• Dr. Harald Wiesendanger

Wie selbstverständlich ist Psycho-Professionalismus?

Aktualisiert: Nov 11

Was veranlasst Menschen, ihr Seelenheil bei Experten zu suchen? Wie konnte es zur Enteignung ihrer psychischen Gesundheit kommen?


Neben der Trauerfeier und dem Flüssiggas, der Holzeisenbahn und dem Minuswachstum, Ostwestfalen und dem vorläufigen Endergebnis gebührt der Selbstverständlichkeit sicherlich ein Spitzenplatz in einer Hitliste der sonderbarsten Begriffe. Wer hat dabei eigentlich verstanden, was und wieviel? Wohl kaum derjenige, der sie dafür hält. Etwas als fraglos und zweifelsohne hinzunehmen, als keiner Begründung bedürftig, ist kein Verstehen, sondern ersetzt es. Dazu neigen wir, wenn wir meinen, maßgebliche Andere hätten verstanden – Leute, die schon alle nötigen Fragen gestellt und beantwortet, jegliche Zweifel ausgeräumt haben. Auf deren Urteil bauen wir.


Unser modernes Gesundheitswesen lebt von solch blindem Vertrauen, und darin kommt im Einzelfall ein Charakter, in der Masse der Zeitgeist zum Vorschein: „Charakteristisch für einen Menschen“, stellte Kurt Tucholsky fest, „ist das, was ihm selbstverständlich ist.“ Wer länger als ein paar Tage krank ist, sollte zum Arzt; ist die Erkrankung seelischer Art, so sind entsprechend spezialisierte Ärzte zuständig: Psychiater, in leichteren Fällen auch Psychologen und Psychotherapeuten, in allerschwersten eine Fachklinik.


Diese vermeintliche Selbstverständlichkeit scheint sich zwingend aus weiteren zu ergeben: Neben körperlichen Erkrankungen gibt es auch psychische, und diese liegen vor, wenn seelische Belastungen eine Weile andauern. Sie als Krankheit zu erkennen, zutreffend zu diagnostizieren und angemessen zu behandeln, ist Sache von Experten. Diese ziehen dazu wissenschaftliche Erkenntnisse heran Laien hingegen können bloß aus einer minderwertigen Alltagspsychologie voller Wissensdefizite, Vorurteile und Kurzschlüsse schöpfen.


Dieses stillschweigende, unhinterfragte Einvernehmen bestärkt professionelle Helfer in ihrem Standesdünkel, Hilfesuchende in ihrem Zutrauen – und schafft ein Tabu. Dass daraus ein Machtverhältnis erwächst, ahnte der österreichische Philosoph und Schriftsteller Günther Anders (1902-1992): „Je stummer ein Kommando, umso selbstverständlicher unser Gehorsam.“ (1)


Seit über einem Jahrhundert pflegen Gebildete „Psychologie“ gleichzusetzen mit „dem, was Akademiker an unseren Universitäten betreiben, wenn sie sich mit jenen Erscheinungen beschäftigen, die wir als ‚‘seelisch’ und ­’geistig’ bezeichnen“. Dieses Tun folgt naturwissenschaftlichen Leitbildern: Mit objektiver Beobachtung, Tests, Experimenten und Statistik ahmt es Methoden des Erkenntnisgewinns nach, die sich in Fächern wie Physik, Chemie und Biologie bewährt haben. Um Psychisches zu erklären, vorauszusagen und günstig zu beeinflussen, haben wir von Daten und Theorien auszugehen, die sich aus Anwendungen dieser Methoden ergeben. Weil die Endung „-logie“ vom griechischen logos stammt („Vernunft“, „Sinn“), schwingt darin der Anspruch mit, diese Vorgehensweise sei die einzig sinnvolle und vernünftige.


