• Dr. Harald Wiesendanger

Wie geschmiert

An Gesunden gibt es nichts zu verdienen. An Toten ebensowenig. Lukrativ sind die dazwischen: die chronisch Kranken. Was ist das für ein System, dem es umso besser geht, je schlechter es uns geht? Dieser Frage gehe ich in meinem Buch Das Gesundheitsunwesen nach.



Einen Sachverhalt nicht bloß zur Kenntnis zu nehmen, sondern zu verstehen bedeutet: den Zusammenhang zu erfassen, in dem er steht.


Insofern gibt der Zeitgeist Anlass zu größter Sorge. Läge er beim Psychiater auf der Couch, so käme er um die Diagnose „Demenz“ schwerlich herum. Denn bestürzend gestört ist sein Langzeitgedächtnis. Zwar treiben ihn mancherlei Skandale, Missstände und Horrorstatistiken um, die ihm Medien gestern und heute zugetragen haben. Doch erinnert er sich kaum noch bis überhaupt nicht mehr an ganz ähnliche Nachrichten aus früheren Jahren, geschweige denn an Jahrzehnte zurückliegende. Fallen sie ihm ausnahmsweise ein, tut er sich schwer damit, Einst und Jetzt miteinander in Beziehung zu bringen. Er erkennt sie nicht als Erscheinungsformen ein und desselben anhaltenden Zustands oder Vorgangs. Anscheinend vermag er nicht abschätzen, wie sie einander bedingen und worauf sie hinauslaufen. Er macht sich nicht klar, was das alles mit ihm zu tun hat – und warum es auch deswegen geschieht, weil er es geschehen lässt.


Aber gerade auf diese kognitiven Fähigkeiten kommt es an, um die Tatsachen einzuordnen, um die es in meinem Buch Das Gesundheitsunwesen geht, und die Schlüsse daraus nachzuvollziehen. Es enthüllt so gut wie nichts, was nicht längst bekannt wäre. Vielmehr puzzelt es gleichsam: Es zeigt, welches Gesamtbild sich aus einer Fülle einzelner Elemente ergibt, die auf den ersten Blick wenig bis nichts miteinander zu tun haben.


Das Bild, das Kapitel für Kapitel immer klarer zum Vorschein kommen wird, ist das einer monströsen, weltumspannenden Maschine, die umso besser funktioniert, je schlechter wir es tun – je mehr wir verlieren, was wir für unser höchstes Gut erachten.


Nichts geht Menschen über ihre Gesundheit. Von Meinungsforschern befragt, was ihnen am wichtigsten ist, belegt sie zuverlässig den Spitzenplatz, vor Werten wie Freiheit und Erfolg, Partnerschaft und Familie, Arbeit und Wohlstand, Freunden und Freizeit. Und erst recht zählt Gesundheit am allermeisten für jene Abermillionen, die sie verloren haben.


Also ist ein Gesundheitssystem dazu da, eine humanitäre Aufgabe von überragender Bedeutung zu erfüllen: In möglichst vielen Fällen soll es Krankheiten und Gebrechen möglichst rasch und dauerhaft beseitigen oder zumindest lindern, besser noch vorbeugen, damit sie erst gar nicht auftreten.


Freie Marktwirtschaft, so versichert man uns, bringt uns diesem Ziel näher: Im Wettbewerb unterschiedlicher Waren und Dienstleistungen setzen sich über kurz oder lang zwangsläufig die besten durch. Denn unter Verbrauchern finden sie naturgemäß die größte Nachfrage. Bei medizinischen Angeboten sei das im Prinzip nicht anders als bei Staubsaugern und Autos, Waschmitteln und Fernsehern. Also bringt die Medizin mit ökonomischer Notwendigkeit zunehmend heilsamere Mittel hervor, die körperliches und psychisches Leid immer umfassender, immer rascher, immer nachhaltiger lindern und schließlich beseitigen.


Diese Verheißung beruhigt uns aber nur unter vier Voraussetzungen:


1. Der Verbraucher wählt und entscheidet vollständig informiert: Er kennt alle verfügbaren Behandlungsmöglichkeiten, ihre Vorzüge und Nachteile, ihre kurz- und langfristigen Wirkungen und Nebenwirkungen.


2. Die Informationsquellen, aus denen der Verbraucher schöpft, sind sauber - unbeeinflusst von Leuten, die an Therapien verdienen, weshalb sie verständlicherweise darauf aus sind, den Nutzen ihrer Angebote überzubetonen, Grenzen und Risiken herunterzuspielen oder zu verschweigen, Wettbewerber abzuwerten.


3. Der Wettbewerb findet tatsächlich statt: Die Anbieter stellen sich der Konkurrenz; Nutzen/Risiko-Vergleiche sind möglich, werden laufend gezogen und publik.


