• Dr. Harald Wiesendanger

Des Kaisers neue Kleider

Das Psycho-Profitum, das die moderne Seelenheilkunde in der westlichen Welt installiert hat, beruht auf fünf Grundvoraussetzungen. Jede sollten seelisch Belastete hinterfragen, anstatt sich blind vertrauend vermeintlichen Experten ausliefern.




Angeblich gestützt auf wissenschaftlich gesicherte Erkenntnisse, können Experten geistig-seelische Erkrankungen

1. zuverlässig erkennen,

2. wirksam behandeln,

3. plausibel erklären und

4. ziemlich präzise vorhersagen -

5. jedenfalls weitaus besser als Laien, denn diese hängen einer minderwertigen „Küchenpsychologie“ an.


Dass all dies stimmt, nehmen Öffentlichkeit, Medien und staatliche Stellen, Krankenkassen und andere Einrichtungen unseres Gesundheitswesens inzwischen wie selbstverständlich an. Diese breite Einverständnis beschert Psychologen, Psychotherapeuten, Psychiatern eine Führungsrolle, die Laien kaum je hinterfragen. Sie sollten es aber. Ausgehend von Erfahrungen aus den Therapiecamps meiner Stiftung Auswege erklärt die vorliegende Schriftenreihe alle fünf Annahmen zu Mythen.


„Das Volk“, so sah es Kurt Tucholsky, „versteht das meiste falsch, aber es fühlt das meiste richtig.“ Dass in den Psychofächern etwas oberfaul ist, ahnen viele: Studenten spüren es am erschreckenden Mangel an Praxisbezogenheit und Nutzwert ihrer Ausbildung, Ratsuchende an Merkwürdigkeiten psychologischer Beratungsgespräche, Patienten an haarsträubenden Therapieverläufen in psychiatrischen Einrichtungen und psychotherapeutischen Praxen. Trotzdem traut sich die Mehrheit nicht, aufzubegehren. Unzählige Leidtragende und Zeugen eines anmaßenden Psycho-Expertentums müssten sich längst zu benehmen trauen wie jener Knirps in Hans Christian Andersens Märchen „Des Kaisers neue Kleider“, der vor versammelter Festgesellschaft ausruft: „Der hat ja gar nichts an!“ Warum geschieht das nicht? Es scheint so, als müsste man uns gar nicht mehr belügen - das erledigen wir inzwischen selber. Denn die Illusion ist Teil unserer Weltorientierung und dient dazu, sie aufrechtzuerhalten. Darin ähnelt sie durchaus dem Wahn jener Abermillionen unbedarfter Bürger, die sich von Experten einst dazu hinreißen ließen, Hexen bei der Inquisition zu verpfeifen, für den besessenen Angehörigen einen Exorzisten einzubestellen, sich vor einer „Verschwörung des Weltjudentums“ oder Saddam Husseins ABC-Waffen zu fürchten.


Warum schwant uns nicht, dass wir einer Selbsttäuschung erliegen, die der nobelpreisgeehrte US-Psychologe Daniel Kahneman „Kompetenzillusion“ nannte? Die „stärkste psychologische Ursache“ für diesen allgegenwärtigen Irrtum scheint ihm: Der Laie bewundert Experten dafür, dass sie ganz ohne Frage „hohe kognitive Leistungen erbringen“. Mit technisch hochkomplizierten Methoden sammeln, sichten und analysieren sie Berge von Daten, lassen modernste Computer dafür rechnen, verpacken die Ergebnisse mathematisch, bewerten diese nach kniffligen Maßstäben, ziehen überaus feinsinnige Schlüsse daraus, und das in Ehrfurcht gebietendem Fachkauderwelsch. „All dies ist anspruchsvolle Arbeit“, die zweifellos „eine umfassende Ausbildung erfordert“, so Kahneman. (1) Es ist dieser offenkundig riesige Aufwand, der bei Laien gewaltig Eindruck schindet – und sie davon abhält, ihn an seinen Früchten zu messen.