Dagegen Einspruch zu erheben, fällt nicht leicht. Denn besonders schwierig zu verteidigen sind Besitztümer, die so selbstverständlicher Bestandteil unseres Lebens sind, dass wir uns kaum je vergegenwärtigen, wie sehr sie zu uns gehören. Unsere Wohnungstür sichern wir mit Vorhängeschlössern, unsere Gärten mit Bewegungsmeldern, unsere Autos mit Alarmanlagen. Aber wir sind nicht gefasst darauf, dass unser jahrzehntelanger Partner plötzlich sterben, unser Kind entführt werden, unsere Gesundheit verlorengehen könnte. Geschieht es, sind wir wie vom Donner gerührt, wir verfallen in Schockstarre, uns fehlen die Worte. Ebensowenig haben Menschen jahrtausendelang damit gerechnet, dass ihnen jemals ein besonderer Expertenstatus abhanden kommen könnte: jener, den sie hinsichtlich ihres seelisch-geistigen Innenlebens und dem ihrer Nächsten haben. Der Angriff darauf, vorgetragen von akademischen Psychologen, erwischt sie unvorbereitet, und statt ihn entschieden abzuwehren oder auch nur besonnen zu bedenken, was sie ihm entgegenzusetzen hätten, beugen sich die meisten widerstandslos der Wissenschaft, auf die sich die Eindringlinge berufen. Denn deren Autorität mutet unantastbar an, fast so wie einst jene des Heiligen Stuhls. Nun scheint es bloß noch darum zu gehen, sich mit einem übermächtigen Schicksal abzufinden und möglichst behaglich darin einzurichten: Wer den wahren Experten andächtig lauscht, ihre Dienste in Anspruch nimmt und honoriert, sich ihre Begriffe und Theorien zu eigen macht, seiner Intuition abschwört und auf respektlose, inkompetente Fragen verzichtet, der erntet Lob für seine Einsichtigkeit. Jetzt endlich ist er zum vollwertigen Mitglied einer wahrhaft aufgeklärten Gesellschaft geworden, der die Wissenschaft das strahlende Licht der objektiven Erkenntnis schenkt und großartige neue Horizonte eröffnet.


Tut sie das etwa nicht?


Hartnäckig hält sich das Gerücht, psychologische Lehrbücher und Fachzeitschriften seien voll von enthüllten Gesetzmäßigkeiten aller Art, bestätigt durch Tests und Experimente. Damit aufwarten können in Wahrheit aber nur zwei Teilbereiche, nämlich die Psychophysiologie und die Wahrnehmungspsychologie, soweit sie sich mit messbaren Reaktionen auf einfache Stimuli befassen. Wie hängen Reiz- und Erlebnisintensität zusammen, oder Aktivierungszustände wie Erregung, Anspannung und Anstrengung mit körperlichen Vorgängen? Wo liegen die Bewusstseinsschwellen für optische und akustische Reize? Sobald Psychologie über die Ebene von elementaren Sinneseindrücken, körperlichen Empfindungen und unwillkürlichem Verhalten hinausgreift, liefert sie bloß mehr oder minder ausgeprägte Wahrscheinlichkeiten.


Statistische Ergebnisse können von Nutzen sein, wenn es um Häufigkeitsverteilungen gewisser Merkmale innerhalb größerer Gruppen geht, etwa bei Konsumenten, Wählern und Steuerzahlern, Mietern und Hausbesitzern, Geschlechtern, Altersklassen und Konfessionen, der Bevölkerung insgesamt. Das sind brauchbare Orientierungshilfen fürs Generelle. Sie nützen, wenn es darum geht, das Große und Ganze im Blick zu behalten. Sie nützen, wann immer man das Seltene, Außergewöhnliche und Einmalige eher vernachlässigen kann: etwa bei Entscheidungen im Verkehrswesen, beim Design von Gebrauchsgegenständen, im Städte- und Wohnungsbau, in der Organisation von Ausbildungseinrichtungen und Betrieben, in der Touristik, bei Werbung, Marketing und politischer Propaganda. Für all diese Zwecke kann es hilfreich sein zu wissen, was ein mehr oder minder großer Prozentsatz von Menschen, die bestimmte Merkmale aufweisen, voraussichtlich tun wird, und welche Motive recht häufig dahinterstecken. Entsprechende Befunde können grundsätzliche Einschätzungen auf festeren Boden stellen, verbreitete Vorurteile zurechtrücken, ungefähre Erwartungen präzisieren, Planungen erleichtern. Insoweit sind sie überaus wertvoll.


