler "zum Beispiel Haut­erkrankungen, Wund- und Gürtelrosen, selbst von Bakterien und Pilzen verursachten Leiden" in Einzelfällen verblüffend rasch beikamen, nachdem schulmedizinische Maßnahmen versagt hatten. "Nach langjährigen und sehr kritischen Beobachtungen muss ich das zugeben." (18)


Ein Jahr lang verfolgte der Schweizer Mediziner Dr. M. B. - er will anonym bleiben - neugierig, was die Geistheilerin Emma Zoller aus Zürich zustande brachte: eine gelernte Krankenschwester, aus einer Familie stammend, die bereits in der siebten Generation geachtete Heiler hervorgebracht hat. "Ihre Behandlung", so fasste der Arzt am Ende des Beob­achtungszeitraums zusammen, "waren oft weitaus erfolgreicher als ärztlicherseits. Selbst in Fällen, bei denen die Schulmedizin keine Lösungen wusste, behandelte sie noch mit Erfolg. Ich kann sie meinen Berufskollegen nur wärmstens empfehlen." Einen Antrag Emma Zollers auf Kassenzulassung unterstützte er vorbehaltlos mit einem Gutachten, in dem er "ihrer Arbeit hohe Qualität und Seriosität" zusprach. (19)


Als wertvolle Ergänzung beispielsweise in der Krebsnachsorge wird Geistiges Heilen von dem niedergelassenen Allgemeinmediziner Reinald Specker hochgeschätzt. In Steinfurt, Nordrhein-Westfalen, betreibt er eine onkologische Schwerpunktpraxis, in der ständig 30 bis 50 Krebskranke betreut werden. "Von einer ganzen Reihe meiner Patienten", so berichtet der Arzt im Fachblatt Medical Tribune (20), "ist mir bekannt, dass sie sich zusätzlich von einem Geistheiler behandeln lassen. Ich unterstütze sie dabei! Natürlich hinterfrage ich, wieviel Geld verlangt wird, ob es Hinweise auf sektenmäßiges Verhalten gibt und ob ihnen die Behandlung Besserung bringt. Wenn dies alles gegeben ist, habe ich keine Bedenken, sie darin zu unterstützen." Denn Geistiges Heilen passe gut zu einer "aktiven Nachbehandlung", bei der auch andere erfahrungsheilkundliche Verfahren eine größere Rolle spielen müssten, "auch wenn deren Wirksamkeit (noch) nicht nachgewiesen werden konnte. Und selbst wenn - wie mir viele eingefleischte Schulmediziner mit Sicherheit vorwerfen werden - alles nur Placebo-Effekt und Suggestion sein sollte, so freue ich mich mit meinen Patienten, dass diese ‚Placebos' so gut wirken und ich so suggestibel bin. Schade, dass es viele der Kollegen, die dies mir vorwerfen, nicht sind. Aber vielleicht lässt sich ja daran arbeiten."


Anmerkungen

1 Daniel Benor, “Geistiges Heilen erforschen - ein Überblick”, in Geistiges Heilen für eine neue Zeit - Vom “Wunderheilen zur ganzheitlichen Medizin, Harald Wiesendanger (Hrsg.), Kösel: München 1999, S. 89-127; ders.: Healing Research, Vol. I-II, Helix: München 1991 ff.; Harald Wiesendanger: Das Große Buch vom Geistigen Heilen - Möglichkeiten, Grenzen, Gefahren, Lea Verlag: 4. Aufl. Schön­brunn 2003, Kap. IV.; ders.: Geistheiler - Der Ratgeber, Lea Verlag: 2. Aufl. Schön­brunn 2000, Kap. 1: “Die Statistik des ‘Wunders’”; ders.: Fernheilen, Band 1.

2 Siehe Fanny Moser: Der Okkultismus, Bd. 2, München 1935, S. 585-606 ("Die ärztlichen Medien"), ib. S. 586 ff.

3 Jüngste Studien hierüber faßt zusammen: Walter Andritzky, "Unkonventio­nelle Heilweisen in der ärztlichen Praxis", Zeitschrift für Allgemeinmedizin 74/1998, S. 608-614.