Obendrein, betont Kahneman, stützt eine mächtige Berufskultur die Kompetenzillusion. Sie bestärkt nicht nur unsereins, sondern auch die Experten selbst darin, dass sie tatsächlich welche sind. Von einer Überzeugung, und sei sie noch so abwegig, können Menschen unerschütterlich erfüllt sein, wenn eine Gruppe Gleichgesinnter sie fortwährend darin bestärkt. Dieser allseitige Zuspruch ermutigt dazu, „sich zu den wenigen Auserwählten zu zählen, die ihres Erachtens etwas können, was Andere nicht können.“ (2)


Mit Sachverständigen können freilich auch Ufo-Gläubige, Kornkreis-Bewegte, Apokalyptiker aufwarten. Warum schweben Psychoexperten im öffentlichen Ansehen himmelhoch über ihnen? Was sie uns auftischen, scheint sich zwingend aus Erkenntnissen zu ergeben, die eine der heiligsten Institutionen der Neuzeit angehäuft hat: die empirische Wissenschaft. Ihr gegenüber kapituliert die Mehrheit. Allzu viele verneigen sich in übermäßigem Respekt vor akademischen Titeln. Beeindruckt bewundern sie offenkundige Gelehrsamkeit, lassen sich von Massenmedien zu Expertenkult verführen. Andächtig erschaudern sie beim Anblick von Fassaden und Innenausstattungen der Wissenschaftskathedralen, ohnmächtig ergeben sie sich einer geschliffenen Rhetorik, deren Winkelzügen sie nur ein paar Schritte folgen können. Doch fügen sie sich dabei nicht der Macht des besseren Arguments, wie dieses Buch hoffentlich verdeutlicht. Sie nehmen ein zeitgeschichtliches Drama hin, das die akademische Psychologie in ihren Lehranstalten, Forschungsinstituten und Hilfseinrichtungen seit über einem Jahrhundert unter dem Titel aufführt: „Wie ich mich verloren habe“, ihre hervorstechendste Begabung ausspielend: eine „Inkompetenzkompensationskompetenz“. (3) Psychologie heute ist gewis­ser­maßen die Maultasche des Wissenschaftsbetriebs: ein „Bscheißerle“, wie die Schwaben ihr Nationalgericht nennen, weil es ursprünglich dazu diente, auch während der Fastenzeit ein bisschen Fleisch auf den Teller zu schmuggeln. Im Laufe ihrer selbstauferlegten Dauerabstinenz im naturwissenschaftlichen Exil kam ihr die Fleischfüllung allerdings gänzlich abhanden. Davon übrig blieb eine alte Begrifflichkeit, die so tut, als ginge es noch um Geist und Seele, Subjekt und Bewusstsein. Seither passt auf die Psychologie ein Ausspruch des berühmten deutschen Chemikers Justus von Liebig (1803-1873): „Die Wissenschaft fängt eigentlich erst da an, interessant zu werden, wo sie aufhört.“ (4)


Was Psychologie und Psychiatrie in ihrer gegenwärtigen Form scheinbar unerschütterlich am Leben hält, ist ihre feste Verankerung im universitären Lehr- und Forschungsbetrieb. Im erlauchten Kreis anerkannter Wissenschaften untergekommen, färbt deren Prestige auf sie ab. Insofern gleicht sie der gelehrten Astrologie in deren Blütezeit, von der Renaissance bis ins späte 17. Jahrhundert. Gepflegt wurde die Sterndeuterei in allen Machtzentren Europas. Universitäten richteten Lehrstühle für sie ein, manche gaben alljährliche iudicia heraus, astrologische Weissagungen. In der abendländischen Hochschullandschaft hatte die Sterndeuterei ihren festen Platz, mit der Astronomie ebenso eng verknüpft wie das heutige Psycho-Expertentum mit Medizin, Neurobiologie und Informatik. Die meisten Natur- und Geisteswissenschaftler hingen ihr an, viele betrieben sie aktiv, allen voran Galilei und Kepler. Päpste förderten sie. Königshäuser hielten sich Hofastrologen von Amts wegen. Staatsmänner vertrauten ihr. Auch einfache Leute nahmen ihre Dienste in Anspruch, so selbstverständlich, wie ihre Nachfahren zum Psychoprofi gehen. Sogar in Töpfen und Pfannen gerührt wurde nach den Sternen – getreu dem kulinarischen Vordenker aller Lafers, Lichters, Mälzers und Schubecks, dem antiken Meisterkoch Sikon: Der wahre Könner müsse um den Lauf der Gestirne wissen und berücksichtigen, „wie alle Speisen, je nach den Bewegungen des Weltalls, ihre Würze empfangen“. (5) Das Horoskop entschied, zu welchem Zeitpunkt die Sterne besonders günstig standen, um ein wichtiges Vorhaben umzusetzen, sei es eine weite Reise, eine Hochzeit, eine Konferenz oder ein Feldzug. Ihre selbstgewissen, hochgebildeten Geistesgrößen schienen unantastbar, nicht weniger als die imposanten Lehrstuhlinhaber an unseren medizinischen und psychologischen Fakultäten.


