• Dr. Harald Wiesendanger

Ärztechef: Daueralarm macht uns krank

Aktualisiert: Mai 1

Hamburger Ärztechef warnt vor Virus-Panikmachern, welche „die Gesellschaft krank machen“.


Mit Kritik an übereifrigen Seuchenschützern halten sich ärztliche Standesvertretungen weiterhin seltsam zurück. Umso bemerkenswerter ist, mit welch deutlichen Worten jetzt einer ausschert, der offenkundig die Nase voll hat: Walter Plassmann, der Chef der Kassenärztlichen Vereinigung Hamburg (KVH).

Die ständigen Hiobsbotschaften von Panikmachern „machen die Menschen krank“, so erklärt Plassmann in einem Gastbeitrag für das Hamburger Abendblatt. (1) Eindringlich ruft er zu „mehr Gelassenheit“ auf. Die Corona-Pandemie müsse endlich realistisch eingeschätzt werden, anstatt sie unentwegt zu dramatisieren.

Unverblümt kritisiert Plassmann (65), ehemaliger Journalist und seit sieben Jahren Vorstandsvorsitzender der KVH, alle Virus-Panikmacher dieser Republik. Namentlich erwähnt er dabei Deutschlands Viruspapst Christian Drosten, den sogenannnten Gesundheitsexperten Karl Lauterbach (SPD) und Kanzleramtschef Helge Braun, wie auch Bayerns Ministerpräsidenten Markus Söder, der soeben erst vor der „großen Gefahr des exponentiellen Sprungs, der Unkontrollierbarkeit des Geschehens“ und einer drohenden „Corona-Schockwelle“ gewarnt hat. „Gewohnt martialisch“ zeige sich da wieder mal ein „Söder´sches Muster“, kommentiert Plassmann. „Unter mehreren Möglichkeiten wird immer die dramatischste genommen“: nämlich ein schlimmstmögliches Zusammentreffen der alljährlichen Grippewelle „mit der x-ten Corona-Welle. Notwendige Relativierungen werden als ‚Verharmlosung‘ verunglimpft und der ‚Schlag auf die Zwölf‘ gilt so lange als probates politisches Mittel, wie die Bevölkerung ihn mit guten Umfragewerten belohnt".


Dies, so warnt Plassmann, habe fatale Folgen für die Gesellschaft. „Permanenter Stress, ununterbrochene Aufgeregtheit und Angst schädigen Körper und Seele eines Menschen. (…) Wer die Gesellschaft mit immer neuen Hiobsbotschaften auf immer höhere Bäume treibt, der macht sie krank."


„Bezeichnend“ findet es Plassmann, „dass die Debatte um das Sars-CoV-2-Virus von Medizinern bestimmt wird, die nicht mit dem ganzheitlichen Menschen arbeiten. Virologen sehen nur sehr kleine Teile des Menschen, Epidemiologen nur Zahlenreihen und Statistikmodelle, Anästhesisten sedierte Menschen. Das wirklich wahre Leben kommt im beruflichen Alltag der Drostens, Lauterbachs und Brauns nicht vor."


Vielen Ärzten sei "schon im April aufgefallen, dass es eine Diskrepanz gibt zwischen der politisch-medialen Aufgeregtheit und dem, was sie erleben. Es ist ja bezeichnend, dass unter denjenigen, die zur Mäßigung aufrufen, überdurchschnittlich viele Ärzte sind."


Tödliche Folgen, wie sie Corona-Infektionen in seltenen Fällen nach sich ziehen, "können bei jeder Krankheit auftreten, selbst bei denen, die wir gerne als ‚harmlos‘ bezeichnen", merkt Plassmann an. Natürlich seien Schutzmaßnahmen sinnvoll. Doch speziell bei Corona sei "die Wahrscheinlichkeit, sich zu infizieren, sehr gering, die Wahrscheinlichkeit zu erkranken, hoch gering und die Wahrscheinlichkeit, schwer zu erkranken oder gar zu sterben, äußerst gering. (…) DAS sind die Botschaften, die Politik und Medien aussenden sollten, anstatt die Ausnahme zur Norm zu machen.“


Und so folgert Plassmann: „Es ist kein ,Killervirus', das uns zwingt, im aseptischen ,Panikraum' zu zittern, bis der Spuk vorbei ist."


Vielmehr sei „Gelassenheit angebracht und angezeigt. Auch wenn das eine Schockwelle für Söder sein sollte."


Seit den achtziger Jahren ist Walter Plassmann im deutschen Gesundheitswesen aktiv, das erste Jahrzehnt davon journalistisch. Anfang der Neunziger spezialisierte er sich auf neue Versorgungsformen und beriet u.a. Kassenärztliche Vereinigungen und Krankenkassen. Von 1999 bis Ende 2004 leitete er den Bereich „Versorgungsmanagement und Qualität“ in der KV Hamburg; Mitte 2004 wurde er zu deren stellvertretendem Hauptgeschäftsführer ernannt. Ab 2005 war er stellvertretender Vorstandsvorsitzender der KVH, seit Juli 2013 ist er ihr Chef. Hoffentlich noch ein Weilchen länger.

Harald Wiesendanger


Anmerkungen (1) https://www.abendblatt.de/meinung/article230410736/corona-walter-plassmann-kassenaerztliche-vereinigung-chef-gelassenheit-pandemie-arztruf-gastbeitrag.html; s. auch https://www.focus.de/regional/hamburg/wegen-dramatisierung-von-corona-hamburger-aerztechef-greift-soeder-und-drosten-an-sie-machen-die-gesellschaft-krank_id_12427921.html


Bildausschnitte Plassmann: KVH; Lauterbach: Von Martin Kraft - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=87166942; Söder: Von Mueller /MSC - https://securityconference.org/mediathek/asset/markus-soeder-1930-15-02-2019/, CC BY 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=79298649; Braun: Von Tobias Koch, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=68454910.

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