• Dr. Harald Wiesendanger

Papa fehlt – Wenn familiäres Unheil auf Blase und Bauch drückt

Wie kann ein Zwölfjähriger im Schlaf immer noch ins Bett pinkeln, Nacht für Nacht? So war es bei Christoph (Pseudonym), als er im Au­gust 2010 zum 4. Therapiecamp meiner Stiftung Auswege ins Kleinwalsertal nahe Oberstdorf kam, be­gleitet von seiner 50-jährigen Mutter, einer kaufmännischen Angestellten aus Hessen. „Nachts war er noch nie trocken“, vermerkte sie im Anmeldebogen.


Dem Hausarzt hatte die Inkontinenz ebenso Rätsel aufgegeben wie immer wiederkehrende Bauchschmerzen, über die der Junge seit Jahren klagte. Organische Ur­sachen waren nicht auffindbar.


Müsste ein Arzt nicht wissen, dass bei „sekundärer“, nicht körperlich bedingter Enuresis traumatische Erfahrungen von Trennung und Verlust zu den Hauptrisiko­faktoren zählen, zumal bei Minderjährigen? Nachdem er festgestellt hat, dass die Hypo­physe das Antidiuretische Hormon Vaso­pres­sin ausreichend produziert, weder eine Verengung der Harnröhre noch eine Funk­ti­onsstörung der Blase vorliegt und auch sonst mit den im Bauchraum liegenden und angrenzenden Organen alles in Ordnung ist: Hätte er nicht in Erwägung ziehen sollen, dass da eine psychische Belastung „drückt“? Wie konnte er versäumen, den Jungen und seine Mama danach zu fragen?


Außerdem, und scheinbar ohne Zusam­men­hang mit diesen Symptomen, weigerte sich Christoph beharrlich, zur Schule zu gehen; tat er es, dann immer nur mit größtem Widerwillen.


Irgendwann entschied die Mutter, ihren Jungen einem Psychotherapeuten anzuvertrauen. Doch monatelange Sitzungen brach­ten nichts. „Also“, schloss die Mama, „kann es auch nichts Psychisches sein.“


Was könnten wir in einem derart hartnäckigen, mysteriösen Fall ausrichten, innerhalb von bloß acht Behandlungstagen?


Im Eingangsgespräch erlebte unser leitender Camparzt den Jungen als aufgeweck­ten, „intelligenten Schüler“, wie er protokollierte; dass Christoph in der Schule nicht klar kam, lag bestimmt nicht daran, dass er zu blöd war. In den ersten Tagen sei der Junge „sehr ruhig, fast schüchtern“ gewesen, und nicht anders erlebten ihn die übrigen Teammitglieder: Mit großen Augen ver­folgte er unsicher, zurückhaltend und verstockt, geradezu ängstlich das Campge­schehen. Bis Dienstag, dem dritten Camp­tag, quengelte er unentwegt, er wolle wieder nach Hause.


Doch nach und nach taute er auf, wurde immer offener, fröhlicher, gelassener. Das hartnäckige Bauchweh klang ab, die Enuresis verschwand vollständig. „Chri­stoph hat die ganze Woche kein einziges Mal eingenässt“, wie der Camparzt am En­de schriftlich festhielt. Psychische Verfas­sung und Sozialverhalten hätten sich radikal gewandelt: Nach bloß acht Behand­lungs­tagen sei der Junge „viel selbstsicherer, er wurde immer aufgeschlossener, ging auf die anderen Kinder immer mehr zu“. Seine Therapeuten suchte er sich selber aus. Verwundert bestätigte die Mutter abschließend: „Ausgelassen, wie befreit, spielte er mit anderen Kindern. Gegen Ende besorgte er sich selbstständig Termine bei den Thera­peuten und dem leitenden Arzt. In den in­tensiven Gesprächen mit ihnen war er sehr aufmerksam. Er wirkt entspannter, regelrecht ‚gelöst’.“ Ob er wieder zur Schule gehen wird, bleibt abzuwarten, denn „noch sind Ferien“. Er tat es, wie eine Nachbe­fra­gung ergab.