Widerlegt wurde die Astrologie nie (6), weder durch die Abkehr von ihrem geozentrischen Weltbild noch durch den Ansehensverlust ihrer Deutungsschemata. Und so hält sie sich bis heute – allerdings im akademischen Abseits, belächelt von neuzeitlich „Aufgeklärten“. Den heutigen Psychodisziplinen könnte das gleiche Schicksal blühen – es sei denn, sie erfinden sich auf eine Weise neu, die sie zu ihrem verlorenen Gegenstand zurückführt: dem menschlichen Subjekt.


Statt sich im ausgehenden 19. Jahrhundert zu vernaturwissenschaftlichen, hätte der wahre Fortschritt der Psychologie darin bestanden, sich dem Allwissenheitsanspruch von Naturforschern selbstbewusst zu entziehen, auf der Einmaligkeit ihres Gegenstands zu beharren, eine Begrifflichkeit und Methodik zu entwickeln, die ihm gerecht werden. Dass sie sich stattdessen für Anbiederung und Nachahmung entschied, war intellektuell rückschrittlich, psycholo­gisch ein Fall von Selbstverblindung und institutionell selbstmörderisch. Die Leitbilder, von denen sie sich seither beherrschen ließ – vom Behaviorismus bis zum Neurokognitivismus – setzten Meilensteine auf einem Irrweg, der zielstrebig auf Selbsterübrigung hinausläuft. Wer sich vornimmt, vom Menschen nur übrig zu lassen, was es objektiv an und in ihm festzustellen gibt, wird früher oder später das Feld für andere, „härtere“ Disziplinen räumen müssen, die an Objektivität schwerlich zu überbieten sind. Der Neuro-Hype, der seit Ende des 20. Jahrhunderts fächerübergreifende Erregungsschwellen schlägt, vermittelt eine Vorahnung davon. Die Therapie­camps der Stiftung Auswege hingegen geben Subjekten Raum, helfenden wie hilfesuchenden. Und darin liegt ein Hauptgrund ihres erstaunlichen Erfolgs, den zuallerletzt ihre Wissenschaftsferne gefährdet. In meinen schlimmsten Alpträumen kommt eine lehrbuchbewaffnete Horde von besserwissenden Behavioristen, Psychoanalytikern, psychophysischen Materialisten und Neurokognitivisten vor, die unser Camp entert, die laienhaften Helfer in die Abstellkammer ihrer Küchenpsychologie wegsperrt - und das Beraten und Behandeln unserer Teilnehmer dann ersatzweise so erledigt, wie sich das „evidenzbasiert“ gehört.


Wer lügt, verdreht die Wahrheit, bewusst und meist zweckdienlich. Nicht nur einzelne Beteiligte, sondern einen ganzen Wissenschaftszweig der Lüge zu bezichtigen, ist harter Tobak, in diesem besonderen Fall aber mehr als Billigstpolemik. Hier geht es nicht um vereinzelte Datenfälschungen; in der Psychologie kommen sie vermutlich nicht häufiger vor als anderswo. Es geht ums große Ganze: Gemeint sind Unwahrheiten, was den Gegenstandsbereich dieses Fachs, seinen Stellenwert als Naturwissenschaft, seine Leistungsfähigkeit, seine Bedeutsamkeit betrifft - Unwahrheiten, die wider besseres Wissen verbreitet werden, um das eigene Revier zu hüten, sich Einfluss, Pfründe und Prestige zu sichern.


Seit es die „wissenschaftliche“ Psychologie gibt, begleiten sie Zweifel an ihren Ansprüchen, vorgetragen nicht nur von Außenstehenden im Verdacht ahnungsloser Gehässigkeit, sondern von unbeliebten Nestbeschmutzern aus den eigenen Reihen. Zu ihnen zählt ausgerechnet jener Fachmann, der im Auftrag der mächtigen American Psychological Association eine der bedeutendsten enzyklopädischen Bestandsaufnahmen des erreichten Erkenntnisstands in sechs Bänden (7) herausgab: „Seit mehr als hundert Jahren“, so befand der 1996 verstorbene Sigmund Koch, einst Professor für Psychologie an der Duke-Universität in Durham, North Carolina, sowie an der Uni Boston, „haben wir mit gewaltigen Anstrengungen eine Disziplin auf einem Fundament begründet, das in der akademischen Geschichte einzigartig ist. Die Merkmale dieser Disziplin sind: statt Fortschritt leere Versprechungen und lautstarke Bekundungen, statt Wahrheit Trivialisierung, statt wissenschaflicher Strenge Rollenspiel. Will man dies eine Wissenschaft nennen, so ist es eine Disziplin der Täuschungen. Ihre wissenschaftliche Literatur besteht aus einer endlosen Reklame für die leersten Konzepte, die hochtrabendsten und aufgeblasensten Theorien und die belanglosesten Befunde in der Geschichte der Wissenschaften.“ (8)