Doch stets lassen sie offen, was im Einzelfall geschieht. Psychologie, und erst recht all jene, die ihre Erkenntnisse im Alltag in konkreten Situationen auf konkrete Menschen anwenden sollen, haben es letztlich nie mit statistischem Durchschnitt zu tun. Immer treffen sie auf Individuen, mit einmaligen Geschichten, in unwiederholbaren Umständen, mit einer einzigartigen Erlebnisperspektive.


Weil das so ist, sollten Laien aufmüpfig, widerspenstig, uneinsichtig sein, sobald es um Einzelschicksale geht – überall dort, wo sie als Individuen mit wissenschaftlicher Psychologie, ihren Erkenntnisansprüchen und Handlungsempfehlungen zu tun bekommen: sei es in der psychologischen Beratungsstelle, in der psychotherapeutischen Praxis, in der psychiatrischen Klinik, im Gerichtssaal, im Jugendamt, in der Personalabteilung beim Eignungstest, am Redaktionstisch, im Fernsehstudio. Meine Schriftenreihe Psycholügen ermutigt hoffentlich viele dazu, eine angemaßte Autorität unbeirrt zu hinterfragen. Wenn es um ein ganz bestimmtes, ihnen vertrautes Subjekt geht, könnte ein Großteil von ihnen die besseren Experten sein. Vorausgesetzt, sie trauen es sich zu.


Warum tun es die wenigsten? Wie konnte entstehen, was der amerikanische Kulturkritiker Martin L. Gross „die psychologische Gesellschaft“, der Münchner Sozialpsychologe Heiner Keupp „Psychokultur“ nennt: (2) ein Gemeinwesen, in dem es geboten erscheint, sich von Experten sagen lassen, wer man ist, warum man so ist und was man tun sollte?


Zu den Hauptgründen führen zwei Fragen: Warum begann der Aufstieg des Psycho-Expertentums erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, nicht schon hundert Jahre früher? „Psychotherapie ist heute zu einer Sache fast aller Menschen geworden“, fiel dem Philosophen Karl Jaspers Mitte der fünfziger Jahre auf. „Zwar ist sie erwachsen auf ärztlichem Boden. Aber sie hat sich von ihrem Ursprung gelöst.“ (3) Weshalb geschah dies ausgerechnet in Westeuropa und den Vereinigten Staaten, nicht in Afrika, Asien und Lateinamerika?


Unterwegs zum Selbst


Ausgangspunkt war - erstens - eine Orientierungskrise, ausgelöst durch den Bedeutungsverlust von Traditionen und dem Autoritätsverfall der christlichen Kirchen in den westlichen Industrieländern. Wie sie leben, was sie anstreben sollen, ließen sich dort immer größere Teile der Bevölkerung nicht mehr von der Religion ihrer Vorfahren diktieren. Ebensowenig mochten sie sich weiterhin überkommenen Werten beugen und in vorgegebene Rollen fügen; emanzipierte Ichs drängt es nach Freiheit und Selbstverwirklichung, kulturelle Normen und Leitbilder empfinden sie eher als Zumutung. Damit verloren überkommene Verpflichtungen an Gewicht, lockerten sich bisherige Bindungen, verflüchtigten sich Daseinszwecke.


Was freilich nicht verschwand, ist das menschliche Grundbedürfnis nach Halt und Sinn. Bleibt es unbefriedigt, kommen chronische Verunsicherung und Besorgnis auf. Nachdem es im Himmel und auf Erden nichts Letztgültiges mehr ausfindig zu machen gab, richtete sich der Blick nach innen, aufs eigene Selbst. Das entfesselte Individuum fahndet nach dem wahren Ich - wenn es bloß wüsste, wo und wie. Die Identitätskrise droht sich von einer Pubertätserscheinung in eine Dauerbefindlichkeit zu verwandeln.