4. Anbieterunabhängige Instanzen stellen sicher, dass diese drei Bedingungen erfüllt bleiben: der Gesetzgeber, Zulassungs- und Aufsichtsbehörden, Gerichte und Medien.


Wem schleierhaft ist, weshalb die sogenannte moderne Medizin mit immer größerem technischem und finanziellem Aufwand immer mehr chronisch Kranke produziert, findet hier die Antwort: Unser Gesundheitswesen versagt, weil in Wahrheit keine dieser vier Voraussetzungen erfüllt ist. Und so beleuchtet das vorliegende Buch einen Markt, der längst außer Rand und Band geraten ist. Auf ihm fällt wenigen Anbietern, weil sie über irrwitzige finanzielle Mittel verfügen, eine schier grenzenlose Macht zu, Verbraucher über Nutzen und Schaden ihrer Produkte umfassend zu täuschen, missliebige Wettbewerber zu diskreditieren, Regulierungen zu verhindern, Gesetze zu umgehen, wirksamen Kontrollen auszuweichen, sämtliche Informationsquellen zu vergiften, Kritiker kaltzustellen, sich alle wichtigen Player gefügig zu machen – zu einem einzigen Zweck: um Gewinne zu maximieren. Unser Gesundheitswesen, man muss es so deutlich sagen, ist weitgehend zu einem Spielball organisierter Kriminalität verkommen – einer wie geschmiert laufenden Versorgungsmaschine, die sich der mit Abstand profitabelste Wirtschaftszweig dieses Planeten, auch zum Entsetzen vieler Ärzte, längst mafiös zurechtgebaut hat. Das zu ändern, erfordert mehr als bloß ein paar zaghafte, letztlich doch lobbygesteuerte Reförmchen. Das Versagen des Systems schreit nach Revolution. Und diese Revolution wird ausbleiben, solange wir sie nicht beharrlich einfordern und mittragen.


Warum mir dieser Sachverhalt wichtig genug ist, ihm ein dickes Buch zu widmen, hat drei recht persönliche Gründe. Da ist tiefe Betroffenheit über die haarsträubenden Schicksale hunderter Patienten, denen ich in den vergangenen drei Jahrzehnten begegnete – Menschen, die sich gutgläubig einer Medizin anvertraut hatten, die sie krank und kränker machte, statt ihr Leid zu lindern. Da ist Fassungslosigkeit darüber, welch dürftige Resonanz Initiativen wie jene finden, die ich 2005 mit der Stiftung Auswege2 für chronisch Kranke ins Leben gerufen habe: eine karitative Einrichtung, auf die ein Hilfesuchender eher zufällig stößt, weil die Marktmacht derer, denen sie in die Quere kommt, dafür sorgt, dass sie öffentlich kaum wahrgenommen wird, gleichgültig wie viel sie erreicht. Und da ist vor allem die Sorge um meine eigenen Kinder und Enkel: Mich schaudert, wenn ich mir ausmale, was all die unentrinnbaren Pathogene, denen skrupellose Industrien und ein untätiger Staat sie aussetzen, eher früher als später in ihnen anrichten werden. Und mir graut davor, was ihnen widerfahren könnte, wenn sie sich daraufhin unbedarft einem kranken Gesundheitssystem ausliefern, dessen Hauptakteuren es umso besser geht, je schlechter es uns geht.


Dieses Buch soll erhellen, warum das so ist; wie es dazu kommen konnte; wie viel geschehen müsste, um wirksam gegenzusteuern; warum es dabei auch auf dich und mich ankommt. Blieben meine Kinder die einzigen, die dieses Buch jemals zur Hand nehmen und daraus auch nur einen einzigen Anstoß mitnehmen, weniger blauäugig weiterzumachen wie bisher, so hätte sich für mich die Mühe schon gelohnt.


„Die Wahrheit ist einfach“, lehrte Buddha. An das westliche Gesundheitswesen dachte er dabei wohl kaum, läge aber auch hier goldrichtig. Die simple Wahrheit lautet: An Gesunden gibt es nichts zu verdienen. An Toten ebensowenig. Lukrativ sind die dazwischen: die chronisch Kranken. Was folgt daraus logisch über das wahre, oberste Ziel der Medizinindustrie? Über Ärzte, die ihr Beihilfe leisten? Über Politiker, die daran nichts ändern? Über Wähler, die solchen Politikern ihre Stimme geben? Über Medien, die schweigen? Und über Patienten, die mitspielen?


Die moderne Medizin kümmert sich um deine Krankheit. Davon lebt sie. Um deine Gesundheit musst du dich selbst kümmern. Davon lebst du.


Bei diesem Beitrag handelt es sich um das Vorwort von Harald Wiesendangers Buch Das GesundheitsUNwesen – Wie wir es durchschauen, überleben und verwandeln (2019).








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