„Leer, aufgeblasen, belanglos“: Übertreibt der streitbare Professor da nicht gehörig? Von Belang wäre eine Psychologie, die dazu beiträgt, dass wir einander wie auch uns selbst besser verstehen, und uns hilft, wieder ins seelische Gleichgewicht zu kommen, wenn wir es verloren haben - besser hilft, als wir das ohne sie hinkriegen könnten. Doch dabei versagt sie größtenteils.


Noch befremdlicher als dieser Befund ist die Herkunft der schwerwiegendsten Argumente, die ihn stützen. Die Munition, derer sich Abweichler wie Koch bedienen, stammt nicht etwa von ahnungslosen, böswilligen Nichtpsychologen, sondern kurioserweise aus den Datenbeständen der eigenen Disziplin: Hunderte von weithin unbekannten Studien aus der psychotherapeutischen und psychiatrischen Wirkungsforschung, die Fachkreise tunlichst übergehen, herunterspielen oder verschweigen. Das wäre ungefähr so, als würde die Bundeswehrhochschule militärwissenschaftliche Hinweise darauf hüten, dass sich Zivilisten zur Landesverteidigung mindestens gleich gut eignen wie ausgebildete Soldaten; oder als hätte die Lateran-Universität des Vatikan Belege dafür angehäuft, dass theologische Laien die besseren Priester wären. Die Erfahrungen, die ich in den Therapiecamps der Stiftung Auswege machen durfte, bestärken mich in dem Eindruck: Koch hatte recht, es wird Zeit für ein Umdenken. Psychologie im ursprünglichen Wortsinn eines vernünftigen Zugangs zu den seelischen Eigenschaften, die Menschen kennzeichnen, erfordert Abstand zu dem, was das akademische Establishment aus ihr ge­macht hat. Es ist an der Zeit, dass aus eingeschüchterten Kopfnickern, braven Mitläufern und willigen Vollzugsobjekten der Seelenheilindustrie, die an ihnen gesundheitsökonomisch optimierte Maßnahmen nach Lehrbuchschema F verrichtet, beharr­liche Systemkritiker, aufmüpfige Kon­- sum­verweigerer und selbstbewusste Widerstandskämpfer werden.


An Wissenschaftsskepsis sei ein Mangel an Bildung schuld, heißt es. Das Gegenteil stimmt, zumindest in Bezug auf die moderne Seelenkunde. Den Erkenntnisansprüchen von Psychoprofis beugen sich am bereitwilligsten Denkfaule und Gutgläubige, die nicht näher Bescheid wissen wollen. Sie ersparen sich Mühsal und Abenteuer wahrer Bildung, die immer Selbstaufklärung einschließt; ausgebildet wird man, doch man bildet sich. (9)


Dazu gehört eine mitunter anstrengende Bereitschaft, sich mit grundsätzlichen Fragen auseinanderzusetzen wie: „Was weiß ich über mich?“, „Wie verstehe ich Andere, wann gelingt es mir, wann scheitere ich dabei?“, „Was können Andere über mich überhaupt besser wissen als ich selbst?“, „Worauf stütze ich meine Meinungen dar­über?“, „Wie verlässlich sind meine Informationsquellen wirklich?“, „Habe ich begriffen, oder überlasse ich das Anderen?“ Ebenso gehört dazu, sich grundsätzliche Fragen an Andere nicht zu verkneifen: „Was genau heißt das?“, „Woher weißt du, dass es so ist?“ All das erfordert einen bedachten Umgang mit den Worten, die in solchen Fragen und den Antworten darauf auftauchen: „Was meine ich mit ‘Ich’ und ‘Bewusstsein’, ‚‘Handeln’ und ‘Grund’? Was bedeuten Begriffe wie ‘Geist’ und ‘Seele’?“