Die moderne Psychowissenschaft verhieß, den Hunger zu stillen: sie stellte neue Deutungsmuster, Alltagshilfen und Lebensziele in Aussicht. Dazu erweiterte sie ihren Zuständigkeitsbereich größtmöglich: Nicht mehr nur für Irre und Wahnsinnige, für jeden von uns sind sie da.


Diesen Bedeutungszuwachs bereiteten zwei Schritte vor. Der eine bestand in der Erfindung des Unbewussten, des unkirchlichen Gegenstücks zur unsterblichen Seele, als einer geheimnisumwitterten Innenwelt, die zu uns gehört, uns aber verborgen bleibt. Der andere bestand in der Abschaffung des Normalen: Die Grenze zwischen psychischer Gesundheit und Krankheit verschwamm. Sie sei „nicht scharf gezogen“ (4), so machte uns die psychoanalytische Revolution glauben. Normalität sei „eine Idealfiktion, jeder Normale ist eben nur durchschnittlich normal, sein Ich nähert sich dem des Psychotikers in dem oder jenem Stück, in größerem oder geringerem Ausmaß“. (5) Es gebe „nur quantitative und nicht qualitative Unterschiede zwischen dem Normalen und dem Neurotischen“ (6), die „Abgrenzung der psychischen Norm von der Abnormalität“ sei „wissenschaftlich nicht durchführbar.“ (7) Was einst als unangenehme, aber natürliche Reaktionen auf das gewöhnliche Auf und Ab des Lebens mit all seinen unschönen Schicksalswendungen, Nackenschlägen und Krisenzeiten galt – seien es Traurigkeit, Verzweiflung, Ärger, Verbitterung, Wut, Unruhe, Enttäuschung, Erschöpfung, Angst oder Selbstzweifel -, wurde nun zu allgegenwärtigen „Fehlanpassungen“. So büßten wir das Recht ein, zugleich normal und seelisch belastet zu sein. Vielmehr sind wir alle irgendwie schon psychisch krank oder stehen kurz davor. Dieser Befund irritiert, er macht verkrampft und ängstlich, als Massenphänomen beschwört er die psychisch labilste Kultur der Geschichte herauf.


Bildungswesen und massenmediale Dauerberieselung sorgten dafür, dass die aufrüttelnden Botschaften moderner Seelenkunde immer tiefer ins öffentliche Bewusstsein sickerten. Sie verschmolzen zur ersehnten neuen Glücksformel, die uns eine erfüllte Gegenwart und eine glänzende Zukunft verheißt - und unser drängendes Verlangen, Vollkommenheit zu erlangen, neu ausrichtet. Jahrhundertelang galt ein Heilsversprechen, welches das Entwicklungsziel in ein nachtodliches Jenseits verlagerte: „Vervollkommne dich, indem du dich von Sünde reinwäschst und gottgefällige Werke tust. Nur so wirst du eines ewigen Lebens im Himmel würdig, mit dem dir jenes wahre Glück zuteil wird, das dir im Diesseits versagt bleibt.“ In der psychologischen Gesellschaft, wie auch im „Neuen Zeitalter“ von esoterisch Bewegten, wird das Ziel diesseits erreichbar: „Vervollkommne dich, indem du erkennst, was dich unbewusst ausmacht, psychische Normalität anstrebst und vor ihrer ständigen Bedrohung auf der Hut bist. Nur so erlangst du wahres Glück.“ Statt „psychische Normalität“ betont die Esoterikwelle „spirituelle Entwicklung“ - um Selbstfindung geht es hier wie dort. Den Hauptunterschied macht das bevorzugte Bild von diesem ungreifbaren Selbst: Ist es in erster Linie unbewusst oder göttlich? In beiden Fällen gilt die Verheißung einem Idealzustand, der Erfolg, Liebe und Angstfreiheit vereint. Einst wie heute bedürfen Menschen dazu sachkundigen Beistands, die Rolle des Priesters übernimmt der psychologische Experte.