Wie waren diese Durchbrüche möglich? Wenn Christophs Psychotherapeut nichts ausrichten konnte, so vermutlich deshalb, weil er keinen Zugang zu dem Jungen fand. Uns gelang es offenbar. Im Vordergrund von über einem Dutzend Heilsitzungen mit Christoph stand weder sein vollgepinkeltes Bett noch sein Bauch, sondern seine psychischen Belastungen. Dabei kam zum Vor­schein: „Der Junge hängt sehr an seinem 15-jährigen Bruder, den die Eltern wegen Gewalttätigkeiten aus dem Haus gewiesen haben“, notierte der Campmediziner. „Sein leiblicher Vater verließ die Familie kurz nach seiner Geburt, um seine Kinder kümmert er sich nicht. Als ich den Jungen auf seine Trennungsängste und Verluste an­sprach, brach er in Tränen aus.“


Welch hohem Erkrankungsrisiko Eltern, die sich trennen, ihren gemeinsamen Nach­wuchs aussetzen, ist ihnen selten hinlänglich bewusst. Für sie mag die Trennung ein Akt der Selbstbefreiung sein; doch für ihre Kinder bricht eine Welt zusammen – in jedem Alter. Zwischen 1998 und 2008 wurde in Deutschland jede dritte Ehe geschieden – 2,2 Millionen -, wodurch 1,7 Millionen Minderjährige den Zerfall ihrer Familie erlebten. (1) Kein Kind bleibt davon unberührt, viele entwickeln Verhaltensstö­run­gen und maskieren ihre Verunsiche­rung, Verzweiflung und Wut durch körperliche Symptome. Sie werden hyperaggressiv, beginnen wieder am Daumen zu lutschen, können sich kaum konzentrieren, schlafen schlecht, entwickeln Essstörungen, chronische Schmerzen und Allergien.


Aber wie soll­te ein Junge seinen Papa vermissen können, wenn er diesen nie bewusst erlebte, sich keinerlei Erinnerungen an ihn bewahren konnte? Zumindest weiß er, dass es Papa gibt und dass er fortgegangen ist. Könn­te es nicht sein, dass er mit seiner Schulverweigerung an beide Elternteile Signale aussendet? „Wenn Papa da wäre, dann würde er sich darum kümmern“. Oder: „Wenn Mama sich Mühe geben würde, käme er zurück.“ Oder: „Mama ist schuld, dass Papa weg ist. Indem ich mich ihr widersetze, bestrafe ich sie dafür.“ Oder: „Papa hat nicht gemacht, was Mama will, und bestimmt hatte er seine Gründe dafür. Warum soll ich ihr dann gehorchen?“ Oder: „In der Schule kriege ich doch nur schlechte Noten. Deshalb könnte Papa nicht stolz auf mich sein. Also gehe ich da gar nicht erst hin.“


Zehn Jahre lang war der verlorene Vater in Christophs Rumpffamilie ein Tabuthema gewesen: Mama wollte nie über ihn reden, Fragen wich sie aus. Die Heilsitzungen brachen mit diesem Tabu. Sie brachten zur Sprache, was den Jungen insgeheim bedrückte, gaben ihm Gelegenheit, seinen Gefühlen freien Lauf zu lassen, boten ihm Erklärungen für das Geschehene an und befreiten ihn von quälenden Vermutungen, warum Papa wegging und nicht mehr heimkommt. Prompt klangen die vermeintlich „therapieresistenten“ Symptome ab.


Damit die im Camp erzielten Erfolge nachhaltig bleiben, müsse „das gestörte Familien­leben besser geordnet und Christoph dabei eingebunden“ werden, empfahl unser Camp­arzt abschließend. Könnte sich die Mutter nicht überwinden, Christoph zuliebe Kontakt zum Vater herzustellen, ihm klarzumachen, wie sehr sein Kind ihn vermisst, und darauf hoffen, dass er zehn Jahre nach der Trennung eher bereit ist, Verantwortung zu übernehmen? Mehr als nachdrücklich ans Herz legen konnten wir ihr diese Empfehlungen nicht. Ob sie gefruchtet haben? Wenn nicht: Haben dann die Camptherapeuten versagt – oder das soziale Umfeld?


Anmerkung

1 Michael G. Möhnle: „Familien in Gefahr – Kinder in Not“, www.moehnle.net/themen/ familie.htm, 2008, abgerufen am 15.11.2015.


(Harald Wiesendanger)


Dieser Beitrag erschien zuerst im Buch von Harald Wiesendanger: Auswege – Kranken anders helfen (2015, Nachträge). Siehe auch den Text "Rein somatisch ist gar nichts".

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