Nur wer in diesem Sinne hellwach ist, kann Distanz wahren, statt nachzuplappern und mitzulaufen. So sorgt Bildung für innere Freiheit und psychohygienischen Selbstschutz. Sie bewahrt vor blinden Denkgewohnheiten, sie stärkt die Widerstandskraft gegen rhetorische Überrumpelung, kurzschlüssige Argumente und trügerische Spitzfindigkeiten, gegen überzogene Versprechungen und dreiste Anmaßungen. Der Gebildete kann irren; doch wenn er das einräumt, dann aus Einsicht und nicht, weil er sich dem Zeitgeist, Denkmoden und vermeintlichen Autoritäten fügt. Um für die nötige Klarheit zu sorgen, bedarf es keiner Sonderforschungsbereiche, Exzellenz- und Flaggschiff-Initiativen – nur Nachdenklichkeit, Stille, Konzentration und Zeit.


Ein „wahrhafter Philosoph“, so befand einst Platon (427-347 v. Chr.), könne man frühestens ab Fünfzig sein. Erst dann verfüge man nämlich über die nötige Lebenserfahrung und eine gewisse Weisheit. (10) Die Psychologie, die damals noch längst kein eigenes Zuhause hatte, sondern unter dem Dach der Philosophie wohnte, hätte der große Denker darin einbezogen. Lag er völlig daneben? Ich bin Sechzig. Schon lange vor meinem Abi stand für mich fest, dass ich Psychologie studieren will. Ganz bestimmt hätte ich mich weder drei Jahrzehnte geduldet, um mich erst an einer Senioren-Uni dafür einzuschreiben, noch ein Studium begonnen, das frühestens nach sechzig Semestern zum Diplom führt. Aber erst heute ist mir richtig klar, woran es liegt, dass ich einen Großteil meiner Mitmenschen verstehen und ihnen mitunter helfen kann, wenn sie in seelische Nöte geraten sind: aus demselbem Grund, aus dem Laien akademisch geschulten Psychoprofis häufig überlegen sind. Wir verdanken es einem langen Dasein in Gesellschaft, in dem wir Empathie entwickeln, reichlich Erfahrung mit ihrer Anwendung sammeln und sie besonnen einsetzen, wenn es darauf ankommt. Der Schule des Lebens dabei mehr zu vertrauen als den Lektionen der Hochschule, ist überaus weise. Manche müssen mindestens Fünfzig werden, um das zu begreifen. Liefern sie sich vorher in allzu blindem Vertrauen einem Psychoprofi aus, blüht ihnen, wovor Nietzsche warnte: „Das Tragische an jeder Erfahrung ist, dass man sie erst macht, nachdem man sie gebraucht hätte.“


Dieser Text stammt aus der 10-bändigen Schriftenreihe von Harald Wiesendanger: Psycholügen, Band 1: Neue Heimat Psycholand – Woher unser Vertrauen in Seelenprofis rührt (2017).


Anmerkungen

(1) Daniel Kahneman: Schnelles Denken, langsames Denken, München 2012, Abschnitt „Kompetenz und Gültigkeit“.

(2) Kahneman, a.a.O.

(3) Eine begriffliche Kreation des gewitzten Meisters der Wortspitzenklöppelei, des 2015 verstorbenen Philosophen Odo Marquard.

(4) Aus Justus von Liebig: Chemische Briefe, Leipzig/Heidelberg, 3. Aufl. 1851.

(5) Jacob Burckhardt: Werke. Kritische Gesamtausgabe, Band 21: Griechische Culturgeschichte III, München/ Basel 2002, S. 309.

(6) Thomas S. Kuhn: „Logik der Forschung oder Psychologie der wissenschaftlichen Arbeit?“, in Imre Lakatos/Alan Musgrave (Hrsg.): Kritik und Erkenntnisfortschritt, Braunschweig 1974, S. 1-24, dort S. 8 f.

(7) Sigmund Koch: Psychology: A Study of a Science, New York 1959-1963.

(8) Sigmund Koch: “Psychology as Science”, in S. C. Brown (Hrsg.): Philosophy of Psychology, London 1974, S. 3-40, dort S. 27.

(9) Peter Bieri: „Wie wäre es, gebildet zu sein?“, Festrede an der Pädagogischen Hochschule Bern, 4.11.2005.

(10) Platon: Der Staat. Politeia, Düsseldorf/Zürich 2000, 535a-541b.


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