Wir haben Gott verabschiedet, wie er sich womöglich von uns. Nicht losgeworden sind wir allerdings eine tiefe Sehnsucht: Jemand, der annähernd so allwissend, zuverlässig und fürsorglich ist, wie Ihm unsere Großeltern zutrauten, möge uns an die Hand nehmen und sicher führen, wenn wir uns ahnungslos, schwach und überfordert fühlen. Expertokratie lebt vom Versprechen, das Verlangen zu stillen – zu einem hohen Preis. Es ist ebenso komisch wie tragisch: Im Bestreben, wahrhaft frei zu werden, und der Ansicht, dazu bedürfe es unbedingt der höheren Einsichten einer Elite, begeben wir uns in deren Gefangenschaft, wohlgemut und widerstandslos. Wir nicken ab, was ihr richtig scheint. Wir befolgen ihre sachkundigen Ratschläge. Wir setzen ihre Leitlinien um. Wir beugen uns dem, was sie zu Sachzwängen erklärt. Wir übernehmen ihre Maßstäbe für Erfahrung, Wahrheit und Wissen. Wir misstrauen allem, was sie als unwissenschaftlich abtut. Wir messen uns an ihren Leistungsnormen. Wir definieren uns durch ihr Bild von uns. Schleichend verkehrt sich die Emanzipation des Individuums währenddessen in ihr Gegenteil. In hellen Scharen fallen Menschen in jene selbstverschuldete Unmündigkeit zurück, aus der ihnen, mit Immanuel Kants berühmtem Satz, die neuzeitliche Aufklärung doch eigentlich einen Ausgang weisen sollte.


Wie die Prinzessin auf der Erbse


Der zweite Entstehungsgrund der psychologischen Gesellschaft: Es geht ihr zu gut. In ihr wähnt man sich krank oder kurz davor, gerade weil man so gesund ist. Man leidet in Lebensverhältnissen, wie sie im Großen und Ganzen noch nie in der Menschheitsgeschichte vorzüglicher waren. Noch Ende des 19. Jahrhunderts lag im Deutschen Reich die durchschnittliche Lebenserwartung von Frauen bei 38,5 Jahren, von Männern bei 35,6 (8); sie starben an Infektionskrankheiten wie Typhus, Cholera, Tuberkulose, Ruhr, Pocken und Lungenentzündung, an Auszehrung und anderen Mangelerscheinungen. Von ihren Kindern erreichte jedes dritte nicht seinen ersten Geburtstag. Bei mehr als drei Viertel der Bevölkerung galt die Hauptsorge dem nackten Überleben, der Mühsal des Kampfs ums tägliche Brot. Obwohl sie bis zur Erschöpfung schufteten, hungerten viele, wussten nicht, wie sie ihre Familie sattbekommen sollten, litten unter Entrechtung, Ausbeutung, Kriegen. Sie froren, wenn der Vorrat an Holz oder Kohle zur Neige gegangen war. Sie schätzten sich glücklich für sauberes Wasser und ein Dach über dem Kopf. Wo sie der Schuh drücken könnte, war vielen schon deswegen schnurz, weil sie keinen besaßen. Verloren sie ihre Arbeit oder ihre Gesundheit, standen sie ohne Kranken- und Rentenversicherung vor dem Aus, sofern nicht Kinder, Freunde, Nachbarn, der Pfandleiher oder ein Darlehen des Krämers halfen, nachdem kümmerliche Ersparnisse aufgebraucht waren. Da war schlicht keine Muße, ausgiebige Befindlichkeitschecks vorzu­nehmen, sich seelischen Erschütterungen hinzugeben, anderer Leute Psychotiefs gesteigerte Aufmerksamkeit zu widmen.