4 Gunter Haag u.a., "Unkonventionelle medizinische Verfahren. Verbreitung bei niedergelassenen Ärzten - Ergebnis einer Fragebogen­umfrage", Zeitschrift für Allgemeinmedizin 68/1992, S. 1184-1187. Eine neuere Studie des Sozialmediziners Dr. Horst Haltenhof von der Universität Marburg stelle ich vor in H. Wiesen­danger, "Jeder zweite Arzt heilt ‚alternativ'", Der Heiler 1/1996, S. 35. In den benachbarten Niederlanden überweisen neun von zehn Allgemeinärzten ihre Patienten an Alternativtherapeuten (G. J. Visser / L. Peters, "Alternative medicine and general practitioners in the Netherlands: towards acceptance and integration", Family Practitioners 7/1990, S. 227-233); ebenso verfahren immerhin schon 59 Prozent ihrer britischen Kollegen (E. Anderson / P. Anderson, "General practitioners and alternative medicine", Journal of the Royal College of General Practitioners 37/1987, S. 52-55.)

5 HP-Heilkunde 11/2002, S. 4: “Pharma-Produzenten: Klagen auf hohem Niveau”, S. 4.

6 Harald Wiesendanger, "Eine Frage der Moral", Der Heiler 3/1997, S. 5.

7 Zit. nach Hans Halter: Vorsicht, Arzt! Krise der modernen Medizin, Reinbek 1981, S. 219.

8 a.a.O., S. 219 (s. Anm. 3)

9 Gesundheit 5/2000, zit. nach Pulsar 5/2000, S. 28: “Ärzte sind schlechte Zuhörer”.

10 Zit. nach George W. Meek: Heiler und der Heil-Prozess, München 1980, S. 264 f.

11 H. Wiesendanger, "Erstaunlich aufgeschlossen: Was Ärzte von geistigem Heilen halten", Der Heiler 3/1997, S. 33.

12 Noch erheblich aufgeschlossener gegenüber Geistigem Heilen äußern sich Ärzte in Großbritannien, wie eine Umfrage unter 594 Allgemeinpraktikern belegt: D. E. King / J. Sobal / J. Haggerty u. a., "Experiences and attitudes about faith healing among family practitioners", Journal of Family Practitioners 35/1994, S. 158-162.

13 Zum Vorwurf der "Unwissenschaftlichkeit" vgl. Harald Wiesendanger: Das Große Buch vom Geistigen Heilen, a.a.O., S: 259-303 ("Geistheilung im Zerrspiegel der Wissenschaft"). Zur Dürftigkeit des Placebo-Arguments siehe Harald Wiesendanger, "Geistheilung: bloß ein Placebo?", Erfahrungsheilkunde 1/1998, S. 9-12, sowie in ders.: Geistiges Heilen für eine neue Zeit - Vom “Wunderheilen zur ganzheitlichen Medizin, a.a.O.: “Nur ein Placebo? Auseinandersetzung mit einem dürftigen Argument, S. 203-214.

14 Zum Vorwurf der "Scharlatanerie" siehe Harald Wiesendanger, "Von Mücken und Elefanten", Der Heiler 1/1998, S. 5; ders.: Geistheiler - Der Ratgeber, a.a.O., Kap. 41; ders.: Das Große Buch vom Geistigen Heilen, a.a.O., S. 306-307.

15 H. Wiesendanger: Das Große Buch vom Geistigen Heilen, a.a.O., S. 384-387.

16 Dr. med. Hans Bankl: Der Pathologe weiß alles ... aber zu spät. Heitere und ernsthafte Geschichten aus der Medizin, Wien 1997, ib. S. 105-107. W. Hardinghaus zit. nach Ärztliche Praxis - das Online-Magazin für Arzt und Patient, 18.12.2002 (“Ärzte, nehmt endlich die Wunder ernst!”)

17 Siehe z.B. die Beiträge von Dr. med. Pierre Bovet, Dr. med. György Irmey und Dr. med. Barbara Schliecker in Geistiges Heilen für eine neue Zeit - Vom “Wunderheilen” zur ganzheitlichen Medizin, hrsg. v. Harald Wiesendanger, Kösel: München 1999.

18 In einem Interview mit der in Bremerhaven erscheinenden Nordsee-Zeitung, 23.1.1992: "Heiler - sind sie Helfer oder Scharlatane?"

19 H. Wiesendanger, "Dickes Lob für Zürcher Heilerin von mehreren Ärzten", Der Heiler 1/1998, S. 9.

20 Medical Tribune Nr. 25 / 20.6.1997; Der Heiler 3/1997: "Krebsmediziner verteidigt Geistheilung".


Mit diesem Text beginnt das Vorwort von Harald Wiesendangers Anthologie Geistiges Heilen in der ärztlichen Praxis – Damit die Humanmedizin humaner wird (2003, 5. Aufl. 2005).





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