Wir Heutigen leben bei weitem komfortabler und länger, und das bei besserer Gesundheit als je zuvor. Trotzdem veranstalten wir um unser körperliches und psychisches Wohlergehen ein Aufhebens ohnegleichen. Nie waren Gesundheitsängste verbreiteter, nie reagierten Menschen empfindlicher auf die kleinsten Unpässlichkeiten und Verhaltensauffälligkeiten. Keine Generation fühlte sich jemals kranker. Die geringste Abweichung von der Norm erscheint ihr, kaum dass sie auftritt, als Vorbote einer ernsthaften Erkrankung. In diesem Zeitgeistphänomen sah der Philosoph Odo Marquard einen Anwendungsfall des „Gesetzes der zunehmenden Penetranz der negativen Reste“. (9) Man könnte es auch als das „Prinzessin-auf-der-Erbse-Syndrom“ bezeichnen: Je höher die Lebensqualität, desto lauter das Jammern und Wehklagen. Rund um den Globus finden Wohlstandsforscher bestätigt: Je weniger Not und Elend herrschen, desto lästiger drückt der „negative Rest“: die Erbse unter der thermoplastischen, wirbelsäulenfreundlich punktelastischen Allergiker-Matratze. Es ist, als lägen wir schlaflos mit gespitzten Ohren im Bett: Erst wenn kein Lärm mehr unsere Nachtruhe stört, beginnt das Ticken des Weckers, das Brummen des Kühlschranks, das Knarzen des Lattenrosts uns zu nerven. Eine wohlwollende Bewertung könnte lauten: Es spricht für das Entwicklungsniveau unseres Gemeinwesens, dass wir für Belastungen empfindsam geworden sind, über die man früher acht- und lieblos hinwegging. Man könnte aber auch sagen: Rundum versorgt und beschützt, sind wir zu wehleidigen Hypersensibelchen geworden. (10)


Anhaltspunkte für diesen Befund finden sich allerorten. Im Frühjahr 2016 beschmierten unbekannte Vandalen eines Nachts in der altehrwürdigen Emory-Universität in Atlanta Treppen, Wände und Böden mit Wahlkampfparolen des republikanischen Rumpelstilzchens Donald Trump. Prompt versammelten sich Dutzende aufgewühlter Studenten zur Demonstration: Ob dieser „rassistischen Mikroaggression“ hätten sie nun ganz arg Angst; an ihrer Uni fühlten sie sich fortan nicht mehr sicher, befänden sich „in pain“. Daraufhin bot die vorbildlich einfühlsame Hochschuldirektion umgehend „psychologischen Beistand“ an (11) – so als würden Abscheu und Empörung andernfalls schnurstracks in eine posttraumatische Belastungsstörung münden.


„Woran merkst du am Strand, dass du zu dick bist?“, witzelte ich während einer Veranstaltung und reichte die Antwort sogleich nach: „Greenpeace-Aktivisten versuchen dich ins Meer zurückzurollen.“ Darüber empörten sich mehrere - übrigens vollschlanke - Zuhörer: So etwas flapsig Dahergesagtes müsse übergewichtige Anwesende doch ganz arg verletzen, das gehe entschieden zu weit.


Um einen pfiffigen Einstieg in das Thema „Liebe“ bemüht, führte ich ein andermal ein kurzes You-Tube-Video vor, das einen höchstens vierjährigen Knirps beim ebenso bemühten wie vergeblichen Werben um eine angebetete Prinzessin aus derselben Altersgruppe zeigt: Immer wieder versucht er ihr einen Kuss auf die Wange zu drücken, doch jedesmal wird er heftig weggeschubst, so dass er mehrfach rücklings auf dem Hosenboden landet. Auch hiergegen protestierten Feinfühlige: So ein Clip könne bei weiblichen Zuschauern, die in ihrer Kindheit sexuellem Missbrauch zum Opfer fielen, schreck­liche Erinnerungen „triggern“ und sie „retraumatisieren“.


Der Journalist Sebastian Herrmann berichtet von einem Fünfjährigen, der im Kindergarten versehentlich eine Nacktschnecke anfasste. Prompt spiegelte er die Gesundheitshysterie seines Eltern­- hauses wider, indem er seinen Ekel vor diesem schlei­mig- glitschigen Etwas zu einer „Schnecken-Allergie“ erklärte. (12) Falls derselbe Junge auf der Schulbank, die er in Kürze drücken wird, nicht stundenlang stillsitzen kann, wird er zum glasklaren ADHS-Fall werden. Wenn er, eher zurückhaltend, versonnen und in sich gekehrt, stundenlang in Beschäftigungen versinkt, von denen Gleichaltrige rasch genug haben, hat er „Autismus“ entwickelt. Sollte er wiederholt eine Weile traurig und lustlos sein, hat ihn eine „rezidivierende depressive Störung“ im Griff. Die kann „bipolar“ ausarten, falls er zwischendurch plötzlich allerbester Laune ist. Sobald er sich anhaltend erschöpft und überfordert fühlt, ereilt ihn ein „Burn-out“-Syndrom.


Die Erbse unter der ziemlich komfortablen Matratze unseres alles in allem ungefährdeten, von Existenzängsten freien Daseins mag sich nicht beseitigen oder ignorieren lassen. Doch kann es nicht schaden, sich hin und wieder vor Augen zu führen: Es handelt sich um eine Erbse. Am anfälligsten für die Erlösungsversprechen von Psycho-Dienstleistern sind Zartestbesaitete, die aus ihr einen Felsbrocken machen, wie der Vorschulpimpf die „Igitt-Bäh“-Schnecke zum allergenen Ungetüm.

Dieser Text stammt aus der 10-bändigen Schriftenreihe von Harald Wiesendanger: Psycholügen, Band 1: Neue Heimat Psycholand – Woher unser Vertrauen in Seelenprofis rührt (2017).

Anmerkungen

(1) Günther Anders: Die Antiquiertheit des Menschen, Band 2: Über die Zerstörung des Lebens im Zeitalter der dritten industriellen Revolution, München 1980.

(2) Martin L. Gross: Die psychologische Gesellschaft. Kritische Analyse der Psychiatrie, Psychotherapie, Psychoanalyse und der psychologischen Revolution, Frankfurt a. M. 1984; Or.: The Psychological Society (1978). Heiner Keupp: Riskante Chancen. Das Subjekt zwischen Psychokultur und Selbstorganisation, Heidelberg 188; ders. mit Helga Bilden (Hrsg.): Verunsicherungen. Das Subjekt im gesellschaftlichen Wandel, Göttingen 1989.

(3) Karl Jaspers: Wesen und Kritik der Psychotherapie, Frankfurt a. M. 1953.

(4) Sigmund Freud: „Der Mann Moses und die monotheistische Revolution“, Gesammelte Werke, Nachdruck Frankfurt a. M. 1999, Band XVI, S. 233.

(5) ebda.

(6) Sigmund Freud in „Protokolle der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung“, Gesammelte Werke, Bd. IV, S. 35.

(7) Sigmund Freud: „Abriss der Psychoanalyse“, Gesammelte Werke, Bd. XVII, S. 125.

(8) Nach Reinhard Spree: „„Gesundheitswesen“, in Thomas Rahlf (Hrsg.): Deutschland in Daten. Zeitreihen zur Historischen Statistik, Bonn 2015, S. 74-87.

(9) Zit. nach Gerwin Klinger: „Vom Restrisiko der Prinzessin ohne Erbse“, Der Tagesspiegel, 26.6.1998.

(10) Sebastian Herrmann: Der Krankheitswahn - Wir sind gesünder, als wir uns fühlen und die Industrie uns glauben lässt, Gütersloh 2015.

(11) Washington Post, 24.3.2016: „Someone wrote ‘Trump 2016’ on Emory’s campus in chalk. Some students said they no longer feel safe“; New York Times, 1.4.2016: „Pro-Trump Chalk Messages Cause Conflicts on College Campuses“.

(12) Der Journalist Sebastian Herrmann schildert diese Episode in seinem Essay „Leben auf der Erbse“, Süddeutsche Zeitung Nr. 151/2.7.2016, S. 49.

5 Ansichten0 Kommentare

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen

Für die